eBooks

Die Weissagungen des Bakis aus Goethe enträtselt

"Schlüssel liegen im Buche zerstreut..."

0325
2015
978-3-7720-5562-1
978-3-7720-8562-8
A. Francke Verlag 
Eva Hoffmann

In den Wirren der napoleonischen Kriege um 1800 schlüpft Goethe in das Gewand des weisen Sehers Bakis, um in der Form verschlüsselter Weissagungen Zeitgenossen und künftige Leser anzuregen, über Gegenwartsprobleme sowie allgemeine Fragen des Lebens nachzudenken. Diese Texte in einem Zyklus von 32 Doppeldistichen geben bis heute Rätsel auf. Mit literarischem Spürsinn werden erstmals - konsequent aus Goethe und aus seinem Leben - alle Distichen erschlossen und so Wege zur Gesamtdeutung des Zyklus eröffnet.

9783772055621/9783772055621.pdf
<?page no="0"?> Eva Hoffmann Die Weissagungen des Bakis aus Goethe enträtselt „Schlüssel liegen im Buche zerstreut ...“ <?page no="1"?> Die Weissagungen des Bakis aus Goethe enträtselt <?page no="3"?> Die Weissagungen des Bakis aus Goethe enträtselt Eva Hoffmann im Buche zerstreut …“ „Schlüssel liegen <?page no="4"?> Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http: / / dnb.dnb.de> abrufbar. © 2015 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem und säurefreiem Werkdruckpapier. Internet: http: / / www.francke.de E-Mail: info@francke.de Satz: Informationsdesign D. Fratzke, Kirchentellinsfurt Printed in Germany ISBN 978-3-7720-8562-8 Umschlagabbildung aus Georgius Agricola, De re metallica libri XII. Basel 1556. <?page no="5"?> Für Elisabeth <?page no="7"?> 7 Inhalt Goethe: Weissagungen des Bakis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Die Weissagungen aus Goethe erläutert . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Einführende Bemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Text-Erkundungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 „Wünschelruten“ zum Verständnis der Weissagungen aus Goethes Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Literatur über die Weissagungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Goethe-Ausgaben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Benutzte Primär- und Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Benutzte Nachschlagewerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 <?page no="9"?> 9 Goethe: Weissagungen des Bakis Seltsam ist Propheten Lied; Doppelt seltsam, was geschieht. 1 Wahnsinn ruft man dem Kalchas, und Wahnsinn ruft man Kassandren, Eh’ man nach Ilion zog, wenn man von Ilion kommt. Wer kann hören das Morgen und Übermorgen? Nicht Einer! Denn was gestern und eh’ gestern gesprochen-- wer hörts? 2 Lang und schmal ist ein Weg. Sobald du ihn gehest, so wird er Breiter; aber du ziehst Schlangengewinde dir nach. Bist du an’s Ende gekommen, so werde der schreckliche Knoten Dir zur Blume, und du gib sie dem Ganzen dahin. 3 Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis; auch jetzt noch Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger, an. Wünschelruten sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die Schätze; Nur in der fühlenden Hand regt sich das magische Reis. 4 Wenn sich der Hals des Schwanes verkürzt und, mit Menschengesichte, Sich der prophetische Gast über den Spiegel bestrebt; Läßt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen entfallen, Ziehen dem Schwimmenden gleich goldene Ströme sich nach. 5 Zweie seh’ ich! den Großen! ich seh’ den Größern! Die Beiden Reiben, mit feindlicher Kraft, Einer den Andern sich auf. Hier ist Felsen und Land, und dort sind Felsen und Wellen! Welcher der Größere sei, redet die Parze nur aus. <?page no="10"?> 10 6 Kommt ein wandernder Fürst, auf kalter Schwelle zu schlafen, Schlinge Ceres den Kranz, stille verflechtend, um ihn; Dann verstummen die Hunde; es wird ein Geier ihn wecken, Und ein tätiges Volk freut sich des neuen Geschicks. 7 Sieben gehn verhüllt, und sieben mit offnem Gesichte. Jene fürchtet das Volk, fürchten die Großen der Welt. Aber die Andern sind’s, die Verräter! von Keinem erforschet; Denn ihr eigen Gesicht birget, als Maske, den Schalk. 8 Gestern war es noch nicht, und weder heute noch morgen Wird es, und jeder verspricht Nachbarn und Freunden es schon; Ja, er verspricht es den Feinden. So edel gehn wir ins neue Säklum hinüber, und leer bleibet die Hand und der Mund. 9 Mäuse laufen zusammen auf offnem Markte; der Wandrer Kommt, auf hölzernem Fuß, vierfach und klappernd heran. Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente vorüber: Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde dir hold. 10 Einsam schmückt sich, zu Hause, mit Gold und Seide die Jungfrau; Nicht vom Spiegel belehrt, fühlt sie das schickliche Kleid. Tritt sie hervor, so gleicht sie der Magd; nur Einer von Allen Kennt sie; es zeiget sein Aug’ ihr das vollendete Bild. 11 Ja, vom Jupiter rollt ihr, mächtig strömende Fluten, Über Ufer und Damm, Felder und Gärten mit fort. Einen seh’ ich! Er sitzt und harfeniert der Verwüstung; Aber der reißende Strom nimmt auch die Lieder hinweg. 12 Mächtig bist du! gebildet zugleich, und Alles verneigt sich, Wenn du, mit herrlichem Zug, über den Markt dich bewegst. Endlich ist er vorüber. Da lispelt fragend ein Jeder: War denn Gerechtigkeit auch in der Tugenden Zug? <?page no="11"?> 11 13 Mauern seh’ ich gestürzt, und Mauern seh’ ich errichtet, Hier Gefangene, dort auch der Gefangenen viel. Ist vielleicht nur die Welt ein großer Kerker? und frei ist Wohl der Tolle, der sich Ketten zu Kränzen erkiest. 14 Laß mich ruhen, ich schlafe.-- „Ich aber wache.“-- Mit nichten! -- „Träumst du? “-- Ich werde geliebt! -- „Freilich, du redest im Traum.“-- Wachender, sage, was hast du? -- „Da sieh nur alle die Schätze! “-- Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehn? 15 Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Rätsel zu lösen; Denn der prophetische Geist ruft den Verständigen an. Jene nenn’ ich die Klügsten, die leicht sich vom Tage belehren Lassen; es bringt wohl der Tag Rätsel und Lösung zugleich. 16 Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das Vergangne Ruht, verblendete Welt, oft als ein Rätsel vor dir. Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; Beides Schließt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an. 17 Tun die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das Wasser Über Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich. Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die Wohltat; Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen fest. 18 Sag’, was zählst du? -- „Ich zähle, damit ich die Zehne begreife, Dann ein andres Zehn, Hundert und Tausend hernach.“ Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest.-- „Und wie denn? “-- Sage zur Zehne: sei zehn! Dann sind die Tausende dein. 19 Hast du die Welle gesehen, die über das Ufer einher schlug? Siehe die zweite, sie kommt! rollet sich sprühend schon aus! Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du erwartest vergebens, Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt. <?page no="12"?> 12 20 Einem möcht’ ich gefallen! so denkt das Mädchen; den Zweiten Find’ ich edel und gut, aber er reizet mich nicht. Wäre der Dritte gewiß, so wäre mir dieser der Liebste. Ach, daß der Unbestand immer das Lieblichste bleibt! 21 Blaß erscheinest du mir, und tot dem Auge. Wie rufst du, Aus der innern Kraft, heiliges Leben empor? „Wär’ ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig genießen; Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg.“ 22 Zweimal färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden ins Braune, Bis das Braune sodann silbergediegen sich zeigt. Halb errate das Rätsel! so ist die andere Hälfte Völlig dir zu Gebot, daß du die erste bezwingst. 23 Was erschrickst du? -- „Hinweg, hinweg mit diesen Gespenstern! Zeige die Blume mir doch; zeig’ mir ein Menschengesicht! Ja, nun seh’ ich die Blumen; ich sehe die Menschengesichter.“-- Aber ich sehe dich nun selbst als betrognes Gespenst. 24 Einer rollet daher; es stehen ruhig die Neune: Nach vollendetem Lauf liegen die Viere gestreckt. Helden finden es schön, gewaltsam treffend zu wirken; Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu sein. 25 Wie viel Äpfel verlangst du für diese Blüten? -- „Ein Tausend; Denn der Blüten sind wohl Zwanzig der Tausende hier. Und von Zwanzig nur Einen, das find’ ich billig.“-- Du bist schon Glücklich, wenn du dereinst Einen von Tausend behältst. 26 Sprich, wie werd’ ich die Sperlinge los? so sagte der Gärtner: Und die Raupen dazu, ferner das Käfergeschlecht, Maulwurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte? -- „Laß sie nur Alle, so frißt Einer den Anderen auf.“ <?page no="13"?> 13 27 Klingeln hör’ ich: es sind die lustigen Schlittengeläute. Wie sich die Torheit doch selbst in der Kälte noch rührt! „Klingeln hörst du? Mich deucht, es ist die eigene Kappe, Die sich am Ofen dir leis’ um die Ohren bewegt.“ 28 Seht den Vogel! er fliegt von einem Baume zum andern. Nascht mit geschäftigem Pick unter den Früchten umher. Frag’ ihn, er plappert auch wohl, und wird dir offen versichern, Daß er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt. 29 Eines kenn’ ich verehrt, ja angebetet zu Fuße; Auf die Scheitel gestellt, wird es von Jedem verflucht. Eines kenn’ ich, und fest bedruckt es zufrieden die Lippe: Doch in dem zweiten Moment ist es der Abscheu der Welt. 30 Dieses ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das Gemeinste; Nun das Schönste, sogleich auch das Abscheulichste nun. Nur im Schlürfen genieße du das, und koste nicht tiefer: Unter dem reizenden Schaum sinket die Neige zu Grund. 31 Ein beweglicher Körper erfreut mich, ewig gewendet Erst nach Norden, und dann ernst nach der Tiefe hinab. Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den Winden Und sein ganzes Talent lös’t sich in Bücklingen auf. 32 Ewig wird er euch sein der Eine, der sich in Viele Teilt, und Einer jedoch, ewig der Einzige bleibt. Findet in Einem die Vielen, empfindet die Vielen, wie Einen; Und ihr habt den Beginn, habet das Ende der Kunst. 1 1 FA-2, S.-230 ff. <?page no="15"?> 15 Die Weissagungen aus Goethe erläutert Einführende Bemerkung Wie früher mit dem Hexen-Einmaleins, 2 bemerkte Goethe, quälten die Deutschen nun sich und ihn „mit den Weissagungen des Bakis 3 , und so manchem anderen Unsinn, den man dem schlichten Menschenverstande anzueignen gedenkt. Suchten sie doch die psychisch-sittlich-ästhetischen Rätsel, die in meinen Werken mit freigebigen Händen ausgestreut sind, sich anzueignen und sich ihre Lebensrätsel dadurch aufzuklären.“ 4 Eigentlich sollten die Distichen zahlreicher sein, damit schon die Masse verwirrt mache. Aber der gute Humor, der zu solchen Torheiten gehöre, sei leider nicht immer bei der Hand. 5 Laut Riemers Bericht hatte Goethe „die Absicht, auf jeden Tag im Jahre ein solches Distichon zu machen, damit es eine Art von Stechbüchlein in der Weise der ehemaligen Spruchkästlein würde, wie man sonst sich der Bibel, des Gesangbuches usw. bediente, aus einem zufällig aufgeschlagenen Vers ein gutes oder schlechtes Omen, Bestätigung oder Abmahnung und dergleichen herzunehmen oder wie die Alten ihren Homer und Virgil brauchten und daraus ihre sortes Homericas und Virgilianas zu ziehen pflegten.“ 6 Mag sein, daß Goethe mit solchen Äußerungen abzulenken suchte von seiner tatsächlichen Absicht, in den Weissagungen verschlüsselte Hinweise zu Geheimnissen in seinem Leben und Werk zu geben. Das Motto, das er den Distichen voransetzte, könnte darauf hinweisen: „Seltsam ist Propheten Lied; / Doppelt seltsam was geschieht.“ Die Sprüche beziehen sich nicht, wie man 2 Faust I. v. 2540-2552. 3 Weissagungen des Bakis, entstanden 1798 bis zur Jahrhundertwende, Erstdruck 1800. Goethes Äußerung im Brief an Zelter vom 4. 12. 1827; vgl. FA-2, S.-962. 4 Aussagesatz oder potentiale Wunschform (‚suchten sie doch stattdessen besser‘)? 5 An A. W. Schlegel am 20. 3. 1800, vgl. FA-2, S.-962. 6 Friedrich Wilhelm Riemer, Mitteilungen über Goethe, Auf Grund der Ausgabe von 1841 und des handschriftlichen Nachlasses, hrsg. von Arthur Pollmer, Leipzig 1921, S.-218. <?page no="16"?> 16 bei Prophezeiungen erwarten müßte, durchwegs auf die Zukunft, sondern befassen sich, betrachtend oder dialogisch, vielfach mit der Gegenwart oder der Vergangenheit. Bei allem bleibt das Motto mit seinem maßgebenden Wort „Doppelt“ gültig. Von der Art der Weissagekunst. Sie erkennt aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige, und den Sinn des Sinnlosen. 7 In seinen Bakis-Sprüchen schlüpft Goethe in das Gewand des Sehers und alten Lehrers, um wichtige persönliche Ansichten und Erkenntnisse, die dem Geist seiner Zeit nicht entsprachen, in verschlüsselter Form niederzulegen. Die Zeiten waren unruhig und gefährlich, in Europa herrschte Krieg. Vermutlicht wollte er Dinge festgehalten und möglicherweise für die Nachwelt hinterlegt wissen, die er damals, ohne Anstoß zu erregen, dem allgemeinen Publikum nicht zumuten konnte. Die Weissagungen sind deshalb mit Absicht dunkel gehalten. Dazu paßt auch, daß er das Gewicht, das der Zyklus für ihn besaß, herunterspielte, um so die Aufmerksamkeit des Publikums abzuschwächen: „Von meinen eigenen poetischen und schriftstellerischen Werken habe ich soviel zu sagen, daß die Weissagungen des Bakis mich nur einige Zeit unterhielten“, merkte er für das Jahr 1798 in den Annalen an. 8 Dennoch gibt er Handhaben dafür, daß der Text auch ernstgenommen werde. Vor allem nimmt er in den Sammlungen der Zahmen Xenien, meist kurzen Gelegenheitsgedichten vermischten Inhalts, wiederholt Bezug auf Bakis. 9 So tragen beispielsweise Zahme Xenien II 10 sogar den Untertitel: „Mit Bakis Weissagungen vermischt“, während Zahme Xenien III mit einem auf Bakis verweisenden Vierzeiler 11 beginnen. Auf den ersten Blick klingen einige dieser Distichen völlig realistisch, ja manchmal geradezu trivial, bis sich aus ihrem Zusammenhang untereinander oder aus Bezügen zu anderen Schriften eine tiefer angelegte Bedeutung auftut. Zuweilen wird die Aufmerksamkeit des Lesers bewußt vom Hauptgedanken in eine weniger wichtige Richtung abgelenkt. Umgekehrt gibt sich Goethe 7 Sprüche in Prosa, FA-13, S.-881 f. und Komm. 8 Tag- und Jahrehefte, FA-17, S.-64. 9 FA-2, S.-632 ff. 10 FA-2, S.-630 ff. 11 FA-2, S, 640. <?page no="17"?> 17 gelegentlich auch ganz klar hinter der Maske des Bakis zu erkennen, so wenn er sich zu eigenen Gedichten als zu nicht genügend wichtig genommenen Worten des Bakis äußert: „Bakis ist wieder auferstanden! “ Ja! Wie mir scheint in allen Landen. Überall hat er mehr Gewicht, Als hier im kleinen Reimgedicht. 12 * * * 12 FA-2, S.-632. <?page no="18"?> 18 Text-Erkundungen 1 Wahnsinn ruft man dem Kalchas, und Wahnsinn ruft man Kassandren, Eh’ man nach Ilion zog, wenn man von Ilion kommt. Wer kann hören das Morgen und Übermorgen? Nicht Einer! Denn was gestern und eh’gestern gesprochen-- wer hörts? Der erste Bakis-Spruch greift auf antike Literatur und mythische Vergangenheit zurück, um aber sogleich auch die zeitlose Gültigkeit der Thematik zu belegen. An dieser allerersten Stelle seines Zyklus hält Goethe mittels Analogie jenen Aspekt seiner eigenen Lebenswirklichkeit fest, der in „wiederholter Spiegelung“ 13 seinen Werken vielfach als Substrat zugrundeliegt. „Eh’ man nach Ilion zog,“ hemmte, wie man weiß, eine totale Windstille vor Aulis das Auslaufen der Schiffe und zugleich wütete eine tödliche Pest unter dem Volk. 14 Der Seher Kalchas, dessen Rat man einholte, wies das doppelte Unheil als Strafe dafür aus, daß König Agamemnon jagend eine der Artemis heilige Hindin getötet habe 15 und die Göttin nun die Opferung seiner eigenen Tochter als Sühne fordere. Odysseus, nie um Rat verlegen, ersinnt einen Plan, Iphigenie als erwählte Braut des völlig ahnungslosen Achilles mit ihrer Mutter nach Aulis zu locken, wozu Agamemnon aus Staatsräson zunächst seine Hand leiht, dann aber, so Euripides, 16 heimlich einen Brief nach Hause schickt, um Iphigenies Tod zu verhindern. Das zeigt, daß er das offensichtlich wahnsinnige Verdikt des Kalchas als ein solches erkennt. Seinem Bruder Menelaos, der mit dem Feldzug gegen Troja den Raub seiner Gemahlin Helena rächen möchte, ruft er zu: „In dir und Hellas rast ein Gott, der euch betört! “ 17 Der geheime Brief wird abgefangen, und damit ist nach menschlichem Ermessen das Schicksal Iphigenies besiegelt. Das Unverständnis gegenüber den Prophezeiungen Kassandras ist mit ihrem Sehertum eng verknüpft. Die Gabe hatte Apollon seiner Priesterin verliehen, doch als sie ihm nicht zu Willen war, 13 Vgl. E. H. 2011, Kapitel 9, S.-249 ff. 14 Euripides, Iphigenie in Aulis, v. 87, in Sämtliche Tragödien, nach der Übersetzung von J. J. Donner, bearb. von Richard Kannicht, Stuttgart 1958. S.-67 ff. 15 Vgl. Benjamin Hederich, Gründliches Mythologisches Lexikon, Nachdruck nach dem Orignal von 1770. Darmstadt 1986, Sp.134. 16 Euripides, Iphigenie in Aulis, v. 114-143, Sämtliche Tragödien, a. a. O. S.-73 ff. 17 Euripides., Iphigenie in Aulis, v. 411; a. a. O. S.-84. <?page no="19"?> 19 sie damit bestraft, daß ihr Vorwissen drohenden Unheils von den Gewarnten nicht geglaubt wird. 18 Kassandras Prophezeiungen wurden also grundsätzlich nicht ernstgenommen, und so hätte es der zeitlichen Festlegung: „wenn man von Ilion kommt“ als Hinweis auf die Unbelehrbarkeit der Menschen gar nicht erst bedurft. „Wahnsinn“ rufen sie und lassen den Dingen ihren Lauf. Nun ist das das Szenario Mykene. Hierher war nach Trojas Untergang Kassandra, die Tochter seines Königs Priamos, als Sklavin des heimkehrenden Siegers Agamemnon verschifft worden. In einem Gespräch mit den Mykenern, vertreten durch deren Chorführer, weissagt sie die drohende Ermordung des Königs durch seine haßerfüllte Ehefrau Klytaimestra: […] Der Unterwelt entstiegene Mutter, rasende! Den Ihren schnaubt sie unversöhnlichen Krieg. Wie wenn Die Schlacht sich wendet, jauchzte sie, Allkühne, auf, Und heuchelt Freude, daß er glücklich heimgekehrt. Ob du mir glaubst, ob nicht, ist eins. Wär’s anders denn? Was soll, das kommt. Und du bist da und nennst mich bald Erschüttert eine nur zu wahre Seherin. 19 Und wieder: „Ich sage: Agamemnons Ende wirst du sehn.“ Der Vertreter des Volkes widerspricht und warnt: „Unselige! Hüte dich! Beschwichtige deinen Mund! “ Im Verlauf der folgenden Stichomythie 20 weist sie erneut auf den bevorstehenden Mord Klytaimestras an dem heimkehrenden Gatten hin, stößt aber auf Unglauben: „Wer ist der Mann, der dies Entsetzliche vollbringt? “ Sie antwortet: „Verloren hast du gänzlich meiner Sprüche Spur.“ Und der Chorführer: „Unfaßlich bleibt mir, wer den Plan vollenden wird.“ Unverstanden wie immer, hadert sie mit Apollon, wirft Stab und Halsband, die Zeichen ihres Standes, zu Boden. Dann zerreißt sie in Trance ihr Priesterinnengewand: Der Seherin. Und hat doch auch in diesem Schmuck Mich schon gesehen, unzweideutigem Gespött Von Freunden, die mir Feinde waren, ausgesetzt. […] 18 Vgl. Aischylos, Die Orestie. Deutsch von Emil Staiger, Agamemnon, v. 1202- 1213, Reclam, Stuttgart 1958. 19 Ag., v. 1235-1241. 20 Ag., v. 1246-1255. <?page no="20"?> 20 Und nun, der Seher, der mich schuf zur Seherin, Nun führt er mich in dieses tödliche Geschick. Statt des Altars des Vaters wartet mein der Block, Vom heißen Opfer der Erschlagenen purpurrot. Doch unsere Ehre wahren Götter auch im Tod. Es wird ein andrer nämlich kommen, der uns sühnt, Des Vaters Rächer, muttermörderischer Sproß, Der seinem Lande fremd ist, als Verbannter irrt, Kehrt heim und türmt zum Gipfel des Geschlechtes Fluch. […] 21 Orestes wird kommen und den Vater rächen, indem er die Mutter erdolcht. Dann denkt Kassandra ihrem eigenen Schicksal nach, dem, wie sie fürchtet, Vergessen beschieden sein wird: Ein Wort noch will ich sprechen, sei’s auch um mich selbst Die Totenklage nur. Zu Helios flehe ich Bei diesem letzten Strahl des Lichts: Wenn einst der Mord An meinem Herrn gerächt wird, dann gedenkt auch mein, Der Sklavin, welche mühelos überwältigt fiel. O menschlich Tun und Wandeln! Was da lebt im Glück, Ein Schatten kann es wenden. Doch wo Unglück ist, Ein Schwamm, nur leicht befeuchtet, löscht das Schriftbild aus. Weit mehr beklag ich dies Geschick als meinen Tod. 22 Später scheint Kassandra nur mehr als Tote auf, während Klytaimestra über den beiden Leichen ihren gewaltigen Monolog der Abrechnung und Selbstrechtfertigung hält. Strafe des Gatten für seine eheliche Untreue, aber vor allem für den doppelten Verrat an ihr und dem totgeglaubten Lieblingskind Iphigenie- - so die Begründung der Tötung Agamemnons und Kassandras. 23 Damit schließt sich der Kreis zum Seherspruch des Kalchas: Mädchenopfer dort wie hier.-- Was Klytaimestra nicht weiß, ist, daß Iphigenie im letzten Moment, schon auf dem Opferaltar, von Artemis heimlich durch eine Hirschkuh ersetzt und nach Tauris entrückt wurde. In den Geschicken der beiden Jungfrauen tritt, zeitlich verschoben um zehn Jahre, eine erschreckende Verschlungenheit zutage, auch Kassandra galt ja nach dem Sieg über Troja als dem 21 Ag., v. 1269-1283. 22 Ag., v. 1322-1330. 23 Ebda. v. 1413-1420. <?page no="21"?> 21 Agamemnon zugehörig. Doppelt erschreckend das wieder mit seinem Namen verknüpfte zweite Mädchenopfer. In meinem Buch Goethe aus Goethe gedeutet habe ich zu zeigen versucht, welch zentrale und lebenslange Bedeutung seine Schwester für Goethe innehatte. Die Annahme, daß Cornelia von den Eltern zur Ehe mit J. G. Schlosser gedrängt („beredet“ 24 ) worden war, in der sie, vier verzweifelte Jahre später, nach der Geburt des zweiten Kindes starb, brachte den Bruder in Aufruhr. Nicht von ungefähr hat er 1779 ein Iphigenie-Drama verfaßt und bald darauf sogar selber bei einer Amateur-Aufführung der Erstfassung die Rolle des Orest übernommen. Jahrzehnte später läßt er den Bakis-Zyklus mit einer Thematik beginnen, die er als analog zu Cornelias Leben sah und die seine Werke vielfach mitbestimmen sollte. Der Groll, den er den Eltern gegenüber empfand, läßt sich aus einem der wenigen erhaltenen Briefe an die Mutter ersehen, nachdem sie es offenbar gelassen hingenommen hatte, daß sich Schlosser schon fünf Monate nach Cornelias Tod, im November 1777, neu verbinden konnte. 25 In diesem Brief sagt sich Goethe, sanft, aber bestimmt, von seinen Eltern los, indem er ein Jesus- Wort zitiert. 26 Wie sehr er sich andererseits schon 1775 insgeheim mit Orest identifizierte, indem er die Mutter seelisch verletzte- - mit dem Vater bestand bereits ein heimliches Kriegsverhältnis--, dies geht aus einem Antwortbrief hervor, den die Empfängerin Anna Louise Karsch, 27 eine einfache dichtende Frau aus dem Volk, sicher vor Rätsel stellte. Ihr kündigt er an, daß ihn vielleicht bald „die unsichtbare Geißel der Eumeniden 28 aus seinem Vaterland peitschen“ würde. Damit hält er mittels Analogie fest, daß er das Schicksal des von den Rachegöttinnen verfolgten Orest für sich in Anspruch nahm. Hinsichtlich des Agamemnon-Dramas an sich äußert sich Goethe in einem Brief an Wilhelm von Humboldt, den Übersetzer: 24 DuW IV, 18; FA-14, S.-791. 25 HA Briefe, An Catharina Elisabeth Goethe, Weimar, 16. Nov. 77. 26 Markus 3. 33, 34. 27 Anna Louise Karsch (1722-1791) Gelegenheitsdichterin., HA Briefe 1, S.-190. 28 Euphemistische Bezeichnung der Erinyen, strafender Rachegöttinnen, welche die Mörder von Blutsverwandten verfolgen und den Muttermörder Orest erst nach langem freigeben. <?page no="22"?> 22 […] Das Stück war von jeher mir eines der betrachtungswürdigsten und durch Ihre Theilnahme schon früh zugänglicher als andere. Verwundersam aber ist mir jetzt mehr als je das Gewebe dieses Urteppichs. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind so glücklich in eins geschlungen, daß man selbst zum Seher, das heißt Gott ähnlich wird. Und das ist doch am Ende der Triumph aller Poesie im Größten und im Kleinsten. 29 2 Lang und schmal ist ein Weg. Sobald du ihn gehest, so wird er Breiter; aber du ziehst Schlangengewinde dir nach. Bist du an’s Ende gekommen, so werde der schreckliche Knoten Dir zur Blume, und du gib sie dem Ganzen dahin. Hier greift Goethe zum Spiegelbild eines poetischen Vorgängers. Wie Dante suchte er selber eine Verbindung zu einer abgeschiedenen geliebten Frau, deren Andenken er feiern wollte. 30 Die Comedia beginnt mit Dantes einsamer Wanderung durch einen furchterregenden Wald, in dem er sich, bedroht von wilden Tieren, nachts verirrt hat. In dieser Not, auf dem langen, schmalen Weg, ersteht ihm ein Retter, an dessen Seite er eine Wanderung beginnt, die ihn schließlich durch Bereiche der jenseitigen Welt führen wird. Der Helfer ist Vergil, der römische Epiker, gesandt von der verewigten Beatrice, der nun den später geborenen Dichter durch sämtliche Kreise der Hölle führt, die dem Gast das trost- und hoffnungslose Schicksal der Verdammten, ihre Verbrechen und ihre qualvollen, nie endenden Strafen vor Augen bringen. Hernach, dort wo Erlösung in Aussicht steht, am Fuße des Läuterungsberges, muß der „fromme Vergil“ als Heide, dem die Gnade des Christentums nicht beschieden war, den neueren Dichter verlassen, und nun übernimmt Beatrice die Führung auf den steilen Serpentinen des Purgatorio, wo sich mühevoll klimmende Seelen das Paradies hart erarbeiten müssen. Ihre schuldbeladenen Geschicke werden vor dem Gast unter Selbstanklagen und Reuebekenntnissen ausgebreitet. Zuletzt leitet ihn Beatrice in überirdischer Glorie über die Schwelle des Paradieses und weist ihn als Lehrerin in göttliche Geheimnisse ein. Im zweitletzten Gesang des Paradiso schaut Dante die erlösten Seelen und die Engel: 29 An Wilhelm von Humboldt, 1. Sept. 1816; HA Briefe 3, S.-365 ff. 30 Dante Alighieri, La Vita Nova, Das neue Leben, Deutsch von Else Thamm, Tempel Verlag, Leipzig (o. J.) Kap. 45. S.-60. <?page no="23"?> 23 So zeigte denn in einer weißen Rose Gestalt sich mir die heil’ge Streiterschar, Die Christus durch sein Blut zur Braut sich machte. Die andre Schar, die fliegend dessen Glorie, Der sie in Lieb entzündet, und die Güte, Die sie so hoch erhöht hat, schaut und preiset, War Bienen zu vergleichen, die sich bald In Blumen tauchen und bald dahin kehren, Wo ihre Arbeit sich in Honig wandelt, Sie stiegen nieder in die große Blume, Die so viel Blätter schmücken; dann erhoben Sie dorthin sich, wo ihre Liebe weilt. 31 Die weiße Rose verkörpert bei Dante die Gemeinschaft der seligen Seelen. Aber für Goethes Weissagung reicht das nicht. Selbst der „schreckliche Knoten“ der höllischen Pfade mit den Verdammten soll uns („dir“) zur Blume werden, allen Sphären soll Erlösung werden. Und nochmals die Mahnung: „Und du gib sie dem Ganzen dahin.“ Das „du“ erhält vor der Stockung der Diärese im Pentameter eine überaus starke Gewichtung. Goethe widerlegt für sich Dante, indem er dessen Symbolik aufnimmt, um die eigene Überzeugung zu proklamieren. In seinem Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu *** schlüpft der junge Goethe in das Gewand eines alten Pfarrers, der einem jungen Kollegen Ratschläge erteilt. So warnt er ihn gleicherweise vor der Prädestinationslehre der Calvinisten wie vor der gängigen Verachtung der alten Kirche und empfiehlt ihm vor allem Toleranz. Mit Nachdruck legt er ihm, jedoch ohne Nennung des Autors, die Lehre der „Wiederbringung“ (der ‚Anakatastasis panton‘), ans Herz. Ihr Begründer Origenes, Kirchenvater aus dem 3.- Jahrhunderts, 32 lehrt, daß am Ende der Welt, nach unendlich langen Zeiträumen, schließlich sämtliche Seelen zur Einsicht gekommen sein und sich bemüht haben würden, Erlösung zu erlangen. Manche erreichen das Ziel schneller, andere brauchen sehr viel länger, aber zuletzt würden alle geläutert in Gott versammelt sein, auch die ehemals bösesten, selbst Dämonen, selbst der Teufel. In Goethes Brief fällt nur die Bezeichnung 31 Dante, Die Göttliche Komödie, übersetzt von Karl Witte, Berlin 1921. Das Paradies, 31. Gesang, v. 1 f., S. 408. 32 Origenes, griechischer Kirchenvater und Philosoph (185-254). Vgl. hierzu Albrecht Schöne in seinem Kommentar zu Faust II, FA-7/ 2, S.-788 ff. <?page no="24"?> 24 „Wiederbringung“ für diese Lehre, die von der offiziellen Kirche verworfent worden ist. 33 Goethes Pastor findet trotzdem Worte, die sich zu ihr bekennen: […] Ihr wißt, lieber Amtsbruder, daß viele Leute, die so barmherzig waren wie ich, auf die Wiederbringung gefallen sind, und ich versichre Euch, es ist die Lehre womit ich mich insgeheim tröste; aber das weis ich wohl, es ist keine Sache davon zu predigen. Übers Grab geht unser Amt nicht, und wenn ich ja einmal sagen muß, daß es eine Hölle giebt, so red ich davon wie die Schrift davon redet, und sage immerhin Ewig! Wenn man von Dingen spricht die niemand begreift, so ists einerley was für Worte man braucht. Übrigens hab ich gefunden, daß ein rechtschaffener Geistlicher in dieser Zeitlichkeit so viel zu thun hat, daß er gern Gott überläßt, was in der Ewigkeit zu thun seyn mögte. 34 Das schrieb Goethe 1772, als Dreiundzwanzigjähriger. Am Ende seines Lebens läßt er im sekretierten und versiegelten Teil von Faust-II die Engel mit Blick auf Fausts Seele sprechen: Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen, ‚Wer immer strebend sich bemüht Den können wir erlösen.‘ Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Teil genommen, Begegnet ihm die selige Schar Mit herzlichem Willkommen. 35 „Wer immer strebend sich bemüht“, meint: ‚wer auch immer‘ 36 (lat. quisquis), wobei ‚immer‘ wohl zunächst als zeitliches Adverb gelesen wird und die Aussage auf diese Weise bewußt doppelsinnig formuliert bleibt. In Aischylos’ Orestie bringt das dritte Drama der Trilogie, Die Eumeniden, das Zeugnis dafür, wie sehr die Erlösung Orests göttlicher Intervention von seiten Apollons, vor allem aber seitens Athenes, bedarf, die auch den strafenden Göttinnen gegenüber Gerechtigkeit und Ehrerbietung walten läßt und ihnen eine 33 Im Jahre 553, im 2. Konzil von Konstantinopel. 34 Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu ***, in: Karl Eibl, Der junge Goethe in seiner Zeit, Frankfurt a. M. und Leipzig 1998, S.-376 ff. 35 Faust II, v. 11934-11941. 36 Zu v. 11936 f. siehe Schöne, FA-7/ 2, S.-801. <?page no="25"?> 25 Heimstatt in ihrem eigenen geheiligten Bereich gewährt, wohin ein Chor der Athener sie geleitet. Christlich formuliert, selbst die Furien finden Erlösung. Schreitet zur Wohnstatt, ihr großen, ihr hoch- Gepriesenen greisen Töchter der Nacht, Mit ehrfurchtsvollem Geleite, Volk! Verharre in heiligem Schweigen. In uralt unterirdischer Kluft, Da werdet ihr wohnen, im Übermaß Mit Weihen und Würden verherrlicht. Rings Verharrt in heiligem Schweigen! Gewogen dem Lande, gnädig zieht Ihr hocherhabenen, euern Pfad, Ergötzt durch glühende Fackeln. Jauchzt Nun auf zu Feiergesängen! 37 In einem Widmungsgedicht zu Iphigenie für einen Schauspieler wird Goethe Jahre später noch weiter gehen als im Brief des Pastors: Was der Dichter diesem Bande Glaubend, hoffend anvertraut, Werd’ im Kreise deutscher Lande Durch des Künstlers Wirken laut. So im Handeln, so im Sprechen Liebevoll verkünd’ es weit: Alle menschliche Gebrechen Sühnet reine Menschlichkeit. 38 Das ist zugleich auch Goethes Antwort auf das kirchliche Dogma ewig währender Höllenstrafen und damit auch seine Reaktion auf Dantes Inferno, das die Comedia so anschaulich zu schildern weiß. Selbst im Rahmen einer antiken Welt kann die „reine Menschlichkeit“ von Goethes Iphigenie die folternden Erinyen bewegen, von Orest abzulassen. Durch ihr selbstloses Schweigen 39 einerseits 37 Eumeniden, Schlußchor. 38 Dem Schauspieler Krüger mit einem Exemplar der Iphigenie, Weimar, 31. 3. 1827. FA-2, S.-817. 39 Iphigenie verschweigt Orest gegenüber das Versprechen des Thoas, sollten Verwandte nach Tauris kommen, sie mit ihnen ziehen zu lassen. Solange Orest glaubt, seine Heilung hänge von der Rückführung des Artemis-Standbildes ab, behält sie dies für sich. Vgl. E. H. 2011, S.-250. <?page no="26"?> 26 und andererseits ihr todesmutiges Bekenntnis zur Wahrheit weiß sie, ohne göttliches Eingreifen, des Königs Herz zu rühren und damit Freiheit und Rückkehr für sich und die Ihren zu gewinnen. 3 Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis; auch jetzt noch Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger, an. Wünschelruten sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die Schätze; Nur in der fühlenden Hand regt sich das magische Reis. So kann nur ein von Bakis Eingeweihter oder aber Bakis selber sprechen. In der griechisch-kleinasiatischen Inspirationsmantik unterschied man zwischen ‚mantis‘, einem inspirierten Seher und einem ‚prophetes‘, dem Deuter und Vermittler mantischer Weissagung. 40 Doch kann man davon ausgehen, daß Goethe sich selber hier als beides versteht. Woher käme ihm sonst die Kenntnis von Zukünftigem und auch von „jetzt noch still Verborgenem“, also von anderen Menschen Unbekanntem? Jedenfalls geht es, wie man bisher sehen konnte, in diesen Epigrammen um Bezüge zu eigenen wie zu fremden Schriften und vor allem um Einsichten ins eigene Leben. Dazu finden sich hier „am Stamm“, d. h. „hier“ in diesem Zyklus, „Wünschelruten“ für den mit Fingerspitzengefühl begabten Leser, die ihn verborgene „Schätze“ aufspüren lassen sollen, aber abgelöst vom Stamm und außerhalb. Was ich leugnend bekenne und offenbarend verberge Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz. Ich vertrau es dem Felsen damit der Einsame rate Was in der Einsamkeit mich was in der Welt mich beglückt. 41 Papier ist offensichtlich zu vergänglich, um diese Aussage zu bewahren. Da alles, was von mir mitgeteilt worden, auf Lebenserfahrung beruht, so darf ich wohl andeuten und hoffen, daß man meine Dichtungen auch wieder erleben wolle und werde. 42 40 Der Kl. Pauly, Lexikon der Antike in 5 Bdn., hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, München 1979: Bd. 4, Sp. 323 (Orakel). Vgl. Cicero, De Divinatione I. 18, 34. 41 FA-1, S.-243 und Komm. S.-974. 42 An Carl Jakob Ludwig Iken, 27. Sept. 1827; HA Briefe, Bd. 4, S.-248. <?page no="27"?> 27 Aber um Geheimnissen auf die Spur zu kommen, bedarf es eben gewisser Voraussetzungen, die man mitbringen muß, denn: „Man muß eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie liegt.“ 43 Daher der Hinweis auf das „magische Reis“ und seine Ausschläge, die gleichgesinnten Zeitgenossen oder Später Geborenen Gedanken übermitteln sollten, für die Goethe beim Gros seiner Zeitgenossen keinerlei Verständnis erwartete. Im Alter rückblickend, war er freigebiger mit zugehörigen Hinweisen. So sagte er beispielsweise zu Eckermann: Den anscheinenden Geringfügigkeiten des Wilhelm Meister liegt immer etwas Höheres zum Grunde, und es kommt bloß darauf an, daß man Augen, Weltkenntnis und Übersicht genug besitze, um im Kleinen das Größere wahrzunehmen. 44 Zum Verstehen seiner Werke ist also Hermeneutik gefordert, die auch eine Art Wahrsagekunst ist. In der Spruchsammlung „Aus Makariens Archiv“ wird sie folgendermaßen definiert: „Sie erkennet aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige, und den Sinn des Sinnlosen.“ 45 Das läßt sich für Goethes Werke insgesamt verstehen. In dieser dritten Weissagung spricht Goethe von „Wünschelruten“, die erst losgelöst von ihrem Stamm ihre magischen Kräfte entfalten. Es handelt sich dabei um symbolische Methoden des „offenbarenden Verbergens.“ 46 Dies sind: Spiegelung und „Wiederholte Spiegelungen“, Analogie und der ihr verwandte Symphronismus. 47 Sie tragen alle den Aspekt der Duplizität in sich. 43 Sprüche in Prosa, FA-13; 1, 436 (H 1410) S.-66. 44 Johann Peter Eckermann, 25. Dezember 1825, Gespräche mit Goethe, Zürich 1976; S.-166. 45 Aus einer 1795 gemeinsam mit dem lateinischen Übersetzungstext in Goethes Handschrift festgehaltenen Sammlung von Exzerpten aus Hippokrates (Zitat aus der Schrift des Hippokrates Peri diaites. To proton. (Über die richtige Lebensweise, I, 11) Vgl. Komm. S.-1257, später aufgenommen in die Spruchsammlung Aus Makariens Archiv in Wilhelm Meisters Wanderjahren (Fassung von 1829, FA-10, S.-747). Siehe auch Sprüche in Prosa, FA-13, 4.1.8., S.-294 (H-627). 46 „Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge,/ Ist mir das einzige Wohl…“, FA-1, S.-243. 47 WMWJ 2, 2; FA-10, S.-424 f. <?page no="28"?> 28 Sie sind Kunstfiguren und übernehmen die Funktion von wörtlichen Aussagen. Darüber hinaus spiegeln sie immer wieder auch die Duplizität von des Dichters Persönlichkeit selbst. In den Dialog-Epigrammen wird er sich verselbständigen und zwei ausgeformte Gestalten einer Persönlichkeit einander gegenüberstellen. Desgleichen im Tasso. Die Symbolik waltet hinter allen Modi der indirekten Mitteilung. Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild und so daß die Idee im Bild immer unendlich wirksam und unerreichbar bleibt, und selbst in allen Sprachen ausgesprochen doch unaussprechlich bliebe. 48 Erst in einem Brief von 1827 vermerkt Goethe mit Bezug zu „früheren und späteren Gedichten“: Auch wegen […] dunkler Stellen in früheren und späteren Gedichten möchte ich folgendes zu bedenken geben: Da sich gar manches unserer Erfahrungen nicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langem das Mittel gewählt durch einander gegenüber gestellte und sich gleichsam ineinander abspiegelnde Gebilde den geheimeren Sinn dem Aufmerkenden zu offenbaren. 49 So konnte Goethe beispielsweise in der Gestalt des Orestes in Aischylos’ Agamemnon-Drama sein eigenes Bild gespiegelt finden, um es dann seinerseits in seiner Orest-Figur in erneuter Spiegelung weiterbilden. Sein großes Gefallen an der Analogie hat Goethe mehrfach ausgesprochen. 50 Sie stellt Dinge oder Begebenheiten z. B. in „Parallelgeschichten“ 51 neben einander, ohne daß sie etwas beweisen wollen. Doch läßt sich ein gemeinsamer tieferer Sinn erraten: Mitteilung durch Analogien halt’ ich für so nützlich als angenehm; der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts beweisen, er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zu verbinden. Mehrere analoge Fälle vereinigen sich nicht zu geschlossenen Reihen: sie sind wie gute Gesellschaft die immer mehr anregt als giebt. 52 48 Sprüche in Prosa, FA-13, S.-207; 2. 72. 2 (H 11 13) 49 Wie Anm. 42. 50 Sprüche in Prosa, FA-13, S.-77; 1.521 (H 1247). u. a. m. 51 Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, FA-9, S.-1058. 52 Siehe Sprüche in Prosa (Einzelnotiz), FA-13, S.-77, 1.521. <?page no="29"?> 29 Immerhin sind es „Mitteilungen“. Sie erscheinen zuweilen auch, wie hier bei den Weissagungen, in verschleierter Form. So lenkt die erste Weissagung durch ihren doppelten Ansatz und die Akzentverlagerung von der Prophezeiung selbst auf die Reaktion der Menschen von der Tatsache ab, daß es in beiden Fällen um den gleichen Topos geht. Die Analogie bezieht sich meist auf Worte und Inhalte, und wieder liefert die erste Weissagung Anschauungsunterricht und sogar zwiefachen! Hinter diesem Übermaß gerät allerdings, vom Autor gewollt, der unausgesprochene Gehalt der prophetischen Worte ins Abseits. Hierfür schaltet er, wiederum in der ersten Weissagung, den Symphronismus ein, der, wesensverwandt mit der Analogie, über sie hinausgeht, indem er sich nicht bloß an das verstandesmäßig (durch den ‚logos‘ bedingte) Parallele hält, sondern Gemüthaftes (von ‚phren‘ 53 Bestimmtes), einbezieht, vor allem aber in anscheinend völlig Heterogenem ein Gemeinsames, im allerinnersten Kern Gleiches, anzeigt. Nur in der Hand eines kundigen Rutengängers entfaltet er seine Kraft und schlägt beim gesuchten Schatz aus. Dabei gilt das paradoxe Diktum, daß ‚man eine Sache gefunden haben [muß]‘ (d. h. daß man ahnen muß, wonach man eigentlich sucht), wenn man wissen will, wo sie liegt.‘ 54 Erst spät, in Wilhelm Meisters Wanderjahren, demonstriert Goethe in der Rolle eines alten Lehrers, und nur an diesem einen folgenden Beispiel, was er unter dem „Symphronistischen“ versteht: […] ihr werdet bemerken, daß in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgeführt sind, indem unter allen Völkern gleichbedeutende und gleiches deutende Nachrichten vorkommen. So erblickt ihr hier, wenn in dem Hauptfelde Abraham von seinen Göttern in der Gestalt schöner Jünglinge besucht wird, den Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese, woraus wir lernen können, daß wenn die Götter den Menschen erscheinen, sie gewöhnlich unerkannt unter ihnen wandeln. 55 Einzig an dieser Stelle, in der Pädagogischen Provinz, gibt Goethe Einblick in dieses längst angewandte Prinzip seiner eigenen kreativen 53 eigentlich Zwerchfell, Sitz des Gemüthaften nach röm. Einsicht. 54 Sprüche in Prosa, FA-13, S.-66, 1.436. (H 1410.) 55 WMWJ 2, 2; FA-10, S.-425. <?page no="30"?> 30 Arbeit, ohne den der wesentliche Gehalt vieler seiner Texte im Dunkel verbliebe. In der ersten Weissagung deutet er mit dem unausgesprochenen Verweis auf das Geschick der beiden todgeweihten mythischen Königstöchter auf die zu seiner eigenen Zeit immer noch unfreie und rechtlose Lage der Frauen. [Der Dichter] fühlt das Traurige und das Freudige jedes Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie über großen Verlust seine Tage hinschleicht, oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so schreitet die empfängliche leichtbewegliche Seele des Dichters, wie die wandelnde Sonne, von Nacht zu Tag fort, und mit leisen Übergängen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. […] und wenn die andern wachend träumen, und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als ein Wachender, und das seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. 56 Aber daß in der Persönlichkeit des Dichters, neben dem vates poeta, der über den Dingen schwebt, zugleich auch der rationale „Weltmensch“ beschlossen liegt, wie beide zutiefst unterschiedliche und ineinander verschlungene Wesen sind, das beweisen die Werke ebenfalls, und Bakis wird es im Weiteren erhärten. 4 Wenn sich der Hals des Schwanes verkürzt und, mit Menschengesichte, Sich der prophetische Gast über den Spiegel bestrebt; Läßt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen entfallen, Ziehen dem schwimmenden 57 gleich goldene Ströme sich nach. Goethe übernimmt niemals die Symbolik eines anderen Dichters, ohne sie umzugestalten, vielleicht auch noch zu überhöhen oder zuweilen in ihr Gegenteil zu verkehren. Hier entfaltet er vor unseren Augen eine Märchenszene, in der ein Schwan sich in einen Menschen verwandelt. Seit der Antike gilt der Schwan als Sinnbild des Dichters. So feiert Horaz in seinem großen Preislied Pindar als „Dircäischen Schwan“. 58 An anderer Stelle projiziert er eine Metamorphose zum Schwan auf die eigene Person, symbolisch 56 WMLJ 2, 2; FA-9, S.-435. 57 M. E. kleines „s“ nach WA 1, S. 335, nicht „S“ wie FA, S. 231. 58 Hor., c. IV. 2, 25. <?page no="31"?> 31 wohl ernstgemeint, aber in Hinblick auf Pindar selbstironisch gebrochen: An den Mäcenas Non usitata nec tenui ferar penna biformis per liquidum aethera vates necque in terris morabor longius invidiaque maior urbis relinquam. non ego, pauperum sanguis parentum, non ego, quem vocas, dilecte Maecenas, obibo nec Stygia cohibebor unda. iam iam residunt cruribus asperae pelles et album mutor in alitem superne nascunturque leves per digitos umerosque plumae. iam Daedaleo notior Icaro visam gementis litora Bosphori Syrtisque Gaetulas canorus ales Hyperboreosque campos. me Colchus et qui dissimulat metum Marsae cohortis Dacus et ultmi noscent Geloni, me peritus discet Hiber Rhodanique potor. absint inani funere neniae luctusque turpes et querimoniae; conpesce clamorem ac sepulcri mitte supervacuos honores. 59 An den Mäcenas Mit wunderbarem, mächtigem Fittich werd’ ich, der Dichter, umgewandelt den reinen Aether durchfliegen, werde nicht länger auf der Erde verweilen, über den Neid erhaben, 59 Hor., c. II, 20, zit. nach Horaz, Glanz der Bescheidenheit, Oden und Epoden, lateinisch und deutsch. Übersetzt von Christian Friedrich Karl Herzlieb und Johann Peter Uz. Eingeleitet und bearbeitet von Walther Killy und Ernst A. Schmidt, Augsburg 2000. S.-180 ff. <?page no="32"?> 32 werd’ ich die Städte verlassen. Nein! ich armer Eltern Blut, ich, den du als Freund begrüßest, geliebter Mäcenas, ich werde nicht sterben, mich werden die Stygischen Fluten nimmer umschließen. Allmählich setzt sich rauhe Haut an die Schenkel, ich verwandele mich von oben herab in einen Schwan, und weiche Federn sprossen an Fingern und Schultern hervor. Bald werd’ ich bekannter als Daedals Sohn Icarus den Strand des seufzenden Bosporus und die Gaetulischen Syrten, die Hyperboreischen Gefilde sehen, ein melodischer Schwan. Der Colchier lernt dann mich kennen und der Dacier, welcher die Furcht vor den Marsischen Scharen verbirgt, und der fernste Gelone; mich liest dann der weise Iberier und der Rhonetrinker. Fern sei vom leeren Leichengepränge Geseufze Und entstellende Trauer und Wimmern. Hemme dein Klagen! Verstatte eitlen Prunk beim Begräbnisse nicht. Horaz weist auf seine Unsterblichkeit als Dichter hin, und führt uns in kleinen Einzelheiten seine Metamorphose zum Schwan, dem prophetischen Dichtervogel, vor Augen. Dabei kann er sich auf Platon berufen, der im Phaidon den Sokrates sich zu Schwänen äußern läßt, wenn sie, wie man sage, im Tode sängen, dann singen sie nicht aus Traurigkeit, sondern weil sie dem Apollon angehörten und wahrsagend seien. Sie könnten daher das Gute in der Unterwelt vorauserkennen. Er halte sich selber für einen „Dienerschaftsgenossen“ der Schwäne und demselben Gotte nicht weniger heilig als sie, und glaube, nicht schlechter als sie von seinem Gebieter das Wahrsagen zu haben, also auch nicht unmutiger als sie aus dem Leben zu scheiden. 60 Horazens Hinweis auf Ikaros, der der Sonne zu nahe kommt und beim Fluge abstürzt, verfehlt nicht, für eine ironische Ambiguität zu sorgen. Bei Horaz selbst betrifft die Unsterblichkeitsvorstellung vor allem seinen Nachruhm als Dichter, der sich bis in fernste Länder 60 Plat. Phaidon 84 e, f. <?page no="33"?> 33 verbreiten werde. In dem bekannteren Gedicht 61 spricht er von jenem selbstgeschaffenen „Denkmal, dauerhafter als Erz,“ das seinen Ruhm bis in späteste Tage erhalten werde. Aber in der oben zitierten Ode sagt er auch: „dilecte Maecenas, obibo/ nec Stygia cohibebor unda.“ „Geliebter Maecenas, ich werde nicht sterben,/ mich werden die Stygischen Fluten nimmer umschließen.“ Wenn Horaz seine Umwandlung in einen Schwan darstellt, so tut Goethe, der im römischen Dichter ein Spiegelbild seiner selbst sah, das Umgekehrte: Da wird sich, Jahrtausende später, wieder ein Schwan in Menschengestalt offenbaren. Das ist dann genau auch der Moment, in dem die verschleierte Schöne ihre Identität preisgibt. Auch der symbolisch erfaßte rätselhafte Dichter zeigt nun erst sein Gesicht. Daß es sich um Goethe selber handelt, wird erst Späteren aus einer kleinen Variante zum ersten Vers klar, die statt „mit Menschengesichte“ die Worte „mit menschlichem Antlitz“ 62 setzt, was zwar poetischer klänge, aber wohl als zu gehoben für die eigene Person, verworfen wurde. Der „prophetische Gast“ ist Aussage genug, den vates poeta kenntlich zu machen. Der Schleier der Jungfrau versinkt nicht in den Wellen, „schwimmend“ 63 zieht er hinter dem Nachen her, gefolgt von einer goldenen Spur-- von Dichtungen, die erst jetzt ihre volle Bedeutung gewinnen. War im Gedicht Zueignung 64 „der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit“ etwas, das die Konturen eher verwischte, so entfaltet er hier seine eigene volle Wahrheit, Klarheit und Kostbarkeit: der siberne bewirkt „goldene Ströme“, indem die nie genannte Schöne sich endlich als die ‚wahre Braut‘ zu erkennen geben darf. 5 Zweie seh’ ich! den Großen! Ich seh’ den Größern! Die Beiden Reiben, mit feindlicher Kraft, Einer den Andern sich auf. Hier ist Felsen und Land, und dort sind Felsen und Wellen! Welcher der Größere sei, redet die Parze nur aus. 61 Hor. c. III, 30; a. a. O. 262 ff. 62 In einer Abschrift (Schreiber Geist) von Goethe als Alternative eingetragen. Kommentar, FA-2, S.-965. 63 Im Gegensatz zu FA-2, S.-231 hat WA I, 1, S.-333 einen kleinen Anfangsbuchstaben. 64 Zueignung, v. 92; FA-1, S.-11. <?page no="34"?> 34 Zwei Menschen erscheinen hier vor uns, der „Große“ und der „Größere“, die einander bekämpfen. Um ihre Charaktere darzustellen, greift Goethe zum Symbol des Felsens, des unnachgiebig und unverrückbar im Boden ruhenden. Wie sollen die beiden aber aneinander geraten, einerseits vom Land, andererseits vom Wasser aus? Ist es im Grunde nur ein einziger Felsen, einmal bei Flut halb verborgen im Wasser, einmal bei Ebbe in seiner ganzen Größe sichtbar. Welcher kann da als der größere gelten? Hier zeigt der Dichter die Struktur seiner eigenen Psyche, wie wir sie in seinen Dramen und Gedichten immer wieder dargestellt finden, als zwei (manchmal auch mehr) Personen, mit denen er sich deutlich identifiziert. Schon in jungen Jahren hat er zwischen zwei Hälften seiner Persönlickeit streng zu differenzieren gewußt, wie er in einem Brief an Knebel 65 festhielt: […] Wie ich mir in meinem Väterlichen Hause nicht einfallen lies die Erscheinungen der Geister 66 mit der iuristischen Praxin zu verbinden eben so getrennt laß ich ietzt den Geheimderath und mein andres selbst, ohne das ein Geh. R. sehr gut bestehen kann. Nur im innersten meiner Plane und Vorsäze und Unternehmungen bleib ich mir geheimnißvoll selbst getreu und knüpfe so wieder mein geselschafftliches, politisches, moralisches und poetisches Leben in einen verborgenen Knoten zusammen. Sapienti sat. In dieser fünften Weissagung ist wieder zum Verständnis auf „Wünschelruten“ gesetzt. Da vor allem die Felssymbolik, die auf etwas Unabänderliches hinweist, aber gedoppelt erscheint. Auch die „Wünschelrute“ des Spiegelbildes wird wirksam, wenn Goethe in Torquator Tasso sein eigenes Erleben darstellt. Tasso steht im Vordergrund, erst nach und nach, mit dem Eintritt des Antonio in die Handlung des Stückes, wird die feindliche Gegenüberstellung der beiden Persönlichkeitskomponenten Tasso und Antonio vor Augen gerückt. Neben der Liebestragödie ist die Rivalität der beiden Antagonisten das tragende Thema des Dramas. Im Augenblick, da der weltkluge, lebensgewandte Antonio zu der Hofgesellschaft hinzutritt, die bis dahin völlig auf den poetischen Tasso eingestimmt war, beginnt Zwist sich zu regen. Und Tasso bekennt: Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann, Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft 65 An Knebel, 21. Nov. 1782; WA IV 6, S.-97. 66 Gemeint sind die Gestalten der Dichtung. <?page no="35"?> 35 Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt; Sein Wesen, seine Worte haben mich So wunderbar getroffen, daß ich mehr Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst Aufs neu in streitender Verwirrung bin. 67 Etwas später, im zweiten Aufzug, analysiert Leonore Sanvitale, die Schwester der von Tasso verehrten Prinzessin, die Lage, nachdem ein Wortwechsel zwischen den beiden Männern ausgebrochen war, Tasso zum Degen gegriffen und der Herzog ihn mit dem Entzug der Waffe tödlich gekränkt hatte. […] Es ist nicht hier Ein Mißverständnis zwischen Gleichgestimmten; Das stellen Worte, ja im Notfall stellen Es Waffen leicht und glücklich wieder her. Zwei Männer sind’s, ich hab es lang gefühlt, Die darum Feinde sind, weil die Natur Nicht Einen Mann aus ihnen beiden formte. Und wären sie zu ihrem Vorteil klug, So würden sie als Freunde sich verbinden. Dann stünden sie für Einen Mann, und gingen Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin. 68 Ihr Wunsch wird sich bewahrheiten, aber in ganz anderer Form als Leonore es sich erhofft hatte. Der Herzog nimmt das ihm gewidmete Werk Tassos, das große Epos Das befreite Jerusalem, an sich und Tasso, total verstört durch diesen neuerlichen Eingriff in seine Rechte, vergißt seine Grenzen und umarmt in seiner Verzweiflung die verehrte und geliebte Prinzessin, worauf sich beide, der Herzog und seine Schwester, von ihm wenden, um abzureisen. Zwiefach getroffen, fühlt Tasso sich verlassen und beraubt und bricht völlig zusammen. Da ist es denn gerade Antonio, der in dieser Not zu ihm tritt und ihn bei der Hand nimmt. Und Tasso akzeptiert die Hilfe des vermeintlichen Feindes: O edler Mann! Du stehest fest und still, Ich scheine nur die sturmbewegte Welle. Allein bedenk und überhebe nicht Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur, 67 Torquato Tasso II. 1, v. 760 f.; FA-5, S.-755. 68 Ebd., III. 2, v. 1700 ff,; FA-5, S.-782 f. <?page no="36"?> 36 Die diesen Felsen gründete, hat auch Der Welle die Beweglichkeit gegeben. Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über. In dieser Woge spiegelte so schön Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte. Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe. Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr, Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen. Zerbrochen ist das Steuer und es kracht Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt Der Boden unter meinen Füßen auf! Ich fasse dich mit beiden Armen an! So klammert sich der Schiffer endlich noch Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte. 69 Die Prinzessin und ihr Bruder, Tassos fürstlicher Mäzen, haben ihn verstoßen; Tasso bleibt nun völlig verstört zurück und muß die Hilfe des Feindes annehmen, um nur zu überleben. In Anbetracht dieser totalen Zerrüttung von Tassos Leben fällt auf, daß Goethe sein Stück „Schauspiel“ genannt hat- - und nicht Tragödie, zumal der historische Tasso verwirrt im Kerker endete. Aber Goethe-Tasso und Goethe-Antonio vereinigen sich, und Tasso bleibt am Leben. Eckermann referiert ein autobiographisches Resumee Goethes, bei dem Goethe sich zu dieser offensichtlich den Text beherrschenden Idee nicht äußert. Das Gespräch wendete sich auf den Tasso, und welche Idee Goethe darin zur Anschauung zu bringen gesucht. „Idee? “ sagte Goethe,-- „daß ich nicht wüßte! -- Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, 70 entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Kontrast, den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiteren Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara, und ich kann mit Recht von meiner Darstellung sagen: sie ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. […]“ 71 69 Ebda. V. 5, v. 3454 bis Schluß des Dramas; FA-5, S.-833 f. 70 Man beachte den Ausdruck „zusammenwarf“. 71 Eckermann, a. a. O., III, 6. Mai 1827. S.-635. <?page no="37"?> 37 Dagegen überliefert Riemer (etwas fragmentarisch) einen Ausspruch Goethes zum Thema des innerpsychischen Konflikts, hier ins Grundsätzliche und Allgemeingültige zur Lehre erweitert: „[Der] Mensch hat eine Doppelnatur, deren beide Seiten gleiche Rechte haben und sich im Gleichgewicht halten sollten. Nun verdammt man die eine und begreift nicht, daß man dadurch der andern die Mittel nimmt, zu wirken, ja zu sein.“ 72 6 Kommt ein wandernder Fürst, auf kalter Schwelle zu schlafen, Schlinge Ceres den Kranz, stille verflechtend, um ihn; Dann verstummen die Hunde; es wird ein Geier ihn wecken, Und ein tätiges Volk freut sich des neuen Geschicks. Goethe hat selbst ein Zeugnis hinterlassen, wer mit dem ‚wandernden Fürsten‘ gemeint ist. Es steht in den Wanderjahren: Denken wir zuerst segnend jenes edlen kaiserlichen Wanderers, Hadrian, welcher zu Fuß, an der Spitze seines Heers, den bewohnten, ihm unterworfenen Erdkreis durchschritt und ihn so erst vollkommen in Besitz nahm. 73 Hadrian (P. Aelius Hadrianus, geb. 76), der Nachfolger Trajans, regierte als römischer Kaiser von 117 bis 138. In unermüdlicher Hingabe schuf er dem Reich ein Goldenes Zeitalter. Er vermied Kriege, gründete viele Städte und ließ in ihnen großartige Bauten erstehen. Man könnte in ihm ein Gegenbild zum zurückgezogenen, stille dichtenden Horaz erblicken, der in seiner Jugend wohl auch Feldzüge mitgemacht hat, die aber nur am Rande für ihn wichtig blieben. Ein Portrait des Kaisers versuchte ein antiker Autor zu geben: 74 In jungen Jahren war er zum Studium nach Athen gegangen. In der griechischen Literatur sei er so gründlich unterrichtet 72 Friedrich Wilhelm Riemer, Mitteilungen über Goethe, a. a. O. S.-339. 73 WMWJ 3, 9; FA-10, S.-671. 74 Aurelius Victor, Epitome 14, teilweise zitiert nach Ferdinand Gregorovius, Der Kaiser Hadrian, zweite neugeschriebene Aufl. Stuttgart 1884; Facsimile-Nachdruck bei Elibron Classics, S.-3 ff. Dazu die Anm. von Gregorovius: Dieses Stück der Epitome ist nicht selbständig, sondern wohl aus Marius Maximus geschöpft, W. S.- Teufel, Gesch. der röm. Literatur, neu bearbeitet von Ludwig Schwabe, in 2 Bdn., 5. Aufl., S.-967 f. (§ 414) Leipzig 1890. <?page no="38"?> 38 gewesen, daß man ihn „Graeculus“, den kleinen Griechen, nannte. Die Studien, die Lebensweise, die Sprache, ja die gesamte Bildung der Athener habe er sich vollkommen angeeignet. Er sei Sänger und Musiker, Arzt, Geometer, Maler so wie auch Bildhauer in Erz und Marmor gewesen, zu vergleichen nur mit den größten Künstlern. Einen Schöngeist so glänzender Art habe man nicht leicht unter den Menschen gefunden. Unglaublich auch sein Gedächtnis, Orte, Handlungen, Soldaten, auch abwesende, er wußte sie alle mit Namen zu nennen. Riesig seine Ausdauer. Alle Provinzen habe er zu Fuß durchwandert. Niemand sei schlagfertig wie er gewesen, in Ernst und Scherz andere herauszufordern oder ihnen zu antworten. Verse gab er augenblicklich mit Versen, witzige Einfälle mit gleichen zurück. Von vielen Königen erkaufte er in der Stille den Frieden, und konnte sich rühmen, im Müßiggange mehr erlangt zu haben, als andere mit Waffengewalt. Hadrian vereinigte in sich zwei Naturen. Er ist Römer und Grieche. Als Römer reformiert er die Institutionen der Monarchie, Verwaltung, Heer und Recht. Seine Künstlerseele begeistert sich für die Schönheitsideale der antiken Welt. Er will sie restaurieren, soweit sie künstlerisch wiederherstellbar ist. 75 In der fünfzehnten Römischen Elegie 76 bezieht sich Goethe auf ein poetisches Wortgeplänkel zwischen Hadrian und einem zeitgenössischen Dichter, Florus, der in Versen beteuerte, er wolle nicht Hadrianus sein, der in der Ferne bei Briten sich aufhalte. Der Kaiser quittierte dies-- wohl spontan-- mit eigenen Versen zu dem Effekt, daß er nicht Florus sein wollte, um von Schenke zu Schenke zu schlendern, zu Garküchen herumzuschleichen, und die runden Mücken zu ertragen: Ego nolo Florus esse, ambulare pro tabernas, latitare pro popinas, culices pati rotundas. 77 Goethe beginnt seine Elegie in Widerspruch zu Hadrians Replik, wobei er an die Stelle des Namens den Titel setzt, so daß man zunächst an Julius Cäsar denkt (der jedoch nur kurze Zeit in Britannien zubrachte)-- eine der kleineren Mystifikationen: 75 Gregorovius, Der Kaiser Hadrian, S.-7. 76 FA-2, S.-166. 77 Zit. nach Ferdinand Gregorovius, Der Kaiser Hadrian, Zweites Buch, a. a. O., S.-363. <?page no="39"?> 39 XV Cäsarn wär’ ich wohl nie zu fernen Britannen gefolget, Florus hätte mich leicht in die Popine geschleppt! […] Und noch schöner von heut’ an seid mir gegrüßet, ihr Schenken, Osterieen, wie euch schicklich der Römer benennt; Denn ihr zeigtet mir heute die Liebste begleitet vom Oheim, […] Offensichtlich sollte Hadrian, wenn auch mit bescheidenen Versen, als Dichter in die Römischen Elegien eingebracht werden, und nach seiner Gepflogenheit zitiert ihn Goethe, wieder abweichend vom Original bzw. in Widerspruch dazu. Der Kunstsinn des Kaisers kommt in historischer Betrachtung zur Sprache, wenn die Anlage seiner Villa von Goethe dargelegt und gepriesen wird. 78 Der „Tempel“ in Goethes Märchen 79 geht übrigens auch auf ein Bauwerk Hadrians zurück, auf den allen Göttern geweihten Tempel, das römische Pantheon, heute ‚Rotonda‘ genannt. Ein Kaiser und Staatsmann, der die Künste pflegte und selber dichtete. Hadrians militärische Bewegungen und sonstige Reisen in drei Kontinenten würden allein ein Buch füllen. 80 In seinen späten Jahren hielt sich der kranke und frühgealterte Kaiser in Rom oder Tivoli auf und widmete sich philosophischen Studien. In dieser Zeit gab es bei der zunächst vorgesehenen Adoption des Nachfolgers eine Rebellion gegen ihn, dazu auch Spott eines Satirikers, der den Gewählten lediglich auf seine ‚königliche Schönheit‘ reduzierte. Der Kaiser reagierte gereizt ohne seine lebenslange Milde und bestimmte selbst eigene Verwandte zum Tod. Die Weissagung bezieht sich auf des Kaisers Lebensende, auf die kalte Schwelle, das Grab. Seinen großen Schmerzen, von denen niemand ihn auf seinen Wunsch mit einem Dolchstoß zu befreien gewillt war, rang er noch ein kleines schwereloses Gedicht ab, 81 das mit seinen vielen Diminutiven an ein Kinderlied erinnern könnte: 78 Vgl. Goethe und die Antike, in 2 Bdn. hrsg. von Ernst Grumach, Berlin 1949, Bd. 1, S.-444 f. 79 Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, FA-9, S.-1082 ff. 80 Vgl Ferdinand Gregorovius, Der Kaiser Hadrian, a. a. O. 81 Historia Augusta: Aelius Spartianus, De vita Hadriani c. 25, 9-: -„ […] et moriens quidem hos versus fecisse dicitur.“ <?page no="40"?> 40 Animula vagula blandula hospes comesque corporis, quae nunc abibis in loca pallidula rigida nudula nec ut soles dabis iocos. 82 Seelchen, schmeichelndes, schweifendes, Gast und Gefährtin des Leibes, du, Wirst fortgehen nun zu Orten, Farblos, unwirtlich, kahl, Wirst nicht, wie gewohnt, mehr scherzen. 83 In der Weissagung imaginiert Goethe den Kaiser als schlafend. Ceres, die Göttin der Vegetation, vor allem des durch Wurzel und Halm mit Ober- und Unterwelt verbundenen Getreides, 84 möge ihn sanft mit Fasern umflechten und die von ihm gefürchtete ‚Starre‘ und ‚Kahlheit‘ des Ortes mildern. Die Mißwilligen, die „Hunde“, würden verstummen. Wecken wird ihn ein Geier. Goethe scheint hier auf die Sage um den Stauferkaiser Barbarossa anzuspielen, der im Kyffhäuser schlafend auf seine Stunde der Wiederkunft wartet. Des Kaisers Bart ist lang und durch den Tisch gewachsen, den Gipfel des Berges umkreisen Raben, die ein Adler vertreiben wird,- - das Zeichen für den Kaiser, nach Hunderten von Jahren das Reich zu neuem Glanz zu führen. 85 Alles ist geläufig und doch anders. Das Metrum hätte Goethe durchaus erlaubt, ‚Adler‘ an Stelle von „Geier“ zu setzen. Unbeschadet der Tatsache, daß ‚Geier‘ zu Goethes Zeit und in manchen Gegenden auch heute noch ganz allgemein für ‚Greifvogel‘ stehen kann, 86 wäre ‚Adler‘ dennoch schöner gewesen. Warum dann „Geier“? - - Der Grund hierfür könnte im Weckruf liegen, den das Wort ‚Geier‘ per se abgäbe, nämlich als lateinisches Anagramm: „I! rege! “ : ‚Geh hin! Regiere! ‘ Der mit dem Imperativ ‚i‘ von ire (gehen) verstärkte Im- 82 Ebda., zitiert nach Heinrich Hollstein, Ein Gedicht Hadrians in: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge, Bd. 71 (1916) S.-406-414. 83 Übersetzung E. H. 84 Mittels des rauschenden Getreides kann sie mit ihrer von Pluto entführten Tochter Proserpina sprechen. 85 Vgl. Die Zeit der Staufer, Geschichte-Kunst-Kultur. Katalog der Ausstellung. Bd. III: Aufsätze, Württembergisches Landesmuseum Stuttgart 1977, darin: Klaus Schreiner, Die Staufer in Sage, Legende und Prophetie, S 249-262. 86 Vgl. Grimm, DWb zu Geier Sp. 2559. <?page no="41"?> 41 perativ von ‚regere‘ deutet auf Dringlichkeit: Unter der erneuten Herrschaft eines so genialen Monarchen wie Hadrian würde „ein tätiges Volk“, in einem geeinten Italien-- oder gar Europa? -- einer großen Zukunft entgegengehen. Selbst wenn man nicht wüßte, daß Goethe des öfteren Anagramme in seinen Schriften einsetzte, so steht ihm auch ein berühmtes Vorbild zur Verfügung, von dem er in den Naturwissenschaftlichen Schriften im Kapitel über Erfinden und Entdecken spricht: Um sich die Priorität zu bewahren einer Entdeckung die er nicht aussprechen wollte, ergriff Galilei ein geistreiches Mittel: er versteckte seine Erfindung anagrammatisch in lateinische Verse, die er sogleich bekannt machte um sich im Falle ohne weiteres dieses öffentlichen Geheimnisses bedienen zu können. 87 Wie dem auch sei-- Anagramm oder nicht-- der tiefere Grund der Erweckungserwartung könnte auch in Goethes festem Glauben an den Fortbestand der Seele nach dem Tod, auch an Reinkarnation, zu finden sein. Für den 11. August 1815 88 hält Ernst Robert Curtius einen Bericht von Sulpiz Boisserée fest: Goethes Vorliebe für das Römische wird darin ausgesprochen; er habe gewiß schon einmal unter Hadrian gelebt. Alles Römische ziehe ihn unwillkürlich an. Dieser große Verstand, diese Ordnung in allen Dingen sage ihm zu, das Griechische nicht so. Dazu merkt Curtius an: „nicht sentimentalische Reflexion, sondern Teilhabe an der Substanz.“ 89 In einem Brief vom 30. 8. 1812 schreibt Goethe gutgelaunt: „Unsere Freundin [Caroline Pichler] wird es sich hoch anrechnen, daß ich nicht im Mindesten verdrießlich geworden bin, wenn sie meinen Großoheim Hadrian und sein Seelchen, meine übrige heydnische Sippschaft und ihre Geister nicht zum Besten behandelt.“ 90 Goethe war sehr zurückhaltend mit Äußerungen zum Reinkarnationsglauben, des öfteren bezieht er sich in diesem Zusammenhang in Briefen an Charlotte von Stein auf sie als Anhängerin 87 WA II, 11. Bd., S.-257. Zum selben Thema siehe auch WA II, 4. Bd., S.-43. 88 Goethes Gespräche, Biedermannsche Ausgabe, 5 Bde. in 6 Teilbdn, hrsg. von Wolfgang Herwig, Zürich 1965-1987, Bd. 2, S.1047. 89 Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, Bern und München 1948, 11. Aufl., Tübingen und Basel 1993, S.-20. 90 WA IV. 23, S.-82; zit. nach E. Grumach, Goethe und die Antike, Bd. 2, S.-876. <?page no="42"?> 42 dieser Lehre. So schreibt er ihr im Dezember 1781: „Herders Gespräche über die Seelenwanderung sind sehr schön und werden dich freuen, denn es sind deine Hoffnungen und Gesinnungen.“ 91 Ihr schickte er auch in einem Brief das Gedicht mit der an das Schicksal gerichteten Frage: „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“, 92 in dem er dann, sich an Charlotte wendend, sagt: „Ach du warst in abgelebten Zeiten/ Meine Schwester oder meine Frau.“ 93 Zum selben Thema existiert ein Brieffragment an Wieland, vermutlich vom April 1776: Ich kann mir die Bedeutsamkeit- - die Macht, die diese Frau über mich hat, anders nicht erklären als durch die Seelenwanderung.-- Ja, wir waren einst Mann und Weib! -- Nun wissen wir von uns-- verhüllt, in Geisterduft.-- Ich habe keine Namen für uns-- die Vergangenheit-- die Zukunft-- das All. 94 Ein zarter Hinweis findet sich auch in den Lehrjahren: Er [Wilhelm] fühlte tief, wie unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, so lange sie sich mit uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlässigt, und nur dann erst die Versäumnis bereut, wenn das schöne Verhältnis wenigstens für diesmal aufgehoben ist. 95 An Hadrian konnte Goethe in den Weissagungen seinen Glauben an Reinkarnation bildhaft darstellen, ohne Gefahr zu laufen, Anstoß zu erregen oder verspottet zu werden. Auf irgendeine Weise sah er in dem den Künsten zugeneigten, gerechten, weisen und tatkräftigen Kaiser ein Wesen, das ihm seltsam verwandt war. Hadrian ist auf höchster sozialer Ebene, wenn auch keineswegs gleichgewichtig, die Vereinigung beider Persönlichkeiskomponenten gelungen: Staatsmann und Dichter. Dazu half nicht zuletzt, daß er sich die stoische Philosophie ganz zueigen gemacht hatte und entsprechend den Grundsätzen ihrer Ethik lebte. Wie verwandt sich Goethe einem solchen Charakter gefühlt hat, geht 91 An Charlotte v. Stein, am 28. 12. 1781 in Goethe, Briefe an Frau von Stein, hrsg. von Wilhelm von Scholz, Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin (ohne Jahreszahl). Herder, wie Charlotte, (im Gegensatz zu Goethe) folgten einer durch Swedenborg geprägten Richtung der Reinkarnationstheorie, die Weiterentwicklung des Individuums erst nach dem Tode festlegt. 92 FA-1, S.-229 f. 93 An Charlotte von Stein, am 13./ 14. 4. 1776. Goethe, Briefe an Frau von Stein, a. a. O. S.-34 f. 94 HA Briefe I, S.-212. 95 WMLJ 5, 1; FA-9, S.-651. Hervorhebung E. H. <?page no="43"?> 43 auch aus einem Brief an Knebel vom 3. Dezember 1781 hervor. Darin heißt es: […] Daß du über den neuen Beweiß meiner Unermüdlichkeit lächeln würdest konnte ich mir wohl vorstellen, doch ist sie bey mir wenig Verdienst. Das Bedürfniß meiner Natur zwingt mich zu einer vermanichfaltigten Thätigkeit, und ich würde in dem geringsten Dorfe und auf einer wüsten Insel ebenso betriebsam seyn müßen um nur zu leben. Sind denn auch Dinge die mir nicht anstehen, so komme ich darüber gar leichte weg, weil es ein Artikel meines Glaubens ist, daß wir durch Standhaftigkeit und Treue in dem gegenwärtigen Zustande, ganz allein der höheren Stufe eines folgenden werth und, sie zu betreten, fähig werden, es sey nun hier zeitlich oder dort ewig. 96 7 Sieben gehn verhüllt, und sieben mit offnem Gesichte. Jene fürchtet das Volk, fürchten die Großen der Welt. Aber die Andern sind’s, die Verräter! von Keinem erforschet; Denn ihr eigen Gesicht birget, als Maske, den Schalk. 97 Hier geht es um Ethik. Die Stoa, um an Hadrian anzuknüpfen, folgte Platons Tugendlehre. Platon hielt vier Haupttugenden fest: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und vor allem Gerechtigkeit, die für ihn allen anderen Tugenden zugrunde lag. 98 Im Mittelalter fügte man zunächst die drei christlichen Haupttugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu. Später entwickelte man ein Tugendsystem, indem man den traditionellen Sieben Todsünden sieben „Kardinaltugenden“ entgegensetzte. Der christliche Dichter Prudentius 99 stellt in seinem im Mittelalter weitverbreiteten allegorischen Epos, der Psychomachia (Seelenschlacht), den Krieg der Tugenden gegen die Laster dar. In weiblicher Gestalt stehen die Sieben Todsünden und die Sieben Kardinaltugenden einander feindlich gegenüber. Jede der Tugenden erringt in individuellem Zweikampf den Sieg über den ihr zugeordneten Feind: Die Formation sieht also folgendermaßen aus: 96 HA Briefe 1, S.-376. 97 Grimm DWb. Sp.2073 f., u. a. „Betrüger“. 98 Staat, IV. 433 b-434 a; VI, 503 d. 99 Aurelius C. Prudentius (geb.348). Prudentius läßt sich namentlich bei Goethe nicht nachweisen, doch war die Kenntnis der sieben Kardinaltugenden wie auch der sieben Todsünden gang und gäbe im Mittelalter und auch späterhin. <?page no="44"?> 44 Stolz (Superbia), Habgier (Avaritia), Wollust (Luxuria), Zorn (Ira), Völlerei (Gula), Neid (Invidia) und Trägheit (Acedia) treten jeweils im Zweikampf an gegen Demut (Humilitas), Mildtätigkeit (Caritas), Keuschheit (Castitas), Geduld ( Patientia), Mäßigung (Temperantia), Wohlwollen (Humanitas) und Fleiß (Industria). Es bedarf keiner langen Erklärung, warum Goethe die Laster „vermummt“ auftreten läßt, entspricht es ihnen doch einerseits, nicht erkannt werden zu wollen, weil sie, wo sie Macht ausüben, auf der Gegenseite Furcht und Widerwillen erregen, die von ihnen Besessenen sich anderseits schämen, von ihnen ergriffen und ihnen hörig zu sein. „Aber die anderen sind’s, die Verräter“, also die Tugenden, hinter deren unschuldigen Mienen sich so manches verbergen mag! Wird doch der Anschein des Guten oft zu geheimen Absichten mißbraucht, Vertrauen enttäuscht oder Grausamkeit im Namen der Moral gerechtfertigt. Schon Augustin konnte seine, d. h. die antike Reihe von Tugenden in Frage stellen, ob denn die Menschen, die sie zu besitzen schienen, es immer auch ehrlich meinten? 100 Im Grunde hat Goethe mit dem achten Gebot den vorgegebenen Tugenden den Kampf angesagt, denn bekanntlich lautet das achte Gebot des Dekalogs: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten.“ Das aber ist genau, was sogenannte Tugenden tun, ob in Gebärden, Worten und Werken: sie lügen und bringen die echten Tugenden in Gefahr, angezweifelt zu werden und Mißtrauen auszulösen. Was gibt es Schlimmeres? In jungen Jahren hat sich Goethe in einem anakreontischen Gedicht spielerisch mit dem schillernden Aspekt der Tugend befaßt: Liebe und Tugend Wenn einem Mädgen das uns liebt, Die Mutter strenge Lehren gibt Von Tugend, Keuschheit und von Pflicht, Und unser Mädgen folgt ihr nicht, Und fliegt mit neuverstärktem Triebe Zu unsern heißen Küssen hin; Da hat daran der Eigensinn So vielen Anteil als die Liebe. 100 Augustinus, Confessiones/ Bekenntnisse, VI., 7. <?page no="45"?> 45 Doch wenn die Mutter es erreicht, Daß sie das gute Herz erweicht, Voll Stolz auf ihre Lehren sieht, Daß uns das Mädgen spröde flieht, So kennt sie nicht das Herz der Jugend, Denn wenn das je ein Mädgen tut So hat daran der Wankelmut Gewiß mehr Anteil als die Tugend. 101 Das Thema der Tugend, das das Lied so leichtherzig hinterfragt, wird in Faust I zum Zentrum des Gretchen-Dramas. Die große Strafpredigt, 102 die Gretchens Bruder Valentin, sterbend nach dem Duell mit Faust-Mephistopheles, der schwangeren Schwester hält, entspricht völlig mittelalterlichen Moralvorstellungen und weist alle Schuld bei Verführung allein der Sittenlosigkeit des Mädchens zu. Zuerst bricht sich sein eigener verletzter Stolz Bahn: Es ist Valentins eigene unvergleichliche Schwester, ‚seine Gretel‘, die alle Kameraden ihrer Schönheit und Tugend wegen bewunderten, die nun Schande über ihn gebracht hat. Keinen Funken Mitleids kann er für das ins Unglück geratene Mädchen aufbringen, das offenbar, von der fragwürdigen Nachbarin abgesehen, keinen Menschen mehr hat auf der Welt als ihn. In wüsten Beschimpfungen und Verwünschungen bricht der Haß aus ihm und verliert sich gar bis ins kleinste, in den sonntäglichen Schmuck von Goldkette und Spitzenkragen, den er ihr nun mißgönnt. Unbarmherzig stellt er ihr die Häßlichkeit der Schande ihrer immer offenkundiger werdenden Schwangerschaft vor Augen mit den schließlich daraus erwachsenden Mordgelüsten gegenüber dem Ungeborenen und senkt vermutlich damit den Keim der späteren tatsächlichen Tötung des Kindes in die Seele der geängstigten Schwester. „Und wenn dir dann auch Gott verzeiht,/ Auf Erden sein vermaledeit! “ sei fortan ihr Los-- das ist der zornige Fluch, mit dem er sie zurückläßt. Stolz und selbstgerecht aber weiß er zur eigenen Person, ehe er stirbt, noch zu äußern: „Ich gehe durch den Todesschlaf/ Zu Gott ein als Soldat und brav.“ Wenn man Valentin wohl zubilligen muß, daß sich sein Verhalten auch der Extremsituation von Erregung und tödlicher Verwundung verdankt und dem durch sie bedingten Wegfall 101 FA-1, S.-90 und Komm. S.-806, Aus den Oeser-Liedern. (entstanden 1766- 1768) nicht in die späteren Werkausgaben aufgenommen. 102 Faust, Der Tragödie Erster Teil, Nacht, v. 1726 ff.; FA-7/ 1, S.-162 f. <?page no="46"?> 46 möglicher Selbstbeherrschung, so läßt sich kaum leugnen, daß dieser so sittenstrenge Mann unter dem Mantel der Tugend fast sämtliche sieben ‚Todsünden‘ begangen hat. Goethe läßt der Vorstellung des Lesers die Wahl, ob der „Böse Geist“, der Gretchen im „Dom“ 103 beunruhigt, von außen an sie herantritt oder ob sie ihn als Gewissen internalisiert hat. Eigentlich sind es ja alles Tatsachen, was das Gespenst ihr vorhält: die Schwangerschaft, den durch das Schlafmittel verursachten Tod der Mutter, das Blut des Bruders vor ihrer Tür- - all dies stimmt und hätte ihr so auch von einem Geistlichen eingeschärft werden können! Das Böse liegt letztlich in dem Mangel an Caritas, an Liebe. Dann kommt auch noch ein weiterer vernichtender Schlag für sie hinzu aus dem Gesang des Chores. In der Totenmesse für die Mutter erschallt eben die Sequenz aus dem Reqiem „Dies irae, dies illa“, die das Jüngste Gericht heraufbeschwört und mit der Frage: „Quid sum miser tunc dicturus? “, zweimal im Drama an sie herantritt: „Was werde ich Armer dann sagen? “ und „Quem patronum rogaturus, Cum vix iustus sit securus? “ ‚Welchen Schutzpatron kann ich anrufen, da doch selbst der Gerechte kaum sicher sein kann.‘ Hier respondiert leise der Böse Geist: Ihr Antlitz wenden Verklärte von dir ab. Die Hände dir zu reichen, Schauert’s den Reinen. Weh! Alle Schuld und Schande wird einzig auf das arme Gretchen gehäuft, das doch systematisch in eine Falle gelockt wurde. Doch sie hat sich schon längst selber die Verantwortung für ihren Fehltritt aufgebürdet: Wie konnt’ ich sonst so tapfer schmälen, Wenn tät ein armes Mägdlein fehlen! […] Und segnet’ mich und tat so groß, Und bin nun selbst der Sünde bloß! Doch-- alles was dazu mich trieb, Gott! war so gut! ach war so lieb! 104 103 Ebda., Dom, v. 3776 ff. 104 Faust I, Am Brunnen, v. 3577 ff.; FA-7/ 1, S.-155. <?page no="47"?> 47 Selbst die Hoffnung auf einen Fürsprecher im Himmel ist ihr genommen. Niemand fühlt Mitleid. Kein gütiger Pastor, der die „Wiederbringungslehre“ 105 vertritt, nimmt sich ihrer an. Völlig vernichtet und alleingelassen, fällt sie in Ohnmacht. Sie wird sich dem Gericht der Welt ohne Widerstand stellen im Bewußtsein ihrer Schuld, die zu verringern sie auch keinerlei Verteidigung vorbringen wird. Noch wird sie später im Kerker versuchen, mittels der durch Mephisto bereiteten Fluchtmöglichkeit sich der bevorstehenden Todesstrafe zu entziehen. Doch dann befindet im Gegensatz zum Urteil der Welt die „Stimme von oben“ sie als „gerettet“. 106 Zu der Siebenten Weissagung läßt sich abschließend noch sagen, was Jahrzehnte später, in den Wanderjahren, als höhere Einsicht vermittelt werden wird und was schon immer Goethes Überzeugung gewesen war: „Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte. Diese letzten sind gerade die bedenklichsten.“ 107 Doch würde man Goethe nicht gerecht, wenn man nicht noch einen weiteren Ausspruch aus späterer Zeit hinzufügte, den Eckermann festhält: Das Gespräch lenkte sich auf die Antigone von Sophokles, auf die darin waltende hohe Sittlichkeit und endlich auf die Frage: wie das Sittliche in die Welt gekommen? „Durch Gott selber“, erwiderte Goethe, „wie alles andere Gute: Es ist kein Produkt menschlicher Reflexion, sondern es ist angeschaffene und angeborene schöne Natur. Es ist mehr oder weniger den Menschen im allgemeinen angeschaffen. Im hohen Grade aber einzelnen ganz vorzüglich begabten Gemütern. Diese haben durch große Taten oder Lehren ihr göttliches Innere offenbaret, welches sodann durch die Schönheit seiner Erscheinung die Liebe der Menschen ergriff und zur Verehrung und Nacheiferung gewaltig fortzog. 108 8 Gestern war es noch nicht, und weder heute noch morgen Wird es, und jeder verspricht Nachbarn und Freunden es schon; Ja, er verspricht es den Feinden. So edel gehn wir ins neue Säklum hinüber, und leer bleibet die Hand und der Mund. 105 Siehe oben S.-24, Anakatastasis Lehre. 106 Faust I, Schluß. 107 WMWJ 1, 10; FA-10, S.-391. 108 Eckermann, a. a. O., III, 1. April 1827; S.-614. <?page no="48"?> 48 Hier ist die Rede offensichtlich von Kants Schrift Zum ewigen Frieden, 109 die 1795 anläßlich des Sonderfriedens zwischen Preußen und Frankreich erschienen ist. 110 Sie gründet sich auf moralische Maximen und enthält genaue Statuten für eine Staatengemeinschaft, aufgrund derer Kriege dauerhaft zu verhindern wären. Sie fand neben Kritik, wie beispielsweise von Hegel, viel Beifall, so auch seitens Fichtes und Friedrich Schlegels. Übersetzungen ins Französische kamen bereits 1795 in Bern und 1796 in Paris heraus. Auch ins Englische und Dänische wurde Kants Schrift noch in den Neunzigerjahren übertragen. 111 Wilhelm von Humboldt reagierte eher skeptisch, Schiller hingegen hat sich nicht nachweisbar geäußert. 112 Goethes pessimistische Überlegungen, wie die achte Weissagung sie festhält, beruhten auf eigener Erfahrung. Denn er hat 1792 mit Herzog Carl August die Campagnie in Frankreich und Die Belagerung von Mainz 113 mitgemacht, also den Krieg in seiner grausamen Form selbst erlebt. 1795 erfolgte, wie erwähnt, der Friede von Basel zwischen Preußen und Frankreich. 1799 bis 1802 führten die Länder England, Rußland, Österreich, Portugal, Neapel und die Türkei den 2.- Koalitionskrieg gegen Frankreich. Preußen bleibt neutral. 1797 veröffentlichte Goethe in Schillers Musenalmanach das folgende Distichon: Zum ewigen Frieden Bald, es kenne nur jeder den eigenen, gönne dem andern Seinen Vortheil, so ist ewiger Friede gemacht. Wenn also ein Friede in Goethes Augen zustande kommen kann, muß er für beide Seiten von Vorteil sein. Dazu bedarf es der Willigkeit zum Kompromiß und einer toleranten Gesinnung. Bei den Kontrahenten, besonders seitens des Militärs, war dies kaum zu erwarten. Ohne deutlichen Hinweis knüpft die achte Weissagung 109 Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Werke in zehn Bdn., hrsg. von Wilhelm Weischedel, Sonderausgabe, Bd. 9, erster Teil, (Wiss. Buchges.) Darmstadt 1981, S.-195 ff. 110 Seltsamerweise bezieht sich Max Morris hier auf eine Glückwunschkarte, die C. A. Böttiger zum neuen Jahr versandte; vgl. Max Morris a. a. O. 1902, S.-219. 111 Rudolf Malter, Nachwort, Abschnitt IV in Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, hrsg. von Rudolf Malter, Stuttgart 2008. S.-82 f. 112 Ebda. 113 Beide biographischen Werke in FA-16, S.-386 ff. und 573 ff. <?page no="49"?> 49 an die sieben „Vermummten“ der vorangegangenen Weissagung an, zumal was Habgier und Stolz anbelangt. Die Weimarer Ausgabe druckt den Text des zuletzt zitierten Distichons ohne Überschrift als Nr. 74 der Vier Jahreszeiten, 114 vor dem unter der Nr. 75 folgenden, weiteren Distichon: Keiner bescheidet sich gern mit dem Theile, der ihm gebühret, Und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg. 115 Während Nr. 74 durch bewußtes Weglassen der Überschrift 116 den Bezug zu Kant unterdrückt, bestärkt ihn das nachfolgende Distichon mit dem Kontrapunkt des „Stoffs immer und ewig zum Krieg“. Den vielen Statuten und Paragraphen Kants setzt Goethe schlicht die fehlende Bereitwilligkeit der Menschen entgegen, sich zu beschränken und auch der Gegenseite ihr Recht zuzugestehen, womit er seine Skepsis gegenüber der Kantischen Schrift klar gemacht hat. 9 Mäuse laufen zusammen auf offenem Markte; der Wandrer Kommt, auf hölzernem Fuß, vierfach und klappernd heran. Fliegen die Tauben der Saat im gleichen Momente vorüber: Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde dir hold. Hier bricht Goethe verschiedene Motive aus dem Aschenbrödel- (oder Aschenputtel-) Märchen heraus und gebraucht sie in seiner eigenen Sache. Er geht dabei von der italienischen Version aus, die er vermutlich in Italien als La Cenerentola kennengelernt hat. Hier wird das von seinen Halbschwestern zurückgesetzte und erniedrigte Mädchen von einer Fee wahrhaft königlich für einen Ball des auf Brautschau begriffenen Prinzen ausgestattet, mit kostbaren Kleidern, gläsernen Schühlein und einer sechsspännigen Kutsche, die sich aber leider mit dem Schlag Mitternacht, wenn der Zauber nicht mehr wirksam sein würde, zu einem von Mäusen gezogenen Kürbis zurückbilden müßte. Die schöne Prinzessin, die niemand kennt, nimmt nach dem Ball wieder ihren Platz in der Asche des Herdes ein. Wie schon am Vortag, wird ihre 114 WA I, 1, S.-356. 115 Ebda. 116 Den Hinweis auf den vorhandenenTitel in den Horen bzw. seine Weglassung in den Werkausgaben verdanke ich Dr. Martina Eicheldinger, Mitarbeiterin in der Tübinger Geschäftsstelle des Goethe-Wörterbuchs. <?page no="50"?> 50 Bitte, doch auch an der Festlichkeit teilnehmen zu dürfen, mit einer Schüssel verschiedener vermischter Feldfrüchte quittiert, die Aschenbrödel aussortieren soll. Das gelingt auch durch die Unterstützung hilfreicher Täubchen drei Abende lang, an denen Aschenbrödel dem Prinzen begegnet, der sich in die Unbekannte verliebt hat. In der dritten Ballnacht verspätet sich Cenerentola und muß zu ihrer Kutsche hasten, dabei verliert sie eines ihrer gläsernen Schühlein, das einzige Kennzeichen, das dem Prinzen verbleibt, um nun im ganzen Land nach der namenlosen Tänzerin, die ihm gleichfalls zugetan schien, suchen zu lassen. Wie in der deutschen Version, helfen die Tauben, die Eigentümerin des Schuhs ausfindig zu machen, sie, die Einzige, der er auch wirklich paßt. Als bisher unerkannt gebliebene „wahre Braut“ des Prinzen findet Cenerentola nun endlich ihr Glück. So weit das Märchen. Das Bild der nach Mitternacht entzauberten Kutsche wird in der Weissagung zum Bild abgelaufenen Lebens. Als „Wandrer“- - Goethes oft gebrauchtes Pseudonym 117 -- nimmt hier der Dichter seinen eigenen Tod vorweg. Zu später Stunde langt er wohl nicht mittels eines Kürbisses in der Öffentlichkeit an, aber auf klappernder, hölzerner Bahre. Entsprechend dem Märchen, werden die Rösser des Trauerzuges in Mäuse rückverwandelt und, genau wie im Märchen, sollen auch hier hilfreiche Tauben die ‚wahre Braut‘ bezeugen, indem sie hier auf geheime „Saat“ aufmerksam machen, auf jene Dichtungen, die er ihr lebenslang, über ihren Tod hinaus, verdeckt hinter anderen Frauen, gewidmet hat. Bisher unscheinbar geblieben, kann sie jetzt die ihr gewidmeten Werke vor aller Welt in Besitz nehmen. Sie, die allgemein bloß als „verstorben“ Geltende, kann jetzt, befreit aus der Asche von Tod und Verkanntsein („cenere“) ihm jetzt als seine ‚wahre Braut‘ geschmückt und gefeiert entgegeneilen- - eine in Schönheit und Hoheit erstrahlende „Tola“, 118 vergleichbar der „Schönen im Nachen“ aus der vierten Weissagung mit ihrem „silbernen Schleier.“ 117 DuW III, 12; FA-14, S.-567. 118 Tola, Kurzform für Cenerentola. Vgl. zum Dialog mit der Entfernten, neben vielem anderen Gedichten, Goethes Sonetten-Zyklus FA-2, S.-250 ff. und E. H. 2011, S.-210 ff. <?page no="51"?> 51 10 Einsam schmückt sich, zu Hause, mit Gold und Seide die Jungfrau; Nicht vom Spiegel belehrt, fühlt sie das schickliche Kleid. Tritt sie hervor, so gleicht sie der Magd; nur Einer von Allen Kennt sie; es zeiget sein Aug’ ihr das vollendete Bild. Hier wird dem Aschenbrödel-Märchen weiter nachgesonnen, aber der Fokus wieder in eine Zeit zurückverlegt, da die künftige Prinzessin noch unscheinbar und verkannt ihre verborgene Existenz führt. Denn zur Zeit der Weissagungen lebt ja der „Wandrer“ noch, und jene Werke, in denen er die ‚Tote‘ feiert, sind trotz leiser Winke, der Menge, vor der sich der Dichter hütet, nicht durchschaubar. Trauer und Sehnsucht nach der Verlorenen prägen immer wieder seine Gedichte. Folgende Verse machen auch schon durch die Gestaltung ihrer äußeren Form seinen Verlust spürbar: Erster Verlust Ach! Wer bringt die schönen Tage, Jene Tage der ersten Liebe, Ach! Wer bringt nur Eine Stunde Jener holden Zeit zurück! Einsam nähr’ ich meine Wunde, Und mit stets erneuter Klage Traur’ ich um’s verlorne Glück. Ach! Wer bringt die schönen Tage, Jene holde Zeit zurück! 119 Später, in Dichtung und Wahrheit, wird Goethe sich zu dieser Erfahrung näher erklären: […] Die erste Liebe, sagt man mit Recht, sei die einzige; denn in der zweiten und durch die zweite geht schon der höchste Sinn der Liebe verloren. Der Begriff des Ewigen und Unendlichen, der sie eigentlich hebt und trägt, ist zerstört, sie erscheint vergänglich wie alles Wiederkehrende. 120 Seine resignierte Trauer findet sich auch im Xenien-Komplex der Neunzigerjahre ausgedrückt: 119 FA-1, S.-282. 120 DuW III, 13; FA-14, S.-629. <?page no="52"?> 52 Alles wünscht’ ich zu haben, um mit ihr alles zu teilen, Alles gäb ich dahin, wär sie, die Einzige, mein. 121 Und wenig später, an den Schluß der Sammlung gestellt: Leben muß man und lieben! Es endet Leben und Liebe! Schnittest du, Parze, doch nur beide die Fäden zugleich. 122 Mit diesem rhetorischen Wunsch an das Schicksal wäre ein von diesem verfügtes-- und nicht eigenmächtig vom Liebenden vollzogenes-- Ende der Werther-Situation gegeben. Nicht in Irrealität projiziert, sondern in voller Wirklichkeit erlebt, hält der Dichter hier sein Bekenntnis zur „wahren Liebe“ fest: Das ist die wahre Liebe, die immer und immer sich gleich bleibt, Wenn man ihr alles gewährt, wenn man ihr alles versagt. 123 Immer von neuem findet sich die Entrückte in Liebe angeblickt und mit der Schönheit von Versen umkleidet, mögen auch der Welt gegenüber diese Liebesbezeugungen anderen Frauen gelten! 124 So erscheint sie uns zwiefach: als Magd in der Asche zunächst, aber dennoch auch als die künftige Prinzessin. 11 Ja, vom Jupiter rollt ihr, mächtig strömende Fluten, Über Ufer und Damm, Felder und Gärten mit fort. Einen seh’ ich! Er sitzt und harfeniert der Verwüstung; Aber der reißende Strom nimmt auch die Lieder hinweg. Hier bezieht sich Goethe deutlich auf die Große Flut, wie sie im Ersten Buch von Ovids Metamorphosen geschildert ist: In gerechtem Zorn bestraft Jupiter die Menschen des Eisernen Zeitalters, wozu ein einzelner Frevler, Lycaon, der ihn besonders herausgefordert und beleidigt hat, den letzten Ausschlag für die totale Vernichtung der Welt gibt. Folgende Verse beschreiben die Katastrophe an ihrem Höhepunkt: expatiata ruunt per apertos flumina campos cumque satis arbusta simul pecudesque virosque 121 FA-1, S.-612. 122 FA-1, S.-613. 123 FA-1, S.-612. 124 Vgl. E. H. 2011, 6. Kap.: Vergangenheit und Gegenwart in Eins, S.- 165 ff. und Kap. 15: Wandrer und Pächterin, S.-353 ff. <?page no="53"?> 53 tectaque cumque suis rapiunt penetralia sacris. siqua domus mansit potuitque resistere tanto indeiecta malo, culmen tamen altior huius unda tegit, pressaeque latent sub gurgite turres. Iamque mare et tellus nullum discrimen habebant: omnia pontus erant; deerant quoque litora ponto. 125 Ausgebrochen fluten die Flüsse dahin über offne Felder, reißen die Saaten, die Bäume, das Vieh und die Menschen, Dächer und Kammern mitsamt den Hausaltären von hinnen. Blieb ein Gebäude und konnte dem mächtigen Drange des Unheils unzerstört widerstehn, so deckten höher doch steigend Wellen den First; unter Strudeln verborgen standen die Türme. Und schon ließ sich See und Land nicht mehr unterscheiden. Da war alles Meer; und dem Meere fehlten die Ufer. 126 Ganz ähnlich faßt Goethe in einem Brief an Schiller 127 die Französische Revolution, dies allerdings erst 1802, also nach Erscheinen der Weissagungen, was aber nicht bedeuten muß, daß Ovids lange und eindringliche Darstellung der Großen Flut sich nicht schon längst in Goethes Vorstellung mit dem Vorgang des gigantischen französischen Umsturzes verbunden hat. Zusätzlich kann man annehmen, daß der der Madame de Pompadour zugeschriebene Ausspruch „Après nous le déluge“ gewiß auch in deutschen Landen längst kursierte. So also Goethe zu Schiller: […] Im ganzen ist es der ungeheure Anblick von Bächen und Strömen, die sich, nach Naturnotwendigkeit, von vielen Höhen und aus vielen Tälern gegen einander stürzen und endlich das Übersteigen eines großen Flusses und eine Überschwemmung veranlassen, in der zu Grunde geht, wer sie vorgesehen hat so gut, als der sie nicht ahndete. Man sieht in dieser ungeheuern Empirie nichts als Natur und nichts von dem, was wir Philosophen so gern Freiheit nennen möchten. Das „Ja“ zu Beginn der Weissagung in Übereinstimmung mit Jupiters Auslösung der Großen Flut bekundet wortwörtlich anfängliche 125 Ovid, Met. I, v. 285-292; Ovid Metamorphosen, in deutsche Hexameter übertragen und hrsg. von Erich Rösch, München und Zürich 1990, S.-20/ 21. Beachtenswert das gehäuft auftretende „qu“ als Anspielung auf die Massen von „aqua“! 126 Ebda. 127 An Schiller, 9. März 1802. Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, hrsg. Gerhard Gräf und Albert Leitzmann, Frankfurt a. M., Wien, Zürich, o. J., S.-761 f. <?page no="54"?> 54 ‚Bejahung‘ der Revolution als eines geradezu naturgegebenen, ja, eines gottgewollten Phänomens. 128 Und wie bei Ovids Großer Flut der Frevel eines Einzelnen den schließlichen Ausschlag gibt für die totale Vernichtung, so faßte Goethe im Bild eines Einzelnen, nämlich Cagliostros, mit seinen vielfachen okkulten Täuschungen seiner zahlreichen Anhänger und seiner letztendlichen Verstrickung in die Halsband-Affaire um Königin Marie Antoinette, 129 das kommende Unheil: […] Schon im Jahr 1785 hatte die Halsbandgeschichte einen unaussprechlichen Eindruck auf mich gemacht. In dem unsittlichen Stadt- Hof- und Staats-Abgrunde, der sich hier eröffnete, erschienen mir die greulichsten Folgen gespensterhaft, deren Erscheinung ich geraume Zeit nicht los werden konnte […]. 130 Anfangs konnte der Aufklärer Goethe die Revolution noch als Fortschritt sehen, doch als ihre Schrecknisse begannen, begriff er nicht mehr, wie jemand wie Klopstock 131 sie feiern konnte. Die 1790 La Rochefoucauld gewidmete Ode Sie, und nicht wir beklagt, daß es nicht das „Vaterland“ war, das zur Freiheit führte. Die Elegie beginnt mit dem Vers: „Hätt’ ich hundert Stimmen; ich feyerte Galliens Freyheit“ und bricht im sechsten und siebenten Distichon aus in die Klage: Ach du warest es nicht, mein Vaterland, das der Freyheit Gipfel erstieg, Beyspiel strahlte den Völkern umher: Frankreich wars! Du labtest dich nicht an der frohsten der Ehren, Brachest den heiligen Zweig dieser Unsterblichkeit nicht! 132 Zwei Jahre später aber ermahnt er sein Volk bereits beschwörend und warnt es vor der Gegenwehr des Adels und vor Blutvergießen. Der Freyheitskrieg 133 ist das Gedicht betitelt: 128 ‚Jupiter‘ kann im Lateinischen auch einfach ‚Himmel‘ bedeuten, doch wäre hier die Emphase bei solch einer offenkundigen Tatsache, daß der Regen vom Himmel kommt, sinnlos. Übrigens betont im selben ersten Vers das Verb ‚rollen‘, über das lat. ‚volvere‘, den Bezug zur Revolution. 129 Vgl. Dieter Borchmeyer, Goethe. Der Zeitbürger, München 1990. S.-179 ff. 130 Tag- und Jahreshefte, 1789, FA-17, S.-16. 131 Goethe Gedichte, in drei Bdn., hrsg. von Emil Staiger, Manesse Verlag, Zürich 1949. Bd. 1, S.-520. 132 Friedrich Gottlieb Klopstock, Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von Horst Gronemeyer et al., Berlin und New York 2010, Bd. I, 1, S.-468 f. 133 Ebda., S.-472 f. <?page no="55"?> 55 […] Möchtet ihr, ehe das Schwert von der Wunde triefet, der Klugheit Ernste warnende Worte verstehn! Möchtet ihr sehn! Es entglüht schon in euren Landen die Asche, Wird von erwachenden Funken schon roth. Fragt die Höflinge nicht, noch die mit Verdienste gebornen, Deren Blut in den Schlachten euch fließt; Fragt, der blinken die Pflugschaar läßt, die Gemeinen des Heeres, Deren Blut auch Wasser nicht ist: Und durch redliche Antwort erfahret ihr oder durch lautes Schweigen, was in der Asche sie sehn. […] Alles ist voller Widerspruch, bis dann, 1793, das Gedicht Mein Irrtum 134 entsteht: Lange hatt’ ich auf sie, forschend geschaut, Auf die redenden nicht; die Thäter! War Bey den Maalen der Geschichte Wandelnd den Franken gefolgt. Die an Völkern du rächst, Königen rächst, Priestern, die Menschheit, wie war’s, Geschichte voll Von Gemählden, die der Gute Bleich vor Entsetzen erblickt. Dennoch glaubt’ ich, und ach Wonne war mir, Morgenröthlicher Glanz der goldne Traum! War ein Zauber wie gehofter Liebe, dem trunkenen Geist! Freyheit, Mutter des Heils, deucht’es mich, du Würdest Schöpferin seyn, die Glücklichen, Die so ganz du dir erkohrest, Umzuschaffen gesandt! […] Ach des goldenen Traums Wonn’ ist dahin, Mich umschwebet nicht mehr sein Morgenglanz, Und ein Kummer, wie verschmähter Liebe kümmert mein Herz. […] 134 Ebda., S.-486 f. <?page no="56"?> 56 Klopstock kündigte dem Gedanken der Revolution seine Gefolgschaft auf, als er sah, welch schreckliche Entwicklung er genommen hatte und widerrief selber seine früheren Lobeshymnen. 12 Mächtig bist du! gebildet zugleich, und Alles verneigt sich, Wenn du, mit herrlichem Zug, über den Markt dich bewegst. Endlich ist er vorüber. Da lispelt fragend ein Jeder: War denn Gerechtigkeit auch in der Tugenden Zug? Am 9. November 1799 stürzt Bonaparte durch einen Staatsstreich das Direktorium, löst den Rat der 500 auf und ernennt sich zum Ersten Konsul der Republik. Damit beansprucht er für sich eine Funktion und Ehrenposition des antiken Rom, hier, in der 12.- Weissagung symbolisch aufgewertet im Bild eines römischen Triumphzugs. Im Grunde zeigt er mit diesem Schritt seine Absicht der Nachfolge Julius Cäsars an und gräbt, wie sich bald erweisen wird, der Idee der Republik, aus der er ja selber hervorgegangen ist, das Grab. Die Errungenschaften der Revolution, die „Tugenden“ von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, werden wohl offiziell immer noch hochgehalten. Protest gegen den Sturz des Direktoriums oder die Frage nach „Gerechtigkeit,“ auf jedermanns Lippen, kann nur mehr geflüstert werden. So weit ist es also mit dem Ideal der Freiheit gekommen! Ein Gemälde hält das Zeremoniell der Machtübernahme fest. Dazu die folgende Erläuterung: „Durch einen Staatsstreich wird Napoleon Bonaparte 1799 Erster Konsul der französischen Republik und damit zum Alleinherrscher. Der erste Konsul bezieht den Palast der Tuilerien“, so titelt der Verfasser von „Das Leben Napoleons dargestellt in lithographirten Bildern […]“ 135 Der Palast der Tuilerien hatte Jahrhunderte lang zum Aufenthalte der Könige gedient. Napoleon verließ den Palast Luxembourg, den Sitz der Direktorial-Regierung, um seine Wohnung in den Tuilerien aufzuschlagen. Diese Verlegung der Regierung in den Palast der Könige musste der Menge verkündigen, daß eine 135 Aus Das Leben Napoleons dargestellt in lithographirten Bildern nach den vorzüglichsten Original Gemälden der Französischen Schule mit Text nach dem Französischen in 3 Bdn, Hrsg. und Lithograph Friedrich Vogel, Frankfurt-a. M. 1830. 2. Bd. <?page no="57"?> 57 Neuordnung der Dinge begonnen habe, und damit wurden alte Erinnerungen von neuem aufgefrischt. Sie geschah unter großem militärischen Gepränge. […] Napoleon von einer glänzenden Gruppe von Generälen, Ministern und Staatsräthen umgeben, hielt eine große Musterung über die Truppen, bevor er den Palast betrat. 136 Das war einmal der geplante große Befreier des Volkes gewesen. 13 Mauern seh’ ich gestürzt, und Mauern seh’ ich errichtet, Hier Gefangene, dort auch der Gefangenen viel. Ist vielleicht nur die Welt ein großer Kerker? und frei ist Wohl der Tolle, der sich Ketten zu Kränzen erkiest. Der Sturm auf die Bastille reißt Kerkermauern nieder und markiert den Beginn der Revolution. In ihrem Verlauf wurden zahllose Aristokraten gefangen genommen und in Gefängnissen festgehalten, ehe das große allgemeine Blutvergießen begann. Später waren es die Revolutionsführer selber, die man einsperrte und unter dem Messer der Guillotine zu Tode brachte. Danach waren die Gegner Napoleons die Nächsten, die der Freiheit beraubt wurden. Sogar solch eine herausgehobene Persönlichkeit wie der Papst, den Goethe zur Zeit seines Rom-Aufenthalts in vollem Glanz erlebt hatte, 137 mußte als Gefangener nach Avignon gehen, weil er die von der französischen Regierung ernannten und auf sie vereidigten Bischöfe nicht anerkennen konnte. All dies sind historische Fakten und jedermann bekannt. Die Rätsel liegen beim zweiten Distichon. Goethe selbst war einer der „Tollen“, die sich Ketten zu Kränzen erkoren hatten, nicht der erste. Er sah, rückgewandt, in Vergil und Horaz antike Vorbilder- - Spiegelbilder-- wie die folgenden Verse bekunden: Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine; Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag. Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein. Doch was priesest du Ihn, den Taten und Werke verkünden? Und bestochen erschien deine Verehrung vielleicht; Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren, 136 Ebda. 137 Ital. Reise, Rom, 6. Januar [1787], München 1992. S.-184. <?page no="58"?> 58 Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus. Niemand braucht ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich, Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand. Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben? Nichts! Ich habe, wie schwer, meine Gedichte bezahlt. Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen. England! Freundlich empfingst du den zerrütteten Gast, 138 Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese Malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas? Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König Um mich bekümmert, und Er war mir August und Mäzen. 139 Was diese Verse andeuten, verrät die Weissagung, daß sich nämlich der junge Goethe bewußt- - und dezidiert gegen die Wünsche seines Vaters-- an das kleine Weimar ‚gekettet‘ und sich da seine Lorbeeren erworben hat, obwohl ihm die Welt offen stand, hätte er sich bloß weiter umgesehen. Was das kleine Fürstentum von Sachsen-Weimar-Eisenach betrifft, so schufen ihm und seinem Herzog Goethes „zu Kränzen [erkorene] Ketten“ für Zeit und Nachwelt nie endenden Ruhm. 14 Laß mich ruhen, ich schlafe.-- „Ich aber wache.“-- Mit nichten! -- „Träumst du? “-- Ich werde geliebt! -- „Freilich, du redest im Traum.“-- Wachender, sage, was hast du? -- „Da sieh nur alle die Schätze! “-- Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehn? Hier geht ein scheinbar absurdes Zwiegespräch vonstatten. Einer stört des anderen Schlaf und betont sein Wachsein, dies bestreitet der Ruhende heftig, er weiß es besser. Beide vertreten widersprüchliche Standpunkte: der Träumer fragt nach dem Gewinn des Wachenden, der auf die von ihm angehäuften Schätze pocht. Der Träumer weiß sich geliebt, der Sachliche merkt an, der andere 138 Eine französische Übersetzung der Leiden des jungen Werthers erschien bereits 1774, die englische 1776. 139 Epigramme, Venedig 1790, 34 b); FA- 2, S.- 216. Bezug des letzten Verses zu Vergil und Horaz im Hinblick auf sein eigenes Verhältnis zu Carl August. Emil Staiger schreibt zu den Versen: „Dieses Stück, schon in einem Brief Goethes an den Herzog Karl August vom 10. Mai 1789 angekündigt, scheint ursprünglich für den Zyklus der Römischen Elegien vorgesehen gewesen zu sein.“ <?page no="59"?> 59 rede im Traum, als wolle er die Aussage abtun, während für diesen ein „Schatz“ sich erst durch Unsichtbarkeit manifestiert. Offenbar geht es um ein Selbstgespräch im Halbschlaf, wo die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen und beide Zustände das Bewußtsein von echtem Erleben vermitteln. In späteren ähnlichen kleinen Dialogen wird sich dieser Vorgang in vollem Tageslicht und voller Realität wiederholen. In solchen und ähnlichen kleinen Dialoggedichten weisen die Anführungsstriche auf den im Augenblick weniger maßgebenden Gesprächspartner. Hier ist dies der angeblich „Wachende,“ den man, aufgrund von Goethes ein paar Jahre später entstandenem Drama Pandora, 140 Prometheus nennen könnte. Der Ruhende wäre dann Epimetheus. Hier wie dort stört Prometheus die Ruhe des anderen in seinem Blick aufs Immaterielle. Aber als Antwort wandelt ‚Epimetheus‘ mit der Frage: „ein Schatz, wird er mit Augen gesehn? “ ein Bibelwort ab: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, […] Sammelt euch aber Schätze im Himmel, […] Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.“ 141 „Schatz“ kann im Deutschen zweierlei bedeuten: eine Kostbarkeit oder auch einen Kosenamen für einen geliebten Menschen. Das letztere drängt sich hier auf, da Epimetheus, als er gefragt wird, ob er träume, nicht widerspricht und nur sagt, er werde geliebt. Nun hat ‚träumen‘ bei Goethe zuweilen eine ganz besondere Bedeutung, es kann auch ‚hellsehen‘ meinen. So berichtet er in Dichtung und Wahrheit im Zusammenhang mit dem sehr verehrten Großvater Johann Wolfgang Textor: Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, bis zum Höchsten steigerte, war die Überzeugung, daß derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. Zwar ließ er sich gegen Niemand als gegen die Großmutter entschieden und umständlich heraus; aber wir alle wußten doch, daß er durch bedeutende Träume von dem was sich ereignen sollte, unterrichtet werde. 142 Er wußte im voraus vom Ausgang von Wahlen im Rat der Stadt Frankfurt, die seinen Aufstieg zum Schöffen, dann zum Schultheiß, ergaben. In einem zur möglichen späteren Einfügung in die Autobiographie verfaßten Bericht heißt es des weiteren: 140 Pandora, FA-6, S.-661 ff. 141 Matth. 6, 19-21. 142 DuW I. 1: FA-14, S.-46 f. <?page no="60"?> 60 Der Großvater war ein Träumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles über seine Familie durch Träume offenbar. Er sagte einmal einen großen Brand, dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus. Daß er Stadtsyndikus werde, hat ihm ein ganzes Jahr vorher geträumt. […] Diese Traumgabe hat sich auf die eine Schwester fortgeerbt; denn gleich nach dem Tode des Vaters da man in Verlegenheit war das Testament von ihm zu finden, träumte ihr es sei im Pult desselben, zwischen zwei Brettchen, die durch den Druck auf eine gehei<me> Feder von einander gingen. Man untersuchte den Pult und fand alles richtig. Die ältere Schwester Elisabeth 143 aber hatte dies Talent nicht; sie meinte, es komme von ihrer muntern gesunden Natur und wohl auch von ihrem gesunden Verstande her. 144 Anschließend folgt in diesem Paralipomenon ein lang und ausführlich erzähltes gespenstisches Erlebnis der Großmutter, die durch lautes Raschelgeräusch und Seufzen aus dem Schlaf geschreckt wurde und bald darauf erfuhr, ein Freund habe ihr zur selben Zeit, in der Stunde seines Todes, noch einen Brief schreiben wollen, sei dann aber zu schwach dazu gewesen und habe das Papier zerknüllt. Seine Frau brachte das zerknitterte Papier als Zeugnis seines Gedenkens, worauf die Großmutter ohnmächtig wurde. 145 Im Zusammenhang eines Gesprächs über Magnetismus und die Seherin von Prevorst 146 sagte Goethe zu Kanzler von Müller: Ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur parallel an mir vorüberlaufen lassen. Zwar zweifle ich nicht, daß diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen, ja, sie müssen darin liegen; aber man ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den ich nicht berufen bin. 147 Der hier zu Kanzler von Müller spricht, ist in der Weissagung der „Wachende“, der Aktive, der bemüht ist, den Schläfer zu wecken, mit dem im Traume, ganz ohne sein Zutun-- und nicht etwa „auf falsche, frevelhafte Weise“ hervorgerufen-- etwas geschieht. Das 143 Goethes Mutter. 144 Ebda., FA-14, S.-985 f. 145 Ebda., S.-986. 146 Justinus Kerner, Die Seherin von Prevorst, Stuttgart 1829. 147 Kanzler Friedrich von Müller, Unterhaltungen mit Goethe, 10 Februar 1830. München 1982. S.-182. <?page no="61"?> 61 passive Verb bestätigt es: er wird geliebt. Die Antwort: „Freilich, du redest im Traum! “ klingt so, als kommentiere ‚Prometheus‘ die Feststellung des Schläfers ironisch-negierend. Betont man aber „redest“, läßt sich Bestätigung heraushören, die dem Mitangehörten gilt. Im Juli 1777- - so das vermutete Datum- - aber offenbar wenige Wochen nach dem Tod der Schwester (zu einer Zeit, da vier Monate lang kaum Briefe von ihm abgingen), schickt Goethe an Charlotte von Stein Verse, die am Schluß mit „C. A.“ gekennzeichnet sind. Der Stil und Wortschatz entsprechen Gereimtem des jungen Goethe, (fehlerhafte französische Aussprache 148 ist vielleicht eine parodistische Anspielung, auf irgendeinen gemeinsamen Bekannten). Diese Verse werden aufgrund der Handschrift Herzog Carl August zugeschrieben und gelten als an Charlotte von Stein gerichtet, die zur Zeit in Pyrmont zur Kur weilte: 149 Ich schlafe, ich schlafe von heute biß morgen, ich träume die Wahrheit ohne Sorgen, habe heute gemacht den Cammer Etat, bin heute göttlich in meinem selbst gebad. Die Geister der Wesen durchschweben mich heut Geben mir dumpfes, doch süßes Geleit. Wohl dir Gute, wenn du lebest auf Erden Ohne anderer Existens gewahr zu werden. Tauche dich ganz in Gefühle hinein, Um liebvollen Geistern gefährtin zu seyn. Sauge den Erdsaft, saug Leben dir ein, Um liebvoller Geister Gefährtin zu seyn. Carl August. In Goethes Brief an Charlotte von Stein fügt er nach der Niederschrift des Carl August zugeschriebenen Gedichtes ein anderes eigenes an: Und ich geh meinen alten Gang Meine liebe Wiese lang. 148 Reim: „Etat - gebad“. 149 Goethe, Briefe an Frau von Stein, hrsg. von Wilhelm von Scholz, Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin. (o. J.), S.- 84 f. Goethe hat doppelt in dieses „fremde“ Gedicht eingegriffen: erstens, indem er es nicht in Strophen einteilte, zweitens, indem er in Zeile zehn abweichend von der übernächsten Zeile gefährtin mit kleinem Anfangsbuchstaben wiedergab (in Kontrast zum Original, FA-I, S.-961). <?page no="62"?> 62 Tauche mich in die Sonne früh Bad ab im Monde des Tages Müh, Leb in Liebes Klarheit und Kraft, Thut mir wohl des Herren Nachbarschaft Der in Liebes Dumpfheit und Kraft hin lebt Und sich durch seltnes Wesen webt. 150 Dazu schreibt er: Daß ich mich immer träumend an den Erscheinungen der Natur und an der Liebe zu Ihnen weide, sehn Sie an beykommendem. Ich muß mich festhalten sonst risse mich Ihr Kummer mit weg, und da ist mir so weh daß ich das einzige was meinem Herzen übrig bleibt, Ihr Andenken, offt weg halten muß. Der Wortschatz beider Gedichte ist verwandt (baden, dumpf, Kraft, tauchen). Vermutlich hat Goethe Carl Augusts Handschrift und Initialen für das erstere geborgt. Mir scheint es, daß er eigene Gefühle und Wünsche tarnen wollte in Versen, die er dem Herzog zuschob, der jedoch selber kaum dichtete. 151 Jahrzehnte später verfuhr Goethe ähnlich in der Zeitschrift Chaos, indem er in ihr anonym und in fremder Handschrift Gedichte hinterlegte, damit sie früher oder später entdeckt würden. 152 Die Metren der Gedichte unterscheiden sich deutlich voneinander, das erstere weist hauptsächlich Daktylen auf, das andere Trochäen, aber in beiden Fällen sind es fallende Metren. In beiden Gedichten kommen jeweils die Persönlichkeiten der 14. Weissagung zu Wort: Im zweiten Gedicht agiert der Wache, hier fällt kein Wort von „Schlafen“ und „Träumen“, eigene Liebesklarheit und -kraft werden kontrastiert mit Liebesdumpfheit und -kraft, offiziell der des Herzogs, aber eher der der anderen Komponente des Ich. 150 FA-1, S.-231 und Komm. S.-961. 151 Vgl. Dieter Borchmeyer, Weimarer Klassik, Weinheim 1994. S.-85: „Carl August fehlte […]die spezifisch musische Begabung. Goethes Dichtung hat er wohl nie angemessen zu würdigen vermocht“. 152 Vgl. E. H. 2011, S.-421 ff. Hier werden nur Gedichte als solche Goethes aufgewiesen, für die Fink keinen Nachweis für irgendeinen Autor erbracht hat. Inzwischen hat Karsten Hein entsprechend vorliegenden Handschriften andere Zuweisungen erbracht, bzw. zu erbringen gesucht. Das Gedicht, In das Album des Grafen Sternberg, Chaos II, 15, das Hein in der Handschrift des Kanzlers Friedrich von Müller aufgefunden und ihm zugeschrieben hat, wurde schon 1830 unter Goethes Briefen an Sternberg herausgegeben. Vgl. dazu Claudia Schweizer, Johann Wolfgang Goethe und Kaspar Maria von Sternberg; Wien 2004. S.-293. <?page no="63"?> 63 In den Carl August zugeschobenen Versen des Träumers fallen zunächst Kleinigkeiten auf: Verse 2, 3 und 4 beginnen mit kleinem Anfangsbuchstaben, diese Zeilen beziehen sich auf das Ich, wohl zunächst auch noch immer auf sein Träumen (v. 2), aber dann auf getane Tagesarbeit und das Wohlgefühl hernach. Im Text, so wie er im Kommentar der Frankfurter Ausgabe abgedruckt ist, 153 zerfällt das Gedicht, (anders als in der Niederschrift Goethes für Charlotte von Stein) in zwei Strophen zu je sechs Zeilen. Diese zweite Strophe (mit den letzten sechs Versen) wendet sich gewiß nicht an Charlotte, sondern an jenes „Wesen“, das er „ohne Sorgen“ als „wahr“ im Traum erlebt hat: an den „Geist“ der Schwester, der ihm „dumpfes, doch süßes Geleit“ gab. Offenbar zeigte sie sich ihm, ohne selbst „andere“ wahrzunehmen. Er aber begrüßt ihre stumme Anwesenheit dennoch mit „Wohl dir Gute,“ und erfährt diese schemenhafte Präsenz immerhin dankbar als ein „Leben auf Erden“, auch ohne ihre Teilnahme an der Existenz anderer. Aber eine Steigerung setzt ein. Hier werden wir Zeugen einer Totenbeschwörung im antiken Sinn. Im Elften Gesang der Odyssee steigt Odysseus ab in den Orkus, um sich von dem Seher Teiresias die Zukunft weissagen zu lassen. Dazu ist ein Totenopfer 154 vonnöten, Tiere müssen geschlachtet werden, damit die abgeschiedenen Seelen durch das Trinken des Blutes Bewußtsein und Sprache zurückgewinnen können. Odysseus hört von Teiresias, was ihm noch alles bevorstehe, dann spricht er tief bewegt mit seiner Mutter, der erst nach dem Seher Zugang zum Blute, wonach sie längst begierig war, gewährt ist. Nun liest man die vier letzten Verse in Goethes Niederschrift anders: Tauche dich ganz in Gefühle hinein, Um liebvollen Geistern gefährtin zu seyn. Sauge den Erdsaft, saug Leben dir ein, Um liebvoller Geister Gefährtin zu seyn. 155 In seiner Ballade Die Braut von Korinth, 156 zeigt Goethe, daß Blut bei ihm auch durch Rotwein ersetzbar ist. Über den Gehalt dieses 153 FA-1, S.-961. 154 Vgl. Homer Odyssee XI. 24 ff. Vergil, Aeneis VI. 155 Goethe, Briefe an Frau von Stein, a. a. O., S.-84. 156 FA-1, S.-686 ff. <?page no="64"?> 64 Gedichtes hatte Goethe jahrzehntelang nachgedacht, 157 ehe er es 1797 endgültig niederschrieb: Da begegnet ein junger Grieche nächtlicherweile, beim Besuch im Elternhaus eines ihm lang versprochenen Mädchens, das kürzlich ohne sein Wissen verstorbenen war, ihrer Geistererscheinung. Nach einiger Hin- und Widerrede heißt es dann: Eben schlug die dumpfe Geisterstunde, Und nun schien es ihr erst wohl zu sein. Gierig schlürfte sie, mit blassem Munde, Nun den dunkel blutgefärbten Wein. 158 In dem zitierten, an Charlotte von Stein gesandten Gedicht geschieht Ähnliches: die tote Schwester soll ins Leben geholt werden. Wie das vor sich geht, bleibt unausgesprochen, aber in der Sprache wird das Vorher und Nachher subtil verwirklicht. Voraussetzung dazu wäre der Wunsch der Abgeschiedenen, „liebvollen Geistern gefährtin zu seyn.“ Dann erfolgt der Trunk, das Einsaugen des „Erdsafts“, des „Lebens“- - und die symbolisch kleingeschriebene „gefährtin“ wandelt sich zu einer in der Majuskel erstarkten „Gefährtin liebvoller Geister“, wobei auch der neu gesetzte Genetiv auf eine engere Zugehörigkeit deutet, als der eher distanzierte vorherige Dativ. Auch schon zu Lebzeiten Cornelias hatte Goethe nach einem brieflichen Kontakt zwischen Charlotte und der Schwester getrachtet, zu einer Zeit, in der er sich eigene Briefe an letztere verbieten mußte, vermutlich um ihre Ehe nicht zu stören. So schrieb er zwischen 19.-und 21.-Mai 1776 an Charlotte: Hier einen Brief von meiner Schwester. Sie fühlen wie er mir das Herz zerreißt. Ich hab schon ein paar von ihr unterschlagen um Sie nicht zu quälen. Ich bitte Sie flehentlich nehmen Sie sich ihrer an, schreiben Sie ihr einmal, peinigen Sie mich daß ich ihr was schicke. Leben Sie wohl.-- G. 159 Nun, da sie tot war, wollte er sie wohl nicht nur in Erinnerungen und Gesprächen, vielleicht auch in hellsehenden Träumen, einbezogen wissen in seine enge Verbundenheit mit Charlotte von Stein. 157 Im Aufsatz Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort von 1823, FA-17, S.-596. 158 FA-1, S.-689. 159 Goethe, Briefe an Frau von Stein, a. a. O. 1. Band, S.-39. <?page no="65"?> 65 15 Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Rätsel zu lösen; Denn der prophetische Geist ruft den Verständigen an. Jene nenn’ ich die Klügsten, die leicht sich vom Tage belehren Lassen; es bringt wohl der Tag Rätsel und Lösung zugleich. Kleine und große „Schlüssel“ hat der Dichter im „Buche,“ d. h. in seinen Schriften, ausgestreut, so vielerart, daß hier nur auf wenige genauer eingegangen werden kann. 160 Schon mit Buchstaben beginnt die Reihe, beispielsweise zu beobachten bei der Groß- und Kleinschreibung, wie das im Zusammenhang mit der 14. Weissagung besprochene Gedicht sie aufweist. „Schlüssel“ sind ferner Vokalabfolgen, Silben, Wortfelder, Namen, bestimmte Adjektive, Symbole, Rhythmus und Metren. 161 Wenn Blick und Ohr einmal für derlei Hinweise geschärft sind, lösen sich Rätsel oft sofort, am „Tag“, der ja beides zugleich bringen soll: die „Rätsel“ und ihre „Lösung“. Wie Musiker in den Buchstaben ihrer Noten zuweilen Namen verbergen, so arbeitet Goethe z. B. mit Bruchteilen von Cornelias Namen, um einen genaueren oder auch symphronistischen Bezug zu ihr anzudeuten, sei er personeller oder situativer Art. So kommen „Cor“, „Or“ und „Dor“ (letzteres auf Pandora zurückgehend) immer wieder vor. So hat Goethe auch die Stadt Korinth, die im tradierten und von ihm übernommenenen Stoff nicht genannt ist, in seine Gespenster-Ballade eingebaut. In diesem Zusammenhang ist der bedeutsame Name Pandora, die ‚alles Gebende‘ oder ‚Allbegabte‘, sehr wichtig, vor allem übernommen aus seinem mythischen Stück gleichen Namens. 162 Weiter ausgeformt tritt er wieder auf in ‚Dorothea‘, man denke an Goethes Epos Herrmann und Dorothea, 163 an seine Elegie Alexis und Dora 164 , an lyrische Gedichte, die von ‚Doris‘ 165 und ‚Dorilis‘ sprechen. Auch hinter manchem Gebrauch des deutschen Wortes ‚Herz‘ läßt sich das lateinische ‚cor‘ durchfühlen, wie auch hinter manchem ‚Gold‘, das französische ‚or‘. Diese Namen oder Buchstaben fallen sofort 160 Vgl. E. H. 2011, in den Kapiteln: Namen, Parechese und Paronomasie, Buchstaben (5) und Kästchen und Schloß; Schlüssel und „Schlüssel“ (19) findet sich eine Vielfalt; siehe S.-560 ff., auch S.-586 ff. 161 Ebda., Kap. 5. 162 Ebda., Kap. 3. 163 FA-8, S.-807 ff. 164 FA-2, S.-174. 165 Nachgefühl, FA-1, S.-648 f. <?page no="66"?> 66 ins Auge und bringen „Rätsel und Lösung zugleich“. Aber es gibt auch Attribute und Verben, die als „Schlüssel“ fungieren. Auch vom grammatischen Gebrauch abweichende Großschreibung von Buchstaben spielt eine Rolle. Auf puren Klang von Vokalen kommt es ebenfalls oft an. In meinem Buch Goethe aus Goethe gedeutet ist solchen und anderen „Schlüsseln“ ein ganzes Kapitel 166 gewidmet. Hier jedoch bedeutet Schlüssel die sowohl in der Form als auch im Gehalt angelegte Duplizität: „Rätsel“ und „Lösung“ zugleich. Jene „Klügsten, die schnell sich vom Tage belehren lassen“, haben die Doppelheit der Geschehnisse „im Buche“ erkannt, die ja bereits das Motto schon von vornherein ankündigt. 16 Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das Vergangne Ruht, verblendete Welt, oft als ein Rätsel vor dir. Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; Beides Schließt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an. Dies sind dunkle Verse. Bakis tritt hier als rügender „Prophet“ auf, der die Menschen für ihre Unwissenheit tadelt. Auf die Geschichte wird er sich mit dieser Kritik kaum beziehen, denn die Geschichte ist für die gebildete Welt kein „Rätsel“, weil sich auch aus ihr, im großen gesehen, Schlüsse auf Kommendes ziehen ließen: Reiche bauen sich auf, beherrschen die übrige Welt und stürzen wieder, die Macht geht über auf ein neues wachsendes Reich, bis auch dieses die Herrschaft abgeben muß in unablässigem Wechsel. Es läge nahe, hier an den Aufstieg Frankreichs unter Napoleon zu denken, dessen Schicksal sich jedoch zur Zeit der Weissagungen (1798-- 1800) höchstens erahnen ließ. Bei der Vergangenheit, von der hier die Rede ist, handelt es sich um eine dem Bewußtsein fast aller Menschen unzugängliche: „Wer die Vergangenheit kennte…“ So weit das Erinnerungsvermögen des Einzelnen zurückreicht, ist das eigene Leben dem Menschen nicht unbekannt, doch in eben diesem Zusammenhang geht es vermutlich um ein anvisiertes Vergangenheitsverständnis und um eine Erfahrung, die über das gegenwärtige Leben hinaus zurückgreift, die Erfahrung einer Präexistenz. Kennte man seine frühere Inkarnation, verstünde man die zur Zeit bestehende besser und hätte von daher auch eine Vorstellung von der künftigen. 166 E. H. 2011, Kap. 5, S.-157 ff. <?page no="67"?> 67 Daß der Glaube an Seelenwanderung Goethe nicht fremd war, ließ sich ja schon aus tieferer Einsicht in die sechste Weissagung erraten. Dem Blick des Sehers mag das vergangene wie das zukünftige Leben des Menschen, so wie es sich, in beiden Richtungen, jeweils an das gegenwärtige anschließt, als „vollendet“ vorliegen. „Beides“-- der Großbuchstabe beim Pronomen nach dem Semikolon drückt Emphase aus-- beides ist, heranreichend an die Gegenwart, aus göttlicher Sicht bereits „vollendet.“ Damit sind Zukunft und Vergangenheit in ewiger Gegenwärtigkeit aufgehoben. Es ist legitim, später als die Weissagungen Gedrucktes oder Geschriebenes zu ihrer Erklärung heranzuziehen, wenn sich entsprechende Ansichten in ihnen bereits angekündigt finden. Deshalb darf das folgende Gedicht aus dem Buch der Parabeln des West-östlichen Divan hier stehen. Goethe wird den Gedanken der Reihung der Reinkarnationen symbolisch-bildhaft darstellen: Die Perle die der Muschel entrann, Die schönste, hochgeboren, Zum Juwelier, dem guten Mann, Sprach sie: ich bin verloren! Durchbohrst du mich, mein schönes All Es ist sogleich zerrüttet, Mit Schwestern muß ich, Fall für Fall, Zu schlechten seyn geküttet. „Ich denke jetzt nur an Gewinn, Du mußt es mir verzeihen: Denn wenn ich hier nicht grausam bin, Wie soll die Schnur sich reihen? “ 167 Das Gedicht steht im Buch der Parabeln und als Parabel will es auch gelesen werden. Die Perle, ein menschliches Ich, das dem beschränkenden irdischen Leben entronnen ist, findet sich dem „Juwelier“, ihrem Beurteiler, gegenüber, und dieses Ich möchte von seiner erworbenen und ihm als erreichbare Höchstform verstandenen Persönlichkeit nicht lassen. Die Perle ist ja die „schönste“ und sie ist „hochgeboren“, die Seele hat also schon viele Inkarnationen erlebt. Was man beim ersten Lesen als eine triviale, auf Profit abzielende Erklärung des „Juweliers“ versteht, bedeutet in Wahrheit die heilsame Anbindung an vergangene, weniger vollkommene Existenzen, als notwendige Voraussetzung einer 167 FA-3/ 1, S.-423. <?page no="68"?> 68 erstrebten späteren Vollendung. Dem göttlichen Juwelier ist dieser erhoffte Endzustand ja Gegenwart. Dies entspricht der Lehre des Origenes von der „Anakatastasis panton“ (der „Wiederbringungslehre“ aus Goethes Brief des Pastors zu ***), auf die zur Deutung der zweiten Weissagung schon Bezug genommen wurde. 168 Die Aufhebung der Zeiten in zeitloser Ewigkeit hat Augustin im 11.-Kapitel der Bekenntnisse 169 anschaulich dargestellt. Über die Zeit reflektiert auch ein sechszeiliges Gedicht, zusammen mit den Schicksalsschlägen, die sie mit sich bringt. So werden tag-gebundene Lehren eingestuft. Dem Einsichtigeren legen die Verse nahe, seine Erfahrung der Vergänglichkeit des Gestern angesichts der Gegenwart auf diese Gegenwart selbst anzuwenden, im Wissen um ihre Übergangsqualität. Er wird, im Vorausblick auf das Kommende, statt sich Sorgen über Künftiges zu machen, in gedeihlichem Handeln die gegebene Zeit nutzen. Das schlimmste, was uns widerfährt, Das werden wir vom Tag gelehrt. Wer in dem Gestern Heute sah Dem geht das Heute nicht allzunah, Und wer im Heute sieht das Morgen, Der wird sich rühren, wird nicht sorgen. 170 Goethe setzt sich hier mit Horaz und seinem berühmten „Carpe diem“ 171 auseinander. Auch Goethe will den „Tag gepflückt“-- bewußt durchlebt, genutzt und genossen-- wissen, aber unter einem ganz anderen Gesichtspunkt als Horaz. Während der römische Dichter den für die Zukunft maßgeblichen Aspekt angesichts des Todes höchstens im Nachruhm erblickt und den Wert des Lebens an sich einzig der Gegenwart beimißt, ist Goethe gewiß, daß das Leben nach dem Tode weitergeht. Der „Tag“ wird als Wirkungsbereich des Individuums durchaus ernstgenommen, aber der Absolutheitsanspruch dieses Tages hinsichtlich des Lebens, des jetzigen wie auch des künftigen, ist ihm genommen. Dementsprechend gehört auch das „Schlimmste“, 172 was uns der Tag bringen mag, einem vorübergehenden, diesseitigen Leben an- - eine 168 Vgl. oben S.-24, Anm. 34. 169 Augustinus, Bekenntnisse, XI., 14. 170 Zahme Xenien IV, FA-2, S.-661. 171 Hor., C 30,1. 172 Das „schlimmste“, bewußt mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben! <?page no="69"?> 69 Einsicht, aus der sich, anstelle von Hingabe an den Schmerz, Kraft ergibt zu sinnvollem Handeln für jetzt und später. Mit dem Thema Zeit ist auch ein Vierzeiler befaßt, den Goethe mehrfach handschriftlich, auch als Faksimile gedruckt, versandt oder in Stammbücher eingetragen hat. Die Verse waren ihm offensichtlich überaus wichtig. Veröffentlicht wurden sie erstmals 1831 in der Zeitschrift Chaos, sie finden sich auch als Abschluß der Zahmen Xenien-IV. Liegt dir Gestern klar und offen, Wirkst du heute kräftig frei, Kannst auch auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei. 173 Das Gedicht wendet sich- - nun definitiv- - mit einem Konditionalsatz an einen, der in sein früheres Leben Einblick hat, was nur ganz gewissen Individuen gewährt ist, vermutlich erst nach vielen Inkarnationen. Wer diese Gabe sein eigen nennt, der kann, seinen Einsichten entsprechend, auf das gegenwärtige Leben kraftvoll einwirken und darf dann auch in einem künftigen mit ähnlich glücklichen Verhältnissen rechnen. Dies, nicht mehr, aber auch nicht weniger, verspricht dieses Gedicht. 17 Tun die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das Wasser Über Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich. Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die Wohltat; Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen fest. Man hat diese Weissagung mit der Samenkorn-Parabel 174 des Evangeliums verglichen, 175 und gewiß ist die Ähnlichkeit nicht zufällig, es handelt sich um eine erweiternde Variante. Wenn das Samenkorn, Symbol des Gotteswortes, das das „Reich“ in sich birgt, in seiner Winzigkeit nicht leicht den gastlichen Grund findet, der es aufnehmen kann, lenkt die Weissagung den Blick der Angesprochenen auf eine göttliche Gabe, die sich auf alles ergießt, diesmal als sanfte „Wohltat“ und nicht, wie in der elften Weissagung, als Strafgericht. Nur Lebendiges kann die Gottesgabe 173 Erschien in Chaos II,15; FA-2, S.-661. Vgl. FA-2, Kommentar S.-1188. 174 Matth. 13. 3-8, 19-23. 175 Emil Staiger, Goethes Gedichte in drei Bänden, Zürich 1949. Bd. 1, S.-521. <?page no="70"?> 70 festhalten. Harter Fels und festgefügte Mauern können es nicht, der Baum jedoch kann sie aufnehmen, selbst die kleinen Graswurzeln können es. Im Gegensatz zum dauerhaften Gestein ist gerade das Vergängliche dazu ausersehen, durch die Gottesgabe wachsen zu dürfen. Allem Lebendigen kommt sie zugute. Wie schon öfter zuvor, nimmt diese Weissagung den Gedanken von vorangehenden Weissagungen wieder auf. 176 Die hier zum Getreidesamen des biblischen Gleichnisses analog gesetzte Substanz, das Wasser, vermittelt die Erkenntnis des Bleibenden, des Wachsens, der Erneuerung und Vervollkommnung in der Vergänglichkeit unter dem Wirken der alles Leben begründenden göttlichen Gabe. Die Idee ist die der Metempsychose, der Reinkarnation, eine nur geheim vertretene Erkenntnis, der gegenüber sich die kirchlichen Dogmatiker jeder Couleur ablehnend verhielten. Ihre Wurzeln gehen in Europa zurück bis zu den Pythagoräern und Platon. Die Neuplatoniker der Renaissance haben ihn weitergeführt. Ernst Benz grenzt in seinem Essay Die Reinkarnationslehre in Dichtung und Philosophie der deutschen Klassik und Romantik 177 die abendländische Seelenwanderungslehre scharf von der des Hinduismus und Buddhismus ab und zeigt ihre Entwickung von der Antike und Renaissance, über Lessing, Kant, Wieland, Herder, Schelling, J. G. Schlosser und anderen bis zu Goethe. Im Gegensatz zur östlichen kennt die europäische Lehre nicht die mögliche Wiedergeburt eines Menschen als Pflanze oder Tier, sondern ist auf eine immer fortschreitende Vervollkommnung der menschlichen Seele ausgerichtet, 178 wie man dies auch in dem oben zitierten Gedicht von der „Perle, die der Muschel entrann“ gleichnishaft dargestellt findet. In dem früher schon herangezogenen Gedicht Warum gabst du uns die Tiefen Blicke aus einem Brief an Charlotte von Stein heißt es: „Ach du warst in abgelebten Zeiten/ Meine Schwester oder meine Frau“, eine Ahnung, die er, in dem ebenfalls zitierten Brief an Wieland, nochmals festhält (vgl. S.-42). Der Gesang der Geister über den Wassern 179 faßt den Gedanken der Reinkarnation im Symbol. 176 Vgl. z. B. Weissagung 10 und 13. 177 Ernst Benz, Die Reinkarnationslehre in Dichtung und Philosophie der deutschen Klassik und Romantik, in Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Bd.-9, Nr. 2, 1957, S. 150 ff. 178 Vgl. Ernst Benz, a. a. O., S.-153. 179 FA-1, S.-318 f. <?page no="71"?> 71 Das Gedicht ist 1779 entstanden und liegt in Goethes Handschrift und in etlichen Abschriften von Freunden vor. 180 Am Tag von Wielands Begräbnis 181 suchte Johannes Daniel Falk, 182 ein langjähriger Freund Wielands und auch mit Goethe befreundet, Goethe traurigen Herzens und ohne Anmeldung auf. Er fand Goethe in ungewohnt feierlicher Stimmung: Es war etwas so Weiches, ich möchte fast sagen Wehmütiges in ihm, […] selbst sein Ausdruck, seine Stimme waren anders als sonst. Dies mochte auch wohl der Grund sein, daß unsere Unterhaltung diesmal eine Richtung ins Übersinnliche nahm, was Goethe in der Regel […] ablehnt.“ 183 Falks aufgezeichnetes Gespräch ist meines Wissens auch der einzige von Mitmenschen festgehaltene Nachweis für Goethes Theorie der menschlichen Seele. Wielands Tod, der Goethe selber sehr nahe ging, und die Trostbedürftigkeit des trauernden Freundes, öffneten seine diesbezüglich sonst verschlossenen Lippen. Grundsätzliches war jedoch schon längst, auch schon vor den Weissagungen, symbolisch verschlüsselt in Gedichten 184 ausgesagt worden, deshalb fällt der spätere Zeitpunkt nicht ins Gewicht. „Sie wissen längst“, hub er an, „daß Ideen, die eines festen Fundaments in der Sinnenwelt entbehren, bei all ihrem übrigen Werte für mich keine Überzeugung mit sich führen, weil ich, der Natur gegenüber, wissen, nicht aber bloß vermuten und glauben will. Was aber die persönliche Fortdauer unserer Seele nach dem Tode betrifft, so ist es damit auf meinem Wege also beschaffen. Sie steht keineswegs mit den vieljährigen Beobachtungen, die ich über die Beschaffenheit unserer und aller Wesen in der Natur angestellt, in Widerspruch, im Gegenteil, sie geht sogar aus denselben mit neuer Beweiskraft hervor. Wieviel aber oder wie wenig von dieser Persönlichkeit übrigens verdient, daß es fortdauere, ist eine andere Frage und ein Punkt, den 180 Ebda., Komm. S.-1030 ff. 181 Am 25. Januar 1813. 182 Zu Johannes Daniel Falk (1768-1826) siehe Einführung des Herausgebers der unten angegebenen Schrift, Gerhard Heufert (Anm. 183), S.-7 ff. 183 Zitiert nach: Johannes Daniel Falk, Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt, Leipzig 1832; Neu hrsg. Auswahl in der Reihe Weimarer Texte, Band-2, Weimar 2010. S.-65. Falk übergab seine Aufzeichnungen 1824 dem Verleger Brockhaus zur Veröffentlichung nach Goethes Tod, die 1832 stattfand. Falk selber war schon 1826 gestorben. 184 So vor allem im oben genannten Gesang der Geister über den Wassern. <?page no="72"?> 72 wir Gott überlassen müssen. Vorläufig will ich nur dieses zuerst bemerken: ich nehme verschiedene Klassen und Rangordnungen der letzten Urbestandteile aller Wesen an, gleichsam der Anfangspunkt aller Erscheinungen in der Natur, die ich Seelen nennen möchte, weil von ihnen die Beseelung des Ganzen ausgeht, oder noch lieber Monaden-- lassen Sie uns nur immer diesen Leibnizischen Ausdruck beibehalten! Die Einfachheit der einfachsten Wesen auszudrücken, möchte es kaum einen bessern geben. Nun sind einige von diesen Monaden oder Anfangspunkten, wie uns die Erfahrung zeigt, so klein, so geringfügig, daß sie sich höchstens nur zu einem untergeordneten Dienst und Dasein eignen. Andere dagegen sind gar stark und gewaltig. Die letzten pflegen daher alles, was sich ihnen naht, in ihren Kreis zu reißen und in ein ihnen Angehöriges, das heißt in einen Leib, in eine Pflanze, in ein Tier, oder noch höher herauf, in einen Stern zu verwandeln. Sie setzen dies so lange fort, bis die kleine oder große Welt, deren Intention geistig in ihnen liegt, auch nach außen leiblich zum Vorschein kommt. Nur die letzten möchte ich eigentlich Seelen nennen. Es folgt hieraus, daß es Weltmonaden, Weltseelen, wie Ameisenmonaden, Ameisenseelen, gibt, und daß beide in ihrem Ursprunge, wo nicht völlig eins, doch in ihrem Urwesen verwandt sind. Jede Sonne, jeder Planet trägt in sich eine höhere Intention, einen höhern Auftrag, vermöge dessen seine Entwickelungen ebenso regelmäßig und auf demselben Gesetze wie die Entwickelungen eines Rosenstockes durch Blatt, Stiel und Krone zustande kommen müssen. Mögen Sie dies eine Idee oder eine Monade nennen, wie Sie wollen, ich habe auch nichts dawider; genug, daß diese Intention unsichtbar und früher als die sichtbare Entwickelung aus ihr in der Natur vorhanden ist. Die Larven der Mittelzustände, welche diese Idee in den Übergängen vornimmt, dürfen uns dabei nicht irremachen. Es ist immer nur dieselbe Metamorphose oder Verwandlungsfähigkeit der Natur, die aus dem Blatte eine Blume, eine Rose, aus dem Ei eine Raupe und aus der Raupe einen Schmetterling heraufführt. Übrigens gehorchen die niedern Monaden den höhern, weil sie eben gehorchen müssen. […]“ Diese niederen Monaden geraten in den Bann einer Hauptmonade und sind ihr zu Diensten. Sie lösen sich im Moment des Todes von ihr ab, weshalb Goethe auch den Ausdruck „Auflösung“ zutreffend findet: „Der Moment des Todes, der darum auch sehr gut eine Auflösung heißt, ist eben der, wo die regierende Hauptmonas alle ihre bisherigen Untergebenen ihres treuen Dienstes entläßt. Wie das Entstehen, <?page no="73"?> 73 so betrachte ich auch das Vergehen als einen selbstständigen Akt dieser, nach ihrem eigentlichen Wesen uns völlig unbekannten Hauptmonas. Alle Monaden aber sind von Natur so unverwüstlich, daß sie ihre Tätigkeit im Moment der Auflösung selbst nicht einstellen oder verlieren, sondern noch in demselben Augenblicke wieder fortsetzen: So scheiden sie nur aus den alten Verhältnissen, um auf der Stelle wieder neue einzugehen. Bei diesem Wechsel kommt alles darauf an wie mächtig die Intention sei, die in dieser oder jener Monas enthalten ist. Die Monas einer gebildeten Menschenseele und die eines Bibers, eines Vogels oder Fisches, das macht einen gewaltigen Unterschied. Und da stehen wir wieder an den Rangordnungen der Seelen, die wir gezwungen sind anzunehmen, sobald wir die Erscheinungen der Natur nur einigermaßen erklären wollen. […] Jede Monade geht, wo sie hingehört, ins Wasser, in die Luft, in die Erde, ins Feuer, in die Sterne; ja der geheime Zug, der sie dahin führt, enthält zugleich das Geheimnis ihrer zukünftigen Bestimmung. […] Die Intention einer Weltmonade kann und wird manches aus dem dunklen Schoße ihrer Erinnerung hervorbringen, das wie Weissagung aussieht und doch im Grunde nur dunkle Erinnerung eines abgelaufenen Zustandes, folglich Gedächtnis ist; völlig wie das menschliche Genie die Gesetztafeln über die Entstehung des Weltalls entdeckte, nicht durch trockne Anstrengung sondern durch einen ins Dunkel fallenden Blitz der Erinnerung, weil er bei deren Abfassung selbst zugegen war. […] So im Allgemeinen und historisch gefaßt, finde ich in der Fortdauer von Persönlichkeit einer Weltmonas durchaus nichts Undenkbares. […]“ „Wollen wir uns einmal auf Vermutungen einlassen,“ setzte Goethe seine Betrachtungen weiter fort, „so sehe ich wirklich nicht ab, was die Monade, welcher wir Wielands Erscheinung auf unserm Planeten verdanken, abhalten sollte, in ihrem neuen Zustande die höchsten Verbindungen dieses Weltalls einzugehen. Durch ihren Fleiß, durch ihren Eifer, durch ihren Geist, womit sie so viele weltgeschichtliche Zustände in sich aufnahm, ist sie zu allem berichtigt <sic>. Ich würde mich so wenig wundern, daß ich es sogar meinen Ansichten völlig gemäß finden müßte, wenn ich einst diesem Wieland als einer Weltmonade, als einem Stern erster Größe, nach Jahrtausenden wieder begegnete und sähe und Zeuge davon wäre, wie er mit seinem leiblichen Lichte alles, was ihm irgend nahe käme, erquickte und aufheiterte. Wahrlich, das nebelartige Wesen irgendeines Kometen in Licht und Klarheit zu verfassen, das wäre wohl für die Monas unseres Wielands eine erfreuliche Aufgabe zu nennen; wie denn überhaupt, sobald man die Ewigkeit dieses Weltzustandes <?page no="74"?> 74 bedenkt, sich für Monaden durchaus keine andere Bestimmung annehmen läßt, als daß sie ewig auch ihrerseits an den Freuden der Götter als selig mitschaffende Kräfte teilnehmen. Das Werden der Schöpfung ist ihnen anvertraut. Gerufen oder ungerufen, sie kommen von selbst auf allen Wegen, von allen Bergen, aus allen Meeren, von allen Sternen; wer mag sie aufhalten? Ich bin gewiß, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal dagewesen und hoffe noch tausendmal wiederzukommen.“ 185 Die Wieland betreffenden Worte folgen zum Teil der antik-griechischen Tradition, derzufolge hervorragende Lebewesen, Halbgötter, Helden, auch Frauen nach ihrem Tod von Zeus unter die Sterne versetzt wurden. Solch ein als relative Ruhe vorgestelltes Beharren am nächtlichen Himmel war jedoch für Goethe nicht annehmbar, denn nur konstruktive Tätigkeit in einer jenseitigen Welt mochte er sich als seligen Zustand denken, ja sie war ihm geradezu ein Postulat. Diese späten zu Falk gesprochenen Worte helfen auch zu besserem Verständnis des Gedichts Gesang der Geister über den Wassern. Die verschiedenen Formen, die das Wasser bei seinem Abstieg vom Himmel annimmt, gleichen den unterschiedlichen Mächtigkeiten der Monaden in ihrer erstmaligen schwachen oder späteren durchsetzungsfähigen Verfassung bei ihrer Reise zur Erde, andere wieder vermögen, wie der im See zur Ruhe gekommene Spiegel, Himmel und Sterne in sich aufnehmen. Falks bekannte Frömmigkeit und der besondere Tag von Wielands Begräbnis veranlaßte Goethe wohl, so offen über seine geheimen Überzeugungen zu sprechen. Daß diese keine neuen waren, sondern auch zur Zeit der Weissagungen längst bestanden, zeigt sich u. a. auch in einem Brief an Knebel von 1781: […] Sind denn auch Dinge die mir nicht anstehen, so komme ich darüber gar leicht weg, weil es ein Artikel meines Glaubens ist, daß wir durch Standhaftigkeit und Treue in dem gegenwärtigen Zustande, ganz allein der höheren Stufe eines folgenden werth und, sie zu betreten, fähig werden, es sey nun hier zeitlich oder dort ewig. 186 185 Ebda., S.-70. 186 An Knebel, 3. Dez. 1781; HA Briefe 1, S.-376. <?page no="75"?> 75 18 Sag’, was zählst du? -- „Ich zähle, damit ich die Zehne begreife, Dann ein anderes Zehn, Hundert und Tausend hernach.“ Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest.-- „Und wie denn? “-- Sage zur Zehne: sei zehn! Dann sind die Tausende dein. Diese Distichen stellen wieder zwei Persönlichkeiten Goethes einander gegenüber, die beide sich mit Zahlen beschäftigen, die eine folgt der Methode der Addition und reiht geduldig Zehner an Zehner, um endlich das erstrebte Tausend zu erreichen. Der Gesprächspartner belehrt ihn und schlägt vor, doch lieber die Zehn „hoch zehn“ zu nehmen, also zu potenzieren, um schneller ans gewünschte Ziel, und weit darüber hinaus, zu gelangen. Am Beispiel der Arithmetik legt Goethe seine Vorstellung der Metamorphose dar: Zwei Wissenschaftler sind einander gegenübergestellt: der eine sieht den Ablauf der Entwicklung wie in einem Zeitraffer und geht von letzten Ergebnissen aus, der andere, durchaus nicht dümmere, spürt ihr in aufmerksamer Kleinarbeit Schritt für Schritt nach. Denn: „Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen wenn sie fertig sind; man muß sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen“. 187 Bei beiden Forschern liegt als Substanz die symbolisch zu verstehende Zahl Zehn zur Weiterbildung zugrunde. In der jeweils erreichten höheren Potenz erweist sich die Metamorphose. Auf die Pflanze angewandt, liest sich dieser Gedanke in teilweiser Reihenfolge dann so: Alle Organe der Blüthe: Kelch, Krone, Staubfäden und Fruchtknoten sind umgestaltete Blätter. Sie sind also im Wesen gleiche, nur durch die Potenz ihrer Metamorphose verschiedene Blätter. 188 Und: Die Blume oben und Blüthe ist nichts als ein Product der durch die Sonne potencirten Naturkraft; denn am Licht muß sich alles entscheiden. 189 187 An Zelter, 4. August 1803, WA IV, 16, S.-265 f. Vgl. auch 18. März 1811, „Weil ich aber in allen Dingen die genetischen Betrachtungen liebe …“, Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, in 3 Bdn., hrsg. von Max Hecker, Frankfurt a. M. 1987; Erster Band, S.-310. 188 Aus: Über die Spiraltendenz der Vegetation; Paralipomenon, siehe WA II, 7, S.-343. 189 Ernst und Renate Grumach, Goethe, Begegnungen und Gespräche, Gespräch mit Falk, 1803. Berlin und New York 1965 und 1999. Bd. 5, S.-335. <?page no="76"?> 76 Das Licht ist Voraussetzung für den Vorgang der Metamorphose, das Licht, das für Goethe die waltende Kraft Gottes bedeutet. Außer dem Beispiel der Ameisenmonade und der Metamorphose des Schmetterlings bezieht sich Goethe in dem zitierten ausführlichen Gespräch mit Falk auf die Tierwelt, indem er dem Hund den Status einer Larve zuschreibt. Ein lästig bellender Hund auf der Straße bot Goethe zufällig die willkommene Gelegenheit, ihn vom Fenster aus als „Larve“ zu betiteln und zu beschimpfen- - natürlich ein Scherz, aber solch ein Scherz als Unterbrechung eines so ernsten Gespräches? „Stelle dich, wie du willst, Larve, mich sollst du doch nicht unterkriegen! “ soll er in seiner alten Abneigung gegenüber Hunden und ihrem Gebell 190 gerufen haben. Dazu merkt Falk an: „Höchst befremdend für den, der den Zusammenhang Goethescher Ideen nicht kennt; für den aber, der damit bekannt ist, ein humoristischer Einfall, der eben am rechten Orte war! “ 191 Was wußte Falk von Goethes einschlägigen Ideen über das von ihm Festgehaltene hinaus? Wenn Goethe hier einen Hund als „Larve“ bezeichnet, was ist dann, entsprechend der Metamorphosenlehre, die Stufe der Vollendung, das Äquivalent des Schmetterlings? - - Die Evolutionslehre war zur Zeit noch kein Thema. Charles Darwin, geboren 1809, sechzig Jahre jünger als Goethe, hielt seine Schrift Die Entstehung der Arten zwei Jahrzehnte in der Schublade, als zu riskant zur Veröffentlichung. Sie hätte zu viel Aufruhr ausgelöst in einer Zeit, da der menschliche Körper noch als unabhängige und eigenständige Schöpfung Gottes galt. Auch Goethe zögerte sehr lange, ehe er seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens publizierte, dessen Fehlen im Skelett des erwachsenen Menschen allgemein als ein wesentliches Indiz des Unterschieds gegenüber der Anatomie der Tiere vertreten und hochgehalten wurde. Die Entdeckung, deren Priorität er sich gegenüber Lorenz Oken sichern mußte, 192 war ihm überaus wichtig, denn es galt, die grundsätzliche Gleichartigkeit im Knochenbau der Wirbeltiere bis hinauf zum Menschen nachzuweisen. Auf einem Einzelblatt hält Goethe seine prinzipiellen Gedanken zur Morphologie (der Gestaltenlehre) fest: 190 Vgl. Röm. Elegie XVII, FA-1, S.-429. 191 Falk, a. a. O., S.-69. 192 Tag- und Jahreshefte 1807, Abschn. 635 ff. <?page no="77"?> 77 Morphologie ruht auf der Überzeugung daß alles was sei sich auch andeuten und zeigen müsse. Von den ersten physischen und chemischen Elementen an, bis zur geistigsten Äußerung des Menschen lassen wir diesen Grundsatz gelten. Wir wenden uns gleich zu dem was Gestalt hat. Das Unorganische, das Vegetative, das Animale das Menschliche deutet sich alles selbst an, es erscheint als das was es ist unserm äußern unserm innern Sinn. Die Gestalt ist ein bewegliches, ein werdendes, ein vergehendes. Gestaltenlehre ist Verwandlungslehre. Die Lehre der Metamorphose ist der Schlüssel zu allen Zeichen der Natur. 193 Das Hexameter-Gedicht Metamorphose der Tiere ist dem Gedicht Die Metamorphose der Pflanzen 194 metrisch angeglichen. Ein Entwurf stammt, wie die Herausgeber der Weimarer Ausgabe nach Befund von Papier und Schrift schließen, möglicherweise schon aus den Neunzigerjahren. 195 Aber während das erstere Gedicht tatsächlich Goethes Vorstellung der Entwicklung der Pflanze aus dem Blatt darstellt, zeigt Metamorphose der Tiere (im Titel kein Artikel), wie die Natur mit einem festen Etat, mit einem gewissen Quantum eines ihr zur Verfügung stehenden Materials, bei jeder Spezies wirtschaftlich umgeht: Zweck sein selbst ist jegliches Tier, vollkommen entspringt es Aus dem Schoß der Natur und zeugt vollkommene Kinder: Alle Glieder bilden sich aus nach ew’gen Gesetzen Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. […] So ist jedem der Kinder die volle reine Gesundheit Von der Mutter bestimmt: denn alle lebendigen Glieder Widersprechen sich nie und wirken alle zum Leben. Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres, Und die Weise zu leben sie wirkt auf alle Gestalten Mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung, Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen. Doch im Innern befindet die Kraft der edlern Geschöpfe Sich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen. Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie: Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich. 193 Schriften zur Morphologie, FA-24, S.-349. 194 FA-2, S.-196 ff. 195 FA-2, S.-1089. <?page no="78"?> 78 […] Denn so hat kein Tier, dem sämtliche Zähne den obern Kiefer umzäunen, ein Horn auf seiner Stirne getragen, Und daher ist den Löwen gehörnt der ewigen Mutter Ganz unmöglich zu bilden und böte sie alle Gewalt auf; Denn sie hat nicht Masse genug die Reihe der Zähne Völlig zu pflanzen und auch Geweih und Hörner zu treiben. Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkür Und Gesetz, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ordnung, Vorzug und Mangel, erfreue dich hoch; die heilige Muse Bringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend. 196 Hier wird ein Wechsel deutlich: Von nun an steht die schaffende Mutter Natur weniger im Vordergrund, es übernimmt die lehrende Muse die Aufgabe, das Gesetz der „ewigen Mutter“ zu demonstrieren. Es gilt offensichtlich auch für den Menschen: Keinen höhern Begriff erringt der sittliche Denker, Keinen der tätige Mann, der dichtende Künstler, der Herrscher, Der verdient es zu sein, erfreut nur durch ihn sich der Krone. Freue dich, höchstes Geschöpf 197 der Natur, du fühlest dich fähig Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang, Nachzudenken. Hier stehe nun still und wende die Blicke Rückwärts, prüfe, vergleiche, und nimm vom Munde der Muse Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewißheit. Ohne daß der Punkt des weiteren erörtert würde, erscheint hier der Mensch als Endglied der Reihe der Tiere, als „höchstes Geschöpf der Natur“, wenn das verschleiernde (und irreführende) Komma nach „Geschöpf“ sinngemäß wegbleibt, wie in manchen der Handschriften. Goethe setzt hier wieder seine Methode der „Mitteilung“, die Analogie, ein (vgl. oben S.- 28) und stellt, statt lang zu begründen, die vom Leser zu verknüpfenden Dinge einfach nebeneinander: Bezüglich seiner mentalen Struktur ist der Mensch nach genau denselben Prinzipien eines zur Verfügung stehenden Etats gebildet wie die Tiere in ihrer Physis. Besondere Gaben treten, auf Kosten anderer begünstigt, hervor, z. B. die Fähigkeit zur Philosophie, zur Dichtkunst oder des Regierens. Hier 196 FA-2, S.-499 f. 197 Im Gegensatz zu FA-ist hier das Komma nach „Geschöpf“ weggelassen, m. E. die richtige Version. Siehe dazu den Kommentar zu FA-2, S.-500; Komm. 57, S.-1090. <?page no="79"?> 79 hat das Lebendige die höchste Stufe der Metamorphose erreicht, seine höchste Potenz. In ihr liegt der Unterschied. So erklärt sich auch der Titel „Metamorphose“, der sonst keinen Sinn ergäbe, denn bezüglich der Tiere selbst ist sie im Gedicht ja keineswegs dargestellt! Es ist die durch den Geist Gottes bewirkte Potenzierung von Tierkörper und -seele zum Geistwesen Mensch. Damit hat Goethe den Gedanken der Evolution auf seine Art vorweggenommen. Es geht ihm dabei nicht um das Modell einer lückenlosen Auseinanderentwicklung der einzelnen Tierspezies bis hin zum Menschen, doch weiß er das Skelett des Menschen analog dem der Tiere gebaut. Daher war der Nachweis des Zwischenkieferknochens so wichtig. Goethes Evolutionsgedanke verläuft im Sinn der Metamorphose. Dabei überspringt er in seiner Darstellung kühn die physische Stufenfolge und setzt an ihrer Stelle eine Analogie im geistigen Bereich des Menschen ein: die Idee einer Ökonomie der Fähigkeiten. Das Gedicht Antepirrhema liefert eine andeutungsweise Erklärung seines Lehrgedichts als Abschluß: So schauet mit bescheidnem Blick Der ewigen Weberin Meisterstück, Wie ein Tritt tausend Fäden regt, Die Schifflein hinüber herüber schießen, Die Fäden sich begegnend fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt, Das hat sie nicht zusammen gebettelt, Sie hat’s von Ewigkeit angezettelt; Damit der ewige Meistermann Getrost den Einschlag werfen kann. 198 19 Hast du die Welle gesehen, die über das Ufer einher schlug? Siehe die zweite, sie kommt! rollet sich sprühend schon aus! Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du erwartest vergebens, Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt. Ungeduldig betrachtet hier der Dichter Wellen, die an ein Ufer schlagen, und nimmt Anstoß an dem ständig erneuten Spiel der Brandung. Mit dem dritten Vers resigniert seine Hoffnung auf eine mögliche Beruhigung der unablässigen Aktivität. Hier zeigt 198 FA-2, S.-500 f. Erstdruck 1820, Entstehung ungewiß. <?page no="80"?> 80 sich ein Unmut, der später Faust beim Anblick der Meereswogen ergreift und an den er sich seltsamerweise im „Hochgebirg“ erinnert: FAUST Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen, Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen. Dann ließ es nach und schüttete die Wogen, Des flachen Ufers Breite zu bestürmen. Und das verdroß mich. Wie der Übermut Den freien Geist, der alle Rechte schätzt, Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt. […]. MEPHISTOPHELES ad spectatores Da ist für mich nichts Neues zu erfahren, Das kenn ich schon seit hunderttausend Jahren. FAUST leidenschaftlich fortfahrend Sie schleicht heran, an abertausend Enden Unfruchtbar selbst Unfruchtbarkeit zu spenden, Nun schwillt’s und wächst und rollt und überzieht Der wüsten Strecke widerlich Gebiet. Da herrschet Well auf Welle kraftbegeistet, Zieht sich zurück und es ist nichts geleistet. 199 Die Weissagung nimmt Fausts Gedanken in verhaltenerer Form vorweg, angepaßt an die nachfolgende Weissagung 20, deren Thema Goethe wohl auch zeitweise persönlich zu schaffen machte. 20 Einem möcht’ ich gefallen! So denkt das Mädchen; den Zweiten Find’ ich edel und gut, aber er reizet mich nicht. Wäre der Dritte gewiß, so wäre mir dieser der Liebste. Ach, daß der Unbestand immer das Lieblichste bleibt! Die ersten drei Verse sind Überlegungen des Mädchens, doch ist kaum anzunehmen, daß sie diese Unentschiedenheit wirklich selber als lieblich, ja als „das Lieblichste“, empfindet. Eher scheint es, daß einer der Genannten ihre Gedanken nachzuvollziehen 199 FA- 2, Komm. S.- 967: Faust II, Hochgebirg, v. 10218 ff.: FA- 7/ 1, S.- 396 und Komm. FA-7/ 2, S.-664. <?page no="81"?> 81 versucht oder sie ihr bloß unterschiebt, und er sie dann mit dem Stoßseufzer des letzten Verses quittiert. Wahrscheinlich entspricht er eigenem Erleben Goethes, der chronisch eifersüchtig gewesen sein soll, 200 eine Eigenschaft, die er, achtzehnjährig, in seinem Singspiel Die Laune des Verliebten 201 satirisch behandelt hat. In dem Stück ist das geliebte Mädchen dem liebenden Jüngling nur allzu treu und ergeben, und er ist es, der in quälender und selbstquälerischer Weise stets den „Unbestand“ in ihr vermutet und sucht, bis ein solcher endlich mit der Hilfe einer lebensgewandten Freundin und ihres Liebsten zum besten des verliebten Paares inszeniert wird. Dies bewirkt endlich die Heilung des Eifersüchtigen. Es scheint plausibel, daß das ausbleibende Zur-Ruhe-Kommen der Wellenbewegung ihm zum Sinnbild wird für den imaginierten „Unbestand“ der Gesinnung des Mädchens, was Fausts oder eher Goethes Unmut über die Unermüdlichkeit der Brandung erklärlich machen würde. Vermutlich spiegelt das Mädchen der Weissagung in erster Linie die Figur der Manon Lescaut aus dem 1743 erschienenen Roman des Abbé Prévost 202 Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut wieder. Im fünften Buch des ersten Teils von Dichtung und Wahrheit 203 erzählt der 60-jährige Goethe rückblickend auf die Zeit seines Heranwachsens, von seinen unliebsamen Verwicklungen mit einer Gruppe junger Leute, zu der auch ein Mädchen, Gretchen, gehörte, das der Fünfzehnjährige liebte oder-- später jedenfalls-- zu lieben vorgab. 204 Für den Schluß dieses fünften Buchs war eine etliche Seiten zählende Zusammenfassung Goethes von Prévosts Roman 205 vorgesehen. Diese Liebesgeschichte zweier sehr junger Menschen steht unter einem unglücklichen Stern: Standesunterschied, chronischer Geldmangel und die dadurch bedingte wiederholte Untreue der anspruchsvollen Manon führen zu vielfältigen Verstrickungen und schließlich zu Manons Verbannung aus Frankreich nach Übersee- - und letztendlich zu ihrem Tod. Der 200 Vgl. Thema des Singspiels Die Laune des Verliebten, vgl. z. B.: 3. Auftritt; FA-4, S.-23. 201 FA-4, S.-17 ff. 202 Eigentlich: Abbé Antoine-François Prévost d’Exiles. 203 DuW I, 5; FA-14, S.-181. 204 Eine wirklich große Liebe hätte der junge Goethe nicht aus gekränkter Eitelkeit so einfach abschütteln können. Vgl. DuW II, 6-; FA-14, S.-241. 205 Paralipomenon 65, FA-14, S.-953-959. <?page no="82"?> 82 unwandelbar treue Liebhaber, der ihr Schicksal unbeirrt geteilt hat, entgeht selber nur knapp dem Tod dank seiner Rettung durch einen wahren Freund. Auf dem Umschlagblatt zu Goethes 1811 verfaßtem Auszug des Romans steht von Eckermanns Hand unter dem Titel Zur Jugendgeschichte: In der Erzählung des unglücklichen Ausgangs des gestörten Verhältnisses zu Gretchen fährt der Dichter folgendermaßen fort: Zur Nährung eines solchen Kummers waren gewisse Romane, besonders die von Prevot <sic> recht auserlesen. Die Geschichte des Ritters Des Grieux und der Manon Lescaut fiel mir zu gleicher Zeit in die Hände und bestärkte mich auf eine süß-quälende Weise in meinen hypochondrischen Thorheiten. 206 An den Schluß des Exzerpts setzt Goethe folgende Überlegung: Der große Verstand, womit diese Dichtung concipirt, die unschätzbare Kunst, womit sie ausgeführt worden, blieben mir freylich verborgen. Das Werk that auf mich nur eine stoffartige Wirkung; ich bildete mir ein, so liebend und so treu seyn zu können wie der Ritter, und da ich Gretchen für unendlich besser hielt, als Manon sich erwiesen, so glaubte ich, alles was man für sie thun könne, sey sehr wohl angelegt. Und wie es die Natur des Romans ist, daß die Fülle der Jugend dadurch übersättigt und die Nüchternheit des Alters wieder aufgefrischt wird, so trug diese Lectüre nicht wenig dazu bey, mein Verhältniß zu Gretchen, so lange es dauerte, reicher, behaglicher, ja wonnevoller und als es zerstört wurde, meinen Zustand elender, ja das Übel unheilbar zu machen. 207 Im gedruckten Text von Dichtung und Wahrheit fällt dann ebenfalls eine einschlägige Beobachtung, diesmal aber, wie ich annehme, bewußt auf Lili als Vorwand bezogen: […] Eine Neigung, die auf die Hoffnung eines wechselseitigen Besitzes, eines dauernden Zusammenlebens gegründet ist, stirbt nicht auf einmal ab, ja sie nährt sich in der Betrachtung rechtmäßiger Wünsche und redlicher Hoffnungen die man hegt: Es liegt in der Natur der Sache, daß sich in solchen Fällen das Mädchen eher bescheidet als der Jüngling. Als Abkömmlingen Pandorens ist den schönen 206 WA I, 26, S.376. 207 WA I, 26, S.-380 f. <?page no="83"?> 83 Kindern die wünschenswerte Gabe verliehen, anzureizen, anzulocken und mehr durch Natur mit Halbvorsatz, als durch Neigung, ja mit Frevel um sich zu versammeln, wobei sie dann oft in Gefahr kommen, wie jener Zauberlehrling, vor dem Schwall der Verehrer zu erschrecken. Und dann soll zuletzt denn doch hier gewählt sein, einer soll ausschließlich vorgezogen werden, einer die Braut nach Hause führen. Und wie zufällig ist es, was hier der Wahl eine Richtung gibt, die Auswählende bestimmt! […] 208 Die Goethe-Kinder hatten seit Jahren ein nahe beieinander geführtes Leben in Aussicht genommen. 209 Wir können annehmen, daß „Gretchen“ und auch „Lili“ hier eine rein fiktionale Rolle einnehmen, ähnlich wie die echte Lotte im Werther-Roman. Hinter all diesen Gestalten lassen sich die Konturen Cornelias erahnen. In späteren Jahren hätte sich Goethe die völlig Unsinnliche gern als Äbtissin, als „Vorsteherin einer edlen Gemeine,“ 210 in seiner Nachbarschaft gewünscht, ähnlich vielleicht der Makarie der Wanderjahre. 21 Blaß erscheinest du mir, und tot dem Auge. Wie rufst du, Aus der innern Kraft, heiliges Leben empor? „Wär’ ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig genießen; Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg.“ Mit Max Morris (1902) 211 können Deutungen davon ausgehen, daß diese Weissagung ein Kunstwerk im Sinn hat. Eine antike Marmorstatue 212 könnte es sein-- oder ist es doch wieder die abgeschiedene Schwester, die, wie das Kunstwerk, Lebensfrische vermissen läßt? 213 Auf die Frage des Dichters, wieso sie dennoch tief in seinem Innern „heiliges Leben“ hervorrufen könne, vernimmt er im zweiten Distichon eine Antwort. In ihrer stummen Erwiderung stellt Goethe das Prinzip seiner eigenen Arbeitsmethode dar. In diesem Sinne schreibt er an Schiller in dem oft 208 DuW IV, 20. FA-14, S.-842. 209 Vgl. Leipzig 12.-14. Oktober 1767. HA Briefe I, S.-49 f. 210 DuW IV, 18; FA-14, S.-791. 211 Max Morris, Die Weissagungen des Bakis in Goethe-Studien, Erster und Zweiter Band, Zweite erweiterte Aufl. Berlin 1902. S.-223. 212 FA-2, Kommentar, S.-967. 213 Tatsächlich weiß man heute, daß die Griechen ihre Statuen bemalten. <?page no="84"?> 84 zitierten Brief vom 9. Juli 1796, aus dem man schließen kann, daß er allzu genaue Aussagen lieber vermeidet: […] Der Fehler, den Sie mit Recht <an Wilhelm Meisters Lehrjahren> bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde ich immer gerne incognito reisen, das geringere Kleid vor dem besseren wählen, und, in der Unterredung mit Fremden oder Halbbekannten den unbedeutendern Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen als ich bin, und mich so, ich möchte sagen, zwischen mich selbst und zwischen meine eigene Erscheinung stellen. 214 […] Wie weiterführend hält Riemer in seinen Mitteilungen über Goethe fest: Wie er früher seine Person versteckt unter einem andern Namen, so läßt er auch seine Gedichte 215 zuweilen rätselhaft, nach der Maxime: „ein Gedicht müsse etwas Rätselhaftes haben“, und vermeidet, Freunden sogar die Aufklärung zu geben, ohne welche das Gedicht selbst nur halbverständlich und daher nur halbgenossen bleibt. Damit wollte er den Scharfsinn und die Erfindungskraft der andern aufregen und ihnen die Freude bereiten, durch selbstgefundenes Verständnis des Ganzen sich selbst produktiv zu erscheinen; obschon er übrigens zugab, daß nicht bloß die Alten Erklärung und Noten bedürften, auch die Neuern. Dahin gehören: Bakis Weissagungen; das Märchen in den Erzählungen der deutschen Ausgewanderten; so manches im Faust, wie das Hexen-Einmaleins, worüber er jedoch sich nicht den Kopf zu zerbrechen anrät. 216 Auch Wilhelm Meisters Lehrjahre z. B. geben eine Fülle von Rätseln auf: Warum ist das Bild des Kranken Königssohns so wichtig für den Knaben? Weshalb nimmt die „Turm-Gesellschaft“ dieses große Interesse an ihm? Was ist die wahre Identität des Harfners? Welches Verhältnis zu Werner hat Wilhelm tatsächlich? Was liegt Wilhelms so großer Faszination von Hamlet zugrunde? Weshalb vergleicht Friedrich am Ende des Romans Wilhelm mit Saul? Und vieles andere, das verschlüsselte Schicksalsbilder vor den Leser stellt, Spiegelungen, die ihm überlassen, ob und wie 214 An Schiller, am 9. Juli 1796; a. a. O. S.-179 f. 215 Gemeint ist nicht nur Lyrisches, sondern alle Arten von Dichtung. 216 Friedrich Wilhelm Riemer, Mitteilungen über Goethe, a. a. O. S.-113 f. <?page no="85"?> 85 sie aufzufassen und einzuordnen sind und was er ihnen, im Zusammenhang, endlich zu entnehmen vermag. Umso mehr wird dies für die Wanderjahre gelten, und es betrifft eigentlich Goethes Werke insgesamt. 22 Zweimal färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden ins Braune, Bis das Braune sodann silbergediegen sich zeigt. Halb errate das Rätsel! So ist die andere Hälfte Völlig dir zu Gebot, daß du die erste bezwingst. Das Epigramm führt uns eine Tatsache vor Augen, an der absolut nichts Rätselhaftes zu finden scheint. Dennoch ist man aufgefordert, es als Rätsel zu sehen und aufzulösen. Dabei soll die eine Hälfte gegen die andere ausgespielt werden, um mittels der zweiten dann die erste zu bezwingen. „Bezwingen“ ist ein starkes Wort, das zu verstehen gibt, daß die Lösung nicht ganz leicht fallen dürfte. Ein Zahmes Xenion deutet die Belehrung, die das zweite Distichon bereithält und weist auf die mögliche Struktur einer Charade hin. Die viel später entstandenen Zahmen Xenien III 217 werden von einem Vierzeiler eingeleitet, der geradezu wie eine Bitte um Entschuldigung hinsichtlich der Weissagungen klingt: Gönnet immer fort und fort Bakis eure Gnade: Des Propheten tiefstes Wort Oft ist’s nur Charade. 218 Diese Verse konnten zeitgenössische Leser des Zyklus der Weissagungen zur Zeit seiner Veröffentlichung jedoch nicht kennen. Die 22.- Weissagung zeigt in ihrer „ersten Hälfte“ am Beispiel der wechselnden Haarfarbe den Verlauf der Altersstufen menschlichen Lebens. Stellt man sich noch ein Behältnis vor und, darin aufbewahrt, abgeschnittene Locken aus verschiedenen Perioden, so wären das dann „Abschnitte“, und zusammen mit der ersten Hälfte ergäbe das Lösungswort einer hier tatsächlich vorliegenden Charade: „Lebensabschnitte.“ (Soweit ich sehen kann, ist die 217 Zahme Xenien I-III veröffentlicht in Über Kunst und Altertum II,3 (1820) Zahme Xenien III, FA-2, S.-640 ff., 1821. Schon bei Zahme Xenien II ( FA-2, S.-630 ff.), 1820 veröffentlicht, gibt es den Untertitel: „Mit Bakis Weissagungen vermischt“. 218 FA-2, S.-640. <?page no="86"?> 86 22.-Weissagung die einzige als Charade gedichtete, obwohl Goethe in dem an erster Stelle in Zahme Xenien III gesetzten Hinweis eine solche als öfter vorhanden annehmen ließe. Was sich aber statt dessen in den Weissagungen tatsächlich findet, sind Buchstaben- Rätsel: Logogriphe.) In einem anderen Epigramm verweist der Dichter angesichts einer Schweizeralpe, vielleicht der „Jungfrau“ symbolisch ebenfalls auf Haarfarben, diesmal auf das Haar der Liebsten und spinnt das Thema weiter aus. Überschrieben ist es zunächst mit: „Am 1.-Oktober 1797“ War doch gestern dein Haupt noch so braun wie die Locke der Lieben Deren holdes Gebild still aus der Ferne mir winkt; Silbergrau bezeichnet dir früh der Schnee nun die Gipfel, Der sich in stürmender Nacht dir um den Scheitel ergoß. Jugend, ach! ist dem Alter so nah; durchs Leben verbunden, Wie ein beweglicher Traum gestern und heute verband. 219 Man konnte schon öfter bemerken, daß sich zwischen den einzelnen Weissagungen Fäden spinnen und Verknüpfungen bilden. Hier, bei der 22., führt eine Verbindung zur ersten Weissagung zurück. Goethe beruft sich insgeheim wieder auf die Orestie des Aischylos, diesmal auf das zweite Drama der großen Trilogie, Die Totenspende. Darin finden sich Orest und Pylades ein am Grabe des Agamemnon, wo Orest auf seine Schwester Elektra stößt. Sie hatte seine hier schon vorher als Weihegabe abgelegte Haarlocke gefunden, diese mit ihrem eigenen Haar verglichen (wie auch seine Fußabdrücke mit den ihren) und ein Gebet zum Himmel geschickt, daß doch der erhoffte Bruder nah sein möge. Dennoch bedarf es der traditionellen langen „Anagnorisis“, der stereotypen Erkennungsszene des antiken Dramas, ehe Elektra ihn als ihren Bruder akzeptieren kann. Den ersten Anlaß jedoch zur Hoffnung auf diese Begegnung gab die abgeschnittene Locke, das Zeichen der Verbundenheit und Treue Toten gegenüber, in Orests Geschichte (jedenfalls bei Aischylos) gegenüber dem Vater. Goethe hat seine innere Lösung vom Frankfurter Elternhaus gleichgesetzt mit Orests Verlassen der Heimat, 220 wahrscheinlich 219 Nachitalienisches Jahrzehnt, Nachlese; FA-1, S.-711. Erstveröffentlichung im Musen-Almanach für das Jahr 1799, hrsg von Schiller unter dem Titel Schweizeralpe. Vgl. FA-1, Kommentar S.-1253. 220 Auf dem Weg zur ersten Schweizerreise, in Emmendingen vom 27. 5. bis zum 5. 6. 1775. <?page no="87"?> 87 auch, in symphronistischerWeise, die seelische Verletzung der Mutter durch die Trennung, mit der Bluttat des Orest. Goethe hat seine Mutter lebenslang von Weimar ferngehalten, was sie zutiefst treffen mußte. 221 Er gab seinen Eltern Mitschuld 222 an der unglücklichen Ehe der Schwester mit Johann Georg Schlosser und dadurch an ihrem frühen Tod. Vielleicht hätte er selber sie nach seinem ersten und einzigen Besuch in ihrem Wohnsitz Emmendingen 223 noch retten können, hätte er die Institution der Ehe nicht so hochgehalten. Zwei Jahre später starb sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Es mag gut sein, daß Goethe ihr, mit Orest im Sinn, zu gewissen Jahrestagen Haare weihte, wie er es auch mit Gedichten zu tun pflegte. 224 Solche Gedenkrituale vermerken Verse von 1779 am Rande. Sie kamen aus einem völlig anderen Grund zustande, nämlich aus Empörung über einen Berliner Raubdruck, an etlichen Ausgaben von Werken Goethes. Den Groll in diesen Versen überwiegt jedoch die Trauer über den Übergriff auf gedichtete Souvenirs, darunter geweihte Locken: Holde Zeugen süß verträumter Jahre Falbe Blumen, abgeweihte Haare, Schleier, leicht geknickt, verblichne Bänder, Abgeklungener Liebe Trauerpfänder, Schon gewidmet meines Herdes Flammen, Rafft der freche Sosias zusammen, Eben als wenn Dichterwort und Ehre Ihm durch Erbschaft zugefallen wäre; […]. 225 Auch Charlotte von Stein bekam Haare von Goethe geschickt. So lesen wir in einem in Eisenach geschriebenen Brief vom 6.-September 1777: „[…] und wenn ich muss zu Hause bleiben und kan nicht zeichnen und schiesen, so schneid ich von meinen Haaren ab und schick sie Ihnen.“ (Ihr-- aus ‚abgelebten Zeiten seiner 221 Vgl. Rüdiger Safranski, Goethe, Kunstwerk des Lebens, München, 2013, S.-29. 222 „Hier fand sich, wie man zu sagen pflegt, eine sehr gätliche, erwünschte Partie, welche sie, nachdem sie verschiedene bedeutende Anträge […] standhaft ausgeschlagen hatte, endlich anzunehmen, sich, ich darf wohl sagen, bereden ließ.“ DuW IV, 18; FA-14, S.-792. 223 DuW IV 18; FA-14, S.-789 ff. Aufenthalt in Emmendingen vom 27. Mai bis 5.-Juni 1775; vgl. Rose Unterberger, Goethe-Chronik, S.-48. 224 Vgl. E. H. 2011, S.-218, 242, 428, 495. 225 DuW IV, 16: FA-14, S.-734. <?page no="88"?> 88 Schwester oder seiner Frau‘-- stellvertretend für Cornelia, die ein Vierteljahr zuvor gestorben war? ) 226 „Jugend, ach! Ist dem Alter so nah durchs Leben verbunden Wie ein beweglicher Traum gestern und heute verband. Es ist ein Traum wie in der 14. Weissagung, in der sich der „Träumer“ „geliebt“ weiß. Im fünfzigjährigen Goethe ist Werther immer noch zugegen und lebendig, wie er es auch nach weiteren zwei Jahrzehnten in der Trilogie der Leidenschaft 227 bekunden wird. Aus ungefähr der gleichen Zeit hält Eckermann Worte Goethes zu Werther fest: Das ist auch so ein Geschöpf, sagte Goethe, das ich gleich dem Pelikan mit dem Blute meines eigenen Herzens gefüttert habe. Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so viel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher Bändchen auszustatten. Übrigens habe ich das Buch, wie ich schon öfter gesagt, seit seinem Erscheinen nur ein einzigesmal wieder gelesen und mich gehütet, es abermals zu tun. Es sind lauter Brandraketen! -- Es wird mir unheimlich dabei und ich fürchte, den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging. 228 Und wieder: Es waren […] individuelle naheliegende Verhältnisse, die […] mir zu schaffen machten, und die mich in jenen Gemütszustand brachten, aus dem „der Werther hervorging“. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! -- Das war es. 229 23 Was erschrickst du? -- „Hinweg, hinweg mit diesen Gespenstern! Zeige die Blume mir doch; zeig’ mir ein Menschengesicht! Ja, nun seh’ ich die Blumen; ich sehe die Menschengesichter.“-- Aber ich sehe dich nun selbst als betrognes Gespenst. Drei Jahre vor Publikation der Weissagungen wurden 1797 in Schillers Musenalmanach für 1798 vier Balladen von Goethe 226 HA Briefe 1, S.-235. 227 Vgl. das Gedicht An Werther aus der Trilogie der Leidenschaft, 1825, FA-2, S.-456. 228 Eckermann III, 2. 1. 1824; a. a. O. S.-545. 229 Ebda., S.-546. <?page no="89"?> 89 veröffentlicht, darunter Die Braut von Corinth 230 und Der Gott und die Bajadere. In einem Aufsatz von 1823 231 berichtet Goethe, daß er die beiden Balladen und noch einige andere aus späterer Zeit, jahrzehntelang als einen immer wieder umgestalteten kostbaren Besitz, in sich herumgetragen habe. Sie fanden jeweils 1797 ihre endgültig festgehaltene Form. In der Braut von Corinth 232 greift Goethe eine antike Gespenstergeschichte auf, die er, in mehrfacher Hinsicht problematisiert, zu einem Gedicht von 28 siebenzeiligen Strophen erweitert: Eine junge Frau, vor kurzem verstorben, erscheint dem ihr angelobten ahnungslosen Bräutigam bei seinem Besuch in ihrem Elternhaus. Trotz ihrer Warnung vor dem ihm dann drohenden sicheren Tod, wird auf sein Drängen die Hochzeitsnacht gefeiert. Das ungleiche Paar wird vorher noch von der erzürnten Mutter des Mädchens entdeckt, das ihr die Schuld am eigenen frühen Tod im Kloster vorwirft und nun von ihr fordert, die Liebenden, wenn es so weit ist, gemeinsam dem Feuer zu übergeben. Dies ist in knappsten Worten der Inhalt der Ballade, ohne genauere Berücksichtigung des von Goethe eingebrachten Konflikts zwischen der neuen christlichen und der heidnischen Religion. Dem Jüngling, wie auch dem Leser, dämmert die wahre Existenzform des Mädchens nur ganz allmählich. Dabei steigert sich immer mehr die unheimliche Stimmung, bis sie in den Abschiedsworten des Gespenstes an den Jüngling und der Anklage gegenüber der Mutter ihren Höhepunkt findet und sich darin löst: Schöner Jüngling! Kannst nicht länger leben; Du versiechest nun an diesem Ort. Meine Kette hab’ ich dir gegeben, Deine Locke nehm ich mit mir fort. Sieh’ sie an genau! Morgen bist du grau, Und nur braun erscheinst du wieder dort. (Str. 27) 230 FA-1, S.-686 ff. 231 Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort. In: Hefte zur Morphologie, Zweiter Band; 2. Bd.; FA-24, S.-595 ff., Bezug S.-596. 232 FA-2, S.144. Aus Phlegon von Tralles, eines Zeitgenossen Hadrians, vermutlich gefunden in Anthropodemus plutonicus, das ist Eine neue Welltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen von Johannes Praetorius, Magdeburg 1666, Kapitel VII. Vgl. FA-1, Kommentar, S.-1234. <?page no="90"?> 90 Dieser Jüngling war mir erst versprochen, Als noch Venus heitrer Tempel stand. Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen, Weil ein fremd, ein falsch Gelübd Euch band! Doch kein Gott erhört, Wenn die Mutter schwört, Zu versagen ihrer Tochter Hand. (Str. 25) Aus dem Grabe werd’ ich ausgetrieben, Noch zu suchen das vermißte Gut, Noch den schon verlornen Mann zu lieben, Und zu saugen seines Herzens Blut. Ist’s um den geschehn, Muß nach andern gehn, Und das junge Volk erliegt der Wut. (Str. 26) Höre, Mutter, nun die letzte Bitte: Einen Scheiterhaufen schichte du; Öffne meine bange kleine Hütte, Bring’ in Flammen Liebende zur Ruh. Wenn der Funke sprüht, Wenn die Asche glüht, Eilen wir den alten Göttern zu. (Str. 28) Es ist nicht das erstemal in Goethes Dichtung, daß ein Jüngling die Nähe zu einer todbringenden geliebten Frau sucht und dabei stirbt: Im Märchen 233 ist es der Königssohn, der immer wieder den Fluß zum jenseitigen Ufer durchquert und mit der endlich erreichten Umarmung der „Schönen Lilie“ sich selber dem Tod anheim gibt. Und in der Ballade Der Gott und die Bajadere 234 nimmt sogar der göttliche Mahadöh, von Liebe zu einem sterblichen Wesen erfaßt, freiwillig menschlichen Tod auf sich. Damit fügt er der Geliebten unerträglichen Schmerz zu, an dem sie stirbt. Er aber rettet sie aus einem unwürdigen Leben. Bei allen extremen Unterschieden von Kultur, Religion und Ambiente- - in einem wesentlichen Punkt gleichen die beiden 233 FA-2, S.-668 f. 234 FA-2, S.-234; siehe hierzu Weissagung 24 und Interpretation S.-93. <?page no="91"?> 91 Balladen einander, und es ist hier, wo Goethe wieder seine vielleicht wichtigste Schaffensmethode 235 (Analogie bzw. Symphronismus) einsetzt: in völlig Unterschiedlichem ein Gemeinsames als Wesentliches einsehbar zu machen, als dasjenige, worauf es allein ankommt: Hier geht es um die postmortale Vereinigung zweier Liebender in einer jenseitigen Sphäre. Bei den beiden Balladen konnten Zeitgenossen des Dichters eines nicht wissen: nämlich den Zeitpunkt der jeweiligen Niederschrift und Vollendung der langgehegten Stoffe: Die Daten sind im Tagebuch von 1797 verzeichnet: 4.-Juni: „Anfang des Vampyrischen Gedichtes.“ 5. Juni: „Ende des Vampyrischen Gedichts.“ 6. Juni: „Ram und die Bajadere. Das Vampyrische Gedicht abgeschrieben und Schillern Abends gegeben.“ 7. Juni: „Ram und die Bajadere.“ 9. Juni: „Indische Romanze Schluß.“ Ineinander verflochten umrahmen diese Daten den ausgesparten 8. Juni 1797, den 20. Todestag der Schwester-- als stille Feier, der Nachwelt zur Kenntnisnahme vorbehalten. Und selbst hier noch mittels der Bezeichnung der Braut-Ballade als „Vampyrisches Gedicht“ Ablenkung des Lesers auf einen weniger wichtigen Aspekt. In der Pause zwischen den beiden Distichen der Weissagung wird der kritische Dialogpartner offensichtlich auf die beiden anderen im Musen-Almanach erschienenen Balladen, Der Zauberlehrling 236 und Der Schatzgräber 237 verwiesen und soll so beschwichtigt werden. Aber obwohl es auch in diesen anderen Balladen nicht mit rechten Dingen zugeht, beteuert der ‚Kritiker‘ in Hinblick auf sie: „Ja, nun seh’ ich die Blumen, ich sehe die Menschengesichter.“ Seine neue Einsicht verdankt sich der Erscheinung des Genius in seinem Blütenschmuck: Und ich sah ein Licht von weiten; Und es kam, gleich einem Sterne, Hinten aus der fernsten Ferne, Eben als es zwölfe schlug. Und da galt kein Vorbereiten. Heller ward’s mit einemmale Von dem Glanz der vollen Schale, Die ein schöner Knabe trug. 235 Wilhelm Meisters Wanderjahre 2, 2; FA- 10, S.- 425. Siehe hierzu E. H. 2011, S.-318 f. 236 FA-1, S.-683. ff. 237 FA-1, S.-668 f. <?page no="92"?> 92 Holde Augen sah ich blinken Unter einem Blumenkranze; In des Trankes Himmelsglanze Trat er in den Kreis herein. Und er hieß mich freundlich trinken; Und ich dacht’: es kann der Knabe, Mit der schönen lichten Gabe, Wahrlich! nicht der Böse sein. Trinke Mut des reinen Lebens! Dann verstehst du die Belehrung, Kommst, mit ängstlicher Beschwörung, Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens. Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort. 238 Auch ein Leben erleuchtender Genius hat etwas Übernatürliches, wenn man will, Gespenstisches, doch der Kritiker der Weissagung ist nicht imstande, diese Dimension mitzuerfassen, und wird in den Augen des Dichters selbst ein „betrognes Gespenst“, denn auch der Knabe in seinem Blumenkranz, genau wie die abgeschiedene Braut, wie der Gott, ist ein geisterhaftes, ein potenziertes Wesen. Herder kritisierte die beiden erstgenannten Balladen sehr scharf. 239 Er fand in ihnen nur Unzucht und Perversion, da er nur die Körperlichkeit der Gestalten sehen konnte, die in Wahrheit geistig-symbolisch gedacht sind, liebende Überwinder des Todes zu einer jenseitigen Gemeinschaft. Der Genius, andererseits, überwindet im Schatzgräber ein Leben voll sinnlosen Suchens und metamorphosiert es durch das Licht seiner Inspiration zu gesteigerter Potenz in Schaffenskraft, Freundschaft und Freude am Leben. 238 FA-1, S.669. 239 Herder, Brief an Knebel, 5. August 1797. In: Hans Gerhard Gräf, Goethe über seine Dichtungen, III Die lyrischen Dichtungen, 1. Band, Frankfurt 1912, S.-283. Ebda. S.284, auch ein Brief Goethes an Schiller aus Frankfurt, der Herders Ablehnung der Balladen kommentiert. <?page no="93"?> 93 24 Einer rollet daher; es stehen ruhig die Neune: Nach vollendetem Lauf liegen die Viere gestreckt. Helden finden es schön, gewaltsam treffend zu wirken; Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu sein. Die Weissagungen wurden vor 1800 geschrieben. Da liegt es nahe, bei den „Helden“ an den siegreichen Napoleon zu denken und an von ihm verursachte Niederlagen der Feinde: 1796 besiegt Bonaparte die Österreicher in Italien, zwingt den König von Sardinien und den Papst zur Abtretung von Savoyen und anderer wichtiger Gebiete; zudem erobert er die Lombardei. 1798 besetzen die Franzosen Rom und führen Papst Pius VI. als Gefangenen nach Frankreich. 1798 und 1799 siegt Bonaparte bei den Pyramiden. Zurück aus Ägypten, wendet er sich gegen die eigenen Landsleute. Mittels eines Staatsstreichs stürzt er das Direktorium und löst den Rat der 500 auf. Dies sind, in äußerster Kürze, die Bewegungen Bonapartes in jenen Jahren. Daß die Sieger ihre Siege genießen können, ohne mit den Besiegten zu leiden, liegt in ihrer Natur. „Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu sein.“ Der Begriff eines sowohl allmächtigen als auch leidenden Gottes beschäftigte Goethe schon früh. Die Ballade Der Gott und die Bajadere, 240 die er, wie eben festgehalten, mit anderen Balladen jahrzehntelang in sich herumgetragen hatte, ehe sie ihre endgültige Form erfuhr, 241 hat neben dem symphronistischen Aspekt auch den der Polarität der Gottheit. Mahadöh, der Herr der Erde, Kommt herab zum sechstenmal, Daß er unsers gleichen werde, Mit zu fühlen Freud’ und Qual. Er bequemt sich hier zu wohnen, Läßt sich alles selbst geschehn, Soll er strafen oder schonen, Muß er Menschen menschlich sehn. […] Der Gott-- in Goethes Tagebuch heißt er „Ram“- trifft auf „ein verlornes schönes Kind“, eine „Bajadere“ (Tempeltänzerin und Prostituierte), deren Herz er prüfen möchte. Er, den man zunächst in 240 FA-1, S.-692 ff. 241 Vgl. S.-89, Anm. 231. <?page no="94"?> 94 der angenommenen, menschlichen Rolle des „Kegels“ erfährt, um beim Gleichnis der Weissagung zu bleiben, er wird nun zur grausam treffenden „Kugel.“ Denn das Mädchen, das in dieser Nacht seine erste große Liebe erlebt, findet am Morgen „den vielgeliebten Gast“ tot „an ihrem Herzen“. Zugleich „Kegel und Kugel“, hat der unsterbliche Gott als Mensch selber menschlichen Tod auf sich genommen und damit einem liebenden und geliebten Wesen, sterbend und tötend, unerträglichen Schmerz zugefügt. Man übergibt seinen Leichnam den Flammen, und das Mädchen will, gemäß dem überlieferten Brauch indischer Witwen, dem Toten ins Feuer nachfolgen, entgegen allen Vorschriften, Ermahnungen und Verboten der Priester: So das Chor, das ohn’ Erbarmen Mehret ihres Herzens Not; Und mit ausgestreckten Armen Springt sie in den heißen Tod. Doch der Götter-Jüngling hebet Aus der Flamme sich empor, Und in seinen Armen schwebet Die Geliebte mit hervor. Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder; Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor. 25 Wie viel Äpfel verlangst du für diese Blüten? -- „Ein Tausend; Denn der Blüten sind wohl Zwanzig der Tausende hier. Und von Zwanzig nur Einen, das find’ ich billig.“-- Du bist schon Glücklich, wenn du dereinst Einen von Tausend behältst. Hier diskutiert wieder ein Paar. Diesmal geht es um den Verkauf von Apfelblütenzweigen gegenüber ausgereiften Äpfeln. (Obstknospenzweige werden am 4.- Dezember, dem Tag der Hl. Barbara, auf dem Markt angeboten, damit sie im warmen Zimmer zu Weihnachten aufblühen.) Der Anbieter, befragt nach dem preislichen Äquivalent der Blüten zu den künftigen Äpfeln, antwortet mit der, seiner Ansicht nach angemessenen, Kalkulation von 20 : 1. Sein Kunde jedoch weiß es, offenbar aus Erfahrung, besser: der andere könne sich glücklich schätzen, wenn ihm im Herbst von tausend Blüten ein einziger Apfel bliebe. Es scheint sich um denselben Kundigen zu handeln, der in Weissagung 18 zur <?page no="95"?> 95 Potenzierung anstelle der Addition rät, er ist der Realist, der die Dinge im großen einschätzt und weiß, wie wenig Ideen zur Ausführung gelangen, Prometheus, der sich damit abgefunden hat, daß „nicht alle Knabenmorgen/ Blütenträume reiften“. 242 Blüte und Reife finden sich immer wieder bei Goethe, um Entstehungsstadien von Einfällen, Entwürfen oder Werken deutlich zu machen. Wie die Apfel-Metapher zeigt, reicht die Erfahrung der Gefährdung der Blüte zurück bis zur Prometheus-Ode, in der der Protagonist mit Zeus abrechnet. „Wähntest etwa/ Ich sollt das Leben hassen/ In Wüsten fliehn,/ Weil nicht alle Knabenmorgen/ Blütenträume reiften.“ 243 Die hier trotzig verhohlene Trauer über die Vergänglichkeit vielversprechender Anfänge bricht sich später immer wieder Bahn: Warum bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die Schönheit. Macht’ ich doch, sagte der Gott, nur das Vergängliche schön. Und die Liebe, die Blumen, der Tau und die Jugend vernahmen’s; Alle gingen sie weg, weinend, von Jupiters Thron. 244 Aber nicht nur frühe Stadien sind vom Vergehen bedroht, auch die reifen Früchte halten nicht stand, wenn sie nicht schnell genug geerntet werden, wie das Gedicht Dauer im Wechsel bekundet: Hielte diesen frühen Segen Ach nur Eine Stunde fest! Aber vollen Blütenregen Schüttelt schon der laue West. […] Willst du nach den Früchten greifen; Eilig nimm dein Teil davon! Diese fangen an zu reifen Und die andern keimen schon; 245 […] Und wieder die Vergänglichkeit von Blüte und Frucht in einem Brief von 1820: 242 Prometheus, Erstfassung., FA-1, S.-203. 243 FA-1, S.-203 f. (Entstanden vermutlich 1775. Vgl. Komm. S.-925. Die spätere Veröffentlichung beschränkt sich auf „Blütenträume“ und setzt auch Kommata.) 244 Vier Jahreszeiten, S.-237 ff. (Erstdruck 1797): Sommer; FA-2, S.-241. 245 Aus Dauer im Wechsel, FA-2, S.-78 f. (Erstdruck 1802.) <?page no="96"?> 96 […] So vieles geht in der Welt vorüber ohne Folge, so viel Blüten fallen ab ohne Frucht, Zufälligkeiten, eigene und fremde Schuld berauben uns der lebendigen Dauer schöner Verhältnisse, die auf dem Lebenswege angeknüpft wurden. 246 Und dennoch gibt es in all dieser Vergänglichkeit eine Hilfe, etwas, das Anfang und Ende nebeneinander bestehen läßt: Alle Blumen müssen vergehn, daß Früchte beglücken; Blüten und Frucht zugleich gebet ihr Musen allein. 247 Dementsprechend schließt auch das oben zitierte Gedicht Dauer im Wechsel mit dem Rat, sich mit dem Ablauf des Lebens abzufinden, dankbar und in der gläubigen Gewißheit, daß durch die Kunst Vergängliches in Dauerndes verwandelt werden kann. Laß den Anfang mit dem Ende Sich in Eins zusammenziehn! Schneller als die Gegenstände Selber dich vorüberfliehn. Danke, daß die Gunst der Musen Unvergängliches verheißt, Den Gehalt in deinem Busen Und die Form in deinem Geist. Später wird das, was die Musen gnädig gewähren, sogar zur Verpflichtung, wenn Goethe sagt: Ich bedauere die Menschen welche von der Vergänglichkeit der Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung der irdischen Nichtigkeit verlieren; sind wir ja eben deßhalb da um das Vergängliche unvergänglich zu machen, das kann ja nur dadurch geschehen, wenn man beydes zu schätzen weiß. 248 26 Sprich, wie werd’ ich die Sperlinge los? So sagte der Gärtner: Und die Raupen dazu, ferner das Käfergeschlecht, Maulwurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte? -- „Laß sie nur Alle, so frißt Einer den Anderen auf.“ 246 An August Claus von Preen, 3. Okt. 1820; HA Briefe 3, S.-491. 247 Aus Vier Jahreszeiten, Herbst; S.-242. 248 Sprüche in Prosa, FA-13, S.-17, 1.68. (H 155) Komm., S.-502: Zugrunde dürfte 1. Kor. 15, 53 liegen. <?page no="97"?> 97 Zur Zeit der Weissagungen lag die Entstehung der kämpferischen Xenien, 1796, 249 schon ein, zwei Jahre zurück. Doch beziehen die meisten Kommentare, allen voran Max Morris, 250 diese 26.-Weissagung auf die in Schillers Horen veröffentlichten Distichen von Goethe und Schiller mit ihrer scharfen gegen Personen als auch Schriften gerichteten Polemik. Im großen und ganzen hat ihr in alle Richtungen (Politik, Journalismus, Literatur und Kunst, Philosophie, Naturwissenschaften, Theologie und Moral) abzielender Kriegszug wenig bewirkt, außer daß er den beiden Autoren viel Kritik, ja Empörung, eingetragen hat. Dabei wurde ja nur ein Bruchteil der über 670-Distichen tatsächlich publiziert. Max Morris deutet die Schädlinge als zu bekämpfende Autoren der deutschen Literaturszene. Die in Anführungszeichen gesetzte Antwort auf die Frage des Gärtners, also eine Stimme von außen, wäre dann als ein abwiegelnder Laissez faire-Rat zu verrstehen, der, um im Bild zu bleiben, auch eine Katze als Haustier voraussetzen würde. (Zu „Vogel“ vgl. Weissagung 28.) Politisch erwies sich der Rat jedenfalls als voraussehend, wie z. B. auch der Verlauf der Französischen Revolution zeigte. Die beiden Autoren nahmen keine weitere Veröffentlichung in Angriff, obwohl hierfür 251 ja eine Fülle Materials vorgelegen hätte. Goethe schrieb am 11. 11. 1796 an Schiller: Das Angenehmste, was Sie mir aber melden können, ist Ihre Beharrlichkeit an Wallenstein und Ihr Glaube an die Möglichkeit einer Vollendung; denn nach dem tollen Wagestück mit den Xenien müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische 252 Natur, zu Beschämung aller Gegner, in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln. 253 Goethe selbst wandte sich nun der Vollendung von Herrmann und Dorothea zu. 254 249 1796 Veröffentlichung eines Teils der gesamten Anzahl von 676 Distichen in Schillers Musen-Almanach von 1797. Siehe dazu FA-1, S.-491-585. 250 Max Morris, a. a. O., S.-230 f. 251 Max Morris, a. a. O., S.-230 f. 252 Proteus: ein Meeresgott, der immerfort andere Gestalt annimmt. Vgl. Faust-II, v. 8230 ff. 253 An Schiller, 15. Nov. 1796. Briefwechsel zw. Schiller und Goethe, hrsg. von Hans Gerhard Gräf und Albert Leitzmann, Frankfurt a. M. 1964, S.-233. Vgl. auch Karl Eibl, Komm., FA-1, S.-1165. 254 Ebda. <?page no="98"?> 98 27 Klingeln hör’ ich: es sind die lustigen Schlittengeläute. Wie sich die Torheit doch selbst in der Kälte noch rührt! „Klingeln hörst du? Mich deucht, es ist die eigene Kappe, Die sich am Ofen dir leis’ um die Ohren bewegt.“ Hier ertappt sich der reife Goethe bei einer Anwandlung von Kritik an der Jugend. Das lustige Treiben auf dem Eis wird ihm zum generellen Symbol für unliebsame Bestrebungen und Unternehmungen der jungen Generation, die er aufgrund seines höheren Alters nun für töricht hält. Da meldet sich aber wieder ein Aspekt seines alter ego zu Wort. Seltsam wäre es, wenn er sich nicht erinnern wollte, welches Glücksgefühl er selber vermutlich empfunden hatte, auf Schlittschuhen über das Eis dahinzugleiten, ja, bei einer Gelegenheit nicht eimal zu zögern, seiner Mutter in ihrem Wagen ihren pelzgefütterten roten Mantel abzufordern, mit dem er, ihn als Schleppe hinter sich herschleifend, dann über die Eisfläche jagte. 255 Im zweiten Distichon weist er sich selber zurecht. Hier ist wieder der „Schlüssel“ der Duplizität am Werk. Mit ca. fünfzig Jahren ist er beides: der Ältere und der Junge, wie sollte er sonst glaubhaft seine Geschöpfe darstellen können? Mußte er nicht auch noch fünfzig Jahre nach Veröffentlichung seines Werther bei neuerlicher Lektüre fürchten, wieder in den „pathologischen Zustand“ von damals hineinzugeraten? (Vgl. S.-88) Eckermann zitiert ein Gepräch mit dem alten Goethe, in dem es sich um tatkräftige Männer in hohem Alter handelt: Solche Männer und ihresgleichen“, erwiderte Goethe, „sind geniale Naturen mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben eine wiederholte Pubertät, während andere Leute nur einmal jung sind. Jede Entelechie 256 nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt.-- Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben, vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie, bei ihrer belebenden 255 DuW IV,16; FA-14, S.-738. 256 Hier heißt „Entelechie“, was im Gespräch mit Falk (vgl. S.- 72) „Monade“ genannt wurde. <?page no="99"?> 99 Durchdringung des Körpers, nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch, bei ihrer geistigen Übermacht, ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten, und das ist es, was ich eine wiederholte Pubertät nennen möchte. 257 28 Seht den Vogel! Er fliegt von einem Baume zu andern. Nascht mit geschäftigem Pick unter den Früchten umher. Frag’ ihn, er plappert auch wohl, und wird dir offen versichern, Daß er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt. Im Falle dieser Weissagung, hat Max Morris, 258 dessen Deutungen grundsätzlich auf Goethes aktueller Lektüre zur Zeit des Zyklus beruhen, unbestreitbar recht: Der Gemeinte ist der englische Dichter Erasmus Darwin (der Großvater des berühmten Evolutionstheoretikers): Am 26. Januar 1798 teilt Goethe den Plan der Bakisweissagungen andeutungsweise Schiller mit, und in diesem Briefe schildert er auch Erasmus Darwin’s Lehrgedicht „Der botanische Garten“, das er nach dem Tagebuche am selben Tag gelesen hatte. Darwin behandelt hier alle möglichen Dinge bunt durcheinander, ohne daß die Materie „mit einer Spur von poetischem Gefühl zusammengebunden ist.“ 259 Der Brief, auf den Max Morris sich hier beruft 260 , gibt nicht nur Einblick in das Werk Darwins, sondern auch in die Sorgfalt, mit der Goethe, bei aller Ironie, sich mit ihm auseinandersetzt. Zunächst beschreibt er das Äußere des Buches, sein Gewicht von fünf-einhalb Pfund, wie er selbst festgestellt hat, und seinen kostbaren Einband aus Saffian. Dann fährt er fort: Es ist auf geglättetes Papier prächtig gedruckt, mit wahnsinnig allegorischen Kupfern, von Füßli, verziert und außerdem noch mit 257 Eckermann, 11.-März 1828, a. a. O. S.-677 f. 258 Max Morris, a. a. O., 2. Band, S.-231 referiert Goethes Lektüre von Erasmus Darwins Lehrgedicht Der Botanische Garten. 259 Morris, a. a. O., S.-231. 260 An Schiller, 26. Januar 1798. <?page no="100"?> 100 botanischen, antiquarischen Tags- und Liebhaber-Darstellungen hie und da geschmückt, hat Einleitungen, Anzeigen des Inhalts, Noten unter dem Text, Noten hinter dem Text, in welchen Naturlehre, Chemie, Naturgeschichte, Erdbeschreibung, Botanik, Fabrik- und Handelswesen, besonders aber Toter und Lebender berühmte Namen auf das beste produziert sind, so daß, von Ebbe und Flut bis zur sympathetischen Dinte, alles wohl eingesehen und begriffen werden kann. Bei allen diesen Sonderbarkeiten scheint mir aber doch das sonderbarste: daß in diesem botanischen Werke alles, nur keine Vegetation zu finden ist. Wenigstens ist dies von dem ersten Teil desselben beinah buchstäblich wahr. Hier haben Sie den Inhalt des Zweiten Gesangs: Anrede an die Gnomen. Die Erde wird durch einen Vulkan aus der Sonne geworfen; ihre Atmosphäre und Ozean, ihre Reise durch den Tierkreis. Abwechslung Tages und der Nacht, so wie der Jahreszeiten. Uranfängliche glückliche Eilande, Paradies oder goldenes Alter. Venus steigt aus der See. Die ersten großen Erdbeben, feste Länder steigen aus der See; der Mond wird von einem Vulkan ausgeworfen, hat keine Atmosphäre und ist frostig, die tägliche Bewegung der Erde wird aufgehalten, ihre Achse neigt sich mehr, sie dreht sich mit dem Monde um einen neuen Mittelpunkt. Entstehung des Kalksteins durch wäßrige Auflösung, Kalkspat, weißer Marmor, antike Statue des Herkules, der von seinen Arbeiten ruht, Antonius, Apoll von Belvedere, Venus Medicis, Lady Elisabeth Foster und Lady Melbourne von Herrn Damer. Von Morästen. Woher das Salz der Erde komme? Salzminen bei Krakau. Hervorbringung des Salpeters. Mars und Venus werden durch Vulkan gefangen. Hervorbringung des Eisens, Herrn Michels Verbesserung künstlicher Magneten, Gebrauch des Stahls zum Ackerbau, Schiffahrt und Krieg. Ursprung des Säuren. Woher die Kieselsteine, der Seesand, Gips, Asbest, Fluß, Onyx, Achat, Mocka, Opal, Saphir, Rubin, Diamant, Jupiter und Europa. Neue unterirdische Feuer durch Gärung. Der Ton wird hervorgebracht. Porzellanmanufaktur in China, Italien, England, Herrn Wedgwoods Werke zu Etruria, in Stafford-Shire. Kamee, einen Mohrensklaven in Ketten vorstellend, die Hoffnung vorstellend. Die Figuren auf der Portland-- oder Barberini-- Vase werden erklärt. Kohlen, Schwefelkies, Naphta, Obsidian und Ambra. Doktor Franklins Erfindung dem Gewitter seine Blitze zu nehmen. Freiheit Amerikas, Irlands, Frankreichs. Alte unterirdische Zentralfeuer. Hervorbringung des Zinns, Kupfer, Zink, Blei, Merkurius, Platina, Gold und Silber. Zerstörung von Mexiko. Sklaverei von Afrika. Untergang der Heere des Kambyses. Gnomen wie Sterne an einer <?page no="101"?> 101 Himmelsmaschine. Einbrüchen der See wird Einhalt getan, Felsen werden bebaut. Die Materie zirkuliert, die Düngung ist den Pflanzen, was der Milchsaft den Tieren. Pflanzen steigen aus der Erde. St. Peter wird aus dem Kerker erlöst. Wanderungen der Materie. Tod und Auferstehung des Adonis. Entfernung der Gnomen. Hier haben Sie also das Schema eines Gedichtes! So muß ein Lehrgedicht aussehen das nicht allein lehren, sondern auch unterrichten soll. Nun können Sie sich denken, was für Beschreibungen, für Allegorien, für Gleichnisse in dem Werke herumspuken und wie das ganze Material auch nicht mit einer Spur von poetischem Gefühl zusammen gebunden ist. Die Verse sind, wie mir scheint, nicht übel, und manche Stellen haben, wie mir scheint, eine rhetorische Tournüre, die dem Silbenmaße angehört. Genug, das Detail erinnert einen an so viel englische Dichter, die im Didaktischen und Beschreibenden gearbeitet haben. Was mag die englische zerstreute Welt sich nicht an einzelnen Stellen vergnügen! wenn ihr so eine Menge theoretisches Zeug, von dem sie schon so lange summen hörte, nun wieder im bekannten Silbenmaße vorgesungen wird. Ich habe das Buch erst seit gestern Abend im Hause und finde es wirklich unter meiner Erwartung, denn ich bin Darwin im Grunde günstig […] 261 Goethe hat es aber bei dieser ausführlichen Paraphrase und kurzen Kritik letzten Endes nicht bewenden lassen. Vielleicht hatte er damit vor allem die Absicht, den zur Zeit etwas deprimierten Schiller 262 aufzuheitern? Jahre später theoretisierte er, im Zusammenhang auch mit anderen englischen Dichtern (neben Erasmus Darwin), wie folgt, Über das Lehrgedicht: Es ist nicht zulässig, daß man zu den drey Dichtarten: der lyrischen, epischen und dramatischen, noch die didaktische hinzufüge. Dieses begreift Jedermann welcher bemerkt, daß jene drey ersten der Form nach unterschieden sind und also die letztere, die von dem Inhalt ihren Namen hat, nicht in derselben Reihe stehen kann Alle Poesie soll belehrend seyn, aber unmerklich; sie soll den Menschen aufmerksam machen, wovon sich zu belehren werth wäre; er muß die Lehre selbst daraus ziehen wie aus dem Leben. Die didaktische oder schulmeisterliche Poesie ist und bleibt ein Mittelgeschöpf zwischen Poesie und Rhetorik; deßhalb sie sich denn bald der einen bald der andern nähert, auch mehr oder weniger dichterischen Werth haben kann; aber sie ist, so wie die beschreibende, 261 Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, a. a. O., S.-434 f. 262 An Goethe, Jena 26. Januar 1798; ebda. S.-412. <?page no="102"?> 102 die scheltende Poesie, immer eine Ab- und Nebenart die in einer wahren Ästhetik zwischen Dicht- und Redekunst vorgetragen werden sollte. Der eigne Werth der didaktischen Poesie d. h. eines lehrreichen mit rhythmischem Wohllaut und Schmuck der Einbildungskraft verzierten, lieblich oder energisch vorgetragnen Kunstwerkes wird deßhalb keineswegs verkümmert. Von gereimten Chroniken an, von den Denkversen der ältern Pädagogen bis zu dem besten was man dahin zählen mag, möge alles gelten, nur in seiner Stellung und gebührenden Würde. Dem näher und billig Betrachtenden daher fällt sogleich auf, daß die didaktische Poesie um ihrer Popularität willen schätzbar sey; selbst der begabteste Dichter sollte es sich zur Ehre rechnen auch irgendein Capitel des Wissenswerthen also behandelt zu haben.[…] 263 Hier lassen sich natürlich Goethes eigene, sehr poetische Lehrgedichte Die Metamorphose der Pflanzen, entstanden 1798, und Metamorphose der Tiere, 264 Erstdruck 1820, aber Entwurf möglicherweise schon aus den Neunzigerjahren, 265 ins Blickfeld rücken so wie auch die Episteln, 266 entstanden 1795, die sich alle jeweils einem einzigen Thema widmen und auch entsprechend kurz sind, verglichen mit Darwins Botanischem Garten. Der so allumfassend umherpickende Vogel der 28. Weissagung hat im Rahmen des gesamten Zyklus nicht nur die Funktion, Erasmus Darwin satirisch zu zeichnen, sondern auch die weitere, aufzuzeigen, daß das schädliche Getier der 26. Weissagung durchaus als literarisch gemeint aufzufassen sei, zumal sie ja auch mit einem Vogel, wenn auch nicht wörtlich mit einem Sperling, beginnt! 29 Eines kenn’ ich verehrt, ja angebetet zu Fuße; Auf die Scheitel gestellt, wird es von Jedem verflucht. Eines kenn’ ich, und fest bedruckt es zufrieden die Lippe: Doch in dem zweiten Moment ist es der Abscheu der Welt. Offenbar fordert das Zahme Xenion: „Gönnet immer fort und fort/ Bakis eure Gnade“ (vgl.-S.-85) nicht nur bezüglich Charaden die 263 Über Kunst und Altertum VII (1827); FA-22, S.-317 f., vgl. auch Komm. S.-1143. 264 FA-1, S.639 ff. und FA-2, S.-498 ff. 265 FA-2, Komm. S. 1089. 266 FA-2, S.-201 ff. <?page no="103"?> 103 Gunst des Lesers, sondern auch in Hinsicht auf Logogriphe. Denn um einen solchen, um ein Buchstabenrätsel, handelt es sich hier und zwar in der Form des Anagramms: Verehrt, ja angebetet, in der gewohnten Buchstabenfolge ist die Lieb’, vielleicht auch, wie zu Goethes Zeit noch gebräuchlich, das Lieb (Liebchen). Stellt man das Wort auf den Kopf, d. h. liest man es als Palindrom von rückwärts nach vorn, wird Beil daraus, das besonders durch die Französische Revolution einen traurigen Ruhm erlangte. Nochmals umgestellt, diesmal mit bloßer Vertauschung, ergeben die Buchstaben Leib, der mit Küssen bedacht wird. Und wie im ersten der beiden Distichen, folgt auf das Bejahte das Böse, nämlich das Blei. Wenn es in Form der Gewehrkugel auf den Leib trifft, hat es Verwundung oder Tod zur Folge und wird in aller Welt verabscheut. Über das Wortspiel hinaus, läßt sich diese Weissagung auch als ernstgemeintes Bekenntnis zur Liebe und zum Pazifismus verstehen, der zur Zeit der Jahrhundertwende, jener Zeit der Napoleonischen Kriege und der Freiheitskriege, gewiß der allgemeinen Haltung zuwiderlief. Aber wir sind noch nicht am Ende mit dem Logogriph. Die nächste Weissagung führt ihn weiter: 30 Dieses ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das Gemeinste; Nun das Schönste, sogleich auch das Abscheulichste nun. Nur im Schlürfen genieße du das, und koste nicht tiefer: Unter dem reizenden Schaum sinket die Neige zu Grund. Das erste Distichon führt die Dichotomie der vorangegangenen Weissagung weiter, wieder als Logogriph, der aber nicht an die Figur des Anagramms gebunden ist, sondern auch gelöst werden kann durch Hinzufügen bzw. Weglassen einzelner Buchstaben im korrespondierenden Wort 267 . Der Hexameter stellt das Höchste, das Lieben dem allgemeinen 268 Leben gegenüber. Der folgende Pentameter ergänzt das aktive und als Subjekt gefaßte „Lieben“, mit dem Objekt, dem geliebten und auserwählten „Schönsten,“ dem Liebling. Der Begriff kann jegliches betreffen, das einem Menschen am allerliebsten ist, und wieder wird er dem Negativen, 267 Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 7. Aufl., Stuttgart 1989, S.-536. 268 „gemein“ zu Goethes Zeit noch nicht pejorativ! <?page no="104"?> 104 diesmal dem „Abscheulichsten“, gegenübergestellt. Und was kann dies anderes sein als der Teufel selbst? „Ebli“ ist eine etymologisch inkorrekte Wiedergabe des Namens „Iblis“, (vielleicht aus griech. „Diábolos“), der im Koran dem Lucifer entspricht. Im Divan-Gedicht mit dem Anfangsvers Wo kluge Leute zusammen kommen hat Goethe möglicherweise das Endungs-S von „Iblis“ als Plural-S mißverstanden, denn da heißt es am Schluß: „Es können die Eblis die uns hassen/ Vollkommnes nicht vollkommen lassen.“ Im Arabischen kommt „Iblis“ nur im Singular vor. Es kann aber auch sein, daß der Plural ganz bewußt gesetzt wurde. Denn Lucifer ist zweifellos etwas Lebendiges, und dazu hat Goethe seine eigene Sicht. So lehrt er im Gedicht Epirrhema: 269 „Kein Lebendiges ist ein Eins,/ Immer ist’s ein Vieles.“ Entsprechend gibt es das arabische „Saitan“ (Satan) durchaus im Plural. 270 (Das E in Ebli stammt wahrscheinlich aus dem Persischen, da es diesen Vokal im Arabischen gar nicht gibt.) Die Form „Eblis“, jedoch korrekt als Singular gebraucht, konnte Goethe schon 1772 in Christoph Martin Wielands Der goldene Spiegel oder die Könige von Scheschuan finden. Bezüglich dieses Werkes gibt es auch eine ungezeichnete Rezension in den Frankfurter gelehrten Anzeigen, in denen auch Goethe veröffentlichte. Was aber nun folgt, wirkt als wahre Antiklimax: so trivial scheint dieser Gegenstand, welchen Goethe nun beides, Gutes und Böses, repräsentieren läßt. Im Sinne des Logogriphs führt er das Wort Liebling durch Vertauschung und Reduktion der Buchstaben weiter. Daraus entsteht dann das Wort Elbing, ein Wein aus der Moselregion, der traditionell auch zu Sekt vergoren wird und früher viel weiter verbreitet war als heutzutage. Die Römer sollen diese Rebsorte, „vitis alba“, der der „Elbing“, der hellen Farbe dieses Weines wegen, seinen Namen verdankt, an die Mosel gebracht haben, wo sie sich bis heute erhalten hat. Was Goethe von dem aus ihr gewonnenen Sekt hielt, bekundet das zweite Distichon. Der Wein mit seinem verlockenden Schaum wird ihm zum Symbol von Dingen, die zunächst verlockend und als durchaus bejahenswert empfunden werden können, aber bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, sich ins Negative verkehren. Für Ideen wie Aufklärung und Demokratie, welche zuletzt die Französische 269 FA-2, S.-498. 270 Vgl. Komm. FA-3/ 2, S.-1733. <?page no="105"?> 105 Revolution und deren mehr und mehr anschwellende Schrecknisse auslösten, mag dies genauso gelten wie für die Kriegsbegeisterung der Freiheitsbewegung, 271 die Goethe von Anfang an mit Skepsis wahrnahm und deren blutige Folgen er voraussah. Die spielerische Form, mit ernsten Dingen umzugehen, bedeutet nicht, daß sie dem Dichter nicht wichtig sind. Oft vermeidet er, zu lehrhaft zu klingen und möchte es dann den Lesern überlassen, der heiteren Aussage die Bedeutung der Sache und seinen eigenen Standpunkt ihr gegenüber richtig zu erfassen: Wenn ich den Scherz will ernsthaft nehmen, So soll mich Niemand darum beschämen; Und wenn ich den Ernst will scherzhaft treiben, So werd’ ich immer derselbe bleiben. 272 31 Ein beweglicher Körper erfreut mich, ewig gewendet Erst nach Norden, und dann ernst nach der Tiefe hinab. Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den Winden Und sein ganzes Talent lös’t sich in Bücklingen auf. Kompaß und Windfahne dienen als Meßgeräte den Menschen zur See auf ihrer Reise. Ein spätes Gedicht greift die Weissagung in ihrer Symbolik auf und erschließt ihre psychologischen Bezüge: Sei du im Leben und im Wissen Durchaus der reinen Fahrt beflissen; Wenn Sturm und Strömung stoßen, zerr’n, Sie werden doch nicht deine Herrn; Kompaß und Pol-Stern, Zeitenmesser Und Sonn’ und Mond verstehst du besser, Vollendest so nach deiner Art Mit stillen Freuden deine Fahrt. Besonders wenn dich’s nicht verdrießt, Wo sich der Weg im Kreise schließt Der Weltumsegler freudig trifft Den Hafen, wo er ausgeschifft. 273 271 Vgl. Jürgen Schröder, Deutschland als Gedicht. Über berühmte und berüchtigte Gedichte aus fünf Jahrhunderten in fünfzehn Lektionen, Freiburg im Breisgau 2000. 272 Aus Sprichwörtlich, FA-2, S.-384. 273 Aus Zahme Xenien VI, FA-2, S.-681. <?page no="106"?> 106 In dieser Weissagung kommt mit Selbstkritik der in sich uneinige Weltmann zu Wort. Beim danach zitierten Gedicht fällt auf, daß hier die Windfahne in der Reihe der wichtigen, wegweisenden Objekte weggelassen ist. Das zeigt, daß bei einer „reinen Fahrt“ die Alltagswelt mit ihren vielen oberflächlichen Vorkommnissen, mit ihren Zufallsbegegnungen und -eindrücken, auf die zu reagieren ist, symbolisch abgewertet erscheint, selbst dann oder eher besonders dann, wenn Emotionen oder Zeitgeschehen, Stürme und Strömung, „stoßen“ und „zerren“ und Nachgeben und Sich- Treiben-lassen bewirken wollen. In einem Brief vergleicht der junge Goethe einmal sein Inneres mit einem Turmhahn: […] Es regnet draußen und drinne, und die garstigen Winde von Abend rascheln in den Rebblättern vorm Fenster, und meine animula vagula ist wie’s Wetter-Hähngen drüben auf dem Kirchthurm; dreh dich, dreh dich, das geht den ganzen Tag obschon das bück dich! streck dich! eine Zeit her aus der Mode kommen ist. 274 Und wieder ein ähnliches Bild in einem anderen Brief, ebenfalls an Salzmann, worin es heißt: „Der Kopf steht mir wie eine Wetterfahne, wenn ein Gewitter heraufzieht und die Windstöße veränderlich sind.“ 275 Da fehlt Beharrlichkeit und klares Denken, das läßt auf einen unausgeglichenen, ja zerrütteten Gemütszustand schließen. Viele Jahre später (1825) gibt Goethe in seinem Versuch einer Witterungslehre, wo es nicht um Symbolisches, sondern um Konkretes geht, folgende auffallend mißbilligende Beurteilung der Windfahne ab: Die Windfahne ist […] ein unsicheres und sehr wenig die augenblicklichste Luftbewegung andeutendes Instrument. Wie man auch die Friktion vermindern mag, so bleibt eine mechanische Reibung immer übrig. Das Schlimmste aber ist, daß sie dem Westwinde immer mehr gehorcht als den übrigen Winden, denn er ist der stärkste, und mit den Jahren biegt sich endlich durch die Gewalt die Spindel wenn die Fahne groß und schwer ist; sie senkt sich deswegen nach Osten und der Wind kann sich schon eine Weile umgelegt haben, ehe sie sich entschließt ihre Stellung zu verändern. 274 An Johann Daniel Salzmann [Sesenheim, Juni 1771? ] WA IV, 1. Band, S.-258. 275 An denselben (wie Anm. 274) Mittwoch Nachts. <?page no="107"?> 107 Den Wolkenzug anstatt der Windfahne zu beobachten, wird immer das sicherste bleiben; denn man erfährt nicht allein welcher Wind in der untern Region herrscht, sondern man wird zugleich aufmerksam, auf das was in der obern vorgeht, wo man denn oft Ruhe und Stille bemerkt, wenn unterwärts Zug und Bewegung sich spüren läßt. 276 Es läßt sich auch hier, wo es um durchaus Konkretes, um ein Instrument der Meteorologie, geht, die Symbolik hinter der Beobachtung wahrnehmen. Sie steht als Personifikation für einen Teil der einen Persönlichkeit, nämlich des Weltmannes. Vom Blick nach oben lenken die Bewegungen der Windfahne ab, die sich oft unmaßgeblichen Einwirkungen verdanken. Einflüsse des täglichen gesellschaftlichen Lebens, so kann man folgern, lassen sich kaum vermeiden, aber sie werden als zweitrangig betrachtet. Als Wegweiser für das eigene Handeln dürfen sie, vor einer kritischen Selbstbetrachtung, keine Akzeptanz finden, wie es angesichts des bevorstehenden, jederzeit möglichen Todes angebracht erscheint, nämlich dort, „wo sich der Weg im Kreise schließt.“ Dagegen steht als zuverlässiger Wegweiser die Magnetnadel mit ihrem unbeirrbaren Drang in eine einzige Richtung, hin nach Norden, hin zum Pol, und eingestimmt auf den Fixstern, den Polarstern, und von ihm aus hinab zu Meer und Erde. Die Magnetnadel gleicht dem Gewissen, das, bestimmend im Herzen des Dichters verankert, auf immer der erkannten Wahrheit des göttlichen Urgrunds alles Geschaffenen so wie auch der Liebe verpflichtet bleibt. Der Kompaß der Seele bleibt auch da gültig, „wo sich der Weg im Kreise schließt.“ Dazu verzeichnen die Sprüche in Prosa die Erkenntnis: „Der ist der glücklichste Mensch der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.“ 277 Was damit gemeint ist, findet sich in einem Brief: Man bedient sich als Symbol der Ewigkeit der Schlange, die sich in einen Reif abschließt, 278 ich betrachte dies hingegen gern als Gleichnis einer glücklichen Zeitlichkeit. Was kann der Mensch mehr wünschen, als daß ihm erlaubt sei, das Ende an den Anfang 276 Versuch einer Witterungslehre, FA-25, S.-281. 277 Sprüche in Prosa, FA-13, 1,58, (H 140); S.-16. 278 Urobóros-Symbol, wörtl. „devouring its tail“. <?page no="108"?> 108 anzuschließen, und wodurch kann dies geschehen als durch die Dauer der Zuneigung, des Vertrauens, der Liebe, der Freundschaft. 279 „Anfang“ bedeutet hier sowohl den Anfang des gelebten Lebens als auch den Beginn einer neuen Inkarnation. Wo aber eine momentane Persönlichkeitsverbiegung, „die den Winden gehorcht“, nicht vermeidbar ist, weil sie im äußeren Leben mit all seinen Verpflichtungen oft das kleinere Übel darstellt, gibt Goethe eine Richtlinie für die Menschen, die ihn verstehen sollten: Teilen kann ich nicht das Leben, Nicht das Innen noch das Außen, Allen muß das Ganze geben, Um mit euch und mir zu hausen. Immer hab’ ich nur geschrieben Wie ich fühle, wie ich’s meine, Und so spalt’ ich mich, ihr Lieben, Und bin immerfort der Eine. 280 In diesem Zusammenhang schreibt Goethe am 10. Februar 1798 an Schiller: Die Philosophie wird mir deshalb immer werter weil sie mich täglich immer mehr lehrt mich von mir selbst zu scheiden, das ich umso mehr tun kann da meine Natur, wie getrennte Quecksilberkugeln, sich so leicht und schnell wieder vereinigt. 281 Im geschriebenen Wort also, soll das heißen, ist der wahre Goethe zu finden, auch wenn selbst Freunde, was er wohl voraussetzt, zuweilen an seinem Verhalten irre werden mögen. 32 Ewig wird er euch sein der Eine, der sich in Viele Teilt, und Einer jedoch, ewig der Einzige bleibt. Findet in Einem die Vielen, empfindet die Vielen, wie Einen; Und ihr habt den Beginn, habet das Ende der Kunst. 279 An Friedrich Wilhelm Heinrich Trebra, 5. Januar 1814; HA Briefe 3, S.-251. Vgl. dazu Dauer im Wechsel. FA-2, S.-73. 280 Aus Zahme Xenien VI, Schlußgedicht, FA-2, S.-682 f. 281 Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, a. a. O., An Schiller, am 10.-Februar 1798, S.-446. <?page no="109"?> 109 Wer kann dieser Eine, Ewig-Seiende, anderer sein als Gott? - - Der alte Topos von „Hen kai pan“ tritt uns hier wieder entgegen. Zurückgehend auf Heraklit, wird er in Platons Dialog Parmenides durchdiskutiert. Die große Bedeutung, die Platon für Goethe hatte, ist in seiner Farbenlehre nachzulesen: Plato verhält sich zu der Welt wie ein seliger Geist, dem es beliebt einige Zeit auf ihr zu herbergen. Es ist ihm nicht sowohl darum zu tun sie kennenzulernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr dasjenige was er mitbringt und was ihr so not tut, freundlichst mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen, mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, als um sie zu erforschen. Er bewegt sich nach der Höhe mit Sehnsucht seines Ursprungs wieder teilhaft zu werden. Alles was er äußert bezieht sich auf ein ewig Ganzes Gutes, Wahres und Schönes, dessen Forderung er in jedem Busen aufzuregen strebt. Was er sich im einzelnen von irdischem Wesen zueignet, schmilzt, ja man kann sagen verdampft in seiner Methode, in seinem Vortrag. 282 In der letzten Weissagung zieht Goethe die Quintessenz aus Platons Dialog Parmenides, denn das Gespräch umkreist in immer erneutem Ansatz das Verhältnis des Einzelnen innerhalb der Vielen zum Einen, das da gewöhnlich „Idee,“ aber auch dreimal „Gott“ 283 heißt. In diesem Dialog diskutiert Parmenides, schon in höherem Alter, mit dem noch jungen Sokrates, indem er ihn auch belehrt. Des weiteren handelt es sich, in Frage und Antwort, um den wesentlichen Punkt, den Parmenides untersuchen will: Nun gut, habe Parmenides gesagt. Wenn Eines ist, so kann es doch nicht Vieles sein. Wie sollte es auch? Also darf es auch keinen Teil von ihm geben und es selbst darf auch nicht ganz sein. Wieso? Der Teil ist doch Teil eines Ganzen. Ja. Und wie steht es mit dem Ganzen? Ist nicht das, dem kein Teil fehlt, ganz? Allerdings. 282 Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, 3. Bd. Zur Farbenlehre, Historischer Teil I, WA II 3, 3. Abt.: Zwischenzeit, S.-141. 283 Platon, Parmenides 134 c, d, e. Der hier aufgeführte Text wurde übersetzt und herausgegeben von Ekkehard Martens, Stuttgart 2007. <?page no="110"?> 110 Beidemal also bestünde das Eine aus Teilen, wenn es ganz ist und wenn es Teile hat. Notwendigerweise. Und beidemal wäre auf diese Weise das Eine Vieles und nicht das Eine. Das stimmt. Es soll aber nicht Vieles sondern das Eine sein. Ja, das soll es. Also wird es weder ganz sein noch Teile haben, wenn das Eine das Eine sein soll. Sicher nicht. Wenn es also keinen Teil hat, so hat es doch auch keinen Anfang, kein Ende und keine Mitte. Denn das wären ja schon Teile von ihm. Stimmt. Anfang und Ende sind aber die Grenzen von jedem. Sicher. Unbegrenzt also ist das Eine, wenn es weder Anfang noch Ende hat. Ja, unbegrenzt. 284 Im nächsten Schritt der Diskussion geht es um das Prinzip der Zahl im Verhältnis zum Einen und des weiteren zum Sein: Folglich wenn Eines ist, ist notwendigerweise auch die Zahl. Ja, notwendigerweise. Und wenn es Zahl gibt, gibt es doch auch Vieles und eine unendliche Menge Seiendes. Oder wird die Zahl nicht unendlich der Menge nach und hat teil am Sein? Auf jeden Fall. Wenn aber jede Zahl am Sein teilhat, hat doch auch jeder Teil der Zahl daran teil? Ja. Auf alles also, was vieles ist, ist das Sein verteilt und fehlt bei keinem Seienden, weder beim kleinsten noch beim größten? Oder ist es nicht unsinnig, dieses überhaupt zu fragen? Wie könnte denn wohl das Sein bei einem Seienden fehlen? Auf keinen Fall. Zerstückelt also ist es in das allerkleinste und allergrößte oder wie auch immer beschaffene Seiende und ist am meisten von allem geteilt, und es gibt unendlich viele Teile des Seins. So ist es. 285 284 Ebda. 137 c, d. 285 Ebda, 144 a, b. <?page no="111"?> 111 Im folgenden befaßt sich die Diskussion mit dem Verhältnis der einzelnen Teile zum Einen als einem Ganzen. Das erste Distichon der letzten Weissagung hält sich genau an die zitierten Platon-Stellen und zieht, wie gesagt, aus ihnen die Quintessenz, wobei es auf jedes einzelne Wort ankommt. Wie bei den meisten der Weissagungen beginnt der erste Vers mit einem Spondeus, das heißt in diesem Fall, daß das Wort „Ewig“ in seiner zweiten Silbe gedehnt erscheint und, über seine Position als Anfangswort im Vers hinaus, besondere Gewichtung erhält. Diese zweite Silbe erfährt im betonten Wort „wird“ des folgenden Daktylus durch Alliteration und Assonanz auch noch eine Weiterführung in phonetischer Betonung. Dann fällt nach den beiden schwach betonten Silben das Wort „sein“ mit metrisch gedoppelter Macht ein, des weiteren verstärkt durch die Pause der nachfolgenden Zäsur. Das eigentlich trochäische „Eine“ gewinnt dann zusätzliches Gewicht in seiner Aufwertung zum Spondeus, wobei das ihm zugehörige, den nachfolgenden Daktylus einleitende Relativpronomen „der“ die Länge weiterführt, ehe „Viele“ im letzten Versfuß mit Nachdruck auf die andere Qualität verweist, die nach der Stauung des Enjambements im Anfangswort des Pentameters „Teilt“ mit Kraft signalisiert wird. Metrisch betontes „und“ und „jedoch“ deuten auf die beiden gegensätzlichen Komponenten des Einen, während in melodischer Kadenz die beiden Daktylen mit „ewig der Einzige bleibt“ den Schlußpunkt setzen. Sakrales Pathos ist die Aussage des Metrums. 286 Der Name „Gott“ fällt nicht in der Weissagung. Aber Verse aus derselben Periode bekunden mit ausgesprochenen Worten Goethes Pantheismus oder besser: Theopantismus, der seinen Ursprung schon in seiner Beschäftigung mit Spinoza 287 hatte. Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe! Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt. 288 286 „Die Form will so gut verdaut seyn als der Stoff, ja sie verdaut sich viel schwerer.“ (Sprüche in Prosa, 6. 29, 20 (H. 1083); FA-13, S.-389. 287 Martin Bollacher, Der junge Goethe und Spinoza, Tübingen 1969. 288 Aus der Sammlung Gott, Gemüt und Welt, FA-2, S.-379 und Komm. S.-1004 ff. <?page no="112"?> 112 Im Gegensatz zum ersten Distichon der 32. Weissagung, in dem der Prophet ehrfurchtsvoll das Wesen Gottes verkündet, richtet sich das zweite Verspaar direkt an die Menschen, die, in deutlicher Weiterführung des theologischen Gedankens, mit zwei Imperativen dahingehend gefordert sind, in Einem die Vielen, in Vielen den Einen wahrzuhaben, bis der Schlußvers eine neue Wendung bringt, denn da ist plötzlich, ohne merklichen Übergang von „Beginn“ und „Ende der Kunst“ die Rede. Was aber bei aller Identität des Vokabulars bemerkt werden müßte, ist der Wechsel im Metrum. An die Stelle metrisch aufgeladener Silben mit Auftakt ist der ruhige Fluß normaler Daktylen getreten, die auf das Überraschungswort „Kunst“ zurollen und in ihm zugleich ihre Klimax wie ihren Ruhepunkt finden. Der „Anfang der Kunst“ liegt dort, wo Gottes Schöpfung ihren Beginn hat, wo er das von der Natur in seinem Sinne Angelegte zu höherer Potenz transformiert und das Kunstwerk zustande kommt. In diesem Sinne darf der menschliche Künstler es ihm gleichtun und das Werk der Natur weiterführen und damit zu einem Ende, das heißt zu einer Vollendung bringen. Den schöpferischen Künstler- - denn stillschweigend geht es nun auch um ihn- - sollen die Menschen in seiner Ebenbildlichkeit Gottes „empfinden“ und damit hohe Werke der Kunst als solche der Natur, und somit als durch den Menschen vollbrachtes Gotteswerk, verstehen. Für solche Schöpfung gibt es aber eine Voraussetzung, die ein Epigramm aus dem Nachlaß mit dem Titel Bedingung festlegt: Ewig strebst du umsonst, dich dem Göttlichen ähnlich zu machen, Hast du das Göttliche nicht erst zu dem Deinen gemacht. 289 Schon aus Italien hatte Goethe am 6. 11. 1786 bezüglich antiker Meisterwerke geschrieben: Soviel ist gewiß, die alten Künstler haben eben so große Kenntnisse der Natur und eben einen so sichern Begriff von dem was sich vorstellen läßt und wie es vorgestellt werden muß gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen 289 Xenien, FA-1. S.-516. <?page no="113"?> 113 als sie recht zu erkennen und dann in Friede hinzufahren. 290 Diese hohen Kunstwerke sind zugleich <als> die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott. 291 290 Bezug auf Lukas 2.25-35. 291 6. September 1887. (Korrespondenz, Italienische Reise, hrsg. von Andreas Beyer und Norbert Miller, Münchner Ausg., Bd. 15, S.-478. Wien 1992.) <?page no="114"?> 114 „Wünschelruten“ zum Verständnis der Weissagungen aus Goethes Leben Das Wort „Bakis“ wird vielfach als Name einer Seherklasse wahrgenommen. Dagegen bezieht sich Herodot 292 auf „Bakis“ als auf eine bestimmte Person, einen Propheten, der in Spruchform wahrzusagen pflegte. Goethe wurde vermutlich durch Wieland auf Bakis aufmerksam, 293 oder neuerlich aufmerksam, dessen Übersetzung der Ritter des Aristophanes er als Lektüre für den 11. 1. 1798 im Tagebuch festhielt. 294 Wieland schrieb folgende Anmerkung zu Bakis, mit dem übrigens in der Komödie des Aristophanes ziemlich leichtfertig, in Zusammenhang mit Wein, umgegangen wird: Die Athener hatten einen starken Glauben an gewisse angebliche Weissagungen, die der Sibylle, dem Musäus, und anderen begeisterten Personen der fabelhaften und heroischen Zeit zugeschrieben wurden. Man trug sich mit ganzen Sammlungen solcher alten Orakel, und der Respekt für sie war so groß, daß Oumakritos, weil er überwiesen worden, dem Musäus eine Weissagung von seiner eignen Erfindung unterschoben zu haben, von dem Pisistratiden Hipparchos aus Athen verbannt wurde. In vorzüglichem Kredit standen, wie es scheint, diejenigen, die den Nahmen eines gewissen Bakis, aus Böotien an der Stirne führten, von welchem man glaubte, daß er die Gabe der Weissagung von den Nymfen empfangen, die auf dem Berge Kitäron einen uralten Tempel hatten. Schon Herodot führt einige Orakel dieses Nymfolekten an, die auf den Medischen Krieg gedeutet wurden. Wahrscheinlich waren einzelne Personen oder Familien zu Athen im Besitz ganzer Sammlungen von solchen diesem Bakis zugeschriebenen Chresmologien, glaubten daran einen großen Schatz zu besitzen, und ließen sich gelegentlich von den Schlauköpfen betrügen, welche den Schlüssel zu diesen, in räthselhafte Bilder und Ausdrücke eingehüllten, Geheimnissen zu besitzen vorgaben. 295 292 Herodot VIII. 20 und VIII, 77. 293 Vgl. Dorothea Hölscher-Lohmeyer, Die Einheit von Naturwissenschaft und poetischer Aussage bei Goethe. Anmerkungen zu seinem Gedichtzyklus‚ Die Weissagungen des Bakis’. Bezug zu Bakis in Wielands Übersetzung der Ritter von Aristophanes. Vgl. Attisches Museum, hrsg. von C. M. Wieland, 2.1.1798, S.-13 f. Anm.-13. 294 Vgl. FA-2, Komm., S.-961. 295 Siehe Anm. 293. <?page no="115"?> 115 Möglicherweise wußte Goethe schon früher aus Herodot Bescheid über derartige Orakel. Schon in Goethes 1777 verfaßter „dramatischen Grille“ Der Triumph der Empfindsamkeit haben zunächst als rätselhaft wahrgenommene Orakelsprüche in Form von Distichen eine wichtige Funktion, wie denn überhaupt dieses vielfach bloß als Farce verstandene Stück eine Schlüsselrolle für das Verständnis des jungen, aber auch des reiferen Goethe innehat. Es wurde deutlich, daß der „Schlüssel“, der in variierender Form für fast alle der Weissagungen gilt, Duplizität heißt. Goethe will zeigen, daß er seine Persönlichkeit als eine doppelte empfand-- und dies weit über das normale Maß verschiedener angenommener Rollen hinaus. Es sind zwei vollständige, in sich abgerundete Persönlichkeiten, die für sich existieren, sich aber auch wie Quecksilberkugeln 296 vereinigen können. Beide Teile sind durchaus eigenständige, authentische Wesen. Und, obwohl der Gedanke naheläge-- gewiß handelt es sich bei ihm keineswegs um Krankheit wie etwa Schizophrenie. Vielleicht könnte man, mit Hilfe seines eigenen Rückgriffs auf die Leibnizische Monadenlehre, 297 annehmen, daß in ihm, statt einer, zwei Hauptmonaden wirksam waren, die sich nebeneinander entfalten konnten, ohne einander zu behelligen, sondern im Gegenteil, in der Not einander rettend beizuspringen fähig waren. Der Gedanke beherrscht, auf die eine oder andere Art, alle wichtigen Werke Goethes und wird besonders in den Gedichten immer wieder wörtlich ausgesprochen, am klarsten angesichts des Ginkgo-Blattes: Dieses Baum’s Blatt, der von Osten Meinem Garten anvertraut, Giebt geheimen Sinn zu kosten, Wie’s den Wissenden erbaut. Ist es Ein lebendig Wesen? Das sich in sich selbst getrennt, Sind es zwey? die sich erlesen, Daß man sie als eines kennt. 296 Vgl. Brief an Schiller vom 10. Februar 1798, a. a. O., S.-447. 297 Zu Gottfrid Wilhelm Leibnizs Entelecheia-Begriff und seiner Monadologie vgl. Klaudia Hilgers, Entelechie, Monade und Metamorphose. Formen der Vervollkommnung im Werk Goethes, München 2002. II, S.-31 ff. <?page no="116"?> 116 Solche Frage zu erwiedern, Fand ich wohl den rechten Sinn; Fühlst du nicht in meinen Liedern Daß ich Eins und doppelt bin? 298 Selbst die als „Wünschelruten“ erfaßten Darstellungsweisen in den Weissagungen sind von der Duplizität geprägt: ob es sich um Symbolik handelt oder um Spiegelung, ob um verbatim ausgedrückte verstanddominierte Analogie oder um den tiefer greifenden, umfassenderen Symphronismus-- wenn man sich nicht wiederholen wollte, könnte man die Weissagungen, eine nach der anderen, nach diesen Gesichtspunkten untersuchen. Noch intensiver als beim Spiegelbild, wie z. B. bei Hadrian, erfaßt jedoch Identifikation mit dem Gegenüber die Seele und bewirkt Verschmelzung. Vor allem gilt dies für Orest, dessen Schicksal Goethe, mutatis mutandis, als eigenes erlebt hat. Zum Kunstwerk erhöht, hat er dies in seiner Iphigenie auf Tauris dargestellt, doch auch das höchst Persönliche in Symbolen festgehalten. Früh finden sich schon in einem Brief die „unsichtbare Geißel der Eumeniden, die ihn aus seiner Heimat treibt“, oder die geweihten Haare, die sich auf das Drama Totenspende aus der Orestie des Aischylos beziehen. Als Orest hat Goethe das große Leid seiner jungen Jahre durchlitten, das er nur überleben konnte, weil ihm in der eigenen Seele ein Verwandter und Freund, Pylades, zur Seite stand. * * * Wie es im Inhalt der prophetischen Worte der ersten Weissagung auf das letztendlich Gemeinsame der Opferung eines Mädchens ankommt, so laufen z. B. die beiden nebeneinander veröffentlichten Balladen Die Braut von Korinth und Der Gott und die Bajadere, bei aller Unterschiedlichkeit von Ambiente, Religion und kulturellem Hintergrund, dennoch auf etwas Identisches hinaus, nämlich auf den vom lebendigen Partner aus Liebe erkämpften gemeinsamen Tod zu einem gemeinsamen jenseitigen Leben. Dementsprechend konnte Goethe auch Schiller gegenüber nach Abschluß der 298 FA-3/ 1, S.-78 f. Ein Gedicht zur Persönlichkeitsstruktur eher als ein Liebesgedicht. <?page no="117"?> 117 beiden Gedichte als wesentlichen Punkt anmerken, daß er „seine Paare in das Feuer und aus dem Feuer“ gebracht habe. 299 In der Ersten Weissagung enthüllt, wie bei den Balladen, nur der Symphronismus, worauf sich jeweils, bei allen situativen Unterschieden, die unausgesprochene prophetische Aussage bezieht: auf den Tod eines Mädchens in mythischer Vorzeit. Diese Aussage aber hat, was das Prophetenwort betrifft, weiterwirkende und dennoch immer wieder ergebnislose Resonanz durch die Folge der Zeiten. Bis hin zu Goethes Jugendtrauma, dem Tod seiner Schwester. * * * Wie Goethe auch in Hinblick auf seine Autobiographie den Symphronismus zu „enthüllendem Verbergen“ einsetzt, ersieht man aus dem Zwanzigsten Kapitel von Dichtung und Wahrheit, das vier biographische Themen kunstvoll ineinander verflicht: Da ist erstens Goethes innerer Konflikt der bereits vollzogenen Trennung von Lili (und angeblich hierdurch bedingt) der Wunsch nach Flucht; zweitens, der durch eine Serie von eher rätselhaft dargestellten Mißverständnissen und teilweise selbstverschuldeten Hindernissen komplizierte Entschluß, der Einladung des jungen Herzogs von Weimar zu folgen, wogegen der Vater massiv opponierte. Zum dritten spielen Gedanken über das Dämonische hinein, dessen Zuordnung zu einzelnen Personen nicht direkt ausgesprochen, aber in einem unbeugsamen Willen, charakterisiert durch höhere Potenz, erscheint, wozu, viertens, der Protagonist seines Dramas Egmont Anlaß bot. Goethe verwandelt den wesentlich älteren historischen Grafen in einen jungen Mann, der, noch ohne eigene Familie, nur seiner politischen Idee leben kann: der Befreiung der Niederlande von der spanischen Herrschaft. [Beim Studium der Geschichte]… fiel mir Graf Egmont auf, dessen menschlich ritterliche Größe mir am meisten behagte. Allein zu meinem Gebrauche mußte ich ihn in einen solchen Charakter umwandeln, der solche Eigenschaften besaß, die einen Jüngling besser zieren als einen […] Hausvater, als einen, der noch so frei gesinnt, durch mancherlei Verhältnisse begrenzt ist. Als ich ihn nun so in meinen 299 An Schiller, 10. Juni 1797; a. a. O., S.-307. <?page no="118"?> 118 Gedanken verjüngt und von allen Bedingungen losgebunden hatte, gab ich ihm die ungemeßne Lebenslust, das grenzenlose Zutrauen zu sich selbst, die Gabe, alle Menschen an sich zu ziehn und so die Gunst des Volks die stille Neigung einer Fürstin, die ausgesprochene eines Naturmädchens, die Teilnahme eines Staatsklugen zu gewinnen; ja selbst den Sohn seines Widersachers für sich einzunehmen. Die persönliche Tapferkeit, die den Helden auszeichnet, ist die Base auf der sein ganzes Wesen ruht, der Grund und Boden aus dem es hervorsproßt. Er kennt keine Gefahr, und verblendete sich über die größte die sich ihm nähert. Durch Feinde die uns umzingeln schlagen wir uns allenfalls durch; die Netze der Staatsklugheit sind schwerer zu durchbrechen. Das Dämonische was von beiden Seiten im Spiel ist, in welchem Konflikt das Liebenswürdige untergeht und das Gehaßte triumphiert, sodann die Aussicht, daß hieraus ein Drittes hervorgehe das dem Wunsch aller Menschen entsprechen werde. 300 Goethe hat sich in dem Protagonisten seines Dramas einen Zwilling geschaffen, ein Wesen, das seiner eigenen Vorstellung von sich selbst voll entsprach, im echtesten Sinn: ein alter ego. Der strahlende Held und Heerführer wird vom Volk vergöttert und von einem einfachen Mädchen zutiefst geliebt. Außerdem genießt er die stille Neigung der Regentin, die ihn geraume Zeit politisch gewähren läßt, ehe, gemäß dem Willen König Philipps II., die Machtbefugnisse Herzog Albas sein Schicksal besiegeln werden. Warnende Stimmen, wie die seines Sekretärs, läßt Egmont nicht gelten. Sein Dämon behält die Oberhand: Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als mutig gefaßt die Zügel zu erhalten, und bald rechts, bald links vom Steine hier, vom Sturze da die Räder weg zu lenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich kaum woher er kam. 301 Egmont identifiziert sich hier mit Phaethon, dem Sohn des Sonnengottes Helios. Phaethon fordert dem Vater die Einlösung eines der Mutter gegebenen Versprechens ab: Zum künftigen Beweis seiner Vaterschaft hatte der Gott der Menschenfrau Klymene gelobt, dem Sohn dereinst eine einzige Bitte zu gewähren. Helios ist an sein Versprechen gebunden und erfüllt widerstrebend 300 FA-5, S.-1243. 301 Egmont II, 2; FA-5, S.-493. <?page no="119"?> 119 Phaethons Wunsch, einmal die Lenkung des Sonnenwagens übernehmen zu dürfen. Der Bändigung der gewaltigen Rosse ist aber der Jüngling nicht gewachsen. Ehe sein Scheitern unabsehbares Unheil auf der Erde anrichten kann, trifft Zeus ihn mit einem Blitz, und er stürzt tot zur Erde herab. Helios, an seinen Eid gebunden, darf sich der Bitte des Sohnes nicht widersetzen und entgegen besserer Einsicht und väterlicher Zuneigung muß der Gott- - Kegel und Kugel zugleich- - ihn seinem selbstgewählten Untergang überlassen. Goethe war schon früh mit Phaethons Schicksal befaßt. Unter seinen Labores iuveniles findet sich zu dieser Mythe Goethes Übersetzung aus dem Lateinischen. 302 In späteren Jahren, 1821/ 1822, war sie ihm so wichtig, daß er die ganz wenigen überlieferten Fragmente eines Phaeton-Dramas des Euripides in einen Zusammenhang brachte und inhaltlich ergänzte, um so die Handlung des Stücks zu rekonstruieren. 303 Egmonts dämonische Natur erweist sich in seiner Identifikation mit Phaethon und in dem vollen Bewußtsein eines möglichen ähnlichen Scheiterns. Gleich Phaethon nimmt er ein gewaltiges Risiko auf sich, doch noch ehe sein Ziel, die Befreiung der Niederlande vom spanischen Joch, erreicht ist, trifft ihn, verfügt durch Herzog Alba, sein Todesurteil. Aber, anders als bei Phaethon, wird es dann gerade sein Tod sein, der seiner Idee zum Sieg verhilft. Insofern unterscheidet sich Egmonts Schicksal von dem Phaethons. (Hier merkt man den Grundsatz Goethes, nie ein vorgegebenes Paradigma gleichsinnig zu übernehmen, 304 sondern es umzukehren oder, wie zumeist, es zu überbieten. 305 ) Viele Tage hatte Goethe dem Vater gegenüber, schon auf dem Weg nach Italien, in Heidelberg auf den herzoglichen Wagen gewartet, der ihn nach Weimar bringen sollte. Eigentlich hätte er ja in Frankfurt ausharren sollen. Nun war der „Landauer,“ 306 durch äußere Verhältnisse verspätet, dort eingetroffen, und Goethe mußte, durch einen Kurier verständigt, schnell in seine Heimatstadt zurück. Die Heidelberger Gastgeberin und mütterliche Freundin, die inzwischen alle möglichen Verbindungen, auch 302 FA-12, S.-65 ff. 303 FA-12, S.-167 ff. 304 Vgl. E. H. 2011, S.-6 f. 305 E. H. 2011, S.-143. 306 Landauer, ein viersitziger Wagen. <?page no="120"?> 120 zum Karlsruher Hof, für ihn angeknüpft hatte, wollte ihn nicht ziehen lassen und brachte so viele Argumente für sein Bleiben vor, daß Goethe endlich leidenschaftlich und begeistert in die Worte Egmonts verfiel: Kind, Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Räder abzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam. Mit dem vollständig nochmals zitierten, diesmal des Dichters eigenem Leben geltenden Ausspruch Egmonts schließt die Autobiographie. Indem Goethe, notabene an so markanter Stelle, seinen Egmont auf sich bezogen zitiert, nimmt er, gleich ihm, auch Phaethons Schicksal für sich in Anspruch. 307 Man ahnt, wie ernst es ihm mit seinem vorderhand nur als Gastrolle anvisierten Besuch in Weimar wirklich war. In Wahrheit bedeutete sein Entschluß nicht eine Flucht vor Lili, sondern die innere und äußere Lösung von den Eltern. Und die war endgültig und bedeutete- - zumindestens der Mutter gegenüber- - seine schuldhafte Selbsteinschätzung als Orest. * * * Die beschriebenen Hindernisse seiner Abreise nach Weimar, zunächst das nicht plausibel erklärte, verpaßte Zusammentreffen mit dem jungen Herzog in Frankfurt, 308 dann das auch durch Vertrauensverlust qualvolle Warten auf den ausbleibenden Wagen, mit dem spottenden Vater im Hintergrund, und schließlich die unwillige Abreise Richtung Süden mit heimlichem Verweilen in Heidelberg, statt in Frankfurt auszuharren-- all dies scheint dem offenbar vorgezeichneten Lebensweg Goethes entgegengestanden zu haben, fast hätte es ihn vereitelt. Vielleicht auch daher „jener sonderbare ungeheure Spruch“: „nemo contra deum nisi deus ipse“ 309 in der Autobiographie. Er steht im zwanzigsten Buch 310 von 307 Dennoch ist selbst hier noch Ironie mit im Spiel, wo die leichte Kutsche mit dem mächtigen Sonnenwagen zusammen gedacht werden müßte. 308 DuW IV, 20; FA-14, S.-843 ff. 309 FA-14, S.-842. 310 FA-14, S.-835 ff. <?page no="121"?> 121 Dichtung und Wahrheit, ziemlich gegen Schluß. Die Herausgeber setzten ihn als Motto vor den gesamten Vierten (und letzten) Teil, der erst aus dem Nachlaß veröffentlicht wurde. Jahrzehntelang hat man die Quelle des Spruchs gesucht, aber ihn weder in der antiken Literatur, beispielsweise bei Manilius, gefunden, noch verbatim in Zincgrefs Apophthegmata, wo es auch keine präzise Äquivalenz gibt. 311 Er steht bei Goethe quasi als Teil eines Satzes, nicht, wie sonst im Falle von Zitaten, als solches gekennzeichnet, hier gibt es also keinerlei Hervorhebung durch Sperrung, Anführungszeichen, oder ‚gnomische Häkchen‘. 312 Höchstwahrscheinlich stammt er von Goethe selber. 313 Eigentlich erweist schon das Gleichnis von „Kegel und Kugel“ aus der 24. Weissagung Goethes Autorschaft als naheliegend. Dieser im Sinne des Spruches mögliche Widerspruch innerhalb der Gottheit spiegelt sich auch in dem vom Dämon regierten Menschen wieder, sei es Egmont, sei es Phaethon, der sein selbstauferlegtes Schicksal auf Gedeih und Verderb auf sich zu nehmen hat. So verkündet es auch die mit Dämon überschriebene Stanze aus Urworte. Orphisch: Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen, Nach dem Gesetz wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form die lebend sich entwickelt. 314 * * * Die geprägte Form-- darauf deuten die Weissagungen hin-- bestand bei Goethe selbst in der Duplizität der Persönlichkeit. In seinen Werken treten die beiden Hälften oft als zwei völlig eigenständige Personen auf, die mit- oder auch gegeneinander agieren. In den Weissagungen kommen sie in Dialogen zu Wort, in denen 311 Zur Diskussion siehe Momme Mommsen, Zur Frage der Herkunft des Spruches „Nemo contra deum nisi deus ipse“, Goethe-Jahrbuch 13, Weimar 1952. 312 Goethe behandelt den Spruch quasi als eigenen Text. 313 Eduard Spranger hatte auch den Verdacht, Goethe oder Riemer könnten der Autor sein. 314 FA-2, S.-501. <?page no="122"?> 122 immer einer der beiden Sprechenden durch Anführungsstriche gekennzeichnet erscheint. Gelegentlich sind sie auch, wie in der Fünften Weissagung, durch Symbole vertreten, durch „Felsen und Land“ und „Felsen und Wasser,“-- wohl beide Male der selbe Felsen: Antonio und Tasso, 315 der „Große“ und der „Größere“, deren Rang nur durch das Schicksal selbst zu entscheiden ist. Die 14. Weissagung stellt das archetypische Brüderpaar Prometheus und Epimetheus einander gegenüber, wie sie das Festspiel Pandora ein paar Jahre später bringen wird: den „Wachenden“, Tätigen und den Träumer, der nächtelang bemüht ist, die verlorene Geliebte ins Gedächtnis und damit in die Realität zurückzuholen, und der tagsüber den versäumten Schlaf nachholen muß. Dieses Paar aber hat es eigentlich schon 1777, zwanzig Jahre früher, gegeben, in Goethes „dramatischer Grille“ Der Triumph der Empfindsamkeit. Hier wird eine Werther ähnliche Figur und außerdem der Roman selber auf grausam selbstquälerische Art lächerlich gemacht, während der Antagonist gelassen und souverän die Entlarvung des anderen steuert. Und dennoch behält der empfindsame Prinz letztlich die Oberhand, wenn er in der toten Puppe und nicht in ihrem lebendigen Ebenbild seine wahre Liebe wiederfindet. Geschrieben wurde dieses Stück innerhalb eines halben Jahres nach dem Tod Cornelias im Juni 1777 und aufgeführt anläßlich des Geburtstags der Herzogin Louise im Januar 1778. Die 18. Weissagung deutet anhand mathematischer Operationen auf die Berufe der Diskutanten: Offensichtlich ist der Angesprochene ein Naturwissenschaftler, der Schritt für Schritt seine Untersuchungen geduldig beobachtend verfolgen will. Der andere, vielleicht ein Staatsmann, der die Dinge im großen überblicken und lenken möchte und dem die Einzelheiten gegenüber dem Allgemeinen nicht so wichtig sind. Keiner von beiden wird sich von seiner berufungsbedingten Methode abbringen lassen, auch wenn der stille Forscher dem Mann der Öffentlichkeit anscheinend nicht widerspricht. Und natürlich sind es beide Male Goethes eigene Positionen, die sich in den mathematischen Prozessen offenbaren. In Nr.-27 kritisiert erst der ältere Goethe die vergnügungsfrohe Jugend, bis das Pendel umschlägt und der Reife sich seiner eigenen jungen Jahre erinnert und er sich selber mittels des Clichés 315 Tassos Schlußmonolog. <?page no="123"?> 123 des närrischen Alten am Ofen brandmarkt. Er weiß, daß er immer noch beides sein kann, trotz seiner Jahre, der ausgewogene Staatsmann und der junge Mann, der sich hüten muß, seinen Werther nach Jahrzehnten wieder zu lesen, weil da immer noch lauter „Brandraketen“ drin steckten. Und nochmals Selbstkritik in der vorletzten Weissagung, diesmal anhand von Symbolen, dem Kompaß und der Windfahne. Hier wird der tiefe Ernst einer unbeirrbaren Grundhaltung, die sich immer gleich bleibt, konfrontiert mit Alltagsbegegnungen und -begebnissen, die ständig neu und immer wechselnd auf den Mann der Öffentlichkeit zukommen und geziemend bewältigt sein wollen. So manches Mißverständnis mag aus ihnen entstanden sein, als Fehlverhalten und Schuldeingeständnis, nun in diesem verschlüsselten Vermächtnis festgehalten, in Kontrast zu Verantwortung, Pflichterfüllung und Treue eines ganzen Lebens. Platon hat den Philosophen Parmenides in seiner Eigenständigkeit in den Dialog eingebracht und sozusagen mit seiner eigenen Autorität beglaubigt. In dieser Gestalt übernimmt ihn nun Goethe: Die Gottheit in ihrer unangreifbaren Einheit wird für alle Ewigkeit erkannt und zugleich in ihr als ebenso präsent in ihren unendlich vielen Teilen erfaßbar gemacht. Danach aber erscheint der der Gottheit ebenbildlich erschaffene Mensch als Weiterbildner, bzw. im Glücksfall, als Vollender der Naturwerke Gottes durch Kunst in ihrer höchsten Form. * * * Es gibt eine nicht in Distichen, sondern in Hexametern-- entsprechend dem Roman-Genre von Die Burg von Otranto im Versmaß der Epik- - verfaßte und untertitelte „Fortsetzungs Weissagung“. Schon 1798/ 99 entstanden, wurde sie jedoch erst 1832 aus dem Nachlaß veröffentlicht. Unter dem genannten Titel veröffentlichte Goethe diesen nachträglichen Zusatz zu dem Epigramm-Zyklus: Sind die Zimmer sämtlich besetzt der Burg von Otranto Kommt, voll innigen Grimms, der erste Riesenbesitzer Stückweis an und verdrängt die neuen falschen Bewohner Wehe! den Fliehenden. Weh! den Bleibenden, also geschieht es. 316 316 FA-II, S.-838. <?page no="124"?> 124 Anlaß zu diesen Versen gab ein Roman, der zunächst als aufgefundener mittelalterlicher Text veröffentlicht wurde und so viel Erfolg hatte, daß sein Autor Horace Walpole sich zu der Gespenstergeschichte bekannte und damit das ganze Genre des später weit verbreiteten Schauerromans („Gothic Novel“) auslöste. Die Burg von Otranto erschien 1764, die von Goethe benutzte deutsche Übersetzung von Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer wurde 1794 veröffentlicht. 317 In Goethes Tagebuch ist die Lektüre unter dem 19., 21. und 23. November 1798 vermerkt. Manfred, ein ziemlich gewaltsamer Ritter, hat sich zur Zeit der Kreuzzüge des Erbes eines anderen Geschlechts bemächtigt. Ihm steht eine heiligmäßige Ehefrau zur Seite. Aus dieser Ehe erwuchsen zwei Kinder, Roland und Mathilde. Im Laufe der Erzählung erscheint zunächst ein riesiger Helm vom Denkmal des ursprünglichen Besitzers der Burg und tötet den Jüngling am Tag der geplanten Hochzeit mit Isabelle, einer Nachfahrin des rechtmäßigen Geschlechtes. Ihr geplanter Schwiegervater Manfred will sich nun gewaltsam der jungen Frau bemächtigen, der aber die Flucht über einen Geheimgang gelingt. Im Verlauf der Handlung wird dann die Burg von eindringenden Kämpfern besetzt, nach und nach erscheinen Teile eines riesigen Körpers, eine Hand, ein Ellenbogen, und bringen die Bewohner in Aufruhr. Der schlichte, fromme Burgkaplan entpuppt sich schließlich als Abkömmling des legitimen Burgherrn. Dazu gibt ein lange im Boden vergrabenes riesiges Schwert genauen Nachweis. Der Sohn des Kaplans, Theodor, kann mit Hilfe der zarten Liebe von Manfreds Tochter Mathilde das Schloß in seinen, als des rechtmäßigen Erben, Besitz zurückerobern, Manfred vertreiben, einheimische und fremde Insassen in die Flucht schlagen und sich in Liebe mit Mathilde verbinden. Damit sind Rechtmäßigkeit und Gerechtigkeit in der Burg wieder hergestellt. Goethe nimmt die Burg von Otranto als Symbol für das Gebäude seiner Weissagungen. Jahre später wird er in einer künftigen Welt als Revenant und legitimer „Riesenbesitzer“ „stückweis“- - Weissagung für Weissagung- - ankommen. Denn er selber ist es, dem die einzelnen Distichen allein zugehören. Fremde Gestalten oder Deutungen werden beseitigt. Er selbst tritt hier nochmals machtvoll auf und wieder in seiner Form der Duplizität: diesmal 317 Horace Walpole, Die Burg von Otranto, Nachdruck nach der 2. deutschen Übersetzung, Zürich 1988. <?page no="125"?> 125 und endgültig als monumentaler Geist und wie der riesenhafte Ahnherr im Roman, begleitet von dem legitimen Erben, der ja auch wieder Goethe ist-- neu verjüngt für die Nachwelt. 318 318 Goethe, abgeleitet von ursprünglich „Gottfried“ als Zuname. Vgl. Hans Bahlow, Deutsches Namen-Lexikon, Hamburg 1980. S.-181. <?page no="126"?> 126 Literatur über die Weissagungen Zu Goethes Zyklus Weissagungen des Bakis werden heutzutage nur wenige Schriften beachtet: Bei der ältesten aus dem Jahre 1886 handelt es sich um einen amerikanischen Nachdruck von Hermann Baumgart, Goethes Weissagungen des Bakis und die Novelle: zwei symbolische Bekenntnisse des Dichters, Halle a. S. 1886. Baumgart zeichnet Goethe darin als deutschen Nationalisten, was dieser nie war, auch nicht in Zusammenhang mit der Novelle. Zum zweiten wäre Max Morris zu nennen, der im 2. Band seiner Goethe-Studien, Berlin 1902, die Erklärung der Weissagungen auf Goethes im Tagebuch vermerkte Lektüre bezieht, was eigentlich nur in einem Fall (Weissagung 28) teilweise paßt, während manchmal ein bedeutender Gesichtspunkt zugunsten eines weitaus weniger wichtigen übersehen wird. (Vgl. Weissagung 8, S.-47 f.) Die chronologisch nächste bedeutsame Schrift stammt von Wilfried Buch, nur als Typoskript veröffentlichten Dissertation, Berlin 1957. In seiner Einleitung hält Buch fest: [Es] ist bereits jetzt darauf hinzuweisen, daß wir uns jenem angestrebten Ziel einer Sinnerhellung der bis heute dunklen WdB nur annähern können. Da Goethe den Schlüssel des Geheimnisses mit sich genommen hat <sic. Vergl. Weissagung 15>, sind grundsätzlich keine endgültigen, sondern im besten Falle wahrscheinliche Lösungen möglich. Bei der vierten Schrift handelt es sich um die Studie von Dorothea Hölscher-Lohmeyer, Die Einheit von Naturwissenschaft und poetischer Aussage bei Goethe. Anmerkungen zu seinem Gedichtzyklus‚ Die Weissagungen des Bakis’, Marburger Forum, Beiträge zur geistigen Gegenwart, Jg.-4 (2003), Heft 1. Darin wird ein Überblick über frühere, aus dem 19.-Jh. stammende (und auch nicht plausible) Deutungen gegeben sowie die Gestalt des Bakis und sein Zusammenhang mit Goethe dargestellt. (Vgl. S.- 114 Anm. 293). Hölscher-Lohmeyer sieht im Zyklus einerseits Beziehungen zu Goethes Naturwissenschaft und andererseits „Embleme“, d. h. bildliche Darstellungen mit Sprüchen, zu denen jedoch erstere hier fehlen. <?page no="127"?> 127 Literaturverzeichnis Goethe-Ausgaben Weimarer Ausgabe (WA), Goethes Werke, hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt I-IV, Bde. in 143 Tl.-Bdn. Weimar 1887-1919. Repr. München 1987. Ergänzt durch 3- Nachtragsbde. zu Abt. IV, Briefe, hrsg. von Paul Raabe, München 1990. Frankfurter Ausgabe (FA), Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche in vierzig Bdn., hrsg. u. a. von Hendrik Birus, Dieter Borchmeyer, Karl Eibl, Wolf von Engelhardt, Albrecht Schöne, Rose Unterberger, Frankfurt a. M. 1987-2007. Hamburger Ausgabe (HA), Briefe, durchges. und mit Anmerkungen versehen von Karl Robert Mandelkow, 4 Bde., Hamburg 1962-1967. Münchner Ausgabe (MA), Sämtliche Werke, nach Epochen seines Schaffens, 20 Bde., hrsg, von Karl Richter et al., München 1985-1999. Benutzte Primär- und Sekundärliteratur Aelius Spartianus, Historia Augusta, De vita Hadriani. Aischylos, Orestie. Dramen-Trilogie: Agamemnon, Totenspende, Eumeniden, Deutsch von Emil Staiger, Stuttgart 1958. Alighieri, Dante, Die Göttliche Komödie, übersetzt von Karl Witte, Berlin 1921. Alighieri, Dante, La Vita Nova, Das neue Leben, Deutsch von Else Thamm, Tempel Verlag, Leipzig (o. J.). Anderegg, Johannes und Edith Anna Kunz, Hrsg., Goethe und die Bibel, Stuttgart 2005. Augustinus, Confessiones/ Bekenntnisse, Stuttgart 2012. Aurelius Victor, Epitome 14, teilweise zitiert nach Ferdinand Gregorovius, Der Kaiser Hadrian, zweite neugeschriebene Aufl. Stuttgart 1884; Facsimile-Nachdruck bei Elibron Classics. Baumgart, Hermann, Goethes Weissagungen des Bakis und Novelle: zwei symbolische Bekenntnisse des Dichters, Halle a. S. 1886. (Nachdruck USA, o. Jz.) <?page no="128"?> 128 Benz, Ernst, Die Reinkarnationslehre in Dichtung und Philosophie der deutschen Klassik und Romantik, in Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Bd. 9, Nr. 2, 1957. Beyer, Andreas und Norbert Miller, Hrsg., Italienische Reise, Korrespondenz, Münchner Ausg., Bd. 15, Wien 1992. Bollacher, Martin, Der junge Goethe und Spinoza, Tübingen 1969. Borchmeyer, Dieter, Goethe. Der Zeitbürger, München 1990. Borchmeyer, Dieter, Weimarer Klassik, Weinheim 1994. Buch, Wilfried, Goethes Weissagungen des Bakis, Inaugural-Dissertation, Berlin 1957. Curtius, Ernst Robert, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, 11. Aufl., Tübingen und Basel 1993. Eckermann, Johann Peter, Gespräche mit Goethe, Zürich 1976. Eibl, Karl, Der junge Goethe in seiner Zeit, Frankfurt a. M. und Leipzig 1998. Euripides, Iphigenie in Aulis, in Sämtl. Tragödien, nach der Übersetzung von J. J. Donner, bearb. von Richard Kannicht, Stuttgart 1958. Falk, Johannes Daniel, Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt, Leipzig 1832. Neu hrsg. mit einer Einführung von Gerhard Heufert, Weimarer Texte, Weimar 2010. Gräf, Hans Gerhard, Goethe über seine Dichtungen, Bd.- III, Die lyrischen Dichtungen, 1. Band, Frankfurt 1912. Gräf, Hans Gerhard und Albert Leitzmann (Hrsg.) Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Frankfurt a. M.- - Wien- - Zürich 1964. Gregorovius, Ferdinand, Der Kaiser Hadrian. Gemälde der römischhellenischen Welt zu seiner Zeit, Stuttgart 1884, zweite Auflage. Vgl. auch: Elibron Classics Replica Edition, unabridged facsimile, Adamant Media Corporation 2006. Grumach, Ernst und Renate, Goethe, Begegnungen und Gespräche, Gespräch mit Falk, 1803. Berlin und New York 1965 und 1999. Hein, Karsten, Ottilie von Goethe (1796-1872) Biographie und literarische Beziehungen der Schwiegertochter Goethes, Frankfurt a. M. 2001. Herodot, VIII, 20 und VIII, 77. Hilgers, Klaudia, Entelechie, Monade und Metamorphose. Formen der Vervollkommnung im Werk Goethes, München 2002. Hoffmann, Eva (E. H.), Goethe aus Goethe gedeutet, Tübingen 2011. Hollstein, Heinrich, Ein Gedicht Hadrians in: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge, Bd. 71 (1916). <?page no="129"?> 129 Hölscher-Lohmeyer, Dorothea, Die Einheit von Naturwissenschaft und poetischer Aussage bei Goethe. Anmerkungen zu seinem Gedichtzyklus, Die Weissagungen des Bakis’, Marburger Forum, Beiträge zur geistigen Gegenwart, Jg.-44 (2003). Heft 1. Horaz, Glanz der Bescheidenheit, Oden und Epoden, lateinisch und deutsch. Übersetzt von Christian Friedrich Karl Herzlieb und Johann Peter Uz. Eingeleitet und bearbeitet von Walther Killy und Ernst A. Schmidt, Düsseldorf und Zürich 2000. Kant, Immanuel, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, in: Werke in zehn Bdn., hrsg. von Wilhelm Weischedel, Sonderausgabe, (Wiss. Buchges.) Bd. 9, erster Teil, Darmstadt 1981. Kerner, Justinus, Die Seherin von Prevorst, Stuttgart 1829. Klopstock, Friedrich Gottlieb, Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von Horst Gronemeyer et al., Berlin und New York 2010. Malter, Rudolf, Nachwort, Abschnitt IV, in Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, hrsg. von Rudolf Malter, Stuttgart 2008. Manilius, Marcus, Astronomica/ Astrologie, Lateinisch/ Deutsch, übersetzt und hrsg. von Wolfgang Fels, Stuttgart 2008. Mommsen, Momme, Zur Frage der Herkunft des Spruches „Nemo contra deum nisi deus ipse“, Goethe-Jahrbuch 13, Weimar 1952. Morris, Max, Die Weissagungen des Bakis, in Goethe-Studien. Erster und Zweiter Band, zweite erweiterte Aufl., Berlin 1902. Müller, Friedrich von, Kanzler, Unterhaltungen mit Goethe. München 1982. Ovid, Metamorphosen. In deutsche Hexameter, übertragen und hrsg. von Erich Rösch, Artemis Verl., München und Zürich 1990. Pieper, Josef, Über das Schweigen Goethes, München 1962. Platon, Parmenides, Griechisch/ Deutsch, neu übersetzt und hrsg. von Ekkehard Martens, Stuttgart 2007. Praetorius, Johannes, Anthropodemus plutonicus, das ist eine neue Weltbeschreibung von allerlei wunderbaren Menschen, Magdeburg 1666. Prévost d’Exiles, Abbé, Antoine-François, Manon Lescaut, Originaltitel: Histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut; Übersetzung und Nachwort von Ernst Sander, Stuttgart 1999. Riemer, Friedrich Wilhelm, Mitteilungen über Goethe, auf Grund der Ausgabe von 1841 und des handschriftlichen Nachlasses, hrsg. von Arthur Pollmer, Leipzig 1921. Safranski, Rüdiger, Goethe, Kunstwerk des Lebens, München 2013. Schlegel, Friedrich, Versuch über den Begriff des Republikanismus, veranlaßt durch die Kantische Schrift zum ewigen Frieden. <?page no="130"?> 130 (1796) Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Erste Abteilung: Kritische Neuausgabe, Band 7, München, Paderborn, Wien 1966. Scholz, Wilhelm von, Hrsg., Goethe, Briefe an Frau von Stein, Deutsche-Buch-Gemeinschaft, Berlin (ohne Datum). Schöne, Albrecht, Kommentar zu Faust II, FA-7/ 2, Frankfurt a. M. 1994. Schreiner, Klaus, Die Staufer in Sage, Legende und Prophetie, in Die Zeit der Staufer, Geschichte-- Kunst-- Kultur. Katalog der Ausstellung. Bd. III: Aufsätze, Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart 1977. Schröder, Jürgen, Deutschland als Gedicht. Über berühmte und berüchtigte Gedichte aus fünf Jahrhunderten in fünfzehn Lektionen,-Freiburg im Breisgau 2000. Schulz, Otto Theodor, Leben des Kaisers Hadrian, Quellenanalysen und historische Untersuchungen, Treubner in Leipzig 1904. Schweizer, Claudia, Johann Wolfgang Goethe und Kaspar Maria von Sternberg, Wien 2004. Seibt, Gustav, Goethe und Napoleon, Eine historische Begegnung, München 2008. Spranger, Eduard, Goethe seine geistige Welt, Einmalige Sonderausgabe, Band 150 in der Reihe „Die Bücher der Neunzehn“, Tübingen 1967. Staiger, Emil, Hrsg.,Goethes Gedichte in drei Bänden, Zürich 1949. Unterberger, Rose, Goethe-Chronik, Frankfurt a. M. und Leipzig 2002. Vogel, Friedrich, Hrsg. und Lithograph, aus Das Leben Napoleons dargestellt in lithographirten Bildern nach den vorzüglichsten Original Gemälden der Französischen Schule mit Text nach dem Französischen in 3 Bdn., 2. Bd., Frankfurt a. M. 1830. Walpole, Horace, Die Burg von Otranto, zeitgenössische Übertragung aus dem Englischen, von Ludwig Wilhelm Meyer, Zürich 1988. Wieland, Christoph Martin, Übersetzung, die Ritter von Aristophanes, in Attisches Museum, 1, 2, 1798. Zelter, Karl Friedrich, Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, 1799- 1832, hrsg. von Max Hecker in drei Bdn., Frankfurt a. M. 1987. <?page no="131"?> 131 Benutzte Nachschlagewerke Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, in 5 Bdn., auf Grundlage von Paulys Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter, bearbeitet und hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, Bd. 5 auch von Hans Gärtner, München 1979. Grimm, Jacob und Wilhelm, Deutsches Wörterbuch (DWb), München 1984. Hederich, Benjamin, Gründliches Mythologisches Lexikon, Leipzig 1724, 2. Aufl., hrsg. von Johann Joachim Schwaben, Leipzig 1770, reprographischer Nachdruck, Darmstadt 1986. Wilpert, Gero von, Goethe-Lexikon, Stuttgart 1998. Wilpert, Gero von, Sachwörterbuch der Literatur, 7. Aufl., Stuttgart 1989. <?page no="133"?> 133 Personenverzeichnis Eckermann, Johann Peter (1792-1845) 27, 36, 47, 82, 88, 98, 99 Egmont 117, 118, 119, 120, 121 Elektra 86 Erinyen („Eumeniden“) 21, 25 Euripides (um 480-406) 18, 119 Falk Johannes Daniel (1768- 1826) 71, 74, 75, 76, 98 Faust 15, 23, 24, 45, 46, 47, 80, 81, 84, 97 Fichte, Johann Gottlieb (1762- 1814) 48 Florus (dichtender Zeitgenosse Hadrians) 38, 39 Franklin, Benjamin (1706- 1790) 100 Goethe, geb. Textor, Catharina Elisabeth (Goethes Mutter, 1731-1808) 21, 60 Goethe, verh. Schlosser, Cornelia Friederike Christiane (Goethes Schwester, 1750-1777) 21, 64, 65, 83, 88, 122 Hadrian (P. Aelius Hadrianus (röm. Kaiser, 76-138) 37, 38, 39, 41, 42, 43, 89, 116 Heraklit von Ephesos (um 520-460) 109 Herder, Johann Gottfried (1744-1803) 42, 70, 92 Herodot von Halikarnassos (um 480-424) 114, 115 Agamemnon 18, 19, 20, 21, 28, 86 Aischylos (525-456) 19, 24, 28, 86, 116 Alighieri, Dante (1265-1321) 22, 23, 25 Antigone 47 Antonio (Gestalt aus Goethes Tasso) 34, 35, 36, 122 Aristophanes (um 450-380) 114 Artemis 18, 20, 25 Athene 24 Augustinus (354-430) 44, 68 Bakis 9, 11, 15, 16, 17, 18, 21, 26, 30, 66, 84, 85, 102, 114, 126 Barbarossa, Friedrich (1122- 190) 40 Beatrice, Portinari (1266-1290) 22 Cagliostro, Alessandro (1743- 1795) 54 Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828) 48, 58, 61, 62, 63 Cenerentola (Aschenbrödel, it. Fassung) 49, 50 Ceres 40 Darwin, Charles (1809-1882) 76 Darwin, Erasmus (engl. Dichter und Naturwissenschaftler, 1731-1802) 99, 101, 102 <?page no="134"?> 134 Hippokrates von Kos (um 460-370) 27 Homer (8. Jh. v. Chr.) 15, 63, 112 Horaz (65-8) 30, 31, 32, 33, 37, 57, 58, 68 Humboldt, Wilhelm von (1767- 1835) 21, 22, 48 Iken, Carl Jakob Ludwig (1789- 1841) 26 Iphigenie 18, 20, 21, 25, 116 Jupiter 52, 53, 54, 95, 100 Kalchas (myth. gr. Seher) 18, 20 Kant, Immanuel (1724-1804) 48, 49, 70 Kassandra 18, 19, 20 Kerner, Justinus (1786-1862) 60 Klopstock, Friedrich Gottlieb (1724-1803) 54, 56 Klytaimestra 19, 20 Krüger, Karl-Friedrich (1765- 1828) (Schauspieler) 25 Lessing, Gotthold Ephraim (1729-1781) 70 Manon Lescaut (lit. Figur) 81, 82 Marie Antoinette (1755-1793) 54 Morris, Max (1859-1918) 48, 83, 97, 99, 126 Müller, Friedrich von, Kanzler (1779-1849) 60, 62 Napoleon Bonaparte (1769- 1821) 56, 57, 66, 93 Orest 20, 21, 24, 25, 28, 86, 116, 120 Origenes (Theologe, 185-254) 23, 68 Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.) 52, 53, 54 Pandora 59, 65, 122 Parmenides aus Elea (um 520/ 515-460/ 455) 109, 123 Phaethon 118, 119, 120, 121 Pius VI. (Giovanni Graf Braschi, 1717-1799) 93 Platon (um 428-348) 32, 43, 70, 109, 111, 123 Prévost d’Exiles, Abbé Antoine- François (1699-1763) 81 Prometheus und Epimetheus 59, 61, 95, 122 Proserpina 40 Proteus 97 Prudentius, Aurelius C. (348- 405) 43 Pylades 86, 116 Riemer, Friedrich Wilhelm (1774-1845) 15, 37, 84, 121 Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph (1775-1854) 70 Schiller, Friedrich, (1759-1805) 48, 53, 83, 84, 86, 88, 92, 97, 99, 101, 108, 115, 116, 117 Schlegel, August Wilhelm von (1767-1845) 15 Schlegel, Karl Wilhelm Friedrich von (1772-1829) 48 Schlosser, Johann Georg (1739-1799) 21, 70, 87 Sokrates (469-399) 32, 109 Sophokles (496-406) 47 Spinoza, Benedict de (1632- 1677) 111 Stein, Charlotte von (1742- 1827) 41, 42, 61, 63, 64, 70, 87 Swedenborg, Emanuel (1688- 1772) 42 Tasso Torquato (1544-1595) 28, 34, 35, 36, 122 <?page no="135"?> 135 Teiresias (Seher) 63 Textor, Johann Wolfgang (Goethes Großvater, 1693- 1771) 59 Vergil (70-19) 22, 57, 58, 63 Walpole, Horace (1717-1797) 124 Werther (Erstauflage 1774) 52, 58, 83, 88, 98, 122, 123 Wieland, Chistoph Martin (1733-1813) 42, 70, 71, 73, 74, 104, 114 Zelter, Friedrich Wilhelm (1758-1832) 15, 75 <?page no="136"?> Narr Francke Attempto Verlag GmbH+Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen Tel. +49 (07071) 9797-0 • Fax +49 (07071) 97 97-11 info@francke.de • www.francke.de Eva Hoffmann Goethe aus Goethe gedeutet 2., durchgesehene Auflage 2011 geb. €[D] 98,00 ISBN 978-3-7720-8413-3 „Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Rätsel zu lösen...“ Goethe Es gibt in Goethes Leben ein Zentrum, das den Großteil seiner Dichtung durchstrahlt: die starke Bindung an eine Frau. Ihr Tod stürzte ihn in jungen Jahren in Verzweiflung und Schuldgefühle, bis er endlich Beruhigung fand in ihrer lebenslangen Feier und, wie er gewiß war, in von ihr empfangenen Zeichen. Sein eigener Unsterblichkeitsglaube fand Bestätigung, indem er „Sie“ - Neuplatoniker, der er war - als einen Abglanz göttlicher Wahrheit erlebte. Dies behielt er für sich. Da er sich als Glied einer Reihe „wiederholter Spiegelungen“ in Einklang wußte mit Dichtern der Vergangenheit, mit Dante, Petrarca oder Hafis und ihren ähnlichen Geschicken, offenbarte er sich im Sinne des von ihm gerühmten Analogiedenkens. Zudem gab er vielfältige Hinweise auf Geheimes, größere und kleinere „Schlüssel“, „das Rätsel zu lösen“. Solch ein Schlüssel, die Dichtung Trilogie der Leidenschaft, öffnet Wege rückwärts und vorwärts durch das Werk. 6 Seiten 08 , <?page no="137"?> In den Wirren der napoleonischen Kriege um 1800 schlüpft Goethe in das Gewand des weisen Sehers Bakis, um in der Form verschlüsselter Weissagungen Zeitgenossen und künftige Leser anzuregen, über Gegenwartsprobleme sowie allgemeine Fragen des Lebens nachzudenken. Diese Texte in einem Zyklus von 32 Doppeldistichen geben bis heute Rätsel auf. Mit literarischem Spürsinn werden erstmals - konsequent aus Goethe und aus seinem Leben - alle Distichen erschlossen und so Wege zur Gesamtdeutung des Zyklus eröffnet. Eva Hoffmann Die Weissagungen des Bakis aus Goethe enträtselt Eva Hoffmann Die Weissagungen des Bakis aus Goethe enträtselt „Schlüssel liegen im Buche zerstreut ...“