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Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus

0919
2007
978-3-7720-5247-7
978-3-7720-8247-4
A. Francke Verlag 
Friedemann Spicker
9783772052477/9783772052477.pdf
<?page no="0"?> Friedemann Spicker Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus <?page no="1"?> Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus <?page no="3"?> Friedemann Spicker Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus <?page no="4"?> Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.d-nb.de abrufbar. © 2007 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier. Internet: http: / / www.francke.de E-Mail: info@francke.de Satz: Thomas Keller, Königswinter Druck und Bindung: Kessler Druck + Medien, Bobingen Printed in Germany ISBN 978-3-7720-8247-4 Umschlagabbildungen: Georg Christoph Lichtenberg © ullstein bild Friedrich Nietzsche © ullstein bild - Granger Collection Marie von Ebner-Eschenbach © ullstein bild Karl Kraus © ullstein bild - imagno Elias Canetti © ullstein bild - Tappe <?page no="5"?> „Genauigkeit und Seele.“ Für A. <?page no="7"?> Inhalt I. Vorbemerkungen .......................................................................................... 9 II. Zur europäischen Vorgeschichte .............................................................. 11 A. Das 18. Jahrhundert .............................................................................16 I. Die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption .................18 Adolph von Knigge 18, Johann Caspar Lavater 18, Marianne Ehrmann 19, Friedrich Schulz 19 II. Lebensphilosophie und Lehraphorismus ...............................20 III. Im Umkreis der werdenden Gattung......................................22 Friedrich Heinrich Jacobi 23, August von Einsiedel 24, Sebastian Mutschelle 25 IV. Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800..........................27 1. Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbuch-Einfälle............... 28 2. Jean Paul: Gedanken und Bemerkungen ............................... 32 3. Das romantische Fragment ...................................................... 35 4. Johann Wolfgang von Goethe: Maxime und Aperçu ........... 38 B. Das 19. Jahrhundert .............................................................................42 I. Politische Aphoristik nach 1800 ...............................................42 Friedrich Maximilian Klinger 42, Johann Gottfried Seume 49, Daniel Ludwig Jassoy 53, Wolfgang Menzel 55, Carl Gustav Jochmann 57, Ludwig Börne 63 II. Biedermeier-Aphorismus .........................................................68 Rahel Varnhagen von Ense 69, Ernst von Feuchtersleben 72, August von Platen 77, Karl Immermann 78, Ludwig Feuerbach 78, Anton Fähnrich 80, Moritz Gottlieb Saphir 81, Adolf Glassbrenner 83 III. Tagebuch und Aphorismus ......................................................83 Friedrich Hebbel 83, Franz Grillparzer 90 IV. Nachlass-Notiz und Aphorismus ............................................91 Johann Nestroy 91, Heinrich Heine 92, Nikolaus Lenau 93, Wilhelm Raabe 93 V. Lebensweisheit: Arthur Schopenhauer...................................94 VI. Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre ...............97 Karl Gutzkow 97, Berthold Auerbach 98, Friedrich Theodor Vischer 100, Ludwig Anzengruber 101, Joseph Fick 101, Otto Banck 102, Johann Jakob Mohr 103, Paul Rée 105 <?page no="8"?> VII. Prägung des Gattungsbewusstseins......................................106 1. Marie von Ebner-Eschenbach ................................................ 106 2. Friedrich Nietzsche ................................................................. 112 VIII. Der Aphorismus um die Jahrhundertwende: Gedankensplitter, Herzensaphoristik, Moralistik ...............120 Moritz Goldschmidt 122, Otto Weiß 123, Georg von Oertzen 124, Paul Nikolaus Cossmann 127, Emanuel Wertheimer 127, Emil Gött 129, Walther Rathenau 130, Arno Nadel 130, Richard Münzer 131, Ernst Hohenemser 132 C. Das 20. Jahrhundert ........................................................................... 134 I. Im Zeitalter des Impressionismus ......................................... 135 Peter Hille 135, Isolde Kurz 137, Christian Morgenstern 138, Peter Altenberg 140 II. Der expressionistische Aphorismus ......................................142 Rudolf Leonhard 145 III. Karl Kraus; Kraus-Nachfolge ................................................. 147 Egon Friedell 153, Alfred Polgar 153, Anton Kuh 153 IV. Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit ..................................................................155 Hugo von Hofmannsthal 155, Arthur Schnitzler 157, Richard von Schaukal 159, Franz Kafka 160, Robert Musil 163 V. Der Aphorismus in der Weimarer Republik........................166 Rudolf Alexander Schröder 166, Wilhelm von Scholz 168, Gerhart Hauptmann 169, Kurt Tucholsky 170 VI. Nationalsozialismus und Exil ................................................172 Ernst Bertram 174, Richard Benz 178, Theodor Haecker 178, Franz Werfel 179, Bertolt Brecht 180, Felix Pollak 181, Werner Kraft 181, Franz Baermann Steiner 182, Ludwig Strauß 183, Hans Margolius 184 VII. Aphorismus und Wissenschaft ..............................................187 Walter Benjamin 188, Theodor W. Adorno 188, Ludwig Wittgenstein 190, Ferdinand Ebner 191, Rudolf Kassner 192 VIII. Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968........................................................... 197 1. Tradition und Erneuerung in der Bundesrepublik............. 197 Der christlich-konservative Aphorismus (Friedrich Georg Jünger, Ernst Wilhelm Eschmann, Otto Heuschele, Fritz Diettrich, Fritz Usinger, Ernst Meister) 198, Lebenshilfe- und Erbauungsaphoristik (Sigmund Graff) 200, Frauenaphoristik (Gertrud von Le Fort) 201, Zwischen Tradition und Erneuerung (Martin Kessel, Joachim Günther, Hans Kudszus, Hans Arndt, Hans Kasper) 202 <?page no="9"?> 2. Der Nachkriegsaphorismus in Österreich und der Schweiz ..................................................................................... 209 Der österreichische Konservativismus der Nachkriegszeit (Heimito von Doderer, Herbert Eisenreich, Hans Lohberger) 209, Politische und experimentelle Öffnung (Werner Schneyder) 212, Der Schweizer Aphorismus 213, Konservativismus und Einzelgängertum (Ludwig Hohl, Hans Albrecht Moser, Erich Brock, Max Rychner) 213, Von der Politisierung der siebziger Jahre bis zur Postmoderne (Kurt Marti, Felix Philipp Ingold) 219 3. Sonderweg: Der Aphorismus in der DDR ........................... 221 Die Unverantwortlichkeit des Aphorismus 221, Affirmative Satire und Aphorismus (Günter Cwojdrak, André Brie, Werner Ehrenforth) 222, Aphorismus und Opposition (Horst Drescher) 224 Der deutschsprachige Aphorismus 1945-1970 ............................... 225 IX. Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968: Satire, Wortspiel, Sozialkritik.................................................227 Adorno und die Folgen 227, Aphorismus und Satire 229, Auf der Wortspielwiese 231, In der Nachfolge der klassischen Moralistik (Nikolaus Cybinski, Michael Rumpf, Karlheinz Deschner) 232, Hippokrates und kein Ende 235, Der pragmatische Aphorismus 236 X. An den Grenzen der Gattung................................................. 236 1. Aphorismus und Wörterbuch ............................................... 237 2. Essay und Aphorismus........................................................... 239 Albrecht Fabri 239, Erwin Chargaff 240 3. Zwischen Lyrik und Aphorismus ......................................... 240 Hans Peter Keller 241, Spruch und Epigramm (Günter Kunert, Erich Fried) 242, Elazar Benyoëtz 244 4. Aufzeichnung, Tagebuch, Journal ........................................ 247 Ernst Jünger 249, Elias Canetti 251, Wolfdietrich Schnurre 253, Peter Handke 255 XI. Postmoderner Fragmentarismus ...........................................258 Botho Strauß 258, Martin Walser 260, Franz Josef Czernin 261 Der deutschsprachige Aphorismus 1970-2000 ............................... 263 D. Anhang.................................................................................................267 I. Nachweis der Zitate................................................................. 267 II. Literatur..................................................................................... 275 1. Quellen (mit zugehöriger Sekundärliteratur)...................... 275 2. Allgemeine Sekundärliteratur ............................................... 311 3. Anthologien ............................................................................. 316 III. Personenregister.......................................................................317 <?page no="11"?> I. Vorbemerkungen Das Ziel dieses Buches ist es, zum ersten Mal einen Überblick über die historische Entwicklung einer Gattung in Deutschland zu geben, die zwar an Aufmerksamkeit hinter Großgattungen wie dem Roman oder der Lyrik eindeutig zurücksteht, in der aber doch Schriftsteller über fast drei Jahrhunderte hinweg Großes geleistet haben und immer noch leisten. Dem entspricht auf der Seite der Leser ein nicht nachlassendes Interesse an Aphorismen oder kurzen Sprüchen, die auf ihr Leben direkten Einfluss haben können, sei es, dass sie als Lebensregeln generell oder Maximen in einer besonderen Lebenslage übernommen werden, sei es, dass sie aus reiner Freude am Denken und an den Möglichkeiten der Sprache aufgenommen werden und den Anlass zu eigenem Weiterdenken bilden. Über den engeren akademischen Zirkel hinaus wünscht sich das Buch diese Leser; im Hinblick auf sie ist es geschrieben. Direkten Einfluss haben Texte wie: „Wer nicht mindestens aller Verbrechen fähig ist, kann nicht tugendhaft sein“ (Rudolf Leonhard) oder: „Wer nicht den Irrtum wagt, wird kaum den Weg zum Heil finden“ (Otto Heuschele) oder: „Wer nicht glücklich sein will, braucht nur aufrichtig zu sein“ (Hans Kudszus) durch eine Eigenschaft, die die Literaturwissenschaftler Nichtfiktionalität nennen und die die Aphorismen in aller Regel von den Großgattungen Roman, Drama, Lyrik unterscheidet. Sie spielen nicht in einem Möglichkeitsfeld, sie betreffen die Wirklichkeit ihrer Leser unverbildet: Tugend, Irrtum, Glück sind ja als Themen „wirklich“ für jedermanns Lebensgestaltung nicht ganz nachrangig. Darin haben die Aphorismen für viele Leser gewiss ihren besonderen Wert. Auf der Seite des Autors heißt das, dass sie von der Literatur wie von einer im Leben und im Erleben verwurzelten Philosophie herkommen; sie sind die Frucht eines unsystematischen Erlebnisdenkens. Und im Gegensatz zum Sprichwort, mit dem ihnen die isolierte Kürze gemeinsam ist, tragen sie jeweils das höchst individuelle Gepräge ihres Autors mit all seinen Einseitigkeiten, Widersprüchen, Anmaßungen. Gerade dadurch reizen sie ja den Leser zum Widerspruch, treiben ihn in eine gedankliche Auseinandersetzung. Viele rhetorische Raffinessen, allen voran die Paradoxie, haben die Autoren zu diesem Zweck aufgewandt. Damit sind wir schon bei Definitionselementen für die Texte, um deren Geschichte es hier gehen soll. „Ist das eigentlich ein Aphorismus? “ Das ist ja berechtigterweise die Frage, die ganz am Anfang steht, wenn man mit dieser Gattung umgeht. Zitate aus größeren Zusammenhängen, Romanen vielleicht, Pointen etwa aus Interviews, Sentenzen aus Theaterstücken: sie wollen wir ausscheiden, nicht nur weil die Sache ins Uferlose verliefe, sondern auch, weil uns die Forschung mit dem Kriterium der Autorintention ein brauchbares Unterscheidungsinstrument an die Hand gibt. Es leuchtet ja ein, zunächst einmal zu fragen, ob der Autor diesen pointierten und isolierten Einzelsatz auch als solchen gewollt hat oder ob er aus einem Kontext gerissen ist (gar <?page no="12"?> 10 Vorbemerkungen verkürzt), von dem her er erst seine ganze Bedeutung gewinnt. Die Forschung hat sich in den letzten Jahren verstärkt um solche Fragen bemüht, und sie hat differenziert und Grenzbereiche untersucht, wie es ihre Aufgabe ist. So hat sie beispielsweise die scheinbar klare Autorintention mit der Untersuchung nachgelassener, also nicht selbst veröffentlichter Texte wieder problematisiert. Sie stellt Fragen: Kann man gedrängte, treffende Knappheit über einen Begriff wie Konzision hinaus definieren? Wie lang ist Kürze? Und wie kurz? Gehört ein Einzelwort noch in die Gattung? Und mehr noch: Wie weit sind uns die eigenen Bezeichnungen der Autoren maßgebend? Ist eigentlich alles, was sich selbst „Aphorismus“ nennt, ein Aphorismus? Und wenn sie „Fragmente“ schreiben, nehmen wir das trotzdem und mit welchen Gründen in die Gattung hinein? Neuere Fachlexika und Enzyklopädien bilden den Forschungsstand gut ab; sie unterrichten den Interessierten in beliebiger Tiefe, der Anhang verzeichnet sie. Der Leser dieser Gattungsgeschichte wird die Auffassungen des Verfassers in diesen Fragen implizit wahrnehmen, eben einfach dadurch, ob und wie dieser die Aphorismen in einen Text einfügt, den er als „Geschichte“ einer „Gattung“ erzählend konstruiert. Er hat dazu zahlreiche systematische und vor allem historisch orientierte Vorarbeit geleistet; das Interesse am Aphorismus, analytisch-rezeptiv wie auch produktiv, begleitet ihn seit je. Zum Schluss noch einige eher technische Bemerkungen. Der Umfang, der einzelnen Autoren zugebilligt wird, zeugt nicht unbedingt von ihrer Bedeutung; die Proportionen sind zum Teil kompensatorisch verschoben, je nach dem, wie umfänglich ein Aphoristiker bisher behandelt worden ist. So wird man Jochmann im Verhältnis zu Novalis oder Feuchtersleben im Verhältnis zu Lichtenberg relativ breit dargestellt finden. Im Übrigen bildet sich die Forschung ab, die gerade im 18. und 19. Jahrhundert noch manches Desiderat vorfindet; zur Gegenwart hin fließen primäre wie sekundäre Quellen entschieden stärker. Die Darstellung kann und muss hier differenzierter sein; sie stützt sich überdies auf eine frühere Arbeit (Spicker 2004). Primärzitate sind mit Kurztitel (sofern nötig) und Seitenzahl in Klammern im Text nachgewiesen; sie sind dann problemlos über das Literaturverzeichnis aufzufinden, das auch die ansonsten kaum vermeidlichen Titelfriedhöfe im Text ersetzt. Auf […] am Anfang oder Ende eines verkürzt wiedergegebenen Aphorismus wurde verzichtet. Im Anhang ist mit Hinweis auf die Seite die Sekundärliteratur zitiert, auf die sich der Verfasser wörtlich bezieht oder an die er sich besonders stark anlehnt. Im Übrigen sind ihre Ergebnisse der besseren Lesbarkeit wegen nicht in jedem Fall nachgewiesen. Die Sekundärliteratur ist aber selbstverständlich in die Darstellung eingeflossen; sie ist im Literaturverzeichnis in Auswahl aufgeführt. <?page no="13"?> II. Zur europäischen Vorgeschichte Aus vornehmlich drei antiken Quellen speist sich der Aphorismus, wie er sich seit der Renaissance in Europa entwickelt. Die Ausgangspunkte verbinden sich mit den Namen Hippokrates, Seneca und Plutarch. Die „Aphorismen“ des Hippokrates, als Sammlung von Lehrsätzen das berühmteste Buch innerhalb einer großen Anzahl hippokratischer Schriften, das sich auf den griechischen Arzt aus dem 5. Jh. vor Chr. selbst freilich nicht zurückführen lässt, geben der Gattung nicht nur den Namen; sie begründen über den spätrömischen Arzt Galen, über Paracelsus im 16. und Herman Boerhaave im frühen 18. Jahrhundert auch eine Tradition medizinischer Aphoristik und besonderer Affinität der Ärzte zu dieser literarischen Kurzform. Boerhaaves „Aphorismi“ (1709) sind mit rund 50 Nachdrucken und Übersetzungen das 18. Jahrhundert hindurch das entscheidende Zwischenglied zwischen Hippokrates und einer Hippokrates-Renaissance im späten 18. Jahrhundert, mit der eine regelrechte Konjunktur des (populär-) wissenschaftlichen Aphorismus verbunden ist. Das Vorbild medizinischer Lehrbuch- Aphoristik wird nämlich auf andere Wissenschaften übertragen, beispielsweise die Physik, die Pädagogik oder die Astronomie. Wo der Übergang von der medizinischen zur politischen Heilung vollzogen wird, verknüpft sich diese Tradition mit dem nachhaltigen Einfluss von Senecas Sentenzen, wie sie in Gnomologien, antiken Spruchsammlungen, überliefert sind, sowie der Tacitus-Kommentierung mit ihrem Kürze-Ideal als der zweiten Quelle in den ersten modernen Aphorismen, so bei Francesco Guicciardini (1483-1540), dem Florentiner Politiker und Diplomaten, der nach erzwungenem Rückzug in den „Ricordi“ (1576) praktische Ratschläge für das politische Leben formuliert. Wenn dabei der Schutz vor Täuschung und die Möglichkeit der Berechnung im Zentrum stehen, so fordert er Erfahrung und Unterscheidungsvermögen, damit der Leser die Widersprüche und Paradoxien recht versteht. Vor allem aber ist hier das „Oráculo manual“ (1647) des spanischen Jesuiten und Hochschullehrers Baltasar Gracián (1601-1658) zu nennen. Dieses „Handorakel“ gibt gleichfalls Regeln und Ratschläge zum Verhalten im politischen Leben, die in den Problemen von Gesellschaft und Individualität, Herrschaft und Abhängigkeit, Berechnung und (Selbst-)Täuschung, Schein, Realität und Realität des Scheins ihre Mitte haben. Der leitende Gesichtspunkt dabei ist das Gegeneinander von Verstand, Selbst- und Menschenkenntnis, Beherrschung der Affekte einerseits, der inneren Abhängigkeit von der Gesellschaft andererseits. Der Weg vom Kommentar zu literarischer Eigenständigkeit ist bei Gracián im Miteinander von - eigenem - Aphorismus und Selbstkommentierung gut zu beobachten. Mit La Rochefoucauld knüpft die französische Moralistik bei ihm an. In Deutschland ist er Mitte des 19. Jahrhunderts von größter Wirkung auf seinen Übersetzer Schopenhauer. <?page no="14"?> 12 Zur europäischen Vorgeschichte Die dritte Quelle stellen Apophthegmata dar, aus einer bestimmten Situation hervorgegangene und in sie eingebundene Denksprüche, wie sie seit Plutarch überliefert sind. Hier fließt auch die gesamte religiöse Spruchweisheit vor allem aus der Bibel ein. Erasmus von Rotterdam stellt in der entscheidenden Umbruchzeit der Renaissance neben kommentierten Sprichwörtern 1536 die maßgebende Sammlung von Apophthegmata zusammen. Wenn er 1540 „Aphorismen“ schreibt, so will er in diesen nur lose miteinander verbundenen Sätzen seine Loslösung vom System der Scholastik dokumentieren. Die Sammlungen deutschsprachiger Sprichwörter und Apophthegmata von Johannes Agricola (1529) und Julius Wilhelm Zincgref (Ausgaben von 1626 bis 1693) bis Georg Philipp Harsdörffer (1655), Samuel von Butschky (1666) und Johann Riemer (1687) dokumentieren den Zusammenhang mit der frühen Gattungsgeschichte unmittelbar; Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat sie im 19. Jahrhundert unter dem Titel „Aphorismen und Sprichwörter aus dem 16. und 17. Jahrhundert“ (1844) gesammelt. Die Überschneidungsbereiche der Gattung nicht nur mit Sprichwort und Apophthegma, auch mit Regel, Maxime und Sentenz, mit Zitat und Anmerkung, (Fuß-)Note und Marginalie erklären sich aus dieser mehrfach verästelten Vorgeschichte; sie beherrschen auch die frühe deutsche Gattungsgeschichte. Zur Schlüsselfigur für die europäische Aphoristik wird der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon (1561-1626), der sich nicht nur mit der Gattung der Apophthegmata - sammelnd und reflektierend - auseinandersetzt, sondern 1620 gegen die „traditio methodica“ eine neue „traditio per aphorismos“ in einem „Novum Organum“, eben einem „Neuen Organ der Wissenschaften“, begründet und erprobt. Von einem neuen, auf Beobachtung und Experiment gegründeten empirischen Wissenschaftsbegriff her vermittelt er die unsystematisch vereinzelte, mit konkreter Erfahrung angereicherte Erkenntnis. Apophthegmatik und vor allem Antisystematik verbinden sich in der Form des Aphorismus zu einem Vorbild, das in die wissenschaftliche Aphoristik wie in die noch namenlose literarische Aphoristik gleichermaßen hinüberführt, so bei Swift in England und bei Lichtenberg in Deutschland. Im Frankreich des 17. Jahrhunderts kommt die Gattung unter dem Begriff der Maxime zu einer ersten Blüte, für die vornehmlich die Namen La Rochefoucauld und andererseits Pascal, dann La Bruyère und des weiteren Vauvenargues und Chamfort stehen. Sie werden als Moralisten bezeichnet; das meint hier aber nicht Moralprediger, das meint Autoren, „die die Sitten der Menschen beobachten, ihr eigenes Verhalten und das ihrer Umwelt analysieren, über das Wesen des Menschen und die Motive seines Handelns nachdenken und ihre Reflexionen in unsystematischer, dem Gegenstand der Beobachtung angemessener Form zur Darstellung bringen.“ Montaigne geht La Rochefoucauld wie auch Pascal mit seinen „Essais“ (1580) voraus. Aphorismus und Essay sind in der Betonung des Individuellen, in ihrer Systemskepsis und ihrem logisch-ästhetischen Ineinander verwandt; der Essay wird oftmals als so etwas wie die Ausführung oder Ausbreitung eines Aphorismus <?page no="15"?> Zur europäischen Vorgeschichte 13 verstanden. Diese Nähe ist schon in den beiden entscheidenden Figuren der Frühgeschichte des Essays, neben Bacon eben in Montaigne, personifiziert. François de La Rochefoucauld (1613-1680) darf man als Schöpfer einer neuen literarischen Form bezeichnen. Seine „Réflexions ou sentences et maximes morales“ (1665) entstehen, nachdem er sich 1652 enttäuscht aus der großen Politik zurückgezogen hat, als durchaus individuelle Kunstform auf dem Boden einer Kultur des literarischen Salons. Er schafft damit als der im eigentlichen Sinne erste europäische Aphoristiker das Muster der Gattung (oder zumindest deren verbreitetsten Grundtyp). Die Maximen führen, mehrfach überarbeitet, die Kunst der Beobachtung des Menschen als eines Gesellschaftswesens in äußerster Verknappung und Zuspitzung zur Pointe auf einen Höhepunkt. Themen sind die in der französischen Moralistik wie in der Geschichte des Aphorismus überhaupt immer wieder bedachten: Glück und Unglück, Liebe und Freundschaft, Leidenschaft und Eifersucht, Ruhm und Ehre, Geiz und Neid, Lob und Schmeichelei. Eigenliebe ist für ihn die entscheidende Triebfeder allen menschlichen Handelns, der von aller Selbsttäuschung befreite honnête homme, der sittlich und gesellschaftlich vollendet Gebildete, sein Ideal. Von der Grundvoraussetzung des individuellen Egoismus her werden die Ambivalenz von Tugend und Laster blitzlichtartig beleuchtet, die Tugend und ihr Anschein, Täuschung und Selbsttäuschung scharf analysiert. Stilistische Mittel wie Parallelismus, Antithese, Chiasmus werden dabei gattungsprägend. Konzentriert auf den isolierten Einzelsatz und nicht mehr den ganzen Denkprozess vermittelnd: so wirken seine Maximen vorbildlich und sind formal wie inhaltlich von beispielloser Wirkung, in Deutschland namentlich etwa auf Ebner-Eschenbach und bis ins 20. Jahrhundert hinein. Die „Pensées“ (postum 1669/ 70 veröffentlicht) des Religionsphilosophen und Mathematikers Blaise Pascal (1623-1662) stehen ihnen, was Einfluss und Modellbildung betrifft, kaum etwas nach. Die fragmentarisch gebliebenen Entwürfe zu einem zusammenhängenden Buch sind möglicherweise erst unter dem Einfluss des Erfolges der „Maximen“ als losgelöste „Gedanken“ veröffentlicht worden. Trotzdem hält sie die jüngere Forschung unter Berufung auf Pascal selbst für eine essentiell fragmentarische Darstellung. Sie erstreben in der Synthese von wissenschaftlichem Geist und religiöser Leidenschaft eine Verteidigung des christlichen Glaubens gegen den Rationalismus der Zeit. Die ethisch-religiöse Forderung, nicht die literarische Gestaltung ist für Pascal maßgebend; fanatischer Glaubensernst steht an der Stelle der Skepsis. Höchste geistige Prägnanz und Durchdringung verbinden sich bei ihm mit Unterwerfung im Glauben, ein Miteinander, das schon für Lichtenberg, erst recht dann für Nietzsche nicht nachvollziehbar ist, das gleichwohl in seiner Dialektik und seinem bohrenden Versuchen, das Undefinierbare zu definieren und unlösbare Fragen paradox zu beantworten, alle religiösen deutschen Aphoristiker bis zum Ende des 20. Jahrhunderts auf das stärkste beeinflusst. <?page no="16"?> 14 Zur europäischen Vorgeschichte Das Interesse der französischen Moralistik, die Sitten und Konventionen des Menschen zu beobachten und seine Handlungsantriebe und Normen zu analysieren, manifestiert sich bei Jean de La Bruyère (1645-1696) in Maximen und Porträts, den „Caractères“ (1688), Charakterskizzen in der Tradition Theophrasts, in denen sich Konservatismus mit Sozialkritik verbindet. Gedanken der Vorgänger, Montaignes, Pascals, La Rochefoucaulds, werden hier am Objekt demonstriert. Stilistisch und motivisch sind Maxime und Porträt eng verbunden. Die treffsichere Darstellung der variablen Vielfalt des Menschlich- Widersprüchlichen überwiegt das systematische Interesse. Aphoristische, auf die eine bewegende Mitte hin kondensierte Kurzporträts - ‚Er-Aphorismen‘ könnte man sie nennen - sind seither ein Typ innerhalb der Gattung, der von Lichtenberg bis Canetti weit verbreitet ist. In vielem moderner erscheinen Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715-1747) und erst recht Nicolas Chamfort (1741-1794), die beide vom Vorrang der Affekte gegenüber der Vernunft ausgehen und das Herz - le coeur - gegen den Kopf ausspielen. Vauvenargues steht mit seinen „Réflexions et maximes“ (1746) in bewusster Opposition zu La Rochefoucauld. Skepsis auch gegenüber der Ratio selbst führt ihn zu einem weniger partiellen Menschenbild, in dem Leidenschaft sich mit Verstandesschärfe paart. Seine Maximen lassen eher als das rationale Kalkül scharfer Distinktion Gefühl und Spontaneität erkennen. Stilistisch durchweg weniger ambitioniert als die des Vorgängers, ragen sie durch die Modernität ihres ambivalenten Denkens wie ihres Menschenbildes heraus. Der Lyriker und Dramatiker Chamfort beobachtet in seinen postum veröffentlichten „Maximes et Pensées, Caractères et Anecdotes“ (1795) nicht mehr von höherer Warte aus unwandelbare Charakterzüge ‚des‘ Menschen, sondern den veränderbaren Menschen in einer bestimmten historischen Situation, den Umwälzungen der Französischen Revolution nämlich, der er selbst zum Opfer fällt. Er ist ein Gesellschaftsanatom auf der Grenze von Aphorismus und Anekdote, der den historischen Wandel mit Witz, Ironie und Sarkasmus reflektiert, das subjektive Element betont und die ironisch-witzige Erkenntnis in der Person des Aphoristikers beglaubigt sieht. Damit steht er nicht nur am Ende der moralistischen Maxime, er schafft gleichzeitig die Voraussetzung für das Entstehen der modernen Aphoristik und ist im zeitgenössischen Deutschland von großer Wirkung insbesondere auf die Brüder Schlegel, später dann auf Schopenhauer und Nietzsche. Wenn die Vorgeschichte der Gattung in Deutschland von Überschneidungen vom Sprichwort bis hin zu Sentenz und Zitat geprägt ist, so entwickelt sich aus der frühen französischen Blüte zum einen das für lange Zeit kanonische Modell der Maxime als des rhetorisch pointierten Einzelsatzes. Das hat in der Literaturwissenschaft zu vielfältigen Überlegungen geführt. Man hat von zwei verschiedenen Gattungen oder von einem französischen und einem deutschen Gattungsmodell sprechen wollen und in dieser Hinsicht dann auch besonders das Fragment der deutschen Frühromantik herausgehoben; erst in jüngerer Zeit setzt sich der Aphorismus als Gattungsbezeichnung auch in Frankreich mehr und mehr durch. Zum andern liegt hier aber auch der <?page no="17"?> Zur europäischen Vorgeschichte 15 Grund für weitere Grenzbereiche, so zu Essay, Porträt und Anekdote. Durch Offenheit zu verschiedenen Seiten ist die Gattung seitdem in besonderem Maße geprägt. Das erschwert ihre Beschreibung ebenso wie ihre Geschichtsschreibung. <?page no="18"?> A. Das 18. Jahrhundert Wenn die Forschung für die Aufklärung mit ihrem „instrumentellen Dichtungsbegriff“ zum einen die „Durchlässigkeit der Grenzen zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Literatur“ und zum andern die „offenkundige Vorliebe für poetische Genres mit didaktischer Ausrichtung“ beobachtet hat, dann ist zu beiden Tendenzen an hervorragender Stelle auch vom Aphorismus zu sprechen. Die Leitlinien für die Anfänge seiner deutschen Gattungsgeschichte liegen durch den skizzierten europäischen Rahmen fest. Das ist zum einen eine Verspätung. Der Aphorismus entwickelt sich, wie zu sehen war, aus der Antike heraus in der Renaissance in Italien und Spanien, von wo er nach Frankreich wechselt; dort kommt es zu einer ersten Hochblüte, bedingt durch bestimmte soziale Bedingungen wie die Kultur des Salons. England folgt. Das ist zunächst noch vom wissenschaftlichen Aphorismus Bacons her zu erklären, nach den englischen Übersetzungen La Rochefoucaulds von 1670 und 1685 als frühe Wirkung der französischen Moralistik. Die Verspätung wird in Deutschland als Chance genutzt; die Frühgeschichte der Gattung kulminiert von den verschiedensten Quellen her in einer schnellen, eigenständig akzentuierten und vielgestaltigen Blütezeit um 1800. Zum andern ist eine doppelte Unschärfe zu konstatieren. Auch sie resultiert aus der verästelten Vorgeschichte. Eine Trennung zwischen literarischen und nichtliterarischen Aphorismen führt für das 18. Jahrhundert in die Irre. Es geht um einen ungeschiedenen Zwischenbereich zwischen (wissenschaftlicher) Anthropologie und (literarischer) Moralistik, eine Lebensphilosophie und eine Literatur der Selbst- und Menschenkenntnis. Für diese Wissenschaft vom Menschen wird die französische Moralistik vorbildlich. So werden wir in einem ersten Kapitel die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption skizzieren. Der Begriff „Aphorismus“ bezeichnet aus der hippokratischen Tradition heraus seit Bacon im Gegensatz zur systematischen Darlegung die (populär-) wissenschaftliche Schreibart in unverbundenen Lehrsätzen, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu einer regelrechten Modeerscheinung wird und solcherart nur teilweise in der Nähe der werdenden Gattung anzusiedeln ist. Diesem Lehraphorismus im Zusammenhang der Lebensphilosophie hat der Abgrenzung wegen ein weiteres kurzes Kapitel zu gelten. Zu derselben Zeit kommt es im Umkreis der Gattung und in Verbindung mit der Lebensphilosophie zu einer wachsenden aphoristischen Praxis ohne „Aphorismus“. Der literarische Aphorismus entwickelt sich unter wechselnden metaphorischen Bezeichnungen und mit einer zunächst schwierigen Publikationssituation von Exzerpt und Zitat, von Glosse, Anmerkung und Marginalie, von Regel und Maxime, auch von Apophthegma und Anekdote <?page no="19"?> Das 18. Jahrhundert 17 her, als Miszelle und Fragment. Dieser Umkreis reflektiert die breit gefächerte Herkunft. Bei Exzerpt und Zitat, Anmerkung, Marginalie und Glosse kann Fremdes - als solches unausgewiesen - mit dem Eigenen verschmelzen, oder Fremdem wird etwas Eigenes angefügt, das sich verselbstständigen kann. Bei Jean Paul steht das Zitat- und Exzerpthafte im Zentrum, auch Goethe lässt den Zusammenhang noch erkennen, wenn er ohne Bedenken und ohne Herkunftsnachweis „Eigenes und Angeeignetes“ zusammenbringt. Regel und Maxime gehören von den Anfängen in der Romania her zu den Synonymen des Aphorismus-Begriffes. Graciáns „Lebensregeln“ finden sich terminologisch beispielsweise noch in Johann Caspar Lavaters „Regeln zur Selbst- und Menschenkenntniß“ oder in Adolph von Knigges Aphorismen wieder, die er „Regeln des Umgangs“ nennt. Die Maxime dringt durch die französischen Moralisten ins Deutsche ein, so etwa bei Herder und Friedrich Schlegel, gelegentlich auch bei Lichtenberg. Das Fragment gilt in der anthropologischen Literatur in der Mitte des 18. Jahrhunderts vielfach als teilkongruente Bezeichnung, bis es gegen sein Ende hin die literarische Epoche der Romantik geradezu prägt (und das in einer Weise, die manche Forscher in der Vergangenheit dazu bewogen hat, es als eigene Gattung zu sehen). Die Miszelle schließlich ist als ein von vorneherein offener Sammelbegriff angelegt. Dem Epigramm muss eine besondere Bemerkung gelten. Im Englischen wird der Aphorismus gelegentlich als ‚prose epigram’ bezeichnet, und Prosa- Epigramme gehören auch in Deutschland im Zuge der poetischen Emanzipation der Prosa vom Vers zu dem Umkreis, aus dem die Gattung herauswächst. Man hat sogar den Rückgang der Epigrammatik und das Aufkommen der Aphoristik in einem Zusammenhang miteinander gesehen; noch Mitte des 19. Jahrhunderts ist keine strenge begriffliche Trennung zu beobachten. Im weiteren Sinne gehören Gespräch, Essay, Brief zu solchen Vermischten Bemerkungen, die vermehrt buchfähig werden und sich dem von - wissenschaftlicher - Anthropologie wie - literarischer - Moralistik her gleichermaßen zu eröffnenden Bereich der Menschenkunde zuwenden. Die beliebte Mischgattung der „Ana“ (in Anlehnung beispielsweise an Texte von Taubmann als Taubmanniana) sammelt kleine Formen wie Erzählungen, Anekdoten, Bemerkungen und Einfälle und ist gleichermaßen zu berücksichtigen. So weit ist der „Umkreis der werdenden Gattung“ zu ziehen, in dem das Aphoristische in einem dritten Kapitel aufzusuchen ist. Das Zusammenwirken von moralistischer Tradition, Hippokrates- Rezeption und praktisch-empirischem Interesse am Studium des Menschen führt zu einer regelrechten Blüte. Der entscheidende Einschnitt, der die Vorvon der Frühphase der Gattungsgeschichte trennt, die sogleich zur Hochphase wird, ist nach 1780 anzusetzen. Neben- und in rascher Folge nacheinander kommen die bedeutendsten Autoren der frühen Gattungsgeschichte zu Wort (Kap. IV): Georg Christoph Lichtenberg und Jean Paul, die Romantiker Novalis und Friedrich Schlegel und nur chronologisch zuletzt Johann Wolfgang von Goethe. <?page no="20"?> 18 Das 18. Jahrhundert I. Die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption Es liegt in der Konsequenz der einleitenden Bemerkungen, dass nicht von einer strengen Trennung, nur von einer ausgliedernden Akzentuierung zu sprechen ist, wenn wir die ersten deutschen Gattungsversuche hier zusammenstellen, die überwiegend im Zeichen der Rezeption vor allem La Rochefoucaulds, dann auch Pascals und La Bruyères stehen. So ist gleich bei dem ersten Autor, bei Adolph von Knigge, zu beobachten, dass das verspätete Interesse an den klassischen Maximen der Moralisten aus einem popularphilosophischen Kontext heraus zu verstehen ist. Dass die Forschung von der Frage, wer der Erste sei, besonders stimuliert wurde, ist naheliegend. Aber August Bohses (1661-1742) „Unterschiedliche Gedancken“ (1699), die zuletzt ins Feld geführt wurden, sind entgegen ersten Vermutungen sämtlich Übersetzungen aus dem Französischen. Wie Bohse mit seiner La Rochefoucauld-Rezeption am Anfang des 18. Jahrhunderts steht, so Friedrich Schulz an seinem Ende, nun aber - und das erst ist bezeichnend - auch mit eigenen Aphorismen. Chronologisch zwischen beiden, gegen das Ende des Jahrhunderts hin, sind vor allem drei Autoren und Autorinnen aus der Nachfolge La Rochefoucaulds zu begreifen. Adolph von Knigge (1752-1796), als aufklärerischer Schriftsteller, Popularphilosoph und Romancier gleichermaßen erfolgreich, gibt in seinen „Aphorismen“ (in „Der Roman meines Lebens“, 1781) und „Sprüchen“ (1784) als „Beobachter des Menschen“ Lebensregeln, die mit ihren Imperativen wie „Hüte Dich”, „Behaupte nie”, „Traue nicht” den Geist des moralistischen Skeptizismus atmen. Sie stehen im Zusammenhang seines Konzeptes der Lebensphilosophie. Knigge, der übrigens bei dem Verleger Dieterich in Göttingen Mitbewohner eines weit bekannteren Aphoristikers ist, nämlich Lichtenbergs, diktiert im „Roman meines Lebens“ einem Hofmeister „Auszüge aus meines Freundes Systeme“ (33) in die Feder und fiktionalisiert damit seine Maximen: „In jeder Sache sey der Erste oder der Letzte, wenn Du ein großer Mann werden willst.“ (38) Auch sein „Umgang mit Menschen“ (1788), das als einziges seiner Werke bis heute bekannt geblieben ist, will praktische Lebensklugheit vermitteln. Das Buch bietet „Regeln des Umgangs“, etwa „Sei vorsichtig im Tadel und Widerspruche! “ (49) und erinnert in der Form, in der es diese mit einem Kommentar verbindet, an Gracián. Der Zürcher Geistliche Johann Caspar Lavater (1741-1801), der vor allem mit seinen höchst anfechtbaren (und angefochtenen) „Physiognomischen Fragmenten“ im literarhistorischen Gedächtnis blieb, schreibt sich mit seinen „Vermischten Gedanken“ (1774), den daraus erwachsenen „Vermischten unphysiognomischen Regeln zur Selbst- und Menschenkenntniß“ (1787), den „Vermischten Lehren an seine Tochter Anna Luisa“ (1796) und anderen, auch postumen Bänden mit Denksprüchen und mit manchem Unedierten, noch immer unzureichend erforscht, im Schnittpunkt von Brief, Tagebuch, Spruch- <?page no="21"?> Die frühe deutsche La Rochefoucauld-Rezeption 19 exzerpt und Aphorismus in die Gattungsgeschichte ein. Um die Kenntnis des Menschen aus seiner Beobachtung heraus geht es in jedem Fall. Die französischen Moralisten erhalten von daher in seiner Anthologie „Salomo, oder Lehren der Weisheit“ (1785) Platz; Pascal hat für ihn fundamentale Bedeutung, La Rochefoucauld - wenngleich kritisch rezipiert - wird ihm zum „Lehrer der Menschenkenntnis“. Der Anhang sammelt dementsprechende eigene Maximen: „Thue, was du sollst, so kannst du thun, was du willst.“ (Ausgewählte Schriften 1, 332) Der Zeitgenosse Jean Paul hat ihn schon genau aus diesem Kontext heraus verstanden. Im Wesentlichen zielt seine Rezeption freilich in eine andere Richtung: Als „Worte des Herzens“ sind diese Texte zusammen mit Auszügen aus seinen Werken seit 1825 in über dreißig Auflagen bis ins 20. Jahrhundert hinein als „Quelle des Trostes“ „Für Freunde der Liebe und des Glaubens“ populär. Die Schauspielerin und Zeitschriftenherausgeberin Marianne Ehrmann (1755-1795), für die Lavater zum Vorbild wird, hat in den letzten Jahren besonderes Interesse hervorgerufen: als früher Beleg für die Gattungstradition generell und insbesondere als erste deutsche Aphoristikerin. Sie wendet die klassische Aufklärerposition auf ihr Geschlecht an: „Vernunft leuchtet überall hin, ohne sie bleiben die Frauenzimmer Mägde, deren Nase nicht weiter reicht, als es ihre niedrige Denkungsart erlaubet.“ (1994, 13); von daher verbindet sie das Denken mit der klassischen Menschenbeobachtung: „Man muß zu erst Denkerinn seyn, ehe man Beobachterinn werden kann.” (105) So interessant diese Entdeckung ist, als Beleg für eine männliche Kodierung der Form, die Autorinnen prinzipiell missachtet, kann dieses einzelne Beispiel nicht gelten. Interessant genug bleibt es, wie ihre „Kleinen Fragmente für Denkerinnnen“ (1789) sich mit ihrer plakativen Antithese nicht nur in die Nachfolge La Rochefoucaulds stellen; ihre aphoristische Schreibweise, an Reihenbildungen zu Bescheidenheit, Eitelkeit, Zutrauen oder Ähnlichem orientiert, entwirft im Sinne angewandter Ethik ein eingeschränkt emanzipatorisches Gegenbild aus weiblicher Sicht („Philosophie eines Weibes”, 1784; Ignaz Felner: „Philosophie eines Mannes”, 1785). Ein doppelter Tenor kennzeichnet sie: neben der Frauenerziehung ein gegen die „Herren Männer“ (97) und deren Frauenbild gerichteter: „Der Mann, der gerne verspricht, hält gewiß desto schwerer Wort.“ (128) Es ist aus der zeitgenössischen Perspektive reizvoll, sie als frühe Gegenstimme gegen das ewige Frauenthema männlicher Aphoristiker zu zitieren, beginnend mit den „Einzelnen Gedanken“ ihres Zeitgenossen Johann Georg Heinzmann von 1792: „Gebrechlichkeit, dein Name ist Weib! “ In ihren „Aphorismen zur weiblichen Lebensphilosophie” (1796) verwendet sie den Begriff wohl zum ersten Mal in der deutschen Literatur für eine Sammlung von isolierten Kurzprosatexten. Friedrich Schulz (1762-1798) betätigt sich als freier Autor auf nahezu allen Gebieten, die ihm das Auskommen sichern können: dem Roman, dem Reisebericht, dem Kinderbuch, der Übersetzung. So ist er auch als Übersetzer von „De la Rochefoucault’s Sätzen aus der höhern Welt- und Menschenkunde“ (1793) und anderen aus französischen Schriftstellern exzerpierten „Aphoris- <?page no="22"?> 20 Das 18. Jahrhundert men aus der Menschen-Kunde und Lebens-Philosophie“ (1793, 1795) hervorgetreten. In unmittelbarem Zusammenhang damit stehen seine „Zerstreueten Gedanken“ von 1790/ 91, die in jeder Hinsicht dem kanonischen Modell der Gattung entsprechen. Der Zusammenhang zwischen den übersetzten und den eigenen Aphorismen ist thematisch wie formal äußerst eng. Die Themen sind hier wie dort die im Sinne der „Menschen-Kunde“ klassischen: das Glück, Tugend und Laster, Leidenschaft und Liebe und die „Weiber“, Typen wie der witzige Kopf, der Philosoph, der Hofmann. Unter den Formen adaptiert Schulz die der französischen Maxime eigenen: Vergleich, Definition, Antithese, Chiasmus, Parallelismus: Man wird geliebt, ohne es zu wissen; aber man weiß es selten, ohne zu lieben. (1990, 282). Man hält sich für klüger, als Die, die man hintergeht, und für besser, als Die, die einen hintergehen. (1793, 147) An diesen fünf Autoren ist der Zusammenhang der Anfänge des deutschen Aphorismus mit der Rezeption der Moralistik, insbesondere La Rochefoucaulds, nur exemplarisch belegt. Christian Garve wäre hier ebenso zu nennen wie Sebastian Mutschelle, bei dem sich ihre Transformation ins Theologische nachweisen lässt, oder Johann Gottfried Seume. Noch Ernst Brandes verklammert 1807 die ältere französische Moralistik und die zeitgenössische deutsche populärwissenschaftliche Literatur der Menschenkunde und knüpft die Anfänge der deutschen Aphoristik genau hier an. II. Lebensphilosophie und Lehraphorismus Die Rezeption der Moralistik im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts steht im Zusammenhang der Lebensphilosophie, einer praktisch-empirischen Ausrichtung des Studiums des Menschen, die nicht nur die Grenzen zwischen Disziplinen, auch die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Anthropologie und Literatur überschreitet. Für diese Wissenschaft vom Menschen hat die Moralistik Vorbildfunktion. Aphorismus und Essay sind mit ihrer Offenheit und Diskontinuität gegenstandsadäquat und bevorzugte Formen, etwa bei dem Popularphilosophen Christian Garve („Aphorismen aus dem Nachlass“, 1998). In Ehrmanns „Aphorismen zur weiblichen Lebensphilosophie“ (1796) dokumentiert sich der Übergang von der anthropologischen Lebensphilosophie mit ihrem wissenschaftlichen Aphorismus zur Literatur ebenso wie etwa gleichzeitig in Christian Schulz‘ „Aphorismen, oder Sentenzen des Konfuz“ (1794). Aus dieser ungetrennten philosophisch-literarischen Mitte heraus sind Johann Gottfried Seumes 1796 und 1798 erschienene „Obolen“ ebenso zu verstehen wie etwas später August Lafontaines nachträglich aus narrativen Zusammenhängen herausgelöste „Aphorismen und Maximen aus dem Gebiete der Liebe, Freundschaft und praktischen Lebensweisheit“ von 1802. Friedrich Schulz‘ „Texte zum Denken für Welt- und Menschenkenner“ <?page no="23"?> Lebensphilosophie und Lehraphorismus 21 (1796) bezeichnen in dem anthropologisch-moralistischen Komplex, den eine spätere separierende Betrachtungsweise vergeblich in eine wissenschaftliche und eine literarische Komponente zu trennen sucht, den äußersten literarischen Pol. Am andern Pol findet sich das in durchgehend nummerierten kurzen Paragraphen abgefasste aphoristische Lehrbuch, das einen Zusammenhang zwischen Denkmethode, Popularisierungstendenz und Schreibart dokumentiert; Verlegerinteressen und Lesererwartungen spielen sich dabei in die Hände. Die Merkmale dieser aphoristischen Schreibart, die sich bewusst in Opposition zur systematisch darlegenden Schulphilosophie setzt, sind Kürze, Dunkelheit und Unbestimmtheit. Damit soll sie zum Weiterdenken anregen und im Besonderen zur Textergänzung auffordern: „§ 832. Nichts ist äußerlich möglich, oder äußerlich unmöglich (831), was nicht innerlich möglich, oder unmöglich ist.“ (Platner 1,263) Ihre Nähe zu Geist und Funktion des literarischen Aphorismus ist ebenso deutlich wie die formale Unterschiedlichkeit. Aus der langen Reihe solcher Lehrwerke ragen die „Philosophischen Aphorismen“ des philosophischen Arztes Ernst Platner (1744-1818) von 1776 (neue Auflage 1793-1800) durch ihre weite Verbreitung als ein wissenschaftliches Standardwerk über Logik und Metaphysik heraus. Platner zieht ganz selbstverständlich für seine Wissenschaft die Literatur von Montaigne, La Rochefoucauld oder La Bruyère als Belege heran. Darüber hinaus ist der Autor durch seine breite und langanhaltende Wirkung auf die Verfasser schöner Literatur besonders bemerkenswert: auf Jean Paul ebenso wie auf Novalis, Seume und Platen. Platner beruft sich mehrfach auf Hippokrates, bei dem Medizin und Philosophie noch untrennbar verbunden seien. Die Belege für eine breite Hippokrates-Rezeption gerade in den Jahren nach 1770 sind zahlreich. Kronzeuge für die Verbindung der alten hippokratischen Tradition mit der neuen Lehrbuchtheorie ist Heinrich Nudow (1752 nach 1821) mit seinen „Aphorismen über die Erkenntnis der Menschennatur“ (1791-1792). Kurz, leserfreundlich, offen für Verschiedenstartiges, das Selbstdenken fördernd: so gehört dieser (vor- und nebenliterarische) Aphorismus zu den Formen, die die Aufklärungsliteratur bevorzugt. Er wird zu einem Modebegriff, der sich auf buchstäblich alle wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Gebiete und darüber hinaus erstreckt, vom philosophischen Kerngebiet (Friedrich Wilhelm Schelling: „Aphorismen zur Einleitung in die Naturphilosophie“, 1805/ 06) zunächst auf die Kunstwissenschaft (Joseph Görres: „Aphorismen über die Kunst“, 1802), die Literaturwissenschaft (Johann Daniel Falk: „Aphorismen die Poesie und Kunst betreffend“, 1803), die Schauspielkunst (Benedikt Joseph Koller: „Aphorismen für Schauspieler und Freunde der dramatischen Kunst“, 1804), später auf die Politik (Konrad Engelbert Oelsner: „Politische Aphorismen“, 1818) und andere Disziplinen übertragen. Die Begriffserweiterung auf andere wissenschaftliche Disziplinen, wie sie um 1800 zu beobachten ist, setzt sich das ganze 19. Jahrhundert hindurch <?page no="24"?> 22 Das 18. Jahrhundert fort. So sind etwa Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ nicht ohne diesen Traditionsstrang zu verstehen, und das Nachleben des unliterarischen Begriffsverständnisses lässt sich auch noch im 20. Jahrhundert und bis in die Gegenwart hinein in vielen Bereichen dokumentieren, so in Eduard von Hartmanns „Aphorismen über das Drama“ (1870/ 71), in Walter Ehrlichs „Aphorismen zur Philosophie der Kunst“ von 1962 oder Oswald Mathias Ungers‘ „Aphorismen zur Architektur“ (1967-1971, 1998). Die Spannweite, die der Aphorismus hier jeweils sachlich-formal umfasst, will die Herkunft aus der ungeschiedenen wissenschaftlich-literarischen Mitte seiner Entstehung im 18. Jahrhundert nie verleugnen. III. Im Umkreis der werdenden Gattung Die Gattung ist nicht durch ein einzelnes prägendes Werk zu einem bestimmten Datum in der Welt, sie bildet sich allmählich heraus und nimmt eine eigenständige Kontur an. Das geschieht in einem Umkreis, wie wir ihn eingangs skizziert haben. Ältere Nachbargattungen wie Apophthegma, Anekdote und Epigramm und zumindest teilidentische, aus der Romania übernommene Gattungen wie Regel und Maxime bilden ihn zusammen mit Textsorten wie Exzerpt und Glosse, Anmerkung und Marginalie, die sekundär aus der Arbeit an Vorlagetexten entstehen, und mit offenen Sammelbegriffen wie Miszelle und Fragment. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts sind nur vereinzelte Zeugnisse des literarischen Aphorismus zu verzeichnen, die sich der Gattung von diesen verschiedenen Rändern her nähern. Die Frage nach der Priorität ist aus der geschilderten Gemengelage heraus schwer zu beantworten. Johann Riemers (1648-1714) „Apophthegmatischer Vormund“ (1687) erscheint noch 1991 umstandslos als „eine der frühesten Aphorismensammlungen“. Unter den Autoren im Umkreis der Gattung zieht in jüngster Zeit Karl Philipp Moritz (1756-1793) unter aphoristischem Aspekt besonderes Interesse auf sich, indem das Aphoristische eindeutig als formaler Bestandteil seiner „Beiträge zur Philosophie des Lebens“ (1780) erwiesen wird. In dieser Umgebung sind auch Friedrich Carl von Mosers (1723-1798) „Reliquien“ (1760) anzusiedeln, alphabetisch angeordnete Kurztexte, während Johann Georg Hamanns (1730-1788) erste Versuche als religiös motivierte „Brocken“ (1758) zu verstehen sind (Joh 6, 12: „Sammlet die übrig bleibende Brocken, daß nichts umkomme.“). Johann Abraham Gotthelf Kästners (1719-1800) „Einfälle“ (1755) erwachsen aus seiner lebenslangen epigrammatischen Praxis. Sie sind als die Zeugnisse für den Übergang in eine neue Gattung, die von Lichtenbergs Lehrer stammen, von Bedeutung, stehen aber vornehmlich ebenso wie Karl Ferdinand Hommels (1722-1781) vereinzelte Texte in seinen „Einfällen und Begebenheiten“ (1760) im Zusammenhang mit der Mischgattung der Ana. Auch die zum ersten Mal 1799 aus dem Nachlass herausgegebenen „Einfälle“ Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) sind der Gattung nahe ver- <?page no="25"?> Im Umkreis der werdenden Gattung 23 wandt. Mit Christian August Vulpius’ (1762-1827) „Glossarium für das 18. Jahrhundert“ (1788) lässt sich über die aphoristische Definition der Zusammenhang mit einer besonderen Form des Wörterbuchs herstellen, das Satire und Witz mit dem Willen zur Entlarvung verbindet: „Raubthier, bedeutet der Mensch“ (2003, 65). Mit dem katholischen Theologen Johann Michael Sailer (1751-1832) ist - in seinen „Sprüchen mit und ohne Glosse“ (1799) - der Übergang vom Sprichwort her markiert: „Auch auf Heerstraßen lagert sich die Wahrheit. Drum sieht sie so zertreten aus.“ (1983, 37) Theodor Gottlieb Hippel (1741-1796) steht mit den Lebensregeln, Gedankensplittern und Kernsprüchen in seinen „Lebensläufen nach aufsteigender Linie” (1778-81) wie insbesondere mit seinem Buch „Über die Ehe” (1774) im Zusammenhang der spezifisch erotisch-galanten Menschenkunde und darf als Vorläufer auch des Aphoristikers Jean Paul gelten. Eher lose Zusammenhänge kann man dagegen bei Wilhelm Heinse (1746-1803) (vom Tagebuch her) und in Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) „Deutscher Gelehrtenrepublik“ konstatieren. Bei den ausgewählten Bemerkungen, Warnungen, Sprüchen, die als „Guter Rath der Aldermänner“ der Fiktion nach im Laufe von über 150 Jahren in den Jahrbüchern der Gelehrtenrepublik abgedruckt wurden, kann man noch nicht von literarischen Aphorismen sprechen, wohl von einem weiteren Beispiel der „Vermischten Bemerkungen“ als dem Quellgebiet des Aphorismus. Johann Christoph Ludwig Pflaums (1774-1824) „Aphorismen“ hingegen („Versuche in der Dichtkunst nebst einigen Aphorismen“, 1800) sind ein wichtiger Beleg für die frühe Verknüpfung von Begriff und Sache: „Der Geisterseher. Manchem ist vergönnt, Geister zu sehen, weil er selbst keinen hat“ (116), nicht anders als zuvor Knigges „Aphorismen“ in „Der Roman meines Lebens“ und Ehrmanns „Aphorismen zur weiblichen Lebensphilosophie“. Die „Fliegenden Blätter“ des Romanschriftstellers und Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) und die „Ideen“ von Herders Freund August von Einsiedel (1754-1837) sind eher in einem popularphilosophischen als einem literarischen Kontext zu verstehen; dabei sind sie denkbar konträr. Die Aphorismen von Goethes Freund Jacobi, zum größeren Teil zuerst im Taschenbuch „Minerva“ veröffentlicht und zum Teil zwischen 1776 und 1797 datiert, sind von zwei Aspekten der Gattungsgeschichte geprägt: der Unmittelbarkeit („unwillkührliche Äußerungen der Gedanken, i m M o m e n t e , d a s i e h e r v o r t r e i b e n “ , 133) und der Flüchtigkeit, wie sie sich namentlich auch in den Bildern von Skizze und Fresko manifestiert. Auch der Gegenbegriff des Systems transportiert einen ihrer Topoi: „Von denen, welche sich rühmen, dass sie die Wahrheit suchen, blos um der Wahrheit willen, suchen die mehresten nur ein S y s t e m ; und wenn sie nur irgend eins gefunden haben, so sind sie zufrieden.“ (168) Was Jacobi dergestalt verfasst, sind unpointierte, kurze Reflexionen; von einer Religiosität aus, die von der Mystik her das fühlende „Herz“ betont und zugleich vernunftgegründet ist, greifen sie in Philosophie und Gesellschaft aus: „Aller Glaube ist unwillkührliche Hingebung des Geistes an eine Vorstellung von Wahrheit.“ (208) Wahrhaft gesittet be- <?page no="26"?> 24 Das 18. Jahrhundert schwören sie wiederholt das Wahre, Gute, Schöne und bekennen sich zu Tugend und Treue, wie sie umgekehrt jede Sinnlichkeit verdammen: „Wo Sitte ist, da herrscht über die Sinnlichkeit Vernunft. Und umgekehrt, wo die Vernunft anfängt über die Sinnlichkeit zu herrschen, da entsteht Sitte.“ (145) Eine ungleich kältere Luft umweht den Leser bei August von Einsiedel. Seine „Ideen“, in zwei Perioden 1776 bis 1780 und 1791 bis 1797 entstanden, sind allein in der Abschrift Herders erhalten und noch erst unzulänglich veröffentlicht; sie können als „eines der anregendsten und originellsten Werke der deutschen Aufklärung“ gelten und sind immer noch zu wenig erforscht. Da ist allenfalls seine Weimarer Zeit, das zeitweilige „tolle Disputieren“ mit Goethe 1777, eine kleine Ausnahme. Dass die Texte nicht für die Veröffentlichung gedacht sind: dieser Hintergrund ist weder bei der Radikalität der Inhalte noch bei der Diskussion ihrer Form außer Acht zu lassen. Es sind kürzere Gedanken-Notate, eher selten in der Form einer Thesenreihe; hin und wieder weiten sie sich aber auch zu einer Länge von wenigen Seiten aus. Die Verbindung zu den französischen Moralisten, die man hat sehen wollen, lässt sich an den Texten kaum verifizieren. Auch die „allenthalben“ spürbaren Einflüsse seines zeitweiligen Lehrers Lichtenberg müssten wohl erst noch im Detail gezeigt werden. Deutlicher scheint die Abhängigkeit von der hippokratischen Tradition. In seiner politischen und gesellschaftstheoretischen Radikalität kann Einsiedel als Vorläufer Seumes gelten, zu dem auch frappante biographische Parallelen bestehen, im ausländischen Militärdienst so gut wie in der ständigen Suche nach einem Auskommen und in den großen Reisen. Anarchist, Materialist, Atheist, Sozialist: das wären einige moderne Etiketten, mit denen man ihn aufgrund seiner „Ideen“ versehen könnte; einigen davon verdankt er die editorische Aufmerksamkeit in der DDR der fünfziger Jahre. Dass seine Vorläuferrolle für Nietzsche dort und damals unkommentiert bleibt, versteht sich. Dabei ließen sich von der Radikalität seiner Aufzeichnungen her nicht wenige Verbindungslinien ziehen, bei dezidierten Unterschieden, was etwa die Rolle betrifft, die er der Literatur zumisst. Einsiedel denkt konstant in den Polen Natur - „Cultur“. „Natur“: das ist ihm der in allem positiv gedachte Ausgangszustand: „Gesundheit ist alles, und wo erhält sie sich am besten? Im unbefangenen, wilden Zustand.“ (102) Eine ‚natürliche‘: naturgegründete und mithin unter- oder oberhalb aller Moral angesiedelte Lebensweisheit begründete sich von daher; das im Vollsinne indikativisch zu denken, wagt auch Einsiedel nicht: „Es liegen der Freuden ein gewisses Maas im Accord unsrer Nerven und Ideenfibern; diese zu genießen, darum zu existiren, wäre eigentlich wahre Lebensweisheit.“ (170) Für die Beziehung der Geschlechter bedeutet das in konsequenter Radikalität freie Liebe: „Die Ehen als gesetzliches Band sind ein großes Hinderniß der Volkommenheit der Menschen.“ (224) Aller Fortschritt, alles Heil ist demgemäß ausschließlich von den Naturwissenschaften zu erwarten. Einem allzu bekennenden Naturwissenschaftler fehlt der Sinn für Dichtung; Wahrheit und Imagination sind für ihn Gegensätze: „Aus Dichtern beweisen, was man zu irgend einer Zeit von etwas gehalten, ist nichts. Unpräcision ist Stempel der <?page no="27"?> Im Umkreis der werdenden Gattung 25 Imagination.“ (84) Eine Kultur wie die seiner Zeit, die etwa Klopstock schätzt, ist kindisch (215). Im Begriff der Kultur verbinden sich ex negativo alle Zeitkritik und positiv gewendet alle Zukunftsorientiertheit, wie sie beide sein Denken bezeichnen. Hier ist auch der Ansatzpunkt für seine (keinesfalls schlicht als demokratisch zu bezeichnende) politische Orientierung, entwickele sich doch in Republiken die Kultur schneller als in Monarchien. Gleichheit und „allgemeine Cultur“ geraten ihm geradezu zu Synonymen (200). Er geht von daher im Sinne des späteren Sozialismus „der Ursache der zu großen Differenz des Reichthums“ nach und wünscht, der Staat möge den „großen Handel“ treiben (203f., 209). So fließen ihm beide Zustände vom Anfang der Geschichte und von ihrem glücklichen Endzustand her ineinander: „Die meisten Menschen, die wir cultivirt nennen, sind nur Menschen, die Imagination haben, aber ohne Sinn für die Wahrheit der Natur, worin doch eigentlich wahre Cultur besteht. Die jetzige Zeit ist nur Dämmerung der Cultur; allein sie wird kommen, obwohl für mich zu spät.“ (146) Sein Geschichtsverständnis ist in fast Marx’schem Sinne teleologisch; ein widerspruchsfreies System ist aber das letzte, das Einsiedel mit seinen Gedankenspielen intendiert. Man kann Einsiedel und Jacobi als Antipoden lesen, in denen sich schon in der Frühgeschichte der Gattung die Orientierung je am Sein oder am Sollen personifiziert. So gehört es für Jacobi „schlechterdings in eine Moral, die wirksam seyn soll, an eine höhere Ordnung der Dinge zu glauben.“ (219) Einsiedel glaubt dagegen nicht einmal an den Wert der Moral: „So wird man einsehen, daß die jetzigen Moralsysteme den Menschen nur verderben.“ (131) Seine Antwort an Jacobi lautet, was die Tugend betrifft: „Alle unsere Erziehung geht dahin, Lebendigkeit zu unterdrücken. Sie bestraft man, und ihr Mangel heißt Tugend.“ (110) Zur Religion bemerkt er trocken: „Wer ohne Religion existiren kann, braucht keine Festigkeit sonst.“ (65) Wo für Jacobi gilt: „Alles Philosophiren ist nur ein weiteres Ergründen der Spracherfindung“ (165), da weiß Einsiedel, der immer wieder von „Wortschällen“ spricht: „Aller Irrthum liegt in der Sprache.“ (117) Wenn man sich mit Kästner, Moritz, Jacobi, Einsiedel und anderen der Gattung von verschiedenen Rändern her annähert, so darf man in Sebastian Mutschelle (1749-1800), der als einer der aufgeklärtesten katholischen Theologen seiner Zeit gilt, wohl zu Recht den „ersten lupenreinen Aphoristiker der deutschen Literatur“ sehen. Seine „Vermischten Schriften“ (1793; 2. Auflage 1799) sind in allen ihren Teilen ein Hohes Lied auf die Vernunft, und sie sind durchweg aphoristisch bestimmt. So sammelt er schon im zweiten Kapitel des ersten Bandes „Über Sittlichkeit und Tugend“ klassisch isolierte Aphorismen, die, inhaltlich konventionell, das Oppositionsschema Tugend - Laster der französischen Moralistik variieren, nun aber im Lichte der Aufklärungstugend Vernunft. Religion und Aufklärung zu vermitteln, darin sieht er seine große Aufgabe; beides steht nicht nur nicht im Gegensatz: Aufklärung ist geradezu „guter Gebrauch des Glaubens“ (2, 76). Kapitel wie „Menschenkenntnis, Selbstkenntnis“, „Über die Leiden der Menschen“ oder schließlich „Verschiedene Gedanken über Verschiedenes“, im zweiten Band besonders <?page no="28"?> 26 Das 18. Jahrhundert die „Moralischen Bemerkungen und Grundsätze“ sowie die „Verschiedenen Bemerkungen“ sind gleichermaßen unbestreitbare Aphoristik, in anderen bilden die Sätze einen lockeren Zusammenhang. Stärker als von Moralistik und Aufklärung ist er selbstredend thematisch wie formal von der Bibel geprägt, im Besonderen - im Gefolge Lavaters - von den Sprüchen Salomons („Sprüche der Weisheit, aus und nach Salomo“; 1, 157). Syntaktisch herrschen von daher die Maxime und der verallgemeinernde Relativsatz („Wer..., der...“) vor: Trage eigne Leiden mit dem Muth eines Mannes, und fühle die fremden mit der Zärtlichkeit eines Weibes. (1, 97) Wer den Weisen gelehrig anhört, kann einer werden; wer auf den Narren aufmerksam horcht, ist einer. (1, 74) Auch die Bilder und Vergleiche zeugen von seiner pastoralen Ausbildung; die schlichte Gleichsetzung steuert sie: Die Mäßigung ist ein Baum; seine Wurzel die Genügsamkeit: seine Frucht die Ruhe. (1, 232) Das Glück ist wie ein ungezogenes Kind. Was es im ersten Augenblicke schenkt, das fodert [! ] es im zweyten wieder zurück. (2, 200) Fast stereotyp folgt der Aussage die Erläuterung im Bild. Dieser an der Bibel orientierte Stil wirkt außerordentlich plastisch und damit didaktisch: „Ein guter Bissen kehrt das Urtheil des bösen Richters im Munde um.“ (1, 166) Die Antithese tritt hinzu: „Ein ungerechter Mann wankt, wie ein Blatt; der Gerechte wurzelt, wie ein Baum.“ (1, 161) Inhaltlich-gedanklich bleibt Mutschelle, solcherart aus Gegensätzen heraus arbeitend, speziell dem seelsorgerisch motivierten Gut-Böse-Gegensatz, wenig aufregend, verhaftet. Neid, Eigenliebe, Leichtgläubigkeit, Völlerei und Geiz stehen Zufriedenheit, innerer Gesundheit, Genügsamkeit, Mildtätigkeit und Mut gegenüber. Seine Lebensweisheit ruht auf einem vorgegebenen Fundament und kommt kaum einmal über Bibelparaphrase und -exegese hinaus: „Willst du Moral und Religion, und die ganze Lebensweisheit in wenig Worten, so höre: Sey klug und gut, und vertraue auf Gott.“ (1, 170) Das schließt Pointierung im Rahmen des Erwarteten nicht aus: „Lies kein böses und kein schlechtes Buch; jenes verderbt das Herz, und dieses die Zeit.“ (2, 136) Mutschelle verkündet die biblischen Tugenden noch einmal, nun aber - das ist gewiss für seine Zeit bemerkenswert - vom Primat der Vernunft aus. Er ist in seinen „Denksprüchen“ (1, 211) jederzeit ein von Menschenkenntnis und Religiosität gleichermaßen bestimmter Mann des Mittelmaßes, das er aus Extremen heraus entwickelt, nicht nur im Miteinander von Kopf und Herz („Zu viel Ernst beweiset wenig Herz, und zu viel Scherz, zu wenig Verstand.“; 1, 91), auch in allen Gefühlsregungen: „Wer bey gerechter Ursache nicht trauert, ist kein Mensch, und wer zuviel trauert, kein Mann. Die Vernunft kann den Gram rechtfertigen, aber sie muß ihn auch enden.“ (2, 120) Was seine politischen Ideen in der Zeit unmittelbar <?page no="29"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 27 nach der französischen Revolution betrifft, so steht er zwar unangefochten auf dem Boden der Monarchie: „Die Nation, die immer über monarchische Löwen schreyt, die sie zerreißen, hüte sich nur, unter demokratisches Ungeziefer zu fallen, das sie auffrißt.“ (2, 172) Das patriarchalisch-obrigkeitliche Idealbild vom Vater und seinen Kinder beherrscht ihn weiterhin; von ihm her fordert er kompromisslos: „Zur Staatsordnung gehört Unterordnung.“ (2, 181) Das ist alles gut gemeint und bleibt im Reich allgemeiner sittlicher Forderungen. Gegen Montesquieus grundstürzenden Gedanken der Gewaltenteilung besteht er auf der Legitimation durch Moralität: „Nichts sichert eine gute Regierung als Moralität.“ (2, 183) Man versteht aber andererseits auch, dass seine Schriften große Schwierigkeiten mit der Zensur hatten. Das revolutionäre Potential der Aufklärung ist nicht ganz ausgeblendet, wo er sich gegen blinden Gehorsam wendet, von „Zwangbefehlen“ (1, 239) spricht und den Plan zu einer neuen Verfassung erwägt. Der bildbeherrschte Stil, der die „alten, gothischen Gebäude“ in Gegensatz stellt zu einem „neuen Palast“ (1, 239), verhilft hier zu einem halbwegs verdeckten Sprechen. Fürstennähe ist es zuallerletzt, was man ihm bei aller unangetasteten monarchischen Grundeinstellung nachsagen kann: „Die Fürsten machen es mit ihren Dienern, wie mit ihren Münzsorten; man muß sie nach dem Werthe nehmen, den sie ihnen geben, nicht den sie haben.“ (1, 226) Auch hier bleibt es bei seinem Mittelmaß- Modell, die distanzierende Zitation dient wohl dazu, den Aphorismus zensurverträglich zu machen: „Nahe dich zum Fürsten, sagt jemand, wie zum Feuer - zu ferne giebts keine Wärme, zu nahe verzehrts dich.“ (1, 75) IV. Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 Die Frühphase der Gattung um 1800 ist auch ihre erste Hochphase. Sie ist dementsprechend ungleich besser erforscht und manifestiert sich in den Sudelbuch-Einfällen Georg Christoph Lichtenbergs, in Jean Pauls Gedanken und Bemerkungen, im romantischen Fragment, vornehmlich bei Novalis und Friedrich Schlegel, in Maxime und Aperçu bei Johann Wolfgang von Goethe. Was ihre zeitgenössische Wirkung betrifft, so muss man sich vor Augen halten, dass weder Lichtenberg noch Jean Paul noch Goethe überhaupt Aphorismenbände veröffentlicht haben (und die Romantiker ‚nur’ Beiträge in Zeitschriften). Ihre Texte sind aus dem Nachlass bekannt geworden, zum weitaus größeren Teil erst im 20. Jahrhundert, oder wurden gar - im Fall Goethes - von den Herausgebern zum ‚Werk’ gemacht. Zu integrieren gesucht hat man diese sehr verschiedenen Ausprägungen in der Auseinandersetzung mit dem auf Ordnung und System bedachten wissenschaftlichen Grundkonzept der französischen Enzyklopädisten. Das Thema der deutschen Aphoristik um 1800 ist demgemäß nicht ein beliebiger moralistischer Gegenstand, sondern das Denken von Ordnung selbst. Von einer dynamischen Spannung zwischen System und Einzelsatz ausgehend, nimmt der Aphoristiker statt des Allge- <?page no="30"?> 28 Das 18. Jahrhundert meinen das Besondere in den Blick. Er umkreist die Frage, wie Naturwissenschaft und Literatur bei der Erkenntnis der Welt zusammenwirken könnten. Diese Autoren erheben den Konflikt von logisch-mathematischer und ästhetischer Wahrheit in einer „transzendentalen Moralistik“ zur Bedingung der Möglichkeit ihres Erkennens. Damit wird der Aphorismus in seiner Konstellation zu einem genuinen Erkenntnisinstrument, im romantischen Fragment wie in der in einen Roman integrierten Aphorismenreihe bei Goethe. Für den Aufklärer Lichtenberg gilt das noch erst bedingt. 1. Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbuch-Einfälle Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) gilt seit der Wende zum 20. Jahrhundert, als der Aphorismus als Gattung endgültig etabliert ist, fraglos als ihr erster und bedeutendster deutscher Vertreter, in seinem Formen- und Gedankenreichtum so zeitlos wie, zumal in Sprachauffassung und Psychologie, modern. Er ist freilich zu seiner Zeit selbst weder als Aphoristiker hervorgetreten noch hat er überhaupt Aphorismen veröffentlicht. Er ist zunächst einmal Professor in Göttingen, der Fächer wie Mathematik, Physik und Astronomie vertritt, dank eines noch ungewohnt starken experimentellen Anteils an seinen Vorlesungen ungewöhnlich erfolgreich in der Lehre, in der Forschung bleibt ihm der ganz große Erfolg versagt. Außerdem liefert er schon früh Beiträge zu belletristischen Zeitschriften, veröffentlicht Satiren und gibt jahrzehntelang einen Kalender als „Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen“ heraus. Daneben aber führt er regelmäßig seit 1765 „Sudelbücher“ oder „Gedankenbücher“ (K 44), wie er sie nennt, in denen er literarische Aufzeichnungen und pointierte Aphorismen bis zum Einzelwort neben Exzerpten, privaten Notizen und naturwissenschaftlichen Überlegungen notiert: fünfzehn Hefte unterschiedlichen Formats, von Lichtenberg mit den Buchstaben A bis L bezeichnet. (Für die Jahre 1779-1788 fehlen sie.) „Schmierbuch- Methode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben zu lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten.“ (F 1219) So lauten 1779 sein Rat und sein Motto, in bezeichnender selbstironischer Verkleidung: Sie sind nicht „geschmiert“ und „pfennig“-klein nur in einem sehr äußerlichen Sinne. In den postum herausgegebenen „Vermischen Schriften“ werden sie ab 1800 als „Bemerkungen vermischten Inhalts“ auszugsweise publiziert. Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts, 1902-1908, werden sie wesentlich vollständiger und als „Aphorismen“ veröffentlicht und angemessen hochgeschätzt. Damit wird der aufblühenden Gattung ihr Musterbeispiel vorangestellt. Seine „Gedankenbücher“ orientieren sich nicht länger an dem strengen Reduktions- und Präzisionsideal der französischen Moralistik, sondern sind offener, vielgestaltiger, spontaner. Heteromorph und heterogen, schießen sie in der Person ihres Erfinders zu einer Einheit zusammen. Aus dem Pietismus lassen sich das Element der Selbstbeobachtung und -analyse wie die Empfindungskraft herleiten: „Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun.“ <?page no="31"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 29 (B 389) Die Selbstbeobachtung ist schmerzhaft unbestechlich: „Ich sagte bei mir selbst: das kann ich unmöglich glauben, und während dem Sagen merkte ich, daß ichs schon zum zweitenmal geglaubt hatte.“ (G 21) Wenn er von sich sagt: „Bei mir liegt das Herz dem Kopf wenigstens um einen ganzen Schuh näher als bei den übrigen Menschen, daher meine große Billigkeit. Die Entschlüsse können noch ganz warm ratifiziert werden“ (C 20), so bezeugt das, auf der Grundlage der metaphorisch überhöhten eigenen Körperlichkeit, nicht nur die Einsicht in das Mit- und Ineinander von Vernunft und Empfindungsfähigkeit, auch den unbedingten Willen dazu, kalkulierte Leidenschaft: die Geburt des deutschen Aphorismus aus dem Erlebnisdenken, denn „dieses Instrument, womit wir empfinden und urteilen“ (A 137), ist ein doppeltes. Nicht anders münden die Quellen, die von Bacon herkommen und im wissenschaftlichen Geiste der Aufklärung ihren Wurzelgrund haben, in die produktive Verschränkung des forschenden Ansatzes und der mitfühlenden Subjektivität. Erfahrung, Beobachtung, Experiment leiten sich als weitere Ausgangspunkte seines aphoristischen Denkens von da her. Über die Selbstbeobachtung wird er zum Menschenbeobachter, dem das menschliche Gesicht „die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist“ (F 88): „Wer sich selbst recht kennt, kann sehr bald alle anderen Menschen kennen lernen. Es ist alles Zurückstrahlung.“ (G 18) Absolute Aufrichtigkeit ist ihm dabei Gebot: Der Mensch ist nicht so schwer zu kennen, als mancher Stubensitzer glaubt der sich in seinem Schlafrock freut, wenn er eine von Rochefoucaulds Bemerkungen wahr findet. Ja ich behaupte, die meisten kennen den Menschen besser, als sie selbst wissen, sie machen auch Gebrauch davon im Handel und Wandel, allein sobald sie schrieben, da wäre der Teufel los, da wäre alles so feiertagsmäßig schön, daß man sie gar nicht kenne, und da sie sonst ganz natürlich aussähen, so machten sie jetzt Gesichter, wie eine alte Jungfer, wenn sie sich malen läßt. (E 218) Diese Forderung an sich wie an den andern schärft den Blick und den Stil: „Er hatte gar keinen Charakter, sondern wenn er einen haben wollte, so mußte er immer erst einen annehmen.“ (G 188) Lichtenberg sieht im Kleinen das Große, dringt auf das Begriffliche wie auf das Sinnlich-Anschauliche, „Ober- und Unterhaus“ des Menschen gleichermaßen erlebend-bedenkend: „Er pflegte seine obern und untern Seelenkräfte das Ober- und Unterhaus zu nennen, und sehr oft ließ das erstere eine Bill passieren, die das letztere verwarf.“ (B 67) Auf dem Boden pietistisch fundierter und auf das Augenblicksdenken gegründeter Wissenschaftlichkeit entfalten sich die Spezifika seines Aphorismus wie das experimentelle und das konjunktivische Denken, so, wenn er in Form einer Frage ein linguistisch-pragmatisches (Gedanken-)Experiment anstellt: „Frage: Könnte ein Mensch so erzogen werden, dass er, ohne eigentlich von Sinnen zu kommen, seine Begriffe so seltsam verbände, daß er in der Gesellschaft nicht zu gebrauchen wäre, ein artifizieller Narr.“ (F 549) Revision und Kritik sind der Motor zu unablässig Neuem: „Ich will euern Beweisen alle die Stärke geben, die ihr ihnen nicht zu geben im Stande seid, die Stärke, die ihr <?page no="32"?> 30 Das 18. Jahrhundert würdet gegeben haben wenn ihr vernünftige Leute wäret, kurz alle die Stärke deren sie fähig sind, und dann will ich zurücktretten [! ] und sie umblasen.“ (D 353) Geistesbeherztheit, wenn man so sagen darf, ist dafür vonnöten: „Wenn auch meine Philosophie nicht hinreicht, etwas Neues auszufinden, so hat sie doch Herz genug, das längst Geglaubte für unausgemacht zu halten.“ (K 49) Nicht Zweifelsucht, aber Zweifelkraft verbindet sich damit: „Zweifle an allem wenigstens Einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal 2 ist 4.“ (K 303) Unabdingbare Forderung bei all dem ist das Selbstdenken; „das Lesen ohne Vergleichung mit seinem eigenen Vorrat und ohne Vereinigung mit seinem Meinungs-System“ (F 1222) ist wertlos. Die Schreibart, die mit dieser aphoristischen Geisteshaltung korrespondiert, ist von Satire und Witz gekennzeichnet, einer bildhaften Satire, die es beispielsweise bedauerlich findet, „daß man bei Schriftstellern die gelehrten Eingeweide nicht sehen kann, um zu erforschen, was sie gegessen haben.“ (G 34) Der Witz entspringt der Wahrnehmungsstärke und der blitzartigen Erkenntnis durch das Zusammenbringen von einander Fremdem. In vergleichend-kombinierendem Spiel setzt er sich zum Ziel, „an jeder Sache etwas zu sehen [zu] suchen was noch niemand gesehen und woran noch niemand gedacht hat.“ (J 1363) Er deckt die gängige Rede von den inneren Werten als die Trost-Universalie für junge Frauen auf, die von der Natur benachteiligt worden sind: „Das Mädchen ist ganz gut, man muß nur einen andern Rahmen drum machen lassen.“ (F 621) Er entlarvt alle hehre Falschheit und Gefühls- Verlogenheit: „Was sie Herz nennen liegt weit niedriger als der 4te Westenknopf.“ (F 337) Abweichung und Umkehrung haben hier ihren Grund, hervorragende aphoristische Mittel für den, dem sie von der geistigen Disposition her heuristisches Werkzeug werden können: Der große Kunstgriff kleine Abweichungen von der Wahrheit für die Wahrheit selbst zu halten, worauf die ganze Differential-Rechnung gebaut ist, ist auch zugleich der Grund unsrer witzigen Gedanken, wo oft das Ganze hinfallen würde, wenn wir die Abweichungen in einer philosophischen Strenge nehmen würden. (A 1) Es gilt gleichermaßen: „Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt“ (H 24), und der eine wie der andere Einzelfall erschließt sich nur dem Leser, der, auf sich selbst und sein differenzierendes Selbstdenken zurückgeworfen, die jeweilige Vollendung des Aphorismus in seinem Geiste auf sich nimmt. Die Umkehrung frischt nicht nur den Blick, mit Goethe gesprochen, an, sie setzt auch Denkprozesse in Gang, ob für Lichtenberg nun der Mensch „unter allen Tieren in der Welt dem Affen am nächsten“ kommt (B 107) oder ob er „bei manchem Werk eines berühmten Mannes [...] lieber lesen [möchte] was er weggestrichen hat, als was er hat stehen lassen.“ (F 998) Sie entwickelt einen besonderen Sinn für den Nebenzweck im Hauptzweck: „Der Trieb unser Geschlecht fortzupflanzen hat noch eine Menge anderes Zeug fortgepflanzt.“ (F 1079) Wie zwangsläufig entwickelt sich daraus auch der kritische Impuls, sei es, dass er eine politische Stoßrichtung hat: „Der <?page no="33"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 31 Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung“ (G 183), sei es, dass er, erkenntniskritisch orientiert, der unbedachten Perspektive von der Sonnenseite aus ihr Revers entgegenstellt: „Was man so sehr prächtig Sonnenstäubchen nennt sind doch eigentlich Dreckstäubchen.“ (J 164) „Einen Gedanken zu finden, wobei sich allemal jeder Mensch, der ihn hört todlacht“ (D 137), das ist demgemäß seine skandalöse Forderung, und darunter versteht er gerade nicht „eine halb neue Erfindung mit einem ganz neuen Namen.“ (D 235) Dieses Denken setzt sich dem Einfall offen aus und macht ihn fruchtbar: „Zeit urbar machen.“ (C 245) Und es bedenkt immer zuerst auch sein Ausdrucksmittel, die Sprache, mit: „Es war ihm unmöglich die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.“ (C 158) Sprachkritik ist ihm nicht Thema, sondern Bedingung: „Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.“ (K 292) In der Bildlichkeit sind Vernunft und Emotionalität miteinander verschränkt: „Er hatte ein paar Stückchen auf der Metaphysik spielen gelernt.“ (J 507) In der Metaphorik nimmt er das „Ästhetische in den Dienst der erkenntniserschließenden Funktion des Sprechens“. In dieser Form nehmen Lichtenbergs Aphorismen Einsichten des 20. Jahrhunderts vorweg, gehen in einzelnen Bemerkungen der Psychoanalyse Freuds wie der Sprachphilosophie Wittgensteins voraus, erahnen „die Mythen der Physiker“ (J 241), lange bevor diese ihre der Natur gegenüberstehende unantastbare Objektivität selbst hinterfragen. „Es denkt“ (K 76) ist in diesem Zusammenhang immer wieder kommentiert worden, von Wittgenstein bis zur gegenwärtigen Neurowissenschaft, in der das, was denkt, zuerst bestimmt und dann manipuliert wird. Der Umschlagpunkt ist der Ansatzpunkt seines Denkens: „Ein kluges Kind, das mit einem närrischen erzogen wird, kann närrisch werden. Der Mensch ist so perfektibel und korruptibel, daß er aus Vernunft ein Narr werden kann.“ (F 536) Daraus folgt eine höchst modern anmutende dialektische Selbstschulung: „So wie das höchste Recht das höchste Unrecht ist, so ist auch umgekehrt nicht selten das höchste Unrecht das höchste Recht.“ (H 154) Wenn Brecht im 20. Jahrhundert konstatiert, die Wahrheit sei konkret, dann geht ihm Lichtenberg im 18. im strikten Rekurs auf das Tun voraus, zu Recht unbekümmert darum, wie sehr er im Übrigen konjunktiv-bewusst und -beflissen sein mag: „Ängstlich zu sinnen und zu denken, was man hätte tun können, ist das Übelste, was man tun kann.“ (K 253) In der Verbindung von Skepsis und utopischem Anspruch ist er zeitlos und zugleich sprachlich unübertreffbar: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“ (K 293) „Wenn eine Geschichte eines Königs nicht verbrannt worden ist, so mag ich sie nicht lesen.“ (G 223): Wenn man diesen Aphorismus nicht für den revolutionären Republikaner in Anspruch nehmen kann, bleibt immer die weit vorausweisende sprachdenkerische Form: hier die Figur der faktischen Selbstaufhebung des nur grammatisch Möglichen. <?page no="34"?> 32 Das 18. Jahrhundert Die Rezeption Lichtenbergs unterstreicht seine singuläre Bedeutung für die Gattungsgeschichte. Seume und Platen sind ohne ihn nicht zu denken, Hebbel setzt sich andauernd mit den „Vermischten Schriften“ auseinander, für Schopenhauer ist er seit dessen Göttinger Studientagen eine Autorität, Nietzsche bringt ihm zeitlebens Höchstschätzung entgegen (und die ist rar), Kraus setzt sich bemüht von ihm ab. Durch das gesamte 20. Jahrhundert von Bloch und Benjamin über Tucholsky und Musil bis Canetti, Ernst Jünger, Hohl, Chargaff und Schnurre ist eine breite Rezeptionsspur nachweisbar, nicht nur ungemindert, sondern in herausragender und aktualisierter Weise. 2. Jean Paul: Gedanken und Bemerkungen Jean Pauls (1763-1825) Aphoristik steht in ihrer Bedeutung der Lichtenbergs wenig nach. Sie ist aber vergleichsweise viel weniger bekannt, auch weil der Nachlass, der sie birgt, zum größeren Teil erst in jüngerer Zeit veröffentlicht worden ist. Erhalten hat sie sich außer in einzelnen aphoristischen Einsprengseln in die Romane nämlich vor allem in den vielen Sammlungen seiner „Bemerkungen über den Menschen“ (1782-1825), „Einfälle“ (1782 bis ca. 1795) und „Philosophischen Untersuchungen“ (1790 bis mindestens 1823), seiner „Gedanken“ (1799-1824) oder „Merkblätter“ (1816-1825) und in anderen Materialheften, als Frucht säkularisierter und rationalisierter Selbstwie Fremdbeobachtung ein enormes Ideen-Reservoir, „Bausteine“ eines absoluten Leser-Literaten und immer von Aphoristik im engeren Sinne durchsetzt: „Wenn ich könnte, so möcht ich was noch kein Autor konnte und kann, alle meine Gedanken nach dem Tode der Welt gegeben wissen; kein Einfall sollte untergehen; aber wie ist dieß bei Reichthum zu machen.“ (VI, 722) So verwandt beide Autoren in ihrem aphoristischen Denken sind, wenn man eben auf die Rolle der Selbst- und Menschenbeobachtung, auf den Wert des Selbstdenkens und den Witz als Erkenntnisprinzip blickt oder auch auf die Bedeutung, die beide dem Traumerleben zumessen: die Unterschiede stellen sich mindestens ebenso deutlich dar. Jean Pauls Aphorismus gründet im Exzerpt; seiner überbordenden Phantasie und Empfindung steht Lichtenbergs Denkexperiment gegenüber; während Lichtenbergs Romanpläne in frühen Stadien scheitern, ist Jean Paul (außerdem) der Romancier par excellence. Er hat mehrfach „Lichtenbergs Einwirkung auf mich“ (VI, 755) bezeugt, aber sich doch auch reserviert geäußert als jemand, der weitergekommen zu sein meint. Über seinen Lehrer Platner ist auch der Weg vom lebensphilosophischen zum literarischen Aphorismus sowie die gegen das Systemdenken auf Erfahrung und Beobachtung gegründete gemeinsame Mitte beider besonders gut nachzuvollziehen. Als seine Vorbilder reflektiert er immer wieder Montaigne und La Bruyère, auch Lichtenberg und für seine autobiographischaphoristischen Spätpläne Goethe. In Jean Pauls Materialheften findet sich der Aphorismus neben autobiographischen Notaten, etwa zu den Unfreuden der Ehe, neben Selbstanweisungen und Selbstkommentaren, Sprachbeobachtungen (von Metaphorik, <?page no="35"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 33 Semantik, Motivik und Stilistik über Phonetik, Grammatik, Syntaktik, Reim und Rhythmik bis zum Apostroph und zum Punkt über dem i) und neben Traumaufzeichnungen, um nur diese Elemente zu nennen. Hier begegnet ein wahrhaft obsessiver Sammler und Schreiber, der bekennt: „Oft weiß ich kaum, was ich eigentlich aus mir machen soll als Bücher“ (VI, 746) und diesen „Nutzen“ notiert: „So oft ich auf der Brücke vor dem Man mit 2 Stöcken vorbeigieng, dacht ich, ich wolt es aufschreiben, und vergas es, blos weil ich alle Tage vorbeigieng - jezt hab ich den Nuzen, auch noch diese Bemerkung dazu zu machen.“ (V, 171f.) Die wachsende Masse seiner Notate ist ihm das ausgelagerte, feinmaschigere Gedächtnis, der Schreibvorgang selbst ist Erinnerung: „Jetzo indem ich zum Aufschreiben einer Bemerkung nach Vita hinlange, hab ich sie vergessen; und nur durch Schreiben hab ich dieses Bemerken des Vergessens nicht vergessen.“ (VI, 763) Auf vornehmlich drei Säulen ruht sein Aphorismus: auf (Selbst-)Beobachtung, Exzerpt und Vergleich. Der Selbstbeobachtung ist nicht die kleinste Regung des geistigen und physischen Menschen zu gering, um (wiederholt) notiert zu werden, und sei es das Niesen, erst recht die scheinbar unmerklichen Veränderungsprozesse: „Je älter man wird, desto toleranter gegen das Herz und intoleranter gegen den Kopf.“ (V, 139) Ihr Pendant ist die Menschenbeobachtung, im glücklichen Fall in eine Paradoxie, so sanft wie überfallartig, gefasst: Der Mensch ist gut und wil nicht, daß man vor einem andern als ihm selber krieche. (V, 31) Die wenigsten Menschen verdienen, daß man etwas von ihnen annimmt. (V, 372) Die Wegwendung von der Innensicht und die Beobachtung des Äußeren beginnen beim Schreibprozess mit „Dinte“ und Feder. Das eine folgt unmittelbar aus dem andern: „Eine lange Zeit lernt man darum die Menschen nicht kennen, weil man sie überal für besser hält als sich.“ (V, 196) Jean Paul mit seinem die längste Zeit begrenzten menschlichen Umfeld ist nur als Selbstkenner Menschenkenner, wie ihm bewusst ist: „An mir mach‘ ich die meisten Bemerkungen; und ich kenne vielleicht die Menschen nicht, aber ich kenne doch mich.“ (V, 8) Er verallgemeinert aus der Selbstbeobachtung: „Nach einem bösen Traum sieht man, welchen Stoff zu einer Hölle ein bloßes Gehirn in sich aufbewahrt.“ (VI, 269) Seine Menschenbeobachtung macht formal nicht vor den Widersprüchen im Widerspruch halt („Es gehört schon zu den Widersprüchen des Menschen, daß er welche zu haben glaubt.“; V, 31), inhaltlich nicht vor der mitleidlosen Konstatierung der Dummheit („Die Menschen sind so dumm, daß sie Gott selber kaum kann begreifen.“; VI, 253) wie der Bestialität: „Ich wollte man könnte die Menschen so zahm machen wie die Tyger.“ (VIII, 451) Überraschender Perspektivenwechsel ist erhellend: „Dem Vogel kommt des Menschen Besitzthum klein vor.“ (VI, 73) Besonders den Ambivalenzen und Subtilitäten der Wahrheit geht er adäquat ambivalent und subtil nach: „Wer wahr sein wil, ists schon nicht ganz mehr, er mus es gar <?page no="36"?> 34 Das 18. Jahrhundert nicht wissen.“ (V, 199) Nicht zu vergessen, dass er, nicht nur in den „Politischen Untersuchungen“, auch in ganz anderem Maße als Lichtenberg politischer Beobachter ist: „In England fürchten die Großen die Gesetze; bei uns müssen die Gesetze die Großen fürchten.“ (VIII, 838) Über die Beobachtung des Kleinen hinaus entsteht ein imaginativer Leerraum: Unten im Loche des Blumentopfes sieht man das Schlängeln der gepreßten Wurzeln. (VIII, 399) Schnee, der sich leicht ballen läßt, schmilzt bald. (VIII, 738) Dieser genuin ästhetisch-aphoristische Mehrwert, vom Autor angelegt, entwickelt sich nicht ohne die Mitwirkung des Lesers, die Jean Paul denn auch ausdrücklich fordert, damit die Beobachtung nicht „leer“ bleibe: „Wer irgendeine von diesen Bemerkungen weder in seinem Leben noch die Antizipazion in seiner Seele hat: findet sie bloß leer oder nichts. Etwas anderes ist, wenn einer eine falsch findet.“ (V, 239) Mit seinen 110 Exzerptbänden als Ersatzbibliothek und wichtigstes, durch immer neue Register erschlossenes Arbeitsmittel steht er in der deutschen Literatur einzig da. Sein Weg führt von der wahllos exzerpierten Wissensanhäufung über den Einfall zum kombinatorischen Witz: „Fremde Ideen sind die Insekten, die den Samenstaub von einem Gedanken in uns zum andern tragen und dadurch befruchten.“ (1996, 256) Das Vergleichsprinzip ist allmächtig, die Metaphern-Originalität unübertrefflich, wenn es etwa ganz im Lichtenberg’schen Stil heißt: „Sie ist ein feines Buch auf Schreibpapier, aber die Blätter sind noch nicht aufgeschnitten“ (VIII, 14) oder wenn die meisten Ehepaare für ihn „jetzt falsche Reime“ (VIII, 508) sind. Er legt sich da keinerlei Fesseln an: „Die Deutschen wie das Gras, erst gemäht riecht es gut.“ (VII, 486) Der Antrieb in diesem allmächtigen Analogisieren ist weniger als bei Lichtenberg das Bemühen um Bild-Erkenntnis als die poetische Freude, aus Vielwissen heraus die Fülle und Originalität seiner Metaphern zu schöpfen. Eine doppelte Verschränkung strebt er in seinem Spätwerk an: die von Autobiographie und Roman einerseits, die von Aphorismus, Essay und Autobiographie andererseits. Schon das vor 1804 begonnene sogenannte „Vita-Buch“ zeigt solche Ansätze; „eine Autobiographie, wenn auch aphoristisch und in der Form des Fragments“ (VI,2; 315): so nennt es sein Herausgeber. Im Zwischenraum von Essay und Aphorismus reflektiert Jean Paul die Vorbilder Montaigne und La Bruyère. In einer Zeitschrift will er das Diaristische, das Fiktionale und das Aphoristische miteinander verbinden, Ansätze zu einer höchst modernen Integration. Für einen vage entworfenen „Papierdrachen“ soll das Prinzip der vereinzelten, zusammenhanglosen Aufzeichnung mitbestimmend sein. Auch in diesem geplanten Werk kann man unter der Prämisse einer „transzendentalen Moralistik“ und unter den Kategorien von Vereinzelung und Zusammenhang erkennen, wie „Aphorismus und Roman ineinanderkonstruiert als Gestaltung des Konfliktzusammenhangs menschlichen Erkennens“ erscheinen. <?page no="37"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 35 Die Polymeter oder Streckverse Jean Pauls haben wir bisher noch außer Acht gelassen, etwa die „Schwefelblumen“ in den „Flegeljahren“. Es sind rhythmische Zweizeiler, die man als „dichterische Aphorismen“ auffassen kann, teils rhetorisch-gedanklich und prosaisch-aphoristisch, teils gefühlvoll, rhythmisiert und damit der Vers-Lyrik nahe, wie es diese beiden Beispiele aus „Dr. Katzenbergers Badereise“ zeigen: Völker-Proben. - Nur mit den gewaltigen Brennspiegeln werden Edelsteine untersucht, mit Eroberern die Völker. (SW 1, 6, 359) Die Verkannte. - Unglückliche, du trägst die Dornenkrone auf dem blutigen Haupte, doch ewige Rosen blühen auf deiner Brust. (SW 1, 6, 360) Sie können als frühe Vorläufer lyrisch-aphoristischer Tendenzen vor allem im 20. Jahrhundert gelten. Es ist vornehmlich das Umfeld von der Beobachtung bis zur metaphorischen Analogie, das Jean Paul innerhalb der Gattung besetzt. In dem Spannungsfeld des Aphorismus zwischen Poesie und Wissenschaft steht er damit bei aller Verwandtschaft mit Lichtenberg dem Pol der Poesie in derselben Weise näher wie dieser im Denk-Experiment dem der Wissenschaft. 3. Das romantische Fragment Die erste Blüte der Gattungsgeschichte manifestiert sich in der Zeit selbst in dem „Fragment“, wie es die Romantiker als die Idealform für ihr poetisches Philosophieren entwickeln, eine Blüte von besonderer Art. In der viel diskutierten Frage, ob diese „Fragmente“ nicht nur eine solche ‚besondere Art’, sondern geradezu eine eigene Gattung bilden, neigen die neueren Arbeiten, sofern sie nicht eine Festlegung vermeiden, dazu, sie von einer einheitlichen Gattung des Aphorismus her zu diskutieren, zumal Friedrich Schlegel, der maßgebende Theoretiker, nicht nur von „Fragmenten“ als der Form seiner denkerisch-dichterischen Bemühungen, sondern auch von „Aphorismen als Notizen der innern (Symphilosophie)“ (XVIII, 147) spricht. Das „Fragment“ gehört das ganze 18. Jahrhundert hindurch zu den offenen Sammelbegriffen, unter denen auch Aphorismen zu erwarten sind. Aus Luthers „Stückwerk“ („Denn unser Wissen ist Stückwerk“, 1 Kor 13, 9) leitet sich sein eschatologischer Aspekt, aus Johannes 6, 12 sein eucharistischer Aspekt her. Hamanns „Brocken“ (1758) gehen hier vorweg. Vor allem aber hat Herder „die Darstellung fragmentarischer, stückwerkartiger Erkenntnis in Deutschland zu Ansehen gebracht.“ Schlegel tilgt die Assoziationen des Bescheidenen einerseits, des (im Gegensatz zum Jenseits) hier vorläufig Unvollendeten, indem er das Fragment zu einer von vorneherein als Fragment intendierten literarischen Form erhebt. Dieses romantische Fragment ist dann seinerseits der Ausgangspunkt für das späte 20. Jahrhundert mit seinem „historisch bedeutenden Wandel von äußerer, produktions- und rezeptionsbedingter Fragmentarik zur Fragmentarik aus inhaltlicher Notwendigkeit“; das Fragment kann in dem Sinne einer notwendig fragmentarischen Gestalt des Äs- <?page no="38"?> 36 Das 18. Jahrhundert thetischen geradezu als „Leitmetapher der ästhetischen Moderne“ interpretiert werden. Die romantischen Programmtexte in der ‚Programm-Form’ haben in ihrer Dunkelheit und Ausdeutbarkeit die Forschung so fasziniert, dass sie wie die Steine einer wieder zu errichtenden Kathedrale um- und umgewendet worden sind; demgegenüber kann die Zusammenfassung dieser Rekonstruktionsversuche hier relativ knapp ausfallen, weil es nicht um die epochale Sonderrolle des Fragments geht, sondern um seine gattungshistorische Einordnung. Die Zeitschrift „Athenäum“ wird zum Organ einer Gruppe von Dichtern um Friedrich Schlegel (1772-1829) und Novalis (1772-1801), die die paradoxe Verbindung von zersplitterter Vielfalt und systematischer Einheit darstellen will und mit spekulativen Ideen zu einer umfassend-integrativen Welt- Erkenntnis programmatische Intentionen verbindet. Friedrich Schlegels „Fragmente“ erscheinen hier 1798 (auch sein Bruder August Wilhelm, Novalis und Schleiermacher sind daran beteiligt); 1800 veröffentlicht er seine „Ideen“, die Poesie und Philosophie in eine höhere Einheit überführen wollen, nachdem er in der Zeitschrift „Lyceum“ 1797 schon „Kritische Fragmente“ publiziert hat. Er geht nicht anders als sein Bruder, der zwei Jahre zuvor eine Chamfort-Rezension veröffentlichte, mit diesen innovativen Texten vor allem von dem Franzosen aus, übersteigt aber die empirisch-lebenspraktische Ausrichtung der Moralisten sogleich. Er prägt den Leitbegriff des Fragments, das sich in der Selbstdefinition so versteht: „Ein Fragment muß gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel.“ (Ath.-Fr. 206; II, 197). Die Verbindung von „Einfall“ und „Witz“ wird konstitutiv für seine Aphorismen: „Witzige Einfälle sind die Sprüchwörter der gebildeten Menschen.“ (Ath.-Fr. 29; II, 170) Der Witz („Witz ist eine Explosion von gebundnem Geist.“; II, 158) verknüpft als umgreifendes kombinatorisches Vermögen verschiedenste Aspekte und stellt pointiert punktuelle Einheiten her: „nicht mehr nur Stilprinzip, sondern ein spontan agierendes, letztlich unkontrollierbares Vermittlungsorgan der Realität“. Aus der Erkenntnis, dass dieser Zusammenhang „sich in endlicher Form nicht abbilden läßt“, entspringt die Ironie. Sie erwächst aus der „vermittelnden Zwischenstellung zwischen Enthusiasmus und Skepsis“ wie aus der Interpolation von Gegensätzen überhaupt. Schlegels Definitionen dazu lauten: „Ironie ist die Form des Paradoxen. Paradox ist alles, was zugleich gut und groß ist.“ (Lyc.-Fr. 48; II, 153); „Ironie ist klares Bewusstsein der ewigen Agilität, des unendlich vollen Chaos.“ (Lyc.-Fr. 69; II, 263); sie führen ihrerseits freilich nicht aus der ironischparadoxen Grundstruktur selbst hinaus. In der Logik dieser allumgreifenden Kombinatorik liegt auch das Experimentelle dieses Denkens begründet. Das Dialogische ergibt sich aus einer Kette produktiver Rezeption, das Integrative ist auf die Verbindung von scheinbar sich Ausschließendem gerichtet, einem „System von Fragmenten“. Dialektik und Paradoxie, das System betreffend, werden im Fragment Nr. 53 verschärft: „Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins <?page no="39"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 37 zu haben. Er wird sich also wohl entschließen müssen, beides zu verbinden.“ (II, 173) So abstrakt der integrative Zugriff zuweilen anmutet, der Poesie und Philosophie mit Moral und Religion zusammendenkt, so überraschend klar und eindeutig kann er andererseits sein, etwa was die Aufgabe der Kunst betrifft („Der Künstler, der nicht sein ganzes Selbst preisgibt, ist ein unnützer Knecht.“; Ideen 113; II, 267), auch in Fragen von Politik und Ökonomie: „Wo Politik ist oder Ökonomie, da ist keine Moral.“ (Ideen 101; II, 266) Die Fragmente konstruieren Erkenntnis nicht als deduktiven Zusammenhang, sondern wollen sie „als unabschließbare Bewegung in Gang setzen und offenhalten“. Deshalb ist ihre punktuelle Einheit notwendig heterogen, widersprüchlich und inkonsequent. Schlegels Idee einer progressiven Universalpoesie setzt auf den „wissenschaftlichen Witz“ als den „Vermittler zwischen System und Systemlosigkeit“: Die Gattung ist hier aufs engste mit der Idee der Integration von Wissenschaft und Kunst zusammengeführt: „Die ganze Geschichte der modernen Poesie ist ein fortlaufender Kommentar zu dem kurzen Text der Philosophie: Alle Kunst soll Wissenschaft, und alle Wissenschaft soll Kunst werden; Poesie und Philosophie sollen vereinigt sein.“ (Lyc.-Fr. 115; II, 161) Indem sie sich des Mittels der Ironie und der Form des Fragments bedient, ist sie in besonderer Weise auf unabschließbare denkerische Mitarbeit des Lesers angelegt. Nur diese kann die scharfen Paradoxien produktiv machen: „Auch in der Poesie mag wohl alles Ganze halb, und alles Halbe doch eigentlich ganz sein.“ (Lyc.- Fr. 14; II, 148). Novalis veröffentlicht im „Athenäum“ seine „Blüthenstaub“-Fragmente (1798) und in demselben Jahr „Glauben und Liebe oder Der König und die Königin“ mit ihrer politischen Utopie. Seine „Politischen Aphorismen“ werden von der Zensur unterdrückt und kommen erst postum 1846 heraus. Die große Masse seiner diversen Skizzen, Aufzeichnungen und Fragmente ist erst im 20. Jahrhundert editorisch gesichert zugänglich geworden. In die erste „Blüthenstaub“-Edition hat Friedrich Schlegel durch Tilgungen und Trennungen massiv eingegriffen, er hat die innere Logik sogar durch Einfügung eigener Gedanken zerstört; deshalb ist der Rückgriff auf die „Vermischten Bemerkungen“ nötig, wie sie die historisch-kritische Ausgabe im Paralleldruck bietet. (2, 412ff) Novalis sieht seine Fragmente als Sämereien: Bruchstücke eines fortlaufenden Selbstgesprächs und gleichzeitig Anregungen zum Weiterdenken. Zum einen ist er Schlegels Fragment-Denken sehr nahe und teilweise bis zur Verwechslung ähnlich, was die Funktion des Witzes betrifft („Der Witz ist schöpferisch - er macht Ähnlichkeiten.“; 3, 410), was die Paradoxie angeht („Den Satz des Widerspruchs zu vernichten ist vielleicht die höchste Aufgabe der höhern Logik.“; 3, 570), auch in der Einheit von Poesie und Wissenschaft: „Die vollendete Form der Wissenschaften muß poetisch sein. Jeder Satz muß einen selbstständigen Karacter haben - ein selbstverständliches Individuum, Hülle eines witzigen Einfalls seyn.“ (2, 527) Er ersehnt und ersinnt in seinen Fragmenten zum andern „das Unbedingte“ in Traum, Liebe und Poesie intui- <?page no="40"?> 38 Das 18. Jahrhundert tiv: „Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge.“ (2, 413) Eine fundamentale Spannung „zwischen Subjektivität und Individualität einerseits und der Intention auf übergreifenden Zusammenhang, auf Universalität andererseits“ drückt sich darin aus. Erkenntnis begreift für ihn von der Mystik her über die Vernunft hinaus wesentlich Ahnung und Intuition ein: „Ganz begreifen werden wir uns nie, aber wir werden und können uns weit mehr, als begreifen.“ (2, 413) Sie bezieht sich anders als bei Schlegel vornehmlich meditativ auf sich selbst: „Die Philosophie ist eigentlich Heimweh - Trieb überall zu Hause zu seyn.“ (3, 434) Das reicht bis an die Grenze der Mitteilbarkeit: „Die Sprache ist für die Philosophie, was sie für Musik und Mahlerey ist, nicht das rechte Medium der Darstellung.“ (3, 573) Mehr als bei diesem steht die kunstreiche Geschlossenheit seiner Aphorismensammlungen mit ihren vielschichtigen Bezügen im Vordergrund. Die interpretatorischen Bemühungen müssen sich darauf richten, „die genauen Beziehungen zwischen Denkweise und Darstellungsform anzugeben“. Die Wirkung des romantischen Fragments ist hier kaum anzudeuten. Sie ist äußerst vielfältig und keineswegs auf einzelne Epochen oder Autoren beschränkt. Es ist zu unterscheiden, ob einzelne der wesentlichen Inhalte rezipiert werden oder Elemente seines poetisch-philosophischen Grundansatzes. Das stellt sich bei Nietzsche, der ohne seine Romantik-Rezeption nicht zu verstehen ist, anders dar als in der Neuromantik des frühen 20. Jahrhunderts, durch die es auf Autoren von Wilhelm von Scholz bis Otto Heuschele wirkt, oder bei Martin Kessel und wiederum anders im postmodernen Fragmentarismus des ausgehenden Jahrhunderts, bei Peter Handke oder Botho Strauß. 4. Johann Wolfgang von Goethe: Maxime und Aperçu Für Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) sind vielfach abgeklärte Lebensweisheiten und Denkergebnisse in der entsprechenden spruchhaftendgültigen Form seit je von Bedeutung; er sammelt sie als „Eigenes und Angeeignetes“, veröffentlicht sie auch gelegentlich in Zeitschriften oder naturwissenschaftlichen Heften und stellt sie als Einschübe in Romanen zusammen. In die „Wahlverwandtschaften“ fügt er 1809 sechs Gruppen mit Texten „Aus Ottiliens Tagebuch“ ein. Für „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ stellt sein Sekretär Eckermann zwanzig Jahre später unter seiner Anleitung Texte aus ungeordneten Papieren zusammen, die er als „Betrachtungen im Sinne der Wanderer“ an das Ende des zweiten Buches, unter dem Titel „Aus Makariens Archiv“ an das Ende des dritten Buches und damit des ganzen Romans rückt. Dreimal diktiert Goethe einer fiktiven Frauenfigur Aphorismen in die Feder; alle drei Fälle sind gleichwohl von unterschiedlicher Bedeutung. Nur in den „Wahlverwandtschaften“ sind die Aphorismen so mit der Handlung verbunden, dass sie angemessen auch nur in ihrem Romankontext interpretiert werden können. Die neueren Interpreten haben denn auch an den „Wahlverwandtschaften“ das Idealbild einer ebenso situativ und personal wie funktional verknüpften fiktionalen Aphoristik entwickelt. <?page no="41"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 39 In dem Band 49 der Ausgabe letzter Hand, 1833 erschienen, lösen seine ersten Herausgeber diese Sammlungen wieder heraus und stellen sie gemeinsam mit den verstreut erschienenen Texten und solchen aus dem Nachlass zusammen. Diese „Maximen und Reflexionen“, mit denen Goethe auch als Aphoristiker zu größter internationaler Wirkung kommt (der Titel ist mit Heckers Ausgabe von 1907 sanktioniert), sind also nicht so sehr sein Werk als das Werk einer editorischen Konvention. Es bedarf aber genauer Einzelfall- Prüfung, wie die jüngere kritische Sichtung nachgewiesen hat. Sie kann bis zu dem Schluss führen, ihre globale Einordnung in die literarische Aphoristik sei unangemessen. Es ist nicht nur der Kontext der Erstdrucke zu berücksichtigen. Das Eingebundensein in eine Weisheitstradition ist Goethe wichtiger als individuelle Autorschaft. Er stellt unbedenklich auch Zitate oder nur leicht Abgewandeltes, eben „Angeeignetes“, ohne Herkunftsnachweis unter seine Maximen. Er sammelt, knüpft an, führt weiter, wo ihn Sätze aus der Weltliteratur dazu anregen, einer seiner vielzitierten Maximen gemäß: „Alles Gescheidte ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen es noch einmal zu denken.“ (1.239) Sie formuliert das Prinzip der produktiven Rezeption aufs knappste; nicht „noch einmal“ allein, nicht nachahmende Wiederholung, sondern „noch einmal zu denken“: aktive Neufassung. Neben dem Begriff der Maxime ist es der des Aperçus, den Goethe für seine Kurztexte bevorzugt: „Alles wahre Apperçu kömmt aus einer Folge und bringt Folge. Es ist ein Mittelglied einer großen productiv aufsteigenden Kette.“ (1.85). Sie sind formal vielfältig und reichen vom knappen Chiasmus („Wo der Antheil sich verliert, verliert sich auch das Gedächtniß.“; 1.113) und der pointierten Antithese („Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrthum.“; 1.346) bis zur kurzen Erörterung und zur Reflexion im Anschluss an eine Anekdote. Von der wissenschaftlichen Aphoristik her sind ebenso Verbindungslinien zu ziehen wie von der Moralistik. Bei thematisch breiter Anlage stehen Natur und Kunst im Mittelpunkt: „Die Natur wirckt nach Gesetzen die sie sich in Eintracht mit dem Schöpfer vorschrieb Die Kunst nach Regeln über die sie mit dem Genie einverstanden ist.“ (1.410) Grundkategorien wie Stoff, Form, Gehalt („Den Stoff sieht Jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der der etwas dazu zu thun hat, und die Form ist ein Geheimniß den meisten.“; 1.177) oder Allegorie und Symbol finden hier eine Formulierung, die auf Letztgültigkeit zielt: „Das ist die wahre Symbolik wo das Besondere das Allgemeinere repräsentirt, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.“ (1.196) Aber auch Geschichte und Zeitgenossenschaft sowie individualpsychologische und soziale Probleme sind regelmäßig im Brennpunkt des aphoristischen Interesses: „Man kennt nur diejenigen von denen man leidet.“ (1.426) In Goethes Aphorismuskonzeption steht Erkenntnis obenan: „Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht mehr.“ (1.47) Der aus der Anschauung denkende Naturwissenschaftler zielt auf die Integration der Literatur mit der Wissenschaft, freilich nicht in der spekulativen Art der Ro- <?page no="42"?> 40 Das 18. Jahrhundert mantiker, und macht den Aphorismus in diesem Grenzgebiet nutzbar und heimisch. Die vom Auge ausgehende Metaphorik ist in ihrem ganzen Umfang bis hin zur Betrachtung denkleitend: „Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.“ (1.152) Sie bezeichnet auch die Grenze, das „Unschaubare“: „Man sagt: zwischen zwey entgegengesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Unschaubare, das ewig thätige Leben in Ruhe gedacht.“ (1.330) Offenheit und Beweglichkeit sind als wesentliche Prinzipien mit der Gattung gegeben. Der Aphorismus steht für die Integration, die Goethe seit den „Lehrjahren“ in seinem Romanwerk intendiert; im Gedankenexperiment ist sie zu erproben. Wo es in den „Wanderjahren“ um den Versuch eines wissenschaftlichen Romans geht, da legt der Autor in den eingeschobenen Aphorismen Rechenschaft über die Bedingungen der Versuchsanordnung ab. „Die Geburt der Aphoristik aus dem Geiste der Naturwissenschaft“ hat man es genannt: „Eine solche Verbindung von Aphoristik und Wissenschaft tritt im Werk Goethes nicht voraussetzungslos auf, vielmehr gehört sie gattungsgeschichtlich von Beginn an zu den bestimmenden Wesensmerkmalen des Aphorismus.“ Unter Betonung der Einheit von Leben und Denken tritt dabei an die Stelle des Systems der Begriff des Organismus. Ein anderer Aspekt ist von gleichem Gewicht: Die Ethik, innerhalb der Gattung im ewigen Widerspiel mit der Ästhetik, steht gleichfalls eindeutig im Vordergrund. Und beide, Erkenntnis wie Ethik, sind in einem besonderen Sinne mit der Liebe verbunden. Schließlich ist das didaktische Element herauszuheben, in der Geschichte der Gattung von durchaus unterschiedlichem Gewicht und bei Goethe eindeutig betont, schon von der Maximenvorstellung her, die den Lebenslehrer weitgehend prägt. Lebensweisheit und moralisches Postulat gehen eine Einheit ein: „Was man nicht versteht besitzt man nicht.“ (1.28); der didaktische Impuls ist eindeutig impliziert: „Wer klare Begriffe hat kann befehlen.“ (1.746) Das Nachleben des Aphoristikers Goethe ist von größter Bedeutung, wenn es auch nicht den singulären Rang erreicht, den das Nachleben des Autors überhaupt einnimmt, denn von der ehrfürchtigen Berufung auf das große Vorbild per Zitat ist es abzuheben. Im 19. Jahrhundert ist Feuchtersleben in seinem Gattungsverständnis sehr genau von Goethe bestimmt, im weiteren Verlauf sind es kleinere Autoren wie Johann Jacob Mohr oder Berthold Auerbach, die sich weitgehend an ihm orientieren. Nietzsche schätzt ihn aufs höchste und empfindet sich gar in Teilaspekten als seinen Nachfolger; so wirkt der ältere Autor gewissermaßen auch durch ihn hindurch. Im 20. Jahrhundert verbinden sich so unterschiedliche Autoren wie Kraus, Morgenstern, Hofmannsthal oder Gerhart Hauptmann in ihrer Verehrung auch speziell des Aphoristikers Goethe; ihre Aphoristik freilich nimmt seine „Maximen“ oder „Sprüche in Prosa“ fallweise als Anknüpfungspunkt im einzelnen Aspekt, als geistiges Fundament oder gar als Kopievorlage. Die höchste Verehrung reicht bis in den konservativen Aphorismus der frühen Bundesrepublik hinein, der ungebrochen bestrebt ist, in diesem Genre Erkenntnis zu vermitteln und in verschiedener Gewichtung didaktische und ethische Zielvorstellungen damit <?page no="43"?> Der frühe Höhepunkt der Gattung um 1800 41 zu verknüpfen. Der harmonische Lebenslehrer in seiner Einheit von Denken und Leben ist dabei maßgeblich und vorbildlich. Spätestens in der Politisierung nach 1968 mit der Akzentuierung von Progressivität und Traditionsbruch wird der Goethe-Einfluss in der Breite ganz zurückgedrängt. Im Projekt gebliebenen Versuch einer Integration von Wissenschaft und Kunst, Philosophie und Poesie um 1800 spielt der Aphorismus eine entscheidende Rolle. Die Autoren dringen vermittelst dieser Gattung auf Erkenntnis zwischen Wissenschaft und Literatur und verordnen der Wissenschaft eine poetische Umkehr. Der „Konflikt von ‚logischer‘ und ‚ästhetischer‘ Wahrheit“ entspringt dem Widerspruch zwischen Erleben und Denken um 1800; zu seinem lebendigsten Ausdruck wird der Aphorismus: „Die Moralistik wird transzendental, ‚erkenntniskritisch‘ in dem von Kant begründeten Sinne“ und verfolgt die sich daraus ergebenden Konfliktformen „solchen ‚Erkennens‘ (als eines Entdeckens) zwischen Darstellung und Denken“. Für die Romantiker wird der integrative Ansatz vor allem in Friedrich Schlegels Konzept einer progressiven Universalpoesie formuliert, vielfach, lakonisch und paradox. In der „witzigen“ Verbindung von Wissenschaft und Kunst kommt dem Fragment als einem „Gedanken, der Physiognomie hat“, die wesentliche Funktion zu. Solcherart ist die literarische Gattung mit den großen Autoren um 1800 im Grunde etabliert. Sie wird aber immer noch vage verstanden; daraus resultieren die terminologischen Differenzen. Die einheitsstiftende Gattungsbezeichnung fehlt weitestgehend; der „Aphorismus“ bewegt sich vielfach in ihrem Umkreis, ohne sich gerade bei den Großen schon mit einem Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen. Im Vergleich von Goethe und Lichtenberg sind Kategorien, aus deren Spannung er sich konstituiert, vielfach herangezogen worden: das Individuelle und das Objektivierte, das Situative und das Generelle, Konkretion und Abstraktion, Erfahrung und Anschauung, Experiment und gültige Wahrheit, Beobachtung und Intuition, Einzelaphorismus und Denkzusammenhang. Möglicherweise findet die Gattung gerade in dem ästhetischen Ausgangspunkt einerseits, der ethischen Ausrichtung andererseits, in der Spannung von Satire und Maxime, Sein und Sollen ihre spannungsvolle Einheit, wie sie Goethe und Lichtenberg ideal repräsentieren. Mit der Vorherrschaft der Ästhetik Hegels, die die Kunst eindeutig der Kunstreflexion nachordnet und die Philosophie an die unbestritten erste Stelle setzt, ist die Idee einer Integration von Philosophie und Poesie aufgegeben; der umfassende Erkenntnisanspruch des Aphorismus in seiner frühen Hochphase relativiert und verwässert sich. <?page no="44"?> B. Das 19. Jahrhundert Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts laufen Gattung und Begriff noch weitgehend nebeneinander her. Die terminologischen Differenzen bei den bedeutenden Autoren dieser Zeit resultieren daraus, dass es noch kein Gattungsbewusstsein gibt, das sich über eine bestimmte Terminologie verfestigte; immer noch ist im Wesentlichen von aphoristischer Praxis ohne „Aphorismus“ zu sprechen. Das zeigt sich in der politischen Aphoristik in den „Betrachtungen“ Klingers, den „Apokryphen“ Seumes oder den „Stylübungen“ Jochmanns (Kap. I) ebenso wie bei verschiedenen Autoren der Biedermeierzeit, von Platen bis Glassbrenner (Kap. II); unverkennbar sind daneben die Ansätze zu einer Gattungsverfestigung und begrifflichen Normierung, dort etwa bei Börne, hier bei Feuchtersleben. Dass eine Gattungsgeschichte aber weiterhin nicht möglich ist ohne klare Zugehörigkeits-Entscheidungen, zeigt sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch einmal überaus signifikant: in der Verbindung von Tagebuch und Aphorismus bei Hebbel wie bei Grillparzer (Kap. III), Autoren, die man weder prinzipiell ausschließen noch undiskutiert der Gattung zuschlagen kann, sowie in den vielfach zu Aphorismen ‚geadelten’ Nachlassnotizen, etwa bei Heine (Kap. IV). Mit Schopenhauers formal alles andere als unproblematischen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ (Kap. V) ist die Gattungsverfestigung abgeschlossen. Der Aphorismus der 60er bis 80er Jahre (Kap. VI) bringt keine Höhepunkte. Die Prägung des Gattungsbewusstseins mit stärkster Austrahlung in das 20. Jahrhundert hinein geschieht erst, so konträr wie möglich, bei Marie von Ebner-Eschenbach und Friedrich Nietzsche (Kap. VII). I. Politische Aphoristik nach 1800 Nach dem ‚ideologischen’ Höhepunkt einer erkenntniskritischen, auf höchste Integration bedachten Aphoristik um 1800 erdet sich die Gattung gewissermaßen wieder. Der Aphorismus greift entschieden auf ein Terrain aus, das ihm alles andere als fremd ist, seit er in der Moralistik die Beobachtung des Menschen als eines Gesellschaftswesens zu seinem Sujet machte, diesmal mit eindeutiger politischem Akzent. In dieser Funktion ist er, vielleicht etwas überzeichnet, zum „genuinen Ort der Auseinandersetzung, Vermittlung und Versöhnung bürgerlicher und feudaler Interessen“ erklärt worden. Friedrich Maximilian Klingers (1752-1831) „Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur“ und Johann Gottfried Seumes (1763-1810) „Apokryphen“ stehen am Beginn der deutschen politischen Aphoristik; sie verfolgen die Gedanken der Aufklärung konse- <?page no="45"?> Politische Aphoristik nach 1800 43 quent bis in ihre konkreten politischen Konsequenzen hinein und sind folgerichtig anderthalb Jahrhunderte lang fast unbeachtet geblieben. Schon ihr Erscheinen ist mit Schwierigkeiten verbunden: Klingers „Betrachtungen“ werden 1803-05 anonym und unter fingiertem Ort verlegt, Seumes „Apokryphen“, entstanden 1806/ 07, erst 1811 postum - und in verstümmelter Form - gedruckt. Ihre Aphorismen stehen in einem vielfältigen Bezugsfeld der Spätaufklärung: Da ist zunächst ein offener Aphorismusbegriff, dem sich die beiden Autoren zuordnen lassen; er schließt Autoren von „Aphorismen“ der Lebensphilosophie wie Platner und Felner ein und läuft mithin auf eine ungetrennte philosophisch-literarische Mitte hinaus. Da ist andererseits der Bereich der verschiedenartigen vermischten Bemerkungen, aus dem vor allem Klingers „Betrachtungen“ deutlich herauswachsen. Der Jugendfreund Goethes begibt sich auf der Suche nach einem Auskommen 1780 in russische Dienste. Er lebt fortan in der Spannung zwischen dem aufklärerischen Autor und dem höheren Hofbeamten; seine politischphilosophischen Romane müssen anonym erscheinen. Für kurze Zeit darf er nach 1801 die Hoffnung hegen, dass sich der Zwiespalt zwischen beharrender feudalabsolutistischer Praxis und seinen behutsam fortschrittlichen Ideen verringert. Reformen im Bildungs- und Erziehungswesen treibt er mit voran. In dieser Zeit entstehen die „Betrachtungen“. Es scheint nicht ganz abwegig, dass Klinger, wie vermutet wurde, zu ihrer Form auch deshalb greift, weil er durch seinen Dienst in hohem Maße in Anspruch genommen ist und die Muße für eine andersartige Ausarbeitung fehlt; ausschlaggebend ist dieses Motiv aber nicht. Die Reformen scheitern, und Klinger sieht sich fortlaufend mehr isoliert. Als er die „Betrachtungen“ 1809 in seine Werkausgabe aufnimmt, überarbeitet er sie stark: Er streicht 181 der 957 Stücke, er entschärft an vielen Stellen. An einer modernen historisch-kritischen Ausgabe, die das Ausmaß dieser Selbstzensur erst vollständig zeigen könnte, fehlt es noch. Die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Buch lässt aus durchsichtigen Gründen gleichfalls viel zu wünschen übrig, auch wenn Klinger mit der politischen Öffnung der Germanistik und einer sozialgeschichtlichen Wende nach 1970 kurzzeitig vermehrt Interesse fand. Der Einfluss der französischen Moralistik ist dabei eine Konstante; dass Klinger formal keinesfalls in dieser Tradition steht, bleibt demgegenüber regelmäßig sekundär. Zu Anlage und Intention der „Betrachtungen“ hat der Autor sich in mehreren Stücken selbst geäußert. In Nr. 416, in der er ausdrücklich kein in Kapitel eingeteiltes „regelmässiges Buch“ will, verbindet sich die vorausweisende Differenzierung zwischen (äußerer) Verbindungslosigkeit und (innerer) Zusammenhanglosigkeit mit dem Vertrauen auf die Rezeption: Man würde mir dadurch eben den Gefallen thun, den man einem Odendichter thäte, wenn man seine Oden zerschnitte, und unter einem moralischen Inhaltsverzeichnis dem Publikum gäbe. Meine Gedanken sind freylich keine Oden, das beweist ja die schlichte Prosa; aber es läuft doch, wie durch die verworren scheinende, von einem Gegenstand zum andern springende Ode, ein einziger Geist <?page no="46"?> 44 Das 19. Jahrhundert und Sinn hindurch, den soll der Leser nun selbst ausfinden, wenn es ihm der Mühe werth scheint. (Nr. 416) Im unmittelbaren Anschluss an das Bekenntnis zu schonungsloser Selbstbeobachtung legt er als die Grundvoraussetzung seiner Aphorismen seine umfassenden Möglichkeiten zur komplementären Menschenbeobachtung dar, auf den inneren Beweggrund folgt der äußere (589). Er formuliert den klassischen Doppelschritt von Erfahrung und Reflexion, aus dem sich das selbstgestellte Ziel ergibt: Was ich mit allen diesen Betrachtungen und Gedanken, in teutscher Sprache, zu dieser Zeit will? - K r a f t e r w e c k e n ! [...] Indessen erhalte ich durch diese Gedanken meine Kraft wach und muthig; und so ist hier der Autor selbst Zweck seines Buchs. Ich schreibe also hier nur Bündnisse mit meinem eignen Geiste nieder, und er selbst drückt den Talisman darauf. (651) Die pointierte Kürze fehlt den „Betrachtungen“ in aller Regel. Die Hochachtung für den „witzigen Einfall“ und den „starken, verwegnen Gedanken“, „plötzlich, ganz ausgerüstet dem Geist“ entsprungen (10), bleibt weitestgehend Theorie. Es sind recht eigentlich abgerissene Gedanken, die Klinger mitteilt, nach den Entstehungsjahren 1801-1804 geordnet, im Durchschnitt unter einer Seite lang, nicht selten auch beinahe zu kurzen Essays entwickelt. Sie rhetorisch aufzuputzen, etwa im Chiasmus (378), das ist seine Sache nicht. Vielfach lassen sich lose Zusammenhänge beobachten. Alles andere als knapp und kurz ist auch ihre Syntax; sie ist durchweg eher an der lateinischen Periode orientiert. Bildkräftig allerdings sind sie durchaus; wenn die verstandesmäßige Einseitigkeit zur Sprache kommt, heißt es metaphorisch eindrucksvoll: „Ohne das Kissen der Sinnlichkeit lägen wir zwar auf einem sehr reinen, aber sehr kalten Marmor, und wahrscheinlich würden wir darauf erstarren.“ (30) Das Signum von Klingers Aphorismen sind recht eigentlich die Fragen, rhetorische Fragen, Bestätigungsfragen, die seine Gedankengänge durchziehen, teils der Selbstbefragung dienend, teils der zwingenderen Überzeugung des Lesers. Nicht selten bilden sie den Ausgangspunkt eines Aphorismus: „Wer wagt zu sagen: ich will den Menschen mahlen? “ (705) Wenn seine „Betrachtungen“ auch gedanklich präzise sind und politisch keineswegs im Vagen bleiben, so ist ihnen doch sozialpolitische Schärfe eher fremd. Ihr Autor verteidigt sein teilverdecktes Sprechen, das ihm offensichtlich von radikalerer Seite zum Vorwurf gemacht wird: „Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler. Wenn ich sage, das Volk ist das Aas, dass [! ] der verschwenderische Fürst zum Frass hinwirft, so brauche ich doch nicht zu sagen, wer die Adler sind? “ (238) Klingers „Betrachtungen“ wurzeln zumindest formal weit eher in den vielfältigen und gattungsmäßig offenen vermischten Bemerkungen der aufklärerischen Menschenkunde als in den pointierten Maximen der älteren Franzosen, wenngleich er diese natürlich kennt. Neben dem Aphoristisch- Essayistischen bedienen sie sich zahlreicher anderer nichtfiktionaler Gattungen. So pflegen sie gelegentlich den Dialog, der mit dem Aphorismus über <?page no="47"?> Politische Aphoristik nach 1800 45 das Antithetische in enger Verbindung steht. Es werden Anekdoten verwendet, bezeichnenderweise aber so, dass das Gnomische dieser episch-gnomisch zwittrigen Gattung verstärkt wird. Was die Regel betrifft, so bildet sich hier ein bezeichnender Zwiespalt ab. Klinger bestätigt das Regelhafte der Gattung in „Einigen kurzen Regeln in Fragen zur Selbstkenntniss“ („Was hab ich aus mir gemacht? Was hätt‘ ich aus mir machen können? “; 582); im Prinzip aber ist er skeptisch, dass aus Geschriebenem Erfahrung zu gewinnen sei: „Einem Unerfahrnen Lebensregeln geben, heisst: einem Ungeübten Unterricht im Fechten durch Zuschauen geben.“ (12) Und er kritisiert falsche Lebensweisheiten: „Noch ein kleiner Vergiftungsspruch: Schmeicheleyen kosten nichts! wahr! Wenn man seinen und Anderer moralischen Werth für Nichts rechnet.“ (495) Für „die Höllenfahrt der Selbstkenntniss“ (711) gibt es keinen Ersatz. Was die formale Vielfalt überwölbt, das ist in jedem Fall das Rekurrieren auf dem Selbstdenken und als das Pendant die Wendung gegen philosophische Systeme, die „hochfliegenden Philosophen“ (272) mit ihrer „jetzt herrschenden, kalten, auftrocknenden [austrocknenden? ], erstarrenden Philosophie“ (214). Bei den Themen Klingers verbindet sich mit dem großen Bereich der Menschenkenntnis die kritische Reflexion, in mehrere Richtungen gebündelt: politisch, theologisch, literarisch. Wenn man von dem Menschenkundler Klinger spricht, so muss man sich klarmachen, dass er eine größere Karriere im Feudalsystem gemacht als Goethe - Weimar ist nicht Petersburg - und von daher auf einer unvergleichlichen Erfahrungsbasis aufbauen kann. Diese praktische Menschenkunde durchzieht das Buch, freilich sehr stark auf das Hofleben, die höfische Gesellschaft, fokussiert. Wenn er (sich) fragt: „Und wer ist nun der Hauptlehrer der Menschenkunde? “ (504), so zielt das nicht auf eine Person, einen klassischen Autor etwa, sondern es eröffnet den Katalog der menschlichen Schwächen, wie wir ihn aus der Geschichte der Aphoristik bereits zur Genüge kennen, von Eigenliebe und Egoismus bis zu Heuchelei und Schmeichelei. Wo er solcherart „auffallende Ähnlichkeiten zwischen den Ärzten der Seele, des Herzens (den Moralisten) und den Ärzten des Leibes“ (154) diagnostiziert, da ist er am nächsten bei Gracián und den französischen Moralisten wie auch bei Platner, als Arzt einem Erforscher des ganzen Menschen. Unbedingtes Axiom dabei ist das Erfahrungs-Denken von sich selbst her ebenso wie der Rückbezug auf sich. Selbstbeobachtung auch „meiner eignen Thierheit“ (31) ist der Grund, „gänzliche Aufrichtigkeit mit und gegen sich selbst“ (382) absolute Forderung. Wenn er von einem „tief denkenden Mann [spricht], der kühne, starke Gedanken und Einfälle über Menschen und die moralische Welt mit Wärme so offen und frey hinwirft, als sie plötzlich in ihm entstehen“ (316), spricht er auch verdeckt von sich und seinen literarischen Idealen. Sein Menschenbild geht von einem „Haupttext“ aus, der zwischen Selbst- und Fremdbestimmung die Möglichkeiten offen lässt: „Der Mensch kann alles aus sich machen, und man kann alles aus ihm machen; dieses scheint mir der Haupttext für den zu seyn, der das kühne Werk unternimmt, eine Geschichte <?page no="48"?> 46 Das 19. Jahrhundert der Menschheit zu schreiben.“ (243 [recte 743]) Es scheint am ehesten in einer doppelten Weise erkennbar zu sein: negativ gegen Verdinglichung, positiv auf Vermittlung gerichtet. Für die entfremdende Instrumentalisierung und Verdinglichung des Menschen hat er einen geradezu modern anmutenden Blick, wenn er etwa präzise zusammenfasst: „Man hört zu Zeiten Welt-, Hof- oder Geschäftsleute sagen: ‚Der Mann ist mir zu gescheidt! ’ das heißt: ‚er ist kein Werkzeug! ‘“ (587) Sein Denken vermittelt zwischen Polen wie Optimismus - Pessimismus (1), idealisierender Dichter - Satiriker (4), „fanatischroyalistischer“ - „fanatisch-demokratischer“ (13) Schriftsteller, es interpoliert zwischen Ideal und erfahrener Realität wie zwischen Jung und Alt (450). Zwischen Gut und Böse wählt es seinen pragmatischen Mittelweg, der dem menschenverachtenden Zyniker ebenso verschlossen ist wie dem weltfremden Idealisten: Wären die Menschen so schlimm, als sie Mancher denkt und mahlt, so liesse sich gar nicht mit ihnen leben; wären sie so gut, als sie Mancher haben will, so bliebe das Leben selbst stehen. So segeln oder laviren wir in der Mitte, wenn auch nicht mit Vertrauen, doch mit dem Schein davon, die Andern thun dasselbe gegen uns, und das Leben geht. (460) Vor allem richtet sich die Vermittlung auf das der Gattung konstitutive Miteinander von Vernunft und Gefühl: „Gefühl und Vernunft sind die Sonne und der Mond am moralischen Firmament. Immer nur in der heissen Sonne, würden wir verbrennen, immer nur im kühlen Mond, würden wir erstarren.“ (115) Herz und Geist sind als Gespann eine Konstante der „Betrachtungen“. „Hohe Poesie im Herzen, und kalte, philosophische, selbst gemachte Welterfahrung und Menschenkenntniss im Kopfe“ (540): das ist sein aus sich selbst entwickeltes Ideal. Das, was er im Folgenden beschreibt, nimmt er selbstverständlich für sich in Anspruch; damit ist er nichts anderes als ein genuiner Aphoristiker, zumindest fürs erste in der Theorie: Man kann ein klarer Denker ohne Gefühl, aber kein starker, kühner Denker ohne dasselbe seyn. Der erste übt eine Fähigkeit in völliger Besonnenheit und wirkt nur durch den Kopf. Bey dem letzten denkt der G e i s t , und in dem Augenblick, da das Feuer des Herzens das Gedachte durchglüht, fühlt er, dass das von ihm Hervorgebrachte wahre Schöpfung geworden ist. (525) Klinger entdeckt in dem Miteinander von Denken und Fühlen eine überraschend politische Seite, und damit sind wir schon bei der Kritik, wie sie die „Betrachtungen“ grundiert: „Wenn das Denken in einem Staate nicht erlaubt ist, so fühlt man nur - und das endlich so gewaltig, dass man vor lauter düsterm, starkem, Fühlen wirklich nicht mehr denkt. Darum müsste man nun auch, um immer auszukommen, das Fühlen in einem solchen Staate verbieten können.“ (365) Er fordert „Gedankenfreiheit“‚ indem er im Modus des Konjunktivs die Einschränkung der ‚Fühlfreiheit‘ erörtert: klassisch-aphoristisches Weiterdenken in eine ironisch gezeichnete Möglichkeitswelt hinein. Eine dreifache Stoßrichtung nimmt seine kritische Grundhaltung: gegen die Herr- <?page no="49"?> Politische Aphoristik nach 1800 47 schaftskasten im Absolutismus, dann gegen die Kirche, speziell die katholische, schließlich gegen alle romantisch-mystische Literatur. Er kritisiert weniger die Herrschaft kluger Fürsten als die gesamten Herrschaftscliquen. Sein Angriffspunkt ist dabei immer ähnlich: Lug und Trug des Hoflebens prangert er an, Intrige, Kabale, Verstellung wird er nicht müde, in der Beschreibung zu geißeln. Der Vorwurf, er laboriere damit nur an den Symptomen, hat vielleicht einen anachronistischen Kern. Für Klinger besteht der aufgeklärte Fortschritt darin, dass der wahre Herrscher jetzt wie ein verwandtes Wesen erscheint, Gegenstand der Verehrung und nicht des Schreckens; er geht von einer unkonkreten Form des geistigen Republikanismus aus (360). Das kann man inkonsequent und halbherzig nennen, Vorwürfe, wie sie dem Schriftsteller als loyalem höheren Staatsdiener nicht selten gemacht worden sind, man wird es in jedem Fall aus seinem vermittelnden Denken heraus verstehen können. Die Kritik am christlichen Glauben wie insbesondere an der katholischen Kirche und ihren Vertretern dominiert sehr stark. Konstanten der Kirchenkritik bis zu Karl Heinz Deschner im 20. Jahrhundert liest man heraus, die „Eroberungssucht“ (80) des Christentums, „den Priestergeist, von dem er [Christus] so ganz entfernt war“ (216), die Verstrickung in die Politik allgemein. Wo Klinger Fundamentalkritik übt und tragende Pfeiler wie den Auferstehungsglauben in kühlem Rationalismus reflektiert, da hat er in der zweiten Auflage wohl besonders kräftig eingestrichen. Auf den „Beweis, dass der Mensch die Idee von Gott selbst erschaffen sollte“ (330), verzichtet er dort freilich nicht. Ein Gespräch, das damit einsetzt, dass der eine Dialogpartner den andern darüber in Kenntnis setzt, „dass man anfängt, Sie in der Stadt und sogar am Hofe für einen Atheisten auszuschreyen“ (276), ist durchaus apologetisch zu verstehen. Der scheinbare Atheist baut seine Verteidigungslinie auf der Differenz zwischen Reden und Handeln auf: „Bin ich einer [...] so bin ich es bloss durch die Praktik meiner gläubigen Ankläger geworden.“ Wo sich der Autor literarischen Fragen widmet, da bleibt er unter gattungshistorischem Aspekt über weite Strecken aufschlusslos. Seine entschiedene Ablehnung alles mystisch Romantischen hingegen erweist ihn als Vertreter der Spätaufklärung, der für avanciertere, ‚modernere‘ literarische Konzepte kein Verständnis mehr aufbringt: „Durch ihre schwülstigsophistischen Theorien, in welchen sie uns nun schon ihre bloss aus dem Reiche der Phantasie zusammengesetzten Darstellungen, als die einzigen, wahrhaft dichterischen aufstellen, beweisen sie uns sogar logisch, dass sie gar keine Achtung mehr für die wirklich politische Grösse des Menschen haben.“ (618) Weiter heißt es in dieser scharfen Abrechnung: Der Geist Jakob Böhms und die Geister der Verfasser der Legenden ragen aus den düstern Darstellungen einiger dieser grossen Dichter so hervor, dass man gezwungen ist zu denken, sie hielten die Verfinsterung des Verstandes und den ihr verbrüderten Despotismus für die moralische Seligkeit des Menschen und die wahren Quellen der dichterischen Begeisterung. (618) <?page no="50"?> 48 Das 19. Jahrhundert Die Frontstellung ist klar: phantastisch-abergläubische Verfinsterung auf der einen Seite, klare Vernunft und aufklärerische Politik auf der andern. „Während unsre Theologen der Vernunft huldigen, kultiviren jetzt unsre Dichter - unsre großen Dichter - die Mystik“ (641), setzt er etwas später mit derselben Stoßrichtung an. Und er weist wiederum explizit auf die schädliche Rezeption Böhmes in der Gegenwart hin, wie sie ja etwa bei Novalis hervorsticht: „Stehen nicht mitten unter uns, in unsern so genannten Philosophen und poetischen Poeten die Jakob Böhme, Lavater, Gassner, Swedenborg u.s.w. noch toller auf, als sie in der Wirklichkeit gelebt haben? “ Klar hebt er sich am Ende ab: „Der Menschenbeobachter lässt sich nicht von dem Schein des Augenblicks blenden.“ (722) Nicht nur unter literarhistorischem Gesichtspunkt lassen sich deutliche Schlüsse ziehen, auch unter begrenzt gattungshistorischer Perspektive erweisen sich damit das romantische Fragment und Klingers eigene menschenkundlerisch-politische Aphoristik als in unversöhnlichem Gegensatz stehend. Klingers Rezeption, zumal die des älteren, ist ausgesprochen dürftig, obgleich die „Betrachtungen“ 1803 einen unerwarteten Erfolg haben. Jean Paul urteilt sie schon in der „Vorschule der Ästhetik“, die 1804 erscheint, klar ab, wenn auch nicht ohne einen positiven Akzent: „ebenso tief in Staat-, Welt- und Menschenkenntnis als seicht in Philosophie und Ästhetik“, in dem Gebiet eben, auf das es ihm ankommt. Das ungeschütztere Urteil finden wir in den „Ästhetischen Untersuchungen“, die er nach dem Erscheinen der „Vorschule“ fortsetzt: „Alle seine [Klingers] philosophischen und dichterischen Aphorismen null, ja die philosophischen gehören zum Bruch“. Von größerer Bedeutung in unserem Zusammenhang sind Klingers Verbindungen zu Seume. Dieser widmet den „Betrachtungen“ eine enthusiastische Rezension in der „Zeitung für die elegante Welt“ 1803. Die Deutschen könnten stolz auf diesen „Miszellenmacher“ und seine „Sachen von großem Wert für Menschenkunde, Politik, Moralität, Ästhetik, Kunst und Philosophie“ sein. Sie seien „etwas wahrhaft Nahrhaftes aus der wirklichen“ Welt, verfasst von einem „Dichter und Weltmann in hohem Grade, und beide werden vom Denker beherrscht“. Weiter heißt es: „Ich glaube nicht, daß unsere Schulen, deren Gedanken seit geraumer Zeit nicht in dieser und von dieser Welt sind, ihm den Titel Philosoph zugestehen werden.“ Damit nimmt Seume genau den Punkt auf, auf den es Jean Paul ankommt. Es geht wieder um den Begriff der Philosophie, die bei den klassischen Vertretern der Zeit „nicht in dieser und von dieser Welt“, bei Klinger aber aus der „wirklichen“ Welt ist. Im Grunde steckt hinter diesem Streit noch immer der ältere Gegensatz der Lebenszur Schulphilosophie. Seume ist zeitweise gleichfalls in russischem Dienst, und nach seiner Wanderung nach Sizilien, deren Beschreibung ihm 1803 großen Erfolg bringt, unternimmt er 1805 eine Reise nach Polen, Russland und Nordeuropa. Dabei lernt er Klinger in Petersburg kennen, der ihn dort halten will und ihm - vergeblich - eine Offiziersstelle und eine Professur anbietet. In „Mein Sommer 1805“ berichtet Seume darüber, wie man gemeinsam die Nachricht vom Tode Schillers entgegennimmt. Seume schickt ihm das Buch und erntet erst 1808 späten, <?page no="51"?> Politische Aphoristik nach 1800 49 knappen, förmlichen Dank. Als er ihn im Jahr darauf um Fürsprache für eine Pension bittet, erhält er eine kühle, abschlägige Antwort. In einem Brief an Wieland vom Januar 1810 unterscheidet er dennoch den vermeintlichen Freund, der ihn schwer enttäuscht hat („ich werde ihm nie etwas ähnliches wieder zumuthen, nie, und sollte ich vor seinen Augen zu Grunde gehen“), und den Autor: „Ich habe trotz diesem allen große Achtung vor ihm.“ Wo Klinger aufhört, geht Johann Gottfried Seume weiter, ohne jede Selbstrücksicht, und er bleibt dabei in der Gattung, von der beide nur eine höchst unsichere Vorstellung haben und haben können: „Apokryphen nenne ich Dinge, aus denen man so eigentlich nicht recht weiß, was man zu machen hat.“ (11) Nicht nur die „Schmieralien“, wie Seume seine Kurztexte selbst nennt (560f.), auch die 1796 und 1798 erschienenen „Obolen“, die seinem Lehrer Platner gewidmet sind, lassen sich an Lichtenbergs „Schmierbuch- Methode“ und „Pfennigs-Wahrheiten“ (F 1219) anschließen. Die beiden Bändchen bezeugen zum einen schon sehr früh seine Neigung zu Sentenz und Aphorismus, zum andern sind sie ein weiteres Beispiel für die beliebte Mischgattung heterogener Bemerkungen. Sie enthalten neben Prosa, etwa Anekdoten, auch Lyrik und Übersetzung, dazu im aphoristischen Gattungsfeld kritisch zugespitzte Auszüge und „Bemerkungen“ (417-419). Sie bleiben ganz im klassisch-moralistischen Umkreis, durchaus von den „Apokryphen“ verschieden, denn der politische Seume fehlt noch ganz: „Wen Lob und Tadel in die Höhe heben und zu Boden schlagen, ist eben so schwach, als der vermessen ist, dem beides ganz gleichgültig bleibt.“ (417) Als Vorbilder sind neben Klinger und Lichtenberg Platner (mit zu eindeutig negativem Resultat) und sogar Novalis herangezogen worden, zu dem einer der ersten Rezensenten Parallelen zu erkennen meint. Aber gegen diese zeitgenössische Unschärfe steht doch entscheidend Seumes eigene Bemerkung, die ihren Angriff genau wie Klinger gerade gegen die Mystik in Novalis‘ Fragmenten richtet; den „Freund“ kann man nicht anders als hoch ironisch lesen: „Ich habe gemerkt, daß der Mystizismus bei Gebildetern meistens Nervenschwäche und Magenkrampf ist. Mein Freund Novalis steht an der Spitze.“ (27) Wie dort sind es Böhme und Böhme-Rezeption, die auf die schärfste Kritik stoßen (46). Friedrich Schulz hat Seume gekannt. Nicht nur von daher sind die Kenntnis und damit verbunden auch ein latenter Einfluss der französischen Moralistik nicht von der Hand zu weisen. Höher einzuschätzen ist der Einfluss der „lateinischen Sprichwörter, welche Weisheit des Lebens lehren“ (1, 34) und die er noch in „Mein Leben“ ausdrücklich der Lektüre anempfiehlt. Plutarch, Tacitus, Seneca, diese großen Namen in der Vorgeschichte der Gattung sind bei ihm ungebrochen wirksam. Die „Apokryphen“ sind in ihrer Gesamtheit vielleicht am ehesten als politisch-moralphilosophische Glossen zu betrachten; eine Gattungszuordnung ist das letzte, das den Politik- und Militärbeobachter Seume interessiert. Auch wenn sie nicht sonderlich originell ist, sollte die Doppelkategorie des Einer- <?page no="52"?> 50 Das 19. Jahrhundert seits - Andererseits hier noch einmal fruchtbar zu machen sein, in formaler wie inhaltlicher Hinsicht. Einerseits ist aphoristische Pointierung relativ selten zu beobachten; Einzelsätze nehmen weniger als die Hälfte des Umfangs in Anspruch. Andererseits sind auch Passagen in langen Texten von aphoristisch-rhetorischem Schliff, so in diesem Chiasmus, der sich zur Isolierung geradezu aufdrängt: „[...] Wo sich die Kleinen vor den Großen bücken, sind gewiß die Kleinen vor den Großen nie gehörig sicher. [...]“ (2, 65) Einerseits kann man durchaus nicht immer auch nur von Lakonismus sprechen (z. B. 37). Andererseits sind die klassischen aphoristischen Formelemente schon vielfältig verwendet, die Anfänge des Wortspiels (Christentum - „christendumm“, 34) ebenso wie die Anfänge der Sprichwortweiter- und -gegenführung. Seume komplettiert einen „halbwahren Satz“ („Wer keinen Freund hat, verdient keinen“) auf höchst individuelle Weise: „Aber wer keinen Feind hat, verdient keinen Freund; möchte eher zu beweisen sein.“ (89) Die Umkehrung wird zum Mittel der Zeitkritik. Wenn es nach dem Buch Hiob 39 beispielsweise bei Erasmus heißt: „Wo ein Aas ist, das sammeln sich die Adler“, dann fährt er fort: „Jetzt heißt es: Wo Adler sind, da sammeln sich die Leichen.“ (95) Nicht anders als ein Jahrhundert später denkt er in dialektischer Verschränkung statt sprichwortgemäß plan, mit kleinen Mitteln ein großer Schritt: „Eine gute Tat, wenn sie wirklich die Probe hält, ist besser als Millionen guter Worte: aber manchmal ist das Wort die Tat selbst; und dann hat es hohen Wert.“ (120) Die pointierte Antithese ist unmittelbar mit gesellschaftspolitischen Folgerungen verknüpft: „Wer aus sich heraus lebt, tut immer besser, als wer in sich hinein lebt.“ (11) Der Imperativ der schieren Anweisung mit gattungsgemäßem Universalitätsanspruch („Tragt Mathematik ins Staatsrecht, und alle Schäden werden geheilt.“; 34) fehlt ebensowenig wie die aphoristische Definition. In der genial lockeren Handhabung solcher Mittel geht ihm Lichtenberg voraus. Seume hat ihn gelesen, wie etwa sein Hinweis auf das Messer ohne Stiel beweist (90). „Wer nur das Mittel ausfindig machen könnte, die Schurken auf Pränumeration zu henken, würde der erste Heiland der Welt werden.“ (78) Eine solche konjunktivisch formulierte Vorstellung würde auch der Kenner in den „Sudelbüchern“ suchen wollen. Die Art, den gerade umgekehrten Schluss zu ziehen, machte gleichfalls dem Vorgänger alle Ehre: „Wenn ich von jemand höre, er sei sehr fromm, so nehme ich mich sogleich sehr vor seiner Gottlosigkeit in acht.“ (43) Die Verbindung von Herz und Kopf mit Kälte und Wärme (61) ist dort vorgebildet. Erinnert an ihn werden wir nicht zuletzt auch, wenn Seume in genauer Selbstbeobachtung körperliche Symptome angesichts einer „liquiden Schurkerei“ bemerkt und schließt: „Das gibt mir einiges Zutrauen zu meiner moralischen Natur.“ (127) Das alles kann allerdings den Blick für das prinzipiell Eigene des politisch fokussierten Jüngeren nicht trüben, beginnend bei der Beurteilung des Witzes, die mit der Metapher der „Krätze des Geistes“ (18) durchaus lichtenbergisch beginnt, dann aber auch die „ernstere Sonde“ gleichgewichtig in ihr Recht setzt. <?page no="53"?> Politische Aphoristik nach 1800 51 Die betont ambivalente Beurteilung setzt sich im Inhaltlichen fort. Einerseits ist viel Tagespolitik verarbeitet. Wo sich thematische Monotonie und tagespolitischer Bezug verbinden („jetzt“ ist das sprachliche Signal), da ist Seume literarisch besonders schwach. Politische Leidenschaft und Gedankenfülle stehen hier in einem eher ungünstigen Verhältnis, und nur gelegentlich kommt der Autor durch die nachhaltige Formulierung über den Anlass hinaus: „Jetzt führen die Franzosen eine schlechte Sache gut und die Deutschen eine gute Sache schlecht.“ (70) Andererseits gelingen ihm auf Anhieb zeitlose strukturelle Analysen, die sich unmittelbar über jeden Feudalismus-Bezug erheben, wie hier in den Kategorien Klein und Groß: „Niemand ist vor den andern ausgezeichnet groß, wo die andern nicht sehr klein sind.“ (15) Er interpoliert auf eine Art und Weise, die in der Gattung Zukunft hat, zumal im 20. Jahrhundert: „Wer nicht mit schlechten Menschen in Gesellschaft sein kann, ist noch zu wenig in der Welt gewesen. Wem aber ihre Gesellschaft völlig reine Unbefangenheit lässt oder gar Vergnügen gewährt, war zu viel in der Welt.“ (35f.) Der Ausgangspunkt der „Apokryphen“ muss in der besonderen Situation ihrer Abfassungszeit gesucht werden: der tiefen Niederlage Preußens im Krieg gegen Frankreich 1806/ 07. Die Grundmelodie: pro Vernunft, contra Privilegien wird mit unendlich vielen Variationen durchgespielt. Diese thematische Monotonie nimmt einen Zug zum Obsessiven an und kennt keine Scheu vor monokausaler Vereinfachung. Dabei ist Seume alles andere als denkerisch originär; mit den Kernbegriffen, dem „Vorurteil“, dem „Despotismus“, dem „Privilegium“, ist er im Gegenteil fest in der Begriffswelt der Spätaufklärung verankert. So diametral verschieden er auch etwa von einem theologischen Autor wie Mutschelle sein mag, so vergleichbar sind beide in ihrem stereotypen Rekurs auf die Vernunft. Neu ist bei Seume hingegen das Wagnis der kompromisslosen Sozialkritik, seine Basis: „Gleichheit ist immer der Probestein der Gerechtigkeit; und beide machen das Wesen der Freiheit.“ (12) Er zieht die pointierteste politische Folgerung aus der Aufklärungs-„Vernunft“: „Nach der Vernunft gehören die Fürsten den Ländern; nach der Unvernunft gehören die Länder den Fürsten.“ (31) Und es bleibt nicht bei der Analyse; in der anschließenden rhetorischen Frage ist die politische Aktion impliziert: „Glaubst du denn, die Fürsten werden je die besten Mittel einschlagen, die Völker vernünftig aufzuklären? Dazu sind sie selbst zu klug, oder zu wenig weise.“ (32) Einerseits steht die Feudalismusschelte im Rahmen einer allgemeinen Zeitkritik, die in der Überzeugung, „daß das Zeitalter die Infamie selbst ist“ (131), an modernste Positionen erinnert; Kraus könnte hier sprechen: „Alles, was man in dieser Zeit für seinen Charakter tun kann, ist zu dokumentieren, daß man nicht zur Zeit gehört.“ (77) Andererseits ist der Autor dabei unverdrossen progressiv, wenn denn Sisyphus ein Progressiver war: „Wenn wir nicht von vorne anfangen, dürfen wir nicht hoffen, weiterzukommen.“ (48) Neben den Fürsten unterliegen seiner scharfen Abwertung insbesondere die Gelehrten und die Geistlichen: Wenn er den Professoren polemisch vorhält, sie hätten die „abge- <?page no="54"?> 52 Das 19. Jahrhundert schliffenste Gleichgültigkeit gegen Recht und Unrecht, und vermieten ihr bißchen erbärmliche Dialektik für den schmutzigsten Gewinn an den Meistbietenden“ (113), so ist diese Kritik an der Philosophie seiner Zeit wie bei Klinger nachvollziehbar und in der Weltanschauung der beiden Autoren wohl begründet. Andererseits ist die Meßlatte des „gesunden Menschenverstandes“, die Seume dagegen wiederholt anlegt (35, 92), durchaus nicht unanfechtbar, und es ist polemische und gefährliche Vereinfachung, alles über ihn hinaus als Mystizismus und Fanatismus zu verunglimpfen: „Philosophisch bringt man die Menschen in die erbärmlichste Mystik und politisch in eiserne Despotie oder anarchischen Fanatism, wenn man sich über den gesunden Menschenverstand hinaus wagt.“ (35) Die unheilvolle Verbindung von Thron und Altar erkennt er messerscharf: „Die Pfaffen haben die Erbsünde geschaffen, und der Adel verewigt sie: die Despotie verewigt alles zusammen.“ (135) So gelangt er zu dem generellen Diktum: „Der Himmel hat uns die Erde verdorben.“ (27) Wenn man ihn dergestalt antiidealistisch nennen möchte, so muss man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass er ein Ideal durchaus vertritt: „Wenn dem Menschen nicht immer Etwas teuerer ist als das Leben, so ist das Leben nicht viel wert.“ (125) Seine Erkenntnisquellen sind Geschichte und Sprachgeschichte. Besonders die Antike ist es, die ihm durchgängig Analogien liefert. Das ist einerseits anfechtbar, so, wenn er die Geschichte unbedenklich und unbeirrt als Beweisquelle heranzieht (84) oder unbedingt an den Erkenntniswert der Etymologie glaubt (60, 66). Andererseits führt sein Geschichtsdenken zu manchem erkenntnisfördernden Vergleich. Seine Sprachkritik, zumal seine Sprachgebrauchskritik ist ebenfalls von vorausweisender Qualität, ob man das kritische Hinterfragen eines Begriffes wie „Aufopferung“ nimmt (130), bei dem man an Brechts Me-Ti denkt, ob es um die überraschende, aber sofort einleuchtende Reflexion eines Grundbegriffes wie „Denkfreiheit“ geht: „Wer das Wort Denkfreiheit erfunden hat, war gewiß ein Dummkopf, der weiter keine Erfindung machen wird.“ (33) Eine letzte der Ambivalenzen, aus denen heraus Seume zu erläutern und zu beurteilen ist: Wenn die „Apokryphen“ einerseits das Grundbuch einer frühen, politisch avanciertesten ‚linken‘ Position sind, von solcher Kritik bestimmt werden und dergestalt auf Allgemein-Urteile dringen, so ist darüber das entgegengesetzte Element nicht zu vergessen, wie es im Vergleich zu Lichtenberg schon angesprochen wurde. Sie sind auch ein Buch persönlichster Ich-Aussprache, die bei einem im Gefühl so zurückgenommenen Autor wie Seume desto mehr berührt. „Ich habe mir nie die Mühe genommen, das Glück zu suchen.“ (39): So beginnt eine dieser Selbstreflexionen einer ‚unglücklichen‘ Natur; eine andere, die einen ebenso tiefen psychologischen Einblick gewährt, gesteht: „Zwei Mal war ich nahe an dem Entschlusse mich dem Tode zu geben; beide Male für ein Weib oder aus Wahnsinn für sie.“ (55) Und wie diese doppelte Blickrichtung ständig zusammenzuführen ist, auch das legen sie dar: Seume beginnt: „Freundliche Leute habe ich viele gefunden, aber Freunde sehr wenige.“ (40) Und er reflektiert die Gründe dieser relativen <?page no="55"?> Politische Aphoristik nach 1800 53 Einsamkeit. Schon im nächsten Aphorismus stellt er die Verbindung des Persönlichen und des Allgemeinen her, indem er Freundschaft und Privilegien zusammendenkt: „Die Privilegien heben sogleich auch die Philanthropie auf. Denn wenn die Freundschaft auch ein Vorrecht zugestehen wollte, so kann die Freundschaft keins annehmen.“ (41) Kaum bekannt, zumal in der Geschichte der Gattung, ist der Frankfurter Rechtsanwalt Daniel Ludwig Jassoy (1768-1831). Dabei ist er mit über 3000 Kurztexten der wohl produktivste Aphoristiker zumindest der ersten Jahrhunderthälfte. Sechs Bände unter dem Titel „Welt und Zeit“ veröffentlicht er zwischen 1815 und 1828, aus gutem Grunde anonym oder unter Pseudonym (Jonathan Kurzrock). Sie sammeln neben politischen Aufsätzen und Rezensionen vorwiegend Aphorismen, vor allem in den fortgesetzten Rubriken „Die Menschen“ und „Allerlei“, aber auch in Kapiteln wie „Über Schriftstellerei, Preßfreiheit, Volkstracht und Erziehung“ oder „Über Staatskunst, Staatsformen, Staatsverwaltung und Staatsmänner“. Allein vom Äußeren her lassen sich zwei Tendenzen beobachten, eine Tendenz zur aphoristischen Normierung, eine Tendenz zur Aufschwellung. Während die Texte anfangs nur durch einen Absatz getrennt sind, werden sie ab dem zweiten Teil als nummerierte Abschnitte gedruckt; wenn der erste Teil ca. 300 Aphorismen sammelt, so sind es im letzten Teil, der sich einer durchsichtigen Fiktionalisierung bedient, weit über 1000. Auf die Frage nach literarischen Ahnen lässt uns der Autor mit seinem eindeutigen und regelmäßigen Bezug zu den französischen Moralisten nicht ohne Antwort. Insbesondere Chamfort wird zitiert, aber auch Pascal. Ein Aphorismus wie „Das Herz bekümmert sich wenig um die Resultate des Verstandes“ (V, 251) schließt denkbar eng an dessen „ordre du cœur“ an, der der „raison“ unzugänglich ist. Daneben lebt Jassoy ähnlich wie Seume intensiv in den antiken Schriftstellern. Das viel berufene Ideal der brevitas hat er von dort übernommen: „Die besten Schriftsteller sind unstreitig diejenigen, deren einzelne Sätze man als Sentenzen gelten lassen kann! “ (VI, 306) Für Deutschland sind unter Gattungsaspekten zwei Namen besonders aufschlussreich: Klinger und Lichtenberg. Gut denkbar, dass sich Jassoy besonders auf die „Betrachtungen“ Klingers bezieht; genau lässt sein Aphorismus, der dem Autor die wahre „Unsterblichkeit“ zugesteht, das nicht erkennen: 690. Klinger’s und anderer tüchtiger Deutschen Werke sind gleichsam vergessen und das Heer der geistigen Nachteulen, Blindschleichen und Krebse, welche die Finsterniß herbeiführen, die Wahrheit vergiften und nach der Vorzeit zurückkriechen wollen - belagert nun den Tempel der Unsterblichkeit! (VI, 320) Kaum hat man sich Lichtenbergs erinnert (J 544), wenn es heißt: „Sonsten sagte man junge H****, alte Betschwestern! “ (V, 311), da legt der Autor auch explizit Zeugnis von seiner intensiven Lektüre des Vorgängers ab: „Es giebt kein besseres Mittel, junge Mädchen gegen die Liebe zu elenden und abgeschmackten Männern zu waffnen, als das Lesen von Lichtenbergs geist- und <?page no="56"?> 54 Das 19. Jahrhundert verstandsvollen Schriften! “ (V, 319) Schließlich verdient eine Nicht-Beziehung noch Erwähnung. Gerade in Frankfurt gibt ein Journalist ab 1818 eine kulturell wie politisch orientierte Zeitschrift heraus, die für ähnlich emanzipatorische Ziele ficht; Jassoy kann sie und ihn nicht übersehen haben. Es ist mehr als nur Ressentiment gegen die Juden, was aus seinen Schriften spricht; dem wird auch jeder Hinweis auf den jüdischen Mitstreiter Börne zum Opfer gefallen sein. Jassoys Gattungsbewusstsein speist sich aus der Kenntnis der Vorläufer. „Bruchstücke, Gedanken, Ansichten, Maximen und Beobachtungen“ teile er mit, heißt es im Vorwort zum ersten Teil noch unspezifisch; ihre innere Berechtigung liege darin, dass „der Geist nicht keilförmig, sondern wie die Elektrizität, in Funken wirkt“ (I, V): eine in der Geschichte der Gattung ebenfalls übliche selbstapologetische Begründung. In Teil II nimmt er das Bild des Funkens auf und verknüpft es mit Witz und Maxime (II, VIf.). Das Vorwort des letzten Teils verspricht, „Bruchstücke, Aphorismen und Maximen“ zu geben (VI, III), setzt also den Begriff aus der Rezeption der Franzosen mit der Terminologie gleich, die sich in Deutschland zu etablieren beginnt. Formales Vorbild für seine „concentrirte Lebensweisheit“ ist ihm hier in erster Linie die Tradition der antiken Spruchweisheit. Thematisch bleibt Jassoy wie Seume im Rahmen einer politisch zugespitzten Spätaufklärung, in der zum wiederholten Male „Despotismus“ und „Vernunft“ die Schlüsselbegriffe bilden: „Wer auf die Vernunft der Menschen rechnet, wird arm; wer auf ihre Thorheit bauet, gelangt zu schnellem Reichthum! “ (I, 83) Insbesondere kämpft er für Meinungs- und Pressefreiheit, gegen die Zensur und gegen jede Art von Dummheit. Die Ausfälle gegen den Adel, diese „vermoderten Gestalten“ (II, 89), die sich „bloß in den besten Staatsämtern mästen“ (II, 87), sind bemerkenswert scharf. „Die rege Sehnsucht in allen Herzen nach einem bessern politischen Zustande“ (III, 98) ist der Tenor der Bände. Eine andere Staatsverfassung, ein deutscher Nationalstaat als Republik, ist das Ziel all seiner Kämpfe und Hoffnungen. In seinem politisch-literarischen Kampf sind neben dem Adel und den „Pfaffen“ zwei Gruppen hervorzuheben, und in beidem erinnert er so stark an Klinger und Seume, dass man geradezu von Topoi der politischen Aphoristik nach 1800 sprechen könnte. Auch hinter Jassoys Aversion gegen die Professoren steht der Gegensatz von Lebensphilosophie und Schulphilosophie: „Unsere Stuben-Gelehrten spinnen sich gleichsam in ihr Lehrsystem ein und verpuppen sich darin; als schöne Schmetterlinge sieht man sie niemals.“ (II, 96) Es ist aber nicht nur der Vorwurf wahrheitswidriger Systemgebundenheit, den er erhebt. Er verlangt nicht nur (politisches) Bekenntnis außerhalb der „Stube“, der Verpuppung, also „Klarheit und Haltung“ (VI, 154), er verlangt auch eine in der Tat konsequente Progressivität: „Bei unserm Studium der Geschichte vergessen wir immer über dem, was einstens g e w e s e n ist, dasjenige, was s e y n sollte.“ (III, 52) Auch in den Kampf gegen allen modernen „Mystizismus“, Mittelalterbegeisterung und neue Religiosität, stimmt er ein. <?page no="57"?> Politische Aphoristik nach 1800 55 Themen der klassischen Moralistik sind demgegenüber absolut zweitrangig; man darf aber durchaus behaupten, dass sie die Bände grundieren. Eitelkeit und Heuchelei, Wahrheit und Feigheit, Geiz und Eigennutz kommen wieder und wieder zur Sprache. Wieder und wieder und im Laufe der Jahre mit wachsender Tendenz zeigt sich auch, dass hier Wiederholung auf flachem Niveau vorherrscht, bei der man selten einmal aufmerkt: „Wer seine Würde vergessen kann, hat auch keinen Verstand.“ (III, 56) Die formale Konsequenz aus der politischen Fokussierung ist naheliegend: Die Tendenz ist entscheidend, ein ästhetischer Formwille die Ausnahme. „Richtige“ Meinungen eben werden vertreten, überwiegend in einem Satz, zuweilen auch in kürzeren Reflexionen. Lebensweisheiten, die ihre Nähe zum Sprichwort nicht verbergen wollen, werden mitgeteilt: „Was das Feuer des Goldes nicht schmilzt, schmilzt gewöhnlich das Feuer des weiblichen Auges! “ (I, 97) Alles ist eingängig, kaum etwas von besonderer Einsicht. Dabei ist Jassoys Sprache bildkräftig, der Vergleich herrscht vor und weiß eindringlich zu wirken: „Hofleute lieben das Vaterland, wie Sperlinge die Kirschen.“ (II, 115) Und dabei kommt es schließlich doch auch zu speziellen rhetorischaphoristischen Formen wie dem Wortspiel („Wenn nur aus unserm deutschen Bundestage nicht bald eine finstre Bundesnacht wird! “; II, 92) oder dem Chiasmus: „Die Menschen wollen lieben, wo sie leben, und leben, wo sie lieben! “ (VI, 179) Mit Daniel Ludwig Jassoy ist im Ganzen ein Autor für die Gattung wiederzugewinnen, der nicht zu den Großen gehört, aber als Popularisator politischer Aphoristik nach 1800 allein durch den Umfang seines Werkes die Beachtung verdient, die ihm bisher mehr aus politischen denn aus literarischästhetischen Gründen versagt worden ist. Der Name Wolfgang Menzel (1798-1873) hat in der Literaturgeschichte durch die Ereignisse des Jahres 1835 einen denkbar schlechten Klang: Aufgrund seiner denunziatorischen Rezension von Gutzkows „Wally, die Zweiflerin“ werden die Schriften des Jungen Deutschland verboten. 1823, als seine „Streckverse“ erscheinen, ist er noch der in die Schweiz emigrierte Burschenschafter, ein liberaler Kämpfer gegen die Restauration, schon damals auch ein Gegner Goethes und ein Anhänger Jean Pauls. Der Titel seines Aphorismenbandes ist eine deutliche Hommage an den Verehrten. Es sind aber nicht wie das Vorbild lyrisch-aphoristische Mischtexte, rhythmisierte Prosa ohne eigentlichen Verscharakter, hier von Antithese und epigrammatischer Kürze, dort von Apostrophe, Emotionalität und assoziierender Bildlichkeit geprägt, sondern durchaus gewöhnlich prosaische Aphorismen; im Übrigen werden sie kaum beachtet. Ihre Einheit gibt sich in der Tat schon auf den schnellen Blick hin zu erkennen; sie besteht in der konsequent verfolgten angestrengten Metaphorisierung und im gesuchtesten Vergleich, beides sehr oft belanglos und auf die Dauer nur schwer genießbar. Wenn die „Streckverse“ dieserart auch manches Mal fast wörtlich Peter Hille vorangehen: „Das Meer ist eine Thräne im Auge der Erde“ (165), so sind sie thematisch in den allermeisten Fällen doch leicht den 1820er Jahren und einem politisch interessierten libera- <?page no="58"?> 56 Das 19. Jahrhundert len Zeitkritiker als ihrem Verfasser zuzuordnen. Das Bezeichnende ist nämlich, wie Menzel dieses „poetische“ Verfahren konsequent auf „seine“ Themen anwendet: neben Dichtung, Philosophie und Religion eben Deutschland und deutsche Politik. Die Vorbilder stehen dem (Literatur-)Historiker und Philosophen, der sich zum ersten Kritiker seiner Zeit entwickeln wird, potentiell alle zur Verfügung. Konkret lässt er uns weitgehend im Unklaren, abgesehen natürlich von dem „ewig einzigen Jean Paul“ (VI). Lichtenberg hat er gelesen; hier und da meint man, seine Schule zu hören: „Es giebt vornehme Leute, die immer aussehn, als ob sie uns um die Ehre beneideten, sie anzusehn.“ (171) Zu Novalis heißt es in unverbindlich-metaphorischer Manier: „Novalis Aphorismen sind die umherliegenden Bruchstücke in einer verlassenen Bildhauerwerkstatt.“ (36) Dabei verurteilt auch Menzel „den Mysticismus, die poetischen Spielereien“ (109), nur nennt er wohl Ross, aber nicht Reiter, wenn es heißt: „Mystiker reiten auf der Todessense wie auf einem Steckenpferde.“ (33) Zu Seume, in dem er in diesem Argwohn doch einen entschiedenen Mitstreiter finden könnte, heißt es knapp und distanziert: „Seume kannte die Menschen, aber nicht die Menschheit.“ (139) Zwei Beispiele von Hunderten mögen belegen, wie Menzel „Poesie“ und Politik verknüpft: Das Nestelknüpfen des deutschen Mundes im Preßzwang kann wenigstens dem Bauchreden nicht wehren. (7) Unter dem politischen Drucke strömt doch die Literatur immerfort hervor, wie ein Bach unter einem Gletscher. (190) Man mag die poetisch-beschreibende Unverbindlichkeit dieser Kritik kritisieren, die sich hier wie so oft in ein Naturbild versteckt. Man mag mit (noch) größerem Recht dafür halten, dass die Vergleichsallmacht in ästhetische Ohnmacht umkippt. An politisch eindeutiger Stellungnahme lässt sie aber nicht selten auch nichts zu wünschen übrig: „Unsre Almanachspoesie ist nur die eiserne Blume am Thürschloß unsers Gefängnisses.“ (33) Allerdings darf man eine im Ganzen zutiefst unentschiedene Haltung dabei nicht übersehen. Auf der einen Seite stehen Menzels durchgängige Zeitkritik und insbesondere die Kritik an den Deutschen und den deutschen Zuständen, die zwischen Resignation und Hoffnung schwankt. Auf der andern Seite bebildert er eine abgelebte Genieästhetik; mit „Psycheschwingen“ (111) erhebt er sich auf den „Blüthengipfel der Poesie“ (138). Während seine Literaturkritik einmal gegen die politikferne romantische Poesie gerichtet scheint (159), vertritt sie ein anderes Mal die klassische Position „über der Zeit“ (22). Im Vorwort sucht er in diesen Worten die Synthese: „Greift die Spielwalze unsrer Poesie nicht mit dem großen Triebrade der Zeit zusammen, das ja endlich aufgethaut ist, so liegen sie und ihre Klänge stumm und todt“ (IX), ohne dass die geschwätzige Jean-Paul-Adaption griffe. Wie es Menzel an politisch klaren Vorstellungen mangelt, so stehen ihm ästhetisch überwiegend <?page no="59"?> Politische Aphoristik nach 1800 57 und stereotyp untauglich-ältliche Mittel zur Verfügung. Damit kann er sein von 1835 geprägtes Bild in der Literaturgeschichte weder in der einen noch in der anderen Hinsicht überblenden; seine „Streckverse“ bleiben ein achtbares Zeitsymptom, das aber gattungsgeschichtlich Episode bleibt und noch im selben Jahrzehnt von Jochmann weit überboten wird. Carl Gustav Jochmann (1789-1830) setzt als fünftes Kapitel an den Schluss seines anonym erschienenen Buches „Über die Sprache“ (1828) aphoristische „Stylübungen“. Nach einem Studium in Heidelberg, aus dem möglicherweise die Bekanntschaft mit Börne resultiert, ist er 1810 Advokat in Riga. Nach 1819 ist er ständig auf Reisen. (Ob er dabei auch Börne und Rahel Varnhagen getroffen hat, ist nicht ganz sicher.) Auch im Sinne der Gattung ist sein Aufenthalt in Paris (1820 und 1821) jedenfalls von besonderer Bedeutung, hat er dort doch Umgang mit Konrad Engelbert Oelsner, dem preußischen Legationsrat, dessen „Politische Aphorismen“ (1818) (mit einem Jassoy-Motto; III, 43) auf Rahel Varnhagen so wirken, als habe sie sie selbst geschrieben. Durch Vermittlung Oelsners trifft Jochmann auch Gustav Graf von Schlabrendorf regelmäßig, der dort, von der Revolution angezogen, seit 1790 als lebendiger, verwahrloster republikanischer Mythos lebt. Von „den vielen Aphorismensammlungen seines Nachlasses“ ist noch 1918 die Rede. Später, ebenfalls durch Vermittlung Oelsners, trifft Jochmann in Frankfurt höchstwahrscheinlich auch Jassoy. Sein Verleger ist Christian Friedrich Winter, einer der radikalliberalen Wortführer in Baden im Vormärz und in der Revolution 1848/ 49, der schon 1819 Pressfreiheit fordert, 1822 seinen Verlag gründet und nach Menzels „Streckversen“ im selben Jahr 1828 auch den sechsten Teil von Jassoys „Welt und Zeit“ verlegt. Heinrich Zschokke, der Freund seiner letzten, von einer Lungenkrankheit gekennzeichneten Jahre, gibt seinen Nachlass als „Reliquien“ in drei Bänden (1836-1838) mit älteren und neueren Aphorismen als „Erfahrungsfrüchten“ im dritten Band heraus. Werner Kraft entdeckt ihn Anfang der dreißiger Jahre wieder. Die DDR pflegt sein Erbe wie das Einsiedels, Klingers und Seumes. In der Bundesrepublik kommt es nach „68“ zu einer kleinen Jochmann-Renaissance. Jochmanns Aphorismen sind durch mehrere Besonderheiten gekennzeichnet. Da ist zunächst zu beachten, dass die „Stylübungen“ als fünftes Kapitel in einem inneren Zusammenhang mit den vorangehenden Essays „Über die Sprache“, vor allem mit dem vierten, „Die Rückschritte der Poesie“, zu sehen sind. Die Texte haben Überschriften. Es sind Varianten vorhanden, die einen einmaligen Einblick in sein Gattungsverständnis gestatten. Wie sehr der Autor das aphoristische Kürze- und Präzisionsideal verinnerlicht hat, lässt sich vielleicht am ehesten an Sätzen wie diesen zeigen, die aus einer der „Politischen Glossen“ („Frechheit der Presse“) aus dem zweiten Band der „Reliquien“ herausgelöst wurden: Die Preßfreiheit macht das Mauerwerk durchsichtig. Die Wahrheit ist entweder ganz da oder gar nicht. <?page no="60"?> 58 Das 19. Jahrhundert Noch immer wissen die Sterblichen nicht, ist es die Wahrheit, ist es die Gewalt, die ihnen im Waffenklange erscheint. (161-163) Schon mit der Veränderung der Titel sind präzisierend-pointierende Tendenzen zu erkennen, ob sie sich nun durch die Veränderung des als Fertigteil vorfindbaren Gegensatzpaares „Lob und Tadel“ (79) zu dem genauen „Die gefährlichere Klippe“ (26) oder der traditionellen „Ruhmsucht“ (68) zur neologistischen „Namenunsterblichkeit“ (43) darstellen. Konzentration ist im Übrigen das beherrschende Merkmal. Sie führt von verschiedenen Textsorten zum Aphorismus: vom Essay aus, von der Anekdote aus, vom Zitat aus, drei höchst interessante und vielbegangene Wege in die engeren Gefilde der Gattung hinein. Das lässt sich nun bei Jochmann am Detail zeigen; es sei hier nur am Beispiel des Zitats nachgewiesen. In den „Reliquien“ findet sich ein Zitat, dem lediglich zugestimmt wird: 27. Das schönere Denkmal. Ich bin der Meinung Buchanans: Die bloße Frage schon, warum diesem oder jenem Hochverdienten noch kein Denkmal gesetzt worden sei, ist in unsern Tagen ehrenvoller als das prächtigste Denkmal selbst. (73) In den „Stylübungen“ hat der Autor einen Aphorismus daraus geformt, indem er das Zitat verknappt, einen affektiven Zusatz formuliert und die Verbindung von beidem der Rezeptionsleistung des Lesers anvertraut, die im Zitat noch ungleich bescheidener gefordert war: 18. Das schönere Denkmal. Ehrenvoller als das herrlichste, meinte Buchanan, werde die Frage sein, warum ihm keins gesetzt worden. Und wir klagen um die Vernachlässigung unserer großen Männer! (44) Als eine weitere Tendenz der Varianten zeigt sich, dass die Reflexion durch das Vertrauen auf die Implikation abgelöst wird. Am Vergleich der „Erfahrungsfrucht“ „Charaktergröße“ (69) mit „Die falscheste Scham“ ist besonders gut zu sehen, mit Hilfe welcher Mittel der Autor seinen Text über Implikationen anreichert. Die neutrale und tendenzlose Überschrift wird zu einem scharf wertenden Superlativ verändert, der gleichzeitig einen ganzen Satz des Textes ersetzt: 15. Die falscheste Scham. Die falscheste Scham und die verderblichste zugleich ist die des Verstandes. Der Irrtum, den wir zu bekennen scheuen, wird zur Lüge. Um der Wahrheit Raum zu geben, tritt man immer mit Ehre zurück. (43) Wo die erste Fassung in drei Sätzen den Gedankengang erläutert, da schärft die zweite durch die Wiederaufnahme und sachliche Überbietung des Superlativs, durch die Neuprägung ‚Scham des Verstandes‘, die den Rezipienten fordert, durch seine Einbeziehung („wir“), durch den kürzesten Entwicklungsgang von „Irrtum“ zu „Lüge“, der gleichfalls einen aktiven Nachvollzug bedingt. Die intellektuelle Zumutung wird entschieden größer. Der letzte Satz wird umgestellt, um den antithetischen Anschluss („Lüge“ - „Wahrheit“) zu verschärfen und damit gleichzeitig eine rhythmisch vollendete Syntax zu schaffen. <?page no="61"?> Politische Aphoristik nach 1800 59 Implikation und Pointierung bedingen einander. Jochmann spielt dazu auf dem gesamten Register grammatischer, syntaktischer, semantisch-lexikalischer, rhetorischer Mittel, vorzugsweise in diversen Kombinationen. Dazu nur ein Beispiel: 68. Aus der Not eine Tugend machen. Wenn sich der Mensch erst im Unglück erhebt, wenn er aus seiner Not erst seine Tugend macht, was wundern wir uns, wenn er im Glück verächtlicher dasteht! Mit der Not ist ihm auch der Stoff zu seinen Verdiensten ausgegangen. (104) 65. Der Mensch im Glücke. Wenn der Mensch sich nur im Unglück zu erheben, wenn er nur aus der Not eine Tugend zu machen versteht: was wundern wir uns, daß er im Glücke so wenig taugt! Der Stoff zu seinen Verdiensten geht ihm aus mit seinen Leiden. (25) Der Ersatz des Phraseologismus der Überschrift beseitigt die redundante Verdoppelung; der schwächliche Komparativ „verächtlicher“ wird durch den entschiedenen Positiv „so wenig“ ersetzt, das neutrale „dastehen“ durch das härtere und im Zusammenhang mit seinem Adverb konnotativ eindeutigere „taugen“; das zweifache „nur“ lässt anders als das zweifache „erst“ auch gedanklich kein „dann“ zu, es ist unbedingt; die Finalstellung von „Leiden“ krönt die Zuspitzungsleistung. Der Wandel von „Ruhmsucht“ (68) zu „Namenunsterblichkeit“ (43) ist geeignet zu zeigen, dass es sich dabei für Jochmann nicht um so etwas wie rhetorische Kniffe oder rhetorischen Putz handelt, sondern um streng funktionale Elemente. Auch von der Gegenseite her kann man den Beweis für diese Behauptung antreten. Denn auch durch Verzicht auf rhetorische Mittel sucht der Autor zu mehrfacher Zuspitzung zu kommen (man vergleiche „18. Ultra-Empfindsamkeit“ [70] und „59. Politische Empfindsamkeit“, [23]). Im Zweifelsfall rangiert die Präzision vor der Gedrängtheit. Auch eine entschiedene Aufschwellung nimmt der Autor in Kauf, wenn denn ein zusätzlicher Gedanke, ein neues Bild der Präzision dessen dient, das vermittelt werden soll. In den „Reliquien“ heißt es in klarstem Chiasmus: „36. Lob und Tadel. Über den Tadel sind viele erhaben; wenige über das Lob.“ (79) In den „Stylübungen“ lautet der Aphorismus so: 70. Die gefährlichere Klippe. Viele sind über den Tadel erhaben, wenige über das Lob, weil wenige über das Selbstlob. Nur wer nie sich selber zu genügen weiß, nur wer dem Schmeichler in der eignen Brust Stillschweigen auflegt, ist sicher vor jedem andern. Schwindeln macht uns der Blick in die Tiefe hinab; wer die Höhe ins Auge faßt, dem schwindelt nicht. (26) Statt des abgegriffenen Gegensatzpaars „Lob und Tadel“ beherrscht jetzt das Bild der Klippe den Aphorismus durchgängig bis zum Schlusssatz, der es chiastisch-antithetisch höchst wirkungsvoll abrundet, nachdem der Mittelteil dem zusätzlichen Gedanken des Selbstschmeichelns Ausdruck gegeben hat. Wenn Jochmann im einen Fall die sprichwörtliche Wendung ersetzt, im andern Fall aber gerade das Sprichwort benutzt („71. Selbsttun“ [105] gegen „28. Des Herren Auge und des Herren Hand“ [14]), so ist darin keine Inkonse- <?page no="62"?> 60 Das 19. Jahrhundert quenz zu sehen. Die Interpretation im Einzelfall zeigt schnell das unter funktionalen Gesichtspunkten Gleichartige des scheinbar Gegensätzlichen. Äußerste Präzision, die im Regelfall durch pointierende Komprimierung erreicht wird, ist das Ziel von Jochmanns unbedingtem Stilwillen. Wenn er dabei von den Nachbargattungen Essay und Anekdote ausgeht, so zeigt sich die Nähe zur Anekdote vor allem in den „Erfahrungsfrüchten des dritten „Reliquien“-Bandes allenthalben, von „Der Schein trügt“ (59-61) bis „Das Talent“ (113). Für den Essay lassen sich Durchmischung und Verschränkung noch deutlicher nachweisen. Nicht nur ist die Grenze zwischen Kurzessay und Aphorismus absolut fließend; wie der Aphorismus manchmal heimlich zum Essay tendiert, so hat umgekehrt auch jeder Essay eine Tendenz zum Aphorismus. Wie bei Essay und Glosse ist der Übergang auch von der Pressenotiz, dem Zitat, der Miszelle, den Lektüre-Reflexionen allgemein her zu beobachten, bei „Die Hülfskeile“ (41) etwa oder „Die Folgenlosigkeit der Geschichte“ (45). Und selbst vom Apophthegma her lässt sich der Weg in die Gattung in Jochmanns Ausprägung beschreiben, unter dem Titel „Höflichkeit“ expressis verbis: Sir William Groche, Gouverneur von Virginien, erwiderte einmal den Gruß eines Negersklaven und wurde deswegen getadelt. „Es sollte mir sehr leid tun,“ antwortete er, „wenn ein Sklave höflicher wäre als ich.“ - Gibt es unter allen griechischen Apophthegmen wohl ein schöneres? Und wie lehrreich! (129) All diese Quellen führt Jochmann, auf das „Wahrnehmen des symptomatischen Details“ konzentriert, in einem Aphorismus zusammen, der nicht nur mit Bildern und Vergleichen geradezu gesättigt ist, sondern auch mit genauer Reflexion der Tragfähigkeit des Vergleichs aufwartet: „So weit, aber nur so weit paßt das Gleichnis.“ (30) Historische Exempel treten zumal in den „Stylübungen“ hinzu. Zwei grammatische Mittel zeichnen sich dabei besonders ab: der Komparativ, ob es um „eine vergleichsweise reinere Zeit“ (22) oder ob es „heute noch [...] nicht viel besser“ (18) geht, der Interrogativsatz: „63. Mangelhafte Vorsicht. Der Inka Atahualpa, um seinen königlichen Speichel nicht auf den unheiligen Boden fallen zu lassen, spie nie anders als in die Hand eines seiner Hofschranzen. Und warum nur in die Hand? “ (24f) In den entscheidenden Mitteln ist Jochmann hoch modern und hoch zu schätzen, so vor allem in der Weise, wie er Schärfe durch Implizität gewinnt: „23. Der Rollentausch. Es hat große Herren gegeben, die sich ihre Reden von andern machen ließen, aber die Antworten darauf diktierten sie selbst.“ (13) Es sind keine Geringeren als Aphoristiker wie Kraus, Brecht, Benjamin, Adorno, denen Jochmann vorausgeht. Kraus bringt das aphoristische Enthymem zur höchsten Kunst, wie es hier grundgelegt wird. Wird man die empörte Zurückweisung, die über das produktive Missverstehen („öffentliche Lasten“) die satirisch vernichtende Pointe vorbereitet, nicht in „Sprüche und Widersprüche“ suchen: „35. Der ungerechte Vorwurf. Nichts oder zuwenig sollen die privilegierten Stände zu den öffentlichen Lasten beitragen? Wie ungerecht! Macht doch schon ihr bloßes Dasein einen so großen Teil dersel- <?page no="63"?> Politische Aphoristik nach 1800 61 ben aus.“ (48)? Auch Brechts materialistische Sprachkritik im „Buch der Wendungen“ ist vorgebildet; schon bei Jochmann schließen die semantischen Prozesse unmittelbar Gesellschaftskritik ein: „26. Die nötigere Geduld. Gewisse Dinge zu ertragen, ist nicht eine übermenschliche, sondern eine untermenschliche Geduld erforderlich, - eine viehische.“ (46) An Benjamin und Adorno erinnert die Art, wie er auf kurzem Wege vom Konkreten zum Abstrakten gelangt, von „Janitscharenmusik und Glockengeläute und Kanonendonner“ zur Einsicht, politische Wahrheiten „entzaubern die Einbildungskraft, aber sie veredeln den Begriff.“ (12f.): Verbindung von Anschauung und Reflexion, wie sie dann die „Einbahnstraße“ und auch die „Minima moralia“ kennzeichnet. Es kann bei solchen Nachfahren nicht fehlen, dass der Autor prinzipiell dialektisch denkt, wenn er im Sieg der Parteien „die größere Gefahr“ sieht (20) oder als „Wirkung und Gegenwirkung“ erkennt: „Geheime Gesellschaften sind unausbleibliche Folgen und Gegensätze einer geheimen Polizei, die insofern die Mutter auch der Verschwörung ist - die sie nicht anstiftete.“ (33) Wenn man Jochmann dergestalt gewissermaßen von rückwärts verortet, so muss man doch auch fragen: Wo kommt er her? Er zitiert Bacon (48) ebenso wie die „herzzerreißenden“ Gedanken (92) Pascals (109), erweist sich Swifts Satire als ebenbürtig (55) und schließt bei den Moralisten in Widerspruch oder Weiterführung unter anderem an Vauvenargues an: „Große Gedanken, bemerkt Vauvenargues, kommen aus dem Herzen, und er hat recht; aber die verständigeren tun es auch.“ (31) Unter den deutschen Schriftstellern wäre Hamann zu nennen. Auf Salomo bezieht er sich gleich zu Beginn seiner „Stylübungen“ (8); wir erinnern uns nicht nur Lavaters und Mutschelles, sondern auch Klingers. Der Hinweis auf Lichtenberg ist indes unter Gattungsaspekten am wertvollsten. Jochmann kennt ihn gut. In einer Glosse mit dem Kraus’schen Titel „Frechheit der Presse“ (161-163) setzt sich Jochmann mit Lichtenberg auseinander. Er meint, ihm mangelndes Verständnis für Pressefreiheit vorwerfen zu sollen, ein Missverständnis. Die politische Einstellung ist auch im Übrigen entscheidend für seine literarischen Präferenzen: Schiller und Schubart, ihre Lieder hallten „gewaltig aus den Tiefen des Volks auf durch die Paläste der Großen“ (63). Was sich als roter Faden in Jochmanns Vorläuferreflexionen von Pascal bis Schiller durchzieht, der politische Aspekt, das bestimmt selbstredend alle seine Aphorismen. Immer äußert er sich dort als der kompromisslose Demokrat, der für Freiheit und Gleichheit kämpft: „Wie Ihr auch Eure Einbildungskraft erschöpfen und eure Staatskalender füllen mögt, einen höheren Rang gibt es nicht, als den jedes menschliche Wesen mit sich auf die Welt brachte.“ (26; vgl. 196) Seine Vorbilder findet er in England, wo er ja zeitweise gelebt hat, aber auch in den USA: „51. Die zweite Entdeckung. Die Entdeckung Amerikas hat uns eine neue Welt gezeigt, die Befreiung Amerikas etwas Größeres, - eine neue Zeit.“ (21) Mit Themen wie Glück und Wahrheit wurzelt er in der klassischen Moralistik, in beiden ist aber auch genau der Drehpunkt von der Moralistik zur Politik angelegt. Für das Glück ist nämlich die ameri- <?page no="64"?> 62 Das 19. Jahrhundert kanische Verfassung und das dort verbriefte „pursuit of happiness“ der aktuelle Ausgangspunkt (111). Auch für die Wahrheit gilt, dass „die Weisheit des Lebens zur politischen Weisheit“ wird. Geschieht das in der 97. „Stylübung“ noch implizit: „97. Die unzeitige Wahrheit. Jede Wahrheit kommt dem zu früh, der jede zu spät erkennt.“ (35), so in der nächsten buchstäblich schlagend. Der Aphorismus beginnt mit der den Phraseologismus umwendenden, harten Einsicht, dass die Wahrheit oft durchaus aufs Auge paßt, nämlich die „aufrührerische“, und er endet mit einem revolutionären Appell: „Aber wenn die Lüge herrscht, wie soll die Wahrheit nicht ein Aufruhr sein! “ (35) Beide Aphorismen gehören nicht von ungefähr zu den inhaltlich-formal schlicht vollendeten der Sammlung, die die politisierte, konkretisierte, aktualisierte Wahrheit in der dialektischen Einsicht durchzieht: „Wo die Wahrheit bekämpft werden muß, da hat sie schon gesiegt.“ (62) Den Sprung von der Quantität in die Qualität nimmt er weinenden Auges so vor: „Wenn Privatpersonen mit der Wahrheit schmollen, kann man lachen; wenn Regierungen, dann weinen ihre Völker.“ (185) Wahrheit und Öffentlichkeit gehören für Jochmann zusammen, diese ist der Garant für jene in ihrem politischen Verständnis: „94. Wahrheit und Öffentlichkeit. Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen, wer Wahrheit - Öffentlichkeit, denn jene achtet nur der nicht, der es für unmöglich hält, daß sie ihm gesagt werde.“ (34) Er beobachtet die öffentliche Rede als „Koinzidenzpunkt von Sprache und Gesellschaft“ und betont achtzig Jahre vor Kraus konsequent das Politische in der Sprache, ob er sprachhistorisch („Altdeutsche Sprache“, 39) oder sprachkritisch („Deutsche Sprachen“, 44) vorgeht, einen einzelnen Ausdruck untersucht („sich Mühe geben“, 53) oder gar ihr sexistisches Potential ansatzweise reflektiert („Die demagogische Sprache“, 52): „Sprachen sind wohl nur Schlüssel, und freilich sind es alle, aber die Frage ist: Schlüssel wozu? “ (53) Auf seine Gegner in diesem Kampf muss man wenig Worte verwenden: Es sind die immer gleichen: das Königtum, die Privilegien, dann aber auch, nicht nur durch ihre Position am Anfang der „Stylübungen“ an vorderer Stelle, die deutsche Gelehrsamkeit, das wirkungslose Bücherwissen. Zumindest zeitweise zählt auch die christliche Religion in ihrer katholischen Varietät dazu. Da heißt es mit geradezu gattungstypologischer Signifikanz: „Jeder, der sich zum Selbstdenken emporarbeitet, erlebt auch sein atheistisches Jahr.“ (96) Dass er für die Poesie der Romantik und für Goethe, überhaupt jede einseitig ästhetisch ausgerichtete Kultur keinerlei Verständnis hat, dürfte aus dem Vorangehenden erhellen; auch Jochmann findet in der Restaurationszeit das strikt zu bekämpfende Mystisch-Phantastische in der Literatur vorherrschend. Diesem setzt er ein gesellschaftlich verantwortliches Sprach- und Literaturverständnis entgegen, das moralistische Kernvorstellungen politisch verifiziert und damit Protagonisten der Gattung im 20. Jahrhundert in Teilen antizipiert. Es ist nie instrumentell gedacht, verbindet im Gegenteil den Willen zu politischer Schlagkraft mit höchster Präzision und Konzentration in aphoristischer Stilisierung und rechtfertigt damit die Einschätzung seines <?page no="65"?> Politische Aphoristik nach 1800 63 Herausgebers in der Sache in vollem Maße: „Erst in Jochmann wird der politische Aphorismus auch zum Sprachwunder.“ Für Ludwig Börne (1786-1836) spielen Aphorismen der Sache wie dem Begriff nach lebenslang eine höchst bedeutende Rolle. Sie stehen am Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn. Dieser „beste Teil von Börnes Frühschriften“ ist in zwei 1808 bis 1811 geschriebenen Quartheften erhalten (1, 139-163), und er veröffentlicht auch Einzelnes daraus als „Aphorismen“. Sie finden sich dann in Zeitschriften und Sammelbänden, etwa als „Nachzügler“ in seiner 1818 bis 1820 erschienenen Zeitschrift „Die Wage“, als „Ein- und Ausfälle“ in den von ihm redigierten „Zeitschwingen“ von 1818/ 19 oder in dem Sammelband „Die Spende“ (1823). Für seine „Gesammelten Schriften“ (Bd. VI, 1829) stellt er eine Aphorismensammlung zusammen (2, 191-334), „Fragmente und Aphorismen“ sind auch Teil des Nachlassbandes von 1845. Für die Vorbilder des jungen Schriftstellers ist - neben Jean Paul - an Lichtenberg zu denken. Ihn kennt und schätzt er; seine Schriften „machen mir sehr viel Vergnügen“, schreibt er im April 1803 (IV, 38). Vor allem aber kommen hier die Moralisten in Betracht, die Franzosen wie auch die jüngeren deutschen Autoren im Schnittbereich einer von dorther inspirierten moralistischen Menschenkunde und einer populären Lebensphilosophie. Schon schwebt ihm die politische Zuspitzung ihrer Muster vor: „Die Polizei müßte ein wachsames Auge auf die Moralisten haben, sie sind das für die Seele, was die Quacksalber sind für den Leib.“ (1, 148) Adolph von Knigge, mit seinen Lebensregeln und Aphorismen gattungsgeschichtlich früh auf dem Weg zu vielsagendem Lakonismus, ist hier herauszuheben. Was Börne über ihn sagt, ist eine frühe Projektion und zeigt den Willen zur Identifikation mit diesem Autor: „Nun ist freilich Knigge ein Mann von Geist, gehört also keiner Nation an, sondern der Welt.“ (1, 153) Später schreibt er in seiner Nachfolge „Über den Umgang mit Menschen“ (1, 743-749). Die Themen des frühen Börne sind ebenso wie die Formen, speziell etwa Proportion, Antithese und Chiasmus, die im Sinne der Menschen-Kunde klassischen: das Glück, Tugend und Laster, die Liebe und die „Weiber“, auch Philosophie und Geschichte. Aber sie werden nicht einfach reproduziert, sondern produktiv weitergeführt, so das Thema der Eigenliebe: „Liebe zur Wahrheit ist auch Eigenliebe.“ (1, 147) Auch der Topos vom Leben als einem Traum wird gewissermaßen gegen den Strich gedacht: „Wenn man das Leben einen Traum nennt, dann freilich träumt man vom Leben.“ (1, 147) Daneben finden sich auch schon zwei für Börne charakteristische Themen, die im Grunde in eins zusammenlaufen: die produktive Reibung an den Deutschen („Die Deutschen haben zwar vielen körperlichen Mut, aber auch gar keine Geistestapferkeit. Sie haben den Mut, nicht witzig zu sein; sie haben den Mut, nicht mit ihrer Sprache vertraut umzugehen, und auch aus Feigheit verstecken sie sich hinter die Moral“; 1, 142) und die Reflexion seiner jüdischen Herkunft in Verbindung mit einer kosmopolitischen Geist-Konzeption, wie sie zu Knigge zu vernehmen war: „Eins ist, was mir <?page no="66"?> 64 Das 19. Jahrhundert Freude macht: nämlich daß ich ein Jude bin. Dadurch werde ich zum Weltbürger und brauche mich meiner Deutschheit nicht zu schämen.“ (1, 145) Was Börne zehn Jahre später in seinen Zeitschriften veröffentlicht und was er dann auch 1829 in Buchform versammelt sehen will, ist von den frühen Aphorismen in der Gesamtheit sehr verschieden, ohne dass es seine Herkunft verleugnete. Das gilt für die Umwertung der Eitelkeit (2, 326) ebenso wie für die lästige Klugheit („Klugheit ist oft lästig wie ein Nachtlicht im Schlafzimmer“; 2, 326); es darf als verschärfte Weiterführung der Moralistik gelten. In der „Wage“ 1818 findet sich auch seine wichtige Gattungsreflexion (2, 335), die zum einen auf die „geheime Verbindung“ der Aphorismen untereinander, zum andern auf die Extraktvorstellung und die Eigenleistung des Lesers abhebt. Die geheime Verbindung ist der allen Texten gemeinsame politische Impetus; der Rezipient ist in besonderem Maß gefordert durch die Ironie, die das Gemeinte in seinem gesagten Gegenteil potentiell um so besser erkennen lässt. Den Mut, „nicht witzig zu sein“, hat er anders als „die Deutschen“ ganz entschieden nicht. Voltaire ist da als „Pflugschar der Wahrheit“ sein großes Vorbild. Er hält ihm ein ebenso flammendes Plädoyer (2, 304f.) wie seinem „Leidensbruder“ Jean Paul (2, 319-321; 2, 337). Gewalt und Aberwitz sind nur zu besiegen, indem man sie verlacht: Das ist sein Credo, und das ist auch das Neue, das er - zumindest so prononciert - in die Gattungsgeschichte einführt: Im alten Frankreich machte der Witz auch Bürgerliche hoffähig und ward dadurch zur Nadel, durch die man den geistigen Faden zog, welcher den dritten Stand mit dem Adel verknüpfte. Auf diese Weise wurde die Revolution herbeigeführt. Die Regierungen unseres Landes können also ruhig bleiben; denn unsere grobe Packnadel zerrisse nur die feingewebte Seele der Weltleute - wir werden uns nie vereinigen und befreunden. Aber welch ein großer Mißverstand ist es, politischen Schriftstellern Grobheiten zu untersagen und Feinheiten zu verstatten! Man sollte gerade das Gegenteil tun. (2, 199) Der Witz dient mit dem konsequent durchgeführten Bild von Nadel und Faden nicht nur der Verbindung des dritten Standes mit dem Adel, nicht nur der Erklärung der Revolution, auch der Kontrastierung des eigenen Landes mit dem glücklicheren Nachbarn und schließlich der Selbsterhöhung, indem der Autor den „Mißverstand“ der Behörden rügt, solche - seine! - „Feinheiten zu verstatten“. Die Formen, in denen er sich entfaltet, sind unter anderem der witzige Vergleich („Minister fallen wie Butterbrode: gewöhnlich auf die gute Seite“; 2, 193) und das Wortspiel: „Die Deutschen lassen sich leicht unter eine Hut bringen; aber unter einen, schwer. Sie sind nur einig, wo es etwas zu leiden gibt, wo zu tun, niemals.“ (2, 286) Notwendig verbunden mit solcher Pointierung ist es, dass Börne der Leistung des Rezipienten viel zumutet und zutraut. „Ein Mann von Geist wird nicht allein nie etwas Dummes sagen, er wird auch nie etwas Dummes hören.“ (2, 287) Zu erkunden, wie denn das sein könne, dazu braucht es wohl einen ebensolchen: einen „Mann von Geist“. Es ist der plötzliche denkerische Umschlag jedweder Art, durch den der Autor diese Aktivierung zu bewirken sucht, im Einzelfall auch explizit: „Der Leser <?page no="67"?> Politische Aphoristik nach 1800 65 wird gebeten, den Spuren dieses Gedankens nachzugehen.“ (2, 215) Er erzählt eine Fabel, deren Gehalt er mit einem expliziten fabula docet absichert: Den Füchsen hat man die Freiheit in engen Flaschen, den Störchen in flachen Schüsseln vorgesetzt. Die schlauen Füchse werden sich zu helfen wissen, sie werden der Flasche den Hals brechen; aber welche Hoffnung bleibt den dummen Störchen? Sie ließen sich wohl gar weismachen, es käme nur darauf an, sich den Schnabel putzen zu lassen! ... Aufgabe zur Übung des Verstandes: Wo sind die Füchse, und wo sind die Störche? (2, 250) Er wählt einen verblüffenden Einstieg und stellt eine Parallele her: „Es wäre nichts leichter, als die alte Zeit wieder herzustellen, man brauchte nur die öffentliche Meinung zu unterdrücken - und Kindern sagt man: Schwalben wären leicht gefangen, man brauche ihnen nur Salz auf den Schwanz zu streuen.“ (2, 217) Das Kinder- und Ammenmärchen auf beide Fälle zu beziehen, bleibt allein dem Leser überlassen. Der politische Impetus als die „geheime Verbindung“ und Witz und Ironie als die durchgängigen Mittel stehen in einem Wechselverhältnis. Auf pointierende Zweigliedrigkeit setzt Börne auch dann, wenn es weniger auf einen Witz als eine zugespitzte These hinausläuft: „Die Fürsten hätten sich und ihren Völkern viel Unglück ersparen können, wenn sie die Hofnarren nicht abgeschafft hätten. Seit die Wahrheit nicht mehr sprechen darf, handelt sie.“ (2, 223) Die sprachlichen Mittel stehen nie im Vordergrund; sie gewinnen vielleicht ein gewisses Eigenleben, aber ihre politische Funktionalität ist streng bedacht: Es wird keineswegs behauptet, daß in Staaten mit repräsentativen Verfassungen ein ewiger Frühling herrsche. Aber sie haben den Vorzug, daß jedes Jahr der Schnee in ihnen schmilzt, während er sich in unbeschränkten Monarchien zu Gletschern und Lawinen anhäuft, die das unten wohnende Volk immer bedrohen, oft zermalmen. (2, 214) Politische Funktionalität: Der Dienstherr ist konkret ein dreifacher: der unermüdliche, sprachlich inspirierende Kampf gegen die Zensur, „den Kindermord der Ideen“ (Wage 1818, 97; 2, 275), der Kampf für Öffentlichkeit und öffentliche Meinung, diese See, die man „wie eine Suppe“ behandelt (2, 198), sowie generell der Kampf für republikanische Freiheiten: „Die Freiheiten, die man zu Zeiten dem Volke gestattete, sollten nichts als eine Probe sein, ob wohl die Ketten noch gut anliegen. So geschieht es, daß man eine schon verschlossene Tür wieder öffnet, um zu sehen, ob sie recht verschlossen war.“ (Wage 1818, 95; 2, 274) Börnes Witz ist nicht zu zeigen, seine politischen Intentionen sind nicht darzustellen - das war bisher auffällig genug - , ohne dass man auf die Rolle des literarischen Bildes zu sprechen kommt. In der Tat gehört die konsequente Anwendung von Beispiel und Vergleich zu den hervorragenden Mitteln des Autors: „Vernunft verhält sich zum Verstande wie ein Kochbuch zu einer Pastete.“ (1, 157; 2, 233) Im Vergleich zu Menzel wird seine poetische Leistung deutlicher. Börnes Aphorismus ist nicht nur plastischer in seiner Bildlichkeit, <?page no="68"?> 66 Das 19. Jahrhundert weniger angestrengt und gesucht („Reichtum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei“; 2, 197), er bleibt auch nie unverbindlich poetisch-beschreibend, sondern ist von konsequentem politisch-didaktischen Nutzwert. Börne setzt da an und geht da weiter, wo Menzel stehen bleibt. Das bedeutet nicht, dass er sich nicht gängiger Bildbereiche bediente, den „Staatsärzten“ (2, 215) oder der „Weltbühne“ (2, 224), und sich hin und wieder in zentralen Nebenthemen seinem literarischen Spieltrieb mit „Schwimmgürteln“ (2, 254) und „Fallschirmen“ (2, 254) hingäbe: „Eine Geliebte ist Milch, eine Braut Butter, eine Frau Käse.“ (2, 196) Die Ausrichtung auf die politische Intention hin: das gilt aber auch dort, wo er historische Vergleiche heranzieht und dann ausführt: „Eine ähnliche bürgerliche Bestimmung hat das deutsche Volk“ (2, 212) oder wo er Anekdoten, „diese Henkel der großen Seelen, wodurch sie faßlich werden für den Hausgebrauch“ (2, 245), kommentiert: „Wann wird Ihre Frau entbunden? “ fragte Ludwig XIV. einen Hofmann. „Quand il plaira à votre majesté,“ antwortete dieser mit tiefer Verbeugung . . . So schmeichelt man noch heute den Fürsten, sie könnten die Stunde bestimmen, in welcher die Zeit ins Kindbett kommen soll. (2, 223) Er lehrt zwar nicht „Kinder Moral in Beispielen“, ansonsten lässt er uns mit diesem Aphorismus schon einen Blick in seine Werkstatt tun: „Um Kinder Moral in Beispielen zu lehren, dazu gebraucht man die Geschichte. Das heißt, ihnen Schwert und Lanze als Messer und Gabel in die Hände geben.“ (1, 161; 2, 285) Der Eindruck, Börnes Aphorismen seit der „Wage“ seien in der Gesamtheit von den früheren sehr verschieden, beruht vor allem auch darauf, dass er die Exklusivität der kurzen Maximenform aufgibt und die Texte bis zur Glosse von einer Seite Länge erweitert. Der Konzision, der Ironie und der Pointierung tut das keinen Abbruch, eher im Gegenteil: Sie sind konsequent auf eine solche Aufgipfelung hin gearbeitet: [...] denn einen Wahn verlieren macht weiser als eine Wahrheit finden. (2, 200) [...] aber es ist besser, den Atem als den Verstand verlieren. (2, 201) [...] nur der bewegte Dichter kann dem bewegten Herzen Ruhe geben. (2, 204) Mitunter ließen sich diese Schlüsse sogar zu selbstständigen Aphorismen isolieren: „[...] Wer nicht liebt, kann auch nicht hassen, wer nichts bewundert, kann nichts verachten, wer nichts anbetet, nichts verfluchen.“ (2, 349) Ausgangspunkt einer solchen Glosse ist etwa ein Pressezitat, das in einem Feuerwerk rhetorischer Fragen und Anaphern kommentierend zerpflückt wird, ehe ein wirkungsvolles Wortspiel („Es ist ein gemeines Wesen unter uns, aber kein Gemeinwesen“; 2, 230) diese Erledigung abschließt. Bis in Einzelheiten wird man nicht nur hier an Kraus erinnert. Glaubt man nicht in dem folgenden einleitenden Oxymoron den sprechen zu hören, der der „Wage“ die „Fackel“ hält: „Es ist so etwas Kleines, groß zu sein in unsern Tagen, daß man daran erkennt, wie es mehr der Kampf als die Beute ist, wo- <?page no="69"?> Politische Aphoristik nach 1800 67 ran sich der Ehrgeiz entzündet. Der Ruhm liegt auf allen Wegen, und keiner der Berechtigten greift darnach.“ (2, 212) Das gilt nicht weniger, wenn man liest, wie er sich mit seinen Kritikern auseinandersetzt („Ein Rezensent meiner Schriften im Berliner Conversationsblatte hat gesagt: ich solle nur nicht so stolz sein [...]. Das soll mir der böse Mann beweisen.“; 2, 353) oder seine wunderbare satirische Vernichtung der deutschen Philosophie liest: „Alles, was ist, ist gut.“ (2, 193-195) Und das gilt erst recht, wenn man seine Sprachglossen zum Beleg heranzieht, etwa die zu „Deutscher Mut und eiserner Sinn“ (Wage 1820, 34-36; 2, 342-344) oder jene andere, in der er von dem eben als dümmlich erwiesenen Begriff des „Preußentums“ aus über Hessentum, Badentum usw. ein ganzes „Thumrecht“ entwickelt (Wage 1820, 59f.; 2, 340f.). Kraus scheint in der Tat bei Börne vielleicht sogar mehr als bei Nestroy gelernt zu haben. Und über jenen ist der frühe Vorgänger in der Gattungsgeschichte bis an die Schwelle der Gegenwart stilbildend gewesen. Wir erinnern uns, wie er die Liebe zur Bedingung des Hasses, die Bewunderung zur Bedingung der Verachtung und die Anbetung zu der der Verfluchung erklärt: Wo bleibt das Positive? Die Aussagen dazu sind bei diesem satirisch-politischen Kämpfer nicht eben häufig, aber sie sind so klar, wie er das von sich verlangt. Er schließt die Sammlung seiner Aphorismen in den Gesammelten Schriften mit einer längeren Selbstaussage dessen, der seit mehr als einem Jahrzehnt an der „Wortdrechselbank“ (2, 331) sitze. Ohne diese Nr. 301 hier ausdeuten zu wollen, seien einige Kernpunkte festgehalten. Ganz entschieden zweifelt er den Primat der Form vor dem Inhalt an. Er möchte zumindest anerkannt sehen, dass er sich in seinem satirischen Vorgehen Grenzen gezogen hat: „Vielleicht verdiene ich keine Achtung für das, was ich geschrieben, aber für das, was ich nicht geschrieben, verdiene ich sie gewiß.“ Er besteht auf subjektiver Redlichkeit und Wahrheit („Was ich immer gesagt, ich glaubte es.“; 332) und setzt in zwei Richtungen auf die Kraft der Emotion: Was ihn bewegt („Man würde lachen, wenn man wüßte, wie bewegt ich bin, wenn ich die Feder bewege.“), das hat ihn zu schreiben bewogen: „Ich suchte zu bewegen.“ (333) An weniger exponierter Stelle fasst er sein schriftstellerisches Credo prägnanter und kaum verdeckt in eine „positive“ Trias: Klarheit, Recht, Liebe: Soll man die Menschheit beweinen oder über die Menschen lachen? Jeder, wie er will: es ist eines wie das andere. Ob wir spotten oder ernst sind, kriechen oder hüpfen, zaudern oder fortstürmen, hoffen oder fürchten, glauben oder zweifeln am Grabe begegnen wir uns alle. Doch eins ist, was nützt: die Klarheit. Eins ist, was besteht: das Recht. Eins ist, was besänftigt: die Liebe. (2, 323f.) Es ist ein höchst eindrucksvolles Kapitel der frühen Gattungsgeschichte, das sich von Klingers „Betrachtungen“ 1803/ 05 und Seumes „Apokryphen“ 1806/ 07 bis zu dem Höhepunkt in Jochmanns „Stylübungen“ 1828 und Börnes „Gesammelten Schriften“ 1829 entfaltet. Diese Autoren antworten einem „Athenäum“ mit „Zeitschwingen“ und Aphorismen aus „Welt und Zeit“. Sie <?page no="70"?> 68 Das 19. Jahrhundert stellen der philosophischen Spekulation für einen eingeweihten Kreis eine politisch konkretisierte Moralistik entgegen, die intentional in die Breite wirkt; die Frontstellung zum ‚Mystizismus’ des romantischen Fragments ist ihnen bewusst. Wenn es dort um Welt-Erkenntnis in fragmentarischer Zersplitterung geht, die in paradoxer Verbindung zu systematischer Einheit steht und Ahnung und Intuition einbezieht, so hier um politisch-gesellschaftlich konkrete Erkenntnisse. Wenn eine „transzendentale Moralistik“ dort den Konflikt von logisch-mathematischer und ästhetischer Wahrheit zur Bedingung der Möglichkeit des Erkennens erhebt, so treibt hier eine politische Moralistik den Aphorismus in den Konflikt der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit der freiheitlich-republikanischen Utopie als Bedingung der Möglichkeit politischen Handelns hinein. Wenn dort die Spekulation zur vornehmsten Erkenntnisquelle wird, so hier die Geschichte; anfechtbar ist im Einzelnen das eine wie das andere. Die jüngeren Autoren gehen hinter die Romantiker auf den Aufklärungsaphorismus, auf Lichtenberg (den sie zum Teil kennen) und auch auf Einsiedel (den sie nicht kennen können) zurück, indem sie die politischen Folgerungen aus der Aufklärungsvernunft ziehen; dualistische Vereinfachung könnte sich auf der Gegenseite Hamanns und Jacobis bedienen. Der Witz in seiner ganzen funktional-intentionalen Breite spielt hier wie da eine entscheidende Rolle, in der Kombinatorik, im Experiment, in der satirischen Decouvrierung. Und beide Ausprägungen der Gattung, so verschieden sie sein mögen, sind auch in ganz spezifischer Weise auf die Mitarbeit des Lesers angewiesen; der erst macht die produktiven Paradoxien Schlegels fruchtbar, der entschlüsselt die Implikationen Jochmanns und dechiffriert die Bilder Börnes. Die polare Konstruktion, so günstig sie etwa mit Kategorien wie idealistisch vs. materialistisch erster struktureller Einsicht sein mag, hat auch ansonsten ihre Grenzen, bei den „Politischen Aphorismen“ Novalis’ wie bei Menzels poetischen „Streckversen“. Das zeigt allerdings nichts anderes als, wiederum von einer anderen Seite, die Zwitterstellung des Aphorismus, politischphilosophisch einerseits, künstlerisch-literarisch andererseits. Die Wirkung der Romantik und ihres Fragments über Nietzsche bis in die Gegenwart ist stark und permanent, aber die Wirkung der politischen Aphoristik ist aller außerliterarisch bedingten Ignoranz und Unterdrückung ungeachtet daneben à la longue nicht gering zu achten, im Gegenteil: Autoren wie Kraus, Brecht oder Adorno sind im 20. Jahrhundert exzellente Zeugen ihres Weiterlebens. Und nicht zuletzt in der formalen Breite, die sich von Glosse, Anekdote, Zitat oder Kurzessay her in die Gattungsmitte bewegt, mutet sie modern an. II. Biedermeier-Aphorismus Weder die poetisch-philosophische Spekulation der Frühromantik noch die Politisierung des Vormärz finden bei den Autoren eine Fortsetzung, die <?page no="71"?> Biedermeier-Aphorismus 69 man den literarhistoriographischen Konventionen gemäß unter dem Begriff Biedermeier-Aphorismus zusammenfassen kann. Sie gehen einmal auf Wurzeln vor dem frühen Höhepunkt einer transzendentalen Moralistik, dann insbesondere auch auf Goethe zurück und sind besser geeignet als die singuläre Fragment-Poetologie, Entwicklungen sichtbar zu machen vom 18. Jahrhundert in die Mitte und die zweite Hälfte des 19. hinein. Die entscheidende Zwischenposition auf dem Wege zu Hebbels Tagebuchaphoristik und Schopenhauers „Lebensweisheit“ kommt dabei Rahel Varnhagen von Ense (1771- 1833) und Ernst von Feuchtersleben (1806-1849) zu, auch, was die Zusammenführung von Begriff und aphoristischer Praxis betrifft. „Rahel Levin Varnhagen ist bisher weder als Tagebuchschreiberin, noch als die bedeutende Aphoristin, die sie zweifellos ist, wahrgenommen worden.“ Ihre Stellung und Bedeutung in der Gattungsgeschichte werden erst nach der Öffnung des in Krakau bewahrten Nachlasses nach und nach sichtbar. Spätestens seit 1816 ist nachweisbar, dass sie Teile ihres Werkes selbstbewusst unter dem Begriff „Aphorismus“ in eine Gattungstradition einordnet, in der sie mit erstaunlich früher begrifflicher Klarheit Lichtenberg und Novalis als Vorläufer sieht. „Ich kann nur Briefe schreiben; und manchmal einen Aphorism“, schreibt sie am 7. Januar 1816 an Ignaz Paul Vitalis Troxler, den bedeutenden, ganzheitlich im Sinne des 18. Jahrhunderts als Anthropologe und Philosoph agierenden Arzt, der im selben Jahr „Bruchstücke aus Briefen und Denkblättern“ von ihr veröffentlicht. Konrad Engelbert Oelsners „Politische Aphorismen zur Beherzigung vor dem politischen Congreß in Achen [! ]“ (1818), unter Pseudonym verfasste und in mit Überschriften versehene Paragraphen gegliederte politisch-wissenschaftliche Texte („ich hätte glauben können, ich habe sie geschrieben“), versteht sie - vom Epigramm her - als „Aphorismen, in denen das Salz das Metrum zerfressen hat.“ (9, 545) Und die Texte, die Fouqué von ihr 1829 anonym „Aus Denkblättern einer Berlinerin“ veröffentlicht, sieht sie, wiederholt und ganz selbstverständlich, in der Gattung des Aphorismus stehend. 1834 stellt Varnhagen im „Buch des Andenkens für ihre Freunde“ neben Briefen Tagebuchauszüge zusammen, die in der zeitgenössischen Kritik gleichfalls als „Aphorismen“ rezipiert werden. Er ist tendenziell absolut gleicher Ansicht wie sie; Systeme sind ihm „Gebäude, worin sich die Erfinder, aber besonders die Jünger selbst einsperren.“ (8, 156; [Angelus Silesius]) 1855 wird sie in Meyers Groschenbibliothek der deutschen Klassiker aufgenommen; auch hier firmieren Sätze wie „Wir sind eigentlich, wie wir seyn möchten, und nicht so, wie wir sind“ (23) oder „Es ist ganz einerlei, wie man ist, sobald man nicht seyn kann, wie man will“ (29) unter dem Titel „Aphorismen“. Angesichts ihres Gattungsbewusstseins und der Selbstzeugnisse darf man sagen, dass Varnhagens Exzerpt prinzipiell ihren Willen erfüllt. Das „Buch des Andenkens“ wird in jüngster Zeit vom Nachlass her mehr als bisher angenommen als ihr Werk angesehen. Deshalb zählt sie zur Gattungsgeschichte, auch wenn sie im strengen Sinne keine selbst autorisierten kotextuell isolierten Aphorismen geschrieben hat. <?page no="72"?> 70 Das 19. Jahrhundert Die verschiedenen Aspekte, mit denen sie sich darin einschreibt, sind hier nur anzudeuten: die Verbindung zur Salon-Kultur der Franzosen bzw. Französinnen (Madame de Sablé), die Vorläuferrolle für die aphoristische Diaristik Hebbels und Grillparzers, die Rolle der Selbstbeobachtung, der Zusammenhang von Tagebuch und Aphorismus zum einen, zum andern Zitat und Aphorismus in nicht nur aktiver, sondern produktiver Rezeption. Die Verbindung zur Briefkultur ist darunter vielleicht der interessanteste, jedenfalls der scheinbar fernstliegende Aspekt. Der Aphorismus erwächst nicht selten dem Brief. Es ist an Beispiele aus dem 20. Jahrhundert, an Kraus, Benjamin, Bertram, Benyoëtz zu erinnern; auch für Alexander von Villers (1812-1880) wird der Zusammenhang diskutiert. Tagebücher und Briefe erscheinen darüber hinaus als spezifisch weibliche literarische Ausweichmöglichkeiten, bei Varnhagen eben in expliziter Verbindung zum Aphorismus. Von daher wären auch der Werk-Begriff und der Begriff der Autorschaft neu zu bestimmen. Wenn sie auch den Wunsch, eine Autorin zu sein, nicht abweist, so ist doch der Name an ein Werk geknüpft, das sie nicht vorgelegt hat, und so bleibt nur die Anonymität der „Zeitgenossin“ oder der „Berlinerin“: „Nennen Sie ja meinen Namen nicht! Nicht, daß ich nicht willig, ja gerne, eine Schriftstellerin wäre [...] aber k e i n W e r k hervorbringen zu können, und doch drucken zu lassen, da wandelt mich Scheu an.“ (3, 392). Die Geburt des Aphorismus aus dem Zitat ist bei ihr so deutlich wie selten sonst zu beobachten. Sie rezipiert die französischen Moralisten ebenso wie Lichtenberg. Der Einfluss ist eindeutig: „Aphorismen, Resultate à la Chamfort“ (3, 413) gibt sie Fouqué zum Druck. Nach brieflichen Chamfort-Zitaten heißt es: „Sie müssen heute viel Zitationen ausstehen! Wer kann dafür, daß es schöne Bücher giebt, wo solche Dinge darin stehen, die wir auch sagen? “ (2, 358) Im nächsten Schritt wird das Zitat kommentiert. Ihr Kommentar „Zu Novalis Aphorismen“ (3, 141-149) reicht von der Bestätigung bis zum direkten Widerspruch. Aus dem Zitat wächst der eigene Aphorismus: „Buchstäblich wahr“ findet sie das La Bruyère-Zitat, ehe sie es weiterdenkt: „Wir machen keine neue [! ] Erfahrungen. Aber es sind immer neue Menschen, die alte Erfahrungen machen.“ (3, 45) Am deutlichsten beobachten kann man die Geburt des Aphorismus aus Exzerpt und Glosse in ihrer Beschäftigung mit Angelus Silesius und Saint Martin, in den „Auszügen und Bemerkungen“, die 1834 (3. vermehrte Auflage 1849) veröffentlicht werden. Die „Bemerkungen“ wachsen sich von Randnotizen wie „Richtig“ oder: „Irrtum! “ zu selbstständigen, in der produktiven Auseinandersetzung entstandenen Aphorismen aus: Alle Konzentration ist auch Ungeduld.“ (8, 68) Einsicht fühlt nichts; unser Geist reiset auch in uns hin und her.“ (8, 111) Freiheit ist nur, nach seinen Prinzipien handeln zu dürfen.“ (8, 219) Von „Gedankenknospen“ (8, 72) spricht sie metaphorisch überzeugend. <?page no="73"?> Biedermeier-Aphorismus 71 Überhaupt ist es der dialogische Aspekt, ob vom Zitat her, ob vom Brief her gedacht, der zum Verständnis ihres Aphorismus führt, und sei es das Selbstgespräch: „Gespräche, wie sie lebendig im Menschen vorgehn“, heißt es in einem Brief an Gentz, und weiter: „Aber auch meine Gespräche sind nicht ohne Kunst.“ (zit. nach 10, 46) Der äußere Anlass führt zur Produktion. Von der anderen Seite, vom Autor-Ich her, sind nicht nur Selbstdenken, sondern Selbsterleben und -erleiden die Quelle. „Es ist ganz einerlei, wie man ist, sobald man nicht sein kann, wie man will“ (2, 368), schreibt sie, indem sie ihr konkretes Gefühl des Ungenügens - zumindest auch durch die Frauenrolle bedingt - im Grundsätzlichen verbirgt. An Troxler, dem sie bekennt, „manchmal einen Aphorism“ schreiben zu können, spezifiziert sie ihre Schreibsituation, indem sie fortfährt: „aber absolut über keinen Gegenstand, den man mir, oder ich mir selbst vorlegen möchte. [...] Ich bin doch ein Rebell! “ (2, 370) Und dieser in mehrfacher Hinsicht ausgegrenzte und inferiorisierte „Rebell“ nennt seine kurzen Texte, wieder in einem Brief an Gentz, „destillirte Essenzen meist aus Lebensschmerzen.“ (3, 451) Die innere Disposition für die Gattung wie für deren rhetorische Konstitutiva liegt auf der Hand; sie empfindet sich selbst als ein „Paradox“ und definiert in der Figur sich selbst auf höchst schmerzhafte Weise: „Diese Woche habe ich erfunden, was ein Paradox ist. Eine Wahrheit, die noch keinen Raum finden kann sich darzustellen; die gewaltsam in die Welt dringt, und mit einer Verrenkung hervorbricht. So bin ich l e i d e r ! - h i e r i n liegt mein Tod! “ (4, 296) Die Quelle des Schmerzes ist im Gefühlsleben auszumachen. Mit einem eigenwilligen Akzent, was die Beständigkeit betrifft, spricht sie über die Liebe: „Immer dasselbe oder immer etwas anderes lieben, heißt beständig lieben. Nichts lieben können, ist unbeständig sein.“ (2, 314) Man hat Anzeichen für eine überspannte Frauensprache auszumachen geglaubt. Nicht zu verkennen ist aber auch, dass das „Herz“ bei ihr mit Erkenntnis und „Wissen“ verbunden wird: „Wissen ist eine Vorrathskammer, ein Vorrath; Wissen ist ein geistiges Haben. Durch Wissen ist man überzeugt: Liebe ist Überzeugung.“ (3, 68) Herz und Geist werden im Sinne des Herzdenkens der Aphoristiker in einer dialogischen Wechselbeziehung gedacht: „Sein Geist, seine Seele und sein Herz haben keine Gespräche mit einander. Der einzig amüsante Umgang.“ (3, 555) „Wissen“ allerdings muss dann auch wieder in weiterem Sinne gedacht werden; Rahel Varnhagens Vorliebe für die Mystik ist offensichtlich, auch damit befindet sie sich an einem zentralen Ort der Gattungsgeschichte. Vermittelt mit diesem Ansatz aus der Mitte der eigenen Person heraus sind die von der Moralistik her bekannten Themen, die nicht nur mit höchstem ethischen Anspruch weiterentwickelt werden: „Immer Gerechtigkeit für Andre: Mut für uns selbst. Das sind die zwei Tugenden, worin alle andern bestehn.“ (3, 319) Sie werden auch auf durchaus eigene Weise akzentuiert: „Die Lüge ist schön, wenn wir sie wählen; und ein wichtiger Theil unserer Freiheit. Erniedrigend aber, wenn wir dazu gezwungen sind. Lügen wir aber ganz ohne Bewusstsein, so sind wir gewiß albern.“ (8, 113; [Herzensleben]) Dass diese eigene Weise sich insbesondere dort auswirkt, wo Varnhagen ein <?page no="74"?> 72 Das 19. Jahrhundert ureigenes Leidens-Thema umkreist, das der Frau nämlich, versteht sich. Die Wertigkeiten, die den zwei „Nationen“ Mann und Frau von der einen zugeschrieben werden, führen zu umfassender Falschheit in allen Beziehungen: „Daß in Europa Männer und Weiber zwei verschiedene Nationen sind, ist hart. Die einen sittlich, die andern nicht; das geht nimmermehr! - ohne Verstellung. Und das war die Chevalerie.“ (1, 312) Die Selbstbeobachtung stimmt mit den gesellschaftlichen Beobachtungen überein: „Negerhandel, Krieg, Ehe! - und sie wundern sich, und flicken.“ (1, 259) Von daher kann sie sich ihrer Prophezeiung ganz sicher sein; ihr Fundament ist eine klare Analyse des Verhältnisses der Geschlechter: „Wer sich ganz aufgiebt, der wird gelobt: so wollen sie uns.“ (3, 204) Von Charlotte Stieglitz (1806-1834), die ihre Berühmtheit der Tatsache verdankt, daß sie sich ums Leben bringt, um ihren Mann zu dichterischer Produktivität anzuregen, sind in ähnlicher Form Tagebuchbemerkungen und mündliche Äußerungen überliefert. Sie stehen aber wohl im gleichen Maße jenseits der Gattungsgrenze, wie die Rahel Varnhagens aufgrund ihres Gattungsverständnisses diesseits dieser Grenze anzusiedeln sind. Die andere wichtige frühe und - etwa im Vergleich zu Schopenhauer - unterschätzte Stufe in der Entwicklung der Gattung stellt der Wiener Arzt Ernst von Feuchtersleben dar. Seine Aphorismen haben immer noch nicht die Beachtung gefunden, die sie verdient hätten. Sie sind zwar in Anthologien vertreten, aber selbstständig sind sie seit über hundert Jahren im Buchhandel nicht greifbar. Er sammelt die Ergebnisse seiner aphoristischen Tätigkeit, Dokumente innerer Entwicklung, jeweils in drei Abteilungen: Wissen, Kunst, Leben gegliedert, in den „Beiträgen zur Literatur, Kunst und Lebenstheorie“ von 1837 und als „Blätter aus dem Tagebuch des Einsamen“ in erzählerischer Einkleidung in den „Lebensblättern“ (1841). Eine dritte Sammlung, die „Confessionen“, besorgt nach seinem Tode sein Herausgeber Hebbel im vierten Band der „Sämtlichen Werke“ (1851). Es sind vor allem zwei Traditionsstränge, die bei dem Mediziner Feuchtersleben zusammenfließen: Zum einen ist das der deutliche Anschluss an die Lebensphilosophie des 18. Jahrhunderts. Die Bevorzugung der unsystematischen Kürze hat hier ebenso ihre Wurzel wie der Wert des Selbstdenkens und der Affekt gegen die Schulphilosophie. Feuchtersleben holt den Aphorismus aus der wissenschaftlichen Praxis der Spätaufklärung in die Literatur hinüber. Zum andern bestimmt ihn die Anlehnung an Goethe, das Vorbild seines Lebens. Nicht nur mit dem Begriff des Aperçus bezieht er sich auf ihn, die Anknüpfungspunkte finden sich auch sonst in seinen Texten allenthalben, etwa an den Aufsatz „Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil“. Demgegenüber spielen Lichtenberg, der „feinste Maler der Seelenzustände, der Kolumbus der Hypochondrie“ (AW 559), der „geistvollste aller Grillenfänger und der grillenvollste aller Geistreichen“ (AW 516), und La Rochefoucauld, „der oft verkannte“ (IV, 164), mit seiner „sittlichen Zartheit“ und seinem „Tiefblick <?page no="75"?> Biedermeier-Aphorismus 73 in die Irrgänge des Herzens“ (V, 285) allenfalls Nebenrollen; Rahel von Varnhagens Werk hat er genauestens beobachtet. Im Vorwort zu den „Confessionen“, in selbstreflexiven Aphorismen, vor allem aber in dem den „Beiträgen“ vorangestellten „Zum Verständnisse“ legt Feuchtersleben seine gattungstheoretischen Überlegungen nieder: Aphorismen schreibt entweder Jemand, der auf vereinzelte piquante Einfälle sich was zu gute thut; und das zeigt [! ] von Beschränktheit. Oder Jemand, der seine Aussprüche für Orakel hält oder gehalten wissen will; und das zeigt von noch größerer Beschränktheit. Und doch - indem man dieses weiß und ausspricht - schreibt man Aphorismen. In der That, es sollte doch dem Denkenden so schwer nicht fallen, neben jenen zwei Fällen viele und verzeihlichere zu erkennen; ja, auf den wundersamen Wegen menschlichen Denkens, die so schnell von Extrem zu Extrem führen, dahin zu gelangen, daß am Ende das beste Wissen doch nur aphoristisch zu Tage gefördert werden kann; und etwa: daß Ergebnisse irdischen Erkennens nicht mehr wahr sind, wenn sie nicht mehr aphoristisch sind. - Dem sei nun wie ihm wolle; der Verständigbillige wird nicht verkennen, daß die Geburten des Momentes - bald Ahnung, bald Wissen, aber immer bedeutend - nicht stets in die Register der Systeme können eingetragen werden; daß die Ruhepunkte der philosophischen Geschichte eines Individuums meist mit Wenigem anzudeuten sind, zu eigener Erinnerung und fremder Belehrung. (V, 281) Er wertet die Gattung insgesamt so auf, dass er über den Anspruch auf einen Superlativ hinaus fast eine schiere Identität von Wahrheit und Aphorismus behauptet. Seine Vorstellungen reichen weit über das Gehaltvolle und Konzise der Kürze hinaus. Er hebt das Organische („die Geburten des Momentes“), eine Naturform des Denkens gewissermaßen, gegen das Systematische ab. Diese punktuelle Erkenntnis, „bald Ahnung, bald Wissen, aber immer bedeutend“, hat für ihn nicht nur den Vorzug des ‚Natürlichen’, sondern auch einen logischen Primat. Ein weiterer Grundgedanke seiner Poetologie ist der unbedingte Wert des Selbstdenkens, dessen Ergebnisse „meist mit wenigem anzudeuten“ sind. Im Vorwort zu den „Confessionen“ heißt es entsprechend: Es sind Bruchstücke eines Lebens. Man muß sie nicht als Ansichten oder Lehrsätze, sondern als Ergebnisse gewisser Lebens-Epochen - nicht theoretisch, sondern geschichtlich - auffassen, wenn man sie richtig beurtheilen will. [...] Allein, wer zu denken gewohnt ist, weiß, daß ihn solche problematische Ergebnisse meist, durch Anregung, zu eigener Denkproduktion mehr gefördert haben, als fertige Lehren, die man ihm zu verdauen gab. (IV, 5f.) In einer Einheit von Leben und Denken haben Aphorismen als „Bruchstücke eines Lebens“ und „Ruhepunkte der philosophischen Geschichte eines Individuums“ den Charakter eines Entwicklungsdokumentes. Die literarischen Erzeugnisse des moralistischen Selbstdenkers sind eben keine „Einfälle“, sondern Kondensat und (Zwischen-)„Resultat“. An Joseph Stanislaus Zauper, der offenbar mit seinen „Aphorismen moralischen und ästhetischen Inhalts, meist in Bezug auf Goethe“ (1840) beschäftigt ist, schreibt er etwa: „Was ist all unser Schreiben als Resultate aus unsern Lehr- und Wanderjahren? Was kann der Reifste am Ende geben als Aphorismen? “ (AW 415) Den „Confessionen“ <?page no="76"?> 74 Das 19. Jahrhundert steht ein selbstbezüglicher Aphorismus voran, in dem Feuchtersleben das Offene, Nichtfixierte solchen Resultates erläutert, die Dialektik von Einfall und Klärung reflektiert und letztlich auf dem durch Unabgeschlossenheit Anregenden beharrt: Aphorismen können nur, in so weit sie Resultate sind, auf Mittheilbarkeit Anspruch machen. Einfälle, als solche, mitzutheilen, setzt entweder große Anmaßung voraus, indem man sie für wichtig hält, oder Selbstgeringschätzung, indem man sich zur Belustigung des Augenblickes hergibt. Resultate aber nenne ich nicht nur das Abschließliche, sondern auch das aus der Betrachtung von Problemen sich ergebende Anregende. (IV, 27) Immer schon hat sich in Feuchterslebens Argumentation das Anregende dem Selbstständigen verbunden. Das Vorwort zu den „Beiträgen“ schließt damit, das Vorwort der „Confessionen“ hebt dezidiert darauf ab, nicht anders enden die „Lebensblätter“: „Wohin auch das Schicksal diese Blätter zerstreue, [...] sie werden ihren Zweck erfüllen: zur B e tr a c htung , - und w a s vi e l höh e r und wi c htig e r is t, - z ur T ätigk e it a nz ure g e n! “ (III, 235) Und mit der Funktion der Anregung - das ist entscheidend - ordnet der Mediziner und Popularphilosoph Feuchtersleben seine Aphoristik ausdrücklich den Werken der „Dichter“ zu, allerdings nicht ohne auch vielfach Zweifel daran zu äußern: Die Werke der Dichter - Romane und Theater - haben vor rein didaktischen Büchern eben das voraus, daß sie nicht alles aussprechen (woraus Langeweile entsteht); sondern daß sie im Leser, indem sie ihm ein Problem hinwerfen, das eigene Nachdenken anregen. Haben wir ihn nun in den vorangehenden Blättern gelangweilt, so gedenken wir uns durch die folgenden dem eben genannten Vorteile der Dichter zu nähern. Denn aphoristische Reflexionen reizen mehr an, als sie befriedigen, regen mehr an, als sie geben. (AW 534) Als die Fundamente von Feuchterslebens aphoristischer Weltanschauung geben sich schon in den frühen „Beiträgen“ Kraft, Tätigkeit („die Wurzel des Lebens“; V, 294) und Glaube klar zu erkennen: Kraft ist das Wirksame. Und so ist in menschlichen Werken der Gehalt an Kraft das Wesentliche, dem durch Ausbildung die Anmuth als Gestalt entsprießt. Was aber gewährt Kräfte als der Geist? Dahin muß unser Blick gerichtet bleiben. (V, 292) Der Glaube gibt durch sich selbst, was er verheißt. (V, 312) Zur „Wissenschaft“ gehört für ihn auch Literatur(kritik), in der „Kunst“ tradiert er das Kunstprogramm der Klassik, für die Kunstwerke als „Darstellung des Göttlichen“ der „sittlichen Veredlung“ (V, 302) dienen: „Göttlich ist das Wahre, Gute, Schöne.“ (V, 304) Die Aphorismen der Gruppe „Leben“ heben sich formal eindeutig durch ihre maximenhafte Kürze ab. Der „Kränklichkeit unserer Zeit“ (V, 306) stellen sie einerseits leere Forderungen in einem unverbindlich idealen Raum entgegen: „Auf Kultur kommt alles an.“ (V, 314), andererseits findet Feuchtersleben zu Antithesen („Die Wahrheit öffnet sich uns nicht: wir müssen uns ihr öffnen.“; V, 313), Metaphern („Die Theorie ist nicht <?page no="77"?> Biedermeier-Aphorismus 75 die Wurzel, sondern die Blüte der Praxis.“; V, 298) und Definitionen („Reue ist Verstand, der zu spät kommt.“; V, 316), die schon hier seinen Rang als Aphoristiker bezeugen. In den „Lebensblättern“ sind die Freunde Julius und Theodor mit ihren Gesprächen über Poesie, von Goethe überstrahlt, mit ihrer Neigung zu „schönen Gedanken“ (156) und ihrem aphoristischen Lebensbildungsprogramm Geist vom Geiste ihres Autors: „Vom Leben sollen unsere Blätter ausgehen, und so werden sie wieder in’s Leben eingreifen. Das Leben besteht aus Fragmenten, ist selbst ein Fragment - und so wird man uns das Fragmentarische abgerissener Mittheilungen zu Gute halten! “ (5) Als „Blätter aus dem Tagebuch eines Einsamen“ teilt er dem Leser im dritten Teil des Buches Theodors Gedanken zu Wissen, Kunst und Leben mit. Ein „Lehrbrief“, ersichtlich von dem Anspruch getragen, den „Wilhelm Meister“ in seine Zeit weiterzuführen, formuliert die ethischen Postulate des Autors wie seiner Figur. Die Bildungsidee steht im Mittelpunkt: „Es sind drei Bildungswege, die man am besten verbindet: Selbstdenken, Gespräch, Lectüre. Der erste fährt auch allein zum Ziele; die andern nicht ohne den ersten.“ (226) Einerseits gehören Denken und Wirken zusammen. Wenn es andererseits, eben im Gegensatz zur Goethezeit, heißt: „Die Interessen des Tages, der Welt, des Äußern, drohen alles innere Leben zu verschlingen“ (243), so ist hier schon eine Prädisposition im wahren Sinne des Wortes vorgeprägt, die späterhin zu einer unheilvollen Abkapselung, einem Rückzug nach innen, führt, der sich in der Geisteswie in der Gattungsgeschichte massiv abbildet. Bei Feuchtersleben erscheint beides noch ausgewogen: „Man lernt von Außen nach Innen, von Innen nach Außen bildet man sich.“ (233) Das Leben wird als die Aufgabe begriffen, als Teil eines Ganzen in Liebe, Beharrlichkeit und Gegenwart des Geistes zu denken, zu wirken und zu leiden. Der Autor entfaltet die Grundzüge seines Denkens, den Glauben an die göttliche Kunst und die Gewissheit ihres zweckhaften Niedergangs in der Gegenwart, noch einmal, wieder leitet er von daher sittliche Forderungen ab, in liebendem Verstehen gegen alles nur witzig Pointierte gerichtet. Auf dieser Grundlage entwickelt er wiederum Bilder („Die Phantasie blüht herrlich, aber sie trägt bittre Früchte. Blüthenlos wächst die Erkenntniß, ihre Früchte aber sind nahrhaft.“; 234), Definitionen („Was ist Glück? Übereinstimmung eines Charakter’s mit seinem Schicksale. So kann es von der Natur gegeben, vom Geiste geschaffen werden.“; 224) und Maximen: „Wer sich nicht oft gern täuscht, der hat die rechte Weisheit noch nicht.“; 231), die aus der epigonalen Anbindung eigenständig herauswachsen. Die „Confessionen“ schließen hier direkt an, nicht nur dadurch, dass sie als der Nachlass eines Fremden ausgegeben werden, der zu dem Einsiedler Theodor aus den „Lebensblättern“ gekommen und bei ihm verstorben ist. Die leitenden Ideen sind und bleiben das Ideal geistiger Entwicklung, Selbstdenken, Pflicht und rechtes Handeln als praktischer Idealismus. Der geistige Zusammenhang ist der engste, bis hin zu wörtlichen Übereinstimmungen. Wenn es hier heißt: „Nur immer das alte Gebet: ‚ein reines Herz und große Gedanken’“ (IV, 128), so nimmt das den „Lehrbrief“ auf, der schließt: „Bitte <?page no="78"?> 76 Das 19. Jahrhundert Gott, wie jener Wanderer: um große Gedanken und ein reines Herz! “ (204) Der konservative Zug, der die Übelstände „in der Epoche, in welcher wir jetzt leben“ (IV, 87), scharf ins Auge fasst, insbesondere etwa die „Seiltänzervolten der modernen Dichter“ (IV, 75), verstärkt sich: „Alles soll neu, unerhört, pikant sein und Wirkung machen. Das Wahre aber ist nun einmal alt.“ (IV, 80) Damit geht einher, dass Feuchtersleben äußerst demokratie-skeptisch ist und auch „auf die Gefahr hin, für illiberal zu gelten“ (IV, 161), auf die „Grundpfeiler“ „Ruhe und Gesetzlichkeit“ vertraut. (IV, 158) Gegen das Wahlgesetz kann er nur einen hilflosen Appell setzen: „Gut sein ist die einzige Bürgschaft der Gesellschaft.“ (IV, 171) Er geht in seiner Geistkonzeption dabei von einem rein idealistischen, allem Politischen enthobenen Begriff von Freiheit aus: „Wer s i c h nicht beherrschen kann - der will frei sei? und wer es kann, - i s t er es nicht? “ (IV, 184) Sie bringt ihn zu einem - man möchte sagen: geistesphantastischen - Geschichtsdenken: „Die industrielle Tendenz hat uns aus dem Feudalismus befreit; und die ideelle Tendenz wird sich aus der industriellen allmälich [! ] entfalten.“ (IV, 178) Im traditionalen Widerstreit der Gattung zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, und zwischen Autoren des Sollens und solchen des Seins ist seine Position dementsprechend eindeutig: „Was sein soll, nicht was ist, schwebt ihm [dem Geist] als Zweck seines Daseins vor.“ (IV, 120) Äußerst skeptisch ist dieser Aphoristiker der Selbstbildung und des Maßes auch gegenüber dem - inkommensurablen - Gefühl; so wenig er ihm traut, so viel (und zu viel) traut er dem Verstand: „Mit der Leidenschaft möchte es immerhin angehen, - wenn sie nur commensurabel wäre.“ (IV, 119) Schon in den „Beiträgen“ heißt es, und man darf es „tiefst“ anzweifeln: „Die tiefsten Gefühle des Menschen gehen allerdings erst aus der Intelligenz hervor.“ (V, 309) Feuchterslebens Bedeutung macht es freilich aus, dass sein aphoristisches Werk in dieser einschichtigen Ausrichtung auf das Ideelle, Konservative, die hehre Maxime und den An„schein“ von Geist nicht ganz aufgeht. Er denkt dann auch höchst vermittelt, ohne Mittelmaß zu werden: „Freude daran, Vieles lächerlich zu finden, drückt Mißwollen, - gar nichts lächerlich finden, drückt Beschränktheit aus.“ (IV, 113) Er denkt gerade im Kernbereich von Schein und Sein auch dialektisch: „Der vollendete S c h e i n lässt sich nur durch das S e i n erzielen.“ (IV, 140) Und er findet zu scharfsinnigen Differenzierungen, die bei aller abgehobenen Geistorientiertheit überzeugen können: „Das Kleine in einem großen Sinne behandeln, ist Hoheit des Geistes; das Kleine für groß und wichtig h a l t e n , ist Pedantismus.“ (IV, 155) Auch wenn für die Spezialisten feststeht, dass die Aphorismen innerhalb seines Werks „unstreitig“ „künstlerisch am bedeutendsten“ sind, ist er damit im Bewusstsein der Gattung vergleichsweise immer noch zu schwach ausgeprägt. Er ist und bleibt allerdings auch ein Mann des frühen 19. Jahrhunderts. Schon Gutzkow kritisiert ihn in seiner maximenhaften Starre, und bei Altenberg zeigt sich die zurückgelegte Strecke auf dem Weg zur Literarisierung des Aphorismus endgültig. <?page no="79"?> Biedermeier-Aphorismus 77 Neben Varnhagen und Feuchtersleben ist von zwei Autoren zu sprechen, für die die Gattung eine weniger zentrale, aber nicht unbedeutende Rolle spielt. August von Platen (1796-1835) hat sich in verschiedenen kleinen Sammlungen ihrer bedient. Die Tagebücher, die er von 1813 bis zu seinem frühen Tode führt, geben über seine Quellen regelmäßig Rechenschaft, von orientalischen Sprüchen und den antiken Gnomikern bis an die Schwelle seiner Gegenwart. Platners Begriff und Lichtenbergs Verfahren stehen, prinzipiell vereinbar, bei ihm nebeneinander. So wie er fest in der Tradition der auf Menschenkenntnis bedachten Anthropologie des 18. Jahrhunderts steht - er beschäftigt sich eingehend mit Knigges „Regeln“ - , so steht er in seinen aphoristischen Bemühungen unter dem Einfluss Lichtenbergs, nach dessen Beispiel er im April 1816 ein „Sudelbuch“ zu führen beginnt. 1815 stellt der junge Leutnant „Betrachtungen über einige moralische Verhältnisse des Lebens für Jünglinge“ an, die nicht erhalten geblieben sind; von einem Plan zu „Ideen über einige moralische oder gesellschaftliche Verhältnisse des menschlichen Lebens“ sind nur einige „Abgerissene Gedanken in bezug auf gesellschaftliche Verhältnisse des Lebens“ übrig geblieben, die sich vorwiegend dem Problem der Abgrenzung von Freundschaft und Liebe widmen, dem Lebensproblem des homosexuellen Dichters. Verheimlichung, Verdrängung, Selbstrechtfertigung treiben sie voran: „Nie erscheint uns ein Freund im gefälligeren Lichte, als wenn wir ihn zum Vertrauten unserer Liebe machen.“ (SW 11, 76) Die zwei Jahre später entstandenen „Lebensregeln“ wie auch die „Mengelstoffe“ (1818) bleiben mit ihrer Tendenz zu moralisch-religiöser Selbstvergewisserung, zu Lebensregel und Maxime im Umkreis der Leseals Lebensorientierung, von pietistisch-protestantischem Geist der Selbsterforschung durchwirkt. Der Konkretisationsgrad ist - nicht anders als bei Knigge - höchst unterschiedlich, die Gefahrentrias ist die klassische: der Alkohol, das Spiel, die Frauen. Dass sie aus Lektüre geschöpft sind, verhehlen sie nie. Sie beginnen mit dem Vorsatz im klassischen diaristischen Dialog: „1. Lies die Vorschriften, welche hier folgen, oft; präge sie dir genau ein und laß den Vorsatz, ihnen treulich nachzuleben, immer fester, lebendiger und laß ihn unverbrüchlicher in dir werden, als ein Schwur ist.“ (81) Und sie reflektieren den „Nutzen“ dieser Übung: „48. Fahre fort, wie bisher ein Tagebuch zu führen. Der Nutzen ist mannigfach und auch das Vergnügen. Aber mache dir strenge Aufrichtigkeit zur Pflicht. Es sei dir nicht bloß Erinnerung, es sei dir Mittel, dich selber kennen zu lernen.“ (89) Im Ton wird man etwa an Matthias Claudius‘ „An seinen Sohn Johannes“ erinnert, auch wenn es dort der Vater ist, der Lebensmaximen aufstellt. Zum selbst verordneten Lebensprogramm gehören Tätigkeit und Lektüre, aber auch Geselligkeit, die zu Selbstvertrauen, Überlegung, Klarheit des Geistes und zu Sekundärtugenden wie Genügsamkeit, Sparsamkeit, Ordnung und Pünktlichkeit führen sollen. Der politische und soziale Rahmen ist erkennbar, die Perspektive ist desungeachtet subjektiv auf sittliche und ‚vernünftige‘ Vervollkommnung gerichtet. Wo die „Mengelstoffe“ sich stärker aus dieser pragmatisch-selbstbezüglichen Orientierung <?page no="80"?> 78 Das 19. Jahrhundert lösen, lehnen sie sich an die Vorbilder an, ohne sie indes zu erreichen. Wenn er sagt: „Die gemeinsten Meinungen und was jedermann für ausgemacht hält, verdient oft am meisten untersucht zu werden.“ (117), dann ist das nur schlechter formulierter Lichtenberg: „Zweifle an allem wenigstens einmal, und wäre es auch der Satz: zweimal zwei ist vier.“ (K 303) In seinen „Aphorismen, besonders über dramatische Kunst“ schließlich, Anfang 1825 als Gelegenheitsarbeit im Arrest entstanden, stellt Platen, nicht ohne Kohärenzsignale, höchste ideale Forderungen auf: „Nr. 6: Das Theater ist heilig und allein der Kunst geweiht. Politische und Hofrücksichten dürften nie Einfluss auf die Bühne haben. Freiheit ist das Element der Kunst.“ (148) Für seinen Biographen verkündet der erfolglose Dramatiker hier „das Evangelium einer ganz besonderen Schönheit“. Auch Karl Immermann (1796-1840) hat sich am Rande seines umfangreichen Werkes mehrfach der Gattung zugewandt. An zwei Stellen fügt er Aphorismen in seine epischen Texte ein. In den „Papierfenstern eines Eremiten“ (1822) teilt der Herausgeber den auf papiernen Fensterscheiben erhaltenen schriftlichen Nachlass des Helden mit, unter anderem dessen „Vermischte Gedanken“ (I, 195-200 und 230-235). Sie verstehen sich in erster Linie aus dem epischen Kontext heraus, was die Aufarbeitung eines Liebeserlebnisses wie die Reflexion aktueller politischer Ereignisse betrifft. Das gilt auch für die Bemerkungen des Arztes in den stark unter dem Einfluss der „Wanderjahre“ stehenden „Epigonen“ (1836; II, 241-243); ihm diktiert der Autor in wenigen Aphorismen auch sein Spätzeitbewusstsein in die Feder: Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was hält uns noch beieinander? Es ist mit den Häusern, den Familien, den Freundschaften zu Ende, man sieht es klar. (243) Die „Grillen im Wagen“ (IV, 220-226) hingegen bilden den Abschluss seines „Reisejournals“ von 1833. Sie entstehen - so ist es jedenfalls dargestellt - auf der Rückreise von Grabbe. Sie tragen den Charakter von Tagebuchnotizen und streifen verschiedene Gegenstände von der Kunst über „außerordentliche Menschen“ (225) bis zum Katholizismus. Dabei reichen sie von der kürzeren Reflexion bis zum knappen Einzelsatz, der sich bedeutungsschwer gibt: „Der Alltag ist das elementarische Dasein.“ (223) Der Zwischenstellung des Aphorismus entspricht es, dass neben einem Lyriker wie Platen und einem Romancier wie Immermann von zwei Autoren die Rede sein muss, die sich der Gattung von der Philosophie her annähern. Unter dem Titel „Der Schriftsteller und der Mensch“ veröffentlicht Ludwig Feuerbach (1804-1872) 1834 „Eine Reihe humoristisch-philosophischer Aphorismen“. In seinem Vorwort geht er von der toposartigen Verteidigung der Kürze aus: „Ein in einem kurzen Aphorismus abgeschlossenes Leben kann mehr Geist und Gehalt, selbst mehr Erfahrungen in sich bergen, als ein im langweiligen Katheder- oder Kanzelstyl breit ausgesponnenes Leben.“ (1, 266) <?page no="81"?> Biedermeier-Aphorismus 79 Es klingt dabei etwas vom Gegensatz der Lebensphilosophie zur Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts mit, und tatsächlich akzentuiert der Autor den Lebens-Aspekt an anderer Stelle: „Hand in Hand mit meinen abstracten wissenschaftlichen Arbeiten sollen […] immer zugleich Schriften erscheinen, welche die Philosophie der Menschheit so zu sagen ans Herz legen, welche, aus dem Leben gegriffen, unmittelbar wieder ins Leben eingreifen. Ein eigenthümliches Genre schwebt mir dabei vor.“ (2, 368) Für „eine zum Theil misslungene Probe“ hält er dann freilich dieses Werk; es schwebt ihm ein Genre vor, das er noch nicht zu erfüllen vermag. Wer dächte dabei nicht an Schopenhauer und vor allem über Schopenhauer hinaus an Nietzsche? Mit den Aphorismen zu „Der Schriftsteller und der Mensch“ nimmt Feuerbach eine kaum bekannte Vorläuferrolle ein. Das Vorwort reflektiert sodann seine Gattungsbezeichnung: „Aphorismen bezeichnet der Titel als den Inhalt dieser Schrift. Man erwarte aber in ihr nicht einzelne, unzusammenhängende, zufällige Gedanken oder Einfälle.“ Es ziehe sich eine Grundidee durch, aber: „Diese Freiheit der Bewegung ist absichtlich, wie die Form der Aphorismen.“ (1, 266) In kürzeren Abschnitten von einer halben bis zu zwei Seiten, aber auch in einem längeren Essay, oft dialogisch und im Stil einer Disputation, voller kontrastiver Vergleiche von Leben und Buch und mit Beispielen aus der Philosophiegeschichte gespickt: in dieser Form durchzieht ein Grundgedanke das Werk: die Unsterblichkeit; die Seele, das ist nichts anderes als der in den Büchern verewigte Geist der großen Schriftsteller oder, in Feuerbachs eigenen Worten, „eine dramatische Definition von der wahren, der thatkräftigen, energischen Unsterblichkeit“ (1, 214). Ist die Nähe zur literarischen Gattung, wie sie sich gleichzeitig herausbildet, dergestalt auch vielfach relativiert, so sind andererseits doch auch etliche Anlehnungen an sie zu verzeichnen: in der Antithese, in der metaphorischen Definition, in der aphoristischen Pointierung, nicht zuletzt auch in den Gewährsleuten Bacon (279, 280) und Lichtenberg. Und Lichtenberg steht noch an anderer Stelle prominent Pate zu den Bemühungen, wie sie Feuerbach in der sich ausbildenden Gattung von der Seite der Philosophie her unternimmt. Die „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ von 1847, der dritte Band der „Sämmtlichen Werke“, sammeln statt eines Vorwortes Aphorismen aus den „Sudelbüchern“ zum Thema, so D 200, D 254, D 369, F 489, J 78 (1, 261-262), und bezeugen auf diese Weise, dass Feuerbach genauestens mit diesen vertraut ist. (Die anonyme Erstausgabe von 1830 enthält sie noch nicht.) Eine nicht uninteressante Marginalie in der Geschichte der Lichtenberg-Rezeption wie der Gattungsgeschichte ist es, dass eben diese „Gedanken“ auf dem Geburtstagswunschzettel des siebzehnjährigen Nietzsche stehen; er dürfte die Bekanntschaft Lichtenbergs also über Feuerbach gemacht haben. Der Vorgänger wiederum äußert aus seiner Rezeption heraus, es sei sein höchster Triumph, „den Stoff von Folianten in den Duft eines Epigramms zu verflüchtigen“ (2, 382). Seine Affinität zur Gattung bezeugen nicht zuletzt auch die Tagebuchnotizen in den „Fragmenten zur Charakteristik meines <?page no="82"?> 80 Das 19. Jahrhundert philosophischen Entwicklungsgangs“. Sie sind nicht anders als die „Aphorismen“ häufig als die Widerlegung einer These gearbeitet; sie formulieren wiederholt seinen Grundgedanken: „Die Liebe allein löst Dir das Räthsel der Unsterblichkeit.“ (2, 373) Da finden sich aber auch Sätze in der traditionellen Tugend-und-Laster-Thematik („Das Geheimnis der Tugend ist die - Gewohnheit.“; „Die Fehler der Menschen sind oft besser als ihre Tugenden.“; 2, 369), wie sie ähnlich in England William Hazlitt, ausdrücklich in der Art La Rochefoucaulds, formuliert: „Das Laster ist die Natur des Menschen; die Tugend ist Gewohnheit oder Maske.“ Da steht die Maxime („Folge unverzagt deinen Trieben und Neigungen, aber a l l e n ! - Dann wirst du keiner einzigen zum Opfer fallen.“ 2, 371) neben der klassisch-chiastischen Formulierung: „Einst war mir das Denken Zweck des Lebens; aber jetzt ist mir das Leben Zweck des Denkens.“ (2, 391) Dass es ihm insgesamt an wahrhaft revolutionärem Umkehrdenken nicht fehlt, versteht sich bei dem Autor des epochemachenden Werkes „Das Wesen des Christentums“ von selbst: „Deine erste Pflicht ist, D i c h s e l b s t glücklich zu machen. Bist Du glücklich, so machst Du auch Andere glücklich. Der Glückliche kann nur Glückliche um sich sehen.“ (2, 391) Mit all dem steht Feuerbach auf einem genau zu verortenden Punkt in der Geschichte der Gattung zwischen der Lebensphilosophie und Lichtenberg einerseits, Nietzsche andererseits. 1840 bis 1842 erscheint in Gitschin in Böhmen „Ein aphoristisches Taschenbuch“ unter dem Titel „Pallas Athene“ in drei Jahrgängen, auf dem Vortitel erläutert als „Ana aus dem Lehrgebiete der Kunst u. Wissenschaft“. Als Verfasser zeichnet Anton Fähnrich (1800-1852), Professor am dortigen Gymnasium. Es sind jeweils zweimal 150 Stücke: zum einen Reflexionen und Plaudereien in unverbundenen Abschnitten, die kurioseste Themen aus fast allen Wissenschaften um das Kerngebiet von Mathematik und Sprachwissenschaft herum berühren, zum andern allgemeine Lesefrüchte und kurze Bemerkungen. Nicht selten ist dabei der aphoristische Kernbereich der Selbst- und Menschenkenntnis berührt: „Nur die Höllenfahrt der Selbsterkenntniß, sagt der tiefe Selbstkenner Hamann, bahnt uns den Weg zur Himmelfahrt der Veredlung.“ (III, 116); menschliche Charaktereigenschaften werden bedacht: „Grobheit ist eine natürl. Tochter der Wahrheit aus einer wilden Ehe mit dem (oft nur vermeintlichen) Rechte.“ (III; 22) Es werden zeitdiagnostische Versuche gewagt: „Ein Zeichen der Neuzeit ist die poesielose Herrschaft des Stoffes.“ (III, 136) Und nicht selten auch erinnert die Form an den ‚klassischen’ Aphorismus definitorischer oder metaphorischer Art: Religion ist die Philosophie des Herzens, und Philosophie ist die Religion des Geistes. (III, 111) Mit der sinkenden Jugendsonne wachsen die Schatten des Lebens. (III, 90) In seiner Gattungsreflexion, einem durchgehenden Element der drei Bände, legt Fähnrich seine philosophischen wie literarischen Wurzeln offen. Von der Popularphilosophie des 18. Jahrhunderts her plädiert der Autor für eine prak- <?page no="83"?> Biedermeier-Aphorismus 81 tische „Lebensweisheit“; er schließt ausdrücklich an die Mischtextsorte der Ana an, etwa die „Scaligeriana“ (I, 4). Gleichzeitig zeigt er unbedingt Formbewusstsein: „Ein guter Ausdruck ist fast so viel werth als ein guter Gedanke, die schöne Form ergötzt auch an leeren Vasen - die zierliche Arbeit ist, und hat Goldeswerth.“ (III, 188) Im Antagonismus von „Geist und Herz“ und also der Betonung der Gemütskräfte des Menschen steht er ausdrücklich in der Defensive gegen die intellektuelle Einseitigkeit der philosophischen wie literarischen Avantgarde seiner Zeit: „Geist und Herz beseelen und beglücken nur dann, wenn sie im schönen Bunde vereint sind.“ (III, 5) Jean Paul, der „Lehrbote des Humors“ (I, 48), sein „oft erwähnter Liebling“ (I, 74), ist die literarische „Sonne“ (III, 82) über der Landschaft dieser Taschenbuch- Gemeinde; auf seine „Fruchtkörner“ „aus den Riesenspeichern seiner Auszüge“ (III, 27) bezieht sich Fähnrich ausdrücklich. Aber auch „der geniale Lichtenberg“ (I, 70) wird durchgehend rezipiert: „Lichtenbergs Schriften (Wien 1817) haben mich durch das Gedrängte und Abgeschlossene jedes Gedankens ungemein angesprochen; doch sind seine Werke, wie alle Schriften der Art nur zum Blättern, nicht zum Fortlesen geeignet.“ (I, 107) Lichtenbergs „Bruchsätze“: Die angestrebte literarische Nachfolge zeigt sich nicht allein darin, dass Fähnrich exakt mit diesem Begriff, als Synonym für „Aphorismen“ und als Übertragung ins Deutsche, seine eigenen Texte bezeichnet. Sein „Aphorismus“-Begriff spiegelt den Entwicklungsstand Mitte des 19. Jahrhunderts wider: Er lebt in erster Linie und stärker als die ‚hohe’ Literatur der Zeit aus der Nachfolge des von Wissenschaft und Lebensweisheit geprägten Begriffes des 18. Jahrhunderts, nimmt aber in der gleichzeitigen Anknüpfung an Lichtenberg und Jean Paul auch schon die moderneren literarischen Aspekte des Begriffes auf. Fähnrichs aphoristisches Taschenbuch steht damit neben und in der Gattung zugleich; in diesem Mit- und Ineinander ist es Indiz einer Übergangszeit. Wenn Fähnrich und Feuerbach auf der einen, Moritz Gottlieb Saphir (1795-1858) und Adolf Glassbrenner (1810-1876) auf der anderen Seite auch nichts zu verbinden scheint, so spricht doch auch wieder für die integrative Kraft der Gattung, dass Saphir nicht anders als Fähnrich von Jean Paul herkommt. Wenn Fähnrich und Feuerbach als Lebensphilosophen eher rückwärtsgewandt sind in dem Sinne, dass sie die Popularphilosophie des 18. Jahrhunderts und Lichtenbergs „Sudelbücher“ zu einer Synthese zu bringen suchen, dann weisen die Literaten Saphir und Glassbrenner eher voraus. Sie finden ihre primäre Verbreitungsform in der Zeitschrift, nicht zufällig wurzeln sie in den beiden Metropolen Wien und Berlin. Beide ragen im Prinzip von der witzigen Unterhaltung her in die Gattungsgeschichte hinein. Beide bilden von daher die Brücke zu den massenhaften witzigen Gedankensplittern der Jahrhundertwende, für beide steht der Aphorismus unter vielfältigen Bezeichnungen in einem Umfeld von Kurzformen, Rätseln, Gedichten, Dialogen, wie es für solche Blätter kennzeichnend wird, beide sind mit diesen literarischen Formen auch im Zusammenhang tiefgreifender literatursoziologi- <?page no="84"?> 82 Das 19. Jahrhundert scher Umschichtungen zu verstehen, veränderter schriftstellerischer Produktionsbedingungen wie der Lesebedürfnisse neuer (klein-)bürgerlicher Schichten. Nicht zu übersehen ist darüber freilich auch, dass sich in beiden Autoren die Spannweite des satirischen Aphorismus zwischen politischem Engagement und politisch indifferentem oder systemstabilisierendem, an reinem Witz orientiertem Wortspiel abbildet. Glassbrenners Kritik an seinem Lehrmeister Saphir zielt stets genau auf diese Differenz. Saphir wirkt ab 1825 in Berlin, dann in München, ab 1837 gibt er in Wien die Zeitschrift „Der Humorist“ heraus. Er hält humoristische „Vorlesungen“ in ganz Deutschland; gegen die demokratischen Tendenzen der Zeit zieht er polemisch zu Felde. Indem er intentional den humoristischen Stil von Jean Paul und Börne nachbildet, entwickelt der Schnellschreiber von krankhaftem Geltungsbewusstsein das Wortspiel, oft auf der Grundlage von Phraseologismen, bis zur Virtuosität. So finden sich in den 26 Bänden seiner „Schriften“ eine ganze Reihe von Aphorismensammlungen unter Bezeichnungen wie Aphorismen, Sprüche, Gedanken, Maximen, Papilloten oder Ein- und Ausfälle. Der literarische Ort Saphirs ist in einem gemeinsamen Schnittbereich von Rätsel, Witz, Aphorismus und benachbarter dialogischer Kleinformen zu suchen; sein vielerprobter Ausgangspunkt ist die im Witz sich auflösende Rätselfrage: „Warum ist der Tod der beste Doktor? - Weil er nur eine Visite macht.“ (Prosatexte 263). Der Talmud ist als Quelle für dieses Frage-und- Antwort-Schema nicht außer Acht zu lassen. Die klassische Moralistik wird ohne auch nur einen neuen Gedanken neu bebildert, hier mit ihrer amour propre: „Der Fünftelsaft jeder Leidenschaft ist die Selbstliebe.“ (Schriften 12, 229) Von Jean Paul her kommt seine Bilddefinition: „Die Wahrheit ist eine Brennessel; wer sie nur anstreift, den brennt sie, wer sie fest und kühn anfasst, dem thut sie nichts.“ (Prosatexte 280) Alles wird konsequent in die vordergründig-pointenorientierte Witzform umgebogen, die auf Einverständnis spekuliert, und dies ist literarisch ebenso wie ökonomisch motiviert: „Die Ehe ist das Grab der Liebe, und die Frau ist sogleich das Kreuz darauf! “ (273) Eine dialektische Argumentation fällt dabei nur in seltenen guten Fällen wie nebenher ab: „Arbeit macht Hunger, darum gibt man den Menschen keine Arbeit, damit sie nicht hungrig werden! “ (203) Andererseits muss man sehen, dass er in der Zeit mit seinem Witz auch durchaus befreiend gewirkt hat. In der Furchtlosigkeit seiner Satire ist er Avantgarde; Zensur und polizeiliche Verfolgung sind politische Realitäten für ihn, und seine Texte werden politisch rezipiert. Anders ist das Bonmot nicht zu verstehen: „Der Saphir ist ein Edelstein, der nur von der Polizei richtig gefasst werden kann.“ Wenn man allerdings weiß, dass es wahrscheinlich von ihm selbst stammt und somit als eine Art Reklame-Gag intendiert gewesen sein und gewirkt haben dürfte, dann ist man wieder zurückgeworfen in eine diffuse Mitte zwischen politischem Impetus und der privaten Literaten-Lust an der Berühmtheit als Stachel und Wortjongleur, am gewinnbringenden Skandal, sei er privater, sei er politischer Natur. <?page no="85"?> Tagebuch und Aphorismus 83 Das Urteil des Literarhistorikers Rudolf Gottschall um 1860 kennzeichnet das Bild seiner Rezeption bis Kraus: „Er ist der incarnirte Wortwitz; das ist seine Bedeutung in der Literatur. […] Tiefere Ideen werden zum Glücke selten von diesen hin und her spielenden Wortmaschinen zerrieben.“ Kraus schließlich erledigt ihn literarisch noch verstärkt in dem Willen, sich gegen den allfälligen Vergleich zur Wehr zu setzen. Es ist immer auch Arbeit an seinem Selbstbild, wenn er derart gegen Saphir und für Nestroy Partei ergreift. Selbst wenn man deshalb einiges an seinen vernichtenden Urteilen und seiner prinzipiellen Unvergleichbarkeit in Abzug zu bringen hat und auch nicht zu leugnende Gemeinsamkeiten sieht, so bleibt die Charakterisierung Saphirs als eines frühen Vorläufers der essenzlosen Wortspielvirtuosität unangetastet, wie sie dann erst wieder nach Kraus und in seinem Gefolge sich zeigt. Adolf Glassbrenner beginnt mit Rätseln in Saphirs „Berliner Courier“ 1827. Ab 1829 veröffentlicht er im „Berliner Eulenspiegel“ unter den diversen Kurzformen auch Aphorismen. Bis sie einmal konsequent unter dem Gattungsgesichtspunkt gesammelt sind, kann man sich nur auf Einzelbeispiele, vor allem aus der dreibändigen Auswahl von 1981, beziehen. Sie zeigen, so in „Herrn Rentier Buffey’s Tagebuche“ im „Komischen Volkskalender für 1849“, immerhin die Integration des ursprünglichen Wortwitz-Ansatzes in das demokratische Engagement im Sinne des Vormärz, wie es Glassbrenner im Gegensatz zu seinem Vorbild Saphir immer auch auszeichnet: „Die alten Minister haben wir ausgemärzt, aber mit den neuen sind wir in’n April geschickt.“ (2, 124) Und sie zeigen auch den Weg zur pointenfreien politischen Maxime: „Die Caution für Zeitungen ist die Censur der Capitalisten.“ (2, 141) Im Aphorismus der Jahrzehnte vor 1848/ 50, die man in der Doppelformel von Vormärz und Biedermeier zu fassen gewohnt ist, sind bei aller Verschiedenheit der Ausprägungen Anzeichen für ein Zusammenwachsen von Begriff und Gattung unübersehbar, bei Börne ebensogut wie bei Varnhagen, Feuchtersleben oder Fähnrich, aber auch in der Gattungsreflexion unter diesem Begriff ohne eine aphoristische Praxis, so bei Ludwig Uhland. Diese Autoren arbeiten damit der Etablierung einer literarischen Gattung „Aphorismus“ vor, wie sie mit Schopenhauer nach der Mitte des Jahrhunderts zum Abschluss kommt. III. Tagebuch und Aphorismus Der Randbereich von Tagebuch und Aphoristik hat zu mancherlei gattungsmethodologischen Überlegungen geführt; so ist Friedrich Hebbels (1813-1863) Zugehörigkeit zur Gattung keineswegs unbestritten. Während er einerseits kurzerhand aus der Gattungsgeschichte ausgeschlossen wird, nehmen ihn andererseits die größeren Aphorismusanthologien mit seinen Tagebuchaufzeichnungen wie selbstverständlich auf; es entstehen Arbeiten über <?page no="86"?> 84 Das 19. Jahrhundert „Die Kunstform des Aphorismus in Hebbels Tagebüchern“ und „Hebbel als Aphoristiker“. Er ist der herausragende Vertreter einer Tagebuchaphoristik in der Mitte des Jahrhunderts. Er kennt die noch junge Gattungstradition in ihrer Breite von Platner (Nr. 588) bis Rahel Varnhagen (Nr. 1318) und lässt sich von ihr anregen: „Das Buch Rahel frischt den alten Vorsatz wieder in mir auf, ein regelmäßiges und ausführliches Tagebuch zu führen.“ (Nr. 1320) Er liest nicht nur, regelmäßig im Tagebuch dokumentiert, Jean Paul; er nimmt auch sehr genau dessen aphoristische Einschübe, ebenso wie die Goethes, als solche zur Kenntnis: „So wie in Goethe das Gestaltungs-Vermögen abnahm, griff er auch zu Extrablättern in Jean Pauls Manier, vide Ottiliens Tagebuch.“ (5896) Er „scheint mit Lichtenbergs Notizheften vertrauter gewesen zu sein, als sich aus den gelegentlichen Bemerkungen in seinen Tagebüchern schließen lässt.“ Aus der Perspektive selbstbewussten Vergleichens beurteilt er ihn nicht immer zustimmend; das abschließende Urteil lautet aber doch: „Ich will lieber mit Lichtenberg vergessen werden, als unsterblich sein mit Jean Paul! “ (3805) Seine Aufzeichnungen erinnern hier einmal an Lichtenberg („Ein Verschönerungsglas“, 3618), weisen dort einmal auf Kafka voraus: „Nur für einen Moment bestimmt zu sein und diesen Moment zu verfehlen: welch ein Totengefühl in dem Gedanken.“ (3589) Werner Ehrenforth und Jens Sparschuh, beide selbst Aphoristiker, geben Aphorismensammlungen von ihm heraus. Hebbel selbst hat zwar den Terminus „Aphorismen“ für sein Werk nicht benutzt, ist aber als Herausgeber Feuchterslebens auch für die Gattungsreflexion von größter Bedeutung. In seinem Aufsatz zu Feuchtersleben von 1853 diskutiert er die Bestimmungen, die sich bis zur Gegenwart geltend machen: Er siedelt den Aphorismus im Bereich der Literatur an und macht gleichzeitig seine philosophisch-poetische Zwischenstellung explizit; er erörtert das Problem der Verlässlichkeit und Wahrheit des Aphorismus; mit Witz und Phantasie einerseits, Beobachtungsgabe andererseits, aber auch „Stimmung“ als emotionaler Beteiligung benennt er die konstitutiven divergenten Kategorien; er macht ein Bewusstsein für die Form geltend, während vorher inhaltliche Kriterien bei seiner Beschreibung eindeutig überwiegen. Es spricht einiges dafür, dass er hier nicht nur aus eigener praktischer Erfahrung heraus urteilt, sondern in die von ihm skizzierte Gattung auch große Teile seines diaristischen Werkes einreiht. Der Autodidakt aus ärmlichsten Verhältnissen beginnt am 23. März 1835 mit den „Reflexionen über Welt, Leben und Bücher, hauptsächlich aber über mich selbst, nach Art eines Tagebuchs“; an dieser „aphoristischen Unterhaltung mit mir selbst“ (5047; von 1852) hält er bis zu seinem Tode fest. Das aphoristische Schaffen geht voraus, die Einordnung in eine als solche erst zu erkennende Gattung folgt dem nach. Dabei ist die diaristisch-aphoristische Arbeit nicht gleichmäßig auf seine Lebenszeit verteilt. In den dreizehn Jahren von 1835 bis 1847 umfasst das Tagebuch mehr als doppelt so viele Druckseiten wie in den sechzehn Jahren von 1848 bis 1863; „dies vernachlässigte Tagebuch“ (5631), schreibt er 1858. Der aphoristische Anteil daran ist eher noch disproportionaler, denn in den <?page no="87"?> Tagebuch und Aphorismus 85 letzten Jahren nehmen die Aufzeichnungen mehr und mehr den Charakter eines echten Tagebuchs an. Der Aufenthalt in Italien 1845 mag die fruchtbarste aphoristische Zeit gewesen sein. Hebbel ist sich immer dessen bewusst, eine besondere Art Tagebuch führen zu wollen. Schon 1842 beklagt er die mangelnde Balance: „Wie selten trag ich in dies Tagebuch jetzt noch Gedanken ein.“ (2469) Und an Heiligabend 1846 notiert er: „Es ist noch nichts geworden, es waren ein paar ängstliche Tage, heute ist nun Weihnachts-Abend und Christine befindet sich wieder leidlich“, um sofort in die Selbstreflexion überzuleiten: „Solche Notizen zeigen recht deutlich, was dabei herauskäme, wenn ich, wie ich es mir zuweilen vornehme, ein Tagebuch im gewöhnlichen Sinn führen wollte. Gedanken und Einfälle, wie ich sie mir notiere, bedeuten sehr wenig, aber immer noch mehr, als das äußere Leben.“ (3857) Er schreibt aufs Ganze gesehen ein Reflexionstagebuch, wie es in der Spannweite etwa von Joubert bis zu den divergenten Ausfächerungen im 20. Jahrhundert aus der Gattungsgeschichte des Aphorismus nicht auszublenden ist. Seine zahlreichen autoreflexiven Bemerkungen berühren Kernaspekte der Gattungsreflexion überhaupt. „Alle solche spitze Gedanken sind nur Versuche, sich der Wahrheit zu bemächtigen. Oft blinkt das reine Gold heran, aber das Netz zerreißt unter seiner Last, es ist nur für Goldfische gemacht! O Gehirn! O Herz! “ (2264) heißt es 1841; Pointiertheit und Wahrheitssuche sind mit dem Appell an Gehirn und Herz verknüpft. Und sechs Jahre später deuten die Integrationsüberlegungen mit dem „schönen Gedanken“ in dieselbe Richtung: „Der schöne Gedanke. Wie ist er aesthetisch zu definieren? Darüber nachzudenken! “ (3950) Schon 1837 stellt er lapidar fest: „Erkenntnis und Empfindung gehen immer Hand in Hand.“ (918) Und wo Gedanke und Gefühl ganz im Sinne der Gattung ineinander gedacht werden, da ist eine ‚Identität’ von Bild und Gedanke nicht weit: „Es ist gefährlich, in Bildern zu denken, aber es ist nicht immer zu vermeiden, denn oft, besonders in Bezug auf die höchsten Dinge, sind Bild und Gedanke identisch.“ (920) In seinen Tagebuchaufzeichnungen vermeidet Hebbel das Bilddenken nicht nur nicht, er führt es zu einem frühen Höhepunkt. Zwei Beispiele mögen vorerst als Beleg hinreichen. „Der Gedanke tritt zwischen den Menschen und das Leben; er verbrennt die Früchte, die es bietet.“ (1699) Mit den Bildern von Frucht und Feuer tritt der Autor auf seine Weise in die Diskussion um Leben und Denken, Konkretion und Abstraktion, eine aphoristische ‚Philosophie des Lebens’ ein, die die Gattung durchzieht. Dass das Ergebnis des Verbrennungsvorgangs, die Asche, ihrerseits fruchtbar werden kann: dieser Gedanke ist dem Rezipienten überlassen; indem er ihn denkt, hat er ihn beglaubigt. Ein zweites Beispiel nimmt die Vorstellung der mit der Frucht verbundenen Ambivalenz auf; der Gedanke wird im Bild wohl noch nachdrücklicher in seinen Umschlag hineingetrieben: „Am schönsten stirbt der Zweig, der unter der Schwere seiner eignen Früchte erliegt.“ (3345) Feuer, Tod, Schmerz: der für Hebbel konstitutive Bildbereich ist wie nebenher eröffnet. Angesichts der 6347 Nummern des Tagebuches generelle formale Aussagen zu treffen, ist am ehesten negativ möglich. Keine Brillanz, keine Eleganz <?page no="88"?> 86 Das 19. Jahrhundert besticht den Leser, die Gedanken nehmen ihn eher durch die prägnante, man möchte sagen: bedingungslos gehärtete Einfachheit der Form für sich ein. Der Witz ist ihnen fremd; das höchst vereinzelte Wortspiel („Das Steckenpferd ist das einzige Pferd, welches über jeden Abgrund trägt.“; 300) ist ebenso wie die Sprichwortweiterführung („Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber, es glänzt auch nicht alles, was Gold ist, sollte man billig hinzusetzen.“; 339) eher als Abgleiten in unvertraute Sprachgefilde zu werten; da übt sich jemand ein und findet nicht schlackenlos zu seinem Ton. Die Definition, die durchaus ein wesentliches Element der Aphoristik darstellt, ist indessen von unterschiedlichstem Wert. Der Kuß ist der Vulkan des Herzens. (1576) Das Leben ist ein beschneites Feuerwerk. (3423): Dort, wo sie dieserart lediglich eine Position zwischen Jean Paul und Peter Hille markiert, mag sie so hingehen. In einem mittleren Bereich pointiert aphoristischer Definition stehen Scharfsinnigkeit und „Tiefe“ in je verschiedenem Verhältnis zueinander: Genie ist Intelligenz der Begeisterung. (1952) Schönheit ist Tiefe der Fläche. (2054) Dort aber, wo sie im Kontext von Hebbels zentralen Denkfiguren zu lesen ist und sich in deren Dienst stellt, dort ist sie ungleich wertvoller. Sie nimmt den Schmerz dieses Denkens auf: „Die Welt: die große Wunde Gottes.“ (2663); sie treibt es auf ihre Weise bis zu dem Punkt der Selbstaufhebung: „Das Leben ist ein Traum, der sich selbst bezweifelt.“ (2490) Die Themen von Hebbels Tagebuchaphoristik sind - wie sollte es anders sein? - äußerst vielfältig. Sie werden von Kunstreflexion einerseits, Zeitkritik andererseits flankiert. Zu Fragen von Literatur und Kunst versucht er sich vielfach definitorisch, in den Bahnen der Zeit zu Genie („Genie ist Bewußtsein der Welt.“, 648; „Das Genie ist der Fühlfaden seiner Zeit.“, 1233) oder Humor, erkennbar oft mit weniger Glück: Humor ist Erkenntnis der Anomalien. (118) Der Humor ist die einzige absolute Geburt des Lebens. (329) Der Humor ist eine erweiterte Lyrik. (984) Das Bedenkenswertere hält sich von solcher definitorischen Plakativität fern: „Das Schöne entsteht, sobald die Phantasie Verstand bekommt.“ (6301) Es baut auf eine Interdependenz von Leben und Dichtung: „Alle Mittelmäßigkeit in der Poesie führt zur Heuchelei in Charakter und Leben.“ (717) Dass er daneben, ähnlich wie später Schnitzler in seinem Nachlass, die Kerne zu dramatischen Stoffen sammelt, verwundert nicht. Was die Zeitkritik betrifft, das <?page no="89"?> Tagebuch und Aphorismus 87 Nichteinverständnis mit seinem „Zeitalter des Ausruhens“ (738), einer schlicht „schlimmen Zeit“ (689), so wird sie so selten wie eindeutig artikuliert: Unsre Zeit ist eine Parodie aller vorhergehenden. (602) Unsere Zeit ist dummklug. Andere waren altklug. (528) Seltener noch finden sich direkte politische Aussagen dieser Art: „Nur die Einheit Deutschlands führt zu seiner Freiheit als Nation.“ (5599) Wo beide, der aphoristische Rekurs auf die Zeit sowie der auf die Kunst und ihren Produzenten, zu vermitteln sind, da ist Hebbel eher im Eigenen: „Ein Schriftsteller ist nur so viel wert, als er über seiner Zeit steht, denn nur dies ist sein Eigentum.“ (896) Auch Traumnotizbuch ist sein Tagebuch, auch das eine Gattungskonstante von Lichtenberg bis Benjamin: „Der Traum ist der beste Beweis dafür, daß wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, als es scheint.“ (3045) Solche Aufzählung könnte man angesichts der Größe des Korpus beliebig weitertreiben. „Die wichtigen Themen der deutschen Aphoristiker des 18. und 19. Jahrhunderts finden sich also […] auch bei Hebbel“, stellt der kritische Betrachter zutreffend, aber eben auch unspezifisch fest. Wo es um Fragen der Natur, insbesondere der Natur des Menschen geht, nähert man sich dagegen einem zentraleren Bereich seiner diaristischen Aphoristik. Paradoxie statt plakativer Thesenhaftigkeit, das mag ein Indiz sein: „Es gibt keinen Weg zur Natur der Dinge, der nicht von ihnen zu entfernen schiene.“ (703) Hebbel ist, was den Menschen und was das Leben betrifft, von tiefem Pessimismus durchtränkt: Die Natur hat mit dem Menschen in die Lotterie gesetzt und wird ihren Einsatz verlieren. (3627) Selbst, wenn das Sterben vom Willen des Menschen abhinge, würde keiner am Leben bleiben. (3955) In seinen aphoristischen Erwägungen nimmt der Tod die wichtigste Rolle ein: Der Tod zeigt dem Menschen, was er ist. (2887) Der Tod begeht keinen Fehler, wenigstens macht er keinen wieder gut. (5097) Dass sie ihn regelrecht umtrieben, das darf man von allen Fragen der Wahrheit behaupten. Bedingtheit („Es gibt keine reine Wahrheit, aber ebensowenig einen reinen Irrtum.“; 852) bei unbedingtem moralischen Rigorismus („Du mußt bedenken, daß eine Lüge dich nicht bloß eine Wahrheit kostet, sondern die Wahrheit überhaupt.“; 1075): diese logische Reibung ist hier nicht nur auszuhalten, sie ist konsequent. Denn dieses ‚Umtreiben’ indiziert schon die Form paradoxer Vermitteltheit: Zur Wahrheit wollte ich schon kommen, hätte ich nur Zeit, zu irren. (952) <?page no="90"?> 88 Das 19. Jahrhundert Niemand spricht eine Wahrheit aus, die er nicht mit einem Irrtum verzollen müßte. (1060) Die Unmöglichkeit unumstößlicher Eindeutigkeit korrespondiert mit einem Möglichkeitsraum, der leer ist: „Nichts kann bewiesen werden, als - was zu beweisen sich nicht verlohnt.“ (1387) In diesem von Wahrheit und Irrtum gebildeten Zwischenraum ist man dem einen von zwei Aspekten unmittelbar benachbart, die als konstitutiv für Hebbels Aphoristik gelten dürfen. Er ist nicht besser als in die Doppelformel ‚Schmerz der Erkenntnis, Erkenntnis des Schmerzes’ zu fassen. Ausgangspunkt ist die Menschenals Selbstbeobachtung: „Die meisten Erfahrungen über mich selbst habe ich in Augenblicken gemacht, wo ich die Eigentümlichkeiten anderer Menschen erkannte.“ (712) Schon, indem ihre Begrenztheit als schmerzlich erlebt wird („Der Mensch denkt sich leichter einen Gott, als sich selbst.“; 4048), ist die Hebbel eigentümliche Verbindung hergestellt. Diese ‚Lebensphilosophie’ basiert auf dem reflektierten Erleben des Schmerzes: „Der Schmerz ist ein Eigentum, wie das Glück und die Freude.“ (250) Es ist im Bild gestaltet („Den Schmerz wie einen Mantel um sich schlagen.“; 2804) und wird metaphorisch generalisiert: „Unser Leben ist der aufzuckende Schmerz einer Wunde.“ (2294) Es bleiben bitterste Hoffnung („Daß die Schmerzen miteinander abwechseln, macht das Leben erträglich.“; 1314) wie aber auch höchster Besitz: „Den Schmerz opfern; höchstes Opfer.“ (2662) In seiner Konsequenz liegt dementsprechend die Paradoxie einer Lebensregel, die den Verlust aus Selbstschutz provoziert: „‚Wirf weg, damit du nicht verlierst! ’ ist die beste Lebensregel.“ (442) Den eigentlichen Gipfel findet es in einer Art paradoxer Schmerzlust: „Im größten Schmerz ist es noch Wonne, seiner fähig zu sein! “ (766) Welcher Art die Empfindung auch sei, die Stärke der Empfindungsfähigkeit obsiegt in jedem Fall. In der aphoristischen Logik nicht weit entfernt davon ist als der zweite Aspekt die Figur der Grenzüberschreitung, des dialektischen Umschlages, der Aufhebung, wie sie Hebbel 1846 gültig formuliert: „Wo alle Grenzen sich durchschneiden, alle Widersprüche sich berühren, da ist der Punkt, wo das Leben entspringt.“ (3732) Es ist dies nicht gerade ein Denken vom Gegenteil her, wohl aber ein das Gegenteil einschließendes Denken; les extrêmes se touchent: „In dem Augenblick, wo die Liebe ihr Alles gibt, macht sie zugleich Bankerott.“ (3232) Es liegt ihm eine Ganzheits-Utopie zugrunde: „Wäre nur irgend etwas ganz erklärt, so wäre alles erklärt.“ (1713; vgl. 701) So werden Teil und Gegenteil mit- und ineinandergedacht, auch wenn das Bewusstsein einer „Schranke“ existiert: „Was soll die Schranke? Sie soll verhüten, daß ein Ding nicht sein Gegenteil werde. Wenn sie mehr will, so frevelt sie.“ (1777) Schmerzhaft in der Vorstellung ist das in Großem: in der Pflicht als Sünde: „Es gibt Fälle, wo Pflicht-Erfüllen Sündigen heißt.“ (805), in der handelnden Unterwerfung unter das Schicksal: „Wir sollen handeln; nicht, um dem Schicksal zu widerstreben, das können wir nicht, aber um ihm entgegenzukommen.“ (1044), in der vernichtenden Anbetung: „Es gibt Menschen, die nur <?page no="91"?> Tagebuch und Aphorismus 89 das anbeten, was sie vernichten können.“ (1082), im tödlichen Begreifen: „Der Begriff seiner selbst ist der Tod des Menschen.“ (2125; vgl. 4142) Wo sich solche Widersprüche berühren, da ist der Ort seiner extremen Bilder, die das „übrig bleibende Gute im Schlechten“ zu beschreiben versuchen: „der Punkt, an den die Strafe sich festhäkelt.“ (2293) Sie erfinden Schatten und Spiegel neu: Sich umkehren und seinen eignen Schatten tanzen lassen. (1718) Es gibt auch Spiegel, in denen man sehen kann, was einem fehlt. (2354) Sie lassen die Scham als Schminke erscheinen: „Schäm dich! Es ist die billigste Art, sich zu schminken! “ (2434) Sie stoßen den Leser in eine Aporie: „Gerade das kann die Welt entbehren, um dessen willen sie allein zu existieren verdient.“ (2386; vgl. 703) Oder aber sie überlassen ihm die jeweilige Konkretisierung ganz, indem sie einfach metaphorisch das hoch Poetische und das profan Werktägliche miteinander verknüpfen: „Am Regenbogen muß man nicht Wäsche aufhängen wollen.“ (4641) Neben den gedanklich harten (Zu-) Fügungen und der metaphorischen Polarisierung, so von Spiegel und Nichtsichtbarem, Scham und Schminke, Wäsche und Regenbogen, tragen zur Extremisierung schließlich nicht wenig die bevorzugten Bildbereiche im Kontext des Schmerzes bei, Feuer: Es ist eine alte Sache, daß die Feuersteine zerschlagen werden müssen, wenn sie Feuer geben sollen. (45) Feuer essen, um sich zu erwärmen. (1661) Zerstoß dir im Finstern an einem Pfahl den Kopf und sieh zu, ob das Feuer, das dir aus den Augen fährt, hinreicht, ihn zu beleuchten. (3150), Tod: Wenn ein Mensch ganz Wunde ist, so heißt ihn heilen - ihn töten! (2004) Die Natur ißt, wenn wir sterben. (3583), Blut und Wunde: Sich das Blut abzapfen, um sich rote Wangen zu malen. (3844) Die Mücke, die dem zur Hinrichtung Geführten Blut entsaugt. (4539) Unser Leben ist der aufzuckende Schmerz einer Wunde. (2294) Nicht zuletzt dieses frühe aphoristische Bilddenken macht die Größe von Hebbels Aphoristik aus. Auf solche Weise treibt sie aus einem im Zusammenhang von Schmerz, Einsamkeit und Erkenntnis an Grenzen geführten Denken in unbedingter Härte zeitlose Diagnostik heraus. Wenn Brecht in ihr wahrnehmen will, da sei „viel Dekoration und die Gefühle überinszeniert“, so wird er ihr zwar mit dem Verdikt „Dekoration“ überhaupt nicht gerecht, aber <?page no="92"?> 90 Das 19. Jahrhundert in den „überinszenierten Gefühlen“ zeigt er doch auch ein genaues Gespür für die Gefahr des Pathos, die in der gedanklich-metaphorischen Zuspitzung liegt: „Dichten heißt, sich ermorden.“ (1838) Mit Feuchtersleben und Hebbel, der den Großteil seines aphoristischen Werkes schafft, bevor er sich als Herausgeber eines fremden Werkes auch gattungstheoretisch äußert, sind der Begriff und die literarische Gattung des Aphorismus Mitte des 19. Jahrhunderts miteinander verbunden. Franz Grillparzer (1791-1872) führt von 1804 bis 1871 Tagebücher, in die - natürlich, darf man wohl sagen - auch Texte eingehen, die man als Aphorismen verstehen kann. Auch an ihnen hat sich die Diskusssion entzündet, ob und wie weit sie für die Gattung in Anspruch genommen werden können. Dass er für den Herausgeber der Tagebücher 1914 ganz selbstverständlich „Aphorismen von starker Schlagkraft und unabsehbarer Wirkung“ (VII), „in weitgehendem Maße, inhaltlich wie formell, von den Aphorismen Lichtenbergs abhängig“ (XII), geschrieben hat, das verwundert in dieser Zeit nicht. 1939 sind sie von den „Maximen und Reflexionen“ her zu verstehen und den Hebbel’schen weit ähnlicher, als beide wahrhaben möchten. Um 1980 ist das Bild unentschieden. Während der Grillparzer-Spezialist im Prinzip daran festhält, dass die Tagebücher auch „Gedankensplitter, Aphorismen und Sentenzen“ enthalten, echte Aphorismen deshalb, weil sie dem Autor „nicht nur ein denkerisches, sondern auch ein ästhetisch-künstlerisches Anliegen“ seien, schließt der Gattungstheoretiker sie genauso selbstverständlich wie die Hebbels aus. Am gründlichsten diskutiert Kaszy ski 1999 das Problem, und zwar unter einem vierfachen Horizont: dem theoretischen Selbstverständnis, der poetologischen Struktur der Texte, dem medialen Ort der Installierung, der Rezeptionsgeschichte. Er kommt zu dem Schluss, dass Grillparzer, auch wenn er sich nicht für einen gattungsbewussten Aphoristiker hielt, unbestreitbar wichtige Aphorismen geschrieben habe und am Anfang einer österreichischen Aphorismus-Tradition stehe. Das Rezeptionskriterium hat bei dieser Entscheidung wohl das stärkste Gewicht. Die thematische Analyse der „grundlegenden Problemfelder“ Religion, Kunst und Politik jedenfalls ist so umfassend, dass sie von schwacher Aussagekraft ist und nicht für eine Unterscheidung von Aphoristik und reiner Diaristik taugt. Nun steht am Anfang auch von Grillparzers diaristischer Tätigkeit fraglos seine Lichtenberg-Verehrung. „Nur ein Mann den ich so sehr verehre als Lichtenbergen“ (58; SW 4, 247), heißt es dort 1809. Die Herausgeber der jüngeren Leseausgabe weisen besonders darauf hin (3, 1236). Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er aufs Ganze gesehen genau das Tagebuch führt, das Hebbel gerade nicht will. Das Grillparzer’sche ist ganz überwiegend genau von der Struktur, die Hebbel unbedingt vermeiden will („Mittags beim Gesandten gegessen“ oder „Die Neigung zu Luzie wieder erwacht“). Die entsprechende diaristische Autoreflexion bei ihm lautet denn auch: „Ein poetisches Tagebuch zu führen; d. h. keinen Tag vorübergehen zu lassen […] ohne die eben im Gemüt obwaltende Stimmung poetisch auszudrücken. Das <?page no="93"?> Nachlass-Notiz und Aphorismus 91 müßte für vieles helfen, und vor allem zu Sammlung, Ruhe und Klarheit führen. Ich will mirs vornehmen.“ (1300; SW 4, 381) Dementsprechend ist der Anteil, der als aphoristisch gelten könnte, auch quantitativ gering, in den Reisetagebüchern fehlt er ganz. Da heißt es etwa 1820 in moralistischer Manier: „Wir sind gegen keine Fehler an andern intoleranter, als welche die Karikatur unsrer eigenen sind.“ (630; SW 4, 351) Um die Pole der Tradition zu zitieren, an die Grillparzer angeschlossen wird: 1838 heißt es, strukturell an Goethe erinnernd: „Der Ungebildete sieht überall nur Einzelnes; der Halbgebildete die Regel, der Gebildete die Ausnahme.“ (3323; SW 3, 256), 1854 schreibt er - man hört Lichtenberg -: „Wenn jemand meinte, die Bäume seien da, um den Himmel zu stützen, so müßten sie ihm alle zu kurz vorkommen.“ (4087; SW 4, 725) Relativ häufig begegnet die aphoristische Gestaltung, durchaus das „ästhetisch-künstlerische Anliegen“ erfüllend, das sein Interpret zum Kriterium erhebt, noch dort, wo sich Grillparzer mit den Fragen beschäftigt, die ihm am nächsten liegen: Poesie, (dramatische) Kunst. So heißt es 1819: „Ein Weiser mag und soll höher stehen als seine Zeit, der Dichter als solcher nicht; aber ihr Gipfel soll er sein.“ (593; SW 3, 241) 1834 notiert er, streng parallel-antithetisch gebaut: „Was dem empfindenden Menschen wahr ist, ist poetisch wahr, und was dem denkenden Menschen wahr ist, philosophisch wahr.“ (2087; SW 3, 238) Und zehn Jahre später: „Auf die Masse soll und muß jeder Dichter wirken, mit der Masse nie.“ (3779; SW 3, 244) Hier bedienen sich auch die Anthologisten mit Vorliebe. Einen Aphoristiker im Vollsinne macht das aber aus dem Tagebuch führenden Grillparzer kaum. So wird man ihn allenfalls mit großen Einschränkungen für das Genre in Anspruch nehmen können, am wenigsten, wenn man das poetologische Selbstverständnis zur Grundlage nimmt, schon eher, wenn man auf Lebensweisheit und eine Art von Lebensphilosophie abhebt, am meisten dann, wenn man vorzugsweise von der Rezeption ausgeht. IV. Nachlass-Notiz und Aphorismus Dass der Aphorismus eine Gattung mit besonders breiten Randbereichen ist, die jeweils Zuordnungsfragen aufwerfen, das ist nicht erst mit Hebbels und Grillparzers Tagebüchern deutlich geworden. Wenn auch die Differenz zwischen der vorläufigen Notiz und dem als endgültig und eigenständig gewollten Aphorismus im Einzelfall nicht immer eindeutig zu bestimmen sein sollte, so verdient die Trennung in diesem Randbereich doch strenge Beachtung. Unter den Autoren, die von daher oftmals für die Gattung reklamiert werden, bei kritischer Würdigung aber doch nur allenfalls am Rande in Betracht kommen, sind Johann Nestroy (1801-1862) und Heinrich Heine die bekanntesten und meistgenannten. Über Art und Funktion der umfangreichsten und wichtigsten Notizensammlung Nestroys sind wir erst seit ihrer kritischen Edition 2000 zufrieden- <?page no="94"?> 92 Das 19. Jahrhundert stellend unterrichtet. Die 254 nummerierten Aufzeichnungen dieser „Reserve“ waren 1930 fehler- und lückenhaft ediert worden, ehe sie verschollen waren und 1996 wiederentdeckt wurden. Sie waren eindeutig nicht als selbstständige Texte intendiert, sondern Nestroy hatte sie bei der Arbeit neben sich, eben als „Reserve“, um Dialoge und Monologe durch die Anreicherung mit ihnen pointierter zu gestalten. Wer allein die formale Betrachtung und Wirkungsaspekte gelten lässt, intentionale Argumente aber außer Acht lässt, der wird in manchen Fällen keinen Unterschied ausmachen können, nicht in dem Lokalsatz „Wo die Form herrscht, wird das Gefühl in den Staub getreten.“ (59), nicht in der Definition: „Die Liebe ist ein Traum, die Ehe ein Geschäft.“ (83) Kaszy ski hat das, was er die „methodologische Dualität der Gattungsbestimmung“ nennt, im Falle Nestroys genau entfaltet, gattungsintern im Horizont von implantiertem Aphorismus und Figurenaphorismus, im Falle der Einmontierung von fremdem Material im Rahmen der Intertextualitätsforschung. Er bleibt letztlich dabei, „dass Johann Nestroy tatsächlich Aphorismen produziert hat“, zieht aber vor, von „aphoristischer Denkart“ zu sprechen. Dem Letzteren kann man sich anschließen. Was den Aphorismusproduzenten Nestroy betrifft, so gilt wie bei Grillparzer, dass man zu einer solchen Aussage nur kommen kann, wenn man das Rezeptionskriterium für ausschlaggebend hält. Im Falle Nestroys scheint diese Sicht auf besondere Weise durch das Zeugnis von Kraus begründet, der ihn zitiert und rezitiert. Aber auch Kraus schreibt sich den Aphoristiker-Vorläufer zurecht, indem er Sätze herauslöst, und zeugt damit eher dafür, wie fragwürdig es ist, sich bei der Entscheidung der Gattungszugehörigkeit im nachprüfbaren Sinne allein oder auch nur vorrangig auf die Rezeption zu stützen. Heinrich Heine (1797-1856) hat anders als Menzel und Börne, die ihre Aphorismen selbst herausgeben, und anders als Klinger, Jassoy, Jochmann, die (zunächst) anonym veröffentlicht werden, anders auch als Seume, dessen Sammlung bald nach seinem Tod, wenn auch verstümmelt, veröffentlicht wird, annähernd 400 Einfälle, Bemerkungen oder Skizzen auf rund 190 Überlieferungsträgern hinterlassen, die die Literaturwissenschaftler als Editoren und Gattungshistoriker gleichermaßen herausgefordert haben: in der Spanne zwischen heterogenen Gedanken und Einfällen einerseits, vollgültigen und terminologisch aufgewerteten „Aphorismen“ andererseits, zwischen zweitrangigen Notizen und Paralipomena und „Memoiren eines modernen Ich, das letztlich, was sein Schreiben und Denken anging, auch eine moderne, gleichsam fragmentarische Existenz führte“. Koopmann hat die Aufwertung der Heineschen Kurzprosa, die als „Bruchstücke einer Aufklärung im 19. Jahrhundert“ „gewissermaßen an die Stelle großer Welterklärungsbücher“ trete, vehement betrieben. Es war aber schon 1981 nicht zu übersehen, dass sich hier viel Vorläufiges („Ich sah einen Wolf, der leckte an einem gelben Stern, bis seine Zunge blutete - “; Sämtliche Werke, 727), viel Unfertiges, später zu Nutzendes („Ein fetter dicker Mastbrite“, 723) oder nur notizhaft Festgehaltenes findet („Goethe, im Anfang des ‚Fausts‘, benutzt die ‚Sakontala‘“, 697), so literaturkritische Bemerkungen, vornehmlich auch zu Zeitgenossen: „Gutz- <?page no="95"?> Nachlass-Notiz und Aphorismus 93 kow - Er hat Heine nachahmen wollen, aber es fehlte ihm an aller Poesie und er brachte es nur bis zur Nachahmung Börnes - “ (731). Nachdem die Säkularausgabe 1988 das notizhaft Vorläufige durch ihre Textgestalt noch deutlicher hervorgehoben hat, betritt die historisch-kritische Düsseldorfer Ausgabe nach eigenem Bekunden Neuland. „Aphorismen“ wird man hier überhaupt vergeblich suchen. Den Teil der kurzen Texte, der sich größeren Zusammenhängen nicht genetisch zuordnen lässt, findet man hier als „Prosanotizen“ gesammelt. Klassische Heine’sche ‚Aphorismen‘ wie „Weise erdenken die neuen Gedanken und Narren verbreiten sie“ (322), „Das Oehl, das auf die Köpfe der Könige gegossen wird, stillt es die Gedankenstürme? “ (331), „Wie vernünftige M<en>schen oft sehr dum sind, so sind die Dumen manchmal sehr gescheut.“ (339), erst recht das auf einem Gesprächsbeitrag von 1825 beruhende berühmte Diktum „Der Taufzettel ist das Entre Billet zur Europäischen Kultur“ (313): sie werden von ihrer Autorintention her damit für die Gattungszugehörigkeit mehr als relativiert, und man wird sich wohl von dem Aphoristiker Heine verabschieden müssen. Aus Nikolaus Lenaus (1802-1850) Skizzenblättern stellt sein Schwager 1850 hundert „Aphorismen“ zusammen, die er unter diesem Titel ursprünglich auch veröffentlichen will, die dann aber erst etwas versteckt 1948 und in der historisch-kritischen Ausgabe von 1993 zum Druck kommen (VII, 278- 285). Heterogen und nebensächlich bleiben sie allemal, eben auf Skizzenblättern erhalten und vom Autor nicht zur Veröffentlichung gedacht, Beobachtung und Maxime, Naturbild und Vergleich. Sie bewegen sich zum einen in konventionellen Gedanken: „Große Charaktere bewegen sich nicht nach Maximen, so wenig, als die Erde in ihrem Laufe auf die Uhr sieht“ (278), zum andern markieren sie in ihrer Lyrisierung auch eine Position zwischen Jean Paul und Peter Hille: „Der Mond ist ein leuchtendes schwebendes Grab.“ (283) Auch von dem eine Generation jüngeren Wilhelm Raabe (1831-1910) sind innerhalb der „Sämtlichen Werke“ 1916 „Gedanken und Einfälle“ als „Aphorismen“ gedruckt worden; von dort finden sie Eingang in Anthologien. 1960 werden die „Aphorismen Raabes, chronologisch geordnet“, veröffentlicht. Erst in der neuen Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ kommt die wahre Gestalt dieser ab 1863 entstandenen Notizen erstmals zum Vorschein. Es sind wie bei Nestroy Bausteine für künftige Werke, Einfälle, Lesefrüchte: ein Reservoir für Gedanken, das den Charakter des Unfertigen und Vorläufigen trägt; von eigenständigen, zur Veröffentlichung gedachten Aphorismen kann man nicht sprechen. So kann das Resümee der Betrachtung diverser Nachlassnotizen nur ein negatives sein. Schwierig und umstritten ist die Gattungszugehörigkeit in jedem Fall. Man kann sie unter verschiedenen Perspektiven verschieden beurteilen. Und die Entscheidung - das zeigt die Geschichte der Germanistik - ist nicht nur persönlich motiviert, sie ist auch abhängig von so grundsätzlichen Fragen wie denen, was unter einem ‚Werk’ zu verstehen ist und wie stark der Sog einer etablierten Gattung empfunden wird. Mit Schopenhauers „Apho- <?page no="96"?> 94 Das 19. Jahrhundert rismen“ sieht man sich nun vor genau das entgegengesetzte Problem gestellt; der Forschungsdisput bildet sich hier indessen genauso ab. V. Lebensweisheit: Arthur Schopenhauer Seit 1822 legt Arthur Schopenhauer (1788-1860) „persönliche Erfahrungen und Selbstbeobachtungen nieder, Lebens- und Weisheitsregeln aller Art und Zitate paränetischen, charakterbildenden Inhalts, die er stets vor Augen haben wollte.“ (Nachlass 4, 2; XI) Dieser Nachlass entsteht im Hinblick auf das früh entstandene Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1818); er sammelt Erläuterungen, Belege, Exkurse, die Grundlage des zweiten Bandes „Ergänzungen“ in der zweiten Auflage von 1844. Im Zusammenhang mit solchen Aufzeichnungen wird die Begegnung mit Graciáns „Handorakel“, seinen „aforismos“, bedeutsam. Schopenhauer sieht darin offenbar seine eigene Weltsicht weitgehend gespiegelt. Parallel zur Beschäftigung mit Gracián und der daraus erwachsenden Übersetzungsarbeit und in engster Verbindung damit sind auch erste Entwürfe zu den „Aphorismen zur Lebensweisheit“ zu sehen. Erschienen ist das Werk dann erst 1851 als Abschluss des ersten Bandes der „Parerga und Paralipomena“, die von allen seinen Werken schon zu Lebzeiten sein größter schriftstellerischer Erfolg sind. Vor allem die „Aphorismen“ entfalten sehr bald als „Hausbuch des gebildeten Bürgertums“ breiteste, bis heute anhaltende Wirkung. Sie sind das früheste Werk der deutschen Literaturgeschichte, das den Begriff „Aphorismen“ im Titel führt und zugleich in das allgemeine literarische Bewusstsein eindringen kann. Nun sind sie alles andere als Aphorismen im heute gewohnten Sinne, und der Streit um Begriff und Charakter des Werkes, den Nachlass eingeschlossen, durchzieht die Forschungsgeschichte. Die Exponenten sind einmal Weiß, für den 1924, als Folge der Hypertrophierung des Gattungsbegriffes in der Nachwirkung Nietzsches zu verstehen, Schopenhauer zum genuinen Aphoristiker wird, der „dem Aphorismus ein neues, das philosophische, Gebiet erschlossen“ habe, auf der anderen Seite Riedinger und Fricke, für den er „alles andere als Aphorismen“ verfasst. Die jüngste Rehabilitation des Schopenhauer’schen Aphorismus erläutert den inneren Zusammenhang des - vorangehenden - Hauptwerkes mit den Parerga: „Der Aphorismus bietet der Imagination der möglichen, in vielfältigen Formen bedrängenden Unbilden und Unwägbarkeiten, hinter denen das System nur die einzige Realität des Willens anerkennt, eine Ausdrucksform, einen Freiraum der Reflexion, den sich das Hauptwerk nicht zugestehen kann.“ Esders sucht die Virulenz des Konflikts zwischen Systemanforderungen und aphoristischer Vereinzelung sichtbar zu machen. Die Aphorismen beziehen für ihn einen Standpunkt, der den des Systems nur komplettieren soll, ihm in Wahrheit aber zutiefst widerspricht. Die praktische Intention, die sich für Schopenhauer damit verbinde, sei mit Begriffen wie Rückzug, Bescheidung und Eingrenzung zu fassen: „Der Aphorismus ist in der Textur von Schopenhauers Philosophie das Refugium <?page no="97"?> Lebensweisheit: Arthur Schopenhauer 95 des Gedankens, der in großen Kontexten keinen Halt mehr findet.“ Es ist dies eine überzeugende philosophische Interpretation aus dem Gesamtwerk heraus; literarisch-formale wie gattungshistorische Aspekte werden dabei weniger berücksichtigt. Die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ sind über die individuelle Bedeutung in der denkerischen Entwicklung des Autors hinaus „ein primär didaktisches Instrument der Vermittlung praktischer Lebensregeln und Maximen“. Der Begriff der „Lebensweisheit“ weist entschieden zurück in die Lebensphilosophie des 18. Jahrhunderts, auf die Menschenkenntnis, wie sie Moralistik und Anthropologie gleichermaßen zu erweitern beabsichtigen. Nicht nur begriffsgeschichtlich sind die „Aphorismen“ als der Schlussstein der popularphilosophischen Aphoristik zu verstehen. In ihrer Bildungsbeflissenheit und pedantisch-systematischen Einteilung („Von dem, was Einer ist“; „Von dem, was Einer hat“; „Von dem, was Einer vorstellt“), ihrem über lange Strecken (z. B. den Erörterungen zur Ehre) behäbigen, biederen Stil und ihrer Orientierung an trivialer Nutzanwendung weisen sie mehr auf Platner zurück als auf Nietzsche voraus. Sie sind geprägt nicht nur von Selbstbezug auf sein Hauptwerk, sondern auch von - zuweilen allzu starker - Selbstrechtfertigung. Die 53 „Paränesen und Maximen“ des Kapitels V ragen allerdings heraus, wenngleich sie nicht weniger systematisch angeordnet („A. Allgemeine, B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend, C. Unser Verhalten gegen Andere betreffend, D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend“) und auch nicht knapper und pointierter formuliert sind, oder zumindest nur ausnahmsweise: „Kein Geld ist vorteilhafter angewandt, als das, um welches wir uns haben prellen lassen: denn wir haben dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt.“ (Aphorismen, 217) Im Selbstverständnis des Autors heißt es zu diesen Lebensregeln: „Mit der Vollständigkeit fällt aber auch die systematische Anordnung größtentheils weg“, er „habe bloß gegeben, was mir eben eingefallen ist.“ (134) Sie beziehen sich neben Gracián unter anderem auf Bacon (229), La Rochefoucauld (134, 193, 207), La Bruyère (161), Chamfort (142) und Lichtenberg, ohne dass man ihnen nur im geringsten die „Seele“: die „Einheit der Ansicht“ (16) absprechen könnte. In dieser moralistischen Ahnenreihe ragt Lichtenberg (neben Gracián) schon dadurch heraus, dass die biographischen Bezüge zu ihm eng sind; Schopenhauer hat ihn durch seinen Lehrer Blumenbach schon 1809 auf der Göttinger Universität kennengelernt und immer wieder gelesen. Die „Lebensweisheiten“ setzen auf seiner philosophischen Lehre auf und zeigen im Einzelnen, wie bei allem Pessimismus relatives Lebensglück zu erlangen sei, beginnend mit einem ausgewogenen Verhältnis von Gegenwartsbezug und Zukunftssorge: Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen Verhältniß, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit theils der Gegenwart, theils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; - andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen und Besorglichen. Selten wird einer genau das rechte Maaß halten. (147-148) <?page no="98"?> 96 Das 19. Jahrhundert Schmerzlosigkeit ist ihr höchstes Ziel. Dazu fordern diese „eudämonologischen Betrachtungen“ (230), wie sie Schopenhauer selbst nennt, zu Besonnenheit, Klugheit und Mut auf, zu Genügsamkeit, Einsamkeit und Neidlosigkeit, gezügelter Phantasie, Tätigkeit und „Selbstzwang“ (179), um nur einiges zu nennen; das führt hin bis zu Regeln gesunder Lebensführung. Sie reden dem Lob der Beschränkung das Wort: Alle Beschränkung beglückt. Je enger unser Gesichts-, Wirkungs- und Berührungskreis, desto glücklicher sind wir: je weiter, desto öfter fühlen wir uns gequält, oder geängstigt. Denn mit ihm vermehren und vergrößern sich die Sorgen, Wünsche und Schrecknisse. (151) Gelassenheit geht über alles, denn: „Der Wechsel allein ist das Beständige.“ (222) Ein Weniger an Armseligkeit ist allein darin zu finden, dass man seine Begierden im Zaum hält, in der Verneinung des Willens also: Unsern Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume halten, unsern Zorn bändigen, stets eingedenk, daß dem Einzelnen nur ein unendlich kleiner Theil alles Wünschenswerthen erreichbar ist, hingegen viele Übel Jeden treffen müssen […] ist eine Regel, ohne deren Beobachtung weder Reichthum, noch Macht verhindern können, daß wir uns armsälig fühlen. (180) Bei allem aber gelte selbstreferenziell einschränkend: „Die Regel verstehn ist das Erste, sie ausüben lernen ist das Zweite.“ (203) Die separierende Erörterung, ob es sich hier um Literatur oder Philosophie handele, geht historisch fehl. Ähnlich wie bei Feuerbach verbinden sich die unterschiedlichen Traditionen von Platner und von Lichtenberg her noch miteinander. Während mit den Anfängen des Zusammenwachsens von Begriff und literarischer Gattung bei Börne, Varnhagen oder Feuchtersleben ein beginnendes Formbewusstsein einhergeht, sind Schopenhauers „Aphorismen“ noch weitestgehend inhaltlich geprägt und in engstem Zusammenhang mit Graciáns „Handorakel“ und in der Tradition von Menschenkenntnis und Lebensweisheit als ein herausragendes Zeugnis der deutschen Moralistik zu verstehen. Sie sind kulturell bestimmend und - in ihrem geistigen Gehalt, nicht in der Form - von breitester, langanhaltender Wirkung, nicht nur auf Nietzsche, auch auf Hebbel, der ihn 1857 besucht, auf Marie von Ebner- Eschenbach, Karl Kraus, Christian Morgenstern bis hin zu Ernst Jünger, Richard Benz, Hans Albrecht Moser und Wolfdietrich Schnurre, um nur einige wichtigere Aphoristiker zu nennen. Nach Börne, Feuchtersleben und Hebbel, nach Fähnrich und Feuerbach sind mit Schopenhauer Mitte des 19. Jahrhunderts die literarische Gattung und der Begriff „Aphorismus“ endgültig miteinander verbunden und in dieser Verbindung etabliert. Davon zeugen die zahlreicher werdenden Aphorismensammlungen der folgenden Jahrzehnte, so verschiedenartig sie sein mögen. <?page no="99"?> Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre 97 VI. Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre bleibt auf der gewonnenen Basis ohne Höhepunkte. Er bezieht sich auf Lichtenberg, mehr aber noch auf Goethe, ohne in irgendeiner Hinsicht an diese Autoren heranzureichen. Kennzeichnend für ihn ist vielmehr die Maxime eines bürgerlichen Mittelmaßes, sedativ, bildungsfromm und epigonal im blassen Ideal ewiger Wahrheit und Schönheit befangen. Er reflektiert weder die gesellschaftliche Wirklichkeit noch ist er formal innovativ. Die Pointen-Abstinenz, die dem Aphorismus dort prinzipiell keineswegs abträglich ist, wo er stattdessen gedanklich brilliert und auf ein Erkenntnisspiel setzt: hier unterstreicht sie nur die Gedankenblässe. Das gilt für Aphoristiker, die auf anderen literarischen Feldern ihren Ruhm begründen, für Gutzkow, Auerbach oder Vischer, erst recht für die Autoren der zweiten Reihe, die sich metaphorisch und autoreflexiv der Gattung zu vergewissern suchen. Bei Johann Jacob Mohr sind am ehesten auch neue Ansätze auszumachen, und mit Paul Rée ist man schon in der unmittelbaren Nachbarschaft Nietzsches. Karl Gutzkow (1811-1878) hat auf allen Feldern der Literatur gewirkt, als Romanschriftsteller und Dramatiker wie auch als Kritiker und Zeitschriftenherausgeber. So verwundert es nicht, dass er sich auch im Genre des Aphorismus versucht hat. Schon „Wally die Zweiflerin“, die Heldin des skandalumwitterten Buches von 1835, trägt Aphorismen in ihr Tagebuch ein. Für die „Unterhaltungen am häuslichen Herd“, ein Familienblatt im Stil der Zeit, das er 1852 bis 1862 leitet, verfasst er unter anderem aphoristische „Anregungen“, ähnlich wie der von ihm bewunderte Börne seine „Nachzügler“. Der alternde Literat ordnet sie für eine Buchausgabe nach thematischen Gesichtspunkten, mit „Gott“ beginnend und endend mit dem „Walten und Schaffen des Genius“; 1869 veröffentlicht er diese „Denksprüche“ unter dem Titel „Vom Baum der Erkenntniß“. „Erwarte von deinem ‚Feuchtersleben’ nicht allzuviel! Aus Lebensmaximen lässt sich kein Leben aufbauen. Nur ein Kitt sind sie, ein Mörtel zum Binden und Befestigen von Kräften, die anderweitig hergenommen werden müssen.“ (91) Bei aller Skepsis gegenüber schriftlicher Lebenshilfe, wie sie Gutzkow hier am Beispiel Feuchterslebens äußert: genau solche Maximen gibt er selbst. Sie bestehen auf einer bürgerlichen Moral des Mittelmaßes und der Mittelmäßigkeit („Maßloses bringt Reue und Reue - wiederum das Maßlose.“; 57), der Ordnung und Behaglichkeit („Geweckt wird der Genius durch die Noth, aber nur das Behagen erhält ihn.“; 207). Die traulichen Ratschläge, oft in der Du-Anrede und meist, aber nicht zwingend, in (Einsatz-)Kürze, bleiben ohne jede Pointe, ohne Überraschung: „Weß das Herz voll ist, davon - schweige der Mund! “ (184) Sie stehen unter den Gesetzen von Schönheit und Wahrheit, können sich hier über Klatschsucht, dort über den Unterschied von Tee und Kaffee in Kürze verbreiten und singen das Lob der großen kleinen Empfindungen: „Wir besitzen Schätze, die wir viel zu selten mustern und wären’s nur - Kleinigkeiten, wie die Fähigkeit, eine Frühlingsnacht zu empfinden.“ (23) Dabei spielen sie den kalten Verstandesmen- <?page no="100"?> 98 Das 19. Jahrhundert schen gegen den Gemütsmenschen aus, eine deutsche geistesgeschichtliche Universalie; eine andere, die deutsche Tiefe, kennen sie gleichfalls: „Tief ist der, der auch die schweigenden Menschen und Dinge so versteht, als wenn sie redeten.“ (90) Die Herkunft aus einem der „Gartenlaube“ ähnlichen Familienblatt schlägt überall durch; da spricht nicht der kämpferische Gutzkow von 1835, sondern ein publikumsorientierter, vorsichtig abgeklärt formulierender Autor, der sich und seinen Lesern „Trost“ weiß: „Gereiche es dir zum Trost, daß, wie ein Bild, alles Schöne und Gute, bis es erkannt wird, erst nachdunkeln muß.“ (109) Trost spendet er auch in Fragen von Liebe und Ehe. Er gibt seinen Leserinnen und Lesern, wo sie den dürftigen Fall von „Alltäglichkeit“ und „Ausharren“ erleben, den moralischen Überbau; man kann es erhebend nennen: Die wahre Liebe ist die treue Begleiterin der Alltäglichkeit. (148) Die erste Stelle im Paradiese werden diejenigen einnehmen, die sich in der Ehe getäuscht haben und doch ausharrten. (157) Alles ist auf Einverständnis ausgerichtet, nichts auf Widersetzlichkeit, der Aphorismus scheint bürgerlich sediert: „Schön ist mir alles, was das, was es sein will, auf eine nicht störende Weise ist.“ (90) Takt ist gefordert: „Takt ist der Verstand des Herzens.“ (174) Das ist nicht nur ohne jede formale Brillanz, sondern oft genug auch stilistisch schwerfällig. Eine kleine Glückslehre in vier Sätzen zeigt neben der Morallehre das formale Vermögen (und nebenher im Übrigen auch eine Prise Schopenhauer); die Fallhöhe etwa zu Ebner-Eschenbach, die gleichfalls alles andere als bösartig-widersetzlich ist, ist gedanklich wie formal beträchtlich: Positives Glück gibt es auf Erden nicht. Irdisches Glück heißt - : Das Unglück besucht uns nicht zu regelmäßig. (19) Wahrhaft ist doch nur das ein Glück, das sich mit Andern theilen lässt. (55) Das durch Mühe erworbene Glück ist allein ein wohlthuendes. Es gewährt zugleich die Behaglichkeit eines physischen Ausruhens. (67) Glück verbreiten wir nur da, wo wir nicht an unser eignes denken. (168) Gegen Ende seines Lebens veröffentlicht Berthold Auerbach (1812-1882), als Verfasser der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ (1843-1854) weithin berühmt, unter dem Titel „Tausend Gedanken des Collaborators“ (1875) eine Aphorismensammlung, deren fiktiver Autor, eben der Collaborator Adalbert Reihenmeier, eine Figur aus der frühen Erzählung „Die Frau Professorin“ (1846) ist. Die aphoristische Summe seines Denkens ist aus diesem Rahmen ausgelagert und hat sich später verselbstständigt. In einem „Zuwort“ stellt der Autor durch die Feder des fiktiven Verfassers die Verbindung her: Jetzt will ich aber auch einmal allein reden! Habe mir’s lange genug gefallen lassen, immer nur daneben zu stehen und als Unterblatt für meinen Zwillingsbruder, den <?page no="101"?> Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre 99 gestaltungsfrohen Maler Reinhard [,] zu dienen. Es sind nun bald dreißig Jahre, daß ich zuerst aus der Bibliothek in’s Dorf geschickt wurde. Bin seitdem viel in der Welt herumgekommen, ist nichts Ganzes aus mir geworden, habe nicht Haus, nicht Hof, nicht einmal das Luftschloß eines Systems, habe aber Vielerlei aufgesammelt und möchte es nun hergeben. Mit seinen „Tausend Gedanken“ ist der Collaborator so recht Sprachrohr und alter ego seines Autors. Ihr Ausgangspunkt ist, ähnlich wie für Feuchtersleben, Goethe; und ähnlich wie für diesen sind die „Maximen“ das unerreichte Vorbild: „Goethe ist mein Metronom, aber nicht meine Uhr; diese muß ich nach dem Sonnenstand meiner Zeit stellen.“ (18) Die „Gedanken“ stehen im Zeichen verehrender Weiterführung und Kommentierung, genau wie das nach der Jahrhundertwende zu beobachten sein wird: „‚So muß man des Todes Bitterkeit vertreiben,‘ pflegte Goethe bisweilen im Aufathmen von rastloser Arbeit zu sagen. Und es giebt nichts Anderes als Arbeiten, so lang es tagt; denn Arbeit allein und die aus ihr strömende reine Luft macht das Leben zum Leben.“ (263) In der Kunstauffassung (163-170) gibt ganz und gar Goethe die Richtschnur an, gegen jeden Anachronismus-Verdacht scheinbar mit Heiterkeit, Liebe, Entzücken gefeit. Die autoreflexiven Aphorismen, die sich gedankenleer und bilderreich um sich selber drehen, sind ein frühes Beispiel dafür, wie die Autoren in einem Stadium erster Festigung der Gattung aus der Gattungsvergewisserung Halt zu ziehen suchen und ihre Selbstreflexion zu einem Zeichen künstlerischer Schwäche wird. „Von mir und von dir“ handeln Reihen von Bemerkungen in moralistischer Manier, zu menschlicher Dummheit oder Eitelkeit etwa, Regeln über den zwischenmenschlichen Verkehr von durchaus unüberraschender Art: „Der Gebildete hat ein bewaffnetes geistiges Auge.“ (49) Das Kapitel „Von der Natur“ gibt Beobachtungen und Empfindungen der Maxime gemäß: „Wer treu aushält bei der Natur, dem giebt sie immer wieder frische, sonnige, erquickende Tage.“ (83) Die Übertragung ist aus der Vergleichsebene, den Blumen, Vögeln und Insekten, den Bäumen, Jahreszeiten und Landschaften, heraus implizit geboten („Es giebt keinen reinen Frühling. Man wandelt immer auf dem welken Laub vergangenen Daseins.“; 77), sofern sie nicht expliziert wird: „Es giebt auch Menschen so.“ (90) „Vom Staat“ weiß Auerbach, der in frühen Jahren als Burschenschafter verhaftet wird, der 1848 Mitglied der Frankfurter Paulskirche ist und 1871 die deutsche Einheit feiert, gewiss einiges zu sagen. Ausgangspunkt, die ideologische Grundausrichtung gewissermaßen, ist wie stets der Naturvergleich. Der Autor reflektiert dabei nicht, dass dieser bei der Übertragung in den Bereich des Sozialen schnell an seine Grenzen stößt, weil man damit das von Menschen Gemachte als naturwüchsig hinnimmt. So vertritt er Elemente eines konservativ-liberalen Programms, verbunden mit einer idealistischen Volksnähe, bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber der Sozialdemokratie und jeglichem Klassenkampf. Der Abschnitt „Vom höhern Leben“ schließlich stellt die Komponenten zusammen, die das ideologische Grundgerüst Auerbach-Reihenmeiers komplettieren: den Glauben an die Mächte von Natur und Geschichte („Vater und Mutter jeder Men- <?page no="102"?> 100 Das 19. Jahrhundert schenseele“, 221), an einen mythischen Volksbegriff, der moderne soziale Kategorien ausblendet, an ewige Wahrheit und ewige Schönheit sowie die Versöhnung von Idealismus und Realismus, das alles auf der Grundlage eines Denkens in umfassenden Naturanalogien. Im engeren Sinne auf die Gattung bezogen bedeutet das, wiederum von Goethe her, den „tiefen“ Argwohn gegenüber jeder Form aphoristischen Witzes: „Tiefere poetische und philosophische Naturen sind selten oder nie Bonmotisten. Diese sind vielmehr die Sprudel- und Schaumgeister.“ (249) Vier Jahre später veröffentlicht Auerbach unter dem Titel „Wissen und Schaffen“ „Aphorismen zu Friedrich Vischer‘s ‚Auch Einer‘“. Beide stehen sich als überzeugte 1848er nahe; die Parallelen reichen vom Politischen bis zum Poetologischen. Ich „gebe meine Betrachtungen zu dem wesentlich in Aphorismen gehaltenen Buche in der gleichen lockeren Form“, schreibt er hier. Vischers Nachruf versäumt es drei Jahre später umgekehrt nicht, auch den Aphoristiker Auerbach zu rühmen, dessen Werk nicht nur „durchschossen mit Goldfäden ernster Lebensbetrachtung, Kernsprüchen reicher Lebenserfahrung“ sei: „Auf das Leben angewandt, hast du dein Denken, hast die Ähren der Lebensweisheit auch in besondere Garben gesammelt und in anmutig geordneten Reihen hingestellt.“ Dass Friedrich Theodor Vischers (1807-1887) „Auch Einer“ wesentlich in Aphorismen gehalten sei, lässt sich nur mit größeren Einschränkungen halten. Gleichwohl spielt die fiktionale Aphoristik bei ihm eine bedeutende Rolle; die beiden Portalfiguren der Gattung, Goethe und Lichtenberg, stehen dabei Pate. Der Arzt Christoph in seiner Novelle „Cordelia“ (1830/ 31) führt ein Heftchen mit „Philosophischen Aphorismen“, aus dem der Autor Proben mitteilt. Zum einen ist die Figur deutlich auf den von Vischer verehrten Lichtenberg hin konzipiert, zum anderen sind auch Elemente der Selbstprojektion des Autors in seinem Helden offensichtlich. Sein Hauptwerk „Auch Einer“ (1878) ist mehrfach mit der frühen Novelle verknüpft. Albert Einhart, als A. E. alter Ego seines Verfassers, hat in Christoph seinen Vorläufer. Wie wir dort ein Heft mit Aphorismen kennenlernen, so bildet hier den vierten Teil des Romans das von Aphorismen durchsetzte (Reise-)Tagebuch Einharts. Einerseits spricht unverkennbar sein Autor durch ihn; beide teilen ihre Themen, Tendenzen, Einstellungen und Marotten im Detail; der Leitspruch des Ästhetikers ist beiden gemeinsam: „Ein Dichter ist immer gescheiter als er selbst; freilich auch dümmer als er selbst.“ (6, 196) Und auch der Hinweis auf das besondere Verhältnis zu Lichtenberg fehlt nicht. Andererseits ist durch den Tagebuchcharakter eines großen Teils der Aufzeichungen die fiktionale Einbindung deutlich. In der wortreichen Rechtfertigung des Nachwortes schreibt der fiktive Herausgeber: Die allgemeinen Gedanken, Betrachtungen habe ich mit diesem seelisch, persönlich leidenschaftlichen Inhalt zusammenzukomponieren gesucht; es ist mit beflissenem Nachdenken alles aufeinander gerichtet. In den philosophischen, überhaupt reflektierten Aphorismen sollte A. E. nichts sagen, was ihm nicht gleich sieht, von wo <?page no="103"?> Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre 101 nicht der Strom wieder in das Bett der Stimmungen, der Leidenschaft münden kann. (301) Mit dem Begriff des roten Fadens spielt er wörtlich auf Goethe an, den Kommentator von Ottilies Tagebuch: „Während ihm [dem Leser] die Aphorismen objektiven Inhalts zu denken geben, muß er aus den subjektiven den roten Faden herauslesen.“ (302) Schließlich beruft er sich auch noch auf Jean Paul. Auch die dreifache literarhistorische Anknüpfung und Absicherung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in dieser Aphoristik bei äußerlicher Nachahmung und Abwandlung bleibt. Der Wiener Dramatiker Ludwig Anzengruber (1839-1889) sammelt und ordnet von Jugend an seine Aphorismen. Von 32 Notizbüchern haben sich sechs erhalten; 1920 werden die Texte im Rahmen der Gesamtausgabe in Auswahl und systematischer Ordnung ediert. Die Herausgeber sprechen von dem „erschütternden Ringen eines furchtlosen Denkers mit den großen Problemen Gott und Welt“ und konstatieren: „Es dürfte in der deutschen Literatur kein zweites Dokument geben, das die innere Zerfahrenheit und Zerrissenheit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so ergreifend zur Darstellung brächte.“ (367) Der heutige Leser ist von den Ergebnissen dieses Ringens durchaus unergriffen: „Gott ist weder in der Natur noch im Leben ersichtlich und nachweisbar.“ (45) Anzengruber gibt hier die Elemente seines antiklerikalen, deutschnationalen Weltbildes, wie es auch seine Dramen zeigen; ein Satz wie „Die Leidenschaft fragt nichts nach der Vernunft, die Vernunft wird müssen nach der Leidenschaft fragen“ (119) gehört formal wie gehaltlich zu den wenigen besseren. Unter den Autoren der zweiten Reihe seien hier drei herausgehoben: der Historiker und Archivar Joseph Fick (1800-1881), Hauslehrer des nachmaligen Kaisers Franz Joseph, der Theaterkritiker und Kunst- und Literaturhistoriker Otto Banck (1824-1916) und Julius Bahnsen (1830-1881), als Philosoph „Jünger und Fortbildner Schopenhauers“. Fick ist der Verfasser der 1860 bis 1867 in Wien in drei Bändchen anonym erschienenen „Aphorismen“. Die jeweils einleitende „Vorrede in Aphorismen“ ist für die Begriffsgeschichte höchst bedeutsam: Hier ergießt sich eine wahre Bilderflut über den Leser; die verschwenderische Metaphorisierung der Gattung bezahlt den Gewinn an Selbstverständlichkeit mit Gedankenarmut. Lichtenberg, dem er den weitaus größten Teil seiner Aphorismen in der Abteilung „Literarisches“ widmet, beurteilt er zwiespältig. Einerseits heißt es, es handele sich bei ihm wirklich um dasjenige, „was die Welt einen großen, oder wenigstens sehr bedeutenden Mann zu nennen pflegt.“ (I, 30) Andererseits wirft er ihm von einem fest umgrenzten weltanschaulichen Ort aus „Taumeln“ in Aberglaube und Zweifel vor. So ist es nicht verwunderlich, dass die breiten und behäbigen Aphorismen Ficks selbst, ohne Witz und ohne Zuspitzung, sich in keiner Weise der Nachfolge Lichtenbergs rühmen können. Die Bände sind in Kapitel wie „Historisches“, „Politisches“ oder „Glaube. <?page no="104"?> 102 Das 19. Jahrhundert Erkenntnis. Inneres Leben“ eingeteilt. Sie reichen vom evangelischen Lob der Armut im ersten („Noch Niemand hat Reichthum gesucht, und ist dabei reich und glücklich geworden.“; I, 39) über die absolute Staatsfrömmigkeit im zweiten („Kein Mensch hat Gewalt über einen andern Menschen, es sei denn, daß sie ihm von oben gegeben werde.“; II, 62) bis zur Komik ungeteilt katholischer Provenienz im dritten Band: „Wer noch nie einen ganzen katholischen Priester sich im Beichtstuhle gegenüber gesehen hat, der hat die Liebe auf Erden noch nicht gesehen.“ (III, 97) Einen thematischen Schwerpunkt haben sie in den sozialen und politischen Verhältnissen des Mittelalters. Auch die Selbstbezüglichkeit nimmt im letzten Band eine besondere Wendung. Der Aphorismus-Begriff wird bedenkenlos hypertrophiert, in zwei Richtungen. Fick lehnt sich zum einen, wie bei Hamann etwa vorgebildet, an 1 Kor 13, 9 an: „‚Unser Wissen ist Stückwerk’, hat die ewige Wahrheit niederschreiben lassen. Heißt das nicht auch: ‚Unser Wissen ist aphoristisch? ’“ (III, 1) Von da aus folgert er: „Wir aber sagen: ‚Alles ist Aphorismus’. Das heißt, wie auf Erden nichts ständig und wandellos ist, so ist auch nichts in sich beschlossen, begrenzt und vollendet. Das aphoristische Leben wird aber aphoristische Gedanken ertragen können.“ (III, 1) Zum andern fällt ihm auf, dass er zu sehr in die Breite geht und die Gattung verfehlt: „Einige von den Dingern sind etwas groß ausgewachsen, und nehmen sich fast wie Abhandlungen. Nun es sind eben aphoristische Abhandlungen.“ (III, 2) Es ist aber nicht der doppelt aufgeblähte Gattungsbegriff allein, der Ficks Unternehmen scheitern lässt, wie die wenigen Beispiele zeigen. Der große Anspruch, der sich einmal mit dem Aphorismus verband, ist bei diesen armseligen „Dingern“ ganz verblichen. Scheinbar selbstverständlich in eine Gattung eingebettet, verlieren sie gedanklich wie formal Schärfe und Spitze. In dieser Verdünnung bilden sie einen der Ausgangspunkte für die Mode der Gedankensplitter, die sich zwanzig Jahre später ausbreitet. Wenn Otto Banck im Nachwort zu seinen „Worten für Welt und Haus“ (1863) sagt, der Leser sei an ähnliche Werke von verschiedenen Autoren gewöhnt, so stellt er für seinen 176 Seiten starken Band mit ausnahmslos eigenen Texten einen Zusammenhang her mit Anthologien wie dem ungemein erfolgreichen „Pharus am Meere des Lebens“ (1. Auflage 1833; 5. revidierte und ergänzte Auflage 1860) oder der im gleichen Jahr erschienenen Sammlung „Goldkörner. 1000 Sprichwörter, Sentenzen, Sinngedichte und Aphorismen zur Bildung des Geistes und Veredlung des Herzens“ (1863). Auch begrifflich schließt er hier, mit „Blüte“ und „Ähre“, an. Sein Stilideal bringt eine Anzahl autoreflexiver Bemerkungen zum Ausdruck. Er spielt den Tiefsinn gegen den Scharfsinn aus: „Tiefsinnige Aussprüche bewegen, scharfsinnige überraschen den Leser.“ (166); er wendet sich gegen Wortspiele, „die Taschenspielerkünste des Schriftstellers“ (164), und gegen die Pointe (132). Andererseits heißt es: „Witz ist die potenzirteste Schöpfungskraft des Urtheils.“ (146); er lobt Börne „und seine väterliche Geistespeitsche“ (56) (mehr noch im Übrigen Lessing). Er ist dem Genre gegenüber prinzipiell skeptisch, so viel er nebenher auch interessanterweise über dessen Akzeptanz beim Publikum <?page no="105"?> Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre 103 verlauten lässt: „Sobald man die Aufschrift: ‚Aphorismen und Fragmente’ sieht, wie reizt das den Gaumen! Es kitzelt wie italienischer Salat. Und doch reichten die vielen guten Brocken in der Regel für den Koch nicht aus, um ein einziges solides Gericht daraus zu machen.“ (169) Was er anrichtet, ist demgemäß meist formal anspruchslos. Es reicht von einem Satz bis zur Kurzreflexion und zur kleinen Erörterung und schließt auch die Anekdote ein. Bezeichnend oft ist das literarische Bild das Transportmittel seiner kleinen Formen: „Geistesgegenwart, diesen rettenden Revolver, sollte Jeder in der Brusttasche haben, der durch den Kampf des Lebens schreitet.“ (7) Die Maxime in der vertraulichen Du-Ansprache tritt hinzu: „Laßt euch von den Motten des Argwohns nicht das gute Pelzwerk eures Vertrauens zerfressen.“ (31) Bemerkenswert sind allenfalls sein zeitgemäßes Frauenbild („Erziehe dir erst deine Frau, und wenn du das vermocht hast, wird es dir sehr leicht werden, auch die Kinder zu erziehen, welche dir diese Frau schenkt.“; 37) und seine zeitgemäße Hingabe an die Nation: „Es ist groß, für seine Nation gelebt zu haben, aber größer, für dieselbe gestorben zu sein.“ (53) Im gedanklichen wie im ethischen Anspruch schreitet Banck dabei einen bescheidenen Kreis aus. Während er Feuchtersleben in seiner Gegenwartsflucht kritisiert („meine Wurzel steht in der vergangenen Zeit“; 57), zeigt er sich selbst als künstlerischer Traditionalist, der wohlfeile Ratschläge gibt („Was in der Literatur Jeder sagen kann, sollte Keiner sagen.“; 131) und unoriginelle Maximen verkündet: „Soll dir Einiges gelingen, muß [! ] du Vieles unternehmen.“ (84) Bahnsen gilt allgemein als Verfasser des 1879 anonym erschienenen, über 400 Seiten starken „Pessimistenbreviers“. Der durch Schmerz „Geweihte“, so die Verfasser-Mystifikation, reiht seine „Seufzer wie Perlen auf eine Schnur“, um „magenstärkende, frische Destillate aus den natürlichen Wermuthmagazinen des Lebens“ (VI-VIII) zu verabreichen, wie er im Vorwort schreibt. Die Texte selbst kreisen monoton um die Themen Tod, Leid und Verlassensein: „Sowie man ein Ohr aufthut, hat man auch ein Unglück darin.“ (28); „Menschenkenntniß“ (116) ist auf den Aspekt der Enttäuschung reduziert. Der Gymnasialdirektor, Erzähler und Dramatiker Johann Jakob Mohr (1824-1886) veröffentlicht 1879 „Gedanken über Leben und Kunst“. Der Frankfurter Autor habe Goethes Werke schier auswendig gewusst und sei auch als Kritiker immer für das Schöne rühmlich tätig gewesen, weiß das Vorwort der postumen Sammelausgabe. Die Aphorismen sind - bis auf ganz wenige Ausnahmen - auch in den „Dichtungen und Gedanken“ von 1887 und in den „Gesammelten Werken“ von 1900 enthalten. Die letzte Ausgabe geht im Umfang beträchtlich über die früheren hinaus; überarbeitete Textfassungen, wie sie aus dem Nachlass denkbar wären, gibt es nicht. Sie schließt von der Lutherbibel und Hamann her mit der Berufung auf das menschliche „Stückwerk“ (wie Fick zuvor): „Nur abgerissene Gedanken enthält das Werkchen. Unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen Stückwerk, und dasjenige, von dem wir etwas wissen und sagen, selbst ein Stückwerk.“ (2, 133) Es sind nur die größten Themen, die Mohr hier, meist in einem Satz, nie poin- <?page no="106"?> 104 Das 19. Jahrhundert tensüchtig oder effekthascherisch und immer von ehrenwerter konservativer Gesinnung, anspricht, aber Neues ist es nicht, das er etwa vom „Leben“ (Spiel, Theater, Trug) zu sagen hätte. Die Aphorismen, die den klassischen Kanon: Jugend und Alter, Herz und Verstand, Irrtum und Wahrheit, Glück und Unglück zum Gegenstand haben, sind meist unoriginell und glanzlos: Durch Reflexion läßt sich kein Glück schaffen. (20) Das Glück ist blind, und blind auch müssen wir ihm folgen. (43) In der Hauptsache widmet er sich auf der Grundlage eines bürgerlich verflachten, in die Randbezirke des Lebens abgedrängten, sedativen Poesie- Begriffs Fragen der Kunst und des Künstlertums: „Die Poesie ist eine Art [,] sich das Leben zurecht zu legen und über das Widerwärtige zu beruhigen.“ (5) Mohr ist aus der bildungsfrommen Rezeption der Klassik heraus stets auf der Suche nach dem „Wesen der Poesie“ („Das Wesen der Poesie besteht eigentlich darin, das Alte neu zu sagen.“; 46) und dem „echten Kunstwerk“ („Jedes echte Kunstwerk ist ein Zauberspiegel, in dem sich die eigene Seele verschönt erblickt.“; 49), das von zeitvergessener Größe ist: „Das beste Teil des echten Dichters ist, nicht daß er eine ideale Welt erschaut, sondern diese wirkliche für eine Zeit vergißt.“ (15) So schließt er auch exakt an Goethes Aperçu-Begriff an: „Ein geistvolles Aperçu ist das, was von der Beschränktheit am wenigsten begriffen wird.“ (3) Das vermeintlich Zeitlose wird gegen „unsere modernen Autoren“ (70) ausgespielt, Ethik und Ästhetik bedingen einander: „Poetische Begabung, wenn sie groß und bedeutend ist, dann erhöht sie den Charakter, ist sie klein und unbedeutend, so verfälscht sie ihn.“ (84) Das Zugespitzte, unbedingt Scharfe ist seine Sache nicht, Witz, der an Lichtenberg erinnern könnte, ist selten: Zu einer nötigen Vorrede gehört gewöhnlich ein unnötiges Buch. (5) Der schlechteste Dichter sucht immer das schönste Papier. (16) Dennoch findet sich unter seinen Texten auch einiges in schlichter Fassung Gelungene: „Man muß den Großen, wenn man ihnen gegenübertritt, das Bücken nicht zu schwer machen.“ (64) Das gilt insbesondere dort, wo er ansatzweise Figuren antizipiert, die im 20. Jahrhundert erst so recht ihr aphoristisches Potential entfalten, so den Umkehrschluss: „Nicht Jeder, der in seinem Vaterlande nichts gilt, ist darum ein Prophet.“ (56) Insbesondere sprechen Figuren der Implikation an, von einer einfachen Form („Die Fehler, die uns infolge des Alters verlassen, nehmen manche Tugenden mit.“; 105), aber auch in der gedanklich verschlungeneren Art („In der Kunst entdecken wir dann erst die Lücken, wenn wir sehen, was sie ausfüllt.“; 2), die gewissermaßen in sich zurückläuft: „Durch die Lösung erfahren wir erst, nach was gefragt wird.“ (1) Ein Aphorismus findet sich heute in allen Internet-Portalen für Zitate: „Der geniale Mensch ist der, der Augen hat für das, was ihm vor den Füßen liegt.“ (3) Von daher auf seine überragende Wirkung zu schließen <?page no="107"?> Der Aphorismus der sechziger bis achtziger Jahre 105 wäre allerdings voreilig; dass solche Adressen voneinander profitieren, dass sie zitieren und kopieren, das ist allgemein bekannt. 1875 lässt Nietzsches Freund Paul Rée (1849-1901) seine „Psychologischen Beobachtungen“ anonym erscheinen, Aphorismen „Ueber Bücher und Schriftsteller“ , „Ueber Weiber, Liebe und Ehe“, „Ueber Glück und Unglück“ und anderes, die sich in der Sache, wie schon dieser flüchtige Blick ins Inhaltsverzeichnis erkennen lässt, aber auch stilistisch in die Nachfolge der französischen Moralisten stellen. Unter den Deutschen ist Lichtenberg sein „Lehrer in Sachen Freiheit des Geistes“. Rée ist immer von seinem Dreiecksverhältnis mit Nietzsche und Lou Salomé her gesehen worden und hat stets in deren Schatten gestanden; erst in jüngster Zeit findet er von sich aus mehr Beachtung. Nietzsche und Rée wohnen und arbeiten im Winter 1876/ 77 in Sorrent gemeinsam; dass Rée auf Nietzsches formale Neuorientierung, zumindest als Mittler und Verstärker, Einfluss nimmt, ist also wahrscheinlich. „Menschliches, Allzumenschliches“, Nietzsches erste Aphorismensammlung, erscheint zwei Jahre später. Rées Einsichten bleiben aber nicht nur vergleichsweise blass, sie sind weder gedanklich originell noch stilistisch bemerkenswert, wenn sie sich auch, von seinen Quellen her einsichtig, über die Einverständnis heischende, mittelmäßige, idealisierende Trostliteratur Gutzkows weit erheben. Dumm und tyrannisch sind die Frauen, denen gegenüber wie immer zweierlei gilt: „Die lebenslängliche Ehe ist ein nützliches, aber unnatürliches Institut.“ (70) Und: „Gefahren und Weiber dürfen, wie Nessel, nicht zaghaft angefaßt werden.“ (67) Und Glück und Glücksstreben sind Illusion: „Unsere Hoffnungen beglücken, solange sie nicht in Erfüllung gegangen sind.“ (135) „Ueber die menschlichen Handlungen und ihre Motive“ erfährt man meist nicht viel Neues. Zum wiederholten Male werden die vorgeschobene Pflicht (61), der interessengeleitete Glaube (61), die umfassendste Unaufrichtigkeit gegen andere wie gegen sich selbst (21) von einem an Schopenhauer geschulten pessimistischen Menschenbild her zum Thema. Die Motive erscheinen auf Erhaltungs- und Erwerbstrieb, Geschlechtstrieb und Eitelkeit reduziert (48): „Die besten Handlungen haben oft unappetitliche Eingeweide.“ (64) Wo er die Einsichten eine Drehung weiterzutreiben vermag, die eitle Uneitelkeit („Viele sind eitel auf ihren Mangel an Eitelkeit.“; 35) oder die teilnahmslose Teilnahme („Man bezeigt Theilnahme, um für theilnahmsvoll gehalten zu werden.“; 39), darf er größerer Aufmerksamkeit sicher sein: „Wir lieben keinen so selbstlos, daß wir von ihm nicht entbehrt werden möchten.“ (58) Dass das zu Vermeidende eben aus dem Drang nach dem Wünschenswerten entspringt und die Furcht vor einem Verhalten ebendieses Verhalten erzeugt: das ist seine bevorzugte Gedankenfigur. Doch auch, wenn er die biblisch-‚einfältige’ Lehre dialektisch weiterdenkt („Man erniedrigt sich, weil man denkt: Wer sich erniedrigt, wird erhöhet werden.“; 37), ist der Freund noch ein entscheidendes Stück kompromissloser: „L u c a s 1 8 , 1 4 v e r b e s s e r t . - Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden.“ (Menschliches 1, 87; KSA 2, 87) <?page no="108"?> 106 Das 19. Jahrhundert VII. Prägung des Gattungsbewusstseins Nach dem etwas zweifelhaften Fall Schopenhauer wird das Gattungsbewusstsein Ende des 19. Jahrhunderts durch zwei Autoren geprägt, wie sie unterschiedlicher nicht zu denken sind, durch die tschechische Adlige Marie von Ebner-Eschenbach und den Pfarrerssohn und Basler Philologieprofessor Friedrich Nietzsche. So unterschiedlich sie aber auch sein mögen, unter formalen Aspekten wie insbesondere auch, was den Gehalt ihrer Aphoristik betrifft: Beide sind sie bis weit in das 20. Jahrhundert hinein richtungweisend, der eine freilich in noch weit stärkerem Maße als die andere. 1. Marie von Ebner-Eschenbach Im Jahre 1880 veröffentlicht Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) im Alter von 50 Jahren eine Auswahl von dreihundert ihrer Aphorismen unter dem schlichten Gattungsbegriff. Vier Jahre zuvor sind zum ersten Mal dreißig solcher Texte in der Wiener Zeitschrift „Dioskuren“ erschienen; ihre Autorin, als Dramatikerin seit langen Jahren ohne Erfolg, hat sich erst kürzlich der erzählenden Prosa und eben der Aphoristik zugewandt. Die Sammlung wird 1884 und 1890 um jeweils hundert Stücke erweitert; in dieser Form ist sie Bestandteil der Gesammelten Schriften von 1893 (865-899). In den Sämtlichen Werken von 1905 ist sie sprachlich überarbeitet und wiederum erweitert (899- 904). Die Aphorismen „Aus einem zeitlosen Tagebuch“ von 1916 kommen hinzu, darüber hinaus Texte aus dem Nachlass sowie aus verstreuten Publikationen, insgesamt ein Korpus von ca. 900 Aphorismen. Erst die in Aussicht stehende kritische Ausgabe wird, ausgehend von dem Druck von 1890, die kritisch-genetischen Details bieten; aus den Notizbüchern ist noch viel Neues zu erwarten. Ebner-Eschenbachs Wirkungsgeschichte ist noch nicht geschrieben. Sie lässt im österreichischen Zweig der Gattungsgeschichte niemanden aus, von Wilhelm Fischer, Robert Gersuny und Richard Münzer um 1910 über Arthur Schnitzler und Rosa Mayreder bis zu Hans Margolius, Othmar Capellmann und Heinrich Waggerl nach dem Zweiten Weltkrieg, ist aber bei weitem nicht darauf zu beschränken. Dass Kraus schweigt, der doch die Produkte der Konkurrenten gerne verreißt, das spricht für sich (und für ihn). Vielleicht erweist er ihr auf diese Weise nicht nur die gebührende Achtung, vielleicht beschweigt er auch manches Verwandtschaftssignal, das ihm bewusst wird. Es ist ein Leichtes festzustellen, dass ihren Aphorismen schon bald eine geradezu musterbildende Wirkung zuwächst. Als exemplarisch für die Rezeption aus einigem Abstand heraus mag Eduard Engels „Geschichte der deutschen Literatur“ von 1906 gelten, die sie mit La Rochefoucauld vergleicht und urteilt: „Die neuere deutsche Prosaliteratur besitzt kaum ein zweites Buch mit so gütevoller Lebensweisheit wie die Aphorismen der Ebner, ein schon jetzt <?page no="109"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 107 klassisches Werk, das in Volksausgaben verbreitet werden sollte.“ Sie bilden dank ihrer wirkungsgeschichtlichen Bedeutung in der Geschichte der Gattung einen entscheidenden Einschnitt. Ihre Verfasserin ist als die Aphoristikerin schlechthin, ihr Werk als, „wenn man so will, die ‚normalsten’ Aphorismen“ rezipiert. Worauf nun gründet ihre singuläre Wirkung? Auch Ebner-Eschenbach steht in der Gattungsgeschichte nicht voraussetzungslos da. Rahel Varnhagen schätzt sie sehr; es gibt Hinweise auf den Einfluss Schopenhauers, Verbindungslinien in einzelnen Texten zu Lichtenberg sind weniger überzeugend. Vor allem sind es die französischen Moralisten, die sie beeinflusst haben. Das ist vielfach - zu Recht - behauptet worden, aber ohne es am Detail zu zeigen und ohne notwendige Fragen zu stellen, wie die, ob und wo das nur imitierend-epigonale Weiterführung ist: Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen. (899) Es gibt nichts Böses, freilich auch kaum etwas Gutes, das nicht schon aus Eitelkeit getan worden wäre. (875; vgl. 872) Sind diese Formen und Themen sämtlich noch ungebrochen möglich, die Tugend-Laster-Erörterung: „Die Laster sind untereinander näher verwandt als die Tugenden.“ (887); die Ruhm-Reflexion im Relativsatz: „Wer sich mit wenig Ruhm begnügt, verdient nicht vielen.“ (880); die Maxime für ein gesellschaftlich erfolgreiches Leben: „Suche immer zu nützen, suche nie dich unentbehrlich zu machen.“ (877)? Ihre Themen beziehen sich auf Werte und Verhalten, sie bleiben im Privaten und blenden das Öffentliche: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft weitgehend aus. Wo Ebner-Eschenbach im Zeitalter der Industrialisierung das anspricht, was als Klassengegensatz verstanden zu werden beginnt, da kann das nur hilflos-maternalistisch geschehen: „Der Arbeiter soll seine Pflicht tun, der Arbeitgeber soll mehr tun als seine Pflicht.“ (893) Sie fordert mildtätiges Doktern am Symptom, für die Ursachen hat sie hier kein Auge. Wenn sie sich einmal auf konkrete Autoren bezieht, gibt sie zugleich ein aufschlussreiches Selbstporträt: „Dilettanten haben nicht einmal in einer sekundären Kunst etwas Bleibendes geleistet, sich aber verdient gemacht um die höchste aller Wissenschaften, die Philosophie. Den Beweis dafür liefern: Montaigne, La Rochefoucauld, Vauvenargues.“ (885) Als eine praktische Philosophie des Lebens: so sieht sie auch ihre Aphoristik zuvörderst an. Dem Urteil, ihr Werk bilde „den traditionalen Entwurf eines Wertekanons“, kann man sich nur voll anschließen; dass es sich, „vielleicht zum letzten Mal in der Geschichte der Aphoristik, kohärent zu einem Sinngefüge vernetzt“, darf man mit gleicher Gewissheit behaupten, was das „Sinngefüge“ betrifft; die Frage, ob es für ein solches „letztes Mal“ nicht schon zu spät ist, wird freilich dabei weder beantwortet noch auch nur gestellt. In einem bedeutenden Teil ihres Werkes ist ihre Wirkung innerliterarisch begründet und kritisch nachvollziehbar. Sie ragt in der Weise, in der sie sich der Formen und Techniken des Genres bedient, weit über ihre Zeitgenossen hinaus; das lässt sich in einem Vergleich mit Gutzkow etwa konkret zeigen. <?page no="110"?> 108 Das 19. Jahrhundert Greifen wir nur vier Merkmale heraus: Konkretion und Verknappung sowie Pointierung als traditional gegründete Kriterien, Dialektik und Desillusionierung als stärker zukunftsweisende Aspekte. Einer Allaussage bei Gutzkow, die einen schwächlichen „Versuch zur Unsterblichkeit“ ins farblose gedankliche Zentrum rückt: „Unser Leben ist ein Versuch zur Unsterblichkeit.“ (11), steht bei Ebner-Eschenbach der fordernde Imperativ gegenüber: „Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum erstenmal, und du bist unsterblich.“ (865) Über die paradoxale Reibung, etwas, „das sich von selbst versteht“, gleichwohl zum ersten Mal zu „sagen“, aktiviert sie den Leser im ersten Teil, im zweiten ist sie unbedingt und von höchstem Anspruch, weil sie die Unsterblichkeit, die Gutzkow nur sucht und versucht, (mit der Fähigkeit zum Ausdruck) einfach setzt. Er formuliert einen alten Gedanken, wie er ihn möglicherweise bei Goethe vorfindet, noch einmal: „Gedanken werden nur dann gestaltend und schöpferisch, wenn sie an etwas Vorhandenes anknüpfen.“ (68) Sie übertrifft ihn nicht nur in der klaren Härte der Sprache („Gesindel“), nicht nur formal im Trikolon der Steigerung, sondern auch im radikaleren Gedanken, der im Mittelteil den traditionalen Grundaspekt noch transportiert, aber in der dritten Stufe entscheidend übersteigt: „Gedanken, die schockweise kommen, sind Gesindel. Gute Gedanken erscheinen in kleiner Gesellschaft. Ein göttlicher Gedanke kommt allein.“ (888) Wo Gutzkow, an den Gesetzen der Gattung gemessen, stilistisch eher unbeholfen agiert, da ist sie ihm in der dezidiert knappen Aussage überlegen: Die Weisheit soll die Klugheit zur Dienerin haben. Jene thront, diese regiert. (Gutzkow 84) Der Weise ist selten klug. (Ebner-Eschenbach 880) Man kann Niemanden [! ] beibringen, wie er es anstellen soll, nicht eitel zu sein. Man kann nur lehren, Eitelkeit [zu] verbergen. (Gutzkow 186) Eitelkeit ist mächtiger als Scham. (Ebner-Eschenbach 888) Zur Verknappung gesellt sich die Pointierung. Gutzkow versucht sich mit der Interpunktion an ihr; freilich ist der stauende Gedankenstrich falsch positioniert und verwischt sich im syntaktischen Verlauf: „Die geheime Mischung von - Liebe und Interesse kann kein Scheidekünstler der Welt in ihre Urbestandtheile auflösen.“ (51) Anders Ebner-Eschenbach, die ihr Ziel über einen Parallelismus anstrebt und am Ende die scheinbar unversöhnlich gegensätzlichen Begriffe wirkungsvoll in Beziehung setzt: „Es gibt eine schöne Form der Verstellung: die Selbstüberwindung - und eine schöne Form des Egoismus: die Liebe.“ (871) Wie fallen erst seine Aphorismen zum Verhältnis von Männern und Frauen gegen die ihren ab, die gegen den klugen Rat eines „weiblichen Herzens“ konkret und mit Herz und Geist „eine gescheite Frau“ setzen: Der Rath, den dir ein weibliches Herz ertheilt, wird immer der klügste sein. (Gutzkow 152) <?page no="111"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 109 Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: - alle dummen Männer. (Ebner-Eschenbach 875) Bedienen sie sich hier der Übertreibung, des Spannungsaufbaus und der unverblümten Entladung in der Pointe, so nutzen sie dort gegen das unkonkrete „Dasein“ und die biedere Bildungsbürgerlichkeit von „Mahnung“ und „Streben“ die auf das Wesentliche reduzierte, antithetisch zugespitzte rhetorische Frage, die Zusammenhänge denkt, statt zwanghaft polar zu bleiben: Das Dasein des Weibes ist eine stete Mahnung an den Mann, sein Streben innerhalb der Naturgrenzen zu halten. (Gutzkow 151) Wo wäre die Macht der Frauen, wenn die Eitelkeit der Männer nicht wäre? (Ebner- Eschenbach 873) Die Ansätze zu einem spezifisch modernen dialektischen Denken kündigen sich hier schon an. Ebner-Eschenbach denkt nicht selten weiter und bis über den Umschlagpunkt hinaus; das führt sie zu einer eigenständigen moralistischen Sprachkritik: „Es gibt Fälle, in denen vernünftig sein feig sein heißt.“ (870) Sie sieht die unabdingbare Ambivalenz von Wunsch und Erfüllung im ersten Zustand, dem des Wünschens („In der Fähigkeit, einen edlen Wunsch intensiv und heiß zu nähren, liegt etwas wie Erfüllung.“; 900), wie im zweiten, seiner Erfüllung: „Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.“ (899) Es ist dieses ambivalente Denken, das sie zur Komplettierung des Sprichwortes, nach dem das gebrannte Kind das Feuer fürchtet, kommen lässt: „Gebrannte Kinder fürchten das Feuer oder vernarren sich darein.“ (867) Aus diesem integrativen Ansatz heraus hat sie auch zu den aphoristischen Ur-Themen von Irrtum und Wahrheit sowie Erkenntnis Neues zu sagen: Das Tüttelchen Wahrheit, das in mancher Lüge enthalten ist, das macht sie furchtbar. (878) Die Summe unserer Erkenntnisse besteht aus dem, was wir gelernt, und aus dem, was wir vergessen haben. (896) Und genau diese Denkmethode bringt sie auch dazu, gegen das platte bürgerliche Ethos Gutzkows: „Wahrhaft ist doch nur das ein Glück, das sich mit Andern theilen lässt“ (55) einen originellen Gedanken zu setzen, der aus der Tatsache des „neuen“ Glückes unerwarteterweise etwas Abträgliches ableitet: „Auch in ein neues Glück muß man sich schicken lernen.“ (874) Wo er einen harmonistisch gedachten Definitionsversuch syntaktisch unschön verbaut: „Schön ist mir alles, was das, was es sein will, auf eine nicht störende Weise ist“ (90), da formuliert sie knapp, antithetisch pointiert und in dialektischer Verschmelzung: „Was uns an der sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die unsichtbare.“ (865) Ästhetisch bleibt sie hier freilich, nicht anders als ihr Kollege, ganz im Wertesystem des 19. Jahrhunderts. Ohne Abstriche modern wirkt sie dagegen in manchen ihrer Texte mit desillusionierender Tendenz; im Vergleich ist sie hier eher bei Kraus als bei <?page no="112"?> 110 Das 19. Jahrhundert Gutzkow. Dieser predigt im Sinne der bürgerlichen Moral seiner Leser das Lob ehelichen Ausharrens und Aushaltens: „Die erste Stelle im Paradiese werden diejenigen einnehmen, die sich in der Ehe getäuscht haben und doch ausharrten.“ (157) Sie unterläuft das idealistische Pathos durch Witz: „Ehen werden im Himmel geschlossen, aber daß sie gut geraten, darauf wird dort nicht gesehen.“ (867) Die antithetisch strukturierte Pointe impliziert die Anstrengung der Eheparter, aber nicht im dumpfen Sinne eines „Ausharrens“, sondern im aktiven des Geratens. Gutzkow bleibt im Reiche des Sollens, das nicht im geringsten mit der Realität vermittelt ist: „Die wahre Liebe ist die treue Begleiterin der Alltäglichkeit.“ (148) Sie hingegen fängt das Idealistische mit Witz auf, ohne es preiszugeben - bis zur „Ware Liebe“ braucht es noch hundert Jahre - : „An Rheumatismen und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen wird.“ (882) Er sucht ein Problem in der Freundschaft in verschlungener Hypotaxe zu fassen: „Hat einmal eine Freundschaft den Höhepunkt ihrer Bewährung erreicht, etwa durch ein großes, von ihr gebrachtes Opfer, so tritt sie in eine gefahrvolle Krisis, die nur zwei edle Menschen überstehen können.“ (177) Sie fertigt ihn auf demselben Feld geradezu auf die Weise ihres großen jüngeren Landsmannes ab: „Es gibt wenig aufrichtige Freunde - die Nachfrage ist auch gering.“ (894) Ihre Fähigkeit zur aphoristischen Bosheit ist kaum weniger entwickelt als die von Kraus, wenn sie ihr auch weit seltener nachgibt: „Über das Kommen mancher Leute tröstet uns nichts als - die Hoffnung auf ihr Gehen.“ (875) Wo Gutzkow eine ebenso verschlungene wie idealistisch verstiegene kalte Definition zu bieten hat, da hält sie mit der warmen Sinnlichkeit eines Bildes in jedem Sinne dagegen, sprachlich wie gedanklich: Weise ist derjenige, der zugleich gut von Natur und gut aus Überzeugung ist. Mit andern Worten der, dessen Verstand ihn zwingen würde, gut zu sein, wenn er nicht schon gut von Natur wäre. (108) Einen mit Weisheit Gesalbten darf man nie warm werden lassen, sonst trieft er. (893) Solcher Beispiele ungeachtet bleibt ihr Aphorismus ethisch bestimmt; er will nicht brillieren, ist aber sehr bewusst geformt und bringt sich mit allen rhetorischen Mitteln zur Geltung. So diagnostiziert sie vom Standpunkt des schwach gehaltenen Geschlechts aus in knapper, pointierter Weise menschliches Verhalten, geht dabei auch dialektisch vor und vermittelt die Idealität mit der Realität. Aus beobachtender Verhaltensanalyse entwickelt sie so etwas wie Gefühlskritik, aus der Gefühlskritik erwächst, dem aphoristischen Urthema von Schein und Sein neue Facetten abgewinnend, Sprachkritik, sei es in der Verwechslung von Müssen und Wollen („Was du zu müssen glaubst, ist das, was du willst.“ 869) oder der von viel Tun und wenig Tun („Das meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit getan, in der wir meinten, zu wenig zu tun.“ 892), der von Sinken und Fliegen („Du kannst so rasch sinken, daß du zu fliegen meinst.“ 872) oder Faun und Don Juan („So mancher meint <?page no="113"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 111 ein Don Juan zu sein und ist nur ein Faun.“ 891), sei es, dass sie das vielberufene Erlebnis seziert: „Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.“ (882) Das führt bis zur paradoxen Düpierung des Lesers, der zögert, sich für „gescheit“ zu halten: „Alberne Leute sagen Dummheiten, gescheite Leute machen sie.“ (893) Und das führt wiederum bis an die Schwelle der Kraus’schen Sprachkritik: „Unerreichbare Wünsche werden als ‚fromme’ bezeichnet. Man scheint anzunehmen, daß nur die profanen in Erfüllung gehen.“ (870) Man darf das insgesamt durchaus als Umwertungen en detail bezeichnen, und gerade im Vergleich zu ihrem Zeitgenossen Gutzkow zeigt sich das Avancierte ihrer Aphoristik. Andererseits kann sie sich wahrlich nicht immer über die nur gute Absicht erheben. Um bei der Ehe zu beginnen: Gerade hat sie sie, die im Himmel (nur) geschlossen werde, noch dort ‚geerdet’, wo sie geraten muss; jetzt heißt es, von allen irdischen Schlacken gereinigt: „Soweit die Erde Himmel sein kann, soweit ist sie es in einer glücklichen Ehe.“ (881) Hierher gehören ihre Definitionen, die auf Werte wie Vertrauen („Vertrauen ist Mut, und Treue ist Kraft.“ 865) und Anmut („Anmut ist ein Ausströmen der inneren Harmonie.“ 866) setzen; hierher gehören die Gebote der Lebensklugheit: „Hüte dich vor der Tugend, die zu besitzen ein Mensch von sich selber rühmt.“ (868); hierher gehört der Teil ihres Werkes, der sich auf reine, gutartige Morallehre beschränkt: Mißtraue deinem Urteil, sobald du darin den Schatten eines persönlichen Motivs entdecken kannst. (895) Siege, aber triumphiere nicht. (865) „Die allerstillste Liebe ist die Liebe zum Guten.“ (892): Das ethisch Gute und das ästhetisch Gute dergestalt zu verwechseln: darin findet sie bis weit in das 20. Jahrhundert hinein Nachfolger, ohne dass sie dadurch mit solchen Texten ‚besser’ würde. Die Aphorismen Ebner-Eschenbachs bilden 1880 Abschluss wie Neubeginn. Sie sind die augenfälligste und bedeutendste Bestätigung einer Entwicklung in die Literatur hinein, das Ende eines Prozesses, wie er an einzelnen Beispielen und ansatzweise in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, dann aber quantitativ, wenn auch nicht qualitativ verstärkt nach Hebbel in der Jahrhundertmitte zu beobachten ist. „Ein Aphorismus ist der letzte Ring einer langen Gedankenkette.“ (865): Der berühmte Aphorismus, der das Motto ihrer Sammlung bildet, festigt den Gattungsbegriff endgültig. Wenn die Gattung in ihr „ihre ideale Mitte“ findet, dann nur dort, wo die Texte das mitunter allzu harmonistisch und optimistisch Gütige skeptisch-dialektisch auszubalancieren verstehen. Sie bleiben durchweg auf einer mittleren geistigen Ebene, finden ihr Zentrum darin, überzeitliche Vorschriften für die rechte Lebensführung zu geben, sind aber in ihren besten Beispielen von einer geradezu ‚klassischen’ formalen Meisterschaft, die manchen vorausweisenden Ansatz <?page no="114"?> 112 Das 19. Jahrhundert enthält und im Ganzen ihre singuläre Wirkung nicht nur begründet, sondern auch rechtfertigt. 2. Friedrich Nietzsche Friedrich Nietzsche (1844-1900) ist ohne Zweifel die beherrschende Figur in der Geschichte des Aphorismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Radikalität seines Denkens und die Kraft seiner Sprache machen ihn dazu ebenso wie die gewaltige internationale Wirkung bis auf den heutigen Tag. Den Aphorismus behauptet er als den auf ihn zugeschnittenen Ort zwischen Dichtung und Philosophie zeitlebens für sich, von dem Plan zu einer aphoristischen fünften „Unzeitgemäßen Betrachtung“ 1876 bis zu den „Sprüchen und Pfeilen“ von 1889, am Ende seines geistigen Lebens. Die überreiche Sekundärliteratur ist demgemäß nur selten ohne einen Bezug zur Gattung. Vornehmlich um diesen Bezug muss es hier gehen; eine Darstellung seiner Philosophie ist in diesem Rahmen nicht möglich, wenn auch eine Skizze des Aphoristikers Nietzsche natürlich nicht ohne die Grundzüge seines Denkens zu entwerfen ist. Von Beginn an gehen die Lektüre der französischen Moralisten (ab Oktober 1876) sowie Gattungsreflexion und eigene Praxis parallel. Mit der Aufgabe, „von einem einsam gelegenen Standorte aus den ganzen Heerbann der wissenschaftlichen und gelehrten Menschen zu befehligen und ihnen die Wege und Ziele der Cultur zu zeigen“ (Menschliches 1, 282; 2, 231), sieht er sich in der selbstbestimmten Nachfolge der Moralisten. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit der Gattung als Bestimmung des Abstandes zu ihnen zu erkennen, der sich auch terminologisch auswirkt, als Wechsel von der „Sentenz“ zum „Aphorismus“. Für seine eigenen Arbeiten benutzt er nämlich schon 1878 diesen Begriff, den ihm die französische Tradition bekanntlich nicht vorgibt. Nicht allein seine Bemerkung von Ende 1880: „Es sind Aphorismen! Sind es Aphorismen? - mögen die welche mir daraus einen Vorwurf machen, ein wenig nachdenken und dann sich vor sich selber entschuldigen - ich brauche kein Wort für mich“ (Nachgelassene Fragmente; 9, 356) bezeugt eine intensive Auseinandersetzung mit Form, Begriff, Gattung. Es bleibt in der Folge bei einer weitgehenden Synonymie der Begriffe. In den Titeln oder Untertiteln seiner Werke oder auch nur von Kapiteln daraus spricht er dagegen mit auffälliger Regelmäßigkeit von „Sprüchen“, dem Begriff, den er unter anderem bei Goethe vorfindet. Mit dem „Aphorismus“ besetzt der äußerst sprachbewusste Autor vor einem Horizont von Trivialität und Unterschätzung einen Begriff und reklamiert ihn in der Lichtenberg-Nachfolge für sich, indem er bewusst gegen die Leseerwartungen angeht, die zum einen durch Autoren wie Auerbach, Mohr oder Ebner-Eschenbach, zum andern durch Zeitschriften wie die „Fliegenden Blätter“ vorgeprägt sind. Die letzte seiner gattungsreflexiven Äußerungen von 1889 lässt sich in diesem Kontext anders verstehen denn als reine Anmaßung des späten kranken Nietzsche: „Der <?page no="115"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 113 Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der ‚Ewigkeit’; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andre in einem Buche sagt, - was jeder Andre in einem Buche n i c h t sagt...“ (Götzendämmerung 51; 6, 153). Sie ist vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Aphorismenproduktion weniger als Überhebung denn als (berechtigte) Abhebung zu lesen. Er nimmt die Form in der Tat fast als einziger „schwer genug“: „In andern Fällen macht die aphoristische Form Schwierigkeit: sie liegt darin, dass man diese Form heute n i c h t s c h w e r g e n u g nimmt.“ (Genealogie, Vorrede 8; 5, 255) Er erhebt den Aphorismus „in den höchsten ästhetischen Rang“, ohne dass er sich des Anspruchs begäbe, Erkenntnis zu vermitteln. In der Literaturwissenschaft seiner Zeit findet er dazu alles andere als eine Hilfe, in der Literatur seiner Zeit keinen Ebenbürtigen. Wenn er an derselben Stelle fortfährt: „Ein Aphorismus, rechtschaffen geprägt und ausgegossen, ist damit, dass er abgelesen ist, noch nicht ‚entziffert’; vielmehr hat nun erst dessen A u s l e g u n g zu beginnen, zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf“, so wird hier ein wesentliches Merkmal seiner Begriffsvorstellung deutlich: Es ist das Selbstdenken ‚freier Geister’, das den Aphorismus erst eigentlich vollendet. Außer den Moralisten gehören zu den formalen Vorbildern das romantische Fragment, dann auch Goethe, dessen „Unterhaltungen mit Eckermann“, und vor allem Lichtenberg, dessen „Aphorismen“ Nietzsche zu dem leicht überschaubaren kleinen „Schatz der deutschen Prosa“ (Menschliches 2,2, 109; 2, 599) zählt und der ihm schon in frühen Jahren zur Autorität wird. Schopenhauer ist dagegen hier nicht ohne Einschränkung zu nennen; man muss sich vergegenwärtigen, dass beide aus dem Möglichkeitsspektrum, das die Gattung bereitstellt, extrem unterschiedliche Aspekte verwirklichen. Während der eine an Didaktik und Vermittlung von Lebensregeln orientiert ist, ist sie dem anderen in seinem flüssigen Denken mit dem Prinzip der paradoxen Selbstaufhebung bei extremer Forderung an die Mitarbeit des Rezipienten adäquat. Neben der Frage nach den Vorgängern, die mit der nach der Begrifflichkeit zusammenhängt, ziehen sich mehrere spezifische Fragen durch die Literatur zu dem Werk: Wie steht es mit dem Verhältnis von System und Aphorismus bei dem Philosophen Nietzsche? Ist der Aphorismus für ihn ein Notbehelf oder das einzig adäquate Ausdrucksmittel? Gibt es eine aphoristische Phase, oder bedient er sich des Aphorismus durchweg? Was die Wahl der Gattung betrifft, so sind früh und in der Folge regelmäßig Verbindungen zwischen Form, Schaffensweise und körperlicher Konstitution hergestellt worden; man hat von einer durch verschiedene Krankheiten erzwungenen Entscheidung gesprochen. In neuerer Zeit sind dagegen Meyer und Kuhn, zu wie verschiedenen Ergebnissen sie auch kommen, in der Grundfrage einig: Sie halten die aphoristische Form bei Nietzsche aus inneren Gründen für notwendig, wie es auch seine Gattungsvorstellungen schon vermittelten. Für Meyer ist das Aphoristische sogar „nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein existentielles Problem. Nietzsche lebt eine gleichsam <?page no="116"?> 114 Das 19. Jahrhundert aphoristische Existenz, eine Daseinsform in Bruchstücken und Zuspitzungen.“ Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt zuvor auch Kaufmann, der die „Methode“ in seinen Aphorismen als existentiellen Experimentalismus analysiert. Von den Grundpfeilern seines Denkens her drängt es Nietzsche notwendig zur Gattung, von der Paradoxie wie vom Spiel, vom Experiment wie von der Sprachskepsis her, auch von der Metapher her, die an die Stelle des Begriffes tritt. Wer dagegen sein Werk als eine zur systematischen Darstellung verpflichtete Philosophie ins Feld führen möchte, dem muss man entgegenhalten, dass das Verhältnis von System und Aphorismus bei Nietzsche nur als ein paradox-synthetisches zu interpretieren ist. Von einer Phasenbildung und also einer mittleren „aphoristischen Phase“ ist nicht zu sprechen; die Entstehungszeit des gesamten Werks umfasst ja nicht mehr als dreizehn Jahre. Zur Zeit des „Zarathustra“ 1883-1885 tritt der Aphorismus allenfalls etwas zurück (auch wenn die Entstehung des ersten Teils aus den Sentenzen der Notizbücher und die Verbindung besonders mit der vorangehenden „fröhlichen Wissenschaft“ neuerdings immer deutlicher wird), und aufgegeben hat ihn Nietzsche zu keiner Zeit. Den ersten Band von „Menschliches, Allzumenschliches“, in dem sich zum ersten Mal seine aphoristische Praxis öffentlich manifestiert, diktiert er ab September 1877. Indem er sich von Wagner abkehrt und befreit, lässt er einen Grundbestand philosophisch-künstlerischer Überzeugungen hinter sich. Der Band erscheint im Mai des folgenden Jahres. Zum geringeren Teil bleibt er erkennbar in den Bahnen der Moralistik, von der er ausgeht, so in seiner Reflexion der menschlichen Eitelkeit: „A llt a g s - M a a s s s t a b . - Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.“ (Menschliches 1, 74; 2, 83) Durch die Umkehrung macht er sich auf den Weg zu seinem spezifisch Eigenen, wenn er Lukas 18,14 verbessert. Zu wesentlichen Teilen ist schon dieses erste Buch durch sein Misstrauen gegen die Ernsthaftigkeit der moralistischen Sentenz geprägt: „D i e A n t it h e s e . - Die Antithese ist die enge Pforte, durch welche sich am liebsten der Irrthum zur Wahrheit schleicht.“ (Menschliches 1, 187; 2, 163) Als ein freier Geist im Kampf gegen jede Metaphysik, der seine Reflexionen in neun „Hauptstücken“ zusammenstellt, handelt er „Von den ersten und letzten Dingen“ und vom „religiösen Leben“: „ A b b r u c h d e r K i r c h e n . - Es ist nicht genug an Religion in der Welt, um die Religionen auch nur zu vernichten.“ (Menschliches 123; 2, 121). Ebenso radikal sind seine Umdeutungen „Zur Geschichte der moralischen Empfindungen“: D a s Ü b e r - T h i e r . - Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist Nothlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden. Ohne die Irrthümer, welche in den Annahmen der Moral liegen, wäre der Mensch Thier geblieben. So aber hat er sich als etwas Höheres genommen und sich strengere Gesetze auferlegt. Er hat desshalb einen Hass gegen die der Thierheit näher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige Missachtung des Sklaven als eines Nicht-Menschen, als einer Sache, zu erklären ist. (Menschliches 1, 40; 2, 64) <?page no="117"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 115 „Der Mensch im Verkehr“, „Ein Blick auf den Staat“, „Der Mensch mit sich allein“: Neu sind nicht die Gegenstände, neu ist die Sichtweise, mit der Nietzsche vor allem die Kunst auf ein neues Begründungsfundament stellt („Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller“): „D e r b e s t e A u t o r . - Der beste Autor wird der sein, welcher sich schämt, Schriftsteller zu werden.“ (Menschliches 1, 192; 2, 164) Im März 1879 erscheint die erste Abteilung des zweiten Bandes, die „Vermischten Meinungen und Sprüche“, mit ihren zahlreichen Erörterungen zur besonderen Funktion der Kürze; sie stellt den Höhepunkt in Nietzsches Auseinandersetzung und Aneignung der Gattung dar. Vorurteile bekämpft er schon hier als die falschen Vorstellungen von der Gattung. Er differenziert zwischen dem „Kurz-Gesagten“ und dem „Lang-Gedachten“, das „Kurz- Gesagte“ von Substanz ist eben alles andere als die (vor-)schnelle Gedankensplitter-Pointe: G e g e n d i e T a d l e r d e r K ü r z e . - Etwas Kurz-Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang-Gedachten sein: aber der Leser, der auf diesem Felde Neuling ist und hier noch gar nicht nachgedacht hat, sieht in allem Kurz-Gesagten etwas Embryonisches, nicht ohne einen tadelnden Wink an den Autor, dass er dergleichen Unausgewachsenes, Ungereiftes ihm zur Mahlzeit mit auf den Tisch setze. (Menschliches 2,1, 127; 2, 432) Er differenziert zwischen einzelnen Stücken und „Stückwerk“ im Ganzen und besteht damit auf innerem Zusammenhang bei äußerer Verbindungslosigkeit: „G e g e n d i e K u r z s i c h t i g e n . - Meint ihr denn, es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken giebt (und geben muss)? “ (Menschliches 2,1, 128; 2, 432) Wie Sentenz, Aphorismus oder Spruch solcher Art vom Paradoxon lebt, so ist er selbst „das grosse Paradoxon“ in der Literatur: L o b d e r S e n t e n z . - Eine gute Sentenz ist zu hart für den Zahn der Zeit und wird von allen Jahrtausenden nicht aufgezehrt, obwohl sie jeder Zeit zur Nahrung dient: dadurch ist sie das grosse Paradoxon in der Litteratur, das Unvergängliche inmitten des Wechselnden, die Speise, welche immer geschätzt bleibt, wie das Salz, und niemals, wie selbst dieses, dumm wird. (Menschliches 2,1, 168; 2, 446) Im Dezember desselben Jahres 1879 erscheint schließlich als zweite Abteilung „Der Wanderer und sein Schatten“, dessen Aphorismen im Juli und August im Engadin beim Wandern und Nachdenken entstanden sind. Nachdem Nietzsche krankheitshalber die Basler Professur hat aufgeben müssen, stilisiert er sich mehr und mehr in dieser Figur. Die Art der Entstehung seiner Bücher lässt er als die einzige gelten: „ G e l ö b n i s s . - Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.“ (Menschliches 2, 2, 121; 2, 604) In Definitionen wie dieser gelangt der Autor zu früher Meisterschaft: W i t z . - Der Witz ist das Epigramm auf den Tod eines Gefühls. (Menschliches 2,1, 202; 2, 466) <?page no="118"?> 116 Das 19. Jahrhundert D e r g r o s s e S t i l . - Der grosse Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt. (Menschliches 2, 2, 96; 2, 596) Das Ideal „körniger Gedrängtheit“ verbindet sich mit seiner zentralen Metaphorik: „ S e l t e n e F e s t e . - Körnige Gedrängtheit, Ruhe und Reife, - wo du diese Eigenschaften bei einem Autor findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten in der Wüste: es wird dir lange nicht wieder so wohl werden.“ (Menschliches 2, 2, 108; 2, 599) Wenn sich auch kaum regelrechte Phasen ausmachen lassen, so ist eine gewisse Gruppierung doch möglich. An die drei Bände von „Menschliches, Allzumenschliches“, innerhalb nur zweier Jahre in immer schnellerer Abfolge entstanden, schließen sich die 575 „Gedanken über die moralischen Vorurtheile“ an, die er im ersten Halbjahr des folgenden Jahres notiert und diktiert und die unter dem Titel „Morgenröthe“ im Juli 1880 erscheinen. Die Sammlung „Die fröhliche Wissenschaft“, die als deren Fortsetzung zu Anfang 1882 entsteht und im August erscheint, bezeichnet zweifellos den Abschluss des Höhepunktes in der aphoristischen Produktion Nietzsches, eine neuerliche umfassende kritische Umwertung: „W o r a n g l a u b s t d u ? - Daran: dass die Gewichte aller Dinge neu bestimmt werden müssen.“ (Wissenschaft 269; 3, 519) (Eine erweiterte Fassung erscheint 1887.) In größter Erkenntnisleidenschaft geht es um die „Redlichkeit des Denkens“, den täglichen „Feldzug gegen dich selber“ (Morgenröte 370; 3, 244): „M e i s t e r u n d S c h ü l e r . - Zur Humanität eines Meisters gehört, seine Schüler vor sich zu warnen.“ (Morgenröte 447; 3, 271) Unabdingbar dazu ist ein offenes Denken, wie es Nietzsche in der naheliegenden Bildlichkeit des Wanderers ausdrückt: L u s t a n d e r B l i n d h e i t . - ‚Meine Gedanken, sagte der Wanderer zu seinem Schatten, sollen mir anzeigen, wo ich stehe: aber sie sollen mir nicht verrathen, w o h i n i c h g e h e . Ich liebe die Unwissenheit um die Zukunft und will nicht an der Ungeduld und dem Vorwegkosten verheissener Dinge zu Grunde gehen.’ (Wissenschaft 287; 3, 528) Es untersucht etwa die Motive des Handelns, aber mehr noch die Macht der vorgeschobenen Motive (Nr. 44), es reflektiert über Wirkung und Ursache vor und nach der Wirkung (Nr. 217), über das Opfer aus der Perspektive der Opfer (Nr. 220), auch über zweifelhafte Größe, die Grausamkeit einschließt (Nr. 266), und Heroismus, der Leid einschließt (Nr. 268). Als aphoristischer Ertrag aus den letzten Jahren treten schließlich zumindest „Jenseits von Gut und Böse“ von 1886 und die „Sprüche und Pfeile“ aus der „Götzen-Dämmerung“ von 1889 hinzu. In „Jenseits von Gut und Böse“, wie die erste Sammlung in „Hauptstücken“ organisiert, kommen insbesondere die Aphorismen des vierten Hauptstückes, der „Sprüche und Zwischenspiele“, in Frage, die einmal mehr Wahrheit und lebensnotwendige Fiktion erörtern („Über Das, was ‚Wahrhaftigkeit’ ist, war vielleicht noch Niemand wahrhaftig genug.“; Jenseits 177; 5, 103) und modellhaft etwa das Weiterdenken demonstrieren: „Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.“ (Jenseits 78; 5, 87) In „Götzen-Dämmerung oder Wie <?page no="119"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 117 man mit dem Hammer philosophirt“ findet sich das berüchtigte und vielfach zitierte Diktum: „A u s d e r K r i e g s s c h u l e d e s L e b e n s . - Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ (Götzen-Dämmerung, Pfeile 8; 6, 60) Im polemisch scharfen Ton des späten Werkes bekennt sich der Aphoristiker noch einmal zu der ihm eigenen Gattung: „Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.“ (Götzen-Dämmerung, Pfeile 26; 6, 63) Nietzsche unterzieht in den Aphorismenbüchern dieser dreizehn Jahre alle Aspekte des menschlichen Lebens in einer umfassenden Erkenntnis-, Moral-, Kultur- und Ideologiekritik einer Neubewertung, indem er nicht nur bewusst unsystematisch, auch selbstwidersprüchlich alle sprachlich-literarischen, religiös-kulturellen und gesellschaftlichen Themen umkreist. Der Gang dieser fundamentalen Umwertung auf komplexestem Feld ist gemäß der eingangs getroffenen Einschränkung hier nur in Grundzügen mit Hilfe einiger kommentierter Zitate nachzuvollziehen und gattungshistorisch einzubinden. Jede Erkenntnis - das ist der Ausgangspunkt - bleibt notwendig an der Oberfläche des Scheins: „D i e z w e i R i c h t u n g e n . - Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts, als die Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder auf Nichts, als auf den Spiegel. - Diess ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntniss.“ (Morgenröte 243; 3, 202f.) Die geheimen Bindungen von Erkenntnis und Interesse sind es, die Nietzsche erspürt: „D i e L e u g n e r d e s Z u f a ll s . - Kein Sieger glaubt an den Zufall.“ (Wissenschaft 258; 3, 517) Zweifel als Prinzip ist die Konsequenz: „W a h r h e it w ill k e i n e G ö t t e r n e b e n s i c h . - Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten ‚Wahrheiten’.“ (Menschliches 2,1, 20; 2, 387) Das impliziert ein flüssiges Denken: „ S i c h h ä u t e n . - Die Schlange, welche sich nicht häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre Meinungen zu wechseln; sie hören auf, Geist zu sein.“ (Morgenröte 573; 3, 330) Und es bedeutet, dass ‚feste’ Überzeugungen verderblicher sind als Lügen: „F e i n d e d e r W a h r h e i t . - Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen.“ (Menschliches 1, 483; 2, 317) Der gattungskonstitutive Zweifel ist radikalisiert, bis „zuletzt“ nichts mehr vor ihm besteht: „ L e t z t e S k e p s i s . - Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? - Es sind die u n w i d e r l e g b a r e n Irrthümer des Menschen.“ (Wissenschaft 265; 3, 518) Erkenntniskritik geht mit Sprachkritik einher; auf beiden Feldern hat er viel von Lichtenberg gelernt: „ T r o t z u n d T r e u e . - Er hält aus Trotz an einer Sache fest, die ihm durchsichtig geworden ist - er nennt es aber ‚Treue’.“ (Wissenschaft 229; 3, 511) Wenn er mit der Schärfe dieser Skepsis den Widerstreit von Gedanke und Gefühl reflektiert, so geht er von einem gedanklichen Topos der Gattung aus. In der Radikalisierung der Gefühlswahrheit führt er freilich weit darüber hinaus: W o r i n w i r A l l e u n v e r n ü n f t i g s i n d . - Wir ziehen immer noch die Folgerungen von Urtheilen, die wir für falsch halten, von Lehren, an die wir nicht mehr glauben, - durch unsere Gefühle. (Morgenröte 99; 3, 89) <?page no="120"?> 118 Das 19. Jahrhundert W e s s h a l b d i e D u m m e n s o o f t b o s h a f t w e r d e n . - Auf Einwände des Gegners, gegen welche sich unser Kopf zu schwach fühlt, antwortet unser Herz durch Verdächtigung der Motive seiner Einwände. (Menschliches 2,1, 39; 2, 398) Erkenntnis- und Moralkritik lassen sich nicht voneinander trennen, denn richtiges Denken ist nichts weniger als richtige Moral, beide laufen letztlich auf eins hinaus: „‚Die Erkenntniss um ihrer selbst willen’ - das ist der letzte Fallstrick, den die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal völlig in sie.“ (Jenseits 64; 5, 85) Ausgangspunkt ist wiederum die klassische Moralistik; er lässt sich hier bis auf Graciáns subtile Überlegungen zur Selbst- und Fremdbestimmung zurückführen: „ A n e i n e n G e l o b t e n . - So lange man dich lobt, glaube nur immer, dass du noch nicht auf deiner eigenen Bahn, sondern auf der eines Andern bist.“ (Menschliches 2,1, 340; 2, 518) Und wiederum wird sie zur unvergleichlichen Unerbittlichkeit gegen sich selbst gesteigert: „V e r k e h r t e W e lt . - Man kritisirt einen Denker schärfer, wenn er einen uns unangenehmen Satz hinstellt; und doch wäre es vernünftiger, diess zu thun, wenn sein Satz uns angenehm ist.“ (Menschliches 1, 484; 2, 317) Ebensowenig sind Ideologie- und Kulturkritik voneinander zu trennen. Dass sich die Kritik an den Religionen, speziell der christlichen, durch die Schriften zieht, versteht sich: N e u e K ä m p f e . - Nachdem Buddha todt war, zeigte man noch Jahrhunderte lang seinen Schatten in einer Höhle, - einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. - Und wir - wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen! (Wissenschaft 108; 3, 467) Vor dem Hintergrund der Gründerjahre, einem beispiellosen Erstarken des Deutschen Reiches, sieht er Geist und Macht in umgekehrt proportionalem Verhältnis: A u f e r s t e h u n g d e s G e i s t e s . - Auf dem politischen Krankenbette verjüngt ein Volk gewöhnlich sich selbst und findet seinen Geist wieder, den es im Suchen und Behaupten der Macht allmählich verlor. Die Cultur verdankt das Allerhöchste den politisch geschwächten Zeiten. (Menschliches 1, 465; 2, 300) Ein dialektisch geschulter Blick verbindet Zeit- und Kulturkritik: „G e f a h r u n s e r e r C u l t u r . - Wir gehören einer Zeit an, deren Cultur in Gefahr ist, an den Mitteln der Cultur zu Grunde zu gehen.“ (Menschliches 1, 520; 2, 324) Und ganz modern scheint er schließlich auch in der Analyse der Warenwelt als einer Bedürfnisweckungsmaschinerie: „B e d ü r f n i s s . - Das Bedürfniss gilt als die Ursache der Entstehung: in Wahrheit ist es oft nur eine Wirkung des Entstandenen.“ (Wissenschaft 205; 3, 506) Der Blick auf Aspekte und Strukturen, die für Nietzsche im Kontext der Gattungsgeschichte in besonderer Weise charakteristisch sind, schärft sich in Hinsicht auf seine Rezeption noch einmal. Nietzsche ist die stärkste der Wurzeln des modernen deutschen Aphorismus im 19. Jahrhundert. Zu den Aspekten, die im Hinblick auf das Genre als besonders bedeutsam herauszustellen sind, gehören an hervorragender Stelle die Legitimierung der Vieldeutig- <?page no="121"?> Prägung des Gattungsbewusstseins 119 keit und des Erlebnisses als wesentliche Ergänzung zur Vernunft: „ G e d a n k e n . - Gedanken sind die Schatten unserer Empfindungen - immer dunkler, leerer, einfacher, als diese.“ (Wissenschaft 179; 3, 502) Die Erkenntnis von Wahrheit in Bildern, Metaphern, Gleichnissen scheint ihm der klassischen Vernunftwahrheit überlegen. Das Bild ersetzt oder ergänzt den Diskurs; statt des Systems ist es der Aphorismus, der die intellektuelle Legitimation erteilt. Widerspruchsfreiheit ist nicht unbedingt mehr die höchste Forderung; formale Grundvorstellung ist das Experiment. Paradoxie und Antithese sind geradezu Erkenntnis-Voraussetzungen. Dazu adelt er den Spiel-Begriff auf neue Weise: „Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel.“ (Jenseits 94; 5, 90) Auch der bewusste Perspektivismus fügt sich dem ein: „K r i t i k d e r T h i e r e . - Ich fürchte, die Thiere betrachten den Menschen als ein Wesen Ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Thierverstand verloren hat, - als das wahnwitzige Thier, als das lachende Thier, als das weinende Thier, als das unglückselige Thier.“ (Wissenschaft 224; 3, 510) Erleben und Denken bilden eine Einheit genauso wie Wahrheit und Dichtung. Wie dieses Erlebnis- Denken vom Leben ausgeht, so ist es auf das ganze Leben gerichtet. Realisiert wird es allein durch die Rezeption eines denkerisch nachschöpfenden, verwandten freien Geistes. Unter der großen Reihe von Aphoristikern des 20. Jahrhunderts, die in solchen Aspekten ihre Abhängigkeit von Nietzsche nicht verbergen können, sind hier nur wenige herauszuheben. Es sind dabei allerdings von vorneherein Differenzierung und Einschränkung vonnöten, um eine allgemeine und eine spezifisch aphoristische Beeinflussung durch sein Werk voneinander zu unterscheiden. So sehr er den Autoren ein Sprach-Lehrer ist, ein Form-Lehrer im speziell aphoristischen Sinne ist er nicht, von Ausnahmen wie Arno Nadel und wohl auch Isolde Kurz abgesehen. Emil Götts und Christian Morgensterns Aphoristik zeugen von der unmittelbaren leidenschaftlichen Rezeption aus dem ‚Erlebnis’ persönlicher Verwandtschaft heraus. Auch in Kritik und Polemik beweist sich seine Wirkung, so bei Otto Ernst und Wilhelm Fischer. Ausschlaggebend für seine Rezeption bei Karl Kraus ist das Konkurrenzverhältnis: Kraus hat ihn entgegen seinen Beteuerungen sehr wohl genau gelesen und spielt seinen eigenen Aphorismus als Idealfall und Muster gegen den Vorgänger aus. Für den expressionistischen Aphorismus ist die explizite Berufung auf ihn in einer Spannweite vom Aktivismus Hillers bis zu Curt Dallago und dem „Brenner“-Kreis geradezu als ein gemeinsames Element zu sehen. Zum einen bestimmt die in Nietzsches Gefolge stehende Lebensphilosophie seine Denkkategorien weitestgehend, zum andern leiten Selektion und Indienstnahme hier die Rezeption. Die Wirkung auf Autoren des deutschen wie österreichischen Konservativismus ist vergleichsweise gering; geradezu auffällig ist es, wie statt seiner hier Goethe den Bezugspunkt bildet. Aber auch Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder sind in ihren frühen Jahren stark von ihm affiziert, wenngleich sie sich später von ihm absetzen; für Robert Musils aphoristische Versuche gibt <?page no="122"?> 120 Das 19. Jahrhundert er zeitlebens das Vorbild ab. Innerhalb der bekanntlich begeisterten nationalsozialistischen Nietzsche-Rezeption wird der Aphoristiker eindeutig unterdrückt, und unter den Autoren des Exils wie auch in der Aphoristik nach 1945 spielt er angesichts dieser Vereinnahmung eine deutlich untergeordnete Rolle, es sei denn, man erkennte sie in der Schärfe der Ablehnung (Heinrich Scholz, Theodor Haecker); er wird durch Kierkegaard sozusagen ersetzt. Gottfried Benns und besonders Ernst Jüngers Essayistik und Aphoristik sind dagegen auch in ihren formalen Aspekten auf das stärkste von ihm beeinflusst: „‚Was mich nicht umbringt, macht mich stärker’; und was mich umbringt, ungeheuer stark.“ (Werke I, 2, 269) Vergleichsweise schwach ist sein Einfluss auf die Gattungsexponenten in der zweiten Jahrhunderthälfte; für Canetti ist er gar einer der großen Feinde (auch wenn man das differenziert sehen muss). Dessenungeachtet bleibt die dauerhafte Präsenz innerhalb der Gattungsgeschichte besonders bemerkenswert. VIII. Der Aphorismus um die Jahrhundertwende: Gedankensplitter, Herzensaphoristik, Moralistik Um die Jahrhundertwende wird der Aphorismus zu einer breiten literarischen Erscheinung. Im Wesentlichen drei Tendenzen charakterisieren ihn dabei. Der klassische „Gedankensplitter“ deckt augenzwinkernd menschliche Schwächen auf, gibt humoristische Lebensregeln und endet im plattesten Wortwitz. Von derselben Vorstellung von Lebensweisheit ausgehend, möchte eine aphoristische Literatur der Innerlichkeit und der Werte des Herzens Lebenskunst als Lebenshilfe bieten. Sie hat als Herzensaphoristik eine speziell weibliche Variante. In Anlehnung an populäre zeitgenössische Lyrik könnte man hier auch von Goldschnitt-Aphoristik sprechen. Und schließlich zeigt sich als Fortführung klassischer Moralistik eine Aphoristik, die sich gleich weit entfernt vom „Gedankensplitter“-Witz wie von der sterilen Idealität der Herzensaphoristik halten möchte, diesem selbstgestellten Anspruch aber nur in relativem und individuell natürlich sehr verschiedenem Ausmaße gerecht wird. Auch die Aphoristik des Herzens versteht sich als Moralistik, auch im Gedankensplitter ist die Ideologie, die die Werte von Herz und Gemüt gegen Geist und Verstand ausspielt, als selbstverständlich zu erkennen: Eine Unterscheidung ist nur der Tendenz nach, nicht prinzipiell möglich. Die Pointensucht ist in jedem Fall gegenüber den Autoren der sechziger bis achtziger Jahre deutlich stärker geworden. Wir sehen mit diesen drei Ausgestaltungen zunächst von den als Aphoristikern bekannteren und bedeutenderen Autoren ab, die der Gattung bei aller dialogischen Traditionsbezogenheit ein je eigenes Gepräge zu geben suchen und in stärkerem Maße für Gattungsausprägungen stehen, die das 20. Jahrhundert bestimmen, und wir gehen bei der Fortführung der Moralistik, die sich weniger klar konturiert als die beiden anderen Tendenzen, chronolo- <?page no="123"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 121 gisch freier vor: Der Abschnitt reicht in einzelnen Autoren bis 1918, dem Jahr, in dem sowohl die epigonal-rückwärtsweisenden „Aphorismen“ Ernst Hohenemsers als auch die vorwärtsweisenden „Stufen“ Christian Morgensterns erscheinen und die meisten Texte von Karl Kraus wie auch ein Großteil expressionistischer Aphoristik schon erschienen sind. Ein fester Bestandteil der ab 1844 erscheinenden und sehr erfolgreichen Münchner kleinbürgerlich-humoristischen „Fliegenden Blätter“ sind „Gedankensplitter“ oder „Gedankenspäne“, die in einem durchweg witzig verstandenen Umfeld neben großformatigen Bildwitzen, lustigen Versen und Dialogen die Funktion von Seitenfüllern haben. Mit einem Hauch von Pointe gibt sich diese wöchentlich erscheinende, zum alsbaldigen Verbrauch gedachte massenhafte Produktion zufrieden. Nach der Reichsgründung und ihrer Verbreitung auch in Norddeutschland, in der glänzendsten Periode der Zeitschrift, werden in den Jahren 1881 bis 1901 daraus in vier Bänden „Gedankensplitter“ herausgegeben, ein Zeichen von deren außerordentlicher Beliebtheit. Sie dienen gemäß der Devise „Humor ist der Schwimmgürtel auf dem Strome des Lebens“ (Bd. II, 3) zumeist zur ebenso kurzzeitigen wie folgelosen Erheiterung. Außerdem stehen sie als Fertigteil-Aperçu in der Konversation wie in der merk- und zitierbaren, griffigen, milden Lebensweisheit des Stammbucheintrages zur Verfügung. Die Popularität dieser „Gedankensplitter“ hat eine Flut von ähnlicher Literatur zur Folge, die mit und nach Nietzsches Aphoristik und unabhängig von diesem Einfluss auf den literarischen Markt drängt, geistreich-witzige Trivialitäten allesamt, die mit der äußerlichen Verbindungslosigkeit auch jeden inneren, im Autor-Ich begründeten Zusammenhang vermissen lassen. Der Gymnasialdirektor Otto Kimmig (1858-1913), der sich als einer der berufsmäßigen Aphoristiker und Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter“ Peter Sirius nennt, baut sein Bändchen „Tausend und Ein Gedanken“ von 1899 ganz ähnlich wie die „Gedankensplitter“ in kleinen thematischen Gruppen mit zweigliedrigen, oft polar angeordneten Überschriften auf. In handlichen Gegensatzpaaren von „Mann und Weib“ über „Meinen und Scheinen“ bis „Geld und Gelten“ steht ihm dazu die ganze bürgerlich-moralische Welt seines Publikums zur Verfügung. Er gibt Lebensweisheiten im Format des Kalenderspruches: „Die größte Liebhaberei, die der Mensch hat, ist e r s e l b s t . “ (8) Die formal beherrschenden Mittel sind das Wortspiel („Gar mancher hat mit dem Leben a b g e s c h l o s s e n , ohne seinen S c h l ü s s e l gefunden zu haben.“ 5) und das Bild („Auch des Lebens Strom fließt schneller, wenn er abwärts geht.“ 6). Seine Aphoristik versteht sich als merkantil orientierte Pointenschleiferei; es geht weniger um Inhalte als um gefällige Formulierungen. Damit der Leser die kunstfertigen Pointen nicht überliest, sind sie regelmäßig durch Sperrdruck hervorgehoben: Auch des Gedankens Gold will g e m ü n z t sein, soll es unter die Leute kommen. (40) <?page no="124"?> 122 Das 19. Jahrhundert Auch die Splitter des Gedankens glänzen, gleich den Diamanten, oft nur durch die Art der F a s s u n g . (43) Neben Sirius ist aus dem engeren Umkreis der „Fliegenden Blätter“ Albert Roderich (d. i. Albert Rosental, 1846-1938) mit seinen Vers-Aphorismen „In Gedanken“ (1907) und seinem gottesfürchtigen Humorbegriff zu nennen: „Fröhlich sein ist das beste Dankgebet.“ (72) Auch bei dem Wiener Johann Gaunersdorfer (Ps. Bias, 1853-1914) ist in „Meine Gedankenspähne und Anderes, veröffentlicht in verschiedenen Blättern“ (1895) (eben unter anderem den „Fliegenden Blättern“), vom Witz der Erkenntnis der fromme Wunsch übrig geblieben: „Möge Mancher in diesen anspruchslosen Blättern hie und da ein Körnchen Wahrheit entdecken, oder sich einige Augenblicke frohen Lächelns bereiten.“ (Vorwort) Ähnlich beutet der Vortragsreisende und Berufshumorist Julius Stettenheim (1831-1916) in seinem Witzblatt „Die Wespen“ wie in seiner Sammlung „Nase- und andere Weisheiten“ von 1904 dem Titel getreu mechanisch die Möglichkeiten aus, die sich aus dem Wortspiel schlagen lassen: „Die Geige ist ein Streichholz und kann gleichfalls viel Unheil anrichten.“ (40) Von ihm aus führen Linien zu Saphir und Glassbrenner zurück. Eine Sonderstellung nehmen dagegen Wilhelm Buschs (1832-1908) 1895-99 entstandene „Spricker“ ein. Sie lassen sich weder terminologisch noch inhaltlich der Mode des geistreichelnden Splitters zuordnen, auch wenn Busch ab 1858 als Zeichner und Autor Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter“ ist. Die „Spricker“, kurze, verdorrte Zweige, haben für ihn keinen eigenständigen literarischen Wert; sie sind eine höchst heterogene kleine Sammlung von Versen, Wellerismen, Sprichwörtern oder ihnen nahen Formulierungen, als mögliche Vorstufen zu Gedichten auf Studienblättern notiert. Exemplarisch für den Typus des witzigen Gedankensplitters ist Moritz Goldschmidt (geb. 1865) mit „Splitter und Balken! “ von 1910 und den „Stichworten“ (1913). Er erzeugt Scherze von der Art: „‚Papa! ’ lautet die erste Lüge sehr vieler Kinder“ (Stichworte, 14) und Definitionen („Moral, so heißt die Brandmauer zwischen den Geschlechtern, die noch nie einen Brand verhindert hat.“; Stichworte, 30), die vor allem die Klischees von Liebe und Ehe immer wieder noch einmal festigen: „Die Eheschließung ist die Scheidung der Verlobung.“ (Stichworte, 91) Sein Markenzeichen - das kennt man von Gutzkow her - ist der stauende Gedankenstrich, der auf die Pointe vorbereitet, als die sich noch die kleinste überraschende Abweichung versteht: Er ist recht eigentlich das Vorsignal: „Die Emanzipation der Frauen ist so alt wie - Eva! “ (Splitter, 75) Wenn das populäre Selbstverständnis lautet: „Sprichwörter sind Aphorismen der Volksseele.“ (Stichworte, 94), dann darf die Volksseele um 1900 auch gern etwas zweideutig sein: „Manches Mädchen schon suchte einen Mann und fand ein Kind.“ (Stichworte, 36) Das Paradox, das nicht selten um seines Effektes willen bemüht wird, ist einschichtig und sofort durchschaubar: „Das versteht die Frau viel besser als der Mann: h o c h zu sinken.“ (Stichworte, 41) Es entspringt einem Merkmal, das hier zum aphoristischen <?page no="125"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 123 Schnittmuster dient: dem Gemeinsamen in Oppositionen, der Nahtstelle von Extremen: „Die Menschen sind am wenigsten verschwiegen gerade, wenn sie nichts zu sagen haben.“ (Splitter, 76) Eine besonders erfolgreiche Sammlung stellen die beiden Bändchen des Wiener Musikers und Feuilletonisten Otto Weiß (1849-1915) „So seid Ihr! “ (1906, 1909) dar. Die zeitgenössische Rezeption, die in der Ablehnung bis zur geistig-moralischen Abfertigung geht, gipfelt in Kraus, der aber den Impuls, der ihm hier die Feder führt, den Neid des literarischen Konkurrenten, nur schlecht verbergen kann, wenn er „die journalistische Versauung des Aphorismus“ bei Weiß für „unerträglich“ hält. Weiß betont die zeitlose Geltung der Moralisten und versucht sie aufs Ganze gesehen in einer Wendung zur Oberflächlichkeit und zu zynischem Realismus zu übertreffen: „Sei wahrheitsliebend: das heißt, lüge nicht mehr, als zur Täuschung anderer nötig ist.“ (I, 155) Er reklamiert den Anspruch wirklicher neuer Menschenkenntnis für sich und schreibt die der Moralistik inhärente Tradition der Lebensregeln höchst ironisch und mit einer zynischen Pointe am Schluss fort: „Befolgst du von diesen Regeln nur wenige oder gar keine, so wisse: die Welt zählt dich dann nicht nur zu den Besten, sondern auch zu den Dümmsten.“ (1, 156) Er geht da in manchem Walter Serner voraus. Gleichzeitig kritisiert er die ältere Lebensphilosophie, die lebensfremd geworden sei und nur noch literarisch perpetuiert werde, und antwortet mit einem Maximum an Desillusion auf eine Tradition, die die Autoren der gleichzeitigen Aphoristik des Herzens ungebrochengutherzig weiterführen: „Ein Parapluie-Fabrikant: Wenn ein Schicksalsgewitter auf uns Menschen niedergeht, dann spannen wir den Regenschirm der L e b e n s we i s h e it auf - und merken, wie sehr er durchlöchert ist.“ (II, 136) Mit dem ‚durchlöcherten Schirm der Lebensweisheit’ wendet sich Weiß gegen die Diskrepanz von Reden und Schreiben einerseits, Tun andererseits: den falschen Idealismus der Stammbuch-Aphoristik. Unter dieser Perspektive betrachtet sind seine materialistisch fundierten, durch einen Vulgär-Darwinismus hindurchgegangenen Erkenntnisse vom „wahren“ Leben wohltuend und vielleicht auch zu seiner Zeit nicht ohne einen gewissen reinigenden Wert: „Irgendein Schriftsteller sprach einmal von der ‚Poesie der Armut’. Der Mann muß vie l Geld gehabt haben! “ (II, 38) Ihr Autor bleibt aber nach seiner eigenen Definition mehr Spaßmacher als Aufklärer: „Witz, dem der Ernst fehlt, ist Spaß.“ (II, 104) Am gedanklichen Gehalt gemessen sind seine Aphorismen eben oft nur „Banalitätssplitter“ (wie die zeitgenössische Kritik zu Recht bemerkt): „Es hat noch keiner die Reise durchs Leben fahrplanmäßig gemacht! “ (I, 21) Und auch ihre Form wird nicht mehr zum Problem, sie ist fertig und wird in scheinvirtuoser Weise erfüllt. Aufklären ist als Aufdecken verstanden, und dies ist nur mehr die mechanische Umkehrung des Erwarteten. Das Mittel der Wahl ist eine ebenso mechanische und oft zum Selbstzweck gewordene Paradoxie, die darin besteht, dass das ethisch Rechte als eine einzigartige, merkwürdige Absonderlichkeit hingestellt wird. Die Gedankensplitter- Aphoristik in der ausgeprägten Form wie bei Goldschmidt und Weiß läuft in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aus. <?page no="126"?> 124 Das 19. Jahrhundert Der leeren Wortakrobatik der einen, die sich damit als geistvolle Artisten vorführen, gesellt sich das fühlende Herz der anderen zu, die als Wortführer einer Gemüts-Gemeinde auftreten. Jeden ernsthaften normativen Anspruch haben beide Formen zugunsten der witzigen Unterhaltung dort, einer ängstlich oppositionellen Rückzugsposition hier aufgegeben. Der Aphorismus geht in die Breite und verliert sich gleichzeitig innerhalb einer epigonalen, bürgerlich verflachten, in die Randbezirke des Lebens abgedrängten Poesie. Er ist nicht Medium einer den Wissenschaften gegenüber aufregend eigenständigen Erkenntnis, sondern Sedativum in einem Reliktgebiet, in dem sich der Bürger über das Widerwärtige zu beruhigen wünscht, der Innenwelt. Unter diesen Autoren ragt in der älteren Generation der um 1830 Geborenen der Diplomat, Lyriker und Aphoristiker Georg von Oertzen (1829-1910) quantitativ heraus. In seinen Anfängen, die noch vor Ebner-Eschenbachs Einschnitt liegen („Aus Kämpfen des Lebens“, 1868), heißt es: „Kindlichkeit des Herzens ist allein der wahre, der krafterneuernde Jungbrunnen.“; 76). Ein weiteres Zitat reicht hin, sie zu charakterisieren; er gibt die Maxime aus: „Beglückend glücklich zu sein, hier ist das Mittel: Waltet der Liebe, gebt der Wahrheit Zeugniß und heilig haltet die Reinheit in Streben, Reden und Thun, im Wandel und in Allem, was in Euch jemals lebendig sein wird.“ (113) Noch in dem späten Band „Aus den Papieren eines Grüblers“ (1906) grübelt er programmatisch: „Unser Herz misst und versteht ein anderes nicht über das Mass seines eigenen Fühlens hinaus.“ (178) Dazwischen liegen die „Selbstgespräche“ (1873), die mit ihrem „Herzenslob“, mit „seelischer Vertiefung“ (85) und „edlem Schönheitsbedürfnis“ (89) eine tätigkeitsorientiert-diesseitige Moral verbinden: „Mehr und Besseres als ein tüchtiger Mensch kann kein Sterblicher hienieden werden. Aber dies ist auch etwas Großes und etwas Seltenes.“ (10) Es folgen „Unter uns gesagt“ (1899) und „Greift nur hinein...“ (1901). Die Form seiner Aphorismen ändert sich von der Kurzreflexion zum Einzelsatz, der, stilistisch anspruchslos, oft holprig und mehr als unpointiert ist, mag sein, unter dem Einfluss einer Modeerscheinung, die ihn gewissermaßen einholt. „Witz ist die Elektricität des Gedankens“ (1873, 89), weiß er, aber er zündet gleichwohl nur Kerzen an. Und seine Kerzen beleuchten die Bausteine zu einem Ideologie-Gebäude, in dem sich das konservative Bildungsbürgertum eingerichtet hat. Da verbinden sich edler Illusionismus, epigonale Klassik-Rezeption und soziale Ahnungslosigkeit mit idealistischer Sentimentalität bis hin zu Kitsch und zunehmend kämpferischerem Konservativismus. Lebenserfahrung und Menschenkenntnis als Grundlage und Rechtfertigung seines Schaffens werden in zunehmendem Maße rhetorisch umspielt, im Klassensinne eingeschränkt, durch die Verbindung mit dem Leid aufgewertet und, was besonders wichtig ist, irrational begründet: „Menschenkenntnis ist kein Wissen, sondern ein Fühlen, Schauen und Erraten.“ (1901, 77) Von Oertzen denkt und schreibt „in der Sprache des Herzens“ (1873, 30); wo er, wie vor allem in den „Selbstgesprächen“, schier endlos den Gegensatz von Herz und Kopf variiert, da verfasst er nicht nur das aphoristi- <?page no="127"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 125 sche Pendant zur Goldschnittlyrik, da begründet er auch eine Gemeinde der Sentimentalität und Innerlichkeit, die auf Kotzebue und Lafontaine zurückverweist: „Ein echtes Herz ist immer im edelsten Sinne klug.“ (1873, 35) Hier gilt es, „aufrichtig“ „Bekenntnis abzulegen“ vor denen, die „verwandter Natur“ sind (1906, 81): Solche Intentionen zeigen wie die Herz-Metaphorik und - Ideologie, dass die Wurzeln von Oertzens Aphoristik der Innerlichkeit und Lebenshilfe - rhetorisch verfestigt - bis in den Pietismus des 18. Jahrhunderts zurückreichen. Von Oertzen vergleichbar ist der preußische Generalstabsoffizier und Erzähler Dagobert von Gerhardt(-Amyntor) (1831-1910) mit den „aphoristischen Bemerkungen“ „Aus der Mappe eines Idealisten“ (1885), die „unmittelbar aus der Seele geflossen und nicht erst durch das Filtrum einer auf das Lesepublikum hinzielenden Reflexion gegangen“ sind (3); sein aphoristisches „Vermächtnis“ „Das Glossarium des Menschen“ erscheint 1906. Wenige Zitate reichen hin, um die bis auf Knigge zurückgehenden trivialen Lebensregeln („Willst du bis ins höchste Alter liebenswürdig bleiben, so bewahre dir die Kindlichkeit des Herzens.“; 84) und ihre leitende Ideologie aus Arbeitsethos und Askese („Überwinde dich selbst und du wirst eine Welt überwinden.“; 130), Kunstgläubigkeit („Es gibt aber auch eine Nachfolge Gottes: die Kunst.“; 11) und Herzensreichtum („Das menschliche Herz, je mehr es spendend sich betätigt, wird immer stärker und reicher.“; 8) zu kennzeichnen. Von Oertzen und von Gerhardt gesellen sich, entschiedener in der durch den Haupttitel angezeigten biblisch-religiösen Tradition, „Brot und Brocken“, die 1876 herausgegebenen „Predigten und Aphorismen“ Johannes Linkes (1847-1914), und Otto von Leixner (1847-1907) mit seinen „Sprüchen aus dem Leben für das Leben“ „Aus meinem Zettelkasten“ (1896) hinzu. Unter dem Gütesiegel „erlebte Wahrheit“ zielt das Vorwort mit dem vertraulichen Du und der Ansprache „lieber Leser“ auf eine wirkliche Gemeinde ab, der der Autor in seiner Rolle als „Herzensforscher“ (6) bei aller Bescheidenheit und betonten Gleichheit „in trüben Stunden Trost oder Anregung“ bieten möchte. Die Konfession dieser Gemeinde ist von einer ängstlich-konservativen Opposition bestimmt: gegen den „Zeitgeist“, der sich aus sozialdemokratischem, naturalistischem, emanzipatorischem, materialistischem und namentlich Nietzsche’schem Ideengut speist, für Deutschtum und kriegerische Erziehung, für Heiterkeit, Glauben und Idealismus: „Dort, wo deine Pflichten sind, dort soll auch deine Heimat sein.“ (132). Die Königin Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva; 1843-1916) bleibt auch als Aphoristikerin („Vom Amboß“, 1890) eine Poetin des Schönen-Wahren-Guten („Es ist Glücks genug, etwas Gutes tun zu dürfen.“), die sich von den anderen Facetten der Jahrhundertwende-Aphoristik, dem Gedankensplitterer Weiß wie dem Moralisten Wertheimer, so abhebt: „Mir sind die altmodischen Schutzengel lieber, als die modernen Moralisten.“ (13) Nach der Jahrhundertwende führt Paul Kunad (1864-1912) diese Goldschnitt-Aphoristik deutscher Innerlichkeit auf der Basis von Irrationalismus („Der Glaube belebt, das Wissen tötet.“; 1901, 7) und antimoderner Polarität <?page no="128"?> 126 Das 19. Jahrhundert von Geist und Herz mit seinen „Aphorismen“ (1901) und den „Gedichten und Aphorismen“ von 1907 exemplarisch weiter. Es geht um einen „Gemütsfrieden“, verstanden als „Heimkehr des Geistes, des verlorenen Sohnes, zum liebenden Herzen“ (1907, 34), um ein Plädoyer für die Werte des Gemüts und für „Herzensbildung“: „Die Träne ist das Siegel der Herzensbildung. Der Geist hat eiserne Augen.“ (1907, 42) Dies verbindet sich mit der Ablehnung der ‚geistvollen’, typisch aphoristischen Merkmale Paradoxon und Ironie. Der Geist ist dem Gemüt gegenübergestellt, der Humor als die Haltung und Erhaltung einer heiteren Ruhe des durch Lebensleid Geprüften ist dem Witz kontrastiert, der noch im Gedankensplitter nicht ganz ohne zerstörerisches Potential gedacht ist. Diese Aphoristik ist bewahrend und sedativ, sie besteht auf einer Poesie als Trösterin und „Herzgespiel“ (1907, 55) und verteidigt mit vermeintlich ewigen Werten das Sollen gegen das Sein. Was an ästhetischer Reflexion mangelt, wird um so reichlicher an ethischen Forderungen erhoben, der Ton der Maxime ist vorherrschend: „Drum übe im L e b e n mitleidige Liebe - mehr zarte Neigung, als stürmisch fordernden Sinnendrang! “ (1907, 118). Tendenzen, die in der Aphoristik der sechziger bis achtziger Jahre angelegt sind, verstärken sich hier einseitig. „Herzensgüte“ (1907, 10) „Herzenslauterkeit“ (1907, 144) und „Seelenadel“ (1907, 7) führen zur inneren Harmonie: „Wir wissen nicht, was wir wollen: unser Herz weiß es.“ (1907, 22) Die irrationale Leerstelle, für die dieses „Herz“ steht, wird religiös gefüllt: „Wozu die krausesten Linien des Geistes in einander wirren, wenn eine einzige genügt: die vom Herzen zu Gott führt? “ (1907, 28) Solche „Gedanken der Stille“ (Hans Hermann von Blomberg, 1905) sind Zeugnis eines „tiefen“ Idealismus, dem es um das sehr deutsche Wesen geht, um innere Freiheit, inneres Glück, innerlichen Besitz; „tief“ und „innen“ eben sind seine Signalwörter. Ihrem Bildungskonzept, das auf „Herzens- und Geistesbildung“ ausgerichtet ist, gilt Güte mehr als Weisheit. Der Herzenstakt bildet mit Liebe, Schönheit, Kunst und Glauben eine „innere“ Einheit auf solider ideologischer Basis; Lebenshilfe auf solchem Niveau gesellt sich dazu: „Das Leben zeigt freilich ein ernsthaftes Gesicht, aber lächle ihm zu, vielleicht lacht es wieder! -“ (139) Diese Aphoristik erscheint als Trostliteratur einer spezifisch deutschen Innerlichkeit, für die sich mit der Verachtung der Menge die Einsamkeit verbindet: „Daß wir ein Inneres besitzen, von dem wir die Welt ausschließen können, in das auch kein König einbrechen kann, das ist doch ein herrliches Gefühl! “ So absolut unpolitisch diese Literatur sich gibt, so wenig ist sie es recht verstanden, nicht in ihrer Rückzugsorientierung, nicht in der Stoßrichtung gegen alles Moderne, gegen Parlamentarismus, Musik, Schriftstellerei, gegen den „Zeitgeist“: „Wenn du den rechten Geist hast, wird dich dein Gegner, der Zeitgeist, schon einmal aufsuchen.“ Sie gehört mit all ihren Aspekten in den Zusammenhang einer Literatur der Flucht in den Irrationalismus und hilflosen Idealismus als Reaktion gegen Technisierung und Materialismus und ordnet sich so dem neuromantischen Affront gegen diese Zeittendenzen ein: „Die moderne Zeit liefert uns tausend Bequemlichkeiten, aber keinen einzigen warmen Platz für die Seele.“ <?page no="129"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 127 Die Fortführung klassischer Moralistik zeigt ein demgegenüber vielgestaltigeres Bild. An der Jahrhundertwende wird sie vor allem durch Paul Nikolaus Cossmann (1869-1942) mit seinen „Aphorismen“ (1898; 2. Auflage 1902) und Emanuel Wertheimer (1846-1916), gleichfalls mit „Aphorismen“ (1896; 2. Auflage als „Buch der Weisheit“ 1920), vertreten. Beide sind von den Zeitgenossen überdurchschnittlich beachtet worden, beide finden noch in moderne Aphorismus-Anthologien Aufnahme. Besonders Wertheimers auch internationale Wirkung ist bemerkenswert. Die Aphorismen werden ins Französische und Spanische übersetzt, Kraus hat bei seinem besonders aufmerksamen Blick für die Konkurrenten kein hämisches Wort für ihn, und noch Ernst Jünger zitiert ihn in „Autor und Autorschaft“ anerkennend und zustimmend. Cossmann stellt sich mit einem Chamfort-Motto ausdrücklich in die Reihe der Moralisten, ohne dass seine meist in einen einzigen Satz gefassten Aphorismen diesem Anspruch ganz gerecht werden könnten. Sie richten sich gegen einen geistlosen Positivismus und Materialismus, eben gegen die „Modernen“, und lassen dabei die klassischen Ingredienzen des Genres erkennen: die Skepsis, das Selbstdenken, den produktiven Widerspruch. Oft sind es Maximen oder Definitionen, die Bekanntes bebildern („Im Buche des Lebens hat fast jedes Blatt einen Trauerrand.“ 22) und die ein satirischer Impetus und ein verdeckt-ironisches Sprechen auszeichnen. Sie erinnern mit ihrer gefällig konsumierbaren Gesellschafts- und Wissenschaftssatire und in ihrem lockeren Zynismus zum einen in der burschikosen Art der Definition („Kunst ist der Sport der Weiber.“ 85) an die Gedankensplitter Otto Weiß’: „Die Wahrheit sagt man dann, wann man zu faul ist zum Lügen.“ (118) Zum andern muten sie aber auch manchmal schon wie Vorläufer Kraus’scher Aphorismen an: „Die sogenannten Jugendsünden werden nicht deshalb im Alter unterlassen, weil man sie nicht mehr begehen will, sondern weil man sie nicht mehr begehen kann.“ (130) Wenn Cossmann für sich das Paradoxon formuliert: „Geistreich sein = ernsten Witz haben.“ (14) und am Ende beteuert: „Ernst sein ist Alles.“ (143), so untermauert er damit den moralistischen Anspruch seiner „Aphorismen“. Wertheimers am Gehalt orientierte, aufs äußerste verknappte Aphoristik steht, so erschreckend desillusionierend und decouvrierend wie sie ist, am ehesten in der Nachfolge der klassischen Moralistik. Er führt sie aufs Ganze gesehen oft genug in eher vertrauter Form weiter, ohne damit sogleich denkerisch trivial zu wirken, dann aber auch auf eine spezifisch eigene Weise. Dass er damit in der Aphoristik zwischen Ebner-Eschenbach und Kraus und ihnen gegenüber literaturwissenschaftlich so gar keine Beachtung gefunden hat, ist gewiss einer Revision wert. Die klassische Moralistik bestimmt die Thematik, im Großen, den Stichworten Mensch, Leben und Welt, wie im Kleinen, eben typisch moralistischen Themenbereichen wie Jugend und Alter, Tugend und Laster, Liebe und Ehe, Eitelkeit und Eigenliebe oder Gesellschaft und Einsamkeit. Nachfolge schließt dabei Eigenständigkeit nicht aus. Zunächst stellt sein an Schopenhauer geschultes zutiefst pessimistisches Welt- und Men- <?page no="130"?> 128 Das 19. Jahrhundert schenbild sie her: „Erwarte alles vom Mitleid, nur keine Hilfe.“ (28) Hinzu kommt als ein zumindest in dieser Akzentuierung neues Thema das entschiedene soziale Engagement, nicht sentimental, sondern (gedanklich) scharf: „Es gibt Gesetze, die auf die Anklagebank gehören.“ (53) Entscheidend aber ist, wie die offensichtliche neue, eigene Wendung zustande kommt. Nicht nur rhetorisch, durch die erste Person Plural, bezieht sich der Autor konsequent in seine Befunde ein. Da ist zum andern die sachliche Pointe, die gewissermaßen leise daherkommt: „Man opfert sich mit Vorliebe einträglichen Pflichten.“ (37) Zuallererst aber ist es ein qualitativ neuartig verschärftes dialektisches Denken, das in den besten Fällen, von Mohr und Rée aus, diese innovative Wendung ermöglicht. Das Aussprechen im Verschweigen, das Emporschwingen „bis zu dieser Erniedrigung“ zeigen es deutlich: Man verschweigt selten, daß man ungern von seinen Wohltaten spricht. (18) Gewiß, man raubt den Tugenden die Moral, wenn man sie zu Nützlichkeitsbegriffen herabsetzt, aber wie wenige können sich selbst bis zu dieser Erniedrigung emporschwingen! (49) Es gestaltet Paradoxien von einer Art, die auch dem geübten Aphorismenleser noch eine Denkwendung mehr abverlangt: „Die Wissenschaft erweitert unsre Kenntnisse immer mehr von dem, was wir nie wisssen können. “ (154) Und es formuliert Ambivalenzen. Auch das ist in der Aphoristik zunächst einmal nicht ungewohnt, die Nachbarschaft der Extreme und das Ineinander der Gegensätze sind ihr ja seit je vertraut. Es wird aber doch hier in einzelnen Fällen so zugespitzt, wie es ansonsten durchweg erst im 20. Jahrhundert begegnet: „Unsre Erzieher warnen uns erst vor Lügen, dann vor Wahrheiten.“ (77) Es ist seiner Zeit damit im mehrfachen Sinne voraus: „Der Fortschritt sollte auch darin bestehen, Entbehrungen zu erfinden.“ (148) Umkehrungen sind damit verbunden, die denen bei Kraus nicht nachstehen: „Die Logik ist so fortgeschritten, daß sie alles widerlegen kann - sogar sich selbst.“ (28) Ein kreisendes, letztlich aporetisches Denken zieht den Leser unweigerlich in seine Verschlingung hinein: „Nur der schon begangene Fehler lehrt, wie leicht er zu vermeiden war.“ (50) Von moralistischem Gepräge in engerem Sinne sind daneben auch Paul Garins katholische Aphoristik („Dulcamara“, 1896; „Der unbekannte Freund“, 1907), Erwin Kalischers „Aphorismen“ (1907) und Salomon Baer-Oberdorfs „Wetterleuchten“ (1909). Für Kalischer (1883-1951) ist die Bewahrung einer aufgeklärten jüdischen Religion der zentrale Gesichtspunkt. Im unbeirrten Glauben an das Zusammenwirken von Religion und Kunst zur moralischen Entwicklung der Menschheit werden spezifische moralistische Themen in meist schlichter Aussage ohne Pointenbrillanz nachgedacht. Bei Baer- Oberdorf (1870-1940) triumphieren treuherzige Ideale und gute Gesinnung über sprachliche Gestaltungskraft und originelle Idee: „Von manchen geistreichen Wahrheiten ist das Gegenteil ebenso geistreich und wahr wie jene.“ (94) Seine Aphorismen stellen geradezu das Muster einer Moralistik der Le- <?page no="131"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 129 bensweisheit in einem Satz und mit engem, traditionell zugeschnittenem Themenspektrum dar, die auf einer mittleren Ebene bleibt und im Wesentlichen wiederholt. Vieles meint man zu kennen und kennt man auch, etwa von Ebner-Eschenbach. Antithese, Wortspiel, Paradoxon oder ähnlich äußerlicher Putz sind selten. Dagegen wollen Kursivakzente und pointeneinleitende Gedankenstriche häufig das Mitdenken fürsorglich stützen: „Mancher tut der Leute wegen alles, - um des Menschen willen nichts.“ (75) Thematisch ragen drei Komplexe heraus. Die Misogynie ist selbst in einem traditionell frauenfeindlichen Umfeld von seltener Schärfe. Die Kritik an einem für ihn fraglos vorhandenen deutschen Nationalcharakter zieht sich durch: „Der Deutsche meint noch immer, um sich Ruhe zu verschaffen, ist es das Beste - dreinzuhauen.“ (23) Die Bemerkungen zum Gegensatz von „Arm und Reich“ bleiben auf einer zeitlos-beschreibenden Ebene: „Wenn Arm und Reich intim mit einander verkehren, muß immer der Arme die Kosten bezahlen.“ (69) So verschiedenartig das aphoristische Werk Emil Götts (1864-1908), Walther Rathenaus (1867-1922) und Arno Nadels (1878-1943) sich auch darstellt, es lässt sich von der moralistischen Fortführung im Verein mit einer besonderen weltanschaulichen Bindung her begreifen. Gött hat von 1892 bis zu seinem Tode in engem geistigen Zusammenhang mit Nietzsche Aphorismen verfasst. Die nachweisbare Bekanntschaft mit anderen Autoren, La Bruyère und Klinger, Lichtenberg und Ebner- Eschenbach etwa, tritt dahinter zurück. Weder mit den Themen noch mit der Form seiner Aphorismen kann sich Gött aus der durchschnittlichen Aphorismenproduktion seiner Zeit herausheben. Was die Form angeht, so muss die „dauernde Befruchtung“ durch Nietzsche allerdings schon von außen her stark relativiert werden. Auf den Gedankensplitter hin konzentrieren sich die frühen publizierten aphoristischen Auszüge aus seinen Tagebüchern. Sie kreisen unter der Leitidee der Selbstwerdung manisch um zwei Themen, die überdies zusammenfallen: das fehlende Geld, die fehlende Frau. Der Melancholiker, der oft mit Selbstmordgedanken umgeht, versucht eine Synthese von Kopf- und Handarbeit zu leben, kann aber in beidem letztlich nicht überzeugen. Aus diesem Ursprung heraus müssen seine Aphorismen verstanden werden. Die diaristische Verwurzelung zeigt sich als „Selbstgespräch“ - unter diesem Titel wollte Gött seine Aphorismen sammeln - auch in der Grammatik: in der bevorzugten ersten und zweiten Person Singular: „Was du verlieren kannst, hat keinen Wert.“ (34) Es stehen für die kurzen, aber nur selten ausgesprochen pointierten Reflexionen aber nie Formehrgeiz oder ausgestellte sprachliche Erfindungskraft im Vordergrund, immer ist es ein ethischer Impuls aus eigenem Erleben heraus, der ihnen zugrunde liegt: „Scham ist der größte Schmerz.“ (25) Ihr Tenor ist der der Fremdheit und Einsamkeit, die zu besonderer Selbst- und Menschenbeobachtung befähigen; Unglück und Tod, Schmerz und Verlust sind ihr existenzieller, bis zur Paradoxie erlebter Grund. Was Götts Werk wirklich grundsätzlich heraushebt und in manchem Einzelnen wertvoller macht, ist der ständig durchscheinende Erlebnis-Grund: keine Produktion von Aphorismen, sondern Ergebnisse der täglichen geistigen <?page no="132"?> 130 Das 19. Jahrhundert Arbeit an der Selbstwerdung. Die Frage, die er sich dabei stellt: „Wir haben den Willen zum System - aber wessen Atem reicht dazu aus? “ (52), ist auf Leben wie Werk bezogen. Dieser Grund seiner aphoristischen Arbeit macht ihn gemeinsam mit der Tatsache, dass er mehrfach auf einer „Weltanschauung“ besteht, zu einer Figur des Übergangs. Walther Rathenau verfasst die vorwiegend zwischen 1903 und 1908 aufgezeichneten Aphorismen seiner Notizbücher wie auch die daraus erwachsenen „Ungeschriebenen Schriften“ (in den „Reflexionen“, 1908) als einer der führenden Industriellen des Deutschen Reiches, der neben seiner unternehmerischen Arbeit immer auch wissenschaftlich-literarisch tätig ist. Die „Ungeschriebenen Schriften“ unterscheiden sich von den Notizbüchern durch ihre Komposition. Die Aphorismen sind hier zu Reihen geordnet, die bei aller äußeren Verbindungslosigkeit über den inneren Zusammenhang nie im Zweifel lassen, sondern ihn im Kreisen um Zentralbegriffe wie Gesetzmäßigkeit oder Transzendenz deutlich machen und „Weltanschauung“ im engeren Sinne sein wollen. Von daher nähern sie sich dem Denken und Charakter des Menschen und handeln im Rahmen des Ausgangsgedankens „In höchster natürlicher Gesetzmäßigkeit leben, ist höchstes Leben“ (224) im zweiten Teil Themen der klassischen Moralistik ab. Die Notizbücher enthalten die Keime zu den später erschienenen großen geschichtsphilosophischen und kulturkritischen Werken im Umkreis der Lebensphilosophie, besonders der „Mechanik des Geistes“. Der Gattung gegenüber verhält sich Rathenau bewusst und ambivalent. Geistige Grundvoraussetzung ist einmal mehr die „ideelle Verarmung“ (Fechtboden, 48) der Zeit. Im Miteinander von Einzelsätzen und kurzen Erörterungen finden sich hier seine Grundgedanken niedergelegt, beginnend mit: „Der Inbegriff meiner Philosophie ist die Beseitigung des Zweckhaften.“ (38) Kernbegriffe wie Seele, Liebe, Religiosität werden kernhaft durchdacht, spontane Pointierungen („Wer lügt, stößt Gott einen Dolch ins Herz.“ 25) aufgezeichnet, auch in definierender Form: „Kunst ist unbewußte, wirksame Betrachtung des Göttlichen.“ (85) Dabei gelingen Rathenau Texte, die sich aphoristisch-apodiktisch und in aller Einfachheit festhaken, ohne von echter oder auch vermeintlicher Brillanz zu sein: „Das tiefe Wort ist nicht stark.“ (49) Das Aphorismenbuch des Malers, Musikers und Dichters Arno Nadel „Aus vorletzten und letzten Gründen“ (1909) ist in der zeitgenössischen Kritik immerhin mit den gleichzeitig erschienenen „Sprüchen und Widersprüchen“ von Kraus verglichen worden. Neben dem übermächtigen Nietzsche ist es Schopenhauer, der im Hintergrund steht; Goethe ist für Nadel der Fixstern. Nadels Anthropologie ist in eigenartigem Widerspruch zu seinem eigens erklärten Optimismus tief pessimistisch. Seine Einleitung gibt in Umrissen ein geistiges Gesamtkonzept vorweg; in Erläuterung des Titels heißt es: „P h il o s o p h i e ( D e f i n i t i o n ) . Die Philosophie ist die Darstellung der Beziehungen zwischen Kosmos und Chaos: zwischen vorletzten Gründen und letzten Gründen.“ (213) In dieses Konzept fügen sich die 729 Aphorismen ein, die von einem Satz bis zu einer Reflexion von zwei oder drei Seiten reichen und <?page no="133"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 131 solcherart prototypisch für so etwas wie eine Weltanschauungsaphoristik sind. Sie entwickeln sich vom Nachvollziehbaren, auch Trivialen immer stärker zur Spekulation und münden schließlich und folgerichtig in ein philosophisches Gedicht in freien Rhythmen; auch ihre Sprache ändert sich auf diesem Wege. Zunächst bleiben sie im Umkreis von Kunst und Literatur, Religion und Moral sowie der Psychologie des Menschen auch thematisch überraschend konventionell. Angestrengte Wortgebilde stehen in sonderbarem Kontrast zum ausgesprochen Platten: „D i e M e n s c h e n . Man kann ohne alle Umschweife sagen: Die Menschen machen alles verkehrt.“ (132) „Zur Erkenntnis“ steuert Nadel im Zusammenhang von Reflexionen zu Sprache und Mystik vertrautes aphoristisch Selbstbezügliches bei: „S e n t e n z e n . Sentenzen sind Aufgaben und keine Lösungen“ (156), erweist hier freilich auch sein gebrochenes Verhältnis zur Gattung: „S y s t e m a t i k e r . Nur der Systematiker weiß, - die anderen raten“ (167); dieser Selbstwiderspruch scheint im Lichte des ganzen Bandes von besonderer Qualität und Aussagekraft. Dann aber geht er fortschreitend mehr in eine aphoristische Privatphilosophie oder -kosmologie hinein, zu einer dichotomischen Spekulation um Chaos und Kosmos und deren Anwendung auf verschiedenste Bereiche, in einer zunehmend prophetischen Sprache mit beschwörenden Wiederholungen, einem verwirrenden Begriffsspiel um Geist und Sein. Auch die Aphorismen Heinrich Gerlands (1874-1944), des Mitbegründers der - linksliberalen - Deutschen Demokratischen Partei („Vom Sinn und Gegensinn des Lebens“, 1914) leben aus vielfältigen Goethe-Bezügen. Vom schmucklosen, an den „Maximen“ orientierten, jeder Überraschung, jeder Bildlichkeit abholden Aussagesatz abgesehen, finden sie in der klassischen Kunstreflexion, in Tatorientiertheit und Produktivität ihre inhaltlichen Schwerpunkte. Auf diese Weise sind sie abgeklärt, ‚weise’, auf weltanschaulich festem Boden, erlebnisfremd und unoriginell: „Wer zu viel sehen will, sieht meist gar nichts.“ (27) Ihre Gedanken bleiben zu oft in den Bahnen der überlieferten Gedanken des Genres. Im Übrigen bleibt Gerland Jurist, der mit seinem systematisch geformten Denken dem Genre nur schwer gerecht werden kann. Am ehesten als Epigonen klassischer Moralistik sind die beiden letzten dieser späten Nachfolge-Autoren zu verstehen: Richard Münzer (1864-1930) in Österreich und Ernst Hohenemser (1870-nach 1938) in Deutschland. Mit seinem Band „Tausend und Ein Aphorismus“ (1914) ist der Jurist, Bühnenschriftsteller und Erzähler Münzer der typische Epigone, vielleicht gar aus zweiter Hand, der in klassischer Kürze von einem Satz oder wenig mehr und unter weitgehendem Verzicht auf wortspielerische Effekthascherei, Paradoxa oder ähnliche Mittel die gängigen moralistischen Themen, von menschlichen Eigenschaften wie Eitelkeit, Eifersucht oder Geduld bis zu Liebe, Eigenliebe (amour propre), Freundschaft und Religion, repetiert, nicht selten in Form mehr oder weniger gelungener Definition. Schon der Titel erinnert an Auerbach und Sirius; formal lehnt er sich mit der schlichten Gliederung in Hunderter-Reihen an Ebner-Eschenbach an. Die Texte sind geprägt <?page no="134"?> 132 Das 19. Jahrhundert von einem aphoristischen Relativismus. Variation des Bekannten ist ganz im Sinne der Theorie des Epigonalen ihr Element; Münzer wiederholt die Tradition und sich selbst, Grundvorstellungen der französischen Moralisten - er spricht nicht selten von ihnen und kennt sie genau - begegnet man bei ihm als neuer Erkenntnis: „Auch sich selbst kann man bezüglich der M o t i v e seiner Handlungen belügen.“ (166) Das vielfach Gedachte und Formulierte, zu Verstand und Gefühl, Erwartung und Enttäuschung und anderen ‚ewigmenschlichen’ Themen, wird noch einmal - und entscheidend: nicht besser - formuliert. Seine Aphoristik ist durchweg trocken, so wenig falsch wie belangvoll oder neu; sie bringt ihn nicht in Esprit-Verdacht: Wer mit der menschlichen Unbeständigkeit rechnet, rechnet richtig. (94) Freundschaft ist ohne Wechselseitigkeit nicht denkbar. (96) Der Band „Aphorismen“, den der freie Schriftsteller und Übersetzer Ernst Hohenemser vor Kriegsende 1918 veröffentlicht, ist mit den Symptomen typisch epigonaler Aufschwellung: 1630 Aphorismen auf 327 Seiten Münzer vergleichbar. Nicht nur sind hier alle möglichen Themen säuberlich abgearbeitet, sondern auch innerhalb der Kapitel kommt es zu einer gewissermaßen gewissenhaften aphoristischen Auflistung, einer Serienfertigung, die von einer Eigenschaft zur nächsten übergeht. Statt eines frappierenden Bildes ermüdet Bilderfülle; Redundanz ist beinahe Prinzip. Im besseren Fall ist das Bekannte wenigstens originell formuliert. Die Form ist engstmöglich an das klassisch-französische Modell angelehnt: ein Satz, selten mehr. Schon die Menge der selbstbezüglichen Aphorismen im ersten Kapitel „Pro domo“ ist auffällig und spricht für eine epigonal verspätete Summe, die dann gegeben wird, wenn alles klar - scheint. Hier gibt jemand, der sehr viel von der Gattung weiß, ein vollständiges Kompendium, um am Ende nur die bange Ahnung zu formulieren: „Sollte es sich finden, daß dies Büchlein keinen einzigen originellen Gedanken enthält [...]“. (20) „Die menschliche Seele ist der interessanteste Gegenstand auf Erden. Wer sie kennt, kennt die Welt. Wer kennt die Welt? “ (22): Unter dieser nicht eben neuen Voraussetzung werden Grundvorstellungen in der Art La Rochefoucaulds wiedergeschaffen. Zu „Kunst und Cultur“ sind alle Künste trefflich versammelt, alle einschlägigen Aspekte berücksichtigt. Es liegt dem allen ein Kunstverständnis zugrunde, wie es mit einer seiner zahlreichen Definitionen am besten zitiert wird: „Der Sehnsuchtsruf aus der Seelennot der Einsamkeit, das ist die Kunst.“ (76). Moralität auf der Seite des Künstlers, Genuss auf der Seite des Rezipienten bestimmen Kunst und Kultur. Es herrschen Maß, Ordnung und Reinlichkeit: „Das Maß der Cultur ist - das Maß.“ (116) Auch zu Philosophie und Kritik scheut er sich nicht, Originalitäten von der Art zu bieten: „Der Weise lernt aus einer dummen Frage mehr, als der Tor aus einer klugen Antwort.“ (205) In politischen Fragen denkt er ausschließlich von Macht und Erfolg aus und bleibt auch hier in den Kategorien des 19. Jahrhunderts. Dabei ist es nicht so, dass die wahrhaft bewegte deutsche Gegenwart nicht durchschlüge; Demokratie und <?page no="135"?> Der Aphorismus um die Jahrhundertwende 133 Rechtsstaat sind dem Monarchisten absolut fremd. Nachdem Hohenemser das gesamte moralistische Repertoire noch einmal variiert hat, zieht er sich mit dem Schlusswort wie Münchhausen selbst aus dem Sumpf: „Wir sind doch immer um ein gutes Schlußwort verlegen.“ (327) Er bringt vieles, aber nicht viel. Alles stimmt, und alles ist ohne eigenständigen Geist. Dabei kann man diesen klassischen Epigonen nicht auf einen bestimmten Autor zurückführen. Nietzsche wird gegenüber Wagner und Schopenhauer abgewertet, Lichtenberg bemerkenswert herausgehoben. Er weiß alles, kann aber nichts; so würde man aus seiner Schule heraus überpointiert und damit etwas ungerecht formulieren. Es mangelt ihm an eigenem Gehalt mehr denn an der Möglichkeit zur Gestaltung, es mangelt bei aller Konzision im Einzelnen an der Reduktion im Ganzen. Auf diese Weise gibt er - wiederholend, wiederholend - formal wie inhaltlich so etwas wie eine Summe der moralistischen Tradition. <?page no="136"?> C. Das 20. Jahrhundert Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehen wir in Christian Morgenstern, Peter Hille und Karl Kraus Erkenntnis, Bild und Spiel als die Leitlinien der Gattungsentwicklung prominent besetzt. Der Erkenntnis-Aspekt in Verbindung mit der Priorisierung des Didaktischen prägt sich im Gefolge Goethes und Feuchterslebens neben den Aphoristikern der moralistischen Tradition, Rathenau, Gerland oder Nadel, im Erkenntnis-Rigorismus Morgensterns aus, auch bei Peter Altenberg; aus dieser Linie heraus führt der Weg zu Hugo von Hofmannsthal. Mit Nietzsche verbindet sich die Aufwertung des Artistischen. Das bedeutet die bewusste Ausformung ästhetischer Erkenntnis innerhalb der Gattung. Für Peter Altenberg ist der Aphorismus unscharf bedeutend Ausdrucksmittel der Moderne innerhalb einer Vielzahl impressionistischer Kleinformen. Im Vergleich seiner medizinischen Einzelerkenntnisse zu Feuchtersleben zeigt sich der zurückgelegte Weg totaler Emanzipation der literarischen gegenüber der wissenschaftlichen Erkenntnis samt der formalen Konsequenzen am besten, wie auch die Gefahr, die sich daraus ergibt, wenn die dem Aphorismus eigene Spannung in seinem Zwischen-Raum einer ‚lebendigliterarischen’ Ausrichtung wegen aufgegeben wird. In der einseitigen und vehementen Literarisierung des Aphorismus kommen mit Hille auch Bild und Erkenntnis stärker in den Blick, einstweilen in einer oft fragwürdigen Ausformung. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung ist diese Linie gleichwohl unbedingt hervorhebenswert. Mit dem Konzept ästhetischer Erkenntnis steht Kraus Nietzsche bei allen Unterschieden in der formalen Konsequenz und aller Unvergleichbarkeit (erst recht der subjektiv vermeintlichen) prinzipiell nahe. Während sich im Gedankensplitter der Jahrhundertwende, etwa in Weiß’ Spiel-Witz ohne Erkenntnis, eine Entwicklung ankündigt, die Ethik und Erkenntnis einer-, Ästhetik und Form-Spiel andererseits voneinander trennt, macht gerade die Verbindung ästhetischer Erkenntnis mit ethischem Anspruch die Bedeutung von Kraus aus; er beharrt auf der Form als Erkenntnis. Mit diesem Sprach-Schauspiel im weitesten Sinne bezeichnet er den nicht mehr überbotenen Höhepunkt einer Aphoristik, die Erkenntnis aus Spiel gewinnt. Er bestimmt damit die weitere Geschichte der Gattung zum großen Teil und führt sie zugleich in die Sterilität. Seine überaus starke Ausstrahlung beruht auf einer partiellen Rezeption: Ethik und Erkenntnis werden in diesem Strang der Aphoristik des 20. Jahrhunderts zugunsten eines mehr und mehr verflachenden Wort-Spiels vernachlässigt. <?page no="137"?> Im Zeitalter des Impressionismus 135 I. Im Zeitalter des Impressionismus Die Vorstellung einer besonderen Disposition von Impressionismus und Dekadenzliteratur für den Aphorismus führt schon bei den Zeitgenossen um 1910 zu der These, „diese souveränsten und intensivsten Kunstformen“ seien in der Gegenwart nicht zufällig zu reicher Entfaltung gelangt. Und diese Beobachtungen sind zu einem Topos der Impressionismus-Forschung geworden, die zwar von der Tendenz zu Ausschnitten, Kleinbildern und Skizzen spricht und von Stilprinzipien wie Intensivierung und Flüchtigkeit her bemerkt, dass alle kurzen und konzentrierten Dichtungstypen bevorzugt werden, den Aphorismus im engeren Sinne der Gattung aber meist übersieht. Peter Hille (1854-1904) ist für das frühe deutsche 20. Jahrhundert als Verfasser von Aphorismen neben Christian Morgenstern am bekanntesten. Zu seinen Lebzeiten ist allerdings nur wenig davon verstreut erschienen. Gleichwohl verkörpert er, seit ihn Wilhelm Arent 1897 als „König der Aphorisme“ gefeiert hat, den Aphoristiker als reinen Dichter. Sein Vagantenleben, seine Religiosität und Kindlichkeit, sein Versuch, Dichtung zu leben: all das fordert zu einer Mythisierung geradezu heraus, der er selbst vorarbeitet. Sein aphoristisches Werk ist erst seit der postumen Ausgabe der „Gesammelten Werke“ von 1904 in Ansätzen zu erkennen gewesen; seit der Neuausgabe der achtziger Jahre lässt es sich gut überblicken. Formal ragen die „Enzyklopädie der Kleinigkeiten“, ein aphoristisches Wörterbuch, und die für seine Zeitschrift „Völkermuse“ entstandenen „Dichternoten“ heraus, Charakterisierungen verschiedenster Künstler. In dem thematischen Grundbestand, der sein Leben lang unverändert bleibt, verbinden sich an vorderster Stelle mystische Gottsuche und die Rhetorik der eigenen existenziellen Ästhetisierung. Die poetischen poetologischen Äußerungen durchziehen das Werk, von dem immer wieder selbst als Wahlspruch zitierten Extrakt „Ich bin, also ist Schönheit“ (5, 311) bis zu Äußerungen, die Leben und Kunst als Einheit sehen. Es ist weniger eine Schaffenspoetik als eine Schöpferpoetik. Sie bedient sich vorgegebener Muster: der Dichter als Kind, Seher, Prophet und bildet ein eigenes Gemisch aus Selbststilisierung, echtem und gelebtem Schönheitsmythos und dem naiven Glauben an die gesellschaftstherapeutische Kraft seiner Kunst. Wenn Hille den Dichter als „ein Stück Christus“ (5, 311) sieht und erklärt: „Großdichtung ist immer Gottesdienst“ (5, 301), dann ist die Nahtstelle von poetischer Selbstmythisierung und Religiosität erreicht: „Ich komme von den Sternen und bringe den Weiheduft der Unendlichkeit mit.“ (5, 305) Er hat den Zusammenhang seines Verständnisses von Religion mit der Gattung klar formuliert: „Die Religion kann nie ein ganzes System sein. Nein, sie ist eben der Gedanken höchste Spitze, Gipfelgegend. Der Aphorismus ist ihr Ausdruck und die Ahnung der Weg zu ihr.“ (6, 224) Seine religiöse Grundhaltung, für die man auf Vorbilder von Angelus Silesius bis Novalis zurückgegriffen hat, treibt ihn zu immer erneuten Definitionsversuchen, die für den <?page no="138"?> 136 Das 20. Jahrhundert einen rätselhaft sind, ohne geheimnisvoll zu sein, für den anderen einen mystisch-poetischen Reiz besitzen. Fassbarer sind Hilles Aphorismen im Umkreis einer eigenen Anthropologie, die von tiefem Einverständnis mit dem Kind ausgeht. Die rousseauistischen Vorstellungen von der unverfälschten Natur, die darin schon zum Ausdruck kommen, werden zu utopischer Integration geführt. Sie verbinden sich mit den zahlreichen Freiheitsreflexionen des unangepaßten Vaganten. Hille kennt und nutzt die klassischen Formen und Mittel, Chiasmus, Parallelismus, Paradox ebenso wie Sprichwort-Variation und Umkehrung. Aber das eigentlich bezeichnende Mittel ist die aphoristische Definition. Ein beträchtlicher Teil seines Kurzprosa-Werkes ist im Schnittpunkt zweier Traditionen angesiedelt, die die Aphoristik seit ihrer Entstehungsphase im 18. Jahrhundert mitbestimmen: Definition und Wörterbuch. Äußerlich stellt sich ein Formproblem bei Definitionen wie „Der Schweiß ist die Träne der Arbeit“ (5, 308) oder „Sozialismus ist Trauer“ (6, 224) nicht; sie sind ohne satirischen Impuls, immer witzlos, zuweilen unangreifbar bekenntnishaft: „Der Mensch ist ein atmendes Gesetz“ (5, 306), dann wieder gefährlich tiefsinnig: „Schönheit ist Stillsein, tief und einmal alles fassen.“ (6, 219) Vor allem in der „Enzyklopädie der Kleinigkeiten“ (5, 318-342) hat Hille die Form des poetischen: des metaphorisch-assoziativen Definierens zum Prinzip erhoben, auch hier mit unterschiedlichem Gelingen. Im Vergleich zu Ambrose Bierce, dessen Definitionen in „The Cynic’s Word Book“ (1906; als „The Devil’s Dictionary“ in: „Collected Works“, 1911) nur wenig später entstehen, betont Hille das Moment des Einfalls stark, einseitig und bedingungslos und zieht den Aphorismus auf das Entschiedenste in das Poetische hinüber, zum Bild. Bei dieser - spontanen - Hingegebenheit an den Augenblick des Einfalls kann es gar nicht anders sein, als dass qualitativ Unterschiedliches entsteht. In dieser Spannbreite ist die Definition, (nahezu) als poetische Setzung verstanden, das bevorzugte Mittel von Hilles Aphoristik, vornehmlich Ahnungen weckend und in unterschiedlichem Maße damit auch Einsicht eröffnend. Neben dem Einfall ist es die „Stimmung“, die sie kennzeichnet: „Wir sind angekommen im Lakonismus der Stimmung. Die Andeutung hat ihre Klassizität erreicht: Der Aphorismus blitzt.“ (5, 299) Wo solcherart Einfall und Stimmung bestimmend sind und eine frische Metaphorik den Grund der Aphorismen bildet, da muss es ein je individuelles Spannungsverhältnis der Spontaneität nicht nur zur Form, auch zu einem dechiffrierbaren Nachvollzug geben, der das Maß der jeweiligen Ahnungseinsicht des Rezipienten bestimmt. Dieser Aphorismus - darin sind sich seine kritischen Leser einig - entspricht Hilles Grundbegabung. Er steht damit in einer Tradition von Texten zwischen Lyrik und Aphorismus, die über Nietzsche bis zu Wolfgang Menzels und Jean Pauls „Streckversen“ zurückgeht. Johannes Nachts (geb. 1901) „Pflugschar und Flugsame“ (1922) macht sie explizit, zum einen mit „Expressionen“, die Hilles Art des Dichterporträts zu imitieren suchen, zum andern mit einer Fülle selbstreferenzieller Aphorismen, die mit der behaupteten Einheit von Poesie und Apho- <?page no="139"?> Im Zeitalter des Impressionismus 137 rismus auf der Linie der Theorie bleiben. Das Bild wird die Gattungsgeschichte des 20. Jahrhunderts als eine ihrer Leitlinien bestimmen, freilich in innovativerer Form. Die Texte, die Isolde Kurz (1853-1944) unter dem Titel „Im Zeichen des Steinbocks“ (1905) veröffentlicht, haben ein deutlich anderes Gepräge. Als „Aphorismen und Gedankengänge“ sind sie formal sehr offen gehalten: Einzelsätze von sentenzartiger Kürze, aber kaum mit pointierender Intention wechseln mit Abschnitten, die vereinzelt bis zum Kurzessay reichen. Der innere Zusammenhang der Gedanken ist deutlich, im Großen wie im Kleinen. Die Bezugspunkte für Kurz sind die Griechen, Italien, wo sie fast dreißig Jahre lebte, auch die indische Philosophie, thematische Schwerpunkte neben dem menschlichen Miteinander das Verhältnis der Geschlechter und insbesondere die Kunstreflexion, die eine idealisierende, romantizistische Weltsicht und Kunstauffassung vertritt, gegründet auf dem hergebrachten Ideal von Ästhetik und Ethik, Schönheit und Wahrheit. Auf dieser Basis gelingen ihr zuweilen Einsichten, die hinter denen der großen Moralisten nicht zurückzustehen brauchen: „Auf törichte Wünsche wartet zuweilen eine grausame Strafe: ihre Erfüllung.“ (376) Auch für Kurz ist die Vorstellung von der Kunst als Palliativ beherrschend: „Poesie ist als ein notwendiges Luftkissen zwischen uns und die Wirklichkeit geschoben, um deren harten Druck zu erleichtern.“ (458) Damit ordnet sie sich letztlich in einen bürgerlichen Ruheraum ein, wie er für die Aphoristik des Herzens zu beschreiben war, auch wenn ihr deren spezifische Innerlichkeit abgeht. Kurz steht überdies für eine beginnende Frauenaphoristik. Die Texte zu „Mann und Weib“, „zwei Nationen, die sich niemals verbrüdern“ (391), vertreten Positionen, die auch innerhalb der Frauenbewegung der Zeit nicht unangefochten sind. Das ewige Frauen-Thema männlicher Aphoristiker jeden Niveaus ist zur Zeit der Frauenbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Otto Weiningers „Geschlecht und Charakter“ (1903) zu größter Wirkung kommt, besonders reich vertreten. Jetzt findet es zum ersten Mal in breiterem Umfange sein Pendant aus der Gegenperspektive, in Phia Rilkes (1851-1931) „Ephemeriden“ (1900) oder in den „Erlebten Gedanken“ (1909) Ludwig Ecards (d. i. Cordelia Ludwig; 1858-1909). Einen bedeutenderen Beitrag dazu leistet in den dreißiger Jahren die Österreicherin Rosa Mayreder (1858-1938), die als Theoretikerin der frühen bürgerlichen Frauenbewegung auch eine führende politische Rolle spielt und daneben als Malerin und Schriftstellerin hervortritt. Ihre „Sprüche und Betrachtungen“, die 1935 unter dem Titel „Gaben des Erlebens“ erscheinen, geben unter der obersten Voraussetzung „Der ‚ganze’ Mann ist nur ein halber Mensch“ (37) in der Nachfolge Ebner- Eschenbachs Maximen einer achtbaren Moralistik, die vom Wert der autonomen Persönlichkeit ausgeht und aus konsequenter semantischer Differenzierung ihren Gewinn zieht: „Sich nicht beirren lassen, zeigt das Maß der persönlichen Kraft, sich nicht beeinflussen lassen, das des persönlichen <?page no="140"?> 138 Das 20. Jahrhundert Starrsinns.“ (19) Mehr als manch anderer verdient sie, auch mit diesem Teil ihres Werks vor dem Vergessen bewahrt zu werden. Christian Morgenstern (1871-1914) beginnt im Alter von zwanzig Jahren mit aphoristischen Niederschriften und führt sie bis zum Tode fort; die Höhepunkte dieser Tätigkeit liegen in den Jahren 1895/ 99 und 1906/ 07. Er ist zunächst Aphoristiker wider Willen, der - ähnlich wie Gött - in anerkanntere Gattungen wie Lyrik und Roman hinübertragen will, „was sich sonst in Aphorismen verirrte“. Die Idee zu einer späteren Aphorismensammlung ist schon 1902 vage bezeugt, zunächst im Zusammenhang mit einem Romanprojekt. Ab 1904 hat er gelegentlich Aphorismen veröffentlicht, auch erfolglos angeboten. Ab 1908 entwickelt er im Gespräch mit seiner späteren Frau den konkreten Plan zu einem eigenen Aphorismenbuch, mit dem er bis zu seinem Tode beschäftigt ist, indem er sich der exzerpierend-sammelnden und redigierenden Arbeit an seinen Eintragungen unterzieht und sie zu Aphorismen- Ketten zusammenfügt. Auch den Titel „Stufen“ als das zentrale Bild für die Aufwärtsentwicklung seines Lebensweges, von Rudolf Steiner her zu verstehen, hat er wohl noch selbst bestimmt. Der 1918 erschienene Band hat nicht nur ungewöhnlichen Erfolg bei den Lesern - sieben Auflagen allein bis 1929 -, er findet auch starken kritischen Widerhall. In auffälligem Kontrast zur Wirkung der „Stufen“, deren Texte regelmäßig wichtiger Bestandteil der deutschen Anthologien sind und vereinzelt auch in ausländische Sammlungen Eingang finden, steht die Zurückhaltung der Literaturwissenschaft. Morgensterns Aphorismenbuch ist, formal höchst variabel, von der unpointierten Tagebuchaufzeichnung bestimmt. Die Notizen sind chronologisch geordnet und reichen von 1891 über die mystische Kehre 1905 und die Hinwendung zu Steiner 1909 bis zum Jahr 1913. So gleichförmig es damit äußerlich angelegt ist, so verschieden sind die Texte ihrer inneren Gestalt nach. Dabei gehen sie immer in extremer Weise von „sich“ aus. So etwas wie Objektivität oder auch nur das Bemühen darum wird man hier zu allerletzt erwarten dürfen: „Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf, wozu ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung gekommen wäre.“ (53) Diese „Entwickelung“, die nicht umsonst den Untertitel seiner „Stufen“ bildet, erkennt man am besten, wenn man von den Rändern im nichtäußerlichen Sinne her vorgeht: von der Mitte des Buches aus, die nicht sein Zentrum ist. Weder im Kapitel mit dem klassischen Etikett „Lebensweisheit“ noch zu „Erziehung Selbsterziehung“ oder „Psychologisches“ findet sich weltbewegend Neues. Auch dort, wo er „Ethisches“ sammelt, ist er eher gutwillig und gutherzig als gut. Die „Kritik der Zeit“ (186-203), auf die das Kapitel „Politisches Soziales“ im Wesentlichen hinausläuft, ist innerhalb der Aphoristik seiner Zeit gleichfalls fest verortet. Morgenstern ist es wichtig - und hier passt sich das konkret Politisch-Soziale wieder seiner ethischen Mission ein -, „an der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes zu arbeiten.“ (183) Die „Stufen“ zu „Kunst und Literatur“ lassen keinen in erster Linie kritischen Zugang erkennen, sondern sind oft (natur-)metaphorisch pointierte <?page no="141"?> Im Zeitalter des Impressionismus 139 Beschreibungen. Und genau dies ist die wieder andere Facette, die das Kapitel „Natur“ erkennen lässt. Es sind Impressionen mehr denn gedankliche Aphorismen, durchaus auch in der Linie von Hilles Metaphorik zu sehen: „Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.“ (79) Nicht die Beobachtungsleistung, die gedanklich-gemüthafte Durchdringung aus einer Weltanschauung heraus ist absolut vorrangig. Damit führt dieses Kapitel gleichzeitig näher an den Kern seiner diaristischen Aphoristik heran. Es sind nicht nur Zeugnisse von Naturverwandtschaft und Naturschwärmerei, die Anthropomorphisierung ist alles andere als rhetorischer Putz. Es geht vielmehr um eine Naturbeseelung und frömmigkeit eigener Art, die von dem einen Geist in den Dingen und damit von einer mystischen All-Einheit kündet, wie sie sich im gewichtigen dreifachen „Weltbild“ des Schlusses deutlicher zu erkennen gibt. Neben dem Kapitel „Sprache“, in dem sich ganz der wort- und klangsensible Dichter äußert, sind besonders die unter „Erkennen“ gefassten Aphorismen bemerkens- und bedenkenswert. Einerseits drücken sie Wesentliches, vielleicht zu ihrer Zeit Kühnes aus und deuten gar aphoristisch im Anschluss an Fritz Mauthner auf spätere sprachphilosophische Einsichten voraus, andererseits beharren sie auf weltanschaulich engen Grenzen der Wissenschaft. Das intellektuelle „Erkennen“ geht nahtlos in ein Erkennen über, zu dem es anderer Fähigkeiten bedarf: „Alles, also auch alles Denken, endet in Gott.“ (308) In diesem inneren Kreis von Morgensterns Aphoristik bewegt sich der Leser am Beginn und am Ende der „Stufen“. Hier befindet er sich mit dem religiösen Tagebuch am Rand der Gattung, sieht sich aber gleichzeitig im Zusammenhang der Mystik dabei einem zentralen Komplex gegenüber. Diese Spannung ist für Morgensterns Aphoristik konstitutiv. „In me ipsum“ zu Beginn hat mit seiner Selbsterkundung und Selbstdeutung unabweisbar Tagebuchcharakter: Die drei Stufen seines „Weltbildes“ sind Verkündung religiöser Gewissheiten, die nicht mehr kritisierbar sind, ehe das „Tagebuch eines Mystikers“, datiert ab 1906, längere religiöse Erwägungen formuliert, die um das Problem der All-Einheit Gott-Natur-Mensch kreisen und Leiden und Liebe betrachten: „Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn - Gottes.“ (332) Im Lichte dieses Glaubens deutet der Autor als jemand, der an sein Ziel gekommen ist, alles und jedes um. Dabei gelingen zum Teil eindrucksvolle Bilder, aber im Grunde entziehen sich die Gottesspekulationen dieses religiösen Tagebuches der literarischen Beurteilung: „Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.“ (348) Das Ästhetische wird religiös umgedeutet; wo Morgenstern die Schreibkonsequenzen erwägt, erklärt er im Anschluss an die Interpretation Meister Eckharts das einverständige Schweigen über alles Sprechen hinaus zum Ziel des Mystikers. Dass als der zentrale Rahmen Tagebuch und Mystik seine Mitte bilden: diese Richtung weist schon die einleitende „Autobiographische Notiz“, datiert 1913, die das Verhältnis zu Natur und Spiel, die prägenden Lektüreerlebnisse, Krankheit und Liebe dem religiösen Erweckungserlebnis unterordnet und sie als „Stufen“ eines Weges zu anthroposophischer „Erkenntnis“ beschreibt. <?page no="142"?> 140 Das 20. Jahrhundert Diese „Stufen“ von der „Lebensweisheit“ zum „Tagebuch eines Mystikers“ sind nicht nur zu heterogen für eine einfache und eindeutige Aussage, auch das Verhältnis zur Gattung ist uneindeutig und kompliziert. Morgenstern ist weder ein Meister der Form noch ein Menschenbeobachter. In der schwärmerisch-ethischen Grundhaltung seines Tagebuch-Aphorismus mag man das Modell einer autobiographisch und didaktisch orientierten Aphoristik ausgeprägt sehen, das ja seit alters unbestritten zu den Möglichkeiten der Gattung zählt: von Erkenntnis bestimmtes Gegenmodell gegen die spielerisch-satirische Variante, wie sie Kraus vertritt. Der Autor fordert als ein selbstversunkener Gläubiger, der Betrachtungen anstellt, eine Erbauungsrezeption, die ästhetische Fragen über den ethischen vernachlässigt. Damit bewegt er sich aber im Grunde, von den zentralen Komplexen der „Stufen“ aus gesehen, relativ weit von der Aphoristik fort und in Richtung auf das religiöse Tagebuch hin. Nun befinden sich Tagebuch und Aphorismus von jeher im Verhältnis schwieriger partieller inhaltlicher Überlagerung; die Belege reichen von Goethe über Hebbel und Grillparzer bis Kraus und werden erst recht in der jüngeren Vergangenheit zahlreicher. Das allein also kann Morgensterns Aphoristik nicht aus der Mitte der Gattung verlagern, in der sie seiner Wirkung nach zu stehen scheint. Anders steht es damit, dass sie in diesem Rahmen, durch Titel, Untertitel und Gesamtanlage unabweisbar, als einzelne Belege einer „Entwickelung“ betrachtet werden soll, die endlich zur Ankunft in der unhinterfragbaren Wahrheit einer Weltanschauung führt. Nicht Sprachskepsis und Paradoxie stehen hier im Vordergrund, wie sie eine besondere Verbindung von Mystik und Aphoristik begründen, sondern eine Glaubensverkündung, wie sie sich aus der Gattung entfernt. Was sich an einzelnen Punkten schon erkennen ließ, das deutet sich damit als Modell für seinen Aphorismus an: Ausgehen von zentralen Aspekten der Gattung und ihre Überführung in Bereiche hinein, die ihr fremd sind. Die besondere Beziehung der österreichischen Literatur zum Aphorismus insbesondere um die Jahrhundertwende ist vielfach erörtert. Die Erklärungsversuche gehen meist in die Richtung, dass die fragmentarische Ausdrucksform der Sprachskepsis und ihrem krisenhaften Geist überhaupt besonders gemäß und der Aphorismus somit als Symptom der zerfallenden Realität zu deuten sei. Neben Otto Weiß und Richard Münzer, von denen schon die Rede war, gehören unter anderem Wilhelm Fischer (1846-1932; „Sonne und Wolke“, 1907) und Josef Unger (1828-1913; „Mosaik“, 1911) hierher, die mehr oder weniger in der Tradition des 19. Jahrhunderts stehen. Peter Altenberg (1859-1919) spielt nicht nur innerhalb der Gattungsgeschichte die ungleich wichtigere Rolle; mit ihm kommt man auch dem Zentrum Kraus bedeutend näher. Die persönlichen Beziehungen sind intensiv und vielerorts dargestellt; die Briefe spiegeln die wechselnden Stimmungen und Verstimmungen in ihrem Verhältnis zueinander. Altenberg macht es dem Freund nicht immer leicht. Dessen ambivalente Haltung äußert sich auch darin, dass er sich nicht äußert: Weder in der Geburtstagsrede von 1909 noch <?page no="143"?> Im Zeitalter des Impressionismus 141 zehn Jahre später in der Grabrede geht er auf die aphoristische Formkunst ein. Es gibt von „Wie ich es sehe“ (1896) bis „Mein Lebensabend“ (1919) kein eigentliches Aphorismenbuch Altenbergs, vielmehr ist gerade eine Mischung von Gattungen und Gattungselementen für ihn typisch. Aphorismen gehören aber, meist unter der bekannten Bezeichnung der Splitter, immer dazu. „Pròdromos“ verspricht „Aphorismen zur Lebensführung“ (14) und gibt als Weg-Weiser zu einer Gesundheitslehre im ursprünglichen Sinne des Aphorismus medizinische Ratschläge in kurzen einprägsamen Sätzen, von Maximen wie der, keinerlei Unterkleider zu tragen, bis zur schieren Rezeptanweisung. Es liegt nahe, Altenberg, der nach aufgegebenem Medizinstudium als Dichter Medizin verordnet, von Hippokrates aus in eine Verbindung zur gesamten medizinischen Tradition zu setzen, insbesondere zu Feuchtersleben und Schnitzler. Vom medizinisch-diätetischen Kernbereich aus berühren seine Texte allgemeinere Themen und wenden sich etwa Fragen der Erotik, der Kunst und Literatur zu („Wenn ein jeder wüsste, was er zu wissen hätte, wäre die Welt erlöst! “; 33), ein nur noch kurioses Sammelsurium, das sich gattungsmäßig zwischen Kurzgeschichte, Anekdote, Aphorismus, Feuilleton und Szene aufhält. Die Suche nach einem gemeinsamen Nenner für seine Kurztexte kann daher nur auf sehr allgemeiner Ebene bleiben. Aus der Erkenntnis solcher Gattungsmischung heraus gibt es in jüngerer Zeit eine generelle Tendenz, von einem merkmalhaften zu einem funktionalen Gattungsverständnis gelangend, ein Feld „Kleiner Prosa“ zu beschreiben, das die Sprachkrise der frühen Moderne in innovative sprachliche Verfahren umsetzt und bildhafte, reflexive und narrative Verfahren vielfältig modelliert und kombiniert; hier stellt Altenberg einen der „Quellpunkte“ dar. Bei aller Gattungsunreinheit hat er aber immerhin „die Aphoristik als einzigen Typus seiner Kleinformen ausdrücklich gattungsspezifisch benannt und in definierenden Äußerungen näher bestimmt“. Kürze als Extrakt und Selbstbewusstsein sind dabei die - durchaus komplementären - Randbestimmungen: „‚Herr Peter, ihre kleinen Sachen ---.’ ‚Sie meinen wohl meine k u r z e n Sachen ---.’“(Fechsung, 185) Von diesem Gattungsbegriff ausgehend, der mit Extrakt, Anti-System und Essay-Nähe im gewohnten Umfeld bleibt, das Gefühl betont und auf einem stark verengten Lebens-Begriff rekurriert, lassen sich die Besonderheiten des Altenberg’schen Aphorismus beschreiben. Das subjektive Element verselbstständigt und verdichtet sich zur Selbststilisierung. Der Autor akzentuiert in mehrfacher Weise die Ränder der Gattung und ist zum Anekdotischen wie zum Dialogischen hin offen. Die Maxime, rezeptiv bestimmt und bis zum schieren Rezept hin ausgeweitet, ist Ausdruck des einen bestimmenden Elementes, des didaktischen. Das andere ist die Spontaneität, die die Texte allen einschränkenden Bemerkungen zum Trotz offenbaren. Es geht ihm (auch) um Stimmung statt Erkenntnis. Von den biographischen Parallelen her erinnert manches an den reinen Aphoristiker der Stimmung, Peter Hille; schon frühe Urteile geben indes Anlass zu der Vermutung, dass hier vergleichsweise viel Pose ist. Dass Stimmung und Erkenntnis <?page no="144"?> 142 Das 20. Jahrhundert nicht zusammengehen, leuchtet unmittelbar ein. Dieses Spannungsverhältnis begründet die große unterschiedliche Qualität der Texte. Gerade diese Polarität aber bezeichnet Altenbergs Aphorismus am genauesten. II. Der expressionistische Aphorismus Mindestens in gleichem Maße wie dem Impressionismus bietet sich der Aphorismus dem Expressionismus an. Neben Elementen besonderer Disposition wie dem Essentiellen, einer Zusammendrängung auf das Wesentliche hin, einer Intensivierung, die sich aber eher in der Form der Ballung als in einer Konzentration ausdrückt, sind allerdings auch Aspekte auszumachen, die der Entstehung von Aphorismen als einer formbewussten, intellektuell gebundenen, wenn nicht gebändigten Literatur geradezu diametral entgegenwirken: so Dynamisierung, Gefühlsintensität und Leidenschaftlichkeit, Formzertrümmerung und Verkündigungspathos, Wille statt Logik, wie sie an der expressionistischen Literatur herausgearbeitet wurden. Und in der Tat spielt der Aphorismus eher eine untergeordnete Rolle. Unter den 73 Bänden von Kurt Wolffs berühmter Reihe „Der Jüngste Tag“ ist kein einziger Aphorismenband. Dennoch ist ein Gravitationszentrum des expressionistischen Aphorismus auszumachen. Der Aktivismus um die Freunde Kurt Hiller (1885-1972) und Rudolf Leonhard (1889-1953), beide 1918 Mitglieder des „Politischen Rates geistiger Arbeiter“, zeigt auffällige Affinitäten zu dem Genre. Hiller publiziert in den beiden Bänden seiner kämpferischen „Zeit- und Streitschrift“ gegen die Literatur der Jahrhundertwende „Die Weisheit der Langenweile“ von 1913 zwischen Essays, Aufsätzen, Porträts, Polemiken und Glossen immer wieder Aphorismen, etwa „zur Denkkultur“. Konsequenter noch finden seine 284 durchnummerierten „Sätze“ in „Der Aufbruch zum Paradies“ (1922) in „Aphorismus“ oder „These“ die adäquate Form für den von ihm propagierten „Aktivismus“. Leonhard ist zweifellos der wichtigste Aphoristiker des Expressionismus. Er entwickelt sich vom Kriegsfreiwilligen 1914 zum aktivistischen Pazifisten und Revolutionsteilnehmer 1918 und beansprucht, als Sozialist Individualist zu sein. 1917 erscheint „Aeonen des Fegefeuers“, mit der schärfsten Distanzierung von einer ersten Fassung „Tanz auf der seidenen Leiter“ im Vorwort, drei Jahre später „Alles und nichts! “, „Kurt Hiller, dem Kameraden im Glauben ans Ziel und Freunde auf dem Wege gewidmet“. Die beiden Bände umkreisen, von Pathos und Paradoxie geprägt und durchsetzt von dialogischen Parabeln und Denkbildern, unter einem präzisen philosophisch-politischen Horizont in locker zusammenhängenden Gruppen die verschiedensten Themen, Ästhetik und Philosophie, Kunst und Wissenschaft, Religiosität, Staat, Politik und Geschichte, daneben auch Aspekte klassischer Moralistik wie Freundschaft, Liebe und Eros, Leid und Tod. Ihre unpointiertaphoristische Erörterung schreitet einen weiten gedanklichen Raum aus, der in Pazifismus und revolutionärem Republikanismus seine Mitte hat und bei <?page no="145"?> Der expressionistische Aphorismus 143 aller Wiederaufnahme im jüngeren Band stärkeren Manifest-Charakter annimmt. In engstem politischen Zusammenhang damit stehen Oskar Kanehls (1888-1929) „Aphorismen“ (1913) und Kurt Eisners (1867-1919) „Kriegsgedanken“ (1920) in der „Aktion“, desgleichen Oscar Levys (1867-1946) „Kriegsaphorismen“ (1917). Als Einzelgestalt ist daneben der Maler Franz Marc (1880-1916) hervorzuheben. Marcs Aphorismen aus den ersten Kriegsmonaten, 1920 zu ungefähr einem Viertel veröffentlicht, haben zusammen mit den Briefen eine bemerkenswert starke Breitenwirkung gehabt. Erst 1978 werden sie vollständig bekannt. Einzuschließen sind endlich auch etwaige aphoristische Texte des Surrealismus und Dadaismus, besonders unter dem Gesichtspunkt potenzieller formaler Innovationen. Allerdings lassen sich Affinitäten der Surrealisten zur gnomischen Tradition wie in Frankreich für Deutschland nicht nachweisen. Insbesondere an Walter Serners (1889-1942) „Manifest dada“ „Letzte Lockerung, ein Handbrevier für Hochstapler und solche die es werden wollen“ von 1920 ist hier zu denken. Es lässt sich als zynische Zerstörung alles Maximenhaften und ‚Regelrechten’ interpretieren, besonderen Aspekten des Aphorismus durch seine Geschichte hindurch. Mit dem zweiten Teil von 1927 kehrt Serner zwar formal stärker zur traditionellen Form des Aphorismus als Regel zurück, kann insgesamt aber, eher in Serie variierend, das literarische Niveau des ersten Teils nicht halten. Die Form des Leitfadens in kurzen selbstständigen Abschnitten, seine Formreflexion zu Regel und System, seine vielfältigen sprachspielerischen Versuche, sein wilder Gestus der Totalzertrümmerung verbinden sich mit höchst kontrolliertem Hinarbeiten auf eine Reihe von Thesen als Abschluss eines Kapitels, die, als Definition verkleidet, ein assoziatives Feuerwerk entfachen: „Venusblicke sind das einzig Sichere. Dämonie ist ein Rindslendenstück. Bettgeisttrompeten sind Barbaraien. Die Seele ist kein Brückengeländer. Die Liebe eine Schwanerei.“ (38) Auch wenn die aphoristische Reflexion der Expressionisten thematisch nicht begrenzt ist, so ist im Widerspruch von Ästhetik und Aktion aber doch ein doppelter Akzent auszumachen: der Krieg und die Kunst sowie beider Wechselwirkung. Levys „Kriegsaphorismen“, der „Versuch zur geistigen Mobilisierung“ gegen den Chauvinismus in allen Staaten, geben in 114 mit Nietzsche’schen Titeln versehenen Aphorismen Kommentare zu aktuellen Themen auf der Grundlage eines unerschütterlichen Glaubens an den - supranationalen - Geist. Marc mythisiert in seinen Aphorismen, „geschrieben 1915 im Felde“, den Krieg. Sein Denken, das von einer geistig-künstlerischen Erstarrung und Verunreinigung ausgeht, bewegt sich in Kategorien von Verfall und Bestrafung, von Reinigung, Rettung und Läuterung: „Der große Krieg hat dem hoffnungslosen Treiben ein rasches Ende bereitet und fuhr als Deus ex machina reinigend über die europäische Bühne.“ (186) Für den Kriegsfreiwilligen Leonhard bringt ein Gespräch mit Hasenclever, Buber und Rowohlt die entscheidende Umkehr. Wie immer man zu der Revolutionsgewissheit stehen mag, in die er sich begibt: den hohen moralischen wie politi- <?page no="146"?> 144 Das 20. Jahrhundert schen Anspruch kann man ihm nicht absprechen, auch wenn man berücksichtigt, dass es nicht die besten seiner Aphorismen sind, die der Kriegsteilnehmer zu Krieg und Militarismus formuliert. Dazu sind sie in aller Regel zu direkt. In ähnlichem Sinne ist für Serner der Krieg eine Ursache seines geistigen Rundumschlages, der nur noch Schauspielerei zu erkennen vermag. Zur Kunstauffassung der expressionistischen Aphoristiker legen keine anderen als Kraus und vor allem Nietzsche die Grundlinien fest. Beide werden selektiv rezipiert und in markanteren Fällen gewissermaßen dienstbar gemacht, dem Eigenen vorgespannt. Die Kunst als höchste Wirklichkeit und Religionsersatz; der Künstler, der, prophetisch begabt, der gemeinen Moral überhoben und durch inspirative Begabung erwählt, ihr existenziell hingegeben ist und sich in der Ambivalenz von Ichvergötterung und Selbstverzweiflung zerreibt: die vitalen Reste eines seit der Romantik herrschenden Denkgebäudes haben - vielfach artikulierten - Bestand. Sie bleiben auch auf dem ‚linken Flügel’ bei veränderter Oberflächensemantik erhalten. Erst im Dadaismus, dort aber brachial, werden sie eingerissen. In gewissem Gegensatz dazu zeigt sich von Kategorien wie Leidenschaft und Fülle her die weitgehend gemeinsame Vorstellung, dass die Kunst einer Weltanschauung diene, das Ästhetische sich dem Ethischen unterordne. Hiller dringt auf die Verbindung von „Litterat und Tat“, „Geist und Praxis“. Von daher will er der Kunst wieder einen Sinn geben, neue Inhalte und Ziele. Von einer ähnlich vermittelnden und differenzierenden Haltung wie Hiller ist Leonhard. Wie der Freund lässt er demungeachtet nur eine politische Tendenzkunst gelten, allerdings ohne aktivistischen Rabatt. Deutlicher als Hiller legt er Zeugnis davon ab, dass das Erlebnis im Zentrum der Kunstauffassung des expressionistischen Aphorismus steht. In beiden Aphorismenbänden kreist er in vielen Anläufen um diesen Kernbegriff für Literatur wie Philosophie und erst recht eine Literatur im Grenzgebiet. Zu einer anderen Konsequenz auf derselben Grundlage eines pathetisch formulierten Glaubens an die Kunst und ihre wie auch immer geartete „ethische“ Bestimmung kommt Marc. Bleibt er einerseits Kategorien wie Wahrheit, Religion, Tiefe verhaftet, bestimmt für ihn andererseits neben einer diffusen Wesenhaftigkeit der von Primitivität und Abstraktion geleitete Formgedanke das Neue in der Kunst, das eine Zeitenwende fordert. Erst in der schmalen Aphoristik des Dadaismus werden solche wie alle anderen Ideologien zerstört. Bei Serner gehören verbale Fanfarenstöße wie „L’art est mort“ (19) oder: „Kunst! ! ! Die infantilste Form von Magie“ (43) zu dem Versuch einer umstürzend neuen Literatur, die restlos alles, die eigene Praxis eingeschlossen, radikaler Destruktion unterwirft. Statt Kunst geht es hier um Kunstgriffe; das Scheinhafte der Kunst ist allein übrig in der Form des Hochstaplerischen, als Täuschungsmanöver. Für die spezifische Erlebnis-Orientiertheit des expressionistischen Aphorismus ist mit Nietzsche der entscheidende Einfluss bezeichnet. Vom Erlebnis ist es ein kurzer Weg zur Mystik und zum Mystischen, wie es die expressionistischen Aphoristiker auffällig häufig artikulieren. Begriffe wie Paradoxie, Wortkargheit, Lakonik, Sprachskepsis bezeichnen neben dem Erlebnis die <?page no="147"?> Der expressionistische Aphorismus 145 Schnittstelle. Für Marc, dem es um das Wesen der Dinge, um eine verborgene Wahrheit geht, liegt es nahe, sein Kunstwollen, eine Verbindung von „Abstraktion“ und „Schau“, in Analogie zu den Mystikern zu beschreiben. In seinem „zweiten Gesicht“ sind Glaube, Erkenntnis und Form miteinander verbunden. Der Einseitigkeit des Verstandes wird nicht eine neue Einseitigkeit entgegengesetzt. Marc kann dabei nicht anders, als mit Paradoxa von der Art „Glaube des Wissens“ zu operieren, wie es mystischem wie aphoristischem Sprechen in hohem Maße entgegenkommt. Um eine Integration im Sinne eines Gedankenerlebnisses ist es auch Hiller zu tun. Am häufigsten und deutlichsten bringt Rudolf Leonhards Aphoristik dieses Bipolare zum Ausdruck. Im Vorwort zu „Aeonen des Fegefeuers“ heißt es: „Daß ich des mystischen Erlebnisses teilhaftig wurde, berechtigt zum Ausspruch; daß es eine, nehmen wir einmal an, mystische Gehirnanlage g i b t , verpflichtet zur Prüfung und zum Anerkenntnis.“ (8) Bei ihm ist eine ähnliche Verbindung von Mystik und Revolution zu erkennen, wie sie als Verbindung von Mystik und Sozialutopie bei Bloch analysiert wurde. Nietzsche und Kraus, die breite Aphoristik der Jahrhundertwende: auch die Formen sind damit im Prinzip für den expressionistischen Aphorismus bereitgestellt. Natürlich schreiben sich das Konventionelle und Unoriginelle in der Breite fort. Und doch ist eine der Intention nach deutliche Gewichtsverschiebung unübersehbar. Keine beliebigen Splitter, sondern ein System in Aphorismen als Manifest, Aufforderung zur aktivistischen Menschheitsverbesserung, also Tatorientiertheit statt Formverliebtheit: so versteht sich das Genre bei Hiller. Mit dieser Akzentuierung des Thesenhaften aus einem Affekt gegen das unverbindlich Wortspielerische der vorigen Generation steht er nicht allein. „Ein Satz ist keine Lösung, sondern eine Aufgabe“ (Aeonen, 35): Zum wiederholten Male ist es Leonhards Aphoristik, an denen sich das Neue am deutlichsten ausprägt. Bei ihm sind die „Sätze“ in diesem Sinne genauer als bei Hiller erkennbar als Verbindung von diametral Entgegengesetztem, als die Träger eines spontan-systemhaften Zusammenhanges unversöhnlicher Gegensätze. Auch der Gegenbegriff des Systems, den Hiller eher einfach setzt, wird bei ihm konsequent durchdacht. Solche punktuelle Integration des Diametralen ist nur paradox denkbar. Unbewusstes komplettiert die rationale Anstrengung auf etwas Ganzes hin. Nicht (allein und in erster Linie) durch die paradoxe Integration seiner Gattungsreflexion in „Satz“ und „Einfall“ steht Leonhard hier im Zentrum, sondern dadurch, dass er solche Ambivalenz und Paradoxie zur formalen Mitte seiner expressionistischen Aphoristik ausbildet und auf einen konsequenten Höhepunkt treibt. Ein Denken vom Komplement her macht Sicherheiten und Stabilitäten des Polaren schwankend und beweglich. Dialektik beherrscht die Denkbewegung, Gegenteiliges wird konsequent zusammengedacht. Von hier aus erschließt sich der Titel von Leonhards erstem Aphorismenband „Alles und Nichts“. Sein Vorwort verbindet solch interpolierendes Denken mit dem Wir-Gefühl und dem sprachlichen (Wagnis, Gefahr, Erschütterung) wie gestischen Pathos des Expressionisten (offene Stirn vor dem Schmutz) und mit selbstbezogener Kon- <?page no="148"?> 146 Das 20. Jahrhundert sequenz (heiterer Ernst). Auf diesem Grunde ruht das Paradox, aus diesem Grunde wird es in höchster Selbstverständlichkeit zur aphoristischen Logik erhoben, pathetisch aufgeladen und mit einem Denken in der zweiten Potenz verbunden, das aus den integrierten Gegensätzen, konsequent dialektisch verfahrend, eine Einheit auf neuer Ebene, eine neue polare Struktur heraustreibt. Erfüllung in der Selbstbezüglichkeit, wenn auch eines vergeblichen Zirkels: Die Konsequenz solchen Denkens kann sich nur in der Selbstreflexivität erweisen. Bei Leonhard wird nicht nur das Vereinbarkeitsdenken auf sich selbst angewandt: „Nicht nur das Unvereinbare ist unvereinbar, sondern auch das Vereinte. Das Trennende trennt nicht nur, sondern verbindet auch, als Brücke. Und das All ist nirgends zu finden, weil es überall ist.“ (Alles, 85) Auch der Wahrheitsvorbehalt wird über jede intellektuelle Schmerzgrenze hinaus auf das Paradoxe selbst bezogen. Damit ist er ebenso weit von Weiß als dem Repräsentanten des herrschenden bewitzelnden Paradoxon- Verständnisses entfernt, wie er dem notwendigen, weil an die Substanz der Gattung rührenden Paradoxon von Kraus nahe ist. Diese Denkbewegung wird in erster Linie auf ihre Fundamente angewandt, auf „die Irrationalität der Vernunft“ (Alles, 13). Sie strebt eine strukturelle Integration an: „Trage die Konsequenz der Exaktheit, wenn du dem Mute zur Intuition nachgegeben hast; ja habe doch den Mut zur Exaktheit der Intuition! “ (Alles, 126) In dieser formalen Mitte seiner Aphoristik eröffnet sich offenkundig der Zusammenhang auch mit der Mystik. Das Paradox, auf einen konsequenten Höhepunkt getrieben, ordnet sich in den Umkreis eines Mystikers ein, der Unsagbares sagen möchte: „Das Paradoxe ist eine Erscheinung des Mystischen.“ (Aeonen, 15) Gegenüber der Trivialmoralistik der Jahrhundertwende stellt Leonhards Aphoristik mit philosophisch gegründeter Paradoxie, Interpolation und Dialektik und mit ihrer Verbindung von Revolution und Mystik zweifellos eine innere Form dar, die in der formalen Erneuerung des expressionistischen Aphorismus als Zentrum und Höhepunkt zu begreifen ist. Das Pointiert- Sprachspielerisch-Witzige hat ausgedient, die Wende zu These und „Satz“ ist als Ausdruck des expressionistischen Verkündungspathos und seiner ethischen Ernsthaftigkeit zu werten. Was bei Leonhard „die Irrationalität der Vernunft“ ist, das ist bei Franz Marc der „Glaube des Wissens“, bei Alfred Grünewald das „Erlebnis des Gedankens“, für Kurt Hiller liegt der Ursprung aller Rationalität im Erlebnis. Die Denkbewegung der expressionistischen Aphoristiker will mit diesen Formeln von Nietzsche her einen einseitigen Rationalismus des leeren Effektes und der Lebensferne überwinden. Sie zielt dabei nicht (nur) auf nebengeordnete Gleichrangigkeit, sondern auf dialektische Verflochtenheit, mehr noch: mit der „Exaktheit der Intuition“ dringt sie auf eine strukturelle Integration der Handlungsorientiertheit des Aktivismus mit der Intellektualität, wie sie die Gattung fordert, und der Emotionalität, wie sie die literarische Strömung dominiert. Der Glaube an die Kraft des Geistes, die Kunst und ihren Träger in der eigenen Person mit seinen starken traditionellen Wurzeln verbindet sich mit dem Willen zur Erneuerung. <?page no="149"?> Karl Kraus; Kraus-Nachfolge 147 III. Karl Kraus; Kraus-Nachfolge Karl Kraus (1874-1936) bildet nach allgemeiner Einschätzung einen Höhepunkt deutschsprachiger Aphoristik. Sein aphoristisches Schaffen umfasst die Jahre 1906 bis 1919. Es wächst aus der Glosse und verwandten journalistischen Formen heraus und mündet in die gebundene Form des Epigramms. 1906 geht er von verschiedenen längeren satirischen Formen zu „Abfällen“ oder „Splittern“ über, bald werden die Texte durchweg als „Tagebuch“ oder „Persönliches“ bezeichnet. 1908 umfassen sie ein ganzes Heft seiner Zeitschrift „Die Fackel“. Aus dem Briefwechsel mit dem Freund Otto Stoessl gewinnt man wertvolle Einblicke in die Entstehung des ersten Aphorismenbandes. Er erscheint im März 1909 unter dem Titel „Sprüche und Widersprüche“. Unterdessen sind in der „Fackel“ weitere „Tagebuch“-Aphorismen erschienen, der Band „Pro domo et mundo“ erscheint im Februar 1912 als vierter der „Ausgewählten Schriften“. Erst nach einigen Monaten der Unterbrechung erscheinen dann ab November unter dem Titel „Nachts“ wieder regelmäßig Aphorismen in der „Fackel“. Als Buch gehen sie Ende 1916 unter diesem Titel in den Satz, kommen aber erst Anfang 1919 heraus. Danach veröffentlicht Kraus - abgesehen von kleineren Ausnahmen - keine Aphorismen mehr. Er stellt seine drei Bände wie üblich nach Themen zusammen. Vor allem der erste und der zweite Band sind dabei weitgehend gleich gebaut, beginnend mit „Weib, Phantasie“ bzw. „Vom Weib, von der Moral“ und endend mit einem Kapitel, das den jeweiligen Buchtitel wiederholt und sprach- und selbstreflexiv ins Zentrum seiner aphoristischen Poetologie zielt; hier wie da stehen die Aphorismen vom Künstler im Mittelpunkt. Auch unterhalb der Kapitelordnung gliedert der Autor seine Texte bis ins Detail genau in thematische Reihen; Wiederholung und Variation ist im Ganzen wie im Einzelnen Prinzip. Kraus setzt sich mit den Vertretern der Gattung in seiner besonderen Weise auseinander. Es gibt die Autoritäten unter den Vorgängern: Goethe, Schopenhauer; dem Sprachdenken Nestroys wird der gesinnungslose Witz Saphirs entgegengestellt. Den größten gegenüber, Nietzsche und Lichtenberg, geht es allein um den Nachweis der eigenen Einzigartigkeit. Gegen-Setzen oder Übertrumpfen ist sein Instinkt. Von Oscar Wilde, den er 1905, zum Auftakt seiner aphoristischen Periode, in der „Fackel“ abdruckt, hat er gewiss gelernt. Ebner-Eschenbach beschweigt er, die übrigen aphoristischen Zeitgenossen zerreißt er mehr, als er sie verreißt. Wenn er auch in Bezug auf Vor- und Mitläufer auf Unvergleichlichkeit besteht (und damit zumindest den meisten Zeitgenossen gegenüber insgesamt im Recht ist), so ist er doch in manchem vergleichbar. Es sind nicht nur nicht die Mittel, die neu sind, es ist bisweilen auch das mit ihnen erzielte Ergebnis, das Kraus mit den Zeitgenossen verbindet, bisweilen. Nicht das, was er tut, auch nicht prinzipiell, wie er es tut, hebt ihn heraus, wohl aber, wie er es in aller Regel tut: wie er die Sprache <?page no="150"?> 148 Das 20. Jahrhundert und das ihr innewohnende Pointierungspotential worthabt, auf welche Höhe und an welche Grenze er sie dabei - in den besten Fällen - führt. Originell erweist er sich durch das Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile, und durch die persönliche Färbung, die kein Akzidenz ist, sondern alle Themen bis in die Tiefe durchwirkt: Selbstreferenzialität und Sprachgebrauchskritik, die letztlich zusammenfallen. Die Fülle seiner Ich-Aphorismen erklärt sich dadurch, dass er ein Verhältnis seiner Person zu der Sache Sprache lebt, dem man nur mit dem Begriff der ‚Verschmelzung’ gerecht wird: „Ich spreche von mir und meine die Sache. Sie sprechen von der Sache und meinen sich.“ (294) Dabei sind verschiedene Ebenen zu unterscheiden. Wie bei keinem anderen Aphoristiker begegnet bei ihm der Meta- Aphorismus in dem Sinne, dass Kraus ständig über die äußeren Bedingungen und Wirkungen seines Schreibens schreibt und sich schon dadurch sein Stoff ständig erneuert, wenn auch vielfach in pointensüchtiger Variation. Da ist viel Selbststilisierung, auch Koketterie im Spiel. Ertragreicher ist die Selbstreferenzialität dort, wo Kraus in einen Dialog mit dem Publikum eintritt und beispielsweise über die Rechtfertigung seiner Eitelkeit eine Ebene erreicht, auf der die aphoristische Reflexion des eigenen Schreibens, die schon quantitativ so bedeutend ist wie kaum jemals sonst, zu einer ganzen Poetologie gerät, im zweiten Band gegenüber „Sprüche und Widersprüche“ noch in verstärktem Maße. Das Schlichte erweist sich hier gegenüber dem Knallig-Paradox- Effektvollen und dadurch auch immer wieder Zitierten in der Regel als gehaltvoller und ertragreicher. Eine aggressiv-verblüffende Umkehrung wie: „Ich beherrsche nur die Sprache der andern. Die meinige macht mit mir, was sie will“ (326) bricht zwar das Klischee ‚Sprachbeherrschung’ auf und setzt dadurch die Reflexion auf seinem ureigenen Terrain, dem zwischen Gedanke und Wort, in Gang, gehaltvoller scheint trotzdem ein Aphorismus wie dieser in „Nachts“, der mit dem Bild von der Sprachwand operiert, ansonsten aber in relativ einfacher, vollkommen sachorientierter Selbstaussage Eigenart und Mühsal seines Sprachdenkens als eines Denkens aus der Sprache eindrücklich darlegt: „Wenn ich nicht weiter komme, bin ich an die Sprachwand gestoßen. Dann ziehe ich mich mit blutigem Kopf zurück. Und möchte weiter.“ (326) Von besonderem Interesse ist die Schreibreflexion schließlich dort, wo seine Arbeitsweise explizit thematisiert wird: Die Aphorismus-Aphorismen entwickeln ein Gattungsverständnis, das Kunstcharakter und Weltanschauung, Ästhetik und Ethik in engste Verbindung bringt. Es ordnet sich einer Sprachkunst-Auffassung ein, die von der Satire her auf Kernbegriffen wie Gedanke, Erlebnis und Persönlichkeit basiert. Das Begriffspaar Wort und Gedanke ist additiv und komplementär, Gedanke und Meinung, Form und Tendenz sind hingegen wesentlich antithetisch gedacht. Für Kraus geht es um Haltung statt Meinung. Das zielt auf Begriffe wie Persönlichkeit und Verantwortung, wie sie für sein Künstler-Bild allgemein ebenso wie für sein Eigenbild von zentraler Bedeutung sind; es durchsetzt die Ästhetik in hohem Maße mit ethischen Kriterien. Man darf und muss ihn einen Erlebnis-Aphoristiker im spezifischen Sinne nennen: „Der <?page no="151"?> Karl Kraus; Kraus-Nachfolge 149 Künstler soll mehr erleben? Er erlebt mehr! “ (283) Sein Erlebnis aber ist ganz und gar „Spracherlebnis“ (328): „Die Erlebnisse, die ich brauche, habe ich vor der Feuerwand, die ich von meinem Schreibtisch sehe. Da ist viel Platz für das Leben, und ich kann Gott oder den Teufel an die Wand malen.“ (297) Einen, wenn nicht den zentralen Platz innerhalb der selbstreferenziellen Themen besetzt natürlich die Satirekonzeption. Gegen Stoff oder Anlass - so der rote Faden, der im Gewebe der diesbezüglichen Aphorismen immer wieder sichtbar wird - ist auf Kunst und Form zu bestehen. Einer der schönsten und wertvollsten Aphorismen dazu spricht von der Sache, ohne sie beim Namen zu nennen, und ist schon früh entstanden: „Eine kunstlose Wahrheit über ein Übel ist ein Übel. Sie muss durch sich selbst wertvoll sein. Dann versöhnt sie mit dem Übel und mit dem Schmerz darüber, daß es Übel gibt.“ (131) Und „durch sich selbst wertvoll“ sind eben die allermeisten satirischen Aphorismen von Kraus; sie sind geblieben, weil sie den Leser immer noch und immer wieder durch Kunstgenuss mit dem „Schmerz darüber, daß es Übel gibt“, versöhnen. An einem Nebenaspekt lässt sich das besonders leicht überprüfen: an den Literaturfehden. Auch in all diesen Kämpfen kann und will Kraus nicht zwischen Person und Sache trennen. Die satirische Erregung bringt fortzeugend neu erregende Aphorismen hervor. Ein generatives Element trägt solcherart zu dem Meta-Aphorismus bei. Kraus’ Hass aber - und das ist der wichtigste Aspekt - ist nicht ohne seine Liebe zu sehen. Sie äußert sich direkt nur sparsam und schlicht, indirekt durchwirkt sie das ganze aphoristische Werk. Mehr noch als die Satire ist die Sprach(gebrauchs)kritik die künstlerische Mitte, aus der heraus er produktiv wird. Aus diesem existenziellen Grund ist nicht nur alles, was sich selbstreferenziell zu seiner Person und (also) seiner Kunst zusammentragen lässt, untrennbar mit ihr verknüpft. Auch alle Themenfelder, von der Presse bis zum Krieg, durchzieht sie. „Von der Gesellschaft“ spricht er, indem er ihren Sprachgebrauch untersucht: die dumme Litotes („Ich sage nicht nein.“; 194), die ebenso dumme, alles entschuldigende Floskel („Man ist doch auch ein Mensch.“; 194), das Modewort („effektiv“, 195), die Grammatik („gesessen ist“ - „gesessen hat“, 197), die Metapher („abknöpfen“, 198). Im Kampf gegen das stilistische Ornament (an der Seite von Adolf Loos) konzentriert sich diese Sprachgebrauchskritik: gegen das verlogen-erlesene gebildete Vergleichen, gegen eine (sprachlich und also denkerisch und also „persönlich“) falsche Ornamentik, die noch im Krieg, wenn sie zum Gas greift, „zum Schwerte greift“ (440). Diese äußerste Sprachsensibilität als der Ausdruck seiner Liebe zur Sprache liegt schließlich auf der anderen Seite allen Formen seines Sprachspiels zugrunde, und das auf allen Niveau-Ebenen. Der Selbstreferenzialität sowie Literaturreflexion und Sprachkritik gegenüber sind alle anderen Themen durch zwei Bestimmungen untergeordnet: Sie leiten sich daraus ab, und sie sind fest umgrenzt. Für das Künstler-Thema ist das mehr als naheliegend. Im Übrigen sind Zahl und Art seiner Themen fast mit Zahl und Art seiner Gegner identisch. Presse und Feuilleton müssen da <?page no="152"?> 150 Das 20. Jahrhundert die Lieblingsfeinde sein, und überdeutlich sind Sprach- und Literaturkritik auch das Movens in dem bedauerlicherweise neuen, dem Kriegsthema. In den Kapiteln „1915“ und „Nachts“ ist in beinahe jedem Aphorismus ersichtlich, wie auf diese Weise insbesondere die Militarisierung des Denkens, der neuartig furchtbare Maschinenkrieg und die schändlichste Verbindung von Krieg und Kommerz angeprangert werden: „Jetzt sprechen hat entweder zur Voraussetzung, daß man keinen Kopf hat, oder zur Folge.“ (422) Auch die Modernekritik ist nichts für Kraus Bezeichnendes. Exemplarisch bemerkenswert aber ist es, von heute her zu sehen, wie er zu Antizipation, wenn nicht Prophetie gelangt, durch eben nichts anderes als die Form, die der Gedanke ist: „Die Entwicklung der Technik ist bei der Wehrlosigkeit vor der Technik angelangt.“ (421) Weniger dominant ist das sprachliche Element in seiner Hassliebe zu Österreich und insbesondere Wien, der stets (auch mit der klärenden Antithese Berlin) eigene Passagen oder Abschnitte gewidmet sind. Auch in seinem politischen Kampf gegen Liberalismus und Demokratie sowie in seinem Feldzug gegen die Psychoanalyse ist es allenfalls nebengeordnet. Das „Weib“ ist nicht nur der Reihenfolge nach jeweils Thema Nr. 1 in den Aphorismenbänden. Kraus befreit die Frau aus ihrer sexuellen Objektrolle und ist im Kampf gegen die Verdrängung alles Geschlechtlichen zweifellos auf ihrer Seite. Gleichzeitig überzieht er sie aber mit einer eigenartig übersexualisierten Norm, die mit ebenso geschlechtstypischer Geistlosigkeit verknüpft ist. Und er zwingt sie überdies in eine andere Objektrolle. „Die Frauen sind die besten, mit denen man am wenigsten spricht“ (20), heißt es am Beginn der aphoristischen Phase, „Eine Frau soll nicht einmal meiner Meinung sein, geschweige denn ihrer“ (317) an deren Ende; in „Pro domo et mundo“ wird die Maxime aufgestellt: „Das Weib habe so viel Geist, als ein Spiegel Körper hat.“ (188) Es kann gerade bei dem Formkünstler Kraus gar nicht anders sein, als dass sich die Form auch durch alle Inhalte hindurch hervorprägt. Wenn man dabei gewissermaßen von außen nach innen vorgeht, so beobachtet man, dass er in seine Aphorismenbände vereinzelt Lyrisches und Epigrammatisches einfügt; mit vereinzelten Dialogszenen gelingt ihm, der bei Nestroy gelernt hat, die fraglose, nämlich die fraglos notwendige Integration in einem solchen Aphorismus: „Es handelt sich in diesem Krieg -“ „Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg! “ (387) Mit Tagebuch, Anekdote und Glosse greift er auf traditionelle Grenzbereiche der Gattung aus. Die diaristische Wurzel seiner Aphoristik ist in der Buchform gegenüber den „Fackel“-Beiträgen als „Persönliches“ und als „Tagebuch“ zwar schon verdeckter, aber gleichfalls formal leicht nachzuweisen. Das Diaristische offenbart sich darüber hinaus aber noch in größerem Umfange: Kraus tritt mit Selbstbekenntnis, Selbstreflexion, Selbstbezug, Selbstrechtfertigung, Selbstverliebtheit im öffentlichen Tagebuch seiner vielen „Ich“-Aphorismen in den Dialog mit der Öffentlichkeit. Daneben ist die verwechselbare Nähe mancher Texte zu Anekdote und Glosse unverkennbar. Wo das Narrative bis auf den Trägersatz zurückgedrängt <?page no="153"?> Karl Kraus; Kraus-Nachfolge 151 ist, berühren sich Aphorismus, Anekdote und dramatisch-kabarettistische Kleinstszene. Der Kraus’sche Aphorismus ist insgesamt beileibe nicht so einheitlich kürzest-pointiert, wie die Aphorismen glauben machen wollen, die sich eben aufgrund ihrer Knappheit bevorzugt als Zitate anbieten und dadurch das Bild verschieben. Die klassischen Mittel des Aphorismus dürfen in unserer Formbeschreibung einen relativ kleinen Raum einnehmen (auch wenn ihre Bedeutung umgekehrt proportional dazu ist), sind sie doch immer wieder zusammengestellt worden: Vergleich, Definition, Antithese, Chiasmus, Paradoxon, Oxymoron, Wortspiel, Amphibolie, Paronomasie, Sprichwortvariation, Zitat. Vergleich und Paradox sind die häufigsten Stilmittel, dicht gefolgt von Antithese und Definition. Hier finden sich alle herkömmlich zitierten Aphorismen ein, die nicht zu Unrecht auf ihre Art Klassizität gewonnen haben. Man darf sich aber auch die enorme qualitative Bandbreite nicht verhehlen, die den Autor, mit einem stabilen Sockel sozusagen, der Durchschnittsaphoristik seiner Zeit einlagert. Bei der Definition zeigt sich dieser Durchschnittssockel als Bonmot, beim Wortspiel als Kalauer, bei Paradox und Umkehrung in der Manier. Am durchsichtigsten und einfachsten ist es, Kraus mit seinen Definitionen sowohl anzuschließen als auch herauszuheben. Sie reichen von der Sittlichkeit („Sittlichkeit ist das, was ohne unzüchtig zu sein [,] mein Schamgefühl gröblich verletzt.“; 39) bis zur Sozialpolitik („Sozialpolitik ist der verzweifelte Entschluss, an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.“; 70). Kraus einmal mehr als Meister des Wortspiels zu erweisen, ist müßig. In sehr vielen Fällen ist es für ihn eben nicht Ornament, nicht sekundäres Schmuckelement, sondern der genuine Ausdruck seines Gedankens. Wenn man aber sieht, welchen Hof an Bedeutung er einerseits in diesem Spiel mitliefert („Die anständigen Frauen empfinden es als die größte Dreistigkeit, wenn man ihnen unter das Bewußtsein greift.“; 35), dann muss man andererseits auch die billige Zitatvariation sehen, die als Siebziger-Jahre-Graffito nicht weiter auffiele: „Nicht jedes Mädchen fällt so ’rein! “ (41) Gewiss lässt sich ein Klassiker wie „Ein Paradoxon entsteht, wenn eine frühreife Erkenntnis mit dem Unsinn ihrer Zeit zusammenprallt“ (164) auf die meisten seiner eigenen Paradoxa anwenden. Aber auf die Dauer kann oder muss sich auch die Manier einschleichen, und Kraus entgeht ihr nicht immer. Am Spezialfall der Umkehrung, einer reichen Quelle seines Sprachdenkens, lässt sich dieses Manierhafte am besten problematisieren. Besonders häufig findet es sich in dem Kapitel erprobt, das das Verfahren explizit formuliert: „Sprüche und Widersprüche“. Wieder erwächst Nachhaltigkeit oft aus Einfachheit: „Nicht alles, was totgeschwiegen wird, lebt.“ (95) Es sind aber nicht immer die „verkehrungswürdigsten Redensarten“ (311), die Kraus zugrunde legt, und die Quelle ist nicht unerschöpflich. Die Manier ist durchsichtig, sie verlangt eine äußerst genaue Prüfung des Erkenntnisgehaltes in jedem einzelnen Fall. Seine Sprachbrillanz lockt zwar immer, aber die Freude am Vergnügen steht in <?page no="154"?> 152 Das 20. Jahrhundert vielen, vielleicht zu vielen Fällen in einem ungünstigen Verhältnis zur Nachhaltigkeit. Dass Kraus ein Aphoristiker von hohen Graden ist, bleibt dessen ungeachtet unbestritten. Er ist es mindestens so sehr durch das, was er sagt, als durch das, was er nicht nicht sagt, aber doch ungesagt erkennen lässt. Er bringt das aphoristische Enthymem zur höchsten Kunst. „Auch ein anständiger Mensch kann, vorausgesetzt, daß es nie herauskommt, sich heutzutage einen geachteten Namen schaffen“ (67): Das ist nur der kurze Text zu dem Kon-Text darüber, welche Kriterien für die gesellschaftliche Stellung zu seiner Zeit als gültig erachtet werden. Das Enthymem kann in dem Positiv bestehen, der vom Komparativ her zu konstruieren ist (67), es kann eine Aufzählung sein, die zum unwesentlichen Teil wiederholt wird (446), oder ein unvollständiger Schluss, bei dem mehr als die entscheidende Prämisse zu ergänzen ist: „Da das Halten wilder Tiere gesetzlich verboten ist, und die Haustiere mir kein Vergnügen machen, so bleibe ich lieber unverheiratet.“ (33) Im schönsten Fall ist es ein Satz reiner Information, der sich allein durch seine aphoristische Isolation semantisch und funktional grundlegend verändert: „Das Tragische leitet seinen Ursprung von einem Bocksspiel her.“ (37) Der andere Aspekt, der Kraus’ Aphoristik auszeichnet: sie ist geschriebene Schauspielkunst, ist von der Schmiere des Kalauers bis zum Staatstheater seiner unsterblichen Findungen von Effekt und Pose bestimmt: „Wenn ich vortrage, so ist es nicht gespielte Literatur. Aber was ich schreibe, ist geschriebene Schauspielkunst.“ (284) Es ist auffällig, dass Kraus im Gegensatz zu vielen bedeutenden aphoristischen Stimmen, die vom Unglücklichsein und Leiden durch das Denken sprechen, auf der Lust des Denkens besteht. Was diese Lust erzeugt, ist nicht der blanke, aber der sprachformgewordene Hass, das Schau-Spiel seiner satirisch durchtränkten Aphoristik. Seine Lust am aphoristischen Sprachdenken ist die Lust des Darstellers an der Rolle, die er sich in dem Einpersonenstück der „Fackel“ auf den Geist geschrieben hat: „Ich bin vielleicht der erste Fall eines Schreibers, der sein Schreiben zugleich schauspielerisch erlebt.“ (334) Die immense Ausstrahlungskraft von Karl Kraus im 20. Jahrhundert ist nur der Nietzsches zu vergleichen. Eindeutig stärker ausgeprägt als dort ist das Vorbildhafte, aus anderer Perspektive gesprochen: das Epigonale im formalen Sinne. Auch wo sein Einfluss nicht direkt nachweisbar ist, hat sich seine aphoristische Auffassung in so weitem Maße durchgesetzt, dass sie die Gattungsgeschichte das 20. Jahrhundert hindurch zu einem guten Teil bestimmt. In der jüngeren Generation der Expressionisten ist sein Einfluss ähnlich allgegenwärtig zu denken wie der Nietzsches, und er ist nicht auf Österreich beschränkt. Kurt Hiller kann sich ihm nicht verschließen, Leonhard hat ihn erkennbar rezipiert. Natürlich ist sein direkter Einfluss im Heimatland ungleich stärker, so auf den gesamten „Brenner“-Kreis und insbesondere auch auf Carl Dallago (1869-1949; „Das Buch der Unsicherheiten“, 1911). Eine wirk- <?page no="155"?> Karl Kraus; Kraus-Nachfolge 153 lich substanzielle literarische Beziehung besteht zu Alfred Grünewald (1884nach 1941; „Ergebnisse“, 1921). Für das aphoristische Werk Alfred Polgars und Egon Friedells liegt die Beeinflussung durch Kraus schon durch das Netz freundschaftlicher Beziehungen untereinander sowie mit Altenberg und Loos nahe. Anton Kuh ist ihm feindschaftlich verbunden. Egon Friedells (1878-1938) aphoristisches Werk ist schmal. Zu Lebzeiten sind zwei Bände erschienen, „Steinbruch“ 1922 und „Kleine Philosophie“ 1930, beide mit dem Nietzsche nachgebildeten Untertitel „Vermischte Meinungen und Sprüche“. „Steinbruch“ ist ihm eine erste Bilanz; gleichzeitig sind in dem Band die Kristallisationspunkte für seine spätere Kulturgeschichte zu sehen. Kurze Prosastücke und Feuilletons wechseln mit Aphorismen ab. „Kleine Philosophie“ stellt im Wesentlichen, wie bei Friedell üblich, eine Neuauflage in geänderter Anordnung dar. Seine Beziehung zur aphoristischen Tradition ist eng und vertraut. Über Novalis hat er promoviert, zu Lichtenberg stellt er 1910 eine sehr persönliche Auswahl zusammen. Der starke Anteil von selbstreferenziellen Aphorismen ist gewiss aus dieser Beschäftigung zu erklären. Ansonsten gibt sich der Band zu den klassischen Themen, „Zur Philosophie des Alltags“, „Zur Wissenschaft von der Seele“ oder „Der Mensch im Verkehr“, pointenbemüht. Im glücklicheren Falle werden wir da an Kraus erinnert: „Die meisten unserer heutigen Wahrheiten haben so kurze Beine, daß sie gerade so gut Lügen sein könnten.“ (Steinbruch, 23) Im unglücklicheren Fall ist das Milieu von Feuilleton und Kabarett unverkennbar: „Es wäre der größte Leichtsinn, Schulden zu machen, wenn man die Absicht hätte, sie zu bezahlen.“ (Steinbruch, 44) Auf der gleichen Linie, der des pointenorientierten Feuilletonisten, der sein Schreibhandwerk beherrscht, liegt Alfred Polgar (1873-1955). Er nimmt gelegentlich vereinzelt Aphorismen in die Bände auf, in denen er seine verschiedenartigen Kurztexte, Feuilletons, Kritiken, Anekdoten, Erzählungen, sammelt. Es sind en passant erfundene witzige Definitionen („Lebenskünstler ist, wer seinen Sommer so erlebt, daß er ihm noch den Winter wärmt.“; 3, 408) und Bonmots, die ihm unterlaufen, vornehmlich aus dem Umkreis seiner Theaterwelt. Sein Wortspiel ist nicht von der platten effekthascherischen Art, es reicht durchaus an das von Kraus heran. Man täte ihm aber damit immer noch Unrecht, wenn man darüber nicht bemerkte, dass er das Genre auch nutzt, um in großer Ernsthaftigkeit allgemeine Erkenntnisse seines Kritikerlebens zu formulieren, die maßstabbildend werden können: „Der große Satiriker zieht, was er ins Lächerliche zieht, mit dem gleichen Griff auch ins Ernsteste.“ (3, 410) Anton Kuhs (1890-1941) „Aussprüche“ „Physiognomik“ (1931) sind in ähnlicher Form zuerst 1922 als „Essays in Aussprüchen“ „Von Goethe abwärts“ erschienen. Auch damit mag sich der streitbare „Sprechsteller“ und Kritiker, der (unter anderem) Hiller politisch und Kraus persönlich bekämpft, im Prinzip an Börne orientieren. „Die vorliegenden Aphorismen haben den Vorzug, keine zu sein“ (Goethe, 155): Im Sinne dieser in sich selbst verschlun- <?page no="156"?> 154 Das 20. Jahrhundert genen Bestimmung und trotz des bewusst anspruchslosen Gattungsbegriffs, der im Dienst seiner Auseinandersetzung mit Kraus’ „Aphorismen“ steht, sind die Kurztexte jederzeit pointensicher. Thematisch bewegen sie sich im traditionalen Dreieck Österreich, Frauen sowie Literatur und Theater. Ihre Effekte schlagen sie aus bedingungslosen Wortspielen, die meuchlings loben (291) und aus dem Leumund riechen (290). Sie changieren zwischen journalistischem Bonmot bis hin zu Kalauer und gerade noch vermiedener Zote sowie einer pointiert satirischen Aphoristik, die Kraus wenig nachsteht. Über die Formgefallsucht führen sie dabei - äußerst vorsichtig gesagt - nicht immer hinaus. In der Summe bleibt für die Aphoristik aus dem Wiener Feuilleton nach Kraus (nach ihm auch dort, wo es gegen ihn ist) nur die Feststellung der Formgewandtheit bis zur eitlen Effektschreiberei ohne innovative Elemente und ohne einen vorausweisenden Impuls. Im Weiteren kann Kraus’ Ausstrahlung nur durch einige Namen dokumentiert werden. Vielfältig und voller Zustimmung sind die Verbindungen zu Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin, mit denen sich der Aphorismus im 20. Jahrhundert zur Philosophie hin öffnet. Auch Ferdinand Ebner und Theodor Haecker hat Kraus stark beeinflusst. Bei aller Bewunderung ist das Verhältnis beider aber dann letztlich doch nicht ohne scharfe Kritik. Dagegen schließen aus dem Umkreis des Exils Werner Kraft und erst recht Felix Pollak unverhohlen an ihn an; von Denkmalskult hat man bei dem einen, von Wahlverwandtschaft bei dem anderen gesprochen. Ähnlich bedeutsam und vielerorts nachweisbar ist sein Einfluss bei Erwin Chargaff. Nicht weniger kommt Elias Canetti von ihm her. Das kann aber über zentrale Unterschiede nicht hinwegtäuschen: den Verzicht auf die Attitüde des Entlarvens, den Verzicht auf sprachliche Brillanz, beider unterschiedlichen Satirebegriff und unterschiedliche Sprachauffassung. Canetti, dem Wortspiel und Pointe weitgehend fremd sind, entwickelt eine ganz eigene Art des Aphorismus oder der Aufzeichnung. Aus irgendeiner ‚Nachfolge’ von Kraus sind sie bei aller ursprünglichen Nähe nicht zu bestimmen. In einem völlig anderen aphoristischen Kontext ist Kraus’ Einfluss hingegen sehr bedeutsam: für Adornos „Minima moralia“ mit ihren Umkehrungen und Definitionen sowie dessen Schüler und die Kritische Linke überhaupt, zum Beispiel Hermann Schweppenhäuser und Ulrich Erckenbrecht. Kraus ist um 1970 bestimmendes Vorbild für so verschiedene Autoren wie Helmut Arntzen im Westen und André Brie im Osten. Bei den bedeutenderen Aphoristikern ist hingegen Zurückhaltung zu spüren, so besonders auffällig bei so unterschiedlichen Autoren wie Elazar Benyoëtz und Franz-Josef Czernin. <?page no="157"?> Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit 155 IV. Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit Die konservative österreichische Aphoristik zwischen dem Expressionismus und dem Anschluss an das Deutsche Reich vertreten vor allem die in wechselseitiger Freundschaft verbundenen Autoren Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler; wie im Expressionismus sind die Bezüge zu Deutschland, hier zu Rudolf Alexander Schröder und Rudolf Borchardt, eng. Unter den verschiedenen kleineren Autoren spielt Richard von Schaukal eine eigene, nicht ganz unbedeutende Rolle. Von den ungleich bedeutenderen Franz Kafka und Robert Musil gehen dagegen je eigene Erneuerungen der Gattung aus. Um auch von hier aus zunächst noch einmal auf Kraus’ Ausstrahlungskraft zu sprechen zu kommen: Weniger Feindschaft als Fremdheit ist es, was die Beziehung von Hofmannsthal, Schnitzler und Schaukal zu ihm und die seine zu ihnen bestimmt. Sie sind zwar gleichaltrig oder älter, der aphoristische Teil ihres Werkes fällt aber wesentlich in die zwanziger Jahre. Dennoch sind sie von ihrer ganzen Literaturauffassung her immunisiert gegen sein Aphorismusverständnis. Seinem fanatischen Sprachglauben und entschiedenen Sprachdenken steht die Hofmannsthal’sche Sprachskepsis gegenüber. Ganz ähnlich Schnitzler, der zum Teil höchste Anerkennung äußert, dann aber doch im Wesentlichen Eitelkeit und Rachsucht als Triebfedern des Satirikers herausstellt und seine brillante Aggressivität ablehnt. Bei Schaukal ist die geistige Entfernung zu Kraus trotz einer fast vierzigjährigen Bekanntschaft eher noch größer. Auch Musil, jeder geistigen Diktatorenverehrung wie dem trügerischen Gedankenblitz gleichermaßen abgeneigt, beurteilt ihn mit der Klarsichtigkeit scharfer Distanz, und Kafkas Aphoristik kann geradezu als die gattungsgeschichtliche Gegenkonzeption verstanden werden. Schon seit den Jahren 1890/ 1891 erprobt der junge Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) im Zusammenhang mit seiner Nietzsche-Lektüre die Form und mustert ihren Wert kritisch. Sein bedeutender Beitrag zur Gattung, das „Buch der Freunde“, das seinen Ursprung in Tagebuchnotizen hat, ist allerdings erst 1919 disponiert; 1922 ist es erschienen und 1929 geringfügig erweitert sowie mit dem Untertitel „Tagebuch-Aufzeichnungen“ und einem Nachwort des Freundes Schröder versehen worden. Dem Titel wie der Anlage nach steht es in der Goethe-Nachfolge. Von einem geplanten „Divan“-Buch ist der Titel übernommen, ganz wie bei Goethe stellt es eine Mischung „Aus Eigenem und Angeeignetem“ dar. In vier Abschnitten stehen 370 eigenen Aphorismen 180 „angeeignete“ Stücke gegenüber: Exzerpte, Zitate, Anekdoten. Der Genitiv im Titel ist doppeldeutig: Das Buch sammelt Beiträge von Freunden und für Freunde. In diesem Miteinander von Eigenem und Fremdem ist es der moderne Sonderfall. Seine aphoristischen Schutzgötter sind zuvörderst Goethe und Novalis, auch La Bruyère. Es ist ganz überwiegend durch den überlegenen Maximenton Goethes geprägt: „Gelten lassen ist schwerer, als sich begeistern.“ (8) Ambivalenz durchwirkt das ganze Buch; sie äußert sich im Austarieren von Tä- <?page no="158"?> 156 Das 20. Jahrhundert tigkeit und Leiden, Trägheit und Aktivität, von Wenig und Mehr, von Kraft und Schwäche. Sie erscheint als ein ruhiges Vermitteln, ein Mittel-Maß, das weit davon entfernt ist, ein bequemer Mittelweg zu sein: „Die Formen beleben und töten.“ (52) Aus ihr gewinnt das Konstatieren seine aphoristische Essenz: in ruhiger Gewissheit die Härte ihrer geistigen Zumutung: „Reifer werden heißt schärfer trennen, inniger verbinden.“ (46) Und sie verbindet sich mit einer gewissermaßen ‚sanften’ Paradoxie, sanft deshalb, weil sie nicht auf rhetorischer Brillanz beruht, sondern allein auf der Gedankentiefe, auch dort, wo diese die Oberfläche ergründet: Aus lauter Leeren ist die Fülle der menschlichen Existenz aufgebaut. (50) Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche. (51) Wenn sie auch im Einzelfall durch eine ausgefeilte Rhetorik gestützt sein kann, so unterscheidet sie sich doch von der Sprachbrillanz Kraus’ in jedem Fall und prinzipiell. Diesem vermittelnd-ambivalenten gedanklichen Zugriff öffnet sich ein breites inhaltliches Spektrum, das die klassischen Themen wie Liebe und Ehe, Eitelkeit und Selbstsucht, Jugend und Alter nicht auslässt, aber sein geistiges Zentrum gleichwohl deutlich zu erkennen gibt. Gegründet ist es in konservativen Werten wie Autorität und Anstand, dessen Regeln der Autor auch „das Geistige“ unterworfen wissen will: „Die Regeln des Anstandes, richtig verstanden, sind Wegweiser auch im Geistigen.“ (26) Als Zeitgefühl passt sich diesem Konservativismus ein in doppelter Weise gebrochenes Verhältnis zur Gegenwart ein: Sie wird in einem zeitlosen Denken, das eben „Freunde“ in allen Epochen sucht, überschritten, sie wird grundsätzlich kritisiert. Auf solcher Grundlage entfaltet Hofmannsthal seine zentralen Überlegungen zu den Bedingungen dichterischer Produktion, vor allem im vierten Teil, wo von der Leitfigur Goethe her, aber auch durch die Musterung vieler anderer Autoren eine ganze Poetologie ersichtlich wird. Ihr geht es nicht nur um Form und Nuance, um Geschmack und Stil, sondern mit Begriffen wie Religion und Reinigung um die künstlerisch ‚letzten’ Fragen nach der dichterischen Aufgabe. Eingebettet sind diese poetologischen Aphorismen in Überlegungen zur Spannung von Geist und Wirklichkeit und in das Konzept einer letzten Herrschaft des Geistes: „Der Geist sucht das Wirkliche, der Ungeist haftet am Unwirklichen.“ (38) Hier verbinden sich für den Autor nicht nur Ethik und Erkenntniskritik. Es kommt etwas Wesentliches zu dieser konservativen Geist-Konzeption hinzu: das überaus starke Gewicht der arationalen Elemente, das die Aphorismen durchweg erkennen lassen, das Verhältnis dieser Wirklichkeit zur „Unwirklichkeit“: „Wer die höchste Unwirklichkeit erfaßt, wird die höchste Wirklichkeit gestalten.“ (43) Neben dem „Buch der Freunde“ und neben den Aufzeichnungen „Ad me ipsum“ von 1916 sind für den Aphoristiker Hofmannsthal Teile der nachgelassenen Aufzeichnungen von Belang. Sie lassen ihn insgesamt als genuinen Aphoristiker erkennen. Auch die Grundlinien treten darin noch einmal her- <?page no="159"?> Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit 157 vor, die Verflechtung mit den Nachbargattungen, mit Tagebuch, Anekdote, Maxime; die konservative Gebundenheit; die Ambivalenz, die eine ‚sanfte’ Paradoxie einschließt; die Aneignung und Einbindung von Fremdem; der arationale Untergrund. Was die frühe aphoristische Tätigkeit betrifft, so steht Arthur Schnitzler (1862-1931) dem Freund in nichts nach. Auch er schreibt seit dem siebzehnten Lebensjahr Aphorismen. Um 1924/ 25 steht das Genre im Mittelpunkt seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Sein „Buch der Sprüche und Bedenken“ (1927) ist die sorgsam komponierte Auswahl aus seinem gesamten aphoristischen Werk. Diverses verstreut und aus dem Nachlass Gedrucktes kommt hinzu, das den Vergleich mit seinem aphoristischen Vermächtnis nicht zu scheuen braucht und überdies einen Blick in die schriftstellerische Werkstatt erlaubt, wo sich etwa der aphoristische Kern dramatischer Pläne erkennen lässt oder, wohl als Dialogmaterial, „Bagatellen“ festgehalten sind. Schnitzler greift über Kraus als die Vollendung des sprachspielerischen Aphorismus hinweg auf die älteren Traditionen zurück, die sich in Moralistik und Aphoristik bewahrt haben, und ist damit in den wesentlichen Aspekten dessen eigentlicher aphoristischer Antipode. So werden schon dort, wo beide thematisch gliedern, in ihren Untertiteln grundlegende Unterschiede deutlich. Während der eine ruhig von „Verantwortung und Gewissen“ spricht, handelt der andere in genüsslich-bissiger Zusammenstellung „Von Journalisten, Ästheten, Politikern, Psychologen, Dummköpfen und Gelehrten“. Und die aphoristische Erörterung des Verhältnisses von Lüge und Wahrheit ist hier nicht von der Pointe geprägt, sondern von einer ethischen Grundhaltung: „Eine sogenannte Halbwahrheit, sie mag sich aufspielen wie sie will, wird niemals eine ganze Wahrheit werden. Ja, wenn wir ihr nur scharf genug ins Auge sehen, so ist sie immer eine ganze Lüge gewesen.“ (51) Das „Buch der Sprüche und Bedenken“ erschließt sich am ehesten, wenn man von dem Rahmen her zur Mitte, allerdings einer inneren Mitte, vordringt. Schon mit dem Titel ist die Grundhaltung, die Spannung zwischen Geltungsanspruch und (Selbst-)Skepsis, aufgenommen. Im Vorwort scheint der Verfasser genre-typisch bescheiden: „Man nehme es [dieses Buch] einfach als Tagebuch, besser noch als eine Reihe von Bemerkungen, die anläßlich von Erlebnissen, äußeren und inneren, manchmal nach reiflicher Erwägung, öfter noch aus einer augenblicklichen Stimmung heraus aufgezeichnet wurden.“ (7) Der Hinweis auf „Erlebnis“ und „Stimmung“ macht die scheinbar bewusst belanglos formulierten Bemerkungen, auch im Vergleich zu dem Spracherlebnis-Aphoristiker Kraus, zu Gattungs-„Bemerkungen“ im Sinne Mutschelles, Lichtenbergs, Jean Pauls. „Tiefe eines Gedankens ist keine Eigenschaft an sich. Ein Gedanke erscheint uns dann tief, wenn er klar, stark und wahr ist, immer also, wenn er vom Hauch des Erlebnisses umwittert ist, dem er seine Entstehung verdankt.“ (28): Die Tiefe des Gedankens steht in unmittelbarem Verhältnis zum Erlebnis; sie erscheint in Gestalt der drei entscheidenden Bestimmungen des Aphorismus, Klarheit, Stärke, Wahrheit, die wiederum aus <?page no="160"?> 158 Das 20. Jahrhundert nichts anderem als dem „Erlebnis“ resultieren. Im Konflikt zwischen vereinfachender Kürze einerseits, genauer Analyse und ethischer Klarheit andererseits votiert Schnitzler häufig gegen die Knappheit, die auf Kosten der Differenzierung geht. Er führt den Aphorismus auf den Kern zurück, die künstlerische Form eines Gedanken-Erlebnisses. Das zielt gegen den nur effektvoll-verspielten Gedankensplitter der Jahrhundertwende wie gegen Kraus, das richtet sich gegen eigene Versuchungen. Der durchgängig analytische Ansatz, wie er sich hier zeigt, entspricht seiner skeptisch-ambivalenten Haltung seit 1879, durch die aphoristische Praxis und Gattungsreflexion von Beginn an Hand in Hand gehen; ihren Schlussstein bilden die selbstreferenziellen Aphorismen, mit denen er das „Buch der Sprüche und Bedenken“ abschließt. Ihr Prinzip ist das der spannungsvollen Balance zwischen aphoristischem Geltungsanspruch und selbstreflexiv-skeptischen „Bedenken“. Schnitzlers Aphoristik entlässt den Leser als auf sein eigenes Denken verwiesen und bringt auf dieser Ebene erst recht den dialogischen Charakter der Gattung zum Ausdruck. Am Ende betont er noch einmal zweierlei, um das es ihm im Ganzen zu tun ist: in einem neuen Bildversuch das Verhältnis von Wahrheit und Lüge: „Ein Sophisma ist nur selten eine blanke Unwahrheit; meist ist sie ein gesunder Trank Lüge - der aber durch einen Tropfen Wahrheit vergiftet wurde“ (132), dazu die rational-emotionale Integration: „Ich glaube deine Weisheit nur, wenn sie dir aus dem Herzen, deine Güte nur, wenn sie dir aus dem Verstande kommt.“ (130) Am weitesten entfernt von diesem aphoristischen Zentrum scheint er in den Kapiteln „Tageswirren, Gang der Zeiten“ und „Werk und Widerhall“. Hier wiederholt er sich in der absoluten Verurteilung des Politischen als Komödie, Verbrechen oder Beschränktheit; hier bleibt er zu Kunst und Theater eine lange Weile in der gewöhnlichen Position des zurückscheltenden Gescholtenen. In dem ethisch-moralistischen Kerngebiet von „Beziehungen und Einsamkeiten“ und „Verantwortung und Gewissen“ kommt seine aphoristische Spezifik dagegen viel besser zu Ausdruck und Wirkung. Hier ist Schnitzler als Psychologe und Seelenkenner Moralist in beiden Bedeutungen des Wortes, der dialektisch seziert („Aus einem bestimmten Anlaß betrügen, heißt beinahe schon treu sein.“; 66) und sich als ein schwerlich zu übertreffender Analytiker der Empfindungen beweist: „Das Beste, was Liebende im Laufe der Zeit einander werden können, das ist: Surrogate ihrer Träume oder Symbole ihrer Sehnsucht.“ (67) Es ist die ärztliche Diagnostik, an die solche aphoristische Analyse erinnert. Dieser Arzt ist unerbittlich in seiner Diagnose und äußerst skeptisch, was die Therapie betrifft. Er befasst sich mit dem Menschen weit über das Organische hinaus und da erst recht, und er tut dabei alles andere, als von sich abzusehen. Metaphysische Probleme berührt das Kapitel „Ahnungen und Fragen“, das in größerer formaler Bandbreite, vom bekenntnishaft ausgeführten Tagebuchauszug und der philosophischen Kurzerörterung bis zum knappen Chiasmus von einer geradezu bestechenden skeptisch-agnostizistischen Ernsthaftigkeit geprägt ist: „Wer Gott glaubt, mag zu ihm beten, wer ihn weiß, dessen <?page no="161"?> Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit 159 Andacht heißt Arbeit.“ (19) Es geht dabei um stete Annäherung, nicht um vermeintliches Angekommensein: „Wenn du vor den Altar der Wahrheit trittst, so wirst du dort Viele auf den Knieen finden. Doch auf dem Wege dahin wirst du immer allein gewesen sein.“ (29) Statt effektvoller Knappheit werden in ruhigem Durchdringen bis auf die dialektischen Wurzeln der Glaube im Zweifel, der Zweifel im Glauben erkundet. Statt dem „trügerischen Trost einer willkürlich geordneten Welt“ besteht der Autor auf der „verwirrenden Vielfältigkeit der Einzelerscheinungen“ mit ihrer „chaotischen Wahrheit“ (26), auf Empirie und Skepsis eben gegen den Willen zum System. So vertritt Schnitzler mit seinem skeptisch-analytischen Zugriff auf das Einzelne nicht nur gegenüber Kraus, auch gegenüber Hofmannsthal eine ganz eigene Varietät des Aphorismus im 20. Jahrhundert. Mit den „Gedanken“ Richard von Schaukals (1874-1942) betritt man eine völlig andere geistige Welt. Unter diesem Titel sammelt der überzeugte Monarchist 1931 seine Aphorismen aus zwei Jahrzehnten, wie sie vor allem in dem Band „Beiläufig“ (1912) und in den „Erlebten Gedanken“ von 1918, daneben verstreut in Zeitschriften erschienen sind. Der einfach „Gedanken“ betitelte voluminöse Band von 1931 gibt mit ca. 1600 Aphorismen die Summe von diesem Teil des Schaukal’schen Werkes. Das Kürze-Ideal ist bis an seine Grenze getrieben. Der Ton ist stets unpersönlich-allgemein und statuierend; knappe Bestimmtheit und (Selbst-)Gewissheit kennzeichnen die Texte, Selbstwidersprüche wird man in diesem festen Ideologiegebäude kaum finden, Regeln sind hier der konsequente Endpunkt. Nicht selten wird dabei das hinlänglich Bekannte zu den großen Themen von Freiheit, Liebe oder Glück in schöner Unbefangenheit noch einmal wie neu gesagt. Diese Aphorismen wollen nicht mit ihrer äußeren Form brillieren, die rhetorischen Mittel setzen sie äußerst sparsam ein; selten findet der Leser eine Umkehrung, ein Paradoxon oder ein Wortspiel, nur die Sprichwortvariation bildet eine Ausnahme. Die Weltanschauung, die in der Behandlung aller nur klassischen moralistischen Themen klar zutage tritt, ist als vielfache Reaktion zu beschreiben. Gegen Ratio („Vernunft beschränkt, Glauben macht frei.“; Gedanken, 21) und Aufklärung („Aufklärung trübt Anschauung.“; 164) setzt sie „Schau“ und „Herz“: „Der Kopf beschränkt, das Herz erweitert die Schau.“ (172) Damit gesellt sich Schaukal, verbal unpolitisch, unterschiedslos der werterettenden, antimaterialistischen und zivilisationskritischen Aphoristik der Jahrhundertwende in deren Metaphorik bei. Ein stolzer Individualismus, zu höchster Ideologie getriebene Selbsttreue und Verachtung für jedes ‚Gemeine’ zeichnet seine Texte aus. Gegen demokratische Werte werden die Werte des Blutes gesetzt: „Charakter als das Persönliche ist im Blut gegeben.“ (64) Entscheidend für die Bewertung ist nicht dieser reaktionäre Sündenkatalog, entscheidend ist, dass er kaum Eigenständiges zu sagen hat, sondern die klassische Moralistik auf das genaueste repetiert und Gemeinplätze ausbreitet, sei es zur Kunst („Wenn ein Kunstwerk nicht nötig ist, ist es überflüssig.“; 99), sei es zur Wahrheit („Alles, was nicht genau bei der Wahrheit bleibt, ist Lüge.“; 119). <?page no="162"?> 160 Das 20. Jahrhundert Wenn man sieht, dass und vor allem: wie Schaukal 1931 den Verlust aller abendländischen Kulturwerte beklagt und sich zwei Jahre später den kulturerneuernden Nazis andient, dann ist es schwer, sich von Hohn freizuhalten und diesen Aphorismus über die Deutschen nicht gegen ihn auf ihn anzuwenden: „Der Deutsche liebt das Pathos der Banalität.“ (143) Der Spätling Schaukal erinnert weit eher an jemanden wie Baer-Oberdorf im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts als an einen Aphoristiker, der nach Kraus und Schnitzler und am Vorabend des nationalsozialistisch-großdeutschen Reiches formerneuernd Eigenes zu sagen hätte. Diese Autoren wirken in einem Umfeld, für das der Aphorismus seit je eine vertraute Gattung ist. Es sei nur auf Ludwig Goldscheider (1896-1973) und seinen 1924 erschienenen Band „Ruhe auf der Flucht“ und aus Schnitzlers Freundeskreis auf Raoul Auernheimer (1876-1948) verwiesen, den Burgtheaterkritiker und Redakteur, der 1938 ins Exil nach New York entkommt. Eine Aphorismensammlung „In Worten“ hat er noch vor der Emigration zusammengestellt, der zweite Teil, „Was ich sagen wollte“, ist zwischen 1939 und 1943 entstanden. Franz Kafka (1883-1924) hat keine Aphorismen veröffentlicht, er hat auch keine Texte hinterlassen, die er mit diesem Gattungsbegriff bezeichnet hätte. Seine Aufzeichnungen in den Oktavheften 1917/ 18 und in den Tagebüchern von 1920 sind aber teilweise unbestreitbar von dieser Art. Aus dem dritten und vierten Oktavheft, vom 19. Oktober 1917 bis zum 26. Februar 1918 in Zürau unter dem Eindruck der diagnostizierten Tuberkulose und der unausweichlichen Trennung von Felice entstanden, stellt er eine unbetitelte, nummerierte Aphorismensammlung zusammen, im Wesentlichen noch in Zürau, abschließend aber in den Krisenmonaten August bis Oktober 1920 in der Parallelsituation nach der Entfremdung von Milena; acht neu entstandene Stücke fügt er ein. Als „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ wird sie 1931 in dem Nachlassband „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ veröffentlicht. Dort ist auch eine zweite, in den Tagebüchern vom 6. Januar bis zum 29. Februar 1920 im Einzelnen datierte Reihe von Aphorismen herausgehoben und unter dem Titel „Er“ abgedruckt; heute findet sie sich wieder richtig in ihrem diaristischen Zusammenhang. Es sind Dokumente von Lebenskrisen, und sie wurzeln fest im Biographischen. Es lässt sich aber beobachten, wie sie aus diesen Zusammenhängen herauswachsen. Die Aphorismen erschöpfen sich also nicht im Diaristisch- Autobiographischen, und sie sind im Vergleich zu den episch-fiktionalen Ergebnissen seines Schreibens auch nicht als dessen nicht-fiktionale Reflexionen zu verstehen. Die auch für dieses Segment seines Schreibens überreiche Sekundärliteratur hat sich unter anderem intensiv der Einflussfrage gewidmet. Es sind in seinem Falle nicht Goethe, nicht Lichtenberg, auch nicht die französische Moralistik, schon gar nicht Nietzsche oder die Romantik, die als Vorläufer heranzuziehen sind. Das spezifisch Gattungshafte ordnet sich den thematisch- <?page no="163"?> Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit 161 personalen Beziehungen eindeutig unter, und die Gattung samt ihrer Geschichte ist für Kafka ohne besonderen Belang. Autobiographie und Tagebuch sind ihm ungleich wichtiger; Berührungspunkte von Bedeutung ergeben sich dadurch für den Aphorismus bei Hebbel, Pascal und Kierkegaard. Diesem Befund scheint der Blick auf die Umarbeitungen zunächst zu widersprechen, die er in der vorläufigen Reinschrift an seinen Oktavheft- Eintragungen vornimmt. Aber bei näherer Untersuchung lösen sich alle Argumente für ein Gattungsbewusstsein Kafkas aus der Art seiner Umarbeitung heraus in Gegenbeispielen auf. Nicht weniger schwierig lässt er sich über die Entfaltung der Inhalte in die Gattungstradition einordnen. Die Aphorismen sind sämtlich eindeutig theologisch orientiert und stehen nicht nur insofern deutlicher in einem inneren Zusammenhang. Einzig an Pascal als den Sonderfall innerhalb der Gattungsgeschichte ließe sich denken. Das bedeutet nicht, dass es nicht thematische Berührungspunkte gäbe, so etwa bei Wahrheit und Lüge. Kafkas Aphorismus in dem Zusammenhang sprengt diesen gleichzeitig: „Wahrheit ist unteilbar, kann sich also nicht selbst erkennen; wer sie erkennen will, muß Lüge sein.“ (130) Mit „unteilbar“ antwortet er auf die reflexiv auflösende und aufteilende Gattungstradition noch auf seine Weise; am Schluss gibt sich der Aphorismus als singulär und im Wesentlichen außerhalb des Zusammenhanges stehend zu erkennen. Der scheinbare Berührungspunkt erweist sich als Trennstrich. Es ist gewissermaßen ein Sprung in eine existenzielle Dimension, und man sieht auch syntaktisch genau, wo er unternommen wird: zwischen „Lüge“ und „sein“, das etwas gänzlich anderes als eine Pointe bildet, wenngleich sich funktionelle Parallelen ergeben. Bis zur „Lüge“ ist ein aus der Tradition heraus zu erwartender Aphorismus noch denkbar, im nächsten Wort nicht mehr. Kafka als Aphoristiker, der die Gattung eher grundlegend erneuert denn erfüllt: das ist eine weitreichende Behauptung, die sich, auf schmalster Basis exemplarisch erwiesen, zweifellos nur halten lässt, sofern sie strukturell gestützt werden kann. Seine Aphorismen sind gewiss auf verschiedenen Ebenen in die Gattungsgeschichte einzufügen, symptomatisch aber ist nicht nur das Eigene und Neue, symptomatisch ist auch eine durchgängige Unbekümmertheit dem gegenüber, was diese anscheinend oder scheinbar nahelegt, bereitstellt, fordert. Die isolierte Eigenständigkeit, letztlich das Ausschlusskriterium der Gattung, ist prinzipiell ebenso gegeben wie sie in gar nicht so wenigen Einzelfällen aufgehoben ist, semantisch oder auch syntaktisch. Um ein Detail herauszugreifen: Dass „Er“ im Aphorismus eine eigene Person zwischen verdecktem Persönlichen und beobachtetem Fremden bezeichnet, dass dieses „Er“ also zum „Vermittlungsglied zwischen Selbstbezug und moralistischer Aussage, zwischen unverwechselbar Privatem und distanziert Objektivem“ wird und man dieserart analog zum lyrischen Ich von einem aphoristischen Er sprechen kann, ist schon seit Lichtenberg und bis zu den Zeitgenossen Schnitzler und Tucholsky und über sie hinaus nachweisbar. Kafkas Er- Aphorismus nun entwickelt sich gleichfalls von daher, wird aber durch die <?page no="164"?> 162 Das 20. Jahrhundert Verbindung mit der ausweglosen Zirkelstruktur, die noch zu zeigen ist, zum signifikant Eigenen. Das aphoristische Bild ist es, das sich über jede moralistische Annäherung, über Imperativ oder Er-Aphorismus hinweg, als das für Kafka eigentlich Markante und Auszeichnende zu erkennen gibt. Nun sind zwar auch Gedankenbild und Metapher in der deutschen Aphoristik gleichfalls mindestens seit Lichtenberg und besonders schon bei ihm von besonderer Bedeutung, aber der Bildaphorismus bei Kafka ist doch von qualitativ anderer Art. Die „Metamorphose des Bildaphorismus“, die im französischen Surrealismus, bei René Char und anderen nachgewiesen wurde, findet in Deutschland nur keimhaft statt. Bei Kafka nun zeigen sich ganz erstaunliche Parallelen, etwa zu Max Jacobs „Le Cornet à Dés“. Es ist - bei allen Unterschieden - die autonome Bildlichkeit Kafkas wie Jacobs, die die vielen Gestaltungen zusammenhält. Genau sie aber führt in Frankreich auf breiter Ebene, in Deutschland dagegen, von kleineren Ansätzen in Expressionismus und Dadaismus abgesehen, allein bei Kafka zu einer grundlegenden Erneuerung der Aphoristik. Auch im Vergleich zu René Chars „Feuillets d’Hypnos“ ist es nicht so sehr die Verwandtschaft von Motiven, sondern von einzelnen Strukturen und Figuren, die bei aller Verschiedenheit beider - Aphoristik in der Nähe von Lyrik und Aktion im einen, von Meditation und Reflexion im andern Fall - zu bemerken ist. Wie sehr der reine Bildbereich mit dem verwoben ist, was man philosophische Erörterung genannt hat, das lässt sich an der für Kafka eigentümlichen Figur der Zurücknahme am besten erweisen. In ihrer einfachsten Form zeigt sie sich als Selbstkorrektur („aber“). Die Vertreibung aus dem Paradies ist unbestreitbar: „ewig“, „endgiltig“, „unausweichlich“, und gleichzeitig ist sie möglicherweise gar nicht: Die Vertreibung aus dem Paradies ist in ihrem Hauptteil ewig: Es ist also zwar die Vertreibung aus dem Paradies endgiltig, das Leben in der Welt unausweichlich, die Ewigkeit des Vorgangs aber macht es trotzdem möglich, daß wir nicht nur dauernd im Paradiese bleiben könnten, sondern tatsächlich dort dauernd sind, gleichgültig ob wir es hier wissen oder nicht. (127) Einen Dreischritt anstelle einfacher Korrektur vollzieht dieser argumentierende Bild-Aphorismus: „So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält ihn aber fest nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch in jene Weite führt der Weg.“ (118) Auf das Bild folgt die Auflösung dessen, um dessentwillen das Bild entworfen war, ehe wiederum die Auflösung auch dessen vollzogen wird, zu dem, was dem Bild und seiner verunsichernden Auflösung gemeinsam wesentlich ist: eine doppelte Zurücknahme, bei der die zweite die erste aufhebt, oder, im Kafka’schen Sinne genauer: aufzuheben scheint. Die Zurücknahme bringt sich in der kasuistischen Erörterung zur Geltung, die juristische Schulung verrät, indem sie sie in Extreme treibt. In der Zirkelstruktur zeigt sie sich am reinsten. Die Form der Kreisbildung konstituiert in der Regel eine Unentrinnbarkeit und Ausweglosigkeit, für die das Rad, in <?page no="165"?> Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit 163 dem eine Maus sich laufend nicht fortbewegt, das angemessene Bild abgibt. Semantisch ist der in sich zurückführende Kreisgang mit „dann aber auch“ oder „wieder“ angezeigt: „Er frißt den Abfall vom eigenen Tisch; dadurch wird er zwar ein Weilchen lang satter als alle, verlernt aber oben vom Tisch zu essen; dadurch hört dann aber auch der Abfall auf.“ (129) Man kann diese für Kafka zentrale Bild- und Argumentationsstruktur als existenzielles Paradoxon interpretieren. Vielleicht ist die ausweglose Rückführung in sich selbst als Aporie am besten zu verstehen. Zwei entgegengesetzte Handlungen haben das gleiche Ergebnis, „sündig“ sind wir in jedem Falle und „unabhängig von Schuld“ (131). Bilder treiben diese Aporie heraus. Gerade und nur, was unmöglich ist, ist auch vonnöten: „Zwei Aufgaben des Lebensanfangs: Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob Du Dich nicht irgendwo außerhalb Deines Kreises versteckt hältst.“ (134) Auch Kafka durchbricht im aphoristischen Denken den falschen, den „gegenteiligen Schein“ (132) jeweils, auch er ist auf „Entlarvung“ (140) aus - allerdings in existenziellen, nicht in sozialen Fragen. Der moralistische Ansatz führt aber nicht zur Erkenntnis, sondern kommt zunehmend in Verwirrung, „sobald das Ich [...] in den Denk- und Klärungsprozess hineingerät.“ Wenn diese Verschiebungen „dem festgefahrenen Denken wieder zur Beweglichkeit verhelfen und ihm den Weg zu alogischen Erkenntnissen öffnen“, dann ist das einerseits genuin aphoristisch, andererseits ist damit die entscheidende Wende zur denkbestimmenden Subjektivität bezeichnet. Besonders wichtig und erkenntnisfördernd in dieser Analyse seiner Stellung innerhalb der Gattungsgeschichte ist der Gegensatz zu Kraus’ Paradoxie. Kafkas Ich bleibt demgegenüber nie bloß erkennend, sondern es unterwirft sich diesem Erkenntnisprozess stets auch selbst. Während Kraus innerhalb der Gattungsgeschichte insoweit einen - glänzenden - Schlusspunkt darstellt, bezeichnet Kafka einen innovativen Ausgangspunkt. Das Ergebnis der Analyse seiner Aphorismen ist damit nicht nur angemessen, auch ermutigend paradox: Gerade von ihm, der in seinen Texten denkbar unbekümmert um alles Gattungshafte vorgeht, empfängt die Gattung die entscheidenden neuen Impulse. Mit ihm ist nicht nur das Ende aller Lebensweisheit bezeichnet. Auch und vor allem geht mit einem neuen autonomen Bild-Aphorismus, wie er in Frankreich ausgeprägter wahrgenommen werden kann, eine in der Subjektivität wurzelnde „Denkverschiebung“ als das Ende des auflösbaren Paradoxons einher. Robert Musil (1880-1942) hat in den Jahren 1935-1937 genau 24 Aphorismen veröffentlicht. Seine Beschäftigung mit der Gattung geschieht allerdings nicht voraussetzungslos; schon im Tagebuch von 1918 reflektiert er das Verhältnis von System und einzelnen Ideen, die „eigentlich“ Aphorismen seien (Tagebücher 1, 446). Angesichts dessen scheint die Sekundärliteratur unverhältnismäßig, ja grotesk breit. Sie erklärt sich aber nicht nur aus den aphoristischen Notizen aus dem Nachlass, die auch nur ca. fünfzig Seiten ausmachen, sondern vor allem aus der Tatsache, dass Musil sich in den letzten sieben <?page no="166"?> 164 Das 20. Jahrhundert Lebensjahren auf diesem engen Raum wie kein anderer im 20. Jahrhundert mit der Gattung auseinandersetzt und ihre grundstürzende Erneuerung ins Werk zu setzen sucht. Die Texte des Nachlasses stehen zwischen Tagebuch und Aphorismus; am ehesten sollte man hier von aphoristischem Material sprechen. Sie reichen von dem Versuch zu einer Fortsetzung des gedruckten „Rapials“ bis zu den flüchtigen Niederschlägen seiner Suche nach einer prinzipiellen Neuorientierung. Ihre eigentliche Bedeutung gewinnen sie dadurch, dass hier in Notizen bis zum Halb- und Unfertigen hin die Ansätze zu einer aphoristischen Theorie und auf dieser Grundlage zu einer schriftstellerischen Neubesinnung zu verfolgen sind. Die veröffentlichte aphoristische Praxis geht dem in drei kleinen Sammlungen voran, in denen sich der Autor als Dichtungskritiker im buchstäblichen Sinne wie als Zeitdiagnostiker zeigt. Die formale Spannweite der konsequent mit Überschriften versehenen Texte ist groß; die Pointe wird sprachlich zugunsten gedanklicher Skrupulosität verschenkt. Mit seiner Tendenz zur Längung und Ent-Schärfung geht Musil hier, von einer aphoristischen Norm gesehen, umgekehrt, eindeutig ‚unaphoristisch’ vor. Wenn also auch in aller Regel ohne formale Brillanz, so sind die Aphorismen doch von äußerster gedanklicher Präzision und Schärfe. Sein umfassendes Misstrauen in die Schlagkraft des Genres entwickelt sich, wie die parallellaufende Gattungsreflexion verstehen hilft, aus einem gestörten Vertrauensverhältnis zu ihm heraus. Der Titel „Allerhand Fragliches“ gewinnt etwas Programmatisches. Frage, Hypothese, Überlegung und Überlegungsaufforderung bestimmen die Texte, eine Haltung des „wäre“, „ließe“, „könnte“. Er beruft sich auf Lichtenberg als eine Autorität; der Begriff des „Rapial“ steht im Zusammenhang mit dessen „Sudelbuch“. Eben dieses „Rapial“ von 1937 führt ins Zentrum seiner Bemühungen um eine aphoristische Neufindung. Es bleibt bei einer unentschiedenen, ambivalenten Haltung zur Gattung, zwischen: „nicht Fisch u nicht Fleisch“ (Tagebücher 1, 767) und: „ideale Verbindung von Gedanke und Gedicht“ (Tagebücher 1, 900). Klar im Sinne von geklärt ist das Negative. Musil hat nicht nur nichts mit den „widerlichen“ Gedankensplittern im Sinn, auch das Kraus’sche Sprachspiel und Schnitzlers skeptisch-analytische Erneuerung der Moralistik greifen für ihn zu kurz. Bei ihm ist nichts weniger als ein komplexer Zusammenhang in drei Richtungen hin zu entfalten: zum Essay, zum Roman, zur Autobiographie. Die Verwandtschaft von Essay und Aphorismus ist vielfach betont, der eine gar als die Keimzelle des anderen angesehen worden. Das kann hier wie auch der Essayismus Musils überhaupt nur kaum gestreift werden, aber allein sein früher essayistischer Versuch „Über den Essay“ enthält Bestimmungen genug, die erkennen lassen, dass er implizit von einer Verwandtschaft mit dem Aphorismus ausgeht. Er siedelt ihn nämlich nicht nur in einem Zwischengebiet von Wissenschaft und System einerseits, Leben und Kunst und Nicht-Ordnung andererseits an, er hebt auch das „plötzliche Lebendigwerden eines Gedankens“ (Werke 8, 1336) hervor und betont insbesondere dessen Erlebnischarakter; die Wiederbeschäftigung mit Ralph Waldo <?page no="167"?> Der österreichische Aphorismus der Zwischenkriegszeit 165 Emerson ist dabei von besonderer Bedeutung. Zu Beginn seiner Beschäftigung mit der aphoristischen Gattung stellt er den Zusammenhang selbst her. In einem Brief vom 19. September 1935 an den Feuilletonchef der „Frankfurter Zeitung“ schreibt er, er habe „nur Essays in Aphorismenform“ (Tagebücher 2, 1188) anzubieten. Auch in den „Aufzeichnungen eines Schriftstellers“ von 1940/ 41 geht er von einer engen Nachbarschaft von Essay und Aphorismus aus. Vor allem aber kreisen seine Überlegungen hier um eine Integration des Genres in Roman und Autobiographie. Der autobiographische Ausgangspunkt wird schon zu Beginn skizziert: „Der 6. XI: Um ein Tagebuch die Aphorismen, Selbstbiographie usw.“ (Werke 7, 917) Wenig später werden das Fragmentarische und die zu begründende Neuformung der Gattung hinzugedacht: „Zu Fragmenten gehörte ev. auch das Biographische als Fragmente des Lebens. [...] Leitvorstellung also: Der Mensch des Rapials.“ (Werke 7, 920) Alles bleibt bei Musil äußerst vage und vorläufig, im Stadium ersten Entwickelns; nicht von ungefähr beherrscht die Selbstbefragung diese Notizen. Vorläufig definitiv erteilt er sich schließlich einen Arbeitsauftrag: „Wichtig daran: daß Rap. und Roman jetzt Hand in Hand gehen.“ (Werke 7, 922) Man hat Musils fast verzweifelt bemüht zu nennende Hinwendung zur aphoristischen Ausdrucksform mit der Exilsituation erklärt, sie, umgekehrt, als „ästhetische Reaktion auf den Nationalsozialismus“ verstanden oder sie interpretiert als „erratische Blöcke eines letzten Versuchs Musils, seiner Lebensphilosophie Gestalt zu geben.“ Musil, der selbst schreibt: „Es ist ein Symbol für meine Konstitution u. ebenso für die Gegenwart“ (Werke 7, 920), ertastet eine größtmögliche Integration: die von Roman und Essay, Autobiographie und Aphorismus, und er scheitert daran. Hinter dem Versuch zur Neubegründung einer biographisch-essayistischen und zugleich diaristisch-aphoristischen Gattung aber steht die Einsicht in zwei gemeinsame Elemente, die Subjektivität zum einen, zum andern das dialektische Verhältnis von Zusammenhängen und „kleinstem möglichen Ganzen“ (Werke 7, 863), das er schon in einer Tagebuchnotiz festgehalten hat: „Aphorismen schreiben sollte nur einer, der große Zusammenhänge vor sich sieht.“ (Tagebücher 1, 902) An Musil und Kafka ist verschiedenartigste Erneuerung abzulesen. Musil sucht, entschieden gegen Kraus, aber auch gegen Schnitzler gerichtet, im Rückgriff auf die Autorität Lichtenbergs die klassische aphoristische Integration neu zu begründen, wenn er sich neben der Verknüpfung von Roman und Essay auf den Weg zu einer Mischgattung macht, die zwischen Wissenschaft und Literatur Erkenntnis vermittelt. Die vorausweisendere Erneuerung verbindet sich mit dem autonomen Bild-Aphorismus Kafkas, der die Subjektivität in das Paradoxon hineinnimmt und es damit über das intellektuell Auflösbare hinaus ins Existenzielle hebt. Das lässt sich exemplarisch an der Umkehrung zeigen. Für Lichtenberg Erkenntnisverfahren, für Nietzsche als Umwertung von Belang, ist sie den Zeitgenossen ein gängiges Mittel, ja reine Manier. Kafkas diametral verschiedene nicht-auflösbare Umkehrung (etwa <?page no="168"?> 166 Das 20. Jahrhundert durch den Sprung ins Passiv: „Wer sucht findet nicht, wer nicht sucht, wird gefunden.“; 63), in der der bildliche Bereich von Metapher oder Chiffre und das existenziell Paradoxe zusammenfließen, ist hingegen ein neuer Ausgangspunkt: für Celans poetisch-aphoristische Verrätselung, für Canettis imaginative Umkehrungen, auch noch für Handkes existenzielle Umkehrung. V. Der Aphorismus in der Weimarer Republik Der Aphorismus in der Weimarer Repubik ist politisch wie künstlerisch konservativ bestimmt. Im Hintergrund stehen als Konstante seit der Jahrhundertwende die Kritik an Materialismus und Technisierung sowie die Heilung durch die Kunst. Das Festhalten an dem klassisch-romantischen Kunstverständnis bedeutet für den Aphorismus die weitgehende Orientierung am Goethe’schen Aphorismenmodell in den „Maximen und Reflexionen“, wie sie seit 1907 in scheinbar endgültiger Form vorliegen. Als die bedeutendsten Autoren der Gattung in diesen Jahren in Deutschland dürfen Rudolf Alexander Schröder, Wilhelm von Scholz und Gerhart Hauptmann gelten. Besonders für Scholz gilt dabei, dass das Werk nur zu Teilen in die Jahre 1918 bis 1933 fällt; seine in der frühen Bundesrepublik publizierten Texte sind wirkungsgeschichtlich in einem anderen Zusammenhang zu sehen. Der relativ kleine aphoristische Anteil am Gesamtwerk Rudolf Alexander Schröders (1878-1962) ist gut erforscht, wenn auch erst in einer Auswahl veröffentlicht, die die Publikationen der dreißiger Jahre vernachlässigt. Er ist in engem Zusammenhang mit der Arbeit des Freundes Hofmannsthal zu sehen. Zu Beginn sind sich beide auch in ihren aphoristischen Bemühungen, wie sie Ausdruck ihres umgreifenden Formwillens wie ihres Bestrebens um Kulturregeneration sind, zweifellos sehr nahe verwandt. Im Jahr nach dem Erscheinen des „Buches der Freunde“ druckt ihr Herausgeber Aphorismen des Freundes „Zum Begriff des Witzes“ in seinen „Neuen Deutschen Beiträgen“ ab, als „Betrachtungen“ (140) sind sie konsequenterweise witzlos. Bemerkenswert ist, dass Schröder die Polarität eines positiv gewerteten, gemütvollen Humors und eines negativ beurteilten, rein verstandesmäßigen Witzes, dieses feste Konstrukt der Jahrhundertwende-Aphoristik von Georg von Oertzen bis Wilhelm Fischer, aufgibt und beide gleichermaßen abwertet: „Witz und Humor sind nicht nur Zweifel und Nihilismus verwandt, sondern mit Hysterie und Lüge nahe verwandt.“ (134) Es ist nicht diese theoretisch wie praktisch ‚unwitzige’ Aphoristik allein, die die beiden Freunde verbindet. Das freundschaftlich-betuliche Geleitwort Schröders zur neuen Ausgabe von Hofmannsthals „Buch der Freunde“ leitet seine aphoristische Hauptschaffensperiode ein. Es formuliert im gleichen Sinne einen Affekt gegen „alles Zugespitzte, alles bloß Erstaunliche“, den wir im Zusammenhang des Ganzen als wiederholte versteckte Absage an wesentliche Aspekte des traditionellen <?page no="169"?> Der Aphorismus in der Weimarer Republik 167 Aphorismus-Begriffes werten dürfen. In dieser Abwehr stellt für Schröder nicht minder als für Hofmannsthal, aber auch für Scholz, kein Geringerer als Goethe den Maßstab schlechthin dar. Die zwei Jahre nach den Texten „Zum Begriff des Witzes“ in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ erschienenen 26 Aphorismen verbinden Einsichten, die bei aller Kürze eröffnend nachwirken, mit größter Formsicherheit. Im Ungefähren des geistigen Lebens agieren sie sprachlich mit höchster Präzision und gewinnen in den Grundformen von Proportion oder Definition moralistischen Grundkategorien wie Furcht und Schuld eigene Aspekte ab: „Vorwitz steht im gleichen Verhältnis zur Schuld, wie Frühreife zur Erkenntnis.“ (Aphorismen, 60) Darüber hinaus besitzen sie im Bild der Spirale als der Vereinigung von Polarität und Steigerung eine innere konzeptuelle Einheit. Wenn man angesichts dieser schmalen Publikation vielleicht bedingt von einem Höhepunkt sprechen kann, einen Wendepunkt stellt sie sicher nicht dar, denn Schröders Aphoristik entwickelt sich in den dreißiger Jahren in drei Veröffentlichungen im protestantischen „Eckart“ in fortschreitendem Maße zum christlich-dogmatischen Spruch, ja, zur aphoristischen Predigt, die etwa nur den Adventsgedanken wiederholen: „Gott will erwartet werden.“ (Eckart 10, 505). Hier herrscht durchweg Glaubensgewissheit vor, bibelfest nimmt Schröder gegen Erkenntnis Stellung: „Die Frucht vom Baume der Erkenntnis wird immer Gottlosigkeit sein; die Frucht vom Baum des Lebens immer Gottesfurcht.“ (Eckart 7, 104) Die Texte im Nachlass der dreißiger Jahre sind dagegen durch eine - extrem disproportionale - Uneinheitlichkeit gekennzeichnet: in einem aphoristischen Umfeld, das immer ausschließlicher aus solch christlicher Frömmigkeitserwägung und Missionsspruch besteht, finden sich immer wieder auch Einsprengsel von der Art der mit Hofmannsthal an Goethe orientierten „Betrachtungen“. Sie stehen in der langen Tradition derer, die ihr Schreiben aus einem Affekt gegenüber dem System erläutern, die Weite in der Kürze betonen und sich auf das die Gatttung bestimmende Miteinander von Gefühl und Gedanke besinnen: „Was sind die herrlichsten und folgereichsten Momente im produktiven Leben? Die, in denen aus Gefühlen Gedanken hervortreten.“ (Aphorismen, 56) Sie geben sich - in innerem Widerspruch zur vorherrschenden Glaubensgewissheit - als typische Moralistik zu erkennen, philosophisch gekennzeichnet einerseits durch die Abwehrstellung gegenüber Hegel, Nietzsche, Heidegger und den Kampf gegen die Psychoanalyse, andererseits durch absolutes Sprachvertrauen. Die Entwicklung Schröders weg auch von dem an Bekenntnis und Betrachtung ausgerichteten christlichen, diesem unterwanderten Aphorismus ist höchst konsequent: Das Mitglied der Bekennenden Kirche wird im Jahre 1936 tatsächlich protestantischer Prediger. Dass sein konservativer (Gattungs-)Nationalismus, wie er sich im Nachwort zum „Buch der Freunde“ erkennen lässt, objektiv eine fatale Fortsetzung im nationalsozialistischen Gedankengut findet, bedeutet nicht, dass er selbst in irgendeiner Weise dem Nationalsozialismus zu Diensten gewesen wäre. Was aber für den Menschen subjektiv zum Gewinn ausschlägt, das gereicht dem Autor zum <?page no="170"?> 168 Das 20. Jahrhundert Nachteil. Denn wenn er zu Gunsten protestantischer Glaubensgewissheit die genuin aphoristischen Positionen der zwanziger Jahre geräumt hat, hat der Gläubige gegenüber dem autonomen Schriftsteller geistig die Oberhand behalten. Wilhelm von Scholz (1874-1969) ist heute weitestgehend vergessen, auch weil er sich im Dritten Reich kompromittiert hat und nach 1945 ohne jeden Widerhall blieb. Aphorismen haben einen relativ kleinen, aber nicht unbedeutenden Anteil an seinem Gesamtwerk; er hat sich immerhin über einen Zeitraum von mindestens vierzig Jahren auch mit diesem Genre beschäftigt. Gegen den plötzlichen Einfall des Gedankensplitters, so sein Ausgangspunkt, will er für sich im Aphorismus „Ergebnisse aus einer ganz allmählich zunehmenden Klarheit“ (Bibliothek, 58) gewinnen. Dem allein vom Intellekt bestimmten Typus setzt er Erlebnis, Stimmung und Erinnerung: eine Wirklichkeit im Gefühl entgegen. Titel wie Untertitel seiner Aphorismensammlung „Lebensdeutung. Einfälle. Erlebnisse. Erkenntnisse“ (1924) stellen sich mit der Koppelung von Erlebnis und Erkenntnis in die Mitte einer Gattung, die Gefühl und Gedanke zu integrieren bestrebt ist. Seine Aphoristik ist so klug wie fad, dabei von weltanschaulicher Schwere, unpointiert in jedem Sinne und höchst uneinheitlich, nicht nur, weil der prägnante Aphorismus von klassischer Kürze im Mittelteil mehr und mehr von längeren Texten durchsetzt wird. Mit Statik und Unlebendigkeit auf der einen, der Betonung von Frage und Widerspruch auf der anderen Seite steht er zwischen der von Goethe entlehnten Spruchhaftigkeit mit ihrer Betonung des Endgültigen, Abschließenden und einer Aphoristik, wie sie in diesem Jahrzehnt Schnitzler vertritt. „Der Irrtum ist eins unserer wichtigsten und unbestreitbarsten Rechte.“ (24) Diesen Aphorismus, der sich zu allem spruchhaft-statischen Dekretieren in Widerspruch setzt, hat Scholz 1950 sogar als Motto herausgehoben. Er votiert im üblich-skeptischen Sinne für die Antwort und gegen die Frage und verteidigt den Widerspruch: Da sieht man ihn an einzelnen Stellen sogar in der Nähe zu Kraus: „Manche Lügen entstehen daraus, daß eine verborgene Wahrheit Wort werden will. Man kann: die Wahrheit lügen.“ (46) Die Doppelseitigkeit in seiner Aphoristik lässt sich exemplarisch zusammenfassen, einerseits in die Paradoxie: „Es gibt Niederlagen, die uns retten, und Siege, die uns in den Untergang stürzen“ (108), andererseits in die „Lebensdeutung“: „Das Gute, Schöne, Wahre sind seine Attribute, sind Richtpunkte in ihm.“ (111) Es mag sich eine heimliche Synthese darin verbergen, wenn er am Beispiel Vauvenargues’, den er schon 1910 zu einer Art Leitbild erkoren hat, eine Gattungsreflexion anstellt und darin von Erfahrung und Persönlichkeit aus zum Einzelerlebnis und damit der Persönlichkeit des Erlebenden, des „warmen, innigen Menschen“, vorstößt, eine Synthese freilich, die immer die Seite des „warmen“ Gefühls gegenüber dem ‚kalt’ zuspitzenden Verstand und immer den Ernst gegenüber dem Witz betont. <?page no="171"?> Der Aphorismus in der Weimarer Republik 169 Gerhart Hauptmann (1862-1946) sammelt seine aphoristisch formulierten Gedanken erst gegen Ende eines langen Schriftstellerlebens in „Einsichten und Ausblicke“ 1942; sie schließen die chronologisch geordnete Ausgabe letzter Hand ab. Es spricht vieles dafür, dass er sie als seine „Maximen und Reflexionen“ angesehen hat, nicht nur, weil er sich diesen gelegentlich bis in die Diktion hinein nähert und sie zitiert und korrigiert. Auch der apodiktischspruchhafte, statische Gestus im Ganzen und die Selbstaussagen, mit denen sie einsetzen, weisen in diese Richtung: „Wonach ich mich sehne? Nach gläubigen Menschen aller Art.“ (989) Sein selbstbezügliches Pathos ist dementsprechend groß (und verdächtig): „Erkennen heißt Raum und Zeit besiegen.“ (999) Anspruch und aphoristische Wirklichkeit fallen aber in diesen jeden Widerspruch ausschließenden All-Aussagen auseinander. Es sind prononcierte Ansichten, die man zur Kenntnis nimmt. Diese Aphoristik bleibt immer „irgendwie“ (1022), versteigt sich nicht selten zu bedeutsamem Orakeln und fordert die gläubige Aufnahme eines autoritativen Wortes, sofern der Leser, zur stillschweigenden Zustimmung rhetorisch umarmt, sie nicht gar für trivial hält: Wir ringen alle um das Westöstliche. (998) Mit jedem Menschen stirbt eine Welt. (1015) Wo sich Hauptmann über Kunst und Literatur äußert, speziell dort, wo er aus langjähriger Praxis heraus Denkergebnisse zu dramaturgischen Fragen, zur Tragödie, zu Affekt, Held, Handlung, Charakteren, mitteilt, ist er im Durchschnitt bedenkenswerter: „Das Paradoxon ist der Gedanke in der Fassung des Affekts.“ (1033) Man tut wohl besser daran, seine Aphorismen nach wie vor in erster Linie im Blick auf sein übriges Werk selektiv zu rezipieren. Ein Glanzpunkt in der Geschichte der Gattung sind sie nicht. Achtbare Gattungsvertreter neben Schröder, Scholz und Hauptmann sind Ernst Lissauer (1882-1937) mit „Blicke in Menschen“ und den „Aufzeichnungen über Schöpfertum und Schaffen“ in dem Sammelband „Festlicher Werktag“ (1922) und Moritz Heimann (1868-1925). Nichts anderes als Kunst und Kritik steht für den Lektor und Kritiker Heimann („Aphorismen“, 1918) selbstverständlich im Mittelpunkt, daneben theologische Fragen und eben Gedanken über seine „Gedanken“, die er ‚schwer’ nimmt: „Es ist leichter, zehn praktische Gedanken zu fassen, als einen theoretischen, und wiegt auch dementsprechend weniger.“ (3, 95) Es geht ihm nicht um Gattungsreinheit und überhaupt nicht um die Gattung, aber über solche „Gedanken“, ihre Geburt aus der Nuance, ihren nächtlichen Entstehungsprozess, hat er so genau und intensiv wie kaum jemand sonst nachgedacht. So zeigt der konservative Aphorismus der Weimarer Republik eine wahrhaft breite Palette von Autoren und ist bei aller grundsätzlichen ideologischen und - damit verknüpft - formalen Zusammengehörigkeit nicht einschichtig zu sehen. Das klassisch-romantische Erbe ist zu verschiedenen Anteilen mit <?page no="172"?> 170 Das 20. Jahrhundert deutscher Innerlichkeit verbunden. Ernsthaften Erneuerungsbestrebungen steht eher hilflose Repetition klassisch-romantischen Kunst- und Weltverständnisses gegenüber. Die formale Wankelmütigkeit oder Doppelseitigkeit bei Autoren wie Schröder und Scholz ist vielleicht nicht zufällig. Auch politisch ist alles andere als Uniformität zu beobachten; die Möglichkeiten innerhalb des konservativen Spektrums reichen vom Widerstand Schröders bis zum bekennenden Nationalsozialismus von Scholz’. Andererseits ist das Gemeinsame nicht zu verkennen, das sich in der Entwicklung zweier denkbar verschiedener Aphoristiker andeutet, die beide auf Goethe gründen, zum christlich-dogmatischen Spruch bei Schröder wie zum selbststilisierenden Dekretieren Hauptmanns. Bei aller Differenzierung ist in der witzfernen Goethe-Anlehnung das entscheidende Verbindende von Schröder, Scholz und Hauptmann über Heimann bis zu Lissauer zu sehen. Es ist üblich und sinnvoll, das kulturelle Leben in der Weimarer Republik in einem Rechts-Links-Schema darzustellen. Ein solches Vorgehen ist auch für den Kleinstausschnitt Aphorismus tauglich und zeigt ein Ungleichgewicht, man darf sagen: auch hier. Nicht nur im Vergleich zu dem breiten rechten Spektrum ist da nämlich auf der Linken nach den ersten Jahren, nach Rudolf Leonhard und Kurt Hiller, kaum etwas zu entdecken. Hiller übertreibt wie so oft: „Wäre Weimar ... aphoristischer gewesen, dann hätte sich Hitler vielleicht vermeiden lassen“, und doch ist ‚etwas dran’. Der breiten Palette rechtskonservativer Aphoristik steht auf der Linken, anders als in Lyrik und Epigrammatik (Bertolt Brecht, Erich Kästner), fast allein Kurt Tucholsky (1890-1935) gegenüber. Tucholsky bedient sich für seine Beiträge in der „Weltbühne“ in zunehmendem Maße und mit dem Höhepunkt um 1932 auch der literarischen Kleinformen um den Aphorismus, meist als „Schnipsel“ oder „Schnitzel“ bezeichnet. Höchste Verehrung bringt er Lichtenberg entgegen, nach dessen Muster er von Januar 1928 bis zum Dezember 1935 ein „Sudelbuch“ führt. Er schätzt aber auch Nestroy und Schopenhauer; sein Verhältnis zu Kraus ist von Animositäten geprägt. Die Vielfalt der Formen und Kleingattungen in den zu Lebzeiten gedruckten „Schnipseln“ ist von ihrer journalistischen Wirkung bestimmt. Über dem gemeinsamen Nenner der Pointe sind sie dem Aphorismus benachbart und nicht selten auch in verschiedener Weise mit dieser Gattung interferent: die Anekdote, der Witz, häufig als Nationalitätenwitz, das (zitierte) Bonmot, die literarkritische Glosse, die pointierte Kürzestgeschichte. Auch in den engeren Grenzen der Gattung ist Vielfalt kennzeichnend. Tucholsky besitzt zusammen mit der genauen Kenntnis der europäischen Aphoristik in hohem Maße die sprachliche Kreativität, diese Muster für die Zwecke seines täglichen journalistischen Kampfes gegen Reaktion und Militarismus zu adaptieren, allen voran eben Lichtenberg. An dessen Er-Aphorismen wird man erinnert (die auch Sie-Aphorismen sein dürfen): „Sie sprach so viel, daß ihre Zuhörer davon heiser wurden.“ (Schnipsel, 306); die aphoristische Metaphorik hat er von ihm gelernt: „Ganz Deutschland ist in Deutschland auf Flaschen gezogen.“ (64) Die Aneignung der Muster reicht <?page no="173"?> Der Aphorismus in der Weimarer Republik 171 vom Neologismus über das Wortspiel bis zur Maxime. Er weiß aus der raffinierten Sprichwortkombination Effekt zu schlagen („Er trug sein Herz in der Hand, und er ruhte nicht, bis sie ihm aus der Hand fraß.“; 126), und er nutzt selbstverständlich auch die pointierte Definition. Tucholsky bleibt aber nicht bei epigonaler Nachahmung stehen. Er versteht es, das Implizite zu meinen, wo er etwas ganz anderes Explizites sagt, und ist, darin Kraus nicht unähnlich, Meister des Enthymems, mit dem er die Emanzipation des Lesers betreibt, und das auf verschiedenen Stufen. Hier ist noch direkt erkennbar, dass es um die Revolution geht, freilich nicht um die musikalische: „Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.“ (274) Dort ist die aggressive Pointe des Aphorismus nicht nur versteckt, sie ist verdeckt und getarnt, unvermittelt überraschend: „Max Liebermann wäre auch ohne Hände ein großer Bankier geworden.“ (189) Tucholskys Aphoristik ist in ihrer Form so vielgestaltig wie in ihrer Stoßrichtung eindeutig. Dass er hier nicht einseitig der Tendenzschriftsteller ist, der er zu sein vorgibt, das zeigt die Werkstatt des „Sudelbuches“ besonders gut, in der er (er-)findet und experimentiert und das einen höchst erwünschten Einblick in seine literarische Arbeit erlaubt. Neben den verschiedensten Materialien finden sich in diesem erst spät veröffentlichten Notizbuch Sätze, die man mit den Jahren immer wieder neu lesen kann: „Der Sozialismus wird erst siegen, wenn es ihn nicht mehr gibt.“ (83) Bestimmend in seiner Aphoristik ist vielmehr das zugrunde liegende Gleichgewicht zwischen der politischsatirischen Intention und den Impulsen aus der Sprache selbst, seien sie sprachschöpferischer, wortspielerischer, parodistischer, seien sie semantisch oder syntaktisch erweiternder oder allgemein rhetorischer Art. Der zusammenfassende Rückblick auf die Gattungsentwicklung im ersten Drittel des Jahrhunderts zeigt: Während sich der Aphorismus im Expressionismus vornehmlich in Satz und These äußert und sich die Ästhetik der Ethik unterordnet, ist in den zwanziger Jahren in Deutschland wie in Österreich die Form der Maxime latent bestimmend. Ein kategorisierend vereinfachender Blick macht auf der einen Seite Kraus und seine von Satire und aggressivem Spiel bestimmte aphoristische Literatur aus. Weitergeführt ist diese Linie im Wiener Feuilleton wie bei Tucholsky. Der Weg zum erkenntnislos leeren Spiel ist dort deutlich vorgezeichnet, für Tucholsky gilt das nur bedingt. Dagegen steht auf der anderen Seite der Erkenntnis-Aspekt im Vordergrund: in Hofmannsthals abgeklärter, aus der didaktischen Wurzel der Gattung entspringender Maxime und Schnitzlers skeptisch-analytischem Zugriff auf das Einzelne nicht anders als bei Schröder, von Scholz und Schaukal. Während sich in dem Zweig, der Ästhetik und Form-Spiel betont, der Einfluss Lichtenbergs stärker bemerkbar macht, bei Friedell so gut wie bei Tucholsky, ist in dem ethikprioritären Zweig der Rückgriff auf Goethe entscheidend, besonders deutlich bei Schröder, der ihn christlich umdeutet, bei Scholz - markanter noch - mit einer signifikanten Spruch-Reflexion, auch bei Lissauer. So erkenntnislos leer, wie das Form-Spiel etwa bei Kuh wird, so steril wird die <?page no="174"?> 172 Das 20. Jahrhundert Wiederholung klassischer Kunst- und Lebensgewissheiten, bei von Scholz, auch bei Hauptmann. Erneuerungspotential birgt dagegen eine dritte Entwicklungslinie, die von dem autonomen Bild-Aphorismus Kafkas ausgeht. Über allen formgeschichtlichen Überlegungen ist nicht zu vergessen, wie massiv Außerliterarisches in die Gattungsgeschichte einwirkt. Die politische Geschichte dichotomisiert ihren Verlauf geradezu. Für die Werk- und Wirkungsgeschichte Kraus’, Musils, Schnitzlers und Kafkas bedeuten die Jahre 1933 und 1938 die entscheidenden Einschnitte. Die Feuilleton-Linie, das Jüdische, Linke, Pointierte, um es exemplarisch auf Namen zu bringen: Polgar in Österreich, Tucholsky in Deutschland, bricht ab. Übrig bleiben in Österreich unbedeutende Autoren und nach dem Zweiten Weltkrieg (zunächst und für lange Zeit) nur noch rechte Aphoristik: von Waggerl, Doderer, Eisenreich. Während dieser linke Zweig ebenso wie die innovative Linie, die von Kafka ausgeht, allein durch das Exil hindurch zu verfolgen sein wird, mündet die konservative Aphoristik zum Teil in den Nationalsozialismus, mit von Scholz in Deutschland ebenso wie mit von Schaukal in Österreich, zum Teil wird sie über die Innere Emigration (oder das, was als solche gelten möchte) in die bundesrepublikanische Restauration hinübergeführt, in den Aphorismus Eschmanns, Heuscheles, Friedrich Georg Jüngers und anderer. Aus der gleichen nationalkonservativen Ideologie heraus entwickelt sich am unbemerkten Rande der Übergang zum nationalsozialistischen Spruch. VI. Nationalsozialismus und Exil Für die Gattungsgeschichte zwischen 1933 und 1945 ist das Bild keineswegs so monolithisch, wie man glauben könnte, und es ist notwendig, den Aphorismus im Nationalsozialismus zu untersuchen und damit auch die Aphoristik der sogenannten Inneren Emigration einzubeziehen. Hingegen ist der Aphorismus des Exils mit seinen andersartigen geistigen Grundlagen und soziokulturellen Bedingungen eindeutig gesondert zu betrachten. Ein breit gefächertes Bild ergibt sich dort wie hier. Viele Zeugnisse im Umkreis des Nationalsozialismus sind von Bedeutung weniger um ihrer selbst willen als der vielfältigen Funktionen wegen, die ihnen zukommen. Verbindungen werden erkennbar vor allem zwischen Konservativismus und Nationalsozialismus, so zwischen Otto Heuschele und Friedrich Blunck oder bei Ernst Bertram im Übergang von George’schem zu nationalsozialistischem Führertum einerseits, in seiner völkischen Bindung andererseits. Neben solchen vertikalen werden auch keineswegs unbedeutendere horizontale Zusammenhänge sichtbar. Autoren wie Otto Heuschele, Richard Benz, Ernst Wilhelm Eschmann, Ernst Jünger oder Martin Kessel, die während der Nazizeit Aphorismen und Fragmente publizieren, gehören zu den geförderten und gepriesenen Schriftstellern der Adenauer-Restauration und bestimmen mit Gleichgesinnten wie Friedrich Georg Jünger oder Richard Kassner die Aphoristik der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren. Generelle Fragen zielen <?page no="175"?> Nationalsozialismus und Exil 173 weiter auf den Umkreis von Werteorientierung und Verführbarkeit auf der einen, scheinbarer oder tatsächlicher Wertelosigkeit auf der anderen Seite. Einem - wie auch immer pervertierten oder pervertierbaren - politischideologischen Ethos, das am Glauben an einen überindividuellen kulturellen Auftrag orientiert ist, stehen prinzipiell eine übergreifende, individualisierende Skepsis und eine primär spielorientierte Artistik gegenüber. Enger als sonst - ein Phänomen des Totalitarismus eben - gehört schließlich im Nationalsozialismus zur Untersuchung des Aphorismus die seiner gleichzeitigen literaturwissenschaftlichen Behandlung dazu. Das Muster seiner Vernachlässigung und ‚deutschen’ Umwidmung kann man an dem Nietzsche-Herausgeber Alfred Baeumler wie an der nationalsozialistischen Literaturgeschichtsschreibung von Adolf Bartels, Josef Nadler oder Paul Fechter ablesen. Emil Dovifat stellt die Anklagepunkte klar zusammen, die wie gegen den Essay so auch gegen den Aphorismus sprechen. Das Individualistische, das Unsystematische, das Skeptisch-Unentschiedene passen absolut nicht in den geistigen Haushalt einer Volksgemeinschaft, die in einem Kampfverband einen klaren Weg marschiert. Nur um so deutlicher wirken das nationaltypologische Muster und die ideologisch motivierte Abneigung, die hier bis zur Bekämpfung führt, in die Spezialforschung hinein. Da wird er entweder zu einer gefährlichen geistesgeschichtlichen Erscheinung, oder er wird kämpferisch umgedeutet. Kampf, Mut, Angriffslust statt Individualismus, Skepsis, Vereinzelung: so lässt sich der Aphorismus für den Nationalsozialismus dann doch vereinzelt ‚zum Einsatz bringen’. Er ist also keineswegs verboten, er wird auch nicht geradewegs verfemt. Wohl ist vielfach eine deutliche Reserve erkennbar, aus der heraus man ihn auch begrifflich durch den Spruch als etwas im Ursprung Germanisches zu ersetzen sucht. Die aphoristische Praxis ist erst recht von solchen Umdeutungen im nationalsozialistischen Sinne geprägt. Verkündung eines mythisch-germanischen Heldentums, von Kriegsverherrlichung und soldatischem Dienen als deutschen Manneseigenschaften: das ist, vom Weltkriegserleben geprägt, das gemeinsame Zentrum im Denken und Schreiben von zwei ansonsten sehr unterschiedlichen nationalsozialistischen Aphoristikern, von Rudolf G. Binding (1867-1938) und Richard Euringer (1891-1953). Binding liefert in der ideologiekonformen Definition großer Begriffe wie Freiheit und Gleichheit, Wahrheit, Größe und Tragik den Überbau und ist damit eine dichterische Leitfigur des Nationalsozialismus („Ad se ipsum“, 1940), während der eine Generation jüngere Euringer die Elemente seiner Ideologie im Einzelnen zusammenstellt („Aphorismen“, 1943). In einem prinzipiellen - allzu leicht fehlzuleitenden und fehlgeleiteten, missbrauchbaren und missbrauchten - Idealismus heißt es bei Binding: „Wenn der Mensch für nichts mehr wird sterben dürfen, dann wird alle menschliche Größe von ihm genommen sein.“ (23) In dieser Rigorosität ist sein Aphorismus das schreckliche Diktum einer absoluten Glaubensgewissheit und ebenso absoluten Hingabebereitschaft. Damit liefert seine Aphoristik das geistige Rüstzeug für Hitlers willige Krieger. <?page no="176"?> 174 Das 20. Jahrhundert Euringer, als einer „der fanatischsten und rückhaltlosesten Hitler- Verehrer“ einer der „bekanntesten und berüchtigtsten Dichter und Barden des Regimes“, sammelt in seinem Band 456 nummerierte Texte meist älteren Datums. Diese „Baublöcke einer Weltanschauung“ (71) sind thematisch nichts weiter als die Exegese der NS-Ideologie auf der Basis eines Gemischs aus Vulgär-Nietzsche und -Darwin. Kriegsrechtfertigung in überhöhter, mythisch gedachter Form durchdringt alle Gedanken des ehemaligen Fliegerhauptmanns, der jetzt die jungen Soldaten geistig aufrüstet: „Ein deutscher Flieger überm Ozean, einsam seine stumme Tat tuend, ist Volk vom Volke, dem er dient.“ (70) Die Exegese muss nicht ausgebreitet werden, der Text ist bekannt. Was dieses Denken überhaupt erst ermöglicht, das ist ein Geist, der sich als autorisierter Sprecher in den Dienst einer Ideologie und damit selbst zur Disposition stellt und für den einerseits gilt: „Propaganda ist die Kunst, Werten ihre Wirkung zu sichern“ (72), der andererseits bestimmt: „Kritisieren ist eine Krankheit.“ (65) Damit ist alles, was noch Schnitzler und Musil mit dem Aphorismus verbanden, die Spannung zwischen Anspruch und Skepsis, zugunsten einer unbefragbar problemlosen, einer „instinktiven“ Sicherheit notwendig eliminiert: „Der Instinkt braucht das Problem nicht.“ (12) Einer der ersten Repräsentanten der nationalsozialistischen Dichtung ist Hans Friedrich Blunck (1888-1961). Sein „Buch der Sprüche“ (1953) ist ganz offensichtlich zum Teil aus älteren Handschriften zusammengestellt. Die aphoristischen „Betrachtungen“ darin verbinden triviale Lebenserfahrung mit ehrenhaft-unoriginellem Appell, Bilder von dürftigem Erkenntniswert wechseln ab mit abgrundtief treuherzigen Kalendersprüchen: „Sammle gern für die Armen, aber wache über deinen Besitz, damit du den Würdigen schenken kannst.“ (114) Der Autor versteht sich wie Binding als Lebenslehrer, der eine Regel aufstellt oder von ihr Kenntnis hat, der Anweisungen erteilt, was jeweils zu tun oder zu lassen sei. Er bleibt alten Begriffen und Vorstellungen verhaftet, unbeschadet ihrer abgrundtiefen Pervertierung, an der er aktiven Anteil hatte: „Kunst ist Rechtfertigung eines Volkes vor Gott.“ (147) Auch Rudolf Paulsen (1883-1966; „Geist, Gesetz und Liebe“, 1937) leistet seinen Anteil an der aphoristisch zubereiteten nationalsozialistischen Ideologie: „Der geistige Nationalsozialist ist ‚geistlich’ im Gegensatz zum Intellektuellen des Liberalismus.“ (38) Uneindeutig und kompliziert ist dagegen der Fall des bedeutendsten Aphoristikers in der Zeit des Nationalsozialismus, Ernst Bertrams (1884- 1957), sowohl was seine Person betrifft als auch, was die Art seiner Spruchdichtung angeht, die bis in die fünfziger Jahre hineinreicht, von den „Sprüchen aus dem Buch Arja“ von 1938 und dem gleichartigen „Hrabanus“ aus dem folgenden Jahr über die erst nach dem Krieg erschienenen, aber vor 1945 entstandenen Bände „Aus den Mitteilungen des Herzogs von Malebolge“ (1950) und „Moselvilla“ (1954) bis zu „Der Wanderer von Milet“ (1956). In seiner Person kommen der Literarhistoriker sowie der Spruchdichter und Aphoristiker zusammen. In seinem Buch über Nietzsche (1918) wird der <?page no="177"?> Nationalsozialismus und Exil 175 Aphorismus zum einen der Anekdote untergeordnet und sein (bestimmender) rationaler Anteil damit weginterpretiert bzw. von vorneherein unterschlagen, zum anderen ist er unter Hintanstellung einer als bloß formal betrachteten Abhängigkeit in eine wesentlich deutsche Tradition eingeordnet. Mit diesen Tendenzen reiht sich der Literarhistoriker nahtlos und an prominenter Stelle in die Reihe von Bartels bis Fechter ein. Als Aphoristiker ist er zweifellos nicht der platte nationalsozialistische Propagandist vom Typ Euringers oder ein politisch genehmer Volks-Lehrer und Vorzeige-Dichter wie Blunck. Ebenso zweifellos kommen seinem „nordisch“-mythologischen Literaturverständnis die wesentlichen Elemente der nationalsozialistischen Ideologie schon früh sehr entgegen, und er begrüßt es freudig, dass die Weimarer Republik durch ein Drittes Reich beendet wird, wie stark man auch manches Zeichen der späteren Abwendung im einzelnen Fall werten mag. Ohne genaue Differenzierung jedenfalls ist die angemessene Beurteilung seines aphoristischen Werkes unmöglich. Zwei Merkmale sind dabei zu beobachten. Bertrams „Sprüche“ sind durchweg fiktionalisierte Aphorismen; bei ihm begegnen wir dem ausgeprägtesten Fall von Rollenaphoristik in der deutschen Literatur. So ist es in „Hrabanus“ ein Mönch aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, im „Herzog von Malebolge“ der Herrscher eines oberitalienischen Kleinstaates zur Zeit der Französischen Revolution und den Folgejahren, aus dessen Aufzeichnungen der Leser die Übertragung auf die deutsche Gegenwart zu leisten hat. Damit einher geht ein formales Kennzeichen. Diese Aphoristik baut rhetorisch in der Regel einen ebenso gewaltigen wie dunklen Anspruch auf: Sie ist einfaches Setzen mit dem Anspruch des Kündens; stilistisches Raffinement ist ihr fremd. Hier gründet die terminologische Entscheidung ihres Autors, der damit etwa in germanischen Zaubersprüchen Vorbild und Stilideal findet und sich extrem weit vom paradoxen Spiel der Aphorismen eines Karl Kraus unterscheiden will, stattdessen Spruch, Reimspruch, Gedicht weitgehend als Einheit sieht. Der Spruchdichter in den „Sprüchen aus dem Buch Arja“ von 1938 versteht sich in diesem Sinne eben nicht als Aphoristiker, weder als Wortkünstler noch auch nur als Weisheitslehrer, sondern als Dichter-Priester, der aus indischen, romantischen, nordischen Elementen einen Mythos von Gott und Tod, Musik und Kampf mit Licht- und Sternmetaphorik zusammenrührt. Bertram orakelt und statuiert alliterierend-raunend: Dem Wandernden werden die Winke. (9) Dunkle Rede leuchtet am längsten. (41) Die programmatische Beschwörung des Irrationalen („Das Schauen überweiß das Wissen.“; 42) kann um so weniger irremachen, als sich auf der anderen Seite Aphorismen finden, die ganz unrätselhaft direkt Elemente der nationalsozialistischen Ideologie, das Kämpferische, das Völkische, propagieren. Christlich-symbolisch schier überfrachtet erscheint „Hrabanus. Aus der Mi- <?page no="178"?> 176 Das 20. Jahrhundert chaelsberger Handschrift“ (1939). Weltabgewandten und asketischen Geistes und aus dem Verlangen nach der unio mystica eines religiösen Liebestodes heraus umkreist dieser Mönch in vielen rhetorischen Fragen Gott, Schöpfung und Offenbarung, ist hingegeben an Kunst und Musik, an die Natur im Allgemeinen und den Gartenbau im Besonderen. In seinem Pessimismus gegenüber Welt und Menschen ist er allein von seiner Erziehungsaufgabe gehalten. Auch in den „Worten in einer Werkstatt“ und den Sprüchen „Von Wesen und Zukunft unsres Gedichts“ (1938) verbinden sich der Glaube an den mythischirrationalen Urgrund im Menschen, höchster irrationaler Kunstanspruch und eine ebenso konkrete wie illusionäre Bindung an das „Volk“: Das Kunstwerk vereinige das Unvereinbare: es sei wissende Schönheit. (30) Der Dichter braucht sein Volk nicht zu nennen - er ist es. (26) Beide Sammlungen sind imperativisch geprägt; ein wissender Meister verkündet in einer stilisierten Sprache zum Teil sehr konkrete Lehren; dabei geht er von einem widerspruchsresistenten Schauen der Wahrheit aus: „Der Künstler sieht die Sterne am Tage. Aber dazu muß er in seinen tiefen Brunnen steigen.“ (10) Anders steht es mit den „Aufzeichnungen des Herzogs von Malebolge“, bezeichnenderweise in der geringeren Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie ebenso wie in dem vorherrschenden Ton. Der Widerspruch von Macht und Geist ist ihr Thema, tiefe Ironie ihr Grundzug. Der diaristischaphoristisch reflektierende, La Rochefoucauld und Vauvenargues zitierende Herzog zieht sich nach der Eroberung seines Staates durch die Republikaner tief resigniert und voller Todesgedanken in ein ehemaliges Benediktinerkloster zurück. Der Grundgedanke wird vielfach variiert: Heuchelei, Willfährigkeit und Opportunismus der Untertanen gehen mit der Blindheit der Oberen einher. Wenn man überhaupt von „Widerstandsschrifttum“ reden kann, wie es geschehen ist, dann vereinzelt vielleicht hier. Jedenfalls sind die ironische Abstandswahrung und die schmerzliche Paradoxie, die sich hier entwickeln, von der selbstgewissen „Spruch“-Sicherheit weit entfernt: „Wer der Lust entsagt, der entsagt doch nicht der Lust des Entsagens. Wir kommen immer zum Vorschein.“ (20) Auch in dem um 1940 entstandenen, aber in erweiterter Fassung gleichfalls erst nach dem Kriege gedruckten Band „Moselvilla“ (1940/ 41, 1951, 1954) gibt es unter verschiedenen literarischen Formen echte (Rollen)-Aphorismen, die von Pessimismus, von Altersresignation und Melancholie in oft ambivalenten Formen zusammengehalten werden: „Die innigsten Feste werden am Rande des Niewieder gefeiert.“ (11) Wo Bertram in der historischen Rolle die Verunsicherung zulässt, da eröffnet sich die Möglichkeit zu einer formal und inhaltlich immer noch gültigen Aphoristik in eben dem Maße, wie sie sich dort von vorneherein versperrt, wo er in einer Künderpose erstarrt. Wenn auch im Ganzen der hehre Ton des stilisierten Denkspruch-Dichters stärker durchdringt, so ist doch allein Differenzierung in jedem Fall bei einem Aphoristiker angemessen, der den Nationalsozialis- <?page no="179"?> Nationalsozialismus und Exil 177 mus begrüßt, ihm freudig dient und ihm in vielen Aspekten seines Werks zuzuordnen ist, der aber bei aller Nähe durch seine geistige Eigenständigkeit auch Distanz vermittelt. Das Bild des deutschen Aphorismus im Nationalsozialismus wäre unvollständig, wollte man es nicht durch Autoren in einem Spektrum von mehr oder weniger deutlich erkennbarer Sympathie, bürgerlich-konservativer Reserve, Gleichgültigkeit und (unzulässiger) Arglosigkeit ergänzen, die während dieser Zeit veröffentlicht werden. Die Aphoristik der sogenannten Inneren Emigration in ihrer Spanne von Anpassung und einzelnem Widerspruch bei grundsätzlichem Einverständnis über apolitisch-triviale oder weltanschauliche Nischenbildung bis zu stillem, wenn nicht tat-, so doch wortkräftigen Widerstand ist je individuell zu beurteilen. Innerhalb der Gattungsgeschichte lässt sich die Problematik von Anpassungsbereitschaft bis 1945, Kontinuität, Veränderung und Wiederanpassung nach 1945 an Otto Heuschele (1900-1996) besonders gut exemplifizieren. Die Aphorismen in seinem „Buch des Dankes an die Freunde“ (1930; verändert und erweitert 1939) lassen erkennen, dass ihr Autor in Teilbereichen durchaus für die in naher Zukunft herrschende Ideologie prädisponiert ist. So gewiss seine „Fragmente über das Dichtertum, den Dichter und das Dichterische“ von 1937 nicht dem Nationalsozialismus zuzuordnen sind, so gewiss ist es, dass bei ihnen von allem anderen als von Widerstand die Rede sein muss. Sie vertreten vielmehr mit Begriffen wie Gnade, Amt, Adel, Lebenshilfe gleichfalls einen klassischen Begriff von der Dichtung wie vom Dichter, der „über dem kostbarsten Gut eines Volkes, über der Sprache“ (542), wacht. Wo er unbeirrt durch eine auch literarisch säkularisierte Zeit formuliert: „Der Dichter spricht im Auftrag Gottes“, da ist der Kompromiss in der Fortsetzung „und seines Volkes“ buchstäblich zu greifen. (545) Von geistesaristokratischem Zuschnitt nicht anders als Heuschele erscheint Ernst Wilhelm Eschmann (1904-1987), ab 1936 Mitherausgeber der „Tat“, der in diesen Jahren ein radikal nazistisches Programm bescheinigt wird. Seine Aphorismen „Aus dem Punktbuch“ (1942) bewegen sich im Dreieck von Religion, Wissenschaft und Literatur, dabei durchweg angesiedelt in den ambivalenten Zwischenräumen von Nacht und Tag, Frage und Antwort, Wahrheit und Irrtum, Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Formal sind sie nicht einheitlich; neben wenig originellen psychologischen Einsichten („Wo man nicht lieben kann, da soll man auch nicht hassen.“; 14) bieten sie auch manchen bedenkenswerten Ansatz und Anstoß: „Die Antworten sind vor den Fragen da. Sie bringen diese erst hervor.“ (18) Ernst Jüngers (1895-1998) Aphoristik der dreißiger Jahre dokumentiert sich vor allem in dem Anhang zu „Blätter und Steine“ von 1934. Man fasst hier Mosaikstücke seiner Weltanschauung, das antidemokratisch Elitäre und den grundsätzlichen Zweifel an der Demokratie: „Die Demokratie erstrebt einen Zustand, in der jeder jedem eine Frage stellen darf.“ (II, 12; 510) Zu den Themenkreisen Gott und Tod treten Literatur und Sprache, Lektüreerfahrun- <?page no="180"?> 178 Das 20. Jahrhundert gen sowie auf die eigene schriftstellerische Arbeit bezogene Sprachreflexion, die Systemskepsis einschließt: „Wer Begriffe züchtet, muß wissen, was apportiert werden soll.“ (509) Seine eigentlichen Themen sind das Verbrechen, das Heroische, der Nihilismus, es sind Duell und Selbstmord. Er denkt sich mit Vorliebe in die Extremsituation, in die Gefahr, in den „Gang auf Leben und Tod“ (512). Die Aphorismen offenbaren die Vorliebe ihres Autors für die große Geste, denkerisch wie existenziell: „Wenn der Zweifel seine letzten Triumphe errungen hat, tritt der Schmerz in die Arena ein.“ (512) Ideologisch wie formal dem Nationalsozialismus fern stehen die Aphorismen, die Martin Kessel (1901-1990) schon seit 1938 veröffentlicht. Was sich später zu einem besonders wichtigen Teil seiner literarischen Tätigkeit entwickelt, bildet hier noch nur einen aphoristischen Anhang zu den Essays seiner „Romantischen Miniaturen“. Zwei Zentren sind miteinander verknüpft: Romantik und poetische Reflexion. So groß ihre formale Bandbreite, so weit gefächert ist ihre Qualität. Gelegentlich stellen sie nicht mehr als die Variation eines altbekannten Gedankens dar, aber auch das „einfach“ Gültige findet sich schon, das auf die eigene Literatur bezogen werden darf und das Kessel später zu einer der wichtigeren Stimmen in der bundesrepublikanischen Aphoristik werden lässt: „Das Einfache setzt alles voraus, sonst ist es nur simpel.“ (237) Mit dem Literaturhistoriker und Essayisten Richard Benz (1884-1966) betreten wir zum ersten Mal den Bereich eindeutiger geistiger Opposition zum herrschenden System. In seinen „Stufen und Wandlungen“ (1943) nimmt die Reflexion der Gattung ihre bestimmenden Merkmale auf („Der reine Aphoristiker ist der Gedanken-Lyriker, im Gegensatz zum Architekten oder Dramatiker des Systems.“; 233) und zielt mit der Integration von Erlebnis, Gedanke und Bild in ihr Zentrum: „Man wird, wie angedeutet, mitunter auch den Erlebnisgrund eines Gedankens nicht verborgen finden, oder den Gedanken eingebettet in ein Bild.“ (125) Wie der Autor dabei an die Mythisierung des Aphorismus als Natur-Form in der Rezeption Nietzsches anschließt, so sind auch die 349 Stücke selbst in der äußeren Form diesem verpflichtet. Der pessimistische Konservativismus seiner geistes-, kultur- und stilgeschichtlichen Erwägungen ist hingegen an Schopenhauer und Jacob Burckhardt orientiert: „Vom Fortschritt. - Das Neue ist sehr oft das Alte, nur in einer von niemand so erwarteten verblüffenden Wiederkehr.“ (129) Bewahrung und Tradition sind für Benz die beherrschenden Antriebskräfte. Die Grenzlinie zur traditionellen Moralistik ist dort am ehesten berührt, wo es „Auf einsamen Wegen“ um die Ambivalenz von Einsamkeit und Gesellschaft, um Jugend und Alter, um Männer und Frauen geht und Erkenntnis aus Selbstbeobachtung erwächst: „Man wünscht den andern gern eifersüchtig, aber nur, wo er es ohne Grund sein kann.“ (260) Der katholische Kulturphilosoph Theodor Haecker (1879-1945) lehnt vom ersten Tag an den Nationalsozialismus bedingungslos ab und wird schon im Mai 1933 zum ersten Mal wegen eines Beitrages zeitweise verhaftet; später hat er Redeverbot und wird 1940 und 1943 erneut verhaftet und verhört. Die <?page no="181"?> Nationalsozialismus und Exil 179 Meditationen und Reflexionen seiner „Tag- und Nachtbücher“, seines aphoristischen Tagebuches, reichen von 1939 bis 1945 und sind 1947 erstmals erschienen. Funktional bewegen sie sich zwischen zwei Polen. Heißt es zum einen: „Ich schreibe für mich und zu meiner eigenen Belehrung“ (168), so „gesteht“ er an anderer Stelle: „Wer schreibt, will gelesen werden und nicht bloß von mir.“ (139) Haecker akzentuiert sein Tagebuchschreiben aphoristisch: „Ich bin ein Aphoristiker, aber einer, der ‚das’ System voraussetzt.“ (127) Niemand anderer als Kraus ist im Grundsatz sein Lehrmeister. Andererseits setzt er sich auch so deutlich von ihm ab, dass sein Tagebuch- Aphorismus nicht von diesem her zu verstehen ist. Eindeutig höher als die Pointe, als literarische Qualität überhaupt steht für ihn die richtige: die christlich-religiöse Orientierung, eben „‚das’ System“, das er voraussetzt. Die Eigenart seines aphoristisch-diaristischen Schreibens zeigt sich in der Zusammenführung des politischen und des religiösen Themenstranges als Argumentation gegen die falsche „deutsche Herrgott-Religion“ (39); in solchem Geiste pflegt Haecker seine Sprachkritik („Hakenkreuzzug“, 35). Er mythisiert und typisiert auf einen Kampf ewiger Mächte hin, ohne das Zeithistorische zu verdünnen und zu verflüchtigen. Kierkegaard ist ihm selbstverständlich die Leitfigur dabei, Nietzsche aber einer der Urheber des Bösen. In solchem Geiste und ebendieser prophetischen Sprache kommentiert und reflektiert das Tagebuch die Tagesereignisse in Aphorismen, die existenzielle Kategorien wie die Schuld, das Böse, Angst, Leiden und Verzweiflung, die Liebe bemühen und übergangslos zur Gebetsanrufung werden. So zeigt der Aphorismus im nationalsozialistischen Deutschland eine Spannweite von Euringers aphoristisierter Nazi-Ideologie über geistiges Mitläufertum und bürgerlich-konservative Reserve bis zu Haeckers christlich motiviertem Widerstand. Wenn auch die Publikationspraxis in den frühen vierziger Jahren aus Sicht der Gattung erstaunlich offen scheint und Benz etwa noch möglich macht: die Grenzen sind mit Haeckers erst nach Kriegsende publizierten Tagebuch-Aphorismen klar markiert. Klarste Grenzen, politisch-ideologisch wie ästhetisch-literarisch: das gilt erst recht für die Exilaphoristik. Das schließt nicht aus, dass sich, gewissermaßen unterhalb dieser Trennungslinie, auch geistesgeschichtliche Gemeinsamkeiten abzeichnen. Der Aphorismus des Exils ist ein weites literarhistorisches Feld mit einer stattlichen Anzahl von Autoren. Über den engeren hier dargestellten Zusammenhang ist zurück- (auf Alfred Polgar und Robert Musil) wie vorauszuweisen: auf Elias Canetti und Erwin Chargaff, die wichtige Kapitel in der deutschsprachigen Nachkriegs-Aphoristik schreiben, auf Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im Grenzgebiet von Aphorismus und Wissenschaft; noch Elazar Benyoëtz (geb. 1937), der 1939 mit den Eltern nach Jerusalem emigriert, hat hier seine Wurzeln. Franz Werfels (1890-1945) „Theologumena“ sind als viertes Hauptstück des „geistigen Rechenschaftsberichtes“ (14) „Between Earth and Heaven“ <?page no="182"?> 180 Das 20. Jahrhundert (1944) größtenteils zwischen 1942 und 1944 entstanden. Man hat sie zur wahrscheinlich bedeutendsten Aphorismensammlung der Exilliteratur erklärt. Ihre frommen Reflexionen erinnern zum Teil an die „Tag- und Nachtbücher“ Haeckers; als ihre Leitbilder sind Pascal und Kierkegaard herangezogen worden. Sie sind gegen „die innere Lüge des historischen oder dialektischen Materialismus“ (188) wie gegen „die Snobs des nihilistischen Intellektualismus“ (145) gerichtet und stellen der „eisigen Banalität des Materialismus“ die „mystischen Wahrheiten“ (145) gegenüber. Am interessantesten, auch im Sinne der Gattung, sind die „Profanen Nachträge“, zwar nicht durchweg profan, aber doch von der Gewissheit des Glaubens her auch beispielsweise auf Fragen der Kunst ausgreifend. Hier gewinnt der Schriftsteller in Werfel gegenüber dem bekennend Gläubigen noch einmal an Gewicht: „Tod ist gefrorene Zeit. Zeit ist geschmolzener Tod.“ (172) Wo sich der Dichter den letzten Fragen als Dichter zuwendet, darf er auf die Anteilnahme auch der Agnostiker rechnen. Zugleich formuliert er hier den Kern des aphoristischen Formwillens seiner „Theologumena“, ex negativo und nicht zu seinem Schaden in paradoxer Form: „In der Pointe bricht die Sprache der Wahrheit die Spitze ab.“ (172) Die konträre Position äußert sich gleichfalls aphoristisch. Bertolt Brechts (1898-1956) „Me-Ti. Das Buch der Wendungen“, entstanden 1935 bis 1941, stellt vor ungleich schwierigere Probleme, ob man Entstehung und Quellen- und Konzeptionsfragen, seine Edition oder auch nur die Gattungsfrage berührt. Wenn man es der Gattung zuschlägt (wie es die meisten Interpreten tun), dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Begriff damit einen Umfang annimmt, der weit ins Dialogische, Anekdotische, Parabolische ausgreift. Die formale Bandbreite dieses Buches reicht ja von Texten in der Art der Keuner-Geschichten bis zu herkömmlicher Aphoristik, nur dass diese in der Regel als Aussagen Me-tis und also als Rollenaphoristik verkleidet ist: „Me-ti lehrte: Umwälzungen finden in Sackgassen statt.“ (515) Die Lehre von der Emanzipation hat ihre logische Grenze. Natürlich ist die klassische Gebotsethik für ein dialektisches, gesellschaftliche Emanzipation intendierendes Denken obsolet; natürlich wird die schlichte Maxime in der Form eines „Du sollst“ im Prinzip so verworfen, wie sie sich im Einzelfall dann doch wieder anfindet. Vielleicht sind solche Selbstwidersprüche nicht das unwesentlichste Merkmal, das diese Aphoristik an die Tradition anschließt. Es ist nicht auszuschließen, dass Brecht mit dem „Buch der Wendungen“ gedanklich auf dem Weg zu einer „epischen Wissenschaft“ ist, wie er schreibt; gewiss sucht er darin eine eigene, auf Vereinzeltheit wie Kürze zielende Art der Erkenntnis im Hinblick auf eine gesellschaftliche Verhaltenslehre zu gewinnen und zu vermitteln. Lehrhafte Kürze, kurze Lehrhaftigkeit sind das bezeichnende Merkmal dabei; in Me-ti als ihrem Träger sind neben Brecht Lenin, Marx und andere zu einer Kunstfigur verschmolzen. Er übt Gesellschaftskritik als materialistische Sprachkritik, will das Herrschaftsmoment, das im Definieren auch verborgen liegt, gar nicht erst verstecken: „Me-ti sagte von einem Arbeiter, den einige gut nannten: Harmlosigkeit ist nicht Güte.“ (478) Überall dort, wo das Lehrhafte inhaltlich in eine Balance mit dem Selbstdenken gebracht wer- <?page no="183"?> Nationalsozialismus und Exil 181 den kann, gewinnt es, so im Gleichnis, so auch in der gängigen Sprichwortverkehrung: „Me-ti sagte: Hunger ist ein schlechter Koch.“ (477) Nachhaltiger entzündet Brecht Denken dort, wo sich Gegensätze berühren, wo er in altem Sinne neu zu Sein und Scheinen Stellung nimmt und die Dialektik nicht hinreicht, seinen Gefährdungs-Ebenen zu folgen: „Ende des Ro-pi-jeh. Die Gegner Ro-pi-jehs wurden für ihn zu einer Gefahr, als es für sie zu gefährlich wurde, gefährlich zu scheinen.“ (530) Und auch dort gewinnt die lehrhafte Kürze besonders, wo Brechts Lehrerfigur exemplarisch Fragen statt Antworten entwickelt, indem er überraschend auf eine ganz andere Ebene entspringt: „Kin-jeh sagte: Gegen schlechte Kunst losziehen und bessere verlangen oder den Geschmack des Volkes schmähen, was soll das nützen? Stattdessen sollte man fragen: Warum braucht das Volk Rauschgift? “ (502) Da ist Brecht sehr nahe in und an seiner Zeit, ohne dass seine Aphoristik in ihr aufginge; da gehört sie gewiss zu dem, was innerhalb der Exilaphoristik zu „lernen“ am wertvollsten ist: „Auch den Schrecken sehend in den Augen derer, die wir geschätzt haben, lernen wir, sagte Me-ti.“ (514) Zweifellos stellt die Aphoristik jüdischer Autoren einen überproportional großen Anteil an der Aphoristik des Exils. Und sie steht auch in besonders engem Zusammenhang, der sich in mannigfachen persönlichen Beziehungen niederschlägt. Felix Pollaks (1909-1987) „Lebenszeichen“ (1992) liegen als druckfertiges Manuskript „Aus der Luft gegriffen“ schon 1953 vor. Schon dort, wo er selbstreferenziell „Von Aphorismen, Worten und Sprichworten“ ausgeht, steht er tiefer im Boden der Tradition, als er sich das möglicherweise im Einzelnen bewusst macht. Dieses Verfahren führt nicht gerade in eine Sackgasse, aber doch oft in einen Stichweg, in dem Kraus schon ein mächtiges (Sprach-)Gebäude errichtet hat. Drei Aspekte sind in seiner Aphoristik besonders zu akzentuieren, und über allen dreien schwebt dessen mächtiger Schatten: „Karl Kraus: Er war so groß, daß er sogar den Kleinen gewachsen war.“ (115) Das ist neben dem starken Gewicht, das die Selbstreferenz einnimmt, in besonderer Weise die überwache Sprachbewusstheit. Gerade wo Pollak sehr einfach wird, ist er auch von wertvoller distinktiver Schärfe: „Gefühl ist immer schamhaft. Sentimentalität immer schamlos.“ (20) Hinzu kommt, dass Lyrik und Aphorismus hier einander eng verbunden sind, jedenfalls soweit es um Sprachbewusstheit und Formbeherrschung geht, nicht aber, sofern man eine mögliche lyrisch-metaphorische Weiterentwicklung des aphoristischen Genres im Blick hat. Auch Werner Kraft (1896-1991) wird man zunächst einmal von Kraus her betrachten, dem er zwei Untersuchungen widmet und auf den er immer wieder zurückkommt. Aufschlussreich für sein aphoristisches Werk ist neben dem Einfluss von Kraus (und dem Borchardts) auch die Beziehung zu Kafka, zu dem er gleichfalls zwei Studien verfasst. Das Werk von Ludwig Strauß, dem Freund und engen Nachbarn in Jerusalem, betreut er; Benyoëtz legt dem arrivierten Schriftsteller seine ersten Texte zur Kritik vor. Der spezifisch aphoristische Anteil an Krafts verschiedenartigen kurzen, nichtfiktionalen wie fiktionalen Texte ist in den Sammlungen „Zeitvertreib“ und „Hoffnung“ <?page no="184"?> 182 Das 20. Jahrhundert („Zeit aus den Fugen“, 1968) eigens herausgestellt, in „Sätze und Ansätze“ (1991) ist er ausschließlich bestimmend. Aber aufs Ganze gesehen ist Kraft eher der Mann der Literaturbetrachtung denn der Literatur. Auch wenn seine Mittel, Sprichwortvariation, Umkehrung, Paradox, Antithese, so geläufig seit je sind, dass man nicht behaupten kann, er habe sie gerade von Kraus gelernt, so drängt sich der Vergleich im Einzelfall dann doch deutlicher auf, so wenn er dasselbe Sprachpathos entwickelt: „Aus jeder Falle, in die dich der Zweifel stürzt, erhebe dich. Es gibt keine andere Rettung als die Sprache, den Weg zur Wahrheit.“ (Sätze, 47) Dann aber finden wir bei ihm „Sätze“, die sich in keiner Weise auf diese Tradition zurückführen lassen: „Dem Schein in die unergründlichen Augen sehen, bis sie sich schließen.“ (Zeit aus den Fugen, 239) Vereinzelt ragt auch in dem Band von 1991 Rätselhaftes durch das Vertraute hindurch, verglichen mit dem ersten Typus nicht zu seinem Schaden: „Den Schlaf der Welt durchbrechen“ (Sätze, 49). Der Bild-Aphorismus in der neuen Art, wie sie bei Kafka ausgebildet ist, begegnet in diesen Beispielen. Genau zwischen den beiden Typen, dem maßgeblich von Kraus beeinflussten und dem von Kafka geprägten, ist Krafts Werk anzusiedeln. Beide erweisen sich in der weiteren Betrachtung der Aphoristik des Exils deutlicher als die geheimen Pole der deutschsprachigen Aphoristik im 20. Jahrhundert, so bei Franz Baermann Steiner (1909-1952), der von 1938 bis zu seinem frühen Tod 1952 in der Londoner Emigration lebt und dort ein Jahr, nachdem der Freund Canetti mit seinen Aufzeichnungen begonnen hat (1942), auf dessen Anregung hin seinerseits mit Notaten beginnt, an denen er unter dem Titel „Feststellungen und Versuche“ bis zum Tode festhält. Erst 1988 kann eine kleine Auswahl daraus („Fluchtvergnüglichkeit“) die Vielfältigkeit seiner Arbeit zeigen. Der Wissenschaftler, der Dichter und Aphoristiker sowie der Moralist stehen in diesen Texten nebeneinander. Die Entwicklung vom Wortspiel-Typus (der den kleinsten Raum einnimmt) über die bildlich weitergeführte Moralistik zum lyrischen Aphorismus ist - bei gleitenden Grenzen - bei ihm besonders gut nachzuvollziehen. Wieder ist der Gegentyp zu Kraus nachweislich von Kafka her bestimmt. Ein Aphorismus wie „Vom Turmbau zu Babel ist es weder sinnvoll zu sagen, daß er gelungen, noch daß er mißlungen ist“ (85) erinnert direkt an Kafkas „Wir graben den Schacht von Babel.“ In den „Höhlensprüchen“ finden sich zwischen einem herkömmlichen Diktum-Aphorismus oder einem nicht unüberraschenden, aber doch herkömmlich-paradoxen „Alles kann erfüllt werden, nur Wünsche nicht“ (19) Aphorismen der anderen, neuen Art: „Die Wirklichkeit wohnt nur in den Rändern des Traums.“ (17) Auch die Definition endet in autonomer, an Kafka gemahnender Bildlichkeit: „Die Zukunft ist nicht das andre Gestade, sondern der Wind in den Segeln.“ (118) Die Beispiele herkömmlicher Aphoristik führen in ihrer bekannten Plakativität nicht weiter; wirklich neues Erkennen, auf einer ganz anderen Ebene, ermöglicht dagegen die über die Moralistik hinausgeführte Bildlichkeit: „Wenn mir Flügel wachsen, werde ich sie so schonen müssen, daß es kaum verlohnt.“ (111) Damit zeigt Baermann Steiners Aphoristik anders als die Pollaks eine echte Verschwisterung der beiden <?page no="185"?> Nationalsozialismus und Exil 183 Aphorismustypen; sie erweist sich genau wie die Krafts, aber mit einer gänzlich anderen Gewichtung, als ein Miteinander des von herkömmlichen Mitteln bestimmten, auf rationale Erkenntnisschichten zielenden und des neuen autonomen, in anderer Weise erkenntnishaft ansetzenden Bildaphorismus. Ludwig Strauß (1892-1953), als Lyriker und Erzähler in der klassischromantischen Tradition, verfasst spätestens seit 1915 auch Aphorismen. Nach kleineren Teilpublikationen erscheint „Ein Buch aus Sätzen“ unter dem Titel „Wintersaat“ noch im Todesjahr des Autors. Er hält sich, von Goethe und Hofmannsthal herkommend, von reinem Ästhetizismus wie von platter Indienstnahme der Kunst gleich weit entfernt, sucht seinen Platz zwischen Liberalismus und jüdischem Glauben, zwischen Schönheit und Gemeinschaft; Erlösung durch die Kunst und Messianismus denkt er dabei ineins. Wenn Strauß seine Texte „Sätze“ nennt, so hat er dabei ein Doppeltes im Sinn: Daß ich die Stücke nicht ‚Aphorismen’ nenne, sondern einfach ‚Sätze’, hat seinen Grund darin, dass hier manchmal neben den gedanklichen Aussagen kurze Beschreibungen äusserer Erscheinungen stehen. Mir ist diese Nachbarschaft aus Gründen, die Sie gewiß ohne Erklärung verstehen, wichtig, aber jene beschreibenden Sätze lassen sich nicht wohl Aphorismen nennen. (598) Diese „Nachbarschaft“ bestimmt die „Wintersaat“; als „gedankliche Aussage“ steht das klassisch-moralistische Diktum in klassischem Chiasmus („Aller Anfang ist schwer und köstlich. Schwerer und köstlicher ist alle Vollendung.“; 254) neben dem, was er „kurze Beschreibung“ nennt: „Sein Härtestes und sein Zartestes, die Wurzeln und ihre Fasern, birgt der Baum in der Nacht der Erde.“ (285) Auch bei Strauß wächst aus den moralistischen Mustern Neues heraus hin zum reinen Bild-Aphorismus. Insbesondere zwei der traditionellen formalen Vorbilder erfüllen die Texte: die Paradoxie und den Imperativ. Der Imperativ löst sich selbst auf, indem er in sich widersprüchlich oder gar paradox gebrochen ist: „Flüchte dich nicht ins Geheimnis! Fliehe nicht aus dem Geheimnis! “ (278) Oder aber er wird, wenngleich selten, ins Poetische weiterentwickelt, bis hin zu einer geheimnisvollen Anweisung, deren intendierte ‚Handlung’ in nichts als einer Meditation über die Kernbegriffe Fleisch, Blut, Hauch, Geist besteht: „Vergiß nicht das Fleisch überm Blut, das Blut überm Hauch, den Hauch überm Geist! Vergiß nicht den Geist überm Hauch, den Hauch überm Blut, das Blut überm Fleisch! Nur wo sich alle Strahlen begegnen, schwebt der wirkliche Stern.“ (257) Was die Paradoxie betrifft, so ist von der höchst wichtigen Bestimmung in einem seiner eigenen „Sätze“ auszugehen, mit der er den entscheidenden Unterschied zwischen der Paradoxie Kraus’ und der Kafkas zum Ausdruck bringt: „Wo das Paradoxe in deiner Existenz und in deinem Denken aufhört, unfreiwillig zu sein, da hört es auch auf, rechtmäßig zu sein.“ (276) Dementsprechend stehen der altvertrauten Paradoxie Beispiele einer anderen Art gegenüber: „Glaube nicht, einen Menschen ganz verstanden zu haben, so lange du noch nicht auf das in ihm gestoßen bist, was dir unverständlich bleibt! “ (249) Auch über die Analyse der Paradoxie zeigt sich, dass es das innerhalb des moralistischen Musters <?page no="186"?> 184 Das 20. Jahrhundert Eigentümliche, das Kennzeichnende seines Denkens ist, Klarheit aus differenzierender Übersteigerung zu gewinnen. In zwei Formen wird diese Differenzierung über die moralistische Kürze hinausgeführt. Zum einen wird sie selbst auf Kosten der aphoristischen Konzision weitergetrieben; Präzision geht über knappe Eleganz wie generelle Gültigkeit. Zum andern dominiert statt der Rhetorik das genaue Bild, im Übergang von der dienenden Vergleichsfunktion bis hin zum absoluten Bild- Aphorismus: „Es gibt Holz, das von Früchten träumt, und Holz, das von Flammen träumt.“ (244) Dieser zeigt sich in dreifacher Form. Er bleibt - von „kurzen Beschreibungen“ sprach sein Autor - mehr oder weniger auf der Beschreibungsebene („Wurzeln treten rings um den Baum in der Erde vor und spannen sich und verlieren sich wie die Adern in einer Greisenhand.“; 244) und wendet sich von da aus - eher unglücklich - ins gewollt Poetische. In der dritten Ausformung scheint durch die Beschreibung hindurch unangestrengt eine geheimnisvolle Evokation auf: „Endlich wird der Druck der überlagernden Schichten so schwer, daß der Stein zu glühen und zu strömen beginnt.“ (241) Zum wiederholten Male erinnert diese lyrisch-aphoristische Verschmelzung an Kafka, nicht nur thematisch, in Weg und Ziel, im Thema des Leidens und der göttlichen Botschaft, sondern auch formal, in seiner penibel-juristischen, argumentativen Entfaltung ebenso wie in der poetischen Umkehrung: „Es dürstet den Trank nach dem Munde des Trinkenden.“ (241) Eine grundsätzlich andere aphoristische Variante kommt im Werk von Hans Margolius (1902-1984) und dem seines Kreises zum Ausdruck. Eine markante Figur in der Gattungsgeschichte des Aphorismus ist er durch die Fülle und Breite seiner Beiträge, Aphorismen, Essays und Anthologien wie auch dadurch, dass er so etwas wie schulbildend für eine ganze Gruppe von Schriftstellern nach 1945 geworden ist. Mit seinen ethischen Aphorismen geht er entschieden aus dem Bereich der Literatur in den der Lebenshilfe, und er will das auch so. Er ist der rundum belesene Aphoristiker; ein Merkmal dieser Aphoristik des Guten ist das Zitat, an das sich oft ein Kommentar anschließt. Dass Güte und Denken zusammengehören, ist unbedingt das ideologische, eben nicht: das gedankliche Fundament. Dass Güte Denken stören kann: dieser störende Gedanke wird nicht gedacht. Das bleibt ohne jede Ambivalenz, ohne jedes Problem, ohne jede Differenzierung: „Es gibt keine Freude am Leben ohne Glauben an die Macht des Guten in der Welt.“ (Das Gute im Menschen, 24) Von daher geht es um die Beschwörung von Werten wie Verstehen, Hoffnung, Mitleid, Dankbarkeit, Gerechtigkeit, Hingabe und Gemeinschaft. Es geht um Bekenntnisse, um die Verschiebung in einen Bereich, der sich schlechterdings jeder gedanklichen Überprüfung entzieht: Milde statt (Trenn-)Schärfe ist gefordert. Erkenntnis ist höchstens bedingt der Impuls dieser Aphoristik. Sie ist zuvörderst weltliche Seelsorge, die Einsicht fördert nur, sofern und solange sie Trost zu spenden vermag. Dichtung ist ihr nicht denkbar ohne Mission. Nur durch „Glauben“ lässt sich die einschichtige „Güte“ dieser Aphoristik durchhalten; von einer Interpolation zwischen Erfahrung und Glauben an das Gute kann keine Rede sein: „Wer an das Gute im <?page no="187"?> Nationalsozialismus und Exil 185 Menschen glaubt, den können trübe Erfahrungen nicht irre machen. Glaube ist stärker als Erfahrung.“ (Das Gute im Menschen, 9) Damit setzt sich Margolius aber gegen Basiselemente der Gattung, Empirie und Skepsis, in Widerspruch. Sein Aphorismus ist ihr formal und thematisch aufs engste verbunden, gleichwohl ist er in seinem Ansatz diametral verschieden. Diese ideologische Grenze verläuft innerhalb der Gattung - das ist hier ja weder erstnoch einmalig -, aber sie trennt mitunter stärker und eindeutiger, als es im Grenzbereich etwa zu Lyrik oder Anekdote möglich wäre. Er predigt nicht nur Milde, seinem Denken gegenüber ist sie auch oft hart gefordert: Die Vorhersagbarkeit seiner edlen Aphoristik wirkt ermüdend. Die Analyse des deutschsprachigen Aphorismus in den dreißiger und vierziger Jahren führt für den Aphorismus im Nationalsozialismus und den Exilaphorismus zu relativ deutlichen Trennungsmerkmalen. Dabei muss man sich der überaus weiten Spanne ständig bewusst sein, der man sich dort - von Euringer bis Benz - wie hier - von Brecht bis Margolius - gegenübersieht. Im Nationalsozialismus wird er argwöhnisch betrachtet, zurückgedrängt und um- oder eingedeutet, und zwar aus drei Gründen: Er ist individualistisch, er ist un-systematisch, er ist skeptisch-unentschieden. Auf zweierlei Weise sucht der Aphoristiker hier das Individualistische zu überwinden, durch Selbsterhöhung und durch Anbindung an ein größeres Ganzes, das das unverbindlich Individuelle aufheben soll: Volksverbundenheit in verschiedenen Aspekten charakterisiert demgemäß diese Aphoristik. Für die Rezeption bedeutet das, dass sie eher als ein dankbares Empfangen gedacht ist denn als Weiterführung oder auch kritische Gegenführung. Dem Unsystematischen setzt Euringer „Baublöcke einer Weltanschauung“ entgegen, Haecker setzt „das System“ eines glaubensgewissen Urgrundes voraus: Die Einbettung in eine ‚systematisch’ zusammenhängende Weltanschauungslehre macht nicht an den Grenzen der herrschenden Ideologie halt. Für das Skeptische zumal ist kein Raum. Es herrschen wo immer das Spruchhafte als das Gewisse, das unbedingte Geltung Beanspruchende. „Seele“ oder Herz ersetzen den Intellekt, Ahnung steht für Erkenntnis, „Instinkt“ für Problemorientierung und Kritik, eine ‚gesunde’ Gewissheit nimmt den Platz ankränkelnder skeptischer Unsicherheit ein. Der alle drei Gegengründe überwölbende Begriff ist der der (mangelnden) Verbindlichkeit. Es geht in diesem literarisch-ideologischen Kampf um Bindung im umfassendsten Sinne. Um in dem Zusammenhang des unverbunden Vielperspektivischen in einem aphoristischen Ich mit seinen Widersprüchen und Selbsterprobungen etwas anderes und mehr zu sehen als einfach subjektive Unverbindlichkeit, dazu scheint die Zeit durchgreifend zu sehr in überindividuellen Systemen befangen. Von Euringers „Weltanschauung“ bis zur Gottesfreundschaft Haeckers werden Verbindlichkeiten außerhalb gesucht. Auch für das Pointierte, Leichte, Witzig-Unverbindliche ist kein Raum. Im schmucklos-schweren, autoritätsgeladenen Spruch sucht man einerseits Si- <?page no="188"?> 186 Das 20. Jahrhundert cherheit, wie man andererseits darin lehrhaft-verbindliche Sicherheiten zu geben sucht. Mit seltener Klarheit ist in der gattungstypischen Verengung zu beobachten, wie und mit welchen Folgen die deutschsprachige Literatur 1933 bzw. 1938 expatriiert wird. Die Aphoristik des Exils zeigt zunächst eine ideologische wie formale Spannweite, die keine integrierenden Aspekte zuzulassen scheint. Drei Linien zeichnen sich indes besonders deutlich ab: die Tendenz zu einem lyrischen Bildaphorismus (Strauß), ein ethisch bestimmter Aphorismus (Margolius), diametral entgegengesetzt eine materialistische und dialektische Variante (Brecht). Nicht minder bedeutend als die Ausstrahlungskraft von Kraus ist der Einfluss von Kafkas neuem autonomen Bildaphorismus. Damit sind innerhalb der Exilaphoristik exakt die beiden Autoren vorbildhaft stilbildend, die dem nationalsozialistischen Aphorismus nicht zu Gebote stehen können und die für die weitere Gattungsgeschichte in vorderster Linie maßgebend sind. Zu den Begriffsmetaphern „Spiel“ und „Bild“ tritt diejenige der „Erkenntnis“. Während sich Strauß zwischen den Vorbildern Hofmannsthal und Kafka bewegt, kann man bei Margolius die Schwundstufe in der Linie von Goethe her über Hofmannsthal ausmachen. Wenn etwas die Aphoristik des Nationalsozialismus und die des Exils dann doch zusammenhält, dann sind es thematisch ein doppelter Aspekt: der der Kunst und der Religion, von Bertram und Haecker bis Werfel und Baermann Steiner, formal die Skepsis gegenüber dem überkommenen Aphorismus, verbunden mit Tendenzen zur Veränderung und Erneuerung, in Bertrams „Spruch“ wie in Strauß’ „Satz“. Entscheidend ist aber nun, in welche Richtung diese Tendenzen verlaufen: hin zur Dogmatisierung im Nationalsozialismus, zur Lyrisierung im Aphorismus des jüdischen Exils, dort mit der Tendenz zur Verfestigung, hier mit der Tendenz zur Verflüssigung verbunden. In der gattungshistorischen Verkleinerung ist auch sehr deutlich zu sehen, dass die literarische Kontinuität vom ersten Drittel des Jahrhunderts in seine zweite Hälfte hinein weitgehend über das Exil vonstatten geht; dagegen bedeutet der nationalsozialistische Aphorismus einen Bruch einerseits, ein Zwischenspiel andererseits. Es ist die vergleichsweise geradezu aufblühende Aphoristik des Exils, die in mannigfacher Weise nachwirkt, und das aus inneren Gründen. Hier finden sich nicht nur die großen Namen der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert wie Musil, Brecht oder auch Werfel, hier wurzeln nicht nur die beiden bedeutendsten deutschsprachigen Aphoristiker der zweiten Jahrhunderthälfte, Canetti und Benyoëtz. Von hier aus lassen sich auch eindeutig Verbindungen herstellen, von ihrem rechten Flügel, wenn man so sagen darf, in die fünfziger und sechziger Jahre, von ihrem linken Flügel aus in die siebziger Jahre hinein. Von Margolius führen sie zu einer ganzen Gruppe von konservativen Aphoristikern der Ethik und Lebenshilfe. Dieser Flügel der Exilaphoristik wird in der Restauration der Adenauerzeit mit dem christlichen Konservativismus der in Deutschland gebliebenen Autoren wie Wilhelm von Scholz, <?page no="189"?> Aphorismus und Wissenschaft 187 Ernst Wilhelm Eschmann, Otto Heuschele, Friedrich Georg Jünger oder Fritz Diettrich zusammengeführt. Diese Linie der „Erkenntnis“ von Goethe und Hofmannsthal her, bei Heuschele ideologisch angepasst, bei Benz im Widerspruch gewahrt, wird zunehmend steril. Auf dem andern Flügel, dem des „Spiels“, reicht Kraus’ Einfluss über so verschiedene Autoren wie Pollak, Kraft, Adorno und Chargaff in die Bundesrepublik hinein, zu Aphoristikern wie Hermann Schweppenhäuser, Ulrich Erckenbrecht und Helmut Arntzen. Eine satirisch-kabarettistische Linie geht von Kurt Tucholsky aus, etwa zu Werner Schneyder. Brecht weist, speziell mit seiner epigrammatischen Lyrik, auf jüngere Autoren in der Bundesrepublik (Helmut Lamprecht, Arnfried Astel), in der DDR (Günter Kunert, Reiner Kunze), nach wie vor in der Emigration (Erich Fried) und in der Schweiz (Kurt Marti) voraus; Adorno steht im Hintergrund des sozialkritischen Aphorismus der siebziger Jahre. Und auch für den dritten Zweig, den von Kafka ausgehenden „Bild“-Aphorismus, bildet nichts anderes als das Exil mit Baermann Steiner oder Strauß die Brücke, hier von Kafka etwa zu Elazar Benyoëtz. VII. Aphorismus und Wissenschaft Von dem ungeschiedenen wissenschaftlich-literarischen Aphorismusbegriff des 18. Jahrhunderts aus zieht sich eine Aphorismusvorstellung - über Schopenhauer - noch durch das 20. Jahrhundert, die enger an der Wissenschaft orientiert ist. Das Feld ist auch in der Moderne weit. Es reicht in der Philosophie von Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und anderen bis zu Ludwig Wittgenstein, Rudolf Kassner und Ferdinand Ebner und führt mit Autoren wie Hans F. Geyer, Anton Neuhäusler oder Wolfgang Struve bis an die Gegenwart heran. Traditionen in der Rechts- und Kunstwissenschaft lassen sich ebenso ausmachen wie die augenfällige Verbindung von literaturwissenschaftlicher Aphorismustheorie und aphoristischer Praxis. Die Grenzziehung ist dabei nicht einfacher geworden, nicht bei dem Exulanten Adorno, der hier zur Sprache kommt, nicht bei dem Philosophen Hermann Schweppenhäuser oder dem Biochemiker Erwin Chargaff, deren Werk in jeweils anderen Zusammenhängen besser erkennbar ist. Mehrere Grundfragen der Gattungsgeschichte stellen sich hier in verschärfter Form, so das Grundproblem, wieweit der Gattung Texte unter anderem Namen zugerechnet werden können und ob gar sogenannte „Aphorismen“ aus ihr ausgeschlossen werden müssen. Es verbindet sich zu wiederholtem Male mit Grenzerörterungen: zum Essay, zum Tagebuch. Auch die Frage, ob es überhaupt philosophische Aphorismen oder vielmehr nur literarische Aphorismen zu philosophischen Themen geben kann, ist kontrovers diskutiert worden, mit guten Argumenten für eine offen-integrative Auffassung, wie sie hier vertreten wird. <?page no="190"?> 188 Das 20. Jahrhundert Eine besondere Rolle spielt der Aphorismus bei den vom Marxismus bestimmten Denkern, vor allem bei Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, aber auch bei Max Horkheimer. Dabei sind ihre Texte allesamt so weit an den Grenzen der Gattung zu Denkbild, Essay, Anekdote, im Weiteren noch zu Rätsel, Emblem und Traktat angesiedelt, dass ihre Zuordnung schwierig und strittig ist. Wesentliche, wenn nicht die entscheidenden Elemente lassen sich aber in jedem Fall von dieser gemeinsamen Randlage her erkennen. Hinzu kommt, dass sich ein Teil der politischen Aphoristik der Bundesrepublik um 1970 aus der Nachfolge der Kritischen Theorie heraus beschreiben lässt. Walter Benjamins (1892-1940) „Einbahnstraße“ ist seit 1924 entstanden und 1928 erschienen, kommt aber erst seit 1955 zu rechter Wirkung. Der aphoristische Komplex in der Mitte seines kurzen Lebens steht nicht isoliert; Benjamin hat seit 1916 Aphorismen geschrieben, und noch am Ende seines Lebens nimmt er die Form in „Zentralpark“ auf. „Die Aktualität als den Revers des Ewigen in der Geschichte zu erfassen und von dieser verdeckten Seite der Medaille den Abdruck zu nehmen“, so beschreibt Benjamin selbst den Anspruch, den er mit der „Einbahnstraße“ erhebt. Es kann hier nicht darum gehen, ihre Gesamtkonzeption zu entwickeln, vor allem auch im Zusammenhang mit den „Passagen“, sondern nur darum, das aphoristische Element herauszuheben und zu zeigen, dass es keineswegs als akzidentell zu sehen ist. Es kennzeichnet sie die Verbindung von Anschauung und Reflexion, Bild und Begriff, als Bild der Straße selbst, im bildlich vergleichenden Denken allerorts und im Besonderen dort, wo beides, ineinander gewirkt, den Text überhaupt erst entwickelt. Das Situativ-Assoziative bestimmt diese virtuelle Straße und ihre Architektur. Wo es auf ein Straßenschild anspricht und zugleich von ihm wegspringt, bestimmt es den Anspruch an die eigene Schreibarbeit und ist gerade auf sie selbst zurückzubeziehen: „Achtung Stufen. - Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen, eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.“ (39f.) (Auf Traum und Spiel als Strukturelemente weist schon Adorno hin.) Im Besonderen prägt es sich natürlich bei den ‚Geschäftsschildern’ aus, die zu einer Sammlung besonders kurzer Stücke Anlass geben, bei den „Kurzwaren“ (108), bei den „Galanteriewaren“ („Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“; 59) oder in der „Loggia“ (71). Wie hoch diese Beispiele in ihrer Verbindung von Poesie, Einsicht und Sprachrhythmus auch einzuschätzen sind, so werden sie noch überragt durch den Aphorismus, den die „Bogenlampe“ erzeugt - sie geht der „Loggia“ unmittelbar voraus -: „Einen Menschen kennt einzig nur der, welcher ohne Hoffnung ihn liebt.“ (71) Mit diesen Aspekten ist das aphoristische Element in all seinen Facetten prägend genug, um der „Einbahnstraße“ samt ihren Ausstrahlungen in Benjamins Werk hinein in der Geschichte der Gattung einen bedeutenden Stellenwert zuzuweisen. Auch Theodor W. Adornos (1903-1969) „Minima Moralia“ sind als Bestandteile der aphoristischen Gattung höchst umstritten. Sie reichen insgesamt zweifellos über deren Rand hinaus, aber eine rigorose Ausgrenzung <?page no="191"?> Aphorismus und Wissenschaft 189 wird ihnen weniger gerecht, als wenn man der in jedem Sinne höchst bedeutsamen Einschätzung des Autors selbst nachgeht und sie formal vom Aphorismus her betrachtet. Der heuristische Nutzen, der darin liegt, überwiegt den Vorteil klarer Abgrenzung, sie sei literaturwissenschaftlich oder philosophisch begründet. In den Jahren 1944 bis 1947 in der amerikanischen Emigration entstanden und 1951 gedruckt, kommen diese „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ in den sechziger und siebziger Jahren zu unvergleichlicher Wirkung. Für ihre Vorbilder ist an Nietzsche zu erinnern, an Altenberg und Benjamin, vor allem aber an Kraus. Die Formargumentation der „Zueignung“ ist ein Versuch, Hegel und den Aphorismus zu vermitteln. Sie insistiert in Opposition zu diesem und gleichwohl in der Konsequenz seines dialektischen Verfahrens auf der Gattung und ist dabei wesentlich apologetisch orientiert. „Das Ganze ist das Unwahre.“ (57): Adorno bezweifelt den „Primat des Ganzen“ (10), ohne etwas unbedingt dagegenzusetzen. Dass er das Unvermittelbare zu vermitteln sucht, verdeutlichen auch die Texte selbst; es macht ihren spezifischen Zwittercharakter aus: unsystematisch und unverbunden von der einzelnen Erscheinung ausgehend einerseits, andererseits innerhalb des zufällig Einzelnen unaphoristisch operierend, apodiktisch, unbildlich, reflexiv-argumentativ. Wenn man die Aspekte akzentuiert, die von der Gattung her zentral aufschlussreich sind, wird man sich bevorzugt der Beispiele in den besonders kurzen, ‚kernhaften’ Aphorismen bedienen. Sie sind aber nicht die apart gestellten Ausnahmen. Der Übergang zu der Mehrzahl der Texte, die einen Grenzfall darstellen, ist fließend. In Gruppen wie „Zwergobst“ (55-57), „Zweite Lese“ (140-145), „Monogramme“ (252-255) und „In nuce“ (298-300) finden sich nicht nur die klassischen Mittel wie Umkehrung oder Definition, hier beweist der Autor, dass er in einzelnen Aphorismen mit Widerspruchs- und Rätselrest den größten Autoren des Genres nicht nachsteht: „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“ (254) Auch Max Horkheimers (1895-1973) „Notizen in Deutschland“, die dieser als Heinrich Regius unter dem Titel „Dämmerung“ 1934 in Zürich erscheinen lässt, stehen zwar eher außerhalb der Gattungsgrenzen, aber die eingebürgerte Gattungsbezeichnung Essay ist gleichfalls nicht mehr als ein Notbehelf für diese diversen Mischformen. „Doppelte Moral“ stellt das beste Beispiel einer solchen Zwischenform dar, ist die aphoristische Ambivalenz hier doch in geradezu mustergültiger Weise auseinander- und nebeneinandergelegt: Leitspruch für den Freund der bestehenden Ordnung: ‚Weh dem, der lügt’. Er kann nach, mit, von seiner Gesinnung leben. Leitspruch für den, der über die bestehende Ordnung erschrickt: ‚Weh dem, der nicht lügt’. Er kann nach, mit, an seiner Gesinnung zu Grunde gehen. (263) Unter Günther Anders’ (1902-1992) vielfältig ‚gemischten’ Texten („Philosophische Stenogramme“, 1965) spielt der Aphorismus dagegen eine untergeordnete Rolle, und Ernst Blochs (1885-1977) „Spuren“ (1930) sind in ihrer <?page no="192"?> 190 Das 20. Jahrhundert Verbindung von narrativen und reflektierenden Elementen nur an einzelnen Stellen der Gattung benachbart. Die Berührungsorte zwischen Aphorismus und Philosophie sind bei weitem nicht auf marxistisch bestimmte Autoren beschränkt; sie lassen sich durch die verschiedensten Philosophien hindurch ausmachen, am augenfälligsten bei Ludwig Wittgenstein, Ferdinand Ebner und Rudolf Kassner. Ob und inwiefern wir es bei Ludwig Wittgenstein (1891-1951) überhaupt mit einem Aphoristiker zu tun haben, ist nur differenziert an eine mögliche Beantwortung heranzuführen. Eine Disposition zum Aphorismus ist bei ihm durchgehend zu beobachten, durch die Distanz zur akademischen Philosophie wie durch die Nähe zur literarischen Aphoristik gleichermaßen; sie wirkt sich zu verschiedenen Zeiten verschieden aus. Auf Lichtenberg ist in dem Zusammenhang vielfach verwiesen worden, auf Nestroy, besonders aber auf die Berührungspunkte mit Kraus. Der 1918 niedergeschriebene „Tractatus logico-philosophicus“, 1921 zuerst gedruckt, ist zweifellos vom ersten bis zum letzten Satz in vereinzelten Sätzen formuliert. Aber angesichts eines Textes in Sätzen, der in einer sechsstelligen Klassifikation eine präzis hierarchisierte Abfolge herstellen will, von Aphorismen zu sprechen, fällt zu schwer, auch wenn man das Literarische daran nicht unterschätzt. Der Unterschied zwischen dieser formalen Ordnung und den 693 „Bemerkungen“ der „Philosophischen Untersuchungen“, deren erster Teil zwischen 1936 und 1945 entstand, ist unverkennbar. Mit ihrer Konzentration auf Denken, Vorstellen und Sprechen bleiben sie ein Sonderfall, aber einer, der zumindest intentional innerhalb der Gattungsgrenzen anzusiedeln ist. Wenn sich Wittgenstein in den „Vermischten Bemerkungen“ (1977) formal an Kraus anlehnt, ist die enge Beziehung zum Aphorismus auch metaphorisch deutlich: Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; und wer im Stande ist, uns einen Sack voll Rosinen zu geben, kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige, daß er etwas besseres kann. Ich denke an Kraus und seine Aphorismen, aber auch an mich selbst und meine philosophischen Bemerkungen. (127) Die Nachlassaufzeichnungen „Über Gewißheit“ aus den letzten Lebensmonaten der Jahre 1949 bis 1951 verdeutlichen die spezifischen Probleme, die sich bei ihm stellen, noch einmal. Wer an allem zweifeln wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen. Das Spiel des Zweifelns setzt schon die Gewißheit voraus. (39) Das Wissen gründet sich am Schluß auf der Anerkennung. (99) Solche konzis formulierten, in der Reihenfolge vertauschbaren und voneinander unabhängigen Aufzeichnungen kann man ohne weiteres aphoristisch lesen, sie machen aber „Über Gewißheit“ noch nicht zu einer Aphorismensammlung. Nicht nur, dass ein einziges Thema: Zweifel und Gewissheit sie <?page no="193"?> Aphorismus und Wissenschaft 191 verklammert, sie sind darüber hinaus auch gewissermaßen nur zufällig isoliert und stehen in einem Kontext, dessen einzelne Sätze durch textsemantische Signale verknüpft sind: „Aber auch hier ist natürlich noch ein Fehler.“ (104) Auch am Ende seines Lebens zeigt sich damit in Wittgensteins Schreibweise noch einmal das Changierende, das ihn weder zur philosophischen Abhandlung noch eindeutig zur thematisch offenen literarischen Aphoristik führt. Die „Vermischten Bemerkungen“ sind in der gesamten Diskussion zu Unrecht wenig beachtet worden: 1914 bis 1951 datierte Aufzeichnungen, die weder unmittelbar zu den philosophischen Werken gehören noch autobiographischen Gepräges sind, ein diaristisch-aphoristisches Gemisch, das an Hebbel oder auch Lichtenberg denken lässt. Sie sind nicht nur, wenn man so sagen darf, Wittgensteins ‚aphoristischstes’, sondern auch - vielleicht nicht nur für den Nicht-Philosophen - sein schönstes Buch. Nie einen klugen Satz intendierend, sind sie allezeit von höchstem Denkethos. Mit einem starken introspektiv-selbsterforschenden Anteil stehen sie unter der Lebens- und Denkmaxime: „Friede in den Gedanken. Das ist das ersehnte Ziel dessen, der philosophiert.“ (87) Sie gliedern sich thematisch wie formal nahtlos der Gattung ein, setzen auf bewährte Formen wie die Definition und den Relativsatz, kennen die Ambivalenz ebenso gut wie die Nähe des Aphorismus zum Schweigen: „In der Kunst ist es schwer etwas zu sagen, was so gut ist wie: nichts zu sagen.“ (50) Ihre Bilder sind so einfach wie bemerkenswert: „Auch Gedanken fallen manchmal unreif vom Baum.“ (58) Mit all diesen Elementen stehen sie innerhalb von Wittgensteins Werk der literarischen Aphoristik am nächsten. Dagegen ist das Werk Ferdinand Ebners (1886-1931) durchgängig vom Aphorismus geprägt. Der Volksschullehrer aus der Nähe Wiens, von früh an in einem intensiv-unsicheren Verhältnis zu Glauben und Kirche, eignet sich als Autodidakt ein immenses literarisch-philosophisches Wissen an, das in Tagebüchern reflektiert wird. Einsamkeit, Selbstbeobachtung, körperliche und psychische Krisen sind für sein Leben bestimmend. Nach der entscheidenden literarischen Begegnung mit Kierkegaard 1914 schwillt die diaristischaphoristische Produktion an; zwischen 1916 und 1923 hat sie in achtzehn Notizheften einen Umfang von ca. 5000 Druckseiten. In seinem aphoristischen Gesamtwerk ist das abgeschlossen Konzipierte von dem in Tagebüchern und Notizheften Niedergelegten zu trennen. Ebner führt sogenannte subjektive und ab 1905 objektive Tagebücher; von 1909 an haben sie sich erhalten. Aus den letzteren stellt er Auszüge zusammen; die Reinschrift einer letzten Sammlung „Aphorismen 1931“ ist 1933 unter dem Titel „Wort und Liebe“ in Auswahl in einer Zeitschrift und selbstständig und vollständig zwei Jahre danach erschienen. Ungeachtet seiner mehrfachen theologisch-philosophischen Wenden ist Ebners Aphorismus von Beginn an von einheitlichem Gepräge. Die Geburt der Gattung aus Marginalie, Anmerkung und Exzerpt lässt sich bei ihm exemplarisch nachvollziehen. Der Weg führt von dort über die Notiz im objek- <?page no="194"?> 192 Das 20. Jahrhundert tiven Tagebuch konsequent bis zu dem zur Veröffentlichung bestimmten Aphorismus in den eigenen Auswahlen. Sein Verständnis von der Gattung ist an ihren großen Vertretern abgeklärt: den französischen Moralisten, Lichtenberg, Schopenhauer, an Kraus in kritischem Abstand, wie er ihn bei aller Bewunderung erkennen lässt. Er sieht sich deutlich in der Tradition einer Lebensphilosophie, die, spontan, jeweilig, nur aktuelle Gedanken denken kann und die Abstraktion der Systemphilosophen vermeidet. Dabei sieht er nun freilich ganz klar das Problem, dass seine Aphoristik in keiner Weise ästhetisch orientiert ist. Angesichts dieses Dilemmas ist es nicht verwunderlich, dass seine Äußerungen zur Sache wie zum Begriff von höchster Ambivalenz sind. Vorrangig spiegeln sie die Vorbehalte gegen die Gattung. Der wesentliche Auslöser für dieses Zuordnungsproblem ist das Geistreiche, das sich im Wortspiel des Aphorismus konkretisiert. Das ist es entschieden, was er nicht will; natürlich ist Kraus dabei im Hintergrund zu denken. Das eher noch größere Problem stellt sich Ebner, wenn er der Frage nachgeht, ob die Form seines Denkens überhaupt in irgendeiner Weise zu dessen Gehalt passt, der im Wesentlichen von der Ich-Du-Beziehung geprägt ist. Seine Aphoristik ist diesen Überlegungen entsprechend von ruhiger Darlegung und frommer Erwägung geprägt und jedem rhetorischen Effekt abgeneigt. Sie kreist dabei sehr stark um einige wenige semantische Komplexe und ist gläubiges Statuieren, das sich letztlich in äußerst abstrakten, wenn nicht leeren Formeln bewegt. Die Auswahl „Aus dem Tagebuch 1916/ 17“ dokumentiert solche Geschlossenheit und solches Kreisen in höchstem Maße. Die einzelnen Aphorismen dieser „Geistes-“Lehre sind ohne jede Anschauung, spekulativ und von geistlichem Unbedingtheitsanspruch: „Es gibt nur zwei geistige Realitäten: Gott und das Ich.“ (1, 32); der Skeptiker wird nur ganz vereinzelt bedenkenswerte Ansätze finden. Auch die „Aphorismen 1931“ können, von ihrem möglichen spirituellen Gehalt abgesehen, durch ihre denkerische Kraft im Ganzen nicht überzeugen. Ungeachtet dessen ist Ebners religiös-philosophische Aphoristik in der Gattungsgeschichte, zumal für ihr wissenschaftlich-literarisches Zwischengebiet, von nicht geringer Bedeutung, und das weniger durch den denkerischen Gehalt im Einzelnen als allein durch die Konsequenz, mit der die Gattung hier, vielfach reflektiert, ein Gesamtwerk bestimmt. Mit den „Sätzen des Yoghi“, die der Kulturphilosoph Rudolf Kassner (1873-1959) 1911/ 12 veröffentlicht, spannt sich ein Bogen über die gesamte Lebenszeit bis zur Mitte der fünfziger Jahre. Indische Philosophie und Zen- Buddhismus sind für diesen Autor von so grundlegender Bedeutung, dass er 1931 von sich sagen kann: „Ich bin im tiefsten ein Joghi und alles ist daraus zu verstehen.“ (6, 608) In das biographische Buch „Umgang der Jahre“ werden weitere „Sätze des Joghi“ aus dem Sommer 1948 aufgenommen. „Neue Sätze des Yoghi“ (10, 701-703) schließlich entstehen in den Jahren 1953 und 1955. Kassner hat sich nicht oft, aber dafür besonders substanziell zu seiner Kurzprosa geäußert. Schon in diesen selbstreferenziellen Bemerkungen mit ihren Schlüsselbegriffen Erinnerung und Grenze zeigt sich, dass seine Aphoristik <?page no="195"?> Aphorismus und Wissenschaft 193 auch im Einzelnen zutiefst in seinem gesamten Denken verwurzelt ist. So begründet er die These, dass die Zeiten für die Maxime mit ihrer handhabbarbefolgbaren Lehre vorbei seien, dergestalt: „Wir sind Menschen an der Grenze, und an der Grenze hat man keine Maximen und sind solche sinnlos geworden.“ (10, 138) Neben Gattungen wie Dialog, Epistel, Gleichnis, Skizze ist für ihn ein aphoristisch-essayistisches Miteinander bestimmend, im Lauf der Jahre verschieden gewichtet. Die Aphoristik darin ist zum überwiegenden Teil Rollenaphoristik. Die Lebensrolle, in die sich Kassner zum Ausdruck seiner „gleichnishaften Gedanken“ begibt, ist eben die des Joghi, des indischen Meditationsphilosophen, der einen Zustand der Bewusstlosigkeit jenseits der physischen Welt erstrebt. Die frühen „Sätze des Yoghi“ sind äußerst kurz und prägnant, mehr als das: Sie sind von lehrhaft-apodiktischem Gestus: „Von der These zur Antithese führt nur ein Weg: der Rausch.“ (156) Von ganz anderem Gepräge, relativ breit reflektierend, sind die Aphorismen der dreißiger Jahre, und in den „Sätzen des Joghi“ der dreißiger und der fünfziger Jahre sowie in der frühen Fassung von „Umgang des Jahres“ stehen beide Formen nebeneinander. Recht eigentlich bestimmend für Kassners Aphoristik ist ihre in seinem Weltbild gegründete Einheitlichkeit. Das zeigt sich in den Definitionen, die alles andere sind als die überraschend-übersteigerte Isolierung eines Aspektes und zu denen man ‚von außen her’ mitunter schwer Zugang findet: „Die Angst ist der Nullpunkt zwischen Gut und Böse.“ (6, 159) Seine Thematik berührt sich durchaus mit der in der Gattungsgeschichte vorherrschenden, mit Angst und Glück, Eitelkeit und Menschenkenntnis. Kennzeichnend aber ist ihr innerer Zusammenhang aus einem geistigen Zentrum heraus: die indische Disposition und „die Mystik, die am Boden aller meiner Sachen ist“ (5, 641), im Verein mit dem physiognomischen „Zusammensehen“ von „Gesicht“ und „Idee“. Ein Netz von Schlüsselbegriffen und -bildern hält sie zusammen, so dunkel wie anregend. Dazu gehören neben Zeit und Raum, Idee und Form, Grenze und Einbildungskraft Glück und Opfer, dazu gehören vor allem Größe und Maß: „Zur Größe dazu gehört ein gewisses Detachement. Wo dieses fehlt, wird sie Anmaßung.“ (9, 196) Aus solchem Geiste ist der Aphorismus entstanden, der Rilke so anspricht, dass er ihn herausschreibt und später als Motto zu einem Gedicht verwendet: „Wer von der Innigkeit zur Größe will, der muß sich opfern.“ (6, 157) Eines der zentralen Symbole dieses Denkens ist der Spiegel, den Kassner in seiner Verbindung zum Maß, zur Zeit, auch zu Gott ‚schaut’: „Gott ist Quelle und Spiegel zugleich. Darum müssen wir, indem wir uns in ihm sehen (als Spiegel), debordieren.“ (196) Bleiben manche Aphorismen ohne Kenntnis des Gesamtwerks und seiner eigenen Sprache stumm, so heben sich andere unmittelbar durch das Imaginative ihres Denkens innerhalb ihrer Gattung heraus, indem sie einen bedeutenden Assoziationsraum öffnen. Seine Aphoristik ist durch ein Ineinander von Bild und Begriff charakterisiert; eine Grenzziehung im philosophisch-literarischen <?page no="196"?> 194 Das 20. Jahrhundert Grenzraum ist durch seine Methodik unmöglich. Genau das bestimmt seinen eigenen Rang in der Aphoristik zwischen Wissenschaft und Literatur. Neben Wittgenstein, Ebner und Kassner steht eine Reihe verschiedenartiger philosophischer Schriftsteller von Heinrich Scholz (1884-1956) bis Hans F. Geyer (1915-1987), Anton Neuhäusler (1919-1997), Wolfgang Struve (geb. 1917) und einigen Jüngeren, deren insgesamt höchst beachtliches Werk bis jetzt nicht die vergleichbar große Resonanz gefunden hat. So macht etwa der philosophische Außenseiter Geyer, der exemplarische Lebensphilosoph nach 1945, seine Grundthese, die Phänomenologie des 20. Jahrhunderts sei im Fragmentarischen zu suchen, zum Denkprogramm und, entsprechend seiner Überzeugung von der Einheit des (Arbeits-)Lebens und des Denkens, zum Lebensprogramm, so steht für den Freiburger Philosophen Struve über vierzig Jahre lang die Verbindung von Mystik und Aphorismus im Zentrum seiner geistigen Arbeit. Wenn auch die Nachbarschaft des Aphorismus zur Philosophie nicht nur besonders ausgeprägt, sondern auch in besonderer Weise begründet ist, so wirkt die Gattung doch in alle Wissenschaften hinein, von Recht und Geschichte bis zu Kunst- und Musikwissenschaft. Für die Verbindung von Recht und Aphoristik ist Carl August Emge (1886-1970) der Kronzeuge. Die Aphorismen „Diesseits und jenseits des Unrechts“ von 1942 und ihr „teils ernstes, teils heiteres Gegenstück“ „Diesseits und jenseits des Ernstes“ (1956) sind an Lichtenberg und Goethe geschult. In ihren oft pointiert antithetischen Definitionen gesellt sich zur Ungebundenheit des Blicks und zur juristischaphoristischen Präzision eine Sprachkraft, die hoch anschaulich zu formulieren versteht: „Das echte Verbrechen ist ein Schmerz in der Wunde Gottes.“ (1942, 202) Terminologisch in der Tradition von Joseph von Görres’ (1802) und Heinrich Füsslis „Aphorismen über die Kunst“ (1831) stehen die „Aphorismen zur Philosophie der Kunst“ (1962) des Berliner Philosophen Walter Ehrlich (1896-vor 1976); die Aufzeichnungen aus dem Nachlass des Kunsthistorikers Max Jacob Friedländer (1867-1958) nehmen mit ihrem Vorbild Schopenhauer in einer Anthologie „Deutsche Aphorismen“ ganz zu Recht einen nicht unbedeutenden Platz ein. Nicht von ungefähr lässt sich von Beginn der Aphorismusforschung an eine signifikante Verbindung von philologischer Wissenschaft und literarischer Praxis beobachten, von Albert Leitzmann (1867-1950; „ostseeschlamm“, 1891), über Arthur-Hermann Fink (Pseudonym Hafink; geb. 1907; „Hergebrachtes“, 1969) und Hans Margolius bis zur Gegenwart. Es liegt offensichtlich in der Natur des Aphorismus, dass sich seine Theoretiker besonders häufig auch auf die andere Seite begeben und sich selbst in der Gattung versuchen. Dabei entsteht ein Mischungsverhältnis mit je höchst verschiedenen Anteilen. Für den Münsteraner Literaturwissenschaftler Helmut Arntzen (geb. 1931) ist Kraus der Orientierungsautor bei seinen wisssenschaftlichen Beiträgen zur kurzen Prosa im Grenzgebiet von Literatur und Philosophie <?page no="197"?> Aphorismus und Wissenschaft 195 wie für die eigenen Aphorismen und Fabeln („Kurzer Prozeß“, 1966; „Streit der Fakultäten“, 2000; als wohl einmaliges Experiment der Integration: „Einführung in die Literaturwissenschaft in Aphorismen“, 1994). Eine Definition wie „Sprache ist dort, wo Sinnliches bedeutet und wo Bedeutung sinnlich ist“ (Streit, 114), mag eher dem Literaturwissenschaftler als dem Aphoristiker anstehen: Die wertvolle Kraus-Schule verrät sie, alles andere als Professorenaphoristik, immer noch. Im Bereich von Sprache und Ästhetik wirkt die polemische Einseitigkeit seiner Zeitkritik weniger pauschal, das ambivalent Bedenkenswerte ist hier eher in bester Weise anregend: „Was ich auf den Begriff bringe, das habe ich um seine Freiheit gebracht.“ (Streit, 125) Das gilt auch für Ulrich Horstmann (geb. 1944), dessen Aphorismenbände (von „Hirnschlag“ 1984 bis „Hoffnungsträger“ 2006) eine fortschreitende Lösung vom akademischen Umfeld belegen, formal, indem die unpointierte Reflexion zurückgeführt wird und das Wortspiel immer mehr an Raum gewinnt, inhaltlich, indem die Texte aus dem philosophischen Umkreis herausdrängen, als eine eigene, auch in seinem übrigen Werk angerührte Farbe der Gesellschaftskritik, die von Schopenhauer und Cioran her einen Dreiklang von Melancholie, Zynismus und Selbstbeseitigung anschlägt. Eine Geschichte der Gattung muss sich an genau umzirktem Rande mit dem falschen Verwandten beschäftigen, dem Brevier-„Aphorismus”, der aus Exzerpten besteht oder auf anderen Entscheidungen fremder Herausgeber zur Präsentation in kurzen Texten beruht. Der auskunftsuchende Leser stieße andernfalls auf eine mehrdeutige Leerstelle. Zum andern sprechen auch wirkungsgeschichtliche Gründe dafür, denn diese Texte sind als Aphorismen rezipiert worden und nehmen bisher zum Teil sogar einen bedeutenden Platz in der Gattungsgeschichte ein. Die scharfe Trennung ist nur auf Kosten einer anderen Unschärfe vorzunehmen: Die Form allein bietet dann nämlich kein hinreichendes Kriterium zur Unterscheidung; die Darstellung der Textgeschichte und insbesondere die Autorintention müssen hinzukommen. Der markanteste Fall im Bereich des wissenschaftlichen Aphorismus sind Gustav Radbruchs (1878-1949) „Aphorismen zur Rechtsweisheit“ (1963), die allein das Werk ihres Herausgebers sind. In der Literatur erstreckt sich das Spektrum bis zu den vielen aus dem Gesamtwerk exzerpierten Zitatsammlungen, unter älteren Titeln wie dem der Religion entlehnten und auf Lebenshilfe weisenden „Brevier“, neutral als „Gedanken“, scheinbar gattungsgenau als „Aphorismen“ oder ähnlich. Für diesen Brevier-Aphorismus im Spektrum von dem postumen Freundesdienst über den billigen Digest zum Kaufanreiz des größeren Ganzen bis zur Biographie in Werkauszügen steht die formale Angleichung im Vordergrund. Mit der Gattung verbindet ihn im Wesentlichen zweierlei. Einmal dient er der bewussten oder unbewussten Aufwertung, sei es von nachgelassenen Notizen, sei es von Auszügen. Zum andern ist es das schlichte Moment der Kürze, das man hier in ideellem oder oft ausgesprochen materiellem Sinne zu nutzen versucht. Die „Aphorismen“ Georg Kaisers (1878-1945) sind wohl das beste Beispiel dafür, wie solche „Werke“ <?page no="198"?> 196 Das 20. Jahrhundert aus Gesprächsnotizen und anderen Aufzeichnungen verehrender Freunde entstehen können. Auch Werner Bergengruen (1892-1964) („Dichtergehäuse“, 1966) oder Josef Hofmiller (1872-1933) („Form ist alles“, 1955) sind als Aphoristiker zu streichen. Einen noch einmal komplizierteren Sonderfall stellt es dar, wenn Autoren wie Gertrud von Le Fort selbst aus ihrem Werk ein Brevier aus „Aphorismen“ zusammenstellen und die Autorintention damit gewahrt ist. Während die Brevier-Aphorismen trotz prominenter scheinbarer Gattungsautoren wie Radbruch und Kaiser außerhalb der Gattungsgrenzen stehen, lässt der wissenschaftliche Aphorismus im Rückgriff auf das 19. Jahrhundert und die (populär-)wissenschaftliche Begriffsauffassung sowie den Übergang von der Philosophie zur Literatur im 18. Jahrhundert eine wichtige Tendenz erkennen. Goethe und Schopenhauer stehen im Vordergrund, Autoren, deren aphoristisches Werk die Trennung von Wissenschaft und Literatur nicht zulässt oder explizit gegen sie gerichtet ist. In jeweils verschiedenem Abstand zur Literatur und bei zahlreichen direkten Verbindungen stellt dieser Zweig der Gattung, ohne das Spannungsmoment je zu verkennen, wie es ihr eignet, die Erkenntnis ins Zentrum. Zwischen Moralphilosophie oder philosophischer Ethik und Moralistik, auch als Lebensphilosophie wie bei Ebner oder Geyer: auf Philosophieren statt auf Philosophie ist er aus, auf die Tätigkeit statt des Systems. Drei Aspekte charakterisieren ihn. Einmal mehr ist im Einzelnen genaueste Differenzierung nötig, teils im Hinblick auf scheinbare Aphorismen, teils und vor allem im Hinblick auf Mischformen, vornehmlich am Rande des Essays oder aus dem Tagebuch erwachsend. Bei den wichtigeren Autoren ist der Aphorismus nicht auf ein Werk beschränkt. Er bestimmt vielmehr das Gesamtwerk oder durchwirkt es und ist aufs engste mit der jeweiligen Grundkonzeption verbunden. Die Einstellung zur Gattung ist uneindeutig, und ihr Gewicht wandelt sich jeweils im Laufe der Jahre; der Tenor gegen die geistreiche, erkenntnislos werdende Wortspiel-Aphoristik bleibt entscheidend. So steht dieser Zweig neben der von Ästhetik und Spiel bestimmten Variante, die sich mit Kraus und dessen Nachahmern verbindet, sowie neben dem Bild-Aphorismus Kafkas und dessen Nachfolge, und ist der an Ethik und Erkenntnis orientierten Linie von Hofmannsthal her benachbart. Es wird sich jetzt die Frage stellen, wie und wo nach 1945 die Fäden aufgenommen werden: von Kafka über Strauß, von Kraus über Polgar, von Hofmannsthal über Margolius, von Adorno aus, und was sich darüber hinaus etwa an Neuartigem auftut. <?page no="199"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 197 VIII. Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 1. Tradition und Erneuerung in der Bundesrepublik Das Jahr 1945 stellt literarhistorisch auch in seinem aphoristischen Segment keinen Einschnitt dar. Eine Stunde Null hat es auch für die in Deutschland gebliebenen Autoren nicht gegeben. Das aphoristische Oeuvre der meisten wichtigeren Autoren, die in der Bundesrepublik in den fünfziger und sechziger Jahren Aphorismen(bände) veröffentlichen, steht im engen und engsten Zusammenhang zu ihrem Werk aus den zwanziger bis vierziger Jahren: von Ernst und Friedrich Georg Jünger ebenso wie von Ernst Wilhelm Eschmann, Rudolf Kassner, Otto Heuschele, Wilhelm von Scholz und Martin Kessel. Die Auswahl aus Theodor Haeckers während des Krieges geschriebenen „Tag- und Nachtbüchern“ gehört, ab 1947 in zahlreichen Auflagen erschienen, wirkungsgeschichtlich in die Nachkriegsjahre und die frühe Bundesrepublik. Richard Benz’ „Buch der Reden und Aphorismen“ kommt nach der Erstauflage von 1943 erst mit den Nachkriegsauflagen 1946 und 1947 zur Wirkung. Bewahrung und Kontinuität eher denn Bruch und Erneuerung: das gilt sogar für Autoren, die in mehr oder weniger enge Verbindung zum Nationalsozialismus gebracht werden müssen. Was Ernst Bertram nach 1950 veröffentlicht, schreibt das Werk des einzigen bedeutenden Spruch- Aphoristikers im Dritten Reich fort. „Das Zedernzimmer“ (1957) gibt fiktive Goethe’sche Aussprüche wieder, von einer Art zweitem Eckermann aufgezeichnet. In „Der Wanderer von Milet“ (1956) halten die Aufzeichnungen seines Schülers die Gedanken Hekataios’ fest. Wo der Autor die Verstrickung des Philosophen in die Macht durch die Anmaßung einer Rolle reflektiert - man denkt natürlich sofort an Heidegger - , arbeitet er möglicherweise auch die eigene Lebenserfahrung auf: „Die Philosophen möchten zu gern weithin Herren und Herrscher werden. Aber die wahre Weisheit ist eine Mutter im Verborgenen.“ (23) Eine Aphoristik, die sich auch zwischen Sprechen und Schweigen bewegt, kann in ihrem quasi-religiösen „Schrift“-Verständnis ihre Quellen aus Mystik und Romantik nicht verleugnen, weist aber auch voraus, etwa auf Peter Handke und seine „Journal“-Aphoristik oder auf die Zeit- und Zivilisationskritik von Botho Strauß. Wilhelm von Scholz, wichtige Figur des konservativen Aphorismus der Weimarer Republik, ist als ein für die volkhafte Dichtung in Anspruch genommener engagierter Nationalsozialist politisch schwer belastet. Er versucht, mit „Irrtum und Wahrheit“ von 1950 in der Literatur der Bundesrepublik als des vierten politischen Systems, das er durchlebt, noch einmal Fuß zu fassen. Druck- und rezeptionshistorisch gehören die Texte hierher; sie gehen aber vielfach auf seinen Band von 1924, teilweise bis 1910 zurück. <?page no="200"?> 198 Das 20. Jahrhundert Der christlich-konservative Aphorismus Mit von Scholz ist das Kapitel des christlich-konservativen Aphorismus der Adenauerzeit schon eröffnet, das Autoren wie Friedrich Georg Jünger, Ernst Wilhelm Eschmann, Otto Heuschele, Fritz Usinger und Fritz Diettrich schreiben. Im Hintergrund dieser Aphorismen in geistiger Reserve vor dem „Aphorismus“ leuchtet eine stille Gattungskontroverse dieser Zeit auf, die sich auf den prototypischen Gegensatz von Kraus und Hofmannsthal reduzieren lässt. Die Gegenprobe zu diesem unbedingten Konservativismus lässt sich mit den bewussten „Aphorismen“ Martin Kessels, Hans Kaspers, Hans Arndts oder Hans Kudszus’ machen, Autoren, die eher von einem Ort zwischen Tradition und Erneuerung her zu verstehen sind. So kann man Friedrich Georg Jünger (1898-1977) mit den beiden Bänden seiner „Gedanken und Merkzeichen“ (1949, 1954) geradezu als den Gegenspieler Kessels interpretieren. Er bleibt auch in diesen Texten der Wahrer von Maß, Rhythmus und Form, als der er mit Blick auf das ganze Werk in der Literaturgeschichte erscheint. „Ohne Symmetrie gibt es kein Glück.“ (1, 78) In diesem Beispiel tut sich die klassische Abgewogenheit dieser Aphorismen kund, die damit aufs Ganze gesehen gefällig ansprechen, ohne gefälligst anzugreifen. Auch Ernst Wilhelm Eschmann ist weder ein junger noch ein neuer Autor. Die „Einträge. Notizen im Raum“ (1967) sind denn auch unverändert theologisch konzentriert und greifen zum Teil sogar überarbeitend auf die Texte von 1942 zurück. „Logik ist auch Glaubenssache“ (36), heißt es angemessen überspitzt. Was ihn dabei von seinen frommen Mitstreitern unterscheidet, ist die Formenvielfalt. Das schwer Zugängliche, das aus einem verborgenen Gedankenzusammenhang kommt, fordert sich selbst auf: „Am Bilde bleiben.“ (118) So erweitert es die Grenzen des Mitteilbaren: „Die Masse als Kopfkissen des Göttlichen.“ (138) Das Bilddenken geht von der nachvollziehbaren Metapher aus und wird fortschreitend rätselhafter und autonomer. An einzelnen Stellen erinnert es an den von Kafka her entwickelten Bildaphorismus. Von zwei Seiten her ist es ständig bedroht: vom Banalen einerseits, stärker vom Kryptischen, wenn nicht schlicht Schiefen andererseits: „Die Natur ist eine Bibel ohne Boden.“ (166) In den gelungenen Beispielen solcher überraschend eingesprengter Bild- und Erkenntnis-Rätsel, die die Gattungsgrenzen innovativ erweitern, liegt gleichwohl die eigene Stärke dieser „Einträge“. Otto Heuscheles nach dem Zweiten Weltkrieg publizierte Aphorismen stehen denen Jüngers und Eschmanns gedanklich wie formal deutlich nach. Ähnlich wie für von Scholz müssen wir für seine Anfänge weit zurückgreifen; Heimatkunst, Neuromantik, Jugendbewegung sind seine Quellen. Seine „Signale“ von 1977 müssen in erster Linie als fortgesetztes Bekenntnis zur Verteidigung einer ewigen Menschlichkeit gegen jede Art von Moderne gelten. Sie bewahren ein Weltbild, das auf die ewigen Gesetze des Wachsens und Reifens, auf echte Autorität und das „Geheimnis menschlicher Größe“ (44) baut und das in Glauben und Schönheit gründet. Es beruft sich mit seinen Werten <?page no="201"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 199 von Heimat, Ehrfurcht und Enthusiasmus auf „die Stillen im Lande“ (16). Intellektuell können die Texte weder aufnoch anregen. Dabei ist Heuschele als literarisch-aphoristischer Repräsentant nicht geringzuschätzen; seine zahlreichen Verbindungen und Freundschaften seit den dreißiger Jahren machen ihn geradezu zu einer Schlüsselfigur. So hat er von Fritz Diettrich (1902-1964), der als lyrischer Bewahrer heute weitestgehend vergessen ist, schon 1928 einige Gedichte für eine Anthologie ausgewählt. Diettrichs Aphorismen sind in zwei umfänglichen Sammlungen erschienen: in den 555 Stücke umfassenden „Denkzetteln“ von 1953, die seit 1943 entstehen, und in den sich anschließenden „Vorsignalen“ (1953-1957), die zum größten Teil erst in der postumen Werkauswahl 1966 veröffentlicht werden. Mit Diettrich kommt ein spezieller existenzialistisch-religiöser Komplex zum Vorschein, wie er sich vor allem auch auf Schröder zurückführen lässt. Zur auch nur ansatzweise analytischen Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Totalitarismus trägt die theologische Perspektivierung bei allem denkerischen Ehrgeiz nichts bei. Für die im engeren Sinne moralistischen Themen bedeutet sie die bedingungslos ‚gute’ ethische Orientierung, wie wir sie von Margolius kennen: „Es gibt keinerlei Umstände im Leben, wo tätige Liebe und gläubige Begeisterung als Rettungsringe versagten.“ (Denkzettel, 59) Das mag rühren, bewegen kann es in aller Regel nicht. Solche Literaturethik ist dem Aphorismus nicht zuträglich, er endet logisch im Stoßseufzer: „Diese Menschheit! Bei so viel Lebenshunger so wenig Lebensliebe! “ (Denkzettel, 126). Fritz Usingers (1895-1982) „Notizbuch“ mit „Aufzeichnungen zur Problematik des 20. Jahrhunderts“ aus der sehr eigenen und eigenwilligen Perspektive einer kosmischen Religiosität heraus erscheint 1966, zehn Jahre später werden „Merkbücher 1950-1975“ veröffentlicht; in den Prosastücken und Notizen von „Rose und Lotos“ aus dem folgenden Jahr ist das aphoristische Element gleichfalls vertreten. Sein Denken in kosmisch-evolutionären Zügen, das auf eine „Welt-Bau-Formel“ (Werke 2, 64) sinnt, ist hoch spekulativ und scheint nicht immer vor trügerischer Begriffsakrobatik gefeit. Bei größten Themen: Sein und Kosmos, Gott und die Welt, Geschichte und Mythos, Wirklichkeit, Wahrheit und Ordnung, Wort und Dichtung dominiert eine konservative Grundhaltung. Sie konkretisiert sich in Werten wie „Anerkenntnis“ (133), Maß und Herkommen. Es sind schwer oder gar schwerlich aufschließbare Definitionen und Paradoxien: „Bücher sind ja gar keine Bücher“ (143), gekennzeichnet von einem fatalen Pathos: „Was dir gelang, ist dein Untergang“(134), im ständigen Wechsel mit einer Banalität, deren Fall gerade aus den kosmischen Höhen schmerzhaft anmuten muss: „Der Mensch ist im Grunde seines Wesens nichts als Hoffnung.“ (180) Diesen literarisch durchweg traditional bestimmten Autoren kann man Ernst Meister (1911-1979) mit seinen 570 „Gedanken eines Jahres“ nur in eingeschränkter Weise an die Seite stellen. Sie entstehen 1948, werden aber erst über vierzig Jahre später veröffentlicht. Eng und beharrlich kreisen sie um Fragen von Gott und Tod, Sein und Nichts sowie das Theodizeeproblem. <?page no="202"?> 200 Das 20. Jahrhundert Der thematischen Einheitlichkeit kontrastiert die formale Weite, die von der kurzen existenzphilosophischen Reflexion bis zur biographischen Episode reicht. Breiten Raum nimmt die aphoristische, dabei philosophie-nahe Definition ein: „Der Mangel ist unser Vater, die Fülle unsere Mutter.“ (154) In den ständigen Vergleichsversuchen deuten sich der Übergang und die aphoristisch-lyrische Synthese schon an. Dieser Weg vom - aphoristischen - Vergleich zur - lyrischen - Chiffre wird weiterverfolgt: „Der Wind möchte schweifen und toben im Raum; doch bricht er sich seufzend an den Dingen.“ (141) Die Grenzen der Gattung sind hier formal in einer Weise gedehnt und verschoben, die Meisters „Gedanken“ dann doch über den im engeren Sinne zeitgleichen christlich-konservativen Aphorismus deutlich hinausheben. Lebenshilfe- und Erbauungsaphoristik Auf der anderen Seite ist der Übergang zu den Autoren einer schieren Lebenshilfe- und Erbauungsaphoristik fließend. Die starke ethische Tendenz, die dem Aphorismus der frühen Bundesrepublik allgemein eignet, erscheint hier akzentuiert in der Intention, Bekenntnis statt Erkenntnis zu formulieren. Eine Schlüsselfigur dabei ist Hans Margolius mit seinem transatlantischen Beziehungsnetz, das sich in wechselseitiger Verstärkung zum Nutzen des Guten spannt. Sigmund Graff (1898-1979) besetzt darin gewiss einen der Knotenpunkte. Seine Aphorismenproduktion reicht bis in die dreißiger Jahre zurück; veröffentlicht wird sie vor allem in drei für die Gattung ungewöhnlich starken Bänden von 1955-1967. Graffs Aphorismen sind absolut konventionell; ihr Formrepertoire reicht bis an praktische Maximen heran. Es gibt keinen Zweifel, keinen Witz, nur Gewissheiten darüber, wie „wir“ sind. Fast alles ist zu plan, zu fertig, ohne Offenheit, ohne Geheimnis. Alles wird dekretiert und hirngerecht serviert. Kaum etwas ist von Belang, aber alles, in der Allerweltsmitte angesiedelt, stimmt. Graff bestellt das weite Feld noch einmal, das sich von den Franzosen bis zu Goethe und Ebner-Eschenbach als fruchtbar erwiesen hat. Aus dieser epigonalen Nachfolge heraus ist er zu verstehen, auch wenn er die Themen durchaus modern anreichert. Dass seine Aphoristik auf die Bestätigung durch das Mittelmaß hin ausgerichtet ist, das zeigt sich nirgendwo besser als in der Überfülle der selbstreferenziellen Aphorismen, die der wortschmächtige Verteidiger der Gattung hervorbringt. Sie changieren nicht weniger als die übrigen Texte wortreich zwischen dem Selbstverständlichen und dem Falschen, schwächlich-explizit und von blasser Selbstrechtfertigung gekennzeichnet. Die Rezeption, die er wünscht und die seine Texte auch hervorrufen, ist das augenblickliche Einverständnis; kein Widerstand des Textes, kein Widerspruch des Lesers hindert es. Seine Aphorismen sind eingestandenermaßen „gefällig“: „Der Aphorismus ist die Kunst der gefälligen Wahrheit. Gefällt sie nicht, so stimmt sie nicht.“ (Baum der Erkenntnis, 244) Mit all dem ist Graff der vollendete Aphoristiker der Mitte, der auf Quantität und Akzeptanz setzt. <?page no="203"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 201 Noch enger und genauer erfüllen Peter Coryllis und der Österreicher Othmar Capellmann das Programm der Erbauungsaphoristik. Coryllis (1909- 1996) ist mit Bänden wie „Licht unterm Brückenbogen“ (1965), „Im Zeitenlauf“ (1973) oder „Das Abenteuer des Lebens“ (1976) der Prototyp des ‚guten’ Aphoristikers, der Hoffnung, Glück, Zuversicht und Freude am Dasein predigt. Sie leben ganz im Reich des Sollens und sind in ihrer Güte intellektuell nicht mehr zu unterbieten. Ihr heimliches Motto lautet: „Wirf deine Gedanken wie blühende Wunder hin in die Welt. Wunder werden neue Wunder gebären.“ (Im Zeitenlauf, 20). Hier schließt der eine Generation jüngere Ernst Hauschka (geb. 1926) mit seinen katholischen Trostbüchlein („Wetterzeichen“, 1978; „Atemzüge“, 1980, u. a.) an: „Der Hoffende erwartet Gott in jeder Stunde.“ (Atemzüge, 155) Frauenaphoristik Meistenteils ebenso still, seelenvoll und gütig wie die der geistesverwandten männlichen Erbauungsaphoristiker, dabei auf ‚Frauenthemen’: Ehe, Liebe, Verhältnis der Geschlechter konzentriert: so kommt die von Frauen verfasste Aphoristik in der frühen Bundesrepublik nicht über das Niveau der älteren Frauenaphoristik hinaus, ja, sie reicht kaum an diese heran. Sie bleibt in der Idealität des Sollens und Wünschens, eingebunden in einen Rahmen von Tradition und Klischee; nur zum geringeren Teil löst sie sich davon und gibt sich gar frauenbewegt. Zu den bekannteren und vor Jahrzehnten berühmten Namen zählen Gertrud von Le Fort (1876-1971) und Ina Seidel (1885-1974). Le Fort stellt mit Exzerpten aus ihrem Gesamtwerk idealistisch, konservativ, völkisch, fromm Kapitel für Kapitel ein Brevier ihrer Ideologie als „Aphorismen“ (1962) zusammen. Das Eigene besteht darin, dass sie im Wesentlichen das Frauen- und Mutterbild der Romane reproduziert: Es fehlen der Welt die weiblichen Eigenschaften: Güte, Mütterlichkeit, Erbarmen, Takt, Zartgefühl; der Demut des Weibes kontrastiert die Gewalt des Mannes. Mit sehr ähnlichen Tendenzen, der Heroisierung des Mütterlichen, mit Mystik und Innerlichkeit passen Seidels Monologe, Notizen, Fragmente („Aus den schwarzen Wachstuchheften“, 1980) gleichfalls hervorragend in die Restauration der Adenauerzeit. Die weniger bekannten Autorinnen gehören in ihrer Überzahl erst recht ohne Abstriche zu den Erbauungsaphoristiker(inne)n, so Zenta Maurina (1897-1978), die sich mit ihren Bekenntnisbüchern „Lebensmeisterung“ und „Stille - Erfülltsein von Unsagbarem“ (beide 1977) als einen modernen Hippokrates für die Seele versteht. Christliche Lebenshilfe bestimmt auch die Aphorismen Juliane Böckers (1905-1994), Cécile Laubers (1887-1981) und Marierose Fuchs’ (1898-1978), während Fridel Marie Kuhlmann (1896-1972) die lebenspraktisch-frohe, auch etwas kämpferischere Variante vertritt. Bei Friedl Beutelrock (1889-1958) tritt die weibliche Duldungsideologie zurück. Die klassische Güte wird zurückgedrängt, die handfeste Pointenaphoristik der Männer tritt an ihre Stelle. Auch Autorinnen einer jüngeren Generation <?page no="204"?> 202 Das 20. Jahrhundert können den hier ausgespannten Rahmen nur partiell ausweiten. Ilse Tönnies’ (geb. 1902) Wandel ist exemplarisch. 1947 verkündet sie „Denen, die Menschen sind“, das übliche Programm von Barmherzigkeit, Treue und Liebe. Mit ihren dreißig Jahre späteren Aphorismen „In den Spiegel geworfen“ (1978) ist sie dagegen keine der gütigen Frauenthemen-Frauen mehr, sondern gibt auch zu Politik und Krieg gut Gemeintes zum Besten. Von einer eigenen Frauenaphoristik kann man nicht länger sprechen. Margret Gottliebs (geb. 1929) Emanzipationsaphoristik („Die Hälfte - nicht weniger“, 1989) ist geeignet, einen Schlussstrich zu ziehen: „Frauen, nehmt ihnen das Messer weg, mit dem sie Geschichte schreiben.“ (30) Die Texte der jüngeren Aphoristikerinnen sind unter frauenspezifischem Aspekt nicht mehr angemessen zu erläutern, sondern mit denen ihrer männlichen Kollegen gemeinsam in jeweils anderen Zusammenhängen zu sehen. Zwischen Tradition und Erneuerung Von der Gruppe der christlich-konservativen Aphoristiker der Bundesrepublik zwischen 1950 und 1970 heben sich einzelne Autoren ab, die allerdings nicht schlicht in einem ‚progressiven’ Antagonismus gesehen werden können. Auch sie sind in ihren Themen wie in den Formen stark an der Tradition orientiert. Statt eines forciert konservativen Verständnisses kommt hier aber auch das bei jenen verpönte Wortspielerisch-Witzige zu seinem Recht. Diese Autoren haben neben Goethe Lichtenberg (nicht nur) gelesen, schätzen ihn wohl im Zweifelsfall als Aphoristiker höher und schreiben (auch) „Aphorismen“, die (um an die schematische Vereinfachung dort anzuknüpfen) mehr an Kraus als an Hofmannsthal orientiert sind. Der älteste, produktivste und am frühesten hervorgetretene dieser Autoren ist Martin Kessel. Schon seit 1938 als Aphoristiker präsent, tritt er bald nach dem Ende des Dritten Reiches mit zwei stattlichen Bänden in Erscheinung. Den „Essays und Miniaturen“ von 1947 folgen im Jahr darauf „Aphorismen“. In „Musisches Kriterium“ findet der Band 1952 eine schmale Fortsetzung, bevor Kessel in dem „Aphoristischen Kompendium für hellere Köpfe“ von 1960 unter dem Titel „Gegengabe“ seine aphoristische Summe vorlegt: auf 270 Seiten ca. 2500 Texte. Seine Antwort auf die entscheidende Frage macht er zum Motto: „Mit Aphorismen gibt man sich ab, weil man im Laufe des Lebens mehrmals Goethes ‚bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort’ an sich selbst erfuhr.“ „Gegengabe“ ist in der Anordnung gegenüber den „Aphorismen“ von 1948 völlig verändert und nicht nur durch eine sorgfältige Kreisstruktur neu geformt. Auch editorisch ist der Band ganz deutlich als eine Lebenssumme gedacht; die Texte sind sorgfältig revidiert. Genauigkeit des Denkens geht ihm dabei über pointierte Kürze. Auf der Fahndung nach seiner „Wesensart“ muss man sich durch einen breiten Kordon allbekannter Moralistik hindurchlesen. Der Autor geht bis in die syntaktische Struktur hinein auf Muster zurück, die spätestens seit dem Anfang <?page no="205"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 203 des 20. Jahrhunderts durch- und durchprobiert sind. Ähnlich traditional ist sein Kunstverständnis. Es ist nicht schwer, alle Elemente eines epochenübergreifenden literarischen Konservativismus bei Kessel wiederzufinden, und trotzdem griffe es zu kurz, wollte man dabei stehenbleiben. Schon die Verwurzelung in der Großstadt Berlin schützt ihn davor, den reinen Seele- und Naturbewahrern zugezählt zu werden. Auch der große Raum, den die Politik bekommt, ist un-konservativ, nicht-innerlich. „O Sprache, du Quell aller Weisheit“, das wäre ein so ehrenwertes wie denkerisch belangloses Bekenntnis, sein Aphorismus geht aber weiter: „du Hort allen Unsinns! “ (Aphorismen, 225): Solche Ambivalenz ist es, die ihn davor bewahrt, nur zu bewahren und konservative Vorstellungen in hehrer Sprache zu tradieren. Darüber hinaus treten auch eigene Denk-Bildvorstellungen hinzu. Manches spricht dafür, Transzendenz und Zynismus komplementär zu verstehen: So wie es an ihr fehlt, so ist er markant ausgeprägt. Was die Form seiner Aphoristik betrifft, so drängt sich zunächst die Fülle der selbstreferenziellen Äußerungen in den Vordergrund. Einen uneindeutigen oder zwiespältigen Eindruck hinterlassen auch sie. In den meisten Fällen ist es das metaphorische Umspielen, wie man es kennt und wie es in erster Linie dafür spricht, dass hier jemand Halt an der Gattung sucht, es finden sich aber auch ungleich bedenkenswertere Aphorismen darunter, wie die „Gegengabe“, die der Summe von 1960 den Titel gibt und die die Lebens- Weisheit in ein Wechselspiel auflöst: „Aphorismen sind Gegengaben: der Geist gibt als Weisheit zurück, was das Leben ihm schenkte.“ (Gegengabe, 215) Kessel ist sich der Brillanz-Problematik ständig voll bewusst. Eine andere Sache ist es, wie weit dieses Bewusstsein in der Praxis jeweils durchschlägt und den einzelnen Aphorismus bestimmt. Gegenüber allen Wortspiel-Formen ist da das geglückt Einfache das einfach Geglückte: wenn der komplizierte Gedanke in einen Aussagesatz kondensiert ist, der völlig unangestrengt anspruchsvoll ist („Keine Frage erreicht den Tempel der Zukunft im Stande der Unschuld.“; Aphorismen, 161), wenn Kessel also die eigene Erkenntnis in seiner Praxis umsetzt: „Das Einfache setzt alles voraus, sonst ist es nur simpel.“ (Aphorismen, 246) Auch innerhalb seiner Formenvielfalt ist als das Eigene wohl zunächst die Weite zu sehen, in der sich in seinem Werk das eine, das mehr oder weniger gekonnt Nachgeahmte, in der Substanz aber jedenfalls Unerhebliche, und das andere, das einfach Eigen-tümliche, verbinden. Angesichts dieser Fülle scheint es nicht unerlaubt, den Akzent auf das Gelungene und Innovative zu legen, wie es sich in Lakonismus und Bildlichkeit zu erkennen gibt. Nicht anderswo als hier sollte die Suche nach seiner formalen „Wesensart“ münden, wie wir inhaltlich zuletzt doch auch eigene Denk-Bild- Vorstellungen herausheben konnten: „Ein stechendes Licht ist ein vom eigenen Schatten verklagtes.“ (Aphorismen, 63) Mit solchen Aphorismen definiert Kessel die dichterisch-denkerische Mitte der Gattung neu: „In den Traumwolken der Angst sammeln sich die Blitze der Tollkühnheit.“ (Aphorismen, 155) Ihre Lakonie hallt in einen weiten rezeptiven Denkraum nach; das große <?page no="206"?> 204 Das 20. Jahrhundert Thema, Defekt und Unbewusstheit, steht zur kleinen Form nicht im ungünstigsten Verhältnis: „Die Erkenntnis entspringt dem Defekt.“ (Aphorismen, 46) Der Kritiker und Essayist Joachim Günther (1905-1990) stellt eine ähnliche Schlüsselfigur für die Gattung dar wie Margolius, wenn er dabei auch ganz andere Akzente setzt. Was für diesen neben dem eigenen Werk und den vielfachen persönlichen Beziehungen die editorische Arbeit, das ist für jenen die herausgeberisch-redaktionelle Leistung. Die „Neuen Deutschen Hefte“ sind zu Recht als sein Lebenswerk bezeichnet worden. Seine besondere Disposition zur Gattung ist schon seit 1936 dokumentiert. In seiner Zeitschrift geben seit 1954 viele nachmals bekannte Aphoristiker ihr Debüt. Regelmäßig äußert er sich hier als Kritiker zu seiner Passion. Mit eigenen Aphorismen ist er dagegen erst spät hervorgetreten; 1976 erscheinen seine „Findlinge“, die nicht weniger als die „Summe einer Existenz“ sein wollen. „Beim Aphorismus muß etwas stimmen, nicht er“, so spielt das Motto in höchst glücklicher Weise mit dem Doppelsinn von „stimmen“. Der Grundtyp seiner Texte ist die Reflexionsnotiz, der Herkunft aus dem Tagebuch gemäß. Dementsprechend auch ist die Formvielfalt groß, die sich von daher begründet. Wenn man zu seinem Gattungsverständnis liest: „Gedanken sind Gnade, und Gnade kann man nicht erzwingen, aber manchmal erbetteln“ (38), so weist das auf den thematisch zentralen religiösen Aspekt hin, der in seiner gläubig-intellektuellen Verschränkung zuweilen fast an Pascal erinnert: „Den Glauben begreifen, wenn er glaubt, ist die erste Aufgabe des Geistes - nicht die Welt und schon garnicht Gott begreifen“ (61). Er durchdringt drei Motivkomplexe: Gott, Tod, Alter. Was Günther ferner bevorzugt in den Blick nimmt, ordnet sich allesamt dieser Weltsicht unter, die man als Anthropologie eines existenzialistischen Individualismus bezeichnen könnte: „Von der Menschheit bleibt nur der Mensch“ (78). Die unzähligen Alters- und Verfallsbeobachtungen zum Beispiel können allerdings häufiger rühren als rein gedanklich-sprachlich faszinieren. Im Ganzen gesehen reicht er mit dem eigenen aphoristischen Werk nicht an die Bedeutung heran, die ihm als Kritiker, Anreger und Entdecker zukommt. Sie ist freilich ein sehr hoher Maßstab. Der Kulturjournalist und Essayist Hans Kudszus (1901-1977) veröffentlicht, mit Günther befreundet, ab und an einige seiner Texte in den „Neuen Deutschen Heften“; darüber hinaus lässt er sich von den Freunden nur einen schmalen Band „Jaworte, Neinworte“ (1970) abringen, der den Rang seines Autors begründet. Die verstreut erschienenen und die im Nachlass vorhandenen Aphorismen werden erst 25 Jahre nach seinem Tod gedruckt („Das Denken bei sich“, 2002). Die Mittel sind nicht neu, von der „Dialektik der Sprichwörter“ (Jaworte, 19-21) bis zur Definition: „Charakter ist Mut zur Monotonie.“ (Jaworte, 16) Wo Definition und Dialektik zusammenfinden, da mag allerdings schon eine Ahnung von der denkerischen Substanz dieses Autors aufleuchten: „Die Krankheit des ‚gesunden Menschenverstandes’ ist seine Gesundheit.“ (Jaworte, 95) Das Herkömmliche der Mittel ist nicht das Ent- <?page no="207"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 205 scheidende. Entscheidend ist, dass es für ihn nicht äußere, beliebig einsetzbare und auf Wirkung kalkulierte Mittel bleiben. Herausragend ist die geistige Zentripetalkraft, die sich ihrer bedient und die Aphorismen als Fragmente einer Anthropologie zusammenhält, in der Einsamkeit, Schweigen, Leiden, aber auch die Liebe Schlüsselbegriffe bilden. Dass ersichtlich „Erfahrung“ hinter diesen erlebt-erdachten Sätzen steht, merkt man den besseren unter ihnen an, der effektlosen Einsicht über die Verstrickung von Schuld und Liebe: „Der Mensch bleibt entweder schuldlos, oder er lernt die Liebe kennen“ (Jaworte, 55), der knappst-schärfsten Formulierung des Unvereinbaren, das, sei es im „Erleben“, sei es im „Verzicht“ auf Erleben, notwendig zu Verzicht zwingt: „Erleben gibt Fülle, Verzicht Profil.“ (Denken, 70) Vor allem ist hier an Sätze zu denken, die auf der philosophischen Suche danach, wer „wir sind“, als Ergebnis von Introspektion wie Reflexion kunstlos, aber notwendigerweise weder fraglos noch unparadox anthropologische Konstanten formulieren: „Wir sind, was uns treibt. Aber wer oder was ist das -? “ (Jaworte, 97) Kudszus’ höchsteigenes denkerisches Terrain ist mit dem Dreieck von Leben, Denken, Schweigen abgesteckt. Die konsequente Einheit von Leben und Denken bildet gewissermaßen den Fokus, der unerwartet neue Aspekte hervorkehrt und zu eindrucksvoll-nachhaltigen Gestaltungen befähigt. Wo es um Denken und Erkenntnis, um Wahrheit und Irrtum geht, da steht er durchaus auf dem Boden dessen, was in der Geschichte der Aphoristik zum substanziellen Kern gehört. Aber im einen Fall verbindet sich ein neuer Aspekt mit einer bestechend-chiastischen Form („In der Erkenntnis des Unglücks schwingt das Glück der Erkenntnis.“; Jaworte, 31), im andern Fall wird der Topos der Gattungsgeschichte, individuell beglaubigt, lebendig: „Letzte Hoffnung: Es wird kommen der Tag, da ich als Irrtum erkenne alles, was ich je dachte.“ (Jaworte, 98) Das Paradox, an das „Paradox der Existenz“ geknüpft, ist noch einmal über jedes Formspielerische hinaus von prinzipieller Erkenntnisbedingung: „Das Paradoxon ist eine Revolte der Vernunft gegen ihre eigene Ohnmacht.“ (Jaworte, 95) Auch die Verknüpfung von Denken und Leiden ist eine aphoristische Konstante; die Ambivalenz von Sprechen und Schweigen gehört zum Ureigenen des aphoristischen Sprechens als eines Sprechens am Rande des Schweigens. Beides ist bei Kudszus belebt, weil erlebt: „Der Ernst eines Denkens bekundet sich im Leiden an seinen Gedanken.“ (Jaworte, 58) Im besten Fall bindet er sein Schweigen an seine Anthropologie und bringt es so auf eine letztgültige Form: „Über den Menschen sollte nur reden, wer über ihn verstummt ist.“ (Jaworte, 43) Kaum eine der Grundlagen von Kudszus’ Aphoristik ist neu; das Eigene ist die Konsequenz, mit der hier jemand lebt, also denkt: Lebens-Philosophie treibt, indem er philosophische Aphorismen prägt, die ganz Literatur sind. Diese Einheit ist ihm Programm: „Die Metapher ist der Begriff des Dichters wie der Begriff die Metapher des Denkers.“ (Denken, 95); schöner noch bringt er sie im Bild zum Ausdruck: „Wenn Gedanken ungestört ganz unter sich sind, beginnen sie zu träumen.“ (Denken, 85) Sein Rang begründet sich darin, dass er sie noch einmal authentisch beglaubigt. <?page no="208"?> 206 Das 20. Jahrhundert Auch die Aphoristik des Journalisten Hans Arndt (geb. 1911) ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die vorgegebenen Formen und Themen prototypisch erfüllt, ohne sich formal auszuzeichnen oder ihre Entstehungszeit inhaltlich genauer zu reflektieren. Bis in die siebziger Jahre hinein publiziert er in allen überregionalen Feuilletons; auch in den wichtigen literarischen Zeitschriften ist er vielfach vertreten. „Im Visier“, die einzige Sammlung, erscheint 1959. Arndt ist in der Nachfolge des Feuilleton-Aphorismus zu sehen, der - bestenfalls in zweiter Linie - als Lückenfüller und zum Spaltenausgleich dient, so wie er um die Jahrhundertwende entwickelt ist, aber das in der besten Art. Es sind weniger einzelne Autoren, an die er anschließt, als die Gattungsmuster insgesamt, die er neu knüpft. Aber er weiß das schlechthin Epigonale vielfach zu vermeiden. Zweierlei verhilft ihm dazu. Er setzt mehr die sachliche als die sprachliche Pointe, und er ist präziser Beobachter: „Beim Verlassen des Grabes wechselt man den Schritt.“ (25) Vor allem ist er Psychologe, und als solcher vertritt er weder die ätzende noch die gütige Variante, sondern eine melancholische Art von eigener Farbe. Die entsprechende Form, die ihn recht eigentlich charakterisiert, ist das Porträt: „Er las seine Weltliteratur in den Gesichtern auf der Straße.“ (17) Auch das hat in der Form des Er-Aphorismus eine lange Geschichte, deren jüngere Kapitel von so verschiedenen Autoren wie Kafka und Tucholsky geschrieben werden: „Er trank, um seine tote Geliebte wieder zu erwecken.“ (23) Die „Typen im Blitzlicht“ wie der Furchtsame („Der Furchtsame datiert vor.“, 72) oder der Enthaltsame („Der Enthaltsame entsaftet das Leben.“, 74) reihen sich sehr genau in die Traditionslinie von Theophrast über La Bruyère bis Canetti ein. Bei Arndt bleibt es bei der - scharf gesehenen und ebenso scharf gezeichneten - psychologischen Porträtskizze, bleibt es Beobachtetes im Verein mit intuitiv Erkanntem. Das ist viel, das sichert ihm einen würdigen Platz in der Gattungsgeschichte; die eigentlich innovative phantastische Dimension Canettis eröffnet sich ihm, eröffnet er uns indessen nicht. Ist unter den Aphorismus-Autoren der frühen Bundesrepublik zwischen Tradition und Erneuerung Kessel der Literat, Günther der Theologe, Kudszus der Philosoph und Arndt der Psychologe, so ist Hans Kasper (1916-1990) der politische Journalist. Seine gesammelten Aphorismen erscheinen seit 1957, die „Aktuellen Aphorismen“ 1961 bis 1965 knüpfen explizit aneinander an: Kasper ist zu seiner Zeit auf seinem Gebiet ein Markenzeichen. Die „Mitteilungen über den Menschen“ (1978), eine Auslese seines aphoristischen Lebenswerkes, lassen eine von Hörspielerfahrungen beeinflusste Tendenz deutlicher hervortreten: zu Texten an der Grenze zu lyrischer Skizze oder Miniatur und Kurzessay. Das Aphorismus-Verständnis Kaspers ist so konventionell, wie es seine Formen überwiegend sind; seine Aphorismen sind immer pointierte Statements. Die Frontstellung ist klar, und sie wird politisch konkret: für Häresie und Evolution, gegen Theorie, Programm und Revolution, gegen den Zeitgeist und jede Art von Ideologie (die national-konservative eigene ist keine): <?page no="209"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 207 „Jede Idee ist in Litern meßbar. An der Frage, wieviel Blut sie gekostet hat.“ (Zeit ohne Atem, 187) Auch in den Buchfassungen lassen sie ihr ursprünglich journalistisches Umfeld erkennen; sie sind eben zunächst literarische Ware, die ihren aktuellen Markt sucht und findet. Von der Politik erweitern sie ihren Blick ins Soziale und sichten die Realitäten, die Erfahrungen, Emotionen und Vorurteile des „erkrankten Zeitalters“ (Abel gib acht, 98). Schon 1965 macht er „den kriminellen Kern des revolutionären Intellekts“ (Expedition, 53) aus und wendet sich scharf gegen die Generation der Söhne, 1969 konzentriert er sich ganz auf diesen politischen Abwehrkampf: „Revolutionäre gehören ihrem Wesen nach in die Kategorie der Kriegsverbrecher.“ (Revolutionäre, 16) Ungleich gewichtiger ist aber ein ganz anderer Aspekt. Die bis über hundert Kleinkapitel seiner Bände sind sorgfältig komponiert. Sie bilden mitunter Reihen, die semantisch oder syntaktisch so weit zusammengehalten werden, dass die kotextuelle Isolation relativiert, ja aufgegeben ist und die Grenze zu Lyrisch-Essayistischem, das vom Hörspiel inspiriert scheint, fließend wird. Von Schlüsselbegriffen und zusammenhängenden Bildern bis zur syntaktischen Parallelisierung reichen die Mittel der Isolationsrelativierung. In diesem Grenzbereich nehmen die in Kapitel gefassten Texte einen je individuellen Platz ein; alle Stadien von der kotextuellen Isolation bis zur Schein-Isolation sind zu beobachten. Der Autor scheint sie mit Absicht in der gattungsmäßigen Uneindeutigkeit belassen zu wollen. Auch im Einzelnen streift seine Aphoristik die Grenze zur Lyrik und überschreitet sie. Hier steht das Bild im Dienste des Gedankens: „Die Tatsachen sind stets kalt. Naßforscher Rat gibt ihnen eine Eisglasur, auf die der Esel tanzen geht“ (Expedition, 123), dort erscheint das rein lyrische Naturbild: „Wenn am Abend die Wolke den Mond frißt und die Milde ganz ohne Chance ist.“ (Mitteilungen, 29) Die Frage, ob es sich um eine Aphorismenfolge in einzelnen Satz-Bildern oder um Lyrik mit einer Bilderhäufung handelt, wird angesichts eines Textes oder einer Textfolge wie „Wenn Wind aufkommt“ obsolet: Wenn Wind aufkommt Ein Windhauch, und die Pusteblume steht als Stengel. Wie die Aktion dem Gedanken in die Glieder fährt. Über Nacht kann ein ganzes Vokabular ergrauen. Wie lautlos stürzt das Kartenhaus in seinen Spieltod. Der Intellekt tanzte Seil, bis das Publikum ausblieb. Namen, vom Neonlicht geschrieben, hat der Morgen ausgeknipst. Drei Meter Philosophie sind von einem Funkspruch erschossen. Die Prophetie hat den Vorsprung verloren: es ist soweit. Der Nachruf auf eine Seifenblase ist ein Lächeln. (Expedition, 129) Deutlich ist in jedem Fall, dass Kasper entschieden eher als mit der Entschiedenheit des politischen Anteils seiner Aphoristik mit den lyrisch-surrealen Elementen, in die sie hier mündet, die Möglichkeiten der Gattung erweitert. <?page no="210"?> 208 Das 20. Jahrhundert Das aphoristische Werk dreier weiterer Autoren, wenn auch nicht nur quantitativ deutlich schmaler, gliedert sich mit seiner Skepsis und seinem Witz den zwischen Kessel und Kasper entwickelten Aphorismustypen an. Hans Krailsheimers (1888-1958) „Aporismen“ (1957) sind eine angemessen schmale, aber schöne Summe zeitlos formbewusster Moralistik, die von einem ebenso zeitlosen Skeptizismus geprägt ist: „Wer entschlossen ist, von einer Idee zu leben, drückt das gewöhnlich so aus, daß er bereit sei, für sie zu sterben.“ (22) „Aporismen, von Aporie das ist Ausweglosigkeit“, gibt er als Erläuterung für seine aphoristische Leittechnik in Form eines Mottos vor. Das aporetische Moment ist in der Tat in vielen Aphorismen isoliert thematisiert, als Nicht-Ausweg, der einer ist. Es verzichtet auf jeden letzten Grund, zweifelt im Gegenteil den Zweifel am entschiedensten an: „Am intolerantesten sind die orthodoxen Zweifler.“ (10) Ausgangs- und Endpunkt der „Aphorismen“ (1949; Neuauflage in überarbeiteter Form 1967: „Wer hat schon Mitleid mit einem Krokodil“) Thomas Niederreuthers (1909-1990) ist hingegen der Witz. Sie haben aber auch eine tiefernste Kehrseite: Der Empirismus ist eine Notlüge der Philosophie. (Aphorismen, 27) Das Hohe bedarf der Scham. (Krokodil, 30) Ebner-Eschenbach und Schopenhauer grüßen als Lehrer von ferne, und in den besten Fällen erweist sogar das Lichtenberg-Motto seine innere Berechtigung. Witz ist auch für die „Narrheiten und Wahrheiten“ (1971) Eugen Gürsters (1895-1980) oberstes Gebot. Man täte ihm aber Unrecht, wenn man die ernste Schicht darunter verkennen würde: „Wer den Dingen zu sehr auf den Grund geht, kann daran zugrunde gehen.“ (35) Er will - im Prinzip erfreulich - ganz ohne Tiefsinn sein, das gerade bringt mitunter, wenn auch selten, welchen ein: „Für den Verzicht auf die Ewigkeit sind wir nicht ausgerüstet.“ (46) Wenn die Autoren zwischen Tradition und Erneuerung auch keineswegs das innovative Gegenmodell zu den christlich-konservativen Aphoristikern bilden, so ist ihnen doch eine größere Spanne von Möglichkeiten eigen, thematisch wie formal. Wo die Religiosität sich auch hier stärker artikuliert, da geschieht es unaufdringlich und reflexionsgeprägt statt rein bekenntnishaft. Die Politik gewinnt entschieden an Raum. Die Formen reichen von Witz und Einfall bis zur Reflexion und im Einzelfall zur surrealistischen Chiffre. Das geglückt Einfache steht in Spannung zum Brillanten so wie Transzendenz zu Skepsis. Neben Goethe und Hofmannsthal treten als Paten Lichtenberg und Kraus. Für Kessel, Günther, Kudszus, Kasper und Arndt gilt: Sie sind Aphoristiker, sie schreiben nicht nur Aphorismen. Auch sie kommen aus der Tiefe der Gattungstradition und sind ihr verhaftet, aber sie haben daneben ihre je eigene Farbe und allesamt ein produktives Zentrum: Bildlichkeit und Formvielfalt bei dem Literaten Kessel, die diaristisch gegründete Reflexionsnotiz <?page no="211"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 209 bei dem Theologen Günther, Skepsis und Schweigen bei dem Philosophen Kudszus, das Porträt bei dem Psychologen Arndt, politischer Kommentar und lyrischer Anklang bei Kasper. 2. Der Nachkriegsaphorismus in Österreich und der Schweiz Der österreichische Konservativismus der Nachkriegszeit Genauer als in der deutschen kann man naheliegenderweise in der österreichischen Aphoristik des 20. Jahrhunderts eine von Kraus ausgehende Linie von Spiel und Satire und eine zu Erkenntnis und Güte tendierende von Hofmannsthal aus erkennen. Die erste verläuft ins Exil, mit Polgar, Pollak, Kraft und Chargaff; im Wesentlichen erst in der Politisierung der siebziger Jahre, etwa bei Werner Schneyder, knüpft man wieder an sie an. Die zweite ist breiter und wird vom inneren Gehalt her fortlaufend schwächer, ihr Konservativismus verdünnt und verändert sich. Sie hat Dispositionen zum Nationalsozialismus, zieht sich aber auch gleichfalls (mit Werfel) in das Exil hinein und wird nach 1945 wie in Deutschland unter anderem mit Erbauungsaphoristikern von der Art Othmar Capellmanns (1902-1982) fortgesetzt. Der Band „Güte - Ordnung - Harmonie“ (1971) trägt das Programm der Erbauungsaphoristiker im Titel und versammelt zugleich alle zu erwartenden Klischees, die innere Leere, die unterentwickelte Seele, den deutschen Gegensatz von Kultur und Zivilisation und „das wahre Leben“: „Das wahre Leben ist dort, wo Liebe Opfer bringt.“ (32) Die erste Linie führt der Literaturkritiker Hans Weigel (1908-1991) weiter. Er steht ganz in der Tradition des österreichischen Feuilletons, das immer auch den Aphorismus zu den Formen seiner kritischsatirischen Publizistik zählt. Exakt an die zweite Linie knüpft Karl Heinrich Waggerl (1897-1973) an („Kleine Münze“, 1957). Immer sind es für diese deutschen wie österreichischen Aphoristiker die ominösen und seit der Jahrhundertwende vergeblich bemühten „Kräfte des Herzens, die uns vielleicht noch werden retten können“ (26), immer sind Verstand und Vernunft die bösen: modernen, technischen Antipoden: „Alle guten Werke sind nur möglich, weil das Herz keine Vernunft kennt.“ (15) Im Zentrum des konservativen Aphorismus der österreichischen Nachkriegszeit steht mit Heimito von Doderer (1896-1966) aber ein Autor von ungleich höherem intellektuellen Anspruch. Seine „Commentarii“ genannten Tagebücher ab 1934 sind mancher Berührungspunkte ungeachtet aufs Ganze gesehen weit vom aphoristischen Reflexionstagebuch in der Art Hebbels oder Renards entfernt. Sie sind ganz auf die schriftstellerische Existenz ihres Autors und sein jeweiliges episches Werk abgestellt. Neben der epigrammatischen Kürze-Vorstellung ist es die der Definition, die in den Umkreis der Gattung weist. Gewiss ist in dem Zusammenhang auch sein „Essayismus“- Konzept mit heranzuziehen, für das „metaphorische Definitionen“ bestimmend sind. In der Tat überträgt Doderer selbst, schwerpunktmäßig zwischen <?page no="212"?> 210 Das 20. Jahrhundert 1941 bis 1946, Epigrammatisches und Definitorisches aus dem Tagebuch in eine alphabetische Sammlung, sein „Repertorium“ (1969). Er kreist um seine Zentralbegriffe wie Apperzeption, zweite Wirklichkeit, Jenseits im Diesseits, das Indirekte, Pseudographie, Pseudologie. Kürze, Prägnanz, Witz und Paradoxie setzen sich dabei immer stärker durch. Der Herausgeber bemerkt: „Die Repertoriumartikel werden, wenigstens der Tendenz nach, zu Aphorismen. Gerade das also, was sie nach der Intention des Autors nicht sein sollten.“ (284) Der „Aphoristiker wider Willen“, der in der Spannung stehe zwischen Ausnahme- und Systemdenken: das ist ein Ansatz, der Doderer als Aphoristiker hinreichend relativiert und ihm im Ganzen wohl gerecht wird. Wenn er unter dem Stichwort „Begriffs-Reinigung“ bildlich erläutert, die „Begriffs- Wäsche, also die Reinigung von Begriffen“ mache es erforderlich, „daß man diese in das Säurebad fundamentaler Skepsis werfe“ (35), hat er - aus dem Geist der (Sprach-)Skepsis heraus - die ideale Mitte von Wörterbuch und Aphorismus erläutert, beschrieben: definiert. Das Bemerkenswerte an seinen Definitionen ist die Breite des Spektrums ihrer Möglichkeiten. Es umfasst - unter anderem - alle die Formen, die der systemkritische Wörterbuchaphorismus pflegt, die spielerischen Elemente der Sprichwortvariation ebenso wie aus dem Verständnis dafür, dass politische Kampfbegriffe zu besetzen sind, die kämpferischen Elemente. Und das Spielerische nicht weniger als das Agonale begründen eben auch die Nähe zum Aphorismus. Auf der anderen Seite führt das „Repertorium“, aus der unmetaphorischen phänomenologischen Definition heraus entwickelt, bis in die Bilddefinition hinein. Doderer kommt es nicht auf poetische Assoziation an, sondern er sucht im Bild allein Erkenntnis. Er findet sie in einer bemerkenswert starken und überzeugenden Metaphorik, die ausgearbeitet und klar durchdacht ist, ohne konstruiert zu wirken und konstruiert zu sein. Der Gedanke scheint seinen Ursprung unmittelbar und allein in dieser Gestalt zu haben. So ist dieses Bilddenken frisch und eigenständig: Revolution. Jede Revolution ist viel weniger Bauplatz der Zukunft als Auktion der Vergangenheit. (197) Traum. Es ist der Traum die Uhr des Lebens, nur hier können wir ablesen [,] wieviel’s schlagen wird. (246) Neben das Skeptische und das Metaphorisch-Definitorische, neben das Agonale wie das Spielerische gehören in der Erörterung einer Schnittmenge nicht minder das Antithetische, das Überpointierte ebenso wie das Paradoxe und Ambivalente: „Am eifrigsten und am unerbittlichsten wird die Ordnung, wenn sie als Sendbotin des Chaos auftritt.“ (175). Auffällig ist schließlich auch der gemeinsame moralistische Zusammenhang, dort wo sich das „Repertorium“ einzelner Verhaltensweisen oder Eigenschaften wie der Dummheit, der Treue oder der Ironie annimmt. Wer die Gattung inhaltlich auf einen Kernbereich von Lebensweisheit und Menschenkenntnis beschränken wollte: auch er könnte dieses Wörterbuch einbeziehen: „Menschenerkenntnis. Werde dir <?page no="213"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 211 selbst erst befremdlich - und bald wird nichts mehr dir fremd sein.“ (157) In dieser Vielzahl von Aspekten leistet Doderer mit seinem „Repertorium“ den markantesten Beitrag für die Verbindung von Aphorismus und Wörterbuch in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, auch wenn es dabei um alles andere als um eine naht- und problemlose Konvergenz geht. Niemand anderen als Doderer nimmt sich Herbert Eisenreich (1925-1986) in seinen diversen Bänden „Aus dem Zettelkram eines Sophisten“ (1985/ 86) zum Vorbild: Niederschlag einer schriftstellerischen Existenz, die in jeder Lebenslage notiert, Aufgenommenes und Eingefallenes festhält und so eben auf einen „Zettelkram“ von annähernd tausend Druckseiten kommt. Als Vorbilder ist auf Lichtenberg und Nietzsche zu verweisen, vor allem aber auf Schopenhauer, dessen Pessimismus in vielen Aspekten verschärft erscheint: „Dies alles fragt mich, warum ich mich denn nicht umbringe. Und ich weiß immer nur ein und dieselbe Antwort: Dies alles muß ich mit Wahrheit melden.“ (Memoiren, 93) Außer von solchem Pessimismus muss seine Aphoristik vor allem von einem starken und starren Konservativismus her verstanden werden, der allerdings gegenüber dem klischeehaft älteren in der Art Capellmanns von zumindest sprachlich neuer Art ist. Allein Eisenreichs Sinn für Dialektik unterscheidet ihn von den allzu einschichtig Guten: „Diese edlen Menschen, die einen andern doch nur ins Wasser stoßen, um ihn herausziehn zu können.“ (Adam, 25) Dass aphoristisches Denken und Existenz für ihn zusammengehören, erhellt schon durch die Tatsache, dass er seine Notizen, wo immer er ist, anscheinend wie zwanghaft anfertigt. Im Zwischenreich des Aphorismus votiert er für Dichtung und Paradoxon. Auch das gattungsspezifische Denken von der „entgegengesetzten Seite“ her ist ihm vertraut. Solche Aspekte erweisen ihn als einen im Prinzip genuinen Aphoristiker. Selten aber sind die Ergebnisse dieses Sprachdenkens frappierend neu, häufig wird Bekanntes bis Triviales auch noch umstandsvoll reflektiert. Er ist gattungshistorisch und ästhetisch nicht weniger als geistig-ideologisch vollkommen Traditionalist, ohne damit zur Gänze ins Epigonale zu verfallen. Zu einer Zeit, da mit dem nur zwölf Jahre jüngeren Werner Schneyder eine neue Generation von österreichischen Aphoristikern die Bühne der Gattungsgeschichte betreten hat, hält er mit achtbarem Erfolg ältere Positionen. Neben dem deutsch-österreichischen Beziehungsgeflecht um Coryllis und Capellmann samt ihrer Adepten, neben von Doderer und Eisenreich ist vor allem auf Hans Lohberger (1920-1969) zu verweisen. Seine Philosophie des Zugleich trägt auch „Zwischenland Seele“ (1967); Umkehrung, Paradox, Implikation, Skepsis, wie sie in dem schmalen Band zu beobachten sind, lassen sich sämtlich aus ihr ableiten. Es ist nicht zu übersehen, dass Lohberger in manchem konventionell denkt und formuliert, aber das Entscheidende liegt in den ihm eigenen Keimen. So ist dem hübschen Bonmot die abgrundstarke existenzielle Aussage benachbart: „Wir haben nur eine Wahl: in den Abgrund zu springen oder uns hinunterfallen zu lassen.“ (83) Als quantitativ wie qualitativ bestimmend in diesem Miteinander erweist es sich, wie sich sein Zugleich-Denken in aphoristischen Formen ausprägt und als ein implikatives <?page no="214"?> 212 Das 20. Jahrhundert Denken neu belebt. Dabei sind diese Formen nicht rein adaptiert, sondern eben in seiner philosophischen Konzeption gebündelt. Es ist die genuin aphoristische Integration, die bei ihm so formuliert ist: „Um tiefer zu denken, müssen wir besser fühlen lernen.“ (49) Aus ihr heraus entwickelt Lohberger ein höchst beachtenswertes Werk; es ist im Vergleich zu dem des etwa gleichaltrigen Eisenreich nicht weniger pointiert, aber von stärkerer gedanklicher Substanz. Politische und experimentelle Öffnung Die Trennung einer österreichischen von einer deutschen Aphoristik ist in den fünfziger und sechziger Jahren nur in Grenzen durchzuhalten, später sinnvollerweise nicht mehr. Ilse Aichingers Aufzeichnungen lassen sich ebenso wie Peter Handkes Journale und Franz Josef Czernins Aphorismen in anderen als den politisch-regionalen Zusammenhängen besser verstehen. Und geradezu absurd schiene es, die großen Sonderfälle mit österreichischem Bezug, Elias Canetti und Elazar Benyoëtz, hier einzugliedern. Wenn nach der Politisierung in den siebziger Jahren in Österreich wie in Deutschland ein Autor wie Werner Schneyder (geb. 1937) im bundesdeutschen Kabarett eine große Rolle spielt und seine Aphoristik primär von daher zu verstehen ist, wird die Trennung auch insofern zu großen Teilen obsolet. Im Hintergrund seiner Bände „Empfehlung der einfachen Schläge“, „Die Vermeidung von Rückschlägen“ und „Vom Nachlassen der Schlagkraft“ (1973-1979) steht erklärtermaßen eher Kästner als Kraus. Nachdem der österreichische Aphorismus durch den künstlerischen Aderlass des Exils einseitig konservativ in den Spielarten von Waggerl bis Doderer geworden ist, gewinnt er jetzt die volle Bandbreite der politischen und formalen Möglichkeiten zurück. Schneyder besetzt als ultralinker Liberaler und engagierter Künstler, als der er sich versteht, zu Zeiten politisch reiner Lehre die Rolle eines skeptischen Karikaturisten. Er stellt in der Überzahl ersichtlich schnell verderbliche Tagesware her. Die Mittel sind die immer gleichen, die damit erzielten Ergebnisse sind meist nur einmal hörbar. Den Unterschied zu Kraus ermisst man etwa an den gefällig-kritischen Aphorismen zum Journalismus: „Manche Zeitungen sind an und für sich ein Druckfehler.“ (Vermeidung, 83). Vereinzelt finden sich aber doch auch Texte, die sich weniger direkt erschließen. Die weiterführendumkehrende Konsequenz („Seine Inkonsequenz ging bis zur Ehrlichkeit.“; Vermeidung, 112) wie die Paradoxie („Man müßte sich die Unbestechlichkeit bezahlen lassen können.“; Empfehlung, 7) etwa markieren die Grenzen des Kabaretts. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist ansonsten von einer Politisierung nach 1968/ 70 kaum etwas zu spüren, am ehesten noch bei Albert Janetschek (geb. 1925; „ Notizen über Wendelin“, 1977), während mit Germund Fitzthum (geb. 1938) jemand Anschluss an die ältere Caféhausliteratur herzustellen sucht („Der Literat im Caféhaus“, 1980 u. a.). Innovativere Ansätze, selbstständiger und vielseitiger, sind dagegen bei Gerhard Jaschke (geb. 1949), Ger- <?page no="215"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 213 hard Amanshauser (geb. 1928) und Wilhelm Aigner (geb. 1954) zu beobachten. Jaschkes Aufzeichnungen „Von mir aus“ (1993) verbinden Altenberg’sche Intentionen mit experimentellen Neuerungen: Die Klangebene ist gleichberechtigt neben der Sinnebene zu beachten; das Klangspiel wird bis in den Unsinnsvers weitergetrieben, und es kommt zu einem Tanz auf dem Sinn- Grat: Hört auf zu denken mit Euren Gelenken! (63) Schlager auf Lager? Ohne Flieder keine Lieder! (84) Man wird an ähnliche Versuche des französischen Surrealismus erinnert; die Klangschicht wird autonom, die Assoziationen werden frei: „Nicht jeder kann in einem Postfach wohnen.“ (83) So wenig die Texte im Einzelfall auch oft überzeugen mögen, so sehr ist im Ganzen der Versuch zur Öffnung, zum produktiven Aufbrechen der Konventionen zu würdigen. Aigners „Logik der Wolken“ (2004) verbindet, intentional gleich, mit der Maxime von eher zweifelhafter Qualität („Wer keine Niederlage kennt, ist verloren.“; 57) metaphorisch hoch bemühte Lyrismen: „Moosiger See mit weißen Flechten verwachsen; der Mond eine eingewässerte Kuppe.“ (15) Gerhard Amanshausers kursorisches Reflektieren unterhalb der Grenze des Essays in seinen „Bemerkungen“ „List der Illusionen“ (1985) ist teils phantasievoll-verspielt, teils bleibt es mit seinem Denken, einem „Phosphoreszieren an Grenzbezirken, wo unsere Kenntnisse sich verlieren“ (17), thematisch wie formal in den konventionellen Grenzen. Der Schweizer Aphorismus Bis in die dreißiger Jahre hinein kann von einem Schweizer Aphorismus nicht recht die Rede sein. Seitdem hat die Schweiz aber mit Ludwig Hohl, Hans Albrecht Moser und auch Hans F. Geyer drei höchst bemerkenswerte Aphoristiker hervorgebracht, um von weniger unbedingten, aber respektablen Autoren wie Charles Tschopp oder Erich Brock nicht zu schweigen; und sie weist auch in der jüngeren Vergangenheit nicht unbedeutende Vertreter für die verschiedenen Abwandlungen der Gattung von Kurt Marti bis Dieter Fringeli und Felix Philipp Ingold auf. Konservativismus und Einzelgängertum Ludwig Hohls (1904-1980) Hauptwerk „Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung“ entsteht zwischen 1934 und 1936 (erschienen in zwei Bänden 1944 und 1954, neu aufgelegt 1981). An den Nachnotizen „Von den hereinbrechenden Rändern“ arbeitet er vornehmlich zwischen 1937 und 1939 sowie 1949 und 1951; 1986 werden sie als fragmentarisch erhaltener Reflexionenzyklus chronologisch aus dem Nachlass herausgegeben. Beide Titel in <?page no="216"?> 214 Das 20. Jahrhundert ihrem Zusammenhang hat er selbst hinreichend erläutert. Ausgangs- und Zielpunkt dabei ist eine Differenz zwischen der Wirklichkeit und dem Realen: Wenn ein Mensch unvoreilig zur Versöhnung gelangt, unvoreilig: das heißt offenen Auges, bei voller Kenntnis unserer Bedingungen und der grauenerregenden Tatsachen der Wirklichkeit [...], dann sieht er das Reale. Wenn die Ränder hereinbrechen, dann erlebt der Mensch das Reale. (Nachnotizen, 136) Der Autor hat sich zum aphoristischen Charakter des Werkes stets ambivalent geäußert; demgemäß hat die Literaturwissenschaft diese Frage auch unterschiedlich beantwortet. Von der Arbeits-Utopie her, die er bedingungslos lebt und die ihm Heimat ist, gelangt er zu einer Verbindung von Erkenntnis und System. Die Arbeit lebendigen Denkens ist mit dem System nicht vereinbar, und: Das Denken bestätigt sich durch das Leben. Diese doppelte Verknüpfung nun ist genuin aphoristisch. Selten wird sie von den Aphoristikern aber in so unbedingter Weise wie bei Hohl ebenso gelebt wie gedacht. Damit zusammen hängt sein spezifisches „Werk“-Verständnis, das ihm verbietet, für die „Notizen“ von einer Aphorismen„sammlung“ zu sprechen. Wie immer man das Produkt dieser lebenslangen „Arbeit“ nennen mag, Tagebuch, Aufzeichnung, Notiz, Aphorismus, soviel steht damit schon fest: Beiläufig, marginal kann nicht sein, was sein Leben-und-also-Denken in Wirklichkeit ausfüllt. Diese imponierende Konsequenz ist es auch, die ihm unter den Schriftstellerkollegen seinen besonderen Ruf einträgt. Dass es sich bei Hohls Notizen um eine Gattungsvielfalt handelt, ist keine Frage: Beobachtung, Reflexion und Maxime neben der Traumnotiz, die Parabel neben dem Kurzessay, „Kurz“- und Kürzestgeschichten neben „Erzählungen“ und „Märchen“, auch Autobiographisches ist vertreten. Ausschlaggebend sowie die Vielfalt verklammernd aber ist nichts anderes als der Aphorismus. Zu diesem Schluss gelangt man von den verschiedensten Seiten her: von seiner Intention zur äußersten Reduktion, der Verbindung von Reflexion und Situation, dem Rekurs auf das Einzelne, seinen Bekenntnissen zur Gattung vom „Stückwerk“ (Notizen, 150) bis zum Fragment: „Alles ist Fragment gewesen, was je geschaffen worden ist.“ (Notizen, 126) Nicht weniger sprechen die formalen Elemente von der Definition bis zur Paradoxie dafür. Nicht zuletzt wird man sich, wenn man ihn im Prinzip für die Gattung reklamiert, auf die Rezeption beziehen, die er bezeugt. Nicht zum geringsten wird die Nähe zum Aphorismus nämlich dadurch hergestellt, dass er immer wieder auf die Schriftsteller der Kleinen Formen rekurriert; an dieser Tradition bildet er sein Gattungsverständnis aus, vornehmlich an Lichtenberg und Goethe. Es gibt kaum einen Themenbereich, den Hohl nicht in sein Notizen-Werk integriert hätte. Naturgemäß ragt die Kunst dabei heraus: Fragen nach Stoff und Form, Ausdruck, Mythos, Konstruktion, insbesondere Fragen der künstlerischen Ethik. Das Verhältnis von Ethik und Ästhetik, das weite Gebiete der Gattungsgeschichte bestimmt, zeigt sich hier von einer neuen Seite; ethische Fragen beziehen sich zuallererst auf die eigene Person. Aspekte wie Mut, <?page no="217"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 215 Widerstand und Reinheit fließen in das aphoristische Werk ein und prägen es zum guten Teil. Auch die Kehrseite des künstlerischen Selbstethos, die Selbststilisierung, bleibt dabei nicht verborgen. Dieses Werk wird zwar im Wortsinne ‚entwickelt’, aber nicht fortentwickelt; alles ist schon seit Mitte der dreißiger Jahre vorhanden. Dem geduldigen Leser wird manches mit- und aufgegeben, andererseits hat er nachhaltigen Gewinn: „Alles Lebendige strebt nach dem Gericht.“ (Nachnotizen, 349) Hohl nimmt mit seinem täglichen Erkenntnis-Tun in der Geschichte der Gattung einen besonders bemerkenswerten Platz am Rande von Tagebuch und Philosophie ein. Für seine Wirkung vor allem auf den Schweizer Aphorismus muss man neben der Verbindung zu Hans F. Geyer vor allem auf Mani Matter und Felix Philipp Ingold verweisen. Hans Albrecht Moser (1892-1978) hat über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren ein ebenso konsequentes wie eigenwilliges umfangreiches Werk verfasst, in dessen Zentrum unzweifelhaft - nicht nur quantitativ mit weit über tausend Seiten - der Aphorismus steht. „Die Komödie des Lebens“ (1926) stellt der fiktive Herausgeber vor als „einesteils eine Sammlung von äußerlich für sich stehenden Aphorismen und Fällen“, „andernteils den geistigen Reflex des Lebens eines werdenden Menschen.“ (7) „Das Gästebuch“ (1935; zweite Auflage 1962) führt die Idee konsequent weiter, Aphorismen dadurch zu relativieren, dass sie verschiedenen fiktiven Personen (sozusagen) in den Mund gelegt werden, und damit ein besonderes intellektuelles Spiel von unmittelbarer Geltung, Relativierung, distanzierter Zitation zu inszenieren. In „Alleingänger“ (1943) behält Moser die Doppelkonstruktion eines fiktiven Aphoristikers und eines Herausgebers bei, der das „Durcheinander“ aus Aufzeichnung, Gedankensplitter, Erzählung auswählt und ordnet, während er in „Aus dem Tagebuch eines Weltungläubigen“ (1954) die Verbindung von Tagebuch und Aphorismus praktiziert und reflektiert: „Aphorismen sind auch Tagebuchnotizen, nur anders erzählt und ins Allgemeine gedeutet.“ (11) Sein Hauptwerk „Vineta“ (1955) ist wiederum von kompliziert verschachteltem Bau. Ein Journalist bekommt die „Papierkörbe“ eines Dichters mit Hobelspänen, Versuchen, Entwürfen, die den - hier umfangmäßig relativ kleinen - aphoristischen Anteil darstellen. Diese Modelle behält Moser in zahlreichen Alterswerken bei, die aus der Substanz des Früheren leben und es variieren, so beispielsweise in dem „Tagebuch eines aphoristischen Lebens“ „Der Fremde“ (1954). Die Persönlichkeitsaufspaltung ist das feste Muster des Alterswerkes. Neben dem Autobiographischen und dem mystischen Erlebnis tritt als das dritte herausragende Strukturelement das ironisch Selbstkommentierende deutlicher hervor; die Zirkelstruktur der Selbsteinholung wird hier besonders deutlich. Er ist so lange „Auf der Suche“ (1975) nach einem „Baum“, bis diese Suche selbst der Baum geworden ist, der dem Efeu der Aphorismen Halt gibt. Die Selbstreferenz gehört unabdingbar zu Mosers lebenslang bevorzugter Form zu denken und zu schreiben. Wieder ist dabei der Lebensbegriff implizit mit dem Aphorismus verbunden: „Das Leben ist ein Element. Du hast es <?page no="218"?> 216 Das 20. Jahrhundert im Kleinsten wie im Größten - die Menge tut es nicht.“ (Gästebuch, 50) Sein emphatisches Resümee lautet: „Aphorismen! Ich liebe diese kleinen Dinger. Fix und fertig springen sie aus dem Kopf und kümmern sich um keinen Zusammenhang. Erst im Gedankenzusammenhang werden die Gedanken zurechtgebogen, zurechtgelogen. Aphoristiker waren von jeher besonders ehrliche Leute.“ (Regenbogen, 67) Die entscheidenden Elemente der Lebendigkeit sind Fließen, Verändern, Werden; Moser denkt in fließender Dialektik. Demgegenüber wirkt jede begriffliche Fixierung verfälschend. Indem er gegen die Abstraktion des Begriffs denkt, votiert er andererseits für die Konkretion des Einzelnen und formuliert konsequent in Kategorien von Perspektivismus und Relativismus. Das tangiert den Wahrheitsbegriff nicht nur, es be-trifft ihn und damit einen Kernpunkt von Mosers Philosophie. Überwölbt wird das alles dadurch, dass er in einem besonderen Sinne auf der „Kunst“ des Aphorismus besteht. Durch das „Schöne“ ist für ihn die Trennung von Philosophie und Literatur im Aphorismus hinfällig: „Einen Gedanken denken, weil er sich so schön ausdrücken läßt.“ (Komödie, 341) Wenn diese oder ähnliche Vorstellungen sich in der Gattungsgeschichte immer wieder verfolgen lassen, so kommt bei Moser noch ein besonderer ethischer Impuls hinzu, der auch und zunächst im Sinne von Authentizität auf die eigene Person gerichtet ist. Selbstbewusst fragt der Greis, der sein gesamtes diaristisch-aphoristisches Werk überblickt: „Der Tagebuchschreiber. Wozu eine Idee? Die Idee bin ich.“ (Erinnerungen, 111) In diesem spezifischen Sinne der Introspektion ist Moser Selbstdenker: „Nur gegen Gedanken, die einer hat, läßt sich etwas ausrichten, nicht gegen Gedanken, die einen haben.“ (Erinnerungen, 145) Das schließt die Gefahr ein, vielfach Bekanntes nur wiederholt zu denken. So ist er auch gutherziger Ethiker und zeitloser Herzensaphoristiker, auch Reaktionär voll der üblichen Ressentiments gegen Fortschritt und Technik. Aber dem steht nicht nur die existenzielle Konsequenz dieses Werkes gegenüber, sondern auch, auf das Ganze gesehen, sein Gehalt. Das schließt des weiteren verschiedene Anknüpfungspunkte an die Tradition der Gattung nicht aus. So führt er teilweise eine klassische Moralistik auf der Basis der Menschenkenntnis fort. Alle solche Hinweise können indessen nur marginal von der Tatsache ablenken, dass Moser ein eigenständiges aphoristisches Lebensprogramm gestaltet. Seine Brennpunkte sind Psychologie und Philosophie; die Politik, die die scharfe Weltbeobachtung und -beurteilung, auch die zeitweise politische Gefährdung des Autors zeigt, nimmt dagegen nur eine Nebenrolle ein. Rang und Kampf sind im Leben der intelligenten Bestie Mensch die zentralen Kategorien; der „Selbstbehauptungstrieb der Persönlichkeit“ (Komödie, 216) ist die Konstante, aus der sich dem Autor alles erklärt. Das Leben erscheint als „Darstellung in der Selbstidee“ (Komödie, 307). Damit ist zum einen das aphoristische Kernthema von Sein und Schein unmittelbar berührt, zum andern nimmt hier das individuell Bemerkenswerte seinen Ausgangspunkt, der Blick für die subtilsten Kampfformen, die zahlreichen unbestechlich genauen Einzelbeobachtungen und -beurteilungen nämlich, die in ihrer Dialektik frap- <?page no="219"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 217 pierend überzeugen: „Jemand alles zu leide tun, aus Angst, er könnte glauben, man mache ihm was zu liebe.“ (Komödie, 274) Sie basieren auf der Analyse des eigenen Lebens und treiben zugleich den moralistischen Ansatz weiter, indem sie bis auf die Schicht der - tragischen - Ambivalenz in den menschlichen Beziehungen dringen: „Bist du von einem Menschen abhängig, so erleichterst du dir deine Abhängigkeit, indem du ihn verehrst.“ (Vineta, 157) Wie unvermittelt hier illusionäre und vertraute Einsichten sowie ungeschminkte Härte aufeinanderprallen, dafür bietet das weite Gebiet der Erotik die besten Beispiele. Auch hier sind es keine anderen Mittel als Paradoxie und Dialektik, die den Autor herausheben aus der Menge derer, die guten Willens schreiben, was sein soll (und was schon geschrieben ist): „Manche sündigen nur darum nicht, weil sie sich der Sünde nicht gewachsen fühlen.“ (Komödie, 53) Psychologie und Philosophie sind dort zur individuellen Weltanschauung verknüpft, wo „Erkenntnis“ der Überwindung der „Darstellung“ dient: „Die Erkenntnis des Lebens als Darstellung erlöst uns und unsere Beziehungen aus den Banden der Darstellung.“ (Komödie, 309) Formal kennzeichnet sie höchster existenzieller Ernst: „An den Menschen ist nur ernst zu nehmen, was bleibt, wenn es auf Leben und Tod geht.“ (Gästebuch, 59) Eben von Erkenntnis und Wahrheit her ist die Philosophie in Mosers Aphorismen aufzuschlüsseln. Von seiten der Gattung hängen sie mit dem lebendig-konkreten Jeweiligen und in einer ständigen Wahrheitsbewegung zu Überschreitenden zusammen, vom Autor her mit der utopischen Überwindung der Darstellung. Am Ende steht auch hier eine klare Paradoxie: „Schreibe möglichst klar, damit dem Leser möglichst klar wird, wie unklar alles ist.“ (Ich und der andere, 73) Mosers Aphoristik ist von Antimodernismus wie Lebensferne, ja -verachtung geprägt. Weltenthaltsamkeit gilt ihr als künstlerisches Stimulans, Weltungläubigkeit ist seiner kontemplativen Rückzugs- und Beobachterposition Programm. Im Utopisch-Religiösen gipfelt sie: „Wer sich aus dieser Welt zurücknimmt, dem kommt die andere Welt entgegen.“ (Vineta, 101) Wenn es bei ihm heißt: „Wir werden solange vom Jenseits nichts wissen, als wir es anderswo suchen als im Diesseits“ (Ich und der andere, 211), wenn er auf die Frage, woran er glaube, antwortet: „An die andere Welt in dieser Welt“ (Erinnerungen, 152), dann sehen wir Aphoristik und Mystik ein anderes Mal in besonderer Disposition für- und miteinander: „Das Leben läuft in einer Linie ab, in der sich das eine aus dem andern ergibt. Aus dieser Linie hinausgehoben werden, heißen wir Mystik.“ (Ich und der andere, 91) Die Introspektion stößt dabei an ihre paradoxen Grenzen: „Was geht in uns vor, wenn nichts in uns vorgeht? “ (Ich und der andere, 43) Erklärungen greifen nicht, sie „zerstören nur den erlebten Tiefsinn der Welt.“ (Erinnerungen, 143) So kann er von der Mystik nur sagen: „Ich weiß nur, daß sie ist, nicht was sie ist, wie sie ist.“ (Nachlass, 195) Zu den autobiographischen Grundlagen schreibt er: „Es gibt nur zwei Ereignisse, die im Leben alles in Frage stellen: ein Erdbeben und das mystische Erlebnis. Das eine von unten, das andere von oben.“ (Nachlass, 10) <?page no="220"?> 218 Das 20. Jahrhundert Neben Hohl und Moser stehen mit Erich Brock (1889-1976) und Max Rychner zwei Autoren, die nicht vergleichbar zur Gänze Aphoristiker sind, die vielmehr der Weg von Literaturwissenschaft und Kritik her zum Aphorismus führt. Der Germanist Brock nimmt einen maßvoll konservativen Standort ein. Sein „Blick in den Menschen“ (1958) ist nicht von sezierender Schärfe, Dezenz ist ihm ein hoher Wert. Stets halten sich seine Texte in einer moralistisch-existenzialistischen Mitte auf, das Politische ist ausgeblendet, erstaunlicherweise auch weitgehend die Kunst. Leitbegriffe seiner Anthropologie jenseits des nur Kultivierten und Anständigen sind Schicksal, Leiden, Kraft. Leiden als Bedingung für eine „Höher“entwicklung: diese Konzeption führt gelegentlich zu bemerkenswerten Gedanken, die vielleicht den ethischen Kern von Brocks Aphoristik freilegen: „Das Maß, in dem man Verneinendes sagen darf, bestimmt sich an dem Maße, in welchem man daran leidet.“ (39) In manchen Aphorismen dialektischer Skepsis reicht er an die großen Meister der Gattung heran: „Das Leben erledigt unsere Wünsche nicht durch Erfüllung, sondern durch Entleerung.“ (26) Die kritischen Einschränkungen zielen desungeachtet formal wie dem Gehalt nach ins Zentrum, weil sie mit dem grundlegenden gedanklichen Operieren in Verbindung stehen, wie es in dem Titel „Sätze und Gegensätze“ (1970) zum Ausdruck kommt. Die Aphorismen bekommen durch das Nebeneinander, das weder die Einseitigkeit noch die paradoxe Verbindung wagt, etwas Ausgewogenes und Unverbindliches, das ihnen meist nicht guttut. Die Gegensätze stehen nebeneinander, sie stecken nicht ineinander und müssen und dürfen demgemäß auch nicht auseinander entwickelt werden: „Eine Idee, welche Massen um sich sammelt, ist dadurch in gewissem Sinne bestätigt und in gewissem Sinne widerlegt.“ (38) Der Aphorismus zielt auf eine Aporie, in der er sich als stark erweisen könnte, aber das Ungewisse des „gewissen Sinnes“ kann nicht zufriedenstellen. In einem längeren Aphorismus hat Brock selbst sehr genau Aphoristik und Dialektik bedacht: von einem bezeichnenden Quietismus aus. Man fühle sich getrieben, heißt es in „Des Lebens Linien“ (1975), „einmal zum Ausruhen [von den Verwicklungen des Lebens] kurze scharfe Sprüche zu formen.“ (63) So genau er hier ideale Merkmale des Aphoristischen beschreibt: Spannung und Konzentration, Pointe und Rezeptionsbedingtheit: die „Spannung“ stellt sich im unverbindlichen Nebeneinander von Satz und Gegensatz in der Regel gar nicht erst her. Unter denen, die Ludwig Hohl gefördert haben, ist Max Rychner (1897- 1965) nicht der unwichtigste. Über Jahrzehnte in kulturpolitischen Schlüsselpositionen, hat er gegen Ende seines Lebens selbst Aphorismen, eingebettet in einen lockeren fiktionalen Rahmen, veröffentlicht: „Lavinia oder Die Suche nach Worten“ (1962). Von einem hochpathetischen Kunstverständnis her, dem Begriffe wie Schauder und Opfer naheliegen, wird ein Weltbild entwickelt, in dem Harmonie und Ordnung herrschen und das auf Sprachzucht besteht. Es wendet sich gegen Kollektivismus und Sozialismus, Utopismus und Nihilismus und - für das Aphorismusverständnis besonders interessant - gegen „Enthüller“ von „Hintergründen, die meistens häßlich sind“ (49); es <?page no="221"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 219 besteht auf dem Vorrang der Tradition und verhält sich skeptisch gegen die Moderne überhaupt, immer kultiviert und von der überlegenen Warte aus, die Ordnung und Idee erstellen: „Wer sein Leben nach einer Idee zu ordnen strebt, wird jede andere Idee als eine Macht der Unordnung betrachten.“ (22) Zu dem Interessanteren und Moderneren, weniger abgerundet, weniger harmonistisch-perfekt, gehört das Bekenntnis zur Vieldeutigkeit. Die Ambivalenz wirkt gehaltvoller als die gemessene Maxime, die Paradoxie scheint der Kunst eher nahezukommen als das Pathos: „In der Kunst wird ein Problem erst durch seine Lösung gestellt.“ (37) Charles Tschopp (1899-1982) handelt in seinen „Aphorismen“ (1938) und den „Neuen Aphorismen“ von 1944, gleichfalls maßvoll konservativ und auch formal völlig traditionell, ohne Witz und Eleganz und ohne widerspruchsauslösende Kraft, alle Themen ab, fast pedantisch in Kapitel gefasst. „Lebensregeln“ werden formuliert, gegen die es kaum Einwände gibt und die die Gattung in jeder Hinsicht mustergültig erfüllen: „Nur wer das Unmögliche versucht, erfährt, was möglich ist.“ (Aphorismen, 29) Auf der Grundlage eines im Ganzen unverklärten Menschenbildes herrschen maßvolle Desillusionierung und Decouvrierung vor: „Die Menschen sind so tolerant, als sie müssen; und so intolerant, als sie dürfen.“ (Aphorismen, 37) Das Moderate ist ihr Signum, im strengen Sinne und gemessen an den Spezifika gerade dieser Gattung ein relativ vernichtendes Urteil. Von der Politisierung der siebziger Jahre bis zur Postmoderne Nach 1970 lässt sich auch die Geschichte des Schweizer Aphorismus in fortschreitend geringerem Maße isoliert schreiben. Die Gattung fächert sich auf und bildet Varianten ab, die auch den bundesdeutschen und den österreichischen Aphorismus bestimmen. Mit dem 1921 geborenen Kurt Marti ist gegenüber den um die Jahrhundertwende geborenen Hohl, Moser, Rychner, Brock ein deutlicher Generationsbruch bezeichnet. Er macht sich thematisch geltend, indem das Politische den Blick auf die Welt prägt (verbunden mit einem neuartigen theologischen Verständnis); er bildet sich formal ab: Die diaristisch geprägte Mischform nimmt den Platz der Aphorismen„sammlung“ ein, das Spektrum der Möglichkeiten erweitert sich. „Zärtlichkeit und Schmerz“ (1979) atmet mit seiner Zivilisationskritik, seiner Schweiz-Kritik und seiner politisch konkret gemachten Religiosität insgesamt den Zeitgeist der siebziger Jahre. Es sammelt wie auch „Im Sternzeichen des Esels“ (1996) Verschiedenartiges: Aphorismen, Gedanken, Notizen, Impressionen und Zitate, Kurzessays und absurde Kurz- und Kürzestgeschichten. Mit „Schilfgräser“ (1985) stellt sich der Autor hingegen in die Mitte der Gattung. Um das Innovative nicht nur innerhalb der Schweizer Tradition zu erkennen, muss man sich auf die Spannungen im aphoristischen Werk selbst einlassen. Formal ist es von Anfang an offener, auch syntaktisch variabler angelegt, so mit assoziativen Kurztexten oder mit absolut gesetztem Irrealis. Deutliche Veränderungen lässt der Band „Im Sternzeichen des Esels“ erkennen: „Vor- <?page no="222"?> 220 Das 20. Jahrhundert frühling“ eben neben „Restrisiko“. Thematisch wie formal ganz anders geartete Elemente bewirken, dass diese „Sätze. Sprünge. Spiralen“ selbstbesonnener, introvertierter sind; das lyrische Element darin trägt zu dieser Veränderung des Gesamtbildes nicht wenig bei: „Närrisch tanzen Böen. Märzsturm kämmt die Bäume aus. Reden erübrigt sich.“ (8) Insbesondere von der Selbstbefragung her führt der Weg schließlich vereinzelt zu Notaten der Augenblicks-Wahrnehmung: „Augenblicke reinen Glücks. Danach knirscht das Dasein von neuem in den alten Scharnieren.“ (174) Nach Marti vertreten Felix Renner (geb. 1935) und Markus M. Ronner (geb. 1938) den in der Bundesrepublik zur gleichen Zeit gängigen kritischsatirischen und wortspielorientierten Typus. Während für Hans Leopold Davis (geb. 1928) Aphorismen („Distel- und Mistelworte“, 1971, u. a.) der Wechsel von der ‚lyrischen’ Variante zur kritisch-satirischen kennzeichnend ist, bewegen sich Heinrich Wiesner (geb. 1925), Dieter Fringeli (geb. 1942) und Jürg Moser (geb. 1952) ganz im Grenzraum von Aphorismus und Lyrik. Ruth Mayers (geb. 1943) „Ansichtsseiten“ (1976) wachsen mit viel Geborgenheit und Ängstlichkeit, mit Liebe und Idealismus, Schwärmen und Ernüchterung aus der Frauenaphoristik heraus, bilden im Ganzen aber doch ein eigenständiges kleines Kapitel im Grenzgebiet von Aphorismus und Wörterbuch. Felix Philipp Ingold (geb. 1942) setzt mit „Freie Hand“ (1996) in mehrfacher Hinsicht vorläufig einen bedeutenden Schlusspunkt. Dieses „Vademecum durch kritische, poetische und private Wälder“ steht für die Tendenz zu Mischformen am Rande von Tagebuch und Aufzeichnung. Da ist die diaristische Schicht, da ist das Materialheft, da ist die Schicht des professionellen Lesers, Literaturtheoretikers und Übersetzers. Von (noch) größerer Bedeutung im aphoristischen Kontext ist die Schicht der Selbstvergewisserung, in der das Ich im Modus des Konjunktivs erscheint. Die Aussageversuche sind zögerlich und widersprüchlich. Unsicherheit und Paradoxie bestimmen das Verhältnis dieses Bewusstseins zur Wahrheit auch in der breiten übrigen aphoristischen Schicht: „Hündisch. Nie kann die Wahrheit Antwort sein; eher ist sie Warnung, eher Befehl. Wie Gebell.“ (194) Neben die herkömmliche Aphoristik tritt die moderne lyrische Variante: „13. August. - Lauter Augen hat die Luft vor Hitze. Unter soviel Lidern blüht kein Blick.“ (107) Von hier aus geht der Weg in neue offene Formen, vielleicht die meistversprechende Weiterführung. In der Frage, die ihre grammatische Konstitution selbst offenlegt, wird die Sprache selbst das erste Thema: „Konjunktiv. - Und was, wenn ich mich unversehens in der Klinge meines Mörders gespiegelt sähe.“ (201) Kein Weisheitslehrer und kein Artist ist dieser moderne Aphoristiker, auch kein Satiriker, von Wert ist in seinen Aufzeichnungen der fortwährende Schreibprozess selbst: „Tinte. - Fließendes Wasser fault, so ein chinesisches Sprichwort, nicht; deshalb schreiben wir weiter.“ (168) <?page no="223"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 221 3. Sonderweg: Der Aphorismus in der DDR Die Unverantwortlichkeit des Aphorismus Am Beginn der DDR-Aphoristik steht Johannes R. Becher (1891-1958), vor allem mit den „Bemerkungen“ von 1952. Sie haben den Charakter eines Lese- und Arbeitstagebuches, zur aphoristischen Kürze im engeren Sinne gelangen sie selten. Seine selbstreferenziellen Aussagen laufen auf die konsequente Gleichsetzung des Aphorismus mit dem Unverantwortlichen hinaus: „Das Aphoristische in seiner Unverantwortlichkeit brach in die Lyrik, die Epik, das Drama ein. Wir sind dabei, diesen schlechten Stil allmählich zu überwinden.“ (346) Alles, was da etwa von geheimnisvoller Dunkelheit, Offenheit, präzisester Un-Eindeutigkeit sein könnte, wird mit dem Ruf nach künstlerischer Konzeption, nach Vollendung von einem klassizistischen Kunstverständnis her scharf verurteilt. Becher betrachtet seine „Bemerkungen“ freilich selbst als Aphorismen und reflektiert diesen Widerspruch auch. Aber das Verdikt hat ungleich stärker gewirkt als das praktische Vorbild: Der Kulturminister ist offensichtlich nicht nur für die Lyrik die klassische Autorität der DDR- Literatur. Gerhard Branstner (geb. 1927) versucht seit 1959 eine Rehabilitation der Gattung. Mit der Frage „Ist der Aphorismus ein verlorenes Kind? “, die er seinen „Literarischen Miniaturen“ (1959) voranstellt, greift der Autor in eine untergründige Debatte ein und plädiert vorsichtig für eine aphoristische Neubesinnung: „Die Mehrdeutigkeit des Aphorismus darf seine Eindeutigkeit nicht aufheben.“ (8) Das Bändchen will den Humor im Sozialismus situieren: „Im Leben des Sozialismus gibt es mehr Humor als manchem lieb ist.“ (32) Im gleichen Jahr 1959 erscheint der erste Band mit den „Unfrisierten Gedanken“ des polnischen Dissidenten Stanislaw Jerzy Lec in der Bundesrepublik. Lec hat im polnischen Frühling 1956/ 57 mit der Publikation von Aphorismen begonnen; sein beispielloser Erfolg im Westen bedeutet, dass die Gattung literaturpolitisch instrumentalisiert wird. Sie wird ausschließlich als Gattung der politischen Kritik und insbesondere des - antisozialistischen - Widerstandes angesehen. Es liegt in der Logik des Kalten Krieges, dass dadurch die Bemühungen um die Wiederbelebung des Aphorismus als einer konformen Gattung in der DDR nicht nur konterkariert, sondern sogleich unterbunden werden. Branstner wird in der Folge mit Aphorismenbänden, in denen die „Weisheit in Gestalt der marxistischen Weltanschauung zur Staatsräson geworden“ (Zu Besuch auf der Erde, 35) ist, gewissermaßen zum Chefideologen der sozialistischen Heiterkeit, indem er sie in ein Konzept der dialektisch-materialistisch interpretierten Lebenskunst einordnet. Ein marxistischer Gläubiger erprobt die Gattung: „Der Sozialismus wird nach Maß gebaut, deshalb paßt er den Menschen.“ (Zu Besuch auf der Erde, 34) <?page no="224"?> 222 Das 20. Jahrhundert Affirmative Satire und Aphorismus In den siebziger und achtziger Jahren nimmt der Aphorismus in der DDR auch eine deutlich veränderte Position ein. Zahlreiche Sammlungen zeitgenössischer Aphorismen sowie chronologisch umfassende Anthologien (Simon [Hg.]: „Eine ganze Milchstraße von Einfällen“, 1974) können jetzt erscheinen. Lec ist eingemeindet. Witz und Satire stehen im Vordergrund. Die Witzaphoristiker des Eulenspiegel-Verlags stellen ihre Literatur exakt so ein, dass sie mit ihrer sedierenden Funktion gefördert und gleichzeitig in ihrer scheinbar kritischen Funktion rezipiert wird. Die Satire, harmlos und ohne Biss, hat sich an Randsymptomen abzuarbeiten; das intendierte Schmunzeln dient in jedem Fall der ebenso kurzfristigen wie konsequenzlosen Entlastung. Bei Lichtenberg und bei Kraus gehen sie in die Schule. Aber die wahren Muster sind anderswo zu suchen: etwa im Gedankensplitter der Jahrhundertwende oder überhaupt in dem breiten Unterstrom, der zu allen Zeiten (Sprich-)Wortwitze treibt. Zwei der relativ wichtigeren unter ihnen sind Günter Cwojdrak und André Brie. Für den Kritiker und Essayisten Cwojdrak (geb. 1923) stehen Sprachbewusstsein und Sprachspiel im Zentrum. Seine Praxis ist von der „aphoristischen Meterware“ (Beim Wort genommen, 51f.), die der Kritiker erkennt, nicht sehr verschieden: „Frisch gewürzt ist halb gewonnen.“ (Beim Namen genannt, 22) André Brie (geb. 1950) versucht sich zu DDR-Zeiten an dem intellektuellen Kunststück, einerseits Parteisoldat und Informeller Mitarbeiter der Stasi, andererseits kritischer und mit Abstand beurteilender Intellektueller zu sein („Die Wahrheit lügt in der Mitte“, 1982; „Am Anfang war das letzte Wort“, 1985). Er ist in den gegebenen Grenzen erfindungsreich („Ich bin Atheist, Gott sei Dank.“; Wahrheit 1988, 6) und in den besten Fällen ein wirklich dialektischer Denker: „Beim Lernen aus Fehlern werden die schlimmsten Fehler gemacht.“ (99) Im Übrigen nimmt er wörtlich, was immer wörtlich zu nehmen ist: die linken Hände und die grauen Zellen, das Rückgrat und das Glashaus; Komposita sind bekanntlich besonders geeignete Spielopfer: Fersengeld, Lauf-Pass, Papier-Krieg, Dienst-Weg und so weiter ohne Ende. Entscheidend ist, dass er bei aller Kritik im Kleinen im Ganzen aufbauend und staatstragend wirkt und wirken muss: „Man ist nicht Kommunist, um voranzukommen, sondern um voranzugehen.“ (74) Werner Ehrenforth (geb. 1939) kann es in seinen nach dem Muster der letzten, neuen, sämtlichen „unfrisierten Gedanken“ Lec’ vielfach variierten „Sitzbeschwerden“ (1979, 1983, 1988, 1990) an Sprachwitz ohne weiteres mit Brie aufnehmen: „Solange er lebt, wird er unsterblich bleiben.“ (Bekannte Sitzbeschwerden, 17) Die Techniken, mit denen er seinen Themen: Fortschritt, Traum, Sozialismus, Karriere, Gesellschaft zu Worte rückt, sind so durchsichtig wie je: Wellerismus, Sprichwort- und Redensartvariation. Das Nachwort zu einem seiner Bände verknüpft das alte Attribut des „Moralisten“ mit der neuen, der sozialistischen Gesellschaft und gibt ihm dadurch neuen Sinn: „Ehrenforth ist Moralist, und die moralischen Ansprüche, die er erhebt, sind <?page no="225"?> Der deutschsprachige Aphorismus in der Nachkriegszeit bis 1968 223 nur in einer sozialistischen Gesellschaft sinnvoll, weil nur in ihr tendenziell erfüllbar.“ (Bekannte Sitzbeschwerden, 126f.) Damit allerdings überdehnt es einfach, und zwar in beiden Richtungen. Auch Gerd W. Heyse (geb. 1930) bedient die Gattung seit 1976 „Kurz und scherzhaft“. Wenn Cwojdrak mit der Literaturkritik und Ehrenfort mit der einen oder anderen Beschwerde, die besser „sitzt“, noch einen Rest kritischer Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen, so gehen alle diese „Ungereimtheiten“ ganz in ihrer kommerziellen Funktion auf: eine einzige satirisch-witzige Petitesse, deren Problem nicht allein der richtige Biss ist: „Die dritten Zähne der Satire haben nicht mehr den richtigen Biß.“ (Gedanken-Sprünge, 39) Jupp Müller (geb. 1921), der gleichfalls regelmäßig so „Ein bissel Bissiges“ (1984) produziert, ist schon von seinem Werdegang her gleichsam der Prototyp dieser Autoren der systemstabilisierenden Satire, „wo Genosse Spaß vom Leder ziehen darf“ (Ein bissel Bissiges, 12): Bäcker, Studium am Becher-Institut Leipzig, Autor „Im Auftrag meiner Klasse“ (1959). Seine Texte stecken tief im sozialistischen Arbeitsleben der Brigaden und der Kollektive und können daher im Einzelfall durchaus interessante literatursoziologische Einsichten geben: „Ein Eckermann wird sich schon finden, der überall etwas abrundet, wo ich zu spitz geworden bin.“ (Ein bissel Bissiges, 63) „Kritisch-optimistische Aphorismen“: Mit diesem DDRspezifischen Begriff ist ein Genre genau bezeichnet, wie es neben diesen Autoren etwa der „Eulenspiegel“-Redakteur Wolfgang Mocker (geb. 1954) und Hans-Dieter Schütt (geb. 1948) pflegen. Schütt ist bei Kraus wie bei Tucholsky in die Lehre gegangen und legt neben den durchschnittlichen satirischen Kopf- und Fingerübungen manches ordentliche Gesellenstück ab. „Das Maß der Freiheit besteht nicht darin, was uns erlaubt ist, sondern darin, was wir uns selbst erlauben.“ (Haustür, 104): Das wird ein Jahr später bei den Leipziger Montagsdemonstrationen Programm. Die Wende 1989/ 90 ist keine für die Gattung. Die Autoren, die unter den völlig veränderten politischen und ökonomischen Bedingungen noch Aphorismen veröffentlichen (können), so Brie, Strahl oder Heyse, tun dies fast ausnahmslos auf die alte Weise. Bries aphoristische Verfahren in „Nur die nackte Wahrheit“ (2000) sind völlig unverändert. Er artikuliert in dieser Form den Vereinigungsunwillen eines Teils des östlichen Teils seiner Landsleute: „Wir wollten die Wende. Gekriegt haben wir die Kurve.“ (41) Manfred Strahl (1940-2000) veröffentlicht nach der DDR-„Ausleg-Ware“ (1989) weitere ähnliche Bände. Die Wende provoziert seinen kreativen Zynismus: „Die unwiderruflich letzte Wende: sich im Grabe herumdrehen.“ (Hiebe auf den ersten Blick, 24); die Politik artikuliert sich stark: „Früher haben viele bei der Arbeit geträumt. Heute können viele von Arbeit nur träumen.“ (Fallobst, 72) Als deutlicherer Einschnitt ist die Wende aus gattungsgeschichtlicher Perspektive in den Aphorismen von Klaus D. Koch (geb. 1948) und Christian Weber (geb. 1943) auszumachen, zwei Autoren, die auch schon vorher, zum Teil unter Pseudonym, publiziert haben, aber sich erst jetzt mit selbstständigen Publikationen zeigen können. <?page no="226"?> 224 Das 20. Jahrhundert Aphorismus und Opposition Allein der Wende ist es zu verdanken, dass man mit Horst Drescher (geb. 1929) der stabilisierenden und ins Witzblatthafte abgesunkenen aphoristischen Satire die wirkliche Opposition in der Gattung gegenüberstellen kann. Seine „Notizen 1969-1990“ erscheinen unter dem Titel „Aus dem Zirkus Leben“ im Jahr der Wiedervereinigung, nachdem drei Jahre zuvor schon die zensurgefälligere Hälfte publiziert werden konnte. Der Titel spielt auf eine besondere zirzensische Disziplin an: „Aus dem Zirkus Leben. - Man hält es nicht für möglich, auf wie viele Arten und Weisen dem Menschen die Hände gebunden sein können. Und wie wenige haben das Zeug zum Entfesselungskünstler.“ (23) Die herausragenden Merkmale seiner Aphoristik erinnern an Kraus: das Ichbewusstsein und die Sprachkritik, aus der sich Gesellschaftskritik ableitet. Der Ausgangspunkt Dreschers ist die moralistische Menschenbeobachtung. Von da aus findet er zu eigenen Ausdrucksmitteln der Implizität: „Strandbeobachtung. - Man kann am Strand beobachten, daß Menschen, die untergehen, zuletzt noch einmal unmenschlich um sich schlagen. Also am Strand wird man das natürlich nur sehr selten beobachten können.“ (183) Vornehmlich mit Hilfe von drei Mitteln ist er Selbstdenker, gegen das gleichgeschaltete Kollektiv: mit der Hilfe der Dialektik, seines Sprachbewusstseins und seines Eigen-Sinns. Die dialektische Schulung wendet ein Sprach- und Verhaltensforscher gegen ihre offiziell anerkannten Lehrer. Er denkt über „die Verlierer der Sieger der Geschichte“ nach (150), und er entwickelt aus der Dialektik eine aktuelle Maxime der neuen zirkulären Art: „Totes Rennen. - Übernimm niemals eine Arbeit, für deren Lohn du Schnaps kaufen mußt, um zu vergessen, daß du diese Arbeit übernommen hast.“ (188) Wenn der lesende Arbeiter Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ weiterführt: „Was ist eigentlich eine Manifestation? Und was ist ein Unterpfand? Und warum steht bei ‚unverbrüchlich’: s. dauerhaft? “ (101), ist der Übergang zu seinem besonderen Sprachbewusstsein markiert. Semantische Beobachtungen nehmen - neben Redensarten und Sprichwörtern - den breitesten Raum ein; hier werden ja seit je politische Kämpfe ausgefochten und Felder besetzt: „Wörter. Das Wort ‚totschweigen’ ist eine der mörderischsten Vokabeln. Es ist übrigens ein Tätigkeitswort.“ (221) Das Implizite bewährt sich auch in der Wortgenauigkeit, im Prinzip der versteckten Parallele: „Indiz. - Zeugt es nicht von erstaunlich demokratischen Strukturen im Feudalismus, dass damals Hofschranzen als Hofschranzen bezeichnet wurden? “ (126) Aus den Umständen heraus, die als ungünstige günstig sind, gelingt es ihm, eine Kraus ebenbürtige erhellende Paradoxie zu formen: „Unter Umständen. - Für gewisse schwierige Arbeiten sind unter Umständen günstige Umstände ungünstiger als ungünstige.“ (199) Wenn man Drescher als Selbstdenker aus Eigen-Sinn bezeichnet, so bedeutet das zunächst: Eine ganze Schicht innerhalb der Notizen ist in dem Sinne selbstbezogen, dass die eigene (Nicht-)Publikationssituation zum Gegenstand wird. Es bedeutet im Weiteren ein spezifisch verstandenes moralistisches Selbstverständnis, durchaus die Bedeutung der (politi- <?page no="227"?> Der deutschsprachige Aphorismus 1945-1970 225 schen) Moral mit tragend. „Der geheime Kern aller Weltliteratur ist ihr Moralismus, ist ihr Charakter! “ (53), heißt es da, und mit einem überraschenden Vergleich: „Wie der Trinker seinem Körper zuviel zumutet, so mutet der Moralist der Gesellschaft zuviel zu.“ (136) Im Zentrum dieses Moralismus steht ein konkreter Wahrheitsbegriff: „Definition. - Ein Schriftsteller ist ein Mensch, dessen Erfindungen wahr sind. So wenig Schriftsteller gibt es! “ (50) Die Witzaphoristiker sind die Art von Öl im Getriebe, die sich als Sand ausgibt, und werden in bemerkenswert breitem Umfang gedruckt; der ‚wahre’ Systemkritiker versteht solchen Spaß nicht und nimmt die ‚Schublade’ in Kauf, „einen besonders hohen Preis“: „Der Preis. - Alles hat seinen Preis auf Erden, die Wahrheit hat einen besonders hohen Preis, und wer auf sie angewiesen ist hier auf Erden, der muß eben bezahlen.“ (56) Solchem Moralisten bleibt nur die Hoffnung auf die Zukunft. Für Drescher ist sie noch in Erfüllung gegangen. Seine Aphoristik ist durch ihre unbestechlichen Analysen für die soziale Wirklichkeit der DDR 1969-1990 von bleibender Bedeutung. Der deutschsprachige Aphorismus 1945-1970 Die ersten Nachkriegsjahrzehnte in der Geschichte des deutschsprachigen Aphorismus sind unterschiedslos christlich und konservativ bestimmt, meist in engster Verbindung von beidem. Das fügt sich in den christlichexistenzialistischen literarischen Kontext dieser Jahre ein und gilt für Heuschele und Eschmann in der Bundesrepublik ebenso wie für Doderer und Eisenreich in Österreich oder Brock und Moser in der Schweiz. In der Erbauungsaphoristik kommt eine Gattungstendenz dieser beiden Jahrzehnte am deutlichsten zum Ausdruck. Sie bewegt sich in einer Welt der Innerlichkeit, auf Lebenshilfe und ethische Orientierung ausgerichtet; das Gute, das sein soll, ist. Übergreifend zu beobachten ist der Zusammenhang mit der Zeit vor 1945; Bertrams, Heuscheles, Kessels und Graffs Werk reicht ebenso wie das Hohls und das Doderers in die dreißiger Jahre zurück, das von Scholz’ wie das Mosers gar bis in die zwanziger Jahre. Gemeinsam ist diesen Autoren die Abwehrhaltung gegen alle vermeintlich schädlichen und zerstörerischen Neuerungen; gemeinsam ist ihnen auch die auffällig geringe Rezeption. Herrschaft der Tradition bedeutet formal, dass für die Aphoristiker dieser Jahrzehnte die moralistischen Grundmuster weithin ungebrochen nachwirken; es dominieren Wiederholung und Variation. Dem Traditionsverbundenen, Gattungsbewussten entsprechend ist ungewöhnlich viel Selbstreferenz zu erkennen. Formeleganz ist in den wenigsten Fällen primär angestrebt. Das mit der Gattung aufs engste verknüpfte aufklärerisch-satirische Element scheint so weit zurückgedrängt, dass manche Autoren wider Willen Aphorismen schreiben, weil sie sich in eine vermeintlich herrschende Gattungskonvention nicht einfügen wollen. Nicht ‚Spiel’, sondern ‚Erkenntnis’ und Beobachtung stehen im Mittelpunkt; von daher stellen sich enge Beziehungen zu Psycholo- <?page no="228"?> 226 Das 20. Jahrhundert gie (Arndt, Moser) wie Philosophie her (Eschmann, Kudszus, von Doderer, Hohl). Was die Autoren heraushebt, die sich nicht nur in der Bundesrepublik zwischen Tradition und Erneuerung bewegen, ist eine inhaltlich-formal größere Spannweite. Neben dem nur Gütigen macht sich durchaus ‚ungute’ Politik geltend, vor allem bei Kessel, Kasper, Moser und Doderer, nach 1970 bei Marti und anderen ohnehin. Neben dem Erkenntnis- und Bekenntnishaften kommen bei ihnen Witz und Pointe zu ihrem Recht. Hinzu kommt bei den stärkeren Aphoristikern dieser Jahrzehnte eine geistige Zentripetalkraft, vielleicht darf man sagen: eine unbedingte existenzielle Beglaubigung. Sie sind im Ganzen Aphoristiker, Kudszus, Kessel, Günther ebenso wie in eher noch stärkerem Maße Hohl (Arbeits-Begriff) und Moser („aphoristisches Leben“) sowie später und unter ganz anderen Bedingungen Drescher. Erneuerungstendenzen sind ungeachtet aller Traditionsbewusstheit in zwei Richtungen zu erkennen. Der von Kafka her zu entwickelnde Bildaphorismus lässt sich bei Eschmann und Kessel ausmachen, besonders aber bei Kasper, in der Form der Bilddefinition auch bei Doderer, nach 1970 entschiedener bei Marti und noch später bei Jaschke, Wiesner und Fringeli. Die Nähe zum Tagebuch, verbunden mit einer diaristischen Offenheit der Form, findet sich bei Eschmann, sie ist die Grundlage von Günthers „Findlingen“, und sie bestimmt Usingers „Merkbücher“ so gut wie Doderers „Repertorium“; bei Hohl lässt sich von daher die Gattungsfrage am schwierigsten beantworten. Auch die Formintegration und die Fiktionalisierung des Aphorismus, die Moser vornimmt, bewegt sich an Grenzen der Gattung und weist damit auf Mischformen voraus, wie sie sich dann stärker ausgeprägt bei Marti und erst recht bei Ingold zeigen und wie sie die Gattungsgeschichte in ihren wesentlicheren Zügen fortlaufend mehr bestimmen werden. In zunehmendem Maße ist eine tendenziell gleiche Entwicklung in der Bundesrepublik, der Schweiz und in Österreich zu konstatieren; eine Darstellung in nationaler Abgrenzung wird mehr und mehr unmöglich. Einen politisch motivierten Sonderweg nimmt dagegen zumindest in den ersten Jahrzehnten der Aphorismus in der DDR. Die Gattung erscheint zunächst, mit Bechers Diktum verbunden, primär als unzuverlässig. Einzelne Revisionsversuche werden durch Lec’ Erfolg im Westen zunächst konterkariert. Nach 1970 wird sie dann als eine Ausdrucksform sozialistischen Humors und affirmativer Satire ausgesprochen gepflegt. (Ein in seinem Eigen-Sinn weit echterer Kraus-Erbe wie Drescher bleibt innen vor.) Sie stimmt damit in eine Tendenz zu Wortspielzwang und Fast-Food-Rezeption ein, die auch in den anderen deutschsprachigen Ländern zu beobachten ist. Gegenüber dem gedanklichen Gehalt drängt die sprachliche Gestalt des Aphorismus in der satirischen Sozialkritik in den Vordergrund und verselbstständigt sich. <?page no="229"?> Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968 227 IX. Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968: Satire, Wortspiel, Sozialkritik Zur Gattungsgeschichte des Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968 ist für den Raum wie für den Zeitraum eine Vorbemerkung nötig. „1968“ hat als Einschnitt symbolische Bedeutung. „In der Bundesrepublik“ meint: in der Bundesrepublik erschienene deutschsprachige Aphoristik; das schließt Autoren wie den seit 1968 in Hamburg lebenden tschechischen Emigranten Gabriel Laub selbstverständlich ein. Andererseits sind gerade einige der wichtigeren in der Bundesrepublik lediglich erschienenen Aphoristiker, Elias Canetti, Elazar Benyoëtz, Erwin Chargaff, „An den Grenzen der Gattung“ angemessener darzustellen. Die Gattung wehrt sich anscheinend gegen Rubrizierung besonders heftig; so sind die einzelnen Abschnitte nur im Sinne akzentuierter Aspekte zu verstehen. „Adorno und die Folgen“, so die sich nachhaltiger auswirkende dialektische Schulung der Aphoristiker, sind in den wenigsten Fällen unmittelbar nachzuweisen; sie gehen vielmehr in einem politischen Grundgefühl der Zeit auf. Diese Gesinnungsaphoristik schließt die Satire keineswegs aus, die im zweiten Abschnitt im Mittelpunkt steht; „Auf der Wortspielwiese“ tummeln sich nicht minder Autoren von sozialkritischsatirischer Intention. Adorno und die Folgen Der Aphorismus befindet sich in der Bundesrepublik nach 1968/ 70 im Gefolge der allgemeinen Politisierung durch die Studentenbewegung im Aufschwung. Ideologiekritik geht einher mit Sprach- und Begriffskritik, wie sie für ihn seit je von zentraler Bedeutung sind. Adornos „Minima moralia“, schon 1951 erschienen, entfalten ihre Wirkung als regelrechtes Kultbuch erst jetzt. In einigen Fällen lässt sich die Filiation persönlich nachweisen: Hermann Schweppenhäuser, Ulrich Erckenbrecht und Helmut Lamprecht stehen als direkte Zeugen neben den zahlreichen Varietäten einer größeren Gruppe von Autoren, die primär als Gesinnungsaphoristik zu verstehen ist. Hermann Schweppenhäuser (geb. 1928), Mitarbeiter Adornos, Philosophieprofessor, Benjamin-Herausgeber, veröffentlicht schon 1966 „Aphorismen und Fragmente“ unter dem Titel „Verbotene Frucht“; einige Nachzügler erscheinen 1982. Pate stehen, mit Nietzsche im Hintergrund, Kraus und Adorno, der bis in Stileigentümlichkeiten hinein wiederzuerkennen ist. Die Themen beziehen das gesamte Sozialsystem ein, aus der Sicht der Kritischen Theorie in Details analysiert: Religion und Wissenschaft, (Massen-)Kunst, (Film und) Kultur, Moral und Sprache, die res publica und die Seele, die Utopie nicht zu vergessen. Die ideologischen Grundlagen, Hoffnung auf die Revolution, Klassendenken, sind im Einzelnen herauszulösen. Schweppenhäuser beherrscht die Mittel der Gattung auf unangestrengte Weise. Herausgehoben sei nur, wie er seine Dialektik auch aphoristisch fruchtbar macht. Sie ist das Instrumentarium zur Erkenntnis des Komplementären: „Feindliche Schwes- <?page no="230"?> 228 Das 20. Jahrhundert tern. - Die sicherste Diagnose des Zerfalls der Moral ist der Zerfall der Unmoral.“ (154) Allein mit ihrer Hilfe lassen sich elementare politisch-moralische Fragen - paradoxerweise - vor einen angemessen komplexen Horizont stellen: „Endlösung. - Humanität der Opfer: sie wehren sich nicht. So vergeht mit den Opfern die Humanität.“ (209) Kraft, Zugriff und Produktivität dieses Denkens in seiner aphoristischen Gestalt sind bis heute nicht verblasst. Auch Helmut Lamprechts (geb. 1925) Bände „Die Hörner beim Stier gepackt“ (1975) und „Früher hat Lächerlichkeit getötet“ (1979) sehen sich mit ihren bewusst an die „Minima moralia“ angelehnten Kapiteln wie „Minima philosophica“ in der direkten Nachfolge Adornos: „Adorno hat mich gelehrt: noch an der Lüge zweifeln, durch welche die Wahrheit erkennbar wird.“ (Hörner, 14) Von hier aus suchen sie die Vermittlung mit der literarischen Gattung, indem sie deren gängigste Mittel adaptieren. Wo sie eine Umkehrung („Nichts ist unfairer, als den Zusammenhang aus dem Einzelnen zu reißen.“; Hörner, 35) oder ein nettes Paradoxon wagen („Wer noch nicht zu alt ist, ist keineswegs schon jung genug.“; Lächerlichkeit, 31), da bleiben sie im Mittelmaß. Wer eine linke Reaktion auf die beherrschenden politischen Themen der Zeit, die Notstandsverfassung 1968, den Radikalenerlass 1972, den Terrorismus mit seinem Höhepunkt 1977, im pointierten Detail studieren möchte, der ist hier am rechten Platz. Am stärksten sind seine Texte dort, wo sich aus dem dialektischen In- und Auseinander von Ursache und Folge, Gefahr und Chance in Ansätzen der Moralist einer neuen Schule und einer neuen Art entwickelt: „Moral ist der Ausdruck des Bösen, als dessen Gegenteil sie sich empfindet.“ (Lächerlichkeit, 16) Ulrich Erckenbrecht (geb. 1947) sammelt seine seit 1963 entstandenen Aphorismen in diversen Bänden von „Ein Körnchen Lüge“ (1974) bis „Divertimenti“ (1999). Hohe Kennerschaft der Gattung verbindet sich mit ebenso tiefer Reserve gegenüber der Wissenschaft. Nicht nur theoretische Gattungsbewusstheit, auch praktische Gattungsvertrautheit kennzeichnet seine Arbeit. Das Quartett seiner aphoristischen Götter umfasst Lichtenberg, Nietzsche, Kraus und Lec. Die Fülle der Zitate, Parodien, Anspielungen, das Arbeiten aus zweiter Hand, resultieren daraus. Erckenbrecht pflegt den Aphorismus eines gattungsbeherrschend reflektierten wie spielverliebten Spätstadiums, der seine Strukturen explizit macht. Dass Sprach-, Ideologie- und Gesellschaftskritik im Zentrum seiner Bemühungen stehen, versteht sich angesichts der doppelten Vaterschaft von Kraus und Adorno von selbst, ebenso, dass die Dialektik auch hier das bevorzugte Mittel dazu ist. Das ist am wirkungsvollsten, wenn der spielerische Aufwand die ernsthafte Intention nicht gar zu sehr in den Hintergrund drängt: „Es geht uns so gut, daß wir nicht merken, wie schlecht es uns geht.“ (Maximen, 104) Nicht selten gerät das allerdings ziemlich plakativ, vordergründig witzig und durchsichtig paradox. Man kann von einem regelrechten Wortspielzwang sprechen, mit dem er „Etymologien und Etymogeleien“ (Katzenköppe, 93) ertüftelt. Die Zahl seiner Redensart- Variationen und „Sprichweiterwörter“ (Maximen, 147) hat fast kein Ende. Das ist handwerklich gekonnt, mitunter sogar gelungen („Gegen Abstump- <?page no="231"?> Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968 229 fung hilft Überspitzung.“; Divertimenti, 13), in aller Regel aber liegt es ohne jede selbstkontrollierende Zensur auf der Kalauer und kommt über ein folgenloses Kunststückchen nicht hinaus. Im weiteren Sinne zählen auch die Aphorismen des Frankfurter Soziologieprofessors Klaus Sochatzky (geb. 1929) zu den ‚Folgen’ Adornos: so die „Widerworte nach der Wende“ (1984). Wer da vor aller Analyse politisch eindeutig überzeugt ist, bildet aber nicht viel mehr ab als den linken Zeitgeist mit seiner politisch-kulturellen Totalabsage: „1789: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. 1980: Freizeit, Gleichgültigkeit, Widerlichkeit.“ (40) Bei aller extremen Verschiedenheit ist diese Aphoristik ähnlich treuherzig wie die der gütigen Konservativen: „Werbung produziert Käuferwünsche für bereits produzierte Güter.“ (58) Sie trägt alle Zeichen schneller Alterung und wird als reine Gesinnungsaphoristik zunehmend literarisch belanglos. Auch die Aphorismen innerhalb der meist kurzen Prosa Hugo Ernst Käufers (geb. 1927), des Mitgründers des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt (1970), bieten vornehmlich die richtige, die sozialistische Gesinnung, mit der er sich der für die Jahre nach 68 üblichen Themen annimmt: Basisdemokratie und Antiparlamentarismus, Antijustiz und Antimilitarismus. Fundamental für sein Gattungsverständnis ist in den „Standortbestimmungen“ (1975) der Untertitel „Fast Aphorismen“; erläutert wird er so: „Gebrauchsstücke Fundsachen Informationsträger Meßinstrumente Wortbazillen.“ (7) Informieren, finden, gebrauchen, messen: da ist Aktion vonnöten. Und in der Tat bekennt sich Käufer, auch für seine Aphoristik, explizit zu dieser Gleichung: „Schreiben = Aktion“ (35). Ihm ist es um politischen Protest zu tun, um Gebrauchstexte, die sich idealerweise der Nähe des Graffito versichern: „Ein Mann ohne Frau ist wie ein Vogel ohne Brille“ (Kehrseiten, 41). In demselben politischen Kontext sind Arnfrid Astel (geb. 1933) und Liselotte Rauner (1920-2005) mit ihren Epigrammen zu nennen, die der Versform ungeachtet weitgehend auch Gesinnungsaphoristik produzieren. Mit ihren „Losen Worten“ (1981), „Aktuellen Aphorismen“, die mit ihrer Aktualität alles verlieren, weil sie von Anlass und Betroffenheit leben, gesellt sich Birgit Berg (geb. 1940) den „Herren der Wortschöpfung” (35) bei. Kennzeichnend für die Jahre nach 68 ist nicht zuletzt, wie sich Autoren aus den verschiedensten Bereichen in der politischen Orientierung zusammenfinden. Dazu gehören der Jurist Wolfgang Bittner (geb. 1941; „Rechts-Sprüche“, 1979) ebenso wie der Literaturwissenschaftler Wolfgang Beutin (geb. 1934; „Invektiven, Inventionen“, 1971), auch Rudolf Rolfs, Gert Udo Jerns oder Werner Sprenger, Autoren, die in anderem Zusammenhang zur Sprache kommen. Aphorismus und Satire Im Schnittbereich von Aphorismus und Satire ist zunächst konkret vom Kabarett zu sprechen, wie es mit dem Namen Rolfs schon angedeutet ist. Zwei Kennzeichen, die weit in seine innere Struktur eingreifen, heben den kabarettistischen Aphorismus heraus. Er ist primär mündlichen Charakters. <?page no="232"?> 230 Das 20. Jahrhundert Die blitzschnelle Rezeption ist seine Vorbedingung. Vereinzelte Anknüpfungspunkte ergeben sich zur älteren Generation, etwa zu den Kabarettisten Willy Reichert (1896-1973) und Werner Finck (1902-1978) und zu dem Altmeister des - in der Regel gereimten - Kalauers Heinz Erhardt (1909-1979). Für die jüngere Generation ist hier vor allem an Werner Schneyder („Münchner Lach- und Schießgesellschaft“) zu erinnern. Dann ist, im Schnittbereich von Wörterbuch und Aphorismus, auf Rudolf Rolfs (1920-2004; „Die Schmiere“) und Gerd Wollschon (geb. 1944; „Floh de Cologne“) zu verweisen. Die populärste und erfolgreichste Satire, die sich mit Publikationen wie „Pardon“ und „Titanic“ verbindet, bedient sich des Aphorismus nur ganz gelegentlich und in jedem Fall mit Abstand. Zu Eckhard Henscheids (geb. 1944) „Sudelblättern“ (1987) hat Lichtenberg nur recht beschränkt Modell gestanden, und Robert Gernhardt (1937-2006) setzt sich nicht weniger deutlich von diesem inflationär-durchschnittlichen Aphorismus ab: Der Aphorismus, jene Kunst, mit wenigen Worten gar nichts zu sagen, schien in Deutschland lange Zeit so gut wie ausgerottet. Doch der Eindruck täuschte. Nachdem seit geraumer Zeit ständig einzelne Exemplare von Polen kommend über die zugefrorene Elbe in die Bundesrepublik wechselten, ist der Aphorismus bei uns nun wieder ganzjährig anzutreffen. (27f.) Gernhardt spielt auf denjenigen an, von dessen beherrschendem Einfluss im Schnittpunkt von Aphorismus und Satire vor allem zu sprechen ist: auf den Polen Stanislaw Jerzy Lec. Lec’ Aphorismen werden seit den „Unfrisierten Gedanken“ (1959) in regelmäßiger Folge veröffentlicht; 1996 erscheinen „Allerletzte unfrisierte Gedanken“. Sein Übersetzer Dedecius zählt 1979 dreißig Auflagen mit 250.000 Exemplaren und spricht von einer „Publikationswelle des wiederentdeckten Aphorismus“ - etwa 20 Buchausgaben deutscher Lec- Nachfolger und -Schüler. Besonders signifikante Beispiele sind Gabriel Laub, Hans-Horst Skupy und Wolfgang Eschker. Gabriel Laub (1928-1998) bekennt sich mit seinen Bänden wie „Erlaubte Freiheiten“ (1975) oder „Das Recht, recht zu haben“ (1979) ausdrücklich „zu Lec als zu meinem Lehrer” (Freiheiten, 100). Seine Aphorismen sind in jedem Fall mehr von der Pointe als von der originären Durchdringung bestimmt: „Aphorismen: Gedankensplitter, die ins Auge gehen.“ (Recht, 57) Der Exilant kann aus eigener Anschauung Ost und West genausogut auseinanderhalten wie zusammensehen: „Systemunterschiede: Die einen vergewaltigen, die anderen prostituieren.” (Recht, 15) Der fremde Blick schärft die Beobachtung und dann auch die sprachliche Verarbeitung. Laub nutzt dazu nicht nur konsequent die Mittel der Dialektik: „Wir haben kollektiv beschlossen, individuell zu denken” (Logik, 13), er ist auch im Besonderen ein Meister in der Kreisbildung; seine bevorzugte Denkfigur ist auf sich selbst rückbezogen: „Klug und anständig sind die Menschen, die denken, daß wir klug und anständig sind.“ (Freiheiten, 53) In der Politik findet sein dialektisches Denkverfahren zu den besten Ergebnissen: „Endet die Revolution mit dem Sieg, endet mit dem Sieg die Revolution.“ (Freiheiten, 12) Während er anfangs überwiegend <?page no="233"?> Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968 231 vom Denken ausgeht, setzt er später immer stärker auf den platten, nichtnachhaltigen Wortwitz. Die Unterschiede sind signifikant, die qualitative Fallhöhe ist beträchtlich. Hans-Horst Skupy (geb. 1942) steht mit seinen Aphorismen („Aphorismen - abgeleitete Geistesblitze“, 1976) nicht nur als Übersetzer sehr eng in der Tradition von Lec, Laub oder auch Crn evi . Er spielt die bereitstehenden Mittel durch, nimmt die Metapher wörtlich, ertüftelt Klangspiele, verklammert Komposita. Die - formal herausragende - Definition in der satirischen Tradition Bierces kommt zur witzigen Erläuterung herunter: „Zigarette: ich lebe von der Hand in den Mund.“ (62) Wolfgang Eschker (geb. 1941) ist nicht so zwingend dialektisch wie Laub in den besten Fällen, nicht so lautverspielt wie Skupy in den schlechtesten. Die klassische Vorläufer-Trias bilden Lichtenberg, Kraus und insbesondere Lec. Die selbstreferenziellen Aphorismen paraphrasieren das seit Lec Unabdingbare: die größtmögliche Kürze und die Aggressivität, und das in paradoxer Proportionalverbindung: „Je kürzer der Aphorismus, desto länger sein Atem.” (Mitgift, 26) Er kommt mit einer einzigen Buchstabenvertauschung an sein Ziel: „Seid fruchtbar und wehret euch! ” (Gift, 61) Aber auch vom Mittel zur Manier ist der Weg kurz. Auf der Wortspielwiese Das Wortspiel in Form von Homonymie, Synonymie, Anspielung, Anklang und Variation ist eine mächtig sprudelnde Quelle des Aphorismus. Auch der typische DDR-Aphorismus speist sich daraus, und mit dem bundesrepublikanischen Pendant stellt sich keine große, aber durchaus eine gesamtdeutsche Literatur vor. Auch bei Autoren wie Erckenbrecht, Laub oder Skupy schlägt das Wortspiel bestimmend durch; Satire und Kabarett kommen mit ihrem Offenlassen und ihrem Doppelsinn ohne es niemals aus. Wo es mehr und mehr zum Selbstzweck wird, da ist eine Aphoristik zu besichtigen, die im literarischen Unterhaus „gleichsam als abgesunkenes Kulturgut“ weiterlebt. Zu den bekannteren Autoren, die sich auf dieser Wortspielwiese tummeln, gehört Oliver Hassencamp (1921-1988) mit seinen „kandierten Sätzen“. Hanns-Hermann Kersten (1928-1986) ist das beste Beispiel dafür, wie schwierig es ist, den deutschen Aphorismus nach 1970 nach Sozialkritik, Kabarett-Zusammenhang, Lec-Nachfolge und Wortspielpräferenz zu unterscheiden, weil eben alle diese Anteile in sein Werk einfließen. Seine Spezialität ist der maximale Effekt durch minimale Veränderung, beim „Spitzelgespräch“ (15), dem „Lobsuchtsanfall“ (26): „Die Karriere der Bundesrepublik nach 1945: vom Regime der Besatzer zum Regime der Besitzer.“ (11) „Was lange gärt, wird endlich Wut“ (38) ist zu einem der griffigsten und bezeichnendsten Graffiti jener Jahre geworden. Gerhard Uhlenbruck (geb. 1929) und Werner Mitsch (geb. 1936) sind unbestreitbar die produktivsten Autoren des zeitgenössischen Aphorismus. Bei Mitsch zählt man 12.600 Sprüche auf 840 Seiten, Uhlenbruck veröffentlicht in <?page no="234"?> 232 Das 20. Jahrhundert über 25 Bänden, Doppeldrucke abgerechnet, zwischen 20000 und 30000 Texte. Die Zahlen allein machen deutlich, dass man es in beiden Fällen auch mit Merkmalen einer spielerisch-aphoristischen Obsession zu tun hat, die auf die durchschnittliche Qualität der Texte markant durchschlagen muss. In einer Weise, die das Mechanische unbedingt einschließt, generieren sich Uhlenbrucks Aphorismen aus Sprichwort und Redensart, namentlich in „Ins eigene Netz“ (1977) und „Mensch ärgere mich nicht“ (1984). Lohnender ist der Blick auf das, was erscheint, wenn man die Tausende solcher Katzen- und „Gedanken-Sprünge“ (Denkanstöße, 23) nur nebenher mitmacht, um an die aphoristische Substanz zu kommen. Das Kurzweilige (das in der Masse so langweilig wird) und das Nachhaltige stehen hier in günstigerem Verhältnis: „Der Abgrund des Bösen vertieft unsere Gedanken.“ (Masche, 10) Unter all der Spielwütigkeit ist vereinzelt das moralistisch Ernste auszumachen, zumal zu den Themen Liebe und Angst: „Auch das Schöne ist sterblich. Dagegen lebt die Liebe an.“ (Masche, 91). Aus dieser Perspektive erscheint er mit einem sehr kleinen, aber wesentlichen Teil seines Werks sogar als ein Moralist eigener Prägung. Um zu erkennen, dass bei dem Quantitätskonkurrenten Mitsch alles auf Serienproduktion angelegt ist, genügt es, sich die - fortwährend mühsamer witzigen - Titel vor Augen zu führen: „Spinnen, die nicht spinnen, spinnen“ (1978), „Fische, die bellen, beißen nicht“ (1979), „Hunde, die schielen, beißen daneben“ (1981), „Bienen, die nur wohnen, heißen Drohnen“ (1982) usw. usw. Die Massenanfertigung, wie er sie betreibt, kommt nicht ohne Typen aus, so den Relativsatz („Wer nicht Föhren will, muß kiefern,”; Bienen, 111) oder die Komparation („Lieber zweimal Ehebruch als einmal Leistenbruch.”; Spinnen, 114). Der Witz ist seinen Aphorismen mit Kürze und Pointe, der Erwartungsstörung und dem vom Leser zu leistenden Erkenntnisakt auch theoretisch eng benachbart, mit weit offenen Grenzen zum Nonsens: „Je kürzer, umso Aphorismus.” (Pferde, 116) Mit dieser Produktion erzielt Mitsch nicht nur Auflagenerfolge, er ist auch der unfreiwillige (und unhonorierte) Beiträger vieler Sprüche- und Graffiti-Anthologien. Die Domäne solcher Sprüche sind zunächst die Witzseiten der Tages- und Wochenpresse. Er veröffentlicht 1971 anonym den ersten seiner Sprüche in der Illustrierten „Hör Zu“ und ist in den siebziger und achtziger Jahren mit seinen Texten regelmäßig in vielen überregionalen Blättern vertreten. In der Nachfolge der klassischen Moralistik Nachfolge der klassischen Moralistik: das ist der kleinste gemeinsame Nenner für die Aphoristiker seit 1970, die sich einerseits nicht auf Satire reduzieren oder als politische „Gesinnungsaphoristiker“ begreifen lassen und auch keineswegs im Wortspiel aufgehen, andererseits auch nicht zu prägenden Einzelfiguren (an den Grenzen) der Gattung werden. Ihre Opposition ist von eigener und eigentümlicher Art, sprachdenkerisch substanziell bei Cybinski, philosophisch gegründet bei Rumpf, bei Deschner im Kontext seiner <?page no="235"?> Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968 233 Kirchenkritik, bei Funke mit spezifisch modernem Ichbezug. Beim ‚positiven’ Aphorismus ist hingegen nicht zu beobachten, dass er sich aus eigenen Kräften erneuert. Nikolaus Cybinskis (geb. 1936) Werk, 280 Seiten als der denkerische Ertrag von vierzig Jahren, ist zu wenig einschichtig, um sich auf das kritischsatirische Element begrenzen zu lassen. Am ehesten kann man in ihm eine Fortsetzung dessen sehen, was Kasper für die sechziger und frühen siebziger Jahre bedeutet, in teilweise gewandelter Form und mit bezeichnendem politischen Frontwechsel. Seine Aphorismen beglaubigen im Laufe der Entwicklung immer stärker, dass sich seine ästhetische Grundaussage ohne weiteres auf ihn selbst beziehen lässt: „In der Kunst sind Stilfragen fast immer Existenzfragen. Wer nichts in sich hat, kann nichts ausdrücken.“ (Rest, 71) Hier ist kein Sprachvirtuose am Werk, kein Effekte servierender Wortkünstler, sondern im besten Gattungssinne jemand, der seine intellektuell-emotionale Existenz in produktiver Reibung an der Umwelt hält. Das bedeutet, besonders in den Texten aus den siebziger Jahren, Gesellschaftskritik auf der Linie der 68er Generation. Sie bedient sich der Dialektik bis dahin, wo sie wehtut: „Das ist das Ungute an unseren guten Taten: sie tun uns gut, nicht weh“ (Unfreiheit, 14) Die formale Basis ist Sprachbeobachtung bis zu dem „merkwürdigen Unterschied, ob wir etwas stillschweigend geschehen lassen oder schweigend“ (Rest, 55), ein präzises Sprachdenken, das sich dort verselbstständigt, wo der Aphorismus in der Überprüfung einer Sprachkonvention besteht: „Vielleicht ist doch ein Unterschied, ob einer sich das Leben nimmt oder den Tod gibt.“ (In diesem Lande, 18) Der Weg von der Gesellschaftskritik zum Ich, das sich in Beobachtung und Kritik einbezieht und zum exemplarischen Experimentierfeld wird, ist nicht losgelöst zu sehen von der literarischen Entwicklung insgesamt und ist dennoch persönlich stimmig: „Ich habe ein paar Traumviren ins Programm meiner Wirklichkeit geschleust. Das Programm stürzte ab. Aber die Wirklichkeit flog auf.“ (Stand der Dinge, 78) Michael Rumpfs (geb. 1948) Werk, das seit 1983 in regelmäßigen Abständen veröffentlicht wird, ist höchst bedeutsam allein durch die Gattungsreflexion, die sich in den jeweiligen Vorworten niederschlägt und die nicht nur über alles dort gewohnte Apologetische hinausführt, sondern Selbstdenken exemplarisch vorführt. Im Kern begegnet bei ihm, denkbar weit von der Norm entfernt, die sich - verstärkt mit und nach Lec - etabliert hat, ein analytischer, denkerisch substanzieller Aphorismus, der zum einen philosophisch gegründet ist, zum andern seinen Halt in inneren Gattungskonstanten findet: „Wo das Gefühl die Notwendigkeit des Denkens erreicht, ist es ihm überlegen.“ (Querlinien, 32) Wo sich Gattungsintegratives und -innovatives verbinden, ist man dem Zentrum seines aphoristischen Denkverhaltens nahe: „Individualismus: so man selber sein, daß es die anderen angeht.“ (Schnittstellen, 72). Es macht zunächst das klassische Umkehrdenken fruchtbar. Es macht auch nicht halt vor so etwas intellektuell Fundamentalem wie dem Glauben an die Allmacht der Argumentation: „Der Hoffnungslose steckt voller Argumente.“ (Gedankensprünge, 20). Die Grenze zur Paradoxie ist fließend; diese <?page no="236"?> 234 Das 20. Jahrhundert ist, einfach und unangestrengt, nicht auf den Effekt aus, sondern um integrative Interpolation bemüht: „Man muß sehr genau sein, um eine Vagheit zu erreichen, die etwas ausdrückt.“ (Gedankensprünge, 44) Zur Dialektik steht Rumpfs Denken in einem komplizierteren Verhältnis, da sie - einerseits - zu den herrschenden Denkweisen gehört, gegen die sie - andererseits - in Dienst genommen wird: „Gehört die Veränderung der bestehenden Verhältnisse nicht längst zu den bestehenden Verhältnissen? “ (Satzwechsel, 36) Auf der einen Seite hängt damit die Skepsis zusammen nicht nur gegenüber der Relativierung, auch gegenüber immanenten Utopien. Auf der anderen Seite schlägt er sie mit ihren eigenen Mitteln. Sie gibt sich dort zu erkennen, wo er die Idealfigur des autonomen Ich beibehält und auflöst zugleich: „Autonomie: Ich entscheide, wie über mich entschieden werden soll.“ (Gedankenfäden, 24) Und, entscheidend wichtig, sie wird auf sich selbst angewandt: „Die Welt zu durchschauen war zu einfach geworden. Er begann mit dem Versuch, seine Erklärungen der Welt zu durchschauen.“ (Schnittstellen, 70) So entwickelt Rumpf ein Denken, das feinste Widersprüche wie Haarrisse aufsucht und seine aphoristischen Ergebnisse da hineinplaciert. Er setzt zu einer analytischen Kritik an, die als aphoristische Analyse Denkräume öffnet. Sie haftet nicht an den Oberflächenphänomenen, sie ist auf Kernbegriffe wie Fortschritt oder Sinn aus und begreift einfach metaphorisch: „Das Unantastbare ist das Unbegreifliche.“ (Gedankensprünge, 15) Auf diese Weise artikuliert sie Widerspruch jenseits seiner Einbindung ins System. Der Literatur- und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner (geb. 1924) ist auch als Aphoristiker hervorgetreten. Das doppelte Motto, unter dem auch dieser Teil seines Werkes steht, ist seinen beiden Bänden zu entnehmen: Aufklärung ist Ärgernis; wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher. (Lebendiges, 10) Ich denke, also bin ich kein Christ. (Ärgernisse, 83) Man kann ihm das Eigenständige oder Eigenwillige seiner Kritik nicht absprechen, würde es aber höher schätzen, wenn er nicht durchweg so plakativ verführe, wie man es von seiner Literaturkritik gewöhnt ist: „Der Räuber nimmt Geld oder Leben, der Staat beides.“ (Lebendiges, 60) Die „Worte und Widerworte“ (1985) Hermann Funkes (geb. 1938) heben schon mit dem Titel auf ein antithetisch-dialektisches Vorgehen ab. Dies wirkt sich durchgehend zu ihrem Vorteil aus: „Es ist unerlaubt, alles zu tun, was erlaubt ist.“ (Worte, 45) Sie führen die Tradition in manchen ihrer Verzweigungen produktiv weiter. Sein moralistischer Ansatz sucht zwischen „Wahrheit und Humanität“ zu vermitteln: „Die Menschen achten und vom Menschen gering denken: die einzige Möglichkeit, Wahrheit und Humanität zu verbinden.“ (21) Am bemerkenswertesten ist wohl das spezifisch moderne Element, die Ich-Aphoristik. Bei ihm ist, anders als dann bei Handke, immer noch die Pointe gewahrt: „Deutschland ist mein Vaterland - das Land, in dem <?page no="237"?> Der Aphorismus in der Bundesrepublik nach 1968 235 mein Vater umgebracht wurde.“ (8) In pointierter Selbsterforschung gipfelt sie: „Ich besitze keinen Seelenadel, ich bin auch hier bürgerlich.“ (49) Neben diesen Autoren kritisch-satirischer Provenienz stehen die ‚positiven’. In ihrem Werk setzt sich die christlich und konservativ geprägte Moralistik der fünfziger und sechziger Jahre in einem schmalen Rinnsal fort. So stehen im Mittelpunkt der Aphorismen Gottfried Edels (geb. 1929) Religion, Moral und Glaube sowie das gemäßigt Konservative: „Der Fortschritt berührt nur die Oberfläche, über der Tiefe schwebt immer der alte Geist.” (50) Hans Norbert Janowski (geb. 1937) wirkt bei gleicher christlicher Grundorientierung in seinen Mitteln lebendiger. Neben Konservativismus und Liberalismus sucht er einen modernen christlichen Weg, ohne in den hehren Bekenntniston früherer Zeiten zu verfallen. Ganz ähnlich wie er besteht der Lyriker und Essayist Richard Salis (1931-1988) in seinen „Marginalien“ (1987) darauf, Liebe und Vernunft zusammenzudenken: „Liebe ist höchste Vernunft.“ (18) Er gehört zu denen, die in diesen Jahren einen dritten Weg suchen zwischen Konservativismus und linker Ideologie und auf der Skepsis des Einzelnen beharren, anti-utopisch und anti-ideologisch. Konservativismus und Sprachwitz schließen einander nicht grundsätzlich aus, wie an Hellmut Walters’ (1930-1985) Aphorismen zu erkennen ist, die Spiel und aufbauende Wertkonservativität verbinden, ohne dass sie in der einen oder anderen Richtung Profil gewönnen. Sie sind mäßig witzig und übermäßig halbherzig, begreifen sich aber als realistisch und anti-utopisch. Hippokrates und kein Ende Es scheint, als bestehe die immerwährende Fernwirkung der mit dem Namen Hippokrates verbundenen „Aphorismen“ darin, dass sich auffällig viele Ärzte in der Gattung versuchen. Die Reihe reicht von den Klassikern Galen, Paracelsus und Herman Boerhaave (1668-1738) über Ernst Platner und Heinrich Nudow im 18. Jahrhundert, weiter über Friedrich Anton Mesmer (1734-1815), Ignaz Paul Vitalis Troxler (1780-1866) und Ernst von Feuchtersleben bis zu Baer-Oberdorf, Gersuny und Schnitzler im 20. Jahrhundert. Es öffnet sich nach 1945 ein weites Feld, ausgehend von der Heilkunde ganz im Stil des griechischen Arztes und Ahnen der Gattung (Werner Kollath; 1892- 1970) und dem weltanschaulich geprägten ‚Halbgott in Weiß’ älteren Typs (Otto Buchinger; 1878-1966). Von hier aus ist es ein weiter Sprung über Generationen und Ideologien hinweg bis zu ihrem Kollegen Gert Udo Jerns (geb. 1941), der im Geiste der Emanzipationsbewegung nach 68 auch als Arzt („Die größeren Kopfschmerzen“, 1976) zum „Medizynischen“ Stellung nimmt: „Kassenschein: der Schein trügt nicht; die Kasse stimmt.“ (69) Auch der Kölner Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck ist nicht nur deshalb grundverschieden von der älteren Generation, weil er die „Halbgötterdämmerung” (Ein gebildeter Kranker, 28) einläutet und sich auch in seinem ärztlichen Selbstverständnis notwendig als Kritiker sieht. In seiner Grundüberzeugung „Unsere Lebensweise ist auch Teil unserer Lebensweisheit“ (Medizinische Aphoris- <?page no="238"?> 236 Das 20. Jahrhundert men; 1982, 38) ist der medizinisch-aphoristische Zusammenhang prägnant formuliert. Allein wegen der Menge seiner medizinisch-aphoristischen Publikationen steht er im Mittelpunkt der zeitgenössischen Hippokrates-Tradition. Der pragmatische Aphorismus Vielfach, vielleicht sogar mehrheitlich geht es bei dem ganzen bundesrepublikanischen Aphorismus nach 1970 bisher nicht um die große Kunst, es geht um die kleine Gebrauchsliteratur. Oft ist der Aphorismus überwiegend instrumentalisiert; der Gebrauchswert ist dabei immer schon im Spiel, sei er politischer, weltanschaulicher, ‚humoristisch’-entlastender Art. Im pragmatischen Aphorismus steht das Zweckorientierte eines Teils der Gattung eindeutig im Vordergrund. Aphorismen sind immer auch das Mittel sehr direkter Unterweisung und Lebenshilfe gewesen. Diese Gruppe ist am Ende des Jahrhunderts in zweifacher Weise ausgeprägt: einmal praktisch-beruflich mit Titeln wie „Je höher der Gipfel, desto dünner die Luft. Aphorismen für die Chefetage“ (1979; Inge und Siegfried Starck), „Worte sind Waffen“ (1992; Lothar Schmidt) oder „Führung und Vorbild“ (1997; Peter Zürn), zum andern mit meditativ orientierten Autoren, die sich nicht dem ökonomischen, sondern dem ‚inneren’ Menschen verschrieben haben und von daher Hilfe anbieten. Sie stehen für ein Programm aus Entspannung und Vertrauen, Offenheit und Besinnung, Meditation und Stärke in sich selbst, das man in seinen Schlüsselwörtern Herz, Seele, Liebe mit der älteren Lebenshilfe-Aphoristik ausgestorben glaubte. So bedient Werner Sprenger (geb. 1923) seine Gemeinde mit zahlreichen Bänden in der vertraulichen Du-Ansprache und dem Imperativ des Meisters: „Vertraue Deiner Erfahrung - Du hast keine andere.” (Augen-Blicke, 31) Mit Trivialitäten, meditativ neu aufgemacht, möchte er das Verhalten seiner Leser ändern: „Das Feuer versteht der am besten, der sich verbrannt hat.” (26). Dazu bereitet er die Gattungstradition von Ebner- Eschenbach bis Laub auf. Die Mitte in all dem ist die Botschaft vom Selbst. Die sprachliche Vermittlung des Meditationsprogramms im Aphorismus gerät eindeutig an oder über die Grenze zur Trivialaphoristik. Die große Anzahl dieser Autoren hat zumeist ein Anliegen, vielleicht sogar ein echtes Anliegen; dabei ist aber das Missverhältnis zwischen Anspruch und sprachdenkerischem Vermögen nicht zu kaschieren. Sie transportieren überwiegend Lebensweisheit aus zweiter Hand, immer schon literarisch vermittelt und unverändert: alten Wein in alten Schläuchen. X. An den Grenzen der Gattung Der Aphorismus ist in besonderem Maße ein Genre, bei dem es Grenzbereiche zu reflektieren und einzubeziehen gilt. Nach 1945 geht es hier im Wesentlichen um die Grenzbereiche zum Wörterbuch und zum Essay, zur Lyrik, <?page no="239"?> An den Grenzen der Gattung 237 auch in den Sonderformen Spruch und Epigramm, sowie zu Aufzeichnung und Tagebuch, die zur Bestimmung ihrer je gemeinsamen Gattungsgrenzen mit dem Aphorismus eigene Abschnitte erfordern. 1. Aphorismus und Wörterbuch Der Typus des aphoristischen Wörterbuchs ist seit den siebziger Jahren auffällig häufig in der deutschen Literatur vertreten. Das geschieht nicht voraussetzungslos. In der Literaturgeschichte ist ein breites Gebiet der Überlagerung von Aphorismus, Wörterbuch und Definition zu beobachten, beginnend mit der Satire und dem kombinatorischen Witz des 18. Jahrhunderts, besonders bei Lichtenberg und Jean Paul. Dass in griech. aphorizein, lat. definitio die etymologische Wurzel des Begriffes Aphorismus liegt, kann den Blick nicht trüben für die Wegstrecke, die von der begrifflich-logischen Definition zum thetisch-metaphorischen Experiment der aphoristischen Definition zurückzulegen ist. In Hilles poetischer Setzung, in Kraus’ satirisch-aufdeckender Zerstörung und in Brechts Definition, die sich der Sprach- und Gesellschaftskritik bedient und ‚vom Kopf auf die Füße’ stellt: auf Herrschaft, Kapital und Produktion, verkörpern sich die drei Typen der aphoristischen Definition im 20. Jahrhundert, auf die die Autoren des aphoristischen Wörterbuchs nach 1968/ 1970 zurückgreifen können. Das Wörterbuch hat, wiewohl mit der Definition als einem wesentlichen Merkmal eng verbunden, seinen eigenen literarhistorischen Kontext. Hier gehen die Autoren im Wesentlichen auf die satirischen Wurzeln darin zurück, wie sie sich vor allem in Ambrose Bierce’s „The Devil’s Dictionary“ (1911) ausprägen. Seine Satire im Verein mit Zerstörung, Decouvrierung und Entgegensetzung wirkt gleichfalls vorbildhaft. Dass das aphoristische Wörterbuch in diesen Jahren eine herausragende Rolle spielt, steht im direkten Zusammenhang mit der politischen Aufbruchstimmung dieser Zeit. Ideologiekritik wirkt als Sprach- und Begriffskritik, Aufklärung wird verstanden als Aufdeckung der im gesellschaftlichpolitischen Begriff verdeckt transportierten Wertungen und Meinungen. Herrschaft soll auch als Begriffsherrschaft erkennbar gemacht, neue Definitionen sollen ihr entgegengesetzt werden. Ein bevorzugter Ort dieser politisch-satirischen Aufklärung ist seit jeher das Kabarett. Die Wörterbücher von Rudolf Rolfs und Gerd Wollschon haben genau dort ihren Ursprung. Wollschons Definitionen sind politisch weniger radikal als die Rolfs; sie setzen auf ein breiteres Einverständnis im faden Witz, satirisch nicht gerade subtiler, aber weniger brachial: „Ausbeutung, - vulgäre Bezeichnung für die freie Entfaltung unternehmerischer Initiativen.“ (Sudel- Lexikon, 22) Semantische Nahrung finden sie und andere reichlich in den gewissermaßen offiziellen Euphemismen des herrschenden öffentlichen Sprachgebrauchs wie den ‚Sozialpartnern’: „Sozialpartner: Dauergegner, die sich alles andere als sozial behandeln.“ Aurel Schmidts (geb. 1935) „Ketzer- Lexikon“ (in „Die angemeldeten Bedenken“, 1977) zielt auf Ambivalenz- Strukturen („Besitz. Abhängigkeit.“, 41) und hat nicht nur gattungsgeschicht- <?page no="240"?> 238 Das 20. Jahrhundert lich eine tiefe Verankerung, sondern auch, wie bei Brecht, konkret politische Implikationen: „Gewalt. Zum Beispiel: Ordnung.“ (47) Es steht in der Tradition einer Moralistik, die durchaus zwischen beiden Bedeutungen dieses Begriffes oszilliert: „Moral. Das Gefängnis der Schwachen, in dem sie sich frei und stark fühlen.“ (51) Das gilt in ungleich höherem Maße für Ludwig Marcuses (1894-1971) „Wörter-Buch für Zeitgenossen“ „Argumente und Rezepte“ (1967). In ihrer Ideologiekritik kreieren die linken Wörterbücher eine neue ideologische Norm, in ihrem Kampf gegen den Konformismus alter Art ziemlich konform. Genau in dieser Dialektik nun ist Marcuse heimisch. Sein Wörterbuch steht als Selbstdenken aus programmatischer Subjektivität in der subversiven Tradition der Gattung, mehr an Kraus als an Bierce orientiert: „Erinnerung. So richtig dabeigewesen ist man immer erst in der Erinnerung.“ (36) Im Denken aus dem beständigen Umschlag heraus hält es für alle zynischen Wörterbücher im Gefolge von Bierce auch einen intellektuellen Trost bereit: „Zynismus kann ein Präludium echter Moral sein.“ (154) An den „Ansichtsseiten“ (1976) der Schweizerin Ruth Mayer (geb. 1943) sind die verschiedenen Facetten des Wörterbuch-Aphorismus modellhaft zu studieren. In ihren Mitteln reichen sie von der Satire und (Selbst-)Ironie Bierce’s bis zur Hille’schen Metapher: „Runzeln. Fingerabdrücke des Lebens.“ (25) Sie können dort überzeugen, wo sie ins Imaginative übersetzen oder einfach eine poetische Miniatur malen: „Verbitterung. Ein sonnenloser Mund.“ (30) Neben dem satirisch-aphoristischen Wörterbuch gibt es in dieser Zeit nämlich noch eine ganz andere Variante, nicht annähernd so breit ausgeprägt und typisch wie diese, aber literarisch zu bedeutend, um daneben übersehen zu werden. Heimito von Doderers „Repertorium“ stellt hier den beeindruckendsten Beitrag dar. In den Definitionen Jürgen von der Wenses (1894- 1966; „Epidot“, 1987) geht es ähnlich wie bei Hille um metaphorische Gleichsetzung und poetische Assoziation, bei größerem gedanklich-begrifflichen Anteil: „Meer. Das Meer ist die erste Liebe der Erde. Sie hat sich im Meer ihrer Jugend ein Denkmal gesetzt.“ (53) An diese Form des Wörterbuchs grenzen verschiedene Randbereiche an, so von der Seite der Großepik Experimente wie Oswald Wieners „die verbesserung von mitteleuropa“ (1969) und Andreas Okopenkos „Lexikon-Roman“ (1970). Den Hintergrund, vor dem es zu sehen ist, erläutert Ingold sehr genau: Wenn das Textmodell der Enzyklopädie neuerdings vermehrt auch im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Dichtung, vor allem im hybriden Genre des literarischen Essays, Verwendung findet, so […] scheint es gerade der Illusionscharakter des Lexikons zu sein, welcher die Schriftsteller dazu ermutigt, den enzyklopädischen Willkürakt mit literarischen Mitteln gleichzeitig zu praktizieren und zu denunzieren. (Freie Hand, 200) Hier Definitionsrätsel und -bild und -experiment, dort Definitionswitz und -herrschaft: in seiner doppelten Form, ‚enzyklopädisch’ wie politischsatirisch, stellt das aphoristische Wörterbuch eine der Grenzerscheinungen <?page no="241"?> An den Grenzen der Gattung 239 dar, wie sie bezeichnend sind für die Geschichte der Gattung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Traditionell offen ist dabei die Grenze zum Essay. 2. Essay und Aphorismus Wo immer man versucht, den Aphorismus von seinen Nachbarn her zu bestimmen, da steht der Essay, als die verwandte größere Art verstanden, in vorderster Linie. Einen scharfen Trennstrich zu ziehen ist für die Moderne weniger denn je möglich, wenn man nur an Musil, an von Doderer und so verschiedenartige Essayisten-Aphoristiker wie Dallago, Günther, Usinger, Kudszus, Eisenreich oder Marti denkt. Statt einer vollständigen Darstellung, die nicht viel kürzer als die aller Aphoristiker im 20. Jahrhundert wäre, sollen hier drei Autoren Erwähnung finden, die für das Nebeneinander der Gattungen exemplarisch sind. Der Kunst- und Literaturkritiker Albrecht Fabri (1911-1998) ist zu Lebzeiten nur gelegentlich mit (meist) unselbstständig gedruckten Aphorismen - neben wenigen Essaybänden - hervorgetreten und erst postum („Der schmutzige Daumen“, 2000) in seiner Bedeutung als Aphoristiker recht zu erkennen. Seine besondere Disposition für die Gattung lässt sich über einen Zeitraum von fünfzig Jahren an Primärwie Sekundärtexten ablesen. Auch zur Reflexion in der Gattung selbst hat er Gültiges beizutragen: „Aphorismen sind Sätze, die mit dem Punkt, der sie beschließt, Ernst machen.“ (98) In seinen gewagtesten und besten Stücken offenbart er ein zirkuläres, ein nichtlogisches, paradoxes und (erst damit) kunst-gemäßes Sprachdenken, das an Bilder Eschers erinnert: Schlüssel, die aber die Tür, die sie öffnen, und das, wohinein sie führt, allererst produzieren. (118) Erst wer die Kultur in Gefahr bringt, sichert ihren Bestand. (482) Sie entwachsen dem Wurzelgrund von Fabris Kritikverständnis, mit seinem Maßstab der Maßstablosigkeit ein Paradoxon („Kritik - die kürzeste Formel - ist die Meßkunst eines Gegenstandes an ihm selbst.“, 710), und bringen seine Essayistik auf den Punkt, mit dem sie Ernst machen. Für den Kunsttheoretiker Max Bense (1910-1990) gilt wie für Fabri, dass er zeitlebens eine besondere Beziehung zur Gattung hat, theoretisch wie praktisch. „Über die Heiterkeit im Aphorismus“ hat er schon 1938 nachgedacht; in einem Essay „Der reine und der schöpferische Geist“ verfolgt er diese Überlegungen nach dem Kriege weiter. Noch gegen Ende seines Lebens reflektiert er über das aphoristische Denken: „Aphoristisches Denken bedeutet also ein bei sich selbst bleibendes Denken.“ (Werke 4, 491) Eigentliche Aphorismen hat er vergleichsweise wenige verfasst, so unter Titeln wie „Dünnschliffe“ oder „Textschliffe“: Sprach- und Denketüden, die Widerspruch und Kreisbildung ins Extrem führen, „konkrete“ produktive Auseinandersetzung mit Literatur, in ihrem Experimentieren in teils weitestem, teils engem Bezug zur Gattung: „Eine einzige Bindung, die der Zufall eingeht, zerstört ihn.“ (4, 33) <?page no="242"?> 240 Das 20. Jahrhundert Der Biochemiker Erwin Chargaff (1905-2002) ist dagegen in gleichem Maße Aphoristiker wie Essayist: 1981 sammelt er die „Bemerkungen“ aus seinen Notizbüchern seit dem zwanzigsten Lebensjahr, 1993 schließt er „Nachträgliche Bemerkungen“ für die Jahre 1981 bis 1993 an. Der Einfluss des Naturwissenschaftlers Lichtenberg liegt ebenso nahe wie der von Kraus, dessen Vorlesungen er noch besucht hat. Die bis ins Apokalyptische getriebene Zivilisations- und Zeitkritik, wie sie die Essays gleichermaßen beherrscht, führt in den besten Fällen zu ebenso prägnanten wie einsichtsvollen Aphorismen, deren Analyse schlechterdings nicht weiter auf den Kern gebracht werden kann: „Wir haben den Glauben verloren, weil wir Berge versetzen können.“ (Nachträgliche Bemerkungen, 318) Natürlich kreisen Chargaffs aphoristische Überlegungen zuallererst um die moderne Leitwissenschaft der Biochemie und die Naturwissenschaft überhaupt. Es gibt keinen zweiten Entdecker seines Ranges, der gleichzeitig über sein Schaffen in dieser Weise reflektieren und die Ergebnisse gedanklich und sprachlich dergestalt pointieren könnte. Hier hat er besondere, ja singuläre Autorität. Er ist aber niemals nur fachwissenschaftlich orientiert; er betreibt immer zugleich eine Lebensphilosophie, aber eine, die das Leben von der Zelle aus betrachtet: nicht von einer Idee her, sondern von der konkreten Materie aus: „Wir werden mit dem Tod im Zellkern geboren.“ (14) So sind seine Aussagen über die Natur, wie sie sich durch die Jahre verfolgen lassen, von nicht zu überschätzendem Wert für das Gespräch zwischen den beiden Kulturen, zu denen er in gleich hoher Kompetenz beiträgt: „Die Natur entspricht unserm Wissen, weil unser Wissen der Natur entspricht.“ (72) Am besten und inspirierendsten ist er, wenn er sich aus den Grenzen der Logik hinausdenkt. Da ergibt sich, von der Paradoxie ausgehend, ein dialektisches Irrlichtern, das Teil und Gegen-Teil ineinander verwebt: „Als erstes vernichtet der Sturm seine Vorboten.“ (46) Wo diese Denkfigur, die in sich selbst zurückläuft, sich auf das forschende Erkennen und Erklären richtet und es gleichzeitig übersteigt, da verbinden sich der Naturwissenschaftler und der Aphoristiker: „Oft wird das Erklärbare erst durch die Erklärung zum Unerklärlichen.“ (126) Hier ist man im Zentrum von Chargaffs Aphorismus, der Innensicht und Außensicht verbindet. Hier ist auch die gemeinsame Quelle seiner Essayistik wie seiner Aphoristik freigelegt. Sein Aphorismus gründet auf Logik und Wissenschaft und kritisiert sie mit den Mitteln der Literatur. Das ist noch die Sprachschule von Karl Kraus, die vor der naturwissenschaftlichen liegt; aber der Schüler hat von dessen Witz aus einen weiten eigenen Weg zurückgelegt: „Was wir wissen wollen, können wir wissen; aber dann ist es nicht mehr, was wir wissen wollen.“ (64) 3. Zwischen Lyrik und Aphorismus So traditionell die Trias Lyrik, Epik, Dramatik unter Ausschluss der Aphoristik ist, so ist doch gelegentlich auch - und sehr zu Recht - die Nähe der nichtfiktionalen Gattungen Lyrik und Aphoristik, eben gegenüber Epik und Dramatik, betont worden. Auch hier ist Trennschärfe eine - notwendige - <?page no="243"?> An den Grenzen der Gattung 241 Fiktion, der sich die Phänomene desto mehr entziehen, je genauer man sie im Detail in den Blick nimmt. Epigramm und Spruch nehmen dabei ein eigenes auffällig breites Kapitel ein. Die vorausweisenden Entwicklungen für die Nähe von Lyrik und Aphorismus, wie sie in Bild, Metapher und Definition gegeben sind, gehen um die Jahrhundertwende von der „Metamorphose des Bildaphorismus“ in Frankreich aus, so bei Jules Renard, Max Jacob, Henri Michaux, René Char und anderen. Von daher sind Ernst Meisters „Gedanken eines Jahres“ von 1948 der Lyrik nahe. Der Weg vom - aphoristischen - Vergleich zur - lyrischen - Chiffre hat als seinen Angelpunkt den Bildaphorismus: „Der Tod: den Brunnen der Schwermut von innen schließen.“ (235) Bei Paul Celans (1920-1970) lyrischen Aphorismen „Gegenlicht“ von 1949 stellen sich deutliche Korrespondenzen zu Char ein, dessen Texte er übersetzt: „Das Herz blieb im Dunkel verborgen und hart, wie der Stein der Weisen.“ (163) Hans Peter Keller (1915-1989) beschreibt die lyrisch-aphoristische Mitte, in der sein Werk steht, schon dadurch, dass er, neben Kafka, Michaux und Lec als Vorbilder nennt. Die Bruchstücke seines „Panoptikum aus dem Augenwinkel“ (1966) bestehen auf der Versgliederung so entschieden wie auf ihrem aphoristischen Ton. Die erprobten Mittel des Aphorismus werden in den besseren Fällen von den formalen Mitteln des Verses unterstützt, so die Paradoxie: „bremst sofern ihr / weiterwollt“ (20), so die Umkehrung: „wäre kein Staub da - der Besen im Spind / verstaubte“ (33). „Stichwörter Flickwörter“ (1969), unter solchem Titel eher ‚regelrechte’ Lyrik in freien Reimen, und „Kauderwelsch“ (1971), ‚regelrechte’ Aphorismen, zeugen davon, wie sich Keller um ein gemeinsames Zentrum bewegt. Im besseren Fall sind die aphoristischen Mittel stets eingeschmolzen in die lakonisch-surreale Bildlichkeit, die vor der schnellen (Auf-)Lösung gefeit ist und die Kellers Lyrik und Aphoristik ihr eigenes Gepräge gibt: „Interessante Gegend, die Binsenweisheiten gerodet, überall schießen Neurosen ins Kraut.“ (Kauderwelsch, 28) Am Ende stehen das vom Klang evozierte Bild („Ein Schlaganfall - ein Schlagbaum: Zollabfertigung.“, 66) und der bis zur rein assoziativen Substantivreihe lakonisierte Aphorismus: „Die Faustregel. Die Scherben. Die offene Hand.“ (22) Dieter Fringelis Werk hat mit dem Kellers die poetischen Mittel gemeinsam und lebt im Grenzraum von Lyrik und Aphorismus von Sprichwortvariation, Redensart, Umkehrung: „ HOMMAGE FÜR LICHTENBERG / schon mancher armleuchter / hielt sich / für ein kirchenlicht“ (Ohnmachtwechsel, 79). Die sprachspielerische verbindet sich mit der politischen Intention: „B EWÄLTI- GUNG / Der Krug der / Gegenwart / Geht zum Brunnen / Der Vergangenheit / Bis er bricht“ (Was auf der Hand lag, 39). In äußerster Lapidarität gewinnen die Gedichte unverhofft eine geradezu philosophische Dimension: „hoffen / ist eine form / von vergessen“ (Ohnmachtwechsel, 72). Eng ist die Verbindung der Gattungen auch bei Walter Helmut Fritz’ (geb. 1929) „Zwischenbemerkungen“ (1964) und bei Dieter Leisegang (1942-1973), der die eindrucksvollsten Texte diesseits und jenseits einer nur gedachten Grenzlinie schreibt. Weitgehend gattungskonform reflektiert sein schmales <?page no="244"?> 242 Das 20. Jahrhundert Werk hier „Begriffe“ („Die alten Begriffe sind schon richtig. Nur wir stimmen nicht mehr.“; Gegend, 15), verbindet dort, den Aphorismus damit ‚eigentlich’ überdehnend, Situation und Reflexion oder bleibt auch einfach situativ und beharrt gegen jede Verallgemeinerung ganz entschieden auf der Subjektivität: „Lebensziel. (Eine Villa in Baden-Baden oder die Weltrevolution zum Beispiel? ) Nein, ein gewisser Blick aus gewissen Augen.“ (Aus privaten Gründen, 81) In Sulamith Sparres (geb. 1959) Aphorismen „Die Sterblichkeit der Worte“ (1981) ist Schreiben Reflexion der Bedingungen der Möglichkeit von Schreiben; schon die Zwischentitel wie „Irrlichter“ oder „Notankerfäden“ zielen dabei in einen Bereich zwischen den Gattungen: „Hier, in der Wortlosigkeit. Das Schweigen zum Thema der Sprache machen. Die enger werdende Zeit, auf der Flucht vor der Zeit.“ (57) Spruch und Epigramm Der Spruch, mit Merkmalen wie Bündigkeit, Prägnanz und Pointierung, Beziehung auf Normen und Appell an den Intellekt auch ein gattungsmäßig schwerlich zu fixierender lyrisch-prosaischer Oberbegriff, interferiert als Simplex wie in zahlreichen Komposita, insbesondere als (Prosa-)Denkspruch und als Sinnspruch, bis zu Nietzsche, Kraus, Schnitzler mit dem Aphorismus häufig. Besonders die Aphoristik des Dritten Reiches setzt mit dem lehrhaftverbindlichen Sprechen im schmucklos-schweren, autoritätsgeladenen Spruch dem pointierten unverbindlich-witzigen Aphorismus etwas im Ursprung Germanisches entgegen, folgerichtig mit verwischten Grenzen zwischen gebundener Sprache und Prosa. Aber auch Brechts Kurzgedichten wird ein spruchhafter Charakter attestiert. Hierin ist er die entscheidende Vorläufer- Figur für die deutschen Nachkriegslyriker. Das Epigramm ist dem Aphorismus dadurch näher als der aus mündlicher Tradition erwachsende Spruch, dass es schon von seiner Etymologie her genuin schriftlichen Charakters ist. Beider Kürze, Konzision und Pointierung lassen aber zunächst über die Differenz nicht im Unklaren. Die Aphoristiker und Epigrammatiker der Jahrhundertwende unterscheiden ebenso wie später in der Praxis Morgenstern, Kraus, Kästner oder theoretisch Musil zwischen dem metrisch gebundenen Vers-Epigramm und dem Prosa-Aphorismus. Genau diese Differenz aber wird mit dem freien Vers in der Lyrik nach 1945 eingeebnet. Brecht hat auch darin für den deutschen Sprachraum mit seiner Lyrik ab 1933 dort als Vorbild zu gelten, wo sie auf lakonische Prägnanz hin ausgerichtet ist, vor allem in der „Deutschen Kriegsfibel“ der „Svendborger Gedichte“ (1936-1937 entstanden) und den „Buckower Elegien (1953). Damit hat er besonders drei bedeutende Lyriker folgenreich beeinflusst, deren Werk auf weite Strecken von aphoristischer Kürze, von dialektischer Argumentation und Pointe bestimmt ist, Günter Kunert, Reiner Kunze und Erich Fried. Günter Kunert (geb. 1929) bietet den Anlass zu grundsätzlichen Grenzüberlegungen, wenn er gerade das Paradoxon als Prinzip seiner Gedichte erörtert. Mit seiner Tendenz zur Pointe zielt er auf das Treffende, das in der <?page no="245"?> An den Grenzen der Gattung 243 Spannung von Knappheit und Allgemeinheit steht, auf Konzentration überhaupt, die aphoristische Konzentration oder die lyrische. „Empfehlung / sich nicht zu ducken: / Das Schiff liefe nicht vorwärts / stünde nicht aufrecht im Wind / das Segel.“ (Vor der Sintflut, 39) Seine Affinität zur Gattung belegen in besonderer Weise die „Nachrichten aus Ambivalencia“ (2001) und „Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast“ (2004). Die Ein-Satz-Kürze spielt eine bemerkenswert große Rolle, viele aphoristische Formen sind durchgespielt. Für Reiner Kunze (geb. 1933) hat die lyrisch-aphoristische Zwischenstellung in Verbindung mit der Brecht-Nachfolge absolute Gültigkeit: „ IHRE FAH- NEN / Ihre fahnen schlagen unsre ideale in den wind / und wir heißen fahnenflüchtig weil wir / den idealen treu geblieben sind“ (eines jeden einziges leben, 91). Die Redensart, die neue Bildkraft gewinnt (in den Wind schlagen), die Umkehrung, die möglich wird, indem Fahne und Ideal voneinander getrennt werden, die Begriffsreflexion („fahnenflüchtig“): im Verein miteinander tragen sie hier dazu bei. In einem anderen Fall dient das von fernher an Pegasus anknüpfende Bild primär dazu, ein Denkhandeln in Gang zu setzen: „ DEN LITERATURBETRIEB FLIEHEND / Sie wollen nicht deinen flug, sie wollen / die federn“ (auf eigene hoffnung, 69). Erich Fried (1921-1988) hat das sprachreflexive Kurzgedicht an der Grenze zum Aphorismus wie kein anderer gepflegt. Sein dialektisches Denken, das recht genau an „Me-ti“ erinnert, bestimmt die Art seines lyrischen Definierens: „V IELLEICHT / Erinnern / das ist / vielleicht / die qualvollste Art / des Vergessens / und vielleicht / die freundlichste Art / der Linderung / dieser Qual“ (3, 11). Äußerste Einfachheit und scheinbares Wortspiel verbinden sich zu einer Frage im Sinne Brechts („Nichterfüllung des Kunstsolls“; 2, 228). Ganz in der Art aphoristischer Produktion, die sich oft aus einer Mischung von Weiterführung und Widerspruch ergibt, schließt Fried über diesen an das Sprichwort an: „P OLITISCHE V ERLEUMDUNG / Wer A sagt / dem sagt man / heut nach / daß er / auch B / gesagt habe“. (2, 486) Auch im aphoristischen Imperativ formuliert seine Lyrik Lebensregeln, auch hier freilich ist sie Ausdruck dialektischen, nicht sprichwörtlich einschichtigen Denkens: „A NGST UND Z WEIFEL / Zweifle nicht / an dem / der dir sagt / er hat Angst / aber hab Angst / vor dem / der dir sagt / er kennt keinen Zweifel“. (2, 202) In der Nachfolge des epigrammatisch-aphoristischen Kurzgedichts von Brecht sind außer den beiden (ursprünglich) in der DDR schreibenden Lyrikern Kunze und Kunert und dem Emigranten Fried auch Vertreter der bundesrepublikanischen Literatur nach 68 reichlich vertreten. Arnfried Astels (geb. 1933) „Epigramme“ kommen dem Aphorismus nicht nur der inneren Form nach nahe, sie bedienen sich dazu auch dessen klassischer Mittel. Unter all den Aphorismen „zwischen zwei Stühlen“ wäre Astels „Epigramm“ kein Fremdkörper: „ ZWISCHEN DEN S TÜHLEN / sitzt der Liberale / auf seinem Sessel.“ (Neues, 446) In der zu Recht berühmt gewordenen „Lektion“ ist die Zeilenbrechung nichts als graphisch verdeutlichte Syntax: „L EKTION / Ich hatte <?page no="246"?> 244 Das 20. Jahrhundert schlechte Lehrer. / Das war eine gute Schule.“ (652) Sie erteilt die ihre in demonstrativer syntaktischer Subjekt-Prädikat-Objekt-Simplizität. Oder hat sich nicht eher der Leser die seine denkend selbst zu erteilen? Jedenfalls erscheint ihm die Antithese „schlecht“ und „gut“ erst in dem Maße als nicht paradox, in dem ihm der tatsächliche Gegensatz des Ausdrucks ‚Lehrer haben’ und der stehenden Wendung ‚Schule sein’ aufgeht. Der Vers ist einheitsstiftend und setzt die Redensart gegen ihre wörtlich genommene Weiterführung ab: „D U / setzt mich ins Unrecht / aber ich nehme nicht Platz.“ (465) Einen konstituierenden Unterschied zwischen Gedicht und Aphorismus kann man aber daraus nicht ableiten. Auch Autoren des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“ lavieren häufig auf der Grenze von Lyrik und Aphorismus: Aphoristik als Gebrauchslyrik, wie Hugo Ernst Käufer: „Zur Not, sagte er / muß die Freiwilligkeit / erzwungen werden.“ (Standortbestimmungen, 16), wie Liselotte Rauner: „Was Kapitalisten zu Vorbildern macht / ist ihr Klassenbewußtsein.“ (Volksmund, 11) Peter Maiwald (geb. 1946) bleibt in seinem „Notizbuch“ vor linker Parolenaphoristik und vor dem Verlust des Selbstdenkens bewahrt. Veränderung und Übergang dokumentieren die späteren poetologischen Notizen in „Wortkino“ (1993). Ihre poetische Reflexion kann nicht anders als sich bildlich ausdrücken: „Worte, die anderen Worten die Häute abziehen.“ (Wortkino, 14) So ist der Übergang zur Poesie selbst fließend: „Das leise Lächeln des Windes, wenn ihm erklärt wird, woher er weht.” (29) Elazar Benyoëtz Elazar Benyoëtz (geb. 1937) ist mit seinen Eltern 1939 nach Palästina emigriert und schon in jungen Jahren ein erfolgreicher israelischer Lyriker, ehe er nach mehrjährigem Deutschland-Aufenthalt seit 1969 deutschsprachige Aphorismenbände veröffentlicht. Als Fazit seiner Doppelsprachigkeit sieht er eine gewisse Gespaltenheit: „Mein ganzes Bewußtsein ist gegen mich, und mit diesem gegen mich gerichteten Bewußtsein wehrte und wehre ich mich dagegen, ein deutscher Dichter zu sein.“ (Treffpunkt, 162) Seine Themen sind vornehmlich Glaube, Sprache, Erinnerung. Dazu bedient er sich auf eigene Weise klassischer Mittel wie des Paradoxons, der Antithese, der Scheinetymologie und des Wörtlichnehmens. Das Wortspiel macht sich schon in den Titeln geltend: in den „Einsprüchen“ (1973) und „Einsätzen“ (1975), in der doppelsinnigen „Worthaltung“ (1997), in dem Spiel mit Klang und Sinn: „Vielleicht - Vielschwer“ (1981). Der Tenor der überwiegend wohlmeinenden Kritik zielt auf die Auseinandersetzung mit der Wunde Deutschland; sie akzentuiert außerdem seine Spachbesessenheit und den paradoxen Zusammenhang von Sprache und Schweigen und weist auf die Nähe dieser ‚gutartigen’ Aphoristik zur Poesie hin. Nach kleinen Privatdrucken erscheinen ab 1990 neuartig strukturierte Bände, in denen neben Aphorismen tagebuchähnliche Kurzberichte, Lektürekommentare und literarhistorische Exkurse, Lyrik und Briefauszüge, Zitate und Selbstzitate zusammengestellt <?page no="247"?> An den Grenzen der Gattung 245 sind, von „Treffpunkt Scheideweg“ (1990) über „Filigranit“ (1992) mit wieder deutlicherer Dominanz des Aphoristischen bis zu der autobiographisch orientierten Komposition „Allerwegsdahin“ (2001). Eindeutiger von der Suche nach einer aphoristisch-lyrischen Mischgattung gekennzeichnet sind die späteren Bände von „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (2000) bis „Die Eselin Bileams und Kohelets Hund“ (2007). Sie ordnen ihre Texte, zum Teil - für ihn charakteristisch - im variierenden Rückgriff auf Früheres, konsequent zwischen (mehrstrophiger) Lyrik und Aphorismus um eine Mittelachse an und changieren zwischen kotextueller Isolation und größerem Zusammenhang. Die Überlegungen zur Gattung in der Gattung erstrecken sich auf das gesamte Werk; in „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ sind sie konzentriert zusammengefasst (Zukunft, 105-122). Der Ausgangspunkt seiner Poetologie ist die Kürze, die das Mehrsinnige mit Spannung auflädt. Von dieser Kürze ausgehend, verhält sich Benyoëtz zum Aphorismus uneindeutig. Einerseits will er dezidiert „nicht Aphorismen“ schreiben, andererseits ist er gleichwohl derjenige Aphoristiker, der die Gattung unter diesem Begriff immer wieder innovativ und gehaltvoll aphoristisch reflektiert: „Im Aphorismus gewinnt das Unhaltbare sein Gleichgewicht” (Treffpunkt, 73). Zur dieserart notwendigen Uneindeutigkeit gehört es, dass Konkurrenzbegriffe erprobt werden, vor allem Spruch und „EinSatz“. Den Spruch bringt Benyoëtz mit Glauben, aber auch mit Widerspruch in Verbindung, mit beidem knüpft er an älteste Traditionen an. Das Buch Kohelet, der Prediger Salomo, ist ihm Vorbild, wohl das einzige, das er so unumschränkt gelten ließe. Indem er das Konzept der Verbindung hebräischer Weisheitslehre und deutscher Aphoristik verfolgt, sucht er an diese hebräische Spruchdichtung mit seinen „Sprüchen“ und ihrer Autorität, ihrem „Machtanspruch“, anzuschließen. Für die deutsche Literatur sind insbesondere die Verbindungslinien zu Kafkas Aphoristik mit ihrer autonomen Bildlichkeit von Bedeutung und in dieser Linie auch die Beziehungen zu den jüdischen Exilaphoristikern Baermann Steiner und Strauß. Formal ist sehr genau zu exemplifizieren, wo in der Gattungsgeschichte er ansetzt und wo und wie er sie innovativ weitertreibt. Entscheidend ist in jedem Fall der Denkraum, in den man durch die wenigen Worte eintritt, zwischen für synonym Erachtetem, das in der aphoristischen Konstellation zugleich ein antithetisches Potential und damit in höchster Einfachheit größte rezeptive Weite entwickelt: „Was dich berührt, wirst du nicht begreifen.” (Eingeholt, 74) Aus der Überzeugung der Uneindeutigkeit heraus („Ein Wort läßt sich deuten, nicht aber eindeuten”; Worthaltung, 46) vertraut der Autor die aphoristische Essenz - überzeugend - einem einzigen Wort an: „Redlich - unüberhörbar.“ (Eingeholt, 31) So gewinnt der Neologismus, von der „Glaubwürde“ (Eingeholt, 67) bis zum „Fahnenschwank” (Vielleicht, 92) hier noch einmal ästhetische und ethische Überzeugungskraft gleichzeitig. Auch der Grundtyp der Definition ist weiterentwickelt ins individuell Spannungsreich- Ambivalente, in dem Gleichsetzung, Gegensatz, Folge, ironische Durchleuch- <?page no="248"?> 246 Das 20. Jahrhundert tung, entgegensetzende Antwort in wechselnden Anteilen enthalten sind: von der Partial-Antithese, die sich über das Wortspiel weit erhebt: „Erreicht - verarmt“ (Vielleicht, 57), zu der typisch ambivalenten propositional offenen Bindestrich-Bindung: „Gehörig - mit Schweigen bedacht.” (Vielleicht, 20) In der aphoristischen Definition gelangen die Aphorismen zu Doppelformeln wie „Beten - Seinserweiterung“ (Einsätze, 37), indem sie zu Feindifferenzierung („Erfüllt - erschöpft“; Eingeholt, 11) und Neologismus finden: „Seligkeit - Innewonne“ (Vielleicht, 67). Auch thematisch steht Benyoëtz mit zentralen Komplexen seines Werkes in der Tradition der Gattung, und er führt sie nicht nur fort, er entwickelt sie fort. Die Mythisierung und Personalisierung der Sprache erinnern im individuellen Selbstanspruch trotz allem grundsätzlichen Abstand auch an Kraus. Im Zusammenhang nicht nur von Sprache und Denken, sondern vor allem von Sprache und Schweigen („Die Sprache ist das ferne Echo des Schweigens.”; Einsprüche, 19) gerät man unmittelbar in ein Überschneidungsgebiet von Mystik und Gattungsgeschichte, in dem Benyoëtz einen prominenten Platz besetzt: „Mystik - Sprachleere” (Eingeholt, 48). Das Miteinander von hochintellektueller Literatur und Religiosität reicht von unaufschließbaren Reflexionen, die an Pascal erinnern, bis in die lyrische Gebetsmeditation und im Einzelfall bis zur reinen betenden Anrufung. Der Zweifel ist es, „des Geistes Glaubwürde” (67), der, gattungskonstitutiv seit je, auch hier zum Glauben oftmals in Spannung gesetzt wird: „Nicht der Glaube, der Zweifel macht uns hoffen” (Vielleicht, 99). Es schreibt nicht mehr ein deutscher Jude wie noch Strauß oder Kraft, sondern ein Israeli wendet sich an deutsche Leser: „An die Deutschen: Sammelt unsere Tränen, nicht unsere Witze! ” (Träuma, [29]) Die konkreten alttestamentarischen Aspekte des Glaubens, Paradies und Sündenfall, sind zentrale Sujets; Abraham, Hiob, Jakob werden ihm zu Zeitgefährten. Uneindeutigkeit, und eine auf hohe und glückliche Weise produktive, tut sich auch darin kund, dass er mit der Wahl der Sprache, aber auch durch die Intensität, in der er die deutsch-jüdische (Literatur-)Geschichte aufnimmt, etwas fortsetzt, was er für unwiderruflich abgeschlossen hält. Erinnerung ist das Thema des Angehörigen eines Volkes, das einem Genozid unterlag („Wer auf Auschwitz baut, baut auf Asche, nicht auf Sand”; Allerwegsdahin, 169), wie auch des Dichters, dessen Mittel allein die Sprache mit „der ihr innewohnenden Erinnerung” (Brüderlichkeit, 38) ist. Erinnerung als lebendig-ganzheitlich, gegenwärtig und vergegenwärtigend geschieht mittels des Zitats, das zu einem strukturierenden Mittel wird. Geht schon mit ihm eine innovative Veränderung einher, so erst recht mit Versbrechung und Mittelachse, die mit „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (2000) konsequent zur Anwendung gelangen und endgültig einen Grenzbereich zwischen Aphorismus und Lyrik besetzen. Das Bilddenken entwickelt immer stärkere Kraft: „Der Mensch / wurzelt im Traum, / wächst in die Wirklichkeit, / verästelt sich in der Erinnerung“ (Zukunft, 36). In diesen Kompositionen an der Grenze zur Lyrik gewinnt das Erlebnisdenken, eine Integration, die die Gattung seit je bezeichnet und auszeichnet, neue <?page no="249"?> An den Grenzen der Gattung 247 Form: „Ein reines Gefühl / wäre schon / ein klarer Gedanke“ (Mensch, 73). Die Frage nach irgendwelcher gattungsreinen Zugehörigkeit ist mit der überzeugenden Innovation obsolet geworden. So zeigt sich die produktive Uneindeutigkeit im Innern des Werkes auf verschiedenen Ebenen. Benyoëtz’ Aphorismus öffnet sich bewusst einen Grenzbereich zwischen den Gattungen. Er versteht sich als Dichtung und zielt als solche auf Uneindeutigkeit in dem Sinne, dass es in der Sprache „nicht Genaues, / nur Bestimmtes” (Zukunft, 101) gibt. In der bisher letzten Werkphase kommt als spezifisch und besonders bedeutsam hinzu, dass sich aus einer bewussten Ambivalenz zwischen kotextueller Isolation sowie Zusammenhang und Einbindung als Teil eines Größeren innovativ das Gattungsweitende und -überschreitende entwickelt. Die Aphorismensammlung ist damit in jedem Fall überstiegen. Mit diesem Werk hat Benyoëtz unter den zeitgenössischen Aphoristikern, von Canetti abgesehen, zu Recht das meiste interpretatorische Interesse geweckt. In der Bildformung wie in der religiösen Prägung ist er damit ebenso als Gegenfigur zur Kraus’schen Linie wie als eigen-sinnige Weiterführung der von Kafka ausgehenden Gattungsentwicklung zu deuten. 4. Aufzeichnung, Tagebuch, Journal Die Aufzeichnung ist in den letzten Jahren in ihrem Verhältnis zum Aphorismus verstärkt und kontrovers diskutiert worden. Das ist kein Wunder, ist die Zahl solcher - offenen, unverbindlichen - Aufzeichnungen doch in auffälliger Weise gestiegen. Teils sind sie essayistisch, autobiographisch oder an der Tagebuch-Chronologie orientiert, teils changieren sie zwischen Kürzesterzählung, Lektüre-Reflexion und Aphorismus. Ein Verhältnis vielfacher Verschränkung dürfte die historischen Gegebenheiten eher wiedergeben, als wenn man die Aufzeichnung in Konkurrenz zum Aphorismus sieht. Sie ist weniger als er eine Sprech- und Schreibhandlung auf einen andern hin, der eine Maxime, eine Lehre empfängt oder die Wertung satirischer Kritik auf- und übernehmen soll, sondern akzentuiert, nicht nur aus der Interferenz mit dem Tagebuch heraus, ein Sprechen für sich. Es ist das aber nur eine Akzentverlagerung, mit der das Ich, wie es bisher schon zu beobachten war, eine fortschreitend größere Rolle einnimmt. Das Tagebuch haben die Aphorismusforscher zum Teil streng ausgeschlossen, zum Teil haben sie die Überschneidungen betont und Diaristen wie Joubert, Hebbel, Leopardi oder Renard zu Leitautoren der Gattungsgeschichte erklärt. Allein in Deutschland und im 20. Jahrhundert ist Verschränkung verschiedener Art, sei es als aphoristisches Reflexionstagebuch, sei es als eigene, den Tagebüchern entnommene Sammlung oder wie immer, bei sehr vielen Autoren zu beobachten, von Kafka, Hofmannsthal und Schnitzler bis zu Moser und Günther. Die Probleme, die dabei zutage treten, verbinden sich in anderem begrifflichen Gewand mit dem Journal. Aufzeichnung und Journal bezeichnen nur <?page no="250"?> 248 Das 20. Jahrhundert verschiedene Aspekte desselben, einen technischen und einen durativen oder iterativen, hinter die man sich zurückziehen kann, einmal den Akt des Verschriftlichens, dann das Regelmäßige, das auf dem Zusammenhang von Erleben, Erfahren, Reflektieren und Schreiben beruht. Es spricht von den historischen Erscheinungen her vieles dafür, den herkömmlichen Gattungsbegriff als eine Art Überwölbung beizubehalten und von ihm her die Texte im Grenzgebiet aufzusuchen und zu analysieren. In Walter Hilsbechers (geb. 1917) „Sporaden“ (1969), seinen „Aufzeichnungen aus 20 Jahren“, gewinnt der Aphorismus nicht nur ein starkes Gewicht, auch eine eigene Form. Ein Prinzip wird formuliert, das von wesentlichen Elementen des Tagebuchs entschieden wegführt: „Prinzip. Keine Bekenntnisse, keine Exhibitionen: Substrate. Der Rauch der Seele aufgezehrt von Klarheit.“ (60) Seine Themen: Existenz und Bewusstsein, Geist, Denken und Sprache, Zeit und Nichts und Tod sind nicht im Sinne der Tradition abgehandelt, sondern scheinen in einer eigenen Bildsprache erfahren. Gedanke und Impression stehen zum Teil gegeneinander, zum (besseren) Teil sind sie ineinandergewirkt: „Seine Seelenruhe schlägt Falten. In denen verbirgt sich ein unruhiger Geist“ (85), in Definitions-Aphorismen bis zum Intuitiv- Rätselhaften: „Spontaneität -: Atem, der in die Statue fährt... .“ (12) In dieser Form sind sie, nachhaltig poetisch-philosophisch und „Substrat“ gerade durch diese Amalgamierung, ein wichtiges Zeugnis für die Erneuerung der aphoristischen Gattung. Bei Ilse Aichingers (geb. 1921) „Aufzeichnungen 1950-1985“ handelt es sich um tendenziell enigmatische, absolut ichzentrierte Vergewisserungsversuche, die sich aus schwerster Melancholie zu einem minimalen Optimum an sprachlicher Gestaltung erheben: „Die Landschaften des Herzens kontrollieren, ihre Beleuchtung, das Flackern, die Schwärze. Nicht aufhören damit.“ (69) Die Tendenz zum Verstummen ist eindeutig: Während die fünfziger Jahre immerhin 25 Seiten füllen, gibt es ab 1965 Jahre ohne oder mit gerade einer Eintragung. Nähe wie Differenz ihrer Aufzeichnung zum tradierten Gattungsverständnis lassen sich am besten am Thema des Todes erkennen. So zentral es für die Gattung ist: hier ist es nicht Thema, nicht (bloß) Motiv. Aichingers Aufzeichnung ist keine Schreibhandlung auf jemanden hin, sondern ein Sprechen für sich und um sich. Es äußert sich aus einer Grenzsituation heraus, die von Angst, Trauer und dem Gefühl der Todesnähe als Ingredienzen der melancholischen „Schwärze“ gekennzeichnet ist. Die existenzielle Bedeutung des Schreibens in der abgründigen Melancholie wird in der allzu plakativen Form in der Tradition Senecas und Montaignes („Schreiben ist sterben lernen.“; 84) weniger glaubhaft als in den eindringlicheren Aufzeichnungen, die Schreiben mit Atmen und Beten in Verbindung setzen: „Schreiben kann man wie Beten eigentlich nur, anstatt sich umzubringen. Dann ist es das Leben selbst.“ (44) Für dieses Schreiben gewinnen gerade die zentralaphoristischen Kategorien Ambivalenz und Paradoxie höchste Bedeutung, und das eben nicht nur als äußerliche Stilmittel. „Immerfort halten wir das Unhaltbare“ (72): Die Paradoxie entsteht nicht aus Formbrillanz, es ist eine <?page no="251"?> An den Grenzen der Gattung 249 existenzielle Paradoxie in der Art Kafkas, der das Untröstliche aus seinem Gegenteil erwächst: „Es sind zuletzt die Tröstungen, die uns untröstlich machen.“ (68) Am klarsten zum Ausdruck kommt die Selbstvergewisserung in den - ambivalenten - Selbstvorsätzen im Infinitiv: „Die Unfähigkeit zu leben bis zum Ende ausspielen.“ (81) In dieser Weise kann Aichinger ähnlich wie Hilsbecher die Aphoristik für ihre Person adaptieren und erneuern. „‚Man überlebt nicht alles, was man überlebt‘.“ (52) Diesen Satz Aichingers zitiert Erika Burkart (geb. 1922) in ihren Aufzeichungen „Grundwasserstrom“ (2000), und nicht nur von daher lässt sich eine tendenzielle Nähe feststellen, auch wenn ihre Texte im Ganzen nicht an jene heranreichen. Die denkerische Substanz von Hartmut Langes (geb. 1937) „Tagebuchaufzeichnungen eines Melancholikers“ („Deutsche Empfindungen“, 1983) kommt dort am stärksten zum Vorschein, wo der Intellekt trostlos-endlos sich selbst betrachtet. Dort werden seine Paradoxien nicht brillant durchgespielt, sondern prägnant erörtert: „Das Erkennen schreitet so lange fort, bis es alle Gründe zu seiner Umkehr erkannt hat.“ (116) Das Mit- und Ineinander von Gedanke und Empfindung ist, wenn auch vielleicht nicht mit Ausschließlichkeit, für die Gattung zu reklamieren: „Was man nicht empfindet, kann man nicht denken. Empfindungsarmut erzeugt Gedankenlosigkeit.“ (69) Das wenige Aphoristische in Rudolf Hartungs (1914-1985) Tagebuchnotizen „In einem anderen Jahr“ (1982) ist wertvoll: „Literatur ist jene Berufungsinstanz, vor der der verlorene Prozeß des Lebens noch einmal aufgerollt wird.“ (127) Es entsteht aus einer souveränen Position zwischen Praxis und Reflexion. Wertvoll ist es auch sekundär dadurch, dass es dokumentiert, wie sein Verfasser Zeitgenossen unter den Aphoristikern mit intimem Verständnis und mit Diskretion begleitet, so vor allem Canetti, aber auch Kudszus (136-138). Ähnlich steht es mit Felix Philipp Ingolds Aufzeichnungen „Freie Hand“ (1996): hoch reflektiert, primär wie sekundär von hohem Interesse und insgesamt von noch stärkerer Verwurzelung in der aphoristischen Gattungstradition. Ähnliches gilt auch für Norbert Wokarts (geb. 1941) „Aufzeichnungen 1981-2006“ („Schilfrohr“, 2007): literarhistorisch (von Ehrmann über Jochmann bis Grünewald) wie praktisch-literarisch weitgehend aphoristische Orientierung: „Sich etwas herausnehmen. Nimmt man diese Redensart wörtlich, hat man eine präzise Beschreibung für die aphoristische Kunst.“ (233) Im Umkreis Aufzeichnung und Tagebuch oder Journal stellen Ernst Jünger, Elias Canetti, Wolfdietrich Schnurre und Peter Handke nicht nur von ihrem literarischen Gewicht her je eigene Kapitel dar; sie prägen das Ähnliche auch völlig verschieden aus. Ernst Jüngers gesamtes Werk ist essayistisch und diaristisch-aphoristisch geprägt. In den beiden großen Tagebuchkomplexen nach 1945, den Tagebüchern der Jahre 1939 bis 1948 („Strahlungen“ I und II) sowie den fünf Bänden von „Siebzig verweht“, die die Jahre 1965 bis 1995 umfassen, ist er aber eher klassischer Diarist. Was das Aphoristische betrifft, so ist er vor allem reflektierender Leser und Verknüpfer; er lebt ganz in Zitaten, in Fundstellen. Relativ <?page no="252"?> 250 Das 20. Jahrhundert konzentriert zum Ausdruck kommt es dagegen in den „Sgraffiti“ (1960), in „Autor und Autorschaft“ (1984; weniger in den Nachträgen 1999) und vor allem in den „Mantrana“ (1958). Das Gattungsverständnis ist weit und offen; die selbstreferenziellen Aphorismen versammeln fast die gesamte metaphorische und gedankliche Palette der Möglichkeiten, ohne ihr im Wesentlichen eine persönliche Farbe hinzuzufügen. Als Vorbilder und Anreger sind Rivarol und unter den Deutschen Lichtenberg, Schopenhauer und insbesondere Nietzsche hervorzuheben. Eine Maximenpoetologie zieht sich durch, die sich stark an Goethe anlehnt. Der Aphorismus wird als autark, unverwittert und ursprünglich mythisch überhöht: „Er entwickelt kein System, sondern geht durch Systeme hindurch bis ans versiegelte Tor.“ (Siebzig verweht 4, 222) Das Spermatische kann noch am ehesten als eigene Zutat zum tradierten Gattungsverständnis gelten: „Gute Gedanken haben spermatische Kraft.“ (399) Während sich im Vergleich zum Frühwerk das Heroische auf die Dauer verliert und der Tod weniger theoretisch reflektiert und pathetisch beschworen denn als konkretes biographisches Ereignis gesehen wird, ist die Präsenz des Arationalen mit Macht erhalten: „Die Erziehung zum Denken muß unter die Sprache auf eine Schicht zurückgreifen, die sich wie Glut unter der Asche erhält. Dort leben der Eros, die Spiele, das Gedicht. In dieser Hinsicht sind die Pausen wichtiger als der Unterricht.“ (Siebzig verweht 3, 401) In den „Sgraffiti“ wird exemplarisch deutlich, wie das Anekdotische zum Ausgangspunkt der Reflexion wird. Ebenso deutlich wird aber auch, dass eine Grenzziehung in diesen essayistisch-aphoristischen Mischtexten nur schwer möglich ist. Wirkliche Aphorismen finden sich besonders in den vierzehn „Mosaik“-Reihen. Immer noch hält sich Jünger an die große Geste, ohne dass die Zweifel an ihrer Substanz geringer würden: „Von einer guten Prosa ist zu verlangen, daß sie die Todesfurcht verbannt.“ (54) Viel Leseballast transportieren die „Adnoten“ von „Autor und Autorschaft“. Dabei ist der Ertrag im Ganzen relativ gering, außer im Hinblick auf Jüngers Poetologie: „Die Einsamkeit zählt nicht zu den Leiden des Autors, sondern zu seinem Kapital.“ (116) Dagegen sind die „Mantrana“ ein kleiner Höhepunkt der Gattung bei Jünger, ein geistiges Spiel von höchster Bedeutung, nicht nur, weil es in dieser Konzentration einmalig innerhalb des Werkes ist. Ineinander verschlungen sind Tod und Zeit („Der Sterbende zieht die Leiter hinter sich ein.“; Werke 2,12, 523), umfassender Glaube und Zweifel: „Wenn es Dinge gibt, die wir nicht wissen, so kann das sowohl ein Einwand gegen die Dinge wie gegen unser Wissen sein.“ (533) Der Autor nimmt die vor über zwanzig Jahren formulierte Grundidee der Dunkelheit auf und präzisiert sie: „Dunkelheit sollte das nicht Mitteilbare, nicht aber die Unfähigkeit zur Mitteilung andeuten.“ (535) Vorzugsweise gelten Ahnung und Rätsel; nicht (wissenschaftlichrationale) Erschließung ist hier das oberste Gebot, sondern eine umfassende Ehrfurcht vor etwas vage Auratischem, das es zu wahren gilt: „Wer das Schloß zerbricht, zerstört auch das Verschlossene.“ (523) <?page no="253"?> An den Grenzen der Gattung 251 Elias Canetti (1905-1994) schreibt neben seiner zwanzig Jahre langen Arbeit an der Studie über Masse und Macht seit 1933 nahezu täglich Aufzeichnungen nieder, da er sich größere fiktionale Arbeiten in dieser Zeit verbietet. Diese Praxis behält er bis zum Ende seines Lebens bei. Seit 1973 („Die Provinz des Menschen“) erscheinen sie in diversen Auswahlbänden. Er bildet mit diesem Werk schon bald im Konsens von Kritik und Forschung nach Lichtenberg, Nietzsche und Kraus den vierten Höhepunkt in der deutschsprachigen Gattungsgeschichte; dementsprechend ist die Forschung auch zu diesem Teil seines Werkes angeschwollen. Pascal, Hebbel und vor allem Joubert werden als Ahnen hervorgehoben. Der entscheidende Einfluss geht nicht von Kraus, er geht von Lichtenberg aus; die Gegnerschaft zu Nietzsche ist relativ unbestritten. Zur Frage der Gattungszuordnung kann man das Tagebuch trotz gelegentlicher diaristischer Anklänge im Ganzen vernachlässigen; Canetti redigiert und komponiert in seinen „Aufzeichnungen“ Teile eines Werkes, das sich als eigener Komplex immer stärker neben das erzählerische, essayistische und autobiographische schiebt. Eher könnte man schon davon sprechen, dass er „Autobiographik durch Aphoristik” ersetzt. Im Einzelnen ist von der Kürzestgeschichte, von der Charakteristik (im Vergleich zu La Bruyère), vom Experiment her argumentiert worden. Darüber, dass die Aufzeichnungen mehr sind als bloß komplementäre Arbeitsform oder Kompensation, darüber herrscht mehr Konsens als in der Frage nach dem Verhältnis von Aufzeichnung und Aphorismus. Die strikte Trennung überzeugt nicht recht, nicht nur, weil er im Dialog mit der Gattungsgeschichte schreibt. Für seine Aufzeichnung sind auch genau die Aspekte entscheidend, die sich aus ihr als die bestimmenden ergeben. Entscheidend ist aber nicht das Wiederfinden solcher Gattungselemente, wirklich entscheidend ist die Einschmelzung des Gattungsmäßigen ins Eigene. Erst und gerade durch sie wird Canetti zu dem großen neuen ‚Vertreter’ der Gattung. An den beiden Aspekten, die im Mittelpunkt stehen, lässt sie sich klar erkennen: an der konzentrierten Kürze und an dem Antisystematischen. Kürze ist ihm unbedingte Forderung: „Eine Aufzeichnung muß wenig genug sein, sonst ist sie keine.“ (Fliegenpein, 120) Und mit eben dieser für die Gattung zentralen Forderung bringt er ein Leitmotiv seines Lebens zu bemerkenswerter Deckung: „Er will so knapp sein, als würde er im nächsten Augenblick abberufen. Er will so dicht sein, daß er nie mehr abzuberufen ist.“ (Hampstead, 172) Canetti will nicht nur jeweils „so knapp sein“, dass er zu keinem Zeitpunkt aus einem Zusammenhang herausgerissen werden kann, er will sich sogar des Todes durch die ‚Dichte’ seiner Aufzeichnungen erwehren. Dem entspricht im Kern schon Neumanns Gedanke, der „das Unvergleichliche, für die Geschichte des Aphorismus Unerhörte“ in dem Versuch sieht, „die Sprachform des Aphorismus als Waffe gegen den Tod zu begreifen.“ Erste Bedingung dafür, dass sie als „Pensées gegen den Tod“ gelten können, ist ihre bruchstückhafte Vereinzelung: „Pensées gegen den Tod. Das einzig Mögliche: sie müssen Fragmente bleiben. Du darfst sie nicht selbst herausge- <?page no="254"?> 252 Das 20. Jahrhundert ben. Du darfst sie nicht redigieren. Du darfst sie nicht einigen.“ (Fliegenpein, 117) Die Integration von gattungsgeschichtlichem Kernaspekt und biographischem Zentralmotiv zeigt sich in der Auseinandersetzung mit dem System in eher noch markanterer Weise. Positiv gewendet geht aus dem klassischen Affekt des Aphoristikers gegen das System, der sich bei ihm über Jahrzehnte hinweg verfolgen lässt, der Aphorismus als die Form der Verwandlung hervor: „Die Abneigung gegen Systeme entspringt einem Verlust. Immer geht etwas verloren, wenn ein System sich schließt. [...] Noch schlimmer ist es, daß sie [die Dinge] als Teil des Systems ihre Verwandlungsfähigkeit verlieren. [...] Sie atmen nicht, sie sterben nicht, sie zerbrechen.“ (Aufzeichnungen 1973- 1984, 28). Das der Aphoristik eigene lebendige Denken ist damit bei ihm nicht nur weitergeführt, sondern in der Form der Verwandlung wiedergeboren; die Gattung und ihr Autor sind schlüssig und unwiderruflich verknüpft. Er wählt sie als die notwendige Form seiner Weltanschauung. Nicht nur Einfluss- und Gattungsüberlegungen haben Canettis Aufzeichnungen angeregt, vor allem auch sind ihre Themen und Motive untersucht worden: die Mythen und die Tiere, Macht und Masse, Sprache, Tod und Todeshass. Von welcher Seite immer man sich Canettis Aufzeichnungen nähert, ob von Gattungsfragen her, ob von Motivuntersuchungen oder Formaspekten: man stößt in ein Zentrum vor, in dem sich lebendiger Einzelsatz und Verwandlung mit dem Hass auf den Tod als Hass gegen Systeme und Mythos zusammenfinden und in dem sich der Aphorismus als von unumstößlicher innerer Notwendigkeit erweist. Dabei ist trotz alledem immer auch die Verbindung zur herkömmlichen Aphoristik und damit zur Geschichte der Gattung an mannigfaltigen inhaltlich-formalen Details nachzuweisen, beim Paradox nicht anders als bei herkömmlichen Motiven wie Erinnern und Vergessen, Glück oder Hoffnung, auch wenn sie nicht ohne größere Einformung übernommen werden („Die Schönheit des Vergessenen, bevor es sich offenbart.“; Geheimherz, 119) oder sich durch ein auffälliges Bild aus der unendlichen Reihe der Vorgänger herausheben: „Man zahlt viel für die falsche Bemalung des Glücks.“ (Aufzeichnungen 1973-1984, 57) Je länger desto mehr zeigt sich in der gleichen Weise, wie es bei der Einschmelzung der Gattungselemente, der Kürze und der Antisystematik, zu beobachten war, dass nicht so sehr das Nachzeichnen dieser Motive Gewicht hat; entscheidend ist das Besondere, das sich schon im Vertrauten verbirgt. Die Grenze zum Schweigen ist im aphoristischen Sprechen immer markiert. Bei Canetti ist darin eine neuerliche Zuspitzung, sprachlich-formal wie metaphorisch, zu beobachten. Er führt den Leser in eine Aporie: „Denk viel. Lies viel. Schreib viel. Äußere dich zu allem, aber schweigend“ (Geheimherz, 88), in ein end-gültig schönes Bild: „Aphorismen aus geschmolzenem Schweigen.“ (Aufzeichnungen 1992-1993, 16) Das aphoristische Erlebnisdenken gewinnt eine eigene Beglaubigung durch eine unmittelbar körperliche Bildlichkeit, wie sie Leben und Erlebnis im Atmen ihrerseits lebendig macht: „Zwischen Erleben und Urteilen ist ein Unterschied wie zwischen Atmen und Beißen.“ (Pro- <?page no="255"?> An den Grenzen der Gattung 253 vinz, 48) Es ist vor allem immer wieder diese eigene Bildlichkeit, die das Besondere von Canettis Aphorismus ausmacht und zu wirklichen Neuschöpfungen führt. Die entschiedene Lösung vom aphoristischen Typus Kraus’ und die Nähe zu dem Kafkas ist dabei von Anfang an angelegt: „Die Ahnungen der Dichter sind die vergessenen Abenteuer Gottes.” (Provinz, 12) In seinen Bildern bleibt der Erkenntnisgrund bestimmend. Gleichwohl dürfen sie als Erfindungen gelten, und Finden oder auch Erfinden, „eine meiner natürlichsten Verfassungen“ (Hampstead, 199), sind so konstitutiv für seine Aufzeichnungen, dass der Begriff ‚fiktionaler Aphorismus’ für sie naheliegt. Solche Erfindungen sind der Ausgangspunkt seiner Umkehrungen: „Jedes Thema als Handschuh betrachten. Umstülpen.“ (Provinz, 320). Diese Phantasie bevölkert über Jahrzehnte hinweg einen fiktiven Ort: „Ein Land, in dem die Leute beim Esssen weinen.“ (Provinz, 181) Und nicht zuletzt verdankt ihr die Phantasiefigur „Er“ ihr Leben: „Er zog sich zu Draht aus und flocht sich zum Käfig.“ (Geheimherz, 66) Mit der Wendung zu Subjektivität und Absurdität steht Canettis Er-Porträt unübersehbar in der Nachfolge Kafkas; die eigene Bildwelt hindert ihn daran, damit epigonal zu werden: „Er träumt davon, daß er sein Herz von allen loslöst, die sich darin verbissen haben: plötzlich hält er es intakt in der Hand.“ (Provinz, 233) Ein Bilddenken eigener Art bestimmt Canettis fiktionalen Aphorismus insgesamt. Es ist eine Metaphorik, die vom Körperlichen ausgeht: „Der Alte beißt mit Jahren statt mit Zähnen.“ (Aufzeichnungen 1973-1984, 10). Sie wirkt nie hermetisch, sondern ist im Gegenteil bewusst einfach: „Von Zeit zu Zeit wäscht er die Fetzen seines Lebens.“ (Fliegenpein 14) Wenn aber „die Metapher die sprachliche Urform der Verwandlung“ ist, dann ist der Grund für die innere Notwendigkeit dieses Bilddenkens ersichtlich. Es ist nichts als der genuine sprachliche Ausdruck einer Aphoristik, die gegen System und gegen den Tod auf Dichte, Lebendigkeit und also Verwandlung besteht. Und solche Verwandlung ist auch auf einer anderen Ebene noch ihr interpretatorischer Kern. Canettis Rang innerhalb der Gattungsgeschichte begründet sich darin, dass er sich ihre Elemente und Motive an- und einverwandelt und sie durch diese Verwandlung lebendig macht. Wolfdietrich Schnurres (1920-1989) Aufzeichnungen „Der Schattenfotograf“ (1978) stellen ein Reservoir von biographischem, erzählerischem und aphoristisch-reflexivem Material in vierzehn Kapiteln dar. Die Gattungsperspektive des Aphorismus bietet sich zum einen schon deshalb an, weil Schnurre sich in diesem Sinne mehrfach selbstreferenziell äußert, gipfelnd in dem „Sachdienlichen zum Aphorismus“ in zwanzig Aphorismen (376-378). Aggression und Ambivalenz stehen im Zentrum seines Gattungsverständnisses: „Der ideale Aphorismus lädt zum Zurückdenken ein. Im Ziel steckt er ja schon. Aber welcher Verletzte hat ihn geschossen? “ Wie er sich aus diesem Verständnis heraus gegen einschichtig-naive Lebenshilfe und gegen bloße Lebensweisheit ausspricht, so betont er das Autoritäre und das Dialogische, Offenheit und Strenge des Denkens und „Formulierens” (467). Der Aphoris- <?page no="256"?> 254 Das 20. Jahrhundert mus legt sich des Weiteren durch die Spiegelungen nahe, insbesondere in seiner Beziehung zu Lichtenberg; in seinen Thesen sucht er diesem „mit entfernt Ähnlichgeartetem” (184) zu antworten. Vordergründig am markantesten ausgeprägt erscheint das Aphoristische in den wiederholt auftretenden Strukturen, den „Sätzen“, „Thesen“, „Anmerkungen“ und „Punkten“, die sich durch das Buch ziehen. Sie offenbaren eine Spannung zwischen aphoristischer Isolation und textuellem Zusammenhang, die es nicht möglich macht, beides scharf abzugrenzen. Thematisch wie formal bleibt „Der Schattenfotograf“ auch im Rahmen des gesamten gattungsgeschichtlich Gewohnten, des seit je Geübten wie des im 20. Jahrhundert neu Entwickelten. Man findet die knappe Definition ebenso wie die moderne Absolutsetzung: „Als gewönne nicht täglich das Vergessen an Macht” (438), die einen Denk-Vorhof mit sich führt. Dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge, in seiner Stellung zwischen Schein und Sein einem seiner Grundthemen, weiß er eine Wendung zu geben: „Wahrheit berichtet. Lüge ist schöpferisch.” (244) Komplexestes ist in frappierend Konzises überführt: „Nur aus Schuld kann Schöpfung entstehen. Denn der Schöpfer muß rücksichtslos sein.“ (189) Immer wieder ist die Sprache selbst der Gegenstand aphoristischer Untersuchung, zwischen Reflexion und Spiel changierend: „Merkwürdig: Verfassen ist nicht vergreifen. Aber vergreift sich einer an der Verfassung, begreift man gar nicht, warum man ihn nicht ergreift.” (324) Wirklich signifikant für den aufzeichnenden Aphoristiker Schnurre erscheint zweierlei. Der Aphorismus im Aufzeichnungsgefüge ist nach innen gerichtet. Es ist nicht nur das „Merke”, das den Aphorismus als vornehmlich auf ein Selbstgespräch bezogen ausweist: „Merke. An Gott muß nicht nur geglaubt, es muß auch an ihm gearbeitet werden.“ (204) Zum andern: Wo er die kausale oder adversative Konjunktion abgetrennt voransetzt, bildet er mit dieser syntaktischen Eigentümlichkeit die für ihn bezeichnende Ambivalenz zwischen Kotextualität und Isolation: „Aber. Behalten erfordert Strenge und Geiz. Vergessen ist großzügig und hat Humor.“ (170) Der Aphorismus wächst aus dem Autobiographischen heraus und steht insofern in einem Zusammenhang, er kann aber auch abgetrennt und verabsolutiert gelesen werden. Seine besondere Bedeutung gewinnt „Der Schattenfotograf“ durch den in der Komposition erkennbaren Prozess des Erlebnisdenkens, wie es sich hier in einzigartiger Weise ausbildet. Am Beispiel der „Zeit” kann man sehr genau zeigen, dass alle Reflexion den Erlebnis-Hof um sich mit sich führt. Aus der Krankheits- und Kriegserfahrung erwächst eine Reflexion, die, verallgemeinernd, gleichwohl in engem Zusammenhang damit bleibt: „Gefahr relativiert den Zeitbegriff. Lebensgefahr hebt ihn auf. Sterben preßt ihn zusammen.” (20) Daran schließt sich eine Reihe an, bei der das Diaristische nicht ganz ausgeblendet ist (Hinweis auf eine Geschichte Borges’) und die im Übrigen nach dem „Apropos-Raster” aphoristisch von der „Zeit” zur Langeweile flaniert: Es ist Zeit. Und das schon seit je. Gott kam zu spät. Die Zeit war schon da. <?page no="257"?> An den Grenzen der Gattung 255 Und wieder führt sie ihre fruchtbare Unentschiedenheit syntaktisch überdeutlich vor: „Obwohl. Bei diesem Angebot an Welt sollte Langeweile der einzige Artikel mit Lieferstopp sein.” Es ist dieser ‚Hof’ um die aphoristische Reflexion, der bewirkt, dass das Narrative (beim biographischen Thema Krankheit die Rabbi-Geschichte), das Autobiographische („Alle Krankheiten haben zu mir gepaßt.”), das Diaristische („Der Kobaltbunker”) und der Aphorismus ineinandergreifen: „Krankheiten sind Hinweise: Dieses Leben ist ein Geschenk. Was das Rückgaberecht allerdings in keiner Weise berührt.” (30-32) Der Zugang vom Diaristischen, Narrativen, Autobiographischen, aber auch und nicht zuletzt vom Aphoristischen her ist gleich weit, und Aufzeichnung und Selbstfindung machen die gemeinsame Mitte aus. Die Selbstfindung des aufzeichnenden Ich integriert die Gattungsdifferenzen: „Diese Notizen, die mir wichtiger als alles andre sind. Denn hier finde ich, was ich bisher vergeblich gesucht habe: mich.” (52) Es entspricht Schnurres theoretischem Gattungsverständnis, dass der Aphorismus damit, weitab von jeder bloßen Lebensweisheit, entschieden weiter subjektiviert ist. Peter Handke (geb. 1942) hat bisher in vier Bänden sein Journal für einen Zeitraum von zwölf Jahren veröffentlicht. Auf „Das Gewicht der Welt“ (1977), das erstmals und ausdrücklich „Ein Journal (November 1975-März 1977)“ ankündigt, folgen „Die Geschichte des Bleistifts“ (1982) für die Jahre 1976- 1980, „Phantasien der Wiederholung“ (1983) für die Jahre 1981 und 1982 und schließlich „Am Felsfenster morgens“ (1998) als Journal 1982-1987. Die Bände mit ihren Erinnerungspartikeln und Lektüre-Reflexionen, ihren Werkstattnotizen und Zitaten, ihren Impressionen, Aphorismen und Tagebucheintragungen, Szenen, Dialogen und Gefühlsnotaten bewegen sich genau im Schnittbereich von Fragment, Tagebuch und Aphorismus. Vom Tagebuch her scheint der Zugang zunächst am plausibelsten, aber der Autor selbst spricht sich eindeutig dagegen aus: „Das ist nicht mein Tagebuch, sondern mein Atom- Buch. Atom: Einheit zwischen Reflex, Reflexion und Gegenstand; s. ‚Form- Atom’, meine ‚Atom-Form’“ (Felsfenster, 94). Er hebt stattdessen das ‚Atomisierte’, das Kleine, extrem Vereinzelte heraus, wie es Fragment und Aphorismus prägt, und besonders das Miteinander von Reflex, dem relativ unmittelbaren Ansprechen auf einen Reiz, und Reflexion, der gedanklichen Durchdringung des ‚Reflektierenden’, sollte Beachtung finden. Die Anbindung an das romantische Fragment machen zahlreiche Ansatzpunkte bei Handke selbst ohne weiteres möglich, von seinem Werkzeug („Bleistift, Brücke nach Hause! ”; Bleistift, 245) über den Mythos der Kindheit und die Mystik bis zu seinem „Entziffern der Natur“ (Felsfenster, 423). Wenn sein verbindungsloses, gleichwohl zusammenhängendes Fragment-Denken also auch von einem postmodernen Fragmentarismus nicht prinzipiell zu trennen ist („Fragment-Denken ereignet sich bei mir höchstens zufällig; mein Phantasieren kommt allein aus einem vorausgesehenen, notwendigen, einheitlichen Zusammenhang”; Felsfenster, 393), so begründet sich damit noch kein Gegensatz zu einem Zugang vom Aphorismus aus, eher eine besondere Variante. <?page no="258"?> 256 Das 20. Jahrhundert Handke selbst nimmt in einer Vorbemerkung zu „Am Felsfenster morgens“ auf Goethes Maximen Bezug: „Maximen und Reflexionen? Nein, eher Reflexe; Reflexe, unwillkürliche, gleichwohl bedachtsame; Reflexe, die aus einer Bedachtsamkeit kommen, einer grundsätzlichen, und in deren Folge hin und wieder ausschwingen, auch ausschwingen wollen, über den bloßen Reflex hinaus, soweit der Atem reicht.” (Felsfenster, 7) Die Intention ist alles andere als eindeutig, und es ist, als spüre er das Problem genau, das seine Texte an ihrem je eigenen Ort im Spannungsfeld zwischen Reflex und Reflexion aufwerfen. In der Tat charakterisiert das, was er den „Reflex“ nennt, das den Notizen Eigene in ihrer Mehrzahl am besten, auch und gerade im aphoristischen Gattungszusammenhang. Ihre besonderen Vorzüge und innovatorischen Leistungen begründen sich von daher ebenso wie ihre offensichtlichen Mängel. Dabei ist die nächstliegende Frage nach dem Gleichen, dem aus Gleichem her anderen und dem von Grund aus Andersartigen geeignet, von der Geschichte der Gattung aus den Überschneidungsbereich zu beschreiben und zugleich nach dem ästhetisch Unverbindlicheren und Lockereren seiner spezifischen Form zu suchen. Wesentliche, ja konstituierende Aspekte des Aphorismus kennzeichnen auch die Journale. Herausgehoben seien nur das Antisystematische, die Konzentration auf die Alltagsdinge und die absolute Vereinzelung, wie sie dem Autor Programm sind, die Widerspruchsresistenz, die in besonderer Weise aktive Rezeption. Hier ist aber doch schon ein grundlegender Unterschied unübersehbar. Das Ziel ist die Übereinkunft zweier Erfahrungen, Nachvollzug, nicht Irritation und Gedankenbewegung. Das Wahrheitspathos ist zwar noch als Variante der aphoristischen Wahrheitssuche zu erkennen. Wo die Wahrheit aber Weinen bewirkt, höchste seelische Bewegung statt unaufhörlicher Denkbewegung, ist aber gleichfalls ein prinzipieller Unterschied angezeigt: „Das Geschriebene müßte so wahr sein, daß man weint” (Bleistift, 146). Phantasie und Logik stehen nicht in einem gleichberechtigten, sich gegenseitig unterminierenden Verhältnis, sondern in einem der Über- und Unterordnung: „Wogegen die Phantasie sich sträubt, das kann nicht wahr sein, und wenn es noch so logisch ist” (Bleistift, 158). Eigene Wege geht Handke auch in dem innerhalb der Gattung allgemein bedeutenden mystischen Komplex. Der Alltag wird in umfassender Dingfrömmigkeit zum Gegenstand des „mystischen Abenteuers“ Schreiben (Phantasien, 90). Sein Sprachbewusstsein, das Erneuerung durch Verunsicherung erstrebt, ist zwar der Gattungsgeschichte eingeschrieben, das Ziel ist aber gewiss ein anderes. Die Sprache selbst fördert es zutage. Sie kennt nichts „Geschliffenes”, die Pointe ist ihr fremd. Statt um die Schärfung der Sprache geht es um die Schärfung des Bewusstseins. Es dominieren die Ellipse und der infinite Satz, die sich der logischen Verknüpfung verweigern und stattdessen Schreiber wie Leser eine Aufgabe stellen: „Sich langsame Bewegungen angewöhnen, fürs Leben“ (Gewicht, 94). Der Aussagesatz ist Träger einer geschärften Sinneswahrnehmung oder maximaler Introspektion: „Gut liegend hatte ich das Gefühl der Wahrhaftigkeit“ (Felsfenster, 123). <?page no="259"?> An den Grenzen der Gattung 257 Die gattungskonstitutive Subjektivität ist in Handkes Journalen radikalisiert und zu einer bedingungslosen Subjektivität entwickelt, die allein „auf der Bühne meines Innern“ (Bleistift, 13) agiert und die Außenwelt vielfach in der Wendung nach innen ausblendet, mit der Gefahr eines ungehaltenen Irrationalismus. In den selbsterforschenden Anteilen - ständig der Blick ins eigene Herz - ist er gattungshistorisch durchaus nicht revolutionär. Er steht aber mit der aphoristischen Selbstbeobachtung von Lichtenberg her nur noch in ganz losem Zusammenhang. Nicht Selbsterforschung ist das Ziel, sondern subtilste Gefühlsbeschreibung: „Die Kraft der Zärtlichkeit, die plötzlich den Widerstand auflöste, aus dem mein Ich bestand“ (Gewicht, 78). Die Gefühlsnotate, als „Reportage eines Einzel-Bewußtseins“ (Gewicht, 6) verstanden, sind von Inspiration getragen und an Spontaneität und Unwillkürlichkeit orientiert. Die Innovationen sind so deutlich wie die Gefahren: Pose und Stilisierung. Es werden Ausdrucksgrenzen gedehnt, aber wo die Texte zur reinen Befindlichkeitsprosa werden, ist auch die Grenze der Literatur strapaziert. Wo Handke von sich absieht und klassisch-aphoristisch objektiviert, bleibt er allzu oft im Mittelmaß; Satire, Ironie, Skepsis sind ihm fremd. Auf der andern Seite eröffnet er - im Wortsinn verstanden - auch spektakuläre Einsichten, gerade etwa in das Schreiben: „An den Säulen des Tempels rüttelnd die Säulen erst entstehen lassen: Schreiben“ (Felsfenster, 243). Wenn man das gegenüber der Gattungstradition von Grund aus Andersartige zu beschreiben sucht, so ist schließlich vom Denken selbst zu sprechen. Es dringt über das Absichtslose, Nicht-Diskursive hinaus. Das Spontane, Jeweilige ist so akzentuiert, dass der Reflex die Reflexion eindeutig dominiert. Der Autor wendet sich gegen „das die Dinge verratende Sprachdenken“ (Bleistift, 212); er will das Denken in eine Ganzheitlichkeit, ja Körperlichkeit hinüberführen. In der Frömmigkeit dieses Denkens nimmt das Bild den zentralen Platz ein: Inbild und Andacht sind das gleiche (Phantasien, 13) Nur das Bild, nicht der Gedanke, erfüllt das Gehirn (Felsfenster, 430) Zur markanten Ausbildung gelangt der Bildaphorismus aber kaum, einmal, weil er mehr gefordert als gebildet wird, zum andern, weil das „Inbild“ unmittelbar auf eine kunstreligiöse Schicht dringt. In dem Streben der Aphoristiker nach Integration von Erlebnis und Gedanke, von Denken und Fühlen votiert Handke einseitig: „Ich dachte so lange nach, bis ich mich fühlte” (Gewicht, 95). Im Zweifelsfall ist es die „gefühllose Idee“ (Gewicht, 179), die er als wertlos ablehnt. Und er erlaubt sich, diese Vermischung bis zur Verkehrung zu treiben: „Trauer ist mir eine Denkweise: erlöstes Denken im Bewußtsein von Unlösbarem” (Bleistift, 201). Größe und Gefahr, die mit Handkes Gefühls- und Wahrnehmungs-Aphorismus verbunden sind, stellen sich von Fall zu Fall, von Aphorismus zu Aphorismus, verschieden dar. Die Rezeption kann als weihevolle Nachfolge eines Sehers im Leeren verlaufen; sie kann aber auch zum erweiternd bereichernden Nachvollzug einer künstlerischen <?page no="260"?> 258 Das 20. Jahrhundert Ethik motivieren. Wo deren Augenblicks-Sicht solchen neuen Raum öffnet und nachempfindendes Verstehen hervorzurufen imstande ist, da schreiben Handkes Journale ein vielfädig mit der Gattungsgeschichte verbundenes, aber neues Kapitel. XI. Postmoderner Fragmentarismus Innerhalb der Gattungen, die vom Aphorismus her unter dem Grenzaspekt besonders ertragreich sind, spielt das Fragment eine Sonderrolle. Aus der begrifflichen Selbsteinschätzung ist Klarheit nicht zu gewinnen, und die Vorstellungen der Literaturwissenschaft reichen von Nachbarschaft bis zu Identität. Für die Moderne wird der Fragment-Begriff zudem zuweilen so weit gefasst, dass er über die Gattungsgrenzen hinauszielt. Es gibt Tendenzen, Aufzeichnung, Aphorismus und Tagebuch im Fragment als der „Leitmetapher der ästhetischen Moderne“ aufgehen zu lassen. Für eine Gattungsgeschichte des Aphorismus empfiehlt sich wiederum ein undogmatisches, offen-unabgegrenztes Vorgehen. So steht der postmoderne Fragmentarismus bei Botho Strauß (geb. 1944), seinem bedeutendsten Zeugen, von beiden Einflusslinien her, der Romantik wie Adornos, nicht außerhalb der Gattungsgeschichte. In „Paare Passanten“ (1981) bildet er sich aus, in den Beobachtungen und Kommentaren, den Szenen und Porträts, Reflexionen und Anekdoten über die aus der Außenperspektive wahrgenommene Welt am Ende der politisierten siebziger Jahre; hervorzuheben ist der selbstbezügliche Abschnitt „Schrieb“ (101-122). Besonders markant ist das reflektierende Element innerhalb seines Denk-Erzähl- Werkes in „Die Fehler des Kopisten“ (1997); in den „Gedankenfluchten“ (1999) haben die Herausgeber den aphoristisch-fragmentarischen Aspekt herausgestrichen. Wenn man unter gattungshistorischer Perspektive nach Eigenem und Signifikantem sucht, wird man im Thematischen nicht fündig werden. Die Kernthemen sind allzu vertraut: der Einzelne, Liebe und Sexualität, Glaube, Sprache und Literatur, deutsche Fragen. Formal ist zu beobachten, dass die Pointe ebenso ausgedient hat wie jedes aufdringliche sprachliche Mittel. Das Fragment ist ein aspektereicher Begriff; zur übergreifenden Beschreibung der verschiedenartigen Notate vom Erzählkern über das Beobachtungskonzentrat bis zur zeitdiagnostischen Reflexion ist er aufs Ganze gesehen am besten geeignet. Gattungsgrenzen werden innovativ umspielt, auch zum Porträt und besonders zum Tagebuch hin, wie es aus der Gattungsgeschichte hinlänglich vertraut ist. Umfassende Offenheit ist dabei entscheidend. In den „Fragmenten der Undeutlichkeit“ finden sich auch die Fragmente zu einer entsprechenden Theorie: „Was wollt ihr wissen? Plausibilitäten zerschnüren den Verstand. Wißt Scherben...! “ (Fragmente, 56) Satire und Mystik bezeichnen die Bandbreite in Strauß’ Fragmentarismus. Er schöpft auch aus der satirischen Beobachtung und der zugespitzten Pro- <?page no="261"?> Postmoderner Fragmentarismus 259 phetie, ist auch Demaskierung im gattungshistorisch klassischen Sinne. Andererseits reicht er bis in das mystische Geheimnis hinein; Gesehenes verdichtet sich so weit, dass es an „Gesichte“ (Gedankenfluchten, 60) grenzt. Beides aber ist genuin gattungskonform. Das besondere Verhältnis zur Sprache, das die Texte kennzeichnet, ist es nicht minder. Das rechte Verständnis für sein existenzielles Verhältnis zur Sprache erschließt sich aus Aspekten wie Heimat und Geborgenheit, es erschließt sich aber vor allem die Bedeutung des Grundparadoxes, das sich damit verknüpft: „Es schafft ein tiefes Zuhaus und ein tiefes Exil, da in der Sprache zu sein.“ (Paare, 101) Damit nicht genug. Konzentrat und Konzentration gehören zur semantischen Mitte des Aphorismusbegriffes, und Konzentration im Einzelnen stellt bei Strauß nicht nur den Gegenpol zur fragmenthaften Weite dar, sie verbindet auch das Erzählerisch-Szenische und das Reflexive. Wenn er nun sein Sprachverhältnis mystifiziert: „Mir macht Sprache Gesichte, aus ihr entsteht Gesehenes“, so folgt: „Wirksam wird sie nur als Konzentrat, das süchtig macht nach mehr Sicht und mehr Gesicht, nach der vollkommenen Einheit von sinnlichem und übersinnlichem Gesicht.“ (Gedankenfluchten, 60) Einsamkeit und Vereinzelung sind Begleiterscheinungen des aphoristischen Denkens generell: Auch Strauß’ prononciertes Bestehen auf isolierter Vereinzeltheit wächst aus der Tradition der Gattung heraus. Bei ihm ist diese Vorstellung in das Bild der Insel gefasst: „Ich träume in Inseln. Ich wache in Inseln. / Alle Zusammenhänge haben enttäuscht.“ (Aufstand, 104)) „Alle Zusammenhänge“: das sind sachliche und menschliche Zusammenhänge. Die Absage an das System und die Absage an (die) Gesellschaft sind in der „Insel“ zusammengefasst und zu einer neuen Qualität geführt, einem Gegenprogrammm der Unerreichbarkeit, das aus einem radikalen Kulturpessimismus erwächst und ebenso radikal auf Geschichte und Erinnerung setzt. Mit solchen Notaten setzt er die zeitdiagnostischen Traditionen der Gattung auf seine Weise fort. Wie sehr man aber auch die vereinzelte Subjektivität betonen mag, so ist nicht zu übersehen, dass Strauß sie ganz entschieden vermittelt mit dem Anspruch auf (naturwissenschaftlich legitimierte) ästhetische Erkenntnis. Darin liegt zugleich der Grundunterschied zu Handkes Ansatz, der bedingungslos auf einen Gefühlssubjektivismus setzt. Strauß stellt sich damit in neuer Form in das Grenzgebiet zwischen Wissenschaft und Literatur als verschiedener Erkenntnisweisen, in dem der Aphorismus seit je heimisch ist. Nicht auf der Literatur als der integrativen Erkenntnisform besteht er; er wagt es, einen so angreifbar alten und als veraltet konnotierten Begriff wie Poesie zu beleben. Er spricht von der „Poesie unseres Denkens“: „Die Moderne geht keineswegs mit Parodie oder Postmoderne zu Ende, sondern sie verschwindet im Bruch mit der Poesie unseres Denkens insgesamt.“ (Aufstand, 100) Hier gründet die Nähe zur Romantik. Bei Strauß heißt es: „Die poetische Vernunft ist die Führerin des Wissens, das sich selbst erforschen will.“ (Fragmente, 49) Und diese Denk-Dicht- Kunst ist das wichtigste Element seines Gegenprogramms: „Eine wehrhafte poetische Vereinigung. Rechtfertigung der Kunst als Zentrum der Gegenkommunikation.“ (Aufstand, 101) <?page no="262"?> 260 Das 20. Jahrhundert Mit „Meßmers Gedanken“ (1985) und „Meßmers Reisen“ (2003) leistet Martin Walser (geb. 1927) einen höchst gewichtigen Beitrag zum postmodernen, in Uneindeutigkeit und Spiel aufgelösten Fragmentarismus. „Meßmers Gedanken“, ein besonders bemerkenswertes Beispiel fiktionaler Aphoristik, sind keinesfalls als (Aphorismen-)Sammlung zu betrachten, sondern als eine sorgfältige Komposition, in deren drei Teilen mannigfache thematische Bezüge zu beobachten sind. Das im Ganzen schwer Fassliche beginnt schon damit, dass die Aphorismen zum Teil die Gedanken der fiktiven Figur wiedergeben, zum Teil ausdrücklich als ihre Gedanken formuliert sind. Ein autorialer oder gar auktorialer Gedankenleser („Denkt Meßmer”, „Meint Meßmer” als Abschluss des einzelnen Aphorismus) und ein personaler Denker stehen nebeneinander. Es artikuliert sich hier eine Person, die in dunklen Farben in die Vergangenheit wie in die Zukunft blickt. Auf dieser Ebene entwickeln sich ganze Versuchsreihen vereinzelter Ich-Erkundung: Ich möchte entlassen werden von mir. (70) Ich lebe wie nicht. (75) Alles in dieser „Entblößungsverbergungssprache” (9) ist eine einzige Aporie. Das Aporetische hängt notwendig mit dem Fragmentarischen zusammen, in dem Schein und hypothetische Möglichkeit agieren. Klar ist allein das aphoristisch Aufgesplitterte oder Aufgespaltene. Es bildet eine inkonsistente Einheit, die in ihrer hochgradigen Paradoxie ein substanzielles Gattungsmerkmal aufnimmt und singulär in konstitutiver Weise ausformt. In „Meßmers Reisen“ lässt Walser die fiktive Figur als Gastprofessor in den USA sein Tagebuch führen. Die Formvielfalt von der diaristischen Notiz über den klassischen Aphorismus, die Kurzszene und den Traum bis zur Ich-Erkundung schließt das lyrische Bild ein: „Der Regen strickt diesem Tag mit leisen Nadeln ein graues Kleid.“ (9) Grundthema ist das Leben eines Lese- und Vortragsreisenden in der Öffentlichkeit und die Verletzungen infolgedessen. Die Bilanz der gnadenlosen Selbstanalyse fällt eher noch schwärzer aus: „Wer ohne Hoffnung auskäme, wäre gerettet.“ (175) Am Ende stehen Schmerz, Sturz, Depression, Tod. Gewiss ist angesichts von Walsers Uneindeutigkeitswille nur, dass seine Figur nicht eindeutig der Verbergung dient: „Ich bin die Asche einer Glut, die ich nicht war.” (169) Er nimmt eine aufschlussreiche ambivalente Bewertung der Übereinstimmung mit sich selbst vor und gibt uns in der Frage nach den Gründen für dieses Spiel den Schlüssel in die Hand. Einerseits die einzige Voraussetzung für Gesundheit, „zerstört“ sie andererseits die Wahrnehmungsfähigkeit: „Es würde genügen, mit sich selbst übereinzustimmen, um gesund zu sein. Aber man wäre dann unfähig, etwas wahrzunehmen.“ (Reisen, 177) Walsers aphoristischem Ich ist der Flaneur in Wilhelm Genazinos (geb. 1943) „Vom Ufer aus“ (1990) zur Seite zu stellen, der mit den Augen philosophiert, indem er im wahrsten Sinne etwas „bemerkt“: „Das Wunderbare ge- <?page no="263"?> Postmoderner Fragmentarismus 261 schieht, wenn wir etwas bemerken“. (5) Beobachtung und Einfall, Grundkategorien der Gattungsgeschichte, erfahren von daher eine Neubewertung: Was wir lange anschauen, beginnt eines Tages in uns zu sprechen (66) Einfälle entstehen durch langes Schauen (30) Diese Einfälle formuliert das Ich in Ellipsen („Die Erfindung der Wunden“, 25), in infiniten Sätzen („Dem Meer beiwohnen“, 44), im Einzelwort: „Einsamkeitsschule“ (8); „Die Billigempörer“ (60). Intellektuell nachvollziehbare Genauigkeit der Beobachtung, Gültigkeit des Urteils: solche klassischen Werte treten zugunsten eines bewussten Rückzugs auf ein fragiles Ich als Basis zurück: In der Ungenauigkeit, in der alles geschieht, liegt die Unermeßlichkeit des Verstehens. (16) Für keinen einzigen Gedanken gibt es eine Bestätigung (78) Franz Josef Czernins (geb. 1952) acht Bände „die aphorismen“ (1992), weitergeführt mit „das labyrinth erst erfindet den roten faden“ (2005), sind nicht nur quantitativ, sondern auch von Anspruch und Anlage her eine singuläre Erscheinung. Der Autor entwickelt acht Hauptkategorien, vom „selbstdenker“ und „selbst-empfinder“ bis zum „selbst-gläubigen“, die den acht Bänden entsprechen und die Perspektive angeben sollen, unter denen die Texte des jeweiligen Bandes stehen. Er weist jedem einzelnen Aphorismus einen klassifikatorischen Ort an, so dass „8.6.5.4.1. je mehr man denkt, desto weniger kann einem zustossen“ (8, 73) aus folgender Perspektive gelesen werden will: Selbst-Gläubiger als Selbst-Fühler als Selbst-Faller als Selbst- Erhöher als Selbst-Denker. Dass diese systematische Tüftelei Widerwillen und Kritik auf sich gezogen hat, nimmt nicht wunder. Wer sich aber auf das Verstehen eines einzelnen Aphorismus beschränken wollte und die Perspektive nicht berücksichtigte, unter der er erprobt wird: beispielsweise Schmerz und Lust im dritten, Glaube und Zweifel im achten Band, der wird dem Gesamtwerk nicht gerecht. Ein Denken im Konjunktiv (‚unter der Perspektive x würde es heißen: ...’) stellt nämlich jeden seiner Sätze unter einen experimentellen Vorbehalt, und ihre verschiedenartigen Verhältnisse zueinander erklären sich durch ihren Klassifikationsort. Czernins Denkexperiment produziert Sätze über die Bedingungen der Möglichkeit von - sprachlicher - Erkenntnis in einem Planquadrat, dessen Ecken das Ich, das Denken, der Satz und die Dichtung bezeichnen. Es rückt den Aphorismus gegen alle zeitgemäße Trivialliterarisierung wieder radikal in das Dichten und Denken gemeinsame Erkenntniszentrum. So singulär es damit ist, so erweist schon diese Kurzbeschreibung mit ihren Leitbegriffen Experiment und Erkenntnis, wie präzise es sich andererseits thematisch wie formal in die Gattungsgeschichte stellt. Das geschieht weniger durch den Bezug auf Personen als auf der Sachebene. Ob Frage und Antwort, Problem und Lösung, Teil und Ganzes oder der gesamte Komplex Glaube, Zweifel, Wissen: alle Themen, die seit je im Kernbereich des Apho- <?page no="264"?> 262 Das 20. Jahrhundert rismus stehen, geradezu einen Teil seiner Identität ausmachen, sind hier radikalisiert und systematisiert, zuvörderst das dialektische Denken selbst, das die Gattung zu weiten Teilen bestimmt und geistig belebt: „denken: was das, wovon man glaubt, dass es einen so ausdrückt, wie man ist, nach und nach auflöst.“ (1, 123) Die Vorstellung eines flüssigen, jederzeit gegen sich widerspruchsbereiten Denkens findet sich kaum irgendwo schärfer formuliert. Der (Selbst-)Widerspruch ist konstitutives Merkmal. Das Paradoxon, der Konjunktiv, der Konditionalsatz sind von gattungsgemäß hoher Bedeutung. Die Auflistung des thematisch und formal Vertrauten kann aber das Spezifische von Czernins „aphorismen“ nicht in den Blick bekommen, weil sie am Entscheidenden vorbeigeht: dem Beziehungsspiel des Ganzen mit dem Einzelnen, dem vielfältigen Netz aus Widerspruch, Identität, Variation, der vielerlei Reihenbildung, die das Werk ausmacht, beginnend mit selbstreferenziellen Aphorismen („aphorismus: ein aphorismus ist oft nur der untaugliche versuch, ein bild zu einem beweis aufzubauschen.“; 1, 43) sowie Sätzen, die das Verhältnis von Sätzen selbst ausdrücken: wolke: kein satz ist allen anderen ähnlich. (1, 19) nagel: kein satz sieht anders aus als ein anderer. (8, 96) Die Zahl der Korrespondenzen, die sich über die Bände erstrecken, ist Legion. Geist und Körper, Denken und Empfinden stellt Czernin allein in diesem Aphorismus in einen höchst ambivalenten Kontext, der sich aus der hier wertoffenen „Dummheit“ begründet: „aphorismus: die gedanken, die man noch für wahr hält, wenn man schmerzen leidet, sind jene dummheiten, die man nicht ausrotten kann.“ (1, 86) Und doch führen die Bezüge noch über den isolierten Text hinaus; im dritten Band heißt es: „aphorismus: nur die gedanken, die man noch für wahr hält, wenn man schmerzen leidet, sind jene, die zu denken der mühe wert sind.“ (3, 108) Und, mit einer Einschätzung des existenziellen Denkens von Canetti verbunden: „canetti: die gedanken, die man noch für wahr hält, wenn man schmerzen leidet, sind die, denen man gerecht werden kann.“ (3, 56) Ein schier unendliches Denken und Aberdenken wird demjenigen abgenötigt, der hier einzudringen versucht. Er wird auf wiederkehrende Denkfiguren stoßen, die das ‚Mechanische’, das Permutative am ehesten begründen. Da ist zunächst das in sich Zurücklaufende, das „rad: je mehr man bemerkt, dass man beobachtet, wie einen etwas ergreift, desto mehr muss [man] davon ergriffen werden, wie man bemerkt, dass man beobachtet, wie einen etwas ergreift.“ (1, 47) Die Doppelmodalverben helfen diesem Denken bevorzugt zu seinem Ausdruck, bestimmte Definitionsweisen werden ständig erprobt: A ist nur das, was...; A ist genau, was B..., wenn... ; A ist gerade das, was... . Die Integration von Bild und Gedanke, die sich in ihrer jahrhundertlangen Geschichte von Kafka bis Canetti immer wieder als die sprachliche Doppelwurzel der Gattung in der Mitte von Denken und Dichten erweist, macht auch den Wert der „aphorismen“ Czernins nicht zum wenigsten aus. Recht eigentlich damit begründet er ihren Anspruch neu. Die Grund- <?page no="265"?> Der deutschsprachige Aphorismus 1970-2000 263 form ist das experimentelle Definieren, für das eben diese konstitutive Integration kennzeichnend ist. Es vermisst die Koordinaten der Punkte unablässig neu, innerhalb derer dieses Denken angesiedelt ist, das heißt aber: in der kreisenden Rückbezüglichkeit unablässig neu sich selbst und seine Tätigkeit: „dichten: so in worten denken, dass man das, was man denkt, deshalb denkt, weil man in worten denkt.“ (2, 43) Hinzu kommt, dass auch auf der metaphorischen Ebene Korrespondenzen den gesamten Text durchziehen, die von eher größerer, aber auch (noch) schwerer zugänglicher Bedeutung sind: etwa um die Elemente Feuer (flamme, glut, funke, asche, brand), Wasser (gischt, meer, schaum, wind, welle, brecher), Erde (fels, granit, staub, sand, kiesel, stein), Himmel (mond, sonne, wolke, schein, schnuppe, sternbild, komet, licht, luft). Auch im Einzelnen erweist sich die Qualität des Czernin’schen Aphorismus in gleichem Maße dichterisch wie denkerisch. Das Bilddenken ist integraler Bestandteil seiner selbst- und rückbezüglichen Denkfigur: „aphorismus: wenn ich lust empfinde, beginnen die vergleiche wie bienen zu schwärmen. - das ist der scheiternde versuch, sich im nachhinein einzureden, dass man selbst der war, der den stachel erzeugt hat.“ (3, 64) Czernins denkbegleitende und -überformende Bildlichkeit als eine aphoristische Parabolik von selbstreflektiert eigener Art mag in seiner Leseanweisung zu einer „parabel“ an ihren äußersten Punkt gelangen: „parabel: wenn, was ich denke, das wirkliche segel ist, dann ist das, was ich wahrnehme, das vorgestellte schiff.“ (4, 116) Vielleicht kann man sich mit dem Begriff der „Ergriffenheit“ dieser integrativen Mitte annähern: „aphorismus: ergriffen sein. - die einzig mögliche weise, sich mit hilfe dessen, was man denkt, zu dem zu verhalten, was man nicht denken kann.“ (3, 91) Solcherart führen Czernins „aphorismen“ Dichten und Denken wieder radikal zusammen, auf neue Weise und doch als ein wahrhaftes „System von Fragmenten“, das auch durch den Bezug zur Frühromantik klarere Kontur bekommen könnte. Im Zusammenspiel von Begriff und Metapher dringen sie nicht auf die Wahrheit des einzelnen Satzes. Sie sind nicht Setzung, sondern Erprobung. Sie prüfen enzyklopädisch und experimentell die Tragfähigkeit der Korrespondenzen zwischen den einzelnen Sätzen und die Rückwirkung des Ganzen oder einiger seiner Teile auf den einzelnen Satz. Sie gehen damit, auch im Anspruch und im Vertrauen auf den Rezipienten, an eine äußerste Grenze. Der deutschsprachige Aphorismus 1970-2000 Aus der Mitte der Gattung wächst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts nur in Ausnahmefällen Bemerkenswertestes heraus. Ihr breites Mittelfeld ist nach 1968 durch zwei Konstanten bestimmt: linke Gesinnung und Priorität der Form gegenüber dem Gedanken. Mehrere Komponenten wirken dabei in je verschiedenem Maße zusammen. Die politische Kritik der Neuen Linken in der Nachfolge Adornos verbindet sich mit der Wirkung der Oppositions- <?page no="266"?> 264 Das 20. Jahrhundert aphoristik Lec’ zu politischer Satire auf unterschiedlichstem Niveau. Sie reicht von dem sehr direkten Kampfaufruf einer Gesinnungsaphoristik, die der Losung und dem Slogan nahe Muster reproduziert, bis zur Wortspielverliebtheit, deren politische Essenz sich verdünnt und endlich verflüchtigt. Zu überdurchschnittlichem Rang gelangt all diese Aphoristik allein deshalb nicht, weil sie die Konformität des Nichtkonformen, ideologisch wie formal, übersieht und in aller Regel fortwährend nur Neues in der Art des Alten erfindet, an dessen Muster von Kraus bis Lec sie nicht heranreicht. In der Nachfolge der klassischen Moralistik heben sich einige Aphoristiker wie Rumpf oder Cybinski in ihrem präzisen, der Aktualität enthobenen Sprachdenken eigenständig heraus, während im Unterstrom der Gattung der Aphorismus Medium pragmatischer Intentionen ist, sei es kommerziell, sei es in modischen Varianten der altbewährten Lebenshilfe. Es scheint, dass große Aphoristik eher an den Grenzen der Gattung entsteht. Der Aphorismus selbst steht durchaus vereinzelt immer noch im Zentrum, erneut und erneuert. Chargaff schreibt aus der Mitte der Gattung heraus und gewinnt eine eigene Signatur, Czernin restauriert sie unter dem angestammten Namen geradezu programmatisch, für Benyoëtz bleibt der Aphorismus trotz verschiedener Ersetzungserwägungen zu Spruch oder EinSatz im Mittelpunkt. Aber die Tendenz zu Mischformen hat sich doch so ausgeprägt, dass zum großen und bedeutenderen Teil die Erscheinungsformen an den Gattungsgrenzen aufzusuchen sind, so im Grenzbereich zur Lyrik. Dort neigt der Aphorismus einmal im Zwischenraum von Metapher und Definition dem aphoristischen Vergleich wie der lyrischen Chiffre zu, zum andern gestaltet sich lyrische Pointierung in der Nähe zu Spruch und Epigramm. Erneuerung in besonderem Maße geht hier von Benyoëtz in seiner mehrfachen produktiven Uneindeutigkeit aus. Im Grenzbereich zu Aufzeichnung und Tagebuch oder Journal, die in ihrem subjektiven Ansatz nicht mit letzter Konsequenz zu trennen sind, eröffnet sich ein Spektrum von Jüngers Diaristik bis zu Handkes Gefühls- und Wahrnehmungsaphorismus. Dieser ist von einem postmodernen Fragmentarismus nicht zu trennen, wie er sich in Walsers fiktiv gebrochener, konjunktivischer Selbstbestimmung und in Genazinos Ich- Erkundung darstellt. In Strauß’ Notaten dringt die Subjektivität seiner Denk- Dicht-Kunst in einer Poesie des Denkens auf die „Verknüpfung“ und Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur. Auch Czernins Aphorismus führt auf die Weise eines enzyklopädischen Konjunktivs Dichten und Denken in experimentellem Definieren wieder radikal zusammen. Wichtig bei dieser Tendenz zu Mischformen ist es nun aber zu sehen, dass diesem Operieren an den Gattungsgrenzen innere Grenzgänge entsprechen, die nicht zuletzt die Bedeutung der Autoren konstituieren. Wenn sich Canetti, Aichinger oder Benyoëtz in ihren Aphorismen an der Grenze zum Schweigen bewegen, übersteigen sie die Grenzen der Gattung auf je eigene Weise, nicht anders als Handke in seinen aphoristischen Erkundungen an Sprach- und Wahrnehmungsgrenzen, nicht anders auch als Walser in seiner fiktiven Entblößungsverbergung oder Czernin, der experimentell Erkenntnisgrenzen zu <?page no="267"?> Der deutschsprachige Aphorismus 1970-2000 265 dehnen sucht. Dabei sind Kernbegriffe im Umkreis der Gattung wie System und Experiment bei den großen Autoren des Zeitraums nicht nur aufgenommen, sondern auch neu gefüllt. Diese Tatsache ist gerade das auszeichnende Merkmal, das ihnen die überdurchschnittliche Bedeutung verleiht. So zentral wie eigenartig neu begegnet das Antisystematische bei Canetti, wo es im wahren Sinne der Todfeind ist, weil es Verwandlung nicht zulässt und also Tod bewirkt. Aus seiner Negation geht als die Form der Verwandlung der Aphorismus hervor. Das Experiment ist für Canetti in der Spannweite vom Gedankenexperiment Lichtenberg’scher Art bis zum Experiment naturwissenschaftlicher Schulung interpretatorisch nutzbar gemacht worden; es prägt sich in Strauß’ Experiment des poetischen Denkens, in Czernins enzyklopädischem Versuch, auch in Walsers Versuchsreihen in innovativer Weise aus. Der metaphorische und der rhetorische Bestand sind jeweils nicht einfach übernommen, sondern aus Eigenem geschaffen oder umgedeutet. Mit der Einschmelzung der Gattungselemente in die eigene künstlerische Welt ist eine Subjektivierung besonderer Art zu beobachten. An der Paradoxie etwa ist dieser Prozess bei den einzelnen Autoren gut nachzuvollziehen. Neben der persönlichen Anverwandlung zentraler Merkmale ist es insbesondere diese Subjektivierung, die darüber hinaus und in hervorragendem Maße die Bedeutung der großen Aphoristiker (auch) in diesem Zeitraum ausmacht, in Aichingers existenziellen Selbstvergewisserungsnotaten ebenso wie in Canettis Werk, der die Gattung einem biographischen Zentralmotiv geradezu dienstbar macht, ebenso wie in der vielfachen „Scham“ bei Genazino oder bei Walser, der mit diagnostischer Schärfe ein Ich beobachtet. Kronzeuge dieser Subjektivierung sind Handkes Journale, deren „Reflexe“ zur Schärfung des eigenen Bewusstseins dienen und die auf einer inneren Bühne Selbstversicherung und -erforschung betreiben. Dem Verhältnis des Aphorismus zu seinem Material hat der erste und letzte Gedanke zu gelten. Das Wortspiel ist weniger als literarisches denn als literatursoziologisches Phänomen von Bedeutung. Es ist in der Nachfolge des Kraus-Musters durch Lec aktualisiert und politisiert und wird von verschiedenen Seiten her zur zentralen Kategorie, geht formal aber keine neuen Wege. An den Gattungsgrenzen hingegen ist auf ganz andere Weise, in verschiedenen Formen, von Gedankenspiel und Spracherweiterung zu sprechen. Strauß versteht das besondere Verhältnis zur Sprache als eine paradoxe Fremdheitsbehausung. Handkes Sprachbewusstsein strebt Erneuerung durch Verunsicherung an. Canettis Aphorismus lebt aus einem biblisch gegründeten Wortglauben. Benyoëtz’ Wörtlichkeitsverständnis führt zu Mythisierung und Personalisierung der Sprache. Vor allem wird bei den bedeutenden Autoren an den Grenzen der Gattung die Bildkraft der Sprache stärker aktiviert. Die beiden Leitfiguren der Gattung im 20. Jahrhundert stehen jederzeit im Hintergrund. Eindeutig ist das Vorbild von Kraus, ungebrochen, unübertroffen und nur selten erreicht, im breiten Mittelmaß der Gattung das Maß aller Texte; ebenso deutlich ist die Abkehr bei den älteren Autoren mit einer direkten Beziehung zu ihm, bei Chargaff und ungleich stärker bei Canetti. Die <?page no="268"?> 266 Das 20. Jahrhundert jüngere Generation trennt von seinem Aphorismus auch in geistiger Beziehung ein volles Jahrhundert. Die Verbindungslinien zur Aphoristik Kafkas mit ihrer autonomen Bildlichkeit prägen sich hingegen hier auf je besondere Weise aus, wie solche Analogien schon im innersten Kern von Canettis aphoristischer (Bild-)Welt stehen: an den Grenzen zur Lyrik von Celan über Keller bis Benyoëtz, in Aichingers wie in Handkes Aufzeichnungen. <?page no="269"?> D. Anhang I. Nachweis der Zitate Zitate aus der Primärliteratur im Text; Zitate aus der Sekundärliteratur oder Bezüge darauf werden hier in Kurzform nachgewiesen; die näheren Angaben bietet das Literaturverzeichnis. Zu S. 1 10 Gattungsgeschichte: Die Begriffe Gattung und Gattungsgeschichte verwende ich hier durchweg im traditionellen Sinne; zur Differenzierung von Gattung und Genre vgl. Spicker 2004, 3-5 mit Literatur. Zu S. 12 M. Kruse: Die französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts. In: A. Buck (Hg.): Renaissance und Barock II (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft X), 1972, 280. Zu S. 16 S. S. Tschopp: Aufklärung. In: F. Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit 1, 2005, 819. Zu S. 18 Bohse: Vgl. Fricke, Meyer (Hg.): Abgerissene Einfälle, 9-37; G. Cantarutti: Aphorismusanthologien. In: Lichtenberg-Jb. 1999, 243; U. Meyer: Altes und Neues zur Theorie und Geschichte des Aphorismus. In: Lichtenberg-Jb. 1999, 253. Zu S. 19 den Begriff zum ersten Mal verwendet: so Meyer: Ehrmann, 116; Heinzmann: Fricke, Meyer (Hg.): Abgerissene Einfälle, 134. Zu S. 20 Ernst Brandes: Rez. Vauvenargues. In: Göttingische Gelehrte Anzeigen Nr. 21 v. 5. 2. 1807, S. 201-207. Zu S. 22 Riemer: J. Sandstede: Riemer. In: W. Killy (Hg.): Literaturlexikon, 9, 1991, 454. Wohl nach Heinrich Hoffmann (von Fallersleben) (Hg.): Spenden zur deutschen Litteraturgeschichte. 1. Bändchen: Aphorismen und Sprichwörter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist politischen Inhalts. Leipzig 1844, 128. Zu S. 22 Moritz: Kosenina: Moritz, 2003, 99-124. Zu S. 23 Heinse: Albert Leitzmann ediert die Tagebücher innerhalb der Gesamtausgabe analog zu seiner Lichtenberg-Edition in drei Abteilungen als „Aphorismen“. Moore kommt hingegen zu dem klaren Ergebnis, er habe damit erheblich zur Verwischung dieses Begriffes beigetragen (Moore: Heinse, 69). Zu S. 23 Klopstock: Fricke, Meyer (Hg.): Abgerissene Einfälle, 65ff. Zu S. 24 eines der anregendsten Werke: Cantarutti: Aphoristikforschung. 1984, 37. Zu S. 24 Verbindung zu den französischen Moralisten: Cantarutti: Aphoristikforschung. 1984, 38. Zu S. 24 Einflüsse seines Lehrers Lichtenberg: Dobbek: Einleitung, 11. Zu S. 24 hippokratische Tradition: Meyer: Politische Rhetorik [Seume], 239. Zu S. 25 Gedankenspiele: Dobbek: Einleitung, 51. <?page no="270"?> 268 Anhang Zu S. 25 Mutschelle „der erste lupenreine Aphoristiker“: Fricke, Meyer (Hg.): Abgerissene Einfälle, 270. Zu S. 28 Neumann: Ideenparadiese; Neumann: Konzept der Moderne Zu S. 28 K 44: Lichtenberg-Zitate nach der Nummerierung in „Schriften und Briefe“ (Hg. Promies). Zu S. 31 „das Ästhetische“: Heinz Gockel: Literaturgeschichte als Geistesgeschichte. 2005, 51. Zu S. 34 „Konfliktzusammenhang“: Neumann: Ideenparadiese, 803. Zu S. 35 „dichterische Aphorismen“: Fieguth: Jean Paul, 144. Zu S. 35 „Darstellung fragmentarischer, stückwerkartiger Erkenntnis“: Behler: Fragment, 129. Vgl. Neumann: Ideenparadiese, 11-17. Zu S. 35 Fragmentarik: Michael Braun: „Hörreste, Sehreste“. 2002, 4. Zu S. 36 „Leitmetapher der ästhetischen Moderne“: Ostermann 1991. Zu S. 36 „Vermittlungsorgan der Realität“: Ostermann 1994, 281. Zu S. 36 „vermittelnde Zwischenstellung“: Behler: Theorie der romantischen Ironie [Schlegel], 93. Zu S. 37 „unabschließbare Bewegung“: Ostermann 1994, 283. Zu S. 38 „Intention auf übergreifenden Zusammenhang“: Pütz: Aphorismus und Gespräch [Novalis], 9. Zu S. 38 „Beziehungen zwischen Denkweise und Darstellungsform“: Uerlings: Novalis. 1991, 218. Zu S. 38 neuere Interpreten: John 1987, Neumann 1999. Zu S. 39 Ausgabe letzter Hand: Im gleichen Jahr erschienen sie auch noch einmal separat. Zu S. 39 Einordnung in die literarische Aphoristik unangemessen: Fricke 1984, 105. Goethes Maximen werden nach der Nummerierung der krit. Ausgabe Frickes zitiert. Zu S. 40 Verbindung von Aphoristik und Wissenschaft: John: Goethe, 246. Zu S. 40 Begriff des Organismus: Neumann: Ideenparadiese, 633-637. Zu S. 41 Konfliktformen zwischen Darstellung und Denken: Neumann: Ideenparadiese, 828. Zu S. 42 „genuiner Ort der Auseinandersetzung, Vermittlung und Versöhnung bürgerlicher und feudaler Interessen“: Jäger: Vom Sudelbuch zum aphoristischen Zeitalter, 88. Zu S. 43 Als er die „Betrachtungen“ 1809 in seine Werkausgabe aufnimmt: Im gleichen Jahr erschienen sie auch separat; aus dieser Ausgabe wird hier zitiert. Mit gutem Grund legt Schweppenhäuser seiner Ausgabe von 1967 die Erstausgabe zugrunde und behält die Abfolge des Autors bei; er kann freilich nur eine kleine Auswahl vorlegen. Zu S. 44 Maximen der älteren Franzosen: Verwunderlich in diesem weiteren Kontext ist es, dass der Zusammenhang dieses literarischen Hofmannes mit Gracián noch nicht beachtet worden ist. Zu S. 44 So pflegen sie gelegentlich den Dialog: Klinger hat ihn in der großen gedanklichen Auseinandersetzung „Der Weltmann und der Dichter“ erprobt. Zu S. 48 „Vorschule der Ästhetik“: Jean Paul: Sämtliche Werke (Hanser) I, 5, 352. <?page no="271"?> Nachweis der Zitate 269 Zu S. 48 „Ästhetische Untersuchungen“: Jean Paul: Sämtliche Werke, 2. Abtl., 7. Bd., 317. Zu S. 48 Nach 1810 kommt er in seinen „Gedanken“ noch einmal auf die „Betrachtungen“ zurück (Jean Paul: Sämtliche Werke, 2. Abtl., 8. Bd., 572). Zu S. 48 Rezension: Seume: Werke 2, 406f.; vgl. 1, 995. Zu S. 48 Nachricht vom Tode Schillers: Seume: Werke 1, 606. Zu S. 49 Brief an Wieland: Seume: Werke 3, 602. Zu S. 50 Messer ohne Stiel: Lichtenberg: Gesammelte Werke 5, 1803, 353-372 (Schriften und Briefe 3, 452) . Zu S. 50 Verbindung von Herz und Kopf: Zu Lichtenberg C 20 vgl. Mauser, Lichtenberg-Jb. 1997, 149-162. Zu S. 53 Kaum hat man sich Lichtenbergs erinnert: Jassoy studiert ca. 1786-1790 in Göttingen, sein Stammbuch ist verloren. Zu S. 57 Schlabrendorfs Aphorismen: Bertha Badt: Graf Gustav von Schlabrendorff, der deutsche Einsiedler in Paris. In: Zeitschrift für Bücherfreunde 9,2, 1918, 223. Zu S. 57 Die Jochmann-Zitate nach der Edition Haufes; Jochmann: Über die Sprache (Neudruck 1998) ist vergleichend herangezogen worden. Zu S. 60 der Übergang ist zu beobachten, „Wahrnehmen des symptomatischen Details“: Haufe (Hg.), 264. Zu S. 60 Kraus: Man vergleiche etwa „40. Ugolino und seine Zeiten“ (18) mit „Viele, die am 1. August 1914…“ (Kraus: Aphorismen, 446) oder „10. Der Mensch und sein Ruf“ (42) mit „Ich stelle mir ihn nicht unrichtig vor…“ (Kraus: Aphorismen, 162). Zu S. 61 Brechts materialistische Sprachkritik: Vgl. unten S. 180. Zu S. 61 Jochmann kennt Lichtenberg: Er hat Umgang mit Oelsner, dessen „Politische Aphorismen“ aber beginnen mit dem Hinweis, der „mathematische Politiker Herr von Benzenberg“ habe ihn mehrfach an die Herausgabe des Büchleins erinnert. Und dieser „schlagrührige Benzenberg“ (Varnhagen: Werke VI, 2, 292), der liberale Aufklärer im Kampf gegen Napoleon wie gegen die preußische Regierung, ist eben jener Student Lichtenbergs, der auf seine Schülerschaft stets stolz hingewiesen hat und dessen Vorlesungsmitschrift von 1797/ 98 wir besitzen. Zu S. 61 Missverständnis: Achenbach, Lichtenberg-Jb. 1995, 280f. Zu S. 62 politische Weisheit: Haufe (Hg.), 263. Zu S. 62 „Koinzidenzpunkt von Sprache und Gesellschaft“: Haufe (Hg.), 261. Zu S. 62 Jochmanns Kulturverständnis: Wuthenow Zu S. 63 Sprachwunder: Haufe (Hg.), 263. Zu S. 63 Börnes Frühschriften: Bock: Börne, 85. Zu S. 63 April 1803: vgl. III, 385, vgl. Lichtenberg-Jb. 1993, 32f. Zu S. 64 Eigenleistung des Lesers: vgl. Spicker 1997, 111-113. Zu S. 69 bedeutende Aphoristin: Isselstein: Varnhagen. 1993, 159. <?page no="272"?> 270 Anhang Zu S. 72 im Buchhandel nicht greifbar: Das mag sich mit der in Aussicht stehenden kritischen Edition ändern. Zu S. 76 die Aphorismen künstlerisch am bedeutendsten: Seidler (Hg., Sämtliche Werke, I, 2), 899. Zu S. 78 „Evangelium einer ganz besonderen Schönheit“: Bumm: Platen, 364. Zu S. 79 Anlehnung an Lichtenberg: Unter anderem K 168 (1, 347) und das Messer ohne Stiel und Klinge (SB 3, 451; 1, 302). Zu S. 79 Geburtstagswunschzettel Nietzsches: Curt Paul Janz: Nietzsche. Biographie. 1981. Bd. 1, 23. Zu S. 80 Hazlitt: Spicker (Hg.): Aphorismen der Weltliteratur, 84. Zu S. 83 Saphir als „der incarnirte Wortwitz“: Gottschall, Deutsche Nationalliteratur, 3, 123f. Zu S. 83 gattungsmethodologische Überlegungen: Spicker 2004, 808ff. Zu S. 83 Hebbel aus der Gattungsgeschichte ausgeschlossen: Fricke 1984, 57. Zu S. 84 „Die Kunstform des Aphorismus“: Bauer: Hebbel. Zu S. 84 „Hebbel als Aphoristiker“: Fröschle: Hebbel. Zu S. 84 mit Lichtenbergs Notizheften vertraut: Bauer: Hebbel, 109. Zu S. 84 Ehrenforth (Hg.): Das gekämmte Hirn, 1984. Zu S. 84 Sparschuh (Hg.): Läuse der Vernunft, 1987. Zu S. 84 Hebbel kennt Lichtenberg und Varnhagen: Spicker 1997, 152. Zu S. 84 Hebbels Aufsatz zu Feuchtersleben: Hebbel: Sämmtliche Werke. I. Abtl., Bd. 12, 65. Zu S. 85 die fruchtbarste aphoristische Zeit: Fröschle: Hebbel, 161. Zu S. 87 Traumnotizbuch: Koopmann: Hebbel, 103-104. Zu S. 87 der kritische Betrachter: Fröschle: Hebbel, 164 unter Berufung auf Michelsen und eine Auswahl von Wieses. Zu S. 88 les extrêmes se touchent: so vorgegeben unter anderem bei Montaigne und Pascal. Zu S. 89 „die Gefühle überinszeniert“: Koopmann: Hebbel, 91 hebt das Zitat in den Titel seines Aufsatzes. Zu S. 90 den Hebbel’schen weit ähnlicher: Bauer: Hebbel, 116. Zu S. 90 „auch ein ästhetisch-künstlerisches Anliegen“: Kainz: Grillparzer, 16 u. 291. Zu S. 90 der Gattungstheoretiker Fricke in gattungstheoretischer Strenge: Fricke 1984, 56. Zu S. 90 Kaszy ski: Grillparzer, 25. Zu S. 91 Grillparzers Lebensphilosophie: Kainz: Grillparzer, 214f. Zu S. 92 nicht als selbstständige Texte intendiert: Yates (Hg.), 2000. Zu S. 92 Kaszy ski: Nestroy, 92, 105. Zu S. 92 fragmentarische Existenz: Koopmann: Heine, 105, 102. Zu S. 93 Anthologien: Fieguth 1994, 142-144. <?page no="273"?> Nachweis der Zitate 271 Zu S. 93 „Aphorismen Raabes, chronologisch geordnet“: Hoppe. Zu S. 93 Sämtliche Werke: Ergänzungsband 5, 319-430. Zu S. 94 Hausbuch des gebildeten Bürgertums: Safranski: Schopenhauer, 494. Zu S. 94 Forschungsgeschichte: Spicker 1997, 132-144. Zu S. 94 dem Aphorismus das philosophische Gebiet erschlossen: Weiß, Vorwort 1924, 17. Zu S. 94 Franz Riedinger: Schopenhauer und der Aphorismus. In: Kant-Studien 54, 1963, 221-227; Fricke 1984, 43. Zu S. 94 „Der Aphorismus bietet…“: Esders: Begriffs-Gesten, 76-77. Zu S. 95 Der Aphorismus ist in der Textur…: Esders: Begriffs-Gesten, 90. Zu S. 95 didaktisches Instrument: Esders: Begriffs-Gesten, 64. Zu S. 99 Selbstreflexion Zeichen künstlerischer Schwäche: Spicker 1997, 161-163. Zu S. 101 Vischers Nachruf: Friedrich Theodor Vischer: Ausgewählte Werke in acht Teilen. 7. Teil, 140. Zu S. 101 „Jünger und Fortbildner Schopenhauers“: Brockhaus: Konversations-Lexikon. 14. Auflage. 1908. Zu S. 101 Ficks Gedankenarmut: Spicker 1997, 168-170. Zu S. 102 „Pharus“ und „Goldkörner“: Spicker 1997, 176-181. Zu S. 104 Internet-Portale: Wahrscheinlich ist er aus dem Duden 12 (Zitate und Aussprüche) überall dorthin gewandert. Immerhin ist Mohr aber auch mit vier Einträgen im niederländischen „Spectrum Citatenboek“ (onbekend) vertreten. Zu S. 105 Freiheit des Geistes: Fazio: Rée, 63. Zu S. 107 Eduard Engel: Geschichte der deutschen Literatur, 2. Bd., 19. Aufl. 1913, 280. Zu S. 107 „die ‚normalsten’ Aphorismen“: Fricke 1984, 119. Zu S. 107 französische Moralisten: vgl. zuletzt Marahrens: Ebner-Eschenbach, 1997. Zu S. 107 Themen: Marahrens hat es empirisch belegt. Zu S. 107 zu einem Sinngefüge vernetzt: Leuschner: Ebner-Eschenbach, 234. Zu S. 108 Goethe: vgl. oben S. 39 (Nr. 1.239). Zu S. 111 „ihre ideale Mitte“: Fricke 1984, 119. Zu S. 111 Vorschriften für die rechte Lebensführung: Marahrens: Ebner-Eschenbach. Zu S. 112 Nietzsche und der Begriff Aphorismus: Spicker 1997, 181-204. Zu S. 113 „höchster ästhetischer Rang“: Meyer: Nietzsche, 175. Zu S. 113 früh und in der Folge regelmäßig: von Riehl (1897) und Besser (1935) bis zu Janz’ Biographie (1981). Zu S. 114 aus inneren Gründen notwendig, „aphoristische Existenz“: Kuhn: Nietzsche, 82; Meyer: Nietzsche, 178. Sie schließen sich Krügers Ergebnissen in seiner Dissertation von 1956 an. <?page no="274"?> 272 Anhang Zu S. 114 Kaufmann: Nietzsche, 1982. Zu S. 114 „aphoristische Phase“: Donnellan: Nietzsche, XI. Zu S. 114 Verbindung besonders mit der vorangehenden „Fröhlichen Wissenschaft“: Venturelli: Nietzsche, 85-124. Zu S. 114 Lukas 18,14 verbessert: vgl. oben S. 105. Zu S. 118 Rezeption: Spicker 1997, 204-234 und 2004, 23-55. Zu S. 123 Kraus’ Weiß-Rezension: Fackel Nr. 290 v. 11. 11. 1909, 15. Zu S. 125 „Es ist Glücks genug, etwas Gutes tun zu dürfen“: zit. nach Wolbe: Carmen Sylva, 238. Zu S. 126 „ein herrliches Gefühl“: Pauly: Aphorismen, 1. Zu S. 126 „dein Gegner, der Zeitgeist“: Fischer: Sonne und Wolke, 199. Zu S. 126 „keinen einzigen warmen Platz für die Seele“: Pauly: Aphorismen, 73. Zu S. 127 Jüngers Wertheimer-Rezeption: Autor und Autorschaft, 121. Zu S. 129 „dauernde Befruchtung“ durch Nietzsche: Schupp (Hg.): Selbstgespräche, 9. Zu S. 135 „intensivste Kunstformen“: Kurt Walter Goldschmidt: Kleinkunst des Gedankens. In: Literarisches Echo 12, 1909/ 10, 1451. Zu S. 135 „König der Aphorisme“: zit. nach Michael Kienecker in: Peter Hille: Gesammelte Werke, 6, 347. Zu S. 138 „was sich sonst in Aphorismen verirrte“: Brief an Margareta Morgenstern, 12. 10. 1908; Werke 5, 440. Zu S. 140 besondere Verbindung von Mystik und Aphoristik: vgl. Spicker: Mystik, 2007. Zu S. 140 besondere österreichische Beziehung: zusammenfassend Spicker 2004, 20f. und 130f. Zu S. 141 Feld „Kleiner Prosa“: Göttsche: Kleine Prosa, 2006. Zu S. 141 „die Aphoristik als einzigen Typus seiner Kleinformen ausdrücklich gattungsspezifisch benannt“: Köwer: Altenberg, 237. Zu S. 142 Spannungsverhältnis: so schon Köwer: Altenberg. Zu S. 143 Affinitäten der Surrealisten zur gnomischen Tradition: Helmich: Der moderne französische Aphorismus, 105. Zu S. 145 Verbindung von Mystik und Sozialutopie bei Bloch: Christoph Eykman: Denk- und Stilformen des Expressionismus. 1974, 102-104. Zu S. 146 „Glaube des Wissens“: Marc: Schriften, 198. Zu S. 146 „Erlebnis des Gedankens“: Alfred Grünewald: Ergebnisse, 16f. Zu S. 143 billige Zitatvariation: vgl. Goethe: Faust I, Vers 2686: „Nicht jedes Mädchen hält so rein." Zu S. 160 überreiche Sekundärliteratur: Ich hebe Gray, Neumann, Kaszy ski heraus. <?page no="275"?> Nachweis der Zitate 273 Zu S. 161 „zwischen unverwechselbar Privatem und distanziert Objektivem“: Neumann: Ideenparadiese, 127f . Zu S. 162 „Metamorphose des Bildaphorismus“: Helmich: Der moderne französische Aphorismus, 132-159. Zu S. 162 philosophische Erörterung: Dietzfelbinger: Kafkas Geheimnis, 26. Zu S. 163 existenzielles Paradoxon: Neumann hat Kafkas Ansatzpunkt innerhalb der Moralistik gedeutet, indem er in brillanter Weise ausführt, dass und wie dieser über das auflösbare und damit aufschließende Paradox hinauskommt (Neumann, in: Franz Kafka, 1973, 459- 515). Zu S. 163 „in den Denk- und Klärungsprozeß hineingerät“: Neumann, ebd., 479f. Zu S. 163 „Weg zu alogischen Erkenntnissen“: Hoffmann, in: Kafka-Handbuch, 480. Zu S. 164 ambivalente Haltung zur Gattung: vgl. Spicker 1997, 315-318. Zu S. 165 Musils aphoristische Schreibweise als Reaktion auf den Nationalsozialismus: Pfeiffer: Aphorismus und Romanstruktur. Zu Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, 102. Zu S. 165 „erratische Blöcke“: Roth: Musil als Aphoristiker, 298. Zu S. 166 „alles Zugespitzte, alles bloß Erstaunliche“: Schröder: Geleitwort, in: Hofmannsthal: Buch der Freunde. 1929, 117. Zu S. 170 „Wäre Weimar ... aphoristischer gewesen, dann hätte sich Hitler vielleicht vermeiden lassen“: Hiller: Köpfe und Tröpfe, 228. Zu S. 173 Anklagepunkte gegen Essay und Aphorismus: Emil Dovifat: Essay. In: Handbuch der Zeitungswissenschaft. Bd. 1. 1940, 937-939. Zu S. 174 „Barde des Regimes“: Hillesheim: Euringer, 9. Zu S. 180 zur wahrscheinlich bedeutendsten Aphorismensammlung der Exilliteratur erklärt: Weissenberger: Werfel, 1992, 68. Zu S. 181 zwei Untersuchungen: Karl Kraus. Beiträge zum Verständnis seines Werkes, 1956; Das Ja des Neinsagers. Karl Kraus und seine geistige Welt, 1974. Zu S. 181 gleichfalls zwei Studien: Franz Kafka. Durchdringung und Geheimnis, 1968; Noch einmal Kafka, 1990. Zu S. 182 „Schacht von Babel“: Kafka: Nachgelassene Aufzeichnungen II, 484. Zu S. 187 Argumente für eine offen-integrative Auffassung: vgl. Gabriel: Wittgenstein; Früchtl: Adorno; Claudius Strube: Der philosophische Aphorismus. In: Weisheit und Wissenschaft. Hg. von Tilman Borsche und Johann Kreuzer. 1995, 227-236. Zu S. 188 „Revers des Ewigen“: Benjamin: Gesammelte Briefe. 1995ff. III, 331. Diskussion der Sekundärliteratur bei Spicker 2004, 384-386. Zu S. 193 Detachement: Abordnung für besondere Aufgaben; debordieren: über die Ufer treten. Zu S. 194 „ihr „teils ernstes, teils heiteres Gegenstück“: Müller-Dietz 115. Zu S. 202 Fahndung nach seiner „Wesensart“: „Aphorismen sind nur bemerkenswert, wenn ihnen mindestens zweierlei zugrundeliegt: ein Problem und eine Wesensart. Andernfalls <?page no="276"?> 274 Anhang sind es nur Einfälle, und Einfälle gibt es genug […]. Die Wesensart ist also eine Voraussetzung, und sie ist auch das immanente System.“ (Kessel: Ehrfurcht und Gelächter. Literarische Essays. 1974, 276) Zu S. 210 „Aphoristiker wider Willen“: Kaszy skis These: Kaszy ski: Heimito von Doderer - ein Aphoristiker wider Willen. In: Stefan H. Kaszy ski: Kleine Geschichte des österreichischen Aphorismus, 115-126. Zu S. 223 „Kritisch-optimistische Aphorismen“: Manfred Kubowsky: Die Stellung ist krampflos zu halten. 1981, 112. Zu S. 231 „gleichsam als abgesunkenes Kulturgut“: Fricke 1984, 68. Zu S. 237 „Sozialpartner: Dauergegner, die sich alles andere als sozial behandeln.“: Konrad Gerescher: Politik aufgespießt. Heiteres Lexikon der politischen Mißbildung. 1976, 47. Zu S. 241 vgl. Anmerkung zu S. 162. Zu S. 243 „Politische Verleumdung“: Fried variiert hier Brecht (Brecht: Gesammelte Werke. 1967; 2, 629). Zu S. 251 „Autobiographik durch Aphoristik”: Neumann: Widerrufe, 196. Zu S. 251 „Aphorismus als Waffe gegen den Tod“: Neumann: Widerrufe, 196. Zu S. 253 „die Metapher die sprachliche Urform der Verwandlung“: Lappe: Aufzeichnung, 203. Zu S. 258 „Leitmetapher der ästhetischen Moderne“: Eberhard Ostermann: Der Begriff des Fragments als Leitmetapher der ästhetischen Moderne. In: Athenäum. Jb. f. Romantik 1, 1991, 189-205. <?page no="277"?> Literatur 275 II. Literatur Quellen und Sekundärliteratur in ausgewählter Form, vornehmlich die im Text erwähnten oder zitierten Werke. * bezeichnet Anthologien. Zu vollständigeren Verzeichnissen verweise ich auf meine früheren Arbeiten (Spicker 1997, 2004). 1. Quellen (mit zugehöriger Sekundärliteratur) Adorno, Theodor W. (1903-1969) - Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 24.-27. Tsd. Frankfurt: Suhrkamp 1973 (Bibl. Suhrkamp 236). Früchtl, Josef: Der Aphorismus als Stil- und Erkenntnisideal. Theodor W. Adorno und Botho Strauß. In: Literaturmagazin 39, 1997, S. 158-170. Aichinger, Ilse (geb. 1921) - Kleist, Moos, Fasane. Frankfurt: Fischer 1991 (Fischer Taschenbuch 11045). Aigner, Christoph Wilhelm (geb. 1954) - Logik der Wolken. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2004. Altenberg, Peter (1859-1919) - Wie ich es sehe. Berlin: Fischer 1896. - Pròdromos. Berlin: Fischer 1906. - Bilderbögen des kleinen Lebens. 2. Aufl. Berlin: Reiss 1909. - Mein Lebensabend. Berlin: Fischer 1913. - Fechsung. Berlin: Fischer 1915. - Vita ipsa. 8.-10. Auflage. Berlin: Fischer 1919. - Der Nachlaß. Berlin: Fischer 1925. - Gesammelte Werke in fünf Bänden. Bd. 1-2. Wien, Frankfurt: Löcker, Fischer 1989. - Kaszy ski, Stefan H.: Die Ästhetik der „Splitter“ von Peter Altenberg. In: Stefan H. Kaszy ski: Kleine Geschichte des österreichischen Aphorismus, S. 67-80. Köwer, Irene: Peter Altenberg als Autor der literarischen Kleinform. Untersuchungen zu seinem Werk unter gattungstypologischem Aspekt. Frankfurt u. a.: Lang 1987 (Eur. Hochschulschriften I, 987). Amanshauser, Gerhard (geb. 1928) - Ärgernisse eines Zauberers. Satiren und Marginalien. Salzburg: Residenz 1973. - Grenzen. Aufzeichnungen. Salzburg: Residenz 1977. - List der Illusionen. Salzburg: Aigner 1985 (salzburger edition 1). - Moloch horridus. Aufzeichnungen. Weitra: publication 2001 (Erstauflage 1989). Anzengruber, Ludwig (1839-1889) - Sämtliche Werke. Hg. von Rudolf Latzke und Otto Rommel. Bd. 8: Gott und Welt. Aphorismen aus dem Nachlasse. Nach den Handschriften hg. von Otto Rommel. Wien, Leipzig: Schroll 1920. <?page no="278"?> 276 Anhang Arndt, Hans (geb. 1911) - Im Visier. Aphorismen. München: Langen Müller 1959. Arntzen, Helmut (geb. 1931) - Kurzer Prozeß. Aphorismen und Fabeln. München: Nymphenburger 1966. - Einführung in die Literaturwissenschaft in Aphorismen. In: Analogon rationis. Festschrift für Gerwin Marahrens zum 65. Geburtstag. Hg. von Marianne Henn u. Christoph Lorey. Edmonton: Univ. of Alberta Press 1994, S. 505-509. - Streit der Fakultäten. Aphorismen und Fabeln. Münster: AT Edition 2000. Astel, Arnfried (geb. 1933) - Neues (& altes) vom Rechtsstaat und von mir. Alle Epigramme. Frankfurt: Zweitausendeins 1978. Auerbach, Berthold (1812-1882) - Tausend Gedanken des Collaborators. Berlin: Hofmann 1875. - Wissen und Schaffen. Aphorismen zu Friedrich Vischer’s „Auch Einer“. In: Dt. Rundschau 19, 1879, S. 269-295. Auernheimer, Raoul (1876-1948) Arthur Schnitzler - Raoul Auernheimer. The correspondence of Arthur Schnitzler and Raoul Auernheimer with Raoul Auernheimer’s aphorisms. Hg. von Donald G. Daviau und Jorun B. Johns. Chapel Hill: University of North Carolina 1972. Baer-Oberdorf, Salomon (1870-1940) - Wetterleuchten. Aphorismen. München: Joachim 1909. Bahnsen, Julius (1830-1881) - Pessimistenbrevier. Von einem Geweihten. Berlin: Grieben 1879. Banck, Otto (1824-1916) - Worte für Welt und Haus. Leipzig: Fleischer 1863. Barthel, Ludwig Friedrich (1898-1962) - Am Fenster der Welt. Aphorismen aus dem Nachlaß. Düsseldorf, Köln: Diederichs 1968. Becher, Johannes R. (1891-1958) - Bemerkungen I - XIV. In: J. R. B.: Verteidigung der Poesie. Vom Neuen in der Literatur. Berlin: Aufbau 1960, S. 19-454 (Zuerst 1952). Benjamin, Walter (1892-1940) - Einbahnstraße. Frankfurt: Suhrkamp 1955 (Bibliothek Suhrkamp 27). - Einbahnstraße. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. IV. 1. Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt: Suhrkamp 1972, S. 83-148. - Das Passagen-Werk. (Gesammelte Schriften. Band V. 1, 2. Hg. von Rolf Tiedemann.) 2. Aufl. Frankfurt: Suhrkamp 1982. Schöttker, Detlev: Konstruktiver Fragmentarismus. Form und Rezeption der Schriften Walter Benjamins. Frankfurt: Suhrkamp 1999 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1428). <?page no="279"?> Literatur 277 Bense, Max (1910-1990) - Ausgewählte Schriften in vier Bänden. Hg. von Elisabeth Walther. Stuttgart, Weimar: Metzler 1998. Benyoëtz, Elazar (geb. 1937) - Einsprüche. München: Müller 1973. - Einsätze. München: Müller 1975. - Worthaltung. Sätze und Gegensätze. München: Hanser 1977. - Eingeholt. Neue Einsätze. München, Wien: Hanser 1979. - Vielleicht - vielschwer. Aphorismen. München, Wien: Hanser 1981. - Treffpunkt Scheideweg. München, Wien: Hanser 1990. - Filigranit. Ein Buch aus Büchern. Göttingen: Steidl 1992. - Brüderlichkeit. Das älteste Spiel mit dem Feuer. München, Wien: Hanser 1994. - Variationen über ein verlorenes Thema. München, Wien: Hanser 1997. - Die Zukunft sitzt uns im Nacken. München, Wien: Hanser 2000. - Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche. Zürich, Hamburg: Arche 2001. - Der Mensch besteht von Fall zu Fall. Aphorismen. Mit einem Nachwort von Friedemann Spicker. Leipzig: Reclam 2002. - Finden macht das Suchen leichter. München, Wien: Hanser 2004. - Die Eselin Bileams und Kohelets Hund. München, Wien: Hanser 2007. - Das Mehr gespalten. Einsprüche. Einsätze. Jena: Edition Azur 2007. - Die Rede geht im Schweigen vor Anker. Aphorismen und Briefe. Hg. von Friedemann Spicker. Dortmund: Brockmeyer 2007. Dausner, René: Schreiben wie ein Toter. Poetologisch-theologische Analysen zum deutschsprachigen Werk des israelisch-jüdischen Dichters Elazar Benyoëtz. Paderborn u.a.: Schöningh 2007 (Studien zu Judentum und Christentum). Grubitz, Christoph: Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Tübingen: Niemeyer 1994 (Conditio Judaica 8). Wittbrodt, Andreas: ‚Hebräisch im Deutschen.‘ Das deutschsprachige Werk von Elazar Benyoëtz. In: Zs. f. deutsche Philologie 121, 2002, S. 584-606. Benz, Richard (1884-1966) - Stufen und Wandlungen. Das Buch der Reden und Aphorismen. Hamburg: Wegner 1943 . 18. - 27. Tsd. 1947. Berg, Birgit (geb. 1940) - Lose Worte. Aktuelle Aphorismen. Dürnau: Wortwerkstatt 1981. Bertram, Ernst (1884-1957) - Michaelsberg. Leipzig: Insel 1935. - Worte in einer Werkstatt. Von Wesen und Zukunft unsres Gedichts. Mainz: Albert Eggebrecht-Presse 1938. - Sprüche aus dem Buch Arja. Leipzig: Insel 1938. - Hrabanus. Aus der Michaelsberger Handschrift. Leipzig: Insel 1939. - Aus den Aufzeichnungen des Herzogs von Malebolge. Aphorismen. Wiesbaden: Insel 1950. - Moselvilla [Erweiterte Fassung]. Wiesbaden: Insel 1954. Donauwörth: Selbstverlag 1951. - Der Wanderer von Milet. Wiesbaden: Insel 1956. - Das Zedernzimmer. Weimarer Erinnerungen. Wiesbaden: Insel 1957. - Nietzsche. Versuch einer Mythologie. Berlin: Bondi 1918. <?page no="280"?> 278 Anhang Beutelrock, Friedl (1889-1958) - Splitter und Späne. München: Drei Fichten 1948. - Er und Sie. Aphorismen. München: Gerlach 1953. - Am Rande vermerkt. Neue Aphorismen. München, Innsbruck, Zürich: Gerlach 1955. Beutin, Wolfgang (geb. 1934) - Invektiven, Inventionen. Wiesbaden: Limes 1971. Bias (d. i. Johann Gaunersdorfer; 1853-1914) - Meine Gedankenspähne und Anderes. Veröffentlicht in verschiedenen Blättern. Wien: Perles 1895. Binding, Rudolf G. (1867-1938) - Ad se ipsum. Aus einem Tagebuch. Potsdam: Rütten und Loening 1940. Bittner, Wolfgang (geb. 1941) - Rechts-Sprüche. Frankfurt: Büchergilde Gutenberg 1979. Blomberg, Hans Hermann von - Gedanken der Stille. Altenburg: Geibel 1905. Blunck, Hans Friedrich (1888-1961) - Buch der Sprüche. Flensburg, Hamburg: Wolff 1953. Böcker, Juliane (1905-1994) - Aphorismen. Nürnberg: Glock und Lutz 1948. - Aphorismen. Aphorismen, Erfahrungen, Verse. Wien: Europäischer Verlag 1966. - Mach die Faust auf! Aphorismen III und Verse. Nördlingen: Steinmeier 1987. - Aphorismen, Lyrik, Intuitionen. Aus den nachgelassenen Schriften. München: Ebermann 1996. Börne, Ludwig (1786-1836) - Sämtliche Schriften. 5 Bände. Neu bearbeitet und hg. von Inge und Peter Rippmann. Dreieich: Melzer 1977. - Das Staatspapier des Herzens. Fragmente und Aphorismen. Köln: Bund 1987. Bock, Helmut: Ludwig Börne. Vom Gettojuden zum Nationalschriftsteller. Berlin: Rütten und Loening 1962. Bohse, August (1661-1742) - Gemüths-Spiegel, durch die köstlichsten moralischen Betrachtungen Lehrsprüche und Maximen die Erkäntniß seiner selbst und anderer Leute zeigend: aus dem Franzö[s]ischen in unsrer teutschen Sprache vorgestellet von Talandern [d. i. August Bohse]. Leipzig: Gleditsch 1699. Branstner, Gerhard (geb. 1927) - Ist der Aphorismus ein verlorenes Kind? Literarische Miniaturen. Berlin: Aufbau 1959 (Die Reihe 19). - Zu Besuch auf der Erde. Unwahre Begebenheiten. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1961. - Ich kam, sah und lachte. Balladen, Anekdoten und Aphorismen. Berlin: Henschel 1976. - Der Narrenspiegel aber auch Das Buch der sieben Künste. Rostock: Hinstorff 1973. <?page no="281"?> Literatur 279 Brecht, Bertolt (1898-1956) - Buch der Wendungen. In: Prosa 3. Sammlungen und Dialoge. (Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlef Müller.) Berlin, Weimar: Aufbau; Frankfurt: Suhrkamp 1995. Brie, André (geb. 1950) - Die Wahrheit lügt in der Mitte. Aphorismen. Berlin: Eulenspiegel 1982. - Am Anfang war das letzte Wort. Aphorismen. Berlin: Eulenspiegel 1985. - Die Wahrheit lügt in der Mitte. Am Anfang war das letzte Wort. Berlin: Eulenspiegel 1988. - Nur die nackte Wahrheit geht mit keiner Mode. Aphorismen. Berlin: Eulenspiegel 2000. Mieder, Wolfgang: „Eigener Unruheherd ist Goldes wert“. Zu den sprichwörtlichen Aphorismen von André Brie. In Wolfgang Mieder: Sprichwörtliche Aphorismen, S. 166-173. Brock, Erich (1889-1976) - Blick in den Menschen. Aphorismen. Zürich: Fretz und Wasmuth 1958. - Sätze und Gegensätze. Aphorismen. Zürich, Stuttgart: Claassen 1970. - Des Lebens Linien. Aphorismen. Zürich, Stuttgart: Claassen 1975. Buchinger, Otto (1878-1966) - Unterwegs. Blätter, Blüten und Bodenproben eines Wanderers. Bad Pyrmont: Friedrich 1946. - Ums Ganze. Wege und Spuren. Bad Pyrmont: Friedrich 1947. Burkart, Erika (geb. 1922) - Grundwasserstrom. Aufzeichnungen. 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Ausgewählt von Othmar Capellmann. 3. Auflage. Dülmen: Der Steg 1974. - Im Zeitenlauf. Gedankenzyklen und Aphorismen. Steyr: Ennsthaler 1973. - Das Abenteuer des Lebens. Dülmen: Der Steg 1976 (Lichtbandreihe 1). Cossmann, Paul Nikolaus (1869-1942) - Aphorismen. 2. Aufl. Berlin, Leipzig: Schuster und Loeffler 1898. Cwojdrak, Günther (geb. 1923) - Beim Wort genommen. 3. Aufl. Berlin: Eulenspiegel 1978. - Beim Namen genannt. Berlin: Eulenspiegel 1983. - Wortwechsel. Berlin: Eulenspiegel 1985. Cybinski, Nikolaus (geb. 1936) - Werden wir je so klug sein, den Schaden zu beheben, durch den wir es wurden? Aphorismen. Lörrach: Lutz 1979. <?page no="283"?> Literatur 281 - In diesem Lande ist das Leben lustig! Wohin du schaust: Lachende Dritte. Aphorismen. Lörrach: Lutz 1982. - Die Unfreiheit hassen wir nun. Wann fangen wir an, die Freiheit zu lieben? Freiburg: Isele 1987. - Der Rest im Risiko. Aphorismen 1992-1960. Lörrach: Lutz 1992. - Der Stand der vorletzten Dinge. Aphorismen. 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Göttsche, Dirk: Denkbild und Kulturkritik. Entwicklungen der Kurzprosa bei Botho Strauß. In: text und kritik. Heft 81: Botho Strauß. 2. Auflage: Neufassung. München: text und kritik 1998, S. 27-40. Greiner-Kemptner, Ulrike: Botho Strauß‘ Minimalprosa. In: U. G.-K.: Subjekt und Fragment, S. 58-79. Strauß, Ludwig (1892-1953) - Gesammelte Werke. Bd 1. Hg. von Hans Otto Horch. Göttingen: Wallstein 1998 (Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt 73). Struve, Wolfgang (geb. 1917) - Wir und Es. Gedankengruppen. Zürich: Niehans 1957. - Der andere Zug. Salzburg, München: Stifterbibliothek 1969. - Spuren und Stürze. Aufzeichnungen aus Skizzenbüchern 1984-1987. Wien: Passagen 1999. Tönnies, Ilse (geb. 1902) - Denen die Menschen sind. Gedanken und Aussprüche. Hamburg: Hoffmann und Campe 1947. - In den Spiegel geworfen. Aphorismen. Berlin: Stapp 1978. Tschopp, Charles (1899-1982) - Aphorismen. Zürich: Schweizer Spiegel 1938. - Neue Aphorismen. Zürich: Schweizer Spiegel 1944. Tucholsky, Kurt (1890-1935) - Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. Reinbek: Rowohlt 1998. - Sudelbuch. Reinbek: Rowohlt 1993. - Schnipsel [Erweiterte Neuausgabe]. Hg. von Wolfgang Hering und Hartmut Urban. Reinbek: Rowohlt 1995 (rororo 13388). Uhlenbruck, Gerhard (geb. 1929) - Ins eigene Netz. Aphorismen. Wieder-Sinn-Sprüche und Kahl-Hauer. 2. Auflage. Aachen: Stippak 1977. - ... einFACH gesimpelt. Aphorismen. Aachen: Stippak 1979. - Frust-Rationen. Aphoristische Heil- und Pflegesätze. Aachen: Stippak 1980. - Keiner läßt seine Masche fallen. Aphorismen. Aachen: Stippak 1981. <?page no="311"?> Literatur 309 - Medizinische Aphorismen. Heidelberg: Jungjohann 1982. 2. Erweiterte [vollständig erneuerte] Auflage Neckarsulm: Natura Med 1994. - Nächstenhiebe. Aphoristische Sticheleien. Aachen: Stippak 1983. - Mensch ärgere mich nicht. Wieder Sprüche und Widersprüche. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 1984. - Eigenliebe macht blind. Hirnrissige Gedankensprünge und Aphorismen. Aachen: Stippak 1984. - Den Nagel auf den Daumen getroffen. Aphorismen. 3. vermehrte Auflage. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 1986. - Kaffeeesätze. Gedankensprünge in den Sand des Getriebes. Erkrath: Spiridon 1987. - Aphorismen sind Gedankensprünge in einem Satz. Thun: Ott 1989. - Darum geht’s nicht...? Aphorismen. Aus einem reichen Wortschatz ein knapper Wortsatz. Hilden: Ahland 1990. - Hans-Horst Skupy, Hanns-Hermann Kersten: Ein gebildeter Kranker. Trost- und Trutz-Sprüche für und gegen Ängste und Ärzte. 3. wesentlich veränderte und erweiterte Auflage Stuttgart, New York: G. Fischer 1990. - Das darf doch wahr sein! Aphoristische Gedanken. Hilden: Ahland 1994. - Nichtzutreffendes bitte streichen. Aphoristische Gedankengangarten. Köln: Reglin 1996. - Wieder Sprüche zu Widersprüchen. Satzweise sogar weise Sätze. Köln: Reglin 1997. - Denkanstöße ohne Kopfzerbrechen. Mentale Medizin gegen miese Mentalität. Köln: Reglin 1998. - Die Wahrheit lügt in der Mitte. Gedanken zum Bedenken. Köln: Reglin 1999. - Der Zweck heiligt die Kittel. Humanes aus der Humanmedizin. Köln: Reglin 1999. - Alles kein Thema! Ein Thema für alle. Köln: Reglin 2000. - Der Klügere gibt nicht nach. Sprichwörtliche Aphorismen. Hg. von Wolfgang Mieder. Köln: Reglin 2003. - Spitze Spritzen - spritzige Spitzen. Diagnosen, die gerade noch gefehlt haben. Köln: Reglin 2004. - Kein Blatt vor den Mund nehmen. Redensartliche Aphorismen. Hg. von Wolfgang Mieder. Köln: Reglin 2005. Mieder, Wolfgang: „Ein Aphoristiker dreht oft das Sprichwort im Munde herum“. Zu den sprichwörtlichen Aphorismen von Gerhard Uhlenbruck. In: Wolfgang Mieder: Sprichwörtliche Aphorismen, S. 105-115. Unger, Josef (1828-1913) - Mosaik. Der „Bunten Betrachtungen und Bemerkungen“ dritte, vermehrte Auflage. Leipzig: Akadem. Verlagsanstalt 1911. Usinger, Fritz (1895-1982) - Werke. Bd. 2: Kleine Schriften und Merkbücher. Hg. von Siegfried Hagen. Waldkirch: Waldkircher Verlagsgesellschaft 1984. * - Erfüllung und Grenze. Worte der Weisung. Dessau und Leipzig: Rauch 1940. Varnhagen von Ense, Rahel (1771-1833) - Gesammelte Werke. Hg. von Konrad Feilchenfeldt, Uwe Schweikert und Rahel E. Steiner. 10 Bände. München: Matthes & Seitz 1983. - Ordentliche Dachstubenwahrheit wird er hören! Aphoristisches aus Briefen und Tagebüchern. Ausgewählt von Octavia Winkler. Berlin: Union 1992. Isselstein, Ursula: Der Text aus meinem beleidigten Herzen. Studien zu Rahel Levin Varnhagen. Torino: Ed. Tirrenia Stampatore 1993. <?page no="312"?> 310 Anhang - Il salotto e l’aforisma. La socievolezza di Rahel Levin Varnhagen come vivaio di generi letterari minori. In: Giulia Cantarutti (Hg.): Configurazioni dell’aforisma. Band 1, S. 123-138. Pernthaler, Luisa: Gli aforismi nei „detti” di Rahel Levin Varnhagen: relazioni e contaminazioni tra due generi letterari. In: Giulia Cantarutti (Hg.): Configurazioni dell’aforisma. Band 1, S. 139-156. Vulpius, Christian August (1762-1827) - Glossarium für das 18. Jahrhundert. Frankfurt, Leipzig: o. Vlg. o. J. (1788). - Glossarium für das 18. Jahrhundert. Mit einem Nachwort hg. von Alexander Košenina. Hannover: Wehrhahn 2003 (Fundstücke 1). Vischer, Friedrich Theodor (1807-1887) - Ausgewählte Werke in acht Teilen. Herausgegeben und eingeleitet von Theodor Kappstein. Leipzig: Hesse und Becker 1919. Waggerl, Karl Heinrich (1897-1973) - Kleine Münze. In: Karl Heinrich Waggerl: Sämtliche Werke. II. Band. 2. Auflage. Salzburg: Müller 1972, S. 639-657. Walser, Martin (geb. 1927) - Meßmers Gedanken. Frankfurt: Suhrkamp 1985. - Meßmers Reisen. Frankfurt: Suhrkamp 2003. Bohn, Volker: „Ich lebe wie nicht“. Zu „Meßmers Gedanken“ von Martin Walser. In: Das Paradoxe. Literatur zwischen Logik und Rhetorik. Festschrift für Ralph-Rainer Wuthenow. Hg. von Carola Romahn und Gerold Schipper-Hönicke. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999, S. 213-221. Walters, Hellmut (1930-1985) - Wer abseits steht, wird zurückgepfiffen. Aphorismen. Marburg: Marburger Kreis 1972 (Marburger Bogendrucke 27). - Zungenschläge. Jetzt sind sogar die Zwerge größer. Aphorismen. Passau: Passavia 1976. - Wenn die Wörter Kopfstand machen. Neue Aphorismen. Passau: Passavia 1981. Weber, Christian (Ps. Uri, D. Textor; geb. 1943) - Aphorismen und Collagen. Band I - IV. Dresden: Galerie 1999-2005. Weigel, Hans (1908-1991) - Ad absurdum. Satiren, Attacken, Parodien aus drei Jahrzehnten. Graz, Wien, Köln: Styria 1980. - Karl Kraus oder Die Macht der Ohnmacht. Wien, Frankfurt, Zürich: Molden 1968. Weiß, Otto (1849-1915) - So seid Ihr! Aphorismen. Mit einem Vorwort von Georg Brandes. 4. Aufl. Stuttgart, Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt 1907. - So seid Ihr! Aphorismen. Zweite Folge. Stuttgart, Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt 1909. Wense, Jürgen von der (1894-1966) - Epidot. Hg. von Deiter Heim. München: Matthes und Seitz 1987 (Debatte 19). <?page no="313"?> Literatur 311 Werfel, Franz (1890-1945) - Zwischen Oben und Unten. Prosa. Tagebücher. Aphorismen. Literarische Nachträge. Aus dem Nachlaß hg. von Adolf D. Klarmann. München, Wien: Langen Müller 1975. Weissenberger, Klaus: Franz Werfels „Theologumena“ als Ästhetik seiner Lyrik im Exil. In: Franz Werfel im Exil. Hg. von Wolfgang Nehring und Hans Wagener. Bonn, Berlin: Bouvier 1992 (Studien zur Literatur der Moderne 22), S. 67-84. - Musik und Musikalität in Franz Werfels „Theologumena“. In: Sympaian 1, 1997, S. 217-234. Wertheimer, Emanuel (1846-1916) - Aphorismen. Gedanken und Meinungen. Mit einem Vorwort von François Coppée. Stuttgart, Berlin, Wien: Dt. Verlagsanstalt 1896. - Buch der Weisheit. Aphorismen. Zweite Auflage und neue Folge. Hamburg: Hoffmann und Campe 1920. Wiesner, Heinrich (geb. 1925) - Lakonische Zeilen. München: Piper 1965. - Die Kehrseite der Medaille. Neue lakonische Zeilen. München: Piper 1972. Wittgenstein, Ludwig (1889-1951) - Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen (Schriften 1). Frankfurt: Suhrkamp 1960. - Über Gewißheit. Frankfurt: Suhrkamp 1970. - Das Blaue Buch. Eine philosophische Betrachtung. Zettel (Schriften 5). Frankfurt: Suhrkamp 1970. - Vermischte Bemerkungen. Frankfurt: Suhrkamp 1977. - Philosophische Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition. Hg. von Joachim Schulte. In Zusammenarbeit mit Heikki Nyman, Eike von Savigny und Georg Henrik von Wright. Frankfurt: Suhrkamp 2001. Gabriel, Gottfried: Logik als Literatur? Zur Bedeutung des Literarischen bei Wittgenstein. In: Gottfried Gabriel: Zwischen Logik und Literatur. Erkenntnisformen von Dichtung, Philosophie und Wissenschaft. Stuttgart: Metzler 1991, S. 20-31. Stölzel, Thomas: Aforismi e „Thesen“. L‘esempio di Wittgenstein. In: Giulia Cantarutti (Hg.): Configurazioni dell’aforisma. Band 1, S. 217-227. Wokart, Norbert (geb. 1941) - Treibgut. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005. - Schilfrohr. Aufzeichnungen 1981-2006. Würzburg: Königshausen und Neumann 2007. Wollschon, Gerd (geb. 1944) - Sudel-Lexikon. Satirisches Wörterbuch für gelernte Deutsche. 250 Hieb- und Stichwörter. Köln: Satire 1977. 2. Allgemeine Sekundärliteratur Zur ersten Information sei auf größere Lexikonartikel verwiesen; im Anschluss findet sich eine Auswahl zumeist neuerer, speziell literaturhistorisch ausgerichteter Arbeiten. <?page no="314"?> 312 Anhang Fricke, Harald Aphorismus. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 1. Tübingen: Niemeyer 1992, Sp. 773-790. - Aphorismus. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. 3. völlig neubearbeitete Aufl. Gemeinsam mit Harald Fricke, Klaus Grubmüller und Jan-Dirk Müller hg. von Klaus Weimar. 1. Band. Berlin, New York: de Gruyter 1997, S. 104-106. Lamping, Dieter Der Aphorismus. In: Otto Knörrich (Hg.): Formen der Literatur in Einzeldarstellungen. 2., überarbeitete Aufl. Stuttgart: Kröner 1991, S. 21-27. Schalk, Fritz Aphorismus. In: Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band l. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1971, Sp. 437-439. Spicker, Friedemann Aphorismus. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachwissenschaftlern hg. von Friedrich Jaeger. Band 1. Stuttgart, Weimar: Metzler 2005, Sp. 487-489. - Literarische Kleinformen: In: Horst Brunner, Rainer Moritz (Hg.): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Schmidt 2006, S. 224-229. Zymner, Rüdiger Aphorismus/ Literarische Kleinformen. In: Ulfert Ricklefs (Hg.): Fischer Literatur Lexikon. Bd. 1. Frankfurt: Fischer 1996 (Fischer-Taschenbuch 4565), S. 80-106. - Aphorismus. In: Kleine literarische Formen in Einzeldarstellungen. Stuttgart: Reclam 2002 (RUB 18187), S. 27-53. Althaus, Thomas, Wolfgang Bunzel, Dirk Göttsche (Hg.): Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Tübingen: Niemeyer 2007. Behler, Ernst Das Fragment. In: Klaus Weissenberger (Hg.): Prosakunst ohne Erzählen. Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa. Tübingen: Niemeyer 1985, S. 125-143. Biason, Maria Teresa (Hg.) L‘Europa degli aforisti. Bd. I-III. Annali di Ca‘ Foscari 36-38. Venezia 1997-1999. Cantarutti, Giulia Aphoristikforschung im deutschen Sprachraum. Frankfurt u. a.: Lang 1984 (Berliner Beiträge zur neueren deutschen Literaturgeschichte 5). -, Hans Schumacher (Hg.): Neuere Studien zur Aphoristik und Essayistik. Mit einer Handvoll zeitgenössischer Aphorismen. Frankfurt u. a.: Lang 1986 (Berliner Beiträge zur neueren deutschen Literaturgeschichte 9). - Zehn Jahre Aphorismusforschung (1980-1990). In: Lichtenberg-Jahrbuch 1990, S. 197-224. -, Gino Ruozzi, Carminella Biondi, Carla Pellandra, Elena Pessini (Hg.): Configurazioni dell’aforisma. Bd. I-III. Bologna: CLUEB 2000 (Strumenti 16-18). - (Hg.): La scrittura aforistica. Bologna: Il Mulino 2001. <?page no="315"?> Literatur 313 Egert, Andreas Vom Werden und Wesen des Aphorismus. Essays zur Gattungsproblematik bei Lichtenberg und Nietzsche. Oldenburg: Igel 2005 (Literatur- und Medienwissenschaft 101). Elias, Camelia The Fragment. Towards a history and poetics of a performative genre. Bern u. a.: Lang 2004 (Eur. Hochschulschriften. 18, 112). Esders, Michael Begriffs-Gesten. Philosophie als kurze Prosa von Friedrich Schlegel bis Adorno. Frankfurt u. a.: Lang 2000 (Literatur als Sprache 14). Febel, Gisela Aphorismus in Frankreich und Deutschland. Zum Spiel als Textstruktur. Frankfurt, Bern: Lang 1985 (Europäische Hochschulschriften. 18, 30.) (Zuerst Phil. Diss. Stuttgart 1983). Fedler, Stephan Der Aphorismus. Begriffsspiel zwischen Philosophie und Poesie. Stuttgart: Verlag f. Wiss. u. Forschg. 1992. Fricke, Harald Aphorismus. Stuttgart: Metzler 1984 (Sammlung Metzler 208). Fürnkäs, Josef Vom Ideenparadies zur Provinz des Menschen. Kurze Geschichte des Aphorismus. In: Zwischenzeiten. Zwischenwelten. Festschrift für Kozo Hirao. Hg. von Josef Fürnkäs. Frankfurt u. a.: Lang 2001, S. 507-526. Geary, James The World in a Phrase. A brief History of the Aphorism. New York: Bloomsbury 2006. Genetti, Stefano (Hg.): Forme brevi, frammenti, intarsi. Verona: Fiorini 2006. Göttsche, Dirk Kleine Prosa in Moderne und Gegenwart. Münster: Aschendorff 2006 (Literaturwissenschaft. Theorie und Beispiele 8) Greiner-Kemptner, Ulrike Subjekt und Fragment. Textpraxis in der (Post-)Moderne. Aphoristische Strukturen in Texten von Peter Handke, Botho Strauß, Jürgen Becker, Thomas Bernhard, Wolfgang Hildesheimer, Felix Ph. Ingold und André Heiz. Stuttgart: Heinz 1990 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik. Salzburger Beiträge 20). Helmich, Werner Der moderne französische Aphorismus. Innovation und Gattungsreflexion. Tübingen: Niemeyer 1991 (mimesis 9) Jäger, Christian Vom Sudelbuch zum aphoristischen Zeitalter. Über den Funktionswandel der aphoristischen Produktionen zwischen Lichtenberg und Feuchtersleben. In: Kleine Prosa. <?page no="316"?> 314 Anhang Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Hg. von Th. Althaus, W. Bunzel und D. Göttsche. Tübingen: Niemeyer 2007, S. 75-88. Johnston, William M. Karl Kraus und die Wiener Schule der Aphoristiker. In: Literatur und Kritik 211/ 212, 1987, S. 11-24. Kaszy ski, Stefan H. Kleine Geschichte des österreichischen Aphorismus. Tübingen, Basel: Francke 1999 (Edition Patmos 2). - Weltbilder des Intellekts. Erkundungen zur Geschichte des österreichischen Aphorismus. 2. verbesserte und erweiterte Auflage. Wroclaw: ATUT 2005. Lappe, Thomas Die Aufzeichnung. Typologie einer literarischen Kurzform im 20. Jahrhundert. Aachen: Alano 1991 (Phil. Diss. Paderborn 1990/ 91). Meyer, Urs Les moralistes allemands? La naissance de l’aphorisme dans la litterature allemande et la réception des moralistes français au XVIIIe siècle. In: Marie-Jeanne Ortemann (Hg.): Fragment(s), fragmentation, aphorisme poétique. Nantes: Centre de recherches sur les Identités Nationales et l'Interculturalité 1998, S. 147-156. Mieder, Wolfgang Sprichwörtliche Aphorismen. Von Georg Christoph Lichtenberg bis Elazar Benyoëtz. Wien: Edition Praesens 1999. Montandon, Alain Les formes brèves. Paris: Hachette 1992. Neumann, Gerhard Ideenparadiese. Vgl. Sekundärliteratur zu Lichtenberg - (Hg.): Der Aphorismus. Zur Geschichte, zu den Formen und Möglichkeiten einer literarischen Gattung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1976 (Wege der Forschung 356). - Das Konzept der Moderne in der deutschen Aphoristik um 1800. In: Biason (Hg.) L’Europa degli aforisti. Bd. II, S. 109-127. Ortemann, Marie-Jeanne (Hg.) Fragment(s), fragmentation, aphorisme poétique. Nantes: Centre de recherches sur les Identités Nationales et l'Interculturalité 1998. Ostermann, Eberhard Der Begriff des Fragments als Leitmetapher der ästhetischen Moderne. In: Athenäum. Jb. f. Romantik 1, 1991, S. 189-205. - Fragment / Aphorismus. In: Helmut Schanze (Hg.): Romantik-Handbuch. Stuttgart: Kröner 1994, S. 276-288. Ruozzi, Gino (Hg.) Teoria e storia dell’aforisma. Milano: Mondadori 2004. <?page no="317"?> Literatur 315 Spicker, Friedemann Der Aphorismus. Begriff und Gattung von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1912. Berlin: de Gruyter 1997 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 11). - Studien zum deutschen Aphorismus im 20. Jahrhundert. Tübingen: Niemeyer 2000 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 79). - Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert. Spiel, Bild, Erkenntnis. Tübingen: Niemeyer 2004. - Der Aphorismus im Exil. In: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 3, Teil 3. Hg. von John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt, Sandra H. Hawrylchak. Bern, München: Saur 2002, S. 243-271. - Herzdenken. Zu einem konstitutiven Leitmotiv in der deutschen Aphoristik des 20. Jahrhunderts. In: Sprachkunst 34, 2003, S. 87-113. - „Zur Männer- und Frauenfrage“ oder Herrenwitz und Frauenbild. Weibliche und männliche Aphoristik im 20. Jahrhundert. In: Lichtenberg-Jahrbuch 2005, S. 98-155. - Zur Rezeption von St. Jerzy Lec in der deutschsprachigen Aphoristik. In: Convivium 2005, S. 141-161. - Aphoristische Doppelgänger. Aphorismus und Fiktionalität. In: Pensées - Pensieri - Pensamientos. Dargestellte Gedankenwelten in den Literaturen der Romania. Fs. für Werner Helmich. Hg. von Klaus Ertler und Siegbert Himmmelsbach. Wien: LIT 2006 (Austria: Forschung und Wissenschaft. Literatur Band 4), S. 39-77. - Mystik und Aphorismus. Mystik-Modelle des 20. Jahrhunderts in aphoristisch bestimmten Mischgattungen der Moderne. In: Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Hg. von Thomas Althaus, Wolfgang Bunzel und Dirk Göttsche. Tübingen: Niemeyer 2007, S. 315-328. Wachinger, Burghart Kleinstformen der Literatur. In: Kleinstformen der Literatur. Hg. von W. Haug und B. Wachinger. Tübingen: Niemeyer 1994 (Fortuna vitrea 14), S. 1-37. Weissenberger, Klaus La „Exilaphoristik“: la ricerca di un senso dinanzi all’assurdo. In: Configurazioni dell’aforisma. Band 1. Hg. von Giulia Cantarutti. Bologna: CLUEB 2000 (Strumenti 16), S. 239-267. <?page no="318"?> 316 Anhang 3. Anthologien Fieguth, Gerhard (Hg.): Deutsche Aphorismen. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Stuttgart: Reclam 1994 (RUB 9889). Fricke, Harald, Urs Meyer (Hg.): Abgerissene Einfälle. Deutsche Aphorismen des 18. Jahrhunderts. München: Beck 1998. Hindermann, Federico, Bernhard Heinser (Hg.): Deutsche Aphorismen aus drei Jahrhunderten. 2. Auflage. Zürich: Manesse 1987. Hoffmann, Heinrich (von Fallersleben) (Hg.): Spenden zur deutschen Litteraturgeschichte. 1. Bändchen: Aphorismen und Sprichwörter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist politischen Inhalts. Leipzig: Engelmann 1844Kaszy ski, Stefan H. (Hg.): Die Stimme des Intellekts ist leise. Österreichische Aphorismen. Poznan: ars nova 2000. Simon, Dietrich (Hg.): Eine ganze Milchstraße von Einfällen. Aphorismen von Lichtenberg bis Raabe. Rostock: Hinstorff 1974 (auch: München: Hanser 1975). Spicker, Friedemann (Hg.): Aphorismen der Weltliteratur. Stuttgart: Reclam 1999. <?page no="319"?> Personenregister 317 III. Personenregister A Adorno, Theodor W. 60, 68, 154, 179, 187, 188-189, 196, 227, 228, 229, 258, 263 Agricola, Johannes 12 Aichinger, Ilse 212, 248-249, 264, 265, 266 Aigner, Christoph Wilhelm 213 Altenberg, Peter 76, 134, 140-142, 189 Amanshauser, Gerhard 213 Anders, Günther 189 Andreas-Salomé, Lou 105 Angelus Silesius 69, 70, 135 Anzengruber, Ludwig 101 Arent, Wilhelm 135 Arndt, Hans 198, 206, 208, 209 Arntzen, Helmut 154, 187, 194-195 Astel, Arnfried 187, 229, 243-244 Auerbach, Berthold 40, 97, 98-100, 112, 131 Auernheimer, Raoul 160 B Bacon, Francis 12, 13, 16, 29, 61, 79, 95 Baer-Oberdorf, Salomon 128-129, 160, 235 Baermann Steiner, Franz s. Steiner Baeumler, Alfred 173 Bahnsen, Julius 101, 103 Banck, Otto 101, 102-103 Bartels, Adolf 173, 175 Becher, Johannes R. 221, 226 Benjamin, Walter 32, 60, 70, 87, 154, 187, 188, 189, 227, 273 Benn, Gottfried 120 Bense, Max 239 Benyoëtz, Elazar 70, 154, 179, 181, 186, 187, 212, 227, 244-247, 264, 265, 266 Benz, Richard 96, 172, 178, 179, 185, 187, 197 Benzenberg, Johann Friedrich 269 Berg, Birgit 229 Bergengruen, Werner 196 Bertram, Ernst 70, 172, 174-177, 186, 197, 225 Beutelrock, Friedl 201 Beutin, Wolfgang 229 Bias s. Gaunersdorfer, Johann Bierce, Ambrose 136, 237, 238 Binding, Rudolf G. 173, 174 Bittner, Wolfgang 229 Bloch, Ernst 32, 145, 189 Blomberg, Hans Hermann von 126 Blumenbach, Johann Friedrich 95 Blunck, Hans Friedrich 172, 174, 175 Böcker, Juliane 201 Böhme, Jakob 48, 49 Boerhaave, Hermann 11, 235 Börne, Ludwig 42, 54, 57, 63-67, 68, 82, 83, 92, 93, 96, 97, 102, 153 Bohse, August 18 Borchardt, Rudolf 155, 181 Borges, Jorge Luis 254 Branstner, Gerhard 221 Brecht, Bertolt 31, 52, 60, 61, 68, 89, 170, 180-181, 185, 186, 224, 237, 238, 242, 243, 274 Brie, André 154, 222, 223 Brock, Erich 213, 218, 219, 225 Buber, Martin 143 Buchinger, Otto 235 Burckhardt, Jacob 178 Burkart, Erika 249 Busch, Wilhelm 122 Butschky, Samuel von 12 C Canetti, Elias 14, 32, 120, 154, 166, 179, 182, 186, 206, 212, 227, 247, 249, 251-253, 262, 264, 265, 266 <?page no="320"?> 318 Anhang Capellmann, Othmar 106, 201, 209, 211 Carmen Sylva (d. i. Elisabeth von Rumänien) 125 Celan, Paul 166, 241, 266 Chamfort, Nicolas 12, 14, 36, 53, 70, 95, 127 Char, René 162, 241 Chargaff, Erwin 32, 154, 179, 187, 209, 227, 240, 264, 265 Cioran, E. M. 195 Claudius, Matthias 77 Coryllis, Peter (d. i. Walter Auerbach) 201, 211 Cossmann, Paul Nikolaus 127 Crn evi , Brana 231 Cwojdrak, Günther 222, 223 Cybinski, Nikolaus 232, 233, 264 Czernin, Franz-Josef 154, 212, 261- 263, 264, 265 D Dallago, Carl 119, 152, 239 Darwin, Charles 174 Davi, Hans Leopold 220 Dedecius, Karl 230 Deschner, Karlheinz 47, 232, 234 Diettrich, Fritz 187, 198, 199 Doderer, Heimito von 172, 209-211, 212, 225, 226, 238 Dovifat, Emil 173 Drescher, Horst 224-225, 226 E Ebner, Ferdinand 154, 187, 190, 191- 192, 194, 196 Ebner-Eschenbach, Marie von 13, 42, 96, 98, 106-112, 124, 127, 129, 131, 137, 147, 200, 208, 236 Ecard, Ludwig (d. i. Cordelia Ludwig) 137 Eckermann, Johann Peter 38 Eckhart, Meister 139 Edel, Gottfried 235 Ehrenforth, Werner 84, 222-223 Ehrlich, Walter 22, 194 Ehrmann, Marianne 19, 20, 23 Einsiedel, August von 24-25, 68 Eisenreich, Herbert 172, 211, 225, 239 Eisner, Kurt 143 Emerson, Ralph Waldo 165 Emge, Carl August 194 Engel, Eduard 106, 271 Erasmus von Rotterdam 12, 50 Erckenbrecht, Ulrich 154, 187, 227, 228-229, 231 Erhardt, Heinz 230 Ernst, Otto 119 Eschker, Wolfgang 230, 231 Eschmann, Ernst Wilhelm 172, 177, 187, 197, 198, 225, 226 Esders, Michael 94, 271 Euringer, Richard 173, 174, 175, 179, 185 F Fabri, Albrecht 239 Fähnrich, Anton 80-81, 83, 96 Falk, Johann Daniel 21 Fechter, Paul 173, 175 Felner, Ignaz 19, 43 Feuchtersleben, Ernst Freiherr von 10, 42, 69, 72-77, 83, 84, 90, 96, 97, 99, 134, 141, 235 Feuerbach, Ludwig 78-80, 81, 96 Fick, Joseph 101-102, 103 Finck, Werner 230 Fink, Arthur-Hermann 194 Fischer, Wilhelm 106, 119, 140, 166, 272 Fouqué, Friedrich de la Motte 69, 70 Franz Joseph, Kaiser 101 Freud, Sigmund 31 Fricke, Harald 94, 268, 271 Fried, Erich 187, 242, 243 Friedell, Egon 153, 171 Friedländer, Max Jacob 194 Fringeli, Dieter 213, 220, 226, 241 Fritz, Walter Helmut 241 Fuchs, Marierose 201 Füssli, Heinrich 194 Funke, Hermann 233, 234 <?page no="321"?> Personenregister 319 G Galenus, Claudius 11, 235 Garin, Paul 128 Garve, Christian 20 Gaunersdorfer, Johann 122 Genazino, Wilhelm 260-261, 264, 265 Gentz, Friedrich von 71 George, Stefan 172 Gerescher, Konrad 274 Gerhardt(-Amyntor), Dagobert von 125 Gerland, Heinrich 131, 134 Gernhardt, Robert 230 Gersuny, Robert 106, 235 Geyer, Hans Fritz (d. i. Hans Rütter) 187, 194, 196, 213, 215 Glassbrenner, Adolf 42, 81, 83 Görres, Joseph von 21, 194 Goethe, Johann Wolfgang von 17, 23, 24, 27, 28, 32, 38-41, 43, 45, 55, 62, 69, 72, 73, 75, 78, 84, 90, 91, 99, 100, 103, 104, 108, 112, 113, 119, 130, 131, 134, 140, 153, 155, 156, 160, 166, 167, 169, 171, 183, 186, 194, 196, 197, 200, 202, 208, 214, 250, 256, 272 Gött, Emil 119, 129-130, 138 Göttsche, Dirk 141, 272 Goldscheider, Ludwig 160 Goldschmidt, Moritz 122-123 Gottlieb, Margret 202 Gottschall, Rudolf 83 Gracián, Balthasar 11, 17, 18, 45, 94, 95, 96, 118 Graff, Sigmund 200, 225 Grillparzer, Franz 42, 70, 90-91, 140 Grünewald, Alfred 146, 153 Günther, Joachim (Ps. Johann Siering) 204, 208, 209, 226, 239, 247 Gürster, Eugen 208 Guicciardini, Francesco 11 Gutzkow, Karl 55, 76, 97-98, 105, 107, 108-111 H Haecker, Theodor 120, 154, 178-179, 180, 185, 186, 197 Hafink siehe Fink, Arthur-Hermann Hamann, Johann Georg 22, 35, 61, 68, 80, 102 Handke, Peter 38, 166, 197, 212, 234, 249, 255-258, 259, 264, 265, 266 Harsdörffer, Georg Philipp 12 Hartmann, Eduard von 22 Hartung, Rudolf 249 Hasenclever, Walter 143 Hassencamp, Oliver 231 Haufe, Eberhard 269 Hauptmann, Gerhart 40, 166, 169, 170, 172 Hauschka, Ernst 201 Hazlitt, William 80 Hebbel, Friedrich 42, 69, 70, 72, 83- 90, 91, 96, 111, 140, 161, 191, 209, 247, 251 Hecker, Max 39 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 41, 167, 189 Heidegger, Martin 167, 197 Heimann, Moritz 169, 170 Heine, Heinrich 42, 91, 92-93 Heinse, Wilhelm 23 Heinzmann, Johann Georg 19 Helmich, Werner 272, 273 Henscheid, Eckhard 230 Herder, Johann Gottfried 17, 24, 35 Heuschele, Otto 9, 38, 172, 177, 187, 197, 198-199, 225 Heyse, Gerd W. 223 Hille, Peter 55, 86, 93, 134, 135-136, 139, 141, 237, 238 Hiller, Kurt 119, 142, 144, 145, 146, 152, 153, 170, 273 Hilsbecher, Walter 248, 249 Hippel, Theodor Gottlieb 23 Hippokrates 11, 17, 21, 141, 235, 236 Hitler, Adolf 170, 173, 174 Hoffmann von Fallersleben, Heinrich 12 Hofmannsthal, Hugo von 40, 119, 134, 155-157, 159, 166, 167, 171, <?page no="322"?> 320 Anhang 183, 186, 187, 196, 198, 208, 209, 247 Hofmiller, Josef 196 Hohenemser, Ernst (Ps. Alexander Frauentraud) 121, 131, 132-133 Hohl, Ludwig 32, 213-215, 218, 219, 225, 226 Hommel, Karl Ferdinand 22 Horkheimer, Max (Ps. Heinrich Regius) 179, 187, 188, 189 Horstmann, Ulrich 195 I Immermann, Karl Leberecht 78 Ingold, Felix Philipp 213, 215, 220, 226, 249 J Jacob, Max 162, 241 Jacobi, Friedrich Heinrich 23-24, 25, 68 Janetschek, Albert 212 Janowski, Hans Norbert 235 Janz, Curt Paul 271 Jaschke, Gerhard 212, 226 Jassoy, Daniel Ludwig (Ps. Jonath. Kurzrock) 53-55, 57, 92 Jean Paul 17, 19, 21, 23, 27, 32-35, 48, 55, 56, 63, 64, 81, 82, 84, 86, 93, 136, 157, 237 Jerns, Gert Udo 229 Jochmann, Carl Gustav 10, 42, 57- 63, 67, 68, 92 Joubert, Joseph 85, 247, 251 Jünger, Ernst 32, 96, 120, 127, 172- 173, 177, 197, 249-250, 264, 272 Jünger, Friedrich Georg 172, 187, 197, 198 K Kästner, Erich 170, 212, 242 Kästner, Johann Abraham Gotthelf 22, 25 Käufer, Hugo Ernst 229, 244 Kafka, Franz 84, 155, 160-163, 165, 172, 182, 183, 184, 186, 187, 196, 198, 206, 226, 241, 245, 247, 249, 253, 262, 266 Kaiser, Georg 195 Kalischer, Erwin 128 Kanehl, Oskar 143 Kant, Immanuel 41 Kasper, Hans (d. i. Dietrich Huber) 198, 206-207, 208, 209, 226, 233 Kassner, Rudolf 172, 187, 190, 192- 194, 197 Kaszy ski, Stefan H. 90, 92 Kaufmann, Walter 114 Keller, Hans Peter 241, 266 Kersten, Hanns-Hermann 231 Kessel, Martin 38, 172, 178, 197, 198, 202-204, 208, 225, 226, 274 Kierkegaard, Søren 120, 161, 179, 180, 191 Klinger, Friedrich Maximilian 42-49, 53, 54, 57, 67, 92, 129 Klopstock, Friedrich Gotlieb 23, 25 Knigge, Adolph Franz Friedrich von 17, 18, 23, 63, 77, 125 Knigge, Philippine von 125 Koch, Klaus 223 Kollath, Werner 235 Koller, Benedikt Joseph 21 Kolumbus 31 Koopmann, Helmut 92, 270 Kotzebue, August von 125 Kraft, Werner 154, 181-182, 183, 187, 209, 246 Krailsheimer, Hans 208 Kraus, Karl 40, 51, 60, 61, 62, 66, 67, 68, 70, 83, 96, 106, 109, 111, 119, 121, 123, 127, 128, 130, 134, 140, 144, 145, 146, 147-152, 153, 154, 155, 157, 158, 159, 160, 163, 164, 165, 168, 170, 171, 172, 175, 179, 181, 182, 183, 186, 187, 189, 190, 192, 195, 196, 198, 208, 209, 212, 222, 223, 224, 226, 227, 228, 231, 237, 238, 240, 242, 247, 251, 264, 265, 269 Krüger, Heinz 271 Kubowsky, Manfred 274 <?page no="323"?> Personenregister 321 Kudszus, Hans 9, 198, 204-205, 208, 209, 226, 239, 249 Kuh, Anton 153-154, 171 Kuhlmann, Fridel Marie 201 Kuhn, Elisabeth 113 Kunad, Paul 125 Kunert, Günter 187, 242-243 Kunze, Reiner 187, 242, 243 Kurz, Isolde 119, 137 L La Bruyère, Jean de 14, 18, 21, 32, 34, 70, 95, 129, 155, 206, 251 La Rochefoucauld, François de 11, 12, 13, 14, 16, 18, 19, 20, 21, 72, 80, 95, 106, 107, 132, 176 Lafontaine, August 20, 125 Lamprecht, Helmut 187, 227, 228 Lange, Hartmut 249 Lappe, Thomas 274 Laub, Gabriel 227, 230-231, 236 Lauber, Cécile 201 Lavater, Johann Caspar 17, 18-19, 26, 48 Le Fort, Gertrud von 196, 201 Lec, Stanislaw Jerzy 221, 222, 226, 228, 230, 231, 233, 241, 264, 265 Leisegang, Dieter 241-242 Leitzmann, Albert 194, 267 Leixner, Otto von 125 Lenau, Nikolaus 93 Lenin, Wladimir Iljitsch 180 Leonhard, Rudolf 9, 142, 144, 145- 146, 152, 170 Leopardi, Giacomo 247 Lessing, Gotthold Ephraim 22, 102 Levy, Oscar 143 Lichtenberg, Georg Christoph 10, 12, 13, 14, 17, 18, 24, 27, 28-32, 34, 35, 41, 49, 50, 52, 53, 56, 61, 63, 68, 69, 72, 77, 78, 79, 80, 81, 84, 87, 90, 95, 96, 97, 100, 101, 105, 107, 112, 113, 129, 133, 147, 153, 157, 160, 161, 162, 164, 165, 170, 190, 191, 192, 194, 202, 208, 211, 214, 222, 228, 230, 231, 237, 240, 241, 250, 251, 254, 257, 265, 267, 269 Liebermann, Max 171 Linke, Johannes 125 Lissauer, Ernst 169, 170, 171 Lohberger, Hans 211-212 Loos, Adolf 149 Luther, Martin 35 M Maiwald, Peter 244 Marc, Franz 143, 144, 145, 146 Marcuse, Ludwig 238 Margolius, Hans 106, 184-185, 186, 194, 196, 199, 200 Marti, Kurt 187, 213, 219-220, 226, 239 Marx, Karl 25, 180 Matter, Mani 215 Maurina, Zenta 201 Mauthner, Fritz 139 Mayer, Ruth 220, 238 Mayreder, Rosa 106, 137-138 Meister, Ernst 199-200, 241 Menzel, Wolfgang 55-57, 65, 68, 92, 136 Meyer, Theo 113 Michaux, Henri 241 Mitsch, Werner 231, 232 Mocker, Wolfgang 223 Mohr, Johann Jacob 40, 97, 103-105, 112, 128, 271 Montaigne, Michel Eyquem de 12, 14, 21, 32, 34, 107, 248 Montesquieu, Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède et de 27 Moore, Erna M. 267 Morgenstern, Christian 40, 96, 119, 121, 134, 135, 138-140 Moritz, Karl Philipp 22, 25 Moser, Friedrich Carl von 22 Moser, Hans Albrecht 96, 213, 215- 218, 219, 220, 225, 226, 247 Müller, Jupp 223 Münzer, Richard 106, 131-132, 140 Musil, Robert 32, 119, 155, 163-164, 165, 172, 174, 179, 186, 242 <?page no="324"?> 322 Anhang Mutschelle, Sebastian 20, 25-27, 51, 157 N Nacht, Johannes 136 Nadel, Arno 119, 130-131, 134 Nadler, Josef 173 Nestroy, Johann 67, 83, 91-92, 93, 147, 150, 170, 190 Neuhäusler, Anton (Ps. Josef Meier O'Mayr) 187, 194 Neumann, Gerhard 41, 251, 273 Niederreuther, Thomas 208 Nietzsche, Friedrich 13, 14, 24, 32, 38, 40, 42, 68, 79, 94, 95, 105, 106, 112-120, 121, 125, 129, 133, 134, 136, 143, 144, 145, 146, 147, 152, 153, 160, 165, 167, 173, 174, 178, 179, 189, 211, 227, 228, 242, 250, 251 Novalis 10, 17, 21, 27, 36, 37-38, 49, 56, 68, 69, 70, 135, 153, 155 Nudow, Heinrich 21, 235 O Oelsner, Konrad Engelbert 21, 57, 69, 269 Oertzen, Georg von 124-125, 166 Okopenko, Andreas 238 Ostermann, Eberhard 274 P Paracelsus 11, 235 Pascal, Blaise 12, 13, 14, 18, 19, 53, 61, 161, 180, 204, 246, 251 Paulsen, Rudolf 174 Pauly, August 272 Pflaum, Johann Christoph Ludwig 23 Platen, August von 21, 32, 42, 77-78 Platner, Ernst 21, 32, 43, 45, 49, 77, 84, 95, 96, 235 Plutarch 11, 49 Polgar, Alfred 153, 172, 179, 196, 209 Pollak, Felix 154, 181, 182, 187, 209 R Raabe, Wilhelm 93 Radbruch, Gustav 195 Rathenau, Walther 129, 130, 134 Rauner, Liselotte 229, 244 Rée, Paul 97, 105, 128 Reichert, Willy 230 Renard, Jules 209, 241, 247 Renner, Felix (Ps. Beat Läufer) 220 Riedinger, Franz 94 Riehl, Alois 271 Riemer, Johann 12, 22 Rilke, Phia 137 Rilke, Rainer Maria 193 Rivarol, Antoine de 250 Roderich, Albert (d. i. Albert Rosental) 122 Rolfs, Rudolf 229, 230, 237 Ronner, Markus M. 220 Rowohlt, Ernst 143 Rumpf, Michael 232, 233-234, 264 Rychner, Max 218-219 S Sablé, Madame de 70 Sailer, Johann Michael 23 Salis, Richard 235 Salomo 19, 26, 61 Saphir, Moritz Gottlieb 81-83 Schaukal, Richard von 155, 159-160, 171, 172 Schelling, Friedrich Wilhelm 21 Schiller, Friedrich 61 Schlabrendorf, Gustav Graf von 57 Schlegel, August Wilhelm 14, 36 Schlegel, Friedrich 14, 17, 27, 35, 36- 37, 38, 41, 68 Schleiermacher, Friedrich 36 Schmidt, Aurel 237 Schmidt, Lothar 236 Schneyder, Werner 187, 209, 211, 212 Schnitzler, Arthur 86, 106, 119, 155, 157-159, 160, 161, 164, 165, 168, 171, 172, 174, 235, 242, 247 Schnurre, Wolfdietrich 32, 96, 249, 253-255 <?page no="325"?> Personenregister 323 Scholz, Wilhelm von 38, 120, 166, 167, 168, 169, 170, 171, 172, 186, 194, 197, 198, 225 Schopenhauer, Arthur 11, 14, 22, 32, 42, 69, 72, 79, 83, 94-96, 98, 101, 106, 107, 130, 133, 170, 178, 187, 192, 195, 196, 208, 250, 271 Schröder, Rudolf Alexander 119, 155, 166-168, 169, 170, 171, 199, 273 Schubart, Christian Friedrich Daniel 61 Schütt, Hans-Dieter 223 Schulz, Christian 20 Schulz, Joachim Christoph Friedrich 18, 19-20, 49 Schurz, Anton 93 Schweppenhäuser, Hermann 154, 187, 227-228 Seidel, Ina 201 Seneca 11, 49, 248 Serner, Walter 123, 143, 144 Seume, Johann Gottfried 20, 21, 24, 32, 42, 43, 48, 49-53, 54, 57, 67, 92 Simon, Dietrich 222 Sirius, Peter (d. i. Otto Kimmig) 121, 131 Skupy, Hans-Horst 230, 231 Sochatzky, Klaus 229 Sparre, Sulamith 242 Sparschuh, Jens 84 Sprenger, Werner 229, 236 Starck, Inge und Siegfried 236 Steiner, Franz Baermann 182-183, 186, 187, 245 Steiner, Rudolf 138 Stettenheim, Julius 122 Stieglitz, Charlotte 72 Stoessl, Otto 147 Strahl, Manfred 223 Strauß, Botho 38, 197, 258-259, 264, 265 Strauß, Ludwig 183-184, 186, 187, 196, 245, 246 Struve, Wolfgang 187, 194 Swedenborg, Emanuel 48 Swift, Jonathan 12, 61 T Tacitus 11, 49 Taubmann, Friedrich 17 Theophrast 206 Tönnies, Ilse 202 Troxler, Ignaz Paul Vitalis 69, 71, 235 Tschopp, Charles 213, 219 Tucholsky, Kurt 32, 161, 170-171, 172, 187, 206, 223 U Uhland, Ludwig 83 Uhlenbruck, Gerhard 231-232, 235 Unger, Josef 140 Ungers, Oswald Mathias 22 Usinger, Fritz 198, 199, 226, 239 V Varnhagen von Ense, Karl August 69 Varnhagen von Ense, Rahel 57, 69- 72, 73, 77, 83, 84, 96, 107 Vauvenargues, Luc de Clapiers, Marquis de 12, 14, 61, 107, 168, 176 Villers, Alexander von 70 Vischer, Friedrich Theodor 97, 100- 101 Voltaire 64 Vulpius, Christian August 23 W Waggerl, Karl Heinrich 106, 172, 209, 212 Wagner, Richard 133 Walser, Martin 260, 264, 265 Walters, Hellmut 235 Weber, Christian (Ps. Uri, D. Textor) 223 Weigel, Hans 209 Weininger, Otto 137 Weiß, Otto 94, 123, 125, 134, 140, 146 Weiß, Otto (2) 94 Wense, Jürgen von der 238 <?page no="326"?> 324 Anhang Werfel, Franz 179-180, 186, 209 Wertheimer, Emanuel 125, 127-128 Wieland, Christoph Martin 49 Wiener, Oswald 238 Wiesner, Heinrich 220, 226 Wilde, Oscar 147 Winter, Christian Friedrich 57 Wittgenstein, Ludwig 31, 154, 187, 190-191, 194 Wokart, Norbert 249 Wolff, Kurt 142 Wollschon, Gerd 230, 237 Z Zauper, Joseph Stanislaus 73 Zincgref, Julius Wilhelm 12 Zschokke, Heinrich 57 Zürn, Peter 236 <?page no="328"?> Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Postfach 25 60 · D-72015 Tübingen · Fax (0 7071) 97 97-11 Internet: www.francke.de · E-Mail: info@francke.de Literatur theorie ist in den letzten Jahrzehnten national und international zu einem der wichtigsten Bereiche der Literatur- und Kulturwissenschaften geworden. Ihr kommt damit eine grundlegende, kritisch-reflektorische und systematisch-orientierende Funktion für künftige Lehre und Forschung zu. Im Blick auf diese Situation wurde die Reihe ,Theorien der Literatur‘ konzipiert. Band III enthält Beiträge zu folgenden Themenbereichen: Theorien literarischer Kreativität, kulturwissenschaftliche Erzählforschung, Bachtins Erzähltheorie, Metapherntheorie, Theorien lyrischen Sprechens, Geschmackstheorie, Regionalismus, Allegorie, Aphoristik und Essayistik, italienischer Verismo, theologische Hermeneutik und Adornos ästhetische Theorie. Hans Vilmar Geppert / Hubert Zapf (Hg.) Theorien der Literatur III 2007, 288 Seiten, €[D] 39,90/ SFr 63,00 ISBN 978-3-7720-8222-X