Geschichte der USA
1026
2020
978-3-8385-5399-3
978-3-8252-5399-8
UTB
Christof Mauch
Anke Ortlepp
Jürgen Heideking
Die Neuauflage des Klassikers zur Geschichte der Vereinigten Staaten bietet einen Überblick der Ereignisse und Entwicklungen bis ins Jahr 2020. Sozial- und kulturgeschichtliche Themen treten neben die Darstellung von Politik, Wirtschaft und Verfassung vor dem Hintergrund einer weltpolitischen Lage, die sich in den letzten 20 Jahren entscheidend verändert hat und zu einer Neubewertung der Rolle der USA als Weltmacht Anlass gibt. Besondere Beachtung finden die Rassenproblematik, ethnische, religiöse und Umweltfragen, Einwanderung sowie die Rolle der Frauen und die deutschamerikanischen Beziehungen. Die Fülle von Fakten und Analysen verbindet der Band mit den Mitteln narrativer Geschichtsschreibung zu einer differenzierten, gut lesbaren Darstellung auf aktuellem Forschungsstand. Die neue kommentierte Bibliographie diskutiert Standardwerke wie auch aktuelle Literatur.
9783838553993/Zusatzmaterial.html
<?page no="0"?> Christof Mauch | Anke Ortlepp Jürgen Heideking Geschichte der USA Geschichte der USA 7. A. Mauch | Ortlepp Heideking Die Neuauflage des Klassikers zur Geschichte der Vereinigten Staaten bietet einen Überblick der Ereignisse und Entwicklungen bis ins Jahr 2020. Sozial- und kulturgeschichtliche Themen treten neben die Darstellung von Politik, Wirtschaft und Verfassung vor dem Hintergrund einer weltpolitischen Lage, die sich in den letzten 20 Jahren entscheidend verändert hat und zu einer Neubewertung der Rolle der USA als Weltmacht Anlass gibt. Besondere Beachtung finden die Rassenproblematik, ethnische, religiöse und Umweltfragen, Einwanderung sowie die Rolle der Frauen und die deutschamerikanischen Beziehungen. Die Fülle von Fakten und Analysen verbindet der Band mit den Mitteln narrativer Geschichtsschreibung zu einer differenzierten, gut lesbaren Darstellung auf aktuellem Forschungsstand. Die neue kommentierte Bibliographie diskutiert Standardwerke wie auch aktuelle Literatur. Geschichte ,! 7ID8C5-cfdjji! ISBN 978-3-8252-5399-8 Dies ist ein utb-Band aus dem Narr Francke Attempto Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehrbücher und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb-shop.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel 7. Auflage Mit umfangreichem Online Material 53998 Heideking_L-geb-1983.indd 1 53998 Heideking_L-geb-1983.indd 1 29.09.20 16: 28 29.09.20 16: 28 <?page no="1"?> Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Böhlau Verlag · Wien · Köln · Weimar Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Wilhelm Fink · Paderborn Narr Francke Attempto Verlag / expert verlag · Tübingen Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Ernst Reinhardt Verlag · München Ferdinand Schöningh · Paderborn transcript Verlag · Bielefeld Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart UVK Verlag · München Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld utb 1938 <?page no="2"?> Prof. Dr. Christof Mauch leitet die Abteilung für Amerikanische Kulturgeschichte und ist Direktor des Rachel Carson Center for Environment and Society an der LMU München. Prof. Dr. Anke Ortlepp ist Professorin für Nordamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln. Prof. Dr. Jürgen Heideking war Professor für Angloamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln. Mit umfangreichem Zusatzmaterial unter https: / / www.utb-shop.de/ geschichte-der-usa-11176.html <?page no="3"?> Christof Mauch / Anke Ortlepp / Jürgen Heideking Geschichte der USA 7., aktualisierte und ergänzte Auflage Narr Francke Attempto Verlag · Tübingen <?page no="4"?> 7., aktualisierte und ergänzte Auflage 2020 6., überarbeitete und erweiterte Auflage 2008 1. Auflage 1996 © 2020 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart Satz: pagina GmbH, Tübingen CPI books GmbH, Leck utb-Nr. 1938 ISBN 978-3-8252-5399-8 (Print) ISBN 978-3-8385-5399-3 (ePDF) ISBN 978-3-8463-5399-8 (ePub) Umschlagabbildung: Freiheitsstatue. New York Wahrzeichen und Symbol der Freiheit und der Demokratie. (© Robert Voigt, shutterstock.com, 2016) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. www.fsc.org MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC ® C083411 ® www.fsc.org MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC ® C083411 ® <?page no="5"?> 15 1 15 2 21 21 23 26 30 3 32 33 33 35 36 41 1 41 42 44 45 46 2 48 49 51 3 58 4 62 63 65 68 74 5 76 76 78 80 Inhalt Kapitel 1: Kolonien und Empire . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Zusammenprall dreier Kulturen am Rande der atlantischen Welt Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Süden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Neuengland-Kolonien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Mittelatlantik-Kolonien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Küste und Hinterland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kolonien im Empire-Verband . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Salutary neglect und imperiale Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeinsame englische Institutionen und Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kolonien im englischen Merkantilsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kriege für das Empire . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die imperiale Debatte, 1763-1774 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Stamp Act-Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Townshend-Zölle, „Boston Massacre“ und Bostoner „Tea Party“ . . . Der Erste Kontinentalkongress . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die ideologischen Ursprünge der Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung . . . . . Der Kontinentalkongress erklärt die Unabhängigkeit . . . . . . . . . . . . Staatenverfassungen, Grundrechteerklärungen und Articles of Confederation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unabhängigkeitskrieg, Bündnisdiplomatie und Pariser Friedensschluss, 1775-1783 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die „kritische Periode“, 1783-1787 / 88 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Egalitäre Tendenzen und Krise der Autorität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Schwäche des Konföderationskongresses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Verfassungskonvent von Philadelphia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ratifizierungsdebatte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Federalists an der Macht, 1789-1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hamiltons Finanz- und Wirtschaftsprogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rückwirkungen der Französischen Revolution . . . . . . . . . . . . . . Der Jay Treaty mit England . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 81 83 84 6 85 85 88 89 92 97 1 98 98 100 102 2 104 104 106 108 111 117 3 121 121 122 123 126 128 129 4 132 132 133 134 137 138 139 Washingtons Farewell Address . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . John Adams und der Quasi-Krieg mit Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . Die „Revolution von 1800“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801-1814 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Niedergang der Federalists und das Ideal der agrarischen Republik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Louisiana Purchase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der „zweite Unabhängigkeitskrieg“ gegen England . . . . . . . . . . . . . . Die USA am Ende der Revolutionsepoche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Era of Good Feeling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grenzregelungen und Monroe-Doktrin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Missouri-Kompromiss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Landpolitik, Finanzkrise und Fraktionsbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . Die „Marktrevolution“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bevölkerungswachstum und Binnenwanderung . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausbau der Infrastruktur und Anpassung des Rechtssystems . . . . . . Landwirtschaft und frühe Industrialisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialer Wandel und Reformbewegungen im Norden . . . . . . . . . . . . Die Sonderkultur des Südens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Übergang zur Parteiendemokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Parteienverständnis im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Anfänge der Jacksonian Democracy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jacksons Indianerpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nullifikationskrise und „Bankkrieg“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Whigs als neue Oppositionspartei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das zweite nationale Parteiensystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Territoriale Expansion und Sklavereiproblematik . . . . . . . . . . . . . . . . Manifest Destiny . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Texas und Oregon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die USA und die Revolutionen in Europa, 1848 / 49 . . . . . . . . . . . . . . Der Sklaverei-Kompromiss von 1850 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Kansas-Nebraska-Gesetz von 1854 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 6 <?page no="7"?> 141 1 142 142 143 144 146 2 149 149 150 151 153 154 3 156 156 159 161 162 4 164 164 166 167 170 5 173 173 175 179 6 182 182 185 188 189 193 197 1 197 197 Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den Bürgerkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Umgestaltung der Parteienlandschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das „blutende Kansas“ und das Dred Scott-Urteil . . . . . . . . . . . . . . . . Die Lincoln-Douglas-Debatten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lincolns Wahl und der Weg in den Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861-1865 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das militärische Patt, 1861-1863 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seekrieg und Außenpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lincolns Emanzipationserklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gettysburg und Vicksburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Niederlage der Konföderation und die Ermordung Lincolns . . . Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten Afroamerikaner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die „präsidentielle Rekonstruktion“, 1865-1867 . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Phase der radikalen Rekonstruktion, 1867-1872 . . . . . . . . . . . . . Die weiße Gegenoffensive im Süden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Ende der Rekonstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Erschließung und Transformation des amerikanischen Westens Frederick J. Turners Frontier-These . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der transkontinentale Eisenbahnbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der aride Westen und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen . Die Verdrängung der Indianer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht . . . . . . . . . . . . Besonderheiten der amerikanischen Industrialisierung . . . . . . . . . . . Die Bedingungsfaktoren der wirtschaftlichen Expansion . . . . . . . . . Konzentration und Konsolidierung der Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age . . . . . . . . . . . . . . . . Parteimaschinen und „congressional government“ . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Ausgrenzung und rechtliche Diskriminierung der Afroamerikaner in den Südstaaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frauen im öffentlichen Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gewerkschaften und Arbeiterbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rebellion der Populisten und die Wahlen von 1896 . . . . . . . . . . . Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Eintritt der USA in die Weltpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundlagen und Motive einer amerikanischen Großmachtpolitik . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 203 206 2 211 211 213 215 217 3 223 223 226 230 233 235 1 235 235 240 246 2 251 251 255 257 261 262 263 3 266 266 268 273 278 284 287 1 288 288 290 Der spanisch-amerikanische Krieg von 1898 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schwerpunkte der amerikanischen Außenpolitik bis zum Ersten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten . Triebkräfte und Charakter der „progressiven Bewegung“ . . . . . . . . . Reformanliegen und Reformerfolge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nationale Politik in der Reformära . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grenzen und Widersprüche der Reformbewegung . . . . . . . . . . . . . . . Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Weg in den Krieg, 1914-1917 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Vereinigten Staaten als Krieg führende Macht, 1917 / 18 . . . . . . . Der Versailler Friede und seine Rückwirkungen in den USA . . . . . . Die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 . . . Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prosperität, Konsumkultur und gesellschaftliche Freiräume . . . . . . . Antimodernismus, kulturelle Konflikte und sozialer Protest . . . . . . . Der selektive Unilateralismus der amerikanischen Außenpolitik in den 1920er Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ursachen und Verlauf der Großen Depression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wahlen von 1932 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der „erste“ New Deal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Opposition gegen den New Deal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der „zweite“ New Deal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Streit um den Supreme Court und die Bewertung des New Deal Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Isolationismus und Neutralität, 1933-1938 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Weg in den Krieg, 1938-1941 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Krieg an der „Heimatfront“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Politik und Kriegführung, 1942-1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ergebnisse des Krieges aus amerikanischer Sicht . . . . . . . . . . . . Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 . . . . . . . Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946-1953 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erklärungsmodelle für die Entstehung des Ost-West-Konflikts . . . . Besatzung und Rekonstruktion in Deutschland und Japan . . . . . . . . Inhalt 8 <?page no="9"?> 297 300 2 304 304 307 313 314 316 318 3 319 319 322 324 326 327 331 337 341 1 342 342 346 351 355 2 360 360 360 362 3 364 364 365 367 Die Neuordnung der Exekutive und der Aufbau des amerikanischen Bündnissystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . NSC 68 und der Korea-Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953-1960 . . . . . . . Der McCarthyismus und das Problem der Bürgerrechte . . . . . . . . . . Leistungen und Widersprüche der Wohlstandsgesellschaft . . . . . . . . Politische Kontinuität und Immobilismus in den 1950er Jahren . . . . Die Außenpolitik der Eisenhower-Administration . . . . . . . . . . . . . . . Erste Antworten auf die Revolutionierung der „Dritten Welt“ . . . . . Eisenhowers Deutschland - und Europapolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961-1968 . . . . . . . . John F. Kennedys Aufbruch zur New Frontier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Krisen um Kuba und Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Widersprüche der Dekolonisierung und der Vietnamkonflikt . . Realität und Mythos der „Ära Kennedy“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lyndon B. Johnsons Projekt der „Great Society“ . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ausweitung des Vietnamkrieges und die inneramerikanische Protestbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Epochenjahr 1968 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die krisenhaften siebziger Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zerfall der Anti-Kriegs-Front und Auffächerung der Bürgerrechtsbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das „Disengagement“ in Vietnam und die Suche nach einem globalen Mächtegleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Watergate-Skandal und der erzwungene Rücktritt Präsident Nixons . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Politik im Schatten von Vietnam und Watergate . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale und kulturelle Entwicklungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wiederbelebung des amerikanischen Patriotismus . . . . . . . . . . . Nachlassendes Wirtschaftswachstum und soziale Härten . . . . . . . . . Wirtschaftsliberalismus, religiöser Fundamentalismus und Neokonservatismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges . . . . . . . . . . . Präsident Reagan : Der „große Kommunikator“ im Weißen Haus . . Reaganomics : Amerikanische Wirtschafts - und Finanzpolitik ab 1981 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Amerikanische Außenpolitik von der atomaren Nachrüstung der NATO zur Wiedervereinigung Deutschlands, 1981-1990 . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="10"?> 373 379 383 1 383 2 389 3 395 401 1 401 2 411 412 413 416 419 423 424 3 427 4 432 436 437 440 444 446 455 458 459 462 464 467 5 472 472 476 478 480 483 485 Sowjetisch-amerikanische Annäherung, Überwindung der deutschen Teilung und Ende des Kalten Krieges . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Golfkrieg zur Abwahl von Präsident Bush . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Kampf gegen die konservative Revolution: Die erste Clinton-Administration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prosperität, Skandale und Impeachment: Die zweite Clinton-Administration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die „postmoderne Präsidentschaft“ und das Erbe der Ära Clinton . . Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend . . . . . . . George W. Bush - Umstrittene Wahl und konservativer Wandel . . . Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Afghanistan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Weg in den Irak-Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Krieg im Irak . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Innenpolitische Reaktionen auf den 11. September 2001 . . . . . . . . . . Präsidentschaftswahl 2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Innenpolitische Entwicklungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . George W. Bushs Erbe und der Kampf um seine Nachfolge . . . . . . . . Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land . Herausforderungen und erste Initiativen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Reform des Gesundheitssystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wirtschafts - und Finanzkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die USA in der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Obamas Kriege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Terrorbekämpfung und Überwachung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Atomare Rüstungskontrolle - Obamas Iranpolitik . . . . . . . . . . . . . . . Präsidentschaftswahl 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neue Herausforderungen - Obamas zweite Amtszeit . . . . . . . . . . . . Einwanderungspolitik und Kampf gegen den Klimawandel . . . . . . . Der coole Präsident . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung . . . . . . . . . . . . Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erste Initiativen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Russia Investigation und Mueller Report . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kongress und Zwischenwahlen von 2018 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Supreme Court und Bundesgerichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ukraine-Affäre und Impeachment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 10 <?page no="11"?> 487 491 6 494 494 501 508 513 1 513 2 537 3 539 4 553 5 557 6 568 7 591 Die USA und die Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Präsidentschaftswahlkampf 2020 und die Coronakrise . . . . . . . . Gesellschaftliche Trends . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Demographie, Ethnizität, Migration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bevölkerungsverschiebungen und Strukturwandel der Wirtschaft . Weltmacht im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausgewählte weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aufnahme der 50 Einzelstaaten in die Union . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeittafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Präsidenten und Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten . . . . . Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 11 <?page no="13"?> Vorwort Vor 25 Jahren von Jürgen Heideking begründet, ist die Geschichte der USA nach dessen völlig unerwartetem Tod von dem Münchner Historiker Christof Mauch betreut worden. Während der letzten 20 Jahre hat Christof Mauch den Band im Rahmen von Neuauflagen kritisch durchgesehen, aktualisiert, ergänzt, mit Illustrationen und Tabellen versehen, mehrfach aber auch gekürzt, um den Umfang in Grenzen zu halten. Mit der neuen Auflage, ab der Präsidentschaft von Donald Trump, übernimmt die Historikerin Anke Ortlepp die Geschichte der USA. Damit wird die Betreuung des Bandes in einer Art Stafettenlauf von einer HistorikerInnen-Generation zur nächsten weitergegeben: Christof Mauch hatte bei Jürgen Heideking in Köln habilitiert, Anke Ortlepp bei Christof Mauch in München, und seit einigen Jahren hat Anke Ortlepp den ehemaligen Lehrstuhl von Jürgen Heideking in Köln inne. Die Durchsicht des Textes haben Christof Mauch und Anke Ortlepp gemeinsam vorgenommen. Das Kapitel zum ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama und dessen historischer Bewertung stammt von Christof Mauch, das neue Kapitel zur Präsidentschaft von Donald Trump und die kommentierte Bibliographie, die neben aktueller Literatur auch Klassiker enthält, von Anke Ortlepp. Wie in früheren Auflagen wurden auch einige Kürzungen vorgenommen, vor allem in den Kapiteln zum ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert, in der Ära von #MeToo und #BlackLivesMatter, sind Leserinnen und Leser für individuelle Befindlichkeiten, für kulturelle Minderheiten und für rassistische und sexistische Diskriminierungen in einer Weise sensibilisiert wie dies bei der ersten Niederschrift der Geschichte der USA noch nicht der Fall war. Vor diesem Hintergrund wurden einzelne politisch konnotierte Ausdrücke ausgetauscht und diverse kulturelle Bewertungen abgeschwächt. Bei all dem haben die AutorInnen allerdings Sorge getragen, dass der Tonfall und der sprachliche Duktus des Texts sowie besonders der Inhaltskern der ursprünglichen Darstellung erhalten blieben. Bei der Aktualisierung des Anhangs, vor allem der kommentierten Bibliographie, haben uns die Kölner Doktorandin Dorothee Schwieters und die wissenschaftlichen Hilfskräfte Maria Wiegel und Stefan Draskic engagiert unterstützt. Die Endredaktion des Textes hat die Münchner Doktorandin Stefanie Schuster mitübernommen. Die Aktualisierung des umfangreichen Registers wurde von Charlotte Huber an der LMU München besorgt. Ihnen allen danken wir herzlich. Unser Dank geht weiterhin an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Narr Francke Attempto Verlags unter Leitung von Herrn Gunter Narr, die dem Projekt großes Interesse entgegengebracht haben, allen voran an Dr. Valeska Lembke und Corina Popp, die die Überarbeitung durchgängig kompetent und zügig begleitet haben. Das Vorwort zu diesem Band schreiben wir im August 2020, während der Parteitag der Demokratischen Partei Joseph Biden als Präsidentschaftskandidaten und Kamala <?page no="14"?> Harris als erste schwarze Vizepräsidentschaftskandidatin für die Wahlen im November nominiert. Der Ausgang der Wahlen wird darüber entscheiden, wie die Regierung in Washington sich den vier historischen Krisen der Gegenwart stellt: der Corona-Pan‐ demie, der größten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und dem drohenden Klimawandel. München und Köln, im August 2020 Christof Mauch und Anke Ortlepp Vorwort 14 <?page no="15"?> Kapitel 1: Kolonien und Empire Die Autoren der Unabhängigkeitserklärung und US-amerikanischen Verfassung wer‐ den häufig als „Gründungsväter“ bezeichnet. Mit ihnen beginnt im strengen Sinne die Geschichte der Vereinigten Staaten. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts gaben sie den politischen Rahmen für die Entwicklung der USA vor, der bis heute Gültigkeit hat. Im Vergleich zur langen Geschichte des nordamerikanischen Kontinents erscheinen die Ereignisse der 1780er Jahre allerdings sehr gegenwartsnah. Schon vor etwa 20.000 Jahren gab es Amerikaner, die über die Beringstraße ein‐ gewandert waren. Die Ureinwohner des Kontinents lebten anfangs von der Jagd, vom Beerensammeln und vom Fischen. Etwa 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung betrieben sie bereits Landwirtschaft. Als sich die ersten europäischen Entdecker - 500 Jahre vor Kolumbus waren dies die Wikinger - für ein paar Jahre in Siedlungen an der Küste Neufundlands niederließen, hatten die Native Americans bereits weite Teile des nordamerikanischen Kontinents besiedelt und vielfältige Wirtschaftsformen entwickelt. Nach verschiedenen vergeblichen Anläufen unternahmen die Engländer im frühen 17. Jahrhundert den Versuch, permanente Kolonien in der „Neuen Welt“ einzurichten. Die vermeintlich großen Schätze des Kontinents, die weiten Räume, die Aussicht auf freie Ausübung der Religion und auf einen persönlichen Neubeginn wirkten wie ein Magnet. Im Gegensatz zu den Siedlungen der Spanier und Franzosen, die sich enger mit den Ureinwohnern verbanden, suchten die Siedler aus England die gesellschaftli‐ chen Einrichtungen und die ökonomische Praxis von der alten in die neue Welt zu „transplantieren“. Dies gelang ihnen nur bedingt. Da sie mit der britischen Krone nur indirekt verbunden waren, entwickelten sie - in ihrer neuen Umgebung und im ständigen transatlantischen Austausch - neue politische und soziale Institutionen. Der Zusammenprall der Kulturen auf dem nordamerikanischen Kontinent, die regionale, ethnische und religiöse Vielfalt der Siedlerkolonien und die Stellung der Kolonien im Herrschafts- und Wirtschaftsverband des englischen Weltreiches bildeten so eine Art Präludium zur amerikanischen Nationalgeschichte. 1 Der Zusammenprall dreier Kulturen am Rande der atlantischen Welt Die Kolonialgeschichte gehört zweifellos zu den Epochen, deren wertende Darstellung von Historikern und Publizisten am gründlichsten überprüft und - begleitet von heftigen Debatten - am stärksten revidiert worden ist. Anfangs wurde sie fast ausschließlich aus europäischer Perspektive und mehr oder weniger in der Form eines Heldenepos erzählt, das die Entdeckung und Erschließung eines „jungfräulichen“ <?page no="16"?> Kontinents durch tapfere Seefahrer und Siedler verherrlicht. Die Kritik an diesem „Eurozentrismus“ hat eine Verlagerung des Interesses und der Sympathien hin zu den Leidtragenden des epochalen Geschehens bewirkt, den indianischen Ureinwohnern und den versklavten African Americans, die bis in die 1980er Jahre meist nur am Rande der historischen Betrachtung auftauchten. Es bleibt zwar unbestritten, dass sich die „weiße“ Kultur durchsetzte, aber man fragt heute doch viel bohrender als früher nach den Schattenseiten und Kosten dieses Erfolges, und man versucht zugleich, auch die langfristigen Wirkungen zu ergründen, die der Zusammenprall und die Interaktion von indianischer, europäischer und afrikanischer Kultur in Nordamerika zeitigten. Am härtesten traf es die Ureinwohner, die den aus Europa und Afrika eingeschlepp‐ ten Krankheitserregern hilflos ausgeliefert waren und deren Ethnien oft schon nach den ersten Kontakten durch Seuchen dezimiert und später durch Kriege, Vertreibungen, Hungersnöte und Alkoholismus immer mehr geschwächt und nicht selten ganz ver‐ nichtet wurden. Die Beziehungen zu den vordringenden Siedlern waren uneinheitlich und wechselhaft: Sie reichten von friedlichem Handel und temporären Bündnissen gegen gemeinsame Feinde bis zu gegenseitigen Terror- und Ausrottungskampagnen, die von den Weißen häufig grausamer, vor allem aber „effizienter“ durchgeführt wurden. An der englischen Siedlungsgrenze (Frontier), wo der „Landhunger“ am größten war, hatten gelegentliche Missionierungs- und Zivilisierungsversuche noch weniger Erfolg als im französischen oder spanischen Einflussbereich. Hier nahm während der Kolonialzeit ein Teil der demographischen Katastrophe ihren Lauf, zu der sich die „Entdeckung“ Amerikas für die Ureinwohner des Kontinents entwickelte. Die Bevölkerungszahlen können nur geschätzt werden, aber sie sind in den letzten dreißig Jahren von der Forschung deutlich nach oben revidiert worden. 1965 ging man noch davon aus, dass zur Zeit des Kolumbus auf dem Gebiet der heutigen USA und Kanadas zwischen 900.000 und 1,5 Millionen Ureinwohner lebten. Inzwischen variieren die Schätzungen zwischen 5 und 12,5 Millionen, wobei die Mehrheit der Wissenschaftler 6 bis 7 Millionen als realistisch betrachtet. Ähnlich verhält es sich mit Untersuchungen zur indianischen Gesamtbevölkerung Nord- und Südamerikas um 1490, die neuerdings auf 45 bis 60 Millionen beziffert wird. Als die englische Kolonisation im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts begann, waren die großen Indianerreiche Südamerikas bereits zerstört und die Bewohner der Karibikinseln weitgehend ausgerottet. Die indianischen Kulturen im Mississippi-Tal hatten ihren Höhepunkt offenbar schon um 1350 überschritten, aber der rapide demographische Niedergang setzte auch hier erst mit der europäischen Kolonisierung ein. Als „Faustregel“ gilt, dass sich die Zahl der Native Americans innerhalb von hundert Jahren nach dem ersten Kontakt mit Europäern um etwa 90 Prozent verringerte. Lebten beispielsweise um 1570, zur Zeit der frühesten englischen Siedlungsversuche an der Festlandsküste, östlich des Mississippi 3 Millionen Indianer, so waren es 1670 gerade noch 300.000. Im südlichen Neuengland schrumpfte die Zahl der Ureinwohner im selben Zeitraum von ca. 120.000 auf 12.000. Hier trafen die Puritaner auf eine indianische Bevölkerung, die durch von Entdeckungsreisenden und Abenteurern eingeschleppte Krankheitserreger so sehr Kapitel 1: Kolonien und Empire 16 <?page no="17"?> geschwächt war, dass sie kaum noch Widerstand leisten konnte. Als sich der Stamm der Pequots im Connecticut-Tal 1637 dennoch gegen die weiße Landnahme zur Wehr setzte, töteten puritanische Milizen und verbündete Indianer etwa 500 Männer, Frauen und Kinder und verkauften viele Überlebende als Sklaven auf die Karibikinseln. Dieses brutale Vorgehen wurde mit dem Hinweis auf die „Sündhaftigkeit“ der „Wilden“ und einem aus der Bibel abgeleiteten Anspruch auf „ungenutztes“ Land gerechtfertigt. Die Geistlichen deuteten die militärischen Erfolge ebenso wie das Massensterben der Indianer an Pocken oder anderen Epidemien als Fingerzeig Gottes, dass die Wildnis für das „auserwählte Volk“ der Puritaner vorbestimmt sei. Abb. 1: Das Dorf Pomeiock, ca. 1590 Ähnliche Folgen zeitigte das Zusammentreffen von Europäern und Native Americans in der südlicher gelegenen Chesapeake-Region, obwohl es den Siedlern der Virginia Company ohne die anfängliche Unterstützung durch den Häuptling Powhatan und dessen Tochter Pocahontas kaum gelungen wäre, dauerhaft Fuß zu fassen. Ein indi‐ anischer Aufstand im Jahr 1622 diente dazu, die systematische Bekämpfung und Dezimierung der einheimischen Stämme zu rechtfertigen. Das Bild des „edlen Wilden“, das in Europa von den Befürwortern der Kolonisierung propagiert wurde und das viele Engländer mit nach Amerika brachten, schlug innerhalb weniger Jahre in ein aggressives Feindbild um. Dabei schrieben die Siedler den Indianern häufig negative Eigenschaften wie Grausamkeit, Heimtücke und Habgier zu, die sie selbst in ihrem 1 Der Zusammenprall dreier Kulturen am Rande der atlantischen Welt 17 <?page no="18"?> Verhalten gegen die Ureinwohner an den Tag legten. Die Zerstörung der indianischen Stammeskulturen konnte nicht ohne negative moralische Rückwirkungen auf die kolonialen Gemeinschaften selbst bleiben, die doch in vieler Hinsicht - etwa durch die Übernahme der Nutzpflanzen Mais und Tabak - von den Native Americans profitiert hatten. Karte 1: Die Indianerkulturen Nordamerikas Als mindestens ebenso schwere und anhaltende, bis in die Gegenwart fortdauernde Belastung sollte sich die Versklavung von Afrikanern erweisen, die auf dem nordameri‐ Kapitel 1: Kolonien und Empire 18 <?page no="19"?> kanischen Kontinent in nennenswertem Ausmaß erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann. Die Schwarzen, die ab 1619 nach Virginia gebracht wurden, waren rechtlich zunächst nicht wesentlich schlechter gestellt als die weißen Knechte (indentured servants), die über eine bestimmte Zahl von Jahren die Kosten ihrer Schiffspassage abdienen mussten. Einige Afrikaner erlangten sogar, zumeist wohl als Belohnung für ihren Übertritt zum Christentum, die völlige Freiheit. Sexuelle Kontakte von Schwar‐ zen und Weißen und sogar Mischehen waren keine Seltenheit, obwohl für solches Verhalten Kirchenstrafen und (im Fall der Afrikaner) Peitschenhiebe drohten. Seit den 1660er Jahren wurde der Status der Schwarzen jedoch durch Gerichtsurteile und auf gesetzlichem Wege immer mehr verschlechtert, bis sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts das Konzept der chattel slavery fest etablierte, das die Afrikaner zu „beweglichem Besitz“ (personal property) und zur Ware degradierte. Hierbei handelte es sich um die einzige gravierende Abweichung vom englischen common law, denn die Institution der chattel slavery existierte nicht im Mutterland, sondern wurde von den Karibikinseln übernommen. Die schrittweise Einführung der Sklaverei auf dem nordamerikanischen Festland muss im größeren Zusammenhang eines Systems der Zwangsarbeit gesehen werden, mit dem die europäischen Mächte (Spanien, Portugal, Niederlande, Frankreich, Eng‐ land) seit dem 16. Jahrhundert die gesamte „Neue Welt“ überzogen. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an setzten sich die Engländer immer erfolgreicher gegen ihre Konkurrenten durch und legten mit dem Kolonial- und Sklavenhandel den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung Großbritanniens. Im Vergleich zu den Zucker‐ inseln in der Karibik wie etwa Barbados und Jamaica, auf denen eine regelrechte „Vernichtung durch Arbeit“ praktiziert wurde, mutet das Schicksal der Sklaven in den Festlandskolonien noch einigermaßen erträglich an. Während die hohe Todesrate auf den Inseln nur durch ständige Neuzufuhr aus Afrika ausgeglichen werden konnte, nahm die Sklavenbevölkerung in der Chesapeake-Region ab 1720 auf natürliche Weise zu. Weiter südlich, in den malariaverseuchten Reisanbaugebieten South Carolinas, herrschten härtere Bedingungen, und die Lebenserwartung war entsprechend geringer. Dabei wäre den Weißen die Kultivierung von Reis (und später auch Indigo) ohne die Erfahrung und die Hilfe der Afrikaner gar nicht gelungen. South Carolina entsprach auch insofern am ehesten den Zuckerkolonien, als hier schon zu Beginn des 18. Jahr‐ hunderts die Zahl der Sklaven diejenige der weißen Pflanzer und Farmer überstieg. Immer mehr Plantagenbesitzer zogen sich nach Art der spanischen und englischen absentee landowners in Städte wie Charleston und Savannah zurück und überließen die unmittelbare Kontrolle ihren Verwaltern und Sklavenaufsehern. Obgleich Nordamerika nur etwa 5 Prozent der fast 11 Millionen in die westliche Hemisphäre verschleppten Afrikaner aufnahm, handelte es sich doch um weit mehr als nur ein Rinnsal im großen Einwandererstrom. Bis zum Unabhängigkeitskrieg ge‐ langten ca. 300.000 Sklaven als unfreiwillige Immigranten auf das nordamerikanische Festland, gegenüber ca. 500.000 Europäern, die als freie Einwanderer, indentured ser‐ vants oder Sträflinge (convicts) kamen. Um 1770 lebten (bei einer Gesamteinwohnerzahl 1 Der Zusammenprall dreier Kulturen am Rande der atlantischen Welt 19 <?page no="20"?> von 3 Millionen) etwa 500.000 Sklaven in den dreizehn Kolonien, die sich zu den Vereinigten Staaten von Amerika zusammenschlossen. Sie machten ein gutes Drittel der Bevölkerung der südlichen Kolonien aus, deren Wirtschaftssystem zu dieser Zeit bereits ganz auf der Ausbeutung von Sklavenarbeit beruhte. Die ökonomischen Vorteile, die dieses extreme Herr-Knecht-Verhältnis den Weißen einbrachte, mussten mit moralischen und psychologischen Schäden erkauft werden. Niemand erkannte besser als Thomas Jefferson, selbst ein Sklavenhalter, wie tief sich dieses Übel bereits in das Bewusstsein der Menschen eingefressen hatte: In seinen Notes on the State of Virginia beklagte er 1786, die Sklaverei gebe weißen Herren und schwarzen Knechten täglichen Anschauungsunterricht „in den ungezügeltsten Leidenschaften, im schlimmsten Despotismus auf der einen und in herabwürdigender Unterwerfung auf der anderen Seite“. Andererseits konnte sich der liberale Aufklärer Jefferson aber ebenso wenig wie die meisten seiner weißen Landsleute vom Vorurteil ei‐ ner „natürlichen Minderwertigkeit“ der schwarzen Rasse befreien. Die Sklavengesetze (slave codes) der Kolonien sahen bereits für geringe Übertretungen grausame Strafen vor, um Fluchtversuche zu unterbinden und individuellen oder kollektiven Widerstand im Keim zu ersticken. Im Unterschied zu den amerikanischen Ureinwohnern war die schwarze Bevölkerung nicht in ihrer physischen Existenz bedroht, sondern „nur“ zu extremer Anpassung gezwungen. In den nördlichen Kolonien, wo - mit Ausnahme von New York - die Zahl der Schwarzen relativ gering blieb, vollzog sich diese erzwungene Abkehr von den afrikanischen Wurzeln schneller als in den Gebieten südlich von Pennsylvania. Dort entwickelten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eigenständige Kommunikationsformen und Lebensweisen sowie Ansätze einer afroamerikanischen Kultur. In South Carolina und Georgia schufen Schwarze aus verschiedenen Teilen Afrikas die Sklavensprache Gullah, und auf den Reispflanzungen konnten sich die in großen Gruppen zusammenlebenden Sklaven eine gewisse Autonomie bewahren. Dagegen verschmolzen in Virginia, Maryland und Delaware, wo Weiße und Schwarze auf Tabakplantagen oder Familienfarmen in engen Kontakt kamen, europäische und afrikanische Bräuche, Techniken und Denk- und Verhaltensweisen am ehesten zu neuen Lebensformen. Trotz der gesetzlichen Verbote fand auch - meist als Folge sexueller Ausbeutung von Sklavinnen durch ihre weißen Herren - eine Rassenvermi‐ schung statt. Von einer gegenseitigen kulturellen Bereicherung konnte im Zeichen der Sklaverei aber kaum die Rede sein. Der großen Mehrzahl der weißen Siedler war der Preis für das Überleben und die Entwicklung der Kolonien - die Verdrängung der Ureinwohner und die Unterdrückung der Afrikaner - nicht zu hoch. Die positiven Möglichkeiten, die das Zusammentreffen dreier Kulturen in sich barg, blieben damit weitgehend ungenutzt. Kapitel 1: Kolonien und Empire 20 <?page no="21"?> 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt Nicht Einheitlichkeit und Homogenität, sondern mosaikartige Vielfalt war das her‐ vorstechende Merkmal der englischen Festlandskolonien. Ihren Ausgang nahm die Besiedlung - nach einigen gescheiterten Experimenten - von Jamestown im Süden (1607) und Plymouth im Norden (1620), und beide Regionen, das nach Elisabeth I., der „jungfräulichen Königin“, Virginia genannte Gebiet um die Chesapeake Bay und das „Neue England“ (New England) der Puritaner, trugen von Beginn an einen ganz unterschiedlichen Charakter. Der Süden Die Gründung Jamestowns war das Werk von Kaufleuten und adligen Investoren, die, in der Londoner Virginia Company zusammengeschlossen, 1606 eine königliche Charter erwirkt hatten. Bei der Planung des Unternehmens spielten Hoffnungen auf Goldfunde, rasche Profite und die Errichtung einer idealen Feudalgesellschaft eine wichtige Rolle. Stattdessen entstand in den feucht-warmen, fruchtbaren Küstenstri‐ chen von Virginia und Maryland - einem Teil des Charter-Gebiets, das nach dem Rückzug der Virginia Company 1632 von der Krone als Lehen an den katholischen Lord Baltimore vergeben wurde - eine profitable, auf den Export von Tabak speziali‐ sierte Plantagenwirtschaft. Die meisten Landbesitzer lebten auf ihren Pflanzungen (plantations), die im Schnitt 500 acres (200 Hektar) groß waren. Den Mangel an Arbeitskräften behoben sie durch den Import von indentured servants aus Europa und dann, als diese Quelle gegen Ende des 17. Jahrhunderts wegen der günstigen Wirtschaftsentwicklung in England zu versiegen begann, zunehmend durch den Kauf von Sklaven aus Afrika und der Karibik. Für die Vermarktung ihres Hauptprodukts Tabak blieben die Pflanzer der Chesapeake-Region weitgehend auf englische und schottische Kaufleute angewiesen. Einige Jahrzehnte später als an der Chesapeake Bay begann die Kolonialentwicklung in den südlich anschließenden Gebieten, für die acht englische Handelspartner 1663 von Charles II. eine Charter erwarben. Diese zu Ehren des Königs „Carolina“ genannte Kolonie wurde 1691 (formell 1712) in North Carolina und South Carolina aufgeteilt. Während in North Carolina kleine und mittlere Farmen und Pflanzungen überwogen, dominierten in South Carolina die von Sklaven bewirtschafteten großen Reisplantagen, und das günstig gelegene Charleston stieg zum wichtigsten Ausfuhrhafen auf. Noch später, erst 1732, kam die Kolonie Georgia (nach König George II. benannt) hinzu, die als militärischer Puffer gegen das spanische Florida gedacht war, deren Einwohner aber rasch auch in anhaltende Feindseligkeiten mit den Cherokee- und Creek-Indianern verwickelt wurden. Politisch und gesellschaftlich gaben im Süden die Plantagenbesitzer den Ton an. Auf Grund der relativ geringen Lebenserwartung in dem ungesunden Klima verloren die Kinder häufig schon früh einen Elternteil oder sogar beide Eltern. Da sich in solchen 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt 21 <?page no="22"?> Fällen in der Regel die weitere Familie ihrer annahm, erlangten Verwandtschaftsbezie‐ hungen und Sippenloyalitäten eine immer wichtigere Bedeutung. Aus ihnen erwuchs die so genannte Virginia Aristocracy, eine durch Blutsbande und wirtschaftliche Inte‐ ressen eng verknüpfte Eliteschicht, die sich auch mittels guter Bildung, kultivierter Le‐ bensart und Sinn für elegante Vergnügungen wie Pferderennen, Jagdgesellschaften und Bälle von der übrigen weißen Bevölkerung abhob. Trotz erheblicher Besitzunterschiede hielten sich die sozialen Spannungen aber in Grenzen, weil die Farmer, Handwerker und Händler ganz im Sinne einer traditionellen Ständegesellschaft die Pflanzer als sozial Höhergestellte anerkannten und ihnen mit Respekt und ehrerbietiger Fügsam‐ keit (deference) begegneten. Die Pflanzerelite wiederum nahm ihre Verantwortung für das Gesamtwohl ernst (abgesehen von der im gesamten Süden unterentwickelten Schulbildung) und bemühte sich, die Führungs- und Leitbildfunktion zu erfüllen, die ihr im Rahmen dieser patriarchalischen deferential society zukam. Außerdem wirkte die Sklaverei der Entstehung einer potenziell gefährlichen Schicht besitzloser weißer Einwanderer entgegen. Wirtschaftlich geriet die Virginia Aristocracy im Verlauf des 18. Jahrhunderts allerdings unter Druck, denn die Notwendigkeit, alle größeren Investitionen (und teilweise auch den anspruchsvollen Lebensstil) mit Hilfe von Krediten aus England zu finanzieren, trieb viele Familien in chronische Verschuldung. Die Auslaugung der Böden durch den Tabakanbau zwang zur ständigen Erweiterung der Anbaufläche oder zum Kauf neuer Plantagen, und sie verführte gelegentlich auch zu riskanten Lands‐ pekulationen in den westlichen Gebieten. In Maryland und Teilen Virginias fanden viele Farmer und Pflanzer im Getreideanbau eine günstige Alternative, was allmählich den gesamten Charakter der Chesapeake-Region mit ihrer aufstrebenden Hafenstadt Baltimore veränderte. Gegen Ende der Kolonialzeit unterschied man deshalb schon einen Upper South (Maryland, Virginia, Delaware), in dem die Sklaverei relativ an Bedeutung verlor, von dem Lower South (die Carolinas und Georgia), der strukturell eher den karibischen Sklavenkolonien ähnelte. In ethnischer Hinsicht stellten die Engländer den größten Bevölkerungsanteil, gefolgt von den Afrikanern, die nicht nur in den Küstenebenen, sondern - in geringerer Zahl - auch auf Farmen des Hinterlands arbeiteten. Dort siedelten vor allem Schotten, deren Vorfahren das nördliche Irland kolonisiert hatten (und die deshalb Scots-Irish genannt wurden), sowie Deutsche, die, zumeist aus Pennsylvania kommend, durch das Shenandoah-Tal nach Süden vordran‐ gen. Das religiöse Leben wurde eindeutig von der Anglikanischen Kirche bestimmt, der englischen Staatskirche (Church of England), die in den südlichen Kolonien als einzige offizielle Kirche anerkannt war. Die meisten Iro-Schotten waren Presbyterianer, die Deutschen entweder Lutheraner oder Reformierte (wie die Mährischen Brüder, die sich unter anderem in Salem, North Carolina, niederließen), doch dies blieben - zusammen mit den Katholiken in Maryland - eher Einsprengsel in einer gemäßigt konservativen anglikanischen Kultur. Das Monopol und die Steuerprivilegien der Anglikanischen Kirche gerieten erst im 18. Jahrhundert ins Wanken, als sich mit den Methodisten und Baptisten neue, dynamische Glaubensgemeinschaften bildeten, die vor allem im Kapitel 1: Kolonien und Empire 22 <?page no="23"?> einfachen Volk Anhänger fanden und an einigen Orten sogar Sklaven aufnahmen. Gemeinsam wehrten sich die Siedler gegen die Einsetzung eines anglikanischen Bischofs, die ihre religiöse und politische Autonomie von England gefährdet hätte. Diese Frage blieb bis in die Revolution hinein ein offener Streitpunkt. Am Vorabend der Revolution lebten einschließlich der Sklaven gut 50 Prozent der Bevölkerung der Festlandskolonien im Süden. Städte und selbst größere Ortschaften blieben in der Plantagen- und Farmwirtschaft eine Seltenheit. Aufs Ganze gesehen bot die Region eine erstaunliche Mischung aus patriarchalischer Gentry-Kultur und pro‐ fitorientierter Sklavenhaltergesellschaft. Die wirtschaftliche Monokultur, der Anbau der staple crops Tabak, Reis und Indigo, band die Kolonien fest an das Mutterland und die europäischen Märkte. Trotz dieser Abhängigkeit wuchs aber das Selbstbewusstsein der Pflanzerelite, die sich im Laufe der Zeit eher noch fester zusammenschloss und gegen ehrgeizige Aufsteiger abzuschirmen suchte. Die Neuengland-Kolonien Bei der Besiedelung der Region, die der Seefahrer und Abenteurer John Smith 1614 New England nannte, stand das religiöse Moment im Vordergrund. Die ersten Siedler waren strenggläubige Calvinisten, Pilgrims, die nicht nur in Opposition zur anglikanischen Staatskirche standen, sondern auch Abstand zu ihren gemäßigten Glaubensbrüdern, den Puritanern, hielten. Nachdem ihr Versuch gescheitert war, im niederländischen Exil eine dauerhafte Existenz zu gründen, kehrten sie nach England zurück und suchten die Unterstützung puritanischer Kaufleute für ein neues Auswanderungsprojekt. Im Besitz eines Patents der Virginia Company brachen dann im September 1620 18 Familien mit insgesamt 102 Personen - nicht alle von ihnen Pilgrims - an Bord der „Mayflower“ von Plymouth in die „Neue Welt“ auf. Sie erreichten aber nicht Virginia, sondern kamen - möglicherweise absichtlich - weiter nördlich in der Massachusetts Bay an. Da sie sich nun außerhalb der Jurisdiktion der Virginia Company befanden, konnten sie nach ihren eigenen Regeln leben. Noch vor der Landung bei Cape Cod unterzeichneten die 41 erwachsenen männlichen Passagiere am 11. November 1620 den Mayflower Compact, der später zu dem amerikanischen Gründungsdokument schlechthin verklärt wurde. Den Vorstellungen der Pilgrims vom biblischen Bund (covenant) entsprechend, etab‐ lierte er einen civil body politic, der die Mitglieder der Gemeinschaft verpflichtete, sich gegenseitig Beistand zu leisten und den Anweisungen der Amtsinhaber zu gehorchen. Damit gaben sie ihrem Verlangen nach Selbstbestimmung und religiöser Autonomie eine politische Form und schufen - unter der Souveränität des englischen Königs James I. - ein Regierungssystem für die neue Kolonie Plymouth Plantation. Wohl nur durch die Zusammenarbeit mit den Indianern, die in dieser Gegend durch Epidemien sehr ge‐ schwächt waren, überstand die Plymouth-Kolonie die harten Anfangsjahre und konnte sich stabilisieren. Ihrer Ausdehnung waren aber enge Grenzen gesetzt, denn die Siedler, die in Bruderschaften (brotherhoods) nach strikten religiösen Regeln lebten, lehnten das Streben nach Wohlstand und weltlicher Macht bewusst ab. Im Gefolge der Glorious 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt 23 <?page no="24"?> Revolution, die auch in Neuengland politische Veränderungen bewirkte, ging die Kolonie der Pilgrims mit ihren 7500 Einwohnern schließlich 1691 in Massachusetts auf. Die zweite, letztlich stärkere Wurzel Neuenglands war die 1629 von der Krone mit einer Charter ausgestattete Massachusetts Bay Company. Sie förderte die Auswanderung von Puritanern, einer gemäßigten calvinistischen Glaubensrichtung, die in England vergeblich versucht hatte, die Staatskirche von katholischen „Überresten“ zu reinigen. Unter dem Eindruck der krisenhaften Entwicklung in England und der blutigen Religionskriege in Europa fasste einer ihrer Führer, John Winthrop, den Entschluss, möglichst viele Gläubige und vielleicht sogar das Christentum selbst durch einen Exodus nach Amerika zu retten. In der Wildnis sollte eine „City upon a Hill“, ein dem wahren Glauben geweihtes und dem Rest der Welt zum leuchtenden Vorbild dienendes Gemeinwesen errichtet werden. Nachdem der gebildete und besitzende Winthrop von König Charles I. eine koloniale Charter erlangt hatte, verließen 1.630.900 Puritaner auf elf Schiffen England in Richtung Massachusetts Bay. Bis 1640 strömten in einer ersten „Einwanderungswelle“ über 20.000 englische Puritaner, zumeist im Familienverband, in die neue Kolonie. Ihr Zentrum war Boston, aber das Siedlungsgebiet dehnte sich bald bis zum Connecticut River nach Maine und New Hampshire aus. Zum ersten Gouverneur wurde John Winthrop gewählt, dessen religiös-orthodoxer und elitärer Führungsstil die Kolonie auf lange Zeit hinaus prägte. Das von Winthrop formulierte Sendungsbewusstsein überdauerte die Kolonialzeit und bildet bis heute - in religiöser und in säkularisierter Form - eines der wichtigsten Elemente des amerikanischen Selbstverständnisses und der nationalen Identität. Anders als die Pilgrims waren die Puritaner machtbewusst und strebten nach wirtschaftlichem Erfolg, den sie als Zeichen der göttlichen Gnade und Auserwähltheit werteten. Nicht wenige von ihnen wurden Kaufleute, Reeder und Schiffseigner, die am Küstenhandel und Fischfang, vor allem aber am Überseehandel mit den Karibikinseln und dem Mutterland gut verdienten. Massachusetts Bay war keine Theokratie, denn die Geistlichen übten zwar moralische Autorität, aber normalerweise keine Regierungsämter aus. Andererseits bildeten Kir‐ che und Staat eine feste Einheit, und das Wahlrecht blieb bis 1691 für männliche puritanische Kirchenmitglieder reserviert. Die politische Führung lag in den Händen weniger Familien, die früh eingewandert waren und die besten Besitztitel erworben hatten. Auf der anderen Seite wurde das Prinzip der gemeindlichen Selbstverwaltung (local self-government) großgeschrieben, so dass sich oligarchische mit demokratischen Zügen mischten. Das kirchliche Leben war ebenfalls dezentralisiert und vollzog sich in weitgehend selbstständigen Gemeindebezirken, den Kongregationen (congregations), die der gesamten Glaubensrichtung den Namen Kongregationalismus verliehen. Im Sinne des biblischen covenant forderten die Puritaner die Unterordnung des Einzelnen unter die Gemeinschaft. Die Tugenden, die ihre Geistlichen predigten - Gottesfurcht, Fleiß, Rechtschaffenheit, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung -, sollten nicht so sehr dem individuellen Fortkommen als vielmehr dem Wohl der Gemeinden dienen. Um diese Ideale zu verwirklichen, führten sie ein rigides System der geistigen und sozialen Kontrollen ein, das sich bald als Quelle innerer Spannungen erwies. Kapitel 1: Kolonien und Empire 24 <?page no="25"?> Im Extremfall konnte diese Unduldsamkeit zu Hexenverfolgungen, Prozessen und Hinrichtungen führen, wie sie noch in den 1690er Jahren in Salem stattfanden. Der gewöhnliche Ausweg war aber die Flucht Andersdenkender, die im Laufe des 17. Jahrhunderts die Abspaltung dreier Kolonien von Massachusetts zur Folge hatte. 1636 gründete Roger Williams mit einigen Anhängern Providence Plantation auf Rhode Island, wo, wie er versprach, niemand seines Gewissens wegen belästigt werden würde. In der Tat wurde die Kolonie bald für ihre Toleranz und ihren demokratischen Geist bekannt, aber auch für die tiefe Verstrickung ihrer Kaufleute in den transatlantischen Sklavenhandel: Hier liegt einer der Widersprüche, an denen die Geschichte Neueng‐ lands und Nordamerikas insgesamt so reich ist. Auf ähnliche Weise wie Rhode Island entstand Connecticut, nachdem Thomas Hooker in Ungnade gefallen war und mit seiner Kongregation Cambridge hatte verlassen müssen. Unter Hookers Führung schlossen sich 1638 / 39 die Gemeinden am Connecticut River zusammen und vertrieben in blutigen Kämpfen die dort lebenden Pequot-Indianer. 1662 erhielt die Kolonie eine eigene königliche Charter und schloss sich mit der Puritaner-Siedlung in New Haven zusammen. Unablässige Grenzstreitig‐ keiten mit allen benachbarten Kolonien taten der wirtschaftlichen Entwicklung kaum Abbruch: Um 1775 hatte Connecticut etwa 200.000 Einwohner und besaß ein gut ausgewogenes Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Handel. Im Norden gehörte das Gebiet zwischen dem Pisquataqua und dem Connecticut River, das die Siedler New Hampshire nannten, bis 1679 zu Massachusetts. Dann wurde es durch Gewährung einer königlichen Charter ebenfalls eine separate Kolonie, die mit Connecticut das Schicksal der unsicheren Grenzen teilte. Im Landes‐ innern leisteten die Indianer, oft mit französischer Unterstützung, Widerstand gegen das Vordringen englischer Kolonisten. Ungelöst blieb bis zur Revolution der Konflikt mit New York um das bergige Vermont-Territorium westlich des Connecticut River. Vermont gehörte deshalb nicht zu den dreizehn „Ursprungskolonien“, sondern blieb unabhängig, bis es 1791 den Vereinigten Staaten beitrat. Trotz der Verselbstständigung von Rhode Island, Connecticut und New Hampshire blieb Massachusetts - mit Plymouth Plantation und dem Maine-Distrikt, die es 1691 von der Krone zugesprochen bekam - die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Neuengland-Kolonie. Die Hafenstadt Boston hatte 1775 16.000 Einwohner - nicht viel im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von ca. 300.000. Das Erscheinungsbild der Kolonie und von Neuengland insgesamt prägten nach wie vor Familienfarmen, auf deren eher kargen Böden wie in der Heimat Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden, sowie Dörfer und kleine Städtchen mit ihren religiösen meeting houses und den town halls zur lokalen Selbstverwaltung. Ethnisch waren die Neuengland-Kolonien so homogen, dass sie „englischer als England“ wirkten, und im religiösen Bereich herrschte - ungeachtet der theologischen Meinungsverschiedenheiten - weitgehende puritanische Konformität. Im 18. Jahrhundert lockerten sich die sozialen Kontrollen allmählich, und die Autorität des orthodoxen Klerus wurde seit den 1740er Jahren durch eine religiöse Erweckungsbewegung, das Great Awakening, geschwächt. Mit 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt 25 <?page no="26"?> Ausnahme von Rhode Island blieben die Privilegien der kongregationalistischen Kirche dennoch erhalten: Anglikaner, Quäker und Baptisten durften ihren Glauben zwar praktizieren, wurden aber nur toleriert. Sie mussten sich von den Behörden registrieren lassen und Steuern entrichten, die nur der puritanischen Obrigkeit und deren Kirchen zugutekamen. Die religiöse Liberalisierung des 18. Jahrhunderts erzeugte auch eine wirtschaftliche Aufbruchstimmung. Unter den gewandelten Umständen konnten die alten puritani‐ schen Tugenden mehr und mehr zu Triebfedern einer an individueller Leistung und Wachstum orientierten Wirtschaft werden. Trotz des Aufschwungs, den der Handel in den Küstenstädten nahm, und trotz des steigenden Wohlstands der Kaufleute und einiger Anwälte zeichnete sich Neuengland aber auch am Ende der Kolonialzeit durch relativ geringe Besitzunterschiede und eine egalitäre Sozialstruktur aus. Allerdings erzeugten das starke Bevölkerungswachstum (auf Grund des gesunden Klimas war die Lebenserwartung wesentlich höher als im Süden) und die Neuzuwanderung einen zunehmenden inneren Druck, der sich nur durch die Erschließung weiteren Siedlungslandes im Westen ausgleichen ließ. Nach dem Willen der puritanischen Gründer sollte möglichst jedes Gemeindemit‐ glied die Bibel lesen können, um mit offenem Geist auf die göttliche Gnade und Erlösung vorbereitet zu sein. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts bauten die Kolonial‐ parlamente deshalb mit Steuergeldern ein System von Grundschulen und höheren Lateinschulen auf, das Neuengland zur Region mit der höchsten Alphabetisierungsrate und der besten Allgemeinbildung in ganz Amerika machte. Schon 1636 war Harvard College in Cambridge gegründet worden, vor allem um Nachwuchs an Geistlichen heranzuziehen, aber auch, um die Gentlemen, die Söhne der führenden Familien, in den Schönen Künsten zu unterweisen. Yale College in New Haven, Connecticut, geht auf das Jahr 1701 zurück und zählt damit ebenfalls zu den ersten nordamerikanischen Universitäten. Gemessen an den anderen Kolonien trat Neuengland also mit einem erstaunlich hohen Bildungsniveau in die Revolutionsepoche ein. Ungeachtet aller Verweltlichungstendenzen lebte das puritanische Erbe in dem Auserwähltheitsglauben fort, der Neuengland eine hervorgehobene Rolle im göttlichen Heilsplan zuwies. Diese Überzeugung von einer „besonderen Mission“, die ursprünglich oft mit Versagensängs‐ ten und Selbstanklagen, etwa in der typisch puritanischen Predigtform der Jeremiade, einherging, strahlte bald auf alle Kolonien aus, verband sich in der Revolution mit der Ideologie des Republikanismus und wurde im 19. Jahrhundert Teil des amerikanischen Nationalbewusstseins. Die Mittelatlantik-Kolonien Im Vergleich mit Neuengland und dem Süden boten die Mittelatlantik-Kolonien sowohl ethnisch als auch kulturell und wirtschaftlich ein abwechslungsreiches Bild. Das hing damit zusammen, dass dieser Raum ursprünglich von Niederländern und Skandina‐ viern besiedelt worden war und erst nach der Mitte des 17. Jahrhunderts an England Kapitel 1: Kolonien und Empire 26 <?page no="27"?> fiel. Die Mündungsgebiete und Flussläufe des Hudson und Delaware wurden z. B. von der niederländischen Westindien-Gesellschaft erschlossen, die sich hauptsächlich für den Pelzhandel mit Indianern interessierte. Die Kolonie, die daraus hervorging, hieß zunächst Neu-Niederlande mit dem Hafen Neu-Amsterdam, gelegen auf einer Insel - dem heutigen Manhattan -, die man den Manhatas-Indianern für Schmuck im Wert von 50 Gulden abgekauft hatte. Die niederländischen Generaldirektoren wirtschafteten al‐ lerdings hauptsächlich in die eigene Tasche und sorgten dafür, dass einige auserwählte Familien riesige Landgüter im Hudson-Tal erhielten, die sie mit Pächtern besetzten. In den 1660er Jahren ging die Kolonie als Folge der englisch-niederländischen Seekriege in den Besitz der englischen Krone über, und Charles II. vergab sie als Lehen an seinen Bruder James, den Herzog von York und Albany. Aus Neu-Niederlande und Neu-Amsterdam wurden deshalb die Kolonie New York und New York City, und Fort Orange im Hudson-Tal hieß fortan Albany. Die Kolonie New Jersey war ebenfalls Teil der niederländisch-skandinavischen Ein‐ flusszone gewesen. Der Herzog von York löste sie 1664 aus seinem Lehensbesitz heraus und übergab sie an zwei seiner Gefolgsleute. Von England aus versuchten die Besitzer, neue Siedler zu gewinnen, indem sie Land unter günstigen Bedingungen anboten, eine gesetzgebende Versammlung in Aussicht stellten und Gewissensfreiheit versprachen. East Jersey (der Norden) nahm einen neuenglischen Charakter an und orientierte sich zu New York City hin, während West Jersey (der Süden) zur ersten Heimstätte der Quäker wurde, unter ihnen William Penn, der spätere Gründer von Pennsylvania. Penn entstammte einer wohlhabenden und einflussreichen englischen Familie, war aber als junger Mann der Society of Friends beigetreten, deren Mitglieder - die Quäker genannt wurden - wegen ihrer Kriegsdienst- und Steuerverweigerung in Konflikt mit den staatlichen und kirchlichen Autoritäten gerieten. Um seinen Glaubensbrüdern und -schwestern die freie Religionsausübung zu ermöglichen, bemühte sich Penn um Landerwerb für Quäkergemeinden in Nordamerika. Seine Handschrift ist bereits in den bemerkenswert liberalen Laws, Concessions, and Agreements of West Jersey von 1677 zu erkennen, einem Dokument, das völlige Gewissensfreiheit, eine großzügige Landvergabe und die Kontrolle des kolonialen Steuerwesens durch eine repräsentative Versammlung garantierte. Im Spektrum der Dissenter, der Abweichler von der anglikanischen Staatskirche, gehörten die Quäker zu den radikalsten Sekten des 17. Jahrhunderts. Sie praktizierten eine ganz auf das Individuum und seine „innere Erleuchtung“ ausgerichtete Religion, die weder kirchliche Institutionen noch einen Klerus und feste Rituale benötigte. Als Pazifisten und Gegner weltlicher Autorität verweigerten sie jeglichen Loyalitätseid, bestanden auf der absoluten Gewissensfreiheit und forderten soziale Reformen zu Gunsten der Unterschichten. In Amerika machten sich Quäkergemeinden - neben Mennoniten aus Deutschland - zu ersten Fürsprechern der Sklavenbefreiung, auch wenn einige Quäker selbst Sklaven besaßen. Auf Fürsprache von Penns Vater, der König Charles II. eine erhebliche Geldsumme geliehen hatte, und auf Grund seiner guten Beziehungen zum englischen Parlament wurde William Penn 1681 mit dem 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt 27 <?page no="28"?> gesamten noch nicht zugewiesenen Gebiet zwischen New York und Maryland belehnt. Es umfasste 20 Millionen acres und war damit fast so groß wie das Mutterland. Im Jahr darauf gab Penn der Kolonie seinen Namen und gründete am Zusammenfluss von Delaware River und Schuylkill River die „Stadt der brüderlichen Liebe“, Philadel‐ phia. Sein erster Verfassungsplan für das „heilige Experiment“ zeigt, dass Penn nach Temperament und Erziehung Aristokrat war: Er verband hehre moralische Grundsätze mit einem Regierungs- und Verwaltungssystem, das die politische Macht bei ihm selbst als dem proprietor und bei den von ihm ernannten Beamten konzentrierte. Die Vertreter des Volkes, die von den Landbesitzern gewählt wurden, mussten sich darauf beschränken, die von der Regierung eingebrachten Gesetze entweder anzunehmen oder abzulehnen. Auf diese Weise glaubte Penn, das Fundament für ein harmonisches und stabiles Gemeinwesen gelegt zu haben. Die Wirklichkeit entsprach, wie fast überall in den Kolonien, nicht den Erwartungen und Utopien des Gründers. Penn hatte keine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Stellvertreter und geriet in Streit mit den Siedlern, die ihm 1701 eine neue, demokratischere Charter of Liberties abrangen. Die Quäker-Elite lenkte aber weiterhin die Geschicke der Kolonie, was umso bemerkens‐ werter ist, als die Quäker zahlenmäßig gegenüber anderen Religionsgemeinschaften wie Lutheranern, Presbyterianern und Reformierten bald in die Minderheit gerieten. 1704 musste Penn den Siedlern der drei Lower Counties am Unterlauf des Delaware River ein eigenes Parlament zugestehen, beharrte jedoch darauf, dass sie unter der Oberhoheit des Gouverneurs von Pennsylvania blieben. Ungeachtet dieser formalen Verbindung entwickelte sich Delaware, wie die drei Kreise von nun an hießen, zu einer selbstständigen, wenngleich wirtschaftlich eng an Pennsylvania angelehnten Kolonie. Abb. 2: Vertragsschluss zwischen William Penn und einer Gruppe Delaware-Indianer, 1681 Kapitel 1: Kolonien und Empire 28 <?page no="29"?> Ökonomisch waren die Mittelatlantik-Kolonien geprägt durch mittleren bis größeren Farmbesitz, der auf fruchtbaren Böden die Erwirtschaftung von Getreide- und Fleisch‐ überschüssen für den Export, hauptsächlich in die Karibik, aber auch in die südlichen Festlandskolonien und sogar nach Europa ermöglichte. Die Ausnahme von diesem System der Familienfarmen bildeten die feudalen Landgüter (manors) im Hudson-Tal, auf denen auch nach dem Abzug der niederländischen Verwaltung vorwiegend Hol‐ länder als Pächter (tenants) saßen. Ihre Besitzer verfügten weiterhin über enormen politischen Einfluss in New York, sofern sie es nicht vorzogen, nach dem Beispiel vieler karibischer Pflanzer als absentee landowners in Europa von den Pachtzinsen zu leben. New York City erlangte wegen seines exzellenten Hafens überregionale Bedeutung als Handels- und Finanzzentrum. Die Stadt wuchs schneller als Boston und brachte eine koloniale Kaufmannselite hervor, die sich erfolgreich im Überseehandel engagierte. Noch mehr Dynamik legte Pennsylvania an den Tag, das unternehmungslustige Ein‐ wanderer aus ganz Europa anzog, nicht zuletzt Deutsche, die - zum Teil als indentured servants - religiöser Verfolgung und wirtschaftlicher Not zu entkommen suchten. Den Anfang hatten 13 Krefelder Mennoniten-Familien unter der Leitung des Theologen und Juristen Franz Daniel Pastorius gemacht, die 1683 nach 75-tägiger Schiffsreise auf der „Concord“ im Hafen von Philadelphia landeten. Pastorius, ein Freund Penns, wurde zum ersten Bürgermeister von Germantown ernannt, das rasch zur Stadt heranwuchs und lange Zeit Zentrum der deutschen Einwanderung blieb. Zahlenmäßig überwogen bald Pietisten, Lutheraner und Reformierte, die in der Quäkerkolonie „ein ruhiges, ehrliches und gottgefälliges Leben“ führen wollten. Der Einfluss der Quäker machte sich in einem offeneren, weniger patriarchalisch-au‐ toritären geistigen Klima und Familienethos als in Neuengland und im Süden bemerk‐ bar. Penns Wunschbild eines schlichten, von der Zivilisation unverdorbenen Volkes wurde aber sehr schnell durch das Eindringen des Wettbewerbsprinzips korrigiert. Die günstige geographische Lage, eine Regierung, die den Bürgern nur wenig Steuern auferlegte, und eine gesunde Mischung aus Farmern, Handwerkern, Kaufleuten, Klein‐ unternehmern und Arbeitern machte Pennsylvania zum Mittelpunkt des kolonialen Wirtschaftslebens. Diese Struktur und die im Exportgeschäft erzielten Gewinne boten auch die beste Voraussetzung für künftige industrielle Unternehmungen. Philadelphia, zur Zeit der Revolution mit 40.000 Einwohnern die größte Stadt in Nordamerika, entwickelte sich überdies zum geistigen Zentrum der Neuen Welt. Ihr prominentes‐ ter Bürger, der Drucker, Schriftsteller und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin, personifizierte im Europa der Aufklärung geradezu das freiheitliche, prosperierende „Wunder im Westen“, das eine Alternative zu Absolutismus und religiöser Intoleranz aufscheinen ließ. Vielfalt herrschte vor allem in ethnischer und religiöser Hinsicht. Während in Mas‐ sachusetts (nach dem ersten Zensus von 1790) 81 Prozent der Bevölkerung englischer Herkunft waren, traf das in New York nur auf 52 Prozent, in Pennsylvania sogar nur auf 35 Prozent zu. In New York und New Jersey machten die Niederländer 17,5 bzw. 16,6 Prozent aus, und hier lebten auch noch Skandinavier, insbesondere Schweden. In 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt 29 <?page no="30"?> Pennsylvania stieg der Anteil deutschstämmiger Bürger bis zur Revolution auf knapp ein Drittel, in allen dreizehn Kolonien zusammen auf fast 10 Prozent an. Diese Zahlen bereiteten selbst dem ansonsten aufgeschlossenen und toleranten Benjamin Franklin Sorgen vor einer „Überfremdung“ Pennsylvanias durch Deutsche. Im Hinterland von New York und Pennsylvania siedelten zudem Iren, Schotten, Iro-Schotten und französische Hugenotten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 ihre Heimat hatten verlassen müssen. Die nördlichste Kolonie mit einer beachtlichen Sklavenbevölkerung war New York (16.000), und auch in New Jersey, Pennsylvania und Delaware lebten jeweils einige tausend unfreie und wenige freie Afrikaner. Von der religiösen Zusammensetzung her hielt New York die Spitze, wo die Anglikaner zwar das offizielle Kirchenregiment stellten, wo aber nicht weniger als zehn größere christ‐ liche Glaubensgemeinschaften (denominations) vertreten waren: Niederländisch-Re‐ formierte, die anfangs die Staatskirche gebildet hatten; Presbyterianer, Lutheraner, Anglikaner, Quäker, Baptisten, Kongregationalisten, Französisch-Reformierte (Huge‐ notten), Deutsch-Reformierte, Pietisten und Katholiken; hinzu kam noch eine jüdische Gemeinde in New York City. Weder in New York noch in Pennsylvania oder anderswo kam es zur völligen „Verschmelzung“ dieser unterschiedlichen ethnisch-religiösen Kulturen, wie es der französische Einwanderer St. John de Crèvecoeur um 1770 in seinen später berühmten Letters from an American Farmer behauptete: „What, then, is the American, this new man? He is neither an European, nor the descendant of an European … Here individuals of all nations are melted in a new race of men, whose labors and posterity will one day cause great changes in the world …“. Diese Aussage hatte eher die Qualität eines Glaubensbekenntnisses und einer Prophezeiung als den Wert einer empirischen Beobachtung; aber schon die Pluralität und das friedliche Nebeneinander so vieler ethnischer Gruppen und religiöser Richtungen waren zu der Zeit einmalig in der atlantischen Welt. Diese Vielfalt machte auch einen bedeutenden Teil des gesellschaftlichen Reichtums aus, denn Wirtschaft und Geistesleben konnten sich nirgends so ungehindert entfalten wie in den Mittelatlantik-Kolonien. Küste und Hinterland Die regionale Differenzierung in Neuengland, Mittelatlantik-Kolonien und (oberen und unteren) Süden wurde ergänzt durch eine Ost-West-Gliederung, die in den weit nach Westen reichenden Kolonien am ausgeprägtesten war. Im Zuge der Erschließung und Besiedlung bildeten sich drei Zonen mit unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozi‐ alen Gegebenheiten heraus. In den Küstengebieten und größeren Flusstälern herrschte wegen der guten Böden und günstigen Transportmöglichkeiten die kommerzielle Landwirtschaft vor, d. h. die Herstellung von Agrarprodukten für die städtischen Märkte oder den Export. Davon profitierten Pflanzer und Familienfarmer gleicherma‐ ßen, die ihren Wohlstand von Generation zu Generation mehren konnten. In dieser Zone entstanden auch die bedeutenden Städte von Boston über New York, Philadelphia und Baltimore bis Charleston, die Handel und Gewerbe an sich zogen. Unternehmer‐ Kapitel 1: Kolonien und Empire 30 <?page no="31"?> ische Naturen fanden hier die besten Aufstiegschancen, denn Geldvermögen ersetzte schon bald (zumindest in Neuengland und den Mittelkolonien) die traditionellen Status- und Rangmerkmale. In dem Maße, wie sich die Sozialstruktur ausdifferenzierte, begann sie sich aber auch zu verfestigen, und nahm die Besitzkonzentration zu. In Boston verfügten z. B. die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 1690 über 27 Prozent des zu versteuernden Vermögens, 1770 dagegen schon über 44 Prozent. Die Zeitge‐ nossen nahmen die Schichtung der Gesellschaft deutlich wahr und unterschieden zwischen der „better sort of people“, der „middling sort“ und den „lower people“. Zur Oberschicht zählten die Pflanzer und Großgrundbesitzer, die reichen Kaufleute und Schiffseigner sowie die prominentesten Angehörigen der freien Berufe wie Anwälte, Ärzte und Gelehrte. Die relativ breite Mittelschicht wurde gebildet von Lehrern und Pfarrern, Handwerkern, Händlern, Ladenbesitzern, Wirten und Gesellen. Am unteren Ende der städtischen Sozialpyramide befanden sich besitzlose Arbeiter, Seeleute und Dienstboten, deren Zahl in Boston von 1690 bis 1770 um das Vierfache anstieg, sowie indentured servants, die ihre Schiffspassage abarbeiten mussten, freie Afroamerikaner und Sklaven. Große Teile Neuenglands sowie weniger fruchtbare Gebiete im Hinterland der Mittel- und Südkolonien lassen sich einer zweiten Zone zuordnen, in der die Farmfa‐ milien nur so viel (oder wenig mehr) produzierten, als sie selbst verbrauchten. Die Sozialstruktur war in dieser Zone der Subsistenzwirtschaft entsprechend einfach, denn außer Farmern - die selten Sklaven besaßen - gab es hier nur wenige Handwerker und Händler. Allerdings nahm infolge der hohen Geburtenrate die Gruppe derjenigen zu, die kein Land erben konnten und daher ihr Glück in den Städten oder weiter im Westen an der Siedlungsgrenze suchen mussten. Unter den primitiven Bedingungen dieser Frontier-Region, die ständig in Bewegung war, lebten Trapper, die jagten und mit Indianern Pelzhandel trieben, sowie Farmer allein oder mit ihren Familien. Sie gerieten auch immer wieder, meist gegen den Willen der Regierungen, in blutige Konflikte mit Indianern, die sich von ihrem Vordringen besonders bedroht fühlten. Auf Grund dieses allmählichen Voranschiebens der Frontier, das mit dem Übergang von der Subsistenzwirtschaft zur kommerziellen Landwirtschaft verbunden war, er‐ reichte die koloniale Gesellschaft einen hohen Grad der Mobilität - sowohl horizontal (geographisch), als auch vertikal (als sozialer Aufstieg). Die Wirtschaftsstruktur blieb vorwiegend agrarisch: Ca. 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung lebte auf Farmen und Plantagen, 10-15 Prozent waren Handwerker, und die Gruppe der Kaufleute und freien Berufe machte etwa 5 Prozent aus. Die „Feudalisierungstendenzen“ an der Küste und in den Städten wurden im 18. Jahrhundert aufgewogen durch die Westwanderung, die dafür sorgte, dass die Gesellschaft „im Fluss“ blieb. Man schätzt, dass 15 Prozent der ländlichen Bevölkerung innerhalb von 10 Jahren mindestens einmal umzogen, und diese Zahl erhöht sich unter Einschluss der Neueinwanderer auf 40 Prozent. Die Hälfte bis drei Viertel aller landlosen weißen Männer erwarben im Laufe ihres Lebens Landbesitz, und nur einer von zwanzig blieb dauerhaft besitzlos. Durch diese Mobilität und Dynamik hoben sich die dreizehn Siedlungskolonien auf markante 2 Regionale, ethnische und religiöse Vielfalt 31 <?page no="32"?> Weise von den übrigen englischen Besitzungen in der Karibik und an der kanadischen Küste ab. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass gerade sie als Erste den Schritt in die Unabhängigkeit wagten. An der Schwelle zur Revolutionsepoche wies die koloniale Gesellschaft, speziell im Bereich der Werte, Normen und Mentalitäten, zwar noch deutliche aristokratisch-monarchische Merkmale auf, doch gleichzeitig verfügte sie bereits über ein beträchtliches liberales und demokratisches Potenzial. Abb. 3: Die Herkunft der nicht-indianischen Bevölkerung in den britischen Festlandskolonien (1700 - 1775) 3 Die Kolonien im Empire-Verband Regionalisierung und Differenzierung hätten dazu führen können, dass sich die einzelnen Kolonien oder doch zumindest Norden, Mitte und Süden immer weiter auseinanderentwickelten. Dieser durchaus spürbaren Tendenz zur „Fragmentierung“ wirkte die Einbindung in das entstehende „erste“ englische Weltreich entgegen. Zunächst waren die königlichen Charters weit weniger Teil eines Herrschaftsplanes gewesen als Ausfluss des Bemühens, verdiente Untertanen zu belohnen sowie religiöse und soziale Konflikte durch Auswanderung zu entschärfen. Nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Restauration der Monarchie wusste die Krone ab den 1660er Jahren den Wert, den die Festlandskolonien innerhalb des mit Hilfe der Navigation Acts ausgebauten englischen Merkantilsystems besaßen, noch besser zu schätzen. Sie trugen zur Versorgung der Karibikinseln und des Mutterlandes mit wichtigen Rohstoffen bei (die von England aus auch profitabel in andere europäische Länder weiterverkauft werden konnten), und sie stellten einen wachsenden Markt für in England hergestellte Fertigprodukte dar. Parlament und Krone bemühten sich von nun an verstärkt um administrative Kontrolle der Siedler, aber ein erster Zentralisierungsschub, der 1688 zur Zusammenfassung aller Kolonien von Massachusetts bis New Jersey im Dominion of New England führte, scheiterte kurz darauf im Zuge der Glorious Revolution. Dennoch Kapitel 1: Kolonien und Empire 32 <?page no="33"?> wuchsen die Festlandskolonien auch weiterhin politisch, wirtschaftlich, militärisch und kulturell enger in das Empire hinein. Salutary neglect und imperiale Kontrolle Nach der Revolution von 1688 / 89 bildete sich über mehrere Jahrzehnte ein lockeres Beziehungsmuster zwischen Mutterland und Kolonien heraus, das der englische Staatsmann und Philosoph Edmund Burke gegen Ende des 18. Jahrhunderts treffend als „heilsame Vernachlässigung“ (salutary neglect) charakterisierte. Allerdings ging das Verlangen nach imperialer Kontrolle nicht ganz verloren, wie sich 1696 in der Einrichtung eines Board of Trade and Plantations in London zeigte. Im selben Jahr ver‐ abschiedete das Parlament einen neuen Navigation Act, der u. a. Vizeadmiralsgerichte (Vice Admiralty Courts) in den Kolonien vorsah, die ohne Geschworene über Fälle von Schmuggel und Piraterie entscheiden konnten. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Kolonien allmählich vom Empire „absorbiert“ wurden, ist im Übergang zu dem System der royal colonies nach dem Vorbild der Karibik-Inseln zu sehen. Die meisten Festlandskolonien waren als charter colonies von Handelsgesellschaften oder als prop‐ rietory colonies von adligen Lehnsmännern gegründet worden. Diese Rechtsform, die in der Regel weitreichende Selbstverwaltungsbefugnisse beinhaltete, wurde bis 1720 mehrheitlich durch das Institut der royal colony ersetzt. Der König selbst ernannte die Gouverneure dieser „königlichen Kolonien“, und die Gouverneure wiederum umgaben sich mit Beratern, Beamten und Richtern ihrer eigenen Wahl. Außerdem war die Gesetzgebung der royal colonies einer strengeren Kontrolle durch den Board of Trade und den Privy Council in London unterworfen. Nur vier Kolonien - Pennsylvania, Maryland, Rhode Island und Connecticut - behielten ihren alten Rechtsstatus bis zur Revolution bei. Gemeinsame englische Institutionen und Kultur Neben verstärkter zentraler Kontrolle wirkten aber noch andere, möglicherweise wichtigere Elemente dem Auseinanderdriften der Kolonien entgegen. Zum einen bildete sich im politischen Leben eine gewisse institutionelle Gleichförmigkeit heraus, die auf das Vorbild des englischen Parlaments zurückzuführen ist. So gaben sich im Laufe der Zeit fast alle Kolonien ein legislatives Zweikammer-System, in dem ein vom Volk (d. h. von den Grundbesitzern und Steuerzahlern) gewähltes Unterhaus (Assembly oder House of Representatives) das Gegengewicht zum Gouverneur, zum Gouverneursrat (dem Oberhaus oder Senat) und zur königlichen Bürokratie bildete. Im Vergleich zu England war die Basis der Repräsentation sehr breit, denn trotz der Zen‐ susbestimmungen konnten im 18. Jahrhundert 50-80 Prozent der erwachsenen weißen Männer aktiv am politischen Leben teilnehmen. In Neuengland hatte jede Gemeinde (Town) das Recht, einen oder zwei Abgeordnete ins Kolonialparlament zu schicken; in der Mitte und im Süden erfolgte die Wahl auf der Ebene der Kreise (Counties) oder 3 Die Kolonien im Empire-Verband 33 <?page no="34"?> Kirchengemeinden (Parishes). Parallel zum Machtgewinn des Westminster-Parlaments trotzten die kolonialen Assemblies den Gouverneuren immer mehr Befugnisse ab, insbesondere im Steuerwesen. Sie bestanden auch, wie das englische Parlament, auf der schriftlichen Fixierung von Rechten und Privilegien, die zum Ausgangspunkt für spätere Grundrechtserklärungen (Bills of Rights) werden konnten. Von New Hampshire bis Georgia machte das Tauziehen zwischen den Parlamenten und den Gouverneuren einen wesentlichen Teil der kolonialen Politik im 18. Jahrhundert aus. Sowohl die Strukturen als auch die Praktiken und Konflikte des englischen Regierungssystems waren also den meisten Siedlern gut vertraut und bildeten sich bis zu einem gewissen Grade in Nordamerika wieder ab. Als weitere Bindemittel kamen das englische Gewohnheitsrecht (common law) und die englische Sprache hinzu. Da das gesamte Gerichtswesen auf dem common law beruhte, wurden seine Regeln auch für diejenigen Siedler verbindlich, die aus anderen, kontinentaleuropäischen Rechtskulturen kamen. Die englische Sprache mussten sie lernen, wenn sie am politischen Leben der Kolonien teilnehmen wollten. Kulturell bewahrten sich beispielsweise die Deutschen in Pennsylvania und die Niederländer in New York ein großes Maß an Autonomie, doch die Abgeordneten, die sie in die Parla‐ mente schickten, um ihre Interessen zu vertreten, waren allesamt zweisprachig. Das ebenso hartnäckige wie falsche Gerücht, Deutsch wäre beinahe die offizielle Sprache der Vereinigten Staaten geworden, geht auf historische Missverständnisse, z. T. auch auf bewusste nationalistische Propaganda im Kaiserreich und in der NS-Zeit zurück. In Pennsylvania und Maryland erschienen ab Mitte des 18. Jahrhunderts deutschsprachige Zeitungen, und die Gesetze beider Kolonien wurden sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache veröffentlicht. Alle Parlamentsdebatten fanden aber auf Englisch statt, und wer über das Geschehen in den Kolonien und Europa informiert sein wollte, der tat gut daran, eine der bedeutenden englischsprachigen Zeitungen zu abonnieren. Solche „Gazetten“ wurden kostenlos vom Postdienst befördert, den die englische Kolonialverwaltung seit 1710 aufbaute und den Benjamin Franklin als königlicher Postmaster General in den 1750er Jahren wesentlich erweiterte. In einer Zeit, als die Kutschfahrt von New York nach Philadelphia drei Tage oder länger dauerte, waren solche Verbindungen für das Zusammengehörigkeitsgefühl besonders wichtig. Die gebildeten Kolonisten verstanden sich als Angehörige einer transatlantischen Kulturgemeinschaft und nahmen durchaus aktiv an den geistigen Bewegungen und Auseinandersetzungen der Europäer teil. Das betraf die Aufklärung, die in Philadelphia besonders starke Resonanz fand, ebenso wie den Pietismus, der das Great Awakening beeinflusste. Viele Söhne wohlhabender Familien absolvierten ihr Studium in England, und die neueste englische und französische Literatur erreichte in relativ kurzer Zeit amerikanische Leser. Besondere Aufmerksamkeit fanden - neben den Werken von Blackstone, Hume und Montesquieu - englische politische Schriftsteller, die das Zeitgeschehen kritisch kommentierten. Bezeichnenderweise wurde in Neuengland und den Mittelkolonien die radikale Form dieser Kritik (vorgetragen von den Real Whigs und Commonwealthmen) stärker rezipiert als ihre gemäßigte Variante in Form Kapitel 1: Kolonien und Empire 34 <?page no="35"?> der Country-Ideologie eines Lord Bolingbroke, die dafür im Süden besser ankam. Ob diese intellektuellen Einflüsse allerdings schon ein amerikanisches Sonderbewusstsein entstehen ließen oder ob sie das gemeinsame englische Erbe festigten, ist schwer zu ermessen. In Philadelphia, das sich nach 1720 zur kulturellen Hauptstadt der Festlandskolonien entwickelte, wurden aufklärerische Ideen am entschiedensten in praktische Neuerun‐ gen umgesetzt. Diese Vorrangstellung der Quäker-Kolonie ist eng mit der Person Benjamin Franklins verbunden, der nach der Jahrhundertmitte, als er sich lange Zeit in diplomatischer Mission in London und Paris aufhielt, zur Leitfigur einer praktisch-ge‐ mäßigten amerikanischen Aufklärung avancierte. Franklin neigte seit seiner ersten Englandreise 1724 / 25 dem Deismus zu, verzichtete aber auf religiöse Spekulation und konzentrierte sich auf sein berufliches Fortkommen. Im Poor Richard’s Almanack säkularisierte er ab 1732 calvinistische Tugenden und übermittelte den Zeitgenossen Verhaltensregeln und Lebensweisheiten, die zu einem Leitfaden für den amerikani‐ schen self-made man wurden. Nach dem Aufstieg zum angesehensten Buchdrucker und Zeitungsverleger Nordamerikas konnte er sich 1748 aus dem Geschäftsleben zurückziehen und seinen wissenschaftlichen und politischen Interessen widmen. Große Bedeutung für die Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts erlangten die von ihm 1743 organisierte American Philosophical Society, die Library Company als erste öffentliche Bibliothek in den Kolonien sowie das College of Philadelphia. Um Franklin bildete sich ein Kreis von Aufklärern, aus dem der Astronom David Rittenhouse, der Arzt Benjamin Rush, der Literat Francis Hopkinson und die Künstler Benjamin West und Charles Willson Peale herausragten. Sie hielten Verbindung mit gleich gesinnten Persönlichkeiten und Gruppen in den anderen Kolonien und korrespondierten mit aufklärerischen Organisationen und wissenschaftlichen Akademien in Europa. In der ebenso vitalen wie toleranten und weltlich geprägten Atmosphäre Philadelphias vollzog sich die Gleichsetzung von Amerika, naturwissenschaftlicher Erkenntnis und sozialem Fortschritt, die das öffentliche Bewusstsein der Revolutionsepoche prägen sollte. Das puritanische Neuengland konnte auf diesem Gebiet trotz des relativ hohen Bildungsniveaus nicht ganz mithalten: Erst 1780 gründete der Rechtsanwalt und Politiker John Adams in Boston die American Academy of Arts and Sciences als Gegenstück zur American Philosophical Society. Die Kolonien im englischen Merkantilsystem Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kolonien und Mutter‐ land auf das Bewusstsein der Siedler lassen sich kaum eindeutig bestimmen. Ihre zunehmende Dichte und Intensität besagen noch nicht, dass sie den Zusammenhalt der Kolonisten förderten. Die Zahlen sind allerdings eindrucksvoll: 1760 engagierte sich die Hälfte der englischen Flotte im Amerikahandel, und die Festlandskolonien, deren Bevölkerung seit 1700 von 250.000 auf über 2 Millionen angestiegen war, nahmen 25 Prozent der englischen Exporte auf. Hatte die gemeinsame Wirtschaftsleistung der 3 Die Kolonien im Empire-Verband 35 <?page no="36"?> Kolonien um 1700 noch 5 Prozent derjenigen des Mutterlandes betragen, so stieg dieser Prozentsatz bis zur Unabhängigkeitserklärung auf ca. 40 Prozent an. Andererseits blieben die einzelnen Kolonien in dem monopolartigen System der Navigation Acts vorrangig auf das Mutterland hin ausgerichtet: Besonders wertvolle enumerated goods wie Tabak, Reis, Indigo, Wolle und Pelze durften nur an das Mutterland verkauft wer‐ den; alle Güter, die aus Europa eingeführt wurden, mussten via England transportiert werden; und den Kolonien war gesetzlich verboten, bestimmte Produkte wie Kleidung, Hüte und Eisen herzustellen und zu exportieren, die mit englischen Waren konkur‐ rierten. Eine wirkliche regionale Arbeitsteilung und wechselseitige Ergänzungen konnten unter solchen Umständen nicht zustande kommen. Der Austausch zwischen den dreizehn Kolonien lag um die Mitte des 18. Jahrhunderts zwar immerhin bei 25 Prozent des Gesamtvolumens, aber der Außenhandel mit der Karibik und England war nach wie vor Motor des Wachstums, denn nur hier konnte man das für zusätzliche Investitionen benötigte Hartgeld verdienen. Daraus erwuchsen Rivalitäten zwischen benachbarten Kolonien, die um einen möglichst großen Anteil am Handelsaufkommen konkurrierten. Kriege für das Empire Ambivalenter Natur scheinen auch die Folgen gewesen zu sein, die sich aus der Beteiligung der Siedler an militärischen Unternehmungen der englischen Krone erga‐ ben. Diese Praxis begann bereits im Pfälzischen Krieg von 1689-1697, mit dem das englisch-französische Ringen um die Vorherrschaft eröffnet wurde und der in Nord‐ amerika als King William’s War seinen Widerhall fand. Sie setzte sich im Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1713 (Queen Anne’s War) fort und erreichte einen ersten Höhepunkt während des Österreichischen Erbfolgekrieges von 1740 bis 1748 (King George’s War). Stets unterstützten koloniale Milizen die regulären britischen Truppen im Kampf gegen Franzosen, Spanier und Indianer, und in der Karibik beteiligten sich amerikanische Freibeuter (privateers) am Kaperkrieg der Seemächte. Wenig deutet aber darauf hin, dass sich aus diesen Aktivitäten ein eigenständiges amerikanisches Bewusstsein, eine vom Mutterland separate Identität ergeben hätte. Zunächst scheinen sie eher das emotionale Band zur Krone und zum jeweiligen englischen König als dem „obersten Kriegsherrn“ noch gefestigt zu haben. Als 1752 bewaffnete Zusammenstöße im Ohio-Tal eine neue Runde des Hegemonialkampfes ankündigten, versuchte Franklin vergeblich, die Kolonien mit seinem Albany Plan of Union von 1754 auf eine gemein‐ same Sicherheitspolitik zu verpflichten. In dem Krieg, der wenig später ausbrach, war die Loyalität der einzelnen Kolonien und ihrer Milizen zur Krone niemals gefährdet, und 1760 feierten die Siedler fast überschwänglich die Thronbesteigung ihres neuen, jugendlichen Königs George III. Dennoch wurde dieser Siebenjährige Krieg, der in den Kolonien wieder einen eigenen Namen erhielt (French and Indian War), in vieler Hinsicht zum Auslöser der amerikanischen Unabhängigkeit. Kapitel 1: Kolonien und Empire 36 <?page no="37"?> Im Juli 1754 erlebte der 22-jährige Major George Washington an der Spitze der virginischen Miliz bei Fort Duquesne, im Gebiet des heutigen Pittsburgh, seine Feuer‐ taufe. Ein Jahr später erlitt er an der Seite eines englischen Generals in derselben Gegend eine schwere Niederlage gegen die Franzosen, die den Krieg letztlich auslöste. In Europa begannen die Feindseligkeiten 1756 mit dem renversement des alliances, bei dem Engländer und Franzosen ihre traditionellen Verbündeten „austauschten“. Frankreich wandte sich von Preußen ab und sagte Österreich seine Unterstützung bei der Rückeroberung Schlesiens zu, während England Habsburg fallen ließ und sich hinter den ehemaligen Gegner Preußen stellte, um eine französische Hegemonie auf dem Kontinent zu verhindern. Das Hauptinteresse des führenden englischen Ministers William Pitt galt aber nicht Preußen, sondern es ging ihm in erster Linie darum, französische Kräfte in Europa zu binden, um die alte Rivalität in Übersee zu Gunsten des eigenen Landes zu entscheiden. Alle Gebiete, in denen die Einflusssphären der beiden Mächte zusammenstießen, wurden deshalb zu Kriegsschauplätzen: Nordamerika, die Karibik, Westafrika, Indien und - als Spanien unklugerweise 1761 noch an der Seite Frankreichs in den Krieg eintrat - auch die Philippinen. Nach französischen Anfangserfolgen konnten die Engländer dank besserer Planung und Logistik überall zum Gegenangriff übergehen und entscheidende Siege erringen. Nirgends war das deutlicher zu erkennen als in Nordamerika, wo die Franzosen im 17. Jahrhundert ein Kolonialreich (La Nouvelle France und Louisiana) geschaffen hatten, das sich - zumindest was die Rechtsansprüche betraf - von Kanada bis zur Mündung des Mississippi erstreckte. Entscheidend für den Kriegsausgang war im September 1759 die Eroberung der stark befestigten Stadt Quebec durch den englischen General James Wolfe, der eine 10.000 Mann starke Armee von Neuschottland herangeführt hatte (und der in dem Kampf ebenso fiel wie sein französischer Gegner Marquis de Montcalm). Im nächsten Frühjahr marschierten Briten und amerikanische Kolonisten von Norden und Süden auf Montreal und zwangen den französischen Gouverneur zur Übergabe Neu-Frank‐ reichs. Im Frieden von Paris 1763 erhielt England ganz Kanada sowie sämtliche Gebiete östlich des Mississippi mit Ausnahme der Stadt New Orleans. Im Süden musste Spanien Florida im Austausch für Kuba abtreten, das die Engländer 1762 erobert hatten. Als Entschädigung überließen die Franzosen den Spaniern New Orleans und das Land westlich des Mississippi, das sie ihnen als Preis für den Kriegseintritt versprochen hatten. Fortan verwalteten die Spanier das gesamte Gebiet unter dem Namen Louisiana von New Orleans aus. Damit war die Existenz des französischen Kolonialreiches in Nordamerika beendet. Die Engländer feierten einen der größten Triumphe ihrer Geschichte, doch gerade der Kriegsausgang in Nordamerika sollte sich rasch als eine Art Pyrrhus-Sieg erwei‐ sen. Zum einen brachte er latente Animositäten und emotionale Gegensätze an die Oberfläche, die sich zwischen den Menschen im Mutterland und in den Kolonien aufgebaut hatten. Während die englischen Offiziere und Beamten klagten, dass ihnen die Siedler nicht den gebührenden Respekt entgegenbrächten und dass es ihnen an 3 Die Kolonien im Empire-Verband 37 <?page no="38"?> Bildung und Manieren mangele, fühlten sich die Amerikaner herablassend und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Das traf sie umso härter, als sie in den vergange‐ nen Jahrzehnten - unter dem Einfluss der europäischen Aufklärungsliteratur - das positive „Selbstimage“ eines einfachen, rustikalen, unverdorbenen Volkes entwickelt hatten. Sie rechneten sich die „typischen“ kolonialen Tugenden zu: kraftvoll, energisch und unverbildet; streitbar, aber freiheitsliebend; wohlhabend, aber unberührt von Luxussucht. Gleichzeitig stärkte die Beteiligung an den erfolgreichen Feldzügen ihr Selbstbewusstsein und ihre Überzeugung, nach der Beseitigung der „französischen Gefahr“ für die eigene Sicherheit sorgen und ein American Empire im Westen aufbauen zu können. Karte 2: Die 13 Kolonien bis 1763 Kapitel 1: Kolonien und Empire 38 <?page no="39"?> Das Gefühl der Entfremdung wurde durch den Versuch William Pitts, seine Vision eines rational organisierten und zentral gelenkten Empire zu verwirklichen, noch gesteigert. Seine straffe Empire-Politik war darauf ausgerichtet, alten, nur noch halb‐ herzig befolgten merkantilistischen Regulierungen wieder die gebührende Geltung zu verschaffen. Insbesondere sein Bemühen, den schwungvollen Handel der Kolonien mit den französischen Karibikinseln als Schmuggel und „Verrat“ zu unterbinden, gefährdete die wirtschaftliche Existenz so manches amerikanischen Kaufmannes. Der Premierminister wurde zwar 1761, noch vor dem Friedensschluss, vom König entlassen, weil er die Staatsverschuldung durch seine Kriegsausgaben fast verdoppelt und auf die unerhörte Höhe von 133 Millionen Pfund Sterling getrieben hatte. Mit dieser Schuldenlast hinterließ er allerdings ein Erbe, das, wie sich bald zeigen sollte, die größte Sprengkraft für die Empire-Beziehungen barg. Um nämlich die finanzielle Belastung der unruhigen englischen Bevölkerung in Grenzen zu halten - allein für Zinsen mussten jährlich 5 Millionen Pfund aufgebracht werden, für die Truppen auf den Karibikinseln und in den Festlandskolonien 200.000 Pfund -, suchten George III. und seine Berater nach neuen Einnahmequellen. Amerika bot sich an, denn man hatte, so wurde am Hof und im Parlament argumentiert, den Krieg doch nicht zuletzt zum Schutz der Siedler geführt, die ohnehin viel weniger Steuern zahlten als die Bürger im Mutterland. Von diesem Entschluss nahm die „imperiale Debatte“ über Besteuerung, Repräsentation und Souveränität ihren Ausgang, die innerhalb weniger Jahre die Bindungen löste, die über mehr als ein Jahrhundert entstanden waren. 3 Die Kolonien im Empire-Verband 39 <?page no="41"?> Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 1 Die imperiale Debatte, 1763 - 1774 Am Ende des Siebenjährigen Krieges verstanden sich die meisten Siedler durchaus noch als treue Untertanen der Krone und betrachteten ihre Kolonien als feste Bestandteile des britischen Empire. Allerdings hatte die Erkenntnis zugenommen, dass „Amerika“ in diesem Weltreich einen besonderen, hervorgehobenen Platz einnahm und dass die „Amerikaner“ eine Reihe von Belangen und Überzeugungen teilten, die von denen der Engländer abwichen. Handfeste Interessen gerieten zuerst im Westen in Gefahr, wo sich die Indianer als die eigentlichen Leidtragenden der französischen Niederlage - sie machte die Fortsetzung ihrer bisherigen Neutralitäts- und „Schaukelpolitik“ zwischen den Kolonialmächten unmöglich - nun dem weiteren Vordringen weißer Siedler gewaltsam widersetzten. 1763 schlossen sich im Ohio-Tal und im Gebiet der Großen Seen mehrere Stämme unter dem Ottawa-Häuptling Pontiac zusammen und begannen einen Aufstand, der bis 1766 andauerte. Um den Konflikt einzudämmen, entschloss sich die Krone, der weiteren Ausdehnung des Siedlungsgebiets und der Landspekulation einen Riegel vorzuschieben. Durch königliche Proklamation wurde im Oktober 1763 die Wasserscheide des Appalachen-Gebirges als temporäre Grenze festgesetzt und den weißen Untertanen Seiner Majestät verboten, westlich dieser Linie zu siedeln. Die permanente Stationierung von ca. 10.000 britischen Soldaten in Nordamerika konnte unter diesen Umständen ohne weiteres auch als eine Vorsichtsmaßnahme gegen koloniale Expansions- und Unabhängigkeitsbestrebungen verstanden werden. Die Reformen, mit denen die Regierung Grenville die Politik des salutary neglect beendete, um die Empire-Verwaltung zu straffen und die Staatsfinanzen zu verbessern, fielen ungünstigerweise in eine Rezessionsphase, die den Kriegsboom in den Kolonien abgelöst hatte. Als erste Maßnahme im Rahmen der neuen Strategie traten 1764 der Sugar Act und der Currency Act in Kraft, die dazu gedacht waren, wenigstens 50 Prozent des schon seit langem offiziell erhobenen Importzolls für Zucker von den französischen Karibikinseln auch tatsächlich einzutreiben und die unkontrollierte, inflationsfördernde Papiergeldausgabe einzelner Kolonialparlamente zu unterbinden. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich aber ab, dass in den Kolonien nicht so sehr die zusätzliche finanzielle Belastung als die den Gesetzen innewohnende generelle Tendenz zur verstärkten imperialen Kontrolle den Stein des Anstoßes bildete. So be‐ haupteten die Kritiker, das englische Parlament dürfe zwar im Sinne der Navigation Acts den kolonialen Handel regulieren, nicht jedoch, wie mit dem Sugar Act geschehen, Zoll‐ gesetze zur Steigerung der Staatseinkünfte verabschieden. Der Bostoner Anwalt James Otis vertrat in einer Flugschrift sogar die Auffassung, das Parlament sei überhaupt nicht befugt, die Kolonien ohne deren Zustimmung zu besteuern. Damit wandte er sich gegen <?page no="42"?> Grenvilles Theorie der „virtuellen Repräsentation“, derzufolge das Parlament (verstan‐ den als Gesamtheit von King, Lords und Commons) sämtliche englischen Untertanen, also auch die Kolonisten, vertrat und deren Zustimmung zu Parlamentsbeschlüssen einfach voraussetzen konnte. Hier offenbarte sich eine folgenreiche Auseinanderent‐ wicklung der englischen und der kolonialen Repräsentationspraxis: Während man in England inzwischen davon ausging, dass der Parlamentsabgeordnete nicht seinen Wählern, sondern der Gesamtheit gegenüber verantwortlich war, also ein „freies Mandat“ besaß, tendierten die Kolonien zum „imperativen Mandat“: Die Abgeordneten in den Assemblies vertraten unmittelbar ihre Wähler bzw. die Gemeinden, von denen sie entsandt und gelegentlich sogar mit bindenden Instruktionen ausgestattet wurden. Die Siedler wollten sich deshalb weder mit einer virtuellen Repräsentation noch mit einer Scheinrepräsentation in Form einiger Alibi-Delegierter abfinden, die - wie Benjamin Franklin - das Westminster-Parlament in kolonialen Angelegenheiten berieten. Da sie kaum Hoffnung hatten, jemals „tatsächlich“ und gerecht in London vertreten sein zu können, lief ihr Argument „no taxation without representation“ nicht auf eine Reform des Parlaments, sondern auf die Rückkehr zum Status quo der Vorkriegszeit hinaus. Die Stamp Act-Krise Vor diesem Hintergrund traf das 1765 verabschiedete Steuermarken-Gesetz (Stamp Act) den Nerv der Beziehungen zwischen Kolonien und Mutterland und trieb den Konflikt auf einen ersten Höhepunkt. Von dieser Steuer, die nicht nur für alle Schriftstücke mit rechtlicher Bedeutung, sondern auch für Kalender, Zeitungen, Druckschriften und sogar für Karten- und Würfelspiele erhoben wurde, erhoffte sich die englische Regierung Einkünfte in Höhe von 60.000 Pfund Sterling (umgerechnet auf heutige Preise 5 Millionen Dollar). Es handelte sich um die erste direkte Steuer, die London den Kolonien auferlegte, und sie diente noch dazu explizit der Verbesserung der Haushaltslage. Ominös aus amerikanischer Sicht war auch der Umstand, dass zur Eintreibung der Steuer in den Kolonien eine eigene königliche Bürokratie aufgebaut werden sollte, dass die Vizeadmirals-Gerichte, die ohne Geschworene urteilten, Ver‐ stöße gegen das Gesetz ahnden sollten und dass - gewissermaßen als „flankierende Maßnahme“ - ein Quartering Act erlassen wurde, der die Assemblies verpflichtete, für die Unterbringung der britischen Truppen Sorge zu tragen. Die Regierung Grenville suchte also bewusst die Kraftprobe mit den Kolonien, um sie zur Anerkennung der Autorität und Souveränität des Parlaments zu zwingen. Nach kurzem Zögern nahmen die Siedler den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, wobei ihre Führer - die sich Whigs oder patriots nannten - aber eine Kompromissformel suchten, die es den Kolonien erlaubte, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln, ohne aus dem Verbund des Empire ausscheiden zu müssen. Die Opposition manifes‐ tierte sich in dreifacher Weise: Auf der politischen Ebene erhoben die Assemblies, allen voran das Unterhaus von Virginia, Protest gegen das „verfassungswidrige“ Steuermarkengesetz und betonten den Grundsatz, dass nur sie selbst befugt seien, Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 42 <?page no="43"?> in den Kolonien Steuern zu erheben. Das Massachusetts-Parlament ergriff überdies die Initiative zu einem interkolonialen Stamp Act Congress, an dem im Oktober 1765 in New York City 28 Delegierte aus neun Kolonien teilnahmen. Sie verabschiedeten Resolutionen, die den kolonialen Rechtsstandpunkt bekräftigten und Angriffe auf ihre „Rechte und Freiheiten“ zurückwiesen, und sie baten das Westminster-Parlament in ei‐ ner ausgesucht höflichen Petition um die Annullierung des Stamp Act. Im Unterschied zu diesem maßvollen Vorgehen machte sich der Unmut der Bevölkerung in einer Welle von Protesten Luft, die teils auf symbolische Weise Widerstand ankündigten, etwa durch die Errichtung von Freiheitsbäumen (liberty poles) und die Verbrennung von Puppen, die Steuerbeamte oder englische Politiker darstellten (burning in effigy), teils aber auch schon gewaltsame Formen annahmen und von handgreiflichen Attacken gegen Steuerbeamte bis hin zur Zerstörung ihrer Häuser und zur Praxis des „Teerens und Federns“ reichten. Zumeist wurden diese Massendemonstrationen gut vorbereitet und gelenkt von „patriotischen“ Organisationen, insbesondere den Sons of Liberty, die sich aus Kreisen der Handwerkerschaft in allen bedeutenden Orten entlang der Küste bildeten. Es kam aber auch vor, dass ihnen die Kontrolle der „mobs“ entglitt, die dann zu einer Gefahr für die gesamte öffentliche Ordnung werden konnten. Angeheizt und begleitet wurden alle diese Aktionen von einer heftigen Pressekampagne, für die hauptsächlich die Drucker der etwa 30 kolonialen Zeitungen verantwortlich zeichne‐ ten, die sich von der Stempelsteuer besonders hart betroffen fühlten. In wirtschaftlicher Hinsicht schließlich erwiesen sich die hauptsächlich von Kaufleuten initiierten Boy‐ kotte englischer Waren als äußerst wirksam. Sie steigerten nicht nur die Solidarität der Bevölkerung, die ihren „Patriotismus“ durch demonstrativen Verzicht auf Einfuhrgüter und das Bemühen um Selbstversorgung, speziell bei Tuchen, beweisen konnte; sie übte auch spürbaren Druck auf die englischen Kaufleute und indirekt - durch deren Klagen und Proteste - auf die englische Öffentlichkeit und Regierung aus. Die Stamp Act-Krise brachte also schon fast alle wesentlichen Widerstandsformen hervor, die koloniale Elite und Volk, Küste und Hinterland miteinander verbanden und die in ihrer Kombination die Aufstandsbewegung gegen das Mutterland kennzeichneten. Die Reaktionen in England offenbarten ebenfalls ein Muster, das sich bis 1774 mehrfach wiederholen sollte. Aus den wachsenden inneren Spannungen, die sich gegen Ende der 1760er Jahre in den Unruhen um den radikalen Parlamentsabgeordneten John Wilkes entluden, resultierte eine politische Instabilität, die häufige Regierungswechsel zur Folge hatte und zum Schwanken zwischen Konzessionen und Härte verleitete. Sowohl in der Bevölkerung als auch im Parlament gab es Kräfte, die Mäßigung und Ausgleich mit den Kolonien befürworteten; die Vertreter einer harten Linie, zu denen mehr und mehr auch der König selbst gehörte, kamen ihnen aus taktischen Gründen zeitweise entgegen, behielten in entscheidenden Momenten aber doch stets die Oberhand. So setzte das Parlament zwar 1766 - mit Rücksicht auf die englischen Kaufleute und angesichts der Tatsache, dass die Steuerbeamten in den Kolonien längst resigniert hatten - den Stamp Act offiziell außer Kraft; gleichzeitig bekräftigten die Abgeordneten aber auf Veranlassung des neuen Premierministers Lord Rockingham in 1 Die imperiale Debatte, 1763 - 1774 43 <?page no="44"?> einem Declaratory Act das Recht des Parlaments, „to make laws binding the colonies in all cases whatsoever“. Durch dieses Beharren auf der Doktrin der unteilbaren Souveränität wurde aus dem Steuerkonflikt endgültig ein Prinzipienstreit, bei dem die Autorität der englischen Regierung und des Parlaments auf dem Spiel stand. Wenn die Empire-Reformer auch in einem konkreten Punkt nachgegeben hatten, so hielten sie doch an ihrer prinzipiellen Absicht fest, die Kolonien untrennbar in ein besser organisiertes, machtvolles englisches Staatswesen einzubinden. Townshend-Zölle, „Boston Massacre“ und Bostoner „Tea Party“ Bereits ein Jahr später, 1767, unternahm das Parlament einen neuen Vorstoß, indem es eine ganze Reihe von Gütern, die englische Kaufleute nach Amerika einführten, darun‐ ter Tee, mit Zöllen belegte. Diese nach dem verantwortlichen Schatzkanzler Townshend duties genannten Abgaben waren wiederum nur Teil der geplanten umfassenden Ver‐ waltungsreform in den Kolonien, die auf eine Stärkung der königlichen Gouverneure und deren Beamtenschaft zu Lasten der schwer kontrollierbaren Assemblies abzielte. Als Antwort darauf ließen die Patrioten die Unterscheidung zwischen internal taxes (Steuern) und external taxes (Zöllen) fallen, die es bislang ermöglicht hatte, dem Parlament noch gewisse Befugnisse in der Handelsregulierung zuzugestehen. Dies war die Botschaft der populären Essay-Serie, die John Dickinson ab November 1767 als Letters from a Farmer in Pennsylvania veröffentlichte und die in der Warnung vor einer „Tragödie der amerikanischen Freiheit“ gipfelte. Obwohl die Proteste und Boykotte wieder weite Teile des Landes erfassten, verlagerte sich der Brennpunkt des Geschehens nun zunehmend nach Massachusetts, dessen Parlament 1768 nach einem besonders heftigen Einspruch gegen die „Verletzung der natürlichen und verfassungs‐ mäßigen Rechte der Kolonisten“ auf Geheiß Londons von Gouverneur Francis Bernard aufgelöst wurde. In Boston kam im Kreis um den radikalen Agitator Samuel Adams, einen ehemaligen Steuereinzieher, auch erstmals die Forderung nach Unabhängigkeit von England auf, vor der gemäßigte Patrioten zu dieser Zeit noch zurückschreckten und die konservative Anhänger von Recht und Ordnung erschauern ließ. Verschärft wurde die Lage in Boston noch durch die Stationierung britischer Soldaten, die immer wieder mit Zivilisten aneinander gerieten. Eine dieser Konfrontationen endete im März 1770 im so genannten Boston Massacre, dem fünf Demonstranten zum Opfer fielen. Obwohl die Soldaten eher aus Verwirrung und nicht, wie die Patrioten umgehend behaupteten, vorsätzlich und auf Befehl ihrer Offiziere geschossen hatten, gab der Vorfall Anlass zu einem Märtyrerkult, der den Hass auf die Engländer schürte. Vor Gericht wurden die britischen Offiziere und Todesschützen allerdings erfolgreich von Samuel Adams’ Cousin John Adams verteidigt, der in dieser Phase noch zu den moderaten Patrioten zählte. Einen Monat nach dem „Massaker“ traf allerdings die Nachricht ein, der neue Pre‐ mierminister Lord North habe unter dem Eindruck der erfolgreichen amerikanischen Boykottbewegung die Rücknahme der Townshend-Zölle durchgesetzt. Bestehen blieb Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 44 <?page no="45"?> einzig der Teezoll, als Wink an die Kolonisten, dass sich der britische Rechtsstandpunkt nicht geändert hatte. Der Boykott bröckelte daraufhin ab, und die Abgabe auf Tee wurde durch illegale Einfuhr niederländischen Tees weitgehend umgangen. In der Phase der relativen Ruhe, die nun eintrat, beauftragte das Bostoner Town Meeting Ende 1772 ein Korrespondenzkomitee unter Vorsitz von Samuel Adams, Verbindung mit den Gemeinden im Hinterland von Massachusetts aufzunehmen. Das Unterhaus von Virginia folgte dieser Praxis und dehnte sie auf die interkoloniale Ebene aus, so dass rasch ein alle Kolonien übergreifendes Kommunikationsnetz entstand. Davon profitierten die Patrioten, als die englische Regierung im Mai 1773 mit dem Tea Act erneut Öl in die schon fast erloschenen Flammen goss. Das Gesetz war in erster Linie dazu gedacht, die East India Company vor dem Bankrott zu bewahren, indem es ihr verbilligte Teeimporte nach Amerika gestattete. Aus Sicht der Patrioten stand zu befürchten, dass die Gesellschaft selbst bei Berücksichtigung des Einfuhrzolls den Preis für niederländischen Tee unterbieten und ein Monopol erlangen würde. Als Ende 1773 drei Teeschiffe in den Bostoner Hafen einliefen, verweigerte das Town Meeting die Zollabgabe und die Entladung. In der Nacht zum 17. Dezember enterten etwa 60 als Indianer verkleidete Sons of Liberty die Schiffe und warfen die Teeballen im Wert von 10.000 Pfund Sterling in das Hafenwasser. Diese Provokation konnte die Londoner Re‐ gierung nicht hinnehmen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren. Der König hielt denn auch die Zeit für gekommen, Härte zu demonstrieren, und das Parlament beschloss im Frühjahr 1774 ein ganzes Bündel von Zwangsmaßnahmen, die Massachusetts praktisch unter ökonomische Quarantäne stellten und politisch entmündigten. Hinzu kam im Juni noch der Quebec Act, der ursprünglich nicht als Strafe gedacht war, der aber wegen der Gewährung religiöser Freiheiten an die katholischen Siedler in Kanada und vor allem wegen der Gebietserweiterung der Kolonie Quebec bis in das Ohio-Gebiet hinein als zusätzlicher Schlag gegen Massachusetts und die Amerikaner insgesamt verstanden wurde. Die Korrespondenzkomitees trugen sehr dazu bei, dass diese von den Patrioten als Intolerable Acts gebrandmarkten Gesetze überall in den Kolonien eine Welle von Solidarität mit Massachusetts auslösten. Anstatt das vom Bostoner Komitee vorgeschlagene umfassende Handelsembargo gegen England zu verhängen, beriefen die Kolonien aber zunächst nur einen allgemeinen Kongress für September 1774 nach Philadelphia ein. Mit Blick auf die inzwischen wieder günstige Wirtschaftslage konnten sich die Kaufleute in den Mittelkolonien nicht recht für Boykottmaßnahmen erwärmen, und die gemäßigten Patrioten wollten die Hoffnung auf Ausgleich noch nicht fahren lassen. Die unvereinbaren Rechtsstandpunkte und die in der Bevölkerung geweckten Emotionen drängten aber in Richtung einer weiteren Eskalation des Konflikts. Der Erste Kontinentalkongress Am Kontinentalkongress, der im September / Oktober 1774 in Philadelphia tagte, nahmen 55 Delegierte aus zwölf Festlandskolonien teil, darunter 30 Anwälte und Richter sowie neun Kaufleute, immerhin aber auch vier Handwerker. Nicht vertreten 1 Die imperiale Debatte, 1763 - 1774 45 <?page no="46"?> waren Georgia, die kanadischen Besitzungen Neuschottland, Neufundland und Quebec und das seit 1763 englische Florida. Da die königlichen Gouverneure bereits mehrere Parlamente aufgelöst hatten, waren die meisten Delegierten von extra-legalen und illegalen Komitees und Konventen gewählt worden, die in weiten Teilen des Landes die faktische Regierungsgewalt übernommen hatten (und nicht selten Gesinnungsterror gegen Andersdenkende ausübten). Im Kongress setzte sich die radikale Fraktion, vertreten durch die Neuengländer Samuel Adams und John Adams und die Virginier Patrick Henry und Richard Henry Lee, gegen die gemäßigten Kräfte aus den Mittel‐ kolonien um John Dickinson und Joseph Galloway durch, die politischen Umsturz und „Mobherrschaft“, wirtschaftliches Chaos und eine Niederlage gegen die Briten vorhersagten. Die Radikalen vermieden das Wort „independence“, machten sich aber den Druck der öffentlichen Meinung geschickt zu Nutze, um die Kongressmehrheit auf einen kämpferischen Kurs festzulegen. In einer Grundsatzerklärung (Declaration of Colonial Rights and Grievances) beschwor der Kongress an vorderster Stelle die „unveränderlichen Gesetze der Natur“ und danach erst die englischen Verfassungsga‐ rantien und die Charter-Rechte der Kolonien. Abgelehnt wurde der Vorschlag Joseph Galloways, als Alternative zum Wirtschaftskrieg Gespräche mit den Briten über eine grundlegende Verfassungsreform zu suchen, die den Kolonien Gleichberechtigung im Empire garantierte. Stattdessen beschlossen die Delegierten, den bedrängten Neueng‐ ländern mit einer Continental Association zur Hilfe zu kommen, die alle Kolonien zur schrittweisen Verschärfung der Boykottmaßnahmen gegen England bis hin zum völligen Abbruch des Handels (einschließlich des Sklavenimports) verpflichtete. Bevor sich der Kongress auf Mai 1775 vertagte, richtete er noch eine eindringliche Petition an den König und ermahnte die Bevölkerung von Großbritannien, Amerika und Quebec zu Wachsamkeit und zur Besinnung auf die Bürgertugenden. Die ideologischen Ursprünge der Revolution Der Gesinnungswandel, der aus treuen Untertanen der Krone Patrioten und Rebel‐ len machte, hatte sich erstaunlich rasch vollzogen. John Adams bezeichnete diesen intellektuellen Prozess rückblickend als den eigentlichen Kern des Geschehens. Die Revolution, so schrieb er 1815 an Thomas Jefferson, habe in den Köpfen der Menschen stattgefunden, und sie sei schon abgeschlossen gewesen, bevor 1775 bei Lexington und Concord Blut vergossen wurde. Diese Beobachtung trifft insofern zu, als die Ursprünge des britisch-amerikanischen Disputs, wie der Historiker Bernard Bailyn nachgewiesen hat, in erster Linie geistig-ideologischer Natur waren. Das beharrliche Pochen auf die „alten englischen Rechte“ diente nicht der Verschleierung materieller Interessen, wenngleich diese sicher auch eine Rolle spielten. Den unerlässlichen Nährboden für die Widerstandshaltung bildete vielmehr ein Geflecht von Denkgewohnheiten, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, das in tiefere Bewusstseinsebenen hinein‐ reichte und breite soziale Schichten beeinflusste. Die gebildeten Kolonisten schöpften ihre Argumente und Konzepte aus vielen Quellen: aus den Werken englischer Juris‐ Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 46 <?page no="47"?> ten wie Sir Edward Coke und William Blackstone; aus der liberalen Natur- und Vertragsrechtslehre John Lockes; aus der Literatur der Aufklärung, speziell in der Variante des schottischen Utilitarismus. Ganz besonders empfänglich waren sie selbst und ihr Publikum aber für die Maximen der englischen Oppositionsliteratur, deren beide Elemente - das radikale aus John Trenchards und Thomas Gordons Cato’s Letters und das konservativ-nostalgische des Patriot King von Lord Bolingbroke - in ihrem Bewusstsein zu einer verhältnismäßig geschlossenen Weltanschauung, zu einer spezifisch amerikanischen Country-Ideologie verschmolzen. Sie diente als Rahmen, in den sich alle anderen, oft widersprüchlichen Denkmuster und geistigen Strömungen einfügen ließen, und der die Orientierung erleichterte, wenn nicht erst ermöglichte. Im Lichte dieser Ideologie mit ihrem extremen Machtmisstrauen, ihrer Hochschätzung der klassisch-römischen Bürgertugend (virtue) und ihren Warnungen vor einem unmerklichen, schleichenden Verlust der Freiheit reimten sich die Ereignisse seit 1763 zu einem logischen Ganzen, zu einer von langer Hand geplanten, weit verzweigten und systematisch vorangetriebenen Verschwörung gegen die Kolonien zusammen. Die neuen Steuern, das Insistieren der Briten auf der absoluten Parlamentssouveränität, der Ausbau der Kolonialverwaltung, die Verlegung von Truppen in die Städte und schließlich die harte Bestrafung von Massachusetts - all das waren keine Reformen, sondern Anhaltspunkte für einen generellen Anschlag auf das Selbstbestimmungsrecht der Kolonisten, auf einen „deliberate, systematic plan of reducing us to slavery“, wie es der junge virginische Pflanzer Thomas Jefferson 1774 in seinem Pamphlet A Summary View of the Rights of British America ausdrückte. Solche Vorstellungen trugen irrationale Züge, aber sie besaßen einen wahren Kern, weil die englische Regierung in der Tat eine fundamentale Veränderung der imperialen Beziehungen anstrebte. Die calvinistischen Geistlichen der Neuengland-Kolonien steigerten die Verschwörungsängste noch durch ihre eigene manichäisch-apokalyptische Sicht der Dinge: Waren ihnen während des Siebenjährigen Krieges noch die Franzosen als Werkzeuge des Antichrist erschienen, so deuteten sie nun die „Privilegierung“ der katholischen Siedler in Quebec und die Bestrafung von Massachusetts durch London als ein neues Kapitel im eschatologischen Kampf zwischen Gut und Böse, der gemäß der Offenbarung des Johannes die Wiederkehr Christi und den Beginn des Millenniums, des tausendjährigen Friedensreiches, einleitete. Damit ging auch die religiöse Klammer verloren, die englische und amerikanische Protestanten über den Atlantik hinweg zusammengehalten hatte. In den Kolonien wirkten die Ängste nicht lähmend, sondern setzten zusätzliche Energien frei. Die „Aufdeckung“ der englischen Machenschaften steigerte offenkundig das Selbstbewusstsein und das Machtgefühl der Patrioten. Hatten sie zunächst nur die Befugnis des Parlaments angezweifelt, „interne“, die Selbstverwaltung der Kolonien berührende Abgaben zu erheben, so stellten sie wenig später die Geltungskraft des imperialen Steuerrechts insgesamt in Frage, um dann schließlich dem King in Parliament jegliche Gesetzgebungskompetenz abzusprechen. Die Berufung auf die Ancient Constitution und die historischen Rechte der Engländer wurde im Laufe der 1 Die imperiale Debatte, 1763 - 1774 47 <?page no="48"?> Debatte durch die Konzepte des Gesellschaftsvertrags und der „natürlichen Rechte“ aller Menschen ergänzt und überwölbt. Auf diese Weise gelang es, die städtischen Mittel- und Unterschichten zu mobilisieren und die Autorität von englischer Regierung und Westminster-Parlament sowie mehr und mehr auch die Zuneigung zur Krone zu untergraben. Die Propaganda der Patrioten und die inkonsequente Haltung der ver‐ antwortlichen Politiker in London entzogen überdies den Gegnern der Unabhängigkeit, den Loyalists oder - im Sprachgebrauch der Patrioten - Tories, die das monarchische System und die gesellschaftliche Hierarchie als gottgegeben verteidigten, allmählich den Boden und stempelten sie zu Feinden des Volkes. Eine wachsende Zahl von Amerikanern, die den patriotischen Führern folgten, empfanden sich demgegenüber nicht mehr als Untertanen, sondern als freie Bürger, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. 2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung Die Hoffnungen, die gemäßigte Patrioten und Loyalisten immer noch auf den König setzten, erwiesen sich als illusorisch, denn George III. war noch weniger kompromiss‐ bereit als sein Premierminister Lord North. Schon 1774 meinte er, die „Würfel seien gefallen“ und die Kolonien müssten nun entweder gewaltsam unterworfen werden, oder sie wären für England auf immer verloren. Nach den Parlamentswahlen im November 1774 wurden Truppenverstärkungen und erfahrene Generäle nach Amerika geschickt, und Kompromissvorschläge, wie sie u. a. William Pitt (nun Earl of Chatham) unterbreitete, fanden kein Gehör mehr. In einer Botschaft an den König stellte das Parlament im Februar 1775 fest, die Kolonien befänden sich in offener Rebellion gegen das Mutterland. Ungeachtet der Kritik des prominenten Parlamentsabgeordneten Edmund Burke, die Regierung versuche, ihre Autorität zu wahren, indem sie das Empire zerstöre, erhielt General Thomas Gage in Boston die Weisung, aggressiver vorzugehen und die „Rädelsführer“ des Aufstands zu verhaften. Auf amerikanischer Seite entfachte das Zusammenwirken einer Basis, die sich immer mehr radikalisierte, mit der patriotischen Elite, die den Lauf der Dinge durch interkoloniale Kooperation zu steuern versuchte, eine Dynamik, die den Bruch mit England unvermeidlich werden ließ. Als britische Truppen ein Waffendepot der Miliz von Massachusetts ausheben wollten, kam es am 18. April 1775 bei Lexington und Concord zu ersten Gefechten, bei denen die Amerikaner 95, die Engländer 273 Mann verloren. Unter dem Eindruck dieser Schüsse, deren Echo angeblich „rund um die Welt“ gehört wurde, trat am 10. Mai 1775 in Philadelphia der Zweite Kontinental‐ kongress mit nunmehr 65 Mitgliedern aus dreizehn Kolonien zusammen. Obwohl die Gemäßigten immer noch eine Verzögerungsstrategie betrieben, handelten die Delegierten doch schon wie Vertreter souveräner Staaten. Sie versetzten die Kolo‐ nien in den Verteidigungszustand, betrauten George Washington am 15. Juni mit dem militärischen Oberbefehl und bewilligten die Ausgabe von 2 Millionen Dollar Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 48 <?page no="49"?> Papiergeld für Rüstungszwecke. Am 2. Juli 1775, zwei Wochen nachdem britische Truppen die Bostoner Miliz unter schweren Verlusten vom Bunker Hill vertrieben hatten, übernahm Washington in Cambridge das Kommando über 15.000 Mann aus Neuengland, Pennsylvania, Maryland und Virginia, die der Kongress als „Truppen der Vereinigten Provinzen von Nordamerika“ bezeichnete. Etwa gleichzeitig instruierten die Delegierten den New Yorker General Philip Schuyler, die kanadischen Kolonien, die sich nicht freiwillig anschließen wollten, mit Gewalt zu erobern. Das Scheitern dieses Unternehmens stand schon im Dezember fest, aber es trug dazu bei, die englische Haltung weiter zu verhärten. Unter den gegebenen Umständen konnte ein letzter, halbherziger Vermittlungsvorstoß des Kongresses, in Form der „Olivenzweig-Petition“ an den „Most Gracious Sovereign“, nicht mehr fruchten. Aus der Sicht des Königs befanden sich die Amerikaner nun „in offener und erklärter Rebellion“, und das Parlament dehnte im November 1775 per Gesetz die Blockade von Massachusetts auf alle dreizehn Kolonien aus. Damit war den gemäßigten Kräften im Kongress wie im Westminster-Parlament die Argumentationsgrundlage entzogen. Wer immer noch zögerte, wurde im Januar 1776 durch Thomas Paines Pamphlet Common Sense mitgerissen, das innerhalb weniger Monate zwölf Auflagen erlebte und von dem bald über 150.000 Exemplare in den Kolonien kursierten. Der Autor, der erst zwei Jahre zuvor aus England eingewandert war, griff den bis dahin weitgehend ver‐ schonten George III. in beispielloser Weise als unfähigen und tyrannischen „Pharao“ an und sprach aus, was viele Siedler inzwischen dachten: Nur die Unabhängigkeit könne verhindern, dass die Amerikaner von der politischen Korruption und dem moralischen Verfall Englands angesteckt würden. Die Ziele der Revolution lagen laut Paine nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft: Der eigentliche Kampf müsse gegen das System der Monarchie und für den Aufbau einer gerechten republikanischen Ordnung geführt werden: „Wir haben es in unserer Hand, die Welt von neuem zu beginnen.“ Der phänomenale Erfolg dieser Flugschrift spiegelte das Entstehen einer kraftvollen politischen Öffentlichkeit wider, die den Kontinentalkongress im Frühjahr und Sommer 1776 über eine Welle von Gemeinde- und Provinzversammlungen zur Unabhängigkeitserklärung vorantrieb. Aus der Protestbewegung wurde nun vollends eine Revolution. Der Kontinentalkongress erklärt die Unabhängigkeit Die entscheidende Initiative ging von einem als de facto-Parlament tagenden Provin‐ zialkongress in Virginia aus, der im Mai 1776 die eigene Delegation im Kontinental‐ kongress aufforderte, sich für die Unabhängigkeit einzusetzen. Am 7. Juni stellte daraufhin Richard Henry Lee in Philadelphia den Antrag, der Kongress möge die Kolonien zu „freien und unabhängigen Staaten“ erklären, ausländische Mächte um Hilfe gegen England bitten und eine Konföderation vorbereiten. Es dauerte aber noch knapp einen Monat, bis die Mittelkolonien sowie Maryland und South Carolina auf diese Linie gebracht werden konnten. Am 2. Juli wurde Lees Resolution mit zwölf 2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung 49 <?page no="50"?> Stimmen bei Enthaltung New Yorks angenommen. Zwei Tage später blieben die New Yorker Delegierten, die immer noch keine positiven Instruktionen erhalten hatten, einer erneuten Abstimmung fern und ermöglichten so die einstimmige Annahme der Unabhängigkeitserklärung. Der Entwurf zu diesem Dokument stammte aus der Feder von Thomas Jefferson, der mit 33 Jahren zu den jüngsten Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses zählte. Als Sohn eines Landvermessers und Kartographen und einer Angehörigen der prominenten Randolph-Familie hatte Jefferson das William and Mary College in Williamsburg absolviert und war im Alter von 24 Jahren zum Anwaltsberuf zugelassen worden. Seine Herkunft und sein Besitz von 2000 Hektar Land und über 100 Sklaven machten ihn zum Angehörigen der Virginia Aristocracy, die er seit 1769 auch im Unterhaus von Virginia vertrat. Hier schloss er sich der radikalen Fraktion um Patrick Henry an und fiel durch den eleganten Stil auf, mit dem er Resolutionen, Petitionen und andere Stellungnahmen des Parlaments verfasste. Politik war aber nicht seine einzige Leidenschaft: Nachdem er 1772 eine 23-jährige Witwe, Martha Wayles Skelton, geheiratet hatte, baute er den Landsitz Monticello nach klassisch-italienischem Vorbild um und betätigte sich als Schriftsteller, Erfinder und Naturwissenschaftler. Abb. 4: Die Unabhängigkeitserklärung, 4. Juli 1776 (Gemälde von J. Trumbull) Jeffersons Text, den der Kongress nur in wenigen Punkten änderte - eine der Streich‐ ungen betraf seine Kritik an der Sklaverei -, verband das Gedankengut der Aufklärung mit angelsächsischen Rechtstraditionen und den Prinzipien der Country-Ideologie. Die Präambel leitete das Recht auf Loslösung vom Mutterland aus dem Naturrecht ab und betonte, dass es der Respekt vor der öffentlichen Meinung der Welt verlange, einen solch schwer wiegenden Schritt ausführlich zu begründen. Der erste Teil, der langfristig Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 50 <?page no="51"?> die stärkste Wirkung entfaltete, enthielt die politische Philosophie der amerikanischen Revolution. Den Ausgangspunkt bildete das Naturrecht als objektiver Maßstab, an dem alles von Menschen gesetzte Recht zu messen ist. Das Gleichheitspostulat („all men are created equal“) besagt, dass alle Menschen insofern gleich sind, als sie natürliche, unveräußerliche Rechte besitzen; die wichtigsten dieser „selbstverständlichen“ Rechte sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück („pursuit of happiness“, das im Sinne der schottischen Moralphilosophie an die Stelle von John Lockes Recht auf Eigentum trat). Aufgabe der Regierung ist es, diese Rechte zu schützen und den Bürgern Sicherheit und Glücksstreben zu ermöglichen. Regierung (government) beruht auf der Zustim‐ mung (consent) der Regierten, und sie kann beseitigt und durch eine neue Regierung ersetzt werden, wenn sie ihren Aufgaben nicht gerecht wird. Als zweiter Teil folgte dann ein langes, nicht in allen Einzelheiten korrektes Register der Amtsverstöße Georges III., das den König eines Bruchs des Herrschaftsvertrags überführen sollte. Der Schlussabschnitt besiegelte unter feierlicher Anrufung der göttlichen Vorsehung (Divine Providence) die Loslösung von Großbritannien und die Souveränität der ame‐ rikanischen Staaten. In praktischer Hinsicht war die Unabhängigkeitserklärung einer‐ seits dazu gedacht, die Amerikaner durch die Verkündung fundamentaler Prinzipien und Grundwerte, für die es sich lohnte zu kämpfen, dauerhaft an die revolutionäre Sache zu binden; andererseits sollte sie mit Blick auf Europa die ehemaligen Kolonien als ein handlungsfähiges Völkerrechtssubjekt etablieren, das Bündnisse eingehen konnte. Jefferson hatte keine Originalität angestrebt, und er nannte sein Werk später bescheiden „einen Ausdruck des amerikanischen Geistes“, wie er sich zur Zeit der Revolution dargestellt habe. Von anderen zeitgenössischen Äußerungen hob sich der Text aber durch seinen dynamischen Rhythmus und die gemessene Würde der (aus der Bibel entlehnten) Sprache ab, die den Eindruck der logischen Folgerichtigkeit der Argumentation und der Unvermeidbarkeit der Trennung vom Mutterland verstärkten. Durch die Fähigkeit Jeffersons, komplexe Sachverhalte und Ideen in wenige, mitrei‐ ßende Sätze zu verdichten, gewann die Unabhängigkeitserklärung über ihre praktische Bedeutung hinaus den Charakter eines politisch-philosophischen Epochendokuments. Staatenverfassungen, Grundrechteerklärungen und Articles of Confederation Parallel zur Entstehung der Unabhängigkeitserklärung vollzog sich in den einzelnen Kolonien die Neuordnung des politischen und konstitutionellen Lebens. Angesichts der leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, bei denen schon sozial egalitäre, „gleichma‐ cherische“ Forderungen aufkamen, fürchteten viele Gemäßigte und Besitzende um den inneren Frieden und wollten ein Weitertreiben der Revolution verhindern. Aber auch radikale Befürworter der Unabhängigkeit hielten es für dringend geboten, nach dem Zusammenbruch der britischen Regierungsautorität zu stabilen Verhältnissen zurückzukehren und die gefährliche Phase des Nebeneinanders von alten und neuen 2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung 51 <?page no="52"?> Institutionen so rasch wie möglich zu beenden. In diesem Prozess der Loslösung von Monarchie und Empire nahm die aufklärerische Idee, das Volk sei der Souverän und könne sich selbst regieren, erstmals konkrete Gestalt an. Die Volkssouveränität wurde schon deshalb zur neuen Legitimationsgrundlage, weil es in der amerikanischen Wirk‐ lichkeit des Jahres 1776 gar keine Alternative zur republikanischen Staatsform gab. Zentrale Bedeutung erlangten die geschriebenen Verfassungen: Eine constitution legte nicht mehr nur die Staatsform und die Kompetenzverteilung der Regierungsorgane fest, sondern errichtete überdies, wie das Town Meeting von Concord in Massachusetts schon im Oktober 1776 feststellte, „ein System von Prinzipien, das die Rechte und Freiheiten der Regierten gegen alle Übergriffe der Regierenden schützt“. Auf Anfrage aus mehreren Hauptstädten hin hatte der Kongress Mitte Mai 1776 empfohlen, jede Kolonie solle „solch ein Regierungssystem einrichten, das nach Meinung der Volksvertreter am besten geeignet ist, das Glück und die Sicherheit ihrer Wählerschaft im Besonderen und Amerikas im Allgemeinen zu gewährleisten“. New Hampshire und South Carolina waren dieser Empfehlung bereits zuvorgekommen und hatten im Januar bzw. März 1776 Verfassungen schriftlich niedergelegt, die ursprünglich als provisorisch angesehen wurden und nur bis zum Ende des Konflikts mit England in Kraft bleiben sollten. Zwischen Juni 1776 (Virginia) und Oktober 1780 (Massachusetts) gaben sich neun weitere Kolonien bzw. Staaten Verfassungen, wobei einige zwei oder sogar drei Anläufe benötigten, bevor die Dokumente in Kraft treten konnten. Connecticut und Rhode Island beschränkten sich darauf, ihre Charter-Urkunden aus dem 17. Jahrhundert von Erwähnungen des Königs und der Monarchie zu „reinigen“. Einen anderen Sonderfall stellte Vermont dar, dessen Bürger sich weder New York noch New Hampshire angliedern lassen wollten und die deshalb im Juli 1777 eine eigene, dem radikal-republikanischen Beispiel Pennsylvanias folgende Verfassung annahmen. Ihren Antrag, als 14. Staat der Union beizutreten, lehnte der Kongress jedoch vorerst ab. Obwohl den Siedlern die Unterscheidung zwischen Verfassungs- und Gesetzesrecht keineswegs fremd war, wichen die Prozeduren der Verfassungsgebung noch beträcht‐ lich voneinander ab. Einige revolutionäre Körperschaften schrieben ohne speziellen Wählerauftrag Verfassungen und setzten sie ebenso eigenmächtig in Kraft. Diese Praxis wurde aber in der Öffentlichkeit bald als unvereinbar mit dem Prinzip der Volkssou‐ veränität kritisiert. Pennsylvania berief deshalb einen speziellen Konvent ein, der sich auf die Ausarbeitung und Verabschiedung von Verfassung und Grundrechteerklärung beschränkte. In Massachusetts einigte man sich schließlich auf ein Verfahren, das in seinen Grundzügen zum Vorbild für die ganze spätere konstitutionelle Entwicklung wurde: Ein nur zu diesem Zweck gewählter Konvent arbeitete die Verfassung aus und legte sie den Bürgern zur Stellungnahme vor; rechtskräftig wurde sie erst nach der Ratifizierung durch das Volk in den Town Meetings. Auf diese Weise erhielt die Verfassung eine „höhere Weihe“ als das Gesetzesrecht und konnte nicht mehr eigenmächtig vom Parlament, sondern nur unter Mitwirkung des souveränen Volkes geändert werden. Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 52 <?page no="53"?> Inhaltlich stellten die neuen Verfassungen Kompromisse zwischen den beiden Flü‐ geln der patriotischen Bewegung dar: dem radikal-republikanischen, der besonderen Wert auf die Bürgerbeteiligung und die Kontrolle der Regierenden legte, und dem konservativ-aufklärerischen, der im Sinne von Montesquieus De l’esprit des lois die Regierungsgewalten und sozialen Kräfte sorgsam ausbalancieren wollte. Das radikale Konzept setzte sich am reinsten in Pennsylvania durch, das konservative in New York und - unter dem Einfluss von John Adams - in Massachusetts. In der Vielfalt der Formen und Verfahrensweisen, die diese ersten revolutionären Verfassungen kennzeichnet, überwogen aufs Ganze gesehen die innovativen gegenüber den tradi‐ tionellen Elementen. Zensusbestimmungen bestanden zwar weitgehend fort, wurden aber doch so sehr gelockert, dass sich die Repräsentation verbesserte, und zwar für die Bevölkerung im Allgemeinen wie für die Farmer des Hinterlands im Besonderen, deren Interessen bislang häufig von den Küstenbewohnern missachtet worden waren. Dieser Einflussgewinn der back country hatte u. a. zur Folge, dass viele Staaten innerhalb kurzer Zeit ihre Hauptstädte von der Küste ins Landesinnere verlegten. Im Schnitt waren jetzt 70-90 Prozent der erwachsenen weißen Männer wahlberechtigt, in New Jersey sogar auch unverheiratete und verwitwete Frauen, die über eigenen Besitz verfügten - eine Klausel, die 1807 zunächst wieder gestrichen wurde. Am untergeordneten rechtlichen Status der Frauen änderten die Verfassungen so gut wie nichts, obwohl sich viele Frauen aktiv an den revolutionären Demonstrationen und Boykotten beteiligt hatten. Abigail Adams’ Appell an ihren Mann John, bei der Verfassungsgebung „die Ladies nicht zu vergessen“, blieb ohne Echo. Reformer wie der Arzt Benjamin Rush in Philadelphia schrieben den Frauen als „republikanischen Müttern“ eine wichtige Funktion bei der politischen und moralischen Erziehung der Jugend zu. Rushs Pläne für ein verbessertes staatliches Schulwesen, das auch Mädchen Bildungschancen eröffnet hätte, fielen aber der Sparsamkeit oder dem Unverständnis der Verfassungs- und Gesetzgeber zum Opfer. Abgesehen von Pennsylvania und Georgia, die nach dem Prinzip des simple go‐ vernment das Einkammer-System einführten, behielten die Staaten Senate bei, die im konservativen Verständnis das Eigentum repräsentieren und dem Schutz der besitzenden Schichten dienen sollten. In der Praxis büßten diese Oberhäuser aber bald viel von ihrer Exklusivität ein, weil sich die meisten Senatoren - ungeachtet höherer Besitzqualifikationen und längerer Amtszeiten im Vergleich zu den Unterhau‐ sabgeordneten - weniger als Sprecher von Klasseninteressen denn als Vertreter der territorialen Einheiten verstanden, in denen sie gewählt wurden. Von Funktion und Arbeitsweise her näherten sich Senate und Unterhäuser deshalb recht schnell einander an. Aus der noch frischen Erinnerung an die Konflikte mit den königlichen Gouver‐ neuren und Richtern heraus wurden die Befugnisse von Exekutive und Judikative in der Regel stark eingeschränkt. Ins Zentrum des Regierungssystems (frame of government) rückte die Legislative, das Parlament, das häufig sowohl die Gouverneure als auch die Richter wählen konnte. Meist ordnete man den Gouverneuren noch einen 2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung 53 <?page no="54"?> Exekutivrat bei, der sie kontrollieren und Machtmissbrauch verhindern sollte. Nur New York und Massachusetts ließen die Gouverneure direkt vom Volk wählen und gaben ihnen das Recht, mit einem suspensiven Veto in die Gesetzgebung einzugreifen. Die Parlamentarier selbst unterlagen einer strengen Kontrolle durch ihre Wähler: Dafür sorgten der Grundsatz der jährlichen Wahlen (annual elections), die vielfach noch geübte Praxis des imperativen Mandats, die Ämterrotation sowie die Möglichkeit des Rückrufs von Abgeordneten während der Legislaturperiode. Die Judikative schließlich galt zwar noch nicht als „dritter Regierungszweig“, aber in einigen Staaten besaßen die Obersten Gerichte doch schon genügend Autorität, um in Form der judicial review über die Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen zu entscheiden. Die Diskussion über Grundrechte, natural and fundamental rights, war ein wesent‐ licher Teil dieser konstitutionellen Neuordnung. In einigen Staaten gingen die Verfas‐ sungsgeber von der Fortgeltung der alten Rechtsgarantien aus; in anderen formulierten sie separate Grundrechtskataloge und stellten sie als bills of rights oder declarations of rights neben das Organisationsstatut der Regierung, den frame of government; in Massachusetts schließlich fand John Adams 1780 eine wegweisende Lösung, indem er die Grundrechtsartikel als eigenständigen ersten Teil in die Verfassung integrierte. Obgleich die Rechteerklärungen an koloniale Traditionen anknüpften, brachten sie in zweierlei Hinsicht Neues: Zum einen galten die fundamentalen Rechte und Freiheiten nicht mehr länger als „rights of Englishmen“, sondern als von Gott verliehene „natürli‐ che Rechte“; zum anderen diente ihre schriftliche Fixierung über den konkreten Schutz vor staatlicher Willkür hinaus zur Begründung und Sinngebung des republikanischen Regierungssystems. Am deutlichsten kam dies in der Virginia Declaration of Rights zum Ausdruck, die der juristisch versierte Pflanzer George Mason formuliert hatte und die am 28. Juni 1776 vom Provinzialkongress angenommen worden war. Ihre 16 Artikel füllten schon vor der Unabhängigkeitserklärung die Begriffe „limited government“ und „inalienable rights“ mit Inhalt. Zu der Locke’schen Trias von Leben, Freiheit und Eigentum traten der Schutz vor Durchsuchung oder Verhaftung ohne richterli‐ chen Befehl, das Verbot von Folter und grausamen Strafen sowie der Anspruch des Angeklagten auf einen raschen Prozess und ein Geschworenengericht aus seiner Nach‐ barschaft; als spezielle republikanische Freiheiten wurden aufgeführt das Wahlrecht und das Widerstandsrecht, die Pressefreiheit und die unbehinderte Religionsausübung gemäß der Gewissensentscheidung des einzelnen Bürgers. Hinzu kam die Garantie des Milizsystems, das die Revolutionäre - ganz im Sinne der Country-Parole „No standing army! “ - der europäisch-monarchischen Militärtradition entgegenstellten. Diese Rechte und Freiheiten fanden eine wichtige Ergänzung in der Verpflichtung der Bürger zu Gerechtigkeit, Mäßigung, Sparsamkeit, Fleiß und christlicher Nächstenliebe. Hinter den einzelnen Bestimmungen wurde eine republikanische Utopie sichtbar: das Bild des sittenstrengen, sich selbst regierenden Volkes; eines Staatswesens, das ganz auf die Zustimmung seiner Bürger gründet, von denen Tugend (virtue) im klassischen Sinne erwartet wird, d. h. Tatkraft, Rechtschaffenheit und aufopfernde Hingabe an das Gemeinwohl. Aus dieser Perspektive galten die Regierenden nicht länger als Herrscher Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 54 <?page no="55"?> (rulers), sondern waren auf Zeit berufene Treuhänder (trustees) des Volkes. Alle gemeinsam unterstanden dem Recht, das in der Verfassung seine erhabenste Gestalt annahm. Mit dieser Sammlung von Fundamentalsätzen leitete die Virginia Declaration of Rights eine neue Epoche der Verfassungsentwicklung ein, die über die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und die konstitutionellen Kämpfe des 19. Jahrhunderts bis zur Charta der Vereinten Nationen und den verschiedenen Menschenrechtskonventionen des vergangenen und unseres Jahrhunderts reicht. Die amerikanischen Einzelstaaten verwirklichten damit erstmals - auf der Grundlage des englischen Erbes und der kolonialen Erfahrungen - das Modell einer Zivilgesellschaft (civil society), das keine Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft kennt, sondern Politik als Konsequenz des Mehrheitswillens und der öffentlichen Meinung (public opinion) definiert. Der eklatante Widerspruch, der sich zwischen dem in den meisten Verfassungen verankerten Gleichheitspostulat und der Fortdauer des Sklavereisystems auftat, blieb den Zeitgenossen keineswegs verborgen, sondern wurde - zumindest von Maine bis Virginia - Teil der Revolutionsdebatte. Aus mehreren Richtungen geriet die Sklaverei während dieser Zeit unter starken Druck: Die Quäker rangen sich endlich zu einer dezidiert sklavereifeindlichen Haltung durch, und sie erhielten zunehmend Unterstützung von anderen Religionsgemeinschaften, insbesondere den Baptisten und Methodisten, die im Verlauf des Great Awakening sowohl im Norden als auch im Süden viele Anhänger gewonnen hatten; das Gedankengut der Aufklärung, das die Kolonien von Europa aus erfasste, wirkte zunächst auf eine „Humanisierung“ der Sklaverei, dann aber immer stärker auf ihre Überwindung hin; die republikanische Ideologie, die das Denken und Handeln der radikalen Patrioten bestimmte, war nur schwer mit der permanenten Entrechtung eines Bevölkerungsteils zu vereinbaren, und sie mobilisierte auch viele freie Schwarze und sogar Sklaven, die sich mit Petitionen an die Kolonial- und Staatenparlamente wandten; und schließlich kritisierte auch der liberale Ökonom Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk The Wealth of Nations das Sklaver‐ eisystem als Verstoß gegen die ehernen Gesetze der Wirtschaft und als ineffizient im Vergleich zu „freier“ Arbeit. 1774 bezog der Kontinentalkongress Sklaven in den Boykott englischer Importe ein, und der Krieg unterbrach vollends die Sklaveneinfuhr aus Afrika und der Karibik. Nach der Unabhängigkeitserklärung entstanden in den meisten Staaten nördlich der Chesapeake Bay Antisklaverei-Gesellschaften, die häufig von Quäkern geführt oder beeinflusst wurden und die noch während des Krieges Kontakt zu der beginnenden Abolitionismus-Bewegung in England aufnahmen. Im Krieg selbst stellten die Engländer ebenso wie die Patrioten (mit Ausnahme der Plantagenbesitzer in den Carolinas und Georgia) denjenigen Afroamerikanern die Freiheit in Aussicht, die sich ihnen anschlossen und Militärdienst leisteten. Dieser starke Antisklaverei-Impuls leitete das Ende der peculiar institution im Norden ein, aber er erschütterte sie auch in Virginia und Maryland, deren Pflanzer ohnehin seit geraumer Zeit nach Alternativen zur Tabak-Monokultur suchten. Einige Neuengland-Staaten wie Massachusetts, Connecticut und Vermont (das der Union 2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung 55 <?page no="56"?> offiziell erst 1791 beitrat) hoben die Sklaverei per Verfassung, durch Gesetze oder auf dem Weg über Gerichtsurteile umgehend auf. Das Oberste Gericht von Massachusetts stützte sich in einer entsprechenden Entscheidung von 1783 (Quock Walker Case) explizit auf die Grundrechteerklärung in der Staatsverfassung, die den Satz „all men are created equal“ enthielt. Die weiterhin ambivalente Haltung der weißen Bevölkerung kam darin zum Ausdruck, dass den freien Schwarzen einerseits zwar gleiche Rechte einschließlich des Wahlrechts gewährt wurden, dass das Parlament von Massachusetts andererseits aber Ehen von Weißen mit Schwarzen, Mischlingen und Indianern verbot. Die meisten Nord- und Mittelstaaten folgten dagegen dem Beispiel Pennsylvanias, dessen Parlament 1780 die „graduelle“ Sklavenbefreiung beschloss. Die entsprechenden Gesetze legten fest, dass alle Kinder von Sklaven, die nach einem bestimmten Datum geboren wurden, ihre Freiheit erhielten, den Besitzern aber noch bis zur Volljährig‐ keit unentgeltlich dienen mussten. Gekoppelt mit einem Einfuhrverbot von Sklaven bedeutete dies das allmähliche „Absterben“ der Sklaverei im Norden der USA, auch wenn 1810 immer noch 30.000 Sklaven nördlich der Mason and Dixon Line lebten, die seit den 1760er Jahren die Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland und damit zwischen Norden und Süden markierte. In Maryland, Delaware und Virginia, wo die Mehrzahl der Afroamerikaner lebte, ließ sich selbst eine graduelle Emanzipation nicht durchsetzen, aber die Kritik an der Sklaverei und ökonomische Überlegungen führten doch immerhin dazu, dass die Freilassung von Sklaven erleichtert wurde. Die Folge war ein rasches Anwachsen der freien schwarzen Bevölkerung im Upper South, etwa in Virginia von 1800 im Jahr 1782 auf über 30.000 im Jahr 1810. Weiter südlich leisteten die Plantagenbesitzer jedoch nicht nur erbitterten Widerstand gegen jeden Versuch, die Sklaverei in Frage zu stellen, sondern nahmen sofort nach dem Friedensschluss von 1783 im großen Stil die Sklaveneinfuhr wieder auf, um die während des Krieges durch Flucht und Tod erlittenen Verluste auszugleichen. Wie schon die Petitionen von freien Schwarzen und Sklaven an die Parlamente der Einzelstaaten zeigten, ließen die Afroamerikaner die Revolution keineswegs passiv über sich ergehen, sondern versuchten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In dieser Phase erwuchs der schwarzen Bevölkerung eine erste Generation von Führungspersönlichkeiten, Männer und Frauen, die meist schon seit längerer Zeit in Freiheit lebten und durch die religiöse Aufbruchstimmung des Great Awakening beeinflusst worden waren. Zu ihnen gehörten gebildete Afroamerikaner wie Phillis Wheatley, die sich in Boston als Schriftstellerin betätigte, oder Benjamin Banneker, ein Mathematiker und Astronom aus Maryland, der in die wissenschaftliche Elite Philadelphias aufgenommen worden war; aber auch einfache Leute wie Prince Hall, der die Schwarzen in Boston mit Reden, Pamphleten und Petitionskampagnen mobilisierte, und Richard Allen, der seit 1780 als methodistischer Wanderprediger durchs Land zog und wenig später in Philadelphia die erste autonome schwarze Baptisten-Kirche gründete. Solche Initiativen wurden von vielen Afroamerikanern nicht nur als Zeichen einer „geistigen Wiedergeburt“ verstanden, sondern bildeten auch den Auftakt zur Entstehung zahlreicher schwarzer Selbsthilfeorganisationen, die Bildungs- und Sozi‐ Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 56 <?page no="57"?> alaufgaben übernahmen. Von nun an fungierten die Sprecher der freien Schwarzen in den Nord- und Mittelstaaten als „Gewissen der Nation“, weil sie sich in ihrem Kampf gegen die Sklaverei stets auf die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung berufen konnten. Den vorläufigen Abschluss der revolutionären Umwälzung in Amerika bildete die erste Unionsverfassung, die Articles of Confederation, die der nun in Permanenz tagende Kontinentalkongress am 15. November 1777 mitten im Krieg verabschiedete. Sie atmeten ganz den Geist der republikanischen Country-Ideologie mit ihrem Macht‐ misstrauen und ihrer Vorliebe für „einfache“, dezentrale Regierungsstrukturen. In den Kongressdebatten wurde auch häufig auf Montesquieu Bezug genommen, der in De l’esprit des lois gewarnt hatte, dass Republiken ihren freiheitlich-egalitären Charakter einbüßen würden, wenn sie sich einer starken Zentralgewalt unterordneten. Ideal sei dagegen der Zusammenschluss mehrerer kleiner Republiken zu einer lockeren Konföderation, die nach Art der Schweizer Eidgenossenschaft für eine Vertretung der gemeinsamen Interessen nach außen sorge. Dementsprechend schlossen die dreizehn amerikanischen Staaten unter dem Namen „The United States of America“ einen „festen Freundschaftsbund“, in dem jedes einzelne Mitglied souverän blieb und das kollektive Organ, der Konföderationskongress, nur die ihm ausdrücklich übertragenen Befugnisse ausüben durfte. Im Kongress, der aus jährlich von den Staatenparlamenten gewählten Vertretern gebildet wurde, besaß jeder Staat - unabhängig von seiner Größe und Einwohnerzahl - nur eine Stimme. Die Delegierten durften gemäß der republikanischen rotation in office-Maxime in einem Zeitraum von sechs Jahren maximal drei Jahre Dienst tun. Aus ihrer Mitte wählten sie einen Präsidenten, der aber lediglich repräsentative Funktionen zu erfüllen hatte und dessen Amtsperiode auf ein Jahr beschränkt war. Die Arbeit wurde vorwiegend in Komitees geleistet, von denen sich einige in Richtung von Exekutivbehörden wie Außen- und Kriegsdepartment entwickelten. Die Articles of Confederation gaben dem Kongress das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, ein Heer und eine Flotte aufzustellen und einen Oberbefehlshaber für die Streitkräfte zu ernennen; ferner durfte der Kongress Verträge mit auswärti‐ gen Mächten schließen, Gesandte entsenden und empfangen, Kredite und Anleihen aufnehmen sowie Münzen prägen und Papiergeld emittieren. Schließlich sollte er Grenzstreitigkeiten der Staaten schlichten, für Seerechtsfragen zuständige Gerichte etablieren und den Postdienst der Union regeln. Andererseits hatte der Kongress keine Gesetzgebungsbefugnis, sondern konnte nur Resolutionen (Ordinances) verabschieden, und durfte weder Steuern noch Zölle erheben. Der Finanzbedarf der Union sollte durch ein Umlage- oder Matrikularverfahren gedeckt werden, bei dem der Kongress die jährlich benötigte Gesamtsumme festsetzte und die Staaten ihren jeweiligen Anteil, der sich nach dem geschätzten Wert des kultivierten Landes bemaß, in die gemein‐ same Kasse einzahlten. Wichtige Entscheidungen mussten mit Zweidrittelmehrheit getroffen werden, und Änderungen der Articles bedurften der Zustimmung sämtlicher Einzelstaatenlegislativen. Offiziell trat diese Konföderationsverfassung erst am 1. März 2 Unabhängigkeitserklärung und konstitutionelle Neuordnung 57 <?page no="58"?> 1781 in Kraft, nachdem die „landreichen“ Staaten, deren koloniale Charterrechte bis weit nach Westen reichten, die hauptsächlich von Maryland verfochtene Forderung erfüllt hatten, die Gebiete zwischen Appalachen und Mississippi in den Gemeinschafts‐ besitz der Union zu überführen. 3 Unabhängigkeitskrieg, Bündnisdiplomatie und Pariser Friedensschluss, 1775 - 1783 Mit den Staatenverfassungen und den Articles of Confederation schufen sich die Amerikaner ein konstitutionelles Gerüst, das in mancher Hinsicht experimentell und provisorisch war, das aber dennoch den schweren Belastungen des Krieges gegen England standhielt. Nach dem amerikanischen Fiasko im Feldzug gegen Kanada Ende 1775 war die Initiative an die Briten übergegangen. In London glaubte man zunächst, der Lage in den Kolonien mit einer Seeblockade und begrenzten Polizeiaktionen Herr werden zu können. Das änderte sich, als die britischen Truppen im März 1776 unter dem Druck der amerikanischen Belagerer Boston räumen und nach Neuschottland zurückweichen mussten. Nun bereitete sich die stärkste Militärmacht der Welt auf ei‐ nen regulären Krieg vor, u. a. durch die Anwerbung von Söldnern in deutschen Staaten, was die Amerikaner als besonders üblen Affront empfanden. Mangelnde Konsequenz und Weitsicht, die schon die Politik von Regierung und Parlament hatten unwirksam werden lassen, behinderten aber von Anfang an auch die britische Kriegführung. Nacheinander verfolgten die Briten drei unterschiedliche strategische Konzepte, die jeweils nach Anfangserfolgen in Fehlschlägen endeten. In der ersten Phase zielten die englischen Befehlshaber General William Howe und sein Bruder, Admiral Richard Howe, darauf ab, Neuengland vom Rest der Kolonien zu isolieren und Washingtons „Rebellenarmee“ zu zerschlagen. Bis Ende August 1776 landeten sie ca. 32.000 Mann auf dem New York vorgelagerten Staten Island, darunter 8000 Deutsche (die von den Amerikanern „Hessians“ genannt wurden, obwohl keines‐ wegs alle aus den hessischen Territorien kamen). Bei den Kämpfen auf Long Island und Manhattan erwiesen sich die professionellen britischen Soldaten den Milizionären und schlecht ausgebildeten Kontinentaltruppen, die ihnen den Weg versperren wollten, als eindeutig überlegen. Während des Vormarsches nach Philadelphia versäumte General Howe jedoch, Washingtons Armee, die auf 3000 Mann zusammengeschmolzen war, zur Entscheidungsschlacht zu stellen. Ganz im Gegenteil gelang es Washington Ende Dezember nach der riskanten Überquerung des Delaware River durch Teilerfolge bei Trenton und Princeton in New Jersey, die Moral seiner Truppen wieder zu heben. Die Lage blieb aber prekär, und die Unfähigkeit der meisten Staaten, ihre vorgesehene Quote an Soldaten zu erfüllen, nötigte Washington und den Kongress ab 1777, freie Schwarze und dann auch Sklaven (mit dem Versprechen der Freilassung) für die Kontinentalarmee zu rekrutieren. Zum Teil handelte es sich dabei um eine Antwort auf den erfolgreichen Versuch britischer Gouverneure und Befehlshaber, Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 58 <?page no="59"?> Sklaven zur Flucht und zum bewaffneten Widerstand gegen ihre Herren aufzuwiegeln. Insgesamt kämpften etwa 5000 Afroamerikaner auf Seiten der Patrioten, teilweise in eigenen Einheiten unter der Führung weißer Offiziere (dafür entschieden sich Rhode Island und Connecticut), teilweise in gemischten Verbänden. Im Süden rang sich allerdings nur Maryland zur Rekrutierung von Schwarzen durch, während Virginia lediglich Ausnahmen zuließ und das Parlament von South Carolina die vorgeschlagene Bewaffnung von 3000 bis 5000 Sklaven entschieden ablehnte. Der zweite britische Kriegsplan sah vor, die Kolonien durch einen Zangenangriff von der Chesapeake-Bucht und aus Kanada durch das Hudson-Tal zu teilen. General Howe konnte zwar im August 1777 Philadelphia erobern, aber die Koordinierung der militärischen Aktionen misslang, und die von General John Burgoyne entlang des Hudson nach Süden geführte Streitmacht wurde bei Saratoga von den Amerikanern unter General Horatio Gates aufgehalten und in zwei Schlachten dezimiert. Am 16. Ok‐ tober musste Burgoyne kapitulieren, und 6000 Mann, darunter viele Deutsche und Indianer, gerieten in Gefangenschaft. Diese Schlacht markierte einen Wendepunkt des Krieges, denn die französische Regierung, die den Amerikanern bereits seit Frühjahr 1776 insgeheim materielle Unterstützung gewährt hatte, hielt es nun für geboten, offen an die Seite der Vereinigten Staaten zu treten. Im Februar 1778 erkannte sie die USA diplomatisch an und schloss in Paris mit Benjamin Franklin ein Militärbündnis sowie einen Freundschafts- und Handelsvertrag ab. In der Hoffnung, Revanche für die Niederlage im Siebenjährigen Krieg nehmen zu können, weiteten Außenminister Vergennes und König Ludwig XVI. den britisch-amerikanischen Streit zu einer neuen Kraftprobe der Großmächte aus. Ab Juni 1778 befand sich Frankreich im Kriegszustand mit England, und im folgenden Jahr schlossen sich auch Spanier und Niederländer der anti-britischen Koalition an. Mit französischer und niederländischer Finanz- und Waffenhilfe konnten die Amerikaner den Tiefpunkt des Krieges überwinden und ihre Lage erst einmal stabilisieren. Im Sommer 1778 gaben die Briten Philadelphia auf und gingen im Norden, gestützt auf ihre Bastion New York City, zur Defensive über. In der nun beginnenden dritten Phase verlagerten sie den Schwerpunkt ihrer Aktionen auf den Süden, wo General Sir Henry Clinton nach der Landung in Georgia über Charleston nach Virginia vorstieß. Sein Nachfolger Lord Cornwallis konnte das Ziel dieser Strategie, die militärisch schwächeren und durch die Sklaverei zusätzlich verwundbaren Südstaaten aus der Union herauszubrechen, jedoch nicht erreichen. Vielmehr versteifte sich der amerika‐ nische Widerstand, weil der neue Befehlshaber im Süden, General Nathaniel Greene, zu einer flexibleren Taktik überging und weil die Franzosen im Sommer 1780 eine 5500 Mann starke Armee nach Neuengland schickten, wodurch das Kräfteverhältnis generell verschoben wurde. Im Sommer 1781 konzentrierte Cornwallis seine Truppen in Virginia und befestigte den Ort Yorktown am Ausgang der Chesapeake-Bucht. Damit tappte er allerdings in eine Falle, die bis Ende September durch virginische Milizen, durch die französische und die amerikanische Armee - von Graf Rochambeau und Washington aus dem Norden herbeigeführt - und durch eine starke französische Flotte 3 Unabhängigkeitskrieg, Bündnisdiplomatie und Pariser Friedensschluss, 1775 - 1783 59 <?page no="60"?> unter Admiral Grasse geschlossen wurde. Ohne Aussicht auf rechtzeitigen Entsatz musste Cornwallis am 19. Oktober 1781 mit den verbliebenen fast 10.000 Soldaten und Offizieren kapitulieren. Diese demütigende Niederlage brach - sehr zur Enttäuschung des Königs - den Willen von Regierung und Parlament, den Krieg, der im eigenen Volk zunehmend unpopulär geworden war und das Land diplomatisch isoliert hatte, weiter zu verfolgen. Abb. 5: Die Kapitulation von Lord Cornwallis am 19. Oktober 1781 in Yorktown, Virginia In Amerika war der Kampf um die Unabhängigkeit von Beginn an gleichzeitig als konventioneller und als revolutionärer Krieg geführt worden. Ein wichtiger Grund für den Erfolg der Patrioten ist sicher darin zu suchen, dass sie es lernten, beide Kampfesarten zu beherrschen und miteinander zu verbinden. Die Kontinentalarmee, umsichtig geführt von George Washington und nach preußischer Manier gedrillt vom Baron Friedrich Wilhelm von Steuben, blieb unverzichtbar als Symbol der Einheit und Sammelpunkt der patriotischen Kräfte. Washington, zur Zeit der Unabhängigkeits‐ erklärung 44 Jahre alt, war kein militärisches Genie, aber er verstand es, sich mit fähigen Beratern wie Steuben, Alexander Hamilton und dem auf eigene Faust aus Frankreich gekommenen Marquis de Lafayette zu umgeben. Noch tiefer als die meisten anderen Repräsentanten der virginischen Pflanzerelite von dem Country-Ideal des patriotischen Volksführers durchdrungen, strahlte Washington natürliche Autorität aus und übertrug seine Willensstärke und sein Pflichtbewusstsein auf die Menschen in seiner Umgebung. Er glaubte fest daran, dass er von der „Vorsehung“ berufen sei, die amerikanische Freiheit zu verteidigen, und er verknüpfte sein eigenes Schicksal untrennbar mit der „glorious cause“ der Revolution. Die Stärke von Washingtons Armee überstieg selten 18.000 Mann, und sie sank in den harten Winterlagern von Valley Forge nördlich von Philadelphia (1777 / 78) und Morristown, New Jersey (1779 / 80) unter 5000 ab. Angesichts der zahlenmäßigen und materiellen Unterlegenheit hatte Washington kaum eine andere Wahl, als die „Fabius“-Strategie zu verfolgen, mit der er Entscheidungsschlachten auswich und nur gelegentliche Vorstöße wagte. Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 60 <?page no="61"?> Die Briten hatten nicht ohne Grund auf die Unterstützung ihrer Truppen durch Loyalisten, Sklaven und Indianer gehofft. Schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung war loyalistisch gesinnt, und ein weiteres Drittel verhielt sich ängstlich abwartend bzw. bezog aus religiösen Gründen keine Stellung (hierzu zählten viele Quäker und deutsche Pietisten). Als die Howe-Brüder 1776 in New Jersey eine „Befriedungspolitik“ versuch‐ ten und den Bürgern anboten, durch einen Treueid auf die Krone der Bestrafung zu entgehen, meldeten sich innerhalb kurzer Zeit nicht weniger als 5000 reumütige Untertanen. Während des gesamten Krieges kämpften über 20.000 Loyalisten als reguläre Soldaten und viele andere, speziell in dem von Iro-Schotten besiedelten Hinterland der Südstaaten, in loyalistischen Milizen. Obwohl sich die Militärs hüteten, die Indianerstämme an der Frontier zu einem allgemeinen Aufstand gegen die Siedler anzustacheln, waren doch an allen britischen Offensiven indianische Hilfstruppen beteiligt. Im Süden gingen zudem Tausende von Sklaven zu den Briten über, die sie durch das Versprechen der Freiheit zur Flucht ermunterten. Als die englischen Truppen bei Kriegsende Savannah, Charleston und New York City räumten, folgten ihnen zwischen 15.000 und 20.000 Afroamerikaner. Einige dieser Flüchtlinge wurden nach Florida oder Jamaica gebracht (wo sie in Gefahr waren, wieder versklavt zu werden), andere gelangten nach Neuschottland vor der Küste von Britisch-Kanada. Von dort transportierten die Briten in den 1790er Jahren 1100 Schwarze auf eigenen Wunsch nach Afrika in das Gebiet des heutigen Sierra Leone zurück, wo sie die Stadt Freetown gründeten. Während die amerikanischen, französischen und britischen Armeen den Kampf nach den klassischen Regeln von Bewegung, Belagerung und Feldschlacht führten, versan‐ ken weite Teile des Landes im Bürgerkrieg oder erlebten zumindest bürgerkriegsähn‐ liche Zustände. Briten und Patrioten kämpften nicht nur gegeneinander, sondern stets auch um die Gunst und Kontrolle der lokalen Bevölkerung. Je länger der Krieg dauerte, desto weniger konnten die Briten die ihnen treu ergebenen Amerikaner schützen, und desto mehr ging ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung verloren. Die Ausweitung der kolonialen Revolte zu einer breiten, aggressiven Volksbewegung kündigte bereits vor Yorktown die englische Niederlage an und ließ nach 1781 weitere militärische Anstrengungen vollends aussichtslos erscheinen. Zu dieser Einsicht gelangte auch George III., obwohl er lange Zeit eine Art Domino-Theorie verfochten hatte, derzufolge die amerikanische Unabhängigkeit zwangsläufig den Verlust Kanadas, der karibischen Besitzungen und sogar Irlands nach sich ziehen würde. In vieler Hinsicht nahmen die Briten also bittere Erfahrungen vorweg, die Kolonialmächte im Kampf gegen nationale Befreiungsbewegungen später immer wieder sammeln sollten. Aber auch die Amerikaner zahlten mit ca. 25.000 Toten einen hohen Preis für die Trennung vom Mutterland. Von allen Kriegen, an denen die USA bis heute beteiligt waren, forderte nur der Bürgerkrieg, gemessen an der Gesamtbevölkerung, mehr Opfer als der Unabhängigkeitskrieg. Im April 1782 begannen in Paris Friedensverhandlungen, an denen für die Ver‐ einigten Staaten Benjamin Franklin, John Adams und John Jay teilnahmen. Hinter 3 Unabhängigkeitskrieg, Bündnisdiplomatie und Pariser Friedensschluss, 1775 - 1783 61 <?page no="62"?> den Kulissen ergab sich bald Einvernehmen zwischen den Amerikanern, die ihre Unabhängigkeit so schnell wie möglich völkerrechtlich bestätigt sehen wollten, und den Briten, die fürchteten, Franzosen und Spanier könnten lange Verzögerungen zu weiteren Gebietsgewinnen auf Kosten Englands nutzen. Im Frieden von Paris, der schließlich am 3. September 1783 unterzeichnet wurde, erreichten Franklin und seine Kollegen durch geschicktes Taktieren nahezu ihre Maximalziele: England erkannte die amerikanische Unabhängigkeit formell an, trat das gesamte Territorium zwischen den Appalachen und dem Mississippi an die Vereinigten Staaten ab und räumte den Amerikanern Fischfangrechte vor Neufundland und Neuschottland ein. Kanada nördlich der Großen Seen blieb britisch, wobei die Grenzen allerdings noch nicht unzweideutig definiert wurden. Der gleichzeitige Friedensschluss zwischen den euro‐ päischen Mächten brachte keine wesentlichen Veränderungen, abgesehen von der Tatsache, dass England Florida an Spanien zurückgeben musste. Die Amerikaner begrüßten dies mit Blick auf die Zukunft, weil sie davon ausgingen, dass Spanien die schwächere der beiden Kolonialmächte sei. Das aus amerikanischer Sicht wichtigste Ergebnis war natürlich - abgesehen von der Unabhängigkeit selbst - die Öffnung der riesigen Westgebiete, die bislang noch von zahlreichen Indianerstämmen bewohnt waren, in die nun aber bereits Siedler zu strömen begannen. 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 Aus der Sicht vieler Patrioten stellten Revolution und Unabhängigkeit die Fortsetzung der Selbstbefreiung des Menschen aus politischer und religiöser Unmündigkeit dar, die mit der Reformation begonnen hatte. Die Begeisterung, die der militärische Triumph und der günstige Friedensschluss in Amerika auslösten, konnte die Fülle und Tragweite der anstehenden Probleme aber nur kurzfristig überdecken. Das Grundbefinden der 1780er Jahre, die der Historiker John Fiske hundert Jahre später als die „kritische Periode“ der amerikanischen Geschichte bezeichnete, war zwiespältig: Einerseits beflügelten republikanisches Selbstbewusstsein, puritanischer Auserwähltheitsglaube und die Vision eines künftigen American Empire den Tatendrang; andererseits wirkte die Furcht vor dem Abgleiten der Revolution in Anarchie eher lähmend, und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die das Ausscheiden aus dem Empire-Verband und die Kriegsschäden mit sich brachten, schränkten den Handlungsspielraum ein. Die Aufgabe, das Erreichte zu sichern und Stabilität und Wohlstand unter den neuen Bedingungen dauerhaft zu gewährleisten, erwies sich als fast ebenso schwierig wie der Kampf um die Unabhängigkeit. Niemand sah das klarer voraus als George Wa‐ shington, den einige Offiziere in der Endphase des Krieges, als der Kongress seine Soldversprechungen nicht einlösen konnte, wohl gern als Diktator auf den Schild gehoben hätten. Washington ließ sich jedoch nicht anfechten und gab den Oberbefehl im Dezember 1783 in Annapolis, Maryland ordnungsgemäß an den Kongress zurück. Zuvor richtete er allerdings ein Rundschreiben an die Staatenregierungen, in dem er Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 62 <?page no="63"?> seine Landsleute aufforderte, ihre gegenseitigen Vorurteile zu überwinden und die Union zu einem unauflöslichen Staatswesen mit einheitlicher Führung auszubauen. Als Privatmann warb er von seinem Landsitz Mount Vernon weiter im Sinne dieses politischen Vermächtnisses dafür, die Zusammenarbeit zu vertiefen und die nationale Integration voranzubringen. Das generelle Meinungsklima war solchen Gedanken zunächst aber alles andere als günstig. Egalitäre Tendenzen und Krise der Autorität Die amerikanischen Revolutionäre brauchten keine fest gefügte ständische Gesell‐ schaftsordnung mit erblichen Vorrechten und Adelstiteln umzustürzen. Dennoch hatte der Unabhängigkeitskrieg über die bloße Abtrennung vom Mutterland hinaus auch eine auf innere Veränderungen gerichtete soziale Dynamik erzeugt. Der Zwang zur Entscheidung für oder gegen bewaffneten Widerstand sprengte die koloniale Ober‐ schicht, deren Repräsentanten bis in die 1770er Jahre hinein fast überall das politische Geschick der Kolonien bestimmt hatten, und katapultierte „Emporkömmlinge“ in eine sich neu konstituierende republikanische Elite. Zusammen mit den königlichen Gouverneuren, Offizieren und Beamten wurden im Verlauf des Krieges nicht weniger als 80-100.000 Loyalisten aus den dreizehn Staaten vertrieben bzw. verließen Amerika freiwillig in Richtung England oder Kanada. Gemessen an der Gesamtbevölkerung bedeutete das einen größeren Aderlass, als ihn Frankreich im darauf folgenden Jahrzehnt mit der Hinrichtung und Flucht von „Konterrevolutionären“ erlebte. Die Loyalisten rekrutierten sich zwar aus allen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen, aber Besitzende und Gebildete waren proportional am stärksten vertreten. Wer das Land verließ, musste damit rechnen, dass sein Eigentum konfisziert und zu Gunsten der Staatskasse versteigert wurde. Obgleich solche Zwangsenteignungen die Ausnahme blieben und nach Kriegsende z. T. rückgängig gemacht wurden, verhalfen sie doch etlichen Patrioten zu raschem Reichtum und einer steilen Karriere. Insgesamt ist davon auszugehen, dass in dem Jahrzehnt von 1774 bis 1783 über 70 Prozent der kolonialen Amtsinhaber ihre Stellung verloren und etwa die Hälfte der Oberschicht ausgetauscht wurde. Dass dies nicht ohne Folgen für die gesellschaftliche Stabilität der jungen amerikanischen Staaten bleiben konnte, liegt auf der Hand. Die Veränderungen beschränkten sich aber nicht auf die Umschichtung von Besitz‐ verhältnissen innerhalb der Elite. Bewusstseins- und mentalitätsmäßig zertrümmerte die Revolution das auch in Amerika noch durchaus wirksame monarchisch-ständische Weltbild und stellte die Hierarchien und Statuszuweisungen der deferential society in Frage. Die massenhafte Teilnahme am politischen Prozess, die Entstehung einer „öffentlichen Meinung“ und der Abbau sozialer Schranken durch das Kriegserlebnis lösten eine generelle Autoritätskrise aus, die sich in der Politik der 1780er Jahre erst richtig bemerkbar machte und die bis in die Familienbeziehungen hineinwirkte. Die ra‐ dikal-republikanische Komponente der Country-Ideologie unterstützte den Anspruch des common man, in allen wichtigen Dingen mitreden und mitentscheiden zu dürfen. 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 63 <?page no="64"?> Vermögen und Bildung galten nicht mehr als unerlässliche Voraussetzung für ein politisches Amt, sondern die Fähigkeit zum Regieren wurde jedermann zugebilligt, der sich für das „größte Glück der größten Zahl von Menschen“ einsetzte - eine Formel, die von den schottischen Aufklärern um Adam Ferguson und Francis Hutcheson als Maßstab für „good government“ proklamiert worden war. „Einfache Leute“ erschienen sogar als bessere Repräsentanten des Volkes, weil sie am ehesten mit den Sorgen und Wünschen der Bürger vertraut waren. Dass solche Einstellungen praktische Folgen zeitigten, erkennt man sehr gut an der Zusammensetzung der Staatenparlamente, in denen nun - mit regionalen Unterschieden - doppelt bis dreimal so viele einfache Farmer und Handwerker vertreten waren wie in den vorrevolutionären Assemblies. Hier trugen nun erstmals parteiähnliche Fraktionen ganz offen Interessenkonflikte aus, die zur Kolonialzeit in exklusiven Zirkeln geregelt worden wären und die man im Krieg der Solidarität der Patrioten untergeordnet hatte. So entbrannte in den Legislativen nach der Tilgung der letzten Reste des feudalen Erbrechts der Streit um eine ausgewogene Verteilung der Steuerlasten, um die Vor- oder Nachteile von Papier‐ geld sowie um die Beseitigung wirtschaftlicher Monopole und religiöser Privilegien. Diese egalitäre Tendenz wurde in Wahlreden, Zeitungen und Pamphleten von heftigen rhetorischen Attacken auf noch bestehende oder vermeintliche Vorrechte begleitet. Viele Argumente, die gegen britische „Tyrannei“ und „Versklavung“ vorgebracht worden waren, dienten nun dazu, die soziale Kontrolle der einheimischen Elite weiter zu schwächen. Die revolutionäre Dynamik begann also die gesamte politische Kultur zu transformieren, was die einen als demokratische Verheißung, andere hingegen als Auflösung der gesellschaftlichen Bande interpretierten. Thomas Paines Aufruf, die „Welt neu zu beginnen“, konnte den Amtsinhabern und Parlamentariern nicht als praktische Handlungsanleitung dienen. Auch historisch gab es keinen brauchbaren Präzedenzfall, denn seit Oliver Cromwells gescheitertem Commonwealth im 17. Jahrhundert hatte niemand bewusst ein neues Regierungs‐ system konstruiert. Nach 1784 breitete sich in der revolutionären Führungsschicht allmählich die Überzeugung aus, dass die idealistisch-nostalgischen Vorstellungen, mit denen man den Kampf gegen das Mutterland geführt hatte, den Anforderungen der Unabhängigkeit nicht oder nur teilweise entsprachen. Der starre Antizentralismus der republikanischen Country-Ideologie, der schon im Krieg Koordinierungsprobleme geschaffen hatte, ihr extremes Machtmisstrauen, das eher zur Opposition als zum konstruktiven Regieren befähigte, und die von ihr erzeugte moralische Aversion gegen Handel und Kommerz erschwerten die notwendige Anpassung an die neuen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Die radikalen Patrioten und ihre auf‐ klärerischen Freunde und Bewunderer in Europa hofften, die amerikanischen Staaten würden den Beweis erbringen, dass es eine freiheitliche Alternative zur absoluten Monarchie und zum britischen Empire-Modell gab. In gemäßigteren Kreisen war man jedoch skeptisch, denn konföderative Republiken wie die Schweiz oder die Vereinigten Niederlande galten - im Vergleich zu den „modernen“ zentralisierten Nationalstaaten England und Frankreich - als antiquiert und kaum entwicklungsfähig. Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 64 <?page no="65"?> Noch weniger schien eine Rückkehr zu den Verhältnissen der römischen Republik oder gar zur strengen Genügsamkeit Spartas möglich. Konservative Beobachter hielten es schlichtweg für illusorisch, ein Gemeinwesen auf die freiwillige Zustimmung und die moralischen Tugenden seiner Bürger zu gründen anstatt auf patriarchalische Autorität, Zwang und klare Herrschaftsverhältnisse. Das Geschehen in den ersten Jahren der Unabhängigkeit schien diese Skeptiker und Gegner zu bestätigen, die den Vereinigten Staaten keine lange Überlebensdauer vorhersagten. Im Innern geriet das „amerikanische Experiment“ von zwei Seiten unter Druck: Zum einen erwies sich der Konföderationskongress als unfähig, die ihm gestellten Regierungsaufgaben zu erfüllen; zum anderen gelang es den souveränen Einzelstaaten nicht, aus eigener Kraft die desillusionierende Nachkriegsmisere zu überwinden. Die Schwäche des Konföderationskongresses Der „vagabundierende“ Konföderationskongress symbolisierte in den 1780er Jahren den Zustand einer unvollkommenen Union, der die lenkende Hand und ein lebendiges Kraftzentrum fehlte. Nachdem die Delegierten 1783 aus Furcht vor Soldaten, die ihre Soldzahlungen einforderten, Philadelphia verlassen hatten, konnten sie sich auf keinen festen Sitz mehr einigen, sondern tagten an wechselnden Orten. Die Wahlbestimmungen für Kongressdelegierte verhinderten eine personelle Kontinuität und bewirkten, dass viele der fähigsten Politiker Mitte der 1780er Jahre ausscheiden mussten. Unter diesen Umständen verlor die Öffentlichkeit, die sich ohnehin stärker auf das Geschehen in den jeweiligen Staaten konzentrierte, mehr und mehr das Interesse am Kongress. Dennoch war die Bilanz des Konföderationskongresses nicht völlig negativ. Einen außenpolitischen Erfolg bedeutete der Abschluss des Handelsvertrags mit Preußen 1785. Seine größte Leistung vollbrachte der Kongress kurz vor der Auflösung 1787 mit der Verabschiedung der von Jefferson konzipierten Northwest Ordinance. Sie legte Richtlinien für die weitere territoriale Ausdehnung der Vereinigten Staaten fest, indem sie die Gründung von mehreren neuen Staaten im Gebiet zwischen Ohio und den Großen Seen (Northwest Territory) vorsah. Diese Staaten sollten in die Union aufgenommen werden, sobald sie eine Einwohnerzahl von 60.000 erreicht und sich eine republikanische Verfassung gegeben hatten. Damit war sichergestellt, dass der Westen nicht permanent als Kolonialgebiet verwaltet, sondern nach und nach gleichberechtigt in die Union integriert werden würde. Überdies schloss die Northwest Ordinance jegliche Form von Sklaverei im Ohio-Territorium aus. Ursprünglich hatte Jefferson dieses Verbot auf den gesamten Westen bis hinunter zum Golf von Mexiko ausdehnen wollen, doch sein Vorschlag war am Widerstand der Südstaaten-Delegierten gescheitert. Besonders nachteilig machte sich die Schwäche des Kongresses im Bereich der Außenwirtschaft, des zwischenstaatlichen Handels und der Finanzen bemerkbar. Die Londoner Regierung behinderte auch nach dem Friedensschluss die amerikanischen Exporte in die Karibik und nach England, während englische Kaufleute rasch ihre 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 65 <?page no="66"?> Vorkriegsrolle als Hauptlieferanten von Fertigwaren und Kreditgeber zurückeroberten. Nur sie waren nämlich im Stande, den enormen Konsum- und Investitionsbedarf der Amerikaner zu befriedigen, der sich in acht Kriegsjahren angestaut hatte. Daraus folgten aber hohe Handelsdefizite, ein Abfluss des Hartgeldes nach England und eine steigende Verschuldung amerikanischer Pflanzer und Farmer, die sich Geld liehen oder auf Kredit kauften. Dieser „Konsumrausch“ ging schon 1784 in eine Deflationskrise mit sinkenden Preisen, Geldverknappung und Arbeitslosigkeit über. Der Kongress musste hilflos zuschauen, da er keine Vergeltungsmaßnahmen gegen die britischen Handels‐ beschränkungen ergreifen durfte und folglich weder in der Lage war, die Importe zu drosseln noch die Exporte zu steigern. Weil ihm zudem die Befugnis fehlte, den Handel zwischen den Staaten zu regulieren, konnte er nicht einmal verhindern, dass sich die Engländer Vorteile verschafften, indem sie einen Staat gegen den anderen ausspielten. Auf diese Weise drohte die Gefahr, dass interne Handels- und Zollschranken die Union unterminieren würden. Noch verhängnisvoller wirkte sich die fehlende Zoll- und Steuergewalt des Kongr‐ esses aus, die ihn ganz vom finanziellen Wohlwollen der Staatenparlamente abhängig machte. In dem Maße, wie sich die Wirtschaftskrise verschärfte, nahm nämlich die Bereitschaft der Staaten ab, die Forderungen des Kongresses zu erfüllen, und einige Parlamente stellten ihre Zahlungen ganz ein. Ohne ein sicheres Einkommen war es dem Kongress aber unmöglich, die noch lange nicht bewältigten finanziellen Folgelasten des Krieges zu tragen. Sie resultierten daraus, dass man Steuererhöhungen zur Kriegsfinanzierung so weit wie möglich vermieden und sich stattdessen mit Papiergeldemissionen und Anleihen beholfen hatte. Der größte Teil des Papiergeldes, das der Kongress - parallel zu den einzelnen Staaten - gedruckt hatte, war um diese Zeit bereits aus dem Umlauf gezogen worden. Anders sah es dagegen mit Schuldver‐ schreibungen und Anleihescheinen aus, für die Zinsen gezahlt werden mussten. Eine hohe Priorität besaßen natürlich auch die Auslandsanleihen, die man in Frankreich und den Niederlanden aufgenommen hatte. Die Kreditwürdigkeit des Kongresses im Innern wie nach außen hing davon ab, dass er zumindest seinen Zinsverpflichtungen gegenüber den Gläubigern nachkam. Auf Grund der finanziellen Schwierigkeiten und der schlechten Zahlungsmoral der Einzelstaaten war dies jedoch ab 1785 nicht mehr gewährleistet. Deshalb verfiel der Wert der kontinentalen Schuldverschreibungen, und auch das Vertrauen der europäischen Gläubiger, das für weitere Kredite unabdingbar war, drohte vollends verloren zu gehen. Ende 1786 stand fest, dass der Staatsbankrott nur noch durch grundlegende Änderungen auf dem Finanzsektor vermieden werden konnte. Die Kritik am handlungsunfähigen Kongress verband sich mit wachsender Unzu‐ friedenheit über die Politik der Einzelstaaten, die selbst nach Meinung etlicher radikaler Revolutionsführer „die Demokratie zu weit trieben“. Dieser Vorwurf zielte vor allem auf die Staatenlegislativen, die ihr Übergewicht in den neuen Verfassungssystemen zu einer veritablen Parlamentssouveränität ausbauten. Andererseits trat die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer deutlicher zu Tage. Das Prinzip der jähr‐ Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 66 <?page no="67"?> lichen Wahlen bewirkte häufig wechselnde Mehrheiten, die eine stetige Regierungs- und Verwaltungsarbeit nahezu unmöglich machten. Unter diesen Umständen nimmt es fast wunder, dass doch eine Reihe konstruktiver Leistungen erzielt wurde. Das betraf z. B. die bereits erwähnten Maßnahmen gegen die Sklaverei in den nördlichen Staaten, aber auch die von Jefferson formulierte Bill for Establishing Religious Freedom, die das virginische Parlament 1786 annahm. Durch die rechtliche Gleichstellung aller christlichen Glaubensgemeinschaften und das Verbot, sie mit staatlichen Mitteln zu alimentieren, verwirklichte dieses Gesetz erstmals die strikte Trennung von Kirche und Staat. Generell wurde die politische Auseinandersetzung in den Parlamenten immer härter, und die Mehrheiten nahmen wenig Rücksicht auf die Rechte der Minderheiten oder die Bestimmungen der Verfassungen. Am heftigsten wurde über die Methode gestritten, mit der die Wirtschaftskrise bekämpft werden sollte. Einige Parlamente beschlossen wieder Papiergeldemissionen, um den Mangel an Hartgeld auszugleichen und den Druck der öffentlichen und privaten Schulden zu lindern. Dabei nahmen sie einen inflationären Wertverlust des Papiergeldes in Kauf, der die Gläubiger schädigte und vehemente Beschwerden über die Verletzung des Rechts auf Eigentum auslöste. Andere Parlamente, in denen die Gläubiger mehr Einfluss hatten, setzten eine harte Sparpolitik durch, mit der die Lasten der Krise auf die kleinen Steuerzahler abgewälzt wurden. Ein solcher Kurs barg aber die Gefahr sozialer Unruhen, die dann auch nicht lange auf sich warten ließen. Die gefährlichste Situation entstand im westlichen Massachusetts, wo sich die Farmer, deren Besitz von Zwangsversteigerung bedroht war, weil sie ihre Steu‐ ern nicht zahlen konnten, im Herbst 1786 zusammenschlossen, die Kreisgerichte lahm‐ legten und ein staatliches Waffenlager zu erobern versuchten. Diese Protestbewegung, die nach einem ihrer Anführer, dem ehemaligen Hauptmann der Kontinentalarmee Daniel Shays, Shays’ Rebellion genannt wurde, konnte im folgenden Frühjahr durch den Einsatz von Milizen aus der Küstenregion niedergeschlagen werden. In der gespannten Atmosphäre betrachteten aber viele der führenden Politiker, die bislang noch auf Appelle an die Bürgertugend gesetzt hatten, die agrarischen Unruhen in Massachusetts und in einigen anderen Staaten als Anzeichen einer beginnenden Auflösung des gesellschaftlichen Gefüges der Union. Selbst George Washington, der übertriebenen Berichten aus dem Aufstandsgebiet bereitwillig Glauben schenkte, zweifelte nun daran, ob die Amerikaner wirklich reif seien, sich selbst zu regieren. Unterdessen waren auch die Bemühungen, die finanzielle Lage des Kongresses durch eine Änderung der Konföderationsverfassung zu verbessern, an dem Zwang zur Einstimmigkeit gescheitert. Als letzten Rettungsanker griff man nun die Idee eines allgemeinen Reformkonvents auf, die eine Gruppe von Politikern um den New Yorker Anwalt Alexander Hamilton und den virginischen Pflanzer James Madison - beides enge Vertraute George Washingtons - schon seit Beginn der 1780er Jahre verfolgt hatte. Diese nationalists, wie sie von den radikalen Republikanern abschätzig genannt wurden, diagnostizierten einen inneren Zusammenhang zwischen den Unzulänglich‐ keiten der Konföderationsverfassung und der Instabilität der Einzelstaaten. Aus den 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 67 <?page no="68"?> Erfahrungen, die sie seit dem Krieg auf beiden Ebenen gesammelt hatten, schlossen sie, dass weder Bürgertugend noch Religion die negativen menschlichen Eigenschaften, vor allem Ehrgeiz und Habgier, wirksam kontrollieren konnten; virtue und religion mussten, wie Madison sich ausdrückte, ergänzt werden durch institutionelle Heilmittel gegen die Gebrechen, die der republikanischen Staatsform naturnotwendig innewohn‐ ten. Im Unterschied zu den meisten ihrer Landsleute, deren erste Loyalität dem eige‐ nen Staat oder der Region gehörte, verfügten Hamilton und Madison wie auch Washington über eine „kontinentale Vision“, mit der sie die ungeheuren Entwicklungs‐ möglichkeiten der Vereinigten Staaten vorausahnten. Hamilton hatte hauptsächlich die wirtschaftlichen und militärischen Vorteile einer starken Zentralregierung im Auge. Seine Ziele waren der einheitliche amerikanische Binnenmarkt, eine stabile Währung und eine Militärmacht, mit der jeder potenzielle Gegner in Schach gehalten werden konnte. Das setzte voraus, dass der Kongress finanziell von den Staaten unabhängig wurde und eine wirkliche nationale Führungsrolle erhielt. Madison, der viel historische und staatsrechtliche Literatur heranzog, sorgte sich mehr um die innere Stabilität der Union. Abweichend von Montesquieu behauptete er schon im Frühjahr 1787, eine lockere Konföderation republikanischer Staaten, wie sie die Articles of Confederation geschaffen hatten, könne den sozialen Frieden und die politische Freiheit nicht dauerhaft gewährleisten. Dies sei nur möglich durch die enge Einbindung der Staaten in eine föderativ-nationale Ordnung neuen Stils, die auch Raum lasse für die Ausdehnung nach Westen. Mit Hilfe einer starken Zentralregierung könne die Führungselite die nötige Kontrolle über die Staatenparlamente ausüben, ohne dass dadurch der Republikanismus und das Prinzip der Volkssouveränität gefährdet würden. Madisons und Hamiltons Gedanken standen lange Zeit zu sehr im Widerspruch zur vorherrschenden Meinung, als dass sie Aussicht auf Realisierung gehabt hätten. Noch im September 1786 hielten es nur fünf Staaten für opportun, sich an einer von Hamilton initiierten Konferenz in der Hauptstadt von Maryland, Annapolis, zu beteiligen. Die Versammlung begnügte sich deshalb mit einer Einladung an alle Staatenparlamente, im Mai 1787 Delegierte zu einem Konvent nach Philadelphia zu entsenden. Um die Jahreswende 1786 / 87 schufen dann die Sorge vor dem finanziellen Zusammenbruch der Union und das Erschrecken vor Shays’ Rebellion die stimmungs‐ mäßigen Voraussetzungen für tiefgreifende Reformen. Als der Philadelphia-Konvent seine Arbeit aufnahm, waren alle Staaten außer Rhode Island vertreten, dessen radikale Parlamentsmehrheit die Verfassungsmäßigkeit des Unterfangens anzweifelte. Der Verfassungskonvent von Philadelphia Nach der sozialen Herkunft der Delegierten stellte der Philadelphia-Konvent einen Querschnitt durch die revolutionäre Elite der Pflanzer, Kaufleute und Anwälte dar. Ideologisch überwog aber das zentralistisch-nationale Element, nicht zuletzt deshalb, weil einige der radikalen Volksführer wie Samuel Adams und Patrick Henry freiwillig Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 68 <?page no="69"?> auf die Teilnahme verzichtet hatten. Von den 74 ursprünglich gewählten Abgeordneten fanden sich 55 in Philadelphia ein, wo der Konvent vom 25. Mai bis 17. September 1787 unter dem Vorsitz George Washingtons hinter verschlossenen Türen tagte. Bereits Ende Mai trafen die Delegierten auf Vorschlag des Virginiers Edmund Randolph die grundsätzliche Entscheidung, eine völlig neue Verfassung zu erarbeiten, um die Union zu „konsolidieren“ und im nationalen Sinne umzugestalten. Damit wichen sie bewusst von den Instruktionen des Konföderationskongresses und der meisten Parlamente ab, die Articles of Confederation zu „revidieren und zu verbessern“. Ausgangspunkt der Beratungen war also der Konsens darüber, dass die Union eine handlungsfähige Zentralregierung benötigte, deren Kompetenzen und Machtmittel ausreichen mussten, um den anstehenden wie auch allen erdenklichen zukünftigen Aufgaben gerecht zu werden. Im Einzelnen blieben aber genügend Probleme und Streitpunkte übrig, die zäh diskutiert wurden und den Konvent mehr als einmal an den Rand des Scheiterns brachten. Letztlich erzeugte aber die Furcht, dass ein Misserfolg den Zerfall der Union nach sich ziehen würde, immer wieder genügend Kompromissbereitschaft, um diese Krisen zu überwinden. Vier Problemkreise verwoben sich in der Debatte zu einem komplizierten Geflecht: das Verhältnis zwischen den Einzelstaaten und der Zentralregierung (die in den Entwürfen stets „national government“ und erst am Ende mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung „federal government“, Bundesregierung, genannt wurde); die Machtverteilung innerhalb dieser Zentralregierung; die Repräsentation von großen und kleinen Staaten im zukünftigen Parlament; und der Interessengegensatz zwischen Nord- und Südstaaten, der hauptsächlich in der Sklavereifrage wurzelte. Was den ersten Komplex betraf, so schränkten die Delegierten die Staatensouveränität ein und wiesen der Zentralregierung eine übergeordnete Stellung zu. Von größter praktischer Bedeutung war die Neuordnung der Kompetenzen im wirtschaftlichen Bereich: Die Bundesregierung erhielt nun das Recht, Einfuhrzölle und Steuern zu Zwecken der Verteidigung und allgemeinen Wohlfahrt (common defence and general welfare) zu erheben sowie den Handel zwischen den Staaten und mit dem Ausland zu regulieren. Durch diese Neuformulierung der Steuer- und Handelsbefugnisse (taxing power und commerce power) war die Bundesregierung finanziell weitgehend unabhängig von den Staaten und konnte sich direkt an jeden einzelnen Bürger wenden. Zugleich wurde den Staaten untersagt, Papiergeld auszugeben und Münzen zu prägen. Damit waren die Voraussetzungen für den einheitlichen Binnenmarkt und eine gemeinsame Wirt‐ schafts-, Währungs- und Handelspolitik geschaffen. Die Verfassung garantierte den Staaten eine republikanische Regierungsform und Schutz vor äußeren Angriffen wie vor innerem Umsturz. Zu diesem Zweck durfte die Bundesregierung nicht nur Heer und Flotte unterhalten, sondern auch die Staatenmilizen beaufsichtigen und nötigenfalls gegen Unruhen (domestic violence) einsetzen. Vollendet wurde der Übergang von der konföderativen zur bundesstaatlichen Ordnung durch zwei dehnbare Generalklauseln: Artikel I, Abschnitt 8 ermächtigte den neuen Kongress, alle Gesetze zu beschließen, die er für „notwendig und angemessen“ (necessary and proper) hielt, um die ihm von der 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 69 <?page no="70"?> Verfassung gestellten Aufgaben zu erfüllen; und Artikel VI erklärte die Verfassung und die Gesetze und Verträge der Union zum höchsten geltenden Recht (supreme law of the land), an das jeder Richter ungeachtet der Verfassungen und Gesetze der Einzelstaaten gebunden war. Trotz der Beschneidung ihrer Selbstständigkeit blieben die Staaten aber die Grundeinheiten des Regierungssystems. Das zeigte sich z. B. bei dem in Artikel V festgelegten Verfahren zur Verfassungsänderung: Vorgeschlagen werden konnten Änderungen und Ergänzungen (amendments) entweder von beiden Häusern des Kongresses mit Zweidrittelmehrheit oder von einem Verfassungskonvent, der auf Antrag von zwei Drittel der Staaten zustande kam. Damit ein solcher Vorschlag Geltung erlangte, mussten ihm aber drei Viertel der Staaten - durch Parlamentsbeschluss oder per Ratifizierungskonvent - zustimmen. Bei der Konstruktion der Bundesorgane ließ sich die Mehrheit der Delegierten von der Absicht leiten, ein Übergewicht der Legislative, eine Art Parlamentssouveränität, wie sie sich in den Staaten herausgebildet hatte, zu verhindern. Gewiss stand der Kongress als Verkörperung des Gesamtwillens der Union im Zentrum des Regierungs‐ systems; es musste aber Vorsorge getroffen werden, dass die Rechte von Minderheiten sowie der Geist und Buchstabe der Verfassung selbst gewahrt blieben. Eine möglichst unabhängige Exekutive und Judikative waren dazu gedacht, der legislativen Gewalt Grenzen zu setzen, um das System als Ganzes im Gleichgewicht zu halten. Überragen‐ den Stellenwert gewann dabei die Frage, wie die Exekutive beschaffen sein und welche Befugnisse sie ausüben sollte. Ihre Beantwortung war deshalb so prekär, weil sich hier am deutlichsten die Abwendung von den radikalen Maximen der Revolution zu Gunsten gemäßigter Vorstellungen von einer balance of power im Sinne der englischen konstitutionellen Tradition offenbarte. Ein Ersatz für den König, der dem Parlament Paroli bieten konnte, war nicht leicht zu finden, zumal die ausführende Gewalt im Bewusstsein der Zeitgenossen immer noch mit der erblichen Monarchie identifiziert wurde. Der Konvent erwog eine ganze Reihe von Modellen, die sich zwischen den Extremen eines auf Lebenszeit gewählten Präsidenten (ein Vorschlag Hamiltons, der aber angesichts der öffentlichen Meinung keine Realisierungschance hatte) und einem kollegialen Führungsgremium bewegten, das am ehesten den republikanischen Prinzipien entsprochen hätte. Am Ende setzte sich der Vorschlag des pennsylvanischen Anwalts James Wilson durch, dass „die Exekutive aus einer einzigen Person beste‐ hen“ sollte, obwohl einige Delegierte darin den „Fötus der Monarchie“ zu erkennen glaubten. Nach Meinung der Mehrheit war so am besten gewährleistet, dass die Exekutive über einen einheitlichen Willen und über genügend Energie und Effektivität verfügen würde, um das Wohl der Nation zu verfolgen, und dass gleichzeitig klare Verantwortlichkeiten gegeben seien. Unterschwellig spielte dabei sicher eine Rolle, dass viele Delegierte mit dem Konventsvorsitzenden George Washington bereits den Wunschkandidaten für das neue Amt im Auge hatten. Die Debatte über die Amtszeit spitzte sich auf zwei konkurrierende Vorschläge zu: sieben Jahre ohne Wiederwahl oder vier Jahre mit der Möglichkeit, sich danach erneut zur Wahl zu stellen. Den Ausschlag für das zweite Modell gab schließlich die Überlegung, dass der vierjährige Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 70 <?page no="71"?> Turnus einerseits eine relativ gute Sicherheit gegen Machtmissbrauch bot, das Verbot einer Wiederwahl andererseits die Energie des Amtsinhabers eher lähmen und die Optionen der Bürger zu sehr einschränken würde. Als zuständiges Wahlgremium war lange Zeit der Kongress vorgesehen gewesen, nachdem die Delegierten den Gedanken der direkten Volkswahl als zu radikal, vor allem aber als nachteilig für die kleinen Staaten und die Sklavenstaaten (in denen ja nur verhältnismäßig wenige weiße Wähler lebten) verworfen hatten. Die Entscheidung für eine indirekte Volkswahl stellte also in erster Linie ein Zugeständnis an die kleinen Staaten und das föderative Prinzip dar. Im Wahlmännerkollegium, dessen Mitglieder zunächst von den Staatenparlamenten, nicht von den Bürgern selbst gewählt wurden, verfügte jeder Staat über die gleiche Anzahl Stimmen wie er Abgeordnete und Senatoren in den Kongress entsenden durfte. Durch die Vorschrift, dass die Elektoren je zwei Stimmen hatten, von denen sie eine für einen Kandidaten abgeben mussten, der nicht aus ihrem eigenen Staat stammte, wurde das Gewicht der kleinen Staaten erhöht. Noch deutlicher kam das föderale Element darin zum Ausdruck, dass für die Wahl zum Präsidenten die absolute Mehrheit der Wahlmännerstimmen erforderlich war. Die meisten Delegierten gingen davon aus, dass ein solches Ergebnis nur in Ausnahmefällen eintreten und die letzte Entscheidung deshalb in der Regel doch beim Repräsentantenhaus liegen würde. Hier sah die Verfassung vor, dass bei den Stichwahlen im Repräsentantenhaus nach Staaten abzustimmen sei, wobei jeder Staat, ob groß oder klein, eine Stimme hatte. Ein „Nebenprodukt“ dieser komplizierten Regelung war das Amt des Vizepräsidenten, das an denjenigen Kandidaten fiel, der die zweithöchste Zahl von Wahlmännerstimmen erreichte. In der Summe der Kompetenzen, die der Konvent dem Präsidenten zubilligte, machte er ihn gleichzeitig zum Regierungschef, zum Staatsoberhaupt und zum Oberbefehlsha‐ ber der Streitkräfte. Diese unerhörte Machtfülle wurde allerdings dadurch eingegrenzt, dass der Präsident eine ganze Reihe von Befugnissen mit dem Kongress teilen musste. So sah man vor, dass er zur Ernennung der Minister - wie auch der Richter und anderen hohen Regierungsbeamten - die Zustimmung des Senats benötigte. Seine Befugnis, völkerrechtliche Verträge abzuschließen, musste er ebenfalls mit dem Senat teilen, dessen Zweidrittelmehrheit für die Ratifizierung erforderlich war. Außenpolitischen Alleingängen und militärischen Abenteuern des Präsidenten glaubten die Delegierten dadurch vorbeugen zu können, dass sie die Entscheidung über Krieg und Frieden, die Aufstellung von Heer und Flotte und die Mobilisierung der Milizen dem Kongress überließen. Gestärkt wiederum wurde der Präsident gegenüber der Legislative durch ein Vetorecht, mit dem er Kongressgesetze aufhalten konnte, sofern ihn Repräsentan‐ tenhaus und Senat nicht mit Zweidrittelmehrheit überstimmten. Dabei ging es den Delegierten weniger um die Blockierung von Gesetzesvorhaben als vielmehr, wie Madison erklärte, um die Verhinderung von „überhastet formulierten, ungerechten und verfassungswidrigen“ Gesetzen. Auf diese Weise war der Präsident aktiv und in konstruktiver Weise am Gesetzgebungsprozess beteiligt. Diese Regelungen sind charakteristisch für das Bemühen des Konvents, ein komplexes System der Gewalten‐ 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 71 <?page no="72"?> verschränkung und wechselseitigen Kontrolle zu schaffen, das eher Montesquieus Idealvorstellungen von der englischen Verfassung als dem tatsächlichen System des King in Parliament folgte, wie es im 18. Jahrhundert Gestalt angenommen hatte. Die Präsidentschaft wurde Teil eines mixed and limited government, dessen verfassungs‐ mäßige Begrenzung in erster Linie dem Schutz der individuellen Freiheit vor staatlicher Willkür und Unterdrückung dienen sollte. Das Prinzip der funktionalen Gewaltenteilung und Gewaltenverschränkung wird auch beim Blick auf die Judikative deutlich: Der Konvent etablierte das Oberste Gericht (Supreme Court) zwar erstmals als eigenständigen dritten Regierungszweig, ermächtigte aber den Präsidenten, die Bundesrichter mit Zustimmung des Senats auf Lebenszeit (during good behavior) zu ernennen. Der Vorsitzende des Gerichts wiederum wurde ermächtigt, das Verfahren der Amtsanklage (Impeachment) gegen den Präsidenten zu leiten, das der Konvent als letzte Schranke gegen exekutive Willkür errichtete. An einem solchen Impeachment sind laut Verfassung aber auch die beiden Kammern des Kongresses beteiligt: Das Repräsentantenhaus hat das alleinige Recht, die Anklage zu erheben, und der Senat kann den Präsidenten mit Zweidrittelmehrheit verurteilen. Der Supreme Court, dessen exakte Befugnisse der Kongress erst 1789 im Judiciary Act festlegte, sollte für eine einheitliche Rechtsprechung und die Beachtung der konstitutionellen Grenzen in der ganzen Union sorgen. Welche Autorität er sich später wirklich verschaffen würde, war zum Zeitpunkt der Verfassungsgebung ebenso wenig vorauszusehen wie Erfolg und Dauerhaftigkeit des Systems insgesamt. Nach dem Willen der Verfassungsväter sollten sich die drei Gewalten aber auf keinen Fall gegenseitig lähmen, sondern vielmehr durch Konkurrenz und Ehrgeiz zu höheren Leistungen anspornen. Im 51. Federalist-Essay fasste Madison diese Überzeugung in dem Satz „ambition must be made to counteract ambition“ zusammen. Bei der Frage nach Struktur und Zusammensetzung des neuen Kongresses gingen die Auffassungen der großen und der kleinen Staaten zunächst weit auseinander. Man einigte sich aber schließlich darauf, bei der Sitzverteilung im Unterhaus (House of Representatives) die Einwohnerzahl zugrunde zu legen, im Oberhaus (Senate) hingegen jedem Staat zwei Sitze zu gewähren. Die Abgeordneten sollten in den Staaten für zwei Jahre direkt gewählt werden (wobei das Wahlrecht Sache der Staaten blieb), die Senatoren von den Staatenparlamenten auf sechs Jahre bestimmt werden. Dieser von Connecticut vorgeschlagene Kompromiss (Connecticut Compromise) entschädigte die kleinen Staaten bis zu einem gewissen Grade für den erlittenen Macht- und Statusverlust, den der Proporz im Repräsentatenhaus erzeugte, denn über den Senat konnten sie nun gleichberechtigt Einfluss auf die Gesetzgebung und die Ernennung von Beamten und Richtern nehmen. Der Nord-Süd-Konflikt hatte seinen Ursprung darin, dass die Südstaaten fürchten mussten, im Kongress wegen ihrer geringeren weißen Bevölkerungszahl vom Norden majorisiert zu werden. Ihre Delegierten im Konvent wollten sicherstellen, dass die künftige Wirtschaftspolitik die Interessen der auf den Export von Agrarprodukten angewiesenen südlichen Pflanzer und Farmer berücksichtigte und dass sich der Rest Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 72 <?page no="73"?> der Union nicht zusammentun konnte, um die Sklaverei zu verbieten. In einem frühen Stadium der Beratungen gestanden die Delegierten der Nord- und Mittelstaaten dem Süden zu, als Grundlage für die Repräsentation im Unterhaus nicht allein die weiße Bevölkerung zu nehmen, sondern drei Fünftel „aller anderen Personen, mit Ausnahme von Indianern“ hinzuzuzählen (eine Umschreibung für das Wort „Sklaven“, das man in der Verfassung vermeiden wollte). Als die Südstaatler jedoch später für die Verabschiedung von Handelsgesetzen Zweidrittelmehrheiten in beiden Häusern des Kongresses verlangten, zogen die anderen Delegationen ihr Zugeständnis wieder zurück, weil sie eine Vormachtstellung des Südens befürchteten. Nur mit großer Mühe gelang es einem speziellen Komitee, die unvereinbar scheinenden Standpunkte im so genannten Great Compromise zusammenzuführen: Der Norden willigte ein, dass die Drei-Fünftel-Klausel bei der Berechnung der Repräsentation angewendet wurde und der Kongress den Sklavenimport bis 1808 nicht unterbinden durfte. Im Gegenzug erklärte sich der Süden bereit, entsprechend der verbesserten Repräsentation mehr direkte Steuern zu zahlen und auf qualifizierte Mehrheiten für Handelsgesetze zu verzichten. In der Schlussphase lehnte der Konvent George Masons Vorschlag ab, einen Grundrechtekatalog zu formulieren. Die Mehrheit hielt dies entweder für unnötig, weil eine solche Bill of Rights die in den Staaten bereits geltenden Bestimmungen duplizieren würde, oder sogar für schädlich, weil sie den Handlungsspielraum der Bundesregierung zu sehr einengen könnte. Am 17. September 1787 nahm der Konvent den Verfassungsentwurf mit den Stimmen der noch vertretenen elf Staaten an und stellte ihn dem Konföderationskongress zu. Außer Rhode Island fehlte jetzt auch New York, weil zwei der drei Delegierten aus Protest gegen den Trend zum Zentralismus vorzeitig abgereist waren und Hamilton allein kein Votum mehr abgeben durfte. Von den 41 Delegierten, die bis zum Schluss im schwül-heißen Philadelphia ausgeharrt hatten, verweigerten drei - George Mason und Edmund Randolph aus Virginia sowie Elbridge Gerry aus Massachusetts - ihre Unterschrift unter das Dokument. Wieder daheim veröffentlichten sie kritische Stellungnahmen zum Werk des Konvents, die erste Kristallisationspunkte für eine allgemeine Oppositionsbewegung bildeten. Die Mehrheit des Konvents hatte mit politischem Widerstand gerechnet und Vorsorge getroffen, dass die Ratifizierung keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten würde. Eingedenk der schlechten Erfahrungen mit der Einstimmigkeitsklausel der Articles of Confederation schrieben sie in Artikel VII fest, dass die Zustimmung von neun Staaten genügte, um die Verfassung in Kraft zu setzen. Entscheiden sollten außerdem nicht die Staatenparlamente oder Volksabstimmungen, sondern speziell gewählte Ratifizierungskonvente, von denen man am ehesten Unvoreingenommenheit und Objektivität erwarten durfte. Als der Konföderationskongress Ende September 1787 den Verfassungsentwurf mit dieser Empfehlung kommentarlos an die Staaten weiterleitete, setzte er eine monatelange öffentliche Debatte in Gang, die in ihrer Lei‐ denschaftlichkeit an die Revolution erinnerte, deren Form und Inhalt aber auch schon auf die parteipolitischen Auseinandersetzungen im neuen Bundesstaat vorauswiesen. 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 73 <?page no="74"?> Die Ratifizierungsdebatte Noch im Herbst 1787 bildeten sich zwei politische Lager, die mit großem publizisti‐ schem Aufwand um die Gunst einer überraschten und anfangs weitgehend unentschie‐ denen Wählerschaft kämpften. Die Befürworter des Verfassungsentwurfs nannten sich Federalists und stempelten ihre Widersacher als Antifederalists ab. Dieses negative Etikett blieb an den Kritikern des Verfassungsentwurfs hängen, obwohl sie beteuerten, den „wahren“ staatenbündisch-republikanischen Föderalismus zu verteidigen. Die Fronten verliefen in den verschiedenen Staaten recht unterschiedlich und waren zudem stets in Bewegung. Die Federalists hatten ihre Hochburgen in den Städten und Küstenregionen, während die Antifederalists die stärkste Unterstützung von Farmern im agrarischen Hinterland erhielten. Im Wesentlichen handelte es sich aber um eine geistig-ideologische Konfrontation: Was die beiden Lager und ihre prominenten Sprecher trennte, waren mentalitätsmäßig bedingte Unterschiede in der Deutung von Republikanismus und Föderalismus. Die Antifederalists verstanden sich als Hüter der „Ideen von 1776“ gegen elitäres Gedankengut und staatlichen Zentralismus. Sie warfen dem Konvent vor, er habe seine Befugnisse überschritten und ein „konsolidiertes Reich“, ein American Empire, geschaffen, das über kurz oder lang die Staaten völlig entmachten und aufsaugen werde. Unter Berufung auf Montesquieu bestritten sie energisch, dass ein Gebiet von der Größe und Interessenvielfalt der amerikanischen Union von einem Zentrum aus nach republikanischen Grundsätzen regiert werden könne. Die Gefahr, dass dieses System in eine Aristokratie oder Monarchie abgleite, sei umso größer, als die Verfassung keine Grundrechtsgarantien enthalte. Diesem Country-Ideal der überschaubaren, möglichst homogenen Republiken in einem lockeren Staatenbund stellten die Federalists ihr neuartiges Modell eines, so Madison, „teils nationalen, teils föderalen“ Regierungssystems entgegen. Die theoreti‐ sche Rechtfertigung der „Verfassungsrevolution“ lieferten Alexander Hamilton, James Madison und John Jay in einer Serie von 85 Essays, die zuerst unter dem Pseudonym Publius in New Yorker Zeitungen veröffentlicht wurden und im Frühjahr 1788 als The Federalist in Buchform erschienen. Hamilton und sein New Yorker Parteifreund Jay versuchten, dem Begriff „Empire“ den negativen Klang zu nehmen, indem sie ihren Landsleuten ein Friedens- und Handelsreich vor Augen stellten, das mit den europäischen Mächten konkurrieren konnte, ohne sie fürchten zu müssen. Madison ergänzte diese Argumente durch seine originelle Theorie der „ausgedehnten Republik“: Die große, vorerst noch kaum bestimmbare geographische Ausdehnung und die Interessenvielfalt der Union stünden einer festen politischen Integration nicht nur nicht entgegen, sondern erleichterten sie sogar. Da die Zahl der Parteien und Interes‐ sengruppen mit der Größe des Staatsgebiets zunehme, würde es einer Bewegung, die gegen das Gesamtwohl gerichtet sei, unmöglich gelingen können, einen geschlossenen Block zu bilden und die Herrschaft an sich zu reißen. Zu der Gewaltenteilung innerhalb der Bundesregierung und zum Wettbewerb zwischen Bund und Einzelstaaten trete also eine gesellschaftliche Balance hinzu, die das System noch komplexer und damit noch stabiler mache. Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 74 <?page no="75"?> Allen intellektuellen und propagandistischen Anstrengungen ihrer Befürworter zum Trotz wäre die Verfassung dennoch abgelehnt worden, wenn die Federalists nicht versprochen hätten, nach ihrem Inkrafttreten Änderungen und Ergänzungen, speziell eine Absicherung der Grundrechte vorzunehmen. Mit dieser Strategie gelang es, in den Ratifizierungskonventen genügend Delegierte auf die eigene Seite zu ziehen und die Zustimmung so wichtiger Staaten wie Massachusetts, Virginia und New York zu erreichen. Erst New Yorks positives Votum am 26. Juli 1788 machte die Verfassung, die theoretisch nach der Annahme durch den neunten Staat, New Hampshire, am 21. Juni 1788 gültig geworden war, zu einer politischen Realität. Die Ratifizierungsdebatte wurde begleitet von einer Welle von Feierlichkeiten, die ihre Höhepunkte in den großen Bundesparaden (Federal Processions) der Küstenstädte fand. Die starke Beteiligung der Handwerker und Kaufleute an diesen neuartigen Festumzügen unterstrich noch einmal, dass die in Handel und Gewerbe engagierten Bevölkerungskreise die treibende Kraft hinter der konstitutionellen Neuordnung bildeten. Ihre Reaktion war umso en‐ thusiastischer, als sich in den meisten Staaten ein wirtschaftlicher Aufschwung bereits vor der endgültigen Annahme der Verfassung abzeichnete. Die Paraden brachten aber auch das Selbstbewusstsein von Bürgern zum Ausdruck, die ihr Schicksal selbst bestimmten und optimistisch in die Zukunft voranschritten. Das Bemühen um Konsens entsprang der teils intellektuellen, teils gefühlsmäßigen Einsicht, dass es zur Begrün‐ dung einer Nation verbindender Werte und des Glaubens an eine Mission bedurfte, die von Generation zu Generation weitervermittelt wird. Als identitätsstiftende Symbole eigneten sich besonders gut die Gründungsdokumente Unabhängigkeitserklärung und Verfassung, die an hervorgehobener Stelle in den Zügen mitgeführt wurden. Das Be‐ kenntnis zu den Prinzipien der Revolution nahm hier einen quasi-religiösen Charakter an, so dass man die Prozessionen als erste Erscheinungsformen der amerikanischen civil religion bezeichnen kann, einer konfessionsübergreifenden bürgerlichen Religion im Dienste der nationalen Einheit. Gefeiert wurde auch George Washington, dessen Abbildung als Steuermann des neuen Staatsschiffes einer öffentlichen Akklamation zum Präsidenten gleichkam. In der Tat votierten bei den ersten Bundeswahlen im Winter 1788 / 89 sämtliche 69 Wahlmänner für Washington, während sich John Adams mit einem wesentlich bescheideneren Ergebnis und dem undankbaren Amt des Vizepräsidenten zufrieden‐ geben musste. Im Wahlkampf für das Repräsentantenhaus spielten die versprochenen Verfassungsänderungen eine wichtige Rolle: Um erfolgreich zu sein, hielten es viele Fe‐ deralists für geboten, ihre Amendment-Zusage zu erneuern. Nach dem Zusammentritt des Kongresses und der feierlichen Amtseinführung Washingtons am 30. April 1789 in New York City formulierten die Abgeordneten und Senatoren einen Grundrechte‐ katalog, der viele der von den Ratifizierungskonventen vorgeschlagenen Änderungen berücksichtigte. Seine zehn Artikel wurden im Dezember 1791 als Amendments an die Verfassung angehängt. Gemessen an der fast gleichzeitig - unter Mitwirkung Jeffersons - in Paris aus‐ gearbeiteten französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wirkte die 4 Die „kritische Periode“, 1783 - 1787 / 88 75 <?page no="76"?> amerikanische Bill of Rights, wie die ersten zehn Amendments bald genannt wurden, eher bescheiden. Ihr Vorzug bestand aber darin, dass alle ihre Bestimmungen, an erster Stelle die Presse-, Meinungsund Gewissensfreiheit, als Teil des geltenden Rechts vor Gericht einklagbar waren. Allerdings verpflichteten die Garantien nur den Kongress, nicht auch die Einzelstaaten, wie es Madison beabsichtigt hatte. Da die Bill of Rights den Wünschen der gemäßigten Antifederalists entsprach, trug sie dazu bei, die große Mehrheit der Opposition politisch einzubinden. Die Ratifizierung der Verfassung und der Bill of Rights in öffentlicher Debatte sanktionierte darüber hinaus das Werk des Philadelphia-Konvents und verlieh der neuen Ordnung unangreifbare Legitimität. Diese Ordnung färbte nun sogar auf die Staatenverfassungen ab, die - beginnend 1790 in Pennsylvania - an das Modell der United States Constitution angepasst wurden. Überall setzten sich das legislative Zweikammer-Modell und der Grundsatz der Gewaltenteilung durch. Erstaunlich rasch identifizierten sich die Amerikaner mit der Bundesverfassung und bekannten sich zu ihren fundamentalen Prinzipien. Das schloss aber keineswegs aus, dass sie auf dem Boden der Verfassung heftig darüber stritten, wie diese Werte und Prinzipien am besten zu verwirklichen seien. In dieser Hinsicht wirkte die Verfassungsdebatte wie ein Katalysator, der die Entstehung von bundesweiten Parteien und den Aufschwung des Zeitungswesens beschleunigte. Um 1800 erschienen in den USA über 200 Zeitungen - mehr als selbst in England -, die sich fast alle vehement am politischen Tageskampf beteiligten. Konstitutionell und politisch bedeutete das eine wichtige Stufe im Übergang von der partikularen zur nationalen Form der Willensbildung und Entscheidungsfindung. Wenn sich ein großer Teil des mentalen Wandels auch bereits vor der Unabhängig‐ keitserklärung vollzogen hatte, wie John Adams später behauptete, so war die Trans‐ formation des gesellschaftlichen Bewusstseins doch noch längst nicht abgeschlossen. In diesem Sinne hatte Benjamin Rush Recht, der 1787 feststellte, der Krieg sei wohl vorüber, nicht aber die amerikanische Revolution: „Ganz im Gegenteil, nur der erste Akt des großen Dramas ist beendet.“ Die Verfassung institutionalisierte gewissermaßen die Revolution, indem sie für einen offenen politischen Prozess sorgte, durch den das amerikanische politische System und die amerikanische Gesellschaft kontinuierlich weiterentwickelt werden konnten. Zugleich schrieb sie jedoch - zumindest für die absehbare Zukunft - die Sklaverei fest, um den Bestand der Union nicht zu gefährden. Die Frage, ob es bereits eine „amerikanische Nation“ gab und wer ihr als Staatsbürger angehörte, war auch nach Inkrafttreten der Verfassung noch offen. 5 Die Federalists an der Macht, 1789 - 1800 Hamiltons Finanz- und Wirtschaftsprogramm Das Ergebnis der ersten Bundeswahlen versetzte die Federalists in die Lage, ein gutes Jahrzehnt lang die Verfassung nach ihren Vorstellungen auszudeuten und mit Leben zu erfüllen. Den ruhenden Pol in dieser Zeit, die von den Revolutionen und Kriegen Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 76 <?page no="77"?> in Europa überschattet war, bildete George Washington, der wie sein römisches Vorbild Cincinnatus noch einmal Mount Vernon verlassen hatte, um zur Festigung der amerikanischen Union beizutragen. Am meisten Tatkraft und Kreativität bewies Alexander Hamilton, einer der homines novi der Revolution, der sich stets eng an Washington gehalten hatte und nun als Finanzminister (Secretary of the Treasury) die rechte Hand des Präsidenten im Kabinett wurde. Kernstück seines am englischen Beispiel orientierten Programms, das er in den Kongress einbrachte, war die sichere Fundierung der Staatsschulden, die aus dem Krieg resultierten und in den 1780er Jahren noch angewachsen waren. Zusätzlich zur auswärtigen und inneren Schuld der Union (11,7 Millionen bzw. 42 Millionen Dollar) übernahm die Bundesregierung bis 1792 auch die Schulden der Einzelstaaten von insgesamt 18,2 Millionen Dollar. Dabei garantierte sie den Gläubigern (unter ihnen etliche Spekulanten, die Schuldverschreibungen zu niedrigen Marktpreisen aufgekauft hatten) die Annahme sämtlicher Zertifikate zum Nennwert und die Zinszahlung in Hartgeld. Das unabhängige Einkommen, das der Bund hierfür benötigte, verschaffte er sich durch nationale Einfuhrzölle, mit denen auch wirtschaftlicher Druck auf England ausgeübt werden konnte. Wegen der hohen Zolleinnahmen brauchten vorerst keine direkten Steuern erhoben zu werden. Um die finanziellen Transaktionen zu koordinieren und die Währung zu vereinheitlichen, schuf der Kongress auf Vorschlag Hamiltons 1791 die Bank of the United States in Philadelphia (seit 1790 vorläufiger Sitz des Kongresses und der Regierung) in Form einer teils privaten, teils staatlichen Aktiengesellschaft. Der wirtschaftliche Aufschwung trug das Seine dazu bei, dass die Union binnen kurzem über ein solides Finanz- und Währungssystem verfügte, das ihre Kreditwürdigkeit wiederherstellte und genügend Investitionskapital im Land freisetzte bzw. aus Europa anzog. Politisch wirkte die konsolidierte Staatsschuld, wie Hamilton es beabsichtigt hatte, als „Zement der Union“, weil sie die Interessen der einflussreichen Gläubiger fest mit dem Schicksal der Bundesregierung verband. An inneren Widerständen gegen Hamiltons Kurs fehlte es allerdings nicht, zumal im Süden, wo die Pflanzer und Farmer das Gefühl hatten, ihre Belange würden zu Gunsten der Handels- und Kapitalinteressen des Nordens vernachlässigt. Dieser Stimmung fiel Hamiltons letzter großer Plan, das Manufakturwesen der Union systematisch zu fördern, bereits zum Opfer. Auch das Finanzprogramm konnte nur durch Zugeständ‐ nisse an die Südstaaten-Abgeordneten im Kongress vollendet werden. Das wichtigste dieser Zugeständnisse war das Versprechen, die in der Verfassung vorgesehene neue permanente Hauptstadt weiter nach Süden an den Potomac zu verlegen. Auf die Planung dieses District of Columbia nahm George Washington, der im Grenzgebiet von Virginia und Maryland Land besaß, persönlich großen Einfluss. Erste Entwürfe für die Stadt, die noch zu Lebzeiten des ersten Präsidenten „Washington“ genannt wurde, lieferte der französische Architekt Pierre L’Enfant. Die praktische Umsetzung dieser Vision einer nationalen Hauptstadt, die sich mit London und Paris messen konnte, fiel wesentlich bescheidener aus, aber sie erlaubte im November 1800, ein Jahr nach Washingtons Tod, den Umzug der Bundesregierung von Philadelphia an den Potomac. 5 Die Federalists an der Macht, 1789 - 1800 77 <?page no="78"?> Thomas Jefferson war 1789 aus Paris zurückgekehrt, wo er als Gesandter der Vereinigten Staaten die Anfänge der Französischen Revolution miterlebt hatte. In Washingtons Kabinett bekleidete er das Amt des Außenministers (Secretary of State) und gehörte damit zum engsten Beraterkreis des Präsidenten. Im Streit um den Haupt‐ stadtsitz unterstützte er den von Hamilton und Madison ausgehandelten Kompromiss, doch in der Bankfrage, die den Kern des Verfassungsverständnisses berührte, bezog er eindeutig Stellung gegen Hamilton. Wenn der Kongress unter Berufung auf die Generalklauseln der Verfassung eine im Text nicht vorgesehene Zentralbank einrichten dürfe, so argumentierte er, dann kenne die Macht der Bundesregierung praktisch keine Grenzen mehr. Mit seinem Rat, der Kongress solle sich auf die Ausübung der explizit in der Verfassung genannten Befugnisse beschränken, drang er allerdings bei Washington nicht durch. Mehr Verständnis für diesen Grundsatz der strikten, buchstabengetreuen Auslegung der Verfassung fand er dagegen bei Madison, dessen Vorbehalte gegen das „Hamilton’sche System“, das eine permanente Staatsschuld voraussetzte und an‐ geblich Spekulation und Korruption begünstigte, kontinuierlich wuchsen. Trotz ihrer Verehrung für den Präsidenten fiel es Jefferson und Madison auch immer schwerer, den - gemessen an europäischen Verhältnissen bescheidenen - zeremoniellen Glanz zu akzeptieren, den Washington und die Federalists entfalteten, um das Präsidentenamt für die nationale Integration zu nutzen. Im Ideal eines bescheidenen Republikanismus, der die Bedürfnisse des einfachen Mannes und die Rechte der Einzelstaaten stärker berücksichtigte, fanden Jefferson und Madison den gemeinsamen Grund, von dem aus sie Front gegen Hamilton und damit letzten Endes auch gegen Washington zu machen begannen. Sie traten damit an die Spitze einer noch diffusen Oppositionsbewegung von Republicans, zu der sich unversöhnliche Antifederalists und enttäuschte südstaatliche Pflanzer und Farmer zusammenfanden. In den 1790er Jahren erhielten sie vermehrt Zulauf von Angehörigen der städtischen Mittel- und Unterschichten, die sich für die Ideen der Französischen Revolution begeisterten. Auf die Stellung Washingtons, der Anfang 1793 einstimmig im Präsidentenamt bestätigt wurde, hatte das noch kaum Auswirkungen. Im weiteren Verlauf des Jahrzehnts polarisierte das dramatische Geschehen in Europa jedoch die Innenpolitik der Vereinigten Staaten und stellte Regierung und Kongress auch außenpolitisch vor schwierige Entscheidungen. Die Rückwirkungen der Französischen Revolution In den Vereinigten Staaten wurde die Erhebung des französischen Volkes zunächst fast einhellig begrüßt, denn mit ihr schien die Selbstbefreiung der Menschheit aus politischer und religiöser Unmündigkeit, der sich die Amerikaner verpflichtet fühlten, ihre Fortsetzung zu finden. Auch auf französischer Seite betonte man im kosmopoliti‐ schen Geist der Aufklärung die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Revolutionen: Die amerikanischen Verfassungen und Grundrechteerklärungen erschienen in fran‐ zösischen Übersetzungen, und Lafayette, der die Nationalgarde befehligte, verehrte seinem Freund Washington in einer symbolischen Geste den Schlüssel der Bastille. Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 78 <?page no="79"?> Warnende Stimmen wie diejenigen von Vizepräsident John Adams und dessen Sohn John Quincy Adams, die den Revolutionären 1790 / 91 in anonymen Schriften vorwar‐ fen, sie verwechselten Freiheit mit Zügellosigkeit und opferten organisch gewachsene Ordnungen einer abstrakten politischen Doktrin, blieben vereinzelt und fanden zu‐ nächst kaum Widerhall. Als 1792 die Republik erklärt wurde und der Krieg gegen die Interventionsmächte begann, schwoll die Sympathie für die französischen Patrioten in den USA zu einer Welle der Begeisterung an. Jeder Sieg der Revolutionsarmeen wurde in den größeren Städten, insbesondere in Philadelphia, mit Massenkundgebungen, Paraden, Festbanketten und Feuerwerken gefeiert. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793 und der französischen Kriegserklärung an England und Spanien begannen sich die Geister jedoch zu scheiden. Nun heizte die Debatte über das Wesen der Französischen Revolution den Streit zwischen Federalists und Republicans gefährlich an und verlieh ihm einen unerbittlich ideologischen Charakter. Wenn diese „Parteien“ auch noch keine feste Organisation besaßen, so knüpften ihre Führer doch schon unionsweite Kontakte und bemühten sich mit Hilfe von extrem einseitigen, kämpferischen Presseorganen um die Mobilisierung einer Massenbasis. Beide Seiten argwöhnten, dass diejenigen Kräfte, die um das Schicksal Frankreichs rangen, auch in den Vereinigten Staaten am Werke seien. Die Republicans deuteten jede Maßnahme und Äußerung Hamiltons als Anzeichen für eine geheime Absicht, die republikani‐ sche Verfassung umzustürzen und eine Aristokratie oder Monarchie einzuführen. Washingtons Person wurde zumeist von diesen scharfen Attacken ausgenommen, aber der Präsident galt bald als naives Werkzeug in den Händen eine Clique von volksfeindlichen „Monokraten“. Die Democratic-Republican Societies, die sich ab 1792 in den Städten nach dem Vorbild der Jakobinerklubs bildeten, erklärten Kritik an der Französischen Revolution schlicht für unvereinbar mit freiheitlicher Gesinnung. Die Federalists hingegen prangerten die Befürworter der Revolution als „Jakobiner“ und „Sansculotten“ an und bezichtigten sie, sich von „gleichmacherischen“ Prinzipien leiten zu lassen, die „im höchsten Maße subversiv für jede Gesellschaftsordnung“ seien. Das Wirken dieses anarchischen, gottlosen Geistes, der in Frankreich zum blutigen Terror führte, glaubten sie u. a. in einer Protestbewegung zu erkennen, mit der sich Farmer in den Westgebieten 1794 gegen die erste direkte Bundessteuer wehrten, die der Kongress auf Whiskey erhoben hatte. Nach einigen ergebnislosen Vermittlungs‐ versuchen schlug die Bundesregierung diese Whiskey Rebellion unter demonstrativem Einsatz militärischer Macht nieder. Als eigentliche Urheber des Aufstands prangerte Washington Ende 1794 öffentlich die Democratic-Republican Societies an, die er für subversiv und illegal erachtete. Diese oft maßlosen gegenseitigen Anklagen und Polemiken waren Ausfluss eines „paranoiden“ politischen Stils, der schon die Auseinandersetzung mit den Briten und Loyalisten gekennzeichnet hatte. Mit ihrem Grundgedanken, dass die Freiheit der Bürger stets gefährdet sei und eifersüchtig verteidigt werden müsse, erwies sich die Country-Ideologie als günstiger Nährboden für Korruptionsängste und Ver‐ schwörungstheorien. Aus der Sicht der Federalists drohte die größte Gefahr für die 5 Die Federalists an der Macht, 1789 - 1800 79 <?page no="80"?> Verfassung von „Demagogen“, die das Volk gegen die Regierung und die „natürliche Elite“ aufhetzten. Die Republicans dagegen misstrauten gerade „den wenigen“, vor allem den Bankiers und Spekulanten, die sich auf Kosten des Volkes bereicherten und ungebührlichen politischen Einfluss ausübten. Dieser Streit, der in mancher Hinsicht an die Verfassungsdebatte anknüpfte, brachte zwei unterschiedliche Republi‐ kanismus-Versionen hervor: die sozial konservative, aber ökonomisch progressive der Federalists, die hauptsächlich in Neuengland Anklang fand; und die egalitär-agrarische, mit der die Republicans den Süden, zunehmend aber auch die Mittelstaaten eroberten. Der europäische Krieg heizte diese Konfrontation noch an, weil die Republicans ohne Zögern für die französische „Schwesterrepublik“ Partei ergriffen, während die Federalists unbedingt eine militärische Konfrontation mit der beherrschenden Seemacht England vermeiden wollten. Washington empfing zwar gegen Hamiltons Rat den französischen Gesandten Edmond Charles Genêt und erkannte damit die Revolutionsregierung implizit an. Er verschloss sich aber den Wünschen der Franzo‐ sen und dem Drängen vieler seiner Landsleute, das Bündnis von 1778 durch einen Kriegseintritt an der Seite Frankreichs zu honorieren. Vielmehr veröffentlichte er im April 1793 eine Neutralitätserklärung, die „freundliches und unparteiisches“ Verhalten gegenüber allen Krieg führenden Staaten in Aussicht stellte und den amerikanischen Bürgern verbot, sich in die Feindseligkeiten einzumischen. Obwohl dieser Kurs die Vereinigten Staaten wirtschaftlich begünstigte - die Exporte nach Europa und in die Karibik stiegen rasch an und beschleunigten den allgemeinen Aufschwung -, löste er innenpolitische Turbulenzen aus. Jefferson befürwortete zwar ebenfalls die Neutralität, hielt das Streben nach „Unparteilichkeit“ zwischen den revolutionären und den gegenrevolutionären Kräften in Europa aber für verhängnisvoll. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett Ende 1793 kritisierte er offen die pro-britische Tendenz der amerikanischen Politik, während er den Terror in Frankreich als notwendiges Übel auf dem Weg zu einer gerechten Gesellschaftsordnung verteidigte. Der Jay Treaty mit England Die innenpolitischen Spannungen kulminierten in der Debatte über den Vertrag mit England, den John Jay als Sonderbotschafter Washingtons Ende 1794 in Lon‐ don aushandelte und der im Juni 1795 im Senat nur ganz knapp die notwendige Zweidrittelmehrheit fand. Es war Jay gelungen, einige seit dem Friedensschluss von 1783 ungelöste Fragen zu klären und die Gefahr einer militärischen Konfrontation abzuwenden, die das Vorgehen der Royal Navy gegen den amerikanischen Handel mit Frankreich heraufbeschworen hatte. Dafür musste Jay aber, etwa bei der Defini‐ tion von Konterbande und in der Frage einer Entschädigung für die während des Krieges von den Briten „entwendeten“ Sklaven, schmerzliche Zugeständnisse an den englischen Rechtsstandpunkt machen. Die Republicans klagten die Regierung daraufhin an, sich der Londoner Regierung unterworfen und die befreundeten Fran‐ zosen verraten zu haben. Selbst Washington begann zu schwanken, rang sich aber Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 80 <?page no="81"?> schließlich zur Unterzeichnung des Vertrags durch. Gerechtfertigt fühlte er sich nicht zuletzt durch das provozierende Verhalten Genêts, der auf amerikanischem Boden eine Kampagne entfesselte, um die Öffentlichkeit für militärische Unternehmungen gegen Kanada und Spanisch-Louisiana zu gewinnen. Die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus weigerte sich noch bis Sommer 1796, die erforderlichen Gelder zur Implementierung des Vertrags zu bewilligen. Als der Jay Treaty endgültig in Kraft trat, bekundete das Pariser Direktorium sein Missfallen, indem es die Allianz von 1778 offiziell kündigte. Dieser negative Schritt wurde vorerst dadurch aufgewogen, dass ein weiterer Sonderbotschafter Washingtons, Thomas Pinckney, im Oktober 1795 einen günstigen Vertrag mit der spanischen Regierung ausgehandelt hatte, der den Amerikanern freie Schifffahrt auf dem Mississippi und zollfreie Ausfuhr ihrer Waren über New Orleans zusicherte. Die äußere Bedrohung und die Feindbilder, die Federalists und Republicans in ihrer Propaganda jeweils von England und Frankreich malten, trugen zur Ausbildung einer amerikanischen Identität und nationalistischer Gefühle bei. In dieser Zeit wurden die Vereinigten Staaten auch erstmals zu einem Hort politischer Flüchtlinge, unter denen sich so illustre Persönlichkeiten wie der spätere französische Außenminister Talleyrand und der Herzog von Orléans, der künftige König Louis Philippe, sowie der englische Naturwissenschaftler, Geistliche und Philosoph Joseph Priestley befanden. Gleichzeitig begann eine erste Generation von amerikanischen Historikern, Schrift‐ stellern und Künstlern, das „kulturelle Gedächtnis“ der Gesellschaft im nationalen Sinne zu prägen. In den Geschichtswerken von David Ramsay, Jeremy Belknap und Mercy Otis Warren, in den Dichtungen Francis Hopkinsons und der Connecticut Wits Joel Barlow, Timothy Dwight und David Humphreys sowie in den Historienbildern und Porträts von Charles Willson Peale, Gilbert Stuart und John Trumbull erschienen die amerikanische Revolution und Nationalstaatsgründung als logische Folge eines Freiheitskampfes, der mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus begonnen hatte. Andererseits wirkten die ideologischen Gegensätze und die nach wie vor starken re‐ gionalen Identitäten einer Übersteigerung und Homogenisierung des amerikanischen Nationalbewusstseins entgegen. Washingtons Farewell Address Am Ende von Washingtons zweiter Amtsperiode schien sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen Republicans und Federalists aufzutun, die noch dazu Neuengland immer mehr dem Rest der Union entfremdete. Ungeachtet aller Bitten lehnte der Präsident, der des Dauerstreits müde war und dessen Kräfte nachließen, eine erneute Kandidatur ab. In seiner Abschiedsbotschaft vom September 1796 warnte er die Landsleute eindring‐ lich vor dem „Parteiengeist“, der, geschürt durch ausländische Mächte, das Überleben der Nation gefährde. Bei dieser Verurteilung des Parteienwesens kam eine intellektuelle Begrenzung zum Vorschein, die der Präsident mit den meisten Zeitgenossen teilte: Er nahm für sich und seine Freunde in Anspruch, nur dem Gemeinwohl zu dienen, und 5 Die Federalists an der Macht, 1789 - 1800 81 <?page no="82"?> reservierte das Etikett „Partei“ für den politischen Gegner. In der Praxis hatte sich während seiner Administration schon das erste amerikanische Zweiparteiensystem herausgebildet. Dennoch verhallte die Farewell Address nicht ungehört: Washingtons Ratschlag, mit Europa so viel Handel wie möglich zu treiben, sich aber nicht in europäische Streitigkeiten hineinziehen zu lassen und Bündnisse nur im Notfall, keineswegs aber auf Dauer zu schließen, blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein außenpolitische Richtschnur aller amerikanischen Regierungen. George Washington hatte es in seiner achtjährigen Präsidentschaft verstanden, Maßstäbe zu setzen und Präzedenzfälle zu schaffen, die das Amt dauerhaft prägten. Alle seine Schritte - die Zusammenstellung eines Kabinetts, der Gebrauch der „Pat‐ ronage“ bei der Postenvergabe, das Verhalten gegenüber dem Kongress und dem Supreme Court, die Anwendung des Vetos, die Reisen durch alle Staaten der Union, die Empfänge und Teekränzchen, die er und seine Frau Martha in Philadelphia gaben, und vieles mehr - wurden mit höchstem Interesse verfolgt und kommentiert. Besondere Prärogativen beanspruchte Washington für die Planung und Durchführung der Außenpolitik sowie in militärischen Angelegenheiten. Das zeigte sich etwa bei der Neutralitätserklärung 1793, beim Vorgehen gegen die Whiskey Rebellion und bei der Entsendung von Sonderbotschaftern nach London und Madrid. Auch die Beziehungen zu den Indianern regelte er nahezu in eigener Regie, teils auf diplomatischem Wege, teils durch militärischen Druck. Einige Stämme erkannten Washington als „Großen Vater“ an und schickten Abgesandte zu Verhandlungen in die Hauptstadt; andere widersetzten sich dem Vordringen weißer Siedler und suchten Rückhalt bei den Briten in Kanada. Nach einigen demütigenden Niederlagen amerikanischer Truppen befahl Washington 1794 General „Mad Anthony“ Wayne, mit einer besser gerüsteten Armee den Souveränitätsanspruch der Union im Nordwest-Territorium durchzusetzen. In der Schlacht von Fallen Timbers errang Wayne einen entscheidenden Sieg über die Stämme des Ohio-Tals und zwang sie 1795 im Frieden von Greenville, weiteres Territorium zur Siedlung freizugeben. Als Gegenleistung sagten die Vereinigten Staaten jährliche Geldzahlungen zu und verzichteten auf den Anspruch, Land durch Eroberung erwer‐ ben zu können. Das Problem der Afroamerikaner sprach Washington als Präsident nie öffentlich an; nur sehr vorsichtig ließ er privat durchblicken, dass er sich auch für den Süden eine von den Einzelstaaten per Gesetz beschlossene graduelle Emanzipation der Sklaven erhoffe. Im Testament, das er kurz vor seinem Tode 1799 niederschrieb, verfügte er die Freilassung aller auf Mount Vernon lebenden Sklaven beim Tod seiner Frau Martha. So konnte er wenigstens das eigene Gewissen von einer moralischen Last befreien, die er selbst wie die meisten seiner Landsleute nach der Revolution aus dem politischen Bewusstsein verdrängt hatte. Für die weißen Amerikaner und ihren noch ungefestigten Staat war es von größtem Wert, dass Washingtons persönliche Integrität und seine Verfassungstreue außer Frage standen und dass er den Bürgern die Möglichkeit bot, sich nicht nur interesse-, sondern auch gefühlsmäßig mit der Bundesregierung zu identifizieren. Die Verehrung als pater patriae und der beginnende Washington-Kult, der bald Realität und Fiktion vermischte, Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 82 <?page no="83"?> waren ihm eher lästig, aber er nahm sie in Kauf, um die Präsidentschaft zu einem Symbol der nationalen Einheit zu machen. Wie sehr ihm das gelungen war, wurde bei seinem Tod 1799 offenbar, der die Menschen überall im Land ungeachtet ihrer parteipolitischen Orientierung zu Trauerfeiern vereinte. Dauerhaft eingeprägt hat sich Henry Lees Nachruf, Washington sei „der Erste im Krieg, der Erste im Frieden und der Erste im Herzen seiner Landsleute“ gewesen. John Adams und der Quasi-Krieg mit Frankreich Die Nachfolge Washingtons wurde in der Wahl von 1796 exakt entlang der Linien entschieden, die Federalists von Republicans trennten. Im Wahlmännerkollegium erhielt John Adams nur drei Stimmen mehr als Jefferson, dem damit laut Verfassung die Vi‐ zepräsidentschaft zufiel. Er nahm jedoch keinen Anteil an der Administration, sondern führte von Monticello aus den Kampf gegen „Antirepublikaner“ und „Monokraten“, wie er die regierenden Federalists zu nennen pflegte. Inzwischen war das innenpolitische Klima aber zu Ungunsten des französischen Direktoriums umgeschlagen, das 1797 von sich aus die diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten abbrach. Schon zuvor hatte sich die ursprünglich pro-französische amerikanische Geistlichkeit von der Revolution distanziert. Durch Deisten und andere Verfechter einer „natürlichen Reli‐ gion“ im eigenen Land herausgefordert, gewannen die meisten Pfarrer den Eindruck, der Atheismus greife von Europa auf Amerika über und bedrohe die Fundamente der Gesellschaft. Um die Jahrhundertwende löste diese Reaktion in weiten Teilen der Vereinigten Staaten eine religiöse Erweckungsbewegung aus, die in ihrer emotionalen Intensität dem Great Awakening nahekam. Die neuen revivals waren keineswegs nur rückwärts gewandt: Besonders an der Siedlungsgrenze, wo die Methodisten jetzt die größten Bekehrungserfolge erzielten, atmete die wiederbelebte Volksfrömmigkeit einen dezidiert demokratisch-egalitären Geist. Trotz der wachsenden antifranzösischen Stimmung entsandte Präsident Adams eine Verhandlungsdelegation nach Paris, die den Konflikt über Neutralität und Bündnis‐ verpflichtungen beilegen sollte. Der aus dem Asyl in den USA zurückgekehrte und zum französischen Außenminister aufgestiegene Talleyrand verlangte allerdings über Agenten (die in den amerikanischen Dokumenten als X, Y und Z auftauchten) die Zahlung einer stattlichen Summe, bevor er überhaupt in Verhandlungen eintreten wollte. Als diese Demütigung in Amerika bekannt wurde, breitete sich eine regelrechte Kriegshysterie aus, zu der John Adams durch provokative Äußerungen nicht unwesent‐ lich beitrug. Der Kongress traf militärische Vorbereitungen, die ersten leistungsfähigen Kriegsschiffe der Union wurden in Dienst gestellt, und George Washington erklärte sich noch einmal bereit, den Posten des Oberbefehlshabers zu übernehmen. Adams war aber klug genug, eine Kriegserklärung an Frankreich wegen dieser „XYZ-Affäre“ zu vermeiden, obwohl die Flotten beider Länder seit Frühjahr 1798 einen „Quasi-Krieg“ in Form von Kaperungen und kleineren Seegefechten führten. Der Präsident nahm heftige Proteste aus den Reihen der Federalists und den offenen Bruch mit Alexander Hamilton 5 Die Federalists an der Macht, 1789 - 1800 83 <?page no="84"?> in Kauf, als er 1799 eine neue Delegation nach Paris schickte. Den Abgesandten gelang es bis Oktober 1800, das umstrittene Bündnis im gegenseitigen Einvernehmen zu lösen und das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Frankreich, das nun von Napoleon regiert wurde, fürs Erste zu bereinigen. Die Federalists, die als Sieger aus den Wahlen von 1796 hervorgegangen waren, versäumten innenpolitisch durch Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Opposition und personelle Querelen die Gunst der Stunde. Erbittert über die Pressepolemiken der Republicans, verabschiedete die Kongressmehrheit im Sommer 1798 vier Gesetze, mit denen der Widerstand in einigen Südstaaten gegen die Aufrüstung gebrochen werden sollte. Diese Alien and Sedition Acts verbanden die Beschneidung der Rechte von Neueinwanderern - das betraf vor allem Flüchtlinge aus Frankreich, die sich auf Seiten der Republicans als Journalisten engagierten - mit verschärften Beleidi‐ gungs- und Verleumdungsbestimmungen für die Presse. Geld- und sogar Haftstrafen drohten einem jeden, der „falsche, skandalöse oder böswillige“ Nachrichten über die Regierung in Umlauf brachte. Auf Initiative Jeffersons und Madisons formulierten die mehrheitlich republikanischen Parlamente von Virginia und Kentucky Ende 1798 Protestresolutionen, die das Vorgehen des Kongresses für verfassungswidrig erklärten und den Einzelstaaten das „natürliche Recht“ zusprachen, sich der Durchführung der Gesetze in den Weg zu stellen. Obwohl die Resolutionen in den anderen Parlamenten wenig Resonanz fanden, kündigte diese doctrine of interposition ein Wiedererstarken der Staaten an, die radikale Republikaner stets für die einzig wirksamen Bollwerke gegen die Allmacht der Bundesregierung gehalten hatten. Verfassungsrechtlich waren die Virginia and Kentucky Resolutions kaum weniger problematisch als die Gesetzge‐ bung der Federalists, weil sie zur Rechtfertigung einer Sezession dienen konnten; sie entsprangen aber der verständlichen Sorge, mit der Presse- und Meinungsfreiheit solle einer der Grundpfeiler der republikanischen Ordnung beseitigt werden. Die „Revolution von 1800“ Die Erregung über die Einschränkung der Grundrechte allein hätte nicht ausgereicht, um die Machtposition der Federalists zu erschüttern. Hinzu kam die selbstzerstörerische Wirkung des Konflikts zwischen Präsident John Adams und Alexander Hamilton, der seit seinem Ausscheiden aus der Regierung 1795 hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen suchte. Durch seine öffentliche Kritik an der „schwächlichen“ Politik des Präsidenten gegenüber Frankreich und den „Feinden im Innern“ spaltete er die Anhängerschaft der Federalists. Adams wehrte sich mit dem Hinauswurf zweier Kabinettsmitglieder, die nicht ihm, sondern Hamilton die Treue hielten. Im Unterschied zu diesen Auflösungserscheinungen gelang es den Republicans durch geschicktes Taktieren, eine Achse zwischen den Südstaaten und New York zu schmieden, die den Erfolg bei den Kongress- und Präsidentschaftswahlen von 1800 verbürgte. Jefferson setzte sich gegen Adams durch, erhielt aber im Wahlmännerkolleg genauso viele Stim‐ men wie sein New Yorker Vizepräsidentschaftskandidat Aaron Burr. Laut Verfassung Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 84 <?page no="85"?> lag die Entscheidung nun beim Repräsentantenhaus, das nach Staaten abzustimmen hatte. Da Burr nicht freiwillig verzichtete, konnte Jefferson erst im 36. Wahlgang die notwendigen zehn Staaten hinter sich vereinen. In letzter Instanz verdankte er diesen Ausgang Hamilton, dessen Abneigung gegen den Virginier nicht ganz so intensiv war wie die Rivalität mit seinem New Yorker Landsmann Burr. Sie steigerte sich nun zur offenen Feindschaft, die 1804 im Duell der beiden Politiker endete, bei dem Hamilton ums Leben kam. Am 4. März 1801 wurde Thomas Jefferson als erster Präsident in der neuen Hauptstadt Washington in sein Amt eingeführt. Entgegen allen Befürchtungen, die der harte Wahlkampf mit den gegenseitigen Verdächtigungen und Verleumdungen geweckt hatte, vollzog sich die Übertragung der Macht von der Regierungspartei auf die Opposition in geordneten Bahnen. Jefferson setzte die von Washington begonnene Tradition fort, in der Inaugurationsrede die gemeinsamen Überzeugungen und Prinzi‐ pien zu betonen: „We are all Republicans, we are all Federalists.“ Mit diesem friedlichen Machtwechsel hatte die republikanische Verfassungsordnung eine weitere wichtige Bewährungsprobe bestanden. 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 Der Niedergang der Federalists und das Ideal der agrarischen Republik Der antirevolutionäre Impuls, den die französischen Geschehnisse in England und auf dem europäischen Kontinent hervorriefen, wirkte sich auch in den USA aus. Allerdings war er hier nicht stark genug, um den Republikanismus und das Prinzip der Volkssouveränität selbst in Misskredit zu bringen. Die Wahl Jeffersons und der Aufstieg der Republicans gewährleistete die Fortsetzung politischer Reformen auf Staatenebene, von denen die schrittweise Beseitigung der Besitzqualifikationen und die Ausweitung des Wahlrechts die wichtigste war. Als nationale Partei konnten sich die Federalists von der Niederlage bei den Wahlen von 1800 nicht mehr erholen. Das aufwühlende Erlebnis der Französischen Revolution hatte ihre Führer, die sich als Angehörige der „natürlichen Aristokratie“ verstanden, immer konservativer und ängstlicher werden lassen. Ideologisch und organisatorisch hielten sie an veralteten, patriarchalischen Strukturen fest, und geographisch ließen sie sich in ihre neuenglischen Hochburgen zurückdrängen. Auf Bundesebene fiel ihre Stimme nur noch im Supreme Court ins Gewicht, dessen Vorsitzender John Marshall von Adams ernannt worden war. Der überzeugte Federalist Marshall scheute sich nicht, Kongress und Präsident die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen. 1803 nahm er die Klage eines von Adams kurz vor dem Machtwechsel berufenen, von Jefferson aber nicht mehr bestätigten Friedensrichters zum Anlass, einen Teil des Judiciary Act von 1789 für verfassungswidrig zu erklären. Mit diesem Urteilsspruch im Fall Marbury v. Madison wendete Marshall das richterliche Überprüfungsrecht (judicial review), das in den Einzelstaaten bereits hin und wieder 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 85 <?page no="86"?> praktiziert worden war, erstmals auf die Gesetzgebung des Kongresses an. Dadurch verschaffte er einem Prinzip Anerkennung, das fortan den Lauf der amerikanischen Geschichte erheblich beeinflussen sollte. Unter Chief Justice Marshall fungierte das Oberste Gericht bis 1835 als Regulativ gegen einen zuweilen übermäßigen Partikula‐ rismus, der die Rechte der Staaten (states’ rights) ohne Rücksicht auf den Bundesstaat stärken wollte. Ansonsten war der Weg frei für die Republicans, die nützlichere Lehren aus den revolutionären Umwälzungen in Amerika und Europa gezogen hatten. Jefferson und Madison verleugneten keineswegs ihre Herkunft aus Virginias Pflanzerelite, aber sie propagierten einen egalitären Republikanismus, der die städtische Bevölkerung ebenso ansprach wie die Farmer und die religiösen Enthusiasten an der Frontier. Sie betonten zentrale Werte der Revolution, die unter Washington und Adams aus Sorge um den Bestand und die Sicherheit des Bundesstaates vernachlässigt worden waren: das Mitspracherecht des einfachen Bürgers; die Fähigkeit der Einzelstaaten, Verantwortung für die eigenen Belange zu übernehmen; das Misstrauen gegen kon‐ zentrierte Regierungsmacht, Bürokratie und wirtschaftliche Monopole; die Garantie der Grundrechte; und die Hochschätzung von öffentlicher Moral und Gemeinsinn als Lebenselixier von Republiken. Die Republicans bauten auf den konstitutionellen und wirtschaftlichen Grundlagen auf, die von den Federalists geschaffen worden waren. Sie sorgten nun dafür, dass der Weg des amerikanischen Bundesstaates in das 19. Jahrhundert freiheitlicher und weniger zentralistisch verlief als fast überall sonst auf der Welt. Thomas Jeffersons Leben und Werk waren nicht frei von Widersprüchen. Der Autor der Unabhängigkeitserklärung, der sich als Gegner der Sklaverei ausgab, hielt bis zu seinem Tode Sklaven - mit seiner Haussklavin Sally Hemmings zeugte er sogar, wie eine DNA-Analyse inzwischen mit Sicherheit feststellen konnte, vier Kinder. Der Politiker, der in der Opposition so energisch auf einer strikten Interpretation der Verfassung bestanden hatte, legte seine Befugnisse als Präsident gelegentlich recht weit aus. Er war allerdings weder der doktrinäre Aufklärer, als den ihn manche seiner Schriften auszuweisen scheinen, noch war er - was Hamilton als Erster behauptete - ein prinzipienloser, scheinheiliger Pragmatiker. Jeffersons achtjährige Amtsführung bewirkte keine grundlegende Umgestaltung der amerikanischen Gesellschaft, aber doch eine spürbare Akzentverschiebung und Neuorientierung. Das betraf allerdings eher die Innen- und Finanzpolitik als die Außenpolitik. Hier knüpfte der Präsident an Washingtons Neutralitätskurs an und profitierte zudem von Adams’ diplomatischem Arrangement mit Frankreich. Aus Jeffersons erster Inaugurationsrede stammt die häufig Washington zugeschriebene Warnung vor „entangling alliances“, in Streitigkeiten der Europäer hineinziehenden Bündnissen. Andererseits wünschte sich Jefferson „Friede, Handel und ehrliche Freundschaft mit allen Nationen“, was durchaus den materiellen Interessen der USA entgegenkam. Auf Grund des großen Bedarfs an amerikanischen Agrarprodukten, den die napoleonischen Kriege erzeugten, stieg der Wert der jährlichen Ausfuhren nach Europa und in die Karibik zwischen 1793 und 1807 von 26 Millionen auf Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 86 <?page no="87"?> 108 Millionen Dollar. Exportüberschüsse und Zolleinnahmen ließen die amerikanische Wirtschaft prosperieren und erhöhten das Pro-Kopf-Einkommen trotz des raschen Bevölkerungswachstums (1800 hatten die USA 5,3 Millionen, 1815 schon 8,4 Millionen Einwohner). Die Jefferson-Administration nutzte die reichlichen Zolleinkünfte jedoch nicht zur gezielten Förderung des Manufakturwesens, wie Hamilton dies wohl mit Blick auf die beginnende „industrielle Revolution“ in England getan hätte. Stattdessen bemühte sich der aus der Schweiz stammende Finanzminister Albert Gallatin, durch Sparmaßnahmen und Landverkäufe im Westen (von denen große Gesellschaften und Spekulanten am meisten profitierten) den Bundeshaushalt auszugleichen und die Staatsverschuldung zu reduzieren. Tatsächlich gelang es Gallatin, Überschüsse zu erzielen und die federal debt bis 1808 um annähernd die Hälfte auf 45 Millionen Dollar abzubauen. Jefferson und Gallatin fanden sich zwar mit der Existenz der Bank of the United States ab, deren Gründung sie 1791 als verfassungswidrig bezeichnet hatten. Im Einklang mit der republikanischen Ideologie schaffte der Kongress jedoch sämtliche internen Steuern ab, darunter die kontroverse Whiskeysteuer. Um zu sparen und der Maxime „No standing army! “ Genüge zu tun, wurde außerdem die Friedensstärke der ohnehin schon kleinen Armee auf ca. 3300 Offiziere und Mannschaften verringert. In West Point am Hudson River entstand eine Militärakademie, die den künftigen Offizieren republikanischen Geist einflößen sollte. Die meisten Kriegsschiffe ließ Jefferson außer Dienst stellen. Am deutlichsten unterschied sich Jefferson von seinen Vorgängern Washington und Adams durch den Wunsch, die Autonomie der Einzelstaaten zu stärken und die demo‐ kratische Basis des Regierungssystems zu verbreitern. Als die Alien and Sedition Acts 1801 ausliefen, lehnte der Kongress eine Verlängerung ab und erleichterte gleichzeitig die Einbürgerung von Immigranten, die nun nach fünf Jahren Aufenthalt in den USA die Staatsbürgerschaft erwerben konnten. In den Staatenparlamenten drängten die Republicans darauf, die Wahlbestimmungen in Richtung auf das allgemeine Wahlrecht für weiße Männer auszudehnen. Dieser demokratisch-republikanische Geist kehrte den Trend zum Zentralismus um, der von Hamiltons Finanzprogramm ausgegangen war. Handel und Gewerbe entwickelten sich in den Mittelstaaten und Neuengland zwar günstig, aber der generelle Charakter der amerikanischen Gesellschaft blieb doch agrarisch. Das war ganz im Sinne Jeffersons, der den Vereinigten Staaten das Schicksal Europas mit seinen eng zusammengepressten städtischen Massen und dem demoralisierenden Nebeneinander von Luxus und Elend so lange wie möglich ersparen wollte. Die Realität der nationalen Hauptstadt Washington mit ihren wenigen fertig gestellten Regierungsgebäuden, den weit verstreuten, oft noch primitiven Tavernen und Wohnhäusern und den bei schlechtem Wetter kaum passierbaren Straßen war weit entfernt von den kühnen Träumen Pierre L’Enfants und selbst von den beschei‐ denen Hoffnungen Washingtons. Der neue Präsident hing dem Ideal des Empire of Liberty an, eines Amerika der unabhängigen, freiheitsliebenden Pflanzer, Farmer und Handwerker. Der Verwirklichung dieser Vision dienten vor allem die Erschließung und Besiedlung des Westens, die nun - gewissermaßen als Gegengewicht zur Kom‐ 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 87 <?page no="88"?> merzialisierung - zügig vorangetrieben wurden. Kentucky und Tennessee, denen der Kongress 1792 bzw. 1796 den Status gleichberechtigter Einzelstaaten verliehen hatte, erlebten einen Zustrom von Siedlern, der ihre Bevölkerung bis 1820 zusammen auf etwa eine Million anwachsen ließ. Aus dem Norden und der Mitte wanderten viele Familien nach Ohio ab, das 1803 als erster Staat aus dem Nordwest-Territorium in die Union aufgenommen wurde. Der Louisiana Purchase Kurz nach Jeffersons Amtsantritt zeichnete sich die beunruhigende Möglichkeit ab, dass Spanien die Kolonie Louisiana an Frankreich zurückgab und dass Napoleon, in dem Jefferson mittlerweile den „Verräter der Revolution“ sah, von der Karibik aus ein neues Empire auf dem amerikanischen Kontinent errichtete. Um einer solchen Entwicklung zuvorzukommen, die den amerikanischen Drang nach Westen hemmen musste, fasste Jefferson einen Handstreich auf New Orleans und sogar ein Bündnis mit dem ideologischen Widersacher England ins Auge. Nach der Dezimierung einer fran‐ zösischen Armee auf der Zuckerinsel Santo Domingo durch aufständische Schwarze und vor dem Hintergrund des wiederaufflammenden Krieges in Europa bot Napoleon aber im April 1803 den überraschten amerikanischen Unterhändlern James Monroe und Robert R. Livingston nicht nur New Orleans, sondern ganz Louisiana, das bis zu den Rocky Mountains und an die kanadische Grenze reichte, zum Kauf an. Napoleon benötigte das Geld für seine Rüstungen, und er kalkulierte wohl zu Recht, Frankreich werde Louisiana im Ernstfall doch nicht gegen die Vereinigten Staaten und England halten können. Jefferson griff sofort zu, obwohl er an seiner verfassungsmäßigen Befugnis zweifelte, eigenmächtig zusätzliche Gebiete mit fremder Bevölkerung in die Union zu inkorporieren. Da eine Verfassungsänderung zu lange gedauert hätte, entschied der Präsident, die Verantwortung für den Kauf zu übernehmen und sich anschließend dem Urteil des Kongresses und des Volkes zu stellen. So wechselte Louisiana noch 1803 für 15 Millionen Dollar (nach heutigem Wert etwa 180 Millionen Dollar) den Besitzer, und der Senat hieß den Kauf, der das Staatsgebiet der USA auf einen Schlag verdoppelte, nachträglich mit großer Mehrheit gut. Bestätigt wurde Jeffersons Vorgehen auch durch die unangefochtene Wiederwahl zum Präsidenten im November 1804. Nur die Federalists in Neuengland, die ihren Einfluss weiter schwinden sahen, übten heftige Kritik bis hin zu Drohungen, sie würden ihre Staaten aus der Union herauslösen. Für die Südstaatler war die Integration von New Orleans und Umgebung nicht zuletzt deshalb so bedeutsam, weil auf diese Weise das System der Sklaverei gefestigt und ausgebaut werden konnte. Das Mississippidelta, in dem schon seit der französischen Kolonisation im 17. Jahrhundert viele Schwarze und andere people of color lebten, eignete sich besonders gut für den Baumwollanbau, und der Export der Baumwolle nach Europa erfolgte hauptsächlich über den Hafen von New Orleans. Bald stand die Stadt auch in dem zweifelhaften Ruf, über den größten Sklavenmarkt der USA zu verfügen. Viele Neuengländer glaubten deshalb im Erwerb zusätzlichen Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 88 <?page no="89"?> Sklaventerritoriums das eigentliche Motiv des Louisiana Purchase zu erkennen. Die von den Republicans betriebene und von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragene Politik der Westexpansion gab also den sektionalen Spannungen und dem Parteienkonflikt neue Nahrung. Karte 3: Die 13 Gründerstaaten und die territoriale Expansion bis 1803 Als Staatsmann und Wissenschaftler hatte Jefferson großes Interesse an den Westge‐ bieten, aber er selbst war nie über die Appalachen hinausgelangt. Dafür veranlasste er den Kongress, seinen Sekretär Meriwether Lewis und den Offizier William Clark 1804 auf Erkundungsreise in die neu erworbenen Gebiete zu schicken. Mit Hilfe indianischer Scouts drang die Expedition von St. Louis entlang des Missouri und dann - auf der vergeblichen Suche nach einer schiffbaren Route - über die Rocky Mountains bis nach Oregon und an den Pazifik vor. Lewis und Clark sammelten Informationen, aber auch kuriose Gerüchte über die Ureinwohner, die Geographie, die Bodenschätze und die Pflanzen des Westens. Nach ihrer Rückkehr 1806 konnten sie die ersten verlässlichen Karten für den Raum zwischen Mississippi und Pazifischem Ozean vorlegen. Das war der Auftakt zu einer Vielzahl amerikanischer Forschungsaktivitäten und Handelsunternehmungen, die von den Spaniern in Neu-Mexiko und Kalifornien misstrauisch beobachtet und gelegentlich auch behindert wurden. Der „zweite Unabhängigkeitskrieg“ gegen England Obwohl Präsident Jefferson peinlich genau auf die Wahrung der Neutralität bedacht war, gerieten die Vereinigten Staaten in seiner zweiten Amtszeit zwischen die Mühl‐ 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 89 <?page no="90"?> steine des englisch-französischen Krieges. Sowohl Napoleons Kontinentalsperre als auch die britische Gegenblockade beeinträchtigten den Handel der Neutralen. Schwe‐ rer ins Gewicht fiel aus amerikanischer Sicht die restriktive Haltung Englands, dessen Flotte nach der Schlacht von Trafalgar 1805 den Atlantik beherrschte. Als schlimmste Demütigung wurde das „Matrosenpressen“ der Briten empfunden, die Entführung mehrerer tausend angeblicher englischer Deserteure von gekaperten amerikanischen Handels- und sogar Kriegsschiffen. Jefferson und Außenminister Madison glaubten, die Vereinigten Staaten verfügten über eine scharfe wirtschaftliche Waffe, mit der sie sich zur Wehr setzen konnten, ohne Krieg führen zu müssen. Auf ihre Empfehlung beschloss der Kongress Ende 1807 einen Stopp sämtlicher Exporte aus den USA, der die europäischen Kontrahenten zur Beachtung der Neutralitätsrechte zwingen sollte. Anstatt jedoch Engländer oder Franzosen ernsthaft zu beeindrucken, verleitete dieses Embargo-Gesetz viele neuenglische Kaufleute, die ohnehin mit den Engländern sympathisierten, zum Schmuggel und zu anderen illegalen Aktivitäten. Den Schaden hatten in erster Linie Pflanzer und Farmer, die auf ihren Produkten sitzen blieben. Während der Einfluss des Embargos auf das Geschehen in Europa verschwindend gering blieb, untergrub es daheim die Autorität der Bundesregierung und säte zusätz‐ liches Misstrauen zwischen den Regionen. Innenpolitisch behielten die Republicans trotz dieses Debakels das Heft in der Hand, wie der reibungslose Übergang der Präsidentschaft von Jefferson, der nach zwei Amtsperioden aus Prinzip nicht mehr kandidierte, auf James Madison Anfang 1809 veranschaulichte. Madison gestand schließlich die Wirkungslosigkeit des Embargos ein, und noch im Jahr 1809 hob der Kongress das Gesetz wieder auf. Als klar wurde, dass auch andere Formen diplomatischen und wirtschaftlichen Drucks London nicht zum Einlenken bewegen konnten (während Napoleon zumindest nach außen hin Entgegenkommen signalisierte), erschien einer wachsenden Zahl von Amerikanern der erneute Griff zu den Waffen als einziger Ausweg aus dem Dilemma. Vorbehalte gab es in Neuengland und entlang der Küste, wo man die Gefahr, die von der englischen Flotte ausging, besser einzuschätzen vermochte. Umso energischer schürten die republikanischen Südstaatler, die ein Auge auf das spanische Florida geworfen hatten, und westliche Abgeordnete, die über die Zusammenarbeit der Anglo-Kanadier mit den Indianern an der Frontier erbost waren, die Kriegsstim‐ mung. Den entscheidenden Anstoß gab 1811 die Erhebung einer Konföderation von Stämmen unter dem Shawnee-Häuptling Tecumseh im Ohio- und Mississippi-Gebiet. Tecumseh hatte mit Hilfe der Briten die Indianerkonföderation des Nordwestens aus den 1790er Jahren wiederbelebt und auch die weiter südlich lebenden Stämme einbezogen. Sein Bruder Tenskwatawa, der als Prophet galt, verlieh dem Widerstand durch die Beschwörung einer gemeinsamen indianischen Vergangenheit und durch Weissagungen den Charakter einer religiösen Erweckungsbewegung. Zwar gelang es dem Gouverneur des Indiana-Territoriums, William Henry Harrison, die Indianer in der Schlacht von Tippecanoe zu besiegen und ihre heilige Stadt niederzubrennen, doch die Nachricht von dem Aufstand stärkte die Kriegspartei in Washington. Der Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 90 <?page no="91"?> eher zögerliche Madison beugte sich jetzt dem Druck der War Hawks um Henry Clay aus Kentucky und John C. Calhoun aus South Carolina und forderte die britische Regierung ultimativ auf, die amerikanische Souveränität in den Westgebieten und die Rechte der Neutralen im Atlantik zu respektieren. Ohne lange auf Antwort zu warten, verfasste der Präsident eine Kriegsbotschaft und leitete sie im Juni 1812 an den Kongress weiter. Mit relativ knappen Mehrheiten, in denen sich die sektionalen Differenzen widerspiegelten, erklärten daraufhin der Senat und wenig später auch das Repräsentantenhaus Großbritannien den Krieg. Offiziell war viel vom Schutz der „nationalen Ehre“ und des Völkerrechts die Rede, doch die eigentliche Triebfeder bildete der territoriale Expansionsdrang der Republicans im Süden und Westen der Union. Die militärischen Auseinandersetzungen nahmen allerdings einen wesentlich un‐ günstigeren Verlauf, als die Kriegstreiber vorhergesagt hatten. In der amerikanischen Planung und Rüstung wurden eklatante Mängel und Versäumnisse offenbar, die nicht zuletzt von den ideologischen Vorbehalten der Republicans gegen ein professionelles Militärwesen und von ihrem naiven Vertrauen auf Bürgermilizen herrührten. Weder gelang die Eroberung Kanadas oder Floridas, noch konnte die britische Küstenblockade gebrochen werden. An der kanadischen Grenze lieferten sich die Amerikaner wech‐ selhafte Gefechte mit den Briten und den sie unterstützenden Indianerstämmen, und auf den Großen Seen errang US-Commodore Oliver Perry einige Achtungserfolge über britisch-kanadische Verbände. Im Sommer 1814 mussten die Amerikaner aber erleben, dass ein feindliches Flottengeschwader durch die Chesapeake Bay bis nach Washington vordrang und - offiziell als Vergeltung für amerikanische Attacken in Kanada - die Regierungsgebäude einschließlich der Kongressbibliothek in Brand steckte. Ende 1814 drohte sogar eine groß angelegte britische Zangenoperation von Kanada und New Orleans aus die Union in zwei Teile zu spalten. Die amerikanische Schwäche hatte auch innenpolitische Gründe, denn die Federa‐ lists, geführt von einem jungen Kongressabgeordneten aus New Hampshire, Daniel Webster, behinderten ganz offen die Kriegsanstrengungen der Madison-Administra‐ tion. Einige Gouverneure gingen so weit, ihren Staatenmilizen die Beteiligung an einer Invasion Kanadas zu verbieten. Bostoner Kaufleute und Bankiers weigerten sich, den Krieg durch Anleihen zu finanzieren, und investierten stattdessen in britische Wertpapiere. Auf Einladung des Parlaments von Massachusetts versammelten sich im Dezember 1814 Federalists aus allen Neuenglandstaaten zu einem Konvent in Hartford, Connecticut. Eine Minderheit der Delegierten forderte die Sezession, während sich die Mehrheit mit Verfassungsreformen begnügen wollte, die auf eine Beseitigung der re‐ publikanischen Vorherrschaft in Washington zielten. Inzwischen hatten amerikanische Truppen aber den Vormarsch der Briten aus Kanada bei Albany aufgehalten, und der indianische Widerstand begann zu versiegen, als sich die Nachricht verbreitete, dass Tecumseh im Oktober 1813 an der kanadischen Grenze gefallen war. Auch weltpolitisch ergab sich eine völlig neue Lage: Nach dem Sieg über Napoleon in Europa war die englische Regierung nun daran interessiert, ihre Handelsbeziehungen mit Amerika 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 91 <?page no="92"?> wieder zu normalisieren. Aus der Einsicht heraus, dass keine Seite mehr in der Lage war, einen eindeutigen militärischen Sieg zu erringen, nahmen Unterhändler beider Seiten (für die USA John Quincy Adams, Albert Gallatin und Henry Clay) im flämischen Gent Gespräche auf. Sie führten Weihnachten 1814 zu einem Kompromissfrieden, der im Wesentlichen den Status quo vor Kriegsausbruch wiederherstellte. Die Amerikaner hatten keines ihrer Kriegsziele erreicht, aber die Massen feier‐ ten den Friedensschluss dennoch als Sieg im „zweiten Unabhängigkeitskrieg“. Dem patriotischen Stolz genügten Episoden wie die Verteidigung Baltimores, die einen Augenzeugen, den Rechtsanwalt Francis Scott Key, zum Verfassen der martialischen Verse des „Star-Spangled Banner“ inspiriert hatte; oder General Andrew Jacksons glänzender Sieg über britische Landungstruppen bei New Orleans im Januar 1815 - zu einem Zeitpunkt, als die Feindseligkeiten offiziell bereits beendet waren. Das wichtigste praktische Ergebnis aus amerikanischer Sicht war zweifellos die Bestätigung der terri‐ torialen Souveränität und Integrität der Vereinigten Staaten. Ferner entfielen nach der Wiederherstellung des Friedens in Europa auch die meisten Handelsbeschränkungen, unter denen die amerikanische Republik seit ihrem Ausscheiden aus dem britischen Empire gelitten hatte. Eher gegen die Intentionen der Republicans hatten das Embargo und der Krieg dem amerikanischen Manufakturwesen einen ersten wichtigen Wachs‐ tumsschub versetzt. Innenpolitisch schließlich verscheuchte der Vertrag von Gent das Gespenst der Sezession, das durch die Konfrontation zwischen republikanischen War Hawks und neuenglischen Federalists heraufbeschworen worden war. Zu den Hauptleidtragenden zählten ein weiteres Mal die Indianer, deren Bündnis mit den Engländern nur zu Niederlagen und Landabtretungen geführt hatte. Die USA am Ende der Revolutionsepoche Nach einem halben Jahrhundert voller Kämpfe und Kriege, raschen sozialen Wandels und tiefgreifender konstitutioneller Neuordnungen ging die Revolutionsepoche in Amerika und Europa zu Ende. Im Schatten des Wiener Kongresses vollzogen die Vereinigten Staaten - immer noch als eine Art „Juniorpartner“ - den Eintritt in den Welthandel und in die Politik der großen Mächte. Auf ihrer Seite des Atlantiks setzten die Prinzipien der Volkssouveränität, des Föderalismus und der unantastbaren Grundrechte der staatlichen Macht Grenzen und sicherten die Freiheit des Individuums einschließlich seines Strebens nach Glück, Erfolg und Gewinn. Trotz der großen regionalen Unterschiede und politischen Differenzen war es gelungen, mit Hilfe wirksamer Symbole - die Gründungsdokumente, das Sternenbanner, die (noch inoffi‐ zielle) Hymne - zumindest in Ansätzen eine nationale Identität zu konstruieren. Bei bestimmten regelmäßigen Anlässen - dem Unabhängigkeitstag am 4. Juli, Washingtons Geburtstag, der Inauguration eines Präsidenten - verband die civil religion alle diese Elemente mit ihren ebenso schlichten wie populären Ritualen. Darüber hinaus hatten sich die Amerikaner in der Gestalt des Uncle Sam, bei der ein Armeelieferant aus dem Krieg von 1812 Pate stand, eine volkstümliche Figur geschaffen, auf die sie ihre Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 92 <?page no="93"?> tatsächlichen und vermeintlichen „nationalen Charaktereigenschaften“ projizieren konnten. Vor allem war aber die Geschichte selbst, das gemeinsame Erlebnis von Revolution, Unabhängigkeitskrieg und Verfassungsgebung, zu einem einigenden Band geworden. Jedoch waren auch in Amerika längst nicht alle Verheißungen von Revolution und Unabhängigkeit in Erfüllung gegangen. Die Vorstellung einiger intellektueller Nationalisten, die Vereinigten Staaten könnten sich wirtschaftlich und kulturell ganz von Europa „abnabeln“, erwies sich rasch als illusorisch. Die USA waren nach wie vor ein peripherer Teil des atlantischen Handelssystems, dessen Zentrum in London lag, und die amerikanische Elite übernahm weiterhin künstlerische Stile und geis‐ tige Strömungen wie Klassizismus und Romantik aus Europa. Gemessen an dem Ausbruch kultureller Kreativität im Europa des frühen 19. Jahrhunderts, verbunden mit Namen wie Goethe, Shelley, Beethoven, Turner und Goya, sanken die Vereinigten Staaten eher noch weiter in die Mittelmäßigkeit ab. Der frühe Reformeifer, der eine allgemeine Anhebung des Niveaus im Bildungs- und Gesundheitswesen erstrebt hatte, machte allzu schnell kleinlichen Sparsamkeitserwägungen Platz oder fiel dem Staatenpartikularismus zum Opfer. Die Frauen waren wegen ihrer erzieherischen Funktion als „republican mothers“ zwar ideologisch aufgewertet worden, aber an ihrer untergeordneten rechtlichen Stellung hatte sich kaum etwas geändert, und politisch blieben sie trotz der Mahnungen von Abigail Adams und der Popularität von Mercy Otis Warren weiterhin unmündig. Anstatt das Geschlechterverhältnis nach naturrechtlichen Prinzipien neu zu ordnen, hielten Politiker und Juristen an common law-Grundsätzen fest, denen zufolge verheiratete Frauen weder autonome Rechtssubjekte noch mündige Staatsbürgerinnen waren. Im Verhältnis zu den indiani‐ schen Ureinwohnern geriet die ursprünglich für möglich erachtete Integration durch Assimilierung und Christianisierung allmählich aus dem Blick; vielmehr zeichnete sich als „Lösung“ des Indianerproblems spätestens nach dem Krieg von 1812 / 14 eine brutale Verdrängungspolitik ab. Den sichtbarsten Widerspruch zu den „Ideen von 1776“ bildete aber das Fortbestehen der Sklaverei über das 1808 vom Kongress verhängte Verbot des Sklavenhandels hinaus. Südstaaten-Pflanzer hatten die 20-Jahres-Frist seit Annahme der Verfassung genutzt, um 250.000 neue Afrikaner zu importieren, etwa ebenso viele wie während der gesamten Kolonialzeit. Schon die Beratungen des Verfassungskonvents von Phila‐ delphia und die Ratifizierungsdebatten in den Staaten hatten erkennen lassen, dass der Antisklaverei-Impuls der ersten Revolutionsphase an Kraft verlor. Als Sklavereigegner den neuen Kongress 1790 mit Petitionen bestürmten, stellte sich die Mehrheit unter Führung von James Madison auf den Standpunkt, dass die Sklaverei - anders als der Sklavenhandel - allein Angelegenheit der Einzelstaaten sei. Ab den 1790er Jahren ver‐ schlechterte sich die Lage der Afroamerikaner vor allem aus zwei Gründen weiter: Zum einen führte der blutige Sklavenaufstand in der französischen Kolonie Santo Domingo (Haiti) den amerikanischen Pflanzern die Gefahren des Sklaverei-Systems vor Augen und veranlasste sie zu schärferen Kontrollmaßnahmen. Diese Schutzvorkehrungen 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 93 <?page no="94"?> wurden weiter perfektioniert, als sich in den Südstaaten selbst Anzeichen von Sklaven‐ unruhen - etwa die von Gabriel Prosser organisierte Verschwörung in Virginia im Jahr 1800 - bemerkbar machten. Noch wichtiger war aber ein zweiter Faktor: die steigende Nachfrage nach Baumwolle in Europa, die vor allem die Industrialisierung Englands erzeugte. Bis zur Jahrhundertwende hatten die meisten Sklaven noch auf Tabak-, Zuckerrohr- oder Reisplantagen gearbeitet. Danach ließen technische Innovationen wie Eli Whitneys Entkernungsmaschine sowie die Erschließung fruchtbaren Landes im Südwesten den Baumwollanbau immer lukrativer und die Sklaven als Arbeitskräfte und „Kapital“ entsprechend wertvoller werden. Auch nach 1808 gelangten weiterhin Sklaven in die USA, weil die Bundesregierung über keine geeigneten Mittel verfügte, das Einfuhrverbot durchzusetzen, und weil die weiße Bevölkerung im Süden mit den Schmugglern sympathisierte. Außerdem setzte nun ein schwunghafter interner Handel zwischen den Staaten an der Atlantikküste und dem Mississippital ein, der es den Pflanzern in Richmond, Charleston und Savannah ermöglichte, ihre Sklaven profitabel abzusetzen. Legale und illegale Einfuhren aus Afrika und der Karibik, vor allem aber die natürliche Vermehrung ließen die Zahl der Sklaven im amerikanischen Süden zwischen 1790 und 1820 von 700.000 auf über 1,5 Millionen (= 40 Prozent der Bevölkerung) ansteigen. Das entlarvte die Erwartung vieler Revolutionäre, zu denen auch Jefferson und Madison gehörten, die Sklaverei werde sich nach der Einfuhrsperre von 1808 „auf natürlichem Wege“ erledigen, als Wunschdenken. Die Freilassungen, die während der Revolution im Norden und im Oberen Süden erfolgt waren, fielen dagegen zahlenmäßig kaum ins Gewicht. 1810 waren ca. 190.000 Afroamerikaner rechtlich frei (= 13,5 Prozent der gesamten schwarzen Bevölkerung der USA), und knapp 110.000 von ihnen lebten in den Südstaaten. Danach ging der prozentuale Anteil der freien Schwarzen jedoch kontinuierlich zurück, weil die Südstaatenparlamente (mit Ausnahme von Delaware und Maryland) die Emanzipation immer mehr erschwerten oder ganz verboten. Pläne, durch den Verkauf von Land im Westen Finanzmittel zu beschaffen, mit denen die Sklavenbesitzer entschädigt werden könnten, ließen sich nicht realisieren. Auch die Bemühungen um eine Rücksiedlung von Schwarzen nach Afrika, die seit dem Frieden von 1814 zunahmen und 1816 zur Gründung der American Colonization Society führten, konnten an Wachstum und Ausbreitung der Sklaverei nichts ändern. Unabhängigkeitskrieg und Revolution hatten dazu beigetragen, die demographi‐ schen und ideologischen Unterschiede zu verschärfen, die hinsichtlich der Sklaverei von jeher zwischen Norden und Süden bestanden. Der Gründergeneration war es nicht gelungen, den von vielen schmerzlich verspürten Widerspruch zwischen Recht und Moral auf der einen und wirtschaftlichen Interessen und rassischen Vorurteilen auf der anderen Seite zu lösen. Privat standen politische Führer wie Washington, Jefferson und Madison dem System der Sklaverei durchaus kritisch gegenüber, aber sie fanden nicht den Mut, an die Spitze einer Bewegung zur Überwindung dieses gesellschaftlichen Übels zu treten. Da es ihnen nie ganz gelang, sich von der Annahme einer „natürlichen Minderwertigkeit“ der Schwarzen frei zu machen, sahen sie auch keine echte Möglichkeit für ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben von weißen Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 94 <?page no="95"?> und schwarzen Bürgern in der neuen Republik. Nach 1820 blieb den Gegnern der Skla‐ verei wenig mehr übrig, als das weitere Vordringen dieser „eigentümlichen Institution“ (peculiar institution) in die Westgebiete zu verhindern. Die Probleme, die sich aus dem Zusammenhang von territorialer Expansion und Sklaverei für den Bestand der Union ergaben, traten nun immer deutlicher zu Tage. 6 Jeffersons Republikanismus als Alternative zum nationalen Machtstaat, 1801 - 1814 95 <?page no="97"?> Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 Nach 1815 unterschieden sich die Vereinigten Staaten fundamental vom kolonialen Amerika der 1760er Jahre, aber sie entsprachen keineswegs den Wunschbildern, die Revolutionären wie John Adams oder Thomas Jefferson vorgeschwebt hatten. Um diese Zeit existierte in den USA, wie der Historiker Gordon S. Wood schreibt, „die am meisten egalitäre, individualistische und erwerbsorientierte Gesellschaft der Welt“. Im Verlauf der Revolution und der beiden Kriege gegen England waren die materiellen wie die geistigen Fesseln gesprengt worden, die Nordamerika noch mit der ständisch-hierarchischen Welt der frühen Neuzeit verbunden hatten. Die common people, die einfachen Leute, traten handelnd in die Geschichte ein, und wer politisch reüssieren wollte, konnte ihre Wünsche und Ängste nicht mehr außer Acht lassen, geschweige denn sie verächtlich behandeln. Diesem Transformationsprozess fielen die idealistischen Vorstellungen von den überschaubaren Gemeinschaften tugendhaf‐ ter, selbstloser Bürger oder von der wohlmeinenden Herrschaft einer „natürlichen Aristokratie“ zum Opfer. Dafür bot das neue Amerika jedem Einzelnen seiner weißen männlichen Bürger unvergleichlich gute Chancen, das eigene Los ohne Rücksicht auf traditionelle Rangordnungen und gesellschaftliche Konventionen zu verbessern. Jetzt begann Crèvecoeurs Aussage Sinn zu machen, dass in Amerika ein „neuer Mensch“ geboren werde, der seine europäischen Vorurteile und Gewohnheiten gegen neue Lebensformen austauscht, der neuen Regierungen gehorcht und nach neuen Prinzipien handelt. Das bedeutete zwar keineswegs den Abbau aller sozialen Schranken und Hierarchien oder gar eine Annäherung der Besitzverhältnisse zwischen Arm und Reich. Es traf natürlich auch nicht auf die Sklaven, die meisten freien Afroamerikaner und die Masse der Frauen zu, die materiell und rechtlich von ihren Vätern und Ehemännern abhängig blieben. Die neue Gesellschaftsordnung war aber doch bemerkenswert offen, durchlässig und mobil, und ihre Struktur formte sich immer stärker aus den wandelbaren Gegebenheiten von persönlichem Verdienst, beruflichem Erfolg und politischem Ansehen. In den Südstaaten spielte Land- und Sklavenbesitz nach wie vor die beherrschende Rolle, aber überall sonst bemaß sich der soziale Status eher nach der Fähigkeit, Kapital zu akkumulieren und es in Handel und Industrie Gewinn bringend anzulegen. Equality, verstanden als soziale Ebenbürtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, wurde zum zentralen Wert und wirksamen Schlagwort, obwohl die Besitzunterschiede eher zuals abnahmen. Die „Gründerväter“ John Adams und Thomas Jefferson, die ihre politischen Gegen‐ sätze in einer 1812 wieder aufgenommenen Korrespondenz allmählich überwanden, fühlten sich von dem rastlosen Streben der Amerikaner nach materiellen Gütern eher befremdet. Die große Mehrheit ihrer Landsleute machte aber resolut-optimistisch von den sich bietenden Gelegenheiten Gebrauch und setzte damit eine wirtschaftliche und <?page no="98"?> gesellschaftliche Dynamik in Gang, die nicht mehr zum Stillstand kommen sollte. Der auf das private Interesse ausgerichtete Individualismus und der durch ihn entfesselte Wettbewerb wurden zum Kern einer neuen, „liberalen“ amerikanischen Identität. Starke Gegengewichte bildeten jedoch weiterhin der egalitäre, gemeinschaftsorien‐ tierte Republikanismus, der die Werte der Revolution hochhielt, und die evangelikale Volksfrömmigkeit, die immer wieder soziale Reformimpulse freisetzte. Die Entstehung eines nationalen Marktes und der Übergang vom Agrar- und Handelskapitalismus zur Industrialisierung erzeugten Spannungen zwischen den sich neuformierenden Gesellschaftsschichten sowie zwischen privatem Egoismus und der Notwendigkeit des sozialen Zusammenhalts. Aus diesen Spannungen ging bis zur Jahrhundertmitte eine eigentümliche, regional unterschiedlich geprägte Kultur hervor, in der sich frühindustrieller Kapitalismus, demokratischer Republikanismus und evangelikaler Protestantismus gegenseitig durchdrangen. Die Risiken und Gefahren des hemmungslosen Besitzindividualismus veranschau‐ lichte schlaglichtartig die Finanzpanik von 1819, die aus übersteigerter Landspekula‐ tion im Westen resultierte und eine mehrjährige Rezession nach sich zog. Dieser Krise sollten bis 1860 noch zwei weitere schwere wirtschaftliche Einbrüche folgen, doch keiner von ihnen konnte für längere Zeit den säkularen Wachstumstrend aufhalten, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte. In dreifacher Hinsicht standen die Zeichen im postrevolutionären Amerika auf Expansion: Politisch verlangten immer mehr Menschen nach Mitsprache und wurden immer breitere Bevölkerungsschichten durch die Parteien in den politischen Prozess einbezogen; ökonomisch wuchsen die Vereinigten Staaten zu einem großen Binnenmarkt zusammen und weiteten gleichzei‐ tig ihre Handelsbeziehungen zum Rest der Welt aus; und territorial gelang ihnen im Krieg gegen Mexiko 1846-1848 der endgültige Durchbruch zum Pazifik. Gerade diese rasche Expansion, ab den 1840er Jahren verbunden mit einer Masseneinwanderung aus Europa, verschärfte aber auch die regionalen Gegensätze und heizte den Streit um die Sklaverei an, der 1861 in die Zerreißprobe des Bürgerkriegs führte. 1 Die Era of Good Feeling Grenzregelungen und Monroe-Doktrin Nach dem zweiten Krieg gegen England innerhalb einer Generation schienen die Ame‐ rikaner endlich zu sich selbst gefunden zu haben. Die Hoffnungen auf gesellschaftliche Harmonie und wirtschaftlichen Fortschritt bündelten sich in dem Begriff der Era of Good Feeling, den ein Bostoner Journalist prägte und der bald mit der Präsidentschaft von James Monroe (1817-1825), dem vierten Virginier nach Washington, Jefferson und Madison, verbunden wurde. Es schien, als könne der Parteienstreit nun endgültig beigelegt werden, denn auch die verbliebenen Federalists unterstützten Monroe, und John Adams’ Sohn John Quincy Adams, ein typischer Repräsentant der gebildeten neuenglischen Elite, trat in Monroes Kabinett ein. Das gestiegene nationale Selbstbe‐ Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 98 <?page no="99"?> wusstsein der Amerikaner spiegelte sich am deutlichsten in der Außenpolitik, die John Quincy Adams über mehr als ein Jahrzehnt, zuerst als Secretary of State und dann als Präsident (1825-1829), maßgeblich mitbestimmte. Adams, der in Europa diplomatische Erfahrungen gesammelt hatte, stellte das nationale Interesse der Vereinigten Staaten über alle parteipolitischen und sektionalen Erwägungen. Er ging von der Prämisse aus, dass Distanz zu Europa und territoriale Expansion auf dem nordamerikanischen Kontinent die Voraussetzungen für das Überleben des „republikanischen Experiments“ seien. Da England weiterhin als gefährlicher Gegner galt, und da auch die innere Stabilität der Union zu berücksichtigen war, sollte diese Expansion behutsam und unter Vermeidung von Kriegen erfolgen. Flankiert werden musste sie durch eine Ausweitung und Diversifizierung des amerikanischen Handels, der immer noch stark auf die Nordatlantikroute konzentriert war. Die Schwächung der Kolonialmacht Spanien durch Revolten und Unabhängigkeits‐ bewegungen in Lateinamerika nutzte John Quincy Adams, um mit dem Erwerb von Florida einen Präzedenzfall zu schaffen. Das seit dem Louisiana Purchase zwischen Spanien und den USA umstrittene West-Florida war schon 1810 von Präsident Madison annektiert worden. Der Druck auf Ost-Florida wuchs durch das Vordringen amerika‐ nischer Siedler und durch militärische Strafexpeditionen, die General Andrew Jackson 1818 ohne Rücksicht auf die spanische Souveränität gegen Seminolen-Indianer und geflohene Sklaven unternahm. Bei den Grenzverhandlungen, die Adams seit 1817 mit dem spanischen Gesandten Luis de Onís führte, nutzte er diese Konstellation geschickt aus. 1819 erreichte er einen Vertragsabschluss, der den USA gegen die Übernahme von 5 Millionen Dollar spanischer Schuldverpflichtungen endgültig ganz Florida sicherte. Dieser Adams-Onís-Vertrag (oder Transcontinental Treaty) reichte aber noch weiter, denn erstmals wurde die gesamte spanisch-amerikanische Grenze vom Golf von Mexiko bis zum Pazifik fixiert. Während die USA ihren Anspruch auf Texas fallen ließen, verzichtete Spanien auf alle Gebiete jenseits der Rocky Mountains, die nördlich des 42. Breitengrades, d. h. nördlich von Kalifornien lagen. Diesen Erfolg sicherte Adams durch Verhandlungen mit England ab, die er schon als Gesandter in London begonnen hatte. Nachdem 1817 die beiderseitigen Flottenstärken auf den Großen Seen begrenzt worden waren, einigte man sich in der Konvention von 1818 darauf, dass von den Seen zu den Rocky Mountains der 49. Breitengrad die amerika‐ nisch-kanadische Grenze bilden sollte. Im riesigen Oregon-Gebiet jenseits der Rocky Mountains überschnitten sich die Souveränitätsansprüche von Spanien, Russland, Großbritannien und den USA. Während die Präsenz der kanadischen Northwest Company für London sprach, berief sich Washington auf die Expedition von Lewis und Clark sowie auf die Gründung der Pelzhandelsstation Astoria, die allerdings 1813 an die Briten gefallen war. 1818 vereinbarte man nun, das gesamte Territorium für zehn Jahre unter gemeinsame englisch-amerikanische Verwaltung zu stellen - eine Regelung, die 1827 auf unbegrenzte Zeit verlängert wurde. Von diesen Abmachungen und dem Adams-Onís-Vertrag führte eine gerade Linie zu der außenpolitischen Botschaft, die Präsident James Monroe am 2. Dezember 1 Die Era of Good Feeling 99 <?page no="100"?> 1823 an den Kongress richtete und die später als Monroe-Doktrin bekannt wurde. Den Hintergrund bildete Adams’ Sorge vor einer Intervention der Heiligen Allianz gegen die südamerikanischen Staaten, insbesondere Mexiko, deren Unabhängigkeit die USA gerade anerkannt hatten. Darüber hinaus galt es, ein russisches Vordringen im pazifischen Westen zu verhindern, nachdem Zar Alexander I. exklusive Handelsrechte für die Russian American Company von Alaska bis Kalifornien reklamiert hatte. Im Kern enthielt Monroes Botschaft eine Warnung an die Adresse der europäischen Mächte und Russlands, dass die Vereinigten Staaten jegliche Rekolonisierung oder den Erwerb neuer Kolonien in Amerika als Gefahr für ihre eigene Sicherheit betrachten würden. Im Gegenzug sagten die USA zu, sich aus den europäischen Angelegenheiten einschließlich der existierenden Kolonien in Kanada, der Karibik und Südamerika herauszuhalten. Den europäischen Regierungen blieb natürlich die Diskrepanz zwi‐ schen dem rhetorischen Anspruch und dem tatsächlichen politisch-militärischen Durchsetzungsvermögen der Amerikaner nicht verborgen. Konservative Staatsmänner wie Metternich verstanden Monroes Konzept der „westlichen Hemisphäre“, in der die europäischen Gesetze der balance of power nicht gelten sollten, dennoch als unerhörte Herausforderung und bestritten die völkerrechtliche Grundlage des Kolonisierungs‐ verbots. In der Praxis wurde die Freiheit der südamerikanischen Staaten vorerst weniger durch die Vereinigten Staaten als durch England garantiert, das den Kontinent als seine vorrangige wirtschaftliche Interessensphäre betrachtete. Die Rivalitäten und ideologischen Gegensätze der europäischen Mächte, die John Quincy Adams in sein Kalkül einbezog, minderten die Kriegsgefahr und verschafften den USA eine für die innere Konsolidierung dringend benötigte, mehr als zwanzigjährige außenpolitische Ruhephase. Sie ließ sich auch zur Steigerung des Handels und zur Suche nach neuen Märkten nutzen, was die Bundesregierung nach Kräften durch Handelsverträge, den Ausbau des Konsulardienstes und die Verstärkung der Kriegsflotte förderte. Der Missouri-Kompromiss Vom Beginn des Jahrhunderts bis 1819 waren drei Sklavenstaaten (Louisiana, Missis‐ sippi, Alabama) und drei „freie“ Staaten (Ohio, Indiana, Illinois) neu in die Union aufgenommen worden, die nun 22 Mitglieder zählte. 1819 beantragten auch die Siedler von Missouri beim Kongress die Aufnahme, da die Bevölkerung des Territoriums die erforderliche Zahl von 60.000 erreicht hatte, 10.000 von ihnen Sklaven. Während die früheren Beitritte eher routinemäßig abgewickelt worden waren, entbrannte im Kongress über diesen Antrag erstmals ein heftiger Streit, der die politische Sprengkraft der Sklavereifrage schlaglichtartig deutlich machte. Die Vertreter der Nordstaaten, die im Repräsentantenhaus auf Grund ihrer Bevölkerungsstärke die Mehrheit hatten, wollten eine Klausel in die von Missouri vorgelegte Verfassung einfügen, die den Staat auf eine graduelle Emanzipation der Sklaven verpflichtet hätte. Der Senat, in dem sich Sklavenstaaten und freie Staaten genau die Waage hielten, lehnte jedoch eine solche Bedingung ab. Daraufhin verweigerte das Repräsentantenhaus dem Aufnahmeantrag Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 100 <?page no="101"?> von Missouri die Zustimmung, und im Gegenzug blockierte der Senat den Beitritt von Maine, das bislang zu Massachusetts gehört hatte, nun aber ein eigener Staat werden wollte. In monatelangen, äußerst mühsamen Beratungen, die dem Sprecher des Repräsentantenhauses, Henry Clay, den Beinamen des Great Pacificator eintrugen, fand der Kongress aber doch noch einen Ausweg aus dem Dilemma: Maine wurde 1820 als freier Staat aufgenommen, und Missouri durfte im folgenden Jahr ohne Bedingungen, d. h. als Sklavenstaat beitreten, wodurch das Nord-Süd-Gleichgewicht im Senat erhalten blieb; dafür akzeptierten die Südstaatler das permanente Verbot der Sklaverei im Rest des 1803 erworbenen Louisiana-Territoriums oberhalb einer Linie (36 Grad 30 Minuten nördlicher Breite), die von der Südwestecke Missouris bis zu den Rocky Mountains gezogen wurde. Wie schon im Verfassungskonvent von Philadelphia, so hatte auch diesmal wieder die Furcht vor dem Auseinanderfallen der Union einen Kompromiss erzwungen, der die Sklavereifrage eine weitere Generation lang politisch neutralisierte. Allen Beteiligten war aber schmerzhaft bewusstgeworden, dass das Schicksal der Westgebiete, der schwarzen Bevölkerung und der Union auch in Zukunft untrennbar miteinander verbunden sein würde. Manche Hoffnung knüpfte sich in dieser Zeit noch an das Konzept der „Rekolonisie‐ rung“ von Afroamerikanern in der Karibik, Kanada oder Afrika. Der 1816 gegründeten American Colonization Society (ACS) gehörten Mitglieder aus dem Norden und dem Oberen Süden an, denen es weniger um die Beseitigung der Sklaverei als um die Entfernung der freien Schwarzen ging. Man verwies auf das Beispiel der Engländer, die schon 1787 viele der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nach Kanada geflohe‐ nen Schwarzen in ihre westafrikanische Kolonie Sierra Leone gebracht hatten. Mit Unterstützung der Bundesregierung und mit finanzieller Hilfe von Staatenregierungen, Kirchen und Privatpersonen gelang es der ACS zu Beginn der 1820er Jahre, Land an der afrikanischen Küste südlich von Sierra Leone zu kaufen und schwarze Emigranten anzusiedeln. Seit 1824 hieß diese Kolonie offiziell „Liberia“, und der erste Hauptort, dessen Name Christopolis auf die Missionierungsabsichten der ACS hinwies, wurde zu Ehren von Präsident Monroe in „Monrovia“ umbenannt. Da der Kongress aber bald das Interesse an dem Projekt verlor, blieben die praktischen Möglichkeiten der ACS eng begrenzt. Bis 1830 transportierte die Gesellschaft lediglich 1400 Afroamerikaner - die meisten von ihnen waren schon seit längerem frei gewesen - nach Afrika und gab ihnen dort Starthilfe für Ackerbau und Handwerk. Nicht wenige der Neuankömmlinge litten unter dem tropischen Klima und starben an Fieberkrankheiten. Die überlebenden Einwanderer gerieten rasch mit der einheimischen Bevölkerung in Konflikt und etablierten sich als Führungsschicht, die politische und soziale Vorrechte beanspruchte. 1847 erklärten die Siedler Liberia zur unabhängigen Republik und nahmen eine Verfassung nach dem Vorbild der US Constitution an. Die Hoffnungen auf einen breiten Strom von Kolonisten aus den Vereinigten Staaten, deren Regierung den neuen Staat übrigens erst 1862 diplomatisch anerkannte, erfüllten sich jedoch nicht. Zwar war der Wunsch, nach Afrika emigrieren zu dürfen, seit der Revolution auch gelegentlich von Sprechern der schwarzen Bevölkerung geäußert worden, entweder aus Resignation 1 Die Era of Good Feeling 101 <?page no="102"?> angesichts der fortgesetzten Diskriminierung oder als Ausdruck eines erwachenden schwarzen Nationalismus. Die große Mehrheit der freien Afroamerikaner, die Afrika nur noch vom Hörensagen kannte, lehnte solche Konzepte aber ab und zog es vor, gemeinsam mit den weißen Abolitionisten in den USA für die Überwindung der Sklaverei und die rechtliche und soziale Gleichstellung der Schwarzen zu kämpfen. Bei Ausbruch des Bürgerkriegs, der dieses Ziel in greifbare Nähe rückte, lebten ca. 12.000 Afroamerikaner in Liberia. Anderen Siedlungsexperimenten, etwa auf Haiti oder in Kanada, war noch weniger Erfolg beschieden. Obwohl die „Rekolonisierung“ also keinen wirklichen Beitrag zur Lösung des Rassenproblems in den USA leistete, ging die utopische Hoffnung auf eine Rückkehr in die afrikanische „Heimat“ aber nie ganz verloren und konnte auch nach dem Bürgerkrieg gelegentlich wiederbelebt werden. Landpolitik, Finanzkrise und Fraktionsbildungen Die Spannungen und Widersprüche, die sich unter der ruhigen Oberfläche der Era of Good Feeling angesammelt hatten, kamen durch die Finanzpanik von 1819 und die darauf folgende vierjährige Rezession zum Vorschein. Wie schon die Krise von 1783 bis 1787 resultierte auch dieser Einbruch im Wesentlichen aus einem überhitzten Nachkriegsboom, der durch steigende Importe aus England, in die Höhe schnellende Preise für neues Land im Westen und eine unkontrollierte Ausweitung des Kredits durch die Banken gekennzeichnet war. Die Second Bank of the United States, die der Kongress nach dem Auslaufen der ersten Bank-Charter 1816 eingerichtet hatte, und die in den Einzelstaaten gegründeten privaten State Banks vermehrten den Banknotenumlauf zwischen 1812 und 1817 von 45 auf 100 Millionen Dollar. Dieses Kapital wurde überwiegend in Land angelegt, das die Bundesregierung nach dem Krieg im Westen zu relativ niedrigen Preisen verkaufte. Das Farmland gelangte jedoch in den meisten Fällen nicht direkt an die Siedler, sondern auf dem Umweg über Landgesellschaften, die große Spekulationsgewinne machten und sich noch größere erhofften. Die Bundesregierung hatte den Mindestpreis für Verkäufe aus der public domain auf 2 Dollar pro acre festgesetzt. Bei den öffentlichen Versteigerungen boten die Agenten der Landgesellschaften wesentlich höher, weil sie wussten, dass sie das Land, aufgeteilt in lots von 40 bis 160 acres, für über 50 Dollar pro acre an landhungrige Farmer weiterverkaufen konnten. Die Farmer wiederum waren bereit, sich bei den Banken zu verschulden, weil die Preise für Agrarprodukte, nicht zuletzt wegen einer starken Nachfrage aus dem kriegsverwüsteten Europa, stetig nach oben kletterten. Die Orgie der Landspekulation erreichte 1819 ihren Höhepunkt, als zehnmal so viel Bundesland verkauft wurde wie im Schnitt der Vorkriegsjahre. Um diese Zeit ließen jedoch Rekordernten in Europa die Nachfrage nach amerikanischem Getreide sinken, und gleichzeitig gerieten die während des Krieges aufgebauten Manufakturbetriebe in Neuengland durch billige englische Importe in Schwierigkeiten. Als die Banken daraufhin die Kreditvergabe einschränkten, platzte der spekulative Luftballon, und die Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 102 <?page no="103"?> Preise für Land und Agrarprodukte stürzten ab. Es dauerte bis 1823, bevor sich die Lage stabilisierte und die Wachstumskräfte wieder die Oberhand gewannen. Die Krise hatte weitreichende Folgen, denn sie intensivierte das Nachdenken über eine zeitgerechte Wirtschaftspolitik und beschleunigte damit die Umformung der amerikanischen Parteienlandschaft. In der ökonomischen Diskussion kristallisierten sich zwei unterschiedliche Ansätze heraus: Auf der einen Seite gewann das von Henry Clay propagierte American System an Attraktivität, das ein aktives Eingreifen der Bundesregierung mit dem Ziel vorsah, die Vereinigten Staaten durch hohe Zölle zum Schutz der heimischen Industrie und durch eine Verbesserung der Infrastruktur so weit wie möglich selbstgenügsam und unabhängig von Europa zu machen. Dieses nationale Programm stieß auf den Widerstand derjenigen, die wirtschaftspolitische Entscheidungsbefugnisse am besten bei den Staatenparlamenten aufgehoben sahen und eine eher noch stärkere Dezentralisierung befürworteten. Der Zorn vieler Farmer und Landspekulanten richtete sich vor allem gegen die Second Bank of the United States, die mit ihren Rückzahlungsforderungen an die Staatenbanken das Signal zu der allgemeinen Kreditkontraktion gegeben hatte. Zu diesen beiden Polen hin begannen nun die politischen Kräfte zu gravitieren, die bei Beginn von Monroes Amtszeit noch einträchtig das Ende der Parteienherrschaft verkündet hatten. Die Illusion eines „parteilosen“ Zustandes ergab sich daraus, dass die Federalists nach 1815 praktisch von der nationalen Bühne verschwunden waren. Nun zerfiel auch das Lager der Republicans in Fraktionen, aus denen dann in einem längeren Prozess ein neues Zweiparteien-System hervorging. Bei den Wahlen von 1824 konkurrierten nicht weniger als fünf Kandidaten, die sich alle als Republicans bezeichneten. Da keiner von ihnen die absolute Mehrheit der Wahlmännerstimmen erreichte, fiel die Entscheidung im Repräsentantenhaus, das den führenden Bewerber, General Andrew Jackson, überging und den Zweitplatzierten, John Quincy Adams, zum Präsidenten kürte. Adams verdankte den Sieg vor allem Henry Clay, der nach der Enttäuschung über sein eigenes schlechtes Abschneiden alles darangesetzt hatte, Jacksons Einzug ins Weiße Haus zu verhindern. Adams ernannte Clay zum Außenminister und nahm damit den Vorwurf der Jackson-Anhänger in Kauf, die Wahl durch eine geheime Absprache (corrupt bargain) manipuliert zu haben. Wichtiger als taktische Schachzüge war aber die programmatische Übereinstimmung zwischen Clay und Adams, die alle national gesinnten Republikaner sammeln und das American System auf der Grundlage eines Bündnisses zwischen den Neuenglandstaaten und dem Westen in die Tat umsetzen wollten. Der strenge und moralisch integre, nach außen oft mürrisch und steif wirkende Adams ging dabei noch über Clays Vorstellungen hinaus, indem er neben Zollschutz und Verbesserungen der Verkehrswege auch Gesetze zur Förderung von Künsten und Wissenschaften einschließlich des Baus einer nationalen Universität und eines Observatoriums vorschlug. Gegen diesen Kurs der nationalen Republikaner formierte sich aber sowohl im Kongress als auch in den Einzelstaaten, hauptsächlich im Süden und Südwesten, wachsender Widerstand unter dem Banner von Demokratie und Staatensouveränität (states’ rights). Zur Integrationsfigur dieser Bewegung, die sich 1 Die Era of Good Feeling 103 <?page no="104"?> zunächst „the Democracy“ und später dann Demokratische Partei (Democratic Party) nannte, stieg bis 1828 der populäre Sieger von New Orleans, Andrew Jackson, auf. Bevor der neue Parteiengegensatz seine volle Schärfe erreichte, nahmen die Ameri‐ kaner auf symbolträchtige Weise endgültig Abschied von der Revolutionsepoche. In einer erstaunlichen Koinzidenz starben am 4. Juli 1826, auf den Tag genau fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, sowohl John Adams als auch Thomas Jefferson. Viele Zeitgenossen schrieben dieses Ereignis der göttlichen Vorsehung zu und verstanden es als Bestätigung dafür, dass dem „amerikanischen Experiment“ ein tieferer, transzendenter Sinn innewohnte. 2 Die „Marktrevolution“ Der komplexe Vorgang, der in der neueren Forschung als „market revolution“ bezeich‐ net wird, ergab sich aus dem Ineinandergreifen von vier Faktoren: dem raschen Bevölkerungswachstum, dem Ausbau des Verkehrswesens, der Kommerzialisierung der Landwirtschaft und dem Beginn der Industrialisierung. Dabei bedingten sich der Ausbau marktwirtschaftlicher Strukturen und das Voranschieben der Frontier nach Westen gegenseitig und erzeugten eine immer stärkere Eigendynamik. Ökonomisches Wachstum und technische Neuerungen gingen mit tiefgreifenden Änderungen im Denken und in den sozialen Beziehungen einher, und sie vergrößerten zudem die wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen den Nord- und Südstaaten. Die paradoxe Folge war, dass die Einbindung immer weiterer Bevölkerungskreise in eine nationale Marktwirtschaft die sozialen und regionalen Gegensätze verschärfte und damit die Gefahr des Zerfalls der Union heraufbeschwor. Bevölkerungswachstum und Binnenwanderung Zwischen 1790 und 1820 war die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von 4 auf 10 Millionen gestiegen, 1840 betrug sie 17 Millionen, und 1860 lebten mit 31,5 Millionen (davon 3,9 Millionen Sklaven und ca. 500.000 freie Schwarze) bereits mehr Menschen in den USA als in England und fast ebenso viele wie in Frankreich oder in den deutschen Staaten. Dieses Wachstum resultierte zunächst ganz überwiegend aus der „natürlichen“ Vermehrung, d. h. einer hohen Geburten- und einer relativ niedrigen Sterberate. Im 19. Jahrhundert begann allerdings ein säkularer Trend zu niedrigeren Geburtenraten: Während eine amerikanische Frau 1810 im Durchschnitt noch sieben Kinder zur Welt brachte, waren es um die Jahrhundertmitte nur noch fünf. Bis 1860 wurde das Sinken der Geburtenrate jedoch durch verstärkte Einwanderung wettgemacht, so dass sich die Bevölkerung auch weiterhin, wie schon zur Kolonialzeit, etwa alle 23 Jahre verdoppelte. Da das Durchschnittsalter der Einwanderer recht niedrig war, blieben die Amerikaner im internationalen Vergleich ein „junges“ Volk, was sicher zu ihrer Beweglichkeit und ihrem robusten Tatendrang beitrug. Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 104 <?page no="105"?> Wegen der napoleonischen Kriege waren von 1790 bis 1820 nur 250.000 Europäer in die USA eingewandert. Auch im Zeitraum von 1820 bis 1840 hielt sich der Zustrom mit 750.000 in Grenzen. Ab 1820 übernahm die Bundesregierung die „Buchführung“ und ließ sich die Zahlen aus den wichtigsten Einwanderungshäfen Boston, New York, Philadelphia, Baltimore und New Orleans melden. Die gesetzlichen Bestimmungen waren sehr günstig, denn der Naturalization Act von 1802 sah lediglich eine Resi‐ denzpflicht von fünf Jahren vor, nach deren Ablauf Neuankömmlinge eingebürgert werden konnten. Sie mussten sich dann zur Verfassung bekennen und, falls sie adlig waren, ihre Adelstitel aufgeben. Zu einem echten Massenphänomen wurde die Einwanderung in den beiden letzten Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg, als über vier Millionen Menschen nach Amerika strömten. In den Spitzenjahren 1847-1854 kamen auf 10.000 Einwohner jeweils über 100 Immigranten, was die höchste Einwanderungs‐ rate proportional zur Bevölkerung in der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten bedeutete. Die Ursachen lagen in einer Kombination von „Druck-“ und „Zugkräften“ (push and pull factors), die den Menschen das Leben in Europa verleideten und die USA als einzige hoffnungsvolle Alternative erscheinen ließen. In Irland bewirkte eine Kartoffelkrankheit langanhaltende Hungersnot, in den deutschen Staaten, den Schweizer Kantonen und Skandinavien stieg der Druck durch starkes Bevölkerungs‐ wachstum und Landknappheit, und in England machte die Industrialisierung viele Handwerker arbeitslos. Zahlenmäßig weniger bedeutsam, aber politisch und kulturell durchaus folgenreich war die Flucht oder erzwungene Auswanderung von Liberalen und Demokraten, die, wie die deutschen „Achtundvierziger“, aktiv an den gescheiterten europäischen Revolutionen der Jahre 1848 / 49 teilgenommen hatten. Auf der anderen Seite des Atlantiks lockten billiges Siedlungsland, höhere Löhne und die Aussicht auf soziale Gleichheit und religiöse wie politische Freiheit. Ermöglicht wurde die massenhafte Wanderungsbewegung durch das steigende transatlantische Handels- und Verkehrsaufkommen, denn ab den 1840er Jahren machten die Reedereien die Auswanderung zum profitablen Geschäft, weil sie ihre Frachtschiffe auf dem Weg nach Amerika mit Menschen beladen konnten. Hinzu kamen Transportverbesserungen in den USA selbst, die das Vordringen der Siedler ins Landesinnere erleichterten und beschleunigten. Den Hauptanteil der Einwanderer in den beiden Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg (mit ca. 3 Millionen gut 70 Prozent) stellten die Iren und die Deutschen, die sich in ihrer neuen Heimat aber recht unterschiedlich orientierten. Die Iren blieben zumeist als industrielle Arbeitskräfte in den Städten der Ostküste, vor allem in Boston und in New York, dessen Einwohnerzahl zusammen mit Brooklyn bis 1860 die Millionengrenze überschritt. Häufig füllten sie Lücken aus, die durch die starke Binnenwanderung nach Westen entstanden. Die meisten Deutschen strebten dagegen, ebenso wie die Schweizer und Skandinavier, in das Ohio-Tal und das Gebiet der Großen Seen, wo sie Farmland erwerben wollten. Häufig führte sie ihr Weg schließlich aber doch in Städte wie Cincinnati, Cleveland, Chicago, Milwaukee und St. Louis, die nun in dieser Region rasch zu wachsen begannen. Die Zentren der Immigration lagen also ganz überwiegend 2 Die „Marktrevolution“ 105 <?page no="106"?> im Nordosten und Nordwesten (dem heutigen Mittleren Westen) der USA, wohingegen der Süden mit Ausnahme von Texas nur wenige Neueinwanderer aufnahm. Hatten 1820 noch gut drei Viertel aller Amerikaner in den Ostküsten-Staaten gelebt und nur ein Viertel westlich der Appalachen, so war dieses Verhältnis 1860 schon ausgeglichen. Den stärksten Bevölkerungszuwachs verzeichnete der Mittlere Westen, der seinen Anteil an der Gesamtbevölkerung in diesem Zeitraum von 9 auf 29 Prozent mehr als verdreifachen konnte, während derjenige des Südwestens (einschließlich Texas) nur von 14 auf 19 Prozent stieg. Der pazifische Westen, der 1848 an die USA fiel, beherbergte 1860 erst minimale 2 Prozent der insgesamt 31,5 Millionen Amerikaner. Da etwa zwei Drittel der irischen und ein Drittel der deutschen Einwanderer Katholiken waren, veränderte sich nicht nur die ethnische, sondern auch die religiöse Zusammensetzung der USA. Bis 1840 überwog trotz aller Diversität und regionalen Besonderheiten das britisch-protestantische Element. Die Einheit von Sprache, politi‐ schen Institutionen, Recht, Geschichtsbewusstsein und freiheitlicher Ideologie, die sich als „amerikanische Kultur“ herausgebildet hatte, war eindeutig angelsächsisch und protestantisch geprägt. Das begann sich nun zu ändern, sehr zum Leidwesen eines Teils der ansässigen und bereits in diesen mainstream assimilierten Bevölkerung, die ab Mitte der 1840er Jahre mit fremdenfeindlichen Protesten reagierte. Im darauf folgenden Jahrzehnt trug dieser „Nativismus“, der vor allem die Städte an der Ostküste und im Nordwesten erfasste, mit zur Destabilisierung der politischen Lage bei. Ausbau der Infrastruktur und Anpassung des Rechtssystems Bevölkerungswachstum und Vordringen der Frontier standen in einem engen Zu‐ sammenhang. Der Druck auf die „alten“ Siedlungsgebiete an der Ostküste konnte nur durch die Westwanderung gemildert werden, und der unermesslich scheinende Landreichtum des Westens wirkte zugleich als Magnet, der Immigranten aus Europa anzog. Innerhalb weniger Jahrzehnte verfünffachte sich das erschlossene Territorium, und die Siedlungsgrenze erreichte im Nordwesten den Missouri, im Südwesten die Mitte von Texas. Die freizügige Landpolitik der Bundesregierung ging auf Kosten der Indianer, von denen 1820 noch ca. 120.000 östlich des Mississippi lebten. Sie wurden nun rücksichtslos verdrängt und in Gebiete westlich des Mississippi umgesiedelt. Die „Eroberung“ des Westens durch Binnenwanderung und Immigration hatte zur Voraussetzung, dass das Verkehrswesen der Union grundlegend verbessert wurde, ja dass eine ganz neue Infrastruktur entstand. Diese „Transportrevolution“ begann schon Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Ausbau der Überlandstraßen (turnpikes), insbeson‐ dere der National Road von Maryland nach Columbus, Ohio. Nicht die Straßen, sondern Wasserwege - Kanäle und Flüsse - bildeten aber das erste nationale Verkehrsnetz der Vereinigten Staaten. Als Robert Fultons Dampfschiff „Clermont“ 1807 die Fahrt auf dem Hudson River von New York nach Albany in 32 Stunden bewältigte, rückte das Problem einer Verbindung mit den Großen Seen und den Flussläufen von Mississippi und Ohio in den Blickpunkt. Nach dem Krieg von 1812 / 14 begann die Ära des Kanalbaus, zu Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 106 <?page no="107"?> dessen Prunkstück sich der Erie-Kanal entwickelte. Den ersten Spatenstich tat der Gouverneur des Staates New York, DeWitt Clinton, am Unabhängigkeitstag des Jahres 1817, womit er nicht nur die nationale Bedeutung des Projekts, sondern vor allem die Initiative und das finanzielle Engagement seiner Regierung dokumentieren wollte. Als acht Jahre später, im Oktober 1825, das letzte Teilstück des über 500 km langen Kanals eröffnet wurde, konnte man von New York aus über den Hudson und den Erie-See die Siedlungsgebiete des Nordwestens erreichen. Frachtgüter und Menschen wurden nun wesentlich schneller und billiger als bisher per Kanalboot, Segel- und Dampfschiff nach Westen befördert, und auf dem umgekehrten Wege gelangten Agrarprodukte und Fleisch aus dem Westen an die Ostküste. Der Bau des Erie-Kanals kostete 7 Millionen Dollar, die hauptsächlich durch Anlei‐ hen des Staates New York aufgebracht wurden. Bis 1833 hatte sich diese Investition amortisiert, und die Kanalgesellschaft und der Staat machten Gewinne. Der Erfolg löste ein regelrechtes „Kanalfieber“ aus, das die interessierten Staaten und Gemeinden in den 1820er und 1830er Jahren zur Ausgabe von insgesamt 140 Millionen Dollar veranlasste. Erstmals stellten auch europäische Investoren in größerem Maßstab Kapital für amerikanische Vorhaben zur Verfügung. Bis 1840 erreichte das Kanalnetz eine Ausdehnung von fast 5000 km, und in den 1850er Jahren verkehrten über 700 Dampfschiffe im Westen zwischen den Großen Seen und dem Golf von Mexiko, wo New Orleans nun zum größten Umschlaghafen der USA aufstieg. Die Kanäle blieben ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, aber schon ab Mitte der 1830er Jahre wurde die Eisenbahn zum bevorzugten Transportmittel. Den Anfang machte 1827 die Baltimore and Ohio Railroad Company, die im folgenden Jahrzehnt die Chesapeake and Ohio-Kanalgesellschaft aus dem Geschäft drängte. 1852 überquerten bereits vier Bahnlinien die Appalachen und stellten Verbindungen zu den Städten des Nordwes‐ tens her. Zunächst wurden viele Einzelstrecken mit unterschiedlichen Spurbreiten gebaut, doch dann erfolgte eine allmähliche Anpassung und „Konsolidierung“ der Hauptverkehrswege. Chicago entwickelte sich zum westlichen Knotenpunkt eines nationalen Eisenbahnnetzes, das bis 1860 auf über 30.000 Meilen anwuchs und damit etwa so lang war wie alle in der Welt verlegten Schienenstränge zusammen. Die Reise von Boston nach St. Louis, die 1830 noch gut zwei Wochen gedauert hatte, konnte man nun mit einigem Glück in drei Tagen absolvieren. Um diese Zeit war auch schon eine transkontinentale Eisenbahnlinie geplant, die aber erst nach Ende des Bür‐ gerkrieges vollendet werden konnte. Kennzeichnenderweise wurden allerdings zwei Drittel aller Bahnstrecken im Norden gebaut und verliefen in Ost-West-Richtung. Die Tatsache, dass es 1860 nur drei Nord-Süd-Verbindungen gab, weist auf die zunehmende wirtschaftliche Sonderentwicklung des Südens hin. Parallel zum Eisenbahn-Boom revolutionierte der Telegraph, mit dem Samuel Morse 1844 erste Experimente zwischen Baltimore und Washington unternommen hatte, das Kommunikationswesen. 1860 waren bereits 50.000 Meilen Kabel verlegt, denn man erkannte schnell, welch enorme Bedeutung diese Neuerung für Verkehr, Wirtschaft und Finanzen - und nicht zuletzt auch für die Kriegführung - haben würde. 2 Die „Marktrevolution“ 107 <?page no="108"?> Die Initiativen zur Verbesserung der Infrastruktur gingen ganz überwiegend von den Einzelstaaten und nicht von der Bundesregierung aus. In der Regel erteilten die Parlamente privaten Aktiengesellschaften (corporations) per Gesetz Charters, die als Rechtsgrundlage zum Bau von Straßen, Kanälen und Eisenbahnlinien dienten. Häufig erwarben die Staaten dann mit Steuergeldern Aktien der von ihnen zugelassenen Gesellschaften. Dieses System des „Staatenmerkantilismus“ stand im Einklang mit der restriktiven Auslegung der Bundesverfassung, wie sie die Republicans seit Jeffersons Präsidentschaft praktiziert hatten. Es wurde gefördert durch die Bereitschaft der Gerichte, den Einzelstaaten in wirtschaftlichen Angelegenheiten einen großen Ermes‐ sensspielraum zuzubilligen und Privatinteressen, etwa in Fragen der Landenteignung für den Bau von Verkehrswegen, hinter das Wohl der Gemeinschaft zurückzustellen. Das common law-Konzept des unantastbaren Eigentumsrechts wurde dabei unter Verweis auf die „soziale Nützlichkeit“ und die Souveränität des Volkes umgeformt und mit der Notwendigkeit wirtschaftlicher Entwicklung in Einklang gebracht. Während sich also die Bundesregierung - teils absichtlich, teils notgedrungen - passiv verhielt, griffen die Einzelstaaten durchaus aktiv lenkend und ordnend in das Wirtschaftsge‐ schehen ein. Dieses Commonwealth System genannte dezentrale Entwicklungsmodell war in den 1820er Jahren schon so sehr im Bewusstsein der Menschen verankert, dass sich John Quincy Adams’ und Henry Clays nationales American System nicht mehr durchsetzen konnte. Aus der Präferenz für das Commonwealth System erwuchsen nicht unwesentliche Gefahren für die Autorität und den Zusammenhalt des Bundesstaates, die der von John Marshall geleitete Supreme Court abzuwehren bemüht war. Im Fall McCulloch v. Mary‐ land bestätigte das Gericht 1819 die von Maryland angefochtene Verfassungsmäßigkeit der Zweiten Nationalbank mit dem Hinweis, die Gründerväter hätten nicht beabsich‐ tigt, die Bundesregierung von den Einzelstaaten abhängig zu machen. In Gibbons v. Ogden (1824) hob Marshall ein vom Staat New York verliehenes Schifffahrtsmonopol auf dem Hudson River auf, weil es im Widerspruch zum Recht des Kongresses stand, den Handel zwischen den Staaten (interstate commerce) zu regulieren. Auf diese Weise wirkte der Supreme Court der Errichtung von internen Handels- und Verkehrsschran‐ ken entgegen und unterstrich demonstrativ den Vorrang der Bundesverfassung vor einzelstaatlichen Gesetzen und Maßnahmen. Mit seiner Strategie, der Bundesregierung einen möglichst weiten Handlungsspielraum zu erhalten und gleichzeitig die Eigen‐ tumsrechte von Individuen und inkorporierten Gesellschaften gegen Eingriffe der Staaten zu schützen, geriet Marshall jedoch immer mehr in die Defensive. Als er 1835 starb, stand eindeutig die Doktrin der states’ rights im Vordergrund, deren zentrifugale Dynamik die Unionsbande erheblich lockerte. Landwirtschaft und frühe Industrialisierung Das wirtschaftliche Wachstum nahm seinen Ausgang von der Erweiterung der An‐ baufläche und der Kommerzialisierung der Landwirtschaft. Dieser Vorgang erfasste Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 108 <?page no="109"?> die gesamte Union, trug jedoch regionalspezifische Züge und hatte unterschiedliche Konsequenzen. Enorme agrarische Steigerungsraten erzielte der Nordwesten, wo die neu entstehenden Familienfarmen Getreide, vor allem Mais, anbauten sowie Fleisch und Milchprodukte erzeugten. Technische Neuerungen wie die von John Deere verbesserten Pflugscharen und Mäh- und Dreschmaschinen, die sich schon in den 1840er Jahren durchsetzten, trugen wesentlich zu diesem Boom bei. Die Farmer mussten über den Eigenbedarf hinaus für den Markt produzieren, weil sie nur so die Schuldverpflichtungen erfüllen konnten, die sie für den Aufbau ihrer Existenz notgedrungen eingegangen waren. Dadurch wurden sie allerdings auch von dem oft schwer durchschaubaren Marktgeschehen abhängig, insbesondere von der Zinsentwicklung und den schwankenden Getreidepreisen, die in den Krisen von 1819-1823 und 1839-1843 viele Familien zur Aufgabe und zum Abwandern in die Städte zwangen. Hier suchten sie Arbeit in den Industrien, die inzwischen im Zusammenhang mit der Landwirtschaft entstanden waren: in den Schlachthöfen und bei der Fleischverpackung; beim Landmaschinenbau, in der Holzverarbeitung und in Brauereien. Während St. Louis weiterhin das „Tor zum Westen“ bildete, stieg Chicago zum wirtschaftlichen Kraftzentrum des Mittleren Westens auf. Hier vollzog sich am anschaulichsten der Übergang vom konkreten geographischen Ort „Markt“, auf dem die Farmer ihre Erzeugnisse verkauften, zum komplexen und abstrakten ökonomischen System „Markt“, das Vieh, Getreide und andere Produkte in standardisierte, industria‐ lisierte Waren verwandelte und in Geldwerte umsetzte. Entscheidende Bedeutung für die gesamte Region erlangte jedoch der Austausch mit den Ostküstenstaaten, der durch die neuen Verkehrswege ermöglicht wurde. Nachdem man gelernt hatte, Eis zur Kühlung von Eisenbahnwaggons zu nutzen, lieferte der Mittlere Westen nahezu jahreszeitunabhängig Lebensmittel an die Küste. Auf diese Weise wurden die Voraussetzungen für das Entstehen einer Massenkonsumgesellschaft geschaffen. Der Nordosten konnte sich nun zunehmend auf Handel, Bankwesen und Industrie spezialisieren, wobei die großen Städte Boston, New York und Philadelphia als Motoren des Wachstums fungierten. Die Landwirtschaft hatte in den Neuengland‐ staaten stets mit ungünstigen Voraussetzungen zu kämpfen gehabt und kam nun gegen die billige Konkurrenz aus dem Westen nicht mehr an. Da auch der Nordatlantikhandel wegen des starken britischen Wettbewerbs an Lukrativität einbüßte, erkundeten die Kaufleute neue Möglichkeiten in Lateinamerika, im pazifischen Raum und in Afrika. In immer stärkerem Maße floss Handels- und Bankkapital nun aber in Manufakturen und Industriebetriebe. Hierfür wählten die Händler-Unternehmer seltener die Form der in‐ korporierten Aktiengesellschaft als Partnerschaften oder die alleinige Firmenführung, um möglichst frei von staatlicher Regulierung zu bleiben. Ausgehend von Neuengland, wurde das traditionelle Handwerkswesen - oft über die „protoindustrielle“ Zwischen‐ stufe der Verlags- oder Heimarbeit - allmählich durch das neue System der Fabrikarbeit ersetzt. Arbeitsteilung und Mechanisierung zur Senkung der Kosten und zur Steigerung der Produktion ließen in den 1820er Jahren eine Textilindustrie, im Jahrzehnt darauf auch eine Schuhindustrie entstehen. Die ersten Fabrikbelegschaften rekrutierten sich 2 Die „Marktrevolution“ 109 <?page no="110"?> aus Farmerstöchtern, die in den großen Textilbetrieben von Lowell und Waltham in Massachusetts zu Tausenden unter strenger Disziplin nahezu kaserniert lebten. Viele dieser mill girls empfanden die bescheiden entlohnte Tätigkeit (die sie in der Regel nur bis zur Heirat ausübten) dennoch als Befreiung aus der völligen Abhängigkeit von ihren Familien. Ab 1840 bildeten dann die europäischen Einwanderer ein größeres und billigeres Reservoir an industriellen Arbeitskräften. Zwischen 1840 und 1860 nahm die unternehmerische Initiative fast explosionsartig zu. Besonders spektakulär wuchs die Industrie im Nordosten, wo über die Hälfte der bis dahin 140.000 amerikanischen Fabriken entstand. Hier wurden nun gut zwei Drittel aller heimischen Industriegüter erzeugt, und der Wert der Produktion stieg in den beiden Jahrzehnten von 500 Millionen auf 2 Milliarden Dollar. Die Ausbrei‐ tung des Fabriksystems signalisierte den Übergang vom „Händler-Kapitalismus“ des frühen 19. Jahrhunderts zum Industriekapitalismus, der in England bereits weiter fortgeschritten war. Der amerikanische Erfolg ergab sich aus einer Kombination von arbeitskräftesparenden Innovationen und Ausbeutung der im Übermaß vorhandenen natürlichen Ressourcen. Die Dampfkraft, durch Kohle erzeugt, ersetzte allmählich die traditionelle Wasserkraft; beim Kanal- und Eisenbahnbau lernten die Amerikaner, Werkzeuge und Maschinen zu verbessern und Ersatzteile zu standardisieren. Einen Rückstand gegenüber England gab es vor allem noch auf dem Gebiet der Eisenproduk‐ tion, wo weiterhin Importe aus Europa nötig waren. Bis zur Jahrhundertmitte verband eine zunehmend komplexe und diversifizierte Wirtschaft den Nordosten und den Mittleren Westen, zwei Regionen, die sich gut ergänzten und wechselseitig zu erhöhter Aktivität anspornten. Zwar war der Norden insgesamt noch überwiegend agrarisch geprägt, aber der Strukturwandel zur industrie‐ llen Gesellschaft zeichnete sich schon deutlich ab: Der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Amerikaner, der 1820 noch bei 80 Prozent gelegen hatte, ging bis 1850 auf 55 Prozent zurück. Um diese Zeit verdienten immerhin schon 14 Prozent der arbeiten‐ den Bevölkerung ihren Lebensunterhalt in Fabriken, und die Zahl der Menschen, die in Städten mit über 10.000 Einwohnern lebten, näherte sich der 5-Millionen-Grenze. Das Wachstum des inneren Marktes ging einher mit der Expansion des Außenhandels, den Neuengländer und New Yorker Yankees nun bereits weltumspannend betrieben. Große Hoffnungen richteten sich auf den asiatischen Markt, den die amerikanische Regierung durch Verträge mit China (1844) und Japan (1855) zu „öffnen“ hoffte. Das religiöse Moment spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn die Kaufleute folgten häufig den protestantischen Missionaren, die erste Kontakte mit fremden Völkern knüpften. Expansion und Kommerzialisierung bestimmten auch das Bild des Südens, allerdings auf eine ganz eigene Weise. In den Küstenstaaten des oberen Südens - Virginia, Maryland, Delaware -, wo die ausgelaugten Böden eine Umstellung von Tabakauf Weizenanbau erforderlich machten, war wenig Dynamik zu verspüren. Durch den steigenden Bedarf der Textilindustrien in England und im amerikanischen Nordosten gewann nun die plantagenmäßige Baumwollproduktion überragende Bedeutung. Das Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 110 <?page no="111"?> Anbaugebiet und damit auch das System der Sklavenarbeit dehnte sich rasch von South Carolina und Georgia über das Mississippi-Delta bis nach Texas aus, und der Südwesten wurde zur eigentlichen Wachstumszone. Tabak, Reis und Zuckerrohr verschwanden nicht völlig aus der Landschaft, aber King Cotton herrschte unumschränkt als das mit weitem Abstand wichtigste Ausfuhrprodukt. Zwischen 1820 und 1860 verzehnfachte sich der Export von 500.000 auf 5 Millionen Ballen. Bis dahin brachte der Verkauf von Baumwolle rund zwei Drittel des Gesamterlöses ein, den die USA im Außenhandel erzielten. Wichtigste Abnehmer blieben die Engländer, die auch ihre traditionelle Funktion als Kreditgeber für die Plantagenbesitzer beibehielten. Die Baumwollpflanzer handelten durchaus als Unternehmer, die gewöhnt waren, in den Marktkategorien von Wettbewerb, Investition, Gewinn, Angebot und Nachfrage zu denken. Sklaven betrachteten sie zugleich als Arbeitskräfte und Kapital, d. h. als eine „Ressource“, die im Zuge des Baumwollbooms knapp und teuer wurde. Rein ökonomisch gesehen, hatte sich die Sklaverei keineswegs „überlebt“, sondern versprach weiterhin hohe Profite. Entsprechend wuchs der Druck der Pflanzer auf die Staatenregierungen und den Kongress, die 1808 verbotene Sklaveneinfuhr wieder zu legalisieren. Da sich die Baumwollerzeugung nur durch Vergrößerung der Anbaufläche steigern ließ, werteten die Pflanzer alle Versuche, die Sklaverei territorial einzugrenzen, als Beeinträchtigung ihrer Zukunftschancen. Insgesamt herrschte noch der Eindruck ungebrochener Pros‐ perität vor, und selbst die Mehrzahl der Farmer, die wenige oder keine Sklaven besaßen, wurde in den Prozess der Kommerzialisierung einbezogen. Andererseits blieb der Aufbau von Industrien im Süden gerade wegen des monokulturellen Charakters der Baumwolle in den Anfängen stecken. Aus heutiger Sicht erkennt man, was den meisten Zeitgenossen verborgen blieb: dass die Wirtschaft des Südens zwar wuchs, sich aber nicht - im Sinne einer Modernisierung - entwickelte. Dadurch geriet die Region in Abhängigkeit vom Weltmarkt (auf dem Baumwolle vorerst noch gute Preise erzielte) wie von den Bankiers und Kaufleuten aus dem Norden, die Binnenhandel und Küstenschifffahrt kontrollierten. Sozialer Wandel und Reformbewegungen im Norden Das Vordringen marktwirtschaftlicher Strukturen bis an die Frontier und die begin‐ nende Industrialisierung und Urbanisierung erzeugten Spannungen, die sich in den Wachstumszonen des Nordens besonders deutlich bemerkbar machten. Schrankenlo‐ ser Egoismus drohte den Respekt für Ordnung und Stabilität zu zerstören, der Geist des Wettbewerbs nahm wenig Rücksicht auf die Schwachen und Außenseiter, und das Streben nach Glück und Besitz prallte mit dem republikanischen Ideal einer gerechten Gesellschaft zusammen. In dieser Situation erwuchsen vornehmlich aus der Mittelschicht eine Reihe von Reforminitiativen, die dem wirtschaftlichen und sozialen Wandel moralische Richtung zu geben versuchten. Trotz der zyklischen Rezessionen, die vielfältige Ursachen hatten und von dem unzulänglichen amerikanischen Kreditsystem regelmäßig noch verschärft wurden, 2 Die „Marktrevolution“ 111 <?page no="112"?> verzeichneten die USA ab 1800 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von einem Prozent pro Jahr. Hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens und des allgemeinen Lebensstandards lagen die Amerikaner damit bereits 1860 vor den Bürgern der westeuropäischen Staaten. Der Zuwachs an Wohlstand kam jedoch den einzelnen Bevölkerungsgruppen - selbst wenn man Indianer, Sklaven und freie Afroamerikaner unberücksichtigt lässt - keineswegs gleichmäßig zugute. Auf der einen Seite setzte sich, speziell in den Städten, die Konzentration des Reichtums fort (1860 verfügten 10 Prozent der Bevölkerung über zwei Drittel des nationalen Vermögens), während am entgegengesetzten Ende der sozialen Leiter die Zahl der besitzlosen Tagelöhner und Arbeiter zunahm. Zwischen diesen Extremen formierte sich aber eine breite Mittel‐ schicht aus erfolgreichen Farmern und städtischem Bürgertum, deren Wertmaßstäbe, Ideologien und Weltsicht in hohem Maße den „amerikanischen Charakter“ prägten. Auf die Erfahrung des sozialen Wandels reagierte die Bevölkerung ambivalent: Fasziniert von den Möglichkeiten, die das Neue bot, litten viele Menschen doch unter dem Verlust der traditionellen Werte und sorgten sich um eine ungewisse Zukunft. Das traf vor allem auf die Handwerkerschaft zu, deren Status und Selbstbewusstsein durch das Aufkommen von Maschinen und Fabrikarbeit gefährdet waren. Gegen das vordringende marktwirtschaftliche System hielten Handwerker und Gesellen am beharrlichsten das Ideal des Republikanismus hoch, den Glauben, dass jeder Bürger Anspruch auf politische Mitsprache und wirtschaftliche Unabhängigkeit habe und dass er entsprechend seinen individuellen Leistungen bezahlt werden müsse. Aus den Handwerkervereinigungen gingen die ersten Gewerkschaften hervor, die sich 1834 zur National Trades’ Union zusammenschlossen. Die republikanische Ideologie verschwand also keineswegs aus dem öffentlichen Bewusstsein, sondern lieferte eine zumindest rhetorisch wirksame Waffe gegen die Kräfte der Marktwirtschaft und des Kapitalismus. Republikanisches Gedankengut erwies sich dabei als recht anpassungsfähig und wurde - von der Kritik staatlicher und privater Monopole über die Denunzierung „aristokratischer“ Politiker und Bankiers bis zur Verteidigung des Streikrechts - vielen Bedürfnissen gerecht. Aufs Ganze gesehen überwogen Optimismus und eine teils nüchternpragmatische, teils emotional-erwartungsvolle Haltung. Als Teilnehmer am Marktgeschehen lernten die Menschen zu kalkulieren und auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, ohne dabei - von Einzelfällen abgesehen - die Bedürfnisse der Umgebung und das Gesamtwohl völlig aus den Augen zu verlieren. Die tägliche Erfahrung der - geographischen und sozialen - Mobilität, die Pioniersituation an der Siedlungsgrenze und eine Arbeitsethik, die jedem Erfolg versprach, wenn er sich nur genügend anstrengte, sparsam wirtschaf‐ tete und einen moralisch einwandfreien Lebenswandel führte, wirkten der Ausbildung von Klassenbewusstsein entgegen. Die Amerikaner fühlten sich jedoch hin- und her‐ gerissen zwischen der Hoffnung auf Befreiung, Verbesserung und „Zivilisierung“ des Individuums und dem Verlangen nach sozialer Ordnung, Stabilität und Disziplin. Auf der einen Seite nahm das traditionelle, von Vorstellungen der Erbsünde beeinflusste Menschenbild im Zuge der religiösen Erweckungsbewegungen und durch die Vermitt‐ Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 112 <?page no="113"?> lung europäischen Gedankenguts positivere Züge an: Die Natur des Menschen galt nun im Prinzip als gut, und der Gesellschaft wurde die Aufgabe gestellt, dem Einzelnen die freie Entfaltung seiner Anlagen und Fähigkeiten zu ermöglichen. Die Erwartung des Millenniums ging allmählich über in die Hoffnung, die Menschen ließen sich schon im Diesseits „perfektionieren“. Andererseits empfanden gerade wohlsituierte Angehörige der Mittelschicht die Entstehung eines ungebildeten, „unmoralischen“ Proletariats aus Industriearbeitern und Neueinwanderern als beängstigend. Dem Bemühen, diese Widersprüche zu lösen, entsprangen die vielfältigen Reformbestrebungen, die zu den auffallendsten kulturellen Erscheinungen der Epoche zählen. Den religiösen Hinter‐ grund des Reformeifers erkannte schon Alexis de Tocqueville, der die USA Anfang der 1830er Jahre bereiste und in seinem Buch De la Démocratie en Amérique schrieb, in der Neuen Welt gehe der Geist der Religiosität mit dem Geist der Freiheit Hand in Hand, und das gesellschaftliche Gefüge der Vereinigten Staaten ruhe auf den moralischen Grundsätzen der christlichen Religion. Die Reformbewegung hatte ihren Ursprung in dem so genannten burned-over district im westlichen New York um die Stadt Rochester, wo der presbyterianische Prediger Charles G. Finney zur Zeit des Kanalbaufiebers in den 1820er Jahren ein revival auslöste, das bald alle protestantischen Bekenntnisse erfasste. Die Wirkungen reichten weit über die religiöse Sphäre und über den Staat New York hinaus. Von Anfang an kennzeichnend war die starke Beteiligung von Frauen aus der Mittelschicht. Sie ergriffen die Gelegenheit, der Passivität und Isolierung zu entrinnen, die durch die strikte Rollenverteilung in der bürgerlichen Familie gefördert wurden. Der Strom der religiös-reformerischen Aktivitäten teilte sich im Wesentlichen in zwei Richtungen auf: Einerseits war ein Hang zum Separatismus und zum Entwurf utopischer Gegenwelten zu beobachten, andererseits eine weltoffene Verbindung von Religiosität, Individualis‐ mus und sozialem Engagement. Zur ersten Kategorie gehörten die Shaker, deren Name von einem rituellen Tanz herrührt und die in den 1840er Jahren im Nordosten und Nordwesten ca. 20 Gemeinden mit 6000 Mitgliedern bildeten. Sie führten ein eheloses, zölibatäres Leben, bekannten sich zur Gleichheit der Geschlechter und betrauten häufig Frauen mit Führungsaufgaben. Stärker weltliche, teilweise schon frühsozialistische Züge trugen die Gemeinschaftsexperimente von New Harmony in Indiana, von Brook Farm in Massachusetts und von Oneida im westlichen New York. New Harmony wurde 1825 von dem schottischen Industriellen und Philanthropen Robert Owen als Village of Cooperation gegründet, in dem alle Mitglieder völlig gleichberechtigt zusammenleben und -arbeiten sollten. Obwohl das Projekt keine lange Lebensdauer hatte, entstanden immer wieder neue Gemeinden von Owenites. In Brook Farm suchte ab 1841 eine Gruppe Bostoner Bürger, darunter die Schriftsteller Ralph Waldo Emerson und Nathaniel Hawthorne, die ideale Gesellschaft und die Synthese von Geist und Natur zu verwirklichen. Die Oneida Perfectionists lehnten jede Form von Privatbesitz ab, stellten eigene Regeln für die sexuellen Beziehungen untereinander auf und erzogen ihre Kinder gemeinsam. Während die meisten dieser utopischen Gemeinschaften nach relativ kurzer Zeit an wirtschaftlichen oder psychologischen Schwierigkeiten 2 Die „Marktrevolution“ 113 <?page no="114"?> scheiterten, hielt sich Oneida mit ca. 300 Personen bis in die 1880er Jahre, sorgte allerdings auch durch den Versuch, ideale Menschen zu „züchten“, für negatives Aufsehen. Eine Mittelposition zwischen Weltflucht und Weltverbesserung nahmen die Mor‐ monen ein, die mit großen Anfangsschwierigkeiten kämpfen mussten, dafür aber umso erstaunlichere langfristige Erfolge erzielten. Joseph Smith hatte die Religionsgemein‐ schaft nach Bekehrungserlebnissen während der 1820er Jahre im westlichen New York ins Leben gerufen, um die „Heiligen der letzten Tage“ zu sammeln und das „neue Jerusalem“ zu bauen. 1830 fasste er seine Offenbarungen in dem Book of Mormon zusammen, dessen Botschaft hauptsächlich bei einfachen Leuten Gehör fand, die wenig Anteil am Wirtschaftsboom entlang des Erie-Kanals hatten. Durch eine strikte soziale Organisation, die den Kirchenältesten uneingeschränkte Macht gab, weckten die Mormonen viel Misstrauen. Mit seiner rasch auf 30.000 Menschen wachsenden An‐ hängerschar zog Smith Anfang der 1840er Jahre über Missouri und Ohio bis Illinois, wo er die Stadt Nauvoo gründete. Interner Streit über die Praxis der Polygamie, die Smith nach einer neuen Erleuchtung befürwortete, und Anfeindungen von außen endeten 1844 mit der Verhaftung und Ermordung des Religionsstifters und seines Bruders. Aus diesem Ereignis zogen die Führer der Pro-Polygamie-Fraktion den Schluss, dass sie ihre religiöse Freiheit nur jenseits der Grenzen der USA wahren konnten. Smiths Nachfolger Brigham Young führte daraufhin fast 12.000 Gläubige mehrere tausend Kilometer durch die Prärie und über Gebirgspässe nach Westen. Auf spanischem Territorium, am Great Salt Lake, ließen sie sich nieder und begannen unter einer theokratischen Regierungsform mit dem Bau von Bewässerungssystemen und der planvollen Anlage agrarischer Gemeinden. Als in den 1850er Jahren nicht-mormonische Siedler in das von Mexiko abgetretene Gebiet vordrangen und die Bundesregierung ihre Aufmerksamkeit dem neuen Utah-Territorium zuwandte, leisteten die Mormonen Widerstand, der sogar gewaltsame Formen annahm. Auch nach dem Bürgerkrieg wehrten sie sich noch lange gegen die Forderung Washingtons, die Vielehe abzuschaffen. Als die transkontinentale Eisenbahn gebaut war und die USA wirtschaftlich immer enger zusammenwuchsen, kam aber eine radikal-separatistische Politik nicht mehr in Frage. 1896 beugte sich Utah dem Druck von Kongress und Supreme Court, erklärte die Polygamie für illegal und wurde als Staat in die Union aufgenommen. Die organisierten Reformbewegungen ähnelten einander darin, dass sie gesellschaft‐ liche Missstände auf moralische Verfehlungen zurückführten, die sich durch kollektive Buße und Umkehr überwinden ließen. Sie schöpften ihre Kraft aus dem evangelikalen Protestantismus und dem Selbstbewusstsein des Bürgertums, und ihre wichtigsten Instrumente waren die Reform Societies, private Vereinigungen von Gleichgesinnten, deren Allgegenwart Tocqueville beeindruckte: Seiner Meinung nach fand das „Prinzip des bürgerlichen Zusammenschlusses“ nirgends so erfolgreich für die unterschiedlichs‐ ten Zwecke Verwendung wie in den USA, wo man davon ausgehe, dass sich jede Aufgabe mittels einer gemeinsamen Willensanstrengung lösen lasse. Das Bemühen der Reformer galt hauptsächlich denen, die unter den sozialen Veränderungen litten, die Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 114 <?page no="115"?> benachteiligt waren oder ganz von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden. Ihre Aktivi‐ täten blieben weitgehend unkoordiniert, wenngleich sie im Laufe der Zeit durchaus lernten, Einfluss auf Parlamente und Regierungen auszuüben, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Erst im Nachhinein hat man die gesamte Bewegung wegen des kompromisslosen Strebens nach moralischer Reinheit und des Vertrauens auf private Wohltätigkeit unter dem Begriff Benevolent Empire zusammengefasst. Im starken Alkoholkonsum glaubten viele Reformer die Quelle zu erkennen, aus der die schlimmsten Übel wie Verbrechen, Armut, Misshandlung von Frauen und Prostitution flossen. Die Initiative ergriff der presbyterianische Pfarrer Lyman Beecher aus Boston, der seit Mitte der 1820er Jahre in Neuengland die totale Abstinenz predigte. In der Folgezeit traten mehr als eine Million Menschen, die meisten von ihnen Arbeiter, lokalen oder regionalen Temperance Societies bei und legten das Gelübde ab, keinen Alkohol oder zumindest keinen „hard liquor“ mehr zu trinken. Der Kampf für Prohibitionsgesetze führte aber nur in wenigen Staaten zum Erfolg, weil sich irische und deutsche Einwanderer vielerorts heftig gegen den Zwang zur Nüchternheit wehrten. Ein anderer Reformschwerpunkt war seit den 1830er Jahren das öffentliche Bil‐ dungswesen. Dessen Verbesserung sollte nicht nur der Entfaltung der Persönlichkeit und dem Fortschritt der Nation dienen, sondern schien auch besonders geeignet, soziale Spannungen abzubauen und die Eingliederung der Immigranten zu erleichtern. Die Vorreiterrolle spielte, wie stets auf diesem Gebiet, der Staat Massachusetts, der 1837 einen Board of Education unter dem Reformer Horace Mann einsetzte. Mann sorgte dafür, dass neue Schulen gebaut, die Lehrerausbildung verbessert und feste Lehrpläne aufgestellt wurden. Bis 1850 errichteten die Neuenglandstaaten ein aus Steuergeldern finanziertes System von Elementarschulen, an denen zehn Monate im Jahr unterrichtet wurde und die auch Jungen und Mädchen aus der Unterschicht offenstanden. Massachusetts führte 1852 als erster Staat die Schulpflicht ein; auch freie Afroamerikaner erhielten Unterricht, allerdings zumeist in rassengetrennten Schulen. Gemessen daran blieben die Bildungschancen im Westen auf Grund der geringen Be‐ völkerungsdichte und der Geldknappheit (oder wegen des mangelnden Verständnisses der Farmbevölkerung) eingeschränkt. Immerhin besuchten 1860 im Norden bereits über 70 Prozent der Kinder eine Grundschule, und die Alphabetisierungsrate von 94 Prozent war auf der ganzen Welt unübertroffen. Auf die unhaltbaren Zustände in den Gefängnissen wiesen Reformer wie die Lehre‐ rin Dorothea Dix aus Massachusetts hin. Hinter ihren Mauern vegetierten, auf engstem Raum zusammengepfercht, Kriminelle, Geisteskranke, Obdachlose und Schuldner, die das geliehene Geld nicht zurückzahlen konnten. Die Female Moral Reform Society machte es sich zur Aufgabe, die Schuldhaft und öffentliche Hinrichtungen abzuschaf‐ fen, Heime für die geistig und psychisch Kranken einzurichten und die Armen und unversorgten Alten in almshouses unterzubringen. Die neuen Gefängnisse glichen Manufakturbetrieben, in denen die Häftlinge durch strenge Disziplin und Zwangsarbeit auf sinnvolle Tätigkeiten in der Freiheit vorbereitet werden sollten. Armut wurde 2 Die „Marktrevolution“ 115 <?page no="116"?> nicht mehr als gottgegeben hingenommen, sondern galt als Folge charakterlicher Mängel, die sich durch Erziehung beheben ließen. Gegen Mitte des Jahrhunderts ließ der Reformimpuls allerdings schon wieder nach, so dass überfüllte Gefängnisse und Heime die Regel blieben. Das religiös-reformerische Ferment, das die Kultur des Nordens in Bewegung hielt, fand in der südstaatlichen Sklaverei einen weiteren wichtigen Angriffspunkt. Beflügelt durch das Verbot der Sklaverei im britischen Empire 1833 und in Opposition zu den Siedlungsplänen der American Colonization Society, die nur einer kleinen Zahl freier Schwarzer zugutekamen, entstand in den 1830er Jahren eine Antisklavereibe‐ wegung unter radikalem Vorzeichen. Hauptinitiator war William Lloyd Garrison aus Massachusetts, ein Journalist, der in seiner Bostoner Wochenzeitung Liberator gegen graduelle Reformen und für die sofortige und vollständige Emanzipation der Sklaven eintrat. Aus einem Konvent in Philadelphia ging 1833 die American Anti-Slavery Society hervor, die fünf Jahre später schon 1350 lokale Gesellschaften mit 250.000 Mitgliedern zählte. Die Bewegung sprach auch die fast 400.000 freien Afroamerikaner an, die in Frederick Douglass, einem aus Maryland nach Boston geflohenen ehemaligen Sklaven, ihren Sprecher fanden. Die Zeitung North Star, die Douglass seit seiner Übersiedlung in den Staat New York in Rochester herausgab, propagierte nicht nur die Befreiung der Sklaven, sondern ihre rechtliche und soziale Gleichstellung mit den Weißen. Die „Abolitionisten“, wie sich die Sklavereigegner nannten, waren allerdings nicht nur bei den Weißen des Südens verhasst, sondern erschienen auch vielen Nordstaatlern als Fanatiker, die den inneren Frieden der Nation bedrohten. Attacken weißer Mobs auf abolitionistische Redner und Drucker steigerten jedoch nur die Entschlossenheit und Kreuzzugsmentalität ihrer Anhänger. In den 1840er Jahren fächerte sich die Bewegung weiter auf: Während gemäßigte Kräfte ihre Aktivitäten zunehmend in Parteien und Parlamente verlegten, organisierten entschiedenere Abolitionisten ein System von Fluchtwegen (underground railroad) für Sklaven in den Norden bis nach Kanada, und einige schwarze und weiße Extremisten befürworteten sogar gewaltsame Lösungen. Garrison selbst lehnte die Anstachelung zu Sklavenaufständen ab, wandte sich dafür aber gegen die Verfassung, die er wegen der Sklavereiartikel für hoffnungslos kompro‐ mittiert hielt, und erhob die radikale Forderung, man solle notfalls die Sklavenstaaten aus der Union ausschließen. Im Kongress fand die abolitionistische Agitation wenig Widerhall, weil die Südstaatler 1836 durch die so genannte gag rule erreicht hatten, dass Anti-Sklaverei-Petitionen routinemäßig ohne Diskussion zu den Akten gelegt werden mussten. Umso gewaltiger war das öffentliche Echo, das Harriet Beecher Stowe, die Tochter Lyman Beechers und Ehefrau eines Pfarrers in Maine, Anfang der 1850er Jahre mit ihrem Roman Uncle Tom’s Cabin erzielte. Der Bestseller-Erfolg dieses Werkes, das die Sklaverei auf einfühlsame, teils sentimentale Weise als unmoralische, Individuen, Familien und das Gemeinwesen zerstörende Einrichtung attackierte, zeigte an, dass der Anti-Sklaverei-Protest in ein neues Stadium getreten war. Im Zusammenhang mit dem Abolitionismus formierte sich schließlich auch die erste amerikanische Frauenbewegung. Frauen waren in den abolitionistischen Organisati‐ Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 116 <?page no="117"?> onen stark vertreten und unterhielten sogar eigene lokale Gruppen. An der Frage, ob sie Führungspositionen auf nationaler Ebene übernehmen sollten, schieden sich jedoch die Geister: Garrison, der eng mit den Schwestern Sarah und Angelina Grimké zusammenarbeitete, bejahte sie; aber eine gegnerische Fraktion - die auch an Garrisons Eigensinnigkeit und seiner kritischen Sicht der Verfassung als eines „covenant with death“ Anstoß nahm, lehnte sie strikt ab und verließ die American Anti-Slavery Society. Schmerzlich empfanden engagierte Frauen auch die Zurücksetzung, die weiblichen Delegierten aus den USA 1840 auf dem internationalen Anti-Sklaverei-Kongress in London von den Organisatoren zuteilwurde. Die reformerischen Frauen wehrten sich außerdem gegen den aufkommenden bürgerlichen „Kult der Häuslichkeit“ (cult of domesticity), der immer höhere Barrieren zwischen der Sphäre des Familienlebens und der (männlichen) Arbeitswelt errichtete. 1848 beriefen Lucretia Mott, eine Quäkerin aus Philadelphia, und Elizabeth Cady Stanton, die Tochter eines New Yorker Richters, die sich in London begegnet waren, einen Frauenrechts-Konvent nach Seneca Falls im Norden New Yorks ein. An dem Treffen nahmen auch einige männliche Abolitionisten wie Frederick Douglass teil. Der Konvent verabschiedete eine von der Ideologie des Republikanismus durchdrungene Declaration of Sentiments, die mit Bezug auf die Unabhängigkeitserklärung feststellte, dass „alle Männer und Frauen gleich geboren sind“. Die Frauenbewegung proklamierte bereits das Wahlrecht als „Grundstein des Unternehmens“, aber in der Praxis gaben sich die Reformerinnen vorerst mit bescheide‐ nen Verbesserungen im Bildungswesen und beim Eigentumsrecht verheirateter Frauen zufrieden. Als sich die sektionale Krise in den 1850er Jahren verschärfte, ordneten sie ihre eigenen Wünsche vorerst dem großen Ziel der Beseitigung der Sklaverei unter. Dennoch galten die USA aus europäischer Sicht schon vor dem Bürgerkrieg als das „Land des Matriarchats“, in dem die Männer angeblich ihre Ehefrauen verwöhnten und im Schaukelstuhl wiegten. Dieses Stereotyp traf nur insofern zu, als Frauen in den Vereinigten Staaten wohl auf Grund des Männerüberschusses seit der Kolonialzeit einen höheren gesellschaftlichen Status genossen als in der „Alten Welt“. Das brachte auch günstigere Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und ein relativ freiheitliches, affektives Eltern-Kind-Verhältnis mit sich, das zu den kennzeichnenden Merkmalen der amerikanischen Familienstruktur gerechnet wird. Die Sonderkultur des Südens Die Südstaaten nahmen durchaus am Prozess der Kommerzialisierung und marktwirt‐ schaftlichen Integration teil, blieben aber kulturell doch viel stärker der Vergangenheit zugewandt. Im Süden bildeten sich eigene Sitten, Wertvorstellungen, Verhaltensmus‐ ter und Rechtsverhältnisse heraus. Es entstand eine eigentümliche Mischung aus paternalistischen und demokratischen, traditionellen und modernen Elementen, eine Gesellschaft, die kapitalistisches Gewinnstreben und das Ideal der Ritterlichkeit ohne weiteres miteinander vereinbaren konnte. Das Sklavereisystem, auf dem die Wirtschaft fußte und das man euphemistisch als peculiar institution umschrieb, wirkte in alle 2 Die „Marktrevolution“ 117 <?page no="118"?> Daseinsbereiche hinein. Es grenzte den Süden nicht nur sozial und kulturell vom Norden ab, sondern teilte die Region selbst in eine dominante weiße und eine eher im Verborgenen existierende afroamerikanische Lebens- und Kulturgemeinschaft. Dabei war schon der weiße Süden alles andere als homogen und monolithisch. Ein Viertel aller Familien besaß Sklaven, aber die Hälfte von ihnen weniger als fünf, und nur etwa 3000 Pflanzerfamilien (= ein Prozent) konnten über mehr als 100 Sklaven verfügen. Die größte Bevölkerungsgruppe machten nicht die wohlhabenden oder weniger wohl‐ habenden Sklavenhalter und die mit ihnen eng verbundenen Berufe wie Händler und Anwälte aus, sondern die Familienfarmer (yeomen), die über den Eigenbedarf hinaus für den Markt produzierten. Weitere 10 Prozent der insgesamt 8,8 Millionen weißen Südstaatler lebten 1860 in ärmlichen Verhältnissen in den unfruchtbaren pine barrens des Hinterlandes und betrieben Subsistenzwirtschaft. Diese sozialen Unterschiede wurden durch den Stadt-Land-Gegensatz und eine regionale Differenzierung ergänzt, denn die Lebensverhältnisse in den Küstenregionen und im Mississippidelta wichen erheblich von denen im dünn besiedelten Landesinnern und an der südwestlichen Frontier ab. Es gab also durchaus Interessengegensätze, insbesondere zwischen den Pflanzern und Händlern auf der einen und den Farmern und Pionieren auf der anderen Seite, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit bedroht sahen. Dennoch verband die weiße Bevölkerung eine Solidarität, die sich zum Bürgerkrieg hin in einen regelrechten Süd‐ staaten-Nationalismus steigerte. Diese Solidarität erwuchs zum einen aus rassischen Superioritätsgefühlen gegenüber den Schwarzen, zum anderen aus dem geistigen Bann, in den Konzepte und Bilder der Pflanzerideologie wie „Ritterlichkeit“, „Stolz“, „Ehre“, der „Kavalier“ oder die „Southern Lady“ auch die einfachen Weißen schlugen. In der Öffentlichkeit und in den Parlamenten, wo die Pflanzerelite zwar noch überrepräsen‐ tiert war, aber keineswegs mehr allein das Sagen hatte, herrschte Einmütigkeit über die besonderen Tugenden und moralischen Vorzüge des southern way of life. Nahezu ohne Widerspruch vollzog sich seit der Jahrhundertwende der Übergang von einer defensiven zu einer offensiv-kämpferischen Rechtfertigung der Sklaverei als eines positiven Guts. Dieses neuartige pro-slavery argument, das bis zu einem gewissen Grade eine Reaktion auf den Abolitionismus darstellte, hatte viele Facetten: Aus der Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart leitete man ab, dass Ungleichheit eine natürliche menschliche Bedingung sei; der Sklaverei wurde eine Schutzfunktion für die sozial Schwachen zugeschrieben, die den „Lohnsklaven“ in den Fabriken des Nordens versagt blieb; die Bibel ließ sich so auslegen, dass die Sklaverei als ständige Herausforderung an die Weißen erschien, Nächstenliebe zu üben. Eine solche Position bezogen die Kirchen im Süden ganz offiziell, was in den 1840er Jahren zur Spaltung der Methodisten und Baptisten in je einen nördlichen und südlichen Flügel führte. Insgesamt schloss sich der weiße Süden immer enger zusammen, um seine Interessen und seine überlieferten Werte und Ideale gegen die Bedrohung zu verteidigen, als die er die individualistische und egalitäre Gesellschaft des Nordens wahrnahm. Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 118 <?page no="119"?> Es spricht für die Belastbarkeit und den Durchhaltewillen der Afroamerikaner, dass sie unter dem extremen Druck eines rassischen Ausbeutungssystems zumindest ein gewisses Maß an kultureller Autonomie und Identität wahren oder entwickeln konnten. Trotz der in vieler Hinsicht offenkundigen Brutalität und Unmenschlichkeit der Sklaverei ließ die nordamerikanische Variante dieses globalen Phänomens ihren Opfern Spielräume, die sie zu nutzen verstanden. Um 1840 war bereits die Mehrheit der 2,5 Millionen Sklaven in Amerika geboren, und es gab - anders als in der Karibik und Südamerika, wo die Männer überwogen - etwa gleich viele schwarze Männer und Frauen. Im Laufe der folgenden 20 Jahre stieg die Zahl der Sklaven fast ausschließlich durch natürliche Vermehrung noch einmal um ca. 1,4 Millionen an, und der Schwerpunkt der afroamerikanischen Bevölkerung verlagerte sich durch eine erzwungene Binnenwanderung von der Ostküste zum Mississippidelta. Zwar arbeite‐ ten die meisten Sklaven und Sklavinnen nach wie vor auf den Baumwollplantagen (1860 ca. 60 Prozent), aber eine wachsende Zahl war in Handwerksbetrieben tätig bzw. wurde von den Besitzern als Arbeiter an Manufakturen und Industriebetriebe „ausgeliehen“ oder „vermietet“. Die ca. 250.000 freien Schwarzen des Südens fanden vor allem als Handwerker, Kleinhändler und Dienstleistende (z. B. Friseure) in den größeren Gemeinden ein Auskommen. Einige Städte wie New Orleans wiesen einen relativ hohen Anteil von mixed-race Personen und freien Schwarzen (gens de couleur libre) auf, die als Elite in der Spannung zwischen Rassensolidarität und Anpassung an weiße Normen standen. Nach der Sklavenemanzipation auf den britischen Karibikinseln und in Mexiko engten allerdings viele Südstaaten aus Angst vor Rebellionen den Bewegungsspielraum der freien Afroamerikaner durch Zusätze zu ihren slave codes wieder erheblich ein. Diese Aufstandsfurcht, die den weißen Süden seit der haitianischen Revolution und der 1800 in Virginia aufgedeckten, durch das Geschehen in der Karibik inspirierten Verschwörung des Gabriel Prosser plagte, war nicht völlig unbegründet. 1822 wurde eine von dem freien Schwarzen Denmark Vesey geplante Erhebung mehrerer tausend Sklaven in South Carolina kurz vor ihrem Beginn vereitelt, und 1831 fielen 59 Menschen dem Mordzug des visionären schwarzen Predigers Nat Turner durch Southampton County, Virginia, zum Opfer. Angesichts der militärischen Überlegenheit der Sklaven‐ besitzer konnte das System als solches jedoch auf gewaltsame Weise - sei es durch kollektive Aktionen oder durch einzelne Mordanschläge - nicht erschüttert werden. Widerstandsbereiten Sklaven boten sich Alternativen wie Sabotage (z. B. Zerstörung von Werkzeugen und Maschinen bis hin zur Brandstiftung), Arbeitsverweigerung (etwa durch Vortäuschen von Krankheit) oder Flucht (in den Norden, nach Mexiko oder in die Anonymität freier schwarzer Gemeinden). Sehr häufig kam es auch zu spontanen Konfrontationen zwischen individuellen Sklaven und ihren Aufsehern oder Besitzern, die häufig mit der Flucht des Sklaven endeten. Die Schätzungen, wie viele Schwarze nach 1830 auf eigene Faust oder über die underground railroad in den Norden und in das „gelobte Land“ Kanada gelangten, variieren zwischen 30.000 und 100.000. Besondere Verdienste als Fluchthelferin erwarb sich die ehemalige Sklavin 2 Die „Marktrevolution“ 119 <?page no="120"?> Harriet Tubman, die selbst von einer Plantage in Maryland floh und später über 70 Verwandten und Nachbarn zur Flucht verhalf. Von einer weitgehenden „Zufriedenheit“ der Afroamerikaner, wie lange Zeit in der Literatur behauptet wurde, kann jedenfalls keine Rede sein. Am häufigsten war aber wohl das schlichte Bemühen, sich so gut wie möglich einzurichten und das Leben in der Sklaverei erträglich zu gestalten. Hier liegen die Wurzeln für eine distinkte afroamerikanische Kultur. Abb. 6: Harriet Tubman Anfang der 1870er Jahre Da die Kleinfamilie jederzeit auseinandergerissen werden konnte, und da junge Sklavinnen häufig Opfer sexueller Ausbeutung durch ihre Besitzer wurden, kam dem größeren Familienverband zentrale Bedeutung zu. Unter seinem Dach entwickelte sich eine spezifische schwarze Familienmoral, die enge Bindungen an die Verwandten (kinship ties) betonte und Nachbarn verpflichtete, notfalls Verwandtschaftsrollen zu übernehmen. Einen weiteren wesentlichen Bezugspunkt im Leben der Sklaven bildete die Religion, zum Teil noch in Form von afrikanischen Kulten, hauptsächlich aber als protestantisches Christentum, zu dem sich seit Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr Schwarze bekannten. Auf ganz charakteristische Weise hatten sie teil an den Erweckungsbewegungen des frühen 19. Jahrhunderts: Schwarze Prediger, zumeist Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 120 <?page no="121"?> Methodisten oder Baptisten, übertrugen in ihrer Bibelauslegung die Vorstellung vom „auserwählten Volk“ auf die versklavten Brüder und Schwestern und gaben ihnen Hoff‐ nung, dass Gott sie aus der „ägyptischen Gefangenschaft“ erlösen und die ungerechten weißen Herren bestrafen werde. Dagegen begannen Unterschiede, die aus der Zeit vor der Versklavung herrührten, zu verblassen. So wurden zwar noch heimatliche Dialekte gesprochen, aber die meisten Schwarzen verständigten sich untereinander und mit den Weißen in einer selbstgeschaffenen Sprache (Gullah), die englische Vokabeln mit grammatischen Formen aus Afrika verband und in den Carolinas gesprochen wurde, oder in Mundarten des Englisch (pidgin oder Black English). Das kulturelle Erbe Afrikas lebte vor allem im Tanz, in der expressiven Musik und den Gesängen (spirituals) fort, die Gottesdienste und Familienfeste belebten und eine Art seelische Therapie gegen die eintönige Arbeit boten. Aus allen diesen Elementen - Familie, Sprache, Religion, Kunst - formte sich ein Bewusstsein der Andersartigkeit und der Verbundenheit, die sich im Untergrund formierte. Was den schwarzen Sklaven - im Unterschied etwa zu den russischen leibeigenen Bauern - jedoch fehlte, waren Ansätze einer politischen Organisation und Selbstverwaltung. Es blieb bei einer afroamerikanischen Subkultur, die dazu beitrug, den Unterschied zwischen Norden und Süden noch mehr zu betonen. Als wirtschaftliches System „funktionierte“ die Sklaverei bis in den Bürgerkrieg, aber der Preis, den der Süden dafür entrichten musste, war eine tief gespaltene, auf Gewalt gegründete und deshalb letztlich instabile Gesellschaft. 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie Das Parteienverständnis im Wandel Eine der wichtigsten mentalen Veränderungen, die mit der „Marktrevolution“ einher‐ gingen, betraf die Einstellung zu den Parteien. Obwohl parties schon seit längerem zum politischen Alltag gehörten, galten sie bis in die 1820er Jahre hinein als Fremdkörper in einem wohlgeordneten republikanischen Staatswesen. John Quincy Adams stand noch ganz in der Tradition der „Präsidenten über den Parteien“, ja er trieb sie sogar auf die Spitz e, indem er sich ausdrücklich weigerte, im Kongress und in der Öffentlichkeit für seine Vorhaben zu werben. Das Emporkommen neuer politischer Eliten in den Einzelstaaten und der Druck von der Wählerbasis, den grassroots, wirkten nun aber zusammen, um eine solche Haltung zunehmend obsolet zu machen. Am deutlichsten manifestierte sich das Verlangen nach politischer Demokratie in den Wahlrechtsände‐ rungen, die fast überall vorgenommen wurden. Einige Staaten weiteten das Wahlrecht auf alle Steuer zahlenden Männer aus, andere gaben die traditionelle Verbindung zwischen Besitz und Bürgerrechten ganz auf. Da die neuen Staaten im Westen zumeist von Anfang an das allgemeine Wahlrecht für weiße Männer einführten, gab es 1830 in 20 der 26 Staaten überhaupt keine Zensusbestimmungen mehr. Immer mehr Staaten gingen auch dazu über, ihre Gouverneure, Präsidenten-Wahlmänner und Richter durch Volkswahl bestimmen zu lassen. Entsprechend nahmen das Interesse und die 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie 121 <?page no="122"?> Beteiligung der Bürger zu; die Presse erhöhte den Unterhaltungswert der Wahlkämpfe, und Politik wurde endgültig zu einem Massenphänomen. Vor diesem Hintergrund verlor der Begriff „Demokratie“, der zu Beginn des Jahr‐ hunderts noch mit schrankenloser Mehrheitsherrschaft gleichgesetzt worden war, seinen negativen Beiklang. Gleichzeitig änderte sich das Bild der Parteien, die nun mehr und mehr als legitime, für die Willensbildung in einer Demokratie unerlässliche Einrichtungen erschienen. Die theoretische Begründung lieferte eine Gruppe von New Yorker Politikern, die in der Hauptstadt Albany unter der Führung des „kleinen Magiers“ Martin Van Buren die Republikanische Partei auf Staatsebene reorganisierte und modernisierte. Aus der Sicht der Albany Regency, wie man diese erste lokale „Parteimaschine“ der USA nannte, war es ganz natürlich, dass sich die Amerikaner der Parteien bedienten, um ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen. Im Unterschied zu Europa, wo die Höfe und der Adel die Politik manipulierten, so lautete die Begründung, beruhe das Verhältnis von Wählern und Regierenden in den USA auf enger Abhängigkeit und gegenseitigem Vertrauen. Parteienkampf und Parteidisziplin seien deshalb nichts Anstößiges, sondern moralisch vertretbar und praktisch notwen‐ dig. Auf diese Weise wurde der Geist des Wettbewerbs und der Konkurrenz, der sich im Wirtschaftsleben ausbreitete, in die politische Arena übertragen. Die Anfänge der Jacksonian Democracy Bei den Wahlen von 1828 setzte sich dieses neue Bewusstsein unionsweit durch und ebnete den Weg für das Zweiparteien-System der Democrats und Whigs, das die amerikanische Politik bis in die 1850er Jahre bestimmen sollte. Van Buren gelang es, ein schlagkräftiges Anti-Adams-Bündnis aus all den bis dahin zersplitterten Gruppen und Fraktionen zu schmieden, die bundesstaatliche Interventionen in der Form von Clays American System ablehnten. Diese Koalition reichte von der virginischen Pflanzerelite und den states’ rights-Ideologen um John C. Calhoun über die Befürworter einer aggres‐ siven Westexpansion bis zu Geschäftsleuten, Handwerkern und Arbeitern im Nordos‐ ten, die sich von der Industrialisierung bedroht fühlten. Mit General Andrew Jackson präsentierte die Democratic Party einen Kriegshelden und charismatischen Volksführer, der das genaue Gegenbild zu dem intellektuellen, steifen und unnahbaren Adams darstellte. Jackson war in Tennessee durch Heirat in die lokale Elite aufgestiegen, hatte sich erfolgreich als Anwalt und Landspekulant betätigt und ließ seine Plantagen von Sklaven bearbeiten. Die meisten Amerikaner identifizierten ihn aber nicht mit der Pflanzeraristokratie, sondern sahen in ihm den self-made man aus dem Westen, der unabhängig von mächtigen Interessengruppen und Fraktionen den Willen des Volkes in die Tat umsetzen würde. Dieses Image, das von der demokratischen Propaganda geschickt verstärkt und mit romantischen Zügen versehen wurde, sowie Van Burens kluger Schachzug, alle Wahlkampfanstrengungen auf die besonders umstrittenen Staaten zu konzentrieren, trugen Jackson den Sieg über Adams ein. Anders als sein Vorgänger zögerte der neue Präsident nicht, verdiente Parteifreunde mit Staatsämtern Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 122 <?page no="123"?> zu belohnen und dadurch das in den Einzelstaaten schon erprobte „Beutesystem“ (spoils system) zu einer nationalen Einrichtung zu machen. Die Inaugurationsfeier, zu der „das Volk“ eingeladen wurde, verlief so tumultuarisch, dass Jackson sich vor dem Andrang der Gäste aus einem Fenster des Weißen Hauses retten musste. Das war der Auftakt für die Ära der Jacksonian Democracy, die über Jacksons achtjährige Präsidentschaft hinaus bis weit in die 1840er Jahre reichte. Anders als Adams und Clay wollte Jackson kein konstruktives Regierungsprogramm verwirklichen, sondern den „einfachen Mann“ von den Klammern befreien, mit denen der Bundesstaat und mächtige Wirtschaftsinteressen angeblich seine Entfaltung behinderten. Ideologisch gab es viele Berührungspunkte zum Jefferson’schen Republikanismus, dessen Sprache sich der Präsident und seine Anhänger geschickt zu bedienen wussten. Mit größtem Misstrauen begegneten sie der Zusammenballung wirtschaftlicher Macht und allem, was auf Privilegien und Monopole hindeutete. Eingriffe des Bundesstaates, selbst in Form von sozialen und kulturellen Reformen, schienen nur den Unternehmern und Bankiers des Nordostens zugutezukommen, nicht aber der Masse der Farmer, Handwerker und Arbeiter. Deren Anliegen ließen sich nach Meinung der Jacksonians am ehesten auf lokaler Ebene, an den grassroots artikulieren, und sie konnten besser von den Regierungen und Parlamenten der Einzelstaaten als von der Bundesregierung verwirklicht werden. Die Idole der Jacksonian Democracy waren Männer wie David Crockett, ein Indianerkämpfer an der Siedlungsgrenze, Humorist und Politiker, der 1821 in das Parlament von Tennessee gewählt wurde. Mit seiner „natürlichen Klugheit“ (bei der es sich oft eher um Gerissenheit handelte) und seiner Respektlosigkeit gegenüber der sozialen Elite verkörperte er den Wandel der politischen Kultur. Die Vorstellungen, die Jackson selbst von der Rolle der Bundesregierung und der Präsidentschaft hatte, waren im Wesentlichen negativ; er scheute sich nicht, seine Philosophie mit dem Instrument des Vetos durchzusetzen, das er häufiger gegen Gesetzesinitiativen des Kongresses einlegte als alle seine Vorgänger im Weißen Haus zusammen. Von einer reinen „Verhinderungspolitik“ zu sprechen, wie es zuweilen geschieht, wird aber weder Jacksons Persönlichkeit noch den komplexen politischen Zusammenhängen gerecht. Schon zu Beginn seiner Amtszeit bewies der Präsident in der Indianerfrage, dass er sehr wohl aktiv handeln konnte, wenn die Interessen der Union, wie er sie verstand, dies erforderten. Jacksons Indianerpolitik Aus seinen Feldzügen gegen Stämme an der südlichen Frontier zu Beginn des Jahrhun‐ derts hatte Jackson die Lehre gezogen, dass der Versuch, die Indianer zu „zivilisieren“, aussichtslos war und nur eine strikte Trennung von den Weißen helfen würde. Wie viele seiner Landsleute hielt er die Ureinwohner für „Wilde“ (savages), deren Lebensformen man nicht zu respektieren brauchte und die weichen mussten, damit die republikanische Vision des Empire of Liberty im Westen in Erfüllung gehen konnte. In seiner ersten Botschaft an den Kongress kündigte er 1830 an, er werde dafür sorgen, dass alle Indianer, 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie 123 <?page no="124"?> die sich noch im Osten der USA aufhielten, in Gebiete jenseits des Mississippi verbracht würden. Das betraf in erster Linie die so genannten „fünf zivilisierten Stämme“ der Cherokee, Creek, Chickasaw, Choctaw und Seminolen, die in South Carolina, Georgia und Florida - z. T. unter dem Schutz von Bundestruppen - Ackerbau und Handel betrieben. Ihre Assimilation ging so weit, dass sie eine Schrift einführten, Verfassungen entwarfen und sogar Sklaven hielten. Den Präsidenten ließ das kalt: Als Sofortmaßnahme zog er das Militär ab, wodurch die Stämme unter stärkeren Druck der Einzelstaaten und der weißen Siedler gerieten, die ein Auge auf das für den Baumwollanbau geeignete fruchtbare Land geworfen hatten. Wenig später verabschiedete der Kongress mit knapper Mehrheit den Indian Removal Act, der Land westlich des Mississippi als Entschädigung bereitstellte und auf dessen Grundlage Agenten der Bundesregierung - häufig unter mehr als zweifelhaften Begleitumständen - fast 100 Umsiedlungsverträge mit Indianerstämmen abschlossen. Juristischen Widerstand gegen den Indian Removal leisteten vor allem die Cherokees, die den Staat Georgia vor dem Supreme Courtverklagten, weil er ihre 1827 verabschiedete Verfassung nicht anerkannte und ihr Land unter fünf Counties aufteilen wollte. Das Oberste Gericht erklärte sich 1831 zwar mit der Begründung für unzuständig, die Cherokees seien keine „foreign nation“ im Sinne der US Constitution und hätten deshalb kein Klagerecht. Chief Justice John Marshall nutzte aber die Gelegenheit, in seiner schriftlichen Stellungnahme zum Fall Cherokee Nation v. Georgia die nordamerikanischen Indianerstämme als „einheimische abhängige Nationen“ (domestic dependent nations) zu definieren, die in einem ganz speziellen Abhängigkeits- und Treuhandschaftsverhältnis zur Bundesregierung stünden. Diese Betonung der bundesstaatlichen Autorität in allen Indianerangelegenheiten entsprach ganz der Linie, die Marshall bereits 1823 im Fall Johnson v. McIntosh vorgezeichnet hatte, als er den Indianern einen Rechtsanspruch auf ihr Stammesland zubilligte, den nur die Bundesregierung durch vertraglich vereinbarten Kauf oder militärische Eroberung ablösen könne. Die Klage zweier weißer Missionare, die ohne Erlaubnis des Staates Georgia bei den Cherokees lebten und deshalb von einem Staatsgericht zu Zwangsarbeit verurteilt worden waren, lieferte Marshall 1832 eine Handhabe, die rechtliche Stellung der Indianer im amerikanischen Verfassungssystem noch präziser zu fassen. Unter seinem Vorsitz entschied der Supreme Court im Fall Worcester v. Georgia, dass die Missionare zu Unrecht verurteilt worden seien und das entsprechende Gesetz Georgias gegen die Gesetze und die Verfassung der Union verstoße. Über seine Darlegungen in Cherokee Nation v. Georgia hinaus bescheinigte Marshall nun den Indianerstämmen, sie hätten sich von jeher mit eigenen Institutionen und Gesetzen selbst regiert und besäßen deshalb als „a distinct people“ einen ähnlichen Status wie die Einzelstaaten. Die Stämme seien von der Bundesregierung stets als „Nationen“ behandelt worden, und sie blieben auch nach dem Abschluss von Verträgen separate politische Gemeinschaften, die innerhalb ihrer territorialen Grenzen uneingeschränkte Hoheit (exclusive authority) ausübten. Ihr Recht auf das von diesen Grenzen umschlossene Land werde von den Vereinigten Staaten nicht nur anerkannt, sondern sogar garantiert. Offensichtlich wollte der Federalist John Marshall - auf dem Höhepunkt des „Nullifikations“-Streits zwischen Präsident Jackson Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 124 <?page no="125"?> und der Regierung von South Carolina - mit diesem Urteil einerseits die Kompetenzen der Bundesregierung gegen Übergriffe von Einzelstaaten stärken, andererseits aber auch die von Präsident und Kongress verfolgte Indianerpolitik in Frage stellen. Angesichts der Popularität des Removal-Konzepts dachte Jackson aber gar nicht daran, sich in dieser Hinsicht vom Supreme Court Vorschriften machen zu lassen. Marshall habe sein Urteil gefällt, so soll er gesagt haben, und nun müsse der Chief Justice auch selbst zusehen, dass es befolgt werde. In der Praxis setzten sich sowohl die Einzelstaaten als auch der Kongress und die Administration über den Spruch des Obersten Gerichts hinweg und trieben die Umsied‐ lung der Indianer, die häufig einer Deportation gleichkam, entschlossen weiter voran. 1832 verübten Bundestruppen und Milizen im westlichen Illinois ein Massaker an den Fox und Sauk, dem mehr als 800 Krieger zum Opfer fielen, und vertrieben die Reste der Stämme über den Mississippi. Als der Kongress 1837 ein Indianerterritorium zwischen Missouri und Red River im heutigen Oklahoma einrichtete, war die Verdrängung der „fünf zivilisierten Stämme“ bereits in vollem Gange. Den traurigen Höhepunkt bildete der fast 2000 km lange „Zug der Tränen“ (trail of tears), den die verbliebenen Cherokees 1838 unter Bewachung von Bundestruppen antraten und auf dem über 4000 der 17.000 Stammesmitglieder umkamen. Jenseits des Mississippi mussten sich die Indianer mit einem Drittel des ursprünglichen Landes und weniger fruchtbaren Böden begnügen, aber selbst das erwies sich nur als vorübergehender Schutz vor dem Landhunger der weißen Siedler. Obwohl Teile des Seminolenstammes gemeinsam mit geflohenen Sklaven in Florida noch jahrelang einen Guerrillakrieg gegen das weiße Militär führten, war die organisierte Präsenz von Indianern östlich des Mississippi um 1840 beendet. Jackson hatte unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Ureinwohner ebenso außerhalb der republikanisch-demokratischen Ordnung standen wie die Sklaven der Südstaaten. Durch diese harte, von der großen Mehrheit der Bevölkerung jedoch gebilligte Haltung war es ihm gelungen, die politische Basis seiner Partei im Westen und Südwesten der USA zu festigen. Aus historischer Perspektive behielt aber nicht Andrew Jackson, sondern John Marshall das letzte Wort. Im 20. Jahrhundert besannen sich die Amerikaner wieder darauf, dass die Urteile des Supreme Court aus den Jahren 1823, 1831 und 1832 nicht nur den Vorrang der Bundesgewalt in Indianerangelegen‐ heiten bestätigten, sondern auch Prinzipien und Richtlinien enthielten, die indianische Besitzansprüche rechtfertigten und ein weitgehendes Selbstbestimmungsrecht der Native Americans anerkannten. Seither gehören die Begriffe der „domestic dependent nations“ und der „distinct political communities“, die aus Marshalls Urteils-“Trilogie“ stammen, zu den verfassungsrechtlichen Grundlagen, auf denen der politische Kampf um die Autorität, Ressourcen und Finanzen der Indianerreservate geführt wird. 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie 125 <?page no="126"?> Nullifikationskrise und „Bankkrieg“ Präsident Jackson hatte die wichtigen Regierungsämter nach rein parteipolitischen Gesichtspunkten vergeben und stützte sich vor allem auf einen engen Beraterzirkel, das so genannte „Küchenkabinett“, in dem neben Außenminister Martin Van Buren demokratische Zeitungsverleger den größten Einfluss ausübten. Es entsprach dem generellen Klima der Zeit, dass Wirtschafts- und Finanzthemen die Diskussionen von Regierung und Kongress beherrschten. Eine Quelle ständiger Reibungen waren die Zölle, aus denen der Bundesetat in der Hauptsache finanziert wurde. Durch Zölle verteuerte der Kongress aber auch gezielt Einfuhren aus Europa, um heimische Industrien zu schützen. Das ging wiederum häufig zu Lasten der agrarischen Süd‐ staaten, die stärker als andere Regionen auf den Import europäischer Fertigwaren angewiesen waren. Hinter dieser Benachteiligung argwöhnten manche Südstaatler Absichten des Nordens, die peculiar institution zu schwächen. Ende 1832 kam es zur Krise, als ein Konvent des Staates South Carolina die Zollgesetze von 1828 und 1832 für null und nichtig erklärte, die Eintreibung von Bundeszöllen in South Carolina verbot und für den Fall bundesstaatlicher Gewaltanwendung mit Austritt aus der Union drohte. Die juristische Begründung für diesen „Nullifikations“-Beschluss hatte Jacksons Vizepräsident John C. Calhoun schon 1828 in einem anonymen Pamphlet unter Bezugnahme auf die Kentucky- und Virginia-Resolutionen von 1798 geliefert. Ab 1831 bekannte er sich offen zu der Ansicht, im föderalen System der USA habe die Souveränität der Staaten Vorrang vor Mehrheitsentscheidungen des Kongresses. Dieses Argument sollte zum Kern der states’ rights-Philosophie der Südstaaten bis ins 20. Jahrhundert hinein werden. Im Wahlkampf des Jahres 1832 kam es zum offenen Bruch zwischen Jackson und Calhoun, der vom Amt des Vizepräsidenten zurücktrat und als Senator für seine staatsrechtlichen Theorien weiterstritt. Jackson brandmarkte die Sezessionsdrohung South Carolinas als Verrat an der Union, auf dem die Todesstrafe stehe, und ließ sich vom Kongress ermächtigen, die Missachtung der Verfassung und der Gesetze der USA gewaltsam zu beenden. Jetzt trat der Präsident in der Pose eines Sprechers des amerikanischen Volkes auf, das von der Bundesregierung den Ausbau der Demokratie und eine weitere Westexpansion erwartete. Der Kongress entschärfte jedoch den Konflikt, indem er eine stufenweise Senkung des Zolltarifs auf den Stand von 1816 beschloss. Calhoun fand sich mit dieser Regelung ab, zumal South Carolina keine aktive Unterstützung von anderen Staaten erhielt. Die Ressentiments gegen den Norden wirkten aber weiter fort, und die Frage nach der „wahren“ Natur des föderativen Systems blieb in der Schwebe. Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 126 <?page no="127"?> Abb. 7: Andrew Jackson bekämpft zusammen mit Martin Van Buren die Bank of the United States, dargestellt als vielköpfiges Monster (Satire von 1836) Im Wahlkampf von 1832 war neben dem Streit mit South Carolina Jacksons Absicht, die auf 20 Jahre befristete Charter der Second Bank of the United States nicht zu verlängern, zum zentralen Thema geworden. Die Gegner hatten diese Frage hochgespielt, um den Präsidenten in Verlegenheit zu bringen, da sie annahmen, er könne sich eine Zerstörung der Bank aus Gründen der wirtschaftlichen Vernunft nicht leisten. Die Demokraten nahmen die Herausforderung jedoch an und machten die Bank zum Symbol ihres Kampfes gegen die Privilegien und Monopole der Ostküstenelite. In der Begründung des Vetos, mit dem Jackson eine Verlängerung der Charter über 1836 hinaus verhin‐ derte, griff er die Bank in demagogischer Weise als eine Institution an, die „gefährlich für die Freiheiten des Volkes“ sei und zum Ziel habe, „die Reichen reicher und die Mächtigen mächtiger“ zu machen. Auf diese Weise brachte er alle diejenigen hinter sich, die interessens- oder gefühlsmäßig gegen die Industrialisierung eingestellt waren. Durch die Favorisierung von Staatenbanken gegenüber der Bundesbank gewann er al‐ lerdings auch die Unterstützung von Unternehmern, die dem wirtschaftlichen Wandel positiv gegenüberstanden, ihn jedoch ungestört von bundesstaatlicher Einmischung und „Wall Street“-Kontrolle auf lokaler Ebene vorantreiben wollten. Nach der ungefährdeten Wiederwahl gegen Henry Clay stand Jacksons zweite Amtszeit von 1833 bis 1837 ganz im Zeichen des „Bankkrieges“ (bank war), in dem sich die politischen und ideologischen Gegensätze der Zeit dramatisch verdichteten. Jack‐ 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie 127 <?page no="128"?> sons Finanzminister Roger B. Taney verfügte gegen den Widerstand des Kongresses, dass die Gelder der Regierung aus der Second Bank of the United States abgezogen und in Einzelstaats-Banken deponiert wurden. Die Direktoren der Second Bank wiederum versuchten, mit einer Verknappung des Kredits Druck auf Jackson auszuüben. Der Präsident blieb jedoch unerbittlich: Obwohl der Senat warnte, dass der republikanische Charakter des Gemeinwesens durch „die Konzentration aller Macht in den Händen eines Mannes“ auf dem Spiel stehe, erlosch die Charter 1836, und die Second Bank, zur Privatbank reduziert, musste 1841 Konkurs anmelden. Schon 1837 brach jedoch der Spekulationsboom zusammen, der den Bankkrieg begleitet hatte, und die USA glitten in eine fünfjährige Depressionsphase ab. Jacksons Kreuzzug gegen die Reichen und Mächtigen war daran nicht schuldlos, denn er schirmte im Grunde nur die Kräfte der Marktwirtschaft von bundesstaatlicher Regulierung ab. Der Supreme Court unter Marshalls Nachfolger Roger B. Taney (1836-1864) setzte Jacksons dezentrale, antimonopolistische Wirtschaftspolitik in verfassungsrechtliche Doktrin um und be‐ hielt diesen Kurs bis in die Zeit des Bürgerkriegs bei. Als Jackson 1837 das Weiße Haus verließ, war er sicherlich der populärste Amerikaner seiner Zeit. Auch von heutiger Warte aus sind - ungeachtet aller Schattenseiten - die Tatkraft und Entschlos‐ senheit bemerkenswert, mit der er die Demokratisierung der USA vorangetrieben, die Einheit der Union verteidigt und die konstitutionellen Befugnisse des Präsidenten voll ausgeschöpft hat. In der Verbindung von Zielstrebigkeit, Machtbewusstsein, moralischer Selbstgerechtigkeit und materiellem Erfolgsstreben verkörperte er einen neuen Typus des Amerikaners, der sich anschickte, die Autonomie des Individuums zu einer umfassenden politischen und wirtschaftlichen Kraftentfaltung zu nutzen. Die Whigs als neue Oppositionspartei Die Bank-Kontroverse förderte die Neuformierung der politischen Kräfte und das Wiedererstehen eines nationalen Zweiparteien-Systems. Nach dem Scheitern der elitär-altmodischen National Republicans bauten die Gegner Jacksons ab 1832 eine neue unionsweite Koalition auf, die den Bedingungen der Parteiendemokratie besser Rechnung trug. An die Spitze traten der unverwüstliche Henry Clay, Senator Daniel Webster aus Massachusetts als Sprecher der neuenglischen Wirtschaftsinteressen und für einige Jahre auch John C. Calhoun, den die erbitterte persönliche Feindschaft mit Jackson von den Demokraten trennte. Auf lokaler und regionaler Ebene fanden die Op‐ positionsgruppen unter dem Parteinamen Whigs zusammen, der Erinnerungen an die Glorious Revolution von 1688 und den amerikanischen Unabhängigkeitskampf weckte. Das wichtigste verbindende Element war in mancher Hinsicht die Abneigung gegen Jackson, den die oppositionelle Propaganda als King Andrew fortwährend mit dem absolutistischen Gebaren europäischer Monarchen assoziierte. Ideologisch schufen die Whigs aus der Mischung traditioneller und fortschrittlich-reformerischer Ideen eine moderne Variante des Konservatismus. Einerseits hielten sie Gemeinschaftswerte und Bürgerpflichten gegen hemmungslosen Individualismus und Demagogie hoch; Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 128 <?page no="129"?> andererseits gaben sie sich noch technikbesessener und fortschrittsgläubiger als die zuversichtlichsten Demokraten. Zur Begeisterung über den wirtschaftlichen Aufstieg der USA gesellte sich ein religiös und moralisch motivierter Reformwille, dem es um die Beseitigung der Missstände in Fabriken, Gefängnissen und Krankenhäusern, generell um die „Zivilisierung“ der Gesellschaft ging. Was die Whigs am meisten von den Demokraten unterschied, war ihre Überzeugung, dass die Bundesregierung die Pflicht habe, auf die „progressive Verbesserung der Lebensbedingungen der Regierten“ hinzuwirken. Ähnlich den Demokraten fand die neue Partei Anhänger in allen Regionen und erhielt Zulauf aus allen Gesellschaftsschichten. Charakteristisch war die Allianz zwi‐ schen den Wirtschaftseliten des Nordens, unternehmerisch eingestellten Südstaatlern, den protestantischen Reformbewegungen der Mittelschicht und benachteiligten Grup‐ pen, die sich von ökonomischem Wachstum eine Verbesserung ihrer Lage versprachen: im Norden die Arbeiterschaft und die freien Schwarzen, im Süden Teile der Farmbevöl‐ kerung, die unter der Bevormundung durch die Pflanzeraristokratie litten. Die Masse der amerikanischen Farmer und Pflanzer blieb allerdings der Demokratischen Partei treu, die nach der Wahl Van Burens zum Präsidenten 1836 auch verstärkt die städtische Arbeiterschaft umwarb und dabei vor allem bei den katholischen Neueinwanderern Erfolge erzielte. Hinsichtlich der Parteipräferenzen und individuellen Wahlentschei‐ dungen verwoben sich also auf komplexe Weise Klassenzugehörigkeit mit ethnischen und religiösen Faktoren. Beide großen Parteien erwuchsen aus der Konfrontation mit der Marktwirtschaft, die althergebrachte republikanische Werte und Überzeugungen in Frage stellte. Die Demokraten betonten die Autonomie, Freiheit und Rechtsgleichheit des Einzelnen, und sie glaubten zunehmend in der territorialen Expansion einen Aus‐ weg aus den Schwierigkeiten der Zeit zu erkennen. Die Whigs stellten wirtschaftliches Wachstum und moralische Vervollkommnung über Gebietserweiterungen im Westen und fanden damit Rückhalt bei den aufstrebenden Mittelschichten. Beide Parteien vermieden es bewusst, die Sklaverei zu thematisieren, weil dies nicht nur die Union, sondern ihren eigenen inneren Zusammenhalt gefährdet hätte. Bis in die 1850er Jahre hinein wirkte das Zweiparteien-System deshalb als Klammer, die ein weiteres Auseinanderdriften der Regionen verhinderte. Das zweite nationale Parteiensystem Die Konkurrenz von Demokraten und Whigs politisierte das öffentliche Leben der USA in einem bis dahin kaum vorstellbaren Ausmaß. Wahlkämpfe wurden zu Massen‐ spektakeln, die das Volk durch Paraden, Debatten der Kandidaten, Pressekampagnen, griffige Slogans und anschauliche Symbole in ihren Bann zogen. 1836 lag die Wahlbetei‐ ligung bei 55 Prozent, 1840 gaben schon 80 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, und danach sank die Beteiligung nur einmal (1852) unter 70 Prozent, um 1860 mit 81,2 Prozent einen neuen Höhepunkt zu erreichen. Seit den 1830er Jahren erfolgte die Nominierung der Präsidentschaftskandidaten nicht mehr hinter verschlossenen Türen 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie 129 <?page no="130"?> durch den caucus der Kongressfraktionen, was nun als elitär und undemokratisch galt, sondern auf einem nationalen Parteikonvent, wie es erstmals die kurzlebige Anti-Freimaurerpartei in New York praktiziert hatte. Obwohl die Parteiführungen meist geschickt Regie führten, verstärkte diese Innovation das Gefühl, jeder Bürger könne auf die Kandidatenkür und das Parteiprogramm, die platform, unmittelbar Einfluss nehmen. Für die weißen amerikanischen Männer, zum Teil auch für die freien Schwarzen des Nordens, war damit - anders als für die Europäer - das Verlangen nach politischer Demokratie in Erfüllung gegangen, noch bevor die Industrielle Revolution ihren Höhepunkt erreichte. Die Parteiloyalitäten erwiesen sich als erstaunlich stabil, und das Kräfteverhältnis war so ausgeglichen, dass für Kongress- und Staatenwahlen kaum sichere Prognosen gestellt werden konnten. Auf der höchsten Ebene, der Präsidentschaft, waren die Whigs jedoch vom Pech verfolgt. Zweimal gelang es ihnen, in diese Domäne der Demokraten einzubrechen: Bei den Wahlen von 1840, die ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Depression standen, siegte ihr Kandidat William Henry Harrison aus Ohio über Jacksons Nachfolger Van Buren. Kennzeichnenderweise verhalf ihm das Jackson-Image zu diesem Erfolg, denn seine Anhänger porträtierten ihn als Kriegshelden und abge‐ härteten Mann von der Frontier, der in einer Blockhütte aufgewachsen sei und sich als einzigen Luxus hin und wieder ein Glas Cider gönne. Harrison starb aber schon einen Monat nach seiner Amtseinführung, und Vizepräsident John Tyler, der an seine Stelle trat, schwenkte auf die politische Linie der Demokraten um. 1848 nominierten die Whigs General Zachary Taylor, der sich im Krieg gegen Mexiko Verdienste erworben hatte. Auch er starb jedoch im Amt, und sein Nachfolger Millard Fillmore konnte die Partei in der Krise der 1850er Jahre nicht mehr zusammenhalten. Er beendete seine Karriere 1856 als Präsidentschaftskandidat der populistischen, fremdenfeindlichen American Party. Die Integrationskraft des Parteiensystems wurde insbesondere durch den starken Zustrom an Einwanderern und die wachsenden wirtschaftlichen und mentalitätsmä‐ ßigen Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden auf die Probe gestellt. Ein Symptom dieser Unruhe war das Aufkommen neuer Parteien, die gelegentlich spektakuläre Wahlerfolge erzielten. Dazu gehörte die Anti-Masonic Party, deren An‐ hänger in New York gegen Van Burens Albany Regency kämpften, hinter der sie eine freimaurerische Verschwörung vermuteten. 1840 unterstützten die Anti-Freimaurer die Kandidaten der Whigs, was wesentlich dazu beitrug, dass Harrison über Van Buren siegte. Vier Jahre später trat erstmals eine abolitionistische Gruppierung an, die Liberty Party unter James G. Birney aus Kentucky, für die allerdings lediglich 3 Prozent der Wähler votierten. Ihre Stimmengewinne in einigen Staaten gingen zu Lasten von Henry Clay und ebneten dem expansionistischen Demokraten James K. Polk den Weg ins Weiße Haus. Nach dem Krieg gegen Mexiko sammelten sich die Anti-Sklaverei-Kräfte 1848 in der Free Soil Party und stellten Van Buren als Präsident‐ schaftskandidaten auf. Mit ihrem Wahlslogan „Free soil, free speech, free labor, and free men“ nahmen sie den Demokraten im Norden verhältnismäßig viele Stimmen ab, Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 130 <?page no="131"?> so dass sich überraschend der Whig-Bewerber General Zachary Taylor durchsetzte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war unübersehbar, dass die territoriale Ausdehnung bis zum Pazifik und eine neue Welle der Westwanderung es immer schwieriger machen würden, die Sklavereifrage aus der nationalen Politik herauszuhalten. Sobald dieses Tabu brach, stand aber nicht nur das Parteiensystem, sondern die Union selbst auf dem Spiel. Abb. 8: Die Entwicklung der großen Parteien (1792 - 1854) 3 Der Übergang zur Parteiendemokratie 131 <?page no="132"?> 4 Territoriale Expansion und Sklavereiproblematik Manifest Destiny In den 1840er Jahren erlebten die USA, deren Territorium sich erst 1803 durch den Louisiana Purchase verdoppelt hatte, einen neuen Expansionsschub, der einen Zuwachs von 1,5 Millionen Quadratkilometern brachte und den Aufstieg zur kontinentalen Macht vollendete. Die wirtschaftlichen Erfolge, das rasche Bevölkerungswachstum und die religiösen Erweckungsbewegungen schufen eine Stimmung, die ihren besten Ausdruck in dem Schlagwort von der Manifest Destiny fand. Der Begriff stammt aus der Feder des New Yorker Publizisten John L. O’Sullivan, der 1845 in der Democratic Review schrieb, es sei die „schicksalhafte Bestimmung“ der Amerikaner, sich über den Kontinent auszubreiten, „den uns die Vorsehung für die freie Entwicklung unserer Jahr für Jahr sich vermehrenden Millionen zugewiesen hat“. Wie ein Baum den Boden und die Luft beanspruchen könne, die er zur vollen Entfaltung brauche, so hätten die USA das Recht, ihr „großes Experiment der Freiheit und föderativen Selbstregierung“ voranzutreiben. O’Sullivan fasste damit eine Vision in Worte, die sich der Phantasie der Amerikaner bereits bemächtigt hatte und die aus einer Mischung von anglo-pro‐ testantischem Nationalismus und Fortschrittsgläubigkeit erwuchs. Nur wenige, wie Henry Clay und sein jugendlicher Bewunderer Abraham Lincoln, lehnten solche Ideen grundsätzlich ab, und sie waren machtlos gegen die Popularisierer und Romantiker, die den Geist der Manifest Destiny im politischen Diskurs, der Literatur und der bild‐ enden Kunst verbreiteten. Als säkularisierte Form der puritanischen Heilserwartung durchtränkte Manifest Destiny die gesamte Kultur der Epoche, verlieh den Erfahrungen von Demokratisierung, Westwanderung und Aneignung der Natur einen tieferen Sinn und prägte sich dauerhaft in das kollektive Geschichtsbewusstsein ein. Die Vorstellung einer zivilisatorischen Mission war untrennbar mit materiellen Interessen verbunden, die vom Wunsch nach Siedlungsland und zusätzlicher Anbaufläche für Baumwolle über die Ausbeutung von Bodenschätzen im Westen bis zur Öffnung neuer Märkte im pazifischen Raum reichten. Dabei blieben die geographischen Grenzen der „offenbaren Bestimmung“ und die Methoden ihrer Realisierung vorerst recht vage: Bezog sie sich nur auf Texas und Oregon, oder gehörten auch Kanada, Mexiko und die Karibikinseln dazu? Würde die Expansion friedlich vonstatten gehen, oder durfte bzw. musste auch Waffengewalt angewendet werden? Die Westausdehnung, wie sie dann tatsächlich erfolgte, war in doppelter Hinsicht ein paradoxer Vorgang. Zum einen bedeutete die Expansion des Empire of Liberty in der Praxis auch eine Expansion der Sklaverei und lief damit dem Prozess der Emanzipation entgegen, der 1793 / 94 in Haiti begonnen und in den 1820er Jahren Lateinamerika, im Jahrzehnt darauf die britischen Karibikinseln erreicht hatte. Zum Zweiten war es gerade der Zugewinn an neuen Gebieten im Westen, mit dem das „amerikanische Experiment“ nach außen abgesichert werden sollte, der die Vereinigten Staaten in die innere Krise und schließlich in den Bürgerkrieg trieb. Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 132 <?page no="133"?> Texas und Oregon Nach der Unabhängigkeit von Spanien hatte Mexiko Siedler aus Europa und den Vereinigten Staaten in die Nordprovinz Texas eingeladen, deren Zahl bis Mitte der 1830er Jahre ca. 35.000 erreichte. Seit dem Verbot der Sklaverei 1829 schwelte aber ein Konflikt zwischen der mexikanischen Regierung und den Siedlern, der 1836 offen ausbrach, als unter Präsident Antonio López de Santa Ana eine neue, zentralistische Verfassung in Kraft trat. Noch im selben Jahr erklärten die texanischen Siedler ihre Unabhängigkeit und verabschiedeten eine eigene Verfassung, die den Besitz von Skla‐ ven legitimierte. In dem Krieg, der daraufhin zwischen Mexiko und der abtrünnigen Provinz ausbrach, blieben die USA offiziell neutral, unterstützten die Siedler aber auf privater Basis mit Freiwilligen, Waffen und Geld. Der Kampf um die Alamo-Garnison in der Nähe von San Antonio, bei dem 200 Unabhängigkeitskämpfer, unter ihnen David Crockett, von 3000 Mexikanern aufgerieben wurden, weckte patriotische Gefühle und verklärte sich in der Erinnerung („Remember the Alamo! “) zum Gründungsmythos. Als die Texaner durch den Sieg in der Schlacht von San Jacinto im April 1836 de facto die Unabhängigkeit errangen, baten sie die USA um Anerkennung und Aufnahme in die Union. Präsident Jackson, der sich zuvor vergeblich bemüht hatte, den Mexikanern Texas und Kalifornien abzukaufen, zögerte nun aber aus Sorge vor internationalen Verwicklungen und nicht zuletzt auch deshalb, weil im Norden während des Wahl‐ kampfes Opposition gegen die Eingliederung eines riesigen Sklavengebiets laut wurde. Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt erkannte Jackson 1837 die Republik Texas an, aber im folgenden Jahr scheiterte ein texanischer Aufnahmeantrag im Kongress, wo John Quincy Adams das Gespenst einer Verschwörung der Sklavenstaaten (slave power conspiracy) gegen den Norden an die Wand malte. Diesem Vorwurf setzten die Südstaatler in der Folgezeit eine eigene Verschwö‐ rungstheorie entgegen, die besagte, dass Großbritannien die USA von Kanada über Kalifornien bis Texas „einkreisen“ und die Sklaverei zerstören wolle, um seine Vor‐ machtstellung auf dem Kontinent zu festigen. Das war nicht völlig aus der Luft gegriffen, weil die englische Regierung in der Tat Gefallen an einem unabhängigen Texas als Bollwerk gegen die weitere Expansion der USA nach Süden und Westen fand. Mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung in Großbritannien drängte London die Texaner, wenn schon nicht die Sklaverei, so doch wenigstens den Sklavenhandel zu unterbinden. Gleichzeitig rückten Kalifornien und Neu-Mexiko stärker ins Blick‐ feld, die immer mehr Händler, Siedler und Abenteurer aus den USA anzogen. Da abzusehen war, dass Mexiko diese Gebiete nicht würde halten können, traute man in Washington und im Süden der britischen Regierung zu, sie wolle den Vereinigten Staaten bei der Besitzergreifung zuvorkommen. Auf diese Weise zeichnete sich die Gefahr ab, dass der englisch-amerikanische Interessenkonflikt in der Texas-Frage auf die gesamte Pazifikregion von Kalifornien bis Oregon übergriff. Alarmiert durch die britische Einflussnahme in Texas, drängten die Südstaatler die Tyler-Administration zur Eile und legten sie auf einen Anschluss der Republik an die USA fest. Nach Geheimverhandlungen mit der texanischen Regierung konnte John C. Calhoun, nun 4 Territoriale Expansion und Sklavereiproblematik 133 <?page no="134"?> Außenminister unter Tyler, dem Senat im April 1844 einen Eingliederungsvertrag (Annexation Treaty) zuleiten. Mit seiner vorbehaltlosen Verteidigung der Sklaverei provozierte Calhoun jedoch so viel Widerstand, dass die zur Annahme des Vertrags erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam. Der Wahlkampf von 1844 stand daraufhin ganz im Zeichen der Außenpolitik, die wie selten zuvor die Gemüter erregte und nationale Leidenschaften weckte. Calhoun und der von ihm unterstützte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, James K. Polk, verfolgten die Strategie, die Themen Texas und Oregon miteinander zu verknüpfen, um den Anti-Annexionisten im Norden den Wind aus den Segeln zu nehmen. Im Norden herrschte nämlich seit Anfang der 1840er Jahre das „Oregon-Fieber“, das durch Berichte von Reisenden und Missionaren über fruchtbares Siedlungsland, reiche Fischgründe und gute Möglichkeiten des Pelzhandels mit den Indianern ausgelöst worden war. Interessierte Kreise an der Ostküste und im Mittleren Westen schürten diesen „Drang nach Westen“, und 1843 erreichte ein erster großer Siedlerzug mit Planwagen auf dem Oregon Trail das Gebiet südlich des Columbia River. Das Wahlprogramm der Demokraten forderte nun nicht nur die Aufnahme von Texas als Staat in die USA, sondern auch die Einverleibung des gesamten Oregon-Territoriums, das bislang unter britisch-amerikanischer joint occupation stand, bis zur Grenze Alaskas. Durch den Wahlsieg von James K. Polk über Henry Clay, der in der Texas-Frage schwankte, ging das Kalkül der Annexionisten voll auf. Noch vor dem offiziellen Amtswechsel im Weißen Haus sprachen sich Senat und Repräsentantenhaus im Februar 1845 in Form einer gemeinsamen Resolution (für die, anders als bei Verträgen, nur die einfache Mehrheit benötigt wurde) zu Gunsten einer Angliederung von Texas aus. Die endgültige Aufnahme in die Union erfolgte im Dezember 1845 unter dem Druck der Öffentlichkeit und mit Nachhilfe wirtschaftlicher Interessenten, obwohl die Grenzen des neuen Staates zu Mexiko umstritten waren. Gleichzeitig verschärfte Präsident Polk den Oregon-Konflikt mit Großbritannien bis an die Schwelle des Krieges, indem er das 1827 verlängerte Abkommen über die gemeinsame Verwaltung des Territoriums aufkündigte und den Anspruch der USA auf das gesamte Gebiet bis nördlich des 54. Breitengrades anmeldete. Die Londoner Regierung wollte eine militärische Konfrontation vermeiden und offerierte die Teilung Oregons entlang dem 49. Breitengrad - eine Kompromisslösung, die Polk selbst ungeachtet der aggressiven Wahlkampfparole „Fifty-four fourty or fight! “ insgeheim anvisiert hatte. Der Grenzver‐ trag vom Juni 1846, der die Teilung völkerrechtlich festschrieb und den Briten Vancouver Island beließ, enttäuschte nur die radikalen Expansionisten im Norden. Immerhin waren die USA nun offiziell eine pazifische Macht geworden, und das, obwohl in Oregon erst wenig mehr als 5000 Amerikaner lebten. Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg Die Einigung über Oregon kam gerade zur rechten Zeit, um den USA den Rücken für den erwarteten Zusammenstoß mit Mexiko freizuhalten. Das Hauptinteresse Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 134 <?page no="135"?> der Polk-Administration galt seit Anfang 1846 bereits Neu-Mexiko und vor allem Kalifornien mit seinem fruchtbaren Siedlungsland und seinen ausgezeichneten Häfen und reichen Bodenschätzen. Nach dem Beitritt von Texas ermunterte Außenminis‐ ter James Buchanan „Unabhängigkeits“-Bestrebungen kalifornischer Siedler (den ca. 7000 Mexikanern standen hier nur 700 Amerikaner gegenüber) und bereitete die Flotte auf eine Intervention vor. Zur gleichen Zeit bot ein Abgesandter Präsident Polks, John Slidell, der mexikanischen Regierung in geheimer Mission ca. 30 Millionen Dollar als Kaufpreis für den gesamten Südwesten an. Die innenpolitische Situation in Mexiko ließ ein solches Geschäft jedoch nicht zu, denn die Nationalisten weigerten sich, den Rio Grande als Grenze anzuerkennen, und verlangten die gewaltsame Rückeroberung der „gestohlenen Provinz“ Texas. Als das Scheitern der Slidell-Mission feststand, provozierte Polk den Krieg, indem er amerikanische Truppen in das umstrittene Gebiet am Rio Grande beorderte. Ein Scharmützel mit mexikanischen Soldaten nahm er zum Anlass, seine schon vorbereitete „Kriegsbotschaft“ an den Kongress zu richten, der am 13. Mai 1846 Mexiko offiziell den Krieg erklärte. Proteste europäischer Staaten hatten den Präsidenten nur noch in seiner Entschlossenheit bestärkt, eine rasche mili‐ tärische Entscheidung zu suchen. Die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung unterstützte den Krieg in einer Aufwallung patriotischer Gefühle, zumal sich schnell Erfolge einstellten. Kritik gab es hauptsächlich in Neuengland, wo das Parlament von Massachusetts die Aktionen des Kongresses als „verfassungswidrig“ verurteilte und viele Menschen von den finsteren Machenschaften der Slave Power überzeugt waren. Zu den Opponenten im Kongress zählte der Whig-Abgeordnete Abraham Lincoln aus Illinois, der den Einmarsch nach Mexiko für eine verfassungswidrige Aggression hielt. Karte 4: Die territoriale Expansion bis 1853 4 Territoriale Expansion und Sklavereiproblematik 135 <?page no="136"?> Auf den Kriegsschauplätzen leisteten die Mexikaner tapferen Widerstand, hatten aber der überlegenen Strategie und Logistik der Amerikaner wenig entgegenzusetzen. Bis Anfang 1847 waren Kalifornien und Neu-Mexiko durch das Zusammenwirken eines „Expeditionskorps“, das Captain John C. Frémont schon 1845 nach Westen geführt hatte, mit aufständischen Siedlern sowie Flotten- und Armeeinheiten fast vollständig unter amerikanischer Kontrolle. Im Süden drangen die Truppen General Zachary Taylors weit über den Rio Grande vor und schlugen im Februar 1847 bei Buena Vista einen von Santa Ana geführten Gegenangriff zurück. Da die Mexikaner Verhandlungen ablehnten, fiel die Entscheidung erst durch einen Vorstoß über See nach Veracruz und die Eroberung von Mexiko City durch die Armee General Winfield Scotts im September 1847. Nach dieser Operation, die der Manchester Guardian mit den Feldzü‐ gen Alexanders des Großen, Hannibals und Napoleons verglich, zeigte sich eine neue mexikanische Regierung zum Friedensschluss bereit. Bis Februar 1848 handelte Polks Sondergesandter Nicholas Trist in Guadalupe Hidalgo, einem Vorort Mexiko Citys, einen Vertrag aus, in dem Mexiko auf Kalifornien und Neu-Mexiko verzichtete und die Rio Grande-Grenze anerkannte. Dafür zahlten die USA 15 Millionen Dollar an Mexiko und übernahmen mexikanische Schuldverpflichtungen in Höhe von weiteren 3,25 Millionen Dollar. Diese Ausgaben und die hohen Kriegskosten von 97,7 Millionen Dollar wurden rasch durch die Entdeckung relativiert, dass der kalifornische Boden Gold im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar barg. Polk und seine engsten Berater waren eine Zeit lang unsicher, ob sie sich mit diesem Resultat von militärischem Zwang und finanzieller Bestechung zufriedengeben oder das Ziel noch höherstecken und möglicherweise ganz Mexiko annektieren sollten. Wachsende Kritik der Whigs und Spannungen in der eigenen Partei deuteten aber die Schwierigkeiten an, die sich allein schon aus der Eingliederung von Neu-Mexiko und Kalifornien ergeben würden. Unter diesen Umständen siegte die Vernunft, und Polk leitete den Friedensvertrag an den Senat weiter, der ihn im März 1848 zügig ratifizierte. Ungeachtet der beträchtlichen Verluste - 13.000 der knapp 100.000 eingesetzten Amerikaner fielen oder starben an Krankheiten - bestärkte der Ausgang des Krieges die politischen, religiösen und rassischen Überlegenheitsgefühle, die auf amerikanischer Seite seit langem virulent waren. Beim Unterlegenen blieben Ressentiments zurück, die das gegenseitige Verhältnis dauerhaft belasteten. So sehr der Nationalstolz der Mexikaner aber verletzt war, so wenig gelang es ihnen, eine starke gemeinsame Front gegen den vitalen Nachbarn im Norden zu errichten. Politische Instabilität und chronische Finanznot engten den Handlungsspielraum der Regierungen ein und machten sie anfällig für Versuchungen: Schon 1853 sah sich der gerade aus dem Exil zurückgekehrte Santa Ana gezwungen, den USA im so genannten Gadsden Purchase für 10 Millionen Dollar ein weiteres Stück mexikanischen Territoriums zu verkaufen, über das Südstaatler eine Bahnlinie zum Pazifik bauen wollten. Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 136 <?page no="137"?> Die USA und die Revolutionen in Europa, 1848 / 49 Obgleich die Aufmerksamkeit der amerikanischen Regierung und Bevölkerung vom Krieg gegen Mexiko stark beansprucht wurde, blieben die revolutionären Erschütte‐ rungen in Europa keineswegs unbeachtet. Als erstes Land nahmen die USA nach dem Sturz der Monarchie und der Proklamation der Republik im Frühjahr 1848 diplomatische Beziehungen mit der neuen französischen Regierung auf. Präsident Polk würdigte in einer Grußadresse vom 3. April die „friedliche Erhebung des französischen Volkes“, die bewiesen habe, „dass der Mensch in diesem aufgeklärten Zeitalter fähig ist, sich selbst zu regieren“. Auf diplomatischer Ebene betonte die Administration zwar das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes, ließ aber keinen Zweifel daran, dass die Amerikaner moralisch Partei für die Sache der Republik und des Fortschritts ergriffen. Die Revolution in Deutschland löste ebenfalls begeisterte Zustimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit aus, vor allem natürlich unter den Deutsch-Amerikanern an der Ostküste und im Mittleren Westen. Einige von ihnen, so etwa der in South Carolina als Professor lehrende Franz Lieber, machten sich auf den Weg nach Europa, um Demokratie und Republikanismus zum endgültigen Sieg zu verhelfen. Aus Deutschland kamen im Gegenzug Emissäre in die USA, als erster Friedrich Hecker im Oktober 1848, die auf Vortragsreisen um moralische und materielle Unterstützung warben. Wie im Falle Frankreichs beeilte sich die Washingtoner Regierung, die provisori‐ sche deutsche Zentralgewalt anzuerkennen und diplomatische Beziehungen mit ihr aufzunehmen. Der Gesandte in Berlin, Andrew Jackson Donelson, überreichte dem Reichsverweser Erzherzog Johann im September 1848 sein Beglaubigungsschreiben, und Friedrich Ludwig von Rönne wurde einen Monat später als Vertreter der Reichs‐ regierung in Washington akkreditiert. Die amerikanischen Diplomaten in Deutschland beschränkten sich nicht darauf, Rat in Verfassungsfragen zu erteilen, sondern sie erkundeten auch die Möglichkeiten einer stärkeren wirtschaftlichen Kooperation. Darüber hinaus leiteten sie sogar konkrete Schritte zur militärischen Zusammenarbeit, speziell im Flottenwesen ein. Mit den meisten ihrer Landsleute teilten sie die Hoffnung, dass die Übertragung amerikanischer Verfassungsprinzipien auf Europa eine neue Ära des politisch-gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritts einleiten werde. Im Wahlkampf von 1848 bekundeten Demokraten und Anhänger der Free Soil Party offen ihre Sympathien für die europäischen Revolutionäre, während die Whigs größere Zurückhaltung gegenüber radikalprogressiven und sozialistischen Bestrebungen an den Tag legten und vor einer Interventionspolitik warnten. Südstaatlern wie Calhoun missfiel der Zentralismus, den sie nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Pauls‐ kirchenverfassung entdeckten, und noch weniger behagte ihnen die Emanzipation der Sklaven auf den französischen Karibikinseln. Im Unterschied zur Polk-Administration, die von einem militanten Fortschrittsgeist beherrscht war und die Ausbreitung der Demokratie in Europa gewissermaßen als transkontinentale Erscheinungsform der Manifest Destiny verstand, zog sich der Whig-Präsident Zachary Taylor ab März 1849 4 Territoriale Expansion und Sklavereiproblematik 137 <?page no="138"?> wieder auf die völkerrechtlichen Grundsätze der Nichteinmischung und Neutralität zurück. Um diese Zeit war das Scheitern der mitteleuropäischen Volkserhebungen bereits abzusehen, und in der amerikanischen Öffentlichkeit begann der Revolutions‐ enthusiasmus der Ernüchterung und Enttäuschung zu weichen. Die leidenschaftliche Anteilnahme am liberalen Aufbruch in Europa konnte unter diesen Umständen keine größeren praktischen Wirkungen entfalten. Angesichts des moralischen En‐ gagements der Bevölkerung und der vielfältigen Aktivitäten der US-Diplomaten auf dem Kontinent wäre es jedoch verfehlt, von einem generellen „Isolationismus“ der amerikanischen Politik in dieser Phase zu sprechen. Die Solidarität mit den europäischen Revolutionären lebte in der Hilfe weiter, die man den Flüchtlingen und Vertriebenen gewährte, darunter einigen tausend deutschen „Achtundvierzigern“ oder Forty-eighters mit Männern wie Friedrich Hecker, Franz Sigel und Carl Schurz an der Spitze. Auch einige Frauen, etwa Mathilde Franziska Anneke, die sich in Wisconsin dem frühen Women’s Movement anschloss, sollten in der amerikanischen Politik und Kultur noch eine bedeutende Rolle spielen. Interventionsideen zu Gunsten einer universalen Verbreitung des Republikanismus blieben im Kreis des Young America virulent, einer jugendlichen, militant-progressiven Minderheitsgruppe innerhalb der Demokratischen Partei. Ihr politischer Führer war Stephen A. Douglas, Senator von Illinois, ihr eifrigster Propagandist George N. Sanders, der 1848 sogar Waffen nach Eu‐ ropa liefern wollte und wenig später dem ungarischen Revolutionär Louis Kossuth die Ausrüstung von Freiwilligen für den Freiheitskampf in seiner Heimat versprach. Einige Repräsentanten des Jungen Amerika, unter ihnen auch Sanders, wurden später von Präsident Franklin Pierce (1853-1857) auf Diplomatenposten nach Europa entsandt, wo sie mit Exilrevolutionären wie Garibaldi, Mazzini, Kossuth und Herzen Pläne für neue Erhebungen schmiedeten. Die Interventions- und Expansionsideen dieser Bewegung, die zugleich kosmopolitisch und nationalistisch war, gingen dann aber in der immer schärfer werdenden inneren Auseinandersetzung über die Sklavereifrage unter. Der Sklaverei-Kompromiss von 1850 Mit dem Sieg über Mexiko und dem Frieden von Guadalupe Hidalgo trat der Nord-Süd-Konflikt 1848 in ein neues Stadium ein. Die gegensätzlichen Positionen waren schon im Streit um einen Antrag markiert worden, den der demokratische Abgeordnete David Wilmot aus Pennsylvania kurz nach Kriegsausbruch erstmals im Kongress eingebracht hatte. Dieses Wilmot Proviso sah ein Verbot der Sklaverei in allen Gebieten vor, die Mexiko an die USA abtreten würde. Im Repräsentantenhaus fand der Vorschlag wiederholt breite Unterstützung bei Whigs und Demokraten aus dem Norden, und auch vierzehn nördliche Staatenparlamente machten sich für ihn stark. Der Senat, in dem die Befürworter der Sklaverei mehr Einfluss hatten, stimmte das Proviso dagegen ebenso regelmäßig nieder. Das relativ gute Abschneiden der sklaver‐ eifeindlichen Free Soil Party bei den Wahlen von 1848 (ihr Präsidentschaftskandidat Van Buren errang 14 Prozent der im Norden abgegebenen Stimmen) beunruhigte die Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 138 <?page no="139"?> Südstaatler zusätzlich. Einen neuen Höhepunkt erreichte die Debatte im Kongress, als Kalifornien 1850 den Antrag stellte, in die Union aufgenommen zu werden. 1848 war im Tal des Sacramento Gold gefunden worden, und der anschließende gold rush, der allein im Jahr darauf ca. 80.000 Fourty-niners ins Land brachte, hatte die Bevölkerung auf über 100.000 anschwellen lassen. Die 1849 ausgearbeitete Verfassung, mit der sich Kalifornien um Aufnahme bewarb, enthielt ein Sklavereiverbot, das nicht zuletzt deshalb zustande gekommen war, weil die Weißen keine Konkurrenz durch Afroamerikaner wünschten - weder in Form von Sklaven noch von freien Schwar‐ zen. Kaliforniens Antrag gefährdete nicht nur die zahlenmäßige Balance zwischen Sklavenstaaten und „freien“ Staaten, die inzwischen bei 15: 15 stand. Er warf darüber hinaus die Frage nach der Zukunft sämtlicher neu erworbener Gebiete auf, bei deren Beantwortung der geographisch begrenzte Missouri-Kompromiss von 1820 nicht mehr als alleinige Richtschnur dienen konnte. Es dauerte sieben Monate, bis der Kongress nach zähem Ringen eine Lösung fand, die den drohenden Bruch der Union noch einmal abwendete. Wieder war Henry Clay beteiligt, aber das Hauptverdienst gebührte dem demokratischen Senator von Illinois, Stephen A. Douglas, der prinzipielle Erwägungen hinter eine pragmatische Interessenpolitik zurückstellte. Auf dieser Basis sammelte er Nordstaaten-Demokraten und Südstaaten-Whigs, um eine Reihe von Maßnahmen durchzubringen, die zusammen ein Kompromisspaket bildeten. Der Norden konnte als Erfolge verbuchen, dass Kalifornien als „freier“ Staat aufgenommen wurde, das Oregon-Territorium sklavenfrei blieb und der Sklavenhandel im District of Columbia, d. h. der Hauptstadt Washington, nicht mehr erlaubt war. Dafür erreichte der Süden, dass den beiden neuen Territorien Utah und New Mexico in Aussicht gestellt wurde, ihre Einwohner dürften vor der Staatswerdung selbst über Zulassung oder Verbot der Sklaverei entscheiden. Damit erkannte der Kongress implizit eine Zuständigkeit der Territorien für die Sklavenfrage an, die der 1848 unterlegene demokratische Präsident‐ schaftskandidat Lewis Cass als Erster unter dem Schlagwort popular sovereignty in die Diskussion gebracht hatte. Wie diese Souveränität praktisch ausgeübt werden sollte, ließ Douglas allerdings bewusst offen. Ein weiteres Zugeständnis an den Süden war die Verabschiedung des Fugitive Slave Act, der die Rückgabe von geflohenen Sklaven an ihre Besitzer erleichtern sollte, indem er die Strafen für Fluchthilfe verschärfte und die Prozessrechte verdächtiger Schwarzer noch mehr einengte. Dieses Gesetz war allerdings im Norden sehr unpopulär, und jeder Versuch, seine Bestimmungen konkret anzuwenden, lieferte den Abolitionisten neue Propagandamunition. Insgesamt gesehen stellte der „Kompromiss von 1850“ einen Sieg der Interessenpolitik dar, der die fundamentalen Probleme ausklammerte. Gleichzeitig breitete sich im Norden wie im Süden das Gefühl aus, dass die Grenzen der Kompromissbereitschaft erreicht seien. Das Kansas-Nebraska-Gesetz von 1854 Nach dem Wahlsieg von 1852 versuchten die Demokraten auf gewohnte Weise, die inneren Spannungen durch außenpolitische Expansion abzubauen. Eines der begehr‐ 4 Territoriale Expansion und Sklavereiproblematik 139 <?page no="140"?> testen Ziele, das bereits Polk ins Auge gefasst hatte, war die spanische Karibikinsel Kuba. Alle Bemühungen der Administration von Präsident Franklin Pierce (1853- 1857), Kuba zu kaufen oder Vorwände für eine militärische Intervention zu schaffen, scheiterten aber am Widerstand Spaniens und an der Abneigung des Nordens, einen zusätzlichen Sklavenstaat in die Union zu integrieren. Die amerikanischen Diplomaten in Europa bestärkten Pierce in seiner Überzeugung, die USA hätten das Recht, den Spaniern Kuba notfalls gewaltsam abzunehmen. Als ihr „Ostende-Manifest“ 1855 in die amerikanische Presse gelangte, löste es aber nur einen neuen Proteststurm gegen die Slave Power des Südens aus. Letztlich erfolglos verlief auch eine von Pierce gedeckte Expedition amerikanischer Abenteurer nach Mittelamerika, die den gesamten Isthmus, zumindest aber Nicaragua in die Union bringen sollte. Der Anführer William Walker schwang sich zum Diktator von Nicaragua auf und führte die Sklaverei wieder ein. Präsident Pierce erkannte sein Regime diplomatisch an, konnte aber nicht verhindern, dass Walker 1857 vertrieben und 1860 in Honduras hingerichtet wurde. Die Anstrengungen, die gemäßigte Kräfte in beiden großen Parteien unternahmen, um die Sklavereifrage aus der Innenpolitik herauszuhalten, wurden 1854 von Senator Douglas unterlaufen. Sein Plan einer transkontinentalen Eisenbahnlinie erforderte eine Regelung für das so genannte unorganized territory zwischen Mississippi und Rocky Mountains. Der Missouri-Kompromiss von 1820 hatte bestimmt, dass dieses Gebiet des Louisiana Purchase oberhalb der Linie 36 Grad 30 Minuten nördlicher Breite sklavenfrei bleiben sollte. Douglas schlug dem Kongress vor, nach Ablösung der indianischen Landrechte zwei neue Territorien einzurichten, Nebraska im Norden und Kansas im Süden, deren Bewohner dann selbst über die Sklaverei entscheiden würden. Mit diesem Teilungsplan und mit seiner Bereitschaft, das Prinzip der popular sovereignty über den Missouri-Kompromiss zu stellen, gewann Douglas die Zustimmung der Südstaatler, die nun eine Chance sahen, zumindest im Kansas-Territorium die Sklaverei durchzusetzen. Viele Menschen im Norden, Demokraten ebenso wie Whigs, empfanden das im Mai 1854 verabschiedete Gesetz jedoch als endgültigen Beweis für die Absicht der Slave Power, das Sklavereisystem auf die gesamten Vereinigten Staaten auszudehnen. Im Streit um Kansas und Nebraska, der jetzt mit aller Heftigkeit losbrach, sollte offenbar werden, dass es keine einheitliche Vision für die Zukunft mehr gab und dass das Parteiensystem seine Kraft eingebüßt hatte, die sektionalen Interessengegensätze zu überbrücken und auszugleichen. Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 140 <?page no="141"?> Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 Die Sklaverei mit all ihren Begleiterscheinungen und Konsequenzen war zweifellos die zentrale Ursache des Bürgerkrieges, der das „amerikanische Experiment“ von 1861 bis 1865 auf eine schicksalhafte Probe stellte. Die zunehmende Nervosität der Menschen und ihre wachsende Anfälligkeit für Verschwörungstheorien waren Anzeichen dafür, dass sich die Grundwidersprüche dieses 1776 begonnenen Projekts nur noch mühsam verschleiern ließen und auf eine gewaltsame Lösung hindrängten. Das betraf zum einen den Gegensatz zwischen dem Gleichheitsgebot in der Unabhängigkeitserklärung und der Unfreiheit von Millionen schwarzer Amerikaner, der durch die inzwischen in weiten Teilen der Welt erfolgte Sklavenbefreiung zusätzlich akut wurde. Das betraf aber auch die konstitutionelle Ungewissheit über die wahre Natur der Union, die von der Mehrheit für permanent und unauflöslich erachtet wurde, während eine beträcht‐ liche Minderheit, vor allem im Süden, dem am entschiedensten von John C. Calhoun verfochtenen Konzept einer lockeren, gegebenenfalls kündbaren Konföderation sou‐ veräner Staaten anhing. Konflikt verschärfend wirkten die rasche Westexpansion der 1840er Jahre, die das Sklavereiproblem in die neuen Territorien trug, sowie die zunehmende wirtschaftliche und soziale Diskrepanz zwischen Norden und Süden im Gefolge der market revolution, die in beiden Teilen der Union ein kulturelles Sonderbewusstsein entstehen ließ. Je größer der demokratisch-reformerische Elan im Norden wurde, desto aggressiver verteidigte die Südstaatenelite ihren aristokratischen Lebensstil und desto schwieriger wurde das Bemühen um Kompromiss und Konsens. Das Parteiensystem von Whigs und Demokraten, das lange Zeit den Rahmen für den regionalen Interessenausgleich gebildet hatte, büßte seine Integrationskraft ab 1850 mehr und mehr ein und löste sich schließlich ganz auf. Unter diesen Umständen ließen die Anlässe, die den Nord-Süd-Konflikt zur unversöhnlichen Konfrontation steigerten, nicht lange auf sich warten. Aus der Rückschau erscheint es folgerichtig, dass der Sieg des Nordens im Bürgerkrieg das national-föderale Verfassungsprinzip bestätigte und die Sklaverei aus dem demokratischen Staatswesen verbannte. Zu Beginn der 1860er Jahre war die Situation aber vollkommen offen, und die Geschichte hätte ohne die überragende Führungsleistung Abraham Lincolns durchaus eine andere Wendung nehmen können. <?page no="142"?> 1 Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den Bürgerkrieg Die Umgestaltung der Parteienlandschaft Die allgemeine Unruhe und das Gefühl des Umbruchs wurden in den frühen 1850er Jahren durch spektakuläre politische Erfolge einer nativistischen, militant fremden‐ feindlichen Bewegung genährt, die als Reaktion auf die Masseneinwanderung entstan‐ den war und die ihrerseits dazu beitrug, das alte Parteiensystem aus den Angeln zu heben. Ursprünglich ein geheimbundartiger Zusammenschluss von lokalen Anti-Im‐ migrationsklubs, nahm diese Know-Nothing-Bewegung bald unionsweit als American Party an Wahlen teil, wobei sie in einigen Staaten des Nordostens und Mittleren Westens sogar Gouverneursposten und Parlamentsmehrheiten erobern konnte. Die ideologische Triebfeder war der Anti-Katholizismus, der sich vor allem gegen die Neu‐ einwanderer aus Irland und Deutschland richtete, gegen die man den protestantischen Charakter der USA, die Moral und die Demokratie verteidigen zu müssen glaubte. Seinen Höhepunkt erreichte der nativistische „Kreuzzug“ 1854 / 55, als die American Party Zulauf von ehemaligen Whigs und konservativen Demokraten erhielt und damit zur Erschütterung des herkömmlichen Parteiengefüges beitrug. Danach ging es durch die Inkompetenz vieler Abgeordneter, die abschreckende Gewalttätigkeit radikaler Anhänger und die Uneinigkeit in der Sklavereifrage allerdings rasch bergab. Nach 1856 wurden die meisten Wähler der American Party, die erstmals das Gefahrenpotenzial des Fremdenhasses im Einwanderungsland USA hatte sichtbar werden lassen, von einer anderen Neugründung, der Republican Party, aufgesogen. Der Aufstieg der Republikanischen Partei korrespondierte jedoch vor allem mit dem Niedergang der Whigs, deren Zusammenhalt nach dem Tod ihrer beiden prominentes‐ ten Politiker Henry Clay und Daniel Webster 1852 und endgültig nach dem Kansas Nebraska Act von 1854 an der Sklavereifrage zerbrach. Während sich die nördlichen Reformer (Conscience Whigs) enttäuscht von der Partei abwendeten, reagierten die An‐ hänger im Süden (cotton whigs) allergisch auf die wachsende Kritik an der Sklaverei und machten sich selbstständig oder gingen - teilweise auf dem Umweg über die American Party - zu den Demokraten über. Im Norden verband die Empörung über das Kan‐ sas-Nebraska-Gesetz alle diejenigen ehemaligen Whigs, Demokraten und Free-Soilers, die eine Ausdehnung der Sklaverei in die westlichen Territorien unter allen Umständen verhindern wollten. Ihre zunächst örtliche Zusammenarbeit führte 1854 zur Gründung der Republican Party, deren Name bewusst an das freiheitlich-egalitäre Erbe Jeffersons anknüpfte. 1856 schloss sich auch Abraham Lincoln an, bis dahin ein loyaler Whig, der nun die lokale Parteiorganisation in Illinois aufbaute. Obwohl die Republicans nur im Norden aktiv waren, rechneten sie sich gute Chancen für die Eroberung der Macht in Washington aus: Die Nordstaaten-Demokraten waren durch den Abfall der sklavereifeindlichen Douglas-Gegner geschwächt, und der Süden stellte inzwischen nur noch ein Drittel der amerikanischen Wähler. Bei den Präsidentschaftswahlen von Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 142 <?page no="143"?> 1856 hätte sich der Bewerber der Republikanischen Partei, John C. Frémont, beinahe gegen den Demokraten James Buchanan durchgesetzt. Im Norden konnte er viele ehemalige Anhänger der Demokratischen Partei sowie nativistische Wähler auf seine Seite ziehen, die den Kandidaten der American Party, Millard Fillmore, wegen seiner Sympathien für die Südstaaten ablehnten. Frémont fehlten nur wenige Stimmen in den Schlüsselstaaten Pennsylvania und Illinois, um ins Weiße Haus einzuziehen. Durch die schon während der Wahl beginnende Auflösung der American Party wurden die Republikaner im Norden immer stärker. Sie profitierten außerdem von der Wirtschaftskrise, die 1857 kurz nach Buchanans Amtsantritt einsetzte und für die sie die Demokraten verantwortlich machten. Mit taktischem Geschick, das teilweise an Opportunismus grenzte, warben sie nun auch um Wählergruppen, denen die Sklaverei mehr oder weniger gleichgültig war. Künftigen Siedlern im Westen stellten sie billiges Farmland durch ein homestead-Gesetz in Aussicht, den Arbeitern und Industriellen an der Ostküste versprachen sie hohe Schutzzölle, den Zusammenhalt der Regionen wollten sie durch ein großes Infrastrukturprogramm im Sinne von Clays American System verbessern, und mit Blick auf die Nativisten befürworteten sie längere Wartefristen bei der Einbürgerung von Immigranten. Auf diese Weise entstand eine werbewirksame Mischung aus Elementen der free labor-Ideologie, der wirtschaftlichen Modernisierung und der moralischen Reform. Bis 1858 hatte sich die politische Landschaft der USA grundlegend geändert: Die Whigs waren verschwunden, und den im Norden erheblich geschwächten, im Süden dagegen gestärkten Demokraten stand nun eine Republikanische Partei gegenüber, die sich ganz auf die Nordstaaten konzentrierte. Nach dem Gegensatz von Federalists und Republicans, der die Zeit von 1790 bis 1820 bestimmt hatte, und der Konkurrenz von Demokraten und Whigs seit Ende der 1820er Jahre handelte es sich hierbei um das dritte Zweiparteiensystem der USA. Anders als seine beiden Vorgänger trug es jedoch nicht mehr zur Stabilisierung der Union bei, sondern erhöhte durch seine regionale Ausrichtung die Spannungen zwischen Norden und Süden. Das „blutende Kansas“ und das Dred Scott-Urteil Die zunehmende Neigung, Konflikte gewaltsam auszutragen, offenbarte sich im Streit um Kansas, wo Abolitionisten und Free-Soilers aus Neuengland und Sklavereibefür‐ worter aus Missouri seit 1854 eine Art Stellvertreterkrieg zwischen Norden und Süden führten. Beide Seiten versuchten, ihre moralischen Grundsätze, ihr Gesellschaftsmodell und ihre Verfassungsvorstellungen im Kansas-Territorium zu verwirklichen, das da‐ durch die Blicke aller Amerikaner auf sich zog. Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen 1856, als Guerrillatrupps aus dem Süden die Hauptstadt der Free-Soilers niederbrannten und Sklavereigegner unter Führung des religiösen Fanatikers John Brown aus Rache ein Massaker an unbeteiligten Siedlern verübten. Im Jahr darauf goss der Supreme Court mit seiner Entscheidung im Fall Dred Scott v. Sanford noch Öl ins Feuer. Das Gericht nahm die Frage, ob der Sklave Dred Scott durch 1 Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den Bürgerkrieg 143 <?page no="144"?> den zeitweiligen Aufenthalt in Wisconsin und im sklavenfreien Minnesota-Territorium seine Freiheit erlangt hatte oder nicht, zum Anlass, ein Grundsatzurteil zu fällen, das in den Südstaaten bejubelt wurde, im Norden dagegen Protest und Empörung hervorrief. Chief Justice Roger Taney verwarf die Klage Dred Scotts gegen seinen Besitzer mit der Begründung, Schwarze - Sklaven gleichermaßen wie freie Afroamerikaner - seien keine amerikanischen Staatsbürger und dürften daher nicht den Supreme Court anrufen. In seiner ausführlichen Begründung, die nach dieser formalen Entscheidung eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre, bezeichnete er Schwarze als „beings of an inferior order“, die keine Rechte hätten, die ein weißer Mann respektieren müsse. Mit dem Hinweis, dass das Besitzrecht an Sklaven laut dem 5. Amendment auch in den Territorien uneingeschränkt gelte, erklärte er darüber hinaus implizit den Missouri-Kompromiss von 1820 und alle nachfolgenden Sklavereikompromisse für verfassungswidrig. Präsident Buchanan hatte die - mehrheitlich aus dem Süden stammenden - Richter hinter den Kulissen zu diesem radikalen Schritt ermutigt, weil er sich in der illusionären Hoffnung wiegte, der Spruch des Supreme Court werde allgemein akzeptiert werden und für Beruhigung sorgen. Tatsächlich bewirkte das Urteil das genaue Gegenteil, denn die Sklavereigegner im Norden zeigten sich weniger denn je bereit, die Bestimmungen des Fugitive Slave Act von 1850 zu respektieren und das Oberste Gericht als letzte Instanz der Verfassungsinterpretation anzuerkennen. Noch dazu verschärfte Buchanans Taktik die Spannungen in der eigenen Partei, weil eine derart dezidierte pro-Sklaverei-Haltung die popular sovereignty-Position von Senator Douglas im Norden untergrub. Die Parteinahme für die Sklavereianhänger in Kansas, mit der Buchanan seine Südstaaten-Sympathien offen demonstrierte (obgleich er aus Pennsylvania stammte), vertiefte die Kluft zwischen ihm und Douglas weiter und beschwor die Gefahr einer Spaltung der Demokraten herauf. Das starrsinnige Festhalten des Präsidenten an den wenig aussichtsreichen Plänen seines Vorgängers Franklin Pierce, neue Sklavenstaaten in der Karibik und in Mittelamerika für die Union zu erwerben, war ein weiterer Beleg dafür, dass die Administration einseitig die Interessen des Südens vertrat. Der Gedanke, durch Expansion nach außen die Explosion im Innern zu verhindern, spielte aber bis zum Schluss auf beiden Seiten - bei Demokraten wie Republikanern - eine gewisse Rolle. Die Lincoln-Douglas-Debatten Die Sklavereifrage und der Nord-Süd-Konflikt bestimmten die Zwischenwahlen von 1858, bei denen es in Illinois zu dem denkwürdigen, bis heute faszinierenden Aufei‐ nandertreffen von Stephen Douglas und Abraham Lincoln kam. Konkret ging es um die Bestätigung von Douglas’ Senatssitz in Washington, die das neu zu wählende Parlament von Illinois vollziehen musste. Unionsweites Interesse erweckte diese Angelegenheit, weil Lincoln, den die Republikaner als Gegenkandidaten nominiert hatten, Douglas zu einer Serie von sieben öffentlichen Debatten an verschiedenen Orten in Illinois herausforderte. Als Sohn einfacher Farmer, der an der Frontier in Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 144 <?page no="145"?> Kentucky aufgewachsen war und der es dann als Autodidakt zum erfolgreichen Anwalt in Springfield, Illinois, gebracht hatte, entsprach Lincoln ganz dem egalitär-fortschritt‐ lichen Image, das sich die Republikanische Partei geben wollte. Auffallend war seine lange, schlaksige Figur, mit der er die meisten Landsleute und speziell den 1,60 m großen „Little Giant“ Douglas überragte; charakterlich galt Lincoln („honest Abe“) als absolut integer und zuverlässig, und seit der Zeit im Parlament von Illinois und im US-Repräsentantenhaus genoss er den Ruf eines ausgezeichneten Redners mit Humor und einer bildhaft-praktischen, an die Bibel angelehnten Sprache. Lincoln hatte schon mit seiner Nominierungsrede großes Aufsehen erregt, als er unter dem Bibelzitat „a house divided against itself cannot stand“ vorhersagte, die Union werde nicht auf Dauer „half slave and half free“ bleiben können. Der Massen‐ zulauf zu den Debatten und das überregionale Interesse, das von den großen Zeitungen befriedigt wurde, spiegelten den Stand des allgemeinen Demokratisierungsprozesses in den USA wider, dokumentierten aber auch das gespannte politische Klima angesichts des drohenden Zerfalls der Union. Die Redeschlachten vor Tausenden von Menschen, deren Format exakt vereinbart worden war, ließen lokale Fragen fast unberührt und kreisten ganz um die Sklavereiproblematik. Douglas modifizierte seinen bekannten Standpunkt der popular sovereignty, indem er behauptete, die Siedler in den Territorien könnten auch nach dem Dred Scott-Urteil durch lokale Maßnahmen das Vordringen der Sklaverei verhindern. Demgegenüber wertete Lincoln den Spruch des Supreme Court als weiteres Indiz für eine Verschwörung, die auf die Ausbreitung der Sklaverei über ganz Amerika abziele. Im Unterschied zu seinem Kontrahenten setzte sich Lincoln auch mit der moralischen Dimension des Konflikts auseinander. Er wies zwar Douglas’ Vorwurf zurück, er wolle die politische und soziale Gleichheit von Schwarzen und Weißen herstellen, und gestand zu, dass die verfassungsmäßigen Rechte der Südstaatler berücksichtigt werden müssten. Andererseits ließ er keinen Zweifel daran, dass er die Sklaverei als ein moralisches Übel verurteilte, weil sie die Schwarzen um die Früchte ihrer Arbeit betrog und das undemokratische Herr-Knecht-Verhältnis zementierte. Wenn man diesem Krebsschaden am Körper der Union beikommen wolle, dann gelte es zunächst einmal, das weitere Vordringen der Sklaverei in die Territorien zu verhindern. Das Dred Scott-Urteil dürfe nicht das letzte Wort darstellen, sondern müsse auf politischem Wege überwunden werden. Wiederholt mahnte Lincoln zur Rückbesinnung auf die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung, wenn die Nation nicht ihre Bestimmung verfehlen sollte. Obwohl die Republikaner im November 1858 in Illinois Stimmengewinne verzeich‐ neten, konnte Douglas bei der Senatorenwahl im Parlament sein Mandat verteidigen. Als weit bedeutsamer erwies sich jedoch, dass Lincoln durch die Debatten an Statur gewonnen hatte und ins Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit gerückt war. Insofern verschafften ihm die Streitgespräche eine günstige Ausgangsbasis für das kommende Duell mit Douglas um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten. 1 Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den Bürgerkrieg 145 <?page no="146"?> Lincolns Wahl und der Weg in den Krieg Der Wahlkampf von 1860 wurde durch eine neue Aktion John Browns überschattet, der - insgeheim ermuntert und unterstützt von prominenten nordstaatlichen Aboliti‐ onisten - das Signal für einen allgemeinen Sklavenaufstand im Süden geben wollte. Der Handstreich, den er im Oktober 1859 mit seinen Söhnen und einigen Anhängern gegen das bundesstaatliche Waffenarsenal in Harpers Ferry, Virginia, am Zusammenfluss von Potomac und Shenandoah unternahm, verfehlte diesen Zweck jedoch völlig und führte stattdessen zum Tod mehrerer Angreifer und zur Gefangennahme und Hinrichtung Browns. In den Augen vieler Nordstaatler machte ihn dies zum Märtyrer und zur Symbolfigur des Widerstands gegen die Sklaverei; im Süden wiederum schürte die abolitionistische Propaganda die Ängste vor einem Wahlsieg der Republikaner, denen man die Absicht zuschrieb, die peculiar institution und damit die Grundlage der südlichen Wirtschaft zerstören zu wollen. Auf dem nationalen Nominierungskonvent der Republikaner setzte sich Lincoln durch, weil seine maßvolle Haltung in der Sklavereifrage am ehesten mehrheitsfähig erschien und weil sein Heimatstaat Illinois zu den wichtigen swing states zählte, deren Wahlmännerstimmen den Ausschlag geben konnten. Lincolns Chancen stiegen auf Grund des Zwists im Lager der Demokraten, denen es nicht gelang, sich auf einen einzigen Kandidaten zu einigen, und die stattdessen mit zwei Bewerbern - Stephen Douglas und John C. Breckinridge aus Kentucky - ins Rennen gingen. Zur weiteren Zersplitterung trug eine Restfraktion der Whigs um den ehemaligen Senator von Tennessee, John Bell, bei, die unter dem Namen Constitutional Union Party in den Grenzstaaten zwischen Norden und Süden Erfolge erzielte. Douglas brach mit der Tradition und führte erstmals einen persönlichen, intensiven Wahlkampf, erhielt aber trotz seines Stimmenanteils von 21 Prozent nur 12 Wahlmännerstimmen. Die große Mehrheit der Südstaatler scharte sich hinter Breckinridge, der es - trotz einer geringeren Gesamtstimmenzahl als Douglas - auf 72 Wahlmänner brachte. Lincoln war in zehn der Südstaaten von der Wahl ausgeschlossen worden, gewann dafür aber im Norden alle Staaten außer New Jersey unangefochten, dazu im Westen Kalifornien und Oregon. Insgesamt erhielt er etwa 40 Prozent der Wählerstimmen, doch das Wahlsys‐ tem bescherte ihm eine absolute Mehrheit von 180 Stimmen im Elektorenkolleg. Auch in beiden Häusern des Kongresses dominierten nun die Republikaner. Unmittelbar nach der Wahl schritten die radikalen südstaatlichen Fire Eaters zur Tat, die Lincoln als Abolitionisten und „black Republican“ attackiert hatten. Der Prozess der Sezession begann in South Carolina, wo die states’ rights-Philosophie schon immer fest verwurzelt gewesen war und wo der Sklavenanteil an der Bevölkerung 58 Prozent ausmachte. Analog zur Verfassunggebung von 1787 / 88 wurde ein Konvent gewählt, der South Carolina am 20. Dezember 1860 einstimmig zum souveränen Staat erklärte. Diesem Beispiel folgten bis zum Februar 1861 mit Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana und Texas sechs weitere Staaten. Vertreter dieser sieben Sezessionsstaaten bildeten dann in Montgomery, Alabama, die Confederate States of America und gaben sich eine eigene Verfassung. Als Präsident auf sechs Jahre wurde Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 146 <?page no="147"?> Jefferson Davis gewählt, ein wohlhabender Baumwollpflanzer aus Mississippi, der eine Offizierslaufbahn absolviert und unter Präsident Pierce als Kriegsminister amtiert hatte. Während der noch amtierende Präsident Buchanan diese Entwicklung passiv hin‐ nahm, ließ Lincolns Verfassungsverständnis einen einseitigen Austritt aus der Union nicht zu; für ihn handelte es sich um eine interne Rebellion, die er als Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte beenden musste. Bei seinem Amtsantritt im März 1861 hegte er kaum noch Hoffnung, die radikalen Sezessionisten beeinflussen zu können, gab sich dafür aber umso größere Mühe, die sklavenhaltenden border states von Delaware, Maryland und Virginia im Osten bis Missouri und Arkansas im Westen durch eine moderate Taktik auf seine Seite zu ziehen. Er sicherte ihnen zu, dass er die Sklaverei dort, wo sie existiere, nicht antasten werde; dagegen lehnte er einen Kompromiss, der die freien Territorien auch nur teilweise für die Sklaverei öffnen würde, kategorisch ab. Ebenso bestand er darauf, weiterhin über das Eigentum der Union in den abgefallenen Staaten verfügen zu können. Dieser letzte Streitpunkt spitzte sich im April auf die Frage nach dem Schicksal von Fort Sumter im Hafen von Charleston, der Hauptstadt South Carolinas, zu. Als sich Lincoln entschied, die abgeschnittene Besatzung auf dem Seeweg versorgen zu lassen, zwangen die Südstaatler den Kommandanten nach zweitägigem Beschuss am 14. April zur Kapitulation. Damit war die Grenzlinie zwischen Frieden und Krieg überschritten: Am nächsten Tag forderte Lincoln die Staaten auf, 75.000 Milizionäre zu stellen, um „die Rebellion niederzuschlagen“, und am 19. April verhängte er eine Seeblockade über die Häfen des Südens. Die Bevölkerung in den von beiden Seiten umworbenen Staaten der Grenzzone zwischen Norden und Süden sah sich nun gezwungen, Farbe zu bekennen. Vier border states (Virginia, Arkansas, Tennessee und North Carolina) schlossen sich der Konföde‐ ration an, die nun elf Staaten umfasste. Am schwersten wog dabei die Entscheidung Virginias, das Richmond als Hauptstadt zur Verfügung stellte und die Konföderation mit fähigen Militärs, allen voran dem Kommandeur der Akademie West Point, General Robert E. Lee, versorgte. Allerdings leisteten virginische Unionsanhänger internen Widerstand, der zur Abtrennung der westlichen Counties und 1863 zur Gründung des Staates West Virginia führte. Durch entschlossenes Handeln sicherte Lincoln der Union die Loyalität der übrigen vier border states Missouri, Kentucky, Maryland und Delaware. In Missouri taten sich dabei die Deutsch-Amerikaner unter ihren Führern Carl Schurz und Franz Sigel hervor, die Lincoln später zu Generälen beförderte. In Maryland, das wegen seiner geographischen Lage, des Hafens von Baltimore und der Flottenakademie in Annapolis überragende Bedeutung besaß, machte Lincoln deutlich, dass er seine verfassungsmäßigen Kompetenzen im Interesse des Überlebens der Union sehr weit auszulegen gedachte. Unter Hinweis auf die nationale Krise und die war powers des Präsidenten setzte er die Habeas corpus-Garantien gegen willkürliche Verhaftung außer Kraft, damit Administration und Militär härter gegen Sezessionisten vorgehen konnten. Diese Einschränkung der Grundrechte wurde schon von Zeitge‐ nossen heftig kritisiert und ist bis heute in der Geschichtsforschung umstritten. Nur 1 Die Eskalation des Nord-Süd-Konflikts und der Weg in den Bürgerkrieg 147 <?page no="148"?> so ließ sich aber der Abfall Marylands verhindern, der die militärische Sicherung der Hauptstadt Washington und die strategische Lage des Nordens insgesamt außer‐ ordentlich erschwert hätte. Lincoln stellte in diesem Fall den Erhalt der Union, zu dem er sich durch seinen Amtseid verpflichtet fühlte, über rein rechtliche Erwägungen. Andererseits barg die Teilnahme von Sklavenstaaten wie Maryland, Missouri und Kentucky auf Seiten der Union durchaus auch Probleme und zwang Lincoln entgegen seiner inneren Überzeugungen zur politischen Rücksichtnahme. Er betonte deshalb immer wieder, dass der Krieg nicht zur Befreiung der Sklaven, sondern allein zur Wiederherstellung der Union geführt werde; noch Mitte 1862 - ein Jahr nachdem die Leibeigenschaft im Russischen Reich aufgehoben worden war - befürwortete er eine graduelle Sklavenemanzipation mit Entschädigung der Eigentümer und die „Kolonisierung“, d. h. die eigentlich längst überholte Rückführung der Schwarzen nach Afrika oder in die Karibik. Karte 5: Die USA im Bürgerkrieg (1861 - 1865) Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 148 <?page no="149"?> 2 Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861 - 1865 Das militärische Patt, 1861 - 1863 Der Bürgerkrieg ist zweifellos das einschneidendste Ereignis in der bisherigen Ge‐ schichte der Vereinigten Staaten, und er nimmt deshalb in der kollektiven Erinnerung der Amerikaner, im Norden wie im Süden, den Rang eines nationalen Epos ein. Zu Beginn rechneten beide Seiten mit einem raschen Sieg: Die Nordstaatler planten den Durchmarsch nach Richmond, der aber schon im Juli 1861 in der ersten Schlacht von Manassas (oder Bull Run) gründlich misslang; die Südstaatler setzten auf die Uneinigkeit und mangelnde Opferbereitschaft der Bevölkerung im Norden, und sie erhofften sich außerdem Unterstützung von Großbritannien, da sie annahmen, dass die englische Textilindustrie nicht auf die amerikanische Baumwolle verzichten konnte. Auch diese Rechnung ging jedoch nicht auf, und aus dem „kurzen Krieg“ wurde ein langjähriges, blutiges Ringen, in mancher Hinsicht sogar der erste „totale Krieg“ der modernen Geschichte. Die Ausgangslage sprach eindeutig für den Norden: Den 11 Sezessionsstaaten mit 9 Millionen weißer Bevölkerung standen 23 Unionsstaaten mit 22 Millionen Einwoh‐ nern gegenüber. In ökonomischer Hinsicht war das Verhältnis noch unausgewogener: Unter dem Druck des Krieges steigerte die Konföderation zwar die Modernisierungs‐ anstrengungen, vor allem in der Schwerindustrie und im Verkehrswesen, aber sowohl in Bezug auf landwirtschaftliche und industrielle Produktion als auch auf das Schienen- und Kanalnetz lag sie weit hinter der Union zurück. Der Norden brauchte zunächst nur seine Reserven auszuschöpfen, die durch den wirtschaftlichen Einbruch der späten 1850er Jahre brachlagen. Die ökonomische Erholung wurde dann durch die Einlösung der republikanischen Wahlversprechen - Reform des Bankensystems, Zollerhöhun‐ gen, Siedlungsförderung im Westen, Eisenbahnbau - noch verstärkt. Während die Südstaaten unter der Seeblockade litten und durch ungehemmte Papiergeldausgabe die Inflation anheizten, gelang dem Norden durch effiziente Steuererhebung und erfolgreiche Werbung für Staatsanleihen eine relativ problemlose Kriegsfinanzierung. Auf den Schlachtfeldern ließen sich die Vorteile der Union jedoch lange Zeit nicht in durchschlagende Erfolge ummünzen. Die Konföderation konnte aus der Defensive herausoperieren, und die Weißen im Süden standen zunächst geschlossener hinter ihrer Führung als die Nordstaatler hinter Lincoln. Der Präsident musste nicht nur zwischen den verschiedenen Fraktionen der Republikaner im Washingtoner Kongress lavieren, sondern hatte auch gegen eine lautstarke Opposition von „Friedensdemokraten“ auf der Ebene der Einzelstaaten anzukämpfen. In erster Linie wurden die überlegenen personellen und materiellen Ressourcen des Nordens aber durch das größere militär‐ ische Talent von Generälen wie Robert E. Lee und Thomas H. „Stonewall“ Jackson ausgeglichen. Die wichtigsten Kriegsschauplätze lagen weit voneinander entfernt an der Ostküste und im Mississippi-Gebiet. Im Osten, wo sich die Massenheere zwischen Washington und Richmond schwere Schlachten lieferten, nahm die Ausei‐ 2 Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861 - 1865 149 <?page no="150"?> nandersetzung den Charakter eines Abnutzungskrieges an. Die Blutopfer waren enorm hoch, weil noch in traditionell geschlossener Formation gekämpft wurde, obwohl die Feuerkraft der Artillerie und die Zielgenauigkeit der Gewehre wesentlich zugenommen hatten. So fielen im September 1862 bei Antietam in Maryland an einem einzigen Tag 6000 Soldaten, mehr als im Unabhängigkeitskrieg und im Krieg von 1812 / 14 zusammen. Schwerverwundete hatten angesichts der mangelhaften medizinischen Versorgung wenig Überlebenschancen, und ansteckende Krankheiten rafften zusätz‐ lich viele Menschen hinweg. Diese Verluste zwangen beide Seiten - erstmals in der Geschichte der USA - zur Einführung der Wehrpflicht, gegen die es im Norden erhebliche Widerstände bis hin zu lokalen Aufständen gab. Beim folgenschwersten dieser draft riots musste im Sommer 1863 in New York City Militär gegen eine Menschenmenge eingesetzt werden, die Afroamerikaner als „Schuldige“ an Krieg und Wehrpflicht angriff und lynchte. Die Bilanz der Unruhen war erschreckend: etwa ein Dutzend ermordete Schwarze und mehr als hundert getötete Aufrührer. Lincolns unnachgiebige Haltung trug aber auch in diesem Fall zur Stabilisierung der Lage bei. Im Unterschied zum militärischen Patt im Osten, das der vorsichtige und zögerliche Nordstaaten-Befehlshaber General George B. McClellan nicht zu brechen vermochte, konnte die Union im Westen durch eine bessere Koordinierung der Kräfte und eine bewegliche Fluss- und Landoffensive strategische Vorteile erzielen. Hier gelang unter Führung von Commodore (später Admiral) David G. Farragut und General Ulysses S. Grant bis zum Sommer 1862 die Eroberung von New Orleans und Baton Rouge sowie die Einnahme wichtiger Forts im Grenzgebiet von Kentucky und Tennessee. Das Ziel einer Kontrolle des gesamten Mississippi-Tales und der Spaltung der Konföderation in zwei Teile wurde 1862 jedoch nicht mehr erreicht. Seekrieg und Außenpolitik Im Laufe des Jahres 1862 steigerte sich die Effektivität der Seeblockade durch Erfolge der US Navy. Die Hoffnung der Konföderierten, den Ring um ihre Häfen mit Hilfe einer zukunftsträchtigen technischen Innovation zu brechen, musste im März 1862 begraben werden: Das erste gepanzerte Kriegsschiff der Welt, die „Merrimac“, fügte der Blockadeflotte bei Hampton Roads vor der Küste Virginias zwar große Verluste zu, die in Washington kurzfristig Panik auslösten; der Norden konterte jedoch umgehend mit einer eigenen Version dieser neuen Waffe, dem Panzerschiff „Monitor“, das die „Mer‐ rimac“ zum Rückzug nach Norfolk zwang. Die Blockade war auch danach keineswegs undurchlässig, aber sie behinderte doch die Versorgung und den Baumwollexport der Südstaaten erheblich und trug zum rapiden Wertverlust des Konföderations-Dollars bei. Die Blockadefrage spielte auch eine wichtige Rolle in dem Kampf, den sich Norden und Süden an der diplomatischen Front lieferten. Lincoln und Außenminister William Seward setzten alles daran, die europäischen Mächte, insbesondere England, von einer Intervention zu Gunsten des Südens abzuhalten. Sie konnten jedoch nicht verhindern, Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 150 <?page no="151"?> dass die Londoner Regierung unter Verweis auf die Blockade und das Völkerrecht der Konföderation den Status einer Krieg führenden Macht zuerkannte. Napoleon III., dem eine Schwächung der USA mit Blick auf die französische Intervention in Mexiko gelegen gekommen wäre, und andere europäische Regierungen schlossen sich an. Die Südstaatler sahen darin einen ersten Schritt zur vollen diplomatischen Anerkennung und militärischen Unterstützung durch die Europäer. Es stellte sich allerdings bald heraus, dass sie dabei die politische Vorsicht der Briten unter und deren wirtschaftliche Abhängigkeit von der amerikanischen Baumwolle bei weitem überschätzt hatten. Premierminister Lord Russell wollte eine Verwicklung in den Krieg nicht zuletzt mit Rücksicht auf Kanada vermeiden, und die Nöte der englischen Textilindustrie wurden rasch durch gesteigerte Baumwolleinfuhren aus Ägypten und Indien gemildert. Außerdem erlebte der Handel mit der Union, die Großbritanniens wichtigster Getreidelieferant war, während des Krieges einen Aufschwung. Schwerer wog aber wohl noch, dass die englische Öffentlichkeit, insbesondere auch die Arbei‐ terschaft in den Industriegebieten, ihre sklavereifeindliche Haltung beibehielt und trotz wirtschaftlicher Einbußen mit den Nordstaaten sympathisierte. Die gefährlichste Krise konnte im Dezember 1861 entschärft werden, als Washington zwei konföderierte Diplomaten, die von der US Navy auf einem englischen Schiff verhaftet worden waren, wieder freiließ. Solange England neutral blieb, wagte sich auch kein anderer europäischer Staat offen einzumischen. Indirekt gewährte die britische Regierung Jefferson Davis ab Frühjahr 1862 eine gewisse Unterstützung, indem sie privaten Schiffswerften erlaubte, Blockadebrecher und Kaperschiffe für den Süden zu bauen. Eine echte Chance zur Anerkennung der Konföderation hätte nur bestanden, wenn den Südstaaten-Armeen entscheidende Siege gelungen wären. Diese Aussicht schwand aber nach den Schlachten von Gettysburg und Vicksburg im Sommer 1863 vollends dahin. Lincolns Emanzipationserklärung Seit Beginn des Krieges versuchten Schwarze aus dem Süden, der Sklaverei zu entkommen und in Gebiete zu gelangen, die von den Unionsarmeen gehalten wurden. Auf diese Weise brachten sie von sich aus das Thema der Sklavenbefreiung auf die Tagesordnung, das bis dahin nur die Abolitionisten und radikalen Republikaner bewegt hatte. Die Praxis einiger Generäle, die Sklaven in ihrem Befehlsbereich an die Eigentümer im Süden auszuliefern, erregte im Norden große Empörung. Lokale Emanzipationsentscheidungen, wie sie von anderen Kommandeuren getroffen wur‐ den, hob Lincoln aus verfassungsrechtlichen Gründen wieder auf. Danach behalfen sich die meisten Befehlshaber damit, übergelaufene Sklaven gemäß dem Kriegsrecht zur „Konterbande“ zu erklären, um sie nicht an ihre Besitzer zurückgeben zu müssen. Auf eigene Faust zogen sie Schwarze auch schon zu Schanzarbeiten und einfachen Hilfsdiensten heran. Diese Praxis, der Lincoln zunächst skeptisch gegenübergestanden hatte, wurde später vom Kongress durch die Confiscation Acts legalisiert. 1862 nahm 2 Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861 - 1865 151 <?page no="152"?> die Antisklaverei-Stimmung im Norden zu, und Lincoln gelangte zu der Einsicht, dass der Krieg nur unter dem Banner der Emanzipation gewonnen werden konnte. Nach Rücksprache mit dem Kabinett wartete er aber noch einen militärischen Erfolg ab - den er mit Antietam gekommen sah -, bevor er am 22. September 1862 seine „provisorische Emanzipationserklärung“ veröffentlichte. Bis zum 1. Januar 1863 sollten danach alle Sklaven frei sein, die sich in den von „Rebellen“ kontrollierten Gebieten aufhielten. Das schloss vorerst noch die Sklaven in den border states aus, die auf Seiten der Union kämpften. Gegner Lincolns prangerten das als eine inkonsequente und scheinheilige Entscheidung an, doch der Präsident ging davon aus, dass seine Notstandsbefugnisse als Oberbefehlshaber nicht weiter reichten und die Sklaverei in den Unionsstaaten nur durch eine Verfassungsänderung aufgehoben werden konnte. Ihm war aber bewusst, dass die Proklamation eine Dynamik entwickeln würde, die zwangsläufig zur vollständigen Beseitigung des Sklavereisystems führen würde. Abb. 9: Besuch Präsident Lincolns bei Unionstruppen in Antietam, Maryland, 1862 Abgesehen davon, dass Lincoln nun endlich seine moralische Aversion gegen die Sklaverei mit der offiziellen Regierungspolitik in Einklang bringen konnte, verfolgte er mehrere politische und militärische Ziele. Zum einen signalisierte er den Nordstaatlern, die mit dem bisherigen Verlauf des Krieges unzufrieden waren, dass der Kampf unter Aufbietung aller Kräfte bis zum vollständigen Sieg weitergeführt werden würde; nur das große Ziel der Sklavenbefreiung konnte die Opfer rechtfertigen, die bisher erbracht worden waren und noch erbracht werden mussten. Zum Zweiten bestand nun die Möglichkeit, ehemalige Sklaven als Soldaten zu rekrutieren, was ab Anfang 1863 auch in immer größerem Maßstab geschah. In eigenen Verbänden kämpften freie Schwarze und befreite Sklaven von nun an unter weißen Offizieren mit der Waffe Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 152 <?page no="153"?> in der Hand für die Abschaffung der Sklaverei. Einige dieser Einheiten, wie das 54. Massachusetts-Infanterieregiment, erwarben sich durch besondere Tapferkeit hohe Achtung und einen - in Denkmälern, Gedichten und Filmen verewigten - legendären Namen. Bis zum Kriegsende dienten etwa 200.000 Schwarze in den Armeen und der Flotte des Nordens und trugen dazu bei, dass sich das militärische Kräfteverhältnis zu Gunsten der Union verschob. Drittens erschwerte die Emanzipationserklärung außenpolitisch die Intervention fremder Mächte, weil die europäischen Regierungen kaum den Vorwurf riskieren konnten, sie griffen zum Erhalt der Sklaverei in den Bürgerkrieg ein. Viertens schließlich bedeutete die Ankündigung der Emanzipation einen psychologischen Schlag gegen den Süden, weil sie die Gefahr einer sozialen Revolution heraufbeschwor und einen Keil zwischen die Sklavenbesitzer und ihre weniger wohlhabenden weißen Landsleute trieb. In der Tat veränderte die Emanzipa‐ tionserklärung, die am 1. Januar 1863 in Kraft trat, die Natur des Krieges und leitete eine neue, radikalere Phase ein: Aus dem Kampf der Armeen wurde eine Konfrontation zweier Gesellschaftsordnungen, die zusätzliche Energien und Leidenschaften freisetzte und nur mit der Zerstörung des unterlegenen Systems enden konnte. Gettysburg und Vicksburg Die ungünstige Lage im Westen veranlasste die Führung der Konföderation im Sommer 1863 zu einer groß angelegten Offensive auf dem östlichen Kriegsschauplatz, die den Kampfeswillen der Union entscheidend schwächen und die diplomatische Anerkennung durch die europäischen Mächte doch noch ermöglichen sollte. General Lee umging mit seiner Armee von 75.000 Mann die Hauptstadt Washington und stieß weit nach Norden vor. Bei Gettysburg in Pennsylvania kam es daraufhin vom 1. bis 3. Juli 1863 zur größten Schlacht des Bürgerkrieges, die den Süden 28.000, den Norden 23.000 Tote und Verwundete kostete. Den Höhepunkt des Ringens bildete „Pickett’s Charge“, der mutige, aber aussichtslose Ansturm einer Südstaaten-Division über freies Feld auf die befestigten Positionen des Gegners. Lees Armee war besiegt, aber zur Enttäuschung Lincolns ließ der Befehlshaber der Union den Südstaaten-General mit den Resten seiner Truppen über den Potomac entkommen. Dennoch bedeutete Gettysburg einen Wendepunkt des Krieges, denn der Süden war nach diesem Aderlass nicht mehr zur Offensive fähig, und Lee konnte sich nur noch um den Schutz von Richmond kümmern. Die Zäsur wurde noch unterstrichen durch die Kapitulation der Festung Vicksburg am (symbolträchtigen! ) 4. Juli 1863 vor den Truppen General Grants. Damit waren die Stromgebiete des Mississippi und des Tennessee voll unter Unionskontrolle und die Ost-West-Verbindungen der Konföderation gekappt. Bei der Einweihung des Soldatenfriedhofs von Gettysburg hielt Lincoln im November 1863 eine kurze, aber weit über den Anlass hinauswirkende Rede. In dieser Gettysburg Address schlug er den Bogen zur Unabhängigkeitserklärung von 1776 und sprach die Hoffnung aus, dass die amerikanische Nation durch die im Krieg gebrachten Opfer „eine Wiedergeburt der Freiheit“ erleben werde, damit die Demokratie („government 2 Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861 - 1865 153 <?page no="154"?> of the people, by the people, for the people“) im Interesse der ganzen Welt überleben könne. Der erinnernde Bezug auf die Gründung der Union verbürgte Kontinuität und band Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Moment der Trauer und der Weihe zusammen. Die Niederlage der Konföderation und die Ermordung Lincolns Im März 1864 reorganisierte Lincoln die Militärführung der Union und schlug eine neue Strategie ein. Er betraute General Grant mit dem Oberbefehl über alle Unionsarmeen und gab ihm Order, die Kräfte der Konföderation im Raum Richmond durch kontinu‐ ierliche Angriffe und ohne Rücksicht auf eigene Verluste zu zerschlagen. Gleichzeitig sollte General William T. Sherman von Westen her nach Georgia vorstoßen und Atlanta erobern. Der Präsident selbst hielt durch einen neu geschaffenen Generalstab enge Verbindung zu beiden Heerführern. Die blutigen Kämpfe in Virginia brachten die Unionsregierung noch einmal in politische Bedrängnis, weil die Forderungen der oppositionellen Demokraten unter Lincolns ehemaligem Heerführer George B. McClellan nach Waffenstillstand und Friedensverhandlungen im Wahlkampf von 1864 zunehmend Gehör fanden. Im entscheidenden Augenblick stärkte dann aber die Nachricht vom Fall und der Zerstörung Atlantas, der Hauptstadt Georgias, am 2. September 1864 die Moral der Republikaner und stellte sicher, dass Lincoln im November wiedergewählt wurde. Der Tenor seiner zweiten Antrittsrede im März 1865 war versöhnlich, aber der Präsident ließ keinen Zweifel daran, dass die „Sünde der Sklaverei“, die offenkundig Gottes Strafgericht auf die gesamte amerikanische Nation gezogen hatte, restlos getilgt werden musste. Auf einem geheimen Treffen mit Friedensemissären der Konföderation in Hampton Roads hatte Lincoln schon im Monat zuvor bekräftigt, dass es in der Sklavereifrage „kein Zurück“ mehr gebe und dass der Süden nur nach einer bedingungslosen Einstellung der Kämpfe auf Entgegenkommen hoffen dürfe. Etwa zur gleichen Zeit brachte der Kongress das 13. Amendment auf den Weg, das die Sklaverei im gesamten Geltungsbereich der Verfassung verbot. Von Atlanta war General Sherman inzwischen Richtung Osten zu seinem „Marsch ans Meer“ aufgebrochen, bei dem die Unionstruppen eine breite Spur der Verwüstung hinter sich herzogen. An der Küste wandte sich Sherman nach Norden und dehnte die „Strategie der verbrannten Erde“ auf die verhasste „Keimzelle“ der Sezession, South Carolina, aus. Dieses Vorgehen, das die Zivilbevölkerung bewusst in das Kriegsgeschehen einbezog und zum Opfer machte, zielte darauf ab, die Südstaatler zu demoralisieren und ihren Kampfeswillen endgültig zu brechen. Zusammen mit dem brutalen Guerrillakrieg, den sich beide Seiten in den border states lieferten, war dies das deutlichste Kennzeichen des Übergangs von einer „zivilisierten“ zu einer alle bisherigen Regeln und Konventionen missachtenden „totalen“ Kriegführung. Sher‐ mans Terrorkampagne zeigte rasch Wirkung, denn die Armeen des Südens begannen sich infolge von Desertionen aufzulösen, und die Spannungen innerhalb der weißen Bevölkerung nahmen immer mehr zu. Durch das Vordringen Grants von Norden und Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 154 <?page no="155"?> die Erfolge Shermans im Süden wurde die Lage für die konföderierten Truppen in Richmond unhaltbar. Anfang April 1865 räumte General Lee die Stadt, und nachdem die Vereinigung mit den Resten einer anderen Konföderationsarmee misslungen war, kapitulierte er am 9. April in Appomattox Court House vor seinem Gegenspieler Grant. Auf das Ehrenwort hin, nicht weiterzukämpfen, wurden die geschlagenen Truppen entlassen, und die Offiziere durften sogar ihre Pferde behalten. Dennoch handelte es sich insofern um eine „bedingungslose Kapitulation“, als Lincoln und der Kongress Verhandlungen mit der Konföderationsregierung oder den Staatenregierungen im Süden strikt ablehnten. Jefferson Davis wurde später verhaftet und saß zwei Jahre in einem Gefängnis in Virginia, bevor er ohne Prozess freikam. Einen letzten dramatischen Höhepunkt erreichte der Bürgerkrieg am 14. April 1865, als Präsident Lincoln - inmitten der überschwänglichen Siegesfeiern und vier Tage vor der Kapitulation der letzten Konföderationsarmee unter General Joseph E. Johnston - im Washingtoner Ford’s Theater durch ein Pistolenattentat so schwer verletzt wurde, dass er noch in derselben Nacht starb. Der Täter, der Schauspieler John Wilkes Booth, führte eine südstaatliche Verschwörergruppe an, die auch Außenminister Seward und Vizepräsident Andrew Johnson hatte „beseitigen“ wollen. Sie warfen Lincoln und den Republikanern vor, den Sklaven Bürgerrechte gewähren zu wollen. Booth kam Ende April bei einem Feuergefecht mit Unionstruppen um, und vier seiner Mitverschwörer bzw. Mitwisser wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Im Norden löste die Ermordung Lincolns nicht nur Schock und Trauer aus, sondern gab auch jenen Auftrieb, die eine strenge Bestrafung der Rebellen im Süden forderten. Sie glaubten, in Andrew Johnson, einem self-made man und ehemaligen demokratischen Senator von Tennessee, der als Militärgouverneur seines Heimatstaates Härte bewiesen hatte, einen Verbündeten im Weißen Haus zu haben. Der tote Präsident erlebte derweil im öffentlichen Bewusstsein des Nordens eine Apotheose als Märtyrer und Sinnbild der unteilbaren Nation. Bei der feierlichen Überführung des Leichnams von Washington in den Heimatort Springfield nahmen gut sieben Millionen Amerikaner von Lincoln Abschied. Der Süden schuf sich dagegen die Legende von der Lost Cause, wonach Lee und seine Männer im Kampf für eine gerechte Sache der gewaltigen Übermacht des Nordens ehrenhaft unterlegen waren. Mehr als 1,5 Millionen Nordstaatler und etwa 900.000 Südstaatler hatten in den Bür‐ gerkriegsarmeen gekämpft; die Zahl der Gefallenen und Gestorbenen wird auf 620.000 geschätzt - 360.000 von ihnen aus dem Norden, 260.000 aus dem Süden. Aber auch die Zivilbevölkerung hatte schwer zu leiden gehabt, und weite Gebiete des Südens waren verwüstet und verarmt. Die Forschung macht mit Nachdruck auf die „Kontingenz“ des Geschehens aufmerksam: Danach war der Ausgang des Krieges nicht durch das materielle Kräfteverhältnis der beiden Seiten oder durch andere Faktoren determiniert, sondern das Schicksal der Union hing bei wesentlichen turning points wie Antietam, Gettysburg und Atlanta in der Schwebe. Als Hauptergebnisse des Krieges ragen die Sklavenemanzipation und die Sicherung der nationalen Einheit hervor: Die Befreiung der versklavten Afroamerikaner bedeutete für den Süden einen ökonomischen und 2 Der Amerikanische Bürgerkrieg, 1861 - 1865 155 <?page no="156"?> sozialen Umbruch, dessen Folgen auf Jahrzehnte hinaus den Charakter der Region und die Mentalität ihrer Bevölkerung prägten; die Wiederherstellung der Union brachte - zumindest potenziell - einen Machtzuwachs der Zentralregierung in Washington mit sich und erhob die „modernen“ Prinzipien und Lebensformen des Nordens endgültig zum kulturellen Mainstream der USA. Aus der „Union“ der Vorkriegszeit war für die Mehrheit der Amerikaner in den Nordstaaten bewusstseins- und gefühlsmäßig die „Nation“ geworden, der Lincoln in seinen Reden eine transzendentale Bestimmung und eine fast mystische Qualität gegeben hatte. Darin lassen sich Parallelen zu den „nationalen Einigungskriegen“ in Europa erkennen. Anders als im Bismarck-Reich sah man aber in den Vereinigten Staaten kaum Widersprüche zwischen Nationalismus und Demokratie, denn der Sieg des Nordens hatte die bis dahin vollzogene Demokra‐ tisierung von Staat und Gesellschaft eindrucksvoll bestätigt. Für Lincoln stellte die Nation niemals einen Wert an sich dar, sondern er verstand sie als unersetzliches Vehikel für die schrittweise Annäherung an die Ideale der menschlichen Freiheit und Gleichheit. Nicht das nationale Interesse, sondern die demokratische Botschaft der Unabhängigkeitserklärung bildete in letzter Instanz die Richtschnur seines Handelns. Auch die größten amerikanischen Schriftsteller und Dichter des 19. Jahrhunderts wie Melville, Hawthorne, Thoreau, Whitman und Emerson verliehen dem Begriff „Amerika“ eine eher moralisch-religiöse denn eine staatliche Dimension, und sie feierten die amerikanische Demokratie als Teil des göttlichen Erlösungswerkes für die gesamte Menschheit. 3 Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten Afroamerikaner Die „präsidentielle Rekonstruktion“, 1865 - 1867 Wie jede gewaltsame Konfliktlösung warf der Bürgerkrieg kaum weniger neue Fragen auf, als er gelöst hatte. Vordringlich waren natürlich die Reintegration der Sezessionsstaaten und eine Klärung des Rechtsstatus der ehemaligen Sklaven. Hieraus entwickelte sich ein Machtkampf zwischen dem Präsidenten und dem Kongress und darüber hinaus eine neue Kraftprobe zwischen Norden und Süden, die beide letzten Endes auf dem Rücken der schwarzen Bevölkerung ausgetragen wurden. Inhaltlich ging es dabei im Wesentlichen um drei Punkte: um das Verhältnis von bundesstaatlicher und einzelstaatlicher Autorität, die Definition der amerikanischen Staatsbürgerschaft, und die praktische Bedeutung von Gleichheit und Freiheit für die Afroamerikaner. Über den besten Weg zur Wiederherstellung der Union hatte es bereits zwischen Lincoln und dem Kongress Meinungsverschiedenheiten gegeben. Lincoln neigte einer moderaten „Restauration“ zu, die sich - wie das in den von Unionstruppen besetzten Staaten Louisiana, Arkansas und Tennessee geschah - auf die politische Ausschaltung der führenden Sezessionisten, eine Regierungsübernahme durch loyale Politiker und die Einfügung des Sklavereiverbots in die Staatenverfassungen beschränkte. Er ging Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 156 <?page no="157"?> davon aus, dass die Südstaaten juristisch immer der Union angehört hatten und die „Restauration“ deshalb so weit wie möglich von den Staaten selbst im Zusammen‐ wirken mit dem Präsidenten als Oberbefehlshaber der Streitkräfte vorgenommen werden sollte. Ein anderes Motiv war sicherlich die realistische Annahme, dass die weißen Südstaatler gegen eine Umwälzung der Besitzverhältnisse und eine völlige Gleichstellung der Schwarzen erbitterten Widerstand leisten würden. Lincoln schlug deshalb vor, dass die Reorganisation einer Staatenregierung beginnen konnte, sobald 10 Prozent der Wähler von 1860 einen Loyalitätseid auf die Union geleistet hatten. Im Kongress wuchs jedoch der Einfluss radikaler Abgeordneter und Senatoren, die Lincolns Verfassungsinterpretation widersprachen - ihrer Meinung nach standen die Sezessionsstaaten außerhalb der Union und konnten nur per Bundesgesetz wieder eingegliedert werden - und die gleichzeitig auf eine wirtschaftliche und soziale Bes‐ serstellung der befreiten Sklaven drängten. Ihr Programm war in der Wade-Davis Bill vom Juli 1864 enthalten, die Loyalitätsbekundungen einer Mehrheit der weißen Männer zur Voraussetzung der Reintegration erklärte und alle Südstaatler von den Wahlen zu verfassunggebenden Versammlungen ausschloss, die gegen die Union gekämpft hatten. Vor seinem Tode war Lincoln um einen Ausgleich mit dem Kongress bemüht gewesen, aber ob er zustande gekommen wäre, lässt sich schwer sagen. Immerhin machte der Präsident Zugeständnisse in der Frage des Wahlrechts für Schwarze, das er zunächst auf ehemalige Unionssoldaten und gebildete Afroamerikaner beschränkt wissen wollte. Obwohl Andrew Johnson im Ruf eines erbitterten Gegners der Südstaaten-Aristo‐ kratie stand, behielt er als Präsident Lincolns ursprünglichen Kurs nicht nur bei, sondern milderte ihn zur allgemeinen Überraschung sogar noch ab. Er verlangte lediglich, dass die abtrünnigen Staaten ihren Sezessionsbeschluss rückgängig machten und das 13. Amendment ratifizierten, das die Sklaverei verbot. Eine großzügige Am‐ nestieregelung, die Johnson noch durch zahlreiche persönliche Begnadigungen hoher Amtsträger der Konföderation ausdehnte, erlaubte den meisten weißen Südstaatlern wieder die politische Betätigung. Johnson genoss offenkundig die Macht, die ihm sein verfassungsmäßiges Begnadigungsrecht (pardon power) über die Pflanzerelite gab, und er hoffte wohl, sich auf diese Weise eine politische Basis im Süden schaffen zu können. Er näherte sich immer mehr den Demokraten an, die er mit konservativen Republikanern zu einer neuen Partei, der „National Union“, vereinigen wollte. Bis Ende 1865 hatten sämtliche Südstaaten die vom Präsidenten gestellten Bedin‐ gungen erfüllt und reklamierten die gleichberechtigte Teilnahme am politischen Leben der Union. Andererseits zeigten jedoch die Berichte aus dem Süden immer deutlicher, dass die Plantagenbesitzer im Einvernehmen mit den Parlamenten und Regierungen ihrer Staaten alle Selbstbestimmungsregungen von ehemaligen Sklaven brutal unter‐ drückten. Die Schwarzen, die auf eigenes Farmland gehofft hatten, mussten vielfach schlecht bezahlte Kolonnenarbeit (gang labor) auf den alten Plantagen leisten und wurden durch gesetzliche Vorschriften (Black Codes) auf einen sklavenähnlichen Status herabgedrückt. Ausschreitungen weißer Mobs und gezielte Gewalttaten (lynchings) sollten nicht nur die afroamerikanische Bevölkerung einschüchtern, sondern auch 3 Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten Afroamerikaner 157 <?page no="158"?> die weißen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Freedmen’s Bureau entmutigen, das der Kongress damit beauftragt hatte, den Übergang der schwarzen Bevölkerung von der Sklaverei zur Freiheit durch praktische Hilfe, Ausbildung und Rechtsschutz zu erleichtern. Der offizielle Name dieser Behörde - Bureau of Refugees, Freedmen, and Abandoned Lands - zeigte an, dass der Kongress zumindest in bescheidenem Ausmaß auch an die Verteilung von Land an ehemalige Sklaven gedacht hatte. Die Südstaatler setzten aber alle Hebel in Bewegung, um solche aus ihrer Sicht revolutionären Maßnahmen zu verhindern. Als der Kongress im Dezember 1865 wieder zusammentrat, veranlassten diese alarmierenden Nachrichten die republikanische Mehrheit dazu, den gewählten Abge‐ ordneten und Senatoren aus dem Süden ihre Sitze zu verweigern. Stattdessen richteten die Republikaner ein Joint Committee on Reconstruction ein, das zusammen mit dem Präsidenten ein neues Programm ausarbeiten sollte. Eine solche Kooperation scheiterte 1866 jedoch in erster Linie am Verhalten Johnsons, der selbst moderate Maßnahmen des Kongresses wie eine Verlängerung der Existenz des Freedmen’s Bureau oder die Definition der Bürgerrechte von befreiten Sklaven (die noch nicht das Wahlrecht einschloss) harsch kritisierte und mit seinem Veto belegte. Das kostete ihn allerdings den letzten Rückhalt bei den gemäßigten Republikanern, die nun zusammen mit den Radikalen um Thaddeus Stevens und Charles Sumner die Vetos überstimmten. Gemein‐ sam legten Gemäßigte und Radikale im April 1866 den Entwurf eines 14. Amendments vor, das in der Frage der Bürgerrechte über die bisherige Position hinausging. Danach waren alle in den USA geborenen oder naturalisierten Personen Bürger der USA und ihres jeweiligen Staates; kein Staat durfte die Bürgerrechte der Vereinigten Staaten einschränken oder einem Bürger ohne ordentliches Gerichtsverfahren (due process of law) Leben, Freiheit oder Besitz nehmen; ebenso wenig durfte er ihm die Rechtsgleichheit und den Rechtsschutz (equal protection of the law) verwehren. Falls ein Staat das Wahlrecht seiner Bürger einschränkte, sollte seine Repräsentation im Kongress entsprechend verringert werden. Abgerundet wurden diese - bewusst recht vage gehaltenen - Bestimmungen durch eine Klausel, die besagte, dass ehemalige Füh‐ rungspersönlichkeiten und Mandatsträger der Konföderation solange kein politisches Amt ausüben durften, bis der Kongress sie mit Zweidrittelmehrheit amnestierte. Ermutigt von Präsident Johnson, der nun vollends auf einen schroffen Konfrontati‐ onskurs ging, lehnten die Staatenparlamente des Südens (nur der border state Tennessee bildete eine Ausnahme) die Ratifizierung des Amendments ab, womit es vorerst gescheitert war. Bei den Zwischenwahlen von 1866 erntete Johnson jedoch nicht den erhofften Beifall der Öffentlichkeit; ganz im Gegenteil bauten die Republikaner ihre Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses so weit aus, dass sie ohne Mühe jedes Veto des Präsidenten überstimmen konnten. Damit waren die Weichen gestellt für eine neue, härtere Rekonstruktionspolitik, zugleich aber auch für einen Verfassungskonflikt zwischen Exekutive und Legislative, der an Intensität noch den „Bankkrieg“ der 1830er Jahre hinter sich lassen sollte. Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 158 <?page no="159"?> Die Phase der radikalen Rekonstruktion, 1867 - 1872 Im Frühjahr 1867 verabschiedete der Kongress über das Veto Johnsons hinweg den Reconstruction Act, der den Süden (außer Tennessee) in fünf Besatzungszonen unter dem Kommando von Unionsgenerälen aufteilte. Diese Militärgouverneure erhielten den Auftrag, alle erwachsenen schwarzen Männer als Wähler zu registrieren und danach für die Annahme neuer Staatenverfassungen sowie für die Wahl neuer Staatenparlamente zu sorgen. Als Hauptbedingungen für die Wiederaufnahme der Staaten in die Union setzte der Kongress fest, dass die Verfassungen das Wahlrecht der schwarzen Männer (black suffrage) garantieren mussten und dass die Parlamente das 14. Amendment ratifizierten. Dieses Programm, das außer dem Recht auf Bildung und einer Bodenreform zu Gunsten der ehemaligen Sklaven alle Forderungen der radikalen Republikaner erfüllte, wurde im ständigen Streit mit Präsident Johnson verwirklicht. Im Süden entstanden nun die reconstruction governments, in denen unionstreue weiße Südstaatler, Republikaner aus dem Norden und Afroamerikaner zusammenarbeiteten. Siedlergruppen, die erst vor kürzerem aus Europa eingewandert waren, wie die Deut‐ schen in Texas, schlossen sich ebenfalls in der Regel dieser republikanischen Koalition an. Das eigentlich Revolutionäre (und für viele Weiße Unerträgliche) war jedoch die Beteiligung von Schwarzen, die insgesamt mehr als 600 Parlamentsabgeordnete stellten und in einer Reihe von Staaten auch Regierungsämter bekleideten. Dreizehn Afroamerikaner wurden während dieser Zeit in das US-Repräsentantenhaus gewählt, und 1870 entsandte das Parlament von Mississippi den Pfarrer Hiram R. Revels als ersten Schwarzen in den US-Senat. Während es sich bei den Staatenabgeordneten mehrheitlich um ehemalige Sklaven (freedmen) handelte, fielen die höheren Posten gewöhnlich an Schwarze, die schon vor dem Bürgerkrieg ihre Freiheit erlangt hatten. Zu den ersten Maßnahmen der Rekonstruktions-Regierungen gehörte die Aufhe‐ bung der diskriminierenden Black Codes, die häufig lediglich umformulierte slave codes gewesen waren. Auf der Grundlage der neuen, fortschrittlichen Verfassungen bemühten sie sich dann um soziale und humanitäre Reformen, um eine Verbesserung der Infrastruktur und um den Aufbau von Industrien, die den landlosen ehemaligen Sklaven Arbeit geben sollten. Viele der Projekte waren allerdings zu ehrgeizig und kostspielig, um in den Südstaaten, die noch unter den Kriegsfolgen litten, echte Realisierungschancen zu haben. Erfolge stellten sich dagegen im Bildungswesen ein, das im Süden stets vernachlässigt worden war. Alle Staaten bauten nun öffentliche Schulen, in denen der Unterricht - oft von Mitarbeitern des Freedmen’s Bureau oder nordstaatlicher Reformgesellschaften - kostenlos erteilt wurde. An der Tatsache, dass die Schulen fast durchweg „segregiert“, d. h. nach Rassen getrennt waren, nahm unter den gegebenen Umständen kaum jemand Anstoß. Das Verlangen vieler Schwarzer, ihr Schicksal selbst zu gestalten, spiegelte sich auch im Bau eigener Kirchen und in religiö‐ sen Zusammenschlüssen wie der National Baptist Convention und der African Methodist Episcopal Church wider. Schwarze Kirchen, die schon vor der Emanzipation maßgeblich zur Ausformung einer afroamerikanischen Kultur und Identität beigetragen hatten, erfüllten nun zusätzliche Aufgaben als Sozialstationen und politische Versammlungs‐ 3 Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten Afroamerikaner 159 <?page no="160"?> stätten. Pfarrer agierten häufig gleichermaßen als geistliche und weltliche community leaders und hielten - zusammen mit Handwerkern - den höchsten Anteil an der neuen politischen Elite der Schwarzen im Süden. Abb. 10: Die ersten afroamerikanischen Senatoren und Repräsentanten des US-Kongresses, 1872 Die konservativen Weißen, die all dies als höchst bedrohlich und umstürzlerisch ansa‐ hen, setzten ihre Hoffnungen zunächst noch auf Präsident Johnson. Der Kongress hielt den Präsidenten aber mit Hilfe des Tenure of Office Act in Schach, der ihm untersagte, hohe Beamte, Offiziere und Richter ohne einen entsprechenden Parlamentsbeschluss zu entlassen. Damit wollten die Republikaner insbesondere Kriegsminister Edwin M. Stanton und Armee-Oberbefehlshaber Grant schützen, die das radikale Rekonstrukti‐ ons-Programm befürworteten und maßgeblich zur praktischen Durchsetzung beitru‐ gen. Als Präsident Johnson in der Überzeugung, das Gesetz sei verfassungswidrig, Stanton Anfang 1868 trotzdem entließ, kam es zum offenen Konflikt. Gemäß der Im‐ peachment-Klausel in der Verfassung erhob das Repräsentantenhaus im Februar 1868 mit großer Mehrheit Amtsanklage gegen Johnson, wobei die Verletzung des Tenure of Office Act den Hauptvorwurf bildete. Tatsächlich war dies aber der Höhepunkt eines politischen Machtkampfes zwischen den beiden Regierungszweigen, den Johnson Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 160 <?page no="161"?> durch provozierende Reden und Handlungen zusätzlich aufgeheizt hatte. Da die Re‐ publikaner im Senat, der das Urteil fällen musste, über die nötige Zweidrittelmehrheit verfügten, schien Johnsons Amtsenthebung sicher. Der politische Hintergrund der Anklage und die Sorge, die Autorität der Exekutive könnte irreparabel beschädigt werden, veranlassten dann aber im Mai mehrere Republikaner, mit der demokratischen Minderheit gegen die Amtsenthebung zu stimmen. Johnson entging auf diese Weise knapp der Absetzung, aber er hatte doch eine Niederlage erlitten, die ihn während der letzten Monate im Weißen Haus politisch lähmte. Für die Präsidentschaftswahlen im November 1868 wurde er nicht mehr nominiert, und der republikanische Kandidat, der Kriegsheld Ulysses S. Grant, setzte sich mühelos gegen den demokratischen Bewerber Horatio Seymour durch. Die Republikaner nutzten den Sieg, um im Kongress einen weiteren Verfassungszusatz zu beschließen, der den Staaten ausdrücklich verbot, ihren Bürgern das Wahlrecht „auf Grund von Rasse, Hautfarbe oder früherer Knechtschaft“ zu versagen. Die Ratifizierung dieses 15. Amendments erfolgte 1870, wobei mehrere Nordstaaten auffallend zögerten und vier Südstaaten nur zustimmten, um endlich wieder in die Union zurückkehren zu dürfen. Damit waren einige Lücken, die das 14. Amendment bei der Definition des Staatsbürgerrechts gelassen hatte, geschlossen, jedoch längst nicht alle, wie sich in der politischen Praxis bald zeigen sollte. Enttäuscht reagierten viele weibliche Abolitionisten, da beide Amendments die privilegierte Stellung der Männer absicherten und Frauen allen ihren Forderungen und Protesten zum Trotz auch weiterhin vom Wahlrecht ausgeschlossen blieben. Die weiße Gegenoffensive im Süden Bis 1871 hatten alle ehemaligen Konföderationsstaaten die Bedingungen der radikalen Rekonstruktion erfüllt und waren wieder Teil der Union. Die günstige Rechtslage ent‐ sprach aber nicht der Verfassungswirklichkeit im Süden, die sich seit Ende der 1860er Jahre drastisch verschlechtert hatte. Konservative und rassistische Weiße waren hier ungeachtet der militärischen Besetzung in die Offensive gegangen, um ihr Land von der Herrschaft der Schwarzen und der Republikaner zu „erlösen“. In einem Staat nach dem anderen gelang es ihnen, die Kontrolle über die Staatenparlamente zurückzuerobern. Dabei profitierten sie von politischen Fehlern und Unregelmäßigkeiten der Rekonst‐ ruktions-Regierungen, die bei der mangelnden Erfahrung der meisten Abgeordneten und Minister gar nicht ausbleiben konnten. Berechtigte Kritik mischten sie propagan‐ dawirksam mit einer pauschalen Verächtlichmachung der weißen Republikaner im Süden als scalawags (wertloses Vieh) und der aus dem Norden zugewanderten Politiker und Geschäftsleute als profitgierige carpetbaggers, die nur ihre leeren Satteltaschen füllen wollten. Die Strategie der radikalen Demokraten zielte aber weit über das gewöhnliche Ringen um parlamentarische Mehrheiten hinaus. Integraler Bestandteil war eine Terror- und Mordkampagne, die den politischen Gegner einschüchtern und die schwarze Bevölkerung wieder gefügig machen sollte. Geführt wurde dieser Untergrundkrieg für home rule und white supremacy von Geheimgesellschaften, die 3 Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten Afroamerikaner 161 <?page no="162"?> sich zumeist aus ehemaligen Soldaten und Offizieren der Konföderation rekrutierten. Am weitesten verbreitet und am meisten gefürchtet war der Ku-Klux-Klan, den der Südstaaten-General Nathan Bedford Forrest bereits 1865 in Tennessee gegründet hatte und der sich zu einer Art „militärischem Arm“ der Demokratischen Partei im Süden entwickelte. Der Klan wurde zwar vom Kongress verboten und von den Militärgouverneuren - unterschiedlich konsequent - bekämpft, aber der Schrecken, den seine Anhänger schon durch ihre äußere Erscheinung (schwarze Umhänge und spitz zulaufende weiße Kapuzen) und ihre Rituale (nächtliche Umzüge mit brennenden Kreuzen) verbreiteten, ließ sich nie hinreichend eindämmen. Politischer Druck und paramilitärischer Terror allein hätten aber wohl nicht ausge‐ reicht, um die Errungenschaften der Rekonstruktion zunichte zu machen. Letztlich ausschlaggebend war der Umstand, dass die ökonomische Abhängigkeit, in der fast alle Afroamerikaner und ein beträchtlicher Teil der weißen Bevölkerung von der traditionel‐ len Pflanzer- und Unternehmerelite lebten, nicht überwunden werden konnte. Weder der Kongress noch die republikanischen Staatenparlamente brachten die Kraft und den Mut zu einer umfassenden Bodenreform auf, die aus der Masse der ehemaligen Sklaven selbstständige Kleinfarmer gemacht hätte. Ein solcher Eingriff in die existierenden Besitz- und Machtverhältnisse wäre allerdings nur unter dem lang andauernden Schutz nordstaatlicher Bajonette durchführbar gewesen. Tatsächlich wurde die Militärpräsenz im Süden aber schon seit 1869 verringert, und die Bereitschaft der Bevölkerung des Nordens, Besatzungstruppen zu finanzieren, nahm von Wahl zu Wahl ab. Ein kleiner Teil der ehemaligen Sklaven fand Beschäftigung in der Industrie, die viel langsamer wuchs als von den Republikanern erwartet. Noch weniger Schwarze gelangten in den Besitz einer Farm oder fanden Siedlungsland außerhalb des Südens, vor allem in Kansas. Die meisten Afroamerikaner blieben als Lohnarbeiter oder Kleinpächter (sharecroppers) auf den alten Baumwoll-, Zucker- oder Reispflanzungen und hatten kaum Gelegenheit, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen - es sei denn im Sinne ihrer früheren Herren. Immerhin konnten sie die eng zusammengedrängten Sklavenquartiere verlassen und Familienunterkünfte bauen, die über die gesamte Plantage verstreut lagen. Das Ende der Rekonstruktion Im Norden nahm das Interesse an Rekonstruktion und Rassenproblematik nach der Wiederwahl Präsident Grants 1872 und insbesondere nach dem schweren wirtschaft‐ lichen Einbruch von 1873 rapide ab. Mehr und mehr Weiße zeigten sich von der demokratischen Propaganda für home rule beeindruckt und schrieben die Misserfolge im Süden der Inkompetenz und Minderwertigkeit der Schwarzen zu. Ebenso wie die Demokraten propagierten auch die liberalen Republikaner, die sich 1872 von der Partei abgespalten hatten, den Rückzug der Besatzungstruppen und eine Begnadigung der wenigen noch vom öffentlichen Leben ausgeschlossenen Ex-Konföderierten. Der Kongress gab diesem Drängen schrittweise nach, zumal die Demokraten 1874 erstmals wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus eroberten. Der Verlust der militärischen Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 162 <?page no="163"?> Unterstützung bedeutete aber unweigerlich das Ende der Rekonstruktions-Regierun‐ gen und die Machtübernahme der Demokraten im Süden. 1877 kontrollierten die Republikaner nur noch drei Südstaaten - Louisiana, South Carolina und Florida -, und hier standen auch die letzten schwachen nordstaatlichen Truppenkontingente. Der Kongress unternahm zwar mit dem Civil Rights Act von 1875 noch einen schwachen Versuch, der Diskriminierung der Schwarzen entgegenzuwirken, doch der Supreme Court, der die Befugnisse der Bundesregierung in Rassenfragen von Anfang an sehr eng ausgelegt hatte, erklärte dieses Gesetz wenige Jahre später für verfassungswidrig. Die Präsidentschaftswahlen von 1876 fielen so knapp aus, dass der Erfolg des Republikaners Rutherford B. Hayes nur durch ein informelles Übereinkommen mit den Demokraten sichergestellt werden konnte. Um die nötigen Wahlmännerstimmen zu erhalten, sagten die Republikaner eine wirtschaftliche Unterstützung des Südens, vor allem aber den Abzug der letzten Unionstruppen zu. Hayes hatte ohnehin schon im Wahlkampf versprochen, die militärische Besetzung zu beenden, und er ließ den Worten rasch Taten folgen. Die Bevölkerung des Nordens, deren Aufmerksamkeit voll und ganz von Wirtschaftsfragen absorbiert war, nahm das Ende der Rekonstruktion und den Sturz der letzten republikanischen Staatenregierungen 1877 nur noch am Rande wahr. Fortan galten die Bürgerrechte der Schwarzen und die Rassenbeziehungen als lokale Angelegenheiten, aus denen sich die Bundesregierung besser heraushielt - nicht nur im Süden, sondern auch im Norden und Westen. Die Rekonstruktion war weder, wie noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein behaup‐ tet wurde, eine gewaltsame Schmähung des wehrlosen Südens durch rachsüchtige, ausbeuterische Yankees, noch darf sie, was in jüngerer Zeit häufig geschah, als viel zu kurz greifendes, nahezu folgenloses Unterfangen abgetan werden. Beide Sichtweisen verkennen die Komplexität und Vielschichtigkeit der Veränderungen, die sich nach dem Krieg im Süden vollzogen. Gemessen an der epochalen Bedeutung der Sklavenbefreiung fiel der politische und soziale Wandel, den die Rekonstruktion bewirkte, bescheiden und enttäuschend aus. In manchen Bereichen wie Familie, Gemeindeleben und Erziehungs‐ wesen gab es aber beträchtliche Verbesserungen, und einzelne Gruppen - die schon seit längerem freien Schwarzen, die mixed race-Elite in Louisiana, die Schwarzen in den Städten - zogen mehr Nutzen aus dem gesellschaftlichen Umbruch als andere. Bedeutsam, wenngleich schwer messbar, waren auch der Bewusstseinswandel und das gewachsene Selbstvertrauen vieler Schwarzer. Andererseits ist unverkennbar, dass jeder denkbaren Art von Rekonstruktion durch die vorherrschenden Mentalitäten und die gegebenen materiellen Rahmenbedingungen enge Grenzen gezogen waren. Auch im Norden konnten sich nur wenige Weiße vorstellen, gleichberechtigt mit den Schwar‐ zen zusammenzuleben. Die große Mehrheit zog deshalb in den 1870er Jahren eine Aussöhnung mit den Kriegsgegnern von einst dem unbefristeten militärischen Schutz der schwarzen Bürgerrechte vor. Wirtschaftlich war der Süden durch die Kriegsfolgen weiter hinter den Norden zurückgefallen, woran die Rekonstruktions-Regierungen nichts hätten ändern können, selbst wenn sie noch so fähig und unbestechlich gewesen wären. Bei den ehemaligen Konföderierten hinterließen Niederlage, erzwungene Eman‐ 3 Die Wiedereingliederung des Südens und die Rechte der befreiten Afroamerikaner 163 <?page no="164"?> zipation und militärische Besetzung seelische Wunden und Ressentiments, die sich mit Versöhnungsrhetorik und nationalem Pathos nur mühsam überdecken ließen. Die Re‐ publikanische Partei, die man für Sklavenbefreiung und Rekonstruktion verantwortlich machte, blieb im „soliden Süden“ (solid South) der konservativen weißen Demokraten auf Jahrzehnte hinaus chancenlos. Der Bürgerkrieg hatte die Abtrennung des Südens verhindert, seine Sonderentwicklung aber keineswegs beendet, ja das Bewusstsein einer „Southern culture“ eher noch gestärkt. 4 Die Erschließung und Transformation des amerikanischen Westens Durch Bürgerkrieg und Rekonstruktion war die amerikanische Nation psychologisch sehr gespalten. Aus der Sicht Washingtons erforderte dies eine Rücksichtnahme auf die Interessen und Empfindlichkeiten der Regionen und Einzelstaaten, die den politischen Handlungsspielraum der Bundesregierung eng begrenzte. Es verwundert deshalb nicht, dass auf Lincoln eine Reihe schwacher Präsidenten folgte, die sich weitgehend damit begnügten, den Willen des Kongresses zu exekutieren. Die Außenpolitik verlor viel von dem expansiven Schwung, den ihr die Ideologie der Manifest Destiny vor der Jahrhundertmitte vermittelt hatte. Der Kauf Alaskas von Russland 1867 stellte zwar einen enormen territorialen Zuwachs dar, doch die öffentliche Reaktion war eher negativ, da sich nur wenige Amerikaner eine Vorstellung von der strategischen Bedeu‐ tung dieses Gebiets machen konnten und kaum jemand ahnte, welche unermesslichen Bodenschätze dort schlummerten. Vereinzelt gab es noch die Hoffnung, dass Alaska durch einen Beitritt Kanadas zur Union direkt mit den Vereinigten Staaten verbunden werden könnte. In der Praxis wurden aber keinerlei Schritte unternommen, die zur Erfüllung dieses alten Traums hätten führen können; seine Realisierung rückte nach der Gründung des Dominion Kanada im Jahr 1867 - dieser Akt der Selbstbehauptung erfolgte nicht zuletzt als Reaktion auf den Ausgang des amerikanischen Bürgerkriegs - ohnehin in weite Ferne. Im ausgehenden 19. Jahrhundert konzentrierten die Amerika‐ ner ihre Energien auf von Krisen nur kurzfristig gebremste Industrialisierung und die Erschließung der riesigen Westgebiete. Frederick J. Turners Frontier-These Im Bericht der Zensusbehörde von 1890 fand sich die Feststellung, es gebe keine Frontier im Sinne einer geographischen Siedlungsgrenze mehr. Dies nahm der Historiker Frederick Jackson Turner, der an der University of Wisconsin in Madison lehrte, zum Anlass einer Neuinterpretation der amerikanischen Geschichte, die als „Frontier-These“ berühmt geworden ist. In dem 1893 vor der American Historical Association in Chicago gehaltenen Vortrag „The Significance of the Frontier in American History“ behaup‐ tete Turner, dass der Westen weit mehr als nur ein „Sicherheitsventil“ für soziale Konflikte in den bereits besiedelten Gebieten der USA gewesen sei. Vielmehr habe Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 164 <?page no="165"?> die Frontier der amerikanischen Demokratie als eine Art „Jungbrunnen“ gedient, als Quelle der Erneuerung traditioneller Werte und Ort der ständigen Bewährung für das Individuum. Den nach Westen vordringenden Pionier verstand Turner - ganz im Sinne Thomas Jeffersons - als den eigentlichen Träger demokratischer Ideale, und die Frontier erschien ihm als Inbegriff dessen, was die Vereinigten Staaten von Europa unterschied und was sie zum Fortschritt der Menschheit beitrugen. An der Siedlungs‐ grenze, wo sich Natur und Zivilisation begegneten, wurde nicht nur das Individuum umgeformt, sondern erhielt die gesamte Nation ihren spezifischen, unverwechselbaren „amerikanischen Charakter“. Während die Reformvorschläge, mit denen Turner dem Verschwinden der Frontier begegnen wollte, wenig Aufmerksamkeit fanden, entwi‐ ckelte der „Frontier-Mythos“, der den Glauben an die Einzigartigkeit und besondere Bestimmung der USA bekräftigte, ein bis in die Gegenwart wirkendes Eigenleben. Die Geschichtswissenschaft kreidet Turner zwar etliche Irrtümer und Versäumnisse an: So hat er offenkundig die Bedeutung des Einflusses unterschätzt, den die Ostküste mit ihren Institutionen, Werten und Ideologien auf den Westen ausübte; darüber hinaus idealisierte er die Frontier, indem er negative Aspekte wie Gewalttätigkeit, Landspekulation, hemmungslose Ausbeutung der Natur und Zerstörung indianischer Kulturen vernachlässigte. Ebenso wenig schenkte er dem Beitrag der Frauen, der Schwarzen und der Asiaten zur „Eroberung des Westens“ die gebührende Beachtung. Dennoch wird die von Turner angeschnittene Frage des „American exceptionalism“ auch heute noch lebhaft diskutiert. Die Glorifizierung des „Wilden Westens“ in Medien und Werbung sowie die Neigung, die Raumfahrt oder andere moderne Technologien als die New Frontier bzw. Last Frontier zu bezeichnen, lassen erkennen, welch enorme Sug‐ gestivkraft der Frontier-Metapher das gesamte 20. Jahrhundert hindurch innewohnte. Abb. 11: John Gast, American Progress, 1872 4 Die Erschließung und Transformation des amerikanischen Westens 165 <?page no="166"?> Der transkontinentale Eisenbahnbau Selbst bei nüchterner Betrachtung springt die verkehrsmäßige Erschließung des amerikanischen Westens als eine der bedeutendsten kollektiven Leistungen (und eines der größten Abenteuer) des 19. Jahrhunderts ins Auge. Zum Symbol des „Eisenbahn‐ zeitalters“ wurde die Union and Central Pacific Railroad von Omaha, Nebraska, nach Sacramento, Kalifornien, für deren Bau der Kongress 1862 mitten im Bürgerkrieg das Startzeichen gegeben hatte und die im Mai 1869 die erste durchgehende Verbin‐ dung zwischen Ost- und Westküste ermöglichte. Beide beteiligten Bahngesellschaften, die Union Pacific Company und die Central Pacific Company, erhielten zusammen 20 Millionen Dollar Kredite von der Bundesregierung, die sie als Sicherheiten für die von ihnen ausgegebenen Aktien benutzen konnten. Profitabler waren noch die großzügigen Zuweisungen an Bundesland beiderseits des Schienenstrangs, das an große Siedlungsgesellschaften weiterverkauft wurde. Für die Union Pacific Co. arbei‐ teten vorwiegend Einwanderer aus Europa und Bürgerkriegsveteranen, darunter viele Schwarze; die Central Pacific Co. warb dagegen hauptsächlich Chinesen an, die als besonders genügsam und ausdauernd galten. Damit begann die asiatische Immigra‐ tion in die USA, die binnen kurzem von Ausschreitungen und diskriminierenden Maßnahmen gegen die „gelben Kulis“ begleitet wurde. Die Chinesen, deren Zahl bis Anfang der 1880er Jahre auf über 300.000 anstieg, waren denn auch die erste ethnische Gruppe, die - beginnend mit dem Chinese Exclusion Act von 1882 - offiziell von der Einwanderung in die USA ausgeschlossen wurde. Auf die Union and Central Pacific Railroad folgten bis 1890 noch vier weitere transkontinentale Eisenbahnlinien. Zusammen mit den von Einzelstaaten, Kreisen und Städten ebenfalls reichlich subventionierten Seitenlinien entstand so binnen kurzem ein relativ dichtes Verkehrsnetz, das den Westen mit den Industrie- und Bevölkerungszentren der Ostküste und des Mittleren Westens verband und an dessen Knotenpunkten neue Siedlungen aus dem Boden schossen. Insgesamt wuchs das amerikanische Schienennetz zwischen 1870 und der Jahrhundertwende von 53.000 auf ca. 200.000 Meilen, womit es weiterhin länger war als die Bahnlinien im Rest der Welt zusammengenommen. Eisenschienen wurden durch leistungsfähigere Stahlschienen ersetzt, und Verkehrshindernisse wie verschiedene Spurbreiten und unterschiedliche technische Standards, die zunächst noch üblich waren, konnten in den 1880er Jahren beseitigt werden. Gleichzeitig mit dem Schienenbau zog man Telegraphenleitungen, die während des Bürgerkriegs in Gebrauch gekommen waren und die nun eine blitz‐ schnelle Nachrichtenübermittlung von einem Ende der Union zum anderen zuließen. Wie der Kanal- und Eisenbahnbau seit den 1820er Jahren zur Entstehung einer Markt‐ wirtschaft zwischen Ostküste und Mississippi beigetragen hatte, so förderte diese neue „Transport- und Kommunikationsrevolution“ die Ausbreitung des Marktsystems über den gesamten Kontinent. Die Konsequenzen waren vielfältiger Art: ein Aufschwung der Eisen- und Stahlindustrie, des Kohlebergbaus und des Maschinenbaus; die Verbes‐ serung und Standardisierung der Eisenbahntechnik, die weltweit vorbildlich wurde; eine regionale wirtschaftliche Spezialisierung und Arbeitsteilung als Voraussetzung für Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 166 <?page no="167"?> den Übergang zur Massenproduktion; eine Reduzierung der Frachtkosten pro Tonne um ca. 50 Prozent von 1870 bis 1890; eine Verringerung der Reisezeit zwischen New York und Chicago um die Hälfte auf 24 Stunden; der Anstieg der Einwandererzahlen und die Beschleunigung der Siedlung im Westen durch massive Werbekampagnen und Landverkäufe der Bahngesellschaften; und ein neues Verhältnis der Menschen zu Raum und Zeit, das vom Eisenbahnfahrplan bestimmt wurde und u. a. in den 1880er Jahren zur Einteilung der USA in vier Zeitzonen führte. Außerdem nahmen die Railroad Companies, die mit neuen Methoden des Managements, der Finanzierung, des Wettbewerbs und des Verhältnisses zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft experimentierten, trotz zahlreicher Pleiten und Skandale Modellcharakter für das amerikanische big business an. Der aride Westen und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Mehr als irgendein anderer Umweltfaktor war es die große Trockenheit, die den amerikanischen Westen definierte. In seinem Werk The Great Plains hatte der Histori‐ ker Walter Prescott Webb bereits 1931 klassisch formuliert, dass die amerikanische Gesellschaft westlich des Mississippi nur „auf einem Bein“ stehe. An der Ostküste gab es Land, Wasser und Holz, im Westen wurden der Zivilisation „zwei Beine abgenommen - Wasser und Holz“. Der im Dienste der US-Regierung stehende Ethnograph John Wesley Powell hatte bereits 1878 anlässlich einer Exkursion in den Westen prophezeit, dass zwei Fünftel der Fläche der Vereinigten Staaten nur zu 3 Prozent regulär, das heißt ohne Bewässerung, bewirtschaftbar seien. Powells Einsicht widersprach jenem amerikanischen Optimismus, der in der erfolgreichen Besiedelung des Ostens eine modellhafte, über den ganzen Kontinent hinweg fortschreibbare Entwicklung sah. Entgegen den von Hollywood vorgeführten Mythen von der Tapferkeit der Cowboys waren es meist nicht feindliche Indianerstämme, sondern klimatische Bedingungen und mangelnde Erfahrung, die sich in den ersten Jahrzehnten der Viehwirtschaft fatal für Menschen und Tiere auswirkten. Neuere Studien zur Umweltgeschichte zeigen, dass es in öden und kargen Territorien, wie Hochgebirgen oder Hochebenen, strikter Gesetze oder Konventionen zur Schonung der Ressourcen bedarf. Im Gegensatz zu den Prärieindianern, die ein nomadisches Dasein führten, verfügten die aus Europa oder dem amerikanischen Osten eingewanderten Siedler nicht über die nötige Kenntnis der ökologischen Gesetze. Hunderttausende verhungerter oder erfrorener Rinder wurden zum Opfer dieser Unkenntnis. Tragisch verlief auch die Geschichte des nordamerikanischen Bisons. Für die Native Americans waren die zotteligen Tiere Nahrung, Kleidung und Obdach. Die Zerstörung der natürlichen Lebenswelt, die Einschleppung von Krankheiten wie Tuberkulose und mehrere Jahre großer Dürre hatten bereits um 1850 zu einer Dezimierung der Büffelherden geführt, die im Wettbewerb um Wasserstellen gegenüber den Mustangs meist den Kürzeren zogen. Aber zur systematischen Ausrottung des Bisons kam es erst, als an der Ostküste zunächst die Nachfrage nach Büffelmänteln und Pemmikan 4 Die Erschließung und Transformation des amerikanischen Westens 167 <?page no="168"?> (einem mit Fett und Beeren versetzten Dörrfleisch) rapide zunahm und wenig später eine neue Gerbmethode die Verwendung des billigen Büffelleders für Gurte und Treibriemen ermöglichte. Mit dem industriellen Verwendungszweck und dem Markt im Osten war das Büffelschießen rund ums Jahr ein Profitunternehmen, und mit der Ankunft der Eisenbahn im Westen wurde das Schicksal der Bisonherden - man schätzt ihren ursprünglichen Bestand auf 30 Millionen Tiere - vollends besiegelt. Von den Waggons schossen „Sportjäger“ wild und sinnlos auf die Bisons los (übrigens hatte auch William F. „Buffalo Bill“ Cody seine spektakuläre Karriere als Büffeljäger der Kansas Pacific Railroad Company begonnen). Die Eisenbahner ernährten sich von Bisonfleisch, während sie die in Salz eingelegten Zungen der Tiere - eine kulinarische Modespezialität der 1860er und 70er Jahre - en masse in die Großstädte der USA verfrachteten. Allein in Texas, Colorado und Kansas wurden zwischen 1872 und 1874 knapp viereinhalb Millionen Bisons von weißen Jägern und über eine Million von Indianern erlegt. Im Westen, wo zwischen 1864 (Nevada) und 1896 (Utah) zehn neue Staaten entstan‐ den, beschleunigte der Eisenbahnbau die Nutzung und Ausbeutung der Bodenschätze. Auf die Schatzsucher und Prospektoren der Vorkriegszeit folgten die Bergbaugesell‐ schaften, die über das nötige Kapital verfügten und Ingenieure, Arbeiter und Maschinen gezielt einsetzen konnten. Am begehrtesten waren neben Gold und Silber nun Kupfer, Zinn und Zink, die in großen Mengen im Gebiet der Rocky Mountains gefunden wurden. An dieser Mining Frontier bildete sich eine eigene Gesellschaft heraus, in deren Mittelpunkt die boom town stand, die oft innerhalb weniger Wochen von einem Dutzend auf mehrere tausend Einwohner anwuchs, fast ebenso oft aber einige Jahre später als verlassene Geisterstadt zurückblieb. Ein Beispiel ist Virginia City im Gold- und Silberbergbaugebiet von Nevada, das 1873 über ein sechsstöckiges Hotel, ein Opernhaus, vier Banken und 131 Saloons verfügte, dessen Einwohnerzahl von 20.000 aber bis 1900 wieder auf 4000 gesunken war. In solche Orte zog es Charaktere wie Wyatt Earp, Doc Holliday, James B. „Wild Bill“ Hickock, „Calamity Jane“ (Martha Jane Cannary) und „Little Annie“ Oakley, die schon zu Lebzeiten western folk heroes wurden. Das gewöhnliche Frauenschicksal im Westen - einer zunächst vorwiegend von Männern bevölkerten Region - entsprach aber weder dem Bild der Goldsucherin und Revolverheldin in Männerkleidung noch demjenigen der Saloontänzerin oder Prostituierten. Alle diese Typen waren zwar anzutreffen, doch die meisten Frauen begleiteten ihre Männer und Brüder und arbeiteten im Haushalt oder in Restaurants und Wäschereien. Mehr als die Männer kümmerten sie sich auch um das Gemeinschaftsleben, und nicht selten starteten sie Kampagnen gegen den Alkohol, die Gewalttätigkeit und andere Laster an der Frontier. Die Atmosphäre von Gewalt und Gesetzlosigkeit, die in der Anfangsphase der Besiedlung häufig herrschte, machte in den meisten Fällen schon recht bald strengeren Maßstäben Platz, denen Bürgerkomitees oder starke Einzelpersönlichkeiten Geltung verschafften. Kaum weniger wichtig als die Bodenschätze war das Holz, das zu Baumaterial, Eisenbahnschwellen, Möbeln, Papier etc. verarbeitet wurde und darüber hinaus noch Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 168 <?page no="169"?> zur Heizung diente. Die Lumber Companies im pazifischen Nordwesten nutzten den Timber and Stone Act von 1878 aus, indem sie durch Strohmänner große Waldgebiete aufkaufen ließen, die der Kongress eigentlich in 160-acres-Stücken an Siedler hatte abgeben wollen. Auf diese Weise machten sie aus dem Holzgeschäft eine lukrative In‐ dustrie, die ganze Landstriche kahlschlug. In den 1870er Jahren meldete ein preservation movement Bedenken gegen die rücksichtslose Ausbeutung der Natur durch Holz- und Bergbaugesellschaften an und forderte zum besseren Schutz des öffentlichen Landes auf. Den ersten wichtigen Erfolg konnte diese Bewegung 1872 verzeichnen, als der Kongress den 9000 Quadratkilometer großen Yellowstone National Park im Gebiet von Wyoming, Montana und Idaho einrichtete. Der steigende Fleischbedarf in den Städten und das dichtere Eisenbahnnetz bewirk‐ ten einen Aufschwung der Viehzucht, für die sich die weiten Gebiete des Westens und Südwestens besonders gut eigneten. Zu den charakteristischen Ereignissen der Nachkriegszeit gehörten die von Cowboys begleiteten Züge der Rinderherden auf den cattle trails von Texas nach Bahnknotenpunkten wie Abilene und Dodge City in Kansas, wo die Transportzüge zu den Schlachthöfen von St. Louis und Chicago starteten. Die Viehhöfe von Chicago verwerteten Anfang der 1880er Jahre bereits über siebeneinhalb Millionen Rinder und Schweine. Chicago wurde, wie es der Umwelthistoriker William Cronon nicht ohne ironische Untertöne formulierte, zur „Metropole der Natur“. Die Abhängigkeit zwischen Natur und Großstadt, Landbear‐ beitung und Fleischverarbeitung gewann im Kalkül der Fleischproduzenten eine völlig neue Dimension. Die „meatpacking industry“ - in den 1930er Jahren wurde sie zum größten Industriezweig der USA - verband Chicago sowohl aufs Engste mit den Maisfarmern westlich der Alleghenies wie mit den Ranchern des Mittleren Westens. Erstere produzierten Futter für die Schweine; letztere züchteten Rinder. Die Praxis der Rinderzüchter, ihre Tiere auf der offenen Prärie grasen zu lassen, beschwor jedoch Konflikte mit den vordringenden Farmern herauf. Als der Kongress den Ranchern Mitte der 1880er Jahre verbot, öffentliches Land einzuzäunen, kauften einige wenige Großunternehmer die verbliebenen Weidegebiete auf und brachten das Viehgeschäft unter ihre Kontrolle. Durch die Anwendung von wissenschaftlichen Methoden bei der Züchtung und Fütterung verwandelten sie das romantisch wirkende ranching in eine rationelle Rinder-Industrie. Mit der Westwanderung der Farmer, die durch den Eisenbahnbau und die billige Landvergabe gefördert wurde, löste die Landwirtschaft die Viehzucht als wichtigsten Agrarzweig ab. Manche Hoffnung fiel dem rauen und trockenen Klima zum Opfer, aber die beginnende Landflucht wurde zunächst noch durch den Zuzug neuer Siedler ausgeglichen. Auf der Grundlage des Morrill Land Grant Act von 1862 entstanden überall im Westen Colleges und Universitäten, die sich speziell der agrarischen Forschung widmeten und neue Anbaumethoden und Produkte erprobten und einführ‐ ten. Gleichzeitig verstärkte die rasch voranschreitende Mechanisierung auch in der Landwirtschaft die Tendenz zu leistungsfähigen Großunternehmen. In den 1870er Jahren operierten auf den riesigen Weizenfeldern der so genannten „Bonanza-Farmen“ 4 Die Erschließung und Transformation des amerikanischen Westens 169 <?page no="170"?> bereits Vorläufer der modernen Mähdrescher, die von bis zu dreißig Pferden gezogen wurden. Mit der Kommerzialisierung der Landwirtschaft stieg allerdings der Grad der Abhängigkeit der Farmer von den Märkten an der Ostküste und in Europa. Ein Überangebot von Agrarprodukten ließ die Preise rasch absinken, Depressionen im industriellen Sektor verminderten ohne Vorwarnung die Nachfrage, und Natur‐ katastrophen wie Dürreperioden, Insektenplagen und Wirbelstürme bildeten eine ständige Existenzbedrohung. Aufs Ganze gesehen war jedoch ein starker Anstieg der amerikanischen Agrarproduktion zu verzeichnen, was dem Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten in den Städten zugutekam. Im Unterschied zu Europa, woher die meisten Einwanderer stammten, konnten sich nun sogar Arbeiterfamilien an ganz gewöhnlichen Wochentagen Fleisch als Nahrungsmittel leisten. Die Verdrängung der Indianer Der Eisenbahnbau und die Entstehung von Millionen neuer Farmen in den Gebieten westlich des Mississippi bedeuteten das Ende für die noch existierenden eigenständigen Indianerkulturen. Farmer, Ingenieure und Bauarbeiter betrachteten die Ureinwohner als Teil der - ebenso grandiosen wie gefährlichen - Natur des Westens, die es zu zähmen und zu überwinden galt. In Washington war man hauptsächlich an der Sicherung der Verkehrsverbindungen und am Schutz der Siedler interessiert und gedachte das „Indianerproblem“ durch die Einrichtung neuer Reservate zu lösen. Ähnlich wie die Seminolen in den 1830er Jahren in Florida wichen die Indianer auf den Great Plains der weißen Übermacht nicht kampflos, sondern leisteten teil‐ weise erbitterten Widerstand. Sporadische Auseinandersetzungen während des Bür‐ gerkriegs, bei dem sich die meisten Indianer neutral verhalten hatten, gingen ab 1865 in blutige Kämpfe und regelrechte Kriege über, die 25 Jahre lang andauerten. In diesem Vierteljahrhundert wurde das Bild des Indianers geprägt, wie es uns heute noch in Wildwestfilmen und Abenteuerbüchern begegnet. Das lag sicher daran, dass der Lebensstil der Prärieindianer für die Weißen trotz seiner Bedrohlichkeit etwas Romantisches an sich hatte: Ihre Reit- und Jagdkünste in der Weite der Great Plains, ihre spitzen Zelte (tepees), ihre Trommeln und Tänze, ihr Federschmuck und ihre farbenfrohe Kleidung symbolisierten bald den Native American schlechthin. Agenten der Bundesregierung hatten Vertreter von ca. 150.000 Indianern 1868 in Fort Laramie mit Geschenken und der Zusage jährlicher Zahlungen zum Rückzug in zwei große Reservate bewegen können, die auf dem Dakota-Territorium für die nördlichen Sioux-Stämme und in Oklahoma für die südlichen Prärieindianer eingerichtet werden sollten. Hinzu kamen verstreute kleinere Schutzgebiete für die Apache, Navaho und Ute im Südwesten sowie für Bergindianer in den Rocky Mountains und Kalifornien. Diese Vereinbarungen scheiterten jedoch daran, dass einerseits Siedler und Goldsucher die Grenzen der Reservate missachteten, andererseits einzelne Indianerstämme immer wieder in ihre alten Jagdgebiete zurückzukehren versuchten. Die Folge waren ständige bewaffnete Zusammenstöße mit den Truppen der US-Armee, aus denen der Konflikt Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 170 <?page no="171"?> um die Black Hills (im heutigen South Dakota) herausragt. Als dort Anfang der 1870er Jahre Gold gefunden wurde, bemühte sich die Bundesregierung zunächst erfolglos, dieses von den Sioux als Heiligtum verehrte Gebiet zu kaufen. Dann öffnete sie es einseitig für Prospektoren und Siedler und schickte 1876 Militär zu deren Schutz. Im Gegenzug verbündeten sich die Sioux mit den nördlichen Cheyenne-Stämmen und lieferten den Bundestruppen unter der Führung der Häuptlinge Sitting Bull und Crazy Horse mehrere heftige Gefechte. Ihren größten, aber auch letzten Sieg feierten sie am 25. Juni 1876 in der Schlacht am Little Bighorn River, bei der die 250 Mann starke Kavallerieeinheit des ebenso ehrgeizigen wie unbesonnenen Colonel George A. Custer vollständig vernichtet wurde. Auf längere Sicht hatten die Indianer jedoch keine Chance gegen die regulären Truppen, die zwar nicht sehr zahlreich, dafür aber überlegen bewaffnet waren und ihre Bewegungen mit Hilfe der neuen Nachrichten- und Verkehrsverbindungen ko‐ ordinieren konnten. Präsident Grant ließ seinen Generälen William T. Sherman und Philip H. Sheridan freie Hand, die im Bürgerkrieg erfolgreich erprobte Strategie der „verbrannten Erde“ gegen die Indianerstämme anzuwenden. Sie zielte darauf ab, durch systematische Zerstörung indianischer Siedlungen, die speziell im Winter ein leichtes Ziel boten, und durch die Dezimierung der Büffelherden den Kriegern jegliche mater‐ ielle Grundlage und Motivation für die Fortsetzung ihres Widerstands zu nehmen. Stets fanden sich allerdings auch Indianer, die dem Militär als Pfadfinder (Scouts) oder einfache Soldaten Hilfsdienste leisteten. Dagegen durften die indianischen Häuptlinge und ihre Gefolgschaft nicht auf Sympathie in der weißen Bevölkerung hoffen. Vielmehr überschlug sich die Massenpresse des Ostens geradezu mit Forderungen nach einer rücksichtslosen Unterdrückung der „Rebellion“. Crazy Horse kapitulierte 1877 und wurde noch im selben Jahr - angeblich bei einem Fluchtversuch - erstochen; Sitting Bull wich zunächst nach Kanada aus, stellte sich aber 1881 den amerikanischen Behör‐ den und trat später noch in Buffalo Bills Wildwest-Shows auf. Die überlebenden Sioux wurden in Reservate umgesiedelt, die Cheyenne sogar nach Oklahoma deportiert. 150 von ihnen machten sich 1878 auf den Heimweg, fielen unterwegs aber einem Massaker zum Opfer. Einer Odyssee glich das Schicksal der Nez Percés, die in Oregon lebten. Sie versuchten, der Einweisung in ein Reservat durch einen mehrere hundert Kilometer langen Marsch über Idaho und Montana in Richtung kanadische Grenze zu entgehen. Die Armee nahm sie 1877 kurz vor dem Ziel gefangen und transportierte sie nach Oklahoma. Einige Jahre später durften sie dann jedoch auf Reservate im Nordwesten zurückkehren. Etwa zur gleichen Zeit brach die Armee auch den Widerstand der Indianer in der südlichen Prärie und im Südwesten. General Sheridan besiegte die Kiowas, Comanchen und Cheyenne 1874 / 75 im Red River War im nördlichen Texas; die 74 „Anstifter“ dieses „Aufstandes“ wurden in Reservate nach Florida deportiert. Im Südwesten zogen sich die Kämpfe gegen Navahos und Apachen bis 1886 hin, als mit Geronimo der letzte Apachen-Häuptling im Grenzgebiet zu Mexiko aufgab. Nach Gefängnisaufenthalten in Florida und Alabama starb er schließlich 1909 in einem Fort in Oklahoma. Das 4 Die Erschließung und Transformation des amerikanischen Westens 171 <?page no="172"?> traurige Ende dieser Epoche von Indianerkriegen markierten 1890 die Ereignisse am Wounded Knee Creek in South Dakota. Sie nahmen ihren Ausgang von einer religiösen Erweckungsbewegung unter den Indianern des Westens und Südwestens, deren Prophezeiungen und Rituale - speziell der „Geistertanz“ - die Siedler und selbst die Bundesregierung stark beunruhigten. Als die Sioux im Winter 1890 zu einem großen Treffen der Stämme einluden, an dem auch Sitting Bull teilnehmen sollte, verhaftete ein Armeekommando den Häuptling in North Dakota. Diese präventive Aktion endete allerdings mit dem Tod Sitting Bulls und einiger seiner Krieger. Wenig später wurde eine Gruppe von 340 Sioux, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, die auf dem Weg zu dem - inzwischen bereits abgesagten - Indianertreffen waren, am Wounded Knee Creek von Soldaten umstellt. Bei der Entwaffnung der Männer am 29. Dezember kam es zu einem Handgemenge, woraufhin die Soldaten aus Gewehren und Kanonen das Feuer eröffneten und etwa 300 wehrlose Indianer töteten. Nach diesem Massaker erlosch die Gegenwehr der Ureinwohner, und in den Reservaten breiteten sich Resignation und Apathie aus. Erst die Bürgerrechtsbewegung der 1960er und 1970er Jahre brachte „Wounded Knee“ als Symbol für die Leiden und den Widerstand der Native Americans ins Gedächtnis der Nation zurück. Das übergreifende Ziel der Indianerpolitik blieb die Assimilation, das Aufgehen der Indianer in die weiße Gesellschaft. Nach dem Bürgerkrieg hatten sich die Kirchen verstärkt dieser Umerziehungsaufgabe angenommen, doch mit ihrem Bemühen, alle „heidnischen“ Sitten und Gebräuche auszumerzen, trugen sie nur noch zur Demora‐ lisierung der Indianer bei. In den 1880er Jahren wuchs allerdings die Kritik an den Zuständen in den Reservaten und an der schon fast sprichwörtlichen Korruption des Bureau of Indian Affairs. Die Vorschläge der Reformgesellschaften, die sich nun bildeten (Women’s National Indian Rights Association; Indian Rights Association), waren am Modell der weißen Farmerfamilie orientiert, obwohl den Indianern die privatwirt‐ schaftliche Nutzung von Grund und Boden unbekannt war. Dem Drängen der Reformer nachgebend, verabschiedete der Kongress 1887 den Dawes Severalty Act, der jeder indianischen Familie, die es wünschte, 65 Hektar Farmland oder 130 Hektar Weideland aus der Reservatfläche übereignete. Der Verkaufserlös des restlichen Reservatslandes - das oft die fruchtbarsten Gebiete umfasste - sollte als Startkapital für die indianischen Farmer verwendet werden. Obwohl die Regierung auf 25 Jahre die Treuhandschaft für das zugewiesene Land übernahm, ging ein großer Teil des indianischen Grund und Bodens recht bald an Spekulanten und Betrüger verloren, die ihn mit hohem Gewinn an weiße Siedler weiterverkauften. Die ungewollten Hauptergebnisse der Reformen waren also eine beträchtliche Verkleinerung der Reservate und eine fortschreitende Verarmung der indianischen Bevölkerung. Im Oklahoma-Territorium, das ursprünglich nicht unter den Dawes Act fiel, zeitigte der unersättliche weiße „Landhunger“ ganz ähnliche Ergebnisse. 1889 kam es hier zum ersten von mehreren land rushes, bei dem sich weiße Siedler Land aneignen konnten, das man den Indianern auf verschiedene Weise abgenommen und „freigegeben“ hatte. Nach und nach wurden die Führer der „fünf zivilisierten Stämme“ dann überredet, Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 172 <?page no="173"?> die Bestimmungen des Dawes Act anzuerkennen und zusammen mit den Weißen eine Staatsverfassung zu entwerfen. Als Oklahoma 1905 in die Union aufgenommen wurde, besaßen die Native Americans nur noch einen kleinen Teil des Landes, das ihnen die Bundesregierung ursprünglich als Reservat zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Prozess der Reduzierung der Reservate und der Verelendung ihrer Bevölkerung vollzog sich fast überall mit scheinbarer Naturgesetzlichkeit. Nur ganz wenige Stämme, hauptsächlich Pueblo-Indianer im Südwesten, lebten am Ende des Jahrhunderts noch auf dem Land ihrer Vorfahren. Die Krise nahm existenzbedrohende Ausmaße an: Der Zensus von 1890 verzeichnete in den gesamten USA noch knapp 250.000 Indianer, und bis zur nächsten Volkszählung von 1900 sank die Urbevölkerung auf unter 240.000 ab, was ihren historischen Tiefpunkt markierte. Die Native Americans hatten ihre kulturelle Identität weitgehend verloren, und ihre physische Existenz hing von den Zuwendungen der Bundesregierung und den Spenden wohltätiger Organisationen ab. Die stille Hoffnung mancher Amerikaner, das Indianerproblem werde sich bald „von selbst erledigen“, ging jedoch nicht in Erfüllung. Wider Erwarten fanden die Überleb‐ enden der Indianerkriege die Kraft, durch Anpassung an die veränderte Lage und Rückbesinnung auf alte Stammestraditionen der Gefahr einer vollständigen ethnischen Auslöschung zu entgehen. 5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht Besonderheiten der amerikanischen Industrialisierung Der säkulare wirtschaftliche Wachstums- und Modernisierungsprozess, der die Ge‐ schichte der Vereinigten Staaten im Grunde seit ihrer Entstehung bestimmte, trat nach dem Bürgerkrieg in eine neue Phase: Im Innern wurde die Industrie zum beherrsch‐ enden Sektor, und im Weltzusammenhang rückten die USA von der Peripherie des kapitalistischen Systems allmählich näher zum Zentrum. Bereits 1851, anlässlich der ersten Weltausstellung in London, hatte es ein Kommentator im Economist für „so sicher wie die nächste Sonnenfinsternis“ gehalten, dass die USA letztlich England über‐ flügeln würden. Unter Wissenschaftlern ist immer noch umstritten, ob der Bürgerkrieg diese Entwicklung beschleunigte oder eher etwas verzögerte; im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts brach sie sich jedenfalls stürmisch Bahn. Wenn in diesem Zusammen‐ hang von einem amerikanischen „Exzeptionalismus“ gesprochen wird, dann meint das vor allem zwei generelle Trends: Erstens vollzog sich die forcierte Industrialisierung in den USA dezentraler und weniger staatlich gelenkt oder reguliert als in fast allen anderen Ländern; es entstand deshalb auch kein bürokratischer Leviathan in Gestalt eines übermächtigen Zentralstaates, der die Freiheit seiner Bürger bedrohen konnte. Zweitens gab es zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und politischer Demokratie zwar erhebliche Spannungen, aber keinen unüberwindlichen Gegensatz. Obwohl die Interessenkonflikte an Zahl und Härte zunahmen, blieb eine Spaltung der Gesellschaft 5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht 173 <?page no="174"?> in klar unterscheidbare, sich prinzipiell bekämpfende Klassen aus. Werner Sombarts Frage aus dem Jahr 1906, warum es in den USA keinen Sozialismus gebe, wird heute in erster Linie mit dem Hinweis auf die vielfach fragmentierte, pluralistische Einwande‐ rergesellschaft der Vereinigten Staaten beantwortet. Immer noch im Gespräch ist auch der Erklärungsansatz von Sombarts Kollegen Max Weber, der einen Zusammenhang zwischen den religiös-kulturellen Sprüngen der USA und ihrer Wirtschaftsordnung postulierte. Seine 1920 veröffentlichte Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ entfaltete ähnlich weitreichende Wirkungen wie Turners Frontier-These. Gewiss spielte aber auch die amerikanische Verfassungstradition eine wichtige Rolle, die den Menschen die Überzeugung vermittelte, alle notwendigen Änderungen und Anpassungen könnten ohne revolutionäre Umwälzungen unter Berufung auf die Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung und im Rahmen der 1787 / 88 geschaffenen Ordnung vorgenommen werden. Trotz gelegentlich heftiger Kritik an den Erscheinungsformen des Kapitalismus stand die Verwirklichung eines alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepts in den USA deshalb niemals ernsthaft zur Debatte. Der seit Beginn des Jahrhunderts bekannte Kreislauf von Aufschwung und Krise, Boom und Bust, setzte sich nach 1865 in noch schnellerer Folge fort. In jedem Jahrzehnt war ein mehr oder minder harter und lang anhaltender wirtschaftlicher Einbruch zu verzeichnen: 1866 / 67; 1873-1878; 1884-1887; 1893-1897. Die komplexen Ursachen solcher Konjunkturzyklen blieben selbst den gebildeten Zeitgenossen verborgen, und die Panik, mit der Unternehmer und Gläubiger auf wirtschaftliche Schwankungen reagierten, verschlimmerte regelmäßig ihre Folgen. Selbst unter heutigen Wirtschafts‐ historikern sind die relative Gewichtung und das Zusammenwirken der verschiedenen Faktoren noch umstritten. Es lässt sich allerdings bereits für diese Zeit eine lebhafte Wechselwirkung zwischen rein inneramerikanischen Investitions-, Produktions- und Konsumentscheidungen und den weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen - etwa im Bereich der Rohstoffpreise und der internationalen Kreditbedingungen - beobachten. Die Wirtschaftskrisen verursachten enorme soziale Härten, aber sie konnten den Wachstumstrend stets nur kurzfristig bremsen. Die Dynamik der Industrialisierung lässt sich am besten an der starken Zunahme der gesamten Arbeiterschaft (work force) und an der dramatischen Verschiebung vom Agrarzum Industriesektor ablesen: Die Zahl der Arbeitskräfte in der Industrie und anderen nichtagrarischen Berufen betrug 1870 ca. 6 Millionen (bei einer arbeitsfähigen Bevölkerung von knapp 13 Milli‐ onen); 1900 waren dagegen (bei einer auf etwa 30 Millionen Menschen gestiegenen Arbeiterschaft) schon mehr als 18 Millionen Amerikaner im industriellen Sektor tätig; 1910 zählten 37,5 Millionen Menschen zur work force, von denen mehr als zwei Drittel (25,7 Millionen) im industriellen Sektor arbeiteten. In den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts zeigten alle volkswirtschaftlich relevanten Indikatoren steil nach oben: Der Wert der produzierten Güter stieg von ca. 3 Mrd. Dollar 1870 auf über 13 Mrd. Dollar 1900; das Bruttosozialprodukt verdreifachte sich zwischen 1869 und 1896; das Nationalvermögen wuchs von 1860 bis 1900 um 550 Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 174 <?page no="175"?> von 1860 bis 1890 um 150 Prozent, das Nettoeinkommen der Industriearbeiter im selben Zeitraum um 50 Prozent; die Produktivität pro Kopf und Arbeitsstunde konnte gegen Ende des Jahrhunderts im Durchschnitt jedes Jahr um ein Prozent erhöht werden; und der Wert aller Exporte kletterte von 234 Millionen Dollar 1865 auf 2,5 Mrd. Dollar 1900, wobei ab 1896 regelmäßig Exportüberschüsse erzielt wurden. An der Wende zum 20. Jahrhundert war London zwar immer noch das Handels- und Finanzzentrum der Welt; in Bezug auf die Industrieproduktion hatten die USA aber bereits Großbritannien und das - ebenfalls rasch aufstrebende - Deutsche Reich hinter sich gelassen. Aus der überwiegend agrarischen Union war eine führende Industrie- und Exportnation geworden; das traditionelle Schuldnerland USA führte nun selbst Kapital aus und war auf dem besten Weg, zum Gläubigerland zu werden. Die Bedingungsfaktoren der wirtschaftlichen Expansion Nach dem Bürgerkrieg setzte wieder starkes Bevölkerungswachstum ein, hervorge‐ rufen durch eine sehr hohe Geburtenrate in Verbindung mit der „zweiten Welle“ der Masseneinwanderung. Zwischen 1870 und 1890 schnellte die Einwohnerzahl der USA von 40 auf über 60 Millionen Einwohner empor, wobei knapp ein Drittel des Zuwachses auf das Konto der Immigration ging. Die großen Schifffahrtslinien boten immer billigere Atlantikpassagen an, und in den USA lockten wie eh und je günstiges Farmland, hohe Löhne, politische Freiheit und religiöse Toleranz. Die Freiheitsstatue des französischen Bildhauers Frédéric Auguste Bartholdy, die 1886 im Hafen von New York eingeweiht wurde, verkörperte die Hoffnung, dass die USA ein „offenes“ Land und eine Zufluchtsstätte für die Armen, Unterdrückten und Ausgestoßenen der Welt bleiben würden. Die monumentale Figur der Liberty war ein Geschenk der Französischen Republik an die USA, das die traditionelle Freundschaft der beiden Länder seit dem Unabhängigkeitskrieg bekräftigen sollte. In das Innere des Sockels der Statue wurde das Gedicht der jüdischen Einwanderin Emma Lazarus, „The New Colossus“, eingraviert: Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free, The wretched refuse of your teeming shore, Send these, the homeless, tempest-tost to me, I lift my lamp beside the golden door! Die Depression der 1890er Jahre bewirkte dann aber einen vorübergehenden starken Rückgang der Immigration und dokumentierte damit den engen Zusammenhang zwischen Wirtschaftslage und Zuwanderung. Nativismus und Fremdenfeindlichkeit, 5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht 175 <?page no="176"?> die im Jahrzehnt zuvor wieder aufgeflammt waren, veranlassten die Bundesregierung nun, die Kontrolle und Regulierung der Einwanderung zu übernehmen. 1891 schloss der Kongress erstmals bestimmte Gruppen wie Geisteskranke, völlig Mittellose, wegen Verbrechen oder schwerer Vergehen Vorbestrafte und Träger ansteckender Krankheiten von der Einreise aus; 1892 wurde auf Ellis Island vor dem „goldenen Tor“ nach Manhattan eine Durchgangsstation eingerichtet, die von nun an fast alle Einwanderungswilligen aus Europa passieren mussten. Abb. 12: Hester Street in New York, 1903 Im Zeitraum von 1865 bis 1890 waren die Herkunftsländer der Neuankömmlinge noch dieselben wie vor dem Krieg, aber zahlenmäßig übertrafen die Deutschen (zu denen ab 1871 auch Elsass-Lothringer und andere Minderheiten des Kaiserreichs gerechnet wurden) nun deutlich Iren, Briten und Skandinavier. Vom Beginn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich insgesamt 5,5 Millionen von ihnen in den Vereinigten Staaten nieder, die damit gut 90 Prozent aller auswanderungswilligen Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 176 <?page no="177"?> Deutschen absorbierten. Der Anteil der Frauen an der deutschen USA-Immigration lag bei erstaunlich hohen 40 Prozent. Die Deutschen siedelten vorwiegend als Farmer und Handwerker im Mittleren Westen, während die meisten Iren in den großen Städten der Ostküste als Industriearbeiter ihr Glück versuchten. Regional bedeutsam war die Immigration von Asiaten an der Westküste, wo in den großen Städten die ersten Chinatowns entstanden und wo sich die Japaner im Umkreis der Städte auf Gemüse- und Obstanbau spezialisierten. Der wichtigste ökonomische Beitrag der Immigration in dieser Phase bestand sicher darin, die Westgebiete mit Siedlern zu füllen, die sowohl Produzenten als auch Konsumenten waren, und die Industrie mit - für amerikanische Verhältnisse - billigen Arbeitskräften zu versorgen. Während 1870 nur ein Drittel aller Industriearbeiter nicht in den USA geboren war, lag der Ausländeranteil 1900 bei 60 Prozent. Die Kombination von hoher Geburtenrate und Masseneinwanderung bescherte den Vereinigten Staaten zudem eine jugendlich-dynamische Bevölkerung und förderte die Mobilität und Verstädterung: 1900 lebten bereits 40 Prozent der Amerikaner in Städten, Millionen US-Bürger wechselten nicht nur einmal, sondern mehrfach den Wohnsitz, und der Zusammenschluss von New York City mit Brooklyn, Staten Island und Teilen von Queens ließ 1898 die erste Metropole von nunmehr über 3 Millionen Einwohnern entstehen. Städte waren nicht nur Produktionszentren und Märkte, sondern sie kurbelten selbst durch die Vergabe öffentlicher Aufträge die Wirtschaft an. Durch den Bevölkerungszuwachs und die verkehrsmäßige Erschließung des Konti‐ nents kam nun erst die Tatsache voll zum Tragen, dass die USA über einen riesigen Binnenmarkt verfügten, der - anders als in Europa - nicht durch politische Grenzen und Zollschranken behindert wurde. In diesem nationalen Markt standen natürliche Ressourcen wie Land, Bodenschätze und Holz praktisch unbegrenzt zur Verfügung. So ergänzten sich beispielsweise die Kohlevorkommen in den Alleghenies auf ideale Weise mit den Eisenerzfunden im Gebiet des Lake Superior, und beides zusammen wurde zur Grundlage der Eisen- und Stahlindustrie in Pittsburgh, Cleveland und Detroit. Im Zuge der weltweiten Abkehr von der Freihandelspolitik, die sich seit den 1870er Jahren vollzog, schützten auch die USA ihre Industrien durch hohe Zölle gegen die ausländische Konkurrenz. Diese Zölle sorgten für viel innenpolitischen Zündstoff und beschworen auch erste Handelskonflikte, etwa mit dem Deutschen Reich, herauf. Sie erfüllten aber ihren Zweck, den industriellen Wachstumsprozess abzusichern und zu beschleunigen. Da die Löhne in den USA trotz der Masseneinwanderung relativ hoch blieben, ließ der Anreiz niemals nach, Arbeitskräfte durch Maschinen und neue Technologien einzusparen. Das Bemühen um wissenschaftliche Effizienz verkörperte wohl am besten Frederick W. Taylor, der als Ingenieur in einer Stahlfabrik in den 1880er Jahren begann, Arbeitsvorgänge in einzelne Bewegungen zu zerlegen und jeden Handgriff mit der Stoppuhr zu messen. Auf diesem „Taylorismus“ konnte dann die moderne Fließband- und Akkordarbeit aufbauen. Der Rationalisierungsdruck führte dazu, dass Erfindungen und organisatorische Verbesserungen schneller als in anderen Industrieländern in die 5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht 177 <?page no="178"?> Praxis umgesetzt und verwertet wurden. Der hohe Stellenwert, den die Amerikaner dem Bildungswesen und der praxisorientierten Forschung zuerkannten, erklärt sich ebenfalls zumindest teilweise aus ökonomischen Notwendigkeiten und Zwängen. Zur Dynamik des Wachstums trugen nicht zuletzt vermehrte Investitionen aus dem Ausland und eine steigende Sparrate in den USA selbst bei. Der größte Teil des gesparten Geldes (12 Mrd. Dollar 1900 im Vergleich zu 1 Mrd. Dollar 1860) wurde nun im Industriesektor angelegt. Gleichzeitig verfeinerte sich die Technik des Investierens durch die Entstehung privater Großbanken und eines öffentlichen Kapitalmarktes an der New Yorker Börse. Das Geld- und Kreditsystem der USA blieb aber trotz der im Bürgerkrieg durchgeführten Reformen die Achillesferse der wirtschaftlichen Entwicklung. Erst 1914 wurde mit dem Federal Reserve System eine - immer noch recht dezentrale und beschränkt handlungsfähige - bundesstaatliche Kontroll- und Steuerungsinstanz eingerichtet. Wachstum und Expansion wurden schließlich durch das generelle Meinungsklima des späten 19. Jahrhunderts gefördert. Der für die USA seit langem charakteristische Fortschrittsoptimismus, den der Bürgerkrieg nur vorübergehend hatte dämpfen kön‐ nen und der auch nach Wirtschaftskrisen immer wieder schnell zurückkehrte, fand Rückhalt in modernen Evolutionstheorien, wie sie die Engländer Charles Darwin und Herbert Spencer vertraten. In den USA popularisierte vor allem der Yale-Professor William Graham Sumner „sozialdarwinistische“ Ideen von einem naturgesetzlichen Fortschrittsprozess menschlicher Gesellschaften, der durch Anpassung, Vererbung und Auslese gesteuert wird. Nach Sumner war dem Wohl der Zivilisation am besten gedient, wenn der Staat die starken, zur Machtausübung und zur Übernahme von Verantwortung befähigten Individuen gewähren ließ und ihre Rechte, speziell das Eigentumsrecht, schützte. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit verband sich diese Phi‐ losophie mit traditionellen Vorstellungen von individueller Freiheit und begrenzter Regierung; der Gedanke, Regierungen und Parlamente hätten nicht viel mehr zu tun, als dem „freien Spiel der Kräfte“ Raum zu schaffen, diente zur Rechtfertigung des laissez faire-Kapitalismus, der sich in den USA um diese Zeit besonders vehement durchsetzte. Bis zum Bürgerkrieg hatten die Einzelstaaten das Wirtschaftsleben in ihrem jewei‐ ligen Bereich kontrolliert und reguliert. Ihr Einfluss ging aber in dem Maße zurück, wie die wirtschaftlichen Aktivitäten die Grenzen von Staaten und Regionen zu überwinden begannen. Die Bundesregierung war vorerst weder zur nationalen Wirtschaftsregulie‐ rung befähigt, noch hielt man sie für berechtigt, eine solche Aufgabe zu erfüllen. Von ihr wurde allenfalls erwartet, dass sie die Wirtschaft durch Subventionen und Zölle stimulierte und dass sie durch die Verhinderung von Monopolen für Chancengleichheit sorgte. Auf diese Weise entstand im föderativen System der USA gewissermaßen eine „staatsfreie“ Sphäre, in der die Unternehmer unbehindert von gesetzlichen Vorschriften und parlamentarischer Kontrolle schalten und walten konnten. Juristen und Richter des Supreme Court förderten diese Tendenz mit der Doktrin des dual federalism, derzufolge Bundesregierung und Staatenregierungen in getrennten Sphären operierten, zwischen denen eine breite Zone gesellschaftlicher Eigenverantwortlichkeit lag. Nur sehr lang‐ Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 178 <?page no="179"?> sam gewann die Überzeugung an Boden, dass die Bundesregierung diese „Lücke“ füllen müsse, um den Missbrauch privater Macht zu verhindern. Konzentration und Konsolidierung der Wirtschaft Während das Denken der meisten Menschen noch dem Ideal einer republikanischen Gesellschaft von Kleinproduzenten verhaftet war, vollzogen sich in der amerikanischen Wirtschaft tief greifende qualitative Veränderungen, die heute mit Begriffen wie economies of scale und corporate consolidation beschrieben werden. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand eine big business economy, in der große Konzerne den Ton angaben und die Regeln des Wettbewerbs aufstellten. Auslöser waren die vielfach chaotischen Zustände, die infolge des (bis zur Jahrhundertwende) insgesamt sinkenden Preisni‐ veaus und des ständigen Wechsels von Überangebot und Mangel auf den Märkten herrschten. Nur große Gesellschaften (corporations) waren unter diesen Umständen in der Lage, die jeweils neuesten Maschinen anzuschaffen und sie voll auszulasten. Zugleich profitierten sie am meisten von Preisnachlässen bei Rohstoffeinkäufen und von Transportrabatten. Dieses Streben nach dem richtigen Maßstab wirtschaftlichen Handelns (economies of scale) wurde ergänzt durch das Bemühen der Unternehmer, selbst für die Stabilität und Berechenbarkeit des Marktgeschehens zu sorgen. Ein erster Schritt zur „Ordnung“ und „Konsolidierung“ des Marktes waren informelle Absprachen zwischen konkurrierenden Gesellschaften, die vor allem Produktionsquoten und Preise betrafen. Solche Kartelle (pools) erwiesen sich jedoch als extrem krisenanfällig, und sie wurden zudem 1887 vom Kongress im Rahmen des Interstate Commerce Act als Wettbewerbshindernisse verboten. Unterdessen hatten Unternehmer wie John D. Rockefeller und Gustavus Swift jedoch bereits geeignetere Organisationsformen gefunden. Sie nutzten dabei die Rechtsform des trust aus, die es erlaubte, mehrere Gesellschaften einem zentralen Management zu unterstellen. Eine Fortentwicklung des Trust stellte die Dachgesellschaft (holding company) dar, in die alle Anteilseigner der beteiligten Gesellschaften ihren Aktienbesitz einbringen konnten. Die Voraussetzung hierfür schuf das Parlament von New Jersey, als es 1888 den dort inkorporierten Gesellschaften die Genehmigung erteilte, Besitz in anderen Staaten zu erwerben. Durch Zusammenschlüsse (mergers) gelang es nun, ganze Produktionsbereiche wie etwa die Erdölverarbeitung zusammenzufassen („horizontale Integration“) oder einen Wirt‐ schaftszweig in seiner Gesamtheit von der Rohstoffgewinnung bis zur Vermarktung des Endprodukts („vertikale Integration“) zu kontrollieren. Bis zur Jahrhundertwende entstanden auf diese Weise etwa 300 große Konzerne in Form von Trusts und Holdings mit jeweils über 10 Millionen Dollar Eigenkapital. Der Eisenbahnbau brachte die ersten Wirtschaftsmagnaten oder „industriellen Raub‐ ritter“ (robber barons) wie Cornelius Vanderbilt hervor, der bis zu seinem Tode 1877 die Verkehrsverbindungen zwischen New York, den Großen Seen und dem Mittleren Westen monopolisierte. Die Krise der 1890er Jahre, in der viele Bahngesellschaften zusammenbrachen, löste einen neuen Konzentrationsschub aus. Als Sanierer sprang 5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht 179 <?page no="180"?> der New Yorker Bankier John Pierpont Morgan ein, der sich bei der Gelegenheit maßgeblichen Einfluss auf die Unternehmenspolitik der neuen Bahngesellschaften sicherte. Das Bankhaus Morgan & Co. wurde zur Inkarnation des Machtstrebens einer Finanzelite in der New Yorker Wall Street, die über ihre Beauftragten in den Vorständen vieler Gesellschaften und durch ihre guten politischen Beziehungen das gesamte Wirtschaftsgeschehen mitbestimmte. In der Eisen- und Stahlindustrie dominierte Andrew Carnegie, der im Alter von 13 Jahren aus Schottland eingewandert war und sein erstes Geld als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik verdient hatte. 1901 verkaufte er seine Carnegie Steel Co. für die damals unvorstellbar hohe Summe von 492 Millionen Dollar an Morgan, der das Unternehmen mit anderen Stahlbetrieben zum ersten Milliarde-Dollar-Konzern, der United States Steel Corporation, zusammenfügte. Auch hinsichtlich der Belegschaft von 168.000 stieß US Steel in eine neue wirtschaftliche Dimension vor. Von dem Erlös, den Carnegie für sein Unternehmen erzielte, behielt er selbst 225 Millionen Dollar, der Rest ging an seine Manager. Eine ähnliche Rolle wie Carnegie in der Eisen- und Stahlbranche spielten John D. Rockefeller in der Erdölindustrie (Standard Oil of New Jersey) und Gustavus Swift in der Fleisch- und Nahrungsmittelindustrie; in der Elektrobranche legten George Westinghouse, Thomas A. Edison und Alexander G. Bell mit ihren Erfindungen das Fundament für drei mäch‐ tige Konzerne: Westinghouse Electric, General Electric und American Telephone & Telegraph. Da die Elektrizität um diese Zeit das Kerosin als Beleuchtungsmittel ablöste, schien das Erdöl an Bedeutung zu verlieren. Wenig später wurde das „schwarze Gold“ aber zum Grundstoff der chemischen Industrie, in der die hugenottische Familie Du Pont de Nemours aus Delaware den Ton angab, und zum Ausgangsprodukt von Benzin, das im beginnenden Automobilzeitalter (1903 gründete Henry Ford seine Motor Company in Detroit) höchste Bedeutung erlangte. Die Unternehmer von Vanderbilt über Morgan bis Ford handelten nach den Grund‐ sätzen von Sparsamkeit, Effizienz und zentralisiertem Management, und sie verbanden Organisationstalent und Erfindungsreichtum mit Cleverness und entschlossener, zu‐ weilen rücksichtsloser Härte im Geschäftsleben. Die patriarchalische, gewerkschafts‐ feindliche Einstellung dieser Repräsentanten der industriellen „Gründergeneration“ der USA war ebenso typisch wie ihr Wunsch, den eigenen Namen durch philanthropi‐ sches Engagement oder künstlerisch-wissenschaftliches Mäzenatentum zu verewigen. Davon zeugen noch heute u. a. die Morgan Library in New York, die Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, das Carnegie Endowment for International Peace, die Rockefeller Foundation und die Ford Foundation. Der ökonomische Konzentrationsprozess und die Monopolbildung in den verschie‐ denen Branchen riefen wachsende öffentliche Kritik hervor. Auf diese Stimmung reagierte der Kongress mit dem Interstate Commerce Act, der erstmals eine unab‐ hängige staatliche Aufsichtsbehörde, die Interstate Commerce Commission, für das Verkehrswesen schuf. Drei Jahre später, 1890, folgte der Sherman Antitrust Act, der aber schon im Gesetzgebungsverfahren verwässert wurde. Wenn die Gerichte seine Bestimmungen anwendeten, dann paradoxerweise viel seltener gegen Konzerne als Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 180 <?page no="181"?> gegen Gewerkschaften, deren Streiks sie als illegale Behinderung der Wirtschafts- und Handelsfreiheit im Sinne des Gesetzes betrachteten. Einen neuen Anlauf zur Kontrolle der von vielen Amerikanern als schier grenzenlos und bedrohlich empfundenen Unternehmermacht wagte der Kongress erst nach der Jahrhundertwende im Zeichen der progressiven Reformbewegung. Aus der Rückschau betrachtet, waren die Befürch‐ tungen der Konzern-Gegner wenn nicht unbegründet, so doch stark übertrieben, denn in einer Wirtschaft, die sich ständig im Umbruch befand, konnten selbst die erfolgreichsten Unternehmer Konkurrenz und Wettbewerb nicht auf Dauer ausschal‐ ten. Ihre illusorische Jagd nach Monopolstellungen trieb einen Konzentrationsprozess voran, der keineswegs nur Nachteile hatte, sondern auch für mehr Ordnung in den Marktbeziehungen sorgte und die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Industrie insgesamt erhöhte. Im Bereich von Wissenschaft und Bildung fanden die USA nach dem Bürgerkrieg Anschluss an den europäischen Standard, der um diese Zeit mehr und mehr von den deutschen Universitäten bestimmt wurde. Der interkulturelle Austausch zwischen den USA und Deutschland hatte schon am Ende der napoleonischen Kriege eingesetzt, als - beginnend mit George Ticknor, Edward Everett, Joseph Cogswell und George Bancroft - eine wachsende Zahl von Amerikanern an den Universitäten von Berlin, Göttingen, München, Leipzig, Heidelberg, Halle und Bonn studierte. Die Gründung der University of Michigan in Ann Arbor durch Henry Philipp Tappan markierte 1852 den ersten Versuch, das höhere amerikanische Bildungswesen im Sinne deutscher Ideale der akademischen Lehr- und Lernfreiheit und der Einheit von Forschung und Lehre umzuformen. Weitere Bemühungen folgten, als der Kongress im Krieg durch den Morrill Act die Errichtung von einzelstaatlichen Universitäten erleichterte und als industrielle Geldgeber im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs, den der Nordosten und der Mittlere Westen nach dem Sieg der Union erlebten, öffentliche und private Bildungseinrichtungen förderten. Während bis dahin die Vorbereitung auf den Beruf im Zentrum der Bestrebungen amerikanischer Colleges und Universitäten gestanden hatte, wurden nun die wissenschaftliche Forschung und die Persönlichkeitsbildung als höchste Ziele proklamiert. Das galt auch für die Hochschulen, die Frauen aufnahmen oder sich auf die akademische Ausbildung von Studentinnen spezialisierten wie die zur Gruppe der Seven Sisters gehörenden Radcliffe, Smith, Vassar und Bryn Mawr Colleges. Am ausgeprägtesten war der deutsche Einfluss an der New Yorker Cornell University, an der Johns Hopkins University in Baltimore und an der University of Chicago, deren Graduiertenseminare neue Maßstäbe für das Studium in den USA setzten. Das traf auf die Naturwissenschaften ebenso zu wie auf die Geisteswissenschaften: So bildete etwa der Historiker Herbert B. Adams, der in Heidelberg promoviert worden war, an der Johns Hopkins University eine ganze Generation amerikanischer Geschichtsforscher aus und gehörte darüber hinaus zu den Mitbegründern der American Historical Asso‐ ciation. An allen drei Universitäten lehrten auch deutsche Professoren, die ihrerseits halfen, zusätzliche Kontakte zwischen Studenten und Dozenten diesseits und jenseits des Atlantiks zu knüpfen. Aufs Ganze gesehen erfolgte im letzten Drittel des 19. Jahr‐ 5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht 181 <?page no="182"?> hunderts in den Vereinigten Staaten keine kritiklose Übernahme, sondern eine kreative Anverwandlung des auf Wilhelm von Humboldt zurückgehenden deutschen Univer‐ sitätsmodells an die amerikanischen Verhältnisse, die sich durch das Vorherrschen des demokratischen Geistes und durch das Frontier-Erlebnis doch erheblich von denen im gerade geeinten Deutschen Kaiserreich unterschieden. Zweifellos wurden in diesen Jahrzehnten die Grundlagen für die Spitzenstellung geschaffen, die amerikanische Universitäten im 20. Jahrhundert in nahezu allen Wissensbereichen eroberten. 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age Parteimaschinen und „congressional government“ Der Schriftsteller Mark Twain gab der Nachkriegsepoche ihren Namen, als er vom „vergoldeten Zeitalter“ (gilded age) sprach, hinter dessen glänzender Fassade die geistig-moralischen Sitten verfielen und sich soziales Elend ausbreitete. Zu diesem negativen Image hatte Präsident Ulysses S. Grant nicht wenig beigetragen, in dessen Amtszeit von 1869 bis 1877 die enge Verflechtung von politischen und wirtschaftlichen Interessen und die Bereicherungssucht hoher Regierungsbeamter durch mehrere Skandale offenkundig geworden waren. Die Demokraten nutzten diese Blößen zu einem Propagandafeldzug gegen Korruption und Sonderprivilegien (special privileges), der ihr Ansehen in der Wählergunst wieder steigen ließ. Auch in der Republikanischen Partei selbst begann es zu gären, wie die vorübergehende Abspaltung der Liberal Republicans im Jahr 1872 zeigte. Korruption und Manipulation waren sicherlich verbreitet, aber bei näherer Betrachtung entzieht sich das politische Leben im Gilded Age doch jeder pauschalen Kritik oder einfachen Schematisierung. Aus heutiger Sicht und im internationalen Vergleich des späten 19. Jahrhunderts ist sein hervorstechendes Merkmal der intensive politische Wettbewerb auf allen Ebenen von der Gemeinde bis zum Kongress. Politik wurde außerordentlich ernst genommen: Man versprach sich von ihr persönliches Fortkommen ebenso wie eine Lösung der großen nationalen Probleme; die meisten Bürger identifizierten sich stark mit einer der beiden großen Parteien und hielten ihr gewöhnlich über Jahrzehnte hinweg die Treue. Darüber hinaus nahm Politik vollends den Charakter eines Massenvergnügens an, dessen Unterhaltungswert von den inzwischen allgegenwärtigen Zeitungen noch gesteigert wurde. Die durchschnittliche Beteiligung an Präsidentschaftswahlen lag in dieser Zeit bei 78,5 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner - ein Politisierungsgrad, der seither nicht mehr erreicht wurde. Wahlen waren aber nur der letzte Akt eines aufwändigen Verfahrens, zu dem Paraden, von den Kandidaten veranstaltete Feste, öffentliche Rededuelle und Parteikonvente gehörten, und die von Propagandakampagnen mit Flugblättern, Broschüren, Kandidatenporträts, Slogans und Anstecknadeln (campaign buttons) begleitet wurden. All dies geschah ohne feste, dauerhafte Parteiorganisatio‐ nen, ohne eine stabile staatliche Bürokratie und mit einem Minimum an verbindlichen Regeln. Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 182 <?page no="183"?> Für ein gewisses Maß an Ordnung in diesem Chaos sorgten die städtischen und einzelstaatlichen „Parteimaschinen“, deren wichtigste Aufgabe darin bestand, bei den Wahlen die nötigen Stimmen zu mobilisieren. Die „Bosse“ und „Manager“ dieser Maschinen gehörten zu den Ersten, die Politik zu ihrem Hauptberuf machten. Wenn sie erst einmal die Stadtverwaltung oder die Staatsregierung unter ihre Kontrolle gebracht hatten, konnten sie politische und finanzielle Unterstützung mit der Vergabe von Pos‐ ten, öffentlichen Aufträgen und Geschäftslizenzen honorieren. Von ihrem Wohlwollen hing es dann auch ab, ob illegale Aktivitäten wie Wettbüros und Bordelle geduldet wurden oder nicht. Hieraus entstanden Netzwerke von gegenseitigen Abhängigkeiten und regelrechte Patronagesysteme, als deren typisches Beispiel stets Tammany Hall, die demokratische Parteiorganisation in New York City, genannt wird. Auch hier müssen die zweifellos berechtigten Vorwürfe von Korruption und Vetternwirtschaft abgewogen werden gegen nützliche Leistungen für die Allgemeinheit, die Bosse und Parteimaschinen in einer Zeit erbrachten, in der es keine professionelle Verwaltung mit Fachleuten für Probleme wie Wohnungsbau, Verkehr, Wasser- und Stromversorgung, Abfallbeseitigung etc. gab. Auf lokaler Ebene agierten die Bosse oft als Vermittler zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen, ethnischen und religiösen Interessen‐ gruppen, und in Washington sorgten die Repräsentanten der state party machines als Senatoren oder Abgeordnete dafür, dass die Anliegen ihrer Staaten berücksichtigt wurden. Trotz gelegentlicher Herausforderungen durch „dritte“ Parteien blieb das Zweipar‐ teien-System bis in die 1890er Jahre hinein stabil. Die Republikaner standen dem big business näher als die Demokraten, doch ihre Massenbasis fanden sie in den protestantischen städtischen Mittelschichten und bei den Farmern des Mittleren Westens. Sie galten weiterhin als die Partei der „moralischen Reform“, bei der alle Gruppen Anschluss suchten, die christlich-evangelikale Grundsätze vertraten und den strikten Verhaltenskodex der White Anglo-Saxon Protestants (WASPs) verbindlich machen wollten. Die Demokraten stützten sich dagegen auf den „soliden Süden“ und warben erfolgreich um die Gunst der überwiegend katholischen Neueinwanderer in den großen Städten des Nordostens. Der Arbeiterschaft gegenüber gaben sie sich toleranter als die Republikaner, indem sie moralisierende Belehrungen vermieden und die kulturelle Bevormundung durch das protestantische Establishment ablehnten. Das politische Kräfteverhältnis war von 1876 bis 1896 sehr ausgewogen: Während die Republikaner bis auf zwei Ausnahmen (Grover Cleveland 1884 und 1892) das Weiße Haus eroberten, beherrschten die Demokraten das Repräsentantenhaus in sieben von zehn Wahlperioden. Die Präsidenten, die meist auf Grund ihrer Verdienste im Bürgerkrieg nominiert worden waren und deren Namen - Rutherford Hayes, James Garfield, Chester Arthur, Benjamin Harrison - rasch in Vergessenheit gerieten, standen ganz im Schatten des selbstbewussten Kongresses. Als Konsequenz des „Beutesystems“ der Postenvergabe wurde ein großer Teil ihrer Arbeitskraft von der Ämterpatronage in Anspruch genommen, zumal die Zahl der Regierungsangestellten zwischen 1860 und 1900 von etwa 36.000 auf über 200.000 anstieg. Für James Garfield hatte diese Praxis 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 183 <?page no="184"?> fatale Folgen, als sich 1881, ein Jahr nach seiner Wahl, ein übergangener Bewerber mit tödlichen Schüssen an ihm rächte. Die Bereitschaft der Präsidenten, sich mit der Rolle eines Ausführungsorgans abzufinden, führte dazu, dass man vom congressional government sprach. Der spätere Präsident Woodrow Wilson wollte aus der Not sogar eine Tugend machen und empfahl eine Anpassung des amerikanischen Verfassungssystems an die parlamen‐ tarische Regierungsweise Großbritanniens. Da die Tätigkeit des Präsidenten selten über Routine hinausgehe, schrieb er in seiner 1885 veröffentlichten Dissertation Congressional Government, könne man das Präsidentenamt ohne weiteres zu einem reinen Verwaltungsposten und seine Inhaber zu Beamten auf Zeit reduzieren. Der gelehrte Schotte James Bryce, der die USA mehrfach besuchte und dessen Buch American Commonwealth (1888) umgehend mit Tocquevilles Klassiker Democracy in America verglichen wurde, gelangte zu einem ähnlichen Urteil. Potenziell besaß das Präsidentenamt seiner Meinung nach zwar eine große Autorität, doch tatsächlich waren die Männer im Weißen Haus - zumindest in Friedenszeiten - eher Geschöpfe ihrer Parteien und Gefangene der mechanischen Regierungsabläufe. Sie konnten keine langfristigen politischen Konzepte entwickeln und nahmen weniger Einfluss auf die Gesetzgebung als die Sprecher des Repräsentantenhauses. Tatsächlich blieb die Schwäche der Präsidentschaft aber eine vorübergehende Erscheinung, die auch damit zu tun hatte, dass sich die Aktivitäten der Bundesregierung insgesamt - trotz des bürokratischen Wachstumsschubes seit 1860 - noch in engen Grenzen hielten. Dazu trug das prekäre regionale Gleichgewicht zwischen Norden und Süden ebenso bei wie die Tendenz des Supreme Court, die Befugnisse des Kongresses eng auszulegen. Die Mehrheit der Richter sah es in dieser Periode als ihre Hauptaufgabe an, das Recht auf Eigentum, das im 5. und 14. Amendment garantiert war, gegen staatliche Eingriffe zu verteidigen. Indem sie auch Aktiengesellschaften den Status von „Personen“ zuerkannten, die Grundrechtsschutz beanspruchen konnten, förderten sie die Tendenz zum laissez faire-Kapitalismus. Wirtschaftsregulierungen ließen sie nur zu, wenn die Zuständigkeit des Kongresses eindeutig war (wie im Bereich des staatenübergreifenden Verkehrs) oder wenn die Parlamente der Einzelstaaten auf Grund ihrer Zuständigkeit für die öffentliche Sicherheit und Ordnung (state police power) aktiv wurden. So blieb etwa ein Gesetz des Staates Illinois unbeanstandet, das den Besitzern von Getreidespeichern vorschrieb, zu welchem Preis sie Getreide ankaufen durften (Munn v. Illinois, 1877). Generell verstand sich das Oberste Gericht, dessen Mitglieder ihre prägenden Erfahrungen zumeist in der Zeit vor dem Bürgerkrieg gesammelt hatten, weiterhin als Verteidiger der bürgerlichen Freiheiten gegen eine übermächtige Staatsgewalt. In der Wirklichkeit des Gilded Age ging die eigentliche Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität aber nicht vom Staat aus, sondern von der wachsenden Übermacht privater Wirtschaftsinteressen. Die mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft, dem Faktum des raschen ökonomischen und sozialen Wandels im Zuge der Industrialisierung intellektuell Rechnung zu tragen, teilten die Richter allerdings mit weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung. Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 184 <?page no="185"?> Eine Reihe potenziell wichtiger staatlicher Aufgaben wie die Regelung der Ras‐ senbeziehungen oder die soziale Absicherung der Unterschichten (die Bismarck im Deutschen Reich um diese Zeit mit der Sozialversicherungsgesetzgebung einleitete) konnte die amerikanische Bundesregierung also entweder verfassungsrechtlich nicht erfüllen oder nahm sie aus politisch-ideologischen Gründen gar nicht erst in Angriff. Während der deutsche Ansatz eine Verhinderung der Armut durch bürokratischen Versicherungszwang und Sparkassenwesen beabsichtigte und damit auf die Prinzipien der modernen Sozialstaatlichkeit vorauswies, behielten die USA (abgesehen von den bundesstaatlichen Zuwendungen an Veteranen der Unionsarmee und ledige Mütter) einen dezentralen Kurs bei, der auf das Assoziations- und Vereinswesen sowie die einzelstaatliche und gemeindliche Fürsorge und Selbsthilfe vertraute. In anderen Berei‐ chen, etwa bei der Beamtenreform und beim Kampf gegen Wettbewerbseinschränkun‐ gen, begnügte sich der Kongress mit halbherzigen, wenig effektiven Maßnahmen. Die beherrschenden, am heftigsten umstrittenen nationalen Themen waren unter diesen Umständen die Zollgesetzgebung sowie die Währungs- und Finanzpolitik. In der Zoll‐ frage setzten sich im Wesentlichen die Republikaner durch, die für hohe Einfuhrzölle zum Schutz der heimischen Industrie plädierten. Vom Anstieg der Zolltarife profitierten die Unternehmer im Norden und Westen zweifellos mehr als die Farmer und Pflanzer des Südens, die zur Klientel der Demokratischen Partei zählten. Finanziell befanden sich die USA eigentlich in einer ausgezeichneten Situation, denn die Ausgaben des Bundes waren niedrig (am meisten wurde noch für Bürgerkriegspensionen aufgewendet), und die Zölle brachten so viel Geld in die Staatskasse, dass sich in den meisten Jahren ein Haushaltsüberschuss ergab, mit dem die Kriegsschulden abgezahlt werden konnten. Erhebliche Probleme bereitete aber der weltweite kontinuierliche Rückgang der Erzeugerpreise für Rohstoffe und Industrieprodukte, der eine Deflationsspirale in Gang setzte. Die wachsende Geldknappheit, die der ländlichen Bevölkerung besonders schwer zu schaffen machte, löste Forderungen aus, die USA sollten sich von dem 1873 eingeführten internationalen Goldstandard lösen und Silber wieder als Währungsre‐ serve anerkennen. Bei den Demokraten stieß dieses Verlangen nach einer Inflationsbzw. Anti-Deflationspolitik auf größeres Verständnis als bei den Republikanern, die den Preisrückgang durch Überproduktion verursacht sahen und den Goldstandard verteidigten. Der Kongress behalf sich zunächst mit Kompromissmaßnahmen, die den Geldumlauf erhöhen sollten, ohne den Goldstandard aufzuweichen. In der Krise der 1890er Jahre griff der Streit zwischen Gold- und Silberbefürwortern dann vom Kongress auf die breite Öffentlichkeit über und wurde zum alles beherrschenden Wahlkampfthema. Soziale Ausgrenzung und rechtliche Diskriminierung der Afroamerikaner in den Südstaaten Große Teile des öffentlichen Lebens spielten sich im Gilded Age außerhalb der Sphäre der Bundesregierung in den Einzelstaaten und Gemeinden oder gewissermaßen im 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 185 <?page no="186"?> „staatsfreien Raum“ des dual federalism ab. Der Rassenkonflikt im Süden, der Kampf ums Frauenwahlrecht und für Temperenz, der Zusammenprall der Interessen von Unternehmern und Arbeitern und der agrarische Protest der Populisten fanden in der Hauptstadt Washington verhältnismäßig wenig Widerhall. Diese sozialen Konflikte und Bewegungen berührten das Schicksal von Millionen Amerikanern aber oft weit unmittelbarer als so manche Entscheidung, die auf dem Capitol Hill oder im Weißen Haus getroffen wurde. Zwischen 1860 und 1890 verdoppelte sich die Zahl der Afroamerikaner von 4,4 auf 8,8 Millionen, wobei der Anteil an der Gesamtbevölkerung allerdings um 3 auf 13 Pro‐ zent abnahm. Die weit überwiegende Zahl der Schwarzen lebte nach wie vor im Süden, und hier verschlechterte sich ihre Situation nach den Anfangserfolgen von Emanzipa‐ tion und Rekonstruktion rapide. Die Gründe für das Ausbleiben einer wirklich tief greifenden Neuordnung der Rassenbeziehungen waren vielfältiger Art. Ökonomisch erlebte der Süden nach dem Krieg keinen Aufschwung, sondern verharrte - vor allem wegen der fallenden Weltmarktpreise für Baumwolle - in einer Dauerkrise. Die Sklavenarbeit auf den Plantagen wurde durch Pachtverhältnisse, hauptsächlich jedoch durch das System des sharecropping ersetzt. Im Unterschied zu den Pächtern (tenants), denen zumeist Farmgebäude, Vieh und die Werkzeuge selbst gehörten, verfügten die sharecroppers über keinerlei Besitz, sondern lebten auf dem Grund und Boden des Pflanzers und erhielten für ihre Arbeit einen Teil (share) der Ernte. Da das Geld aus dem Verkauf der Baumwolle jedoch selten ausreichte, den Lebensunterhalt der Familien zu bestreiten, waren die sharecroppers, aber auch die meisten Pächter bald hoffnungslos verschuldet. Auf diese Weise gerieten sie in eine Abhängigkeit von den Plantagenbesitzern, Kaufleuten und Kreditgebern, die dem Sklavenstatus schon wieder nahekam. Die Tatsache, dass auch viele Pflanzer in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten, erhöhte nur noch den Druck auf viele Schwarze, für geringeres Entgelt mehr zu arbeiten. Die ökonomische Knebelung der ehemaligen Sklaven wurde nach dem Abzug der letzten Bundestruppen aus dem Süden durch eine politische und soziale Entrechtung verschärft, die weiße Rassisten als die „Erlösung des Südens“ (Redemption of the South) propagierten und feierten. Hauptziele waren dabei die Beseitigung des Wahlrechts für Schwarze und die möglichst vollständige Trennung der Rassen. Da Terror und Einschüchterung offensichtlich nicht ausreichten, um Afroamerikaner von den Wahl‐ urnen fern zu halten, führte man nun verstärkt gesetzliche und verfassungsmäßige Restriktionen ein. Georgia beschloss 1877 eine Kopfsteuer (poll tax) für Wähler, die sich hauptsächlich gegen Afroamerikaner richtete und bald von allen anderen Südstaaten kopiert wurde. Als die Not in der Landwirtschaft Ende der 1880er Jahre eine Solida‐ risierung von armen Weißen und Schwarzen möglich erscheinen ließ, änderten die Staaten - ausgehend von Mississippi - sogar ihre Verfassungen, um Afroamerikaner vollends vom politischen Leben auszuschließen. Die neuen Bestimmungen, wonach nur derjenige wählen durfte, der seine Lese- und Schreibfähigkeit in einem literacy test nachwies oder die Bestimmungen der Verfassung „richtig“ erklärte, machten die Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 186 <?page no="187"?> Stimmabgabe für Schwarze praktisch unmöglich. Parallel dazu wurden die inoffiziellen, „unsichtbaren“ Rassenschranken durch eine Flut von Staatengesetzen und lokalen Verwaltungsordnungen zum formalen System der „Segregation“ ausgebaut. Nach einer populären Unterhaltungsfigur der minstrel-Shows, in denen seit den 1830er Jahren weiße Schauspieler mit schwarz angemalten Gesichtern (blackface) afroamerikanische Charaktere in stereotyper Weise darstellten, nannte man diese Vorschriften Jim Crow laws. Sie verbannten Schwarze aus Parks, Theatern, Hotels, Gaststätten etc., benachteiligten sie in öffentlichen Verkehrsmitteln und wiesen ihnen separate Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und Friedhöfe zu. Vor Gericht war es mancherorts sogar verboten, dass weiße und schwarze Zeugen bei der Eidesleistung dieselbe Bibel benutzten. Die systematische Diskriminierung der Schwarzen führte am Ende dazu, dass die Afroamerikaner neue, eigene Institutionen innerhalb der US-Gesellschaft schufen. Der Supreme Court trug durch eine einseitige Verfassungsauslegung dazu bei, dass die Emanzipation für die meisten Schwarzen ein leeres Versprechen blieb. Die Richter stellten sich auf den Standpunkt, dass der Kongress nur für die formalrechtliche Gleich‐ heit zuständig sei, die Frage der sozialen Gleichstellung dagegen den Einzelstaaten überlassen bleiben müsse. Im Fall Plessy v. Ferguson ging der Supreme Court 1896 noch einen Schritt weiter, indem er die Rassentrennung für rechtmäßig erklärte, wenn die Behörden Schwarzen und Weißen „gleichwertige“ Einrichtungen zur Verfügung stellten. Diese separate but equal-Doktrin bezog sich zunächst nur auf das öffentliche Verkehrswesen, diente bald aber generell zur Rechtfertigung der Segregation. Die tiefere Ursache für die Ausgrenzung des schwarzen Bevölkerungsteils lag in dem tief verwurzelten weißen Rassismus, der schon Jefferson und später auch Lincoln an der Möglichkeit eines dauerhaften friedlichen Nebeneinanders hatte zweifeln lassen. Die Überzeugung vieler Weißer, die schwarze Rasse sei „minderwertig“ und für eine „hö‐ here“ Zivilisation ungeeignet, wurde nun durch pseudowissenschaftliche Argumente noch bestärkt. So wendete beispielsweise der Harvard-Historiker Louis Agassiz die von Charles Darwin entwickelte Artenlehre auf die Menschheitsgeschichte an und behauptete, die „Negro race“ habe nie eine eigenständige Regierungsorganisation hervorgebracht. Das entsprach den Bemühungen von Joseph de Gobineau und Hous‐ ton Steward Chamberlain, den europäischen Rassismus und Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf eine „wissenschaftliche“ Grundlage zu stellen. In den USA blieb die Opposition gegen eine politische und soziale Gleichstellung der Afroamerikaner denn auch keineswegs auf den Süden beschränkt. Im Norden gestanden nur sieben Staaten ihren schwarzen Bürgern das volle Wahlrecht zu, und in der Mehrzahl der Staaten galt ein Verbot der Mischehe. Etwas vereinfacht kann man sagen, dass die nationale Aussöhnung nach Bürgerkrieg und Rekonstruktion auf dem Rücken der Afroamerikaner erfolgte. Die gemeinsam gehegten Vorurteile und Antipathien gegen Afroamerikaner erleichterten es den Weißen in Nord und Süd, gegen Ende des Jahrhunderts die bitteren Erinnerungen hinter den Wunsch nach Versöhnung und nationaler Harmonie zurücktreten zu lassen. Im Laufe der 1880er 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 187 <?page no="188"?> Jahre verloren die Bürgerkriegskontroversen an Bedeutung, und gleichzeitig machte sich ein intensiveres amerikanisches Nationalgefühl bemerkbar. Parallel dazu breitete sich in intellektuellen Kreisen des Nordens ein Geist der Versöhnung aus, der in der Romantisierung des Südens und der Verharmlosung der Sklaverei durch Literaten und Historiker gipfelte. Von den Zeitgenossen kaum beachtet blieben dagegen die Anfänge der afroamerikanischen Geschichtsschreibung, darunter die erste umfassende und wegweisende Geschichte der Afroamerikaner The History of the Negro Race in America 1619-1880, die George Washington Williams im Jahr 1882 publizierte. Frauen im öffentlichen Leben Die „Maschinen“-Politik und das raue politische Klima des Gilded Age waren der Frauenemanzipation keineswegs förderlich. Allerdings schuf die Vernachlässigung des sozialen Sektors durch Parlamente und Regierungen ein großes Betätigungsfeld für aktive Frauen, die sich der evangelikalen Reformtradition verpflichtet fühlten. Die 1848 gegründete Frauenbewegung hatte sich nach dem Bürgerkrieg über der Wahlrechtsfrage gespalten: Ein aktivistischer Flügel unter Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony ging aus Enttäuschung über die Republikaner, die es versäumt hatten, das Frauenwahlrecht im 14. und 15. Amendment zu verankern, auf Distanz zu beiden großen Parteien und formulierte ein unabhängiges Programm. Als National Woman Suffrage Association trat diese Gruppe für einen weiteren Verfassungszusatz ein, der das Frauenwahlrecht garantieren sollte. Um stärkeren Druck auf Parlamente und Regierungen ausüben zu können, organisierten ihre Mitglieder überall in den USA lokale suffrage societies. Der andere Flügel, die American Woman Suffrage Association, die von dem Anwalt Henry Blackwell und der Publizistin Lucy Stone angeführt wurde, unterstützte die Wahlrechtsforderung im Prinzip, steuerte das Ziel aber in enger Zusammenarbeit mit der Republikanischen Partei und ehemaligen Abolitionisten über Referenda in den Einzelstaaten an. Diese Konkurrenz zweier Organisationen machte es nicht leichter, praktische Fortschritte zu erzielen, zumal das Verlangen nach politischer Mitsprache von Frauen noch auf verbreitetes Unverständnis stieß und gelegentlich sogar heftige männliche Gegenreaktionen provozierte. 1890 entstand zwar ein neuer Dachverband, die National American Woman Suffrage Association (NAWSA), aber bis 1896 hatten nur vier westliche Staaten - Wyoming, Utah, Colo‐ rado und Idaho - das Frauenwahlrecht eingeführt, während die Frauen anderswo allenfalls auf lokaler Ebene wählen durften. Die Fortschrittlichkeit des Westens ist zum einen darauf zurückzuführen, dass Frauen an der Frontier viele Tätigkeiten ausüben mussten, die normalerweise Männern vorbehalten blieben; zum anderen ließ es der Männerüberschuss im Westen geraten erscheinen, siedlungswilligen Frauen „Privilegien“ wie das Wahlrecht in Aussicht zu stellen. Dort, wie in anderen Teilen der USA, beteiligten sich auch Einwanderinnen aus dem deutschsprachigen Raum, Polen und Irland an den Frauenrechtsaktivitäten, die insgesamt stark von wohlhabenden weißen Frauen und Arbeiterinnen dominiert wurden. Diese bildeten teilweise eigene Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 188 <?page no="189"?> Organisationen, um in ihre ethnischen Gemeinden hinweinzuwirken. Letzeres gilt auch für afroamerikanische Frauen, die sich jenseits von NAWSA vor allem in der National Association for Colored Women engangierten. Zur größten und einflussreichsten Frauenorganisation in dieser Zeit stieg die Women’s Christian Temperance Union (WCTU) auf, die Mitte der 1870er Jahre aus spontanen Aktionen von Frauen gegen Bars und Saloons in Ohio hervorgegangen war und 1890 unionsweit schon 150.000 Mitglieder zählte. Unter der Führung von Frances Willard nahm die WCTU nicht nur den Anti-Alkohol-Feldzug der Temperance Societies aus den 1840er und 1850er Jahren wieder auf, sondern wandte sich auch den Problemen des Sozial- und Gesundheitswesens, der Bildung und Erziehung, der öffentlichen Moral und des internationalen Friedens zu. Einerseits akzeptierten ihre Mitglieder die Doktrin der „separaten Sphären“, derzufolge Männer und Frauen unterschiedlicher Natur waren und Frauen eine besondere Eignung für geistig-moralische Aufgaben hatten. Andererseits verstanden sie die „weibliche Sphäre“ so umfassend, dass kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens ausgespart blieb. Willard forderte denn auch das Wahlrecht für Frauen, allerdings nicht, wie die Suffragetten, als „natürliches Recht“ im Sinne der Unabhängigkeitserklärung, sondern als Voraussetzung dafür, dass die Frauen ihrer spezifischen Verantwortung in der Industriegesellschaft gerecht werden konnten. Aus dem sozialen Engagement erwuchs also ein Anspruch der Frauen auf Mitsprache in gesellschaftlich relevanten Fragen. Das machte die Stärke der Frauenbewegung mit ihren vielfältigen Organisationen aus, die der amerikanischen politischen Kultur im 20. Jahrhundert eine ganz besondere Prägung verlieh. Gewerkschaften und Arbeiterbewegung Von den negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung, insbesondere von den Konjunktureinbrüchen, war die Masse der Arbeiter und Farmer am härtesten betroffen. In ihren Reihen formierte sich deshalb auch der stärkste Widerstand gegen eine Entwicklung, die bewirkte, dass politische Macht und gesellschaftlicher Wohlstand immer einseitiger verteilt wurden. Ohne hinreichenden sozialen und rechtlichen Schutz sahen sich die amerikanischen Arbeiter im Gilded Age nicht nur der Willkür der Unternehmer ausgeliefert, sondern gerieten auch unter psychologischen Druck und liefen Gefahr, ihr Selbstwertgefühl zu verlieren. Mentalitätsmäßig wurzelten viele noch im Handwerker-Republikanismus des frühen 19. Jahrhunderts: Sie verstanden sich als Produzenten, denen ein gewisses Maß an Unabhängigkeit zukam, deren Tätigkeit „wertvoll“ war und die für ihre Arbeit einen „gerechten“ Preis fordern durften. All dies wurde in Frage gestellt durch den Einsatz von Maschinen und die Disziplinierung der Belegschaften in den Fabriken, durch Massenproduktion, Spezialisierung und Akkordarbeit. Menschen drohten in diesem Räderwerk zu Ersatzteilen zu werden, die man beliebig austauschen oder auch ganz beiseiteschieben konnte. In dem auf individuellen Wettbewerb ausgerichteten sozialen Klima des Gilded Age fiel es den Arbeiterinnen und Arbeitern sehr schwer, organisierte Interessenvertretun‐ 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 189 <?page no="190"?> gen aufzubauen. Ein erster überregionaler Zusammenschluss von craft unions, die 1866 gegründete National Labor Union, ging in der Wirtschaftskrise der 1870er Jahre unter. Erfolgreicher waren die Knights of Labor, die aus geheimbundartigen lokalen Zellen hervorgingen und 1878 einen Nationalkongress in Pennsylvania abhielten. Im Unterschied zu den craft unions nahmen die Knights Arbeiter verschiedener Berufe auf und ließen nach anfänglichem Zögern auch Frauen und Afroamerikaner zu. Nachdem sie ihren geheimbündlerischen Prinzipien und Ritualen entsagt hatten, stieg die Mitgliederzahl bis Mitte der 1880er Jahre auf 700.000 Männer und Frauen in ca. 15.000 Ortsvereinen, darunter auch Angehörige der Mittelschicht wie kleine Geschäftsleute und Zeitungsverleger. Die wichtigsten konkreten Forderungen laute‐ ten: Verbot der Kinderarbeit, gleicher Lohn bei gleicher Arbeit für Männer und Frauen, Verstaatlichung der Eisenbahn- und Telegraphengesellschaften, Einführung des Acht-Stunden-Tags und Drosselung der Einwanderung. Aufs Ganze gesehen schwebte den Knights eine „kooperative“, genossenschaftliche Gesellschaftsform vor, wie sie auch in der utopischen Literatur der Zeit, etwa von Edward Bellamy und Henry Demarest Lloyd, dargestellt wurde. Zu diesem Ziel wollte man auf dem Wege der Gesetzgebung durch Reformen gelangen, nicht mit einer Strategie der „revolutionären Umwälzung“, wie sie die Kommunistische Internationale propagierte (die in einigen amerikanischen Städten Sektionen unterhielt). Obwohl die Führung der Knights of Labor den Streik als gewerkschaftliches Kampf‐ mittel ablehnte, konnten sich die Mitglieder den häufig spontan aufflammenden Konflikten gar nicht entziehen und waren an allen großen Streikbewegungen der Zeit maßgeblich beteiligt. Einen ersten Höhepunkt bildete der Eisenbahnerstreik von 1877, der aus Protest gegen Lohnkürzungen in West Virginia begann, dann aber eine Solidarisierungswelle auslöste, die auch andere Industrien erfasste und bis in den Mittleren Westen und an die Westküste reichte. Die Eisenbahngesellschaften antworteten mit Massenentlassungen, dem Einsatz von Streikbrechern und der Un‐ terwanderung der Streikkomitees durch Privatdetektive der Agentur Pinkerton, die „schwarze Listen“ der Arbeiterführer aufstellte. Nach schweren Kämpfen zwischen streikenden Arbeitern und Staatenmilizen in Pittsburgh, Chicago und St. Louis befahl Präsident Hayes den Einsatz von Bundestruppen, um die Unruhen niederzuschlagen und die Ordnung wiederherzustellen. Im Umfeld des Streiks, der insgesamt über 100 Todesopfer forderte, entstanden die ersten unabhängigen Arbeiterparteien, die sich an lokalen und regionalen Wahlen beteiligten. Am äußersten Rand des politischen Spekt‐ rums bildeten sich anarchistische Zirkel, die weltweit geheime Kontakte unterhielten und „direkte Aktionen“ befürworteten. Eine wichtige Rolle spielte dabei der ehemalige Reichstagsabgeordnete Johann Most, der 1878 nach Erlass des Sozialistengesetzes ausgewiesen worden war und seit 1882 in den USA lebte. In den 1880er Jahren stellten sich Mitglieder der Arbeiterparteien und der Knights of Labor häufig an die Spitze von Streiks. 1885 feierten sie einen letzten großen Sieg, als sie die Eisenbahngesellschaften im Südwesten der USA durch Arbeitsniederlegungen und Boykottaktionen zur Rücknahme von Lohnkürzungen zwangen. Eine Wende Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 190 <?page no="191"?> markierte dann aber der schwere Bombenanschlag auf dem Haymarket in Chicago, dem am 4. Mai 1886 sieben Polizisten zum Opfer fielen. Als Rädelsführer wurde der deutschstämmige Anarchist August Spies verhaftet, der mit Most befreundet war und an der Spitze des „Revolutionären Clubs“ von Chicago stand. Damit war nicht nur der positive Eindruck zerstört, den die Demonstration von über 100.000 Menschen am 1. Mai für den Acht-Stunden-Tag gemacht hatte, sondern auch der Schwung der Knights of Labor gebrochen. Während sich die Führung noch entschiedener als zuvor von Gewaltaktionen und Streiks distanzierte, wendeten sich viele Arbeiter enttäuscht von der Organisation ab, deren Mitgliederschaft bis 1895 auf ca. 70.000 zusammenschmolz. Trotz einer weltweiten Kampagne zur Rettung der zum Tode verurteilten Anarchisten wurden Spies und drei weitere Männer am 11. November 1887 hingerichtet. Heute geht man davon aus, dass es sich bei der „Haymarket-Affäre“ um eine Provokation der Polizei von Chicago gehandelt hat, die anarchistische Gruppen infiltriert und mit Sprengstoff versorgt hatte. Das Erbe der Knights of Labor trat die American Federation of Labor (AFL) an, die allerdings einen ganz anderen Charakter trug und unterschiedliche Ziele verfolgte. Sie entstand 1881 in Pittsburgh auf Initiative von Samuel Gompers, dem Führer der Cigar Makers’ Union, als Zusammenschluss von Facharbeiterverbänden. Gompers’ Vorbild war der englische New Unionism, dem es darauf ankam, die Interessen der Arbeiter in den einzelnen Branchen durch finanzstarke und schlagkräftige Organisationen zu vertreten. Die AFL entschied sich von vornherein für einen pragmatischen Kurs, mit dem die Arbeitsbedingungen und die materielle Lage der Arbeiter innerhalb des bestehenden Systems schrittweise verbessert werden sollten. Wichtigste Waffe war der Streik, der aber ebenfalls nur in diesem begrenzten, „unpolitischen“ Rahmen eingesetzt wurde. Im Unterschied zu den Knights legten die AFL-Verbände wenig Wert auf die Mitgliedschaft von ungelernten Arbeitern sowie von Frauen und Afroamerikanern. Die Arbeiterinnen, die mit am schwersten unter den ausbeuterischen Bedingungen in den sweatshops der Textilindustrie zu leiden hatten, griffen daraufhin zur Selbsthilfe. Die verschiedenen Frauengewerkschaften vereinigten sich 1903 - ebenfalls nach englischem Vorbild - zur Women’s Trade Union League. Als Teil der reformerischen Frauenbewegung trat sie für den Schutz der Frauen am Arbeitsplatz ein, förderte die Frauenbildung und kämpfte mit für das Frauenwahlrecht. Durch den Übertritt vieler ehemaliger Knights of Labor wuchs die AFL bis zur Jahr‐ hundertwende auf über 40 Einzelgewerkschaften mit Tausenden von local unions und ca. 1 Million Mitglieder an. Einer Reihe von Erfolgen standen einige schwere Nieder‐ lagen gegenüber, wie 1892 beim Streik der Stahlarbeiter gegen den Carnegie-Konzern in Homestead, Pennsylvania, oder 1894, als der Lohnkampf gegen George Pullman, den Besitzer der größten Eisenbahnwagenfabrik, in Chicago scheiterte. Beide Ausei‐ nandersetzungen wurden von Arbeiterwie Unternehmerseite mit kaum geringerer Härte als der Streik von 1877 geführt. Sie zeigten die Grenzen der AFL auf, die nicht nur mit der wachsenden Macht der Konzerne rechnen musste, sondern im Ernstfall auch die Bundesregierung und die öffentliche Meinung der USA gegen sich hatte. Auf dem 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 191 <?page no="192"?> Tiefpunkt der Depression im Jahr 1894 waren 2,5 Millionen Menschen arbeitslos, und es wurden im ganzen Land 1.300 Streiks registriert. Eine neue Form des Massenprotests erfand zu diesem Zeitpunkt kein Gewerkschafter, sondern der Geschäftsmann Jacob E. Coxey aus Ohio, der Arbeitslose für einen „Marsch auf Washington“ sammelte. Statt der erhofften 400.000 nahmen allerdings nur einige hundert Menschen teil, und die Washingtoner Polizei konnte Coxey’s Army schnell zerstreuen. Der Propagandaeffekt dieser Aktion sollte aber noch viele Verfechter von Reformideen zur Nachahmung anspornen. Selbst unter den extremen Bedingungen des Gilded Age entwickelte sich in den USA keine starke sozialistische Bewegung. Die amerikanische Arbeiterschaft war ethnisch und interessenmäßig zu differenziert und geographisch zu mobil, um einen einheitlichen Willen entwickeln und kraftvoll durchsetzen zu können. Immigration, Westwanderung und individuelles Erfolgsstreben hielten die Gesellschaft in ständigem Fluss und ließen ein Bewusstsein fester und permanenter Klassengegensätze, wie es um diese Zeit in vielen europäischen Staaten herrschte, nicht aufkommen. Karl Marx, Friedrich Engels und andere Theoretiker und Praktiker der Revolution standen vor einem Rätsel: Trotz einer potenziell „revolutionären Situation“ schienen die USA das einzige Land zu sein, das den Übergang zum Sozialismus auf friedlichem Wege bewerkstelligen konnte. Im Vergleich zu anderen Industrieländern blieb der Organisationsgrad der amerikanischen Arbeiter gering: 1900 gehörten von knapp 30 Millionen Beschäftigten nur etwa eine Million einer Gewerkschaft an. Große Teile der Arbeiterschaft, wie die Ungelernten, ethnische Mindeheiten wie Afroamerikaner, Asiaten, Mexikaner und Frauen, wurden von den etablierten Gewerkschaften sogar bewusst vernachlässigt. Zudem standen die Arbeiterinnen und Arbeiter in ihrer Mehrzahl der Industrialisierung keineswegs ablehnend gegenüber, sondern wollten an den wirtschaftlich-technischen Fortschritten teilhaben und sie zur Besserung ihrer persönlichen Lage nutzen. Wenn sie Protest gegen Missstände erhoben, dann taten sie das in einer langen republikanisch-demokratischen Tradition, die ihnen das Vertrauen gab, den politischen Entscheidungsprozess beeinflussen und Abhilfe durch Reformen schaffen zu können. Auf diese Weise übten die Gewerkschaften eine wichtige Korrekturfunktion bei der Entstehung des Industriestaates aus: Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf die Probleme und Bedürfnisse der Arbeiterschaft und erreichten, dass sich Intellektuelle und Politiker mit sozialen Fragen beschäftigten und dass in der Öffentlichkeit Reformbereitschaft entstand. Die von Gewerkschaften und Arbeiterparteien geschaffene „Arbeiterkultur“ in Form von Arbeitervereinen, Ar‐ beiterzeitungen, Bildungs- und Sozialeinrichtungen etc. wirkte der gesellschaftlichen Isolierung und der Zerstörung des Selbstwertgefühls entgegen. Hierzu leisteten gerade auch deutsche Einwanderer in Städten wie Milwaukee, Chicago, Cleveland, St. Louis und Cincinnati bedeutende Beiträge. Letztlich nahmen die Vertreter der Arbeiterschaft damit an einer sehr viel übergreifenderen Entwicklung teil, die zur Organisation von Interessen außerhalb der großen Parteien hinführte. Diese Ausformung vielfältiger Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 192 <?page no="193"?> Interessengruppen wurde zur Signatur der amerikanischen Gesellschaft im Zeitalter des Progressivismus. Die Rebellion der Populisten und die Wahlen von 1896 In den 1890er Jahren schien es kurzfristig so, als würden sich die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft und die Proteststimmung der Farmbevölkerung zu einer ernsthaften Herausforderung des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems verbinden. Auf dem Agrarsektor konnten sich genossenschaftliche Modelle, wie sie seit dem Bürgerkrieg von Selbsthilfeorganisationen der Farmer, den Granges, z. T. mit Unterstüt‐ zung der Bundesregierung erprobt wurden, ebenso wenig gegen die kapitalistischen Interessen durchsetzen wie in der Industrie. Nach einer kurzen Blütezeit in den 1870er Jahren entwickelten sich die Granges wieder zu Vereinen zurück, die durch Unterhaltung und Bildung die Einsamkeit des Landlebens bekämpften. Der politische Unmut der Farmer nahm aber zu, weil ab Anfang der 1880er Jahre die Preise für Agrarprodukte schneller absanken als der Index der Verbraucherpreise insgesamt, wodurch sich die Schere zwischen Zinsbelastung und Einkommen immer weiter öffnete. Die Initiative ging nun von den Granges auf die Farmers’ Alliances über, die - beginnend in Texas - systematischer und aggressiver um Mitglieder warben. Ihre Hauptthemen waren der Mangel an Zahlungsmitteln und billigen Krediten sowie die Tarifgestaltung der Eisenbahngesellschaften, die Familienfarmer gegenüber der vordringenden Agrarindustrie benachteiligten. Bis 1890 hatte sich die Bewegung zu zwei großen Organisationen verfestigt: Im Südwesten arbeiteten 2 Millionen weiße und 1 Million schwarze Farmer - wenngleich in getrennten Zweigen - in der Southern Alliance zusammen, und im Mittleren Westen, vor allem in Kansas, Nebraska und den Dakotas existierte eine eigene Alliance mit ca. 2 Millionen weißen Mitgliedern. Praktische Reformvorschläge wie den subtreasury plan, der auf eine Stabilisierung der Getreidepreise durch bundesstaatliche Ankäufe und Lagerhaltung zielte, begleite‐ ten die Alliances mit einer emotionalen politischen Kampagne, die sie im Namen der „wirklichen Produzenten“ gegen die korrumpierende Macht des Kapitals, verkörpert in „der Wall Street“, führten. Jefferson’sche Ideen einer „agrarischen Demokratie“ der unabhängigen Farmer verbanden sich in vielen Gegenden mit Formen evangeli‐ kaler Erweckungsbewegungen: Die Alliances hielten ihre Versammlungen häufig als camp meetings ab, auf denen die Sprecher - darunter Frauen wie Mary E. Lease aus Kansas - die alten Tugenden beschworen und vor einem apokalyptischen Ende der amerikanischen Republik warnten. Ab 1890 beteiligten sich die Alliances mit eigenen Kandidaten an den Wahlkämpfen und errangen spektakuläre Erfolge: Sie eroberten Mehrheiten in zehn Staatenparlamenten, stellten Gouverneure, z. B. in Texas, und schickten Abgeordnete und Senatoren nach Washington. Aus der besonders aktiven Kansas Alliance ging 1890 die People’s Party hervor, die sich rasch über den ganzen Westen und Südwesten ausbreitete und deren Anhänger populists genannt wurden. Im Wahljahr 1892 schlossen sich die beiden überregionalen Alliances zusammen und 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 193 <?page no="194"?> beriefen den Gründungskongress der nationalen People’s Party auf den 4. Juli nach Omaha in Nebraska ein. Die 800 Delegierten klagten die etablierten Parteien an, sie trieben die Nation in den moralischen, politischen und wirtschaftlichen Ruin und spalteten das amerikanische Volk in zwei Klassen - die Landstreicher (tramps) und die Millionäre. Das Parteiprogramm forderte die Verstaatlichung der Eisenbahnen, ein auf Gold und Silber basierendes Währungssystem, staatliche Hilfen für die Landwirtschaft gemäß dem subtreasury plan, eine progressive Einkommensteuer, die Direktwahl der Senato‐ ren sowie - mit Blick auf die Gewerkschaften - eine Beschränkung der Einwanderung und kürzere Arbeitszeiten in der Industrie. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von 1896 gelang es den Populisten, den Kampf um die Silberwährung zum alles beherrschenden Thema zu machen. Der demokratische Präsident Grover Cleveland büßte seine Chancen zur Renominierung ein, als er sich auf den Goldstandard festlegte und einen Stabilisierungskredit mit einem Bankenkonsortium unter Führung von J. P. Morgan vereinbarte. An seiner Stelle schickten die Demokraten einen 36-jährigen Kongressabgeordneten aus Nebraska, William Jennings Bryan, ins Rennen, der den Parteikonvent mit religiösem Pathos und dem Ruf nach „moralischer Erneuerung Amerikas“ begeisterte. Die Kandidatur Bryans brachte die People’s Party in Bedrängnis, da die Demokraten nun die populistische Parole free silver übernahmen. Auf dem Konvent der People’s Party in St. Louis entschloss sich eine Mehrheit zur Unterstützung Bryans und setzte seinen Namen zusammen mit einem populistischen Vizepräsident‐ schaftskandidaten auf das so genannte Demopop Ticket. Die Republikaner nominierten William McKinley, einen Senator aus Ohio, der das Vertrauen der Wirtschaft genoss, sich als Vermittler im Pullman-Streik aber auch Sympathien in der Arbeiterschaft erworben hatte. Für die Wähler war die Alternative 1896 so klar wie lange nicht mehr: Bryan und die Populisten versprachen, die Geldknappheit mit Hilfe der Silberwährung zu beseitigen, die Wall Street-“Verschwörer“ zu entmachten und die Regierung der USA wieder in die Hände des Volkes zu legen. Die Republikaner priesen dagegen sound money als Grundlage der sozialen Ordnung und behaupteten, dass allein der Goldstandard die Erholung der amerikanischen Wirtschaft gewährleisten und die Kreditwürdigkeit der USA im Ausland erhalten könne. Angesichts dieser Polarisierung sahen ängstliche Gemüter politische Unruhen oder sogar eine Revolution voraus. Tatsächlich blieb aber alles ruhig, als sich McKinley im November mit 600.000 Stimmen Vorsprung und 271 zu 176 Wahlmännerstimmen klarer als erwartet gegen Bryan durchsetzte. Erstaunlicherweise fielen sogar agrarische Staaten des Mittleren Westens wie Iowa und Minnesota an die Republikaner, vermutlich, weil sich die Krise der Landwirtschaft dort nicht ganz so schwer auswirkte. Entscheidend war aber, dass es den Demokraten nicht gelang, den Interessengegensatz zwischen Farmbevölkerung und Industriear‐ beiterschaft zu überwinden. Die Arbeiter lehnten in ihrer Mehrheit inflationäre Maßnahmen ab und wünschten niedrige Lebensmittelpreise, und Gewerkschaftsführer wie Gompers betrachteten die Farmer nicht als Proletarier, sondern als kapitalistische Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 194 <?page no="195"?> Kleinunternehmer. Die Republikaner schnitten deshalb in Industriezentren besonders gut ab, was ihnen z. B. Erfolge in den Schlüsselstaaten Illinois und Ohio sicherte. Im Weißen Haus profitierte McKinley dann von einer Reihe günstiger Umstände: Der weltweite Preisrückgang wurde gestoppt, die Nachfrage nach Agrarprodukten und Industriegütern nahm wieder zu, und die Währungsproblematik erledigte sich fast von selbst durch große Goldfunde in Alaska. Die Wahlen von 1896 markieren in mehrfacher Hinsicht einen Einschnitt in der Geschichte der USA: Zu den wichtigsten unmittelbaren Folgen gehörte der Zusammenbruch der populistischen Bewegung, die mitsamt der People’s Party in der Demokratischen Partei aufging. Der Populismus scheiterte hauptsächlich an seiner ambivalenten Haltung zur Industriegesellschaft, die er teils mit religiöser Inbrunst und antimodernistischer Radikalität ablehnte, teils auf pragmatische Weise reformieren wollte. Politik wurde nun nicht nur insgesamt professioneller betrieben, sondern die beiden großen Parteien gingen auch stark verändert aus dem Wahlkampf hervor: Die Republikaner streiften ihr puritanisch-sozialreformerisches Erbe allmählich ab, öffne‐ ten sich der Politik der Interessengruppen und schmiedeten eine Koalition von business and labor. Dafür schlüpfte die Demokratische Partei - zumindest in den Nordstaaten - in eine Rolle, die seit Lincolns Zeiten von den Republikanern gespielt worden war: Sie wurde zum Sammelbecken von Reformgruppen, die eine bessere Gesellschaft und eine stärker an moralischen Werten ausgerichtete Politik befürworteten. Innerhalb des Zweiparteien-Systems fand also gewissermaßen ein Austausch der Parteiprofile statt. Das half zunächst hauptsächlich den Republikanern, doch später kam das Reformimage der Demokratischen Partei den Präsidenten Woodrow Wilson, Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson zugute. Schließlich vollzog sich auch ein Wandel im öffentlichen Bewusstsein, der allerdings widersprüchlich ausfiel: Einerseits erwartete man von den Regierungen vermehrte Aktivitäten und Mitverantwortung für das wirtschaftliche Wohlergehen und den sozialen Fortschritt; andererseits nahm die Parteienbindung der Bürger ab und begann die Wahlbeteiligung zu sinken. Wettge‐ macht wurde dieses nachlassende parteipolitische Engagement durch die Organisation von Interessen außerhalb der Parteien und das Wiederaufleben von Reformbewegun‐ gen, die den religiös-moralischen Impuls mit bürokratisch-sozialwissenschaftlichen Methoden verbanden. Damit traten die USA als erster Industriestaat in das Zeitalter der pluralistischen Demokratie ein. 6 Parteipolitik und soziale Konflikte im Gilded Age 195 <?page no="197"?> Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 Der klare Wahlsieg, den die Republikaner 1896 errangen, überwand das fein austarierte Parteiengleichgewicht und damit auch die politische Passivität und den Immobilismus des Gilded Age. William McKinley beendete die Reihe der schwachen Präsidenten und fand - gestützt auf die seit dem Bürgerkrieg enorm gewachsene Wirtschaftskraft der USA - ein neues Betätigungsfeld in der Außenpolitik. Dieser expansive Kurs bescherte den USA nicht nur Erfolge, sondern trug ihnen auch Konflikte mit den Nachbarn in Zentralamerika und der Karibik ein und verwickelte sie in die Großmachtrivalitäten in Europa und Asien. Innenpolitisch wurde die Expansion durch ein Erstarken des amerikanischen Nationalismus abgesichert, der die Erinnerungen an den Bürgerkrieg endgültig verdrängte und zeitweise missionarische und aggressive Züge annahm. Andererseits blieben antiimperialistische Strömungen in der amerikanischen Bevölke‐ rung einflussreich genug, um die Errichtung eines formalen Kolonialreiches nach europäischem Vorbild zu verhindern. In den USA ging auch - anders als bei den meisten übrigen Großmächten - die imperiale Außenpolitik mit einem angestrengten Bemühen um innenpolitische Reformen Hand in Hand. Diese Eruption von reformerischen Energien sparte allerdings einige gesellschaftliche Bereiche, wie die Rassenbeziehun‐ gen, weitgehend aus und zeitigte in anderen, wie dem Kampf gegen den Alkohol, unerwartete und unerwünschte Resultate. Nach dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1917 erlahmte der reformerische Schwung, und unter der charismatischen Führung Präsident Woodrow Wilsons wurden alle Energien in den Dienst einer großen Aufgabe gestellt: das Deutsche Reich und seine Verbündeten zu besiegen und den Weltfrieden dauerhaft zu sichern. Noch im Verlauf des Krieges sahen sich die USA jedoch durch die russische Revolution mit einer neuen politisch-ideologischen Herausforderung konfrontiert, die ihren Führungsanspruch und ihre innere Stabilität in Frage stellte. 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik Grundlagen und Motive einer amerikanischen Großmachtpolitik In den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts schufen Bevölkerungswachstum und Industrialisierung die materiellen Voraussetzungen für ein machtpolitisches Ausgrei‐ fen der USA über die „natürlichen“ kontinentalen Grenzen hinaus. Gleichzeitig begann sich - nicht zuletzt unter dem Eindruck der periodisch auftretenden Wirt‐ schaftskrisen - die Auffassung durchzusetzen, dass ökonomische Prosperität und gesellschaftliche Ordnung von der Eroberung und Sicherung überseeischer Märkte <?page no="198"?> abhingen. Dies wiederum erforderte eine starke Handels- und Kriegsflotte und eine zusammenhängende, in sich schlüssige außen- und militärpolitische Strategie. Zwischen 1865 und der Jahrhundertwende hatte sich die amerikanische Bevölkerung von knapp 37 auf 76 Millionen mehr als verdoppelt, und kurz nach dem Kriegsausbruch in Europa überschritt die Einwohnerzahl der USA 1915 die 100 Millionen-Grenze. Hinter dieser Dynamik blieb selbst die neue europäische Großmacht Deutschland zurück, deren Bevölkerung zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg von 40 auf 70 Millionen stieg. Einen gewichtigen Beitrag zum amerikanischen Bevölkerungs‐ wachstum leistete wieder die Einwanderung, die ab der Jahrhundertwende auf absolute Rekordzahlen kletterte und von 1900 bis 1914 ca. 13 Millionen Menschen in die USA brachte. Im Zeitraum von 1870 bis 1914 nahmen die USA insgesamt 25 Millionen Menschen in einer der größten Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte auf. Bei der Volkszählung von 1910 erreichte der Anteil der im Ausland geborenen Amerikaner mit 14,8 Prozent seinen historischen Höchststand. Die sinkenden Reisekosten auf der Atlantikroute eröffneten jetzt die Möglichkeit, nur noch vorübergehend zum Geldverdienen nach Amerika zu kommen und eventuell sogar mehrmals als eine Art „Gastarbeiter“ (bird of passage) zwischen Europa und den USA hin- und herzufahren. Während der Zustrom aus den traditionellen Herkunftsländern West- und Mitteleuro‐ pas und Skandinaviens allmählich versiegte - das Deutsche Reich wurde in dieser Zeit selbst zum Einwanderungsland -, stammten die „neuen Immigranten“ vorwiegend aus Süd- und Osteuropa. Die meisten von ihnen bevölkerten bald die Städte im „Dreieck der Hoffnung“, das von den Neuenglandstaaten im Nordosten, Missouri im Mittleren Westen und der Hauptstadt Washington, D. C., im Südosten begrenzt war. Das amerikanische Bruttosozialprodukt verdreifachte sich von 1870 bis 1900, und im selben Zeitraum verfünffachte sich die industrielle Produktion. Der Wert der Ausfuhren stieg in den 1870er Jahren von 500 Millionen auf knapp 1 Milliarde Dollar pro Jahr, verharrte bis 1896 in etwa auf dieser Höhe und explodierte dann geradezu auf ca. 1,5 Mrd. im Jahr 1900, ca. 2 Mrd. Dollar 1910 und ca. 3 Mrd. 1915. Einer ähnlichen Kurve folgten die Einfuhrwerte, wobei jedoch die Ausfuhrüberschüsse ab 1896 zunahmen. Im späten 19. Jahrhundert wurden zwar insgesamt weniger als 10 Prozent der amerikanischen Produktion exportiert, aber in der Landwirtschaft waren es 20 Prozent, und bei einzelnen agrarischen Produkten wie Baumwolle, Weizen und Tabak lag der Exportanteil noch viel höher. Kaum anders verhielt es sich mit der Industrieproduktion, die einen wachsenden Teil der Gesamtexporte ausmachte (1880 15 Prozent, 1900 dagegen schon über 30 Prozent): Insgesamt gingen im Jahr 1900 nur 9 Prozent der amerikanischen Rohstoffe und Industriegüter in den Export, aber für einzelne Branchen wie Eisen und Stahl (15 Prozent), Nähmaschinen (25 Prozent), Kupfer (50 Prozent) und Erdölprodukte (57 Prozent) waren die Ausfuhren von großer Bedeutung. Aus gesamtwirtschaftlichen Gründen blieb der Export auch deshalb so wichtig, weil die USA für ihre Entwicklung weiterhin ausländisches Investitionskapital benötigten und die anfallenden Zinsen nur aufbringen konnten, wenn sie eine aktive Handelsbilanz erzielten. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 198 <?page no="199"?> Abb. 13: Der Anteil der USA an der weltweiten Industrieproduktion: 1870 und 1913 Die Krise der 1890er Jahre mit ihren gefährlichen Folgen für den inneren Frieden und die soziale Stabilität führten viele Amerikaner auf „Überproduktion“ und eine „Sättigung“ des Binnenmarktes zurück, die nur durch steigende Exporte ausgeglichen werden konnten. Da sich die europäischen Mächte (wie die USA selbst) mit hohen Zollmauern umgeben hatten und darüber hinaus seit den 1880er Jahren Afrika prak‐ tisch unter sich aufteilten, schienen den Vereinigten Staaten nur noch in Lateinamerika und Asien zukunftsträchtige Märkte offen zu stehen. Aber selbst hier drohten Konkur‐ renten wie Großbritannien, Deutschland, Russland und Japan, die den USA militärisch weit überlegen waren, die amerikanischen Interessen an den Rand zu drängen. All das ließ es geraten erscheinen, dass die Amerikaner den Blick stärker nach außen richteten und auf der weltpolitischen Bühne zielstrebiger und offensiver auftraten. Obwohl sich diese Probleme bereits im Gilded Age abzeichneten, betrieben die amerikanischen Regierungen Außenpolitik zunächst nur kurzatmig und ohne ein klares Konzept. In der Amtszeit von Präsident Chester A. Arthur (1881-1885) war zwar in sehr bescheidenem Umfang mit der Modernisierung der Kriegsflotte begonnen worden, die noch vorwiegend aus Holzschiffen bestand, und im Pazifik hatten sich die USA einige Inselstützpunkte, unter anderem auf Samoa (in Absprache mit Deutschland und England) und auf Midway verschafft. Weiter gehende Expansionsbestrebungen im Pazifik (Hawaii) und in der Karibik (Kuba, Virgin Islands, Dominikanische Republik) fanden aber kein öffentliches Interesse und stießen im Kongress auf Ablehnung. Es blieb einem unscheinbaren Offizier der US Navy, Captain Alfred T. Mahan, vorbehal‐ ten, die intellektuellen Konsequenzen aus dem Aufstieg der USA zur Industriemacht und der dadurch veränderten Weltlage zu ziehen. In seinem 1890 veröffentlichten Werk The Influence of Seapower Upon History, zu dem ihn die Beschäftigung mit der römischen Geschichte inspiriert hatte, forderte er dazu auf, die Weltmeere nicht länger als Barrieren, sondern als die großen Verkehrsadern der Zukunft zu betrachten. Ihre 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik 199 <?page no="200"?> Kontrolle und Beherrschung würden das Schicksal der Völker und Staaten entscheiden, was aus amerikanischer Sicht eine leistungsfähige Handelsflotte und eine mächtige Kriegsflotte erfordere. Wie andere Politiker und Militärs vor ihm, forderte Mahan den Bau einer Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik durch Zentralamerika nach dem Vorbild des 1869 eröffneten Suezkanals. Für ihn war dieses Projekt aber nur Teil einer größeren geostrategischen Vision, in der er den Flottenbau, die Sicherung des freien Zugangs zu überseeischen Märkten, die Annexion Hawaiis und die Gewinnung von weiteren Stützpunkten in der Karibik und im Pazifik zu einem kohärenten, in sich schlüssigen Gesamtkonzept zusammenfügte. Dieser umfassende Ansatz übte eine starke Faszination auf die noch sehr schmale außenpolitische Elite der USA aus und beeinflusste insbesondere Männer wie Theodore Roosevelt, Henry Cabot Lodge und Elihu Root. Erste konkrete Auswirkungen zeitigten Mahans Theorien bereits zu Beginn der 1890er Jahre, als der Kongress den Bau von drei modernen Schlachtschiffen für die geplante two-ocean fleet genehmigte. Nach ihrer Indienststellung 1893 rückten die USA immerhin vom dreizehnten auf den siebten Platz in der Rangfolge der Seemächte vor. Mit dem Flottenbau, der vor allem der Eisen- und Stahlindustrie zugutekam, begann das Zweckbündnis zwischen Militärs, Politikern und Industriellen, das im Laufe der Zeit immer wichtiger werden sollte. Die Heeresstärke lag dagegen immer noch bei 25.000 Mann, und vereinzelte Plädoyers für eine Wehrpflichtarmee nach europäischem Muster fielen auf taube Ohren. In den 1890er Jahren begann allerdings auch schon der Übergang von der englischen auf die US-amerikanische Hegemonie in Lateinamerika. Sichtbaren Ausdruck fand diese veränderte Machtstruktur der westlichen Hemisphäre in der Krise von 1895, in der Präsident Grover Cleveland und Außenminister Richard Olney die Londoner Regierung zwangen, eine amerikanische Vermittlung im Grenzstreit zwischen Vene‐ zuela und Britisch-Guyana zu akzeptieren. Olney hatte bei dieser Gelegenheit der Monroe-Doktrin, die von den Europäern nie ganz ernst genommen worden war, zumindest rhetorisch „schärfere Zähne“ verliehen. Ein politisches Arrangement der beiden angelsächsischen Mächte lag aber vor allem im Interesse Großbritanniens, das durch den Rüstungswettlauf zur See mit dem Deutschen Reich, die Kolonialrivalitäten mit Frankreich und den Buren-Konflikt in Südafrika schwer belastet war. Die Briten verfolgten natürlich weiterhin ihre wirtschaftlichen Interessen in Lateinamerika, aber sie erkannten von nun an zumindest inoffiziell die politische Vorrangstellung der USA in der westlichen Hemisphäre an. Das rapprochement setzte sich nach dem spa‐ nisch-amerikanischen Krieg von 1898 fort, als die Londoner Regierung im Hay-Paun‐ cefote-Abkommen 1901 auf ihre Kanalbaurechte in Zentralamerika verzichtete. Auch bei der endgültigen Grenzregelung zwischen Kanada und den USA im Yukon-Gebiet, wo Ende des 19. Jahrhunderts reiche Goldlager entdeckt worden waren, kamen die Engländer 1903 den Wünschen der Roosevelt-Administration weit entgegen. Auf diese Weise wollten sie sich in Europa den „Rücken freihalten“ und gleichzeitig eventuellen Expansionsabsichten der USA in Richtung Kanada vorbeugen. Die Kanadier fühlten sich in der Grenzfrage allerdings von London im Stich gelassen und entwickelten ein Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 200 <?page no="201"?> immer ausgeprägteres Nationalbewusstsein, mit dem sie sich sowohl vom Mutterland als auch von den Vereinigten Staaten abgrenzten. In Lateinamerika und der Karibik be‐ scherte das britische Einlenken den USA jedoch einen größeren Handlungsspielraum, den sie unter der Führung von Theodore Roosevelt entschlossen ausnutzten. Abb. 14: Inbetriebnahme einer neuen Fertigungsstraße in Detroit, Michigan, 1913 Die Hinwendung zu einer kraftvollen, machtbetonten Außenpolitik wurde psycholo‐ gisch erleichtert durch den Stimmungswandel, der sich in der weißen amerikanischen Mittelschicht seit den 1880er Jahren vollzog und der auch Teile der Arbeiterschaft erfasste. Die tiefe Kluft, die der Bürgerkrieg zwischen Norden und Süden aufgerissen hatte, begann sich nun allmählich zu schließen und machte einem Gefühl der Zusam‐ mengehörigkeit und nationalen Einheit Platz. Eine neue Generation von Historikern, zu denen James Ford Rhodes, Edward Channing und John Bach McMaster gehörten, stellten das allen Regionen und Klassen Gemeinsame über das Trennende der Vergan‐ genheit. Sie deuteten die amerikanische Geschichte als einen Prozess fortschreitender Verwirklichung freiheitlicher Prinzipien in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, der durch den Bürgerkrieg kurzfristig behindert, aber nicht unterbrochen worden war. Im Süden formulierte der spätere Präsident Woodrow Wilson das Credo des new nationalism, als er die Niederlage der Konföderation zur schmerzlichen, aber im höheren Sinne notwendigen Voraussetzung für den Aufstieg der USA erklärte. In der Literatur begann eine Romantisierung des Südens als Hort traditioneller Tugenden, die bewusst oder unbewusst zur Kompensation der erlittenen Demütigungen und des fortbestehenden wirtschaftlichen Rückstands diente. Immer häufiger stellte man nun Präsident Lincoln und den Südstaaten-General Robert E. Lee als amerikanische Helden Seite an Seite. Gleichzeitig erlangten nationale Feiern und nationale Symbole wieder einen höheren Stellenwert im öffentlichen Leben. Der Memorial Day zur Erinnerung an die Kriegstoten und Lincolns Geburtstag wurden feste Bestandteile der amerikanischen civil religion. Mit der Forderung der Veteranenverbände der Union, 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik 201 <?page no="202"?> allen Schulkindern einen täglichen Eid auf das Sternenbanner abzunehmen (pledge of allegiance), begann in den 1880er Jahren ein regelrechter Fahnenkult. Auch die neuen Schlachtschiffe sollten den Patriotismus fördern, indem sie die Namen amerikanischer Staaten wie „Maine“ und „Oregon“ trugen. Der Glaube an die Verfassung und die republikanischen Prinzipien, der seit der Gründung der Union als American Creed das wichtigste Bindemittel für die heterogene Bevölkerung bildete, fand nun seine Ergänzung in einem konkreteren, populären Nationalbewusstsein. Die wichtigsten Ikonen dieser neu geschaffenen nationalen Identität waren neben der Flagge und der Hymne die Figur des Uncle Sam, die nun unübersehbar Gestalt und Züge Lincolns annahm, und die weibliche Liberty, deren 46 Meter hohe Statue seit 1886 im Hafen von New York zu bewundern war. Während sich Karikaturisten mit Uncle Sam in immer neuen Variationen dem amerikanischen „Nationalcharakter“ anzunähern suchten, verkörperte die Liberty nicht nur die Verpflichtung der Amerikaner auf universale Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, sondern stand im Grunde für die multiethnische Einwanderergesellschaft der USA, für das amerikanische Volk insgesamt. Im Zeichen des „neuen Nationalismus“ eigneten sich diese Symbole dazu, die nationalen Interessen mit dem Wohl der Menschheit in eins zu setzen und eine politisch-militärische Führungsrolle der USA zu rechtfertigen. Nach außen demonst‐ rierten die Amerikaner ihr steigendes Selbstbewusstsein durch die Weltausstellungen in Chicago 1893 und St. Louis 1904, die zahlreiche europäische Besucher anzogen und in den meisten Fällen gehörig beeindruckten. Wenn der amerikanische Nationalismus auch nicht die extremen Formen annahm, die dieses Phänomen im Europa der Vorkriegszeit kennzeichneten, so hatte er doch durchaus problematische Seiten. Beispielsweise deutete der viel gelesene Historiker John Fiske die Idee der Manifest Destiny in den Auftrag um, die ganze Welt zu „anglisieren“ und die Segnungen der Zivilisation global zu verbreiten. In Verbindung mit sozialdarwinistischen Ideen ging dieser Anglo-Saxonism von der inhärenten Überlegenheit einer „angelsächsischen Rasse“ aus, die berufen war, andere Völker zu missionieren und politisch zu „erziehen“. Die populäre Tagespresse, die durch technische Verbesserungen und neue Verkaufsmethoden einen enormen Aufschwung erlebte, steigerte den Nationalismus gelegentlich zum Chauvinismus oder jingoism (die Wortschöpfung jingo wurde aus einem englischen Gedicht von 1877 übernommen, bisweilen aber sogar gegen Briten und Kanadier verwendet). Die Auflage von billigen Massenblättern wie Joseph Pulitzers New York World und William Randolph Hearsts New York Journal, für deren Sensationsjournalismus man den abschätzigen Begriff yellow press prägte, überschritt gegen Ende des Jahrhunderts die Millionengrenze. Sie heizten die expansionistische Stimmung mit Beschwörungen von nationaler Ehre und Prestige auf, die angeblich ein weltweites Engagement der USA erforderten. Spanien, Frankreich und selbst Großbritannien galten als „alte“, verbrauchte Mächte, die den Höhepunkt ihrer Machtentfaltung bereits überschritten hatten. Gefahr drohte den USA aus dieser Perspektive hauptsächlich von den „jungen“, aufstrebenden Staaten Deutschland und Japan. Das Schlagwort von der „gelben Gefahr“, das Kaiser Wilhelm Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 202 <?page no="203"?> II. häufig benutzte, um die USA auf seine Seite zu ziehen, fand in den Warnungen der amerikanischen Presse vor der yellow peril seine Entsprechung. Hier wurde es allerdings selten mit der Erwartung verbunden, die USA und das Deutsche Reich könnten auf außenpolitischem Gebiet erfolgreich zusammenarbeiten. Der Respekt vor den militärischen Leistungen Preußens und die Bewunderung der deutschen Kultur waren seit dem Rücktritt Bismarcks 1890 in weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit einer Abneigung gegen das autokratische Regime des Kaisers gewichen. Daran änderten die weiterhin recht zahlreichen Aufenthalte amerikanischer Studenten in Deutschland ebenso wenig wie der regelmäßige Professorenaustausch zwischen deutschen und amerikanischen Spitzenuniversitäten, der nach der Jahrhundertwende von deutscher Seite mit großem Propagandaaufwand initiiert wurde. Der spanisch-amerikanische Krieg von 1898 Unter Präsident William McKinley, der im März 1897 sein Amt antrat, gewannen die Befürworter der Expansion spürbar an Einfluss. Die Administration konnte sich auf klare Mehrheiten im republikanisch beherrschten Kongress stützen und wusste die Industrie und die Großbanken hinter sich. Mit einem gestrafften und reorganisierten diplomatischen Dienst, vor allem aber mit der verstärkten Flotte gebot sie erstmals über wirksame Instrumente der Außenpolitik. Der tatsächliche, ungemein schnelle Durch‐ bruch zur Großmachtstellung erfolgte aber nicht „geplant“, sondern eher spontan und resultierte aus der krisenhaften Zuspitzung der Lage auf Kuba. Spanien hatte die Insel halten können, weil sich die Ambitionen Großbritanniens und der USA hier gegenseitig neutralisierten. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der kreolischen Oberschicht, die immer wieder zu Unruhen und Revolten führten, waren zwar von amerikanischer Seite auf verschiedene Weise gefördert worden, aber McKinley arbeitete ebenso wenig wie sein Vorgänger Cleveland bewusst auf einen Krieg gegen Spanien hin. Angesichts der harten spanischen Repressionsmaßnahmen, insbesondere der als reconcentration bezeichneten Zwangsumsiedlungen ganzer Bevölkerungsgruppen, breitete sich in der amerikanischen Öffentlichkeit jedoch eine anti-spanische Stimmung aus, die von den Massenblättern angeheizt wurde. Aus der Sicht Washingtons begann die politische Instabilität auf der Insel die wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA ernsthaft zu gefährden. Der mangelnde Wille oder die Unfähigkeit der Spanier, Reformen durchzuführen, spielten den Befürwortern einer Intervention in die Hände. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Madrid hatten sich bereits drastisch verschlechtert, als das amerikanische Schlachtschiff „Maine“, das zu einem Höflichkeitsbesuch in den Hafen von Havanna eingelaufen war, am 15. Februar 1898 nach einer schweren Explosion sank. In den USA versetzte diese Katastrophe, bei der 260 Seeleute ums Leben kamen, die Menschen in Kriegsstim‐ mung. Als eine Untersuchungskommission den Untergang der „Maine“ auf einen Bombenanschlag zurückführte (nach neueren Erkenntnissen handelte es sich um einen Unfall), entschlossen sich McKinley und seine Berater, Stärke zu demonstrieren und 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik 203 <?page no="204"?> den Konflikt zu eskalieren. Die spanische Regierung war verhandlungsbereit, konnte aber aus ihrer Sicht die ultimative Forderung des amerikanischen Präsidenten nach Unabhängigkeit für Kuba nicht erfüllen. Daraufhin ließ sich McKinley am 11. April vom Kongress die Ermächtigung zur Anwendung militärischer Gewalt geben. Als Begründung nannte er die Verletzung der Menschenrechte auf Kuba, die Gefahr für die dort lebenden amerikanischen Staatsbürger, die Schädigung der amerikanischen Wirtschaftsinteressen und die allgemeine Bedrohung des Friedens und der Sicherheit. Eine förmliche Anerkennung der kubanischen Revolutionäre lehnte McKinley ab, weil er die volle Handlungsfreiheit behalten wollte. Auf Antrag von Senator Henry M. Teller fügte der Kongress aber einen Passus hinzu, mit dem die USA jegliche Absicht bestritten, Kuba annektieren zu wollen. Anschließend traf die amerikanische Regierung militärische Vorbereitungen, überließ es aber den Spaniern, am 24. April 1898 den Krieg zu erklären. Ein von Kaiser Wilhelm II. initiierter diplomatischer Vorstoß der europäischen Mächte zu Gunsten Spaniens blieb ergebnislos, da eine offene Parteinahme Deutschlands oder Englands gegen die USA nicht zu befürchten stand. McKinleys Entscheidungen waren vorwiegend machtpolitisch und militärstrategisch motiviert. Es flossen aber auch innenpolitische und ökonomische Überlegungen ein, denn 1898 war ein Wahljahr, und das Ende der spanischen Kolonialherrschaft versprach neue Märkte für die amerikanische Wirtschaft. In der Bevölkerung herrschte weitgehender Konsens darüber, dass die Kubaner vom (katholischen) „spanischen Joch“ befreit werden mussten, und es gab die Hoffnung, Amerika selbst könne sich durch solch eine Tat moralisch erneuern. Der Krieg, den der amerikanische Außenminister John Hay einen „splendid little war“ nannte, war sehr kurz - bis zum Waffenstillstand im August vergingen vier Monate, bis zum Friedensschluss im Dezember weitere vier -, aber er zeitigte außer‐ ordentlich weitreichende Folgen. Als eindeutig kriegsentscheidend erwies sich die Überlegenheit der US Navy, die den ersten Schlag überraschend gegen die spanischen Philippinen führte. Aus Hongkong kommend, drang eine von Commodore George De‐ wey befehligte Schwadron am 1. Mai 1898 in die Bucht von Manila ein und vernichtete die veraltete spanische Pazifikflotte. Danach begannen amerikanische Marinetruppen und philippinische Freiheitskämpfer die Belagerung Manilas. In der Karibik blockierten die Amerikaner die spanischen Häfen und landeten im Juni Truppen auf Kuba. Zwei Schlachten, in denen afroamerikanische Einheiten und der von Theodore Roosevelt geführte Freiwilligenverband der Rough Riders - eine Mischung aus College-Studen‐ ten und hartgesottenen Cowboys - die Hauptlast trugen, führten Anfang Juli zur Einschließung der spanischen Garnison in Santiago de Cuba. Als die spanische Flotte am 3. Juli die Blockade vor Santiago zu durchbrechen versuchte, wurden sämtliche Schiffe versenkt. Damit war das Schicksal der spanischen Kolonialmacht besiegelt, und die Regierung in Madrid musste um Waffenstillstand ersuchen und die amerikanischen Friedensbedingungen akzeptieren. Während sich Spanien vom Schock der Niederlage jahrzehntelang nicht erholte, hatten die USA mit relativ geringen Verlusten - von den ca. 5000 Toten waren 400 Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 204 <?page no="205"?> im Kampf gefallen, der Rest erlag Krankheiten - sämtliche Kriegsziele erreicht. Im Friedensvertrag, der im Dezember 1898 in Paris unterzeichnet wurde, bestätigten die Spanier die Unabhängigkeit Kubas (das vorerst unter amerikanischer Besatzung blieb) und traten Puerto Rico, die Philippinen und Guam an die USA ab. Die Amerikaner setzten die Tradition fort, unterlegenen Gegnern die Gebietsverluste durch Geldzah‐ lungen - in diesem Fall 20 Millionen Dollar - etwas zu versüßen. Unabhängig vom Krieg gegen Spanien, aber gewissermaßen in seinem Windschatten, sicherten sich die USA auch noch die Hawaii-Inseln, die mit ihrem exzellenten Hafen Pearl Harbor als ideales „Sprungbrett“ nach Asien galten. Eine Minderheit weißer Zuckerrohrpflanzer hatte zuvor die hawaiianische Königin abgesetzt und die Republik proklamiert. Im Juli 1898 billigte der Kongress, der bis dahin immer gebremst hatte, auf Vorschlag McKinleys einen Anschlussvertrag, der zwischen der amerikanischen Regierung und den Pflanzern ausgehandelt worden war. 1900 wurde Hawaii dann als Territorium organisiert und erhielt einen ähnlichen Status wie die Karibikinsel Puerto Rico. Als der Friedensvertrag mit Spanien 1898 zur Ratifizierung anstand, sammelten sich die Gegner der Expansion in der Anti-Imperialist League und lieferten der Regie‐ rung eine große öffentliche Debatte. Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen die Inbesitznahme der Philippinen, mit der die Amerikaner ihrer eigenen antikolonialen Tradition untreu würden und das Selbstbestimmungsprinzip verletzten. Sprecher der Bewegung wie Carl Schurz und Andrew Carnegie behaupteten, die USA könnten ihren politischen Einfluss und ihren Handel auch ohne formelle Gebietserwerbungen weiter ausdehnen. Die Gewerkschaften fürchteten die „Einfuhr“ billiger Arbeitskräfte aus den Kolonien, und der Führer der Afroamerikaner, Booker T. Washington, sah eine Verschärfung des internen Rassenkonflikts voraus. In die Ablehnungsfront reihten sich allerdings auch Rassisten ein, aus deren Sicht Kolonialbesitz die „Reinheit der angelsächsischen Rasse“ gefährdete. Auf Grund dieser widersprüchlichen Positionen gelang es den Anti-Imperialisten nicht, sich auf eine gemeinsame taktische Linie zu einigen. Als der Führer der Demokraten, William J. Bryan, die Parole ausgab, man solle zunächst den Kriegszustand mit Spanien beenden, um dann für die Unabhängigkeit der Philippinen zu streiten, gelang es den Expansionisten im Frühjahr 1899, den Friedens‐ vertrag im Senat mit knapper Zweidrittelmehrheit zu ratifizieren. Fast zur selben Zeit begann ein Aufstand philippinischer Freiheitskämpfer unter Emilio Aguinaldo, der von den amerikanischen Besatzungstruppen hart unterdrückt wurde. Guerrillakrieg und „Pazifizierung“ kosteten bis 1901 über 4000 US-Soldaten und ca. 20.000 Filipinos das Leben. Im Wahlkampf von 1900 vermischte Bryan, der erneut für die Demokraten kan‐ didierte, die außenpolitischen Themen mit der inzwischen unpopulären Gold-Sil‐ ber-Frage. Das brachte ihn um alle Chancen, zumal McKinley den Gouverneur von New York, Theodore Roosevelt, der sich als Unterstaatssekretär im Marineministerium und Kommandeur der Rough Riders den Ruf eines Kriegshelden erworben hatte, als Vizepräsidentschaftskandidaten präsentierte. McKinley interpretierte den Wahlsieg wohl zu Recht als klare Bestätigung seiner expansionistischen Außenpolitik. Er selbst 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik 205 <?page no="206"?> konnte den Erfolg jedoch nicht mehr nutzen, denn knapp ein Jahr nach seiner Wiederwahl wurde er beim Besuch der Panamerikanischen Ausstellung in Buffalo, New York, von einem Anarchisten ermordet. Durch den Tod McKinleys rückte der erst 42-jährige Roosevelt ins Präsidentenamt auf; ihm fiel es nun zu, die durch den Sieg über Spanien errungene Machtposition zu konsolidieren und weiter auszubauen. Schwerpunkte der amerikanischen Außenpolitik bis zum Ersten Weltkrieg Theodore Roosevelt entstammte einer angesehenen und wohlhabenden amerika‐ nisch-niederländischen Familie im New Yorker Hudson-Tal. Um seine eher schwächli‐ che körperliche Konstitution auszugleichen, hatte er sich durch ein Fitness-Programm und einen mehrjährigen Aufenthalt als Viehzüchter im Westen abgehärtet. Sein Selbstbewusstsein und sein Ehrgeiz rührten nicht zuletzt vom unbändigen Stolz auf die Vereinigten Staaten her, deren Regierungs- und Gesellschaftssystem seiner Über‐ zeugung nach die Zukunft gehörte. Er sah sich als Repräsentant einer aufstrebenden „neuen“ Mittelschicht, die das „amerikanische Experiment“ gegen die Gefahren von außen wie gegen die Monopolbestrebungen der Wirtschaftselite im Innern verteidigen musste. Besser als die meisten seiner Vorgänger im Weißen Haus erkannte er, welche Möglichkeiten gerade die Außenpolitik dem Chef der Exekutive bot, seine Macht und sein Ansehen zu steigern. Ganz bewusst gab er sich das Image eines „modernen“ Präsidenten und versuchte, durch Reden und Besuchsreisen direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Bekannt wurde sein Ausspruch, die USA müssten „mit sanfter Stimme sprechen, aber einen dicken Knüppel (gemeint war die Flotte) in der Hand halten“; Roosevelts Handeln entsprach jedoch nur sehr bedingt dieser Maxime, denn hinter dem Schirm einer drohenden, gelegentlich bombastischen Rhetorik betrieb er eine klug kalkulierende, eher vorsichtige Diplomatie. Ganz im Einklang mit Captain Mahans geostrategischem Konzept machte Roosevelt die Kanalverbindung zwischen Atlantik und Pazifik zum Kernstück seiner Außenpoli‐ tik. Zunächst ließ er sich von den Briten für die Garantie der freien Durchfahrt aller Schiffe die alleinige Befugnis zum Bau und zur Kontrolle des Kanals geben. Dann traf er die Entscheidung für die Kanalroute am Isthmus von Panama, wo in den 1880er Jahren ein französischer Versuch unter Ferdinand de Lesseps gescheitert war. Als die kolumbianische Regierung ihre finanziellen Forderungen in die Höhe schraubte, setzte Roosevelt Ende 1903 ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Gepflogenheiten und mit Hilfe eines zwielichtigen französischen Verbindungsmannes, Philippe Buneau-Varilla, die Unabhängigkeit Panamas ins Werk. (Knapp zwanzig Jahre später erleichterten die Amerikaner ihr Gewissen, indem sie Kolumbien mit 25 Millionen Dollar „abfanden“.) Die panamesischen Nationalisten traten eine 32 km breite Kanalzone an die USA ab, für die Washington eine einmalige Summe von 10 Millionen Dollar und ein jährliches Entgelt von 250.000 Dollar zahlte. 1906 begann der Bau des „Jahrhundertprojekts“, den amerikanische Ingenieure leiteten und der im Wesentlichen von amerikanischen Firmen vorangetrieben wurde. Roosevelt scheute keine Kosten und brachte den Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 206 <?page no="207"?> Kongress immer wieder dazu, die erforderlichen Gelder zu bewilligen. Er stationierte Militär in der Kanalzone und ließ sie mit schweren Geschützen befestigen. Im Jahr 1914, fast zeitgleich mit dem Kriegsausbruch in Europa, wurde der 82 km lange Panamakanal fertig gestellt und von Präsident Wilson feierlich eingeweiht. Er verkürzte den Seeweg von der Ostzur Westküste der USA um 8000 Seemeilen, was große wirtschaftliche Bedeutung hatte, vor allem aber enorme strategische Vorteile einbrachte, weil Kriegs‐ schiffe jetzt innerhalb weniger Tage vom Atlantik in den Pazifik und umgekehrt verlegt werden konnten. Inzwischen war der Flottenbau weiter intensiviert worden, und die USA standen seit 1907 an der zweiten Stelle der Seemächte, übertroffen nur noch von Großbritannien. Die Militärplaner in Washington rechneten zu diesem Zeitpunkt aber bereits nicht mehr mit der Möglichkeit eines amerikanisch-englischen Krieges, sondern richteten ihr Augenmerk ganz auf das Deutsche Reich und Japan als potenzielle zukünftige Gegner. Der Panamakanal in Verbindung mit der Monroe-Doktrin machte die Karibik im Verständnis vieler Amerikaner endgültig zum „Vorgarten“ oder „Hinterhof “ der USA. Ökonomische Durchdringung und politische Einflussnahme gingen hier Hand in Hand, und die Hemmschwelle für militärische Zwangsmaßnahmen begann zu sinken. Das bekamen als Erste die Kubaner zu spüren, deren Souveränität erheblich eingeschränkt wurde. Das von Kriegsminister Elihu Root verfasste Platt Amendment, das die Kubaner 1901 in ihre Verfassung aufnehmen mussten, legte fest, dass alle völkerrechtlichen Verträge, die Kuba abschloss, der Genehmigung durch den amerika‐ nischen Kongress bedurften. Darüber hinaus wurden die USA ermächtigt, militärisch einzugreifen, wenn sie die territoriale Integrität oder die innere Ordnung der Insel für gefährdet erachteten; und schließlich durfte die US Navy den Stützpunkt Guantánamo unterhalten (was sie heute noch tut). Obgleich die USA also offiziell die Unabhängigkeit Kubas anerkannten, errichteten sie faktisch ein Protektorat über die Insel, das durch die einflussreiche Rolle amerikanischer Landbesitzer, Geschäftsleute und Konzerne noch verstärkt wurde. Dieser halbkoloniale Status provozierte fast zwangsläufig Widerstand, den die USA mehrfach mit militärischen Interventionen beantworteten. Erst 1922 verließen die letzten amerikanischen Besatzungstruppen die Insel, und 1934 hob der Kongress das Platt Amendment im Zeichen von Franklin D. Roosevelts Good Neighbor Policy offiziell auf. Besonders empfindlich reagierten die USA auf Aktionen, die sie als Missachtung der Monroe-Doktrin verstanden. Das erfuhren Engländer, Deutsche und Italiener, als sie 1902 die Regierung von Venezuela, die den Staatsbankrott erklärt hatte, durch eine gemeinsame Flottenexpedition zur Anerkennung ihrer Schulden zwingen wollten. Vor Theodore Roosevelts Drohung, notfalls die Flotte einzusetzen, wichen sie zurück und fanden sich mit einem Schiedsgericht ab. Diese zweite Venezuelakrise sorgte wiederum für große Aufregung in der amerikanischen Öffentlichkeit und belastete vorübergehend die Beziehungen der USA zu den europäischen Mächten. Um ähnlichen Zwischenfällen vorzubeugen und den Europäern jeden Vorwand für Strafaktionen in der Karibik zu nehmen (die möglicherweise zur Besetzung von Inseln oder zur Errich‐ 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik 207 <?page no="208"?> tung von Flottenstützpunkten führen konnten), verkündete Roosevelt im Dezember 1904 seine so genannte „Ergänzung“ (corollary) zur Monroe-Doktrin. Formell war sie an die Adresse der lateinamerikanischen Regierungen gerichtet, die gewarnt wurden, durch eigenes Fehlverhalten Situationen heraufzubeschwören, die europäische Mächte zum Eingreifen veranlassen könnten. In flagranten Fällen solchen Fehlverhaltens oder bei offenkundiger Unfähigkeit der Verantwortlichen würden sich die USA gezwungen sehen, die Aufgaben einer „internationalen Polizeimacht“ (international police power) auszuüben und für Ordnung, Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Die praktische An‐ wendung folgte auf dem Fuße, als die USA 1905 die Finanzverwaltung der bankrotten Dominikanischen Republik übernahmen. Die eigentlichen Adressaten der Roosevelt Corollary waren jedoch die Europäer, denen die Bereitschaft der USA demonstriert werden sollte, die Monroe-Doktrin (in der erweiterten Interpretation des Präsidenten) notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Völkerrechtlich war diese Position mehr als zweifelhaft, und lateinamerikanische Politiker und Juristen hielten Roosevelt die Doktrin der Nichteinmischung in die Angelegenheiten souveräner Staaten und die Forderung nach einem allgemeinen In‐ terventionsverbot entgegen. Dennoch übten die USA bis zum Eintritt in den Weltkrieg wiederholt die von Roosevelt reklamierte „Polizistenrolle“ aus, in einigen Ländern wie Kuba, Nicaragua und Mexiko sogar mehrfach. Roosevelts Nachfolger William Howard Taft verlegte sich stärker auf die so genannte Dollar Diplomacy, die eine wech‐ selseitige Unterstützung von US-Regierung und im Ausland tätigen amerikanischen Konzernen, etwa der 1899 gegründeten United Fruit Co., beinhaltete. Demgegenüber setzte Präsident Wilsons Außenminister William J. Bryan seine Hoffnungen auf die panamerikanische Bewegung, die sich seit Ende der 1880er Jahre auf Kongressen um politische Einigkeit und wirtschaftliche Zusammenarbeit bemühte. Als Anhänger der Friedensbewegung unternahm Bryan auch einen ernsthaften Anlauf, die von den USA auf den Haager Konferenzen von 1899 und 1907 maßgeblich unterstützten Ideen der friedlichen Konfliktregelung und der Schiedsgerichtsbarkeit in die Praxis umzu‐ setzen. Andererseits waren Bryan und Wilson nicht minder von der Überlegenheit des amerikanischen politischen Systems und vom zivilisatorischen Auftrag der USA überzeugt als Roosevelt und Taft. Bei dieser Einstellung fiel es ihnen nicht schwer, Rechtfertigungsgründe für die Einmischung in die Mexikanische Revolution und für die Fortsetzung der Interventionspolitik in der Karibik zu finden. Wilson sprach sogar von der Notwendigkeit, die Nachbarnationen zur Selbstregierung „anzuleiten“ und ihnen den Respekt vor dem Gesetz beizubringen. 1917 veranlasste er den Kongress zum Kauf der Virgin Islands von Dänemark, um einer befürchteten (aber tatsächlich gar nicht geplanten) Übernahme dieser Inselgruppe durch das Deutsche Reich zuvorzukommen. Es ist kaum möglich, die verschiedenen Motive der Lateinamerikapolitik in dieser Periode sauber auseinander zu halten. Im Grunde ging es den Verantwortlichen in Washington immer um eine umfassende Wahrung der nationalen Interessen, wobei militärische Sicherheitsüberlegungen, wirtschaftliche Profitgesichtspunkte und spezi‐ fische Vorstellungen von politischer Entwicklung und sozialem Fortschritt ineinander‐ Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 208 <?page no="209"?> griffen. Mit einer schlichten Verurteilung des US-Imperialismus ist es für den Historiker aber nicht getan. Zum einen erzielten die USA in einigen lateinamerikanischen Staaten - wie auch auf den Philippinen - durchaus gewisse Modernisierungserfolge. Analog zu den progressiven Reformen daheim verbesserten sie die Infrastruktur, bau‐ ten das Bildungs- und Gesundheitswesen aus, reorganisierten die Finanzverwaltungen und drängten auf demokratische Wahlen. Als zweischneidiges Schwert erwies sich die Ausbildung von Polizei- und Militärverbänden, die in der Folge oft zu Unterdrückung‐ sinstrumenten diktatorischer Regime degenerierten. Andererseits trugen die Latein‐ amerikaner, insbesondere die gesellschaftlichen Eliten, durch eigene Versäumnisse und Fehler sehr viel dazu bei, dass die USA eine derart ungehinderte Vorherrschaft ausüben konnten. An erster Stelle ist hier die unsolide Finanz- und Steuerpolitik zu nennen, die viele Länder immer wieder in Krisen und Staatsbankrotte hineintrieb. Hinzu kam der mangelnde nationale Zusammenhalt, der es einzelnen Fraktionen der Führungsschicht geraten erscheinen ließ, sich bei dem großen Nachbarn im Norden „rückzuversichern“ und ihn in die eigenen innenpolitischen Querelen hineinzuziehen. In dem Maße, wie das nationale Selbstbewusstsein in den lateinamerikanischen Ländern zunahm, wuchs auch die Proteststimmung gegen die erzwungene Modernisierung, die militärischen Eingriffe und den Dollar-Imperialismus der Yankees. Auf diese Weise entstand ein politischer und kultureller Antagonismus zwischen den USA und Lateinamerika, der auch nicht verschwand, als die Interventionstruppen überall abgezogen wurden und Präsident Franklin Roosevelt in den 1930er Jahren seine „Politik der guten Nachbarschaft“ verkündete. Den zweiten Schwerpunkt der außenpolitischen Aktivitäten vor dem Ersten Welt‐ krieg bildete Ostasien, wo die Großmächte seit dem japanisch-chinesischen Krieg von 1895 das zerfallende China in Interessensphären aufteilten und die amerikani‐ schen Kaufleute und Missionare Gefahr liefen, an den Rand gedrängt zu werden. Nachdem die USA auf den Philippinen und Hawaii Fuß gefasst hatten, konnte die amerikanische Regierung ihre Asien-Ambitionen mit größerem Nachdruck verfolgen. Außenminister Hay warnte die anderen Mächte in zwei Noten von 1899 und 1900 davor, die territoriale Integrität Chinas zu zerstören, und forderte sie auf, in ihren jeweiligen Einflusszonen allen Nationen gleichberechtigte Handelsmöglichkeiten zu gewähren. Europäer, Russen und Japaner betrachteten dieses Prinzip der Open Door, das ihren eigenen Vorstellungen von Kolonialpolitik zuwiderlief, als Verschleierung amerikanischer Monopolbestrebungen. Zunächst änderte sich nicht viel, zumal die Amerikaner 1900 unter deutschem Oberbefehl an der gemeinsamen Niederschlagung des nationalistischen Boxer-Aufstands in Peking teilnahmen. Allmählich traten die In‐ teressenkonflikte aber schärfer hervor, denn die USA bezogen trotz oder gerade wegen ihres wirtschaftlichen Profitstrebens in China den anderen Mächten gegenüber eine anti-kolonialistische Position. Die Chinesen versuchten, daraus Kapital zu schlagen, indem sie die Amerikaner gegen die übrigen Eindringlinge ausspielten. Nach der Jahrhundertwende stiegen die Japaner auf Grund ihrer wirtschaftlichen und militärischen Erfolge zum härtesten Konkurrenten der USA in Asien auf. 1905 ver‐ 1 Der Eintritt der USA in die Weltpolitik 209 <?page no="210"?> mittelte Präsident Roosevelt in Portsmouth, New Hampshire, einen Frieden zwischen Japan und Russland in der Absicht, das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Mächten möglichst zu erhalten. Sein Engagement trug ihm 1906 den Friedensnobelpreis ein, hinderte die Japaner aber nicht daran, ihre Machtposition auf dem chinesischen Festland immer weiter auszubauen. Wegen der exponierten Lage der Philippinen sah sich Roosevelt deshalb gezwungen, ein politisches Arrangement mit Tokio zu suchen: Im Gegenzug für die japanische Zusage, die amerikanischen Besitzungen in Asien zu respektieren, erkannten die USA die Hegemonie Japans über Korea und die Interessen der Japaner in der Mandschurei an. Ein dauerhafter Ausgleich gelang jedoch nicht, weil die Zielvorstellungen zu unterschiedlich waren und kulturelle Faktoren die Beziehungen zusätzlich belasteten. Die Japaner betrachteten die Amerikaner als Störenfriede in Asien und empörten sich über die rassische Diskriminierung ihrer Landsleute auf Hawaii und in Kalifornien. Als die Schulbehörden von San Francisco 1906 gesonderte Schulen für asiatische Kinder einführten, konnte ein Bruch zwischen Tokio und Washington nur mit Mühe verhindert werden. Um weiteren Demütigungen dieser Art vorzubeugen, sah sich die japanische Regierung genötigt, die Auswanderung in die USA praktisch zu unterbinden. Die Amerikaner wiederum misstrauten nach wie vor den japanischen Absichten in China und unterstützten ab 1911, als die Revolution ausbrach, die nationalchinesischen Kräfte gegen die Japaner. Ob es ihre Politiker wollten oder nicht, wurden die USA von nun an in die Intrigen und Händel der asiatischen Politik hineingezogen. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatte ein American Empire Konturen gewon‐ nen, nicht als Kolonialreich im herkömmlichen Sinne, sondern als weltweites System unterschiedlicher Rechtstitel und abgestufter Einflussmöglichkeiten: Neben der einzi‐ gen „echten“ Kolonie, den Philippinen - deren Einwohnern 1916 die Unabhängigkeit in Aussicht gestellt wurde -, gehörten hierzu Territorien mit US-Gouverneuren (Puerto Rico, Hawaii), Flottenstützpunkte auf dem Weg nach Asien (Samoa, Guam, Midway und weitere Pazifikinseln), Protektorate, in denen der amerikanische Botschafter wie ein Statthalter residierte (Kuba, Panama, Dominikanische Republik, Haiti, Nicaragua), und Staaten, deren Politik weitgehend von US-Konzernen kontrolliert wurde (etwa Costa Rica und Honduras von der United Fruit Co. und das afrikanische Liberia vom Kautschukproduzenten Firestone). Die meisten Staaten Mittel- und Südamerikas waren inzwischen schon so stark auf den nordamerikanischen Markt ausgerichtet, dass sich auch ihr politischer Handlungsspielraum verringerte. In der westlichen Hemisphäre übten die USA also bereits eine Hegemonie aus, und in Europa und Südostasien machte sich ihr Gewicht allmählich stärker bemerkbar. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 210 <?page no="211"?> 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten Triebkräfte und Charakter der „progressiven Bewegung“ Ausgehend von den Reformimpulsen des späten 19. Jahrhunderts, breitete sich nach 1900 eine Aufbruchstimmung in der amerikanischen Öffentlichkeit aus und erfasste beide großen Parteien. Die Einsicht wuchs, dass die soziale Entwicklung hinter der wirtschaftlichen zurückgeblieben war und dass die Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung nicht länger ihrer Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit überlas‐ sen werden dürften. Der religiöse Drang, „to make America over again“, blieb ein wichtiger Impuls. In den protestantischen Kirchen fand die Doktrin des Social Gospel großen Anklang, die christliche Grundsätze in allen Bereichen des menschlichen Lebens verwirklichen wollte. Kennzeichnend wurde nun die Verbindung von mora‐ lisch-religiösem Erneuerungsstreben und dem Glauben an die Kraft der Rationalität und der wissenschaftlichen Methoden. Den philosophischen Nährboden lieferte der Pragmatismus, wie er von dem Harvard-Professor William James und - vor allem auf die Erziehung angewandt - von John Dewey vertreten wurde. James lehnte jede Vorherbestimmtheit ab, sei sie calvinistischer, hegelianischer oder marxistischer Art. Er forderte die Menschen auf, die Veränderungen, die sich in einer „offenen“ Welt ständig vollzogen, kreativ und mit Phantasie in eine fortschrittliche Richtung zu lenken. Das harmonierte gut mit dem voluntaristischen, individualistischen Ethos, für das die Vereinigten Staaten als das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ inzwischen schon sprichwörtlich bekannt geworden waren. (In Deutschland veröffentlichte Ludwig Max Goldberger 1903 im Anschluss an seine USA-Reise ein Buch unter diesem Titel.) Dewey forderte eine Umgestaltung des öffentlichen Schulwesens der USA im demokratischen Sinne, die es der Jugend ermöglichen sollte, Kritikfähigkeit und selbstständiges Han‐ deln zu erlernen. Auch die Auffassungen von der Bedeutung des Rechts und der Rolle der Richter begannen sich unter dem Einfluss von Juristen wie Roscoe Pound und Oliver Wendell Holmes allmählich zu wandeln. Die an der Harvard Law School gelehrte „soziologische Jurisprudenz“ verlangte von dem Richter, sich nicht allein von abstrakten Grundsätzen leiten zu lassen, sondern auch wissenschaftlich gesicherte Fakten (etwa zu den Auswirkungen der Arbeitszeit auf die Gesundheit) bei der Urteils‐ findung zu berücksichtigen. Gestützt wurde eine solche Haltung durch die Arbeiten jüngerer Historiker, allen voran Charles A. Beard, der in seinem Buch An Economic Interpretation of the Constitution of the United States 1913 nachweisen wollte, dass die amerikanische Verfassung das Werk einer kleinen besitzenden Elite von Pflanzern und Kapitalisten gewesen sei, die ihre Macht sichern wollten. Wenn das zutraf, dann durfte man sie nicht länger unkritisch verehren und statisch auslegen, sondern musste ihre Bestimmungen flexibel an die Erfordernisse der Zeit anpassen. Es dauerte allerdings bis in die 1930er Jahre, bevor solche Ideen in der eher konservativen akademischen Welt Allgemeingut wurden. Mit Vernon L. Parrington und Frederick J. Turner zählte Beard zu den führenden progressive historians, die den Verlauf der amerikanischen 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten 211 <?page no="212"?> Geschichte als kontinuierlichen Kampf zwischen fortschrittlich-demokratischen und eigennützig-elitären Kräften beschrieben. Reformgeist und Reformeifer erreichten zwischen der Jahrhundertwende und dem Kriegseintritt 1917 ihren Höhepunkt. Das Progressive Movement dieser Epoche war keine einheitliche, sondern eine sehr heterogene, in manchem sogar widersprüchliche Bewegung. Hinter den vielen Einzelanstrengungen, mit denen die Defizite und Fehl‐ entwicklungen der industriellen Gesellschaft beseitigt werden sollten, standen aber drei gemeinsame Leitideen: Dem republikanischen Erbe entstammte der Gedanke, man müsse dem öffentlichen Interesse Vorrang geben und dem Jefferson’schen Prinzip der Chancengleichheit für alle, das dem Machtanspruch der Monopole und Konzerne geopfert worden war, endlich wieder Geltung verschaffen; zweitens herrschte bei den Reformern weitgehend Einvernehmen darüber, dass die laissez faire-Ideologie nicht ins Extrem getrieben werden durfte und die Regierungen und Parlamente die Pflicht hatten, Missstände zu bekämpfen und Verbesserungen durchzuführen; drittens schließlich teilten die meisten Progressiven die optimistische Überzeugung, Staat und Gesellschaft könnten mit Hilfe von Wissenschaft und Technik effizienter, rationaler und gerechter gestaltet werden. Dies war die Zeit, in der umwälzende Durchbrüche in den Naturwissenschaften und der Medizin erzielt wurden, als die ersten Automobile vom Fließband rollten und als die Brüder Orville und Wilbur Wright 1903 bei Kitty Hawk an der Küste von North Carolina die erste mit einem Motor versehene Flugmaschine aufsteigen ließen. 1908 stellte Wilbur Wright mit 110 Metern einen Weltrekord im Höhenflug auf, und ein Jahr später führte Orville Wright seine Künste über dem Tempelhofer Feld bei Berlin vor. Wenn der Menschheitstraum vom Fliegen in Erfüllung ging, wenn die Technik alle Grenzen des traditionellen Könnens und Machens überschritt, mussten dann nicht auch die Sozialwissenschaften zu einer neuen, besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaften beitragen? Von seiner sozialen Zusammensetzung her handelte es sich beim Progressivismus im Wesentlichen um eine Bewegung der alteingesessenen städtischen Mittel- und Ober‐ schichten. Wie die führende Rolle von Ingenieuren, Verwaltungsfachleuten, Ärzten, Anwälten, Richtern, Professoren und Lehrern dokumentiert, war der Reformschub eng verbunden mit der Professionalisierung und Akademisierung der Gesellschaft, die in dieser Zeit zur Entstehung einer auf Expertenwissen basierenden new middle class führten. Besonders stark vertreten waren Angehörige der neuen Frauengeneration, die über höhere Bildung und mehr Freizeit als ihre Vorgängerinnen verfügten und die sich vornehmlich dem sozialen Bereich, dem Erziehungs- und Gesundheitswesen zu‐ wandten. Die beliebteste Organisationsform blieb die schon von Tocqueville gerühmte Association, ein von Staat und Parteien unabhängiger Verein oder Verband. Seit der Depression der 1890er Jahre schossen Hunderte solcher Associations, Leagues, Federa‐ tions und Clubs wie Pilze aus dem Boden und führten Reformkampagnen für Ziele, die vom sauberen Trinkwasser bis zum Weltfrieden reichten. Daneben gab es in größerer Zahl intellektuelle „Einzelkämpfer“ - Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler -, die Theodore Roosevelt wegen ihrer scharfen, z. T. überspitzten Sozialkritik mit dem Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 212 <?page no="213"?> Sammelbegriff der „Schmutzwühler“ (muck-raker) bedachte. Ideologisch tendierten die progressiven Reformer jedoch eher zur Mitte, zum Ausgleich von Klassengegensätzen und zur Versöhnung von Traditionslinien, die sich seit der Revolutionszeit durch die amerikanische Geschichte zogen. Sie wünschten keinen allmächtigen, bürokrati‐ schen und paternalistischen Staat, aber sie verlangten, dass die Bundesregierung innenpolitisch aktiver würde und die Einzelstaaten als „Laboratorien der Demokratie“ Mitverantwortung für bessere Lebensbedingungen, mehr Gerechtigkeit und rascheren Fortschritt übernähmen. Reformanliegen und Reformerfolge Den wichtigsten Anstoß zu der Reformbewegung lieferten zweifellos die unhaltbaren Zustände in den rasant wachsenden Städten der USA. Zwischen 1870 und 1910 stieg die Bevölkerung in Städten über 2500 Einwohnern insgesamt von 25 auf 45 Prozent, aber im Nordosten lebten 1910 bereits zwei Drittel der Menschen in Städten. New York zählte um diese Zeit ca. 4,8 Millionen, Chicago 2,2 Millionen und Philadelphia 1,55 Millionen Einwohner. Hier wie in Detroit, Cleveland und Boston waren über 70 Prozent der Einwohner Immigranten oder deren direkte Nachkommen. Ab 1918 überstieg die Zahl der Stadtbewohner diejenige der Landbewohner. Auf der „Haben‐ seite“ dieses Urbanisierungsprozesses standen große, weltweit bewunderte Leistungen: Architekten und Ingenieure der Chicago School wetteiferten mit ihren Kollegen in New York darum, der modernen Stadt eine unverwechselbare Skyline-Silhouette zu geben (in Chicago, wo 1885 mit dem 10-stöckigen Home Insurance Building der erste skyscraper errichtet worden war, konzipierten und verwirklichten Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright einen eigenen amerikanischen Baustil; New York setzte 1913 mit dem 55-stöckigen Woolworth Building neue Maßstäbe für den „Wolkenkratzer“-Bau); auf dem Gebiet des öffentlichen Massenverkehrs waren die amerikanischen Städte mit ihren elektrischen Straßenbahnen und U-Bahnen (die erste Linie in New York wurde 1904 eröffnet) weltweit führend; auch die elektrische Straßenbeleuchtung und das Telefon setzten sich hier schneller durch als überall sonst auf der Welt; und es entstanden riesige vorbildliche Grünanlagen wie der Central Park in Manhattan, Forest Park in St. Louis und der Golden Gate Park in San Francisco. Andererseits wurden weite Bereiche wie das Gesundheits- und Sozialwesen, um das sich in Europa der Staat oder die kommunale Bürokratie kümmerten, vernachlässigt. Hier fanden die Reformer, die ihre Augen nicht mehr vor den Problemen der städtischen Massen verschlossen, wie sie beispielweise der Journalist Jacob Riis in seinem Fotoessay How the Other Half Lives präsentierte, ein weites Betätigungsfeld. Frauen leisteten einen maßgeblichen Beitrag zum Ausbau der sozialen Dienste, wenn sie diese nicht vielerorts überhaupt erst einrichteten. Zentrale Bedeutung erlangte die Settlement-Bewegung, deren Initiatorin Jane Addams in den 1890er Jahren von Chicago aus die englische Idee der städtischen Sozialstationen propagierte. Dem Modell des Londoner Toynbee House folgend, wurde ihr Hull House in Chicago zum 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten 213 <?page no="214"?> Vorbild für über 400 Settlement Houses in amerikanischen Städten. Gut 60 Prozent der dort freiwillig tätigen Sozialarbeiter waren Frauen, die häufig führende Positionen innehatten. Von diesen Settlements strahlten Reformimpulse in viele Richtungen aus, angefangen beim Bau von Kindergärten und Spielplätzen über Verbesserungen in den Wohnungen und am Arbeitsplatz bis hin zum Kampf gegen die Kinderarbeit in Fabriken. Im Zentrum standen Bemühungen um Gesundheitsfürsorge und Hygiene in den Armenvierteln sowie um Qualitäts- und Reinheitskontrollen von Wasser und Lebensmitteln, für die auch Lobbies wie die National Consumers’ League zu Felde zogen. Die Reformer sahen ein, dass die drängenden Probleme nur gelöst werden konnten, wenn es gelang, die Regierungen und Verwaltungen der Städte durchsichtiger und leistungsfähiger zu machen. Statt auf die Improvisation und das Patronagewesen der „Bosse“ und ihrer „politischen Maschinen“ zu vertrauen, setzten sie sich ein für direkt gewählte, allen Einwohnern verantwortliche Bürgermeister, fachlich qualifizierte City-Manager und unabhängige Expertenkommissionen. Lebenswichtige Dienste wie die Wasser- und Abwasserversorgung, Gas, Elektrizität und städtischer Nahverkehr sollten ihrer Ansicht nach in öffentlichen Besitz übergehen oder zumindest unter kommunale Kontrolle gestellt werden. Auf der Ebene der Einzelstaaten strebten die Reformer Verfassungsänderungen an, die den Bürgern mehr unmittelbare Mitsprache sichern sollten, insbesondere in der Form von Volksbegehren, Referendum und Abwahl (recall) von Parlamentariern oder Amtsinhabern während der Legislaturperiode. Die Parteien mussten ihrer Ansicht nach von privaten Klubs zu öffentlichen Einrichtungen umgeformt werden, die ihre Kandidaten nicht hinter verschlossenen Türen, sondern in offenen Vorwahlen (direct primaries) aufstellten. Auf nationaler Ebene galt es, Verfassungszusätze zu erreichen, die eine progressive Einkommenssteuer zuließen sowie das Frauenwahlrecht und die Direktwahl der Senatoren festschrieben. Letzteres gelang 1913 mit dem 17. Amendment, während die Frauen wegen des Widerstands in den konservativen Südstaaten und im Kongress bis 1920 warten mussten, bevor das 19. Amendment Wahlrechtseinschränkungen auf Grund des Geschlechts vollends beseitigte. Unter dem Druck progressiver Organisationen rafften sich die Staatenparlamente in dieser Periode zu den ersten, noch recht bescheidenen Sozialgesetzen auf. Sie beschlos‐ sen Unfall- und Altersrenten, verfügten schärfere Sicherheitsvorschriften für Fabriken und Bergwerke, setzten Höchstarbeitszeiten und Mindestlöhne in der Industrie fest und gewährten Frauen und Jugendlichen besonderen Schutz. Führend auf vielen dieser Gebiete wurde der Staat Wisconsin unter seinem republikanischen Gouverneur Robert M. („Fighting Bob“) LaFollette, der später als Senator nach Washington ging. Ein weiterer Reformschwerpunkt war das Bildungs- und Erziehungswesen. Hier drängten die Progressiven vor allem auf die gesetzliche Verankerung der Schulpflicht, die Ausrichtung der Lehrpläne an den Erfordernissen der Berufspraxis und die Öffnung der Colleges und Universitäten für begabte Schülerinnen und Schüler aus allen Bevölke‐ rungsschichten. Insbesondere die Fortschritte in der Koedukation konnten sich sehen lassen, denn 1920 stellten Frauen bereits fast die Hälfte aller College-Absolventen, Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 214 <?page no="215"?> wobei allerdings vor allem die Eliteuniversitäten geschlechtergetrennt blieben. Neben den öffentlichen Schulen gab es eine Vielzahl privater Bildungseinrichtungen, die dazu beitrugen, dass sich der Prozess der Professionalisierung in den USA staatsferner und offener vollzog als in den meisten europäischen Ländern. Stärker als bis dahin üblich wurden nun die Regierungen für „moralische“ Reformen und ein besseres soziales Milieu verantwortlich gemacht. Die 1893 gegründete, von den protestantischen Kirchen unterstützte Anti-Saloon League erreichte mit ihren Kampagnen, dass bis 1915 fast alle Staaten die Prostitution gesetzlich untersagten. Hauptziel blieb das Verbot des Alkoholkonsums, der angeblich nicht nur die Moral, sondern auch die Volksgesundheit gefährdete. Dieser Kreuzzug schien 1919 gewonnen, als der 18. Verfassungszusatz die bundesweite Prohibition einführte. Nationale Politik in der Reformära Nach der Jahrhundertwende wurde die Reformbewegung zu einem politischen Faktor, dem die nationalen Parteien und der Kongress Rechnung tragen mussten. Zum Erstaunen vieler Reformer entwickelte gerade Präsident Theodore Roosevelt trotz seines martialischen Gehabes immer mehr Sympathien für ihre Ideen und Anliegen. Obwohl er im Rahmen seiner Politik des Square Deal, des „gerechten Ausgleichs“ zwischen Unternehmern, Gewerkschaften und Regierung, viele Kompromisse schloss, half er doch mit, einige wichtige progressive Forderungen zu verwirklichen. Gelegent‐ lich bedurfte es dazu eines emotionalen Anstoßes: So drängte er den Kongress zur Verabschiedung von Hygienestandards für Lebensmittel, nachdem er Upton Sinclairs schockierende Beschreibung der Zustände in den Schlachthöfen von Chicago (The Jungle, 1906) gelesen hatte. Weit stärker als alle seine Vorgänger suchte Roosevelt den direkten Kontakt zu den Mitbürgern. Die verschiedenen Reformprojekte boten ihm Gelegenheit, das Weiße Haus gezielt als „Predigtkanzel“ (bully pulpit) zu nutzen, von der aus er politische und moralische Lehren verkündete. Besonders am Herzen lag dem passionierten Jäger „Teddy“ Roosevelt der Natur- und Landschaftsschutz, zu dessen Förderung er mehr als 125 Millionen acres Bundesland als national forests deklarierte und 1908 einen ersten nationalen Kongress einberief. Damit gab er einer Bewegung Auftrieb, deren Anfänge in die 1860er und 1870er Jahre zurückreichten, als Lincoln ein Schutzabkommen für das kalifornische Yosemite-Tal unterzeichnet und Grant das Yellowstone-Gebiet zum ersten Nationalpark der USA erklärt hatte. Auf Initiative des Naturforschers John Muir war es 1890 gelungen, auch Yosemite und andere kalifornische Schutzgebiete in das System der Nationalparks aufzunehmen. Beginnend mit dem Forest Reserve Act von 1891 wurden dann immer mehr Waldgebiete der unregulierten kommerziellen Nutzung entzogen. Im Unterschied zu Muir verstand sich Roosevelt jedoch nicht als preservationist, dem in erster Linie an der Unberührtheit der Natur lag, sondern als conservationist, der die wirtschaftliche Nutzung der public domain befürwortete, solange dies behutsam und im öffentlichen Interesse geschah. Deshalb unterstützte er auch Gesetze wie den Newlands Reclamation Act von 1902, der 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten 215 <?page no="216"?> Erträge aus dem Verkauf von Bundesland für Bewässerungsmaßnahmen in trockenen Regionen bereitstellte. Der von Roosevelt selbst vorgeschlagene Nachfolger William H. Taft versuchte ab 1909, den Reformkurs beizubehalten und sich als Monopolgegner (trust buster) zu profilieren. In seiner Amtszeit wurde ein von Frauen geleitetes Children’s Bureau eingerichtet, das den Kampf gegen die immer noch weit verbreitete Kinderarbeit koordinieren sollte. Taft besaß jedoch wenig persönliche Ausstrahlung und definierte die Befugnisse der Bundesregierung wieder sehr eng und zurückhaltend. Auf diese Weise verdarb er es sich mit den Reformern in der Republikanischen Partei, die unter Führung von Robert LaFollette eine eigene Organisation aufbauten. Als LaFollette im Wahlkampf von 1912 erkrankte, sprang Theodore Roosevelt zur allgemeinen Überra‐ schung in die Bresche und ließ sich zum Präsidentschaftskandidaten der Progressive Party küren. Diese Spaltung im Lager der Republikaner kam jedoch einem anderen Progressiven zugute, dem demokratischen Gouverneur von New Jersey, Thomas Woodrow Wilson. Der gebürtige Virginier setzte sich gegen Taft und Roosevelt durch und zog 1913 als erster Südstaatler seit dem Bürgerkrieg ins Weiße Haus ein. In seiner ersten Amtszeit löste Wilson eine Reihe von Reformversprechen ein, die er während des Wahlkampfes gemacht hatte. An eine Zerschlagung der großen Konzerne war im Ernst zwar nicht mehr zu denken, aber die wirksame Aufsicht der Bundesregierung musste nach Meinung des Präsidenten den Missbrauch wirt‐ schaftlicher Macht verhindern. Der Clayton Anti-Trust Act von 1914 richtete die Federal Trade Commission ein, die unfaire Handelspraktiken unterbinden und kleinere Konkurrenten vor ruinösem Wettbewerb schützen sollte. Außerdem bestimmte das Gesetz, dass Anti-Trust-Vorschriften nicht länger gegen Gewerkschaften angewendet werden durften. Drastische Zollsenkungen kamen den Verbrauchern zugute, weil billige Importwaren ins Land strömten und die amerikanischen Unternehmen mit ihren Preisen heruntergehen mussten. Der Rückgang der Zolleinnahmen wurde durch eine Einkommensteuer ausgeglichen, die der Kongress nach Verabschiedung des 16. Amendments 1913 erstmals erheben durfte (1895 hatte der Supreme Court eine Einkommensteuer als verfassungswidrig bezeichnet). Diese Steuer war zwar abgestuft, aber keineswegs dazu gedacht, Einkommen oder Besitz umzuverteilen. Dagegen ließ eine 1916 im Schatten des Weltkrieges durchgeführte Steuerreform erstmals die Tendenz erkennen, die großen Unternehmen und die Besitzenden zu Gunsten der weniger wohlhabenden Schichten zur Ader zu lassen. Die Farmer erhielten Krediterleichterungen durch den Federal Farm Loan Act, und den Eisenbahnern wurden im Adamson Act der Acht-Stunden-Tag und Lohnerhöhungen zugestanden, als sie 1916 mit Generalstreik drohten. Seit 1913 existierte auch endlich ein - immer noch recht lockeres - Zentralbanksystem auf der Grundlage des Federal Reserve Act, der vorsah, dass die zwölf Distriktbanken gemeinsam über den Federal Reserve Board in New York den Geldumlauf und die Zinshöhe beeinflussen konnten. Hierbei hatten europäische Vorbilder und speziell das deutsche Modell der Reichsbank Pate gestanden. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 216 <?page no="217"?> Im Wahlkampf von 1916 sagte Wilson die Fortführung der Reformpolitik zu, doch als die USA 1917 unter seiner Führung in den Krieg eintraten, ging die progressive Ära im Wesentlichen zu Ende. Der Präsident setzte nun auf eine enge Zusammenarbeit von Regierung und Unternehmern, von der er sich eine maximale Produktionsleistung versprach, und auch die meisten Reformer stellten ihre Wünsche hinter das Ziel einer erfolgreichen Kriegführung zurück. Grenzen und Widersprüche der Reformbewegung Aufs Ganze gesehen blieben die Erfolge der Reformer begrenzt, weil sich die Gegen‐ kräfte des laissez faire-Liberalismus und der konservativen Beharrung keineswegs leicht geschlagen gaben. Vielerorts behielten die „Parteibosse“, die den Reformern als Feindbilder zur Sammlung ihrer Anhänger dienten, politisch das Heft in der Hand. Wenn die Progressiven auf der kommunalen und einzelstaatlichen Ebene an Einfluss gewannen, bedeutete das nicht automatisch mehr Demokratie, sondern häufig eine stärkere Kontrolle der Elite, aus der sich die „Fachleute“ vorwiegend rekrutierten, zu Lasten der unteren Schichten. Die Hoffnung, dass Formen direkter Demokratie wie Vorwahlen und Volksabstimmungen die politische Partizipation verbessern würden, erfüllte sich ebenfalls nicht, denn der Trend zur geringeren Wahlbeteiligung setzte sich weiter fort. Die Macht des big business wurde durch die Anti-Trust-Gesetze und die neuen Interventionsmöglichkeiten der Bundesregierung nur unwesentlich einge‐ schränkt, zumal in den „unabhängigen“ Kommissionen nicht selten Repräsentanten der Industrie den Ton angaben. Etliche Reformvorhaben scheiterten am Widerstand der Gerichte, die weiterhin dem Recht auf Eigentum und dem individuellen Vertragsrecht (right of contract) hohe Priorität einräumten. So hob beispielsweise ein New Yorker Gericht 1905 in dem Fall Lochner v. New York die vom Staatenparlament festgesetzte Höchstarbeitszeit für Bäcker mit der Begründung auf, sie enge die Freiheit von Unternehmer und Arbeiter, Abmachungen über die Arbeitszeit zu schließen, auf verfassungswidrige Weise ein. 1918 verwarf der Supreme Court das Verbot der Kinder‐ arbeit, das der Kongress zwei Jahre zuvor erlassen hatte, als eine verfassungswidrige Einmischung der Bundesregierung in die Angelegenheiten der Einzelstaaten. Selbst das Engagement in den Settlement Houses und der Kampf gegen den Alkohol hatten eine Kehrseite: Da die Reformer dazu neigten, die Wertvorstellungen der protestantischen Mittelschicht als vorbildlich und allgemein gültig anzusehen, ließen sie es häufig an der gebotenen Rücksicht auf die Traditionen und Mentalitäten der Neueinwanderer fehlen. Diese Anpassung an den angelsächsischen kulturellen mainstream, die unter dem Schlagwort der Americanization mit sanfter Gewalt betrieben wurde, beschwor Spannungen herauf, wo gerade der Abbau von Klassenkonflikten und eine Anhebung des Lebensstandards der unteren Schichten intendiert waren. In der Einwanderungs‐ debatte und in der Rassenfrage verhielt sich die Mehrzahl der Reformer überdies alles andere als liberal und fortschrittlich. Viele Progressive vertraten nicht nur vehement die Forderung nach möglichst rascher „Amerikanisierung“ der Einwanderer, was 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten 217 <?page no="218"?> deren ethnisch-religiöse Identität zu zerstören drohte, sondern stellten sich auch in die vorderste Front der Verfechter von Einwanderungsbeschränkungen. Darin sahen sie die einzige Möglichkeit, schwere soziale Konflikte und untragbare finanzielle Belastungen zu vermeiden, die sich aus der Überfüllung der Städte mit „menschlichem Müll“ (human garbage) ergeben würden. Unterstützung erhielten sie sowohl von Seiten der Unternehmer, die eine Radikalisierung der Arbeiterschaft durch Sozialisten und Anarchisten aus Europa befürchteten, als auch von den Gewerkschaften, die immer wieder erfahren mussten, dass Einwanderer als Streikbrecher und Lohndrücker benutzt wurden. In dem Begriff der new immigration, der für die Masseneinwanderung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt wurde, schwangen Ablehnung und Vorurteile mit, weil die Neuankömmlinge aus Italien, der Habsburgermonarchie und dem Zarenreich - unter ihnen viele Juden - für weniger anpassungsfähig und assimilationsbereit gehalten wurden als die „alten“ Einwanderer aus Westeuropa und Skandinavien. In dieser Phase gewann der Nativismus wieder die Oberhand, und die Parole lautete Drosselung und staatliche Kontrolle der Einwanderung. Konservative Organisationen wie die American Protective Association und die Immigrant Restriction League forderten Lese- und Schreibprüfungen (literacy tests) für Einwanderungswillige oder agitierten sogar für eine völlige Schließung der Grenzen. Intellektuelle Fürspre‐ cher einer multiethnischen Gesellschaft wie der Journalist Randolph Bourne, der die USA gern als eine „cosmopolitan federation of foreign cultures“ gesehen hätte, waren unter diesen Umständen die große Ausnahme. Sprecher der Einwanderer selbst zeigten sich bereit, im amerikanischen „Schmelztiegel“ aufzugehen, und jagten damit einem Wunschbild nach, das Ralph Waldo Emerson erstmals als „smelting pot“ postuliert hatte und das der jüdische Schriftsteller Israel Zangwill mit seinem Theaterstück The Melting Pot ab 1908 popularisierte. Die öffentliche Meinung neigte aber ungeachtet dieser Anpassungsbereitschaft zum Ausschluss, zur exclusion, wie sie in Kalifornien auf Druck von Arbeiterorganisationen 1882 erstmals gegen Chinesen verhängt worden war. Das Gentlemen’s Agreement, das Roosevelt 1907 mit der Regierung in Tokio schloss, beinhaltete ebenfalls praktisch ein Verbot der Einwanderung japanischer Arbeiter. Gegenüber den Europäern verfolgten die meisten Reformer einen Mittelkurs, der auf eine Begrenzung und „Lenkung“ der Immigration hinauslief. Das fiel umso leichter, als die „Nachfrage“ nach Einwanderern allmählich abnahm, weil die Bevölkerung ohnehin wuchs und weil Maschinen zunehmend ungelernte Arbeiter ersetzten. Eine Expertenkommission unter dem Vorsitzenden Dillingham erarbeitete von 1907 bis 1911 Vorschläge zur Einwanderungsbeschränkung, die dann in eine ganze Reihe von Gesetzen mündeten, mit denen der Kongress das „goldene Tor“ immer mehr schloss. So wurden die Gesundheitsbestimmungen für Einwanderer restriktiver gestaltet, eine Verteilung der Neuankömmlinge auf die verschiedenen Staaten und Territorien in Angriff genommen und der bundesstaatliche Immigration and Naturalization Service (INS) ermächtigt, Bewerber zurückzuweisen und bereits zugelassene Personen zu deportieren, die „gefährliche politische und soziale Doktrinen“ verbreiteten. 1917 fasste der Kongress alle bis dahin getroffenen Einzelregelungen im Immigration Act Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 218 <?page no="219"?> zusammen, der 35 Ausschlusskategorien festlegte und erstmals einen literacy test vorsah. Als die Einwandererzahlen nach der kriegsbedingten Unterbrechung wieder zu steigen begannen, wurde ab 1921 ein Quotensystem eingeführt und schrittweise verschärft, das Süd- und Osteuropäer klar benachteiligte und das den Zustrom auf ein Rinnsal reduzierte. Für das Rassenproblem hatten die Reformer, sofern sie es überhaupt als dringlich wahrnahmen, in der Regel keine bessere Lösung anzubieten als die Segregation und die Anwendung des separate but equal-Prinzips. Wie die meisten ihrer Mitbürger konnten sie sich nicht von den biologisch-sozial-darwinistischen oder den älteren theologischen Erklärungen lösen, mit denen die „Minderwertigkeit“ der Schwarzen bewiesen wurde. Dabei gewann das Thema eigentlich an Brisanz durch das Klima der Gewalt, das im Süden immer wieder Rassenunruhen und Lynchmorde hervorrief, und durch die beginnende Binnenwanderung der Schwarzen aus den südlichen Agrargebieten in die Städte des Nordens. Während zwischen 1870 und 1890 nur 80.000 Afroamerikaner in den Norden gekommen waren, betrug die Zahl der Migranten im Zeitraum von 1890 bis 1910 schon 200.000. Mit dem Krieg in Europa, der die überseeische Einwanderung unterbrach, setzte dann die Great Migration aus dem Süden ein und verlieh der Rassenfrage eine neue Dimension. Zwischen 1910 und 1920 wuchs die schwarze Bevölkerung in New York von 90.000 auf über 150.000, in Chicago von 44.000 auf 110.000 und in Detroit von knapp 6000 auf 40.000. Die Ghettobildung in den großen Städten hatte zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, aber erst jetzt wurden die meisten Weißen der Anwesenheit kompakter schwarzer Bevölkerungsgruppen in ihrer Umwelt gewahr. Der New Yorker Stadtteil Harlem spielte zunächst eine Sonderrolle, weil die Afroamerikaner hier auf Grund verschiedener Faktoren, zu denen vor allem der Zusammenbruch eines spekulativen Baubooms gehörte, in Häuser zogen, die eigentlich für wohlhabende weiße Familien gebaut worden waren. Statt von einem „Ghetto“ sprach man anfangs von einer black community, wo Ärzte, Pfarrer, Anwälte und Geschäftsleute eine eigenständige schwarze Führungsschicht bildeten. Harlem galt als die „Negro capital of the world“ oder das „black Jerusalem“, das den Zuwanderern aus dem Süden ein Gefühl von Befreiung und Hoffnung vermittelte. Bald herrschten aber auch hier wie in den anderen schwarzen Wohngebieten der nördlichen Metropolen drangvolle Enge, Armut und schlechte hygienische Verhältnisse. Eine hohe Kindersterblichkeit, steigender Drogenkonsum und Kriminalität wurden zu weiteren Negativmerkmalen des Ghettos. Die Politiker in Washington einschließlich der Präsidenten verschlossen vor dieser Entwicklung die Augen oder beriefen sich auf die Zuständigkeit der Staatenregierun‐ gen. Nur eine kleine Minderheit weißer Reformer unterstützte aktiv die Anliegen der Afroamerikaner, die sich nun vermehrt um Selbsthilfe bemühten. Den Schwarzen des Südens erwuchs eine Führerpersönlichkeit in Booker T. Washington, der 1856 als Sohn von Sklaven geboren worden war und der 1881 eine Berufsschule, das Tuskegee Institute, in Alabama gegründet hatte. Mit Blick auf die realen Machtverhältnisse im Süden stellte Washington politische Ziele vorerst zurück und proklamierte den Kampf 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten 219 <?page no="220"?> um die wirtschaftliche Gleichberechtigung als Hauptaufgabe. Sie sollte schrittweise durch harte Arbeit, die Aneignung handwerklicher Fähigkeiten und den Erwerb von Ei‐ gentum erreicht werden. Auf diese Weise könnten die Schwarzen ihr Selbstwertgefühl stärken und beweisen, dass sie bildungs- und anpassungsfähig seien. Eine Alternative zu dieser „gradualistischen“ Strategie entwickelte William E. B. Du Bois, ein 1868 in Neuengland geborener Afroamerikaner, der an der schwarzen Fisk University und in Berlin studiert hatte und nach der Promotion in Harvard als Professor in Atlanta lehrte. Er setzte seine Hoffnung auf das „begabte Zehntel“ (talented tenth) der Schwarzen, das als intellektuelle Avantgarde den Rassengenossen ein Vorbild geben und sie zur „Kultivierung“ anspornen sollte. Die „Anti-Bookerites“, darunter auch einige weiße Reformer, trafen sich 1905 auf kanadischem Territorium an den Niagara Falls und legten das Versprechen ab, über die wirtschaftliche Chancengleichheit hinaus auch für das Wahlrecht und die Rechtsgleichheit der „Farbigen“ zu kämpfen. Aus diesem Niagara Movement ging 1909 die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) hervor, die alle politischen und rechtlichen Mittel ausschöpfen wollte, um die Rassendiskriminierung zu beenden. Du Bois fungierte als Herausgeber der Zeitschrift The Crisis, aber die Führung der NAACP, die 1914 50 Zweigstellen mit ca. 6000 Mitgliedern hatte, lag überwiegend in der Hand reformerisch gesinnter weißer Anwälte. Ein Problem bestand darin, dass sich Organisationen wie die NAACP oder die National Urban League (NUL) mehr um die aufstrebenden Afroamerikaner in den Städten kümmerten als um die sharecroppers und Pächter auf dem flachen Land, obwohl auch 1920 immer noch 80 Prozent aller Schwarzen im Süden lebten. Mit öffentlichen Kampagnen gegen die Lynchjustiz und mit der Verteidigung von Afroamerikanern vor Gericht wurden einige praktische Erfolge erzielt. An der Segregation, der Armut in den Ghettos und der Verschuldung und Abhängigkeit der sharecroppers änderte das aber kaum etwas. Von einer Assimilierung und Integration der schwarzen Bevölkerung, die Booker T. Washington und W. E. B. Du Bois mit unterschiedlichen Methoden anstreb‐ ten, war man bei Ausbruch des Krieges noch weit entfernt. Washington starb 1915, und Du Bois forderte wenig später die jungen Afroamerikaner auf, sich freiwillig zur Armee zu melden und in Europa für die Freiheit zu kämpfen, damit sie anschließend auch in den USA mit größerem Nachdruck ihre Rechte einfordern könnten. Der Frauenbewegung gelang es in dem allgemeinen Reformklima, viele ihrer alten Forderungen zu verwirklichen, und einige Gruppen wie die Intellektuellen im Umkreis der sozialistischen New Yorker Zeitschrift The Masses formulierten bereits neue, feministische Ziele. Sie wollten die Fesseln der Geschlechterrollen und der „separaten Sphären“ abstreifen und die Frau in beruflicher, sexueller und kultureller Hinsicht dem Mann völlig gleichstellen. Sie standen der jungen feministischen Bewegung nahe, die in Alice Paul eine Führungsfigur und in der National Woman’s Party ein Sammelbecken fand. Das waren die ersten Anzeichen einer umfassenderen Revolution in den Beziehungen der Geschlechter, als dem women’s movement des späten 19. Jahr‐ hunderts vorgeschwebt hatte. Im praktischen Alltagsleben hielten sich die Fortschritte noch in engen Grenzen, aber für die jüngeren, besser gebildeten Frauen ergaben sich Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 220 <?page no="221"?> doch schon bedeutsame neue Erwerbsmöglichkeiten: Während die Zahl der in der Landwirtschaft und in Haushalten tätigen Frauen drastisch abfiel, stieg die Kurve der in modernen städtischen Dienstleistungsberufen, d. h. vor allem in Büros Beschäftigten ab 1900 steil an. Das ging einher mit einer generellen Lockerung des Lebenstils, der sich äußerlich in neuen, bequemeren Kleidungsmoden bemerkbar machte. Anders als die Frauenbewegung blieb die Arbeiterbewegung insgesamt auf Distanz zum Progressive Movement und versuchte, weiterhin eigene Wege zu gehen. Die Reformer kümmerten sich zwar um die Belange der Arbeiter, aber sie dachten und handelten doch ganz überwiegend aus einer bürgerlichen Perspektive und verabscheu‐ ten Klassenkampfideen. Arbeiterführer wie Eugene V. Debs aus Indiana, der sich als Präsident der AFL-Railway Union beim Pullman-Streik von 1894 einen Namen gemacht hatte, und der deutschstämmige Victor Berger aus Milwaukee entwickelten demgegenüber sozialistische Positionen und verfochten sie offensiv in der politischen Arena. 1901 trennte sich Debs von der militanten, dogmatisch-marxistischen Socialist Labor Party und trat an die Spitze einer neuen, breiter fundierten Arbeiterpartei, der Socialist Party of America. Obwohl auch diese Sammlung von Intellektuellen, Berufs‐ politikern und Gewerkschaftern, Frauen wie Männern, nicht von inneren Spannungen und Flügelkämpfen verschont blieb, wurde sie vorübergehend zur bestimmenden politischen Kraft der amerikanischen Linken. In der Rhetorik des Klassenkampfes trug Debs im Grunde maßvoll-reformerische Forderungen vor und verschaffte der Sozialistischen Partei damit eine Massenbasis von über 100.000 Mitgliedern. Seine Popularität erreichte bei den Präsidentschaftswahlen von 1912 ihren Höhepunkt, als er mit 900.000 Stimmen 6 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen konnte. Ab 1915 gerieten die Sozialisten mit ihrem pazifistischen Kurs allerdings immer mehr in Widerspruch zur öffentlichen Meinung, und im November 1916 lag ihr Wähleranteil nur noch bei 3,2 Prozent. Nach dem Kriegseintritt der USA beschleunigte sich der Niedergang der Partei dann durch Abspaltungen und den Druck staatlicher Behörden und Gerichte. Die Gewerkschaften konnten angesichts der günstigen Wirtschaftsentwicklung, die nur 1912 / 13 von einer Rezession unterbrochen wurde, Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen durchsetzen. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1915 stieg der durchschnittliche Reallohn eines Industriearbeiters von 532 auf 687 Dollar im Jahr. Weil das aber immer noch kaum ausreichte, eine Familie zu ernähren, mussten in der Regel mehrere Familienmitglieder, gerade auch Kinder, mitarbeiten, um den Lebensunterhalt sicherzustellen. Der Kampf für den Acht-Stunden-Tag trug erste Früchte, doch in vielen Industriezweigen, besonders in den Textilfabriken des Südens, waren 10 bis 13 Stunden Arbeitszeit weiterhin an der Tagesordnung. 1900 gehörten von den 30 Millionen nicht in der Landwirtschaft Beschäftigten 1 Million einer Gewerkschaft an; 1920 lagen die Vergleichszahlen bei ca. 40 Millionen und 5 Millionen. Die bei weitem bedeutendste Gewerkschaft, die American Federation of Labor (AFL), allein zählte 1920 4 Millionen Mitglieder, was etwa ein Fünftel der Industriearbeiterschaft ausmachte. Die etablierten Einzelverbände der AFL betrachteten Einwanderer, Afroamerikaner und Frauen (1910 2 Das Bemühen um eine innere Erneuerung der Vereinigten Staaten 221 <?page no="222"?> waren von 7 Millionen beschäftigten Frauen nur 125.000 organisiert) nach wie vor eher als Konkurrenten denn als Mitstreiter für eine gemeinsame Sache. Die Enttäuschung vieler Arbeiter über die ganz auf die Interessen der weißen Facharbeiterschaft ausge‐ richtete Taktik der AFL hatte schon 1905 zur Gründung einer neuen Gewerkschaft mit Schwerpunkt in den Bergwerksgebieten der Rocky Mountains und von West Virginia und Pennsylvania geführt. Bei den Industrial Workers of the World (IWW) handelte es sich um eine radikale Organisation, die speziell ungelernte Arbeiter und Neueinwan‐ derer ansprach und die durch Streiks und Sabotage den Kampf für die Weltrevolution befördern wollte. Der Schrecken, den die „Wobblies“ zeitweise in der amerikanischen Mittelschicht verbreiteten, stand im krassen Missverhältnis zu ihrer Mitgliederzahl und ihren Erfolgen. Während des Krieges wurden über 100 IWW-Anführer wegen Behinderung der Rüstungsanstrengungen verhaftet, und Organisatoren von Streiks sahen sich wütenden patriotischen Mobs gegenüber. Vollends ging diese „alternative“ Gewerkschaft dann im antikommunistischen Red Scare unter, der in den USA auf den Krieg und die Revolutionen in Europa folgte. Viele der hoch gesteckten Erwartungen, mit denen die progressiven Reformer an die Demokratisierung der Gesellschaft, die Herstellung von Chancengleichheit, die Beseitigung der Armut, die „Säuberung“ der Städte von Korruption und Unmoral und den Aufbau leistungsfähiger Verwaltungen herangegangen waren, blieben unerfüllt. Manche Erfolge zeitigten auch ganz unerwartete und unerwünschte Resultate, wie das Paradebeispiel der Prohibition zeigt, die das organisierte Verbrechen förderte, anstatt die Moral und Volksgesundheit zu heben. Auf der anderen Seite war die progressive Reformära keineswegs folgenlos: Zu ihren wichtigsten Ergebnissen gehört sicherlich ein Bewusstseinswandel in weiten Teilen der Bevölkerung, der Interventionen von Parlamenten und Regierungen in wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten nun zumindest unter gewissen dringenden Umständen gerechtfertig erscheinen ließ. Hinzu kam die Stärkung einer unabhängigen öffentlichen Meinung gegenüber dem Parteien‐ geist, der das späte 19. Jahrhundert beherrscht hatte. Die großen Parteien konnten sich zwar behaupten, nicht zuletzt, weil nur mit ihrer Hilfe eine nationale politische Willensbildung möglich war. Während die Parteibindung der Bürger aber etwas nachließ, gewannen nun die „organisierten Interessen“, in die sich die Gesellschaft auffächerte, immer mehr an Gewicht. Die unterschiedlichen Vorschläge und Forderun‐ gen, mit denen diese Reform- und Interessengruppen an die Öffentlichkeit traten, machten den politischen Prozess noch vielfältiger, komplexer und unberechenbarer. Ihre Analysen und ihre Kritik bewirkten aber ein vertieftes Nachdenken über die Grundlagen, Prinzipien und Ziele der amerikanischen Gesellschaft. Diese ständige öffentliche Debatte und die vielen privaten Initiativen hielten den „Prozess der kleinen Schritte“ in Gang, der die Modernisierung in dem immer noch weitgehend dezentralen und relativ schwach bürokratisierten Staatswesen voranbrachte. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 222 <?page no="223"?> 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg Der Weg in den Krieg, 1914 - 1917 Als die Balkankrise im August 1914 zum europäischen Hegemonialkrieg eskalierte, der auch auf die Kolonialgebiete Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens übergriff, erklärte Präsident Wilson die Neutralität der USA und bat die Bevölkerung, sich unparteiisch zu verhalten. Damit befand er sich ganz im Einklang mit der außenpolitischen Tradition seit George Washington und trug darüber hinaus der Sorge vor innerer Zwietracht Rechnung: Es galt zu verhindern, dass die Auseinandersetzung zwischen Sympathisan‐ ten der Mittelmächte, zu denen in erster Linie deutsch- und irischstämmige Amerikaner gehörten, und Anhängern der Westmächte die multiethnische amerikanische Gesell‐ schaft in eine Zerreißprobe stürzte. Thomas Woodrow Wilson war 1856 in eine presbyterianische Pfarrersfamilie in Vir‐ ginia hineingeboren worden und hatte seinen Weg in die Politik über eine akademische Laufbahn als Geschichtsprofessor und Präsident der Princeton University gemacht (die er wieder in die Spitzengruppe der amerikanischen Bildungseinrichtungen führte). Als progressiver Gouverneur von New Jersey trat er 1912 für die Demokratische Partei an, um mit Hilfe einer gestärkten Bundesregierung die nötigen wirtschaftlichen und sozialen Reformen durchzusetzen. Wilson verband die moralische Strenge seiner presbyterianischen Erziehung mit wissenschaftlicher Disziplin, und er war trotz des äußerlich steifen, unnahbaren Auftretens ein mitreißender Redner. Im Stil eines Predigers benutzte er häufig religiöse Bilder, aber auch den einprägsamen Slogan „New Freedom“, der eine Erfüllung der in Unabhängigkeitserklärung und Verfassung enthaltenen demokratischen Verheißungen suggerierte. Gefühlsmäßig und ideologisch stand Wilson als Progressiver den Westmächten näher als dem Deutschen Reich, das aus seiner Sicht Autokratie und Militarismus verkörperte und auf die Zerstörung des europäischen Mächtegleichgewichts hinar‐ beitete. Auch in der westlichen Hemisphäre schien von Deutschland politisch und wirtschaftlich größere Gefahr auszugehen als von Großbritannien, das sich hier seit langem mit den USA arrangiert hatte. Rein ökonomische Gründe sprachen ebenfalls für eine bevorzugte Behandlung der Entente: Großbritannien war für die Vereinigten Staaten schon im Frieden der bedeutendste Handelspartner und Investor gewesen, und die Engländer kauften nach Kriegsbeginn im großen Stil Lebensmittel, Waffen und Munition in den USA ein. Diese Geschäfte wurden größtenteils durch private amerikanische Bankkredite finanziert, die sich bis 1917 schon auf 2,3 Milliarden Dollar beliefen. Allein im Jahr 1916 exportierte die amerikanische Wirtschaft, die durch den Auftragsboom aus der Vorkriegsrezession gezogen wurde, Rohstoffe und Waren im Wert von 2,75 Milliarden Dollar nach England und Frankreich. Demgegenüber sanken die Ausfuhren nach Deutschland wegen der Autarkiepolitik der Reichsregierung und der englischen Blockade bis 1916 auf ganze 2 Millionen Dollar ab. 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg 223 <?page no="224"?> Wenn sich unter diesen Umständen innerhalb der Wilson-Administration die Waage auch schon früh zu Gunsten der Westmächte neigte, so hielten doch einige andere Faktoren die USA vorerst auf Neutralitätskurs. Wilson wusste, dass eine Kriegsbetei‐ ligung sein Reformprogramm gefährden würde; er hatte sein Land tief in die 1911 ausgebrochene mexikanische Revolution verstrickt; und er kannte die Stimmung einer großen Mehrheit der Amerikaner, die fürchteten, dass sie - womöglich an der Seite des autokratischen Zarenreichs - in den Kampf der „imperialistischen“ Mächte hineinge‐ zogen werden könnten. Der Präsident verhielt sich deshalb keineswegs, wie später oft behauptet wurde, von vornherein „pro-Entente“ oder „anti-deutsch“, sondern er hatte in allererster Linie die amerikanischen Interessen und seine Wiederwahlaussichten im Auge. Die US-Regierung verurteilte nicht nur die völkerrechtswidrige deutsche U-Boot-Kriegführung, sondern sie legte - wenngleich in schwächerer Form - auch gegen eine Reihe von britischen Blockadepraktiken Protest ein. Am liebsten wäre Wilson in dieser Phase ein Kompromissfriede gewesen, dessen Chancen er durch seinen engen Vertrauten, Colonel Edward M. House, in Europa ausloten ließ. An dieser Grundeinstellung änderte selbst der schwere „Lusitania“-Zwischenfall nichts, bei dem ein deutsches U-Boot am 7. Mai 1915 einen britischen Luxusdampfer auf dem Rückweg von New York vor der irischen Küste versenkte und den Tod von fast 1200 Menschen, darunter 128 Amerikaner, verursachte. Allerdings lehnte Wilson den Vorschlag seines Außenministers William J. Bryan ab, die Nutzung von Passa‐ gierschiffen für den Transport von Rüstungsgütern zu verbieten (die „Lusitania“ hatte Gewehrmunition für England an Bord gehabt) und amerikanischen Bürgern zu untersagen, auf Schiffen Krieg führender Staaten zu reisen. Bryan trat daraufhin zurück und wurde durch Robert Lansing ersetzt, der den Alliierten günstiger gesonnen war. Als die Reichsregierung jedoch nach der „Lusitania“-Krise Zugeständnisse machte und im Mai 1916 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg vollends einstellte, schienen sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen wieder zu stabilisieren. Um dieselbe Zeit trübte sich das Verhältnis der USA zu Großbritannien und Frankreich, weil die beiden alliierten Regierungen auf der Pariser Wirtschaftskonferenz vom Sommer 1916 ökonomische Kriegsziele formulierten, die mit dem amerikanischen Verlangen nach offenen Märkten und freiem Welthandel unvereinbar waren. Alle diese Ereignisse wurden in den USA von einer heftigen Debatte zwischen Gegnern und Befürwortern eines amerikanischen Kriegsbeitritts begleitet. Auf der einen Seite entstand eine breite Friedensbewegung, in der sich Vertreter unterschied‐ lichster Interessengruppen und geistiger Strömungen sammelten. Neben Pazifisten und Quäkern traten auch progressive Reformer wie Robert LaFollette, Sozialisten wie Eu‐ gene V. Debs, Frauenrechtlerinnen wie Jane Addams und Großindustrielle wie Andrew Carnegie und Henry Ford öffentlich für die Ziele der unionsweiten Non-Partisan League ein. Ihre Anhänger waren überzeugt, dass Unternehmer und Bankiers, die von der Rüstung profitierten, die USA gegen den Willen des Volkes in den Krieg hineinziehen wollten. Dieser Friedensbewegung stellte sich, angeführt vom ehemaligen Präsidenten Theodore Roosevelt, eine aktive Minderheit von „Interventionisten“ entgegen, die Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 224 <?page no="225"?> das Deutsche Reich als Hauptstörenfried der internationalen Ordnung brandmarkten und für die das Eingreifen der USA an der Seite der Westmächte nur eine Frage der Zeit sein konnte. Die Geheimdienste der Krieg führenden Staaten versuchten, diesen Meinungsstreit zu beeinflussen: Von Mitarbeitern der deutschen Botschaft in Washington wurden deutschfreundliche Organisationen unterstützt und Sabotageakte gegen kriegswichtige Lieferungen an die Entente geplant (der spätere Reichskanzler Franz von Papen musste deshalb die USA als persona non grata verlassen); die Briten verbreiteten ihrerseits übertriebene Berichte von deutschen Gräueltaten in den besetz‐ ten Gebieten und schürten amerikanische Ängste vor deutschen Expansionsabsichten in Lateinamerika. Im Wahljahr 1916 überwog noch eindeutig die Friedenssehnsucht in der amerikani‐ schen Bevölkerung. Präsident Wilson versprach, die USA weiterhin aus dem Krieg herauszuhalten, verlangte aber unter dem Schlagwort der preparedness, dass sich die Nation auf alle Eventualitäten vorbereiten müsse. Schon vor der Wahl schuf der Kongress durch mehrere Gesetze die Grundlage für eine Aufrüstung, mit der die USA ihre Machtposition sichern konnten, ganz gleich, wie der Krieg ausging. Neu im Wahlprogramm der Demokraten war der Vorschlag eines „Völkerbundes“ (League of Nations), der in Zukunft Aggressionen und Kriege verhindern sollte. Nach seinem knappen Sieg über den republikanischen Kandidaten Charles Evans Hughes im November 1916 warb Wilson erneut für einen „Frieden ohne Sieg“ und forderte die Kriegführenden auf, ihre Bedingungen bekannt zu geben. Die hinhaltende Taktik, mit der die Reichsregierung auf diese Friedensvermittlung reagierte, leitete dann allerdings eine Entwicklung ein, die in den Kriegseintritt der USA mündete. In Berlin setzten sich um diese Zeit die Befürworter eines „Siegfriedens“ durch, die glaubten, Großbritannien durch den U-Boot-Krieg in die Knie zwingen zu können, bevor die USA überhaupt in der Lage wären, wirksam militärisch zu intervenieren. Diese Annahme sollte sich als letztlich kriegsentscheidender Irrtum erweisen. Nach der Erklärung der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, der sich ja nicht zuletzt gegen die Neutralen richtete, brach Präsident Wilson Anfang Februar 1917 die diplomatischen Beziehungen zu Berlin ab, scheute aber immer noch vor dem Krieg zurück. Wieder kam es zu großen Friedensdemonstrationen in amerikanischen Städten, an denen sich nun sogar der ehemalige Außenminister Bryan beteiligte. Der endgültige Stimmungsumschwung trat dann durch die Veröffentlichung des so genannten „Zimmermann-Telegramms“ ein, einer Depesche, die der deutsche Staats‐ sekretär des Äußeren, Arthur Zimmermann, am 19. Januar 1917 an die Botschaft in Mexiko geschickt hatte. Darin instruierte er den deutschen Botschafter, dem mexi‐ kanischen Präsidenten ein Bündnis gegen die USA vorzuschlagen, in das möglichst auch Japan einbezogen werden sollte. Im Falle eines deutschen Sieges würde das Reich dann Mexiko helfen, die 1848 verlorenen Gebiete in Texas, New Mexico und Arizona zurückzubekommen. Da dieses Telegramm aus technischen Gründen über die deutsche Botschaft in Washington lief, konnte es der englische Geheimdienst abfangen und entschlüsseln. Am 24. Februar wurde der Text an Wilson weitergeleitet, der ihn 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg 225 <?page no="226"?> am 1. März veröffentlichen ließ. Die Bevölkerung reagierte erwartungsgemäß heftig, weil die deutsche Offerte an zwei neuralgische Punkte rührte: Sie bedeutete eine Einmischung in die amerikanisch-mexikanischen Beziehungen, die sich durch den Abzug der letzten amerikanischen Interventionstruppen gerade gebessert hatten; und sie beschwor das Gespenst eines Zweifrontenkrieges im Atlantik und Pazifik herauf, wo man den Japanern durchaus aggressive Absichten zutraute. Im Kongress stemmte sich dennoch eine Gruppe von Senatoren bis zuletzt dem Kriegseintritt entgegen. Ihrem Widerstand wurde aber der Boden entzogen, als deutsche U-Boote mehrere amerikanische Schiffe versenkten. Am 2. April forderte Wilson den Kongress auf, dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären: Die USA würden nicht für Eroberungen kämpfen, sondern für Frieden und Gerechtigkeit. Wilsons berühmte Forderung: „The world must be made safe for democracy“ bezog sich auch auf die Lage in Russland, wo der Zar nach der Februar-Revolution abgedankt hatte. Die Kriegserklärung erfolgte am 6. April gegen 50 Stimmen im Repräsentantenhaus (darunter die erste weibliche Abgeordnete, Jeannette Rankin aus Montana) und sechs im Senat. Um ihren besonderen Status zu verdeutlichen, traten die USA als „assoziierte“ Macht an die Seite der „alliierten“ Westmächte. Wilson begründete seine Entscheidung mit deutschen Rechtsbrüchen sowie mit der Gefährdung des amerikanischen Handels und der amerikanischen Sicherheit. Gleichzeitig gab er eine moralische Rechtfertigung, indem er den Krieg zum „Kreuzzug für die Demokratie“ und zum „war to end all wars“ erklärte. Pragmatisches Gleichge‐ wichtsdenken mischte sich mit einem idealistischen, im letzten religiös inspirierten Bekenntnis zu höheren Werten und Prinzipien. Über die „eigentlichen“ Motive des Präsidenten wird bis heute gerätselt: Vieles deutet darauf hin, dass Wilson und seine engsten Berater seit Ende 1916 zunehmend zu der Überzeugung gelangt waren, dass die USA nur im Falle einer aktiven Beteiligung am Krieg ihren Interessen und Prinzipien auf der künftigen Friedenskonferenz würden Geltung verschaffen können. Sollte Deutschland siegen, dann drohte die Verwirklichung von „Mitteleuropa“-Plänen, die wenig Rücksicht auf amerikanische Belange nahmen. Aber selbst ein Sieg der Entente-Mächte, das hatten die Wirtschaftsverhandlungen in Paris 1916 gezeigt, konnte zu Lasten der Vereinigten Staaten gehen. Die Beweggründe zum Kriegseintritt waren also spätestens nach dem Scheitern der Vermittlungsaktion gegeben; ohne die strategischen Fehlkalkulationen und diplomatischen Missgriffe der deutschen Führung wäre es Wilson jedoch schwer gefallen, den „Rubikon zu überschreiten“ und Bevölkerung wie Kongress von der Notwendigkeit der Kriegserklärung zu überzeugen. Die Vereinigten Staaten als Krieg führende Macht, 1917 / 18 So schwer sich die Amerikaner mit der Entscheidung für den Krieg getan hatten, so intensiv und verbissen mobilisierten sie nun ihre großen menschlichen und materiellen Ressourcen. Obwohl sich Hunderttausende freiwillig zum Militär meldeten, wurde im Mai 1917 die Wehrpflicht durch den Selective Service Act eingeführt, der insgesamt Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 226 <?page no="227"?> 45 Millionen Amerikaner erfasste, von denen 3 Millionen dienten. In Frankreich kamen 2 Millionen Amerikaner zum Einsatz, davon ca. 400.000 Schwarze, die aber strikt seg‐ regiert blieben und hauptsächlich Arbeiten hinter der Front verrichteten. Frauen taten freiwillig Dienst als Krankenschwestern im US Nurse Corps und als Sekretärinnen oder Technikerinnen bei der US Navy und im US Army Signal Corps. Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (conscientious objectors) fanden lediglich 4000 Amerikaner. Die ökonomische Mobilisierung fiel relativ leicht, weil die amerikanische Wirtschaft über genügend Produktionsreserven verfügte, um sowohl den militärischen Bedarf als auch den zivilen Konsum zu befriedigen. Unter Einschluss der Lieferungen an die Verbündeten entfiel selbst auf dem Höhepunkt der Anstrengungen nur ein Viertel der Gesamtproduktion auf die Kriegführung. Von einer Zwangs- und Mangelwirt‐ schaft, wie sie die meisten Europäer erfuhren, war man in den USA also weit entfernt. Kennzeichnend für den amerikanischen Ansatz wurden Kommissionen, in denen Regierungsbeamte mit Repräsentanten der einzelnen Wirtschaftszweige und mit Gewerkschaftsvertretern zusammenarbeiteten. Im Zentrum stand der vom Finanzexperten Bernard Baruch geleitete War Industries Board (WIB), der planend, lenkend und rationalisierend in die Produktion eingriff und Preise festsetzen konnte. Der War Trade Board organisierte und überwachte die wirtschaftliche Kriegführung gegen Deutschland, wobei schwierige Abstimmungsprobleme zwischen den USA und den für die Blockade verantwortlichen britischen Ministerien zu lösen waren. Die Food Administration unter dem späteren Präsidenten Herbert Hoover kooperierte mit den Farmerverbänden, um die Agrarerzeugung zu steigern, Lebensmittel in den USA und bei den Verbündeten zu verteilen und den Preisauftrieb zu dämpfen. Die zentralisierende Wirkung des Krieges spiegelte sich auch in Behörden wie dem War Shipping Board und der Railroad Administration wider, die für eine bessere Nutzung der Transportkapazitäten sorgten. Um Arbeitskämpfe zu vermeiden, richtete die Regierung den National War Labor Board als Vermittlungsinstanz ein und drängte die Unternehmen, die Löhne zu erhöhen und die AFL-Verbände als Tarifpartner anzuerkennen. Durch die Einbindung der gemäßigten Gewerkschaften blieb der soziale Friede weitgehend gewahrt, obgleich die Preise kräftig stiegen und die Lebenshaltungskosten 1918 fast doppelt so hoch lagen wie 1913. Der Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften wurde nach dem Versiegen der Einwanderung aus der „internen Reserve“ gedeckt: Frauen stellten binnen kurzem ein Fünftel der in den Kriegsindustrien Beschäftigten, und ca. 500.000 Afroamerikaner zogen aus dem Süden in die Industriezentren des Nordostens und Mittleren Westens. Während die meisten Frauen bei Kriegsende wieder Männern Platz machen mussten, reichten die sozialen Folgen der Great Migration weit über den Krieg hinaus: Einer‐ seits gelangten südliche Lebensart und afroamerikanische Kultur in die Ghettos der nördlichen Metropolen, von wo aus einzelne ihrer Erscheinungsformen wie der melan‐ cholische Blues und der Jazz den Weg in den kulturellen mainstream der USA fanden. Andererseits wuchsen die sozialen Spannungen zwischen Weiß und Schwarz und 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg 227 <?page no="228"?> kam es nun auch im Norden häufiger zu Lynchmorden und Rassenunruhen. Die wirt‐ schaftliche Mobilisierung ging keineswegs reibungslos vonstatten, sondern es gab auch Fehlplanungen, Koordinierungsmängel und Kompetenzenwirrwarr. Noch bevor die Maschinerie auf volle Touren kam, ging der Krieg zu Ende. Der Verteidigungshaushalt, der 1916 ganze 305 Millionen Dollar betragen hatte, erreichte erst 1919 seinen Höchst‐ stand mit 13,5 Milliarden Dollar. Trotz allem erzielten die Amerikaner innerhalb kurzer Zeit eine beeindruckende volkswirtschaftliche Leistung. Sie finanzierten nicht nur ihre eigenen Kriegsanstrengungen, sondern zum beträchtlichen Teil auch diejenigen der europäischen Verbündeten, denn in den 33,5 Milliarden Dollar Gesamtausgaben waren 7 Milliarden Kriegskredite enthalten. Zwei Drittel der Kriegskosten wurden durch Steuern aufgebracht, der Rest durch die Ausgabe von Staatsanleihen, die als Liberty Bonds noch zusätzliche Propagandawirkung entfalteten. Gesamtwirtschaftlich gesehen bewirkte der Krieg einen Wachstumsschub, der das Bruttosozialprodukt von 40 Milliarden (1914) auf 90 Milliarden Dollar (1920) hinaufschnellen ließ. Bei Berücksichtigung der Inflation bleiben zwar nur 10 Milliarden realer Zuwachs, aber selbst das ist eine beachtliche Expansionsrate. Integraler Bestandteil des „Kreuzzugs für die Demokratie“ war die psychologische Aufrüstung der „Heimatfront“ einschließlich der Unterdrückung von politischem Dissens. Anpassungs- und Konformitätsdruck wurden teils durch Steuerung von oben, teils durch spontane Aktionen an der Basis erzeugt. Im Auftrag der Regierung entfachte das Committee on Public Information, das der progressive Journalist George Creel leitete und dem bekannte Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler angehörten, eine heftige anti-deutsche Kampagne. Sie traf nicht nur erklärte Sympathisanten des Kaisers, sondern zerstörte auch Institutionen wie deutsche Vereine, Zeitungen und Schulen, auf denen die ethnische Identität der Deutsch-Amerikaner beruhte. (Zur selben Zeit riefen Professoren im Kaiserreich zur Verteidigung der deutschen Kultur gegen „westlichen Materialismus“ und „falsche Freiheit“ auf.) Der Rückgang der deutschen Sprache in den USA, der auf Grund der nachlassenden Einwanderung von Deutschen seit den 1890er Jahren schon früher begonnen hatte, wurde durch diese Vorgänge weiter beschleunigt. Neben den Deutschstämmigen litten die Iren am meisten unter dem vom Creel Committee angestachelten patriotischen Eifer. Die Angst vor Spionen und Saboteuren war nicht völlig unbegründet, aber vom Standpunkt der „loyalen“ Amerikaner aus machte sich jedermann schuldig, der die Beteiligung am Krieg nicht begrüßte oder sie gar kritisierte. In den Gemeinden und Betrieben überwachten halbstaatliche und private „Selbstschutz“-Organisationen (Loyalty Leagues, American Protective League, American Defense Society etc.) alle potenziellen Kriegsgegner und registrierten „un‐ amerikanische“ Aktivitäten. Die Regierungen der Einzelstaaten, die Universitäten und das 1908 gegründete Bureau of Investigation im Bundesjustizministerium (aus dem 1935 das FBI hervorging) beteiligten sich an dieser Jagd auf den „inneren Feind“. Darüber hinaus schuf der Kongress gesetzliche Grundlagen, um einen möglichen Widerstand gegen die Kriegspolitik im Ansatz zu ersticken: Der Espionage Act von 1917 verbot die Behinderung der Rekrutierung und Aufrüstung und ermöglichte Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 228 <?page no="229"?> die Presse- und Postzensur; nach dem Sedition Act von 1918 konnte unter Anklage gestellt werden, wer die Regierung, die Uniform oder nationale Symbole wie Fahne und Verfassung verächtlich machte. Zwar hielt sich die Zahl der Verurteilungen in Grenzen, aber in dem hysterischen Klima, das auf diese Weise geschaffen wurde, gingen die abweichenden Stimmen aus der Friedensbewegung und aus dem Lager der amerikanischen Linken unter. Der Supreme Court bestätigte nach Kriegsende in Fällen wie Schenck v. US und Abrams v. US die repressiven Gesetze als verfassungskonform: in dem gegebenen Ausnahmezustand sei der Kongress befugt gewesen, die vom ersten Amendment garantierte Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit einzuschränken. Eugene Debs, der wegen einer Anti-Kriegsrede zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war, kandidierte 1920 von seiner Zelle aus für die Präsidentschaft und wurde erst 1921 von Präsident Harding begnadigt. Einzelne Richter erkannten dem Schutz der Grundrechte schon damals einen wesentlich höheren Rang zu, aber in vieler Hinsicht hatte diese restriktive Auslegung der Verfassung bis nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand. Aus heutiger Sicht gehört die strafrechtliche Verfolgung der Kriegsgegner - ebenso wie die Diffamierung ganzer Bevölkerungsgruppen - zu den Schattenseiten der nationalen Kraftanstrengung von 1917 / 18. Auf dem Kriegsschauplatz konnte zunächst mit Hilfe des Konvoi-Systems eine wirtschaftliche Abschnürung Großbritanniens verhindert werden. Überdies steigerte die amerikanische Teilnahme an der Blockade nun den ökonomischen Druck auf die Mittelmächte. Mit der Requirierung der niederländischen Handelsschiffe in ame‐ rikanischen Häfen im März 1918 gaben die USA sogar zu erkennen, dass sie bereit waren, die Rechte der neutralen Staaten, die sie bis 1917 hochgehalten hatten, dem Ziel der Niederringung des Deutschen Reiches unterzuordnen. Nahezu unbehindert von deutschen U-Booten trafen die ersten Truppen der American Expeditionary Force (AEF) unter General John J. Pershing im Herbst 1917 in Frankreich ein. Noch bevor sie wirklich in die Kämpfe eingreifen konnten, verkündete Präsident Wilson am 8. Januar 1918 vor dem Kongress die amerikanischen Kriegsziele, die er in den berühmten „14 Punkten“ zusammenfasste. Die wichtigsten Forderungen betrafen die Abkehr von den Methoden der Geheimdiplomatie und Geheimverträge zu Gunsten einer „offenen“ Diplomatie; die Freiheit der Meere und einen unbehinderten Welthandel; die Begrenzung der Rüstungen und die Regelung der kolonialen Ansprüche; die Rückgabe der von den Mittelmächten besetzten Gebiete und die Verwirklichung des Prinzips der nationalen Selbstbestimmung einschließlich der Errichtung eines unabhängigen polnischen Staates; und schließlich als krönenden Abschluss die Gründung eines Völkerbundes (general association of nations), der dafür sorgen sollte, dass eventuelle Konflikte innerhalb der neuen Friedensordnung gewaltfrei gelöst würden. Diese Botschaft erwies sich als eine scharfe Propagandawaffe, aber sie legte Wilson auch auf einen Kurs fest, der mit den Realitäten der europäischen Machtpolitik nur schwer vereinbar war. Anfangs ließ sich der Präsident davon nicht beirren: Wie vor ihm Lincoln, so nutzte Wilson nun die große Machtfülle aus, die ihm die Verfassung 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg 229 <?page no="230"?> gerade in Kriegszeiten als Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in die Hand gab, um den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs gewann der amerikanische Einsatz an Men‐ schen und Material ab Frühjahr 1918, als sich die Balance nach dem russischen Separatfrieden von Brest-Litowsk zu Gunsten der Mittelmächte zu neigen schien, ausschlaggebende Bedeutung. Mit Hilfe von US-Truppen konnte die deutsche „Schluss‐ offensive“ im Juni zum Stehen gebracht werden, und in den beiden folgenden Monaten gelang es, die gegnerischen Armeen weit zurückzudrängen. Amerikanische Flieger kamen ebenfalls zum Einsatz; der erfolgreichste Pilot, Edward („Eddy“) Rickenbacker, brachte es auf 26 Abschüsse und wurde nach seiner Rückkehr als nationaler Held gefeiert. Später stieg er zum Präsidenten von Eastern Airlines auf, einer der Pionier‐ gesellschaften der zivilen Luftfahrt. Bei den Kämpfen in Frankreich wurden ca. 50.000 Amerikaner getötet und 200.000 verwundet. Die tatsächlichen Verluste waren aber noch wesentlich höher, denn über 60.000 Soldaten fielen Krankheiten, vor allem einer Grippeepidemie, zum Opfer. Aus amerikanischer Perspektive waren das schwere Opfer in einem Feldzug, der praktisch nur wenige Monate dauerte; gemessen an den Millionen Toten, die Deutsche, Russen, Franzosen und Briten zu beklagen hatten, muteten diese Zahlen jedoch niedrig an. Im September gab die deutsche Oberste Heeresleitung ihre Siegeshoffnungen auf und drängte die politische Führung des Reiches zum Friedensschluss. Bei der Entscheidung der Reichsregierung, am 5. Oktober ein Waffenstillstandsgesuch an Präsident Wilson zu übermitteln, spielte die trügerische Hoffnung auf die „14 Punkte“ eine ebenso wichtige Rolle wie bei den rasch eingeleiteten innenpolitischen Reformen und beim Thronverzicht des Kaisers am 9. November. Der Waffenstillstand vom 11. November diktierte der deutschen Seite dann allerdings auf französischen Druck hin sehr harte Bedingungen, die den Friedensvertrag bereits bis zu einem gewissen Grade entgegen den Absichten Wilsons präjudizierten. Der Versailler Friede und seine Rückwirkungen in den USA Mit Hilfe eines Expertenkomitees, der von Colonel House geleiteten Inquiry, hatte sich Wilson gründlich auf das Abenteuer des Friedenschließens vorbereitet. Als erster amtierender amerikanischer Präsident fuhr er im Dezember 1918 nach Europa, um an der Spitze der US-Friedensdelegation die neue politische Ordnung mitzugestalten. Sein triumphaler Empfang durch die Bevölkerung der alliierten Staaten stand im Kontrast zu der Niederlage der Demokratischen Partei in den Novemberwahlen, bei denen wirtschaftliche Themen wie die Inflation die Außenpolitik bereits wieder in den Hintergrund gedrängt hatten. Ähnlich glücklos agierte Wilson trotz aller persönlichen Anstrengungen auf der Friedenskonferenz der 27 Siegerstaaten, die am 18. Januar 1919 in Paris begann und ihren Höhepunkt mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 erreichte. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 230 <?page no="231"?> Aus drei wesentlichen Gründen blieb das Endergebnis deutlich hinter Wilsons Ideen und Zielvorstellungen zurück: Zum einen hatte der Präsident die Absicht der Franzosen und Engländer unterschätzt, Deutschland durch Gebietsabtrennungen, Entwaffnung und hohe Reparationslasten militärisch und wirtschaftlich so sehr zu schwächen, dass es nie wieder zur Gefahr werden konnte. Wilson erkannte die psychologischen und ökonomischen Risiken eines solchen Kurses, doch er musste Kompromisse schließen, um einen Bruch mit den Verbündeten zu vermeiden. Zweitens litt das Friedenspro‐ gramm der Inquiry an nahezu unüberwindlichen inneren Widersprüchen, was vor allem bei der Grenzziehung im Osten und bei der Behandlung von Kolonialfragen offenbar wurde. In den ethnisch gemischten Siedlungsgebieten Ost- und Südosteuropas ließ sich das Selbstbestimmungsprinzip nicht mit der Forderung nach der Lebensfä‐ higkeit neuer Staaten wie Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien vereinbaren; eine Ausdehnung des Selbstbestimmungsrechts auf die Kolonialgebiete wiederum kam für die europäischen Mächte noch nicht in Frage, so dass man sich auf die Zwi‐ schenlösung einigte, die ehemaligen deutschen Besitzungen als Völkerbundsmandate unter britische, französische und japanische Verwaltung zu stellen. Dass Japan auf diese Weise im pazifischen Raum noch stärker wurde, konnte eigentlich nicht im Interesse der USA liegen. Drittens schließlich trat das deutsche Problem im Verlauf der Konferenz aus der Sicht Wilsons mehr und mehr hinter die revolutionäre Gefahr zurück, die vom bolschewistischen Russland ausging. Schon die „14 Punkte“ waren in gewissem Sinne eine Antwort auf Lenins und Trotzkis Strategie gewesen, mit der Parole vom Selbstbestimmungsrecht aller Völker zum Kampf gegen den „westlichen Imperialismus“ und zur „Weltrevolution“ aufzurufen. Ohne den Kongress zu fragen, hatte Wilson im Sommer 1918 amerikanische Truppen nach Nordrussland und Sibirien entsandt, um eine Konsolidierung des bolschewistischen Regimes zu verhindern. Als sich eine Niederlage der gegenrevolutionären „weißen“ Kräfte abzeichnete, wurden sie 1920 wieder abgezogen; in der Zwischenzeit war Wilsons Aufmerksamkeit aber von dieser mit Engländern und Franzosen gemeinsam durchgeführten Intervention und vom kommunistischen Umsturz in Ungarn kaum weniger beansprucht worden als von den Bestimmungen des Versailler Vertrags. Hier brach zum ersten Mal der ideologische und machtpolitische Gegensatz zwischen den USA und Sowjetrussland auf, der die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts maßgeblich bestimmen sollte. Am Ende saß Wilson zwischen allen Stühlen und wurde von überallher angefeindet. Die Deutschen, die illusionäre Erwartungen an seine „14 Punkte“ geknüpft hatten, waren maßlos verbittert und bezichtigten ihn der Täuschung und Scheinheiligkeit. Franzosen, Briten und insbesondere die Italiener nahmen ihm übel, ihre Maximalposi‐ tionen nicht akzeptiert zu haben. Viele Amerikaner empfanden die Kluft zwischen dem Versprechen einer friedlichen, demokratischen Welt und dem tatsächlichen Ergebnis als so groß, dass sie ernsthaft am Sinn der Kriegsbeteiligung und der gebrachten Opfer zu zweifeln begannen. Wilson tröstete sich mit der Gründung des Völkerbundes, der auf dem Wege der friedlichen Revision die Fehler und Schwächen der Friedensverträge nach und nach beseitigen würde. Aber gerade an der Völkerbundssatzung, die der 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg 231 <?page no="232"?> Präsident für den Kern des Versailler Vertrags hielt, entzündete sich in den USA ein Streit, der das Scheitern seiner Politik besiegelte. Die Ratifizierungsdebatte des Senats fand in einem Klima statt, das durch die politische Desillusionierung, die Schwierigkeiten der Umstellung von Kriegsauf Frie‐ denswirtschaft und durch die Furcht vor dem Bolschewismus irrationale und teilweise hysterische Züge annahm. Schreckensberichte über die Revolutionen in Europa, eine Streikwelle von 4 Millionen amerikanischen Arbeitern, blutige Rassenunruhen in mehreren großen Städten und Bombenattentate von Anarchisten lösten 1919 / 20 eine Art kollektive Paranoia, den Red Scare, aus. Obwohl keine echte Revolutionsgefahr gegeben war (die wenigen amerikanischen Kommunisten konnten sich nicht einmal auf eine gemeinsame Partei einigen), setzten die Behörden landesweit Tausende von Verdächtigen ohne Haftbefehl fest und deportierten mehrere hundert Personen nach Europa. Eine unvoreingenommene, objektive Prüfung des Versailler Vertrags und der in ihm enthaltenen Völkerbundssatzung war in dieser Atmosphäre kaum möglich. Taktische Fehler Wilsons, der es versäumt hatte, führende Republikaner rechtzeitig ins Vertrauen zu ziehen, und der zu keinen wirklichen Zugeständnissen bereit war, erschwerten die Aufgabe zusätzlich. Kritik kam sowohl von Demokraten und Pro‐ gressiven, die den Völkerbund für eine Interessengemeinschaft der imperialistischen Mächte hielten, als auch von Republikanern, die behaupteten, eine Mitgliedschaft im Völkerbund schränke die Handlungsfreiheit der USA zu sehr ein und erlaube es anderen Staaten, die Monroe-Doktrin zu umgehen und sich in amerikanische Angele‐ genheiten wie die Einwanderungspolitik einzumischen. Der Hauptvorwurf lautete, die Bestimmungen zur „kollektiven Sicherheit“ in Artikel 10 der Völkerbundssatzung wür‐ den die Vereinigten Staaten automatisch in jeden europäischen oder kolonialen Krieg hineinziehen. Im September erlitt Wilson auf einer Redetour durch den Westen, die er zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung unternahm, einen Schlaganfall und war fortan teilweise gelähmt. Bei der Schlussabstimmung im Senat im März 1920 verfehlte der Versailler Vertrag knapp die notwendige Zweidrittel-Ratifizierungsmehrheit. Die USA blieben deshalb dem Völkerbund fern und nahmen auch die Sicherheitsgarantie zurück, die Wilson Frankreich auf der Friedenskonferenz gegeben hatte. 1921 wurde ein separater Frieden mit dem Deutschen Reich geschlossen, und 1923 verließen die letzten amerikanischen Besatzungstruppen das Rheinland. Wilson erhielt den Friedensnobelpreis für 1919, doch er sah nach der Niederlage in der Ratifizierungsdebatte sein Lebenswerk als zerstört an. Er blieb bis zum Ende der Amtsperiode im März 1921 im Weißen Haus, war aber zu krank (und inzwischen auch zu unpopulär), um sich für die Wiederwahl zu bewerben. Bei seinem Tod 1924 hinterließ er als politisches Erbe einen Völkerbund, der durch die Abwesenheit der USA und anderer wichtiger Länder seinen Anspruch auf Universalität verloren hatte und der mit der Aufgabe, die europäischen und weltpolitischen Gegensätze in friedliche Bahnen zu lenken, völlig überfordert war. Dennoch sollte sich die Idee der kollektiven Sicherheit, die mit Wilsons Namen verbunden bleibt, als zählebig genug erweisen, um im Zweiten Weltkrieg unter gewandelten Umständen erneut aufgegriffen zu werden. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 232 <?page no="233"?> Die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges Präsident Wilsons Prestige und seine hervorgehobene Stellung unter den „Friedens‐ machern“ in Paris reflektierten die relative Schwächung Europas durch einen Krieg, der fast 8 Millionen Menschenleben gekostet hatte, und den parallelen Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht. Wirtschaftlich waren die USA von einem Schuldnerland zum größten Gläubigerland der Erde geworden, und geostrategisch befanden sie sich mit ihrer starken Flotte und der Kontrolle über den Panamakanal in einer Schlüsselposition zwischen Europa und Asien. Die Gefahr, die von den Autarkieplänen der Mittelmächte, aber auch von einigen Projekten der europäischen Verbündeten für den freien Weltmarkt ausgegangen war, schien gebannt. Außerdem hatte der Krieg bewiesen, zu welch entschlossener Kraftentfaltung die amerikanische Nation im Krisenfall trotz aller ethnischen, regionalen und sozialen Unterschiede fähig war. Andererseits fanden sich die Amerikaner aber nicht bereit, im Rahmen des internationalen Systems, das aus dem Weltkrieg hervorgegangen war, eine ihrem Machtzugewinn adäquate weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Das trug in der Folgezeit nicht minder zur Instabilität der Versailler Ordnung bei als das ungeklärte Verhältnis der westlichen Demokratien zur Sowjetunion und die komplexe Verschränkung von Reparations- und Kriegsschuldenproblematik. In den USA selbst markierten die Wahlen vom November 1920, bei denen die Republikaner mit ihrem Kandidaten Warren G. Harding einen Erdrutschsieg errangen, das Ende einer Epoche. Der Reformgeist war im Krieg weitgehend für patriotische Zwecke absorbiert, der Rest im Red Scare erstickt worden, und die Bevölkerung sehnte sich „zurück zur Normalität“. Kriegspropaganda und Kriegsteilnahme hatten zur Festigung der nationalen Identität beigetragen; die nationalistischen Aufwallungen und die Unterdrückung von politischem Widerspruch hatten aber auch das Dilemma einer Demokratie sichtbar gemacht, die Gefahr lief, in Krisenzeiten im Innern die Prinzipien und Grundwerte preiszugeben, die sie nach außen verteidigen wollte. Das Todesurteil gegen die Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, das trotz internationaler Proteste nach sechsjähriger Haft im August 1927 in Massachusetts vollstreckt wurde, warf noch einmal ein dramatisches Licht auf dieses Dilemma. Die Auswirkungen des Krieges auf die Struktur des amerikanischen Staates waren eher indirekter Art bzw. machten sich erst mit Verzögerung deutlich bemerkbar. Zur notwendigen zentralen Lenkung von Produktion, Versorgung und Kriegführung war 1917 / 18 erstmals eine moderne Bürokratie aufgebaut worden. Nach Kriegsende gewann aber das Misstrauen gegen zentralisierte Regierungsmacht rasch wieder die Oberhand: Die meisten der neu eingerichteten Ämter und staatlichen Lenkungsmecha‐ nismen wurden umgehend beseitigt, die Heeresstärke und die Verteidigungsausgaben drastisch reduziert und die Geheimdienste so gut wie abgeschafft. Andererseits blieb jedoch in vielen Köpfen die Kriegsmobilisierung als Modell einer „korporativen“ Ordnung erhalten, bei der Staat, Unternehmer und Gewerkschaften an einem Strang ziehen und die Bundesregierung die Richtung angibt. In der Großen Depression der 3 Die Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg 233 <?page no="234"?> 1930er Jahre und mehr noch während des Zweiten Weltkrieges griff man wieder auf dieses Beispiel zurück. Der Trend zur Entstehung großer Konzerne setzte sich im Krieg fort und fand 1920 eine Bestätigung, als der Supreme Court in einem Aufsehen erregenden Anti-Trust-Ver‐ fahren die Entflechtung der US Steel Corporation ablehnte. Den größten Nutzen aus der Zusammenarbeit für den militärischen Sieg zogen offenbar die Unternehmen, die ihre Profite in die Erweiterung und Modernisierung der Produktion investiert hatten. Die Rückkehr zur Friedenswirtschaft verursachte zwar eine scharfe Rezession, aber der Einbruch war nur von kurzer Dauer, und danach setzte sich die generelle Aufwärtsentwicklung fort. In der politischen Arena besaßen die Unternehmer mit den Handelskammern und Trade Associations, die nun für jeden Wirtschaftszweig existierten, effektive Instrumente der Interessenvertretung und des „Lobbyismus“. Während der Krieg also einerseits die Weichen auf ökonomisches Wachstum und Konsum stellte, trug er andererseits auch zur Verschärfung sozialer Konflikte bei: Die Gewerkschaften mussten versuchen, mit der wachsenden Macht der Unternehmer Schritt zu halten; und die Afroamerikaner, die selbstbewusster aus dem Krieg in den rückständigen Süden oder die wachsenden Ghettos des Nordens zurückkehrten, wollten nicht länger geduldig auf die Gewährung ihrer politischen Rechte warten. Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 234 <?page no="235"?> Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 Im Vergleich zu den meisten europäischen Staaten, die der Krieg um Jahre zurückge‐ worfen hatte und deren Menschen mit scharfen Brüchen und revolutionären Umwäl‐ zungen konfrontiert wurden, herrschte in den USA ein hohes Maß an politischer und wirtschaftlicher Kontinuität. Dennoch gewannen auch viele Amerikaner in den beiden Jahrzehnten, die auf den Krieg folgten, den Eindruck, Zeugen geradezu revolutionärer Veränderungen zu sein. Sie erlebten eine beispiellose Phase der Prosperität, dann ab 1929 unvermittelt den Absturz in die schwerste Depression ihrer Geschichte, von 1933 bis 1937 ein dramatisches Reformexperiment im Zeichen des New Deal und ab 1938 die Zuspitzung der internationalen Krise, die in den Zweiten Weltkrieg führte. In dieser Zeit sahen sie sich drei fundamentalen Fragenkomplexen gegenüber, deren Beantwor‐ tung bestimmend für das ganze 20. Jahrhundert werden sollte: 1. Wie lässt sich eine leistungsstarke Wirtschaft aufrechterhalten, die Wachstum, steigenden Wohlstand und soziale Sicherheit verbürgt? Was muss der Staat in dieser Hinsicht tun, und wie sollen die Kompetenzen zwischen Bundesregierung und Einzelstaaten, zwischen zentraler und lokaler Autorität am besten verteilt werden? 2. Sind die amerikanischen Traditio‐ nen - die politischen Prinzipien und die althergebrachten Lebensgewohnheiten - mit der vom technisch-wissenschaftlichen Fortschritt vorangetriebenen „Modernisierung“ vereinbar? An welche Werte können sich das Individuum oder die kleine Gemeinschaft in einer „modernen“ Gesellschaft halten, die immer unpersönlicher und anonymer zu werden droht? 3. Wie viel Verantwortung tragen die USA als stärkste Wirtschaftsmacht und potenziell stärkste Militärmacht für ihre Nachbarn und den Rest der Welt? Welche Politik ist am ehesten geeignet, dieser Verantwortung gerecht zu werden? Die Debatte über diese Leitfragen wurde in der kurzen Zwischenkriegszeit der 1920er und 1930er Jahre auf vielen Ebenen und mit einer Heftigkeit geführt, die kennzeichnend ist für kulturelle Konflikte, ja, die gelegentlich an den Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen erinnerte. 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ Prosperität, Konsumkultur und gesellschaftliche Freiräume In dem Klima der Ernüchterung, das sich nach den ideologischen Anspannungen der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit in den USA ausbreitete, gewann das Wirtschaftsle‐ ben eine überragende Bedeutung. Die Dynamik der amerikanischen Wirtschaft und des riesigen, einheitlichen Binnenmarktes brachte nun die erste Konsumgesellschaft hervor, die auf Massenproduktion, Massenverbrauch und Massenkommunikation <?page no="236"?> gegründet war. In dieser Gesellschaft, die eine große Eigenständigkeit gegenüber dem Staat behauptete, entwickelte sich ein neues Wertebewusstsein, eine Kultur des consumerism, die im individuellen Konsum den Schlüssel zur Selbstverwirklichung und zur Öffnung neuer Freiräume und Erfahrungshorizonte sah. Ökonomischer Erfolg und Geld schienen zum Maßstab aller Dinge zu werden: Schon 1920 verzeichneten amerikanische Zeitungen stolz, dass es in den USA inzwischen 20.000 Millionäre gab, darunter 162 mit einem Jahreseinkommen von mehr als einer Million Dollar. Solche Anzeichen von Reichtum und Konsumfähigkeit machten die Vereinigten Staaten - im Bewusstsein ihrer Bürger wie aus der Sicht der Europäer - zum Modell und Symbol der Moderne schlechthin: für die meisten ein Vorbild, dem es nachzueifern galt, für manche aber auch ein warnendes Beispiel, an dem man die allgemeine „Vermassung“ und den „Niedergang der Kultur“ ablesen konnte. Im Deutschland der Weimarer Republik war diese ambivalente Reaktion besonders stark ausgeprägt: Während der American way of life auf der einen Seite als gleichbedeutend mit technischem Fortschritt und den Segnungen der Konsum- und Freizeitgesellschaft angesehen wurde, förderten die Erfolgsmeldungen aus den USA auf der anderen Seite tief sitzende antiamerikanische Ressentiments, wonach man es angeblich mit einer von hemmungslosem Materialis‐ mus beherrschten, kulturlosen und dekadenten Gesellschaft zu tun hatte. Nachdem die Rezession von 1920 / 21 überwunden war, vollzog sich in der amerika‐ nischen Wirtschaft ein rasanter Aufschwung mit Vollbeschäftigung und jährlichen Wachstumsraten von etwa 5 Prozent. Das Bruttosozialprodukt war zwar in der Rezession von 90 auf unter 70 Milliarden Dollar abgesunken, 1929 lag es aber bereits wieder über 100 Milliarden Dollar. Die industrielle Produktion, die Kapitalerträge und die Unternehmensgewinne stiegen in den 1920er Jahren um gut zwei Drittel an, und die Produktivität pro Arbeitsstunde nahm um 35 Prozent zu. Die Massenkaufkraft erhöhte sich ebenfalls, ohne allerdings mit diesem Tempo mithalten zu können: Das Realeinkommen der Arbeitnehmer nahm um ca. 30 Prozent zu, dasjenige der Farmer (die 1920 noch ca. 11 Millionen der 42 Millionen starken labor force ausmachten) stagnierte oder ging sogar leicht zurück. Im Außenhandel profitierten die USA von der Lebensmittelknappheit und dem generellen Nachholbedarf in Europa. Auf den lateinamerikanischen Märkten war es US-Unternehmen während des Krieges zudem gelungen, die deutsche Konkurrenz völlig auszuschalten und den britischen Einfluss weiter zurückzudrängen. An der New Yorker Börse (Stock Exchange), wo sich der Durchschnittspreis einer Aktie zwischen 1921 und 1929 fast vervierfachte, stießen Wertpapierhandel und Spekulation in neue Dimensionen vor. Der Dollar wurde neben dem Pfund Sterling zur Leitwährung des Welthandelssystems, und New York begann, London aus der Position der führenden Finanzmetropole zu verdrängen. Die Bundesregierung verbesserte durch Steuersenkungen, Zollerhöhungen und an‐ dere Fördermaßnahmen die Rahmenbedingungen für das big business. Gelegentlich führte dabei die Verflechtung von öffentlichen und privaten Interessen wieder zu spektakulären Affären wie dem Teapot Dome-Skandal, der erstmals ein Kabinettsmit‐ glied, Präsident Warren G. Hardings Innenminister Albert Fall, hinter Gefängnisgitter Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 236 <?page no="237"?> brachte. Die Rechtsprechung des Supreme Court, an dessen Spitze nun der ehemalige Präsident William H. Taft stand, begünstigte ebenfalls die Unternehmen gegenüber den Gewerkschaften, deren Mitgliederzahl von 5 Millionen 1920 auf 3,6 Millionen 1929 zurückging. Vizepräsident J. Calvin Coolidge, der nach Hardings Tod im August 1923 ins Weiße Haus einzog, und Herbert Hoover, der 1928 zum Präsidenten gewählt wurde, schwammen auf einer Welle des Optimismus und der Fortschrittsgläubigkeit. Bis in die Arbeiterschaft hinein galten sozialistische Ideen als überholt und reaktionär, und die meisten Amerikaner betrachteten ihre liberal-kapitalistische Wirtschaftsordnung als richtungweisend für die Zukunft der Menschheit. Sozialreformen blieben weitgehend den Einzelstaaten überlassen, aber selbst auf dieser Ebene wirkten die Gerichte häufig als Bremsklötze. Dass der Reformimpuls nicht völlig verloren gegangen war, bewies der Erfolg von Senator Robert LaFollette aus Wisconsin, der 1924 als Präsidentschafts‐ kandidat der Progressive Party immerhin fast 5 Millionen Stimmen (16,6 Prozent) auf sich vereinigen konnte. Zur Hauptstütze der Nachkriegskonjunktur entwickelte sich die Automobilindust‐ rie, die andere Wirtschaftszweige wie die Elektro-, Stahl-, Mineralöl-, Chemie-, Gummi- und Glasindustrie sowie den Straßen- und Brückenbau mitzog. Zwischen 1920 und 1930 stieg die Zahl der Autos in den USA von 8 auf 23 Millionen, wobei in einem einzigen Jahr, 1929, 5 Millionen Wagen verkauft wurden. Um diese Zeit kam ein Automobil auf fünf Personen, und 80 Prozent aller Autos fuhren auf amerikanischen Straßen. Zu diesem phänomenalen Erfolg trugen Fließbandproduktion und Akkordarbeit, die erstmals bei dem legendären Ford-Modell T angewendet wurden, ebenso bei wie die sinkenden Preise (das Modell T, das 1909 für 950 Dollar verkauft worden war, kostete 1926 noch 320 Dollar bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 1.300 Dollar für Industriearbeiter). Hinzu kamen nun die Möglichkeiten der Ratenzahlung und die Vermarktung des Autos als des „ultimate symbol of social equality“. Begleit- und Folgeerscheinungen des Autobooms, den die „drei großen“ Konkurrenten Ford, General Motors und Chrysler entfachten, waren unter anderem bundesstaatliche Infrastruktur‐ verbesserungen durch den Federal Highway Act und das Bureau of Public Roads sowie die Einführung der Verkehrsampel durch General Electric im Jahr 1924. Die Werbung bildete jetzt eine eigene, rasch expandierende Wirtschaftsbranche, die das Automobil nicht nur zum unerlässlichen Gebrauchsgegenstand, sondern auch zu einem Kultobjekt stilisierte. Einen maßgeblichen Beitrag dazu leistete der Siegeszug neuer Medien: 1920 nahm in Philadelphia die erste kommerzielle Radiostation ihre Sendungen auf, 1926 gab es ein landesweites Rundfunknetz der National Broadcasting Corporation (NBC), 1927 zeigten die Warner Brothers den ersten abendfüllenden Tonfilm, und Anfang der 1930er Jahre liefen bereits Farbfilme. Finanziert durch große New Yorker Banken bauten Stu‐ dios wie United Artists, Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer in Hollywood bei Los Angeles eine Unterhaltungsindustrie auf, die bald weltweit tonangebend war. Diesen Firmen kam es weniger auf künstlerische Qualität und Kreativität an als auf maximalen Gewinn, aber gerade dadurch setzten sie Modetrends und beeinflussten Geschmack und Verhalten breiter Schichten. Bei einer Gesamtbevölkerung von 120 Millionen 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 237 <?page no="238"?> besuchten 1930 durchschnittlich 100 Millionen Amerikaner pro Woche die Kinos, die damit den Kirchen (ca. 60 Millionen) den Rang abgelaufen hatten. Das Bild einer Gesellschaft mit geradezu überbordender Energie und Vitalität wurde geprägt von den Metropolen über 100.000 Einwohner, die doppelt so schnell wuchsen wie die Gesamtbevölkerung, und die in den 1920er Jahren 6 Millionen Zuwanderer aus den ländlichen Regionen aufnahmen, darunter 1,5 Millionen Afroamerikaner aus dem Süden. Das löste einen gewaltigen Bauboom in den Städten aus, der - unmittelbar an der Schwelle zur Weltwirtschaftskrise - neue amerikanische Wahrzeichen wie das Chrysler Building und das Empire State Building in New York hervorbrachte. Mit ihrer Eleganz und der Höhe von fast 400 Metern sollten sie nicht nur notwendige Funktionen für die New Yorker Geschäftswelt erfüllen, sondern die amerikanische Modernität und Weltgeltung über den Atlantik nach Europa projizieren. Der Ausbau Manhattans zum Geschäfts- und Bankenplatz war auch ein Beleg für die zunehmende Arbeitsteilung und geographische Segregierung: Während sich die schwarze Bevölkerung zunehmend in Ghettos an den Rändern der Innenstädte sammelte, zogen immer mehr Weiße in die Vorstädte, deren Einwohnerzahl 5bis 10-mal so schnell zunahm wie die der Zentren. Damit begann die für das moderne Amerika charakteristische, bis heute anhaltende „Suburbanisierung“. Sie war nicht zuletzt eine Folge der Verschiebung innerhalb der Arbeiterschaft von den blue collar workers zu den besser verdienenden white collar workers, einer den Angestellten vergleichbaren Gruppe, die 1930 schon 14 Millionen zählte. Diese leistungsorientierte, aufstrebende Mittelschicht wollte sich von den städ‐ tischen Massen abheben und ihre Lebensqualität verbessern. Sie kannte den Wert der Bildung und sorgte dafür, dass sich die Zahl der High School-Absolventen gegenüber der Jahrhundertwende vervierfachte. Um 1930 besuchte bereits ein Drittel dieser Absolventen ein College, und der Anteil von Frauen auf Colleges und Universitäten nahm deutlich zu. Der Drang in die Vorstädte mit ihren weiträumigen Wohnvierteln und Grünanlagen entsprang auch dem Verlangen nach einer Privatsphäre, die den Einzelnen gegen staatliche Aufsicht wie gegen die Neugier der Nachbarn schützte. In der neuen urbanen Kultur, die jetzt ihre erste Blüte erlebte, spielten Freizeit und Unterhaltung eine viel wichtigere Rolle als vor dem Krieg. Erstmals verfügte eine größere Zahl von Amerikanern über genügend Muße und Geld, um sich regel‐ mäßig Vergnügungen wie den Besuch von Filmen, Theaterstücken, Musicals und Sportveranstaltungen oder sogar einen Urlaub leisten zu können. Gewiss entsprachen die Hollywood-Filme und der Spielbetrieb am New Yorker Broadway nicht den europäischen Ansprüchen an „hohe Kultur“, aber dafür konnten sie als authentischer Ausdruck der unbeschwerten Lebensfreude eines Volkes gelten, das sich stets als „jung“ und „dynamisch“ verstanden hatte. Viele gebildete Amerikaner mochten immer noch unter einem kulturellen Minderwertigkeitskomplex gegenüber der „Alten Welt“ leiden, doch in der Breite überwog nun der Stolz darauf, dass sich die USA endlich mit einer eigenständigen, unverbrauchten und „demokratischen“ Kultur von den Europäern abheben konnten. Alle künstlerischen Aktivitäten kreisten um das Hauptthema der Zeit, das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Die exponierte Stellung Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 238 <?page no="239"?> und geradezu kultische Verehrung von Hollywood-Stars kann man als eine Antwort auf das Dilemma der „Vermassung“ und Anonymisierung in der Konsumgesellschaft deuten. Die gleichen psychologischen Bedürfnisse befriedigte die Filmindustrie mit dem Mythos des Cowboys, der als Einzelkämpfer für Recht und Ordnung streitet und dem Guten zum Sieg verhilft. Im alltäglichen Leben identifizierte man sich mit Sportidolen wie dem Boxer Jack Dempsey und dem Baseballspieler George Herman „Babe“ Ruth oder feierte Pioniere und Entdecker wie Charles A. Lindbergh, dem im Mai 1927 der ersten Non-Stop-Alleinflug über den Atlantik gelang. Lindbergh gehörte zu den Wegbereitern eines interkontinentalen Luftverkehrs, der in den 1930er Jahren mit Zeppelinen und Flugzeugen aufgenommen wurde. Der spektakuläre Absturz der „Hindenburg“ bei Lakehurst, New Jersey, setzte allerdings 1937 der regelmäßigen Luftschiffverbindung zwischen den USA und Deutschland ein Ende. Verstädterung, Freizeitgewinn und Konsumorientierung bewirkten eine Liberalisie‐ rung der Sitten, die immer noch weitgehend von engen puritanischen Moralvorstel‐ lungen geprägt waren. Nicht ganz ohne Grund verdammten konservative Amerikaner das Automobil als ein „Bordell auf Rädern“. Mehr Bedeutung kam aber wohl der Tatsache zu, dass jetzt offener über Sexualität und Geburtenkontrolle gesprochen werden konnte als jemals zuvor und dass es leichter fiel, die öffentlich praktizierte Doppelmoral anzuprangern. Die Folgen waren, wie so oft, ambivalenter Art, denn während die sinkende Geburtenrate den Familien und insbesondere den Müttern zugutekam, löste der starke Anstieg der Scheidungsrate besorgte Fragen nach der Zukunft der Familie und dem Schicksal allein erziehender Mütter aus. Dem Trend zur Liberalisierung und zum Individualismus fiel auch die Prohibition zum Opfer, die 1919 als „Ausläufer“ der progressiven Reformära mit dem gesetzlichen Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von alkoholischen Getränken begonnen hatte. Nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich, dass solch strenge Vorschriften in einem urbanen Umfeld, in dem Alkoholgenuss als Privatangelegenheit galt, nicht durchge‐ setzt werden konnten - zumindest nicht ohne eine massive Aufstockung der Polizei und der ca. 3000 Bundesbeamten im Prohibition Bureau. Die Verbote wurden nach allen Regeln der Kunst umgangen und verhalfen noch dazu, ganz gegen die Intentionen der Reformer, dem organisierten Verbrechen zum Aufschwung und zu großen Profiten. Die Mafia bemächtigte sich neben der Prostitution und dem Glücksspiel auch des Alkoholgeschäfts, das einem der berüchtigsten Gangster, Alphonse („Al“) Capone, bis zu seiner Verurteilung 1931 pro Jahr etwa 100 Millionen Dollar Gewinn eingebracht haben soll. In Chicago, wo Al Capone sein Hauptquartier aufschlug, wurden in dieser Zeit Jahr für Jahr mehr Morde verübt als in ganz England zusammen. Da die Prohibition offenkundig ein Klima der Gewalt und Gesetzlosigkeit erzeugte, setzten mehrere Einzelstaaten schon während der zwanziger Jahre ihre Durchführungsbestimmungen wieder außer Kraft. Im politischen Kampf der „Trockenen“ (Reformer) gegen die „Feuchten“ (Anhänger einer Liberalisierung) gewannen schließlich Letztere bundes‐ weit die Oberhand und erreichten 1933 mit dem 21. Amendment die Aufhebung der Prohibition, die vierzehn Jahre zuvor mit dem 18. Amendment eingeführt worden war. 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 239 <?page no="240"?> Damit fand das „noble Experiment“ ein unrühmliches Ende, das viele Amerikaner in der Überzeugung bestärkte, der Staat habe kein Recht dazu, die Moral seiner Bürger zwangsweise zu heben. Für entschiedene Reformer bedeutete das eine ähnliche Enttäuschung wie die kaum spürbare Auswirkung des Frauenwahlrechts, von dem sie sich eine ganz neue, bessere Politik versprochen hatten. Antimodernismus, kulturelle Konflikte und sozialer Protest Kommerzialisierung, Konsumkultur und Liberalisierung bestimmten in den 1920er Jahren - nach außen noch mehr als im Innern - das Erscheinungsbild der Verein‐ igten Staaten. Der besondere Reiz, den diese Epoche auf den Historiker ausübt, liegt aber gerade in den Widersprüchen, die der Zusammenprall von Tradition und Moderne erzeugte. Es gab nämlich auch ein ganz „anderes“ Amerika, das sich „anti‐ modernistisch“, konservativ oder sogar reaktionär gebärdete und dessen Anhänger mit unterschiedlichen Mitteln gegen den tief greifenden gesellschaftlichen Wandel protestierten, den sie als Dekadenz, Sünde und moralischen Niedergang begriffen. Nicht minder bemerkenswert als der schnelle Durchbruch zur städtisch geprägten Massenkonsumgesellschaft erscheint die Tatsache, dass viele althergebrachte Lebens‐ formen und kulturelle Elemente weiterlebten und z. T. sogar noch an Bedeutung gewannen. Erklärt werden müssen also nicht nur Modernisierungsprozesse, sondern auch die Defizite an nationaler Zentralisierung und kultureller Homogenität. Die Hauptbastionen derjenigen, die unbeirrt an den Werten des „weißen angelsächsischen Protestantismus“ festhielten, waren die Südstaaten und der agrarische Mittlere Westen. Aber auch in Teilen der städtischen Bevölkerung herrschte das Gefühl vor, das „wahre“, „eigentliche“ Amerika müsse gegen fremde Einflüsse geschützt werden, die gleichermaßen von Kapitalisten, Immigranten und Afroamerikanern ausgingen. Anhänger solcher Strömungen misstrauten den Versprechungen von kontinuierlichem Fortschritt, Befreiung aus alten Zwängen und Genuss ohne Reue und predigten stattdessen Frömmigkeit, Nüchternheit und Beherrschung. Im Selbstverständnis des Einzelnen bedeutete das die Entscheidung für harte Arbeit und Sparsamkeit gegen Korruption, Luxussucht und Verschwendung; für lokale politische Eigenständigkeit gegen einzelstaatliche oder gar bundesstaatliche Aufsicht und Kontrolle; für die enge Einbindung in kleine, zumeist kirchliche Gemeinschaften und buchstabengetreuen Glauben an die Bibel gegen Individualismus und säkulare, wissenschaftliche Strömun‐ gen im Christentum. Engstirnige, zuweilen verbohrte Beharrlichkeit mischte sich mit berechtigter Fortschrittskritik zu einem konservativen „Graswurzel-Protest“, der in der neueren Forschung starke Beachtung gefunden hat, weil er aller Modernisierung zum Trotz eine Konstante der amerikanischen Geschichte zu bilden scheint. Das Verhalten dieser „Dissidenten“ war aber keineswegs immer konsequent, denn es kam durchaus vor, dass sich Mittelschichtsbürger, die den Segnungen der Konsumkultur nicht abge‐ neigt waren, nativistischen und fundamentalistischen Organisationen anschlossen. Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 240 <?page no="241"?> Abb. 15: The Only Way to Handle It (Cartoon von 1921) Zum Massenphänomen wurde der Protest gegen die Moderne durch das Wiederaufle‐ ben von Nativismus und Rassismus in Form des „neuen“ Ku-Klux-Klan sowie durch den religiösen Fundamentalismus, der sich von der liberalen Reformbewegung des Social Gospel abgrenzte. Der Super-Patriotismus der Kriegsjahre und die Fremdenfeindlich‐ keit, die im Red Scare und in der Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen zum Ausdruck kam, bildeten den Nährboden für den 1915 in Atlanta, Georgia, wiedergegründeten Ku-Klux-Klan. Mit der Forderung nach „native, white, Protestant supremacy“ konnte der Geheimbund, dessen Mitglieder oft ganz offen auftraten, seinen Einfluss weit über den Süden hinaus in den Mittleren Westen und bis an den Pazifik ausdehnen. Auf dem Höhepunkt im Jahr 1925 gehörten ihm mehr als drei Millionen Amerikaner an, darunter auch ca. 500.000 Frauen. Die Hassparolen, die der Klan verbreitete, und die Einschüchterungs- und Terrorkampagnen, die er auf dem flachen Lande wie in kleinen und mittleren Städten betrieb, richteten sich nicht nur gegen Afroamerikaner, sondern auch gegen Einwanderer, vor allem Asiaten, sowie gegen Juden und Liberale. Der Versuch, Aggressionen und Konflikte zu schüren, um alles „Unamerikanische“ ausgrenzen zu können, war begleitet von Klagen über den Verlust der nationalen Identität und die moralische Laxheit des modernen Lebens, die Ehebruch und Scheidung angeblich zu Alltäglichkeiten werden ließ. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre ebbte diese Welle jedoch schnell ab, weil einer der Führer des Klans schwerer Verbrechen überführt wurde und weil die neue Einwanderungsgesetzgebung den Nativisten viel Wind aus den Segeln nahm. 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 241 <?page no="242"?> Hier herrschte inzwischen ein breiter nationaler Konsens über die Notwendigkeit und die Vorteile eines Quotensystems. Der Kongress hatte 1924 den National Origins Act verabschiedet, der die Zahl der Einwanderer auf maximal 164.000 pro Jahr begrenzte und Quoten auf der Basis des Zensus von 1890 festsetzte: Das geschah in der Weise, dass man errechnete, wie viele im Ausland geborene US-Bürger die einzelnen Nationalitäten 1890 gestellt hatten; in Zukunft durften dann aus jedem europäischen Land pro Jahr 2 Prozent dieser foreign born von 1890 einwandern. Da vor 1890 fast 90 Prozent aller Immigranten aus Nord- und Westeuropa (einschließlich Deutschland) gekommen waren, bedeutete diese Regelung eine klare Benachteiligung der Ost- und Südosteuropäer. Die endgültige Ausformulierung des Quotensystems erfolgte dann 1927, als der Kongress eine jährliche Obergrenze von 150.000 Einwan‐ derern aus Europa festsetzte und den Anteil der jeweiligen Nationalitäten an der weißen Gesamtbevölkerung der USA von 1920 zur Bemessungsgrundlage machte. Auch in diesem Rahmen fiel der Löwenanteil der zur Verfügung stehenden Plätze Großbritannien, Irland und Deutschland zu - die Deutschen hatten mit ca. 5,5 Millio‐ nen Einwanderern zwischen 1820 und 1920 den größten Anteil an der Immigration gehabt -, während sich beispielsweise Italien ab 1928 mit einer Quote von 6000 pro Jahr begnügen musste. Die westeuropäischen und skandinavischen Länder nutzten ihre hohen Quoten erwartungsgemäß nicht annähernd aus, so dass das System auf eine starke Drosselung der Gesamteinwanderung hinauslief. Da es weiterhin keine Beschränkung für die Länder der „westlichen Hemisphäre“ gab, nahm der Anteil von Kanadiern, Mexikanern, Puertoricanern und anderen Lateinamerikanern nun relativ gesehen zu. Während der Depression Anfang der 1930er Jahre erlitten die Vereinigten Staaten aber sogar erstmals einen „Migrationsverlust“, weil mehr Menschen das Land verließen als einwanderten. In der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt behielten die USA ihre restriktive Einwanderungspolitik bei, obwohl viele der in Europa aus rassischen und politischen Gründen Verfolgten das Land als ihre einzige und letzte Hoffnung ansahen. Die Tatsache, dass von 1933 bis 1938 nur 60.000 Juden Aufnahme fanden und dass auch während des Zweiten Weltkrieges kaum mehr als 200.000 vor dem sicheren Tod gerettet wurden, löste erst viel später heftige Diskussionen und Vorwürfe einer Mitverantwortung am Holocaust aus. Ungeachtet der zurückgehenden Einwandererzahlen hatte sich der Charakter der amerikanischen Bevölkerung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges gegenüber dem späten 19. Jahrhundert ganz wesentlich verändert. War das Land 1890 ethnisch und religiös noch ein Spiegelbild Nordwest- und Mitteleuropas gewesen, so ähnelten viele amerikanische Städte nun einem Mikrokosmos des ganzen europäischen Kontinents. Gleichzeitig nahm aber der Druck zu, alle Einwanderer möglichst schnell zu „ameri‐ kanisieren“. Das Hauptinstrument dieses Assimilationsbemühens blieb das öffentliche Schulwesen, das gerade auch den Neuankömmlingen die amerikanischen Werte und Ideale vermitteln und ein einheitliches, patriotisches Nationalbewusstsein wecken sollte. Viele Einwanderergruppen der new immigration widersetzten sich allerdings dem Konformitätsdruck des amerikanischen „Schmelztiegels“ recht beharrlich und Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 242 <?page no="243"?> blieben, besonders in den ethnischen Enklaven der großen Städte, ihren Traditionen und Lebensgewohnheiten treu. Der Begriff Fundamentalismus geht auf eine Pamphletserie zurück, die von 1909 bis 1914 unter dem Titel The Fundamentals erschienen war und gefordert hatte, die Bibel als Offenbarung Gottes wörtlich zu nehmen. Liberale Theologen versuchten, die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse mit den christlichen Grundsätzen zu vereinbaren, doch in vielen Religionsgemeinschaften gewannen die Fundamentalisten die Oberhand. Im Süden setzten evangelikale Pfarrer innerhalb und außerhalb der etab‐ lierten Kirchen die Tradition der revivals fort, und im Norden leisteten hauptsächlich Lutheraner, Reformierte und Katholiken Widerstand gegen den Säkularisierungstrend. Aus einer städtischen Erweckungsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich gegen den als „erstarrt“ kritisierten Methodismus richtete, ging das radikale Pentecostal movement hervor, das viele lokale Gemeinschaften in den Assemblies of God vereinigte. Hohen Symbolwert erlangte in diesem Streit zwischen Modernisten und Fundamentalisten die Frage, ob die Darwin’sche Abstammungslehre im Fach Biologie an den Schulen unterrichtet werden dürfe oder nicht. 1925 wurde der Prozess gegen den Lehrer John T. Scopes, der in Dayton, Tennessee, die Evolution anstatt der vom Staatsparlament vorgeschriebenen biblischen Schöpfungsgeschichte gelehrt hatte, zum nationalen Medienspektakel. Dazu trug ganz wesentlich bei, dass der ehemalige Außenminister und dreimalige Präsidentschaftskandidat William J. Bryan die Anklage vertrat und dass die neu gegründete liberale American Civil Liberties Union (ACLU) den Prozess zu einem Musterfall machen wollte. Mit seinen Behauptungen, der Mensch stamme nicht vom Affen ab und die Welt sei in sechs Tagen geschaffen worden, gab sich Bryan in den Augen vieler Landsleute der Lächerlichkeit preis. Dennoch wurde Scopes im „Dayton monkey trial“ verurteilt, und der Bann gegen die Evolutionslehre blieb an den öffentlichen Schulen Tennessees und anderer Südstaaten noch mehr als dreißig Jahre lang in Kraft. Vom Standpunkt der Intellektuellen und der urbanen Elite hatte Bryan nur ein hoffnungsloses Rückzugsgefecht geführt. Es stellte sich aber bald heraus, dass der Einfluss der traditionell verstandenen Religion noch lange nicht gebrochen war. Vielmehr wurden weite Teile des ländlichen Amerika während der zwanziger Jahre erneut von einer der seit der Kolonialzeit fast periodisch wiederkehrenden Erweckungsbewegungen erfasst. Die Fundamentalisten verklärten eine ältere, einfache Gesellschaft, die in Familie, Kirche und kleinen Gemeinschaften gründete. Auf diese Weise verliehen sie einem von vielen Menschen geteilten diffusen Unbehagen am Vordringen der technisch-rationalistischen Industriekultur Ausdruck und versprachen Gewissheiten, wo kritische Geister Zweifel säten. Sie bereicherten die mit Widersprüchen gespickte Dekade um eine weitere Überraschung, indem sie sich erfolgreich des modernen Massenkommunikationsmittels Radio bedienten, um ihre konservative Botschaft zu verbreiten. Der Zusammenprall unterschiedlicher Wertesysteme hinterließ auch in der Literatur der Zeit tiefe Spuren. Die Schriftsteller der Avantgarde, von denen viele noch unter dem Trauma des Weltkrieges litten, zog es nach Paris, wo sie den skeptischen und 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 243 <?page no="244"?> experimentellen Geist der europäischen Moderne in sich aufnahmen. Autoren wie John Dos Passos, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, Theodore Dreiser und Gertrude Stein waren keine prinzipiellen Fortschrittsgegner, übten aber teils bittere, teils ironisch verfremdete Kritik am Materialismus, an der Konformität und dem engen Provinzialismus, die ihrer Meinung nach die Vereinigten Staaten beherrschten. Diese Haltung wurde von vielen Journalisten und Literaturkritikern in den USA selbst geteilt, unter denen der scharfzüngige (deutschstämmige) H. L. Mencken aus Baltimore hervorragte. Kreative Höhepunkte erreichte das literarische Schaffen dieser Zeit in den Dramen Eugene O’Neills, der Stilelemente der griechischen Tragödie auf ameri‐ kanische Themen wie den Bürgerkrieg übertrug, und in den Romanen von William Faulkner, der - beeinflusst durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds - die seelischen Spannungen sichtbar machte, denen die Südstaatler zwischen agrarischer Tradition und industriell-kapitalistischer Welt ausgesetzt waren. Große Resonanz fand auch eine andere intellektuelle Strömung, die sich der Moderne gegenüber grundsätzlich ablehnend verhielt und den amerikanischen Süden zum Idealbild gesellschaftlicher Harmonie verklärte. In ihrem Manifest I’ll Take My Stand von 1930 setzten sich diese Southern Agrarians um Allen Tate und Robert Penn Warren zum Ziel, die Südstaatenkultur gegen den vorherrschenden American way of life, die agrarische gegen die industrielle Lebensform zu verteidigen. Zwischen Anpassung, Protest und dem Versuch der wirtschaftlichen und kulturellen Selbstbestimmung bewegten sich die Afroamerikaner in den black communities oder städtischen Ghettos, von denen Harlem mit über 150.000 Einwohnern nach wie vor das größte und bedeutendste war. Hier trat mit Marcus Garvey, der 1916 aus Jamaica eingewandert war, eine neue, aggressive Führungspersönlichkeit auf. Seine United Negro Improvement Association, die eine Alternative zu bürgerlich-gemäßigten Organi‐ sationen wie NAACP und NUL darstellen sollte, propagierte kämpferische Selbsthilfe und die Auswanderung nach Afrika, vor allem nach Liberia. Damit knüpfte Garvey an die Kolonisierungskonzepte des 19. Jahrhunderts an, gab ihnen jedoch eine Wendung in Richtung eines schwarzen Nationalismus. 1920 berief er einen internationalen Konvent der Negro Peoples of the World nach Harlem ein und faszinierte die Massen mit Aufmärschen von bis zu 25.000 uniformierten Anhängern. Die Bewegung löste sich aber auf, als Garveys Schifffahrtslinie Bankrott ging und er selbst 1925 wegen Postbetrugs verurteilt und des Landes verwiesen wurde. Materiell hatte die schwarze städtische Mittelschicht einen bescheidenen Anteil am Aufschwung der Golden Twenties. Eine Negro Business League startete in New York buy black-Kampagnen, und schwarze Geschäftsleute betätigten sich erfolgreich als Makler oder in anderen Dienstleistungsbereichen. Die Masse der Afroamerikaner musste sich aber weiterhin mit den niedrigsten und schlecht bezahltesten Arbeiten begnügen, wenn überhaupt Jobs angeboten wurden. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, mangelnde Gesundheitsfürsorge und Instabilität der Familien trugen dazu bei, dass die Sterblichkeit in Harlem schon Mitte der 1920er Jahre um fast die Hälfte über derjenigen der Gesamtbevölkerung lag. Abgesehen vom Sport, wo einige Schwarze wie der Boxer Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 244 <?page no="245"?> Joe Louis und der Leichtathlet Jesse Owens zu internationaler Berühmtheit aufstiegen, bot nur die Kunst eine Möglichkeit, schwarze Identität zu thematisieren und kreatives Potential gegen Rassismus einzusetzen. Aus New Orleans war inzwischen der Jazz in die Metropolen des Nordens gelangt, und schwarze Musiker aus dem Süden - unter ihnen Louis Armstrong in Chicago und Edward „Duke“ Ellington in New York - leisteten mit dieser Verbindung von Folklore und Improvisation den originellsten Beitrag zur entstehenden amerikanischen Volkskultur. Die weiße Prominenz und geistige Elite fand Interesse am kulturellen Leben in Harlem und frequentierte Orte wie den Cotton Club, zu dem Afroamerikaner nur als Künstler, nicht aber als Zuschauer Zugang hatten. Der Jazz inspirierte auch viele weiße Komponisten, etwa George Gershwin, er beeinflusste die Country Music in den Grenzregionen zwischen Norden und Süden, und er fand weltweit begeisterte Freunde vor allem in Berlin und Paris. Ökonomisch gesehen verhalfen die afroamerikanischen Musiker einem ganz neuen Wirtschaftszweig, der Schallplattenindustrie, zum Durchbruch. Die schwarze Kunstszene New Yorks stand in dieser Zeit im Zeichen der Harlem Renaissance mit ihrem Ideal des New Negro (der von Weißen verächtlich benutzte Begriff „Negro“ sollte ins Positive gewendet werden). Den Anstoß hatten W. E. B. Du Bois und seine Freunde gegeben, als sie künstlerisch begabte Schwarze aus allen Teilen der USA nach New York einluden und durch Stipendien förderten. Innerhalb der Bewegung herrschte eine produktive Spannung zwischen denen, die eine den Standards der weißen Mittelschicht angepasste „hohe Kunst“ zu schaffen versuchten, und denen, die mit ihren Werken ein neues Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und einen schwarzen Rassenstolz demonstrieren wollten. Die 1925 von Alain Locke he‐ rausgegebene Anthologie The New Negro, eine Sammlung von Kurzgeschichten, Lyrik, Essays und Kunst, wurde zur programmatischen Veröffentlichung. In den Kreisen der gebildeten Afroamerikaner, etwa an der Howard University in Washington, D. C., blieb heftig umstritten, ob die Folklore - Spirituals, Folk Songs, Blues, Legenden - ein ernied‐ rigendes Erbe der Sklaverei oder unverzichtbarer Teil einer eigenen Rassenidentität sei. Faszination und Patronage der Weißen endeten allerdings mit dem Börsenkrach von 1929. Wie viele andere künstlerische Aktivitäten auch, brach die Harlem Renaissance in der Großen Depression jäh ab. Wer von den Künstlern Glück hatte, fand sich nach 1933 in einem der für Intellektuelle eingerichteten Arbeitsbeschaffungsprogramme des New Deal wieder. Eine Generation später wurden aber Repräsentanten der New Negro-Bewegung wie Langston Hughes, Alain Locke und Zora Neale Hurston zu Leitfiguren der schwarzen Bürgerrechtler und Feministinnen. Kulturell bedeuteten die 1920er Jahre die kreativste Periode, die Amerika bis dahin erlebt hatte. Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler und Architekten reagierten besonders sensibel auf die Herausforderungen der Moderne und setzten sich in ihrer jeweils eigenen Weise mit den Widersprüchen, Spannungen, Brüchen und Verwer‐ fungen zwischen dem Alten und dem Neuen auseinander. Von nun an wurde die amerikanische Identität nicht mehr allein politisch-ideologisch, sondern auch kulturell definiert. Kultur spielte sich nicht (nur) in höheren Sphären ab und war nicht an 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 245 <?page no="246"?> eine bestimmte soziale Schicht gebunden; vielmehr wies die kulturelle Szene die gleiche Vielgestaltigkeit und die gleichen Kontraste auf - zwischen Nord und Süd; Ost und West; Schwarz und Weiß; Arm und Reich; Avantgarde und Traditionalisten - wie die amerikanische Gesellschaft selbst. Da künstlerische Aktivität aber auch als Teil des Marktgeschehens, der Beziehungen zwischen Produzenten und Verbraucher verstanden wurde, war diese Kultur von vornherein in die Massenkonsumgesellschaft integriert, selbst wenn einzelne Künstler entschiedene Vorbehalte gegen eine solche Form des menschlichen Zusammenlebens hatten. Der selektive Unilateralismus der amerikanischen Außenpolitik in den 1920er Jahren Die republikanischen Präsidenten Harding, Coolidge und Hoover formulierten ihre Außenpolitik in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Kräfte und Konzepte. Der Weltkrieg hatte den Glauben an eine Sonderstellung der USA und die Abscheu gegen jede Verwicklung in die Händel anderer Völker keineswegs beseitigt, sondern eher noch bestärkt. Der Wunsch der Amerikaner, die Erfahrungen von 1917 / 18 nicht noch einmal wiederholen zu müssen, war abzulesen an den Versuchen, Profitinteressen der Rüstungskonzerne für die Kriegsbeteiligung der USA verantwortlich zu machen, am vehementen Einsatz der Friedensgruppen für eine weltweite Abrüstung und an der häufig geäußerten Überzeugung, dem „moralisch verrotteten“ Europa sei ohnehin nicht zu helfen. Andererseits nahm aber die Erkenntnis zu, dass die Amerikaner in einer Welt der wechselseitigen Abhängigkeiten lebten, dass sie wirtschaftliche Ziele in Übersee nicht ohne politisches Engagement verfolgen konnten und dass sie Mitverantwortung für gedeihliche internationale Beziehungen trugen. Mochten in der Bevölkerung und im Kongress auch isolationistische Stimmungen vorherrschen, so steuerten die amerikanischen Politiker und Diplomaten doch bis weit in die 1930er Jahre hinein einen mittleren Kurs zwischen involvement und detachment, zwischen Teilnahme an der Weltpolitik und Distanz zum Geschehen in anderen Erdteilen. Die Außenminister Charles E. Hughes (1921-1925), Frank B. Kellogg (1925-1929) und Henry L. Stimson (1929-1933) führten keine „Kreuzzüge“ mehr, um amerikanische Ordnungsvorstellungen durchzusetzen, sondern waren darauf bedacht, innenpoliti‐ schen Streit über die Außenpolitik zu vermeiden. Die weltweiten amerikanischen Interessen sollten möglichst ohne den Einsatz militärischer Machtmittel gewahrt werden: durch vertragliche Rüstungsbegrenzung und Rüstungskontrolle; durch die Stabilisierung des Status quo in Europa; durch verbesserte Beziehungen zu den Staaten der westlichen Hemisphäre; und durch die Propagierung von Prinzipien und Doktrinen wie der Open Door, der friedlichen Schlichtung von Konflikten, der Nichtanerkennung gewaltsamer Veränderungen und der Ächtung des Krieges. Der Begriff „Isolationis‐ mus“, der in der Geschichtsschreibung lange geläufig war, trifft auf eine solche Politik nicht zu, die sich besser als independent internationalism oder selektiver Unilateralis‐ mus charakterisieren lässt. Im Vergleich zu der Zeit vor dem Weltkrieg oder gar vor Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 246 <?page no="247"?> 1898 waren die USA nun sogar in hohem Maße in die europäischen und asiatischen Angelegenheiten involviert. Die Schwächen dieser Außenpolitik bestanden darin, dass sie wenig Rückhalt in einer weitgehend desinteressierten Bevölkerung fand, dass sie die Grundsätze des Geschäftslebens ohne weiteres auf die internationalen Beziehungen übertragen wollte und dass sie allzu viel Vertrauen in die Wirksamkeit vertraglicher Übereinkünfte und rechtlicher Garantien setzte. Nach der Ablehnung des Versailler Vertrags und des Völkerbundsbeitritts lösten sich die USA, die ohnehin nur als „assoziierte Macht“ gekämpft hatten, vollends von ihren europäischen Verbündeten und schlugen einen unabhängigen Kurs ein. Amerikanische „Beobachter“ in der Pariser Botschafterkonferenz der alliierten Hauptmächte und in der Reparationskommission sorgten aber dafür, dass Washington über die Probleme der Durchführung des Versailler Vertrags gut unterrichtet blieb. Das Hauptaugenmerk der Harding-Administration galt zunächst der Lage im Pazifik, die durch das Wettrüsten der Großmächte instabil zu werden drohte. Eine Konferenz im Winter 1921 / 22, zu der Präsident Harding nach Washington eingeladen hatte, zeitigte aus amerikanischer Sicht positive Ergebnisse: Ein Nichtangriffspakt zwischen den USA, Großbritannien, Japan und Frankreich löste die bisherige britisch-japanische Defensivallianz ab; Ver‐ einbarungen über Obergrenzen und Paritäten beim Schlachtschiffbau dämpften die Sorge vor dem japanischen Expansionismus; und durch die offizielle Anerkennung des Prinzips der Open Door schienen die Souveränität und territoriale Integrität Chinas ebenso wie die amerikanischen Wirtschaftsinteressen in diesem Raum gesichert. Tatsächlich verloren die USA aber allmählich an Einfluss, weil sie - anders als England und Japan - die Rüstungsobergrenzen gar nicht erreichten und weil die chinesischen Nationalisten einer friedlichen ökonomischen Penetration immer größere Hindernisse in den Weg legten. In der westlichen Hemisphäre vollzogen die USA eine allmähliche Abkehr vom militärischen Interventionismus, den Theodore Roosevelt begonnen und Woodrow Wilson fortgesetzt hatte. Politische Kontrolle und ökonomische Vorteile suchte man nun durch eine engere Zusammenarbeit mit den lokalen Eliten zu erlangen. US-Trup‐ pen blieben zwar bis 1933 / 34 in Nicaragua und der Dominikanischen Republik, aber die Hauptinstrumente der Einflussnahme waren Kredite und Militärhilfen, die an be‐ freundete Regierungen vergeben wurden, sowie die Unterstützung der amerikanischen Konzerne, die in den Staaten der Region operierten. Parallel dazu liefen Versuche, die Panamerikanische Bewegung unter Führung der USA wiederzubeleben. Mit dem neuen Etikett der Good Neighbor Policy versehen, setzte Franklin D. Roosevelt diese Linie in den dreißiger Jahren dann im Wesentlichen fort. Hauptziel blieb allerdings stets, Lateinamerika und die Karibik im Sinne der Monroe-Doktrin als exklusive Interessensphäre der USA gegen Konkurrenz und Einmischungen anderer Großmächte abzuschirmen. Von einer echten Rücksichtnahme auf die sozialen Probleme und nationalen Empfindlichkeiten der betroffenen Länder war man noch weit entfernt. Obwohl die USA über reiche Ölreserven und eine leistungsfähige Erdölindustrie verfügten, spielte die wachsende Nachfrage nach Öl nun bereits eine Rolle in den 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 247 <?page no="248"?> Außenbeziehungen. Das galt für lateinamerikanische Staaten wie Mexiko, Venezuela, Kolumbien und Bolivien, wo US-Konzerne, allen voran Standard Oil, eine starke Position einnahmen, zunehmend aber auch für den Nahen und Mittleren Osten, der als das Fördergebiet der Zukunft galt. Hier besaßen allerdings europäische Unternehmen wie die Royal Dutch / Shell-Gruppe und die Anglo Iranian Oil Company praktisch das Monopol. Mit tatkräftiger Hilfe des State Department gelang es den großen amerikanischen Konzernen immerhin, die britische Konkurrenz in Lateinamerika zurückzudrängen und im Nahen und Mittleren Osten als Juniorpartner in das euro‐ päische Erdölkartell aufgenommen zu werden. Ansonsten stießen Amerikaner, die in europäischen Kolonialgebieten und Interessensphären nach Absatzmärkten und Rohstoffen Ausschau hielten, aber zumeist noch auf „Closed Doors“. Die meiste Aufmerksamkeit beanspruchte nach wie vor der europäische Kontinent, auf dem sich durch die Niederlage Deutschlands, den Zerfall der Habsburgermonarchie und die Revolutionierung Russlands gewaltige Änderungen vollzogen hatten. Die Amerikaner wollten hier weder das aus ihrer Sicht übertriebene Sicherheitsstreben Frankreichs noch den deutschen Revisionismus fördern, sondern auf begrenzte Prob‐ lemlösungen hinwirken, die zur wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung beitra‐ gen konnten. Trotz der Befürchtungen, die der Rapallo-Vertrag zwischen Deutschland und Sowjetrussland weckte, blieb das Interesse Washingtons an den Vorgängen in Osteuropa gering. Eine Mitarbeit an dem auf der Genua-Konferenz 1922 diskutierten Wiederaufbauprogramm für Russland lehnten die USA ab, solange die Moskauer Regierung nicht die Vorkriegsschulden und die Prinzipien der Marktwirtschaft aner‐ kannte. Für vordringlich erachteten Regierungs- und Unternehmerkreise die ökono‐ mische Gesundung Deutschlands, ohne die der stockende Wirtschaftskreislauf nicht in Gang kommen konnte. Nur die Rückkehr zur allgemeinen Stabilität schuf Vertrauen und bot Gewähr für lohnende Kapitalanlagen und den Absatz amerikanischer Exporte in Europa. Als schwerstes Hindernis erwies sich die finanzielle Hinterlassenschaft des Krieges, zum einen die Reparationen, die Deutschland an die Siegermächte zahlen musste, zum anderen die Kriegsschulden der Alliierten untereinander. Sie beliefen sich auf 26,5 Milliarden Dollar, von denen die Hälfte den USA geschuldet wurde. Während die Alliierten ihre Zahlungsverpflichtungen an die USA nur einhalten zu können glaubten, wenn sie von Deutschland Reparationen erhielten, bestand Washington auf einer Unterscheidung zwischen „politischen“ Reparationen und „kommerziellen“ Kriegsschulden. Bis 1923 hatten sich Franzosen, Deutsche und Briten derart heillos in die Reparationsproblematik und den Ruhrkampf verstrickt, dass ein Ausweg nur noch mit amerikanischer Hilfe möglich war. Der Plan, der auf der Londoner Konferenz von 1924 angenommen wurde und der die Festsetzung jährlicher Reparationsraten mit einem Stabilisierungskredit für die Weimarer Republik verband, trug den Namen des amerikanischen Bankiers Charles Dawes. Ein Kollege von Dawes, Parker Gilbert, übernahm das Amt des „Reparationsagenten“ in Berlin. Der Dawes-Plan, der eine fünfjährige Erholungs- und Prosperitätsphase einleitete, ließ die Bereitschaft der US-Regierung erkennen, die großen Finanzreserven der Nation Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 248 <?page no="249"?> einzusetzen, um Europa gemäß den Regeln einer liberal-kapitalistischen Ordnung wiederaufzubauen. In Washington war man sich darüber klar geworden, dass der amerikanische Wohlstand nicht nur auf der eigenen Leistung - der Produktivität, der positiven Handelsbilanz, den Haushaltsüberschüssen - beruhte, sondern auch von aufnahmefähigen europäischen Märkten und einem funktionierenden internationalen Wettbewerb abhing. Ab 1924 / 25 floss wieder privates amerikanisches Kapital nach Eu‐ ropa, hauptsächlich nach Deutschland, und US-Konzerne nahmen große Investitionen vor, wie etwa Ford in Köln und General Motors in Rüsselsheim. Andererseits beharrten die USA darauf, dass es sich bei der Rückzahlung der Kriegsschulden um reine business transactions handele. In Wirklichkeit war aber bereits ein „Schuldenkarussell“ in Gang gekommen, bei dem Deutschland mit amerikanischen Krediten seine Reparationen beglich und die europäischen Siegermächte mit Hilfe dieser Einnahmen Zinsen und Abtrag für die im Krieg aus den Vereinigten Staaten erhaltenen Kredite leisteten. Dieser letztlich unproduktive Kreislauf hätte nur durchbrochen werden können, wenn die USA für eine gleichzeitige Streichung von Reparationen und Kriegsschulden eingetreten wären und wenn der Kongress die seit 1922 geltenden protektionistischen Zölle abgebaut hätte, um den Europäern höhere Exporte und Deviseneinkünfte zu ermöglichen. Dazu konnten sich aber weder die Regierung in Washington noch die Bankiers und die amerikanischen Geldanleger durchringen. Ähnlich deutliche Widersprüche wies das sicherheitspolitische Engagement der USA in Europa auf. Einerseits gaben die Abgesandten Washingtons bei jeder Gelegen‐ heit ihre Aversion gegen die Übernahme politischer Verantwortung zu erkennen. So hielten sie sich von den Bemühungen des Völkerbunds um kollektive Sicherheit ebenso fern wie von der Locarno-Diplomatie Briands, Stresemanns und Austen Chamberlains. Der Kongress vereitelte sogar den bescheidenen Versuch, amerikanische Mitglieder in den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu entsenden. Andererseits drängten die Amerikaner ihre ehemaligen Verbündeten, insbesondere die Franzosen und Bri‐ ten, im Rahmen des Völkerbunds mutige Abrüstungsschritte zu unternehmen, um Deutschlands Forderung nach Gleichberechtigung entgegenzukommen. Den Wunsch der Franzosen nach einer Sicherheitsgarantie gegen Deutschland beantworteten Prä‐ sident Coolidge und Außenminister Kellogg schließlich 1928 mit dem Vorschlag eines multilateralen „Kriegsächtungspakts“, dem zunächst 15, später sogar über 60 Regierungen beitraten. Vom völkerrechtlichen Standpunkt aus gesehen brachte dieser Briand-Kellogg-Pakt zwar wichtige Fortschritte, doch in der gegebenen Situation wiegte er viele Menschen in falscher Sicherheit, die nicht erkannten, dass es sich bei der Ächtung des Angriffskrieges letztlich nur um einen moralischen Appell ohne bindende Wirkung handelte. Eine Festigung des Völkerbundes wäre zweifellos sinnvoller gewesen, aber sie kam für die auf Unabhängigkeit und „freie Hand“ bedachte amerikanische Außenpolitik nicht in Frage. Die Stabilisierungserfolge, die auf der Grundlage des Dawes-Plans erzielt worden waren, gingen ab 1929 in der Weltwirtschaftskrise unter. In dieses Jahr fiel der nach dem amerikanischen Bankier Owen D. Young benannte Young-Plan, der erstmals 1 Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ 249 <?page no="250"?> eine Gesamtsumme für die Reparationen bestimmte, die Jahresraten herabsetzte und eine neue US-Anleihe gewährte. Obwohl diese „endgültige“ Reparationsregelung der Weimarer Republik deutliche Erleichterungen verschaffte (die Laufzeit bis 1988 war von vornherein eher theoretischer Natur), löste sie in Deutschland einen Proteststurm aus, der den rechtsradikalen Parteien Auftrieb gab. Die privaten amerikanischen Kredite waren schon seit 1928 zurückgegangen, weil sich in den USA selbst angesichts des Booms an der Wall Street lukrativere Anlagemöglichkeiten zu bieten schienen. Nach dem Börsenkrach vom Oktober 1929 wurde der Kreditstrom noch dünner, und nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten im September 1930, der das Vertrauen der amerikanischen Gläubiger in die politische Stabilität der Weimarer Republik untergrub, versiegte er vollends. Nun wurden sogar viele amerikanische Kredite, die nur kurzfristig vergeben worden waren, überstürzt abgezogen. Damit begann nicht nur der Reparations-Kriegsschulden-Kreislauf, sondern die gesamte Wirtschaftstätigkeit zu stocken, und Deutschland und Europa gerieten in den Sog der amerikanischen Krise. Um den totalen Kollaps der Finanzmärkte abzuwenden, verkündete Präsident Hoover 1931 (auf Bitten aus Berlin hin) ein Moratorium, das alle internationalen Zahlungsver‐ pflichtungen für ein Jahr aussetzte. Faktisch bedeutete dies das Ende der Reparationen, das 1932 auf der Konferenz von Lausanne besiegelt wurde. Bis auf Finnland stellten nun auch die Schuldner der USA ihre Zins- und Abtragsleistungen ein, so dass die amerikanischen Gläubiger den größten Teil der über 13 Milliarden Dollar Kriegskredite abschreiben mussten. Vor dem Hintergrund der Großen Depression mutete dieses Debakel aber kaum noch besonders dramatisch an. Zur selben Zeit zeichnete sich auch in Asien das Scheitern des amerikanischen Konzepts ab, Frieden durch wirtschaftliche Prosperität und behutsame Diplomatie zu gewährleisten. Das Vordringen der Japaner auf dem chinesischen Festland, das 1931 mit der Invasion der Mandschurei begann, konnten die USA weder allein noch im Rahmen des Völkerbunds verhindern oder bremsen. Die Hoover-Administration pochte zwar auf die Regeln und Prinzipien, zu deren Einhaltung sich die Signatarstaaten der Washingtoner Konferenz verpflichtet hatten, aber die Verträge sahen keinerlei Sanktionsmöglichkeiten gegen ein Land vor, das die Bestimmungen missachtete. Für seinen Vorschlag, Japan mit einem Waffenembargo zu belegen, fand Außenminister Stimson keine Mehrheit im Kongress. Unter diesen Umständen war die Entscheidung, dem japanischen Marionettenstaat Mandschukuo die diplomatische Anerkennung zu verweigern (was später zur „Stimson-Doktrin“ stilisiert wurde), kaum mehr als eine symbolische Geste, die politische und militärische Hilflosigkeit verhüllen sollte. Die Hoffnung auf eine liberalkapitalistische Weltordnung, die ohne viel Zutun der Regierungen, gewissermaßen durch ihre innere Logik, Stabilität produzierte, hatte sich als trügerisch erwiesen. Vielmehr stellte die Weltwirtschaftskrise die Existenz der Demokratie in Amerika und Europa in Frage und bereitete einer Aufspaltung der Welt in Machtblöcke und ideologische Lager den Boden. Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 250 <?page no="251"?> 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems Ursachen und Verlauf der Großen Depression Der Absturz vom Boom in die Depression erfolgte 1929 für die meisten Amerika‐ ner völlig überraschend, und die Schockwellen der Krise breiteten sich rasch nach Lateinamerika, Europa und Asien aus. Obwohl der Außenhandel nur 5 Prozent des US-Nationaleinkommens ausmachte, nahmen die Vereinigten Staaten doch eine überragende Position in der Weltwirtschaft ein: 1929 erzeugten sie 43,3 Prozent der weltweiten industriellen Produktion (Deutschland und Großbritannien folgten mit 11,1 bzw. 9,4 Prozent) und führten als größte Exportnation Waren im Wert von 5,4 Milliarden Dollar aus; ferner hatten sich die US-Auslandsinvestitionen zwischen 1914 und 1929 auf 17 Milliarden Dollar verfünffacht. Schwere und Tragweite der Depression resultierten also nicht zuletzt aus dem seit Beginn des Jahrhunderts immer engeren Zusammenwachsen der Märkte in den verschiedenen Erdteilen, d. h. aus der Entstehung eines kapitalistischen Weltsystems, dessen Zentrum sich von England in die USA verlagert hatte. Die Mechanismen dieses Weltsystems blieben den Zeitgenossen aber noch mehr verborgen als diejenigen, die den nationalen Markt beeinflussten und steuerten. Die Kursstürze an der New Yorker Börse am 24. Oktober (Black Thursday) und am 29. Oktober 1929 (Black Tuesday) wurden zum Fanal einer Krise, die alle bisherigen Maßstäbe sprengte. Obwohl Hoover behauptete, die amerikanische Wirtschaft stehe auf einer „soliden Grundlage“, kam es zu Panikreaktionen der Anleger, die den Wert ihrer Aktien bis November 1929 um mehr als die Hälfte fallen sahen. Wie schon bei früheren Gelegenheiten begann die Finanzkrise rasch das gesamte Wirtschaftsleben zu lähmen, und ökonomische, politische und psychologische Faktoren bildeten eine Spirale, die sich immer weiter nach unten drehte. Eine zyklische Rezession ähnlich den Vorgängen 1913 / 14 und 1920 / 21 war wohl unvermeidlich gewesen, aber sie wurde durch Fehler und Unterlassungen von politischer Seite sowie durch die weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen zur Katastrophe gesteigert. Zu den wichtigsten lang‐ fristigen Ursachen, die Wissenschaftler erst sehr viel später analysierten, gehörte die Überproduktion im Agrarsektor, die infolge der landwirtschaftlichen Erholung in Europa ab Mitte der 1920er Jahre immer spürbarer wurde. Der Einkommensverlust der Farmer auf Grund sinkender Preise und ihre zunehmende Unfähigkeit, Hypotheken‐ zinsen zu zahlen, belasteten viele kleine und mittlere Banken, die später als Erste aus Mangel an Liquidität zusammenbrachen. Im industriellen Bereich und in der Bauwirt‐ schaft trat bis 1929 eine Sättigung des Marktes ein, wozu Wettbewerbsverzerrungen durch die Übermacht von Großkonzernen in vielen Branchen ebenso beitrugen wie die unzureichende Massenkaufkraft. Dieses Phänomen der „Unterkonsumption“ rührte in erster Linie daher, dass der Einkommenszuwachs in den 1920er Jahren extrem ungleich ausfiel: Während die reichsten 1 Prozent der Amerikaner ihr Einkommen um 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 251 <?page no="252"?> 75 Prozent steigern konnten, ergab sich im Schnitt der Bevölkerung nur ein Anstieg von 9 Prozent. Einen strukturellen Schwachpunkt bildete seit langem das amerikanische Finanz- und Bankenwesen, das immer noch sehr dezentral organisiert und keinen wirksamen Kontrollen unterworfen war. Es wurde durch den Anstieg der Kredite stark belastet - allein die Verbraucherkredite wuchsen in den 1920er Jahren von ca. 2,7 auf über 8 Milliarden Dollar -, und es zeigte sich den Folgen der unregulierten Börsenspekulation nicht gewachsen. Nachdem der Federal Reserve Board 1927 mit Zinssenkungen das falsche Signal gegeben hatte, war diese Hausse seit dem Frühjahr 1928 zu einem regelrechten Spekulationsfieber ausgeartet. Als der Spekulationsboom im Herbst 1929 platzte, geriet das gesamte Finanzsystem ins Wanken, da viele Anleger ihre Aktien im Vertrauen auf ständig steigende Kurse mit geliehenem Geld gekauft hatten. Anstatt die Geldmenge zu erhöhen und für Liquidität zu sorgen, reagierte der Federal Reserve Board mit Kreditrestriktionen, was die Panik noch steigerte. Die inneren Schwierigkeiten der USA wirkten sich durch den Stopp des Kreditflusses ins Ausland und die Stockung im Kriegsschulden- und Reparationskreislauf umgehend auf Europa und andere Teile der Welt aus, und die Verschlechterung der weltweiten Wirtschaftslage schlug dann wiederum auf die USA zurück. Im Einklang mit der Wissenschaft seiner Zeit vertraute Präsident Hoover auf die „Selbstheilungskräfte des Marktes“. Wirtschaftskrisen galten als unvermeidliche Konsequenzen ökonomischen und moralischen Fehlverhaltens, die letztlich nur durch „Gesundschrumpfen“ zu überwinden waren. Ebenso einmütig gingen die Juristen davon aus, dass die Verfassung keine direkten Hilfen oder massiven Eingriffe der Bundesregierung in das Wirtschaftsgeschehen zuließ. Die klassischen Mittel einer Stabilisierungspolitik wie Zollerhöhungen zum Schutz der heimischen Industrie und Haushaltsausgleich blieben in dieser Krise aber nicht nur wirkungslos, sondern be‐ schleunigten die Talfahrt noch: Der Smoot-Hawley Tariff von 1930, der die Zölle um über 30 Prozent heraufsetzte, trug zur Strangulierung des Welthandels bei, und der Kampf um einen ausgeglichenen Haushalt trieb - wie unter Reichskanzler Brüning in Deutschland - die Deflationsspirale voran. Allerdings verhielt sich Hoover nicht ganz so orthodox, wie man es ihm nach dem Zweiten Weltkrieg lange vorwarf. So zeigte er sich aufgeschlossen für Arbeitsbeschaffungsprojekte wie den Hoover Dam in Colorado, richtete einen Federal Farm Board mit dem Ziel ein, die landwirtschaftliche Überproduktion zu drosseln, und unternahm 1932 den Versuch, das Bankwesen durch die Reconstruction Finance Corporation zu stützen. Außerdem setzte er sich für eine Beschränkung von „destruktiver“ Konkurrenz ein und ließ Eisenbahngesellschaften und anderen Unternehmen direkte Regierungskredite zukommen. Diese durchaus innovativen Maßnahmen gingen aber entweder nicht weit genug oder kamen zu spät, um wirklich Abhilfe zu schaffen. Der Eindruck staatlicher Passivität und Kon‐ zeptionslosigkeit, der sich in der Öffentlichkeit breit machte, wurde durch Hoovers berühmten Ausspruch „prosperity is just around the corner“ eher noch verstärkt. Da half es auch nichts, dass Hoover als erster Präsident einen eigenen Pressesekretär engagierte. Besonders fatal für das Ansehen des Präsidenten war, dass er keinerlei Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 252 <?page no="253"?> Mitgefühl mit den Leiden der betroffenen Menschen erkennen ließ und sie praktisch auf die private Wohltätigkeit verwies (die sich zwischen 1929 und 1933 auch tatsächlich verachtfachte). Das trug ihm bissige, zum Teil zynische Kritik ein, etwa wenn die Barackenlager von Obdachlosen an den Stadträndern Hoovervilles genannt wurden. Nach dem Krieg, insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren, warfen Historiker und Ökonomen Hoover vor, er habe versäumt, rechtzeitig zu einer „keynesianischen“ Politik des deficit spending überzugehen. In der Frage, ob die Große Depression in den USA und die Weltwirtschaftskrise hätten verhindert werden können, ist inzwischen allerdings eine vorsichtigere Beurteilung eingetreten. Heute geht man davon aus, dass es allenfalls möglich gewesen wäre, durch ein geschickteres Management speziell der Geldpolitik die Schwere der Krise zu mildern und ihre Dauer zu verkürzen. Andererseits formulierte der Engländer John Maynard Keynes seine Theorien erst 1936 auf Grund der Erfahrungen der Depression, und selbst dann setzten sie sich in der Fachwelt keineswegs sofort durch. Vor allem aber war der Handlungsspielraum der Hoover-Administration dadurch beschränkt, dass es der Bundesregierung schlicht an der Planungs- und Regulierungskapazität mangelte, die zur Bekämpfung einer solch schweren Notlage erforderlich gewesen wäre. Von Ende 1929 an bestätigten über mehrere Jahre hinweg sämtliche statistischen Indikatoren die einzigartige Härte des wirtschaftlichen Rückschlags. Das Bruttosozial‐ produkt, das private Einkommen und der Außenhandel schrumpften bis 1933 auf etwa die Hälfte zusammen. Die Investitionen sanken von 10 Milliarden Dollar im Jahr 1929 auf 1 Milliarde 1932 ab, und die Bautätigkeit kam 1932 / 33 fast vollständig zum Erliegen. Während die Agrarpreise im Schnitt um 60 Prozent fielen, ging die landwirtschaftliche Produktion nur um 6 Prozent zurück, so dass Hunger und Überfluss nebeneinander existierten. In einem einzigen Jahr, 1933, wurden 5 Prozent der amerikanischen Farmen wegen Hypotheken- und Steuerschulden konfisziert oder zwangsversteigert. Von Ar‐ beitslosigkeit betroffen waren auf dem Höhepunkt der Krise 1932 / 33 ca. 15 Millionen Amerikaner, was einem Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung entsprach (gegenüber weniger als 5 Prozent 1929). Die Zahl der Konkurse überstieg bis Ende 1932 100.000; um diese Zeit waren schon ca. 5000 Banken zusammengebrochen, und im Jahr darauf ereilte weitere 4000 das gleiche Schicksal. Die sozialen Folgen der Depression waren gravierend, weil es so gut wie keine staatliche Fürsorge gab. Anders als in den meisten europäischen Ländern hatten die amerikanischen Arbeitslosen keinerlei Rechtsanspruch auf Unterstützung, sondern waren auf die Armenhilfe der Gemeinden und auf private Wohltätigkeit angewiesen. In den Städten bildeten sich deshalb täglich lange Schlangen vor den Suppenküchen, die von Kirchen oder anderen karitativen Organisationen betrieben wurden. Am schlimmsten war die Lage für die Farmer und Pächter im Mittleren Westen und im Südwesten des Landes. In den semiariden Staaten Colorado, Neu-Mexiko, Kansas und Oklahoma kam es zwischen 1930 und 1941 zu anhaltender Dürre, Bodenerosion und Sandstürmen. Das Ausbleiben der üblichen Regenfälle war nicht der einzige Grund für die Entstehung der so genannten „Dust Bowl“-Katastrophe, die am 14. April 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 253 <?page no="254"?> 1935 ihren Höhepunkt erreichte, als Sandstürme mit über 110 Stundenkilometern Geschwindigkeit durch das Land fegten und den Tag zur Nacht machten. Seit dem Ersten Weltkrieg hatten amerikanische Farmer mit dem Anbau von Weizen große Profite erzielt. Durch das Entfernen der nativen Vegetation und durch den Einsatz gigantischer landwirtschaftlicher Maschinen hatten sie nahezu unversehens das öko‐ logische Gleichgewicht zerstört. Ohne Regen verwandelte sich der Boden in Staub. Die Katastrophe löste in den 1930er Jahren einen Massenexodus aus. Mehr als 350.000 „Okies“ (so wurden sie von ihren Zeitgenossen genannt, ob sie aus Oklahoma stammten oder nicht) verließen ihre Farmen und ihr Vieh und zogen nach Kalifornien. Dort fanden die meisten in der Landwirtschaft Arbeit. Neben Trauben und Zitrusfrüchten wurden in den bewässerten Agrarlandschaften Kaliforniens vor allem Gemüse und Kartoffeln angebaut. Mehreren Städten an der Westküste drückten die „Okies“, zu denen auch der Musiker Woody Guthrie gehörte, einen ganz eigenen kulturellen Stempel auf, vor allem durch die Einführung neuer Gerichte, eine südstaatlich ge‐ prägte evangelikale Frömmigkeit und die Popularisierung der Country-Musik. Dass die meisten Flüchtlinge zunächst nur in Obdachlosenlagern Unterkunft fanden und Hungerlöhne erhielten, hat John Steinbecks Roman Grapes of Wrath (Früchte des Zorns) dargestellt. Das Buch, das den Pulitzer-Preis gewann, wurde 1939 umgehend zum Bestseller und als Film zu einem der größten Kassenerfolge der 1940er Jahre. Gemessen an diesen immensen Nöten und Leiden blieben kollektive Proteste von Betroffenen erstaunlich selten und gemäßigt. In Iowa fand die Farmers’ Holidays Association zahlreiche Anhänger, deren Führer Milo Reno ab 1931 dazu aufrief, Agrarerzeugnisse von den Märkten fern zu halten und Zwangsversteigerungen notfalls gewaltsam zu verhindern. Kommunisten engagierten sich in den Unemployment Councils, die in vielen Städten „Hungermärsche“ durchführten, doch der Mitglieder‐ stand der Kommunistischen Partei der USA war selbst 1932 nicht höher als 12.000. Die spektakulärste Form des Widerstands wählten ca. 10.000 Veteranen des Ersten Weltkriegs, die sich im Juni 1932 in Washington versammelten, um den Kongress zur Umwandlung ihrer befristeten Bonusscheine in sofortige Geldzahlungen zu bewegen. Als einige dieser bonus marchers ihre Proteste fortsetzten, obwohl der Kongress den Gesetzentwurf abgelehnt hatte, gingen reguläre Truppen unter dem Befehl von General Douglas MacArthur gegen sie vor und brannten ihr Lager am Rand der Hauptstadt nieder. In der Öffentlichkeit verstärkte dieser unverhältnismäßige Militäreinsatz, den Hoover selbst angeordnet hatte, das Gefühl, dem Präsidenten und der Regierung mangele es an jeglicher Sensibilität für die Empfindungen der Krisenopfer. Gefährlicher als das offene Aufbegehren war die tiefe psychologische Malaise, von der breite Bevölkerungsschichten durch den unerklärlichen raschen Sturz von der Pros‐ perität in die Krise befallen wurden. In der Regel suchten die Arbeitslosen die Schuld an ihrer Situation bei sich selbst und kämpften verzweifelt darum, die Selbstachtung zu wahren. Dennoch drohte den politischen und wirtschaftlichen Institutionen, die den American way of life repräsentierten - insbesondere der Bundesregierung und der business community -, bald ein tiefer, möglicherweise irreparabler Vertrauensverlust. Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 254 <?page no="255"?> Es kamen sogar Zweifel an den Grundfesten der amerikanischen Existenz auf: an der Fähigkeit des Einzelnen, sein Schicksal selbst zu gestalten; an der Überlegenheit der Demokratie gegenüber autoritären und diktatorischen Regierungsformen; an den Vorzügen einer kapitalistischen Wirtschaft und eines freien Unternehmertums; und an dem geradezu naturgesetzlichen Fortschritt, der jedermann die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg bescherte. Die Wahlen von 1932 erlangten deshalb so überragende Bedeutung, weil sich nun zeigen musste, ob der politische Prozess noch die Wünsche und Stimmungen der Bürger reflektierte und ob das amerikanische Regierungssystem fähig war, die Ratlosigkeit, lähmende Ungewissheit, Apathie und Verzweiflung zu überwinden. Wie in der Weimarer Republik und in vielen anderen europäischen Ländern stand das Schicksal der liberalen Demokratie selbst auf dem Spiel. Die Wahlen von 1932 Der ausbleibende Erfolg der Hoover’schen Reformen und das psychologische Unge‐ schick des Präsidenten bereiteten den Boden für die Übernahme der Regierungsmacht durch die Demokraten und für eine bis dahin unvorstellbare Aktivität der Bundes‐ regierung in Wirtschafts-, Finanz- und Sozialfragen. In Franklin Delano Roosevelt, einem entfernten Verwandten Theodore Roosevelts, erwuchs der Demokratischen Partei gerade rechtzeitig wieder eine charismatische Führerpersönlichkeit vom Schlage eines Woodrow Wilson. Roosevelts Wahlkampfstil hob sich schon deshalb positiv von demjenigen Hoovers ab, weil er Sympathie und Mitgefühl für den „vergessenen kleinen Mann“ bekundete und weil er den Menschen allein durch seine Ausstrahlung wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft vermittelte. Die Parole vom New Deal, einer gerechteren Neuverteilung der gesellschaftlichen Chancen, die der Kandidat auf dem Nominierungskonvent der Demokraten in Chicago Ende Juli 1932 ausgab, erwies sich als werbewirksam und mitreißend. Als gewiegter Taktiker verband Roosevelt aber seine öffentlichen Versprechungen eines grundlegenden Wandels mit beruhigenden Hinweisen an die Geschäftswelt, dass radikale Änderungen nicht zu befürchten seien. Er propagierte keinen fertigen Rettungsplan, widersprach sich auch gelegentlich im Detail, zeigte dafür aber die große Richtung an: Die Bundesregierung musste die Verantwortung für das wirtschaftliche Wohlergehen der Amerikaner übernehmen und das „größte Glück der größten Zahl“ ermöglichen. Die Wähler gaben ihm im November mit über 7 Millionen Stimmen Vorsprung vor Hoover (der als einzigen wichtigen Staat Pennsylvania gewann) ein klares Mandat und einen großen Vertrauensvorschuss. Während die Demokratische Partei Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses erobern konnte, entfielen auf sozialistische und kommunistische Kandidaten weniger als eine Million der fast 40 Millionen abgegebenen Stimmen. 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 255 <?page no="256"?> Abb. 16: Franklin D. Roosevelt und sein Vorgänger Herbert Hoover auf dem Weg zu Roosevelts Amtseinführung, 4. März 1933 Franklin D. Roosevelt, der bei seinem Amtsantritt im März 1933 51 Jahre alt war, stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden New Yorker Familie niederländ‐ ischen Ursprungs. Nach der Privatschule in Groton und dem Studium in Harvard hatte er, schon früh von Flottenfragen fasziniert, ab 1913 als Unterstaatssekretär im Marineministerium sein erstes Regierungsamt ausgeübt. Bei den Wahlen von 1920 kandidierte er als Repräsentant des linken Flügels der Demokratischen Partei für den Posten des Vizepräsidenten, unterlag aber zusammen mit James M. Cox dem republikanischen Gespann Harding-Coolidge. Infolge einer schweren Polioerkrankung war er seit 1921 von der Hüfte abwärts gelähmt, blieb aber dennoch - nicht zuletzt dank der Hilfe seiner Frau Eleanor - politisch aktiv. 1928 unterstützte er den erfolglosen Al Smith und trat dessen Nachfolge als Gouverneur des Staates New York an. Zu dieser Zeit galt er als opportunistisch und wenig energisch, so dass sein Ehrgeiz, Präsident zu werden, eher belächelt wurde. Die Wirtschaftskrise bot ihm die ersehnte Chance zum Aufstieg, die er ohne Zögern ergriff und nutzte. Schon die Inaugurationsrede am 4. März 1933 ließ ahnen, dass Roosevelt das Zeug zu einem „starken“ Präsidenten hatte, ja dass er das Präsidentenamt und das gesamte amerikanische Regierungssystem prägen würde wie nur ganz wenige seiner Vorgänger. Das einzige, was die Nation zu fürchten hätte, so erklärte er, sei die Furcht selbst, der unbestimmte, lähmende Schrecken, der die Amerikaner daran hindere, den Rückzug in einen Vormarsch zu verwandeln. Der Vergleich der Depression mit einem militärischen Notstand und die Metapher des Krieges durchzogen die gesamte Rede: Roosevelt forderte die innere Geschlossenheit des Volkes, da jeder vom anderen abhängig und die ganze Gesellschaft interdependent sei; er beanspruchte die Führung in dem bevorstehenden Feldzug gegen Not und Elend; und er kündigte an, dass er gegebenenfalls Notstandsbefugnisse vom Kongress fordern werde, die ähnlich umfassend sein müssten wie diejenigen, die in der Verfassung für den Fall einer fremden Invasion vorgesehen seien. Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 256 <?page no="257"?> Der „erste“ New Deal Auf diese Ankündigung eines diktatorischen Regimes auf Zeit brauchte Roosevelt nicht mehr zurückzukommen, weil die Gesetzesvorschläge der Administration im Kongress keinen nennenswerten Widerstand fanden. Angesteckt vom schwungvoll-optimisti‐ schen „spirit of the New Deal“, zeigten sich die Abgeordneten und Senatoren kompro‐ missbereit und handlungsfähig, so dass der New Deal mit vereinten Kräften auf den Weg gebracht und in den legendären „ersten hundert Tagen“ ein wahres Feuerwerk an Reformen abgebrannt werden konnte. Die Hauptstadt selbst, die bis dahin immer noch etwas verschlafen und provinziell gewirkt hatte, veränderte ihren Charakter und wurde lebendiger, dynamischer und interessanter. In den Radioansprachen am Kamin seines Arbeitszimmers (fireside chats), mit denen Roosevelt die New Deal-Maßnahmen regelmäßig begleitete, präsentierte er den Bürgern seinen experimentellen, zuweilen hektischen Regierungsstil als Ausdruck des pragmatischen Geistes der amerikanischen Politik: Wichtig sei, dass überhaupt etwas geschehe; sollten sich Einzelmaßnahmen als falsch erweisen, könnte man sie ja korrigieren und etwas anderes versuchen. Die Neuerungen, die er einführte, entsprangen also weniger ideologischen Motiven als handfesten politischen Kalkulationen und instinktiven Sympathien für den forgotten man. Abb. 17: Radiohörer in Michigan, 1930 Erstmals seit Woodrow Wilson verlagerte sich das politische Entscheidungszentrum wieder vom Kongress in das Weiße Haus und zum Präsidenten selbst, der Entschlos‐ senheit, Phantasie, Führungskraft und auch Humor ausstrahlte. Zu seinen engsten Beratern gehörte eine Gruppe von Professoren, vor allem der New Yorker Columbia University, unter ihnen Adolf A. Berle Jr., Raymond Moley und Rexford Tugwell. Die Mitglieder dieses so genannten Brains Trust fühlten sich dem neuen wissenschaftli‐ chen Ideal des social engineering verpflichtet und glaubten an die Möglichkeit einer „Verbesserung“ der Gesellschaft durch gezielte Regierungseingriffe. Sie waren oft reformerischer eingestellt als der Präsident selbst, und einige versuchten sogar, positive 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 257 <?page no="258"?> Lehren aus dem planwirtschaftlichen Ansatz der Stalin’schen Sowjetunion zu ziehen. Im Regierungsapparat baute „FDR“, wie er bald mit einer Mischung aus Respekt und Herzlichkeit genannt wurde, auf den Rat seines engen Freundes, Finanzminister Henry Morgenthau Jr., sowie auf die tatkräftige Unterstützung durch Landwirtschafts‐ minister Henry A. Wallace und Innenminister Harold Ickes. Mit Frances Perkins als Arbeitsministerin berief er erstmals eine Frau in das Kabinett, was dem fortschrittlichen Image der Administration ebenso dienlich war wie das soziale Engagement und die Aufgeschlossenheit in Rassenfragen, die First Lady Eleanor Roosevelt an den Tag legte. Eine wichtige Rolle im Hintergrund spielte Roosevelts Vertrauter Harry Hopkins, ein New Yorker Sozialarbeiter, der sich zunächst um die Arbeitslosenhilfe kümmerte und später wichtige Aufgaben als Handelsminister und Sonderbotschafter erfüllte. Von Beginn an verstand es Roosevelt, seine eigene Autorität durch das Nebeneinander konkurrierender Ämter und Personen auf den verschiedenen Ebenen der Administration zu stärken, und im Laufe der Zeit verfeinerte er diese Methode des divide et impera immer weiter. Dazu verfügte er über ein feines Sensorium für die Tendenzen und Schwankungen der öffentlichen Meinung, die er durch Reden sowie über die Presse und den Rundfunk (der 1938 schon 26 Millionen amerikanische Haushalte erreichte) kontinuierlich zu beeinflussen suchte. Diese Gabe ließ ihn nur einmal wirklich im Stich, als er 1937 / 38 glaubte, sich den Supreme Court gefügig machen und die Demokratische Partei von Kritikern „säubern“ zu können. Ansonsten gelang es ihm, engen Kontakt mit der Bevölkerung zu wahren, aus der ihn wöchentlich 5000 bis 8000 Zuschriften erreichten. Es bedurfte der Hilfe von 50 Angestellten, um diesen Ansturm zu bewältigen. Die Hilfsmaßnahmen und Reformen des New Deal erfassten jeden Wirtschaftsbe‐ reich: das Geld- und Kreditsystem, die Landwirtschaft, den industriellen Sektor, den Arbeitsmarkt und das Sozialwesen. Zur Signatur der Epoche wurden die vielen unabhängigen Exekutivbehörden, die der Kongress für die verschiedensten Aufgaben schuf und deren Akronyme wie AAA, FDIC, SEC, NRA und FERA bald nur noch Zeitgenossen mit einem besonders guten Gedächtnis beherrschten. Damit trat das Wachstum der bundesstaatlichen Bürokratie in ein neues Stadium, das durch die rasche Zunahme des zentralen, dem Präsidenten direkt unterstellten Lenkungs- und Kontrollinstrumentariums gekennzeichnet war. Höchste Priorität beanspruchte die Bankenkrise, die sich in der langen Übergangsphase zwischen Novemberwahl und Amtsantritt des Präsidenten im März noch dramatisch verschlimmert hatte. (Der Anfang 1933 ratifizierte 20. Verfassungszusatz, der den Regierungswechsel auf den 20. Januar vorverlegte, schuf hier für die Zukunft Abhilfe.) Am Vorabend der Inaugu‐ ration hatten 38 Staaten ihre Banken geschlossen, und auch in den restlichen Staaten operierten die Institute nur noch auf einer begrenzten Basis. Seit dem Börsenkrach im Oktober 1929 hatten etwa 9 Millionen Amerikaner, meist Angehörige der Mittel‐ schicht, ihre Ersparnisse in einer Gesamthöhe von ca. 2,5 Milliarden Dollar verloren. Roosevelt erklärte umgehend am 5. März 1933 „Bankfeiertage“ und berief den Kongress zu einer Sondersitzung ein. Schon am 9. März wurde der Emergency Banking Act Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 258 <?page no="259"?> verabschiedet, der stärkere Aufsichtsbefugnisse des Finanzministeriums vorsah. Am 13. März konnten die „sicheren“ Banken wieder geöffnet werden, und der Anstieg der Depositen zeigte, dass das Vertrauen der Sparer erstaunlich rasch zurückkehrte. Zur weiteren Beruhigung trug der Glass-Steagall Act bei, der Geldanlagegeschäfte von „normalen“ Bankgeschäften trennte und eine Versicherung der Bankeinlagen durch die Federal Deposit Insurance Corporation vorsah. Als Kontrollorgan für die Börse fungierte ab 1934 die Securities and Exchange Commission, die eine übersteigerte Spekulation und Insider-Geschäfte verhindern sollte. Außerdem wurde die Möglichkeit geschaffen, über die Home Owners Loan Corporation von der Kündigung bedrohte Hypotheken zu refinanzieren, wovon 20 Prozent der Hausbesitzer Gebrauch machten. Die Finanz- und Währungspolitik zielte darauf ab, durch Aufgabe des Goldstandards und Abwertung des Dollars die Deflation zu überwinden und das inländische Preis‐ niveau zu heben. Dieser Alleingang verurteilte das Projekt einer internationalen Währungsstabilisierung zum Scheitern, das die Londoner Weltwirtschaftskonferenz 1933 erörterte. Wie es die Roosevelt-Administration für die USA unternahm, so musste nun auch jedes andere Land versuchen, sich selbst durch hohe Zölle, Abwertungen und andere protektionistische Maßnahmen aus dem Sumpf der Krise zu ziehen. Auf diese Weise verstärkten die USA den Trend zum ökonomischen Nationalismus, der dem Ideal des freien Welthandels eigentlich zuwiderlief. Der Reciprocal Trade Agreements Act von 1934, der den Präsidenten ermächtigte, die amerikanischen Zölle auf Grund von bilateralen Übereinkommen zu senken, lockerte diese Strategie etwas auf, behielt sie aber im Kern bei. Ökonomisch sinnvoller als die Manipulation von Gold- und Dollarpreisen wäre eine entschlossene Defizit-Politik gewesen, doch in dieser Hinsicht verhielt sich Roosevelt konventionell. Wie die meisten Geschäftsleute und Bankiers fürchtete er hohe Haushaltsdefizite und mahnte zur Sparsamkeit, als die Fehlbeträge anstiegen. Die Kürzungen, die der Kongress daraufhin vornahm, um das Budget auszugleichen, wirkten der wirtschaftlichen Erholung aber entgegen. Dieser restriktive Kurs wurde erst 1938 aufgegeben, als ein neuer Konjunktureinbruch erfolgte und sich bereits die Notwendigkeit der militärischen Aufrüstung ankündigte. Ein zweiter Schwerpunkt des New Deal war die Stützung der Landwirtschaft, die im Mai 1933 mit dem Agricultural Adjustment Act in Angriff genommen wurde. Er sah eine Kombination von - anfangs noch freiwilligen, später dann auch verordne‐ ten - Anbaubeschränkungen und Subventionen für bestimmte Produkte wie Weizen, Baumwolle und Tabak vor, um die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise dem indust‐ riellen Preisniveau anzugleichen. Da diese Maßnahmen erst 1934 greifen konnten, mussten im Sommer 1933 unpopuläre Vernichtungsaktionen wie das Unterpflügen von Baumwolle und das Abschlachten von Millionen Ferkeln vorgenommen werden. Flankiert wurde dieses System der Produktions- und Preisregulierung durch die Vergabe zinsgünstiger Kredite an Farmer, um massenhafte Zwangsversteigerungen abzuwenden. Vom Anstieg der Preise profitierten allerdings in erster Linie die grö‐ ßeren Farmer, während Kleinbauern und Pächter im Süden zumeist leer ausgingen. Das lag hauptsächlich daran, dass die Zuschüsse und Subventionen mangels einer 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 259 <?page no="260"?> ausreichenden bundesstaatlichen Verwaltung durch die Regierungen der Einzelstaaten und die lokalen Farmorganisationen verteilt wurden. Im Süden dominierten aber nach wie vor die konservativen Demokraten und ihre weiße Farmer-Klientel, auf deren politische Unterstützung Roosevelt angewiesen war. Das hielt den Präsidenten und die Bundesregierung auch weiterhin davon ab, sich in die Rassenbeziehungen einzumischen. Das Kernstück dieser ersten Phase des New Deal bildete der National Industrial Recovery Act (NIRA), der den industriellen Sektor beleben und den Unter‐ nehmen helfen sollte, wieder Profite zu erwirtschaften. Unter der Aufsicht der National Recovery Administration (NRA) konnte jede Branche Codes of Fair Business Practices aufstellen, deren Ziel es war, „ruinösen Wettbewerb“ zu verhindern und - entgegen den Anti-Trust-Bestimmungen - Absprachen über Produktion und Preise zu ermöglichen. Als Zugeständnis an die Gewerkschaften sah die Sektion 7a des NIRA vor, dass Vereinbarungen über Mindestlöhne, Höchstarbeitszeiten, das Verbot der Kinderarbeit und vor allem das Recht auf freie Tarifverhandlungen in die Codes aufgenommen werden sollten. Es handelte sich also um eine Art korporative Selbstregulierung von Kapital und Arbeit unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung, die man der Bevölkerung mit großem Propagandaaufwand schmackhaft zu machen suchte. Anstatt einer wirklichen Erholung trat aber zunächst nur eine stärkere Monopolbildung ein, und der Widerstand der Unternehmer gegen die Sektion 7a formierte sich gerade erst, als der Supreme Court das Gesetz im Mai 1935 als verfassungswidrig aufhob. Der experimentelle und improvisatorische Charakter des New Deal war am ausge‐ prägtesten auf dem Gebiet der Arbeitslosenhilfe und Arbeitsbeschaffung, wo eine ganze Reihe von Organisationen aufeinander folgten bzw. mit mehr oder weniger Erfolg nebeneinander her existierten. Während die Federal Emergency Relief Admi‐ nistration (FERA) unter Hopkins nur Hilfsprogramme der Einzelstaaten finanziell unterstützte, konnte die im NIRA vorgesehene und von Ickes geleitete Public Works Administration (PWA) öffentliche Aufträge für Schul- und Straßenbau und andere Infrastrukturmaßnahmen vergeben. Da Ickes zu zögerlich agierte, betraute Roosevelt Ende 1933 Hopkins mit der Leitung einer neuen Agentur, der Civil Works Administ‐ ration (CWA), die im Winter 1933 / 34 Millionen Menschen vorübergehend Arbeit beschaffte, dann aber wegen Geldmangels aufgelöst wurde. Als dauerhafter erwies sich das Civilian Conservation Corps (CCC), ein freiwilliger Arbeitsdienst für Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die in - zumeist dem Militär unterstellten - Lagern mit Landschafts- und Naturschutzaufgaben wie Wiederaufforstung und Erosionsschutz beschäftigt wurden. In ganz andere Dimensionen reichte die Tennessee Valley Authority (TVA) hinein, ein regionales Großprojekt, das sich über sieben Staaten erstreckte und Arbeitsbeschaffung mit regionaler Wirtschaftsentwicklung verband. Koordiniert von einem Dreimänner-Gremium als bundesstaatlicher Aufsichtsbehörde, begann entlang des Tennessee River und seiner Nebenflüsse der Bau von Dämmen, Schleusen, Elektrizitätswerken, Stromleitungen und Chemiefabriken. Die Maßnahmen waren aufeinander abgestimmt, um das stets gefährdete und zurückgebliebene Gebiet durch Hochwasserkontrolle, Schiffbarmachung, Energiegewinnung und Erosionsschutz zu Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 260 <?page no="261"?> industrialisieren und modernisieren. Obwohl es zu Reibungen mit den lokalen Elekt‐ rizitätsgesellschaften und anderen Privatunternehmen kam, die sich gegen die billige staatliche Konkurrenz wehrten, trug die TVA dazu bei, die Verdienstmöglichkeiten und die Lebensqualität vieler Menschen zu verbessern. Allerdings lehnte der Kongress Roosevelts Vorschlag ab, ähnliche Programme für sechs weitere Regionen, die fast die gesamten USA umfasst hätten, in Auftrag zu geben. Opposition gegen den New Deal Das Ergebnis der Zwischenwahlen vom November 1934 bewies, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter Roosevelt stand. Andererseits machten aber auch schon Befürchtungen, Warnungen und Kritik die Runde: Den einen erschien der New Deal als „Strohfeuer“, das bald wirkungslos verpuffen würde, den anderen dagegen ging er bereits zu weit und beschwor die Gefahr einer politischen und konstitutionellen Revolution herauf. Millionen von Amerikaner erwärmten sich zumindest vorüberge‐ hend für die einfachen, z. T. autoritären Lösungen, die populistische Führer und selbst ernannte Volkstribunen offerierten. Eine besonders schillernde Persönlichkeit war Huey Long, der von 1928 bis 1932 als Gouverneur von Louisiana amtiert hatte und dann von seinen Wählern in den Senat nach Washington geschickt wurde. Sein Share our Wealth-Programm sah vor, den Reichen hohe Steuern und Abgaben aufzuerlegen, mit denen dann jeder amerikanischen Familie ein Haus und ein Jahreseinkommen von 2-3.000 Dollar garantiert werden sollten. Bevor dieser dynamische Agitator zu einer echten Gefahr für Roosevelt werden konnte, wurde er jedoch im September 1935 in Louisiana ermordet. 40 Millionen Hörer erreichte angeblich der katholische „Radiopriester“ Father Charles E. Coughlin, der in Detroit die National Union for Social Justice gründete. Er sah das Heil in einer drastischen Dollarabwertung und in der Ver‐ staatlichung des gesamten Bankensystems. An die Unzufriedenheit und Zukunftsangst der wachsenden Zahl allein stehender alter Menschen appellierte der kalifornische Arzt Dr. Francis E. Townsend mit seiner Kampagne für Old-Age Revolving Pensions: Danach sollte jede Person im Alter von über 60 Jahren 200 Dollar monatlich erhalten, aber auch verpflichtet werden, dieses Geld innerhalb von 30 Tagen auszugeben, um die Wirtschaft „anzukurbeln“. Unter wachsenden Druck geriet die Regierung sowohl von Seiten der Gewerkschaften, die eine schnellere Beseitigung der Arbeitslosigkeit und „wirtschaftliche Demokratie“ forderten, als auch von Seiten konservativer Unterneh‐ mer, die sich in der American Liberty League zusammenschlossen. Diese einflussreiche Organisation attackierte die staatliche Regulierung des Wirtschaftslebens öffentlich als Vorstufe eines kommunistischen oder faschistischen Regimes à la Stalin, Mussolini und Hitler. Rückhalt fand diese Opposition bei den Gerichten, die stets zu den Verteidigern einer „freien“ Wirtschaft gehört hatten und die nun zu erkennen glaubten, dass der New Deal das amerikanische Verfassungssystem aus den Angeln hob. Auf diese Gefahr wies der Supreme Court unter seinem republikanischen Vorsitzenden Charles E. Hughes unmissverständlich hin, als er im Mai 1935 den National Industrial Recovery Act im Fall 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 261 <?page no="262"?> Schechter v. US einstimmig für verfassungswidrig erklärte. Konkret bemängelten die Richter, dass der Kongress zu viele Vollmachten an die Exekutive delegiert habe (so konnte der Präsident die NIRA-Codes ohne parlamentarische Billigung in Kraft setzen) und dass die Bundesregierung auf unzulässige Weise in die wirtschaftlichen Belange der Einzelstaaten eingreife (die Hähnchenfirma Schechter operierte vorwiegend im Staat New York, nicht im interstate commerce). Bedroht waren nach Meinung der Richter demzufolge sowohl die Gewaltenteilung auf der bundesstaatlichen Ebene als auch das föderale Gleichgewicht zwischen Zentralregierung und Einzelstaaten. Als der Supreme Court mit ähnlichen Begründungen, z. T. allerdings nur mit knappen 5: 4-Ent‐ scheidungen, weitere wichtige Gesetze aus den „ersten hundert Tagen“ verwarf, schien der gesamte New Deal hinfällig zu werden. In der breiten Öffentlichkeit stießen die Entscheidungen des Gerichts, das außerdem noch einzelstaatliche Mindestlohngesetze außer Kraft setzte und zu einer reinen laissez faire-Rechtsprechung zurückzukehren schien, allerdings zunehmend auf Unverständnis. Der „zweite“ New Deal Präsident Roosevelt beantwortete die Kritik und die negativen Gerichtsurteile nicht mit einer Mäßigung, sondern mit der Verschärfung seines Reformkurses. Hatte sich die Re‐ gierung bislang um eine Harmonisierung der Interessen von Unternehmern, Bankiers, Farmern und Arbeiterschaft bemüht, so waren die Gesetze des so genannten „zweiten“ New Deal ab 1935 weiter „links“ auf der politisch-ideologischen Skala angesiedelt. Sie begünstigten bewusst die Gewerkschaften und die breiten Bevölkerungsschichten, während die Unternehmen wieder einem stärkeren Wettbewerb ausgesetzt und höher besteuert wurden. Als Ersatz für NIRA unterzeichnete der Präsident im Juli 1935 den National Labor Relations Act (oder Wagner Act), der in erster Linie die Rechte der Gewerkschaften absicherte, die Sektion 7a von NIRA versprochen hatte. Die praktische Umsetzung dieser Organisations- und Tarifrechte provozierte eine Serie schwerer Arbeitskämpfe, besonders in der Automobilindustrie, bei denen die Gewerkschaften aber, anders als früher, auf die Sympathie der Bundesregierung zählen konnten. Ab 1935 bildeten sich neue Industriegewerkschaften, die auch ungelernte Arbeiter aufnahmen und deshalb von der AFL ausgeschlossen wurden. Unter der Leitung von John L. Lewis formten sie 1938 einen eigenen Dachverband, den Congress of Industrial Organizations (CIO). Trotz dieser Spaltung hatten die New Deal-Gesetze insgesamt einen positiven Effekt auf die Arbeiterbewegung, denn die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder stieg zwischen 1933 und 1941 von weniger als 3 Millionen auf über 8 Millionen an. Vertreter des radikalen Flügels kritisierten jedoch, dass dieser Erfolg mit dem Verzicht auf eine wirkliche „Demokratisierung“ der Wirtschaft und zu enger politischer Anlehnung an die Demokratische Partei erkauft worden war. Einen ersten Schritt in Richtung moderner Sozialstaat unternahm die „Roosevelt-Ko‐ alition“ aus Demokraten und gemäßigten Republikanern mit dem Social Security Act vom August 1935. Die Finanzierung der Programme zur Altersrente und Arbeitslo‐ Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 262 <?page no="263"?> senunterstützung erfolgte nicht durch Steuern, sondern durch Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteile an Löhnen und Gehältern, und die Fonds wurden gemeinsam von den Einzelstaaten und der Bundesregierung verwaltet. Es handelte sich aber noch um bescheidene Anfänge, die erst Ende der 1930er Jahre praktische Wirkung entfalteten. Gesetzlich vorgeschrieben war nun auch die Unterstützung einzelner Kategorien von bedürftigen Personen wie Blinde, Gehörlose, Behinderte und abhängige Kinder, die zu den deserving poor zählten. Diese categorical assistance programs bildeten Keimzellen, aus denen sich das amerikanische Sozialhilfesystem dann erstaunlich schnell entwickelte. Auf eine nationale Krankenversicherung verzichtete die Roose‐ velt-Administration dagegen, obgleich ein solcher Schutz in den meisten europäischen Staaten um diese Zeit schon zum sozialen Standard gehörte. Ab 1935 wurde endlich Arbeitsbeschaffung im großen Stil durch die neue Works Progress Administration (WPA) betrieben. Geleitet wiederum von Harry Hopkins, einem Meister der Improvisation, förderte die WPA nicht nur massiv Industrie- und Infrastrukturprojekte, sondern beschäftigte auch eine große Zahl von Künstlern und Intellektuellen mit Hilfe des Federal Theater Project, des Federal Writers’ Project und des Federal Art Project. Auf diese Weise leistete die WPA auch einen Beitrag zur kulturellen Sinnstiftung, denn im Zentrum aller künstlerischen Produktionen dieser Zeit standen ein „neu entdecktes“ Amerika und die amerikanische Nation. Obwohl die Bundesregierung für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen insgesamt 11 Milliarden Dollar ausgab und durchschnittlich 2 Millionen Menschen im Jahr unterstützte, ging die Zahl der Arbeitslosen langsamer als beispielsweise im nationalsozialistischen Deutschland zurück und stieg 1938 vorübergehend sogar wieder auf über 10 Millionen (= 19 Prozent) an. Abgerundet wurde der „zweite“ New Deal durch den Banking Act, der das Federal Reserve System reorganisierte und die Verantwortung für die Geldpolitik endgültig von der regionalen auf die nationale Ebene hob, sowie durch eine höhere Besteuerung der Unternehmensgewinne und der Einkommen von besser Verdienenden. Mit ihrer Bereitschaft, Verantwortung für die soziale Lage der Mittel- und Unterschicht zu übernehmen, und mit ihrem gesetzgeberischen Aktivismus verscheuchten Roosevelt und die Demokratische Partei das Gespenst der Resignation und sicherten sich die Zustimmung der Massen. Das bestätigten die Wahlen von 1936 eindrucksvoll, als Roosevelt seinen republikanischen Herausforderer Alfred Landon, den Gouverneur von Kansas, mit 60,8 zu 36,5 Prozent der abgegebenen Stimmen haushoch besiegte. Der Streit um den Supreme Court und die Bewertung des New Deal Trotz oder gerade wegen dieses überwältigenden Wahlerfolgs stand Roosevelts zweite Amtszeit innenpolitisch unter keinem guten Stern. Im Kongress löste sich die partei‐ enübergreifende New Deal-Koalition auf, weil die Republikaner die unternehmerfeind‐ liche Politik der Regierung nicht mehr mittragen wollten. Roosevelt war deshalb mehr denn je auf die konservativen Demokraten aus den elf Staaten des „soliden Südens“ an‐ 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 263 <?page no="264"?> gewiesen. Die gewalttätige Streikwelle, die 1936 / 37 die Industrie erfasste, beunruhigte viele Amerikaner, und auch die 1937 einsetzende Rezession weckte Zweifel an der Rich‐ tigkeit des neuen, radikaleren Kurses. Den größten politischen Fehler beging Roosevelt jedoch mit seinem Frontalangriff auf eine ehrwürdige Institution des amerikanischen politischen Systems, den Supreme Court, dessen Urteile ihn zunehmend verärgert hatten und dem er eine altmodische horse and buggy-Rechtsprechung vorwarf. Der Gesetzentwurf zur Reorganisation der Judikative ermächtigte den Präsidenten, für jedes Mitglied des Supreme Court, das mit 70 Jahren nicht von seinem Amt zurücktrat, einen zusätzlichen Richter - maximal sechs, bis zur Gesamtzahl von 15 - zu ernennen. Mit diesem Vorschlag, der leicht als court packing zu durchschauen war, verscherzte sich Roosevelt viele Sympathien. Nun warnten sogar liberale Demokraten vor seinen „diktatorischen Anwandlungen“, und der Kongress lehnte das Gesetz im Juli 1937 ab. Im Grunde war der ganze Streit unnötig gewesen, weil der Supreme Court in der Zwischenzeit bereits eine Wende im Sinne Roosevelts vollzogen hatte, die einer „kon‐ stitutionellen Revolution“ gleichkam. Die herbe öffentliche Schelte, die das Oberste Gericht für seine New Deal-kritischen Urteile geerntet hatte, war zumindest an einem der gemäßigten Richter nicht spurlos vorübergegangen. Als er sich von seinen vier konservativen Kollegen abwandte, schlug das Pendel in Richtung einer großzügigen Interpretation der relevanten Verfassungsbestimmungen um. Insbesondere die weite Auslegung der commerce clause, zu der sich die Mehrheit nun durchrang, gab der Bun‐ desregierung weitgehend freie Hand bei der Regulierung der Wirtschaft. Damit trug der Supreme Court der Tatsache Rechnung, dass die amerikanische Wirtschaft endgültig zu einem nationalen Markt zusammengewachsen war und dass sich die föderale Balance zu Gunsten der Zentralgewalt verschoben hatte. Von nun an zeigte sich das Gericht auch eher geneigt, im Konfliktfall private Besitzansprüche dem öffentlichen Interesse unterzuordnen. Parallel zu diesem Rückzug aus dem Wirtschaftsleben baute die liberale Mehrheit unter Führung von Louis D. Brandeis und Felix Frankfurter den Schutz der im ersten Amendment garantierten Grundrechte aus und wandte sich verstärkt Rassen- und Minderheitenfragen zu. Die letzten bedeutenden New Deal-Gesetze passierten den Kongress im Jahr 1938: Ein neuer Agricultural Adjustment Act trat an die Stelle des 1936 vom Supreme Court aufgehobenen ersten AAA, und der Fair Labor Standards Act verbot endlich die Kinderarbeit und führte bundesstaatliche Mindestlöhne und Höchstarbeitszeiten ein. Mit den Zwischenwahlen von 1938, die den Republikanern ebenso Gewinne brachten wie der konservativen Opposition innerhalb der Demokratischen Partei - Roosevelt war es nicht gelungen, sie im Vorfeld auszumanövrieren -, ging das epochale Reformwerk zu Ende. Die Depression war zwar noch keineswegs überwunden, aber die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde jetzt immer stärker vom außenpolitischen Geschehen absorbiert. Die anfangs fast euphorische Bewertung des New Deal durch die Historiker ist seit dem Erscheinen von William Leuchtenburgs FDR and the New Deal im Jahr 1963 immer nüchterner geworden. Der statistisch messbare Erfolg der Reformen war in der Tat Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 264 <?page no="265"?> begrenzt: Ohne den Rüstungsboom des Zweiten Weltkrieges hätte es wohl noch eine ganze Weile gedauert, bevor die angestrebte durchschlagende Produktionssteigerung erreicht worden wäre, von der Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit und eine gerech‐ tere Einkommensverteilung abhingen. Signifikante strukturelle Veränderungen der amerikanischen Wirtschaft blieben ebenso aus wie die von Teilen der Arbeiterbewe‐ gung geforderte „Wirtschaftsdemokratie“. Es trifft auch zu, dass die Bilanz des New Deal für Frauen und Minderheiten eher mager ausfiel. Der Aufstieg von immer mehr Frauen in höhere Regierungs- und Verwaltungspositionen spiegelte sich noch nicht in einer gezielten Verbesserung der Lage weiblicher Arbeitskräfte wider. Ein Viertel der NIRA-Codes sah z. B. bei gleicher Arbeit niedrigere Mindestlöhne für Frauen als für Männer vor, und selbst die fortschrittlichste Arbeitsbeschaffungsorganisation, WPA, beschäftigte nur 14 Prozent Frauen, obwohl deren Anteil an den Erwerbstä‐ tigen schon 23 Prozent ausmachte. Fortschritte in der Rassenintegration und der politischen Gleichberechtigung der Afroamerikaner ließen sich gegen den Widerstand der Südstaaten-Abgeordneten nicht durchsetzen: Roosevelt wagte es nicht einmal, ein Anti-Lynch-Gesetz in den Kongress einzubringen. Dafür profitierten die Schwarzen - insbesondere in den Städten - überproportional von den Hilfsprogrammen für arme Amerikaner, was dazu führte, dass sie ihre parteipolitische Loyalität mehrheitlich von der Partei Lincolns auf die Demokraten übertrugen. Je schwächer eine Gruppe organisiert war, desto geringere Aussicht hatte sie, von den New Deal-Programmen zu profitieren. Die Native Americans, die der Kongress mit dem Snyder Act 1924 zu amerikanischen Staatsbürgern gemacht hatte, fanden immerhin energische Fürspre‐ cher im Leiter des Bureau of Indian Affairs, John Collier, und in Innenminister Ickes. Der Indian Reorganization Act von 1934 beendete die Politik der Landaufteilung und der zwangsweisen Assimilierung und förderte stattdessen die Selbstverwaltung in den Reservaten durch Stammesräte und Stammesverfassungen. Den Indianern sollte geholfen werden, ihre Sprachen, Religionen und kulturellen Traditionen zu erhalten und zu pflegen. Das war zweifellos ein sinnvoller Kurswechsel, doch die wirtschaftliche Notlage in den Reservaten konnte durch solche Änderungen nur marginal gelindert werden. Überhaupt keine „Lobby“ besaßen die Hispanic Americans im Westen, die von den New Deal-Maßnahmen oft explizit ausgeschlossen wurden und sogar die Deportation riskierten, wenn sie um Unterstützung nachsuchten. Aus historischer Perspektive und vor dem Hintergrund der gleichzeitigen Ereignisse im Rest der Welt gesehen, fällt die Gesamtbewertung des New Deal aber dennoch positiv aus. Die Roosevelt-Administration beabsichtigte keine grundlegende, revolu‐ tionäre Umwälzung der amerikanischen Gesellschaft, und sie befand sich damit offenbar im Einklang mit der großen Mehrheit der Amerikaner. Zeitgenössische soziologische Untersuchungen lassen erkennen, dass das liberale Koordinatensystem von Individualismus, Eigeninitiative, Konkurrenz und Mobilität trotz der Depression weitgehend erhalten blieb. Es wurde auch ganz bewusst von der Unterhaltungsindust‐ rie Hollywoods bestärkt, die sich 1934 eine Selbstzensur gegen die offene Darstellung von Sex, Gewalt und Unmoral verordnete und deren Produzenten bemüht waren, 2 Die Vereinigten Staaten in der Krise des demokratisch-kapitalistischen Systems 265 <?page no="266"?> selbst realistische Gegenwartsschilderungen mit einem optimistischen happy end zu versehen. Die Mehrzahl der Bürger hielt offensichtlich am American Dream fest und gab die Hoffnung nicht auf, dass sich wirtschaftliche Leistungskraft und Fortschritt mit einem hohen Maß an individueller Freiheit, demokratischer Mitbestimmung und föderaler Selbstverwaltung vereinbaren ließen. Die Verfassung bildete immer noch eine Schranke gegen den allmächtigen Zentralstaat, und die Aversion gegenüber einem bürokratischen Wohlfahrtssystem mit hohen Steuerlasten reichte bis weit in die Mittelschicht hinein. Der New Deal verband die unterschiedlichen Traditionslinien des Hamilton’schen und des Jefferson’schen Staatsdenkens, was notgedrungen zu Ambivalenzen und Widersprüchen führte. So wurde keine umfassende zentrale Lenkung versucht, sondern die Planungen blieben bruchstückhaft und auf einzelne Sektoren bezogen. Die Entwicklung einer leistungsfähigen Bürokratie musste unter einem antibürokra‐ tisch-republikanischen Banner vorangetrieben werden. Entscheidend war aber, dass der New Deal den Amerikanern das Gefühl nahm, einem schicksalhaften Verhängnis hilflos ausgeliefert zu sein, und dass er ihnen eine überzeugende demokratische Alternative zu allen autoritären und totalitären Versuchungen bot. Im praktischen Handeln und im Denken der Menschen setzte sich die neuartige Vorstellung durch, dass die Bundesregierung im Interesse der Wohlfahrt aller Bürger das Recht haben musste, helfend, regulierend und kontrollierend in die Wirtschaftsabläufe einzugreifen. Damit einher ging die Anerkennung einer hervorgehobenen Stellung des Präsidenten und der bundesstaatlichen Exekutive insgesamt nicht nur in der Außenpolitik, sondern jetzt auch in Fragen der Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Dennoch entstand kein nationalstaatlicher Leviathan, der die Handlungsspielräume der Individuen und der föderalen Einheiten übermäßig einengte. Vielmehr übte die Bundesregierung in der Praxis die Funktion eines Maklers aus, der zwischen einer immer größeren Zahl von konkurrierenden Interessengruppen vermitteln musste. Ihre Hauptaufgabe fand sie darin, die Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum zu schaffen, einen geregel‐ ten pluralistischen Wettbewerb zu gewährleisten und gewisse Mindeststandards der sozialen Sicherheit zu garantieren. Der maßvolle, improvisierte und experimentelle Interventionismus des New Deal gefährdete zu keiner Zeit das demokratische politische System, sondern sicherte vielmehr sein Überleben. 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten Isolationismus und Neutralität, 1933 - 1938 In den Jahren 1933 bis 1938, in denen sich die Roosevelt-Administration voll und ganz auf die Überwindung der Depression konzentrierte, erreichte die isolationistische Strömung in den USA ihren Höhepunkt. Die Masse der Bevölkerung einschließlich Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 266 <?page no="267"?> der Politiker gab sich so sehr der Friedenssehnsucht und Kriegsfurcht hin, dass sie die Warn- und Alarmsignale aus Europa und Asien nicht wahrnahm oder bewusst die Augen vor ihnen verschloss. Je aggressiver die Diktatoren und Expansionisten in aller Welt auftrumpften und je stärker der Status quo von 1919 unter Druck geriet, desto entschlossener zeigte sich der Kongress, eine Verwicklung der USA in Konflikte und Kriege zu vermeiden. Während Hitler den Versailler Vertrag durch Rheinlandeinmarsch und Wiederaufrüstung praktisch beseitigte, während Mussolini Abessinien eroberte und während beide Diktatoren zusammen auf der Seite Francos in den Spanischen Bürgerkrieg eingriffen, beschäftigte sich von 1934 bis 1936 ein Untersuchungsausschuss des Kongresses unter dem Vorsitz des Senators von North Dakota, Gerald P. Nye, mit der Rolle der amerikanischen Rüstungskonzerne im Ersten Weltkrieg. Der Abschlussbericht kam zu dem Ergebnis, die Munitionsfabrikanten hätten die Beteiligung der USA am Krieg befürwortet, um große Profite machen zu können. Er implizierte sogar, dass die Rüstungsindustrie aktiv auf einen Kriegseintritt an der Seite der Westmächte hingearbeitet hätte. Diese Anklagen lösten eine heftige öffentliche Kampagne gegen die merchants of death und den mistake of 1917 aus, an der sich kirchliche Organisationen, viele Intellektuelle und große Teile der akademi‐ schen Jugend beteiligten. Eine Gegentendenz machte sich erstmals 1936 bemerkbar, als Amerikaner in den Lincoln-Brigaden freiwillig am Kampf gegen die Faschisten in Spanien teilnahmen und als Schriftsteller wie Ernest Hemingway (For Whom the Bell Tolls; Wem die Stunde schlägt) unter dem Eindruck des Bürgerkriegs vom bedingungslosen Pazifismus abrückten. Bei einer Umfrage des Gallup-Instituts, ob die amerikanische Politik darauf abzielen solle, Kriege zu verhindern oder die USA aus jedem Krieg herauszuhalten, entschieden sich im März 1937 aber noch 94 Prozent der Angesprochenen für die zweite Alternative. Das entsprach der Haltung vieler Franzosen und Engländer, die um diese Zeit auf ein appeasement Hitlers setzten und ihren Willen bekundeten, unter keinen Umständen „für Danzig sterben“ oder „für König und Vaterland kämpfen“ zu wollen. Die Bundesregierung und der Präsident taten zunächst wenig, um dieser Massen‐ stimmung entgegenzuwirken. Die Proteste gegen deutsche Vertragsverletzungen und gegen die Judenboykotte und Rassengesetze der Nationalsozialisten fielen schwach aus, und die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und dem Deutschen Reich liefen relativ ungestört, wenn auch auf niedrigem Niveau weiter. Aus dem Spanischen Bürgerkrieg hielten sich die USA - ebenso wie Frankreich und Großbritannien - offiziell heraus, und im Abessinien-Konflikt wirkten sie darauf hin, dass die gegen Italien verhängten Völkerbundssanktionen keinen Stopp der Erdöllieferungen beinhal‐ teten. Der 1933 umgesetzte Entschluss, die Sowjetunion diplomatisch anzuerkennen, entsprang noch nicht strategischen Überlegungen, sondern dem Wunsch, korrekte Beziehungen zu allen Staaten zu unterhalten und durch Agrarexporte die Wirtschafts‐ krise zu mildern. Die Administration richtete sich offenbar, wenn sie überhaupt eine klare außenpolitische Linie verfolgte, darauf ein, die heraufziehenden Stürme in Europa und Asien aus der sicheren Distanz der westlichen Hemisphäre zu beobachten 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 267 <?page no="268"?> und durchzustehen. Dafür sprach das geringe Interesse an einer Stabilisierung des Weltwährungssystems ebenso wie die Politik der „guten Nachbarschaft“ gegenüber den lateinamerikanischen Staaten, die als Rohstofflieferanten ganz besonders hart von der Wirtschaftskrise getroffen worden waren. Symbolische Akte waren 1933 die Absage Außenminister Cordell Hulls an jegliche Form von Intervention und 1934 die Aufhebung des Platt Amendment, das seit Beginn des Jahrhunderts die Souveränität Kubas eingeschränkt hatte. 1934 versprach der Kongress außerdem mit Billigung der Regierung den Philippinen die Unabhängigkeit innerhalb des nächsten Jahrzehnts. Hier deutete sich also vor dem Hintergrund der japanischen Expansion auf dem chinesischen Festland ein baldiger politischer und militärischer Rückzug der USA aus Asien an. Immerhin wurde die Flottenrüstung verstärkt und ein Bauprogramm für Flugzeugträger aufgelegt, um die eigenen Küsten und die strategischen Seeverbindun‐ gen besser schützen zu können. Alle diese Initiativen müssen vor dem Hintergrund der Depression gesehen werden, die zu einer immer engeren Verzahnung von Innen- und Außenpolitik beitrug. Ab 1935 schien die außenpolitische Initiative vollends auf den Kongress überzuge‐ hen, der die Stimmung der Bevölkerung reflektierte und in dem die Isolationisten, die hauptsächlich aus dem Mittleren Westen kamen, den Ton angaben. Bis 1937 wurden vier Neutralitätsgesetze verabschiedet, die das Risiko einer kriegerischen Verwicklung verringern sollten, indem sie die Handlungsfähigkeit der Exekutive zunehmend ein‐ schränkten. Das erste Gesetz untersagte Waffen- und Munitionslieferungen an alle Kriegführenden - ganz gleich ob Aggressor oder Opfer -, sobald der Präsident die Fest‐ stellung traf, dass ein Kriegszustand herrsche. 1936 verbot der Kongress auch Kredite an Krieg führende Länder und dehnte das Waffenembargo auf Fälle von Bürgerkrieg aus. Der Neutrality Act von 1937 schließlich bestimmte, dass Amerikaner die Schiffe kriegführender Staaten meiden mussten und dass der Präsident nicht-militärische Güter an Kriegführende nur auf einer Cash and Carry-Basis verkaufen durfte (d. h. sie mussten bar bezahlt und mit eigenen Schiffen in den USA abgeholt werden). Roosevelt versuchte nicht, diese Maßnahmen durch sein Veto zu stoppen, und stimmte einigen sogar ausdrücklich zu. Als japanische Truppen im Sommer 1937 nach Peking und Schanghai vorstießen, wendete er die Neutralitätsgesetze allerdings nicht an, so dass die Waffenlieferungen an China (und zum kleineren Teil auch an Japan) weitergehen konnten. Im Oktober 1937 forderte er vor Zuhörern in Chicago sogar, alle Staaten unter „Quarantäne“ zu stellen, die für das Klima der internationalen Anarchie und Instabilität verantwortlich seien. Da die öffentliche Reaktion auf diese „Quarantäne-Rede“ jedoch überwiegend negativ ausfiel, hielt sich der Präsident in der Folgezeit wieder zurück. Der Weg in den Krieg, 1938 - 1941 Für Roosevelt wie für die meisten demokratischen Politiker in Europa markierten die Sudetenkrise vom Herbst 1938, die Judenpogrome im November 1938 und der deutsche Einmarsch in Prag im März 1939 den psychologischen Wendepunkt. Während Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 268 <?page no="269"?> der Präsident Ende 1938 dem englischen Premierminister Neville Chamberlain noch zum Erfolg seiner appeasement-Bemühungen gratuliert hatte, erklärte er nach der Besetzung der Tschechoslowakei vor dem Kongress, „gottesfürchtige Demokratien“ könnten der „internationalen Gesetzlosigkeit“ gegenüber nicht indifferent bleiben. Der Stimmungswandel in der amerikanischen Bevölkerung vollzog sich aber wesentlich langsamer und mit ähnlich aufwühlenden Begleitumständen wie derjenige von 1914 bis 1917. Die politischen Parteien und die Öffentlichkeit spalteten sich zunächst in Isolationisten, die entweder für einen Rückzug in die unangreifbare „Festung Amerika“ plädierten oder am Pazifismus festhielten, und in Internationalisten, die das Sicher‐ heitsinteresse der USA global verstanden und eine Unterstützung der Demokratien gegen die totalitäre Bedrohung forderten. Die isolationistische America First-Bewegung konnte prominente Senatoren und Abgeordnete, einflussreiche Geschäftsleute wie den Direktor von Sears Roebuck, Robert E. Wood, Gewerkschaftsführer wie CIO-Chef Lewis und den populären Ozeanflieger Charles Lindbergh ins Feld führen. Selbst im September 1939, nach dem deutschen Überfall auf Polen, lehnten es laut einer Gallup-Umfrage noch 84 Prozent der Amerikaner ab, die amerikanische Flotte oder die Armee (die ohnehin kaum größer war als die bulgarische) gegen das Deutsche Reich einzusetzen. Die Fixierung auf eine falsch verstandene Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges hatte eine zumindest partielle Realitätsblindheit der amerikanischen Bevölkerung gezeitigt. Anders als Wilson, der sich lange um eine echte Neutralität bemüht hatte, steuerte Roosevelt die USA ab Ende 1939 entschlossen und stetig in Richtung Krieg. Mit Rücksicht auf die isolationistische Grundstimmung und die Mehrheitsverhältnisse im Kongress musste er dabei allerdings äußerst vorsichtig und gelegentlich auch verdeckt und geheim vorgehen. Sein Hauptziel bestand darin, einen Sieg Hitlers in Europa zu verhindern, weil er erkannte, dass es nach einer Unterwerfung Englands und Frankreichs für die auf sich gestellten Vereinigten Staaten keine dauerhafte Sicherheit geben konnte. Sollte die britische Flotte Hitler in die Hände fallen, dann waren die vitalen Interessen der USA gefährdet. Hinzu kam, dass die Autarkiepolitik des Nationalsozialismus dem traditionellen Verlangen der USA nach einem offenen, ungeteilten Weltmarkt diametral entgegenlief und dass die NS-Ideologie mit den amerikanischen Vorstellungen von Selbstbestimmung und Völkerrecht unvereinbar war. In einer Welt autarker Machtblöcke musste die amerikanische Demokratie im Verständnis Roosevelts und der Internationalisten zwangsläufig zugrunde gehen. Das war eine sehr weite, geographisch fast unbegrenzte Auslegung des Begriffs „nationale Sicherheit“, doch sie entsprach den Realitäten einer durch die moderne Technik „schrumpfenden“, wirtschaftlich und politisch zunehmend interdependenten Welt. Zunächst festigte die Roosevelt-Administration den Zusammenhalt der westlichen Hemisphäre durch ein Arrangement mit Mexiko, dessen Präsident 1938 zur Erbitterung vieler Amerikaner die ausländischen Erdölgesellschaften verstaatlicht hatte. Die „Er‐ klärung von Panama“ sah dann 1939 die Einrichtung einer „Sicherheitszone“ um Nord- und Südamerika vor, die gemeinsam gegen jeden Angriff von außen verteidigt werden 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 269 <?page no="270"?> sollte. In Washington nahm man die deutschen Lateinamerika-Ambitionen, wie schon im Ersten Weltkrieg, sehr ernst, und auch diesmal half der englische Geheimdienst kräftig nach, um solche Befürchtungen zu schüren. Noch vor Ablauf des Jahres 1939 wurde die Neutralitätsgesetzgebung erstmals gelockert: Von nun an durften zumindest kurzfristige Kredite an Kriegführende vergeben sowie Waffen und Kriegsmaterial auf Cash and Carry-Basis geliefert werden. 1940 stellte der Kongress 4 Milliarden Dollar für die Aufrüstung bereit, und nach der Niederlage Frankreichs vollzog Roosevelt den Übergang von der Neutralität zur „Nichtkriegführung“ (nonbelligerency) unter dem Schlagwort „all aid short of war“. Nun bemühte sich der Präsident auch um eine überparteiliche Basis für seine Außenpolitik, indem er die Republikaner Stimson und Knox als Kriegs- und Marineminister in das Kabinett nahm. Auf einen dringenden Hilferuf des englischen Premierministers Winston Churchill hin, dessen Land unter dem deutschen U-Boot-Krieg und Luftangriffen zusammenzubrechen drohte, schlossen die USA und Großbritannien im September 1940 das destroyer-for-bases-Geschäft ab: Im Gegenzug für die Lieferung von 50 amerikanischen Zerstörern aus dem Ersten Weltkrieg traten die Briten sechs Flottenstützpunkte in der Karibik und in Kanada - das dem Deutschen Reich am 9. September 1939 den Krieg erklärt hatte - an die USA ab. Mit diesem aus amerikanischer Perspektive vorteilhaften Tausch konnte der Widerstand der Isolationisten gegen eine Unterstützung Großbritanniens geschickt umgangen werden. Kurz zuvor hatten sich die Regierungen in Washington und Ottawa im Ogdensburg-Abkommen auf die Errichtung einer Kette von amerikanisch-kanadi‐ schen Luftstützpunkten und Funkstationen bis in den hohen Norden des Kontinents geeinigt. Noch 1940 wurde auch der Bau des Alaska-Highway entlang der Pazifikküste durch British Columbia und das Yukon Territory in Angriff genommen, der eine Abwehr möglicher japanischer Angriffe erleichtern sollte. Das Hyde-Park-Abkommen, das Roosevelt im April 1941 mit dem kanadischen Ministerpräsidenten William L. Mackenzie King schloss, weitete die militärische Zusammenarbeit zwischen den USA und Kanada auf die Wirtschaft aus und linderte die Devisennöte des Dominion durch amerikanische Waffenkäufe in Kanada und gemeinsame Produktionsprogramme. Da‐ mit waren innerhalb kurzer Zeit wichtige Schritte zum Abbau des Misstrauens erfolgt, das die Kanadier, die sich unter Kings Führung auf dem Weg zur Eigenstaatlichkeit befanden, dem mächtigen Nachbarn im Süden stets entgegengebracht hatten. Angesichts der militärischen Erfolge der Achsenmächte in Europa und der Japaner im Fernen Osten führte der Kongress im September 1940 erstmals in Friedenszeiten die Wehrpflicht ein. Die Aktivitäten und Bündnisse dieser Staaten wurden nun auch in der Öffentlichkeit zunehmend als Bedrohung der USA empfunden. Im Wahlkampf, den Roosevelt gegen den internationalistisch eingestellten Republikaner Wendell Willkie bestritt (FDRs dritte Kandidatur war ebenfalls ein Novum in der US-Geschichte), versprach er den Wählern aber noch, er werde ihre Söhne „nicht in irgendeinen fremden Krieg“ schicken. Nach der unangefochtenen Wiederwahl forderte Roosevelt dann eine industrielle Mobilisierung, um die USA zum „Arsenal der Demokratie“ zu machen. In der Jahresbotschaft an den Kongress vom 6. Januar 1941 verkündete er als Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 270 <?page no="271"?> ideologische Fixpunkte die „Vier Freiheiten“: Meinungs- und Redefreiheit, Religions‐ freiheit, Freiheit von Not und Freiheit von Angst. Die endgültige Abkehr von der Cash and Carry-Regelung und eine Art „wirtschaftliche Kriegserklärung“ an das NS-Regime bedeutete der Lend-Lease Act vom März 1941. Er autorisierte den Präsidenten, Kriegs‐ material an andere Staaten zu verkaufen, zu verleihen oder zu verpachten. Das betraf zunächst vor allem Großbritannien, wurde nach dem deutschen Angriff im Osten aber auch auf die Sowjetunion ausgeweitet. Ebenfalls im März verkündete Roosevelt den „unbegrenzten nationalen Notstand“, und einige Monate später gab er grünes Licht für ein streng geheimes amerikanisch-britisches Atomwaffenprogramm, das Manhattan Project. Im Atlantik dehnten die USA ihre „Sicherheitszone“, die nun auch Grönland und Island einschloss, immer weiter aus und leisteten der britischen Flotte Hilfe gegen deutsche U-Boote. Mit dem Treffen von Roosevelt und Churchill vor Neufundland im August 1941 begann eine enge Kooperation und persönliche Freundschaft, die allen Belastungen der Kriegsjahre standhielt. Die beiden Staatsmänner verpflichteten sich in der Atlantik-Charta, dass ihre Länder gemeinsam für kollektive Sicherheit, Abrüstung, Selbstbestimmung, internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Freiheit der Meere eintreten würden. Im Unterschied zu Roosevelt wollte Churchill das Selbstbestimmungsrecht allerdings nur den von den Achsenmächten besiegten Europäern, nicht den kolonisierten Völkern Asiens und Afrikas zugestehen. Mit dem Schießbefehl auf deutsche U-Boote und dem Konvoischutz für bewaffnete Frachtschiffe bis in englische Häfen nahm Roosevelt im Herbst 1941 die Gefahr kriegerischer Verwicklungen bewusst in Kauf. Inzwischen billigten zwei Drittel der Amerikaner die Unterstützung Großbritanniens, aber eine Kriegserklärung an Deutschland lehnten immer noch 75 Prozent ab. Hitler selbst betrachtete die USA zu dieser Zeit schon als den gefährlichsten „Endgegner“ im Kampf um die Weltherrschaft, aber er wollte sich durch Roosevelt nicht zum Krieg provozieren lassen. Die Entscheidung über den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg fiel deshalb nicht, wie von Roosevelt erwartet, im Atlantik, sondern im Pazifik. Als die Japaner im Sommer 1940 nach der Niederlage Frankreichs Indochina eroberten und auf die Philippinen und Niederländisch-Ostindien (Indonesien) Druck auszuüben begannen, zeichnete sich ihre Greater East-Asia Co-Prosperity Sphere bereits in Umrissen ab. Durch den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion im April 1941 hielt sich die Regierung in Tokio zudem den Rücken für weitere Eroberungszüge frei. Die USA und Großbritannien beantworteten das japanische Vordringen in China und den Gebieten des „pazifischen Randes“ (Pacific rim) mit Wirtschaftssanktionen, die allmählich verschärft wurden und nach der Einbeziehung von Erdöl einem völligen Boykott gleichkamen. In den Verhandlungen mit dem japanischen Botschafter, die im Frühjahr 1941 in Washington begannen, beharrte Außenminister Cordell Hull auf einem vollständigen Rückzug der Japaner aus China. Die Regierung Tojo, die im Oktober 1941 an die Macht kam, war aber allenfalls bereit, auf weitere Eroberungen zu verzichten, und auch das nur, wenn die USA und Großbritannien ihre Hilfe an China einstellten und das Ölembargo aufhoben. Als Hull dieses „letzte“ Angebot am 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 271 <?page no="272"?> 26. September 1941 ablehnte, entschieden sich die Japaner zum Präventivschlag gegen die USA. Auf diese Weise hofften sie, ein bis zwei Jahre Zeit zu gewinnen, um ihr Expansionsprogramm verwirklichen und einen unüberwindlichen Verteidigungsring um ihre Machtsphäre legen zu können. Bei dem Überraschungsangriff eines japani‐ schen Flugzeugträgerverbandes auf die Basis der US-Pazifikflotte in Pearl Harbor, Hawaii, am 7. Dezember 1941 wurden acht Schlachtschiffe, drei Kreuzer und drei Zerstörer versenkt oder schwer beschädigt sowie fast 200 Flugzeuge außer Gefecht gesetzt. Verschont blieben jedoch die drei Flugzeugträger, die sich auf See bzw. an der amerikanischen Westküste befanden. Die US-Verluste betrugen über 2400 Tote und ca. 1100 Verwundete, während die Japaner 29 Flugzeuge und drei Klein-U-Boote verloren. Gleichzeitig setzte die japanische Offensive gegen die Philippinen, Malaya, Thailand und Niederländisch-Ostindien ein. Diese schmachvolle Niederlage löste in den USA einen Schock aus, der die Stimmung über Nacht verwandelte und bis weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus weiterwirkte. Am 8. Dezember erklärte der Kongress auf Vorschlag Roosevelts Japan den Krieg. Die einzige Gegenstimme kam von der Abgeordneten Jeannette Rankin aus Montana, die bereits 1917 den Kriegseintritt der USA abgelehnt hatte (und die später zu den entschiedensten Gegnern des Vietnam-En‐ gagements gehören sollte). Im Einklang mit den Bestimmungen des Dreimächtepakts von 1940 erklärten Deutschland und Italien den USA am 11. Dezember den Krieg und enthoben Roosevelt damit der Notwendigkeit, seine Landsleute von der Notwendigkeit eines Zwei-Fronten-Krieges überzeugen zu müssen. Hitler zeigte sich erfreut, dass Japan in den Krieg eingetreten war, und sicherte Tokio zu, dass er keinen separaten Frieden mit den USA schließen werde. Aus amerikanischer Perspektive verbanden sich damit die militärischen Konflikte, die 1937 in Asien und 1938 / 39 in Europa begonnen hatten, zu einem einzigen Krieg mit wahrhaft globalen Dimensionen. Die Hauptstadt Washington rückte auch unmittelbar ins Zentrum des politischen Geschehens: Hier trafen sich ab dem 22. Dezember 1941 Roosevelt und Churchill zu ihrer ersten Kriegskonferenz („Arcadia“); und hier wurde Anfang Januar 1942 das Bündnis der 26 Staaten besiegelt, die gegen die Achsenmächte Krieg führten und die sich fortan „United Nations“ nannten. Das Pearl Harbor-Desaster erschütterte nicht nur die Zeitgenossen, sondern löste eine lang anhaltende wissenschaftliche Kontroverse aus. Der Vorwurf, Roosevelt und / oder Churchill seien über den japanischen Angriff informiert gewesen und hätten aus politischen Gründen keine rechtzeitigen Gegenmaßnahmen ergriffen, ist inzwischen mit aller nötigen Klarheit widerlegt worden. Zwar hatten amerikanische Kryptologen den diplomatischen Code der Japaner gebrochen und entzifferten spätestens ab Herbst 1940 unter dem Decknamen MAGIC alle wichtigen Telegramme, die zwischen der japanischen Botschaft in Washington und Tokio bzw. zwischen Berlin und Tokio hin- und hergingen. Um den Angriff auf Pearl Harbor vorhersehen zu können, hätten sie aber in der Lage sein müssen, die höheren japanischen Flottencodes zu lesen, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Fall war. Ein zentraler Nachrichtendienst, der die vielen Einzelinformationen aus diplomatischen und militärischen Kreisen sammelte Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 272 <?page no="273"?> und systematisch auswertete, befand sich erst im Aufbau (Roosevelt hatte im Juli 1941 General William J. Donovan zum Coordinator of Information ernannt, aus dessen Büro im Sommer 1942 das Office of Strategic Services (OSS) hervorging, aber auch danach blieb die Geheimdienststruktur noch unübersichtlich). Zweifel sind jedoch angebracht, ob selbst ein viel besser organisierter Nachrichtendienst die Katastrophe hätte abwenden können. Der japanische Überfall war sorgfältig vorbereitet und wurde von raffinierten Täuschungsmanövern begleitet. Die verschiedenen Hinweise und „Signale“, die die Amerikaner empfingen, deuteten auf eine ganze Reihe von möglichen Angriffszielen hin, unter denen Pearl Harbor nur eines war. Alle Verantwortlichen gingen aber wie selbstverständlich davon aus, dass die Japaner gar nicht in der Lage seien, die Flottenbasis auf Hawaii über eine Distanz von fast 5000 Kilometer erfolgreich zu attackieren. Zu dieser Fehlperzeption trugen auch rassistische Vorurteile und nationale Überheblichkeit bei. Insofern resultierte Pearl Harbor aus einer generellen Unterschätzung der japanischen Fähigkeiten, die Roosevelt und die amerikanische Diplomatie dazu veranlasst hatte, ohne hinreichende militärische Vorbereitung auf einen Konfrontationskurs gegen Tokio zu gehen, der fast zwangsläufig zum Krieg führte. Diesen Fehler mussten Amerikaner und Briten in der Anfangsphase der Auseinandersetzung mit schweren Rückschlägen büßen. Der Krieg an der „Heimatfront“ Nach der heftigen innenpolitischen Debatte der späten 1930er Jahre wirkte der Krieg wieder solidarisierend, vermittelte ein „Wir-Gefühl“ und schweißte die Nation zusammen. Die Ersten, die den Zorn und die Erbitterung über Pearl Harbor zu spüren bekamen, waren die Amerikaner japanischer Abstammung an der Westküste der USA, wo sich hysterische Invasionsfurcht ausbreitete. Obwohl es keine Beweise für ein Zusammenspiel zwischen Tokio und dieser etwa 110.000 Personen umfassen‐ den ethnischen Gruppe gab, wurden alle ihre Führer umgehend verhaftet und die Bevölkerung auf der Grundlage einer Verordnung Roosevelts vom Februar 1942 in Lagern (relocation centers) im Landesinnern interniert. Da die Japaner jetzt offiziell als enemy race galten, unterschied man nicht zwischen Einwanderern der ersten Generation, die keine US-Staatsbürger werden konnten (Issei), und ihren in den USA geborenen Kindern, die automatisch die Staatsbürgerschaft erhalten hatten (Nisei). Die meisten mussten die gesamte Kriegszeit in Lagern verbringen und büßten ihren Besitz fast vollständig ein. Der Supreme Court bestätigte diese Massendeportation in mehreren Urteilen als verfassungskonform, obwohl eine Minderheit von Richtern sie kritisierte und sogar mit Hitlers Rassenpolitik verglich. (Erst in den 1980er Jahren korrigierte das Oberste Gericht diese Rechtsprechung, und der Kongress gestand ein, dass den Internierten durch „Rassenvorurteile, Kriegshysterie und Versagen der politischen Führung schweres Unrecht angetan“ worden sei.) Das Vorgehen gegen die Deutsch-Amerikaner und Italo-Amerikaner fiel weit weniger drastisch aus, aber auch diese Gruppen galten als Reservoir für potenzielle „Fünfte Kolonnen“ und 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 273 <?page no="274"?> wurden (der faschistische German-American Bund ebenso wie die Emigranten, die vor den Faschisten und Nationalsozialisten in die USA geflohen waren) durch J. Edgar Hoovers Federal Bureau of Investigation und die Foreign Nationalities Branch des OSS überwacht. Im Grunde bedurfte es jedoch - anders als im Ersten Weltkrieg - gar keiner starken Repression, da die überwältigende Mehrheit der Amerikaner nach Pearl Harbor den Krieg gegen die Achsenmächte und Japan befürwortete. Das Bündnis mit der Sowjetunion drängte für die Dauer des Krieges auch die Kommunismusfurcht in den Hintergrund, die den Kongress nach dem Hitler-Stalin-Pakt noch zu einem Gesetz veranlasst hatte (Smith Act), das die Deportation subversiver Ausländer und Haftstrafen für Befürworter eines gewaltsamen Umsturzes vorsah. Unter den gut 200.000 Deutschen, die sich in den USA vor dem Nationalsozialismus in Sicherheit bringen konnten, befanden sich viele prominente Intellektuelle, Wissen‐ schaftler und Künstler, deren Namen in aller Welt mit dem Begriff der „deutschen Kultur“ identifiziert wurden. Zu dieser geistigen Elite gehörten die Schriftsteller Tho‐ mas Mann und Carl Zuckmayer, der Dramatiker Bertolt Brecht, der Physik-Nobelpreis‐ träger Albert Einstein, die Sozialwissenschaftler Franz Neumann, Max Horkheimer, Theodor Adorno und Herbert Marcuse (die an der New Yorker New School for Social Research zusammenarbeiteten), der Psychologe Max Wertheimer, die Psychoanalytiker Erich Fromm und Erik H. Erikson sowie die Philosophen Hannah Arendt und Leo Strauss. Der Architekturstil des Bauhauses wurde durch Walter Gropius und Mies van der Rohe in die USA transplantiert, Theater und Film erhielten von Erwin Piscator, Ernst Lubitsch und Billy Wilder neue Impulse, und die amerikanische Musikszene wurde durch Komponisten und Dirigenten wie Arnold Schönberg, Kurt Weill, Bruno Walter und Otto Klemperer bereichert. Der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning, der seit 1939 Verwaltungswissenschaften an der Harvard University lehrte, war der bekannteste unter den emigrierten Politikern, die allen ideologischen Richtungen von der konservativen Rechten bis zu den Kommunisten angehörten. Die genannten Namen bildeten nur die Spitze eines großen Exodus, der Deutschland intellektuell verarmen ließ, während er dem amerikanischen Geistesleben bis weit über den Krieg hinaus zugutekam. Die meisten Flüchtlinge empfanden die USA als die Antithese zum europäischen Totalitarismus, und viele von ihnen waren bei Kriegsende bereits so gut in die Gesellschaft des Gastlandes integriert, dass eine Rückkehr in die alte Heimat für sie nicht mehr in Frage kam. In dem linksliberalen Klima des New Deal überwanden sogar viele Kommunisten und Sozialisten ihre Vorbehalte gegen die amerikanische Form der Demokratie oder stellten sie doch zumindest zurück. Zahlreiche deutsche Emigranten leisteten freiwillig Kriegsdienst, und einige, wie Franz Neumann, Herbert Marcuse und der Historiker Felix Gilbert, ließen sich für die Analyseabteilung des Geheimdienstes OSS rekrutieren. Der Zweite Weltkrieg bestätigte Tocquevilles Beobachtung aus dem frühen 19. Jahr‐ hundert, dass die Amerikaner als eine republikanische Nation lange zögern, bevor sie Krieg führen, dass sie dann aber umso entschlossener und leidenschaftlicher kämpfen. Die Vereinigten Staaten verfügten 1941 nicht nur über gewaltige menschliche und Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 274 <?page no="275"?> materielle Ressourcen, sondern sie konnten sie auch in relativ kurzer Zeit mobilisieren. In den 45 Monaten, die der Krieg für die USA dauerte, dienten über 16 Millionen Amerikaner in den Streitkräften, darunter eine Million Afroamerikaner (was in etwa ihrem Bevölkerungsanteil entsprach) und ca. 100.000 Frauen im Women’s Army Corps. Kriegsdienstverweigerung aus religiösen Gründen war möglich, doch wer - wie die Zeugen Jehovas - auch den zivilen Ersatzdienst ablehnte, konnte bestraft und inhaftiert werden. Die finanzielle Lend-Lease-Hilfe für die Alliierten betrug 50 Milliarden Dollar, davon 31 Milliarden allein an Großbritannien. 60 Prozent der Gesamtkriegskosten von ca. 370 Milliarden Dollar wurden durch den Verkauf von War Bonds und anderen Anleihen aufgebracht. Die Schulden des Bundes stiegen von 49 Milliarden Dollar 1941 auf 259 Milliarden 1945, wobei die Quote der Staatsverschuldung jedoch durch das starke Wachstum des Bruttosozialprodukts gering blieb. Ökonomisch brauchten die USA gar nicht an die Grenze der Belastbarkeit heranzugehen, da auf Grund der Depression noch viele ungenutzte Kapazitäten zur Verfügung standen. Die Kriegspro‐ duktion konnte deshalb gesteigert werden, ohne dass die Regierung den privaten Konsum nennenswert drosseln musste. Zu den Ausnahmen gehörte die Produktion von Automobilen, die für die Dauer des Krieges zu Gunsten von Lastwagen- und Panzerbau gestoppt wurde. Nach Aufhebung der Anbaubeschränkungen des New Deal gelang es auch der Landwirtschaft, die Erträge um ein Viertel zu steigern, obwohl die Farmbevölkerung im Laufe des Krieges um 6 Millionen auf 24,5 Millionen sank. Ab 1942 vollzog die Volkswirtschaft den Übergang von der leichten Erholung zum sich selbst tragenden Aufschwung mit Vollbeschäftigung und steigenden Löhnen und Preisen. AFL- und CIO-Gewerkschaften verzeichneten von 1941 bis 1946 zusammen noch einmal einen Mitgliederzuwachs von mehr als 4 Millionen auf etwa 13 Millionen. Insgesamt waren am Ende des Krieges ca. 15 Millionen Erwerbstätige gewerkschaft‐ lich organisiert, und kurz danach erreichte der Organisationsgrad mit 37 Prozent seinen historischen Höchststand. Die Inflation, die das Office of Price Administration durch Preiskontrollen und Rationierungen nur unvollkommen bekämpfen konnte, löste 1943 eine Streikwelle, vor allem im Kohlebergbau aus. Durch die Vermittlung des National War Labor Board und die Befugnis des Präsidenten, ein bestreiktes Unternehmen im Interesse der nationalen Sicherheit unter Regierungsaufsicht zu stellen, lagen die Streikverluste jedoch insgesamt um die Hälfte niedriger als in den 1930er Jahren. Während sich die Unternehmensgewinne verdoppelten, erhöhte sich das Realeinkommen der Arbeitnehmer um ca. 50 Prozent. Da nun häufig mehrere Familienmitglieder verdienten, stiegen die Einkommen der Privathaushalte zwischen 1940 und 1945 im Schnitt sogar um 135 Prozent an. Bis zu einem gewissen Grade sorgte der Krieg also für die gerechtere Einkommensverteilung, die Roosevelt mit dem New Deal angestrebt hatte: 1944 verfügten die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung über 15,8 Prozent des gesamten Familieneinkommens (gegenüber 13,3 Prozent 1935 / 36), die wohlhabendsten 20 Prozent der Amerikaner dagegen „nur“ noch über 45,8 Prozent (gegenüber 51,7 Prozent 1935 / 36). 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 275 <?page no="276"?> Die interventionistische, unternehmerkritische Politik des „zweiten“ New Deal machte im Krieg einem „korporativen Liberalismus“ Platz, bei dem sich die Bundesre‐ gierung auf eine indirekte Kontrolle und Lenkung der Wirtschaft mit keynesianischen Methoden beschränkte. Wie im Ersten Weltkrieg versuchte die Administration, Un‐ ternehmer und Gewerkschaften möglichst gleichberechtigt in die Mobilisierungsanst‐ rengungen einzuspannen. Die zentrale Koordinierung übernahm der War Production Board (WPB), in dem Repräsentanten der wichtigsten Ministerien mit Militärs, Un‐ ternehmern und Gewerkschaftsführern zusammenarbeiteten. In Schlüsselpositionen rückten Manager aus der Privatwirtschaft ein, die der Regierung für ein symbolisches Gehalt als Dollar-a-year-men dienten. Als besonders folgenreich erwies es sich, dass die Streitkräfte ermächtigt wurden, Rüstungsaufträge direkt an Unternehmen zu vergeben. Bis September 1944 gingen auf diese Weise government contracts in Höhe von insgesamt 175 Milliarden Dollar an die Wirtschaft, wobei große Konzerne wie General Motors und General Electric, die als leistungsfähig und zuverlässig galten, besonders günstig abschnitten. Hier begann eine Symbiose, die Präsident Eisenhower 1960, am Ende seiner Amtszeit, als „militärisch-industriellen Komplex“ charakterisierte. Einen regelrechten „Kriegs-Boom“ erlebte auch die Hauptstadt Washington, die erst seit Mitte der 1920er Jahre nach den ursprünglichen Plänen von Pierre L’Enfant zu einem wirklichen nationalen Zentrum ausgebaut wurde. Sie profitierte nicht nur vom Wachstum der Verwaltung und der Präsenz der Militärbürokratie, sondern zog auch Produktionsbetriebe, Firmenhauptquartiere und Lobbyisten jeder Couleur an. Die Mobilisierung der Arbeitskräfte verlief reibungsloser und effizienter als etwa in Deutschland, wo sich ideologische Vorbehalte, speziell Hitlers Aversion gegen die Frauenarbeit, störend auswirkten. Im Unterschied zum Deutschen Reich, das 1939 bereits Vollbeschäftigung verzeichnete, konnten noch mehrere Millionen arbeitsloser Amerikaner durch die War Manpower Commission in die Kriegsproduktion eingeglie‐ dert werden. Die großen Städte des Nordens und des Westens - Kalifornien begann jetzt seinen rasanten Aufstieg als bevorzugter Industrie- und Technologiestandort - erlebten von neuem einen starken Bevölkerungszustrom aus dem Süden und aus den ländlichen Gebieten. Afroamerikaner waren mit ca. zwei Millionen an dieser phänomenalen Binnenwanderung von 7 Millionen Menschen beteiligt. Zusätzlich verstärkten 6 Milli‐ onen weibliche Arbeitskräfte die industrielle work force, darunter erstmals im höheren Maße auch verheiratete Frauen, die sich durch gezielte Propagandakampagnen und gute Verdienstmöglichkeiten zu dieser Entscheidung bewegen ließen. Die Zahl der berufstätigen Frauen nahm um 60 Prozent zu, und in einzelnen Rüstungsindustrien, etwa dem Flugzeugbau, waren überwiegend Frauen beschäftigt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass nach einigen Anlaufschwierigkei‐ ten die Industrieproduktion verdreifacht und Roosevelts optimistische Prognosen noch übertroffen werden konnten. Besonders spektakuläre Steigerungsraten gab es natür‐ lich in der Rüstungsindustrie, die beispielsweise zwei Drittel des alliierten Schiffsraums zur Verfügung stellte und die Versenkungen durch deutsche U-Boote damit mehr als wettmachte. 1943 bauten die USA bereits ca. 30.000 Panzer, und die Flugzeugfertigung Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 276 <?page no="277"?> schnellte von knapp 13.000 im Jahr 1940 über 48.000 1942 und 86.000 1943 auf fast 100.000 1944 empor. Man erhöhte aber nicht nur die Produktion, sondern stampfte auch ganz neue Industriezweige aus dem Boden, so etwa die Gummierzeugung durch Erdöl, nachdem Japan 90 Prozent der Anbaugebiete von Naturkautschuk unter seine Kontrolle gebracht hatte. Mit einem Anteil von etwa 45 Prozent an der Erzeugung aller Kriegsgüter wurden die USA tatsächlich zum größten „Waffenarsenal“ der Welt, das nicht nur die Demokratien mitversorgte, sondern auch der Sowjetunion und China aushalf. Am besten kommt die amerikanische Überlegenheit und Siegesgewissheit wohl darin zum Ausdruck, dass die Washingtoner Lenkungsgremien 1944, als sich die anderen Mächte verzweifelt um Produktionssteigerungen bemühten, bereits den „sanften“ Übergang auf die Friedenswirtschaft vorbereiteten. Außer den industriellen wurden auch die wissenschaftlichen Ressourcen der Nation voll ausgeschöpft. Große Forschungsaufträge gingen unter anderem an das Massa‐ chusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und das California Institute of Technology (Caltech) in Los Angeles. Wie in England erzeugte das Bemühen um die Entschlüsselung der gegnerischen Geheimcodes - an der Harvard University arbeiteten zu diesem Zweck Wissenschaftler mit Ingenieuren der International Business Machines Corporation (IBM) zusammen - eine Initialzündung für die Computertechnologie. Die bedeutendste, wenngleich fragwürdigste wissenschaftliche Errungenschaft war zweifellos die Atombombe, in deren Entwicklung die USA 2 Milliarden Dollar inves‐ tierten. Den Anstoß gaben politische Flüchtlinge aus Europa wie Albert Einstein und Enrico Fermi, die schon Ende der 1930er Jahre vor einer deutschen Atombombe warnten. 1939 berief Roosevelt daraufhin ein Advisory Committee on Uranium, und 1941 setzte er ein hochrangiges National Defense Research Committee ein, dem unter anderem Vizepräsident Wallace, Kriegsminister Stimson, der Vorsitzende der Verein‐ igten Stabschefs, General George C. Marshall, und der Präsident von Harvard, James B. Conant, angehörten. Nachdem Fermi Ende 1942 an der University of Chicago die Gewinnung von Plutonium durch eine kontrollierte Kettenreaktion gelungen war, wurde 1943 ein eigener, streng geheimer Militärbezirk, der Manhattan District, eingerichtet. Nun entschied Roosevelt, auch die Briten und Kanadier, nicht jedoch die Russen am Manhattan Project zu beteiligen (zur britischen Delegation gehörte jedoch der deutschstämmige Sowjetspion Klaus Fuchs, der auf diese Weise in das Geheimnis eingeweiht wurde). Unter der wissenschaftlichen Gesamtleitung J. Robert Oppenheimers von der University of California at Berkeley, der 1927 in Göttingen von Max Born promoviert worden war, trieb man in mehreren Zentren gleichzeitig die Forschung voran, hauptsächlich in Oak Ridge, Tennessee (Plutonium), Hanford, Washington (Atomenergie) und in Los Alamos bei Santa Fe, New Mexico, wo die Bombe zusammengebaut wurde. Am 16. Juli 1945 begann dann mit der ersten Detonation einer Atombombe in Alamogordo bei Albuquerque das „Atomzeitalter“. 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 277 <?page no="278"?> Politik und Kriegführung, 1942 - 1945 Die unerschöpflich scheinenden Kraftquellen der Nation im Rücken, konnte sich Roosevelt als Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Aufgabe widmen, die „Große Koalition“ mit Großbritannien, der Sowjetunion und China zu‐ sammenzuhalten und den Zweifrontenkrieg gegen Japan und Deutschland zu führen. Im Unterschied etwa zur straffen Organisation des britischen War Cabinet unter Churchill blieb der amerikanische Präsident seinem informellen und pragmatischen Regierungsstil treu. Dazu gehörte auch, dass er keine detaillierten politischen Zielvor‐ gaben entwickelte, sondern zunächst alles den militärischen Notwendigkeiten und dem Ziel eines raschen Sieges unterordnete. Rat holte er sich hauptsächlich von Harry Hopkins, der - ähnlich wie Colonel House im Ersten Weltkrieg - wichtige diplomatische Missionen in Europa erfüllte, sowie von Generalstabschef Marshall, Außenminister Hull, Kriegsminister Stimson, Finanzminister Morgenthau und dem Supreme Court-Richter Felix Frankfurter. Gelegentlich konnten aber auch andere Mit‐ glieder der rapide anschwellenden Administration wie Geheimdienstchef William J. Donovan oder der Leiter der Propagandaorganisation Office of War Information, Robert E. Sherwood, Roosevelts Urteil beeinflussen. Von allergrößter Bedeutung war das enge Vertrauensverhältnis zu Winston Churchill, da die wichtigsten Entscheidungen oft in interalliierten Gremien oder auf den verschiedenen Kriegskonferenzen getroffen wurden. Über geheime, abhörsichere Kanäle unterhielten Roosevelt und Churchill bis Kriegsende eine permanente Korrespondenz. Als zentrale militärische Schaltzentrale der USA fungierten ab Dezember 1941 die Joint Chiefs of Staff (JCS) unter Vorsitz von General Marshall. Etwas später richteten Amerikaner und Briten gemeinsam die Institution der Combined Chiefs of Staff (CCS) ein, die sowohl die militärischen als auch die nachrichtendienstlichen Aktivitäten der Westmächte koordinierte. JCS und CCS bildeten den Kern einer alliierten Militärbürokratie, die im Laufe der Zeit immer differenzierter und leistungsfähiger wurde. Das neben der Atombombe am besten gehütete Kriegsgeheimnis, die Fähigkeit amerikanischer und britischer Kryptologen zur Entschlüsselung vieler wichtiger japanischer und deutscher Funkcodes (MAGIC und ULTRA), blieb innerhalb der zivilen und militärischen Führung beider Länder einem ganz kleinen Personenkreis vorbehalten (und wurde der Öffentlichkeit in seiner vollen Tragweite erst Mitte der 1970er Jahre bekannt). Roosevelt ließ sich durch Pearl Harbor nicht von der Germany first-Strategie abbringen, die er mit Churchill vereinbart hatte. Während die Briten aber daran dachten, die „Festung Europa“ durch den Bombenkrieg und die Unterstützung der Widerstandsbewegungen in den besetzten Ländern langsam zu zermürben, sah General Marshalls Konzept schon für 1943 eine massive Landeoperation an der französischen Atlantikküste vor, um die Rote Armee zu unterstützen, die in Russland die Hauptlast des Kampfes gegen das Dritte Reich trug. Da Roosevelt jedoch aus politischen Gründen - 1942 war ein Wahljahr - eine frühe Aktion wünschte, entschied er sich im Juli 1942 für Churchills Vorschlag, den deutschen Machtbereich zunächst an der Peripherie, vom Mittelmeer her anzugreifen. Nach der erfolgreichen Landung in Nordafrika (Operation Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 278 <?page no="279"?> TORCH) im November 1942, bei der General Dwight D. Eisenhower den Oberbefehl führte, trafen sich Churchill und Roosevelt im Januar 1943 in Casablanca. Sie verstän‐ digten sich darauf, den Krieg bis zur „bedingungslosen Kapitulation“ (unconditional surrender) Deutschlands fortzuführen, und terminierten die Invasion in Frankreich auf das Jahr 1944. Angehörige von Feldmarschall Rommels „Afrikakorps“, die sich in Algerien, Libyen und Tunesien ergeben mussten, wurden als Erste von insgesamt fast 400.000 deutschen Kriegsgefangenen nach Amerika gebracht. In den 500 über die USA verstreuten Prisoner of War Camps ging es den meisten von ihnen recht gut; wer als zuverlässig und lernbereit galt, erhielt sogar Gelegenheit, sich - als Vorbereitung für die Zukunft daheim - in Schulungskursen mit demokratischen Ideen und Praktiken vertraut zu machen. Nach der Eroberung Siziliens im Sommer 1943 landeten britische und amerikanische Truppen auf dem italienischen Festland. Über Italien setzten die USA erstmals ein Jagdflieger-Geschwader ein, das ganz aus afroamerikanischen Piloten gebildet worden war. Obwohl Mussolini im September 1943 gestürzt wurde und Italien aus dem Krieg ausschied, verlor die alliierte Offensive bald an Schwung und brachte keine entscheidenden strategischen Vorteile. Von Italien und Nordafrika aus konnten die alliierten Geheimdienste aber die Tito-Partisanen in Jugoslawien unterstützen, die mehrere deutsche Divisionen banden. Geld und Waffen gelangten ebenso an die antideutschen Kräfte in Norditalien und Südfrankreich. Gegen Ende 1943 nahm das OSS in den neutralen Ländern Türkei und Schweiz auch Verbindung mit deutschen Widerstandskreisen um General Beck, Admiral Canaris und Carl Goerdeler auf. Eine praktische Zusammenarbeit scheiterte jedoch an der Weigerung der politischen Führung in Washington und London, von der Forderung nach unconditional surrender abzurücken. Dabei spielte die Sorge eine wichtige Rolle, westliche Kontakte mit der deutschen Opposition könnten das Bündnis mit der Sowjetunion gefährden. Das OSS, das in der Schweiz durch Allen W. Dulles vertreten war, beschränkte sich deshalb darauf, das anti-nationalsozialistische Potenzial im deutschen Bürgertum wie in der Arbeiterschaft zur Destabilisierung des Hitler-Regimes zu nutzen, ohne die amerikanische Regierung politisch zu binden. Trotz der Germany first-Strategie, die 60 Prozent des amerikanischen Militärpoten‐ zials für den Krieg gegen Hitler reservierte, vollzog sich der Umschwung im Pazifik schneller als auf dem europäischen Kriegsschauplatz. Zum Wendepunkt wurde die Seeschlacht bei den Midway-Inseln im Juni 1942, in der es den Amerikanern - nicht zuletzt auf Grund erfolgreicher Funkaufklärung - gelang, ohne nennenswerte eigene Verluste vier schwere japanische Flugzeugträger zu vernichten. Damit war die Offensivkraft der Japaner gebrochen, und die amerikanischen Streitkräfte konnten in einer Zangenbewegung - von Australien aus unter dem Oberbefehl von General Douglas MacArthur und durch den Nordpazifik unter dem Kommando von Admiral Chester W. Nimitz - zum Gegenangriff übergehen. Gleichzeitig leisteten die USA der Regierung Chiang Kai-schek in China, die sich ins südliche Chungking zurückgezogen hatte, personelle und materielle Hilfe im Kampf gegen die Japaner. Amerikanische 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 279 <?page no="280"?> Versuche, einen Ausgleich zwischen Chiang und den chinesischen Kommunisten her‐ beizuführen, die im Norden unter der Führung von Mao Tse-tung einen Guerrillakrieg gegen die japanischen Besatzer führten, blieben jedoch erfolglos. Die Konflikte über die Länder des „pazifischen Randes“ kündigten sich auf der Teheran-Konferenz im November 1943 an, bei der die „Großen Drei“ Stalin, Churchill und Roosevelt erstmals zusammentrafen. Für Indochina, wo Ho Chi Minh den Unabhängigkeitskampf gegen die Japaner organisierte, schlugen die USA eine UNO-Treuhandschaft vor, während die Briten die Rückgabe an Frankreich wünschten. In Bezug auf Korea einigte man sich erst später auf eine vorläufige Teilung entlang des 38. Breitengrades, wobei russische Truppen den Norden, amerikanische den Süden okkupieren sollten. Unterdessen setzten die Amerikaner ihr „Inselhüpfen“ im Pazifik fort und öffneten im Sommer 1944 mit erfolgreichen Seeschlachten den Weg für die Rückkehr MacArthurs auf die Philippinen. In Europa hatte Churchill nach der italienischen Kapitulation eine Offensive im Mit‐ telmeer und auf dem Balkan befürwortet, weil er in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg schwere Verluste beim direkten Angriff über den Kanal befürchtete. In Teheran fand jedoch Marshalls Invasionsplan Billigung, und die Alliierten sicherten sich gegenseitig zu, keinen Separatfrieden mit Deutschland zu schließen. Roosevelt nahm die Gefahr eines russischen Alleingangs sehr ernst, da die Sowjets die Westmächte durch die Gründung und Protektion des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ und des Bundes Deutscher Offiziere über ihre letzten Absichten im Unklaren ließen. Im OSS war man sich nicht einig, ob Moskau diese nach dem Sieg bei Stalingrad 1943 aus emigrierten deutschen Kommunisten und Kriegsgefangenen gebildeten Organisationen lediglich als Propagandawaffen zur psychologischen Kriegsführung benutzen wollte oder sie für politische Zwecke in Reserve hielt. Für eine baldige Errichtung der „zweiten Front“ in Frankreich versprach Stalin Roosevelt sowjetische Hilfe gegen Japan. Churchill konnte sich aber nicht ganz von seiner Idee eines Vormarsches durch den Balkan trennen: Ende 1944 landeten die Briten allein in Griechenland, wo sie rasch in einen Bürgerkrieg zwischen konservativen und linksgerichteten Kräften verwickelt wurden. Hier liegt der Ursprung der amerikanischen Intervention von 1947, die Roosevelts Nachfolger Truman rechtfertigen und verantworten musste. Die „Schlacht im Atlantik“, die sich alliierte Geleitzüge und deutsche U-Boote lieferten, erreichte 1943 ihren Höhepunkt. Bei dieser Auseinandersetzung profitierten Briten und Amerikaner von Fortschritten in der Radartechnik und von der Fähigkeit ihrer Kryptologen, den Funkverkehr zwischen der deutschen Marineführung und den U-Booten in den Operationsgebieten „mitzulesen“. Die Voraussetzungen für die Invasion in Frankreich - die volle Mobilisierung der USA und der Sieg über die U-Boote im Atlantik - waren um die Jahreswende 1943 / 44 erfüllt. Geleitet wurde das Mammutunternehmen (Operation OVERLORD) von General Dwight D. Eisenhower, den Roosevelt zum Oberbefehlshaber der Allied Expeditionary Forces (AEF) ernannt hatte. Die Landung in der Normandie am „D-Day“ (6. Juni 1944), an der 200.000 Soldaten mit einer Armada von 2700 Schiffen beteiligt waren, gelang auf Grund der See- und Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 280 <?page no="281"?> Luftüberlegenheit der Alliierten, vor allem aber mit Hilfe des Überraschungseffekts, der durch die Entzifferung des deutschen Funkverkehrs im Abhörzentrum Bletchley Park bei London sowie durch Täuschungsmanöver der alliierten Geheimdienste erreicht wurde. Mehr als eine Million Amerikaner kämpften danach zusammen mit Briten, Kanadiern und Franzosen an der Westfront. Zwar stellte Churchill dem Oberkomman‐ dierenden Eisenhower General Bernard Montgomery als gleichrangigen Heerführer zur Seite, aber in allen wichtigen strategischen Fragen, wie etwa einer weiteren Landung in Südfrankreich im August 1944 (Operation DRAGOON), setzten sich die Amerikaner auf Grund des ständig zunehmenden Gewichts ihrer materiellen Leistungen durch. Die alliierten Erfolge in Frankreich und Italien sowie der sowjetische Vormarsch im Osten zogen bis Ende 1944 den Ring um Deutschland immer enger zusammen. Mit massiven und z. T. verlustreichen Tagesangriffen trug die US Air Force zu der strategischen Bomberoffensive bei, die das deutsche Wirtschaftspotenzial schwächen und die Moral der Bevölkerung untergraben sollte. Die völlig unerwartete deutsche Ardennen-Offensive im Dezember 1944 (von den Amerikanern „Battle of the Bulge“ genannt) brachte dann aber noch einmal einen Rückschlag, der die USA zur Mobilisierung zusätzlicher Truppen zwang. Roosevelts dritte Bestätigung im Präsidentenamt im November 1944, diesmal gegen den republikanischen Gouverneur von New York, Thomas F. Dewey, war ein beispiel‐ loser Vorgang, der die ungebrochene Popularität „FDRs“ bewies. Im Kongress erzielten die Republikaner aber bereits seit den Zwischenwahlen von 1942 Fortschritte. Für sie standen der Führungsstil des Präsidenten und der „Kult“ um seine Person im Widerspruch zum traditionellen Verfassungssystem der USA. (Es dauerte allerdings bis 1951, bevor das 22. Amendment bestimmte, dass niemand öfter als zweimal zum Präsidenten gewählt werden durfte.) Aus innenpolitischen Gründen verlangte Roose‐ velt, dass der militärische Sieg über Deutschland und Japan mit den geringstmöglichen Verlusten an amerikanischen Menschenleben errungen werden musste. Andererseits widersetzte er sich entschieden allen Vorschlägen, die Forderung nach bedingungs‐ loser Kapitulation zu lockern. In der Endphase des Krieges wollte er unter allen Umständen verhindern, dass die Zusammenarbeit mit der künftigen zweitstärksten Macht der Erde, der Sowjetunion, in Gefahr geriet. Diesem Ziel ordnete er auch seine Deutschlandpolitik unter, die stets recht unbestimmt und sprunghaft blieb. So erwog er zunächst verschiedene Teilungsmodelle und stimmte im Oktober 1944 auf der 2. Konferenz von Quebec zusammen mit Churchill dem Plan seines Finanzministers Morgenthau zu, der zukünftige deutsche Aggressionen durch eine Internationalisie‐ rung des Ruhrgebiets, die Schließung der Kohlegruben und weitere Maßnahmen zur „Entindustrialisierung“ oder „Agrarisierung“ des Reiches verhindern wollte. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und dem Rat von Harry Hopkins folgend, schwenkte er wenig später aber wieder auf die gemäßigteren Vorstellungen des Außen- und Kriegsministeriums um. Höchste Priorität maß Roosevelt dagegen der Gründung einer neuen Weltorganisation zu, in deren Rahmen die Siegerkoalition der United Nations fortgesetzt werden und die Großmächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und China 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 281 <?page no="282"?> als regionale Ordnungshüter oder „Weltpolizisten“ agieren sollten. Für die Kooperation mit der Sowjetunion war der Präsident bereit, die Sicherheitsinteressen Moskaus zu respektieren und politische Zugeständnisse zu machen - in Europa zu Lasten Deutschlands und der osteuropäischen Länder, in Asien auf Kosten von Japan und China. Als Stalin im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta den Beitritt zur UNO, eine Kriegserklärung an Japan und freie Wahlen für Polen zusagte, glaubte der bereits schwer kranke Roosevelt, das erhoffte Arrangement mit der Sowjetunion gefunden zu haben. Deshalb setzte er sich über Warnungen von Diplomaten und Militärs hinweg, die eine wirkliche demokratische Neuordnung Polens - dessen „Westverschiebung“ die USA in Jalta billigten - zum Testfall für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen machen wollten. Aus demselben Grund lehnte er im März 1945, als die angelsächsischen Truppen den Rhein überquerten, einen „Wettlauf“ mit der Roten Armee nach Berlin ab, wie er den Briten vorschwebte. Die USA hielten sich strikt an die Vereinbarungen über eine Zoneneinteilung Deutschlands, die 1944 gemeinsam mit den Sowjets und Briten im Rahmen der European Advisory Commission in London getroffen worden waren. Amerikanische Verbände, die über die festgelegten Demarkationslinien bis nach Mitteldeutschland und Böhmen vorstießen, wurden bei Kriegsende wieder zurückbe‐ ordert. Aus der Rückschau erkennt man, dass sich Roosevelt einer Täuschung hingab, als er glaubte, die Sowjetunion würde in der ihr zugestandenen osteuropäischen Einflusssphäre politische und wirtschaftliche Verhältnisse zulassen, die wenigstens vordergründig westlichen Demokratievorstellungen entsprachen. Er unterschätzte die ideologische Fundierung der sowjetischen Politik, die Sicherheit offenkundig nur durch tiefgreifende soziale Umwälzungen unter kommunistischer Führung und durch eine möglichst gleichförmige Ausrichtung der Regime in den befreiten bzw. eroberten Ländern verbürgt sah. Er wollte wohl auch nicht wahrhaben, dass Stalin für den Mord an ca. 4000 polnischen Offizieren Ende 1939 verantwortlich war, den die Deutschen 1943 aufgedeckt und propagandistisch auszunutzen versucht hatten. Angesichts des Kriegsverlaufs in Europa und des Macht- und Prestigegewinns der Sowjetunion fällt es aber schwer, realistische Handlungsalternativen aufzuzeigen, deren Verfolgung Roosevelt erlaubt hätte, Wunsch und Wirklichkeit der amerikanischen Politik besser in Übereinstimmung zu bringen. Vorrangiges Ziel blieb bis zuletzt die Niederringung des nationalsozialistischen Deutschland, dessen brutale Eroberungs- und Ausrottungs‐ politik, die im Holocaust, der Ermordung von etwa 6 Millionen europäischer Juden gipfelte, einen beispiellosen Zivilisationsbruch darstellte. Als der Präsident am 12. April 1945 in seinem Ferienort Warm Springs an einem Gehirnschlag starb, waren die Siege über Deutschland und Japan so gut wie sichergestellt. Die „Große Allianz“ hielt den Belastungen noch stand, das System der Vereinten Nationen nahm Gestalt an, und die USA hatten sich gegenüber der Sowjetunion nicht endgültig festgelegt. Vizepräsident Harry S Truman, der die Nachfolge antrat, verfügte über wenig außenpolitische Erfahrung. Er war mit Hilfe der demokratischen „Parteimaschine“ von Missouri aus kleinen Verhältnissen zum Senator aufgestiegen und hatte sich im Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 282 <?page no="283"?> Kongress durch die Aufdeckung von Misswirtschaft und Korruption in der Rüstungs‐ industrie einen Namen gemacht. Roosevelt erkor ihn für die Wahlen von 1944 aus taktischen Gründen zum running mate, weil der bisherige Vizepräsident Wallace als zu radikal galt. Von vielen wichtigen Entscheidungen, etwa dem Atomwaffenprogramm, blieb Truman ausgeschlossen. Da er den Warnungen vor einer expansiven, totalitären Sowjetunion von Beginn an mehr Glauben schenkte als Roosevelt, trat er schon bei seinem ersten Treffen mit Außenminister Molotow am 23. April 1945 in Washington undiplomatisch hart auf. Nach der deutschen Kapitulation sah er sich zusammen mit Churchills Nachfolger Clement Attlee einem Sowjetführer Stalin gegenüber, der auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Die Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945 zeigte bereits deutlich die Grenzen der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion auf, denn außer der Einsetzung eines Außenministerrates und dem Beschluss, das in vier Besatzungszonen aufgeteilte Deutschland vorläufig als wirtschaftliche Einheit zu behandeln, kam wenig Substanzielles zustande. Truman glaubte offenbar, Stalin mit dem Hinweis auf eine „Waffe von unvorstellbarer Vernichtungskraft“ beeindrucken zu können, die den USA zur Verfügung stehe. Er ahnte nicht, dass sein Gesprächspartner durch Agentenberichte recht gut über das Manhattan Project im Bilde war. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten sowjetische Wissenschaftler auf Befehl Stalins bereits intensiv daran, den Rückstand in der Nukleartechnologie aufzuholen und das amerikanische Atomwaffenmonopol zu brechen. Im Pazifik hatten die erbitterten Schlachten von Iwo Jima und Okinawa den Amerikanern Anfang 1945 einen Vorgeschmack auf die eventuelle Invasion der japa‐ nischen Hauptinseln gegeben. Unter dem wachsenden Druck der amerikanischen Luft- und Seeoffensive signalisierte die Tokioter Regierung generelle Friedensbereit‐ schaft. Sie wollte den Kampf jedoch „ehrenvoll“ beenden und lehnte die geforderte bedingungslose Kapitulation weiterhin ab. Nach dem Amtswechsel im Weißen Haus empfahl ein Interim Committee aus hohen Militärs und Politikern den frühestmöglichen Einsatz der Atombombe gegen Japan. Die Idee einiger Wissenschaftler, den Japanern eine Vorwarnung in Form einer „Demonstrationsexplosion“ zu geben, fand keine Zustimmung. Für den Fall einer Landung in Japan sagte Kriegsminister Stimson einen „Rassenkrieg“ mit gewaltigen Verlusten auf beiden Seiten voraus. Als Truman in Potsdam die Nachricht von dem gelungenen „Trinity“-Test aus Alamogordo er‐ hielt, fällte er, beraten von Stimson und Außenminister James Byrnes, die letzte Entscheidung. Neben dem Wunsch, amerikanische Menschenleben zu schonen, spielte dabei eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle: Rücksichtnahme auf die antijapanische Stimmung in den USA; Vorstellungen, ein teures Projekt erfolgreich beenden und ein Vermächtnis Roosevelts erfüllen zu müssen; das Gefühl, durch die abschreckende Bestrafung von Kriegsverbrechen, wie sie die Japaner begangen hatten, im Interesse des Weltfriedens zu handeln; und nicht zuletzt das Motiv, die Sowjetunion zu warnen und amerikanischen Forderungen und Sichtweisen geneigter zu machen. Unter den gegebenen Umständen hätte es wohl mehr an Mut und einer größeren moralischen Autorität bedurft, die Bombe nicht einzusetzen, als ihren Abwurf freizugeben. Bei den 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 283 <?page no="284"?> Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki kamen am 6. und 9. August 1945 zwischen 110.000 und 150.000 Menschen um. Dieser schockierende Schlag bedeutete - zusammen mit dem Einmarsch der Roten Armee in die Mandschurei - das Ende des Krieges in Asien. Nach der japanischen Kapitulation am 14. August, die am 2. September an Bord des Schlachtschiffes „Missouri“ in der Bucht von Tokio formell vollzogen wurde, besetzten amerikanische Truppen Japan. Das Schicksal der Bevölkerung und das Überleben des jahrhundertealten japanischen Kaisertums hing von der Gnade und der Einsicht General MacArthurs ab, der als Supreme Commander for Allied Powers einem römischen Prokonsul gleich in Tokio residierte. Die Ergebnisse des Krieges aus amerikanischer Sicht Die USA hatten im Zweiten Weltkrieg mit den geringsten Opfern die größten Gewinne erzielt. Ihre Gesamtverluste waren beträchtlich, lagen aber mit ca. 300.000 Gefallenen und 670.000 Verwundeten (weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung) weit unter denen der übrigen Großmächte. Dazu trugen auch Fortschritte der Medizin bei, die höhere Überlebenschancen bei Verwundungen sicherten und Epidemien verhinderten. Als einziges Land gingen die USA wirtschaftlich gestärkt aus dem Krieg hervor, und sie allein verfügten über die neue nukleare Massenvernichtungswaffe. Mit der Charta der Vereinten Nationen, die - ganz anders als die Völkerbundsakte 1919 / 20 - von der amerikanischen Bevölkerung euphorisch begrüßt und vom Senat mit überwältigender Mehrheit ratifiziert wurde, schien der Grund für eine dauerhafte Weltfriedensordnung gelegt. Das System von Bretton Woods, das schon 1944 aus der Taufe gehoben worden war, etablierte den Dollar als internationale Leit- und Reservewährung mit Goldeinlösungsgarantie und entsprach den amerikanischen Vorstellungen von freiem Welthandel und offenen Märkten. Andererseits kündigten sich bereits Auseinander‐ setzungen mit der Sowjetunion über die Zukunft Deutschlands, die Reparationsfrage, den Status der osteuropäischen Länder und die Interessenabgrenzung auf dem Balkan an. Der Nahe Osten barg mit seinem Erdölreichtum, der alle Industrieländer begehrlich machte, und mit der Palästinafrage, die sich durch die Einwanderung von jüdischen Überlebenden des Holocaust zugespitzt hatte, enormen Konfliktstoff. In China verlor Chiang Kai-schek trotz amerikanischer Unterstützung immer mehr Boden an seinen kommunistischen Rivalen Mao. Von Indien über Indonesien bis Korea hatte der japanische Schlachtruf des „Asien den Asiaten“ die antikoloniale Stimmung geschürt. Das Zugeständnis Roosevelts an die Franzosen, nach dem japanischen Rückzug ihre Herrschaft in Indochina wieder aufzurichten, passte nicht in das Bild, das sich viele Menschen in den abhängigen Gebieten - und viele Amerikaner selbst - von den Vereinigten Staaten als einem fortschrittlichen Land machten, das für das Selbstbestim‐ mungsrecht der Völker eintrat. Außenpolitisch hatte der Krieg also keineswegs alle Probleme gelöst, sondern sogar eine ganze Reihe von Konfliktfeldern neu geschaffen. Die USA waren zwar zur „Supermacht“ mit weltweiter Präsenz aufgestiegen, aber die Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 284 <?page no="285"?> Amerikaner mussten bald erkennen, dass sich ihre wirtschaftliche und militärische Stärke nicht ohne weiteres und überall in politischen Einfluss umsetzen ließ. Im Innern hatte der Krieg eine Welle des Patriotismus ausgelöst, die dem Prozess der Nationalstaats- und Nationsbildung einen neuen kräftigen Schub verlieh. Nach Pearl Harbor herrschte weitestgehender Konsens darüber, dass der Isolationismus gescheitert war und dass die USA niemals mehr militärische Schwäche und man‐ gelnde Vorbereitung zeigen durften. Der glänzende Sieg bestätigte offensichtlich die Vorbildlichkeit der amerikanischen Institutionen und die Überlegenheit des American way of life, und aus der Perspektive der civil religion erschien die Überwindung des Faschismus als ein neues Kapitel in der Erfüllung des transzendenten Geschichtsauf‐ trags der Vereinigten Staaten. Roosevelts Kriegführung bescherte dem Präsidentenamt überragendes Ansehen und eine hervorgehobene Stellung im Verfassungssystem - eine neuartige Konstellation, die später als imperial presidency charakterisiert werden sollte. Die Kriegsmobilisierung setzte den Wachstumstrend der zentralstaatlichen Bürokratie fort, der schon in der Progressive Era und im Ersten Weltkrieg begonnen hatte und der nach einer Unterbrechung während der 1920er Jahre im New Deal wieder aufgenommen worden war. Auch wenn einige Behörden 1945 aufgelöst wurden, so hinterließ der Krieg doch bleibende Spuren: Die Zahl der Bundesbeamten hatte sich von 1,1 auf 3,4 Millionen verdreifacht, und die Bundesregierung war nun im Stande, in nahezu jeden Wirtschafts- und Lebensbereich der Bürger einzugreifen. Gleichzeitig wurde die Gesellschaft offener, was sich besonders an der Rolle der Frauen und der Afroamerikaner zeigte. Zahlreiche weibliche Arbeitskräfte mussten zwar ihren Platz für die zurückkehrenden GI’s räumen, aber die bessere Integration von Frauen in den Wirtschaftsprozess und der damit verbundene Status- und Unabhängigkeitsgewinn konnten auf längere Sicht nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ähnlich verhielt es sich mit den Afroamerikanern, deren Selbstbewusstsein und Optimismus während des Krieges zunahm, obgleich die Rassentrennung in den Streitkräften noch bis 1948 in Kraft blieb. Die Mitgliederzahl der NAACP hatte sich während des Krieges nahezu verzehnfacht, und neue, aggressivere Bürgerrechtsorganisationen wie der 1942 gegründete Congress of Racial Equality (CORE) riefen dazu auf, den weltweiten Kampf für die Befreiung von Faschismus und Kolonialismus mit dem Kampf gegen die Rassendiskriminierung im eigenen Land zu verbinden. In vielen Großstädten kam es ab 1943 zu schweren Rassenunruhen, weil Weiße die Zuwanderung der Afroamerikaner verhindern wollten und weil sie Roosevelts Anweisung, bei Einstellungen in die Kriegsindustrien die Hautfarbe nicht zu einem Kriterium zu machen, als Zumutung empfanden. Zwischen 1940 und 1950 wuchs die schwarze Bevölkerung in New York von ca. 460.000 auf knapp 750.000, in Chicago von weniger als 300.000 auf etwa 500.000 und in Detroit von ca. 150.000 auf über 350.000. Der schwedische Volkswirtschaftler Gunnar Myrdal analysierte die soziale Lage der Afroamerikaner in seiner 1944 veröf‐ fentlichten Studie An American Dilemma und gelangte zu dem Schluss, den Vereinigten Staaten stünden die einschneidendsten Veränderungen in den Rassenbeziehungen seit Bürgerkrieg und Rekonstruktion bevor. 3 Die USA in der weltpolitischen Auseinandersetzung mit den expansiven Mächten 285 <?page no="287"?> Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchdringen sich die amerikanische Geschichte und die Weltgeschichte so sehr, dass es in der historischen Darstellung oft schwerfällt, Trennungslinien zu ziehen. Die amerikanische Elite und die große Mehr‐ heit der Bevölkerung teilten nach 1945 gewisse Grundannahmen über das Verhältnis ihres Landes zum Rest der Welt, die sich mit den Begriffen „American leadership“, „de‐ mocracy“, „market economy“ und „peaceful change“ beschreiben lassen. Der Anspruch auf eine weltpolitische Führungsrolle ergab sich aus der aktuellen wirtschaftlichen und militärischen Vormachtstellung der USA bei Kriegsende, wurde aber auch weiterhin durch den quasireligiösen Glauben an eine besondere amerikanische Mission und Auserwähltheit gespeist. Ferner hegten die meisten Amerikaner kaum Zweifel daran, dass sich das demokratische Regierungssystem mit seinen Hauptelementen begrenzte Regierungsmacht, Gewaltenteilung, Partizipation, Parteienwettbewerb und Schutz der Grundrechte überall durchsetzen würde, wo Menschen frei über ihr Schicksal entschei‐ den könnten. Die UNO-Charta erschien als eine Fortschreibung der eigenen Constitu‐ tion, und die Ziele der Weltorganisation ließen sich nach amerikanischer Auffassung am besten verwirklichen, wenn in möglichst vielen Staaten demokratische Verhältnisse herrschten. Marktwirtschaft und freier Welthandel waren aus dieser Perspektive Teil der „Geschäftsgrundlage“ von 1944 / 45, nicht nur, weil sie den amerikanischen Interes‐ sen am ehesten entsprachen, sondern auch, weil weltweites Wirtschaftswachstum als zentrale Voraussetzung für politische Stabilität und Frieden galt. Dieses liberale Credo wurzelte in der Erfahrung des eigenen - individuellen wie nationalen - ökonomischen Aufstiegs und im sprichwörtlichen Fortschrittsoptimismus, den Außenstehende häufig als naiv empfanden. Schließlich gingen die Amerikaner davon aus, dass die Eckpfeiler der neuen Weltordnung in Bretton Woods und San Francisco gesetzt worden waren und dass sich der politische und soziale Wandel von nun an im Rahmen dieses Status quo auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Die Politik der Sowjetunion, des kommunistischen China und der „radikalen“ Staaten der Dritten Welt wurde als durch die UNO-Charta nicht gedeckter Versuch verstanden, die etablierte Ordnung umzustürzen. Es schien deshalb legitim, die weitere Ausbreitung des Kommunismus - notfalls sogar gewaltsam - zu verhindern und im Gegenzug freiheitliche Werte und Prinzipien in alle Teile der Welt zu tragen. Die republikanisch-demokratische American Creed des 19. Jahrhunderts erhielt damit vollends universalistische Züge. Das Gefühl der Bedrohung von außen, das sich gegen Ende der 1940er Jahre in den USA breit machte, förderte ebenso den Zusammenhalt und die Konformität der ame‐ rikanischen Gesellschaft wie der stürmische, lang anhaltende Wirtschaftsaufschwung, der auf die - unerwartet milde - Nachkriegsrezession folgte. Die 1929 jäh abgebrochene Entwicklung zur Konsum- und Wohlstandsgesellschaft konnte nun fortgesetzt werden, <?page no="288"?> und amerikanische Geschäftsleute, Soldaten und Touristen sowie die Medien, insbe‐ sondere die Hollywood-Filme, trugen die Botschaft von den Vorzügen des American way of life in andere Erdteile. Gegen die Zentralisierung der Macht in Washington und die „imperiale Präsidentschaft“, Erbschaften des New Deal und des Zweiten Weltkriegs, regte sich nur noch vereinzelt Widerspruch. Unter der Oberfläche der „Wohlstands‐ gesellschaft“ (affluent society) begann es aber in den 1950er Jahren zu gären, weil ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung von den Segnungen der Konsumkultur ausge‐ schlossen blieb, und mehr noch, weil die fortdauernde Rassendiskriminierung einen allmählich unerträglichen Kontrast zu den amerikanischen Idealen zu bilden begann. Nach dem Schock über den Tod des jungen Präsidenten John F. Kennedy, der die Nation zu „neuen Grenzen“ hatte führen wollen, wühlten die Bürgerrechtsbewegung und der Vietnamkrieg die amerikanische Gesellschaft tief auf. Die Unruhe kulminierte im Jahr 1968, das in den USA und weltweit eine - auch generationsbedingte - historische Zäsur setzte. Vom Optimismus der frühen Nachkriegszeit, vom idealistischen Schwung der „Ära Kennedy“ und vom Ehrgeiz Präsident Johnsons, eine Great Society ohne Not und Armut zu bauen, war an der Wende zu den 1970er Jahren nicht mehr viel zu spüren: Der politische Konsens zerbröckelte, das Vertrauen der Bevölkerung in die staatlichen Institutionen ließ nach, und die erstarkende überseeische Konkurrenz sowie die materiellen Belastungen des Vietnamkrieges verringerten den Vorsprung der amerikanischen Wirtschaft. Die Hegemonie der USA, ihr moralischer und politischer Führungsanspruch, stieß nicht nur im Forum der Vereinten Nationen und in der nun weitgehend „entkolonisierten“ Dritten Welt auf Kritik, sondern wurde zunehmend auch von den Verbündeten in Europa und Asien in Frage gestellt. 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 Erklärungsmodelle für die Entstehung des Ost-West-Konflikts Über die Verantwortung für den Zerfall der Siegerkoalition und die Ursachen des Kalten Krieges wurde in den USA seit den 1960er Jahren lange eine intensive, emotional aufgeladene öffentliche Debatte geführt. Den Ausgangspunkt bildeten Memoiren und Werke von beteiligten Politikern, Diplomaten und Russlandexperten wie Truman, Dean Acheson, W. Averell Harriman und George F. Kennan. Ihrer Meinung nach resultierte der Kalte Krieg aus dem Expansionsstreben der Sowjetunion und dem übertriebenen Misstrauen Stalins. Sie malten das Bild einer offensiven Moskauer Regierung, die jede Gelegenheit ausnutzte, um ihre Ideologie zu verbreiten und ihr Imperium auszuweiten, und sie charakterisierten Stalin als einen verschlagenen, paranoiden Herrscher, der nach der Unterwerfung Osteuropas darauf hinarbeitete, ganz Deutschland und Europa in den sowjetischen Einflussbereich zu bringen. Eine Umkehrung dieser These erfolgte im Zuge des Aufkommens der „Neuen Linken“ in den 1960er Jahren durch die so genannten Revisionisten, die, wie Joyce und Gabriel Kolko, Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 288 <?page no="289"?> in der Tradition der Imperialismus-Kritiker standen. Aus ihrer Sicht strebten die USA selbst nach Expansion und Vorherrschaft, angetrieben durch die dynamischen Kräfte des eigenen kapitalistischen Wirtschaftssystems. Im Gefühl der nahezu unbegrenzten Macht durch die Atombombe setzten sich die Verantwortlichen im amerikanischen establishment über die ökonomischen Bedürfnisse und die Sicherheitsinteressen der Sowjetunion hinweg und versuchten, den kommunistischen Einfluss in Westeuropa auszumerzen und weltweit die revolutionäre Linke zu besiegen. Die Einseitigkeit beider Standpunkte wollten Vertreter einer „realistischen Schule“ vermeiden, zu denen neben Historikern wie Norman A. Graebner auch der amerikanische Außenminister Henry A. Kissinger gehörte. Sie warnten vor einer Überbetonung ideologischer und wirtschaft‐ licher Motive: Vielmehr müsse man den Ost-West-Konflikt als eine zwangsläufige Folge der bipolaren Machtverteilung nach 1945 sehen, die dazu geführt habe, dass Russen und Amerikaner jeden Schritt der jeweils anderen Seite als Bedrohung ihrer eigenen Interessen interpretierten und entsprechend handelten. Kissinger verstand die USA in diesem Kontext als eine Ordnungsmacht, die nach 1945 auf ähnliche Weise die internationale Balance hielt, wie Großbritannien im 19. Jahrhundert für das europäische Mächtegleichgewicht gesorgt hatte. Grundsätzlich gilt, dass eine Analyse des Kalten Krieges drei eng miteinander verknüpfte, aber unterscheidbare Komplexe zu erfassen hat: die politische Ebene des Staatensystems, die mit Begriffen wie Gleichge‐ wicht, Hegemonie und Bipolarität beschrieben werden kann; die ökonomische Ebene des kapitalistischen Weltsystems, das sich in Kern, Peripherie und Semi-Peripherie gliedert; und schließlich die ideologische Ebene, auf der es um Welt- und Feindbilder, Wahrnehmungen und kulturelle Prägungen geht. Vor diesem Hintergrund lassen sich eine Reihe von Thesen formulieren: 1. Da Stalin nach 1945 nicht die Weltherrschaft, sondern eher begrenzte Ziele anstrebte, erscheint die „Eindämmungsstrategie“ der USA (containment) aus der kurzfristigen Perspektive als Überreaktion. Längerfristig war diese Haltung den Erfordernissen jedoch recht gut angepasst, da die Sowjetunion mit der Zeit durchaus globale expansive Bestrebungen entwickelte und auf den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems infolge innerer Widersprüche hoffte. 2. Innenpolitisch konnte die Politik des containment nur durchgesetzt werden, indem man sie in übersteigerter Form als Abwehrkampf gegen eine neue totalitäre Bedrohung darstellte. Die schon früh entwickelte Domino-Theorie weckte die Furcht, lokale Erfolge des Kommunismus würden Kettenreaktionen auslösen, die zum Verlust ganzer Weltregionen und schließlich zum Zusammenbruch der amerikanischen Autorität und Machtposition insgesamt führen könnten. Tatsächlich war die containment-Strategie weniger defensiv als offensiv und konstruktiv angelegt, weil sie auf die Integration Westeuropas und des „pazifischen Randes“ (Pacific Rim) in eine neue ökonomische und politische Ordnung abzielte. 3. Wirtschaftliche Motive waren auf amerikanischer Seite in der Anfangsphase nur sekundär; bei allen wesentlichen Entscheidungen gaben machtpolitische und militärstrategische Überlegungen den Ausschlag. Diese „realistische“ Außenpolitik hatte stets aber auch eine „idealistische“ Komponente, d. h. sie bezog - bewusst oder unbewusst und mehr oder minder stark - als universal 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 289 <?page no="290"?> gültig verstandene amerikanische bzw. „westliche“ Werte von Demokratie und Men‐ schenrechten ins Kalkül ein. 4. Das Konzept der „nationalen Sicherheit“ (national security) wurde schon von Truman und dann von allen seinen Nachfolgern sehr weit ausgelegt: „Vitale“ Interessen der USA waren fast überall berührt, und wirksame Sicherheit schien nur gewährleistet, wenn es gelang, die gesamte Welt in Einklang mit den amerikanischen Vorstellungen und Werten zu bringen. Die USA strebten also durchaus bewusst nach Führung und Hegemonie, wobei sie ihre wirtschaftliche Stärke nutzten, um ihre politischen Visionen zu verwirklichen. Das letzte Ziel war eine Weltordnung, die dem „amerikanischen Modell“ einer Verbindung von pluralistischer Demokratie und freier Marktwirtschaft entsprach. Truman und seine Berater aus der „Ostküstenelite“, W. Averell Harriman, Dean Acheson, John J. McCloy und Charles Bohlen (die bis weit in die 1960er Jahre hinein überaus einflussreich blieben), sahen die USA praktisch dazu verpflichtet, einen solchen Zustand herbeizuführen und ihn dann als Ordnungsmacht dauerhaft zu garantieren. Besatzung und Rekonstruktion in Deutschland und Japan Die bedeutendste außenpolitische Leistung der USA nach 1945 war zweifellos die aktive Mitwirkung beim Wiederaufbau Westeuropas und die Reintegration der beiden ehemaligen Hauptkriegsgegner Deutschland und Japan in die Völkergemeinschaft. Die Direktive JCS 1067, die General Eisenhowers Verhalten als Militärgouverneur zwischen Kriegsende und endgültigem Friedensschluss leiten sollte, enthielt noch etliche Elemente des Morgenthau-Konzepts, das auf Bestrafung der Deutschen und Zerstörung des deutschen Machtpotenzials ausgerichtet gewesen war. Als im Frühjahr 1945 die volle Tragweite der deutschen Kriegsverbrechen und des Massenmords an den Juden bekannt wurde, verhärtete sich die öffentliche Meinung in den USA zunächst sogar noch. Es gab deshalb kaum Widerspruch gegen die Vorschriften, die eine „Frater‐ nisierung“ mit Deutschen unter Strafe stellten und Maßnahmen zum Wiederaufbau der Wirtschaft verboten. Deutschland wurde laut JCS 1067 nicht als „befreiter“, sondern als „besiegter“ Staat behandelt, um der Bevölkerung ihre Mitverantwortung für die Unta‐ ten des NS-Regimes vor Augen zu führen. Die Amerikaner scheuten sich auch nicht, systematisch Kriegsbeute in Form deutscher Patente und deutscher Wissenschaftler - speziell der Peenemünder Raketentechniker um Wernher von Braun - zu machen. Noch fragwürdiger war zweifellos die Rekrutierung von General Reinhard Gehlen, dem Chef der Wehrmachtsorganisation „Fremde Heere Ost“, der - nach einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten - unter amerikanischer Obhut den Bundesnachrichtendienst in Pullach bei München aufbaute. Vollends unverständlich erscheint aus heutiger Sicht die Zusammenarbeit mit Klaus Barbie, dem Gestapochef von Lyon, den ein Geheimdienst der US Army - offenbar ohne Kenntnis höherer Stellen - anwarb und später nach Lateinamerika expedierte. Angesichts der gewaltigen Zerstörungen durch den Bombenkrieg kam es auf lokaler Ebene schon recht früh zu einer partiellen Zusammenarbeit zwischen Besatzungstrup‐ Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 290 <?page no="291"?> pen und deutschen Behörden, die dann in der Regel immer vertrauensvoller und konstruktiver wurde. Wichtige Beiträge zur Linderung der Not und zur Überwindung der Isolierung leisteten die amerikanischen Kirchen - vermittelt durch den ökumeni‐ schen Weltrat in Genf und den Vatikan -, die es als Christenpflicht ansahen, den Deutschen aus dem moralischen Abgrund des Nationalsozialismus herauszuhelfen. Besonders taten sich die Quäker hervor, die für ihr humanitäres Engagement 1947 den Friedensnobelpreis erhielten. Auch die Gewerkschaften verhielten sich solidarisch und nahmen rasch Kontakt zur deutschen Arbeiterschaft auf. Millionen von Spen‐ denpaketen gelangten ab 1946 über die private Organisation CARE (Cooperative for American Remittances to Europe) an bedürftige Familien. Die Deutschen lehnten sich instinktiv an den mächtigen Sieger an, von dem sie mehr Verständnis und Hilfe als von den europäischen Nachbarn erwarteten, und in der Tat erlebten sie die Amerikaner vorwiegend als „freundliche Feinde“. Unter dem Einfluss der veränderten internationalen Lage setzte sich dieser kooperative, versöhnliche Geist dann 1946 / 47 immer mehr durch. Die faktische Kontrolle in der amerikanischen Besatzungszone übte General Lucius D. Clay als Deputy Military Governor unter Eisenhower und dann ab 1947 als Militär‐ gouverneur aus. Geboren 1897 in Georgia als Sohn eines US-Senators, hatte Clay als Ingenieur in der Armee Karriere gemacht und während des New Deal den Bau von Staudämmen überwacht. Er galt als hart und autoritär, sprach nicht Deutsch und suchte auch bewusst keine Kontakte zu Deutschen. Dafür handelte er pragmatisch und unvoreingenommen, wobei sicher eine Rolle spielte, dass er aus dem Süden der USA stammte, die Geschichte der Rekonstruktion kannte und wusste, dass die Vereinigten Staaten nicht in jeder Hinsicht ein Musterland der Demokratie waren. Er setzte sich entschieden für die großen Ziele der Militärregierung - Entnazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und Entflechtung der Wirtschaft - ein, lehnte aber die These von einem negativen deutschen Nationalcharakter, den es zu ändern gelte, ebenso deutlich ab. Als sich abzeichnete, dass die US-Besatzungszone wegen der Konzeptionslosigkeit und mangelnden Einheit des Alliierten Kontrollrats in Berlin zu einer dauerhaften Belastung des amerikanischen Steuerzahlers werden würde, drängte Clay ab Anfang 1946 auf eine Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft. Zu dieser Zeit befürwortete er noch eine Zusammenarbeit mit den Sowjets bei der Umsetzung der Potsdamer Beschlüsse. Die Einstellung der Reparationsleistungen, die aus der US-Zone an die Sowjetunion gingen, richtete sich im Mai 1946 hauptsächlich gegen Frankreichs Obstruktionspolitik im Kontrollrat. Zu den ökonomischen Problemen kamen im Laufe des Jahres 1946 verstärkt auch politische Spannungen mit der Sowjetunion, weniger in Deutschland selbst als vielmehr in Osteuropa, in der Türkei, im Iran, im Nahen Osten und in Asien. Insofern wurde der Kalte Krieg nach Deutschland „importiert“, obgleich der ideologische Gegensatz durchaus auch wichtige innerdeutsche Quellen hatte, wie etwa den Streit um die von den Kommunisten betriebene Vereinigung von SPD und KPD. 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 291 <?page no="292"?> In den USA selbst fand während dieser Zeit eine grundsätzliche Überprüfung der bisherigen Deutschland- und Europapolitik statt. Zum Umdenken im Kongress und in der Öffentlichkeit trug ein Besuch bei, den Winston Churchill den Vereinigten Staaten als Privatmann abstattete. Vom Wortlaut der Rede, die er am 5. März 1946 in Fulton, Missouri, hielt, blieb den meisten Amerikanern nur der Begriff „iron curtain“ im Gedächtnis, der Ängste vor einer hermetischen Abriegelung des sowjetischen Einflussbereichs in Europa heraufbeschwor. Churchills eigentliche Botschaft lautete, dass man mit Moskau nur von einer Position der Stärke aus verhandeln sollte. In der Folgezeit fand Clay mit seinen Mahnungen und Ratschlägen in Washington mehr Gehör, und nach monatelangen internen Beratungen schlug die Regierung einen neuen Kurs ein. Am 6. September 1946 unterstrich Außenminister James F. Byrnes in einer Aufsehen erregenden Rede in Stuttgart die Forderung nach wirtschaftlicher Einheit Deutschlands und bot dem deutschen Volk Unterstützung bei dem Versuch an, „seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt“. Damit war die Voraussetzung für die Vereinigung der britischen und der amerikanischen Zone zur „Bizone“ am 1. Januar 1947 geschaffen, die zum Ausgangspunkt der „Weststaatslösung“ wurde. Die Besatzungsregierung Office of Military Government (OMGUS) beschränkte sich nach und nach auf eine indirekte Kontrolle des politischen Lebens und förderte den Prozess der Verfassunggebung in den Ländern der US-Zone. Die Beratung der Länderverfassungen sollte laut einer Weisung Clays an seine Untergebenen „in einer Atmosphäre der Freiheit“ stattfinden, um den Deutschen die Identifizierung mit ihren neuen demokratischen Grundordnungen zu erleichtern. Inzwischen hatte in der Truman-Administration vollends diejenige Richtung die Oberhand gewonnen, die davor warnte, die Fehler des Versailler Vertrags zu wieder‐ holen und durch eine politische Isolierung und wirtschaftliche Bedrückung Deutsch‐ lands die Chancen für Demokratie und Wohlstand in ganz Europa zu verspielen. Der inneramerikanische Stimmungswandel fand im Ergebnis der Zwischenwahlen vom November 1946 seine Bestätigung, als die Republikaner in beiden Häusern des Kongresses Mehrheiten errangen. Nach ihrer Abkehr vom Isolationismus der 1930er Jahre waren sie nun bereit, mit dem Präsidenten bei der Durchsetzung zahlreicher wegweisender Entscheidungen zusammenzuarbeiten. Dazu gehörten in erster Linie das Engagement der USA auf dem Balkan, wo die Briten der Lage nicht mehr Herr wurden, und ein umfassendes wirtschaftliches Aufbauprogramm für Europa, das Unterstaatssekretär Dean Acheson angeregt hatte und das unter dem Namen seines neuen Vorgesetzten im State Department, George C. Marshall, als „Marshall-Plan“ in die Geschichte einging. Das Verlangen nach 400 Millionen Dollar Hilfsgeldern für die antikommunistischen Kräfte in Griechenland und in der Türkei begründete der Präsident am 12. März 1947 in einer Rede vor dem Kongress mit der „Truman-Doktrin“: Sie besagte, „dass es die Politik der Vereinigten Staaten sein muss, die freien Völker zu unterstützen, die sich der Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch Druck von außen widersetzen“. Hier lag schon der Keim der Domino-Theorie, Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 292 <?page no="293"?> die später auch auf andere Weltgegenden angewendet wurde. Der republikanische Senator Arthur H. Vandenberg warnte davor, die UNO zu übergehen und einen direk‐ ten Zusammenstoß mit der Sowjetunion zu riskieren. Die klaren Mehrheiten für Trumans Initiative im Repräsentantenhaus und im Senat bedeuteten aber den ersten Sieg der bipartisanship, einer auf breiten Konsens gegründeten, parteiübergreifenden Außenpolitik. Um diese Zeit begann auch die amerikanische Involvierung in den Nahostkonflikt, weil Truman - entgegen dem Rat des State Department, das gute Beziehungen zu den ölreichen arabischen Staaten suchte - die Teilung Palästinas und die Anerkennung des Staates Israel befürwortete. Neben dem ehrlichen Mitgefühl für die Opfer und Überlebenden des Holocaust spielten dabei auch taktische Überlegungen im Hinblick auf die jüdischen Stimmen im Wahlkampf von 1948 sowie Befürchtungen einer jüdischen Einwanderungswelle in die USA eine Rolle. Allerdings lehnte Truman ein militärisches Eingreifen der USA ab und überließ es privaten amerikanischen Organisationen, die Israelis im Kampf gegen die Araber zu unterstützen. Von 1945 bis Anfang 1947 hatten die USA über 11 Milliarden Dollar Hilfsgelder nach Europa gepumpt, ohne den allgemeinen Niedergang aufhalten zu können. Im März 1947 erstattete der ehemalige Präsident Herbert Hoover einen alarmierenden Bericht über die Zustände in Europa, der die Truman-Administration zum Umdenken und raschen Handeln zwang. Nach intensiven Vorarbeiten, an denen Dean Acheson, George F. Kennan und W. Averell Harriman maßgeblich beteiligt waren, warb Außenminister Marshall am 5. Juni 1947 in einer Rede an der Harvard University für ein European Recovery Program, das den wirtschaftlichen circulus vitiosus durchbrechen und den Europäern wieder Vertrauen in die Zukunft ihrer Länder und des gesamten Kontinents geben sollte. Innenpolitisch fand das Wiederaufbauprogramm in den USA breite Un‐ terstützung, denn seine interventionistischen und planerischen Elemente erinnerten die Demokraten an den New Deal, während das Streben nach internationaler Arbeits‐ teilung, stabilen Währungen und soliden Finanzen den Vorstellungen der Republikaner entsprach. Auf der Grundlage des Economic Cooperation Act, den der Kongress im April 1948 verabschiedete, flossen bis 1952 ca. 14 Milliarden Dollar als Zuschüsse und Kredite an insgesamt 16 Länder einschließlich Westdeutschlands. Die Sowjetunion lehnte eine Beteiligung ab und zwang Polen und die Tschechoslowakei , die bereits erteilte Zusage zurückzunehmen. Der Marshall-Plan trug dazu bei, die „Dollarlücke“ zu schließen, die auf Grund der Importbedürfnisse und der Ausfuhrschwäche der europäischen Länder entstanden war. Mit einem Anteil von 1,6 Milliarden Dollar standen die Westzonen bzw. die Bundesrepublik Deutschland nach Großbritannien, Frankreich und Italien an vierter Stelle der Empfängerstaaten. Aus dem amerikanischen GARIOA-Programm (Government and Relief in Occupied Areas) erhielten die Deutschen aber noch einmal die gleiche Summe. Diese Finanzhilfe glich in den Nachkriegsjahren das Defizit der westdeutschen Handelsbilanz aus, wirkte psychologisch als Initialzündung für die Wiederbelebung der Wirtschaft und bereitete die Integration in den Weltmarkt vor. Darüber hinaus gab der Marshall-Plan durch die Einrichtung des Europäischen Wirtschaftsrats (Organization of European Economic Cooperation, OEEC) im April 1948 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 293 <?page no="294"?> den ersten Anstoß zu einer westeuropäischen Integration, von der sich die USA die Lösung der Ruhrfrage und des alten „Sicherheitsdilemmas“ zwischen Deutschland und Frankreich versprachen. Vor diesem Hintergrund entstand 1950 - auf Initiative Jean Monnets, der gute Kontakte in die USA unterhielt - der Schuman-Plan, der zur Montanunion und später zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) führte. Im Rahmen des 1947 getroffenen General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) vollzogen die USA nun auch allmählich die Abkehr von der Hochschutzzoll-Politik der Zwischenkriegszeit. Die Amerikaner förderten also bewusst die wirtschaftliche Kon‐ kurrenz Westeuropas, in der Erwartung, dass ein dichter Handels- und Kapitalverkehr allen Seiten zugutekommen würde. Punkt IV des Marshall-Plans bildete schließlich die Keimzelle der Entwicklungshilfe für die „Dritte Welt“, die in den 1950er und 1960er Jahren immer wichtiger werden sollte. Auf der Negativseite dieser Stabilisierungs- und Rekonstruktionspolitik standen offene und verdeckte politische Einmischungen, speziell in Italien, wo Vertreter Washingtons offenbar nicht nur mit den konservativen Parteien, sondern sogar mit Mafiakreisen zusammenarbeiteten, um die Kommunisten von der Regierungsverantwortung fern zu halten. Nach dem Scheitern der Moskauer Außenministerkonferenz im März 1947 trieben die Amerikaner ihre europäischen Partner zur „Weststaatsgründung“ in Deutschland voran, die nun immer deutlicher antikommunistische und antisowjetische Züge erhielt. Eine vorübergehende Teilung Deutschlands wurde in Kauf genommen, um die drei Besatzungszonen fest an den Westen zu binden und die gemeinsame Front gegen die Sowjetunion sicherzustellen. Die Währungsreform im Juni 1948 schuf die Vorausset‐ zung für die Einbeziehung Westdeutschlands und West-Berlins in den Marshall-Plan, provozierte allerdings die sowjetische Berlin-Blockade, die kurzfristig die Furcht vor einem dritten Weltkrieg aufkommen ließ. Truman lehnte die Vorschläge der Militärs ab, mit Bodentruppen den Zugang nach Berlin zu erzwingen, beauftragte dafür aber Clay mit der Organisation einer britisch-amerikanischen Luftbrücke. Auf ca. 270.000 Flügen brachten die „Rosinenbomber“ bis Mai 1949 2,5 Millionen Tonnen Versorgungsgüter in die alte Reichshauptstadt und stellten damit Überleben und Freiheit der Menschen in den drei Westsektoren sicher. Die Sowjetunion lenkte schließlich in Verhandlungen am Sitz der UNO in New York ein, strebte nun aber ihrerseits eine Staatsbildung in der östlichen Besatzungszone an. Für Westdeutsche und Amerikaner wurde das Erlebnis der Luftbrücke endgültig zum psychologischen Wendepunkt von der Kriegszur Nachkriegszeit. Besonders in der jüngeren Generation setzte sich ein positives Amerikabild durch, das auf lange Zeit hinaus das öffentliche Bewusstsein und das geistig-kulturelle Klima bestimmte. Amerikanische Verfassungsexperten und aus den USA zurückgekehrte Emigranten begleiteten den Weg, der von der Londoner Konferenz im Frühjahr 1948 über die „Frankfurter Dokumente“ und den Parlamentarischen Rat in Bonn am 23. Mai 1949 zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland führte. Sie vermittelten zwischen den zentralistisch eingestellten Briten und den Franzosen, die ein möglichst dezentrales, konföderatives Deutschland wünschten. Die westdeutschen Verfassunggeber übernah‐ Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 294 <?page no="295"?> men nicht das präsidentielle Regierungssystem der USA, sondern folgten der eigenen und der europäischen Tradition des Parlamentarismus. Aus amerikanischer Sicht entsprach das Grundgesetz mit seiner föderativen Struktur und festen Verankerung der Grundrechte jedoch im Wesentlichen den an eine demokratische Neuordnung geknüpften Erwartungen. Zuvor hatte Clay schon durch seine Weigerung, die So‐ zialisierungsklausel in der hessischen Verfassung zu akzeptieren, einen Beitrag zur Wiederherstellung des marktwirtschaftlichen Systems geleistet. Die alliierte Kontrolle blieb auch nach Gründung der Bundesrepublik durch Ruhrbehörde und Besatzungss‐ tatut sowie durch die Viermächte-Verantwortung für Berlin erhalten. In der Hohen Kommission auf dem Petersberg bei Bonn waren die USA nun durch den ehemaligen stellvertretenden Kriegsminister und ersten Präsidenten der Weltbank, John J. McCloy, vertreten. Wenn Amerikaner in den 1950er Jahren auf die Besatzungszeit zurückschauten, fiel die Bilanz keineswegs einhellig positiv aus. Es überwogen sogar besorgte, pes‐ simistische Stimmen, die darauf verwiesen, dass die NS-Vergangenheit trotz der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und der „Entnazifizierung“, die OMGUS in der amerikanischen Zone auf bürokratische Weise mittels Millionen von Fragebö‐ gen betrieben hatte, nicht wirklich bewältigt, sondern lediglich verdrängt worden sei. Viele Initiativen zur Beeinflussung der deutschen Mentalität durch Reeducation bzw. Reorientation und zur Umgestaltung der Gesellschaft im demokratischen Sinne waren - etwa im Schulwesen und im Beamtenrecht - am Traditionsbewusstsein und konservativen Beharrungswillen der Deutschen abgeprallt. Die Dekartellisierung hatte den Einfluss der Wirtschaftseliten nicht gebrochen, und ihre ökonomischen Effekte fielen bereits einem neuen Konzentrationsprozess zum Opfer. Im Zeichen des militanten Antikommunismus schien sich in der Bundesrepublik eine „Restauration“ zu vollziehen, die erneut gefährliche illiberale, antidemokratische Tendenzen zum Vorschein brachte. Solche Behauptungen waren nicht aus der Luft gegriffen, und sie wurden auch von etlichen Westdeutschen geteilt. Die Kritiker unterschätzten aber, in welch hohem Maße westliches Gedankengut und Wertebewusstsein insbesondere durch persönliche Kontakte, die Literatur, die Medien und durch Amerikaaufenthalte bereits nach Deutschland eingeflossen waren. Diese vielfältigen Bemühungen trugen schon Früchte, bevor die Bundesrepublik ab 1953 offiziell an dem von Senator J. William Fulbright initiierten akademischen Austauschprogramm teilnahm. Trotzdem dauerte es noch einige Zeit, bis auch die skeptischeren Amerikaner erkannten, dass in Westdeutschland mit ihrer Unterstützung eine lebensfähige, friedfertige und wirt‐ schaftlich prosperierende Demokratie entstand, die wesentlich zur Stabilisierung und Erholung des Alten Kontinents beitrug. Während Clay und OMGUS in Deutschland nur eine von mehreren Besatzungs‐ mächten repräsentierten, behielten die USA in Japan - zur Verärgerung der Moskauer Führung - das Heft allein in der Hand. Deshalb drohte auch keine Teilung des Landes, wenngleich die Japaner alle Pazifik- und Festlandsbesitzungen verloren. Die USA selbst übernahmen als UNO-Treuhänder die strategisch wichtigen Inselgruppen der 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 295 <?page no="296"?> Marianen, Karolinen und Marshall Islands. Anders als Deutschland wurde Japan durch den Supreme Commander for Allied Powers, General Douglas MacArthur, nur indirekt regiert, weil trotz der bedingungslosen Kapitulation eine japanische Regierung im Amt blieb. Das oberste Gebot der Japan-Planungen, die seit 1942 im State Department liefen, lautete, den japanischen Militarismus zu beseitigen und eine gewaltsame Expansion auf Dauer unmöglich zu machen. In diesem Sinne oktroyierte MacArthur im November 1946 eine radikal-demokratische Verfassung, die eine Ächtung des Krieges und die völlige Entmilitarisierung Japans vorsah. Der Tenno verlor zwar seine quasi-göttliche Stellung und wurde auf repräsentative Funktionen beschränkt; er blieb jedoch als geistig-kulturelles Oberhaupt und als Symbol der nationalen Einheit erhalten. Ansonsten waren die Eingriffe der Besatzungsmacht in den ersten drei Jahren nach dem Krieg noch radikaler als in Deutschland. Die Amerikaner ermutigten linksgerichtete Bewegungen und Gewerkschaften, die sich Anfang 1947 bei den ersten nationalen Wahlen durchsetzten. Die politische Säuberung und Demokratisierung wurde von tief greifenden Wirtschaftsreformen flankiert. Eine Bodenreform beseitigte den Großgrundbesitz und sorgte dafür, dass bis 1950 80 Prozent des Ackerlandes in die Hände von Kleinbauern überging. Im industriellen Sektor und im Bankenwesen begann die „Entflechtung“ der großen Unternehmensgruppen (zaibatsu), die das japanische Wirtschaftsleben beherrscht hatten. Die Wende zu einer konservativeren Politik erfolgte 1948, als das State Department auf Grund eines Berichts von George F. Kennan die Beendigung der Reparationen und Sozialisierungsexperimente forderte, damit Japan durch vermehrte Exporte zur wirtschaftlichen Selbstgenügsamkeit zurückkehren könne. Der Bankier Joseph Dodge entwarf ein hartes Spar- und Exportförderungsprogramm, das die neue konservative Regierung ab Ende 1948 zur Grundlage ihrer Wirtschaftspolitik machte. Seine Verwirk‐ lichung setzte aber die Versorgung der Japaner mit Rohstoffen aus den Gebieten des „pazifischen Randes“ voraus, für die sich die USA von nun an verantwortlich fühlten. Im Friedensvertrag vom 8. September 1951 verzichtete Japan endgültig auf alle seit 1854 gemachten territorialen Erwerbungen. Die USA behielten die Insel Okinawa als Stützpunkt und schlossen einen Militärvertrag ab, der die Stationierung amerika‐ nischer Truppen in Japan vorsah. Daraufhin erhielt Japan 1952 seine volle staatliche Souveränität zurück. Flottenbasen und Luftstützpunkte hatten sich die Amerikaner auch auf den Philippinen gesichert, als sie 1946 ihr zwölf Jahre zuvor gegebenes Un‐ abhängigkeitsversprechen wahrmachten. Die USA waren keine Kolonialmacht mehr, aber ihre politisch-militärische Präsenz trug nun einen wahrhaft globalen Charakter. Die japanische Bevölkerung fand - wie die deutsche - rasch ein positives Verhältnis zu den Amerikanern, und die Führungseliten akzeptierten ohne Widerstand die insti‐ tutionellen Reformen der Besatzungsmacht. Dagegen erwiesen sich die traditionelle politische Kultur und das soziale Wertesystem Japans als außerordentlich resistent gegen äußere Einflüsse. Mentalitätsmäßig blieben die Japaner, die sich kaum mit ihrer jüngeren Geschichte auseinandersetzten, den Amerikanern fremder als die Deutschen. Wichtiger war aber aus amerikanischer Perspektive die Einbeziehung Japans in das Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 296 <?page no="297"?> liberal-kapitalistische Wirtschaftssystem und in die politische Gemeinschaft der „freien Welt“. Auch nach der Zulassung von „Selbstverteidigungsstreitkräften“ lebten der japanische Militarismus und Expansionismus nicht wieder auf. Vielmehr gewann Japan in den 1950er Jahren als regionale Gegenmacht gegen das kommunistische China immer mehr an Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Die Neuordnung der Exekutive und der Aufbau des amerikanischen Bündnissystems Das containment-Konzept geht auf den Diplomaten George F. Kennan zurück, der Ende der 1930er Jahre in Berlin stationiert war und während des Krieges als Berater von US-Botschafter Harriman in Moskau fungierte. Im Februar 1946 sorgte sein 8000 Worte umfassendes „langes Telegramm“, in dem er die Motive der sowjetischen Außenpolitik analysierte, für Aufsehen im State Department. Eineinhalb Jahre später, als er bereits im Policy Planning Staff des State Department tätig war, fasste er seine Gedanken in einem mit „X“ gezeichneten Beitrag für die Zeitschrift Foreign Affairs zusammen. Sie diente als Sprachrohr des Council on Foreign Relations in New York, der unter dem Vorsitz von John McCloy zum informellen Forum des außenpolitischen Establishments der USA wurde. Der „X“-Artikel charakterisierte die Sowjetunion als einen von totalitärer Ideologie und paranoiden Unsicherheitsgefühlen zu grenzenloser Expansion vorangetriebenen Staat. Westliches Entgegenkommen würde diesen Drang - ebenso wie es das Appeasement im Falle Hitlers getan hatte - nur noch verstärken. Um die Russen zu stoppen, sei es vielmehr nötig, eine Politik der entschlossenen Eindämmung (firm containment) zu betreiben, die sie an jedem Punkt, wo sie die Interessen einer friedlichen und stabilen Welt zu verletzen suchten, mit unüberwindlicher Gegenmacht konfrontiere. Kennan wollte „Eindämmung“ in erster Linie als eine diplomatische, nicht eine mi‐ litärische Strategie verstanden wissen. Der Truman-Administration und dem Kongress lieferte das containment-Konzept die geeignete geistige Grundlage für ein System von Institutionen und Bündnissen, mit deren Hilfe die USA den Kalten Krieg führten. Durch den Aufbau dieses Systems erwarb sich Präsident Truman, der im Vergleich zu seinem kultivierten, weltläufigen Amtsvorgänger wie ein schlichtes Gemüt wirkte und deshalb von vielen Amerikanern zunächst nicht recht ernst genommen wurde, den Ruf eines großen Gestalters der Nachkriegswelt. Die rasche Demobilisierung der amerikanischen Streitkräfte von über 8 Millionen 1945 auf ca. 2 Millionen 1946 erkannte er bald als Fehler, der durch Maßnahmen zur Verbesserung der Verteidigungsbereitschaft behoben werden musste. Psychologisch und rechtlich blieb der „nationale Notstand“ des Zweiten Weltkrieges bestehen, und der exekutive Machtapparat wurde nicht weiter reduziert, sondern noch ausgebaut. Die wichtigsten Neuerungen brachte der National Security Act von 1947, der die politisch-militärische Führungsstruktur reorganisierte und straffte. Das Verteidigungsministerium (Department of Defense) mit Sitz im 1941 / 42 errichteten Pentagon vereinigte die bisherigen Ministerien für Krieg und Marine, 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 297 <?page no="298"?> und die Joint Chiefs of Staff übernahmen auch in Friedenszeiten die Koordinierung der Teilstreitkräfte. Das Ende 1945 aufgelöste Office of Strategic Services wurde durch eine Central Intelligence Agency (CIA) ersetzt, die dem Präsidenten direkt unterstand und die für die Sammlung und Auswertung geheimer Informationen, Gegenspionage und Special Operations wie Sabotage, Subversion und paramilitärische verdeckte Aktionen (covert action) zuständig war. Die CIA bildete seither den Mittelpunkt einer rasch expandierenden intelligence community, zu der auch die militärischen Geheimdienste und die für die Entschlüsselung des Funkverkehrs zuständigen Stellen gehörten. Als politisches Spitzengremium etablierte das Gesetz den Nationalen Sicherheitsrat (National Security Council, NSC), dem Präsident, Vizepräsident, Außenminister und Verteidigungsminister als feste Mitglieder angehören und zu dessen Sitzungen andere Minister, hohe Beamte und Militärs zugezogen werden können. Seine Aufgabe besteht darin, den Präsidenten in allen die Innen-, Außen- und Militärpolitik betreffenden Fragen zu beraten, die für die nationale Sicherheit relevant sind. Der Nationale Sicher‐ heitsrat wurde Teil des 1939 eingerichteten Executive Office of the President, dem andere wichtige Beratergremien wie das Bureau of the Budget und der Council of Economic Advisers angehören und das wiederum vom engsten Führungsstab des Präsidenten im White House Office koordiniert wird. Damit setzte sich die unter Roosevelt begonnene Zweiteilung der Exekutive in Ministerialbürokratie und persönlichen Beraterkreis des Präsidenten fort. Wie man es bislang nur in Kriegszeiten gewohnt gewesen war, lag der Schwerpunkt der Macht nun permanent im Weißen Haus, dessen Mitarbeiter sich der parlamentarischen und öffentlichen Kontrolle eher entziehen konnten als die Repräsentanten der Ministerialbürokratie. Mit dem Executive Office und dem White House Office verfügte der Präsident über eine „Hausmacht“, die dem Ehrgeiz und den steigenden Ansprüchen der imperial presidency genügte. Die wichtigsten Entscheidungen wurden häufig nicht mehr im Kabinett, sondern in anderen exekutiven Gremien oder ad hoc-Komitees unter dem Vorsitz des Präsidenten getroffen. Trotz vieler Umgliederungen hielt die Wachstumstendenz dieser präsidentiellen Exekutive, die Kritiker als „Prätorianergarde“ oder „republikanischen Hof “ bezeichneten, bis in die 1980er Jahre an. Trumans Geradlinigkeit und Durchsetzungsvermögen zahlten sich bei der Wahl von 1948 aus, als der Präsident allen Meinungsumfragen zum Trotz klar im Amt bestätigt wurde. In der Außenpolitik vollzog die Truman-Administration eine geradezu revolu‐ tionäre Wende, indem sie mit dem seit Washingtons und Jeffersons Zeiten geltenden Grundsatz brach, keine langfristigen, bindenden Verpflichtungen einzugehen. Haupt‐ motive waren dabei zum einen die Erkenntnis, dass ein kollektives Sicherheitssystem im Rahmen der UNO wegen der Veto-Politik der Sowjetunion nicht zustande kommen würde, zum anderen die Schwäche Großbritanniens, die in Europa und im Nahen Osten aus amerikanischer Sicht ein Machtvakuum entstehen ließ. Diese Schwäche war schon Ende 1945 offensichtlich geworden, als die USA das englische Währungssystem mit einem 3,75 Milliarden-Dollar-Kredit stützen mussten (wofür Washington im Gegenzug den Abbau der Empire-Schutzzölle verlangte). Sie äußerte sich später noch Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 298 <?page no="299"?> krasser in der überhasteten Rückgabe des Palästina-Mandats an die UNO und in der Ablehnung weiterer Verantwortung für die Türkei und Griechenland. Vor diesem Hintergrund entschieden sich die USA und Kanada im April 1949 für die Mitgliedschaft im Brüsseler Pakt, den Großbritannien, Frankreich und die Benelux-Länder ein Jahr zuvor zum Schutz gegen ein wiedererstarkendes Deutschland geschlossen hatten. Dem Vertrag über die North Atlantic Treaty Organization (NATO), der zunächst für zwanzig Jahre gelten sollte, traten noch fünf weitere europäische Staaten bei. Er bestimmte, dass ein bewaffneter Angriff auf eines oder mehrere Paktmitglieder in Europa oder Nordamerika als ein Angriff auf alle Verbündeten betrachtet werden würde. Der potenzielle Angreifer, den man im Auge hatte, war nun aber nicht mehr Deutschland, sondern die Sowjetunion. Durch die NATO, für die der Kongress gleich im ersten Jahr 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe bewilligte, verbanden die USA ihr eigenes Schicksal nahezu untrennbar mit dem Westeuropas. Den gleichen Schritt taten die Kanadier, die den Isolationismus der Zwischenkriegszeit ebenfalls überwunden hatten und - trotz fortbestehender kultureller Vorbehalte gegen den American way of life - ihre im Krieg begonnene militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA intensivierten. Die Regierung in Ottawa, die sich als Sprecher einer „Mittelmacht“ zwischen den Supermächten und den schwachen Staaten verstand, legte allerdings mindestens ebenso großen, wenn nicht größeren Wert auf eine konstruktive Mitarbeit in den Vereinten Nationen. Der Nordatlantik-Pakt wurde zum Kern eines weltumspannenden amerikanischen Bündnissystems, das im ersten Nachkriegsjahrzehnt Gestalt annahm und das aus einer Reihe von recht unterschiedlich strukturierten bilateralen und multilateralen Verträgen bestand. Vorangegangen waren bereits der Inter-American Treaty of Reciprocal Assis‐ tance von Rio de Janeiro (Rio-Pakt, 1947), der die kollektive Sicherheit in der westlichen Hemisphäre verbürgen sollte; und die Gründung der Organization of American States (OAS) im Jahr 1948, die den politischen Rahmen für die interamerikanische Koopera‐ tion und Konfliktlösung bildete. In den 1950er Jahren folgten dann ein dreiseitiger Defensivpakt mit Australien und Neuseeland (ANZUS, 1951), der sich ursprünglich gegen Japan richtete; ein Mutual Defense Pact mit den Philippinen (1951); Militär- und Sicherheitsverträge mit Japan (1951 / 1960), Südkorea (1953) und Formosa / Taiwan (1954); die South East Asian Treaty Organization (SEATO, 1954), zu der sich die USA mit Großbritannien, Frankreich, Australien, Neuseeland, Pakistan, Thailand und den Philippinen zusammenschlossen, um den Schutz der Länder des „pazifischen Randes“ zu gewährleisten; sowie schließlich die Central Treaty Organization (CENTO), der umgetaufte Bagdad-Pakt von 1955, der als Bindeglied zwischen NATO und SEATO gedacht war und von dem die USA erwarteten, dass er den Nahen und Mittleren Osten gegen ein sowjetisches Vordringen absichern werde. Washington trat dem Pakt 1956 formell nur als Beobachter bei, übernahm aber nach dem Ausscheiden des Irak 1958 / 59 durch den Abschluss zweiseitiger Beistandsabkommen mit der Türkei, Iran und Pakistan eine führende Rolle. In einer separaten Übereinkunft mit 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 299 <?page no="300"?> Saudi-Arabien sicherten sich die USA strategisch wichtige Luftwaffenstützpunkte gegen Militärhilfeleistungen an Riad. NSC 68 und der Korea-Krieg Im Jahr der NATO-Gründung und der Entstehung zweier deutscher Staaten, 1949, herrschte in der Truman-Administration Krisenstimmung. Im September lagen sichere Hinweise auf einen russischen Atombombenversuch vor, der die Sowjetunion in den Rang einer Supermacht hob. Mit Hilfe ihrer Atomspione in den USA, die erst später enttarnt werden konnten (die Entzifferung der abgefangenen Funksprüche dauerte teilweise bis in die 1960er Jahre), war es den Sowjets gelungen, die Bauzeit ihrer eigenen Atombombe um ca. zwei Jahre zu verkürzen. Der nächste Schlag erfolgte in Asien: Wenige Wochen nach dem sowjetischen A-Bomben-Test mussten die Anhänger Chiang Kai-scheks, den Washington bis zuletzt, wenn auch zunehmend halbherzig, unterstützt hatte, vor den kommunistischen Truppen nach Formosa fliehen. Dieser „Verlust Chinas“ schockierte die amerikanische Öffentlichkeit und brachte die Truman-Admi‐ nistration in Bedrängnis. Anfang 1950 folgte der Abschluss eines sowjetisch-chine‐ sischen Militär- und Wirtschaftshilfevertrags, der die USA mit einem mächtigen kommunistischen „Block“ konfrontierte. Gesteigert wurde die Besorgnis noch durch eine Rezession im eigenen Land und Schwierigkeiten im Handelsverkehr mit Europa und Japan, die den Erfolg von Marshall-Plan und Dodge-Plan in Frage stellten. In dieser Situation beauftragte Truman den Nationalen Sicherheitsrat mit einer generellen Überprüfung der amerikanischen Außenpolitik und der Festlegung neuer diplomati‐ scher und militärischer Prioritäten. Nach ausführlichen, streng geheimen Beratungen auf höchster Ebene lag der Bericht, verfasst hauptsächlich vom neuen Außenminister Dean Acheson und dem Chef des Policy Planning Staff, Paul Nitze, am 7. April 1950 als National Security Memorandum No. 68 dem Präsidenten vor. NSC 68 markierte die ideologischen und praktischen Leitlinien, denen die Politik der USA im Kalten Krieg folgte, und es gilt deshalb seit seiner Veröffentlichung 1977 (und mehr noch seit dem Ende des Kalten Krieges) als eines der wichtigsten Dokumente in der amerikanischen Geschichte. Die Autoren beriefen sich auf die grundlegenden Prinzipien und Werte von Unabhängigkeitserklärung, Verfassung und Bill of Rights und warnten, dass in der Auseinandersetzung mit der expansiven Sowjetunion „die Erfüllung oder Zerstörung nicht nur dieser Republik, sondern der Zivilisation selbst“ auf dem Spiel stehe. Die Idee der Freiheit in einem Rechtsstaat und die Idee der Sklaverei unter der Herrschaft des Kreml seien diametrale, unversöhnliche Gegensätze. Deshalb bedeute in der gegenwärtigen Situation polarisierter Macht „eine Niederlage freier Institutionen an irgendeinem Ort eine Niederlage überall auf der Welt“. Ein Präventivkrieg gegen die neuen totalitären Mächte komme für die USA aus moralischen Gründen nicht in Frage. Vielmehr gehe es darum, durch eine umfassende geistig-materielle Stärkung des eigenen Landes und der Bündnispartner den kommunistischen Expansionsdrang zu brechen und auf diese Weise „eine fundamentale Änderung des sowjetischen Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 300 <?page no="301"?> Systems“ zu bewirken, die möglichst von innen heraus erfolgen sollte. Ein passives containment reiche nicht aus, sondern gefordert sei „in unserem eigenen Interesse die Verantwortung der Weltführerschaft“. Aktive Eindämmungspolitik könne nur auf der Basis militärischer Überlegenheit betrieben werden, aber sie müsse jederzeit eine Tür für Verhandlungen offen lassen, um der Sowjetführung „Rückzüge und Anpassungen in Richtung eines gemäßigten Verhaltens“ zu ermöglichen. Gleichzeitig gelte es, ein Abdriften der Alliierten und potenziellen Verbündeten in die Neutralität zu verhindern: „Wenn dies in Deutschland geschehen würde, wäre die Wirkung auf Westeuropa und am Ende auch auf die USA vermutlich katastrophal.“ Als konkrete Maßnahmen wurden vorgeschlagen eine massive Aufrüstung im konventionellen Bereich und der Bau der Wasserstoffbombe; die Erhöhung der Militär- und Wirtschaftshilfe an verbündete und befreundete Staaten; offene psychologische Kriegführung und verdeckte subversive Interventionen zur Unterminierung des kommunistischen Herrschaftsbereichs; und in den USA selbst die Reduzierung der normalen Staatsausgaben zu Gunsten von Rüstungs- und Zivilschutzprogrammen. Hinter diesem Dokument stand die Vision der „einen Welt“, die das amerikanische Regierungs- und Wirtschaftssystem angeblich zur optimalen Entfaltung benötigte. Sie sollte nun, nachdem sich die Vereinten Nationen in dieser Hinsicht als ungeeignet erwiesen hatten, durch eine Hegemonie der USA verwirklicht werden. Auf der einen Seite war NSC 68 Ausdruck eines manichäischen Weltbildes, das nach klaren Unterscheidungen zwischen „Gut“ und „Böse“ verlangte und das - entgegen den ursprünglichen Absichten Kennans - die Militarisierung des Kalten Krieges förderte. Andererseits deuteten die Verfasser mit ihrer Empfehlung, Verhandlungsspielräume auszuloten und die inneren Schwächen der Sowjetunion zu nutzen, auch schon die Pendelschwünge zwischen Konfrontation und Entspannung an, mit denen die ameri‐ kanische Außenpolitik in den folgenden Jahrzehnten gelegentlich Freund und Feind verwirrte. Im Prinzip hielten sich aber alle amerikanischen Regierungen von Truman bis Bush Senior an die Vorgaben von NSC 68, und die Mehrheit der Bevölkerung blieb bis zum Ende des Kalten Krieges im Banne der Ideologie und Mentalität, die aus dem Memorandum sprechen. Der Ausbruch des Koreakriegs im Juni 1950 trug entscheidend dazu bei, dass das in NSC 68 vorgezeichnete Programm schnell akzeptiert und in die Tat umgesetzt wurde. Nach dem nordkoreanischen Angriff auf den Süden des Landes, den die Amerikaner bereits geräumt hatten, fanden alternative Vorstellungen, wie sie etwa Kennan vertrat, kaum noch Gehör. Am 30. September 1950, als amerikanische Truppen unter dem Kommando General MacArthurs bei Seoul im Rücken der Nordkoreaner gelandet waren, unterzeichnete Präsident Truman das Memorandum und legte die amerika‐ nische Politik damit langfristig fest. Der Koreakrieg muss als Teil eines größeren Ringens um die Länder des „pazifischen Randes“ gesehen werden. Die Amerikaner vermuteten zu Recht, dass Moskau dem nordkoreanischen Präsidenten Kim Il Sung grünes Licht für den Vorstoß über die Demarkationslinie am 38. Breitengrad gegeben hatte. Aus der Sicht Washingtons ging es darum, die Glaubwürdigkeit gegenüber den 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 301 <?page no="302"?> Verbündeten zu wahren, mehr aber noch, die „asiatische Peripherie“ offen zu halten, ohne die Japans Wirtschaft isoliert und stranguliert zu werden drohte. Truman ließ die militärische Gegenaktion, an der sich insgesamt 15 Staaten beteiligten, durch die Vereinten Nationen sanktionieren, wobei ihm zugutekam, dass die Sowjetunion wegen der China-Formosa-Frage gerade den Sicherheitsrat boykottierte. Als der sowjetische Delegierte in den Rat zurückkehrte, verlagerten die USA das Entscheidungszentrum der Weltorganisation durch die uniting for peace-Resolution kurzerhand in die Gene‐ ralversammlung, in der die westlichen Länder noch über eine sichere Mehrheit geboten. Nach der Rückeroberung Südkoreas ignorierte Truman chinesische Warnungen und gab als neues Kriegsziel ein „vereintes, unabhängiges und demokratisches Korea“ aus. Der Vormarsch der UNO-Truppen verwandelte sich jedoch in einen fluchtartigen Rückzug, als im Oktober 1950 die chinesische Armee in den Krieg eingriff. Stalin hatte die zögerliche Führung in Peking zu dieser Intervention gedrängt und sie sogar ermutigt, das Risiko eines Weltkriegs in Kauf zu nehmen, da die Westmächte militärisch noch unterlegen seien. Es bedurfte einer erneuten alliierten Gegenoffensive, um Seoul zurückzuerobern und die Front in der Nähe der alten Demarkationslinie zu stabilisieren. Während ursprünglich laut Umfragen 77 Prozent der Amerikaner Trumans Kurs gutgeheißen hatten, befürworteten nun 66 Prozent einen Truppenabzug, und fast die Hälfte der Befragten hielt die ganze Aktion für einen Fehler. MacArthur wollte dagegen bis zum Sieg weiterkämpfen und notfalls sogar Atombomben gegen China einsetzen. Im April 1951 enthob ihn Truman seines Kommandos, um eine weitere Eskalation zu vermeiden und den Vorrang der zivilen vor der militärischen Führung zu demonstrieren. Politisch schadete dieser spektakuläre Konflikt beiden: Trumans Popularitätskurve fiel derart steil ab, dass der Präsident seine Hoffnungen auf eine Wiederwahl begraben musste, und MacArthur scheiterte 1952 mit seiner Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur der Republikanischen Partei. In Trumans Amtszeit begannen noch Waffenstillstandsverhandlungen, die dann unter Eisenhower im Juli 1953 zu einem Abkommen und zur bis heute fortdauernden Teilung Koreas führten. Für die Amerikaner ging ein verlustreicher Krieg zu Ende, der sie über 54.000 Tote und ca. 100.000 Verwundete kostete und der 54 Milliarden Dollar an Militärausgaben verschlungen hatte. Obgleich in Korea praktisch der Status quo wiederhergestellt worden war, zeitigte der Krieg weltweit bedeutsame wirtschaftliche und politische Konsequenzen. Unter seinem Eindruck verwirklichten die USA das in NSC 68 vorgesehene Rüstungsprogramm, durch das die Eindämmungsstrategie ein materielles Fundament erhielt. Zwischen 1950 und 1953 stiegen die jährlichen Militärausgaben von 13 auf knapp 50 Milliarden Dollar und von 5 auf 13 Prozent des Bruttosozialprodukts; nach einem leichten Rückgang Mitte der 1950er Jahre näherten sie sich bis 1960 diesem Niveau wieder an. Viel Geld wurde dafür verwendet, das weltweite Netzwerk der amerikanischen Stützpunkte auszubauen und zu festigen. Der Mutual Security Act von 1951 fasste die Wirtschafts- und Militärhilfe an die Verbündeten und an Entwicklungsländer zusammen und sah eine generelle Erhöhung der Leistungen vor. In dem Bemühen, den atomaren Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 302 <?page no="303"?> Vorsprung zu festigen, schreckten amerikanische Regierungs- und Militärbehörden - wie einer schockierten Öffentlichkeit erst in den 1990er Jahren offenbart wurde - nicht einmal davor zurück, Strahlenexperimente an nichts ahnenden Soldaten und Zivilisten vorzunehmen. Die erhoffte militärische Überlegenheit wurde allerdings nicht erreicht, da die Sowjetunion ab 1951 / 52 ebenfalls massiv aufrüstete und schon 1953 mit dem Besitz der Wasserstoffbombe gleichzog. Von nun an drehte sich die Spirale des Wettrüstens, die erst Ende der 1980er Jahre zum Stillstand kam. Ökonomisch wirkte die sprunghafte Steigerung der Rüstungsausgaben wie ein gewaltiges Konjunk‐ turprogramm, das die Wirtschaft in den USA und - über amerikanische Aufträge - auch in Kanada, Westeuropa und Japan ankurbelte. Insofern leistete der Koreakrieg einen Beitrag zum deutschen „Wirtschaftswunder“ und zur Überwindung der schweren Nachkriegsprobleme in Japan. Der Koreakrieg bereitete außerdem den Boden für die heftig umstrittene Wiederbe‐ waffnung Westdeutschlands, die in Washington bereits Anfang 1950 im Zusammen‐ hang mit der NSC 68-Studie erwogen worden war. Die Widerstände in der amerikani‐ schen Öffentlichkeit, bei den europäischen Verbündeten und in der Bundesrepublik selbst erlahmten, und auch sowjetische „Friedensoffensiven“ - die Stalin-Noten von 1952 und einige Initiativen während der „Tauwetter“-Periode zwischen Stalins Tod und dem Aufstand in der DDR im Juni 1953 - konnten die Entwicklung nicht mehr aufhalten. Als die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) 1954 am Widerstand des französischen Parlaments scheiterte, setzten sich die USA umgehend dafür ein, die Bundesrepublik in die NATO zu integrieren. Aus der Sicht Washingtons war sie ein unerlässlicher Partner bei der Umsetzung der antisowjetischen Eindämmungsstrategie in Europa. Zugleich wurde die Bundesrepublik selbst aber durch die Mitgliedschaft in der NATO fest an den Westen gebunden und damit „gezähmt“ - ein amerika‐ nischer Kunstgriff, den man rückblickend häufig als dual containment bezeichnet. Die amerikanischen Truppen blieben auf deutschem Boden und wurden sogar noch verstärkt, galten aber nicht länger als „Besatzer“, sondern als NATO-Verbündete, die für die Sicherheit der Bundesrepublik und West-Berlins Mitverantwortung trugen. Washington unterstützte auch weiterhin nachdrücklich den Prozess der europäischen Einigung, der 1957 mit den Verträgen von Rom zur Gründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) eine wichtige Etappe erreichte. Um der teilweise heftigen innerdeutschen Kritik an einer „einseitigen“ Westbindung entgegenzuwirken und die von der Sowjetunion geförderten Neutralitätssehnsüchte in der Bundesrepub‐ lik zu dämpfen, begleitete die US-Regierung ihre Deutschland- und Europapolitik mit einer planmäßigen Propagandakampagne. Sie zielte darauf ab, das Bewusstsein einer westlichen Werte- und Schicksalsgemeinschaft zu fördern, das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der Führungsmacht USA zu steigern und die Einsicht in die Notwendigkeit des westdeutschen Verteidigungsbeitrags zu stärken. Diese Meinungsbeeinflussung, die zuweilen an Manipulation grenzte, stand natürlich in einer gewissen Spannung zu den Bemühungen der Nachkriegszeit, die Deutschen zu mündigen Bürgern zu erziehen. Insgesamt gelang es den Amerikanern in den 1950er 1 Die Anfänge des Kalten Krieges und die Grundlegung der nationalen Sicherheit, 1946 - 1953 303 <?page no="304"?> Jahren aber recht gut, die widersprüchlichen Bedürfnisse einer gleichzeitig Demokra‐ tisierung und hegemoniale Kontrolle anstrebenden Deutschlandpolitik miteinander in Einklang zu bringen. 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 Der McCarthyismus und das Problem der Bürgerrechte Der Koreakrieg wirkte in bedrückender Weise auch nach innen, auf die amerikanische Gesellschaft: Er steigerte die antikommunistischen Emotionen, die durch die Misser‐ folge in Osteuropa und China geweckt worden waren, zu einer hysterischen Verleum‐ dungs- und Verfolgungswelle. Die Dramatik dieses „Feindbildwechsels“ von Japanern und Deutschen zu Russen und Chinesen sowie vom Faschismus zum Kommunismus hing sicher damit zusammen, dass die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges von der amerikanischen Propaganda bewusst in hellen Tönen gemalt worden war. Umso heftiger war nun die Empörung über einen Gegner, der die amerikanische Hilfe offenbar ausgenutzt hatte, um sich selbst Vorteile zu verschaffen und das demokratische System der USA zu unterminieren. Die Furcht vor Verschwörungen, für die sich die Amerikaner in ihrer Geschichte immer wieder anfällig zeigten, fand in spektakulären Spionagefällen wie den Prozessen gegen einen hohen Mitarbeiter des State Department, Alger Hiss, und gegen das Ehepaar Julius und Ethel Rosenberg, die Atomgeheimnisse verraten hatten und 1953 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden, reichlich Nahrung. Die Jagd galt aber nicht nur sowjetischen Spionen, die es unzweifelhaft in beträchtlicher Zahl gab, sondern sie wuchs sich zu einem System der Gesinnungskontrolle aus, von dem hauptsächlich Staatsangestellte, Künstler und Intellektuelle betroffen waren. So gerieten etwa Filmemacher und Schauspieler aus Hollywood in das Fadenkreuz des (noch aus der Vorkriegszeit stammenden) Kongress‐ komitees für Un-American Activities, das ab 1947 öffentliche Anhörungen durchführte. Bereits 1947 hatte die Truman-Administration eine Loyalitätsüberprüfung für Bundes‐ angestellte eingeführt, die gut 3 Millionen Menschen erfasste und über 3000 von ihnen den Job kostete. Staatenregierungen, Gemeindeverwaltungen und Universitäten standen dem in ihrem patriotischen Eifer nicht nach, und die Presse schürte das latente Misstrauen gegen Radikale und Fremde. Selbst die Gewerkschaften verfolgten einen stramm antikommunistischen Kurs und boten sich für die Bekämpfung von Subversion und Sabotage an. Das Justizministerium erreichte 1948 unter Berufung auf den Smith Act aus dem Jahr 1940 die Verurteilung von elf führenden Funktionären der Kommu‐ nistischen Partei der USA, denen allenfalls die rhetorische Befürwortung von Gewalt nachgewiesen werden konnte. Dennoch bestätigte der Supreme Court 1951 die Urteile im Fall Dennis v. US mit der Begründung, der Kongress könne die verfassungsmäßig garantierte Meinungsfreiheit im Interesse der „nationalen Sicherheit“ einschränken. Der McCarran Internal Security Act, den der Kongress im Jahr zuvor über Trumans Veto hinweg verabschiedet hatte, verschärfte die Bestimmungen des Smith Act sogar Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 304 <?page no="305"?> noch. Alle vom Justizministerium als kommunistisch eingeschätzten Organisationen mussten sich registrieren lassen sowie ihre Mitgliederlisten und Finanzen offenlegen. Ausländer, die sich der Subversion verdächtig machten, konnten deportiert werden, und für den Fall eines nationalen Notstandes war eine Art „Schutzhaft“ für potenzielle Saboteure und Spione vorgesehen. Ganz oben auf dieser Welle schwamm der ehrgeizige Joseph R. McCarthy, ein Republikaner aus dem Staat Wisconsin, der 1946 im Alter von 37 Jahren in den Senat gewählt worden war. Dort führte er einen öffentlichen Feldzug zur Aufdeckung kommunistischer Umtriebe, mit dem er ab 1950 ganz Amerika in Atem hielt. Nach den Wahlen von 1952 avancierte er zum Vorsitzenden eines Untersuchungsausschusses, der Angehörige von Ministerien und Behörden inquisitorischen Verhören unterzog. Den meisten Anklang fanden McCarthys Kampagnen bei den Republikanern des Mittleren Westens, die den New Deal verabscheuten und Trumans internationalistische Außenpolitik ablehnten. Anfällig zeigten sich aber auch viele einfache Leute, die McCarthys Aversionen gegen die Gebildeten und „Privilegierten“ teilten. Präsident Eisenhower wagte nicht einzuschreiten, obwohl ihm das Treiben des Senators keines‐ wegs geheuer war. Erst als McCarthy 1954 die Armee zum Angriffsobjekt wählte und sich bei den im Fernsehen übertragenen Hearings selbst bloßstellte, erteilten ihm seine Senatorenkollegen eine Rüge und begann sein Stern in der Öffentlichkeit rasch zu sinken. Völlig isoliert starb er 1957 an den Folgen von chronischem Alkoholmissbrauch. Im McCarthyismus manifestierte sich der Drang der „Mittelklassegesellschaft“, ihre eigenen Normen allgemein verbindlich zu machen und politisch-kulturelle Ab‐ weichungen vom akzeptierten Meinungsspektrum in möglichst engen Grenzen zu halten. Das war im Grunde die Kehrseite des „liberalen Konsens“, einer breiten, har‐ monieorientierten Übereinstimmung in den zentralen Fragen des politischen Lebens, die der Historiker Louis Hartz 1955 in seinem klassischen Werk The Liberal Tradition in America auf die einzigartige geschichtliche Erfahrung der Amerikaner zurückführte. Glücklicherweise erwies sich das Phänomen des McCarthyismus - ähnlich wie der Red Scare der frühen 1920er Jahre - eher als ein Ausläufer des Weltkrieges denn als dauerhafte Begleiterscheinung des Kalten Krieges. Die gesellschaftliche Moderni‐ sierung, die der New Deal und der Krieg beschleunigt hatten und die sich in der Prosperität der 1950er Jahre fortsetzte, bewirkte nämlich einen tiefgreifenden Normen- und Wertewandel, der die geruhsame Konformität allmählich aufweichte und zu neuer, kritischer Selbstbesinnung zwang. Das erste Anzeichen dieses Umdenkens war der juristische Paradigmenwechsel, den der Supreme Court 1954 mit dem Urteil im Fall Brown v. Board of Education of Topeka auf dem Gebiet der Rassentrennung und der Bürgerrechte vollzog. Unter dem Vorsitz des neuen Chief Justice Earl Warren, dem ehemaligen Gouverneur von Kalifornien, schlossen sich alle Richter der Argu‐ mentation des schwarzen NAACP-Anwalts (und späteren Bundesrichters) Thurgood Marshall an, wonach die Segregation im Bildungswesen das Selbstwertgefühl der afroamerikanischen Kinder minderte und dauerhafte seelische und soziale Schäden bewirkte. Nach einstimmiger Ansicht des Gerichts verstieß die Rassentrennung in 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 305 <?page no="306"?> öffentlichen Schulen gegen das 14. Amendment von 1868, das die Einzelstaaten verpflichtete, ihren Bürgern die equal protection of the law zu gewährleisten. Mit der Begründung, dass „getrennte Bildungseinrichtungen notwendigerweise ungleich“ seien, hob der Supreme Court die seit 1896 geltende separate but equal-Doktrin offiziell auf. Im Anschluss an einen Busboykott in Montgomery, Alabama, den der schwarze Baptistenpfarrer Dr. Martin Luther King Jr. organisiert hatte - Auslöser war die Verhaftung der schwarzen Bürgerrechtlerin Rosa Parks (1913-2005) gewesen, die sich im Dezember 1955 geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus für einen männlichen weißen Fahrgast zu räumen -, erklärten die Richter 1956 auch die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln für verfassungswidrig. Damit begann eine Periode „aktivistischer“ Rechtsprechung, in der die Gerichte, allen voran der Supreme Court, zum Motor gesellschaftlicher Reformen wurden. In die Urteile flossen nun modernes Rechtsdenken und neue soziologische Erkenntnisse ein, die das bisherige Rassenverständnis radikal in Frage stellten. Abb. 18: Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. Im Hintergrund ist Präsident Lyndon B. Johnson zu sehen Die empörten Reaktionen weißer Südstaatler, die das Brown-Urteil als klaren Miss‐ brauch der judicial power brandmarkten, eine Amtsanklage gegen Warren forderten und eine Kampagne des massiven Widerstands (massive resistance) starteten, brachten das Gericht nicht von seinem Kurs ab. Sie veranlassten es allein dazu, den Staaten mehr Zeit zum Abbau der Rassenschranken zu geben. Wenig Rückendeckung erhielt der Supreme Court von der Eisenhower-Administration und vom Kongress, die sich scheuten, das heiße Eisen der Rassenbeziehungen anzufassen. Als der Gouverneur Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 306 <?page no="307"?> von Arkansas 1957 schwarzen Schülern den Zugang zu einer High School in Little Rock verweigerte, schickte Eisenhower aber Truppen zu ihrem Schutz in den Süden und stellte die Nationalgarde des Staates Arkansas unter Bundesaufsicht. Auch nach diesem Zwischenfall, der weltweites Aufsehen erregte, blieb der weiße Widerstand ungebrochen und machte die Rassenintegration an den Schulen des „tiefen Südens“ nur minimale Fortschritte. Andererseits besaß die entstehende afroamerikanische Protestbewegung im Süden nun eine Handhabe, die es ihr erlaubte, die Forderungen nach rechtlicher und sozialer Gleichheit mit größerem Nachdruck vorzubringen. Außerdem weckte gerade die hartnäckige Resistenz der konservativen Südstaatler den Reformwillen im Rest der Nation und sensibilisierte die Öffentlichkeit für Rassen- und Grundrechtsfragen. Obwohl also praktische Erfolge zunächst noch weitgehend ausblieben, trat ein Bewusstseinswandel ein, der dem System der Rassentrennung allmählich die Legitimität entzog. In einer erstaunlichen Wende schlug das Meinungs‐ klima innerhalb des nächsten Jahrzehnts von einer relativen Geringschätzung zur energischen Verteidigung der Grundrechte um. Der Begriff „liberal“ verband sich nicht nur mit dem Kampf gegen die Rassentrennung, sondern erhielt darüber hinaus eine zunehmend individualistische Färbung: Der einzelne Bürger pochte auf die verfas‐ sungsmäßigen civil rights and liberties und erwartete von den Gerichten, dass sie seine Privatsphäre besser als bisher gegen Zumutungen des Staates und der Gemeinschaft schützten. Damit wuchs aber das Potenzial für politische und soziale Konflikte, deren Abwesenheit die Theoretiker des „liberalen Konsens“ gerade als das hervorstechende Merkmal der amerikanischen Lebensart rühmten. Leistungen und Widersprüche der Wohlstandsgesellschaft Die beiden Nachkriegsjahrzehnte haben sich als die Periode des „langen Booms“, als „Glanzzeit des modernen amerikanischen Kapitalismus“, ins kollektive Gedächtnis der Nation eingeprägt. Gestützt auf ihre weltweite Dominanz und technologische Überlegenheit entfaltete die amerikanische Wirtschaft eine Dynamik, die nicht nur den Reichen und Mächtigen zugutekam, sondern - mehr noch als in den 1920er Jahren und während des Zweiten Weltkrieges - auch der breiten Masse der Bevölkerung. Der Konjunkturzyklus konnte zwar nicht völlig ausgeschaltet werden, aber insgesamt befand sich die Wirtschaft ab 1947, als die Umstellung auf die Friedenswirtschaft voll‐ zogen war, besser im Gleichgewicht als jemals zuvor seit Beginn der Industrialisierung. Das reale Bruttosozialprodukt, gemessen am Wert des Dollars von 1958, wuchs von 213 Milliarden 1945 auf über 500 Milliarden 1960 und erreichte 1970 eine Billion Dollar. Im Jahresschnitt lag das Wirtschaftswachstum bei 4 Prozent - ein Wert, der nach 1970 nur noch selten erreicht wurde. Die Inflationsrate bewegte sich zwischen zwei und drei Prozent und stieg erst ab Mitte der 1960er Jahre infolge des Vietnamkrieges wieder stärker an. Von 1945 bis 1970 wurden über 25 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, und mit Ausnahme der Rezessionsjahre 1957 / 58, als die Arbeitslosenquote fast 8 Prozent betrug, herrschte praktisch Vollbeschäftigung. Im selben Zeitraum 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 307 <?page no="308"?> erhöhte sich das durchschnittliche Realeinkommen um ca. 80 Prozent, allerdings ohne dass sich die ungleiche Einkommensverteilung geändert hätte. 1940 hatten 42 Prozent der Familien ein Eigenheim besessen, 1960 traf das schon auf 62 Prozent zu. Um diese Zeit gehörten Auto, Waschmaschine, Fernseher, Telefon, Staubsauger, Geschirrspüler und andere elektrische Haushaltsgeräte zum Standard, lange bevor sie in Europa für den Durchschnittsbürger erschwinglich wurden. Der freie Samstag, acht Feiertage (statt bisher vier) und zwei Wochen bezahlten Urlaubs sorgten für mehr Freizeit, die hauptsächlich für Unterhaltung und Reisen genutzt wurde. Die Entstehung von Hotel- und Restaurantketten wie Holiday Inn (1952) und McDonalds (1954) sowie die Eröffnung des ersten nationalen Vergnügungsparks „Disneyland“ in Kalifornien 1955 signalisierten das Aufkommen einer „Freizeitindustrie“, die bald zu einer der größten Wachstumsbranchen werden sollte. Ausgestattet mit einem starken Dollar, konnten es sich von Jahr zu Jahr mehr Amerikaner erlauben, ihren Urlaub im Ausland zu verbringen. Fluggesellschaften wie Pan American Airways (Pan Am), die Teil einer boomenden zivilen Luftfahrtindustrie waren, brachten sie dorthin. Häufig erregten sie entweder als zahlungskräftige, aber wenig einfühlsame bis instinktlose ugly Americans Anstoß, oder sie wurden als Sendboten eines durch Coca-Cola, Rockmusik und Hollywoodstars wie Marilyn Monroe symbolisierten, optimistischen American way of life willkommen geheißen. Die Konsumfähigkeit der amerikanischen Familien erhöhte sich nicht zuletzt des‐ halb, weil immer mehr Frauen aktiv am Wirtschaftsleben teilnahmen. Während 1950 weniger als 30 Prozent der Frauen erwerbstätig waren, hatten 1970 schon über 43 Prozent einen Job, und im gleichen Zeitraum stieg der weibliche Anteil an der Arbeiterschaft von knapp 28 auf 38 Prozent. Für die Mittelschicht wurde auch die College-Bildung, die der Kongress schon 1944 durch den Servicemen’s Readjustment Act (im Volksmund GI Bill of Rights genannt) den heimkehrenden Soldaten ermöglicht hatte, immer selbstverständlicher. Der Prozentsatz der 19-jährigen Amerikanerinnen und Amerikaner, die ein College besuchten, verdreifachte sich zwischen 1940 und 1960 von 15 auf 45 Prozent. Werbung und Industrie nahmen sich der jungen Generation als einer wichtigen „Zielgruppe“ an, die möglichst früh am Konsum teilhaben sollte. Im Rahmen der allgemeinen Konsumkultur bildete sich eine eigene Jugendkultur heraus, deren Idole Filmschauspieler wie James Dean und Marlon Brando oder Rocksänger wie Elvis Presley waren und deren Ausläufer bald auch Europa erreichten. Diese Kultur barg bereits Elemente der Kritik und des Protests, die ältere Zeitgenossen befremdeten oder sogar ängstigten, aber bis in die Mitte der 1960er Jahre überwogen Anpassung und Konformität. Wie schon während der Golden Twenties warnten einzelne Schriftstel‐ ler, Wissenschaftler und Intellektuelle vor sinnentleertem Materialismus, kultureller Nivellierung und Entfremdung in einer anonymen Massengesellschaft. Wiederum wog aber für die meisten Amerikaner der Zugewinn an persönlicher Autonomie und Entscheidungsfreiheit, den der steigende Wohlstand erbrachte, die Nachteile des consumerism mehr als auf. Da die „Massen“ mehr und mehr die ökonomischen und bildungsmäßigen Voraussetzungen erfüllten, um am Kulturprozess teilzunehmen, Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 308 <?page no="309"?> verlor der Begriff „Massenkultur“ (popular culture) aus amerikanischer Perspektive allmählich seinen abschätzigen Beiklang. Amerikanische Künstler wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg reflektierten diesen Wandel, indem sie Motive und Gegenstände aus dem Alltagsleben - häufig in ironisierender Verfremdung - aufgriffen und zur Schau stellten. Zugleich überwanden die Vertreter dieser Pop(ular) Art auch ihre Scheu vor dem kapitalistischen Kunstmarkt und der Massenproduktion von Kunst. Die Entstehung der Wohlstandsgesellschaft (affluent society), wie der Ökonom John Kenneth Galbraith das neue Phänomen 1958 bezeichnete, verdankten die Amerikaner der günstigen weltpolitischen Konstellation, einem weiteren Rationalisierungs- und Technisierungsschub in Industrie und Landwirtschaft und den Erkenntnissen des Keynesianismus, die das staatliche Handeln mehr und mehr beeinflussten. Die Rah‐ menbedingungen der Weltwirtschaft waren ganz auf die Interessen der amerikanischen Wirtschaft zugeschnitten, die bei Kriegsende 50 Prozent des Welt-Bruttosozialpro‐ dukts erwirtschaftete, 60 Prozent aller Industrieprodukte herstellte und knapp die Hälfte des Welthandels bestritt. Sie allein verfügte über die nötigen Reserven, um die Kriegszerstörungen wettzumachen und den Bedarf zu befriedigen, der sich in Europa, Lateinamerika und Asien seit der Krise der 1930er Jahre angestaut hatte. Die technologischen Durchbrüche, die während des Krieges auf vielen Gebieten erzielt worden waren, stimulierten die Produktivität. Erfindungen und Innovationen konnten von den großen amerikanischen Konzernen am besten und schnellsten umgesetzt werden. Sie verstanden es, Bundesmittel für Forschung und Entwicklung zu beschaffen, sie strafften Planung und Management, setzten Computer ein, diversifizierten die Produkte und steigerten ihre multinationalen Aktivitäten. Neben der Automobil- und Luftfahrtindustrie wurden Chemie und Elektronik zu den Schlüsselsektoren einer permanenten technologisch-industriellen Revolution. Ein mindestens ebenso dramatischer Umbruch fand in der Landwirtschaft statt, wo sich die Agro-Industrie endgültig gegen die Familienfarm durchsetzte. Zwischen 1945 und 1970 ging der Anteil der Amerikaner, die auf dem Land lebten, von 17,5 auf 4,7 Prozent zurück, was einer Abwanderung von 25 Millionen Menschen in die Städte entsprach. Der Widerstand gegen die Konzentration wirtschaftlicher Macht schwand allmählich dahin, da die für Anti-Trust-Maßnahmen zuständigen Politiker zu der Einsicht gelangten, dass nur leistungsfähige Großunternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen konnten. Gleichzeitig verloren die Gewerkschaften weiter an Einfluss: Ihr Aufstieg war schon 1947 vom republikanischen Kongress durch den Taft-Hartley Act gebremst worden, der die Zwangsmitgliedschaft in Form des closed shop für illegal erklärte und die Verwendung von Beiträgen für politische Zwecke untersagte. AFL und CIO schlossen sich zwar 1955 zusammen, konnten aber nicht verhindern, dass der Grad der gewerk‐ schaftlichen Organisation vom Höchststand des Jahres 1946 (37 Prozent) immer weiter absank. Übermäßige Bürokratisierung und Korruptionsaffären höhlten das Ansehen der Gewerkschaften aus, aber die Hauptursache dieser Entwicklung ist im Übergang von der Industriezur Dienstleistungsgesellschaft zu suchen, bei dem die USA - wie 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 309 <?page no="310"?> in vielem anderen auch - weit voraus waren: Während der Anteil der in der Industrie Beschäftigten stagnierte, nahm der Dienstleistungssektor ab 1950 kontinuierlich zu und umfasste 1970 schon ca. 65 Prozent der Erwerbstätigen. In weit höherem Maße als jemals zuvor trug nun der Staat durch direkte und indi‐ rekte Ausgaben zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Mehrung des Wohlstands bei. Ein Beispiel ist der Bundesfernstraßenbau, der 1947 eingeleitet und 1956 im großen Stil fortgesetzt wurde und der nicht zuletzt an den postulierten Erfordernissen der „nationalen Sicherheit“ ausgerichtet war. Über die Förderung des Wohnungsbaus, des Bildungswesens und der wissenschaftlichen Forschung sowie über verbesserte Sozial‐ leistungen flossen ebenfalls staatliche Gelder in den Wirtschaftskreislauf. Am stärksten fielen aber die Rüstungsausgaben ins Gewicht, mit denen der Bund ganze Wirtschafts‐ zweige und Regionen subventionierte und den aus dem Weltkrieg hervorgegangenen „militärisch-industriellen Komplex“ vergrößerte. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Bundesregierung auch ein bedeutender Arbeitgeber, denn die Zahl ihrer zivilen und militärischen Bediensteten stieg von ca. 2,5 Millionen 1950 auf über 6 Millionen 1970. Parallel dazu erhöhte sich die Zahl der Posten, die Einzelstaaten, Kreise, Städte und Gemeinden vergaben, um weitere ca. 6 Millionen. Zusammengenommen waren 1970 etwa 17 Millionen Amerikaner im Staatsdienst oder beim Militär beschäftigt, gegenüber ca. 7,5 Millionen zwanzig Jahre zuvor. Die Aufrüstung stimulierte einerseits die Forschung und das Wirtschaftswachstum, bewirkte andererseits aber auch problematische Verzerrungen. Ganz abgesehen davon, dass militärische Erwägungen starken Einfluss auf die Politik gewannen, lagen die Gefahren des military Keynesianism darin, dass er eine Subventionsmentalität bei den Rüstungsunternehmen förderte und zur Vernachlässigung der zivilen Wirtschaft beitrug. Schon Ende der 1950er Jahre machte sich zudem das Phänomen des dollar drain unangenehm bemerkbar, weil die Militärausgaben in Übersee, insbesondere für die Stationierung von Hunderttausenden amerikanischer Soldaten in Europa, die Exportüberschüsse aufzehrten. Eine weitere Quelle des Dollarabflusses waren die riesigen Investitionen, die US-Konzerne im Ausland tätigten. Diese „Multis“ (multinational corporations) nutzten zum einen das niedrigere Lohnniveau in Europa, Lateinamerika und Asien aus und übersprangen zum anderen die immer noch relativ hohen Zollschranken der EWG und asiatischer Länder. Konservativen Politikern und Ökonomen bereitete außerdem die wachsende Staatsverschuldung Sorgen, doch die „Keynesianer“ versicherten, dass sie gemessen am Bruttosozialprodukt und am Reich‐ tum des Landes unbedenklich sei. Mit dem Aufschwung in Westeuropa und Japan, zu dem die USA maßgeblich beitrugen, ging ihr eigener Anteil am Welthandel zurück und nahm die relative Bedeutung der amerikanischen Volkswirtschaft im kapitalistischen System ab. Manche Beobachter, die den Zustand der 1950er Jahre zur Richtschnur erhoben, sahen darin schon die beginnende Erosion der amerikanischen Weltmacht. Im Grunde handelte es sich aber um einen normalen Vorgang, da die ökonomische Pax Americana der frühen Nachkriegszeit ganz wesentlich auf der (Selbst-)Ausschaltung der Konkurrenten in Europa und Asien beruht hatte. Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 310 <?page no="311"?> Wie schon der Hinweis auf die Landflucht zeigt, hielt auch der rasche demogra‐ phische Wandel an, der zu den hervorstechendsten Merkmalen der amerikanischen Geschichte gehört. Nach der Aufnahme von Hawaii und Alaska in die Union, die 1959 erfolgte, zählten die nunmehr 50 Staaten fast 180 Millionen Einwohner, ein enormer Zuwachs von 40 Millionen oder knapp 30 Prozent gegenüber 1945. Die Ursachen waren - in dieser Reihenfolge - der Baby Boom der frühen Nachkriegszeit, die anstei‐ gende Lebenserwartung und sinkende Kindersterblichkeit sowie die Einwanderung. Unter Baby Boom versteht man die signifikante Abweichung vom langfristigen Trend der fallenden Geburtenrate, die nach Überwindung der Depression Ende der 1930er Jahre begann und - mit einer kurzen Unterbrechung im Krieg - bis zum Beginn der 1960er Jahre anhielt. Den Höhepunkt bildete der Zeitraum von 1948 bis 1953, in dem mehr Kinder geboren wurden als in den vorangegangenen dreißig Jahren. Es handelte sich dabei also nicht nur um eine Reaktion auf die Kriegsverluste, sondern um das Zusammenwirken mehrerer Faktoren wie die Rückkehr zu traditionellen Geschlech‐ terrollen (Frauen als Ehefrauen und Mütter, Männer als Broterwerber), Rückgang des Heiratsalters, niedrige Scheidungsrate und Wunsch der jungen Familien, viele Kinder zu haben, der durch die Prosperität und den Optimismus der Nachkriegszeit gefördert wurde. Gleichzeitig bewirkten die Fortschritte der Medizin, dass mehr Kinder am Leben blieben und dass die durchschnittliche Lebenserwartung insgesamt deutlich anstieg: zwischen 1940 und 1960 für weiße Amerikaner von 64,2 auf 70,6 Jahre, für Afroamerikaner von 53,1 auf 63,6 Jahre. In der Einwanderungspolitik hielt der Kongress bis 1965 im Prinzip an der Quoten‐ politik der 1920er Jahre fest, die in erster Linie eine Drosselung und Kontrolle der Immigration bezweckte. Ganz auf dieser Linie lag der Immigration and Nationality Act (McCarran-Walter Act) von 1952, der zusätzlich dem McCarthyismus Tribut zollte. Das Gesetz listete nicht weniger als 32 Ausschlussgründe auf, darunter die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei, und verschärfte die Deportationsvorschriften für unerwünschte Ausländer. Andererseits erhielten nun auch asiatische Länder kleine Einwanderungsquoten, nachdem 1943 mit der Aufhebung des Chinese Exclusion Act (als Entgegenkommen an Chiang Kai-schek) und 1946 mit einem Sonderstatus für die unabhängigen Philippinen erste Lockerungen in dieser Richtung erfolgt waren. Eine weitere Neuerung, die sich als ausbaufähig erwies, betraf das Präferenzsystem für beruflich und bildungsmäßig besonders gut qualifizierte Antragsteller. Die meisten Einwanderer kamen in diesem Zeitraum aber nicht über die Quoten in die USA, sondern durch Ausnahmeregelungen, mit denen der Kongress auf besondere Umstände und Notlagen reagierte. So gestattete er 1946 durch den War Brides Act 120.000 Ehefrauen und Kindern von amerikanischen Soldaten aus Europa und Asien die Einreise. Mehrere Sondergesetze, die zwischen 1948 und 1953 verabschiedet wurden, ebneten insgesamt ca. 600.000 Displaced Persons - Vertriebene und Flüchtlinge aus Deutschland, Osteuropa und Korea - den Weg in die USA. Ähnliche Maßnahmen ergriff der Kongress nach dem Aufstand in Ungarn 1956 und nach dem sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968. Aus dem zerstörten Deutschland gelangte 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 311 <?page no="312"?> also nach 1945 ein letzter „Schub“ von Auswanderern in die USA, der die Zahl der deutschen Immigranten seit der Kolonialzeit auf über 7 Millionen ansteigen ließ, was gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch einem Anteil von über 10 Prozent an der gesamten Einwanderung entspricht. Die Neuankömmlinge aus Deutschland und Europa wurden in den 1950er und 1960er Jahren jedoch zahlenmäßig bereits deutlich von lateinamerikanischen Immigranten übertroffen. Dazu gehörten in erster Linie Mexikaner, die z. T. im Rahmen des Bra‐ cero-Programms als Saisonarbeiter angeworben wurden und die sich hauptsächlich im Südwesten, aber auch in Großstädten wie Chicago, Detroit, Kansas City und Denver niederließen. Puertoricaner, die seit 1917 US-Staatsbürger waren und deren Insel 1952 den Status eines Commonwealth erhielt, zog es vor allem in den Großraum New York, wo sie bald eine beachtliche Minderheit bildeten. Nach dem Sieg Fidel Castros 1959 flohen über 500.000 Kubaner in die USA und verwandelten Miami und andere Städte Floridas innerhalb kurzer Zeit in zweisprachige Metropolen. Das Bevölkerungswachstum durch Baby Boom, steigende Lebenserwartung und Immigration ging einher mit einer starken Binnenwanderung, die ganze Regionen, insbesondere den ländlichen Süden und Mittleren Westen, „ausdünnte“ und die Städte weiter anschwellen ließ. Der fortdauernde Exodus schwarzer Farmer und sharecroppers, die sich vom Baumwollanbau nicht mehr ernähren konnten, führte dazu, dass 1960 die Hälfte aller Afroamerikaner außerhalb des Südens lebte. Zugewinne erzielten vor allem Kalifornien und der Südwesten mit Texas, die überproportional vom Aufschwung der Rüstungsindustrien profitierten. Hier kündigte sich die Entstehung des „Sonnengürtels“ (sun belt) an, der die traditionellen Industriegebiete des Nordostens als bevorzugte Wachstumszone ablösen sollte. Eine der Voraussetzungen für diese Entwicklung bildete die Verfügbarkeit von Klimaanlagen, die das Leben in den heißen Regionen des Südens und Südwestens erträglich und sogar angenehm machten. In den Städten setzte sich der Prozess der „Suburbanisierung“ fort, der schon in den 1920er Jahren begonnen hatte: Um 1960 wohnte schon ein Drittel der Amerikaner, hauptsächlich weiße Mittelschichtsfamilien, in den suburbs und nahm für diesen Komfort weite Wege zur Arbeit in Kauf. Die alten Formen der Rassentrennung und Diskriminierung wurden auf diese Weise durch eine geographische Segregation ergänzt, die selbst Angehörige der wachsenden afroamerikanischen Mittelschicht nur schwer durchbrechen konnten. Den eklatantesten Widerspruch zur amerikanischen Wohlstandsgesellschaft bilde‐ ten die Zustände im ländlichen Süden und mehr noch in den Slums und Ghettos der großen Städte, in denen sich Armut, Drogenkonsum und Gewalt dauerhaft einnisteten. Projekte zur Stadterneuerung und „Revitalisierung“ der Innenstädte bewirkten häufig nur eine Verlagerung der Problemzonen von einem Stadtteil zum anderen. 1960 lebten ca. 45 Millionen Menschen unterhalb der amtlich definierten Armutsgrenze von 3000 Dollar Jahreseinkommen pro Familie, die meisten von ihnen Afroamerikaner und Neueinwanderer aus Lateinamerika und der Karibik. Die Bundesregierung ignorierte diese Probleme weitgehend oder hielt sich weiterhin bewusst aus den Rassen- und Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 312 <?page no="313"?> Minderheitenfragen heraus, um politisches Ungemach zu vermeiden. Besuchern aus Europa stach der scharfe Kontrast zwischen Reichtum und Armut, Überfluss und Verwahrlosung oft stärker ins Auge als den Amerikanern selbst, die an solche Formen der sozialen Ungleichheit gewohnt waren. Allmählich wuchs aber in der Bevölkerung die Bereitschaft, endlich auch die benachteiligten Minderheiten am American Dream von Freiheit, sozialem Aufstieg und Wohlstand für alle teilhaben zu lassen. Politische Kontinuität und Immobilismus in den 1950er Jahren Trotz des raschen Wandels in vielen Bereichen der Gesellschaft zeichnete sich die Politik bis zu Beginn der 1960er Jahre durch ein hohes Maß an Kontinuität und durch eine altmodisch anmutende Geruhsamkeit aus. Soziologen sprachen von einer „selbstgefälligen Gesellschaft“ (complacent society), und der Politikwissenschaftler Daniel Bell sah 1960 das „Ende der Ideologie“ gekommen, da die Amerikaner nunmehr davon ausgingen, dass alle Konflikte über Wirtschaftswachstum zu lösen seien. Diese vertrauensvolle Zuversicht hatte sicher auch mit der Person des Präsidenten Dwight D. Eisenhower zu tun, den die Wähler 1952 und noch einmal 1956 mit großer Mehrheit seinem Konkurrenten, dem intellektuellen Demokraten Adlai E. Stevenson, vorzogen. Liebevoll „Ike“ genannt, gab der eher unpolitische Weltkriegsgeneral eine populäre Vaterfigur ab, wie sie den Konsens- und Harmoniebedürfnissen breiter Schichten entgegenkam. Das öffentliche Leben wurde beherrscht von einem unreflektierten Patriotismus, der gelegentlich die Grenze zur Selbstbeweihräucherung überschritt. Nach dem Erlebnis der Großen Depression, des New Deal und des Zweiten Weltkrieges verstanden sich die Amerikaner nun ganz fraglos als eine Nation und betrachteten ihr Gemeinwesen als einen Nationalstaat. Dieser Bewusstseinswandel kam schon darin zum Ausdruck, dass Institutionen, die man früher als „Federal“ bezeichnet hätte, nun durchweg das Attribut „National“ im Namen führten, wie etwa der National Security Council oder die 1958 gegründete National Aeronautics and Space Administration (NASA). Das Sternenbanner schmückte nicht nur öffentliche Gebäude und Einkaufs‐ zentren (shopping malls), sondern tauchte zunehmend in den Fenstern und Vorgärten von Privathäusern auf, und die Nationalhymne wurde bei jedem einigermaßen wich‐ tigen Anlass und bei Sportereignissen gespielt. Durch Autobahnen und Flugverkehr rückten die Amerikaner einander näher, und selbst die Konsumgewohnheiten schienen dazu beizutragen, Klassengegensätze und regionale wie ethnische Unterschiede in einer homogenen amerikanischen Nationalkultur aufzuheben. Halt und Orientierung bot auch die Religion, die nach wie vor eng mit den traditio‐ nellen Werten, insbesondere mit der Hochschätzung der Familie, verknüpft war. Die Amerikaner widerlegten eindrucksvoll die Vorhersage, die Religionen würden im Zuge der gesellschaftlichen Rationalisierung und Säkularisierung an Bedeutung verlieren oder sogar verschwinden. Ganz im Gegenteil steigerte die wachsende Komplexität der Lebenswelten offenbar in den Vereinigten Staaten das Verlangen nach religiösen Bindungen. Kirchenmitgliedschaft und Kirchenbesuch nahmen in den 1950er Jahren 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 313 <?page no="314"?> nicht ab, sondern noch zu. Charismatische Prediger wie der Baptist Billy Graham lösten neue Erweckungsbewegungen aus, und sie lernten auch rasch, sich des modernen Massenmediums Fernsehen zu bedienen. Obgleich die Gerichte immer strenger auf die Beachtung des Jefferson’schen Grundsatzes der Trennung von Kirche und Staat achteten, wurden die Verfassungsverehrung selbst und die Symbole und Rituale der civil religion nicht in Frage gestellt. Vielmehr ließ der Kongress die Geldscheine und Münzen mit der Aufschrift „In God We Trust“ versehen, und Eisenhower eröffnete die Kabinettssitzungen mit einem Gebet. Millionen von Amerikanern pilgerten von nun an jedes Jahr in die Hauptstadt Washington, um an den großen Denkmälern - dem 1885 vollendeten Washington-Monument, dem von 1915 bis 1922 erbauten Lincoln Memorial und dem Jefferson Memorial von 1939 - sowie auf dem Heldenfriedhof in Arlington und in den Museen entlang der Mall nationale Geschichte und Kultur in sich aufzunehmen. Während in Europa nach dem Krieg eine skeptische Grundstimmung herrschte, verstärkten in den USA der „Sieg über das Böse“ in Gestalt des Nationalso‐ zialismus und die Herausforderung durch den atheistischen Kommunismus offenbar das Bewusstsein, dass ein höheres Wesen die Weltgeschichte lenkte und mit Hilfe der Vereinigten Staaten ihren Sinn offenbarte. Weitgehend einig war man sich auch darin, dass das amerikanische Wirtschafts‐ system keiner strukturellen Änderungen bedurfte, da es für genügend Wachstum sorgte, um den Wohlstand der Nation zu mehren und dem Einzelnen gute Aufstiegs‐ möglichkeiten zu bieten. Eisenhower kritisierte zwar den „militärisch-industriellen Komplex“, entwickelte aber während seiner Amtszeit eine beachtliche Fertigkeit in der „korporativen“ Partnerschaft mit dem Unternehmertum. Er verstand es, sich als „Präsident über den Parteien“ darzustellen, deren Ansehen und Mobilisierungskraft nachgelassen hatten. Nach außen wirkte sein Regierungsstil zurückhaltend und betu‐ lich, in Wirklichkeit hielt er die Zügel jedoch im Rahmen der später so genannten hidden hand presidency straff in der Hand. Die Außenpolitik der Eisenhower-Administration In der Außenpolitik wahrten Eisenhower und sein Außenminister John Foster Dulles Kontinuität und bauten das von Truman begonnene Bündnissystem weiter aus. Wie alle ihre Nachfolger mussten sie die Erfahrung machen, dass langfristige Pläne nicht selten durch plötzliche Krisen durchkreuzt wurden und dass außenpolitische Entschei‐ dungen ebenso oft mit Erfordernissen der Innenpolitik kollidierten. Höchste Priorität hatte die Festigung der NATO unter Einschluss der Bundesrepublik Deutschland, um mit der Sowjetunion von einer Position der Stärke aus verhandeln zu können. Eisenhower setzte auf die atomare Überlegenheit der USA und die Wirksamkeit der Drohung mit „massiver Vergeltung“ (massive retaliation), die Einsparungen bei der konventionellen Rüstung zu ermöglichen schien. Sowjetische Fortschritte bei der Beherrschung der Wasserstoffbombe und in der Raketentechnik verwandelten diesen Vorsprung jedoch recht bald in ein „nukleares Patt“. Das entwertete die Strategie der Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 314 <?page no="315"?> Abschreckung, auch wenn es - anders als Experten der Ford Foundation Ende 1957 unter dem Eindruck des „Sputnik-Schocks“ im Gaither Report behaupteten - niemals eine „Raketenlücke“ zum Nachteil der USA gegeben hat. Entgegen den Empfehlungen des Berichts hielt die Eisenhower-Administration die jährlichen Rüstungsausgaben unter 50 Milliarden Dollar, begegnete der technologischen Herausforderung durch die Sowjetunion aber durch die Gründung der NASA und ein nationales Erziehungspro‐ gramm, das besonderen Nachdruck auf Naturwissenschaften und Sprachen legte. Selbst zu Zeiten amerikanischer Überlegenheit blieb das von Dulles versprochene „Zurückdrängen“ (roll back) des sowjetischen Einflusses allerdings frommer Wunsch. Die westlichen Geheimdienste unternahmen zwar Operationen zur Destabilisierung der Regimes hinter dem „Eisernen Vorhang“, doch sie waren entweder zu dilettan‐ tisch angelegt oder wurden schon in einem frühen Stadium von der sowjetischen Gegenspionage aufgedeckt und vereitelt. Als sich 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn Gelegenheiten zum militärischen Eingreifen boten, übte die amerikanische Regierung Zurückhaltung und tat alles, um eine Eskalation zu verhindern. Im ersten Fall warnte sie Bonn davor, Öl ins Feuer zu gießen, und beschränkte sich auf eine propagandistische Ausschlachtung des Volksaufstandes vom 17. Juni; im zweiten Fall war ihr Handlungsspielraum durch die gleichzeitige Suezkrise und die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA zusätzlich eingeengt. Anders als Truman, der eine de facto-Allianz mit Israel eingegangen war, hatte sich Eisenhower aus strategischen Gründen um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arabern und Israelis bemüht. Das geheime Zusammenspiel zwischen Großbritannien, Frankreich und Israel, das der Intervention am Suezkanal zugrunde lag, betrachtete er als einen persönlichen Affront und einen schweren politischen Fehler. Die Militäraktion lenkte die Aufmerksamkeit vom sowjetischen Vorgehen in Ungarn ab, sie stärkte den gemeinsamen Gegner Nasser, anstatt ihn zu schwächen, und sie schädigte das Ansehen des Westens in den Vereinten Nationen. Die Enttäuschung in Washington ging umso tiefer, als die USA, die in der frühen Nachkriegszeit als Fürsprecher der nach Unabhängigkeit strebenden Völker aufgetreten waren, während der 1950er Jahre viel Rücksicht auf die kolonialen Interessen der europäischen NATO-Partner genommen hatten. Der unverhohlene diplomatische und wirtschaftliche Druck, mit dem die US-Regierung nun die Verbün‐ deten zum Rückzug vom Suezkanal zwang, signalisierte das Ende des „klassischen“ europäischen Kolonialismus und der unabhängigen britischen Großmachtrolle. Indem die Amerikaner die Krise gemeinsam mit den Sowjets in der UNO entschärften, konnte Eisenhower sein Image als Friedenspräsident bewahren und seine Wiederwahl im November 1956 endgültig sicherstellen. In der Folge sahen sich die USA gezwungen, die stabilisierende Funktion, die Großbritannien im Nahen Osten ausgeübt hatte, mehr und mehr selbst zu übernehmen. Dabei ging es in erster Linie um den ungehinderten Fluss des nahöstlichen Erdöls, das für Westeuropa und Japan noch wichtiger war als für die USA selbst, die in Texas und Alaska über eigene beträchtliche Ölvorkommen verfügten und sich zusätzlich aus Kanada und Lateinamerika versorgen konnten. Das Erdölmotiv hatte schon die entscheidende Rolle beim Eingreifen im Iran 1953 gespielt, 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 315 <?page no="316"?> als die CIA dazu beitrug, Schah Reza Pahlavi wieder auf den Pfauenthron zu heben, um die vom nationalistischen Premierminister Mossadegh vorgenommene Verstaatli‐ chung der Anglo-Iranian Oil Company rückgängig zu machen. Ein Vierteljahrhundert lang blieb der Schah, von dem Washington die Modernisierung des Iran und eine angemessene Beteiligung der amerikanischen Erdölkonzerne an dem bisherigen bri‐ tischen Monopol erwartete, der engste Verbündete der USA in dieser Region. Zum Hauptgegner avancierte nach 1956 der radikale arabische Nationalismus, personifiziert im ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser, der es Moskau ermöglichte, die amerikanische Eindämmungsstrategie im so genannten southern tier von Nordafrika bis zum Persischen Golf zu unterlaufen. Am 5. Januar 1957 dehnte Eisenhower die Truman-Doktrin faktisch auf den Nahen Osten aus, indem er die Unabhängigkeit und territoriale Integrität aller Staaten der Region als lebenswichtig für die nationalen Interessen der USA und den Weltfrieden bezeichnete. Der Kongress billigte diese „Eisenhower-Doktrin“ am 9. März 1957 in einer Joint Resolution und ermöglichte dem Präsidenten, alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, um bewaffnete Aggressionen eines vom Kommunismus kontrollierten Landes abzuwehren. Dieser Beschluss bot wenig später die Handhabe, Jordanien und Libanon, deren konservative Regierungen durch den Umsturz im Irak besonders gefährdet schienen, diplomatisch und militärisch zu stützen. Die vorübergehende Landung von 14.000 amerikanischen Marinesoldaten im Libanon 1958 stellte die größte Militäraktion dar, die Eisenhower während seiner Amtszeit anordnete. Waren bislang 75 Prozent der amerikanischen Auslandshilfe nach Westeuropa geflossen, so erhielten jetzt die „gemäßigten“ Regimes im Nahen Osten und in der Golfregion den Löwenanteil der Militär- und Wirtschaftshilfe. Erste Antworten auf die Revolutionierung der „Dritten Welt“ Im Allgemeinen bevorzugte Eisenhower die indirekte Form der Einflussnahme und verdeckte Operationen (covert action) der Geheimdienste, um den amerikanischen Interessen an der Peripherie Geltung zu verschaffen. Erfolg hatte er dabei außer im Iran auch in Guatemala, wo die CIA 1954 sogar paramilitärische Mittel anwendete, um die linksgerichtete Regierung Arbenz Guzmán zu Fall zu bringen, die Landbesitz der United Fruit Company entschädigungslos enteignet und Ostblock-Waffen gekauft hatte. Geleitet von Allen W. Dulles, dem Bruder des Außenministers, der sich auf seine OSS-Erfahrungen im Untergrundkampf gegen Hitler stützen konnte und intelligence zu einer Wissenschaft erheben wollte, weitete die CIA ihre Aktivitäten weltweit aus. Dulles legte einen starken Akzent auf subversive Operationen, von denen er sich offensichtlich mehr versprach als von der nüchternen Nachrichtensammlung und Analyse. Das erwies sich als zweischneidiges Schwert, denn die Erfolge mussten nicht selten mit internationalen Prestigeverlusten bezahlt werden. Außerdem wurde es immer schwieriger, den expandierenden Geheimdienstapparat zu kontrollieren und Verstöße gegen Gesetze und Verfassung zu unterbinden. Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 316 <?page no="317"?> Eine indirekte Strategie verfolgte die Eisenhower-Administration auch in Indochina, wo Ho Chi Minh 1945 eine unabhängige Republik Vietnam ausgerufen und den Kampf gegen die französische Kolonialmacht aufgenommen hatte. Die USA unterstützten Frankreich finanziell und durch Waffenlieferungen in einem Gesamtvolumen von 3 Milliarden Dollar und nahmen Paris auf diese Weise bis 1954 fast 80 Prozent der Kriegskosten ab. Als die französischen Truppen aber im Frühjahr 1954 bei Dien Bien Phu zur Entscheidungsschlacht antraten, lehnte Eisenhower eine militärische Inter‐ vention strikt ab. Nach der Niederlage Frankreichs nahmen die USA nur inoffiziell als Beobachter an der Genfer Indochina-Konferenz teil, die eine temporäre Teilung Viet‐ nams entlang dem 17. Breitengrad vorsah. Anstatt auf die ebenfalls vereinbarten freien Wahlen für ganz Vietnam hinzuarbeiten, begannen die USA nun jedoch ein Experiment des nation building, das Südvietnam gegen den Kommunismus immunisieren sollte. Im katholischen Staatschef Ngo Dinh Diem glaubten die Amerikaner, den geeigneten Repräsentanten einer „dritten Kraft“ zwischen konservativer Reaktion und radikalem Nationalismus gefunden zu haben, der das Land wirtschaftlich modernisieren und auf einen pro-westlichen Kurs bringen würde. Dieser Einmischung lagen hauptsächlich vier Motive zugrunde: 1. Südvietnam war wichtig für die regionale ökonomische Integration, die Washington mit Blick auf die Bedürfnisse der japanischen Wirtschaft im „pazifischen Rand“ betrieb. 2. Ein stabiles Südvietnam konnte als regionales Gegen‐ gewicht gegen China und die Sowjetunion verwendet werden. 3. Der Kontrolle über die Küsten und Häfen des Landes kam eine strategische Bedeutung für die Schifffahrts- und Handelsrouten in der Region zu. 4. Nachdem die USA einmal engagiert waren, stellte sich aus der Sicht Washingtons das Problem der „Glaubwürdigkeit“ und des möglichen Domino-Effekts, den ein „Verlust“ Südvietnams hervorrufen würde. Anfänglich schien die amerikanische Unterstützung, die ab 1955 jährlich ca. 200 Millionen Dollar betrug, positive Wirkungen zu entfalten. Im Laufe der Zeit wuchs aber im Süden der von Nordvietnam aus geförderte Widerstand der Nationalen Befreiungsfront (NLF) und ihres militärischen Arms, den die Amerikaner Vietcong nannten. Als Hanoi 1960 die NLF anerkannte und zum Sturz Diems aufrief, befanden sich etwa 700 US-Militärbe‐ rater in Südvietnam. Die Frage, ob man sich weiterhin an einen katholischen Diktator in einem Land mit überwiegend buddhistischer Bevölkerung binden sollte, dessen Regierungsapparat korrupt war und der sich hauptsächlich auf die Armee stützte, musste Eisenhower an seinen Nachfolger Kennedy weitergeben. Ein ähnlich schwerwiegendes Problem stellte sich um diese Zeit auch in Bezug auf Kuba, wo Fidel Castros revolutionäre „Bewegung des 26. Juli“ Anfang 1959 die Batista-Diktatur hinweggefegt hatte. Castros erklärtes Ziel war die Beseitigung der ökonomischen Abhängigkeit der Insel von den USA durch landwirtschaftliche Diversifizierung und forcierte Industrialisierung. Dieser Kurs brachte ihn zwangsläufig in Konflikt mit amerikanischen Wirtschaftsinteressen und mit der übergreifenden Entwicklungsstrategie der Eisenhower-Administration für Lateinamerika, die nach der Rezession von 1957 / 58 darauf ausgerichtet war, eine nationalistische Abkapselung vom Weltmarkt zu verhindern. Die 1959 gegründete Inter-American Development Bank 2 Politik und Gesellschaft in der Eisenhower-Ära, 1953 - 1960 317 <?page no="318"?> sollte private Investitionen in der Region erleichtern und eine Politik der Importsubs‐ tituierung verhindern. Da Castro diese Vorgaben und die Regeln der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht akzeptierte, fand er weder in den USA selbst noch bei der von den USA dominierten Weltbank Unterstützung. Als er daraufhin die Sowjetunion um Hilfe ersuchte, antwortete Washington mit Wirtschaftssanktionen und im Januar 1961 mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Zu dem Zeitpunkt schmiedete die CIA bereits Pläne zur „Destabilisierung“ der kubanischen Revolution und bereitete in Nicaragua Exilkubaner auf eine Invasion und den Sturz Castros vor. Für Eisenhower und John Foster Dulles waren Vietnam und Kuba nur zwei Symp‐ tome einer generellen Tendenz in den Ländern der so genannten „Dritten Welt“, sich dem Führungsanspruch der USA zu verweigern und zum kommunistischen Gegner umzuschwenken. In diesem Licht sahen sie die „blockfreie Bewegung“, die sich Mitte der 1950er Jahre unter Führung Indiens (Nehru), Indonesiens (Sukarno) und Jugoslawiens (Tito) formiert hatte. Ihren politischen „Neutralismus“ empfanden sie als einseitig gegen die USA gerichtet, und ihren ökonomischen Konzepten, die Privatini‐ tiative und weltwirtschaftliche Arbeitsteilung mehr oder weniger umfassend durch staatliche Planung und Regulierung ersetzen wollten, begegneten sie mit äußerster Skepsis. Eisenhowers Deutschland - und Europapolitik Trotz aller Zuspitzungen an der Peripherie blieben jedoch Europa und insbesondere Deutschland der Kernbereich des Ost-West-Konflikts. Nach dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik und der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags 1955 deutete sich allerdings erstmals die Möglichkeit eines Abbaus der Konfrontation und einer begrenzten Zusammenarbeit der „Supermächte“ an. Die atmosphärische Verbesserung und die kleinen praktischen Fortschritte, die das Genfer Gipfeltreffen von 1955 erbrachte, änderten aber nichts an der grundsätzlichen Unvereinbarkeit des amerikanischen und des sowjetischen Standpunkts in der Deutschlandfrage. Während Moskau eine Neutralisierung Deutschlands anstrebte, beharrte Dulles da‐ rauf, dass über das Schicksal Deutschlands nur im Rahmen einer Gesamtlösung der europäischen Sicherheitsproblematik entschieden werden dürfe. Daraufhin ging die Sowjetunion unter der Führung des energischen Nikita Chruschtschow 1958 mit ihrem Berlin-Ultimatum wieder in die Offensive. Überzeugt vom historisch zwangsläufigen Sieg des Sozialismus und ermutigt durch die sowjetischen Weltraumerfolge, begann Chruschtschow, die Geduld und die Nerven seiner Gegenspieler zu testen. Mit der Drohung, die Viermächtevereinbarungen über Berlin zu kündigen und einen separaten Frieden mit der DDR zu schließen, stellte er nicht nur die Anwesenheit westlicher Truppen in Berlin, sondern ganz generell die amerikanische Bindung an Westeuropa und die Existenz der NATO in Frage. Als die Westmächte festblieben, lenkte der sowjetische Staats- und Parteichef vorerst ein. Chruschtschows Gespräche mit Eisenhower im September 1959 in Camp David Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 318 <?page no="319"?> (der Präsident hatte das Landhaus bei Washington nach seinem Sohn David benannt) und die Vereinbarung eines Gipfeltreffens in Paris weckten neue Hoffnungen auf eine Annäherung der Großmächte. Im Mai 1960 nahm Chruschtschow jedoch den Abschuss eines der U-2-Aufklärungsflugzeuge, mit denen die USA die sowjetischen Rüstungsanstrengungen überwachten, zum Vorwand, die Konferenz platzen zu lassen. (Später behauptete er, es sei ihm hauptsächlich darum gegangen, die Wahl von Eisenhowers konservativem Vizepräsidenten Richard Nixon zu verhindern.) Im Sep‐ tember 1960 schockierte Chruschtschow die amerikanische Öffentlichkeit mit seinen Temperamentsausbrüchen während der New Yorker UNO-Generalversammlung. Er warf den Amerikanern vor, ihre Ureinwohner ausgerottet zu haben, bezichtigte Generalsekretär Dag Hammarskjöld, im Kongo als ein „Instrument der Imperialisten“ zu agieren, und klopfte zum Zeichen des Protests mit seinem Schuh auf den Tisch. Im laufenden Präsidentschaftswahlkampf zogen sich also bereits dunkle Wolken über den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen zusammen. 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 John F. Kennedys Aufbruch zur New Frontier Aus den Novemberwahlen 1960 ging der 43-jährige demokratische Senator von Mas‐ sachusetts, John F. Kennedy, als Sieger hervor. Er entstammte einer irisch-katholischen Familie, die durch geschäftliche Erfolge und Reichtum Zugang zur Ostküsten-Elite gefunden hatte. Zum prägenden Erlebnis seiner Jugend war der Aufstieg des National‐ sozialismus geworden, den er von London aus beobachtete, wo sein Vater die USA als Botschafter vertrat. Er lehnte die (vom Vater gutgeheißene) appeasement-Politik der Regierung Chamberlain ab, rief in einem 1940 veröffentlichten Buch zum gemeinsamen Kampf der Demokratien gegen die totalitäre Bedrohung auf und nahm trotz seiner schwachen Konstitution als Kommandant eines Torpedo-Schnellboots am Krieg im Pazifik teil. Nur knapp überlebte er die Versenkung des Bootes durch die Japaner, bewies aber bei der Rettung der Besatzungsmitglieder Nervenstärke und galt fortan als Kriegsheld. Nachdem der ältere Bruder Joseph, auf dem die Hoffnungen des Vaters geruht hatten, 1944 in Europa gefallen war, baute John F. („Jack“) Kennedy mit Hilfe der Familie planmäßig seine politische Karriere auf. Sie brachte ihn zunächst in das Repräsentantenhaus, 1953 in den Senat und 1961 schließlich als jüngsten gewählten Präsidenten und ersten Katholiken ins Weiße Haus. Sympathiepunkte brachte ihm auch seine schöne und gut ausgebildete Frau Jacqueline ( Jackie) Kennedy ein. In der Auseinandersetzung mit seinem republikanischen Gegner Richard M. Nixon plädierte Kennedy für soziale Reformen, Fortschritt und Bewegung auf allen Gebieten. Um den Niedergang der amerikanischen Macht aufzuhalten, für den er die Republika‐ ner verantwortlich machte, appellierte er an den Idealismus und die Opferbereitschaft insbesondere der jungen Generation. Im Umgang mit dem Medium Fernsehen, das erstmals eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielte, erwies er sich Nixon deutlich 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 319 <?page no="320"?> überlegen. Etwa 100 Millionen Amerikaner verfolgten die vier Fernsehdebatten, die sich die Kandidaten lieferten, und die Mehrheit bescheinigte Kennedy ein besseres Abschneiden. Dennoch fiel sein Vorsprung am Wahltag mit 120.000 Stimmen bei 68,8 Millionen abgegebenen Stimmen denkbar gering aus. Die meiste Unterstützung hatte er in den Großstädten, vor allem bei Katholiken und Afroamerikanern gefunden. In vieler Hinsicht kann man Kennedys kurze Amtszeit von 1961 bis 1963 als den Höhepunkt der Periode des „liberalen Konsens“ und der „imperialen Präsident‐ schaft“ bezeichnen. Im Gefühl der Bedrohung von außen rückten die Amerikaner - ungeachtet aller politischen Differenzen - enger als bisher zusammen. Selten war das Bewusstsein der nationalen Identität, der moralischen Überlegenheit und der Verantwortung für das Wohl der ganzen Menschheit so stark ausgeprägt wie in diesen Jahren. Nicht einmal Franklin D. Roosevelt hat die Zeitgenossen so fasziniert und die Phantasie der Nachwelt so sehr angeregt wie John F. Kennedy und First Lady Jackie. Sein medienwirksamer Charme und die Mischung aus jugendlichem Idealismus und kühler Rationalität signalisierten den Abschied von der Geruhsamkeit der letzten Eisenhower-Jahre und den Aufbruch zu „neuen Grenzen“ - eine Metapher, die den Frontier-Mythos für das politische Tagesgeschäft reklamierte. Das Weiße Haus, in das die Kennedys mit ihren beiden kleinen Kindern frischen Wind brachten, umgaben die Medien mit der romantischen Aura eines Schloss Camelot aus der Artus-Sage. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, betrieben Presse-, Rundfunk- und Fernsehjour‐ nalisten unkritische „Hofberichterstattung“, die Kennedys außereheliche Affären und seinen schlechten Gesundheitszustand (er litt an Rückenproblemen und der Addison Krankheit) ausblendete. Nur allzu bereitwillig stellten sie sich in Krisenzeiten - und die Kennedy-Präsidentschaft glich einer permanenten Krise - in den Dienst der Administration und der „nationalen Sicherheit“. Als der Präsident im November 1963 einem Attentat zum Opfer fiel, erfüllten die Medien das Bedürfnis nach Heroisierung und Verklärung. In der Öffentlichkeit ist dieser „Kennedy-Mythos“ bis heute wirksam, auch wenn sich Historiker seit geraumer Zeit um ein nüchtern-kritisches Urteil bemühen. Kennedys Inaugurationsrede am 20. Januar 1961 war ganz auf die Außenpolitik zugeschnitten. Der Präsident warnte vor der drohenden Gefahr einer Vernichtung der Menschheit durch Atomwaffen, beschwor aber gleichzeitig die Vitalität der Nation, die zur Verteidigung der Freiheit berufen sei. Die Welt solle wissen, dass die Amerikaner „jeden Preis zahlen, jede Last tragen, jede Entbehrung erdulden, jeden Freund unter‐ stützen und jedem Gegner widerstehen“ würden, um diese Mission zu erfüllen. Mit dem immer wieder zitierten Satz: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann - frage, was Du für Dein Land tun kannst“ nahm Kennedy jeden Einzelnen seiner Mitbürger in die nationale Pflicht. Der Appell an die Opferbereitschaft fand Gehör, wenngleich der utopisch-apokalyptische Unterton der Rede auch einige Besorgnis auslöste. Um Kontinuität zu demonstrieren und die Wirtschaft zu beruhigen, nahm Ken‐ nedy einige Republikaner in seine Administration auf. Ansonsten umgab er sich mit jüngeren Akademikern und dynamischen Managern (brain trust) wie McGeorge Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 320 <?page no="321"?> Bundy, Robert McNamara, Walt W. Rostow und Arthur M. Schlesinger. Zu den engsten Vertrauten zählte sein Bruder Robert, der als Justizminister u. a. für Bürgerrechtsfragen zuständig war. Im Selbstverständnis dieses Führungszirkels sollte das Weiße Haus zur Quelle der Inspiration und zur Schaltzentrale für die gesamte „freie Welt“ werden. Eisenhowers hierarchisch strukturierten Regierungsapparat ersetzte Kennedy durch einen flexiblen, sehr persönlichen Regierungsstil. Der Zugewinn an Beweglichkeit und Kreativität musste allerdings mit Koordinierungsproblemen und einem schwer durchschaubaren, zuweilen sprunghaften Entscheidungsprozess erkauft werden. Innenpolitisch versprach die Agenda der New Frontier eine Ankurbelung der Wirt‐ schaft, soziale Verbesserungen und Fortschritte in der Rassenfrage. Viele Initiativen blieben aber im Kongress oder im Kompetenzengerangel zwischen Bundesregierung und Einzelstaaten stecken. Nicht strukturelle Reformen, sondern eine keynesianische „Feinsteuerung“ des Wirtschaftskreislaufs sollte die ökonomischen und sozialen Pro‐ bleme lösen. Die günstige Konjunktur, die den USA durchschnittliche Wachstumsraten von 5 Prozent bei stabilen Preisen bescherte, machte Steuersenkungen weitgehend überflüssig. Während die Gewerkschaften der Kennedy-Administration wohlwollend begegneten, überwog im Unternehmerlager das Misstrauen gegen die interventionis‐ tische Wirtschafts- und Finanzpolitik. Im Oktober 1962 ermächtigte der Kongress den Präsidenten zu Zollsenkungen, die dann im Rahmen der „Kennedy-Runde“ des GATT ausgehandelt wurden. Dieser Prozess zog sich jedoch zu lange hin, um die Handelsbilanz der USA wirksam zu entlasten. Als die neuen Tarife 1967 endlich in Kraft traten, nützten sie der amerikanischen Wirtschaft weniger als der inzwischen wettbewerbsfähigeren europäischen und asiatischen Konkurrenz. In der Rassenfrage taktierte Kennedy sehr vorsichtig, um die konservativen Demo‐ kraten in den Südstaaten nicht unnötig herauszufordern, auf deren Unterstützung er angewiesen war. Prinzipiell erkannte er die Notwendigkeit, die Diskriminierung der Afroamerikaner zu beenden, da sie das Eintreten der USA für Freiheit und Gleichheit unglaubwürdig machte und der kommunistischen Propaganda in den neuen unabhän‐ gigen Staaten der „Dritten Welt“ willkommene Munition lieferte. Lange Zeit begnügte sich die Administration aber damit, auf die Bürgerrechtsbewegung zu reagieren, von deren Dynamik sie offensichtlich überrascht wurde. Robert Kennedy versuchte zwar, die Demonstranten im Süden vor gewalttätigen weißen Rassisten zu schützen wie während der Freedom Rides im Jahr 1961, einer Kampagne zur Rassenintegration von Fernreisebussen. Gleichzeitig ließ er jedoch die schwarzen Führungspersönlichkeiten vom FBI überwachen, das sie der Zusammenarbeit mit Kommunisten verdächtigte. Erst im Sommer 1963 rang sich der Präsident angesichts der wachsenden Unruhe in der Bevölkerung dazu durch, die Initiative zu ergreifen. Im Juni leitete er dem Kongress den Entwurf eines Civil Rights Act zu, der ein Verbot der Rassendiskriminierung in allen öffentlichen Einrichtungen vorsah und das Justizministerium ermächtigte, von sich aus gegen die Segregation einzuschreiten. Nach einigem Zögern unterstützte er auch öffentlich den „Marsch auf Washington“, mit dem mehr als 200.000 weiße und schwarze Bürgerrechtler im August den Kongress zum Handeln bewegen wollten. 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 321 <?page no="322"?> Unter ihnen war Martin Luther King Jr., der mit seiner Rede „I Have a Dream“ die Vision eines rassenintegrierten Amerika entwarf. Im Fernsehen erklärte Kennedy, die Nation werde „nicht wirklich frei sein, bis alle ihre Bürger frei sind“. Obwohl einflussreiche gesellschaftliche Kräfte wie die Gewerkschaften, die Kirchen und der American Jewish Congress dem Präsidenten den Rücken stärkten, ließ sich der Kongress noch Zeit, so dass Kennedy selbst die Annahme des Gesetzes nicht mehr erlebte. Krisen um Kuba und Berlin Das Hauptinteresse Kennedys galt der Außenpolitik, bei der ihm weder der Kongress noch die Verfassung enge Fesseln anlegten. Er sah sich von der Sowjetunion in die Defensive gedrängt und glaubte deshalb, Stärke und Glaubwürdigkeit demonstrieren zu müssen. Weil er aber auch die Gefahren kannte, die der Menschheit von den Massenvernichtungswaffen drohten, agierte er in der Praxis recht vorsichtig, um eine unkontrollierbare Eskalation zu vermeiden. Durch ein umfangreiches Rüstungs‐ programm, das die Militärausgaben gemäß den Empfehlungen des Gaither Report auf über 50 Milliarden Dollar pro Jahr steigerte, hoffte er, dem Dilemma der „mass‐ iven Vergeltung“ entgehen und seinen Handlungsspielraum erweitern zu können. In diese Strategie der „flexiblen Antwort“ (flexible response) fügten sich psychologische Kriegführung und verdeckte Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency) ein, mit denen Kennedy das Vordringen des Kommunismus in der Dritten Welt aufhalten wollte. In den Brennpunkt des Kalten Krieges rückten Berlin und Kuba, die nach dem Prinzip von Druck und Gegendruck als Krisenherde untrennbar miteinander verbun‐ den waren. Die Sorge um West-Berlin spielte bereits mit, als sich Kennedy in der Schweinebucht-Krise vom April 1961 gegen eine offene militärische Unterstützung der Exilkubaner aussprach, die mit Hilfe der CIA auf der Insel gelandet waren, aber nichts gegen die Übermacht der Castro-Truppen ausrichten konnten. Die Aktion war noch unter Eisenhower geplant worden, und Kennedy hatte nach seinem Amtsantritt nur recht widerstrebend grünes Licht gegeben. Außenpolitisch trug das Unternehmen den USA einen schweren Prestigeverlust und das Propagandaschimpfwort des „Pa‐ piertigers“ ein. Daheim sah sich Kennedy aus Kreisen der Exilkubaner und deren Sympathisanten den Vorwürfen der „Feigheit“ und des „Verrats“ ausgesetzt. Größeren innenpolitischen Schaden wendete der Präsident ab, indem er die volle Verantwortung für das Scheitern der Operation auf sich nahm. Das Verhältnis zu CIA-Direktor Allen Dulles und zu den Joint Chiefs of Staff, die ihm zur Genehmigung der Invasion geraten hatten, blieb aber dauerhaft getrübt. Auf dem Wiener Gipfeltreffen Anfang Juni 1961 konfrontierte Chruschtschow den unsicheren Kennedy mit der Absicht, das Berlin- und Deutschlandproblem notfalls im Alleingang zu lösen. Die US-Regierung rechnete daraufhin mit einer Aktion gegen West-Berlin, wo immer mehr DDR-Bürger Zuflucht und eine Ausreisemöglichkeit in den Westen suchten. Dennoch wurde Washington am 13. August vom Mauerbau überrascht und benötigte länger als einen Tag, um eine Stellungnahme abzugeben. Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 322 <?page no="323"?> Im Grunde war man erleichtert, dass sich die Sowjetunion auf eine Absperrung Ost-Berlins beschränkte und die drei westlichen essentials - Präsenz der alliierten Truppen in West-Berlin; freien Zugang nach Berlin; Selbstbestimmungsrecht der Bürger West-Berlins - unangetastet ließ. Deshalb sah Kennedy keinen Grund, die Krise von sich aus zu verschärfen, und riet auch der Bonner Regierung zur Zurückhaltung. Die offenkundige Bereitschaft der Amerikaner, das sowjetische Vorgehen in Berlin und damit die de facto-Teilung der Nation hinzunehmen, raubte allerdings vielen Deutschen die Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung. Bundeskanzler Adenauer argwöhnte, Washington könne in der Deutschland- und Berlinfrage noch weiter nach‐ geben. Entsprechende Ost-West-Verhandlungen kamen aber ebenso wenig zustande wie der angedrohte separate Friedensvertrag zwischen der Sowjetunion und der DDR. Der West-Berliner Bürgermeister Willy Brandt zog aus dem stillschweigenden Arrangement der Supermächte die Konsequenz, dass die Deutschen selbst durch eine „Politik der kleinen Schritte“ langfristig auf die Überwindung der Teilung hinarbeiten müssten. Kennedy blieb auch in der Kubakrise vom Oktober 1962 besonnen, obgleich die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf der Insel eine viel unmittelbarere Herausforderung und Bedrohung der USA darstellte als der Bau der Berliner Mauer. Tatsächlich war die Lage noch ernster, als sie dem Krisenstab im Weißen Haus damals erschien, denn die sowjetischen Truppen auf Kuba verfügten bereits über 36 einsatz‐ bereite Atomsprengköpfe für die Raketen, die fast jeden Punkt in den USA hätten erreichen können. Der amerikanischen Aufklärung war ebenfalls entgangen, dass die Sowjets taktische Atombomben auf die Insel gebracht hatten, die gegen angreifende US-Truppen eingesetzt werden sollten. Erst dieses 1992 von den Russen gelüftete Geheimnis lässt das wahre Ausmaß der Gefahr erkennen, in der die Welt 30 Jahre zuvor geschwebt hatte. Wenn sich Kennedy, wie von mehreren militärischen und zivilen Beratern empfohlen, für die Bombardierung der Raketenstellungen oder für eine Invasion der Insel entschieden hätte, wäre ein atomarer Schlagabtausch mit der Sow‐ jetunion wohl unvermeidlich gewesen. Stattdessen optierte Kennedy für die mildeste der vorgeschlagenen Maßnahmen, eine als „Quarantäne“ bezeichnete Seeblockade Kubas. Auch der Abschuss eines amerikanischen Düsenjägers durch die kubanische Luftabwehr verleitete ihn nicht zu weitergehenden Schritten. In der aufs Äußerste gespannten Lage ließ der Präsident die Kontakte nach Moskau (die hauptsächlich über seinen Bruder und einen KGB-Agenten in Washington liefen) nicht abreißen und blieb kompromissbereit. Er erleichterte Chruschtschow das Einlenken, indem er für den Fall des Abzugs der Raketen zusagte, die USA würden Kuba niemals militärisch angreifen. Vertraulich ließ er die sowjetische Führung darüber hinaus wissen, dass die von Moskau beanstandeten amerikanischen Mittelstreckenraketen aus der Türkei entfernt würden. Notfalls wäre er sogar bereit gewesen, eine Vermittlung durch UNO-Generalsekretär U Thant zu akzeptieren. Das erübrigte sich, als Chruschtschow unerwartet rasch den Befehl zum Abzug der Raketen von Kuba gab. 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 323 <?page no="324"?> Die westliche Öffentlichkeit, die den Hintergrund des Krisenmanagements nicht kannte, feierte den Ausgang der Krise als persönlichen Triumph des Präsidenten. Kennedy selbst beurteilte die Dinge nüchterner, nachdem er in den Abgrund eines Atomkrieges geblickt hatte. Er war zu der Auffassung gelangt, dass die Sowjetregierung sein Interesse an einer Begrenzung des Wettrüstens teilte und dass er mit Chruscht‐ schow gemeinsam auf dieses Ziel hinwirken konnte. Den neuen Anlauf zu einer „Entspannungspolitik“ begründete er am 10. Juni 1963 in einer programmatischen Rede an der American University in Washington. Hier würdigte er die schweren Verluste der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs, forderte eine „Strategie des Friedens“ und regte eine verbesserte Kommunikation zwischen Ost und West an, um den Teufels‐ kreis des gegenseitigen Misstrauens zu durchbrechen. Den ersten praktischen Erfolg erzielte er mit einem Teststopp-Abkommen, in dem sich Briten, Amerikaner und Rus‐ sen verpflichteten, keine weiteren überirdischen Atomwaffenversuche durchzuführen. Vitale Interessen der USA gefährdete er dabei nicht, denn technologische Fortschritte hatten Explosionen in der Atmosphäre inzwischen überflüssig gemacht. Ein besonders positives Echo fanden Kennedys Ideen bei den deutschen Sozialdemokraten, für die Egon Bahr, der Berater Willy Brandts, im Juli 1963 „Wandel durch Annäherung“ als Alternative zur sterilen Konfrontation der Blöcke forderte. Die Widersprüche der Dekolonisierung und der Vietnamkonflikt Im gleichen Zeitraum, in dem sich die Lage in Europa stabilisierte, wurden die „entkolonisierten“ Weltregionen zum eigentlichen Schlachtfeld des Kalten Krieges. Aus amerikanischer Sicht sollte eine Kombination von Wirtschaftshilfe und militärischer Unterstützung verhindern, dass die Kommunisten die sozialen Konflikte, die im Mo‐ dernisierungsprozess zwangsläufig auftraten, für ihre politischen Zwecke ausnutzten. Durch die Wirren im Kongo, der 1960 von Belgien schlecht vorbereitet in die Unab‐ hängigkeit entlassen wurde, rückte eine Zeit lang der afrikanische Kontinent in den Brennpunkt des Interesses. Die USA beteiligten sich maßgeblich an einer bewaffneten UNO-Operation zur Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung, in deren Verlauf Generalsekretär Dag Hammarskjöld im September 1961 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Amerikanische Politiker und Diplomaten wirkten darauf hin, dass der als Verbündeter Moskaus geltende Patrice Lumumba von der Macht ferngehalten wurde, und die CIA war möglicherweise in seine Ermordung verwickelt. Kennedy hatte schon früh auf die Bedeutung Afrikas für die Weltwirtschaft und den Ost-West-Konflikt hingewiesen, aber erst die Kongokrise veranlasste die Administration in Washington, gründlich über eine längerfristige Afrika-Politik nachzudenken. Der Absicherung der westlichen Hemisphäre gegen den kubanischen Revolutionsvirus diente die „Allianz für den Fortschritt“, ein Kooperationsabkommen mit 19 lateinamerikanischen Staaten, für das der Kongress 20 Milliarden Dollar auf zehn Jahre bereitstellte. Überaus positive Resonanz bei der Jugend fand Kennedys Idee eines Peace Corps, das Entwicklungshelfer nach Afrika, Asien und Lateinamerika schicken sollte, um technisches Know-how und Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 324 <?page no="325"?> westliche Werte zu vermitteln. Auch wenn viele der hoch gesteckten Erwartungen enttäuscht wurden, so gelang es Kennedy doch immerhin, in den USA ein Problem‐ bewusstsein für Entwicklungsfragen zu wecken, das den Europäern noch weithin fehlte. (Während seines Deutschlandbesuchs nahm der Präsident an der Gründungs‐ zeremonie des Deutschen Entwicklungsdienstes teil, zu dem er die Bundesregierung mit dem Peace Corps inspiriert hatte.) Anders als Eisenhower war Kennedy bereit, progressiv-nationalistische Bewegungen und Regierungen zu tolerieren, selbst wenn sie sich nicht eindeutig auf die Seite des Westens schlugen. Damit gerieten die USA aber in ein mehrfaches Dilemma: In vielen Fällen war diese „dritte Kraft“ so schwach, dass sie sich nicht einmal mit amerikanischer Hilfe gegen radikalere Konkurrenten durchsetzen konnte; andernorts, speziell in Lateinamerika, hätte ihre Unterstützung bedeutet, traditionell pro-westliche konservative Regimes fallen zu lassen und zumin‐ dest vorübergehend instabile Verhältnisse in Kauf zu nehmen; in der nahöstlichen Krisenregion schließlich brachte Kennedys Sicherheitsgarantie für Israel gemäßigte und radikale Araber gleichermaßen gegen die USA auf. Den Beweis für die Entschlossenheit der USA, ihrer weltpolitischen Verantwortung gerecht zu werden und den Vormarsch des Kommunismus an der Peripherie zu stoppen, wollte Kennedy in Südvietnam antreten. Aus der Sicht der Administration bildete dieses Land, in dem 1961 etwa 15.000 von Nordvietnam und China unterstützte Guerrillas operierten, den strategischen Schlüssel zu ganz Südostasien. Kennedy ging davon aus, dass der Kampf gemäß der counterinsurgency-Doktrin unterhalb der Schwelle des Krieges mit einer Mischung aus wirtschaftlichen, psychologischen und militärischen Maßnahmen gewonnen werden könne. Als Ziel gab er an, die „Herzen und Sinne“ der südvietnamesischen Bevölkerung zu gewinnen und dadurch die Guerrillabewegung zu isolieren. Entgegen dem Geist und Buchstaben des (von den USA allerdings nicht unterzeichneten) Genfer Indochina-Abkommens verstärkte er das amerikanische Militärpersonal in Südvietnam, das die Armee bei der Bekämpfung des Vietcong unterstützen sollte. Nach Anfangserfolgen wurde im Juli 1962 in Washington beschlossen, die mittlerweile 6000 amerikanischen Militärberater ab 1965 schrittweise abzuziehen. 1963 verschlechterte sich die Lage jedoch, und die Zahl der US-Soldaten in Südvietnam stieg weiter an. Außerdem begannen die Amerikaner nun, die südviet‐ namesische Armee systematisch aufzurüsten. Als die Buddhisten-Unruhen im Herbst 1963 offenbarten, dass der Diktator Diem keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung besaß, gab Washington über die Botschaft in Saigon und CIA-Kanäle grünes Licht für einen Militärputsch. Am 1. November 1963 wurde Diem gestürzt und kurz danach ermordet. Bevor Kennedy auf die neue Situation reagieren konnte, fiel er selbst dem Attentat in Dallas zum Opfer. Die viel diskutierte Frage, ob er die Verwicklung der USA in einen konventionellen Krieg vermieden hätte, lässt sich deshalb allenfalls spekulativ beantworten. Dafür sprechen seine generelle Vorsicht und seine Fixierung auf counterinsurgency; dagegen seine Furcht vor dem Domino-Effekt in Südostasien und dem Verlust der Glaubwürdigkeit der USA in der Welt. 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 325 <?page no="326"?> Realität und Mythos der „Ära Kennedy“ Das Geschehen zwischen der Ermordung Kennedys in Dallas am 22. November 1963 und seiner feierlichen Beisetzung auf dem Nationalfriedhof in Arlington verdichtete sich für viele Amerikaner zu einem Epocheneinschnitt, zum „Verlust der Unschuld“, die später im Vietnamkrieg und in Watergate ihre Bestätigung fand. Hinter der kollektiven Trauer trat das Bemühen zurück, die Motive und Umstände des Attentats detailliert aufzuklären. Die von Präsident Johnson eingesetzte Warren-Kommission kam 1964 zu dem Ergebnis, Lee Harvey Oswald habe als Einzeltäter gehandelt. Auch ein 1977 vom Kongress gebildeter Untersuchungsausschuss konnte keine gegenteiligen Beweise präsentieren, obwohl in der Zwischenzeit mehrere Verschwörungstheorien - genannt wurden u. a. die Mafia, das KGB, Exilkubaner und die CIA - aufgekommen waren. Aus dem vor kurzem freigegebenen geheimen Aktenmaterial haben sich bislang ebenfalls keine sicheren Anhaltspunkte für ein Mordkomplott ergeben. Das tragische Ende John F. Kennedys hat sicherlich wesentlich zur Legendenbildung und zur Entstehung des „Kennedy-Mythos“ beigetragen. Es gibt aber auch tiefere Gründe für die Faszination, die immer noch von dem 35. Präsidenten der USA ausgeht. Viele seiner Initiativen enthielten gute Ansätze, die er selbst nicht mehr mit letzter Konsequenz verfolgen konnte. Der bemerkenswerte Versuch, gleichzeitig Kalten Krieg zu führen und Gemeinsamkeiten mit dem ideologischen und machtpoli‐ tischen Gegner auszuloten, barg bereits alle Vorzüge und Widersprüche der späteren Entspannungspolitik in sich. Zumindest in einer Hinsicht nahm die Vision der New Frontier konkrete Gestalt an: Im Mai 1961 hatte Kennedy den Kongress aufgefordert, ein Weltraumprogramm zu finanzieren, das bis zum Ende des Jahrzehnts einem Ame‐ rikaner die Landung auf dem Mond ermöglichen sollte. Damit gab er das Startzeichen für einen prestigeträchtigen „Wettlauf zum Mond“, den die USA im Juli 1969 gegen die Sowjetunion gewannen. Das milliardenschwere Apollo-Unternehmen brachte aber nicht nur Amerikaner auf den Mond, sondern trug dazu bei, die Vereinigten Staaten ins Zeitalter der Informations- und Kommunikationsrevolution zu katapultieren. Das harmonische Familienleben im Weißen Haus war, wie man inzwischen weiß, schöner Schein, den die Medien einem leichtgläubigen Publikum vorgaukelten. In der Verbindung von Intelligenz, Reichtum, Schönheit, Erfolg, Macht und Glück verkörper‐ ten John und „Jacky“ Kennedy den „amerikanischen Traum“ par excellence, wie ihn Millionen ihrer Landsleute träumten. Jacqueline Kennedy hatte keinen politischen Einfluss, aber sie verstand es als First Lady, sich ein eigenes Betätigungsfeld zu verschaffen. Ihrem Interesse an moderner Kunst ist es mitzuverdanken, dass die Hauptstadt Washington endlich ein weltoffenes Flair erhielt und dass die Avantgarde in den USA salonfähig wurde. In diesen Jahren begann die amerikanische Kultur, die bis dahin im Schatten der europäischen gestanden hatte, die Alte Welt zu erobern. Seit 1971 erinnert das Kennedy Center for the Performing Arts am Potomac an diesen häufig übersehenen Aspekt der Kennedy-Ära. Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 326 <?page no="327"?> Lyndon B. Johnsons Projekt der „Great Society“ Als Vizepräsident Lyndon B. Johnson unmittelbar nach dem Attentat in Dallas an Bord der Airforce One zum Präsidenten vereidigt wurde, waren der innere Konsens sowie die außenpolitische und wirtschaftliche Hegemonie der USA noch weitgehend intakt. Der ehrgeizige, mit allen Wassern gewaschene Texaner Johnson hatte seinen Heimatstaat von 1949 bis 1961 im Senat vertreten und kannte wie kaum ein anderer die politischen Spielregeln, nach denen der Kongress funktionierte und die das Verhältnis zwischen Exekutive und Legislative bestimmten. Um die vom Vorgänger eingeleiteten Initiativen fortzuführen und seine eigenen Ziele zu verwirklichen, machte er sich die tiefe Betroffenheit und die Stimmung der nationalen Solidarität zu Nutze, die der Tod Kennedys hervorgerufenen hatte. Die innenpolitische Agenda, mit der er das Gesetz des Handelns an sich riss, hatte zwei Schwerpunkte: die endgültige rechtliche und politische Gleichstellung der schwarzen Amerikaner, die Johnson der Öffentlichkeit als Vermächtnis des toten John F. Kennedy präsentierte, und die Gewährleistung der sozialen Sicherheit für alle Amerikaner, die ihm seit seinen Tagen als Lehrer und Direktor einer texanischen New Deal-Behörde für arbeitslose Jugendliche vorschwebte. Der Kampf um die ungeschmälerten Bürgerrechte der Afroamerikaner war inzwi‐ schen zu einer sozialen Bewegung geworden, die von schwarzen und weißen Aktivi‐ sten gemeinsam vorangetrieben wurde und die Sympathien der Bevölkerungsmehrheit eroberte. Dazu trug nicht zuletzt der oft rabiate Widerstand weißer Südstaatler gegen die Rassenintegration bei, den die Medien anprangerten und der dem Ansehen der USA im Ausland schadete. Überdies war der Bewegung in Martin Luther King Jr. ein unangefochtener Führer erwachsen, der den vielen Einzelbestrebungen und lokalen Protesten durch sein Charisma und die Verkündung des Prinzips des gewaltlosen Widerstands - nach dem Vorbild von Mahatma Gandhi - Richtung und Ziel zu geben vermochte. Der Supreme Court und ältere Organisationen wie NAACP und NUL spielten zwar weiterhin eine wichtige Rolle, aber das Geschehen verlagerte sich mehr und mehr in die Städte und Gemeinden des Südens, wo die schwarze Bevölkerung selbst mit Demonstrationen und Boykotten immer mutiger für ihre Grundrechte kämpfte. Die Initiative ging häufig von der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) aus, die King und Ralph Abernathy 1957 in Atlanta ins Leben gerufen hatten und in der die Tradition der schwarzen Kirchen aus der Zeit der Sklaverei fortlebte. Neben den Geistlichen trugen schwarze Frauen, die schon lange in der sozialen und karitativen Arbeit engagiert waren, ganz erheblich zur moralischen und organisatorischen Stärke der SCLC bei. Die studentische Jugend, die zunehmend an der Rassenfrage und anderen gesellschaftlichen Problemen Anteil nahm, wurde seit 1960 vom Student Non-Violent Coordinating Committee (SNCC, im Jargon „snick“ genannt) mobilisiert. Es war aus den spektakulären sit-ins hervorgegangen, mit denen afroamerikanische Studenten in den Cafeterias (lunch counters) und Restaurants von Greensboro, North Carolina, die Aufhebung der Segregation erzwungen hatten. Das Credo der SNCC-Mitglieder formulierte am besten die schwarze Aktivistin Ella Baker mit den Worten „strong people don’t need strong leaders“ und hob damit die Bedeutung des grassroots-Akti‐ 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 327 <?page no="328"?> vismus hervor. Eine ähnliche Philosophie vertraten die Anhänger des Congress of Racial Equality (CORE), der noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammte. Seine weißen und schwarzen Mitglieder taten sich insbesondere bei den freedom rides im „tiefen Süden“ der USA hervor, mit denen ab 1961 die Überwindung der Rassentrennung in Bussen und anderen Verkehrsmitteln erreicht werden sollte und die häufig von weißen Gewaltaktionen begleitet wurden. Darüber hinaus setzten sich SNCC und CORE jetzt entschieden für die Gewährung des uneingeschränkten Wahlrechts an die Afroamerikaner im Süden ein. Bei ihren voter registration drives, die ebenfalls auf erbitterte Gegenwehr der lokalen weißen Bevölkerung stießen, kamen mehr als zehn Bürgerrechtler ums Leben. Unter den Opfern des Rassenhasses waren viele Juden, die einen hohen Mitgliederanteil an den liberalen Bürgerrechtsorganisationen verzeichneten und die sich als Angehörige einer Minderheit aus historischen Gründen den diskriminierten Afroamerikanern besonders eng verbunden fühlten. Neben der aufopferungsvollen Arbeit an der Basis kann die Bedeutung der Per‐ sönlichkeit Martin Luther Kings - insbesondere seine Wirkung auf liberale weiße Amerikaner - kaum hoch genug eingeschätzt werden. Seine Rede „I Have a Dream“, mit der er am 28. August 1963 - hundert Jahre nach der Emanzipationsproklamation - vor dem Lincoln Memorial in Washington seinen Traum von einer harmonischen, rassenintegrierten amerikanischen Gesellschaft verkündete, wurde weithin als emoti‐ onaler Höhepunkt des bisherigen Kampfes und als Auftakt zur entscheidenden Phase der Bürgerrechtsbewegung verstanden. King gewann noch an Popularität und inter‐ nationalem Ansehen, als das Osloer Nobel-Komitee ihm 1964 den Friedensnobelpreis verlieh. Vor diesem Hintergrund konnte Präsident Johnson den Kongress im Juni 1964 endlich dazu bewegen, den noch unter Kennedy vorbereiteten Civil Rights Act zu verabschieden. Dieses Gesetz brachte den größten Fortschritt in den Rassen- und Geschlechterbeziehungen seit der Sklavenbefreiung 1865 und der Gewährung des Wahlrechts an Frauen 1920: Es untersagte jegliche Diskriminierung auf Grund von Hautfarbe, Religion, nationaler Herkunft oder Geschlecht; es hob die Rassentrennung in der Öffentlichkeit explizit auf; und es schloss die Zuweisung von Bundesmitteln an einzelstaatliche Programme aus, die Minderheiten benachteiligten. Ebenfalls noch 1964 verbot das 24. Amendment die Erhebung der Wahlsteuer (poll tax) oder anderer Steuern, mit denen die Südstaaten seit Ende des 19. Jahrhunderts die Afroamerikaner (und arme Weiße) von der Stimmabgabe abgehalten hatten. Weil der Kongress auf diese Weise Versprechen wahrmachte, die radikale Republikaner schon zur Zeit der Rekon‐ struktion nach dem Bürgerkrieg gegeben hatten, sprach man bald von einer Second Reconstruction, die den Schwarzen und anderen Minderheiten ebenso wie den Frauen endlich die in Verfassung und Bill of Rights niedergelegten Grund- und Menschenrechte bescherte. Als Präsident Johnson in den Wahlen vom November 1964 mit 61,1 Prozent der abgegebenen Stimmen einen Erdrutschsieg über seinen republikanischen Heraus‐ forderer, den erzkonservativen und militant antikommunistischen Senator Barry M. Goldwater aus Arizona errang, zeichnete sich ab, dass die Bürgerrechtsbewegung einen tief greifenden Bewusstseinswandel in der amerikanischen Bevölkerung bewirkt Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 328 <?page no="329"?> hatte, der die Fortschritte in der Rassenfrage irreversibel machte. Regierung, Kongress, Gerichte und öffentliche Meinung arbeiteten gemeinsam daran, dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte zu überwinden. Der Voting Rights Act von 1965 (und spätere Supreme Court-Urteile wie Katzenbach v. Morgan von 1968) beseitigte die letzten Hindernisse, die dem Wahlrecht der Afroamerikaner in einigen Staaten - z. B. in Form von Schreibprüfungen - noch entgegenstanden. Das Gesetz, das später mehrfach ergänzt wurde, um den Schwarzen wirkliche politische Chancengleichheit zu sichern, ermächtigte außerdem Bundesbeamte zur Überwachung der Wählerregistrierung in den Einzelstaaten. Waren 1960 nur 20 Prozent der Schwarzen in die Wählerlisten eingetragen, so ließen sich zu Beginn der 1970er Jahre über 60 Prozent der wahlbe‐ rechtigten Afroamerikaner registrieren; die Zahl der schwarzen Wähler verdoppelte sich im Jahrzehnt nach 1964 von zwei auf vier Millionen. Einerseits verstärkten weiße Kandidaten nun ihr Bemühen um schwarze Wählerstimmen, andererseits trugen per Gesetz oder Gerichtsbeschluss verfügte Änderungen der Wahlkreisseinteilung dazu bei, dass schwarze Bewerber selbst bessere Chancen erhielten, gewählt zu werden. Ab Ende der 1960er Jahre kam es immer häufiger vor, dass afroamerikanische Politiker Bürgermeisterposten, Parlamentssitze und andere Wahlämter errangen. Zwar gehen diese Erfolge nicht allein oder in erster Linie auf das Konto Präsident Johnsons, aber der moderate Südstaaten-Demokrat hatte es doch immerhin vermocht, die Entwicklung, die einer gesellschaftspolitischen Revolution gleichkam, aus dem Weißen Haus und über den Kongress zu beeinflussen und mitzusteuern. Als der Supreme Court 1967 im Fall Loving v. Virginia das Verbot von Mischehen für verfassungswidrig erklärte, wollten viele Amerikaner gar nicht glauben, dass solche Gesetze in einzelnen Staaten der USA noch existierten. Kaum minder gravierende Auswirkungen hatte die Neuregelung der Einwanderung, die ebenfalls schon unter Kennedy ins Auge gefasst worden war. Das aus den 1920er Jahren stammende Quotensystem, das die Länder des Globalen Südens benachteiligte und den Unternehmern die Anwerbung billiger Arbeitskräfte in Lateinamerika und Asien erschwerte, wurde mit dem Immigration Act von 1965 durch Obergrenzen für die westliche und die östliche Hemisphäre ersetzt. Im Rahmen dieser hemispheric ceilings, die der Kongress für den Westen auf 120.000, für den Osten auf 170.000 Immigranten jährlich festsetzte, sollte kein einzelnes Land in Zukunft mehr als 20.000 Auswanderer pro Jahr schicken. Wenn man diese Zahlen in der Folgezeit auch häufig veränderte, so stand doch die gesamte Einwanderungsregulierung von nun an auf einer neuen Grundlage: Die rassisch motivierten Privilegien für West- und Nordeuropäer entfielen, das Tor für Neuankömmlinge aus den unterentwickelten Regionen der Erde öffnete sich ein Stück weit, und die Einwanderung wurde insgesamt breiter und ethnisch wie religiös vielfältiger. Auf der einen Seite betonte diese Entwicklung den traditionellen multiethnischen Charakter und den kulturellen Reichtum der Vereinigten Staaten, auf der anderen Seite gesellten sich zu der Rassenfrage, die noch keineswegs gelöst war, neue Minderheitenprobleme hinzu, deren Brisanz erst allmählich ins öffentliche Bewusstsein drang. 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 329 <?page no="330"?> Mit der politischen und rechtlichen Gleichstellung der Afroamerikaner wuchs der Druck, auch die soziale Lage dieser Bevölkerungsgruppe zu verbessern, die von jeher am unteren Ende der Einkommens- und Wohlstandsskala rangierte. Durch die günstige Wirtschaftsentwicklung in ihrem Optimismus bestärkt, wollte die Johnson-Administ‐ ration dieses Problem nun im Rahmen eines groß angelegten Reformprogramms lösen, das den von Franklin Roosevelt mit dem New Deal begonnenen Aufbau des Sozialstaates vollendete und die Armut endgültig aus der amerikanischen Gesellschaft verbannte. Auch auf diesem Weg folgte der Kongress der Führung des Präsidenten und legte einen reformerischen Elan an den Tag, wie ihn Washington seit den 1930er Jahren nicht mehr erlebt hatte. Zu den wichtigsten Neuerungen, die zwischen 1964 und 1966 eingeführt wurden, gehörten eine bundesstaatliche Krankenversicherung für ältere Amerikaner (Medicare) und Bundeszuschüsse an die Einzelstaaten, um die Gesundheitsversorgung der Wohlfahrtsempfänger sicherzustellen (Medicaid). Der „bedingungslose Kampf gegen die Armut“, den Johnson nach seiner Wahl proklamiert hatte, wurde auch mit Lebensmittelkarten (food stamps) geführt, die Städte und Gemeinden zu Lasten des Bundeshaushalts an Bedürftige ausgeben konnten. Ferner verabschiedete der Kongress Gesetze, die darauf abzielten, das Bildungswesen und die Zukunftschancen der jungen Generation zu verbessern, die heruntergekommenen Innenstädte zu sanieren, das öffentliche Verkehrswesen und den Verbraucherschutz auszubauen, Kunst und Kultur zu fördern, und die noch vieles andere mehr in Angriff nahmen. Unter dem Schlagwort des „kooperativen Föderalismus“ (cooperative federa‐ lism) kam es auf verschiedenen Gebieten zu einer Verquickung bundesstaatlicher und einzelstaatlicher Aufgaben, die den Charakter des amerikanischen Regierungssystems merklich veränderten. Da der Kongress in der Regel Bedingungen an die Gewährung von Zuschüssen knüpfte, nahmen seine Eingriffs- und Kontrollbefugnisse im gleichen Maße zu wie die Staaten in Abhängigkeit von der Washingtoner Zentralgewalt gerieten. Hinter allem stand Johnsons liberale Vision der Great Society, einer modernen, gerechten und harmonischen Gesellschaft, die dem Rest der Welt zum Vorbild dienen sollte. Gemessen an der Zahl der unter dem statistischen Existenzminimum lebenden Amerikaner, die sich zwischen 1960 und 1970 generell von 22,4 auf 12,6 Prozent, bei Afroamerikanern von 55,1 auf 31 Prozent verringerte, kam die Johnson-Administration diesem Ziel beträchtlich näher. Anstatt die Gesellschaft zu befrieden, löste der Modern‐ isierungsschub jedoch zusätzliche Unruhe aus und wirkte polarisierend: Den einen flößten die vielen Neuerungen Angst vor einem übermächtigen, alles regulierenden bürokratischen Leviathan ein, den anderen, die das Versprechen sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit wörtlich nahmen, gingen sie nicht weit genug. Konservativ-religiöse Kreise fühlten sich von Urteilen des liberalen Warren Court abgestoßen, die unter anderem Schulgebete und Bibellesen in öffentlichen Schulen untersagten und das Verbot der Pornographie lockerten. Diese Ängste und enttäuschten Erwartungen wurden noch durch den Vietnamkrieg gesteigert, dessen Auswirkungen die amerika‐ nische Bevölkerung erst jetzt voll zu spüren bekam. Johnsons Absicht, das militärische Engagement der USA in Südostasien auszuweiten, ohne die Verwirklichung der Great Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 330 <?page no="331"?> Society aufs Spiel zu setzen, erwies sich rasch als undurchführbar. Schon 1967 zwangen die steigenden Kriegskosten die Regierung zur Kürzung von Sozialprogrammen und zu Steuererhöhungen. Nun verband sich der radikal-reformerische Geist, der vor allem die akademische Jugend erfasst hatte, mit dem Protest gegen den Vietnamkrieg und erzeugte die brisante politische Atmosphäre, die sich in den Explosionen des Jahres 1968 entlud. Die Ausweitung des Vietnamkrieges und die inneramerikanische Protestbewegung Präsident Johnson übernahm zwar alle wichtigen außenpolitischen Berater seines Vorgängers, aber es mangelte ihm an dem Augenmaß und diplomatischen Geschick, das Kennedy in Krisensituationen bewiesen hatte. Darüber hinaus neigte er zu einer restriktiven Informationspolitik und Verschleierungstaktik, die in der Öffentlichkeit zu Recht das Gefühl aufkommen ließ, von der eigenen Führung hintergangen zu werden. Gegenüber der Sowjetunion setzte er die vorsichtigen Entspannungsbemü‐ hungen fort, indem er Moskau Kredite für umfangreiche Weizenkäufe in den USA gewährte (was nicht zuletzt den amerikanischen Farmern zugutekam) und 1968 - zusammen mit Großbritannien - ein Abkommen über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (Atomsperrvertrag) schloss, das 1970 in Kraft trat. Gleichzeitig setzte er die Verbündeten und insbesondere die Bundesrepublik unter Druck, sich mehr als bisher an den Verteidigungsausgaben zu beteiligen und durch Rüstungskäufe in den USA die amerikanische Zahlungsbilanz zu entlasten. Er konnte darauf verweisen, dass die Stationierung von über 400.000 Soldaten in Europa die USA Jahr für Jahr ca. 700 Millionen Dollar kostete und dass die Deutschen trotz ihres „Wirtschaftswunders“ wenig Neigung zur gerechten Lastenteilung (burden sharing) zeigten. Diese Pressionen trugen maßgeblich dazu bei, dass Adenauers glückloser Nachfolger Ludwig Erhard 1966 zurücktrat und den Weg für eine „Große Koalition“ von CDU / CSU und SPD unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger freimachte. Die Beziehungen zu Frankreich blieben getrübt, zumal Präsident de Gaulle 1966 die französischen Streitkräfte aus der militärischen Integration der NATO löste und die Kommandostäbe der Allianz aus Paris verbannte. Problematische Entscheidungen traf Johnson in der Lateinamerika- und der Nahost‐ politik: Das militärische Eingreifen in die Machtkämpfe rivalisierender Gruppen in der Dominikanischen Republik im Jahr 1965 sollte ein „zweites Kuba“ verhindern, kostete die USA aber viel von den Sympathien, die Kennedy mit der „Allianz für den Fortschritt“ bei den südlichen Nachbarn erworben hatte; durch die rückhaltlose Unterstützung Israels während des Sechs-Tage-Krieges 1967 isolierten sich die USA im arabischen Lager und wurden als Vermittler im Nahostkonflikt unglaubwürdig. Das Schicksal der Johnson-Administration entschied sich aber in Vietnam, über dessen innere Verhältnisse - wie Verteidigungsminister Robert McNamara später freimütig zugab - der Beraterkreis des Präsidenten nur sehr unzureichend unterrichtet war. Im 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 331 <?page no="332"?> Wahljahr 1964 galten die Demokraten noch als die „Partei des Friedens“, aber Johnson wollte in der Auseinandersetzung mit Goldwater, der einen härteren Kurs gegenüber Nordvietnam forderte, keineswegs als „soft on Communism“ erscheinen. Trotz der offensichtlichen Verschlechterung der militärischen Situation lehnte er deshalb diplo‐ matische Initiativen zur Wiederaufnahme der Genfer Indochina-Konferenz ab, die zu einer Neutralisierung von Südvietnam hätten führen können. Die US-Regierung setzte sich dabei über die Ratschläge ihrer europäischen Verbündeten hinweg und ließ auch nicht zu, dass die UNO mit der Vietnam-Frage befasst wurde. Von Beginn an lieh Johnson den Militärs, die den Einsatz konventioneller Machtmittel befürworteten, ein offeneres Ohr als Kennedy es getan hatte. Ein möglicherweise von den USA selbst provozierter Zwischenfall im Golf von Tongking, bei dem amerikanische Kriegsschiffe unter nordvietnamesisches Feuer gerieten, lieferte ihm den Vorwand, sich vom Kon‐ gress eine bereits vorbereitete Generalvollmacht zur Ausweitung des Krieges geben zu lassen. Die Gulf of Tonkin Resolution, die beide Häuser am 7. August 1964 bei nur zwei Gegenstimmen annahmen, ermächtigte den Präsidenten, „alle nötigen Maßnahmen zur Abwehr bewaffneter Angriffe gegen US-Truppen zu ergreifen und zukünftige Aggressionen zu unterbinden“. Damit ließ das Parlament der Exekutive praktisch freie Hand und billigte zumindest indirekt die extrem weite Auslegung der präsidentiellen war power, die den Kern der imperial presidency ausmachte. Nach Johnsons Wahlsieg prüfte die Administration Anfang 1965 unter strikter Geheimhaltung verschiedene Vietnam-Optionen und entschied sich sowohl gegen einen Rückzug als auch gegen die Fortsetzung des Engagements im bisherigen Maß‐ stab. Vielmehr sollte der amerikanische Einsatz nun „umgehend und substantiell“ erhöht werden. Das bedeutete massive Luftangriffe auf Nordvietnam und den Ho Chi Minh-Pfad, die Entlaubung ganzer Dschungelregionen, die Verminung von Häfen sowie eine progressive Verstärkung der amerikanischen Bodentruppen. Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl der in Südvietnam stationierten amerikanischen Soldaten von 23.000 auf über 500.000 an, die nun die Hauptlast des Krieges trugen. Trotz dieser kostspieligen und verlustreichen Eskalation gelang es weder, den Nachschub aus Nordvietnam zu stoppen und die Guerrilla von der bäuerlichen Bevölkerung des Südens zu trennen, noch das Regime in Saigon zu stabilisieren und die Moral der südvietnamesischen Armee zu stärken. Die wichtigsten Gründe für diesen Misserfolg waren die Entschlossenheit und Opferbereitschaft der Gegenseite und das Versäumnis der US-Regierung, eine übergreifende Strategie zu entwickeln und klare Kriegsziele zu definieren. Rücksichtnahme auf die Sowjetunion und China, die Sorge vor einem Atomkrieg und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Administration erlaubten keine unbegrenzte, allein den militärischen Erfordernissen folgende Kriegführung. Den Verantwortlichen in Washington wurde auch allmählich bewusst, dass eine der wesentlichen Prämissen der Vietnampolitik - die Notwendigkeit der Eindämmung eines expansiven China - gar nicht mehr zutraf. Die Volksrepublik China war durch die Kulturrevolution, deren katastrophale Auswirkungen der westlichen Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieben, zu sehr geschwächt, um die amerikanischen Interes‐ Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 332 <?page no="333"?> sen in Südostasien ernsthaft bedrohen zu können. Überdies verdichteten sich die Anzeichen von Spannungen zwischen Peking und Hanoi sowie zwischen Peking und Moskau, die bereits Kennedy auszunutzen gehofft hatte. Das Gespenst eines sino-soviet bloc, der ganz Südostasien unter seine Kontrolle bringen wollte, schwand immer mehr dahin, ohne dass sich dies vorerst auf die amerikanische Vietnamstrategie auswirkte. Abb. 19: Demonstration gegen den Vietnamkrieg im Herbst 1969 Die Regierung in Washington tat weiterhin alles, um die weltpolitischen Hintergründe und das wirkliche Geschehen in Südostasien vor der amerikanischen Öffentlichkeit zu verheimlichen. Dazu trug die relativ kritiklose Haltung der Medien bei, deren Repräsentanten nicht als unpatriotisch gelten wollten und sich gelegentlich auch von Regierungsbeamten und Militärs manipulieren ließen. Je mehr der Krieg in den USA jedoch zum Fernsehereignis mit schockierenden Bildern und täglichen body counts von getöteten Vietnamesen wurde, desto lauter meldeten sich Opponenten zu Wort und desto heftiger entbrannte der Kampf um die öffentliche Meinung. Auf Grund der Wehrpflicht, die bis 1973 in Kraft war, kamen immer mehr Menschen unmittelbar mit 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 333 <?page no="334"?> dem Krieg in Berührung: Insgesamt dienten fast drei Millionen Amerikaner in Vietnam, und Millionen andere mussten fürchten, dass dieses Schicksal sie selbst oder einen engen Familienangehörigen traf. Der Ursprung der amerikanischen Anti-Kriegsbewegung lag in den Kampagnen gegen Atombombenversuche und Aufrüstung, die bereits in den 1950er Jahren geführt worden waren. Nun floss dieser Protest mit der Bürgerrechtsbewegung zusammen, wobei häufig Kirchengruppen und studentische Organisationen wie die 1960 gegrün‐ deten Students for a Democratic Society (SDS) die Verbindung herstellten. Das Port Huron Statement des SDS von 1962 forderte die Beendigung des Kalten Krieges, eine „echte“ partizipatorische Demokratie sowie die Sicherung der Bürgerrechte und persönlichen Freiheiten aller Amerikaner. An den Universitäten breitete sich, angesto‐ ßen u. a. von den Schriften des Soziologen C. Wright Mills (The Power Elite, 1956) und des deutsch-amerikanischen Philosophen Herbert Marcuse (The One-Dimensional Man, 1964), neomarxistisches und antikapitalistisches Gedankengut aus. Die USA erschienen durch diese Brille als eine mit den Merkmalen „formaler“ Demokratie nur unzureichend verhüllte Klassengesellschaft, deren Eliten daheim und in der Welt Un‐ terdrückung und Ausbeutung betrieben. Im Unterschied zur „alten Linken“ der 1920er und 1930er Jahre machten die Vertreter der New Left die positiven Gegenkräfte nicht mehr in erster Linie in der Arbeiterklasse aus, sondern in der kritischen Jugend, speziell der Studentenschaft. Die Resonanz war beachtlich, denn auf ihrem Höhepunkt gegen Ende der 1960er Jahre zählte die Studentenorganisation SDS etwa 100.000 Mitglieder. Wie in Westeuropa, so wurden nun auch in den USA Fidel Castro, Ernesto „Che“ Guevara, Mao Tse-tung und Ho Chi Minh zu Idolen einer wachsenden Zahl junger Menschen, die sich mit den armen Völkern der Dritten Welt solidarisierten und den Vorwurf des Imperialismus und Neokolonialismus gegen das politische establishment des eigenen Landes richteten. Das Verbrennen von Einberufungsbescheiden (draftcard burning) und die Flucht nach Kanada oder Übersee galten aus dieser Perspektive als moralische Widerstandsakte gegen staatliche Willkür. Etwa 120.000 Wehrdienstpflich‐ tige setzten sich ins Ausland ab, weil sie nicht in einen Krieg geschickt werden wollten, den sie für sinnlos oder sogar verbrecherisch hielten. In ihren Vorträgen, Büchern und Presseorganen (Partisan Review, Nation, New Republic) versuchten die intellektuellen Führer der New Left, dem vielschichtigen sozialen und politischen Protest ideologische Kohärenz und eine klare Richtung zu geben. Parallel zu diesen Debatten der „Neuen Linken“ radikalisierte sich die Bürger‐ rechtsbewegung. Einige ihrer Sprecher befürworteten nun „revolutionäre Gewalt“ zum Sturz des kapitalistischen Systems und erhoben unter dem Schlagwort black power Forderungen nach einem separaten Vorgehen der Afroamerikaner. Martin Luther King blieb zwar den Prinzipien der Gewaltfreiheit und der Rassenintegration treu, aber auch er zeigte sich von den geringen sozialen Fortschritten enttäuscht und begann, über die Notwendigkeit einer grundlegenden Umgestaltung der amerikanischen Gesellschaft nachzudenken. Jüngere Führer der SCLC wie der Reverend Jesse Jackson in Chicago versuchten vor allem, das Selbstwertgefühl und den Rassenstolz der Afroamerikaner Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 334 <?page no="335"?> zu stärken. Schwarze Künstler gaben die Parole black is beautiful aus, um ihre Landsleute von der Nachahmung weißer Sitten, Gebräuche und Moden abzubringen. Den extremen Flügel bildeten Gruppen wie die Nation of Islam (Black Muslims), die von ihnen abgespaltene Organization of Afro-American Unity unter Malcolm X (der 1965 von rivalisierenden Black Muslims ermordet wurde), radikale Studentenführer wie Stokely Carmichael und H. Rap Brown sowie die 1966 im kalifornischen Oakland von Huey Newton und Bobby Seale gegründeten Black Panthers, denen sich auch Eldridge Cleaver und Angela Davis anschlossen. Unter dem Eindruck der weltweiten Dekolonisierung predigten sie einen schwarzen Nationalismus, die Rückkehr zu den Quellen der afrikanischen Kultur und „direkte Aktionen“ gegen weiße Rassen- und Klassenherrschaft. Den Nährboden für ihre Agitation bildeten die trostlosen Zustände in den Ghettos der Metropolen, in denen es schon 1964 zu ersten Unruhen gekommen war. Im August 1965 explodierten Hass und Gewalt in Los Angeles im Schwarzenviertel Watts, und 1967 brachen in insgesamt 22 Städten city riots aus, die Hunderte von Menschen das Leben kosteten (in Detroit allein 43) und große materielle Schäden anrichteten. Der Kampf um individuelle und kollektive Rechte wurde zur Signatur der 1960er Jahre. Maßgeblich beteiligt waren neben den weißen und schwarzen Bürgerrechtlern die Frauen, die ihre immer noch gravierende Benachteiligung im Berufsleben und die Herabwürdigung zu „Sexualobjekten“ in einer Männerwelt überwinden wollten. Als erste Organisation der zweiten Welle der Frauenbewegung entstand die National Organization of American Women (NOW), die 1966 von Betty Friedan gegründet wurde, der Verfasserin des Bestsellers The Feminine Mystique von 1963. Unter der Parole „truly equal partnership with men“ kümmerte sich NOW um die praktische Verwirklichung der Bestimmungen des Civil Rights Act aus dem Jahr 1964, die eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern im beruflichen Alltag gewährleisten sollten. Erfolge konnte die Organisation auch an den Schulen und Universitäten verzeichnen, wo immer mehr women’s studies programs eingerichtet wurden und neue Disziplinen wie women’s history entstanden. Durch spektakuläre Aktionen, z. B. die Verhinderung von Miss-America-Wahlen, machte dagegen ein anderer Ableger der Frauenbewegung, das women’s liberation movement, auf sich aufmerksam. Die Protagonistinnen von women’s lib, die sich in lokalen Kollektiven zusammenschlossen und eine zentrale Leitung ablehnten, strebten die revolutionäre Umgestaltung der Geschlechterbeziehungen und die Überwindung der patriarchalischen Struktur der westlichen Gesellschaften an. Die amerikanische Geschichtswissenschaft profitierte insgesamt von den Impulsen der New Left-Bewegung und des Feminismus, deren Anhänger den Blick stärker als bisher auf die benachteiligten, „unterprivilegierten“ Teile der Bevölkerung - Arbeiter, Afroamerikaner, Minderheiten insgesamt, Frauen - richteten und die sich neuen Methoden und Disziplinen wie Sozialgeschichte, Alltags‐ geschichte und Mentalitätsgeschichte zuwandten. Der Kampf um „gleiche Rechte für alle“ fand schließlich auch bei den Native Americans und der rasch wachsenden Gruppe der Hispanic Americans Widerhall. Die 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 335 <?page no="336"?> offizielle Indianerpolitik war inzwischen mit ihrem seit 1953 verfolgten Bemühen ge‐ scheitert, die Ureinwohner, deren Zahl seit der Jahrhundertwende wieder anstieg, den anderen US-Bürgern völlig gleichzustellen und möglichst viele von ihnen außerhalb der Reservate anzusiedeln bzw. die Reservate in gewöhnliche Counties umzuwandeln. In der Praxis hatten diese Konzepte der termination und relocation eine zunehmende Desorientierung und Verelendung der indianischen Gemeinschaften bewirkt. Als einziger Ausweg aus dem Dilemma verblieb die Stärkung der Selbstverwaltung und Wirtschaftskraft der Reservate, die in den 1960er Jahren in Angriff genommen, aber noch keineswegs konsequent verfolgt wurde. Nachdem die Bundesmittel für die indianische Bevölkerung im Rahmen der Great Society seit 1965 erhöht worden waren, verabschiedete der Kongress 1968 den Indian Civil Rights Act, der den mehr als ein Jahrhundert zuvor vom Marshall Court verkündeten Prinzipien wenigstens teilweise Geltung verschaffte. Das allgemeine Reformklima ermutigte die Indianer, ihre Anliegen offensiv und mit eigener Stimme vorzutragen. Ältere Organisationen wie der National Congress of American Indians (NCAI) von 1944 traten dabei hinter Neugründungen zurück, unter denen sich der National Indian Youth Council (1961) und das militante American Indian Movement (AIM), das 1968 von Chippewas in Minnesota gegründet wurde, am meisten Gehör verschafften. Eine Mexican-American Political Association existierte seit 1960, doch erst die 1965 in Kalifornien beginnenden Streiks der United Farm Workers unter Führung von Cesar Chavez lenkten die Aufmerksamkeit der Nation auf das harte Los der mexikanischen Wanderarbeiter und Tagelöhner im Westen der USA. Die Ablösung der Bezeichnung Mexican-Americans durch Chicanos und Hispanics, die in dieser Zeit erfolgte, deutete darauf hin, dass die Spanisch sprechenden Migrantinnen und Migranten allmählich eine eigene kulturelle Identität entwickelten. Zum politischen und sozialen Protest der sechziger Jahre gesellten sich vielfältige Strömungen, die heute unter dem Begriff der counterculture zusammengefasst werden. Ihre Träger waren zumeist - in der Nachfolge von „beat“-Künstlern oder beatniks aus den 1950er Jahren wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg - Intellektuelle und Jugendliche aus den bürgerlichen weißen Mittelschichten, die sich von den Konventi‐ onen, Zwängen und Tabus des mainstream-Amerika emanzipieren wollten und nach Alternativen zur Konsumkultur und „technokratischen“ Rationalität der modernen Gesellschaft suchten. „Bewusstseinserweiterung“ versprachen sie sich von neuen Formen der Rock- und Pop-Musik, von Drogen wie Marihuana, LSD und Heroin, von fernöstlicher Meditation und Religiosität und von einem freizügigen Umgang mit der Sexualität (der durch die Verfügbarkeit der Pille zur Empfängnisverhütung erleichtert wurde). Frühe Bastionen der Gegenkultur waren East Greenwich Village in New York und der Haight-Ashbury-Distrikt in San Francisco, von wo aus sich das Lebensgefühl, die Verhaltensweisen und die unkonventionellen Erscheinungsformen - lange Haare, Bärte, Jeans etc. - der „hippies“, „peaceniks“ und „Blumenkinder“ über die USA auszubreiten begannen. Während das traditionelle Amerika diese Phänomene als abstoßend und provozierend empfand, wurden sie auf der anderen Seite des Atlantiks Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 336 <?page no="337"?> eifrig nachgeahmt und prägten bald das Bild, das sich die nachwachsende Generation der Europäer von den „fortschrittlichen“ Vereinigten Staaten machte. Das Epochenjahr 1968 Gegen Ende der 1960er Jahre schien es, als wären endgültig alle Schleusen geöffnet worden, die in der Epoche des „liberalen Konsens“ abweichende Meinungen und Gesellschaftskritik zurückgestaut hatten. Nahezu im Gleichklang mit Westeuropa, dessen Staaten und Gesellschaften ebenfalls von Anti-Vietnamkriegs-Demonstratio‐ nen und Jugendprotesten erschüttert wurden, erreichte die Emotionalisierung und Radikalisierung des politischen Lebens in den USA im Jahr 1968 ihren Höhepunkt. Zum Wendepunkt des Vietnamkrieges wurde die auf das vietnamesische Neujahrsfest Ende Januar 1968 terminierte Tet-Offensive des Vietcong. Rein militärisch betrachtet, erlitt die Guerrillabewegung dabei zwar eine Niederlage, die sie noch stärker als zuvor von Nordvietnam abhängig machte. An der amerikanischen „Heimatfront“ waren die psychologischen Auswirkungen des Geschehens, insbesondere des Vordringens von Vietcong-Kämpfern auf das streng bewachte Gelände der US-Botschaft in Saigon, jedoch so gravierend, dass eine Fortsetzung des Krieges im bisherigen Stil nicht mehr in Frage kam. Zu offensichtlich hatte das Konzept des nation building, das in anderen Fäl‐ len erfolgreich gewesen war, in Südvietnam versagt. Die öffentliche Meinung verlangte ein Ende oder zumindest eine Reduzierung des militärischen Engagements, und auch in Administration und Kongress kehrte sich das Verhältnis zwischen „Falken“ (hawks) und „Tauben“ (doves) binnen kurzem zu Gunsten der Letzteren um. Immer mehr Angehörige der politischen Elite erklärten ihren Dissens und verweigerten Präsident Johnson die Gefolgschaft. So vertrat der ehemalige Außenminister Dean Acheson die Ansicht, die nationale Sicherheit der USA sei durch die innere Zerrissenheit stärker gefährdet als durch eine mögliche kommunistische Machtübernahme in Südvietnam. Kaum weniger scharf als die demonstrierenden Studenten auf der Straße geißelte J. William Fulbright im Senat und in seinen Schriften die „Arroganz der Macht“, die Regierung und amerikanische Militärs der Dritten Welt und den Verbündeten gegenüber an den Tag legten. Wirtschaftsexperten wiesen darauf hin, dass der Devisenabfluss gefährliche Formen annahm und dass die USA bald nicht mehr in der Lage sein würden, ihre Verpflichtung zum Eintausch von Dollarnoten gegen Gold zu erfüllen. Einen schweren Schlag für Johnsons politische Ambitionen bedeutete die Entschei‐ dung des populären Robert Kennedy, sich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei zu bewerben. Johnson reagierte darauf zunächst mit dem Ver‐ sprechen, keine weiteren Truppen mehr nach Vietnam zu schicken, und gab schließlich Ende März 1968, nervlich und physisch zerrüttet, seinen überraschenden Verzicht auf die Wiederwahl bekannt. Gleichzeitig stoppte er die Bombardierung Nordvietnams und erklärte sich bereit, nach einer Verhandlungslösung zu suchen. Die öffentliche Erregung wurde noch gesteigert, als Martin Luther King am 4. April in Memphis, Tennessee, dem Mordanschlag eines entflohenen weißen Zuchthäuslers zum Opfer 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 337 <?page no="338"?> fiel. In 29 Staaten einschließlich des District of Columbia und in 125 amerikanischen Städten brachen daraufhin Rassenunruhen aus, die häufig nur durch den Einsatz von Nationalgarde und regulärem Militär unter Kontrolle gebracht werden konnten. Die Kette der traumatischen Erlebnisse setzte sich am 5. Juni mit der Ermordung Robert Kennedys fort, der gerade einen wichtigen Vorwahlsieg in Kalifornien errungen hatte. Der Täter war ein junger Palästinenser, dem die israelfreundliche Haltung Kennedys missfiel. Durch den Tod von King und Kennedy verloren die Bürgerrechtsbewegung und die liberale Linke innerhalb weniger Wochen ihren charismatischen Führer und ihren politischen Hoffnungsträger. Kennedy wäre wohl als Einziger in der Lage gewesen, die alte New Deal-Koalition aus Reformkräften, Industriearbeiterschaft und Minderheiten zusammenzuhalten. Die Empörung und Verbitterung entlud sich im August 1968 während des Parteikonvents der Demokraten in Chicago, der einen cha‐ otischen Verlauf nahm und von schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei überschattet wurde. Die Delegierten nominierten Vizepräsident Hubert H. Humphrey als Kompromisskandidaten, konnten aber das negative Image nicht beseitigen, das den Demokraten nun als der party of disorder anhaftete. Von dem kon‐ servativen Gegenschlag (backlash), den die innenpolitischen Turbulenzen des Jahres 1968 erzeugten, profitierte in erster Linie der Republikanische Kandidat Richard Nixon. Mit dem Versprechen, für law and order daheim und einen ehrenvollen Frieden in Vietnam zu sorgen, zog er viele Amerikaner auf seine Seite, die sich von den militanten Anti-Kriegsprotesten und der Hippie-Szene abgestoßen fühlten. Das Wahlergebnis im November fiel dennoch recht knapp aus, weil Humphrey kurz vor dem Urnengang auf den Beginn von Vietnam-Friedensverhandlungen hatte verweisen können und weil der radikal-konservative Gouverneur George C. Wallace aus Alabama als Unabhängiger im Süden beachtliche Erfolge erzielte. Nixon lag mit 43,4 Prozent der Wählerstimmen und 301 Wahlmännern vor Humphrey (42,7 Prozent / 191 Wahlmänner), während Wallace immerhin 13,5 Prozent und 46 Elektoren verbuchen konnte. Mehr noch als der so genannten „schweigenden Mehrheit“ verdankte Nixon, den die meisten Beobachter nach der Niederlage gegen John F. Kennedy 1960 und der erfolglosen Bewerbung um das Amt des Gouverneurs von Kalifornien 1962 schon abgeschrieben hatten, sein politisches Comeback den Fraktions- und Flügelkämpfen in der Demokratischen Partei. Die Hauptverantwortung für die Auszehrung und den Zerfall des „liberalen Kon‐ sens“ trifft Lyndon B. Johnson und seine Mitarbeiter, die vielversprechend begonnen hatten, am Ende aber einen politischen Scherbenhaufen hinterließen. Der Krieg in Vietnam, über dessen Sinn und Kosten Johnson die Bevölkerung niemals offen unterrichtete, hatte das Ansehen der USA in der Welt beschädigt, ihre wirtschaftliche Hegemonie unterminiert und das Projekt der Great Society zum Scheitern verurteilt. Bei der rechtlichen Gleichstellung der Afroamerikaner und anderer Minderheiten sowie beim Ausbau des Sozialstaates waren durchaus Fortschritte erzielt worden, aber diese Verbesserungen hatten neue Erwartungen geweckt, die auch ohne den Aderlass des Vietnamkrieges nur schwer hätten erfüllt werden können. Die seit dem New Deal kaum noch gestellte Frage, ob es denn überhaupt die Aufgabe der Bundesregie‐ Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 338 <?page no="339"?> rung sei, für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit zu sorgen, sollte die Amerikaner fortan intensiv beschäftigen und entzweien. Ungewiss war auch, wie eine derart aufgewühlte Nation zielstrebige Außenpolitik betreiben und ihren internationalen Führungsanspruch aufrechterhalten konnte. Dass sich die Sowjetunion weiterhin nicht scheute, westliche Verwirrung und Schwäche auszunutzen, hatte sie bewiesen, als Truppen des Warschauer Pakts auf dem Höhepunkt der amerikanischen Krise im August 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierten und das Reformexperiment des „Prager Frühlings“ abrupt beendeten. 3 Höhepunkt und Zerfall des liberalen Konsens, 1961 - 1968 339 <?page no="341"?> Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 Aus einfachen Verhältnissen hatte sich Richard Nixon mit unbändiger Energie, eise‐ rner Disziplin und einer gehörigen Portion Gerissenheit, die ihm den Spitznamen Tricky Dick einbrachte, den Weg an die Spitze des Staates gebahnt. Geboren 1913 im südkalifornischen Yorba Linda, war er in einer Quäkerfamilie aufgewachsen, die nahe Los Angeles ein Lebensmittelgeschäft betrieb. Nach Jurastudium und Militärdienst schaffte er den Sprung in die nationale Politik, wurde 1946 ins Repräsentantenhaus gewählt und zog 1950 in den Senat ein. In der Phase des McCarthyismus tat er sich durch scharfe Attacken gegen Alger Hiss hervor, einen prominenten Mitarbeiter des State Department, der schließlich wegen Meineids verurteilt wurde. Eisenhower diente er acht Jahre lang als Vizepräsident, wobei vor allem seine - häufig turbulent verlaufenden - Auslandsreisen für Schlagzeilen sorgten. Nachdem er die Rückschläge der Wahlniederlagen von 1960 und 1962 verkraftet hatte, ging sechs Jahre später mit dem Sieg über Hubert Humphrey sein privater „amerikanischer Traum“ in Erfüllung. Die Präsidentschaft wurde aber für ihn selbst wie für seine Landsleute zu einer herben Enttäuschung, am Ende gar zum Albtraum. Zunächst schien es Nixon zu gelingen, die innen- und außenpolitische Lage des Landes zu stabilisieren. Während seiner zweiten Amtszeit stürzten die Vereinigten Staaten jedoch in die schwerste Krise seit dem Bürgerkrieg, verursacht diesmal nicht durch eine Revolte gegen die Bundesregierung, sondern durch den leichtfertigen und willkürlichen Umgang mit der Macht im Zentrum des Staates selbst. Der Watergate-Skandal offenbarte die schlimmsten Auswüchse der imperial presidency und erschütterte das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen des Bundesstaates. Die demütigende Niederlage im Vietnamkrieg, die sich noch vor Nixons Rücktritt 1974 abzeichnete, traf die sieggewohnte und im Glauben an die moralische Überlegenheit der USA erzogene Nation ins Mark. Der Wertverlust des Dollars nach Freigabe der Wechselkurse im Jahr 1971 und die Pressionen der OPEC-Staaten, die auf den Nahostkrieg von 1973 folgten, zeigten den Amerikanern überdies die Grenzen ihrer wirtschaftlichen Macht und Unabhängigkeit auf. Bemer‐ kenswerterweise führten diese schweren Schläge, die das nationale Selbstbewusstsein innerhalb kurzer Zeit erlitt, nicht zur Rückbesinnung auf die Werte des „liberalen Konsens“. Vielmehr setzte sich auch unter dem Demokratischen Präsidenten Jimmy Carter der Trend zum Konservatismus fort, der Nixon 1968 ins Weiße Haus gebracht hatte. In den 1980er Jahren, in denen die Republikaner Ronald Reagan und George Bush die militärische Macht und den weltweiten Einfluss der USA wieder stärkten, deutete sich sogar ein neuer „konservativer Konsens“ an, der durch das überraschende Ende des Kalten Krieges noch gefestigt wurde. Wie der „liberale Konsens“ in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten schloss dieser „konservative Konsens“ innenpolitischen Streit und tiefgehende Meinungsunterschiede zwar keineswegs aus; unübersehbar <?page no="342"?> war aber, dass das politische Spektrum insgesamt nach rechts rückte und dass von konservativer Seite eingebrachte Themen wie Bewahrung der Familie, Patriotismus, Wiederbelebung des Föderalismus und Deregulierung der Wirtschaft zunehmend die öffentliche Debatte bestimmten. Diese geistig-kulturelle Umorientierung fand vor dem Hintergrund einer demographischen und ökonomischen Entwicklung statt, die den ethnischen Pluralismus der amerikanischen Gesellschaft weiter verstärkte und die Modernisierung der Wirtschaft vorantrieb, zugleich aber auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich deutlich akzentuierte. 1 Die krisenhaften siebziger Jahre Zerfall der Anti-Kriegs-Front und Auffächerung der Bürgerrechtsbewegung Die konservative Wende gegen den Geist des New Deal und das von ihm geschaffene big government, die Nixon im Wahlkampf angekündigt hatte, vollzog sich zunächst eher in der Rhetorik als in der politischen Praxis. Vorerst wirkte die liberale Grundhaltung in vielen Bereichen und Institutionen weiter fort, etwa an den Universitäten und Colleges, die sich seit dem Krieg für breite Bevölkerungsschichten geöffnet hatten, oder im Kongress, der nach wie vor von den Demokraten beherrscht wurde, und nicht zuletzt auch im Supreme Court, an dessen Spitze zwar 1969 mit Warren E. Burger ein konservativer Chief Justice trat, dessen Richtermehrheit aber bis in die 1980er Jahre hinein dem progressiven Kurs des Warren Court verpflichtet blieb. Die großen Parteien suchten ihre Attraktivität zu steigern, indem sie zu einer Kandidatenaufstellung im Rahmen von „offenen“ Vorwahlen übergingen, an denen sich alle Bürger ungeachtet ihrer Parteipräferenz beteiligen konnten. Damit erhielt das demokratische Element im politischen Leben Auftrieb, auch wenn die Wahlbeteiligung insgesamt nicht zunahm und eine übermäßige Personalisierung der Politik mit der neuen Praxis verbunden war. Das öffentliche Meinungsklima wurde nach wie vor von den großen Ostküstenblättern New York Times und Washington Post bestimmt, die im Verlauf des Vietnamkrieges zu einer kritischen, regierungsunabhängigen Berichterstattung gefunden hatten. In diesem „liberalen Establishment“ machte Nixon denn auch die Gegner aus, die ihn angeblich „vernichten“ wollten und gegen die er sich mit allen, auch unlauteren Mitteln wehren zu müssen glaubte. Kennzeichnend für die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit war das Schicksal von Nixons Projekt eines New Federalism, der dazu dienen sollte, die bundes‐ staatliche Bürokratie einzudämmen, Verantwortung an Einzelstaaten und Gemeinden zurückzugeben und government wieder generell näher an die Bürger heranzubringen. Tatsächlich trat eher das Gegenteil ein, weil die Nixon-Administration zu einem echten Kompetenz- und Machtverzicht gar nicht bereit war und weil die Regierungen und Parlamente der Einzelstaaten angesichts der drängenden Wirtschaftsprobleme zusätzliche Aufgaben weder übernehmen wollten noch konnten. Der Kongress betrieb sogar eine moderate Expansion der bundesstaatlichen Zuständigkeiten, indem er Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 342 <?page no="343"?> 1970 als Reaktion auf das gestiegene Umweltbewusstsein die Environmental Protection Agency (EPA) einrichtete und mit dem Clean Air Act aus demselben Jahr und dem Clean Water Act von 1972 nationale Standards festschrieb. Obwohl die USA also ähnlich einem großen Tanker, der nur sehr langsam auf Steuerbewegungen reagiert, ihren Kurs zunächst kaum spürbar veränderten, machten sich doch erste Anzeichen eines Stimmungs- und Mentalitätswandels bemerkbar. Hierzu zählte in erster Linie die Auffächerung der Bürgerrechts- und Studentenbewegung in zahlreiche Gruppen und Initiativen, die jeweils eigene Ziele definierten, getrennte Wege gingen und recht unterschiedliche Erfolge verbuchen konnten. Nixons Strategie, den Frieden in Vietnam „herbeizubomben“, bewirkte kurzfristig noch einmal eine Massenmobilisierung der Kriegsgegner, doch sie erwies sich lediglich als ein letztes Aufflackern des rebellischen spirit of 68. Studentische Demonstrationen gegen die Ausweitung des Krieges auf Kambodscha und Laos im Frühjahr 1970 beantworteten die Behörden mit dem Ein‐ satz von Militär und der Verhängung des Kriegsrechts über mehrere Universitäten. Der blutige Zwischenfall an der Kent State University in Ohio im Mai, bei dem Nationalgardisten vier Studenten erschossen und elf weitere verwundeten, und ein Bombenanschlag an der University of Wisconsin in Madison, der im Sommer ebenfalls ein Menschenleben kostete, signalisierten das Ende der breiten Anti-Kriegsbewegung. In der Bevölkerung überwog nun eindeutig die Sorge vor dem „sozialen Chaos“, und die Mehrheit vertraute darauf, dass Nixon und sein Nationaler Sicherheitsberater, der deutschstämmige Historiker Henry Kissinger, dem vietnamesischen Albtraum ein baldiges Ende bereiten würden. Der allmähliche Abzug der US-Kampftruppen aus Südvietnam trennte die liberalen Kriegsgegner und Pazifisten, die ihr Ziel für weitgehend erreicht hielten, vom harten Kern der Anti-Imperialismus-Kämpfer. Zuvor schon hatte die counterculture mit dem Woodstock-Festival, zu dem sich im August 1969 über 400.000 junge Leute in den New Yorker Catskill Mountains versammelten, ihren heute legendären Höhepunkt erreicht. Je klarer die Aussichtslosigkeit eines frontalen Angriffs gegen die Autorität des Staates zu Tage trat, desto mehr konzentrierte sich das politische Engagement der Bürger auf Einzelanliegen oder wich ganz und gar der Befriedigung privater Bedürfnisse. Während einerseits der Aktivismus ethnischer Minderheiten, der Frauenbewegung, der Homosexuellen (gay and lesbian movement) und der Umweltschützer eher noch zunahm, flüchteten sich andererseits mehr und mehr Menschen in mystische Kulte, abgeschiedene Kommunen, selbstzerstörerischen Drogenkonsum oder verzweifelten Terrorismus. Dieses letzte Phänomen erreichte in den USA zwar nicht dasselbe Ausmaß wie etwa in der Bundesrepublik oder Italien, aber einzelne in die Illegalität abgetauchte Gruppen, etwa die Weather Underground Orga‐ nization, bewiesen kaum weniger Fanatismus und Entschlossenheit als die „Rote Armee Fraktion“ oder die „Roten Brigaden“. Die Weathermen, eine extreme Splittergruppe des zerfallenden SDS, verübten bis 1975 etwa 20 Bombenanschläge gegen öffentliche Einrichtungen, um „das System“ zu treffen. Anders als in Europa fanden die Terroristen jedoch so gut wie keine bürgerlichen Sympathisanten, und gegenüber dem FBI, das die Protestszene systematisch unterwanderte, hatten sie auf Dauer keine Chance. 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 343 <?page no="344"?> Auf mehr Verständnis in der Bevölkerung konnten dagegen die militanten Native Americans hoffen, die sich 1969 handstreichartig der ehemaligen Gefängnisinsel Alcat‐ raz vor San Francisco bemächtigten, 1971 kurzfristig das Bureau of Indian Affairs in Washington okkupierten und 1973 am symbolischen Ort des Wounded Knee-Massakers von 1890 einen blutigen Zusammenstoß mit der Bundespolizei provozierten. Eingedenk der langen Kette von Unrecht, das an den Ureinwohnern verübt worden war, fiel die Antwort des Staates moderat und konstruktiv aus: Der Indian Self-Determination Act von 1974 stärkte die Souveränität der Stammesregierungen in den Reservaten, und der vier Jahre später verabschiedete American Indian Religious Freedom Act stellte die indianischen Kulte auf eine Stufe mit den christlichen, jüdischen und islamischen Glaubensbekenntnissen. Die Gerichte bedienten sich nun John Marshalls Formel der domestic dependent nations aus den 1830er Jahren nicht mehr so sehr, um die Abhängigkeit der Stämme von der Bundesregierung zu unterstreichen, als vielmehr mit der ehrlichen Absicht, den wirtschaftlichen und religiösen Rechten der Indianer Geltung zu verschaffen. Zugleich trugen die Bemühungen des Kongresses und einzel‐ ner Staaten um materielle Entschädigung der Native Americans für vertragswidrige Landenteignungen seit der Kolonialzeit erste Früchte. Auch der afroamerikanischen Bevölkerung schienen Radikalisierung und Zerfall der Bürgerrechtsbewegung und das wachsende Verlangen nach law and order nicht zu schaden. Eine aufstrebende schwarze Mittelschicht machte von den seit 1965 geschaffenen rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Gebrauch, sodass vie‐ lerorts, auch im Süden, der Anblick wohlhabender schwarzer Geschäftsleute und erfolgreicher Politiker keine Seltenheit mehr war. Der Supreme Court hielt an seiner auf Rassenintegration abzielenden Rechtsprechung fest und bestätigte beispielsweise 1971 im Fall Swann v. Charlotte-Mecklenburg Board of Education die Notwendigkeit des Bustransfers (busing) von weißen Schulkindern in schwarze Stadtteile und vice versa, um ein ausgewogenes Verhältnis der Rassen im Schulsystem zu gewährleisten. Allerdings kam es einige Jahre später wegen dieser von oben verordneten Schüler‐ transporte zu heftigen Protesten der irisch-amerikanischen Arbeiterbevölkerung von Boston, die offenbarten, wie brisant die Frage immer noch war. Vielerorts unterliefen weiße Mittelschichtfamilien nun die Absichten der Behörden, indem sie ihre Kinder in Privatschulen ummeldeten. Diese „weiße Flucht“ konservierte Rassenschranken, die man mit dem busing gerade hatte beseitigen wollen. Zum anderen zentralen Streitpunkt in der Rassen- und Minderheitenfrage entwickelte sich affirmative action, eine Praxis, die erstmals 1968 vom Labor Department der Bundesregierung angewendet worden war. Nach diesem Muster schrieben Ministerien und Gerichte in den 1970er Jahren immer differenziertere Prozeduren vor, deren Einhaltung dazu führen sollte, dass historisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen ihren gerechten Anteil an der Erziehung und am Stellenmarkt erhielten. In vielen Bereichen kam es daraufhin zu Quotenregelungen und Vorzugsbehandlungen von minorities und Frauen, um bisherige Diskriminierungen wettzumachen und gleiche Ausgangspositionen zu schaffen. Das betraf vor allem die Einstellungspraxis der staatlichen Bürokratie und öffentlicher Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 344 <?page no="345"?> Betriebe, aber auch die Erteilung von öffentlichen Aufträgen an Minderheiten-Unter‐ nehmer oder die Integration von minority-Studenten und Studentinnen in bestimmte universitäre Programme. Hiergegen erhob sich schon bald der Vorwurf der reverse discrimination, die vor allem weiße Männer treffe. Kritiker monierten außerdem die wachsenden Möglichkeiten der Bundesregierung, sich in lokale Belange einzumischen, indem sie etwa nur solche Bildungsprogramme finanziell förderte, die den affirmative action-Vorschriften entsprachen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie der Aufhe‐ bung einer globalen Quotenregelung an der Medizinischen Fakultät der University of California in Davis im Jahr 1978 (Bakke v. University of California) ließen sich die Gerichte von solchen Argumenten zunächst jedoch nicht beeindrucken. Die liberale Rechtsprechung kam in steigendem Maße auch den Frauen zugute, von denen immer mehr - aus ökonomischem Zwang oder freiwillig - den Weg in das Berufsleben antraten. Innerhalb einer Generation, von 1960 bis 1990, stieg die Zahl der arbeitsfähigen Frauen, die einen Job ausübten, kontinuierlich von 35 auf 58 Prozent an. Darin kam ein grundlegender Einstellungswandel zur Berufstätigkeit zum Ausdruck, die nicht länger als Privileg der Männer und nur vorübergehendes „Schicksal“ der Frauen angesehen wurde. Aus der Sicht der Frauenbewegung brachte das Jahr 1973 einen Durchbruch von historischer Tragweite, als der Supreme Court im Fall Roe v. Wade ein Gesetz des Staates Texas aufhob, das die Abtreibung unter Strafe stellte. Nachdem der Staat New York bereits mit der Liberalisierung seines Abtreibungsgesetzes vorangegangen war, gab das Oberste Gericht nun den Schwan‐ gerschaftsabbruch während der ersten drei Monate völlig frei und erfüllte damit eine zentrale Forderung der Frauenrechtsbewegung. Welch kolossaler Bewusstseinswandel hier innerhalb kurzer Zeit eingetreten war, kann man an der Tatsache ermessen, dass bis Mitte der 1960er Jahre in vielen Einzelstaaten sogar noch der Verkauf von Verhütungsmitteln verboten gewesen war. Nun erlaubten es die Verfügbarkeit der Pille und die Fristenregelung, dass alle wesentlichen Entscheidungen über Sexualität und Reproduktion außerhalb staatlicher Kontrolle im freien Einvernehmen der Ge‐ schlechtspartner getroffen wurden. Auch dieser Fortschritt hatte allerdings seinen Preis, wie etwa die Verdoppelung der Scheidungsrate allein in den 1970er Jahren belegte. Beim Bemühen, die beruflichen Aufstiegschancen der Frauen durch eine lupenreine rechtliche Gleichstellung mit den Männern zu verbessern, erlitt die Frauenbewegung einen Rückschlag, der als frühes Indiz der konservativen Trendwende gelten kann. Als wichtigstes gemeinsames Projekt hatten die seit 1970 vereinigten gemäßigten und radikalen Organisationen einen Verfassungszusatz in die Wege geleitet, der jegliche Diskriminierung auf der Grundlage des Geschlechts ausschließen sollte. Dieses Equal Rights Amendment (ERA) passierte 1972 den Kongress, verfehlte aber die nötige Ratifizierungsmehrheit, da nur 35 anstatt der erforderlichen 38 Staatenparlamente ihre Zustimmung erteilten. Obwohl der Kongress Ende der 1970er Jahre die Ratifizierungs‐ frist noch einmal verlängerte, gelang es nicht, die Bedingungen für das Inkrafttreten des ERA zu erfüllen, das deshalb 1982 endgültig ad acta gelegt wurde. Im Kampf um 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 345 <?page no="346"?> das ERA, den die Frauenbewegung und ihre liberalen Verbündeten gegen konservative Anhänger einer „natürlichen Ordnung“ und christlich-fundamentalistische Kritiker der „sexuellen Revolution“ und der Abtreibung führten, deren Führungsfigur die Aktivistin Phyllis Schlafly wurde, zeichneten sich erstmals die kulturellen Fronten des ausgehenden 20. Jahrhunderts ab. Die Niederlage bezeugte den wachsenden Einfluss der konservativen Strömung, darf aber keineswegs als Symptom des Scheiterns der gesamten Reformbewegung gedeutet werden. Sie stellte nicht die Hauptergebnisse des kulturellen Umbruchs in Frage, der sich in den 1960er und frühen 1970er Jahren vollzogen hatte: Das waren zum einen die Gewährleistung der vollen Bürgerrechte für die Afroamerikaner und zum anderen der Bewusstseinswandel in der Bevölkerungs‐ mehrheit, der rassistische und sexistische Einstellungen zwar nicht völlig beseitigte, wohl aber jedem offenen Rassismus und jeder offenen sexuellen Diskriminierung die Legitimitätsgrundlage entzog. Die Hoffnung, auf dem Weg über die rechtliche Gleichheit rasch zur sozialen Gerechtigkeit zu gelangen, erfüllte sich jedoch nicht. Solche von der Great Society-Parole geweckten übersteigerten Erwartungen erzeugten Enttäuschungen und Frustrationen, die zur Quelle neuer gesellschaftlicher Spannun‐ gen wurden. Die fortschrittlich-optimistische Bürgerrechtsbewegung gehörte Mitte der 1970er Jahre bereits der Vergangenheit an; man sprach nicht mehr von einem civil rights movement, sondern von den neuen social movements, unter denen die Ökologiebewegung als besonders zukunftsträchtig galt. Mit Aktionen wie der Feier des ersten „Earth Day“ im April 1970 versuchten die amerikanischen Umweltschützer das Bewusstsein ihrer an Energieverschwendung gewöhnten Landsleute für die Knappheit der natürlichen Ressourcen, die Verschmutzung von Luft und Gewässern und die globalen Klimaprobleme zu schärfen. Obwohl die öffentliche Resonanz für Anliegen dieser Art im Laufe des Jahrzehnts durch Ölkrisen und Schwierigkeiten mit der Atomenergie zunahm, blieb der Einfluss der environmentalists jedoch begrenzt, zumal sie sich fast ausschließlich an den lokalen „Graswurzeln“ der Gesellschaft organisierten. Das „Disengagement“ in Vietnam und die Suche nach einem globalen Mächtegleichgewicht Präsident Nixon machte keinen Hehl daraus, dass er allen staatlichen Bemühungen, das Los der Minderheiten zu verbessern, skeptisch gegenüberstand. Mit Blick auf die öffentliche Meinung wäre es aber unsinnig gewesen, die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung anzutasten. Um das Wohlwollen der konservativen Wähler zu erhalten, genügte es, gelegentlich Kritik am „Aktivismus“ der Gerichte zu üben und einzelne Maßnahmen wie das busing zu missbilligen. Ansonsten standen während der ersten Amtszeit ganz andere Themen im Vordergrund, die den Außenpolitiker Nixon weit mehr reizten und die Administration vollauf beschäftigten. Dabei verblüfften Nixon und Henry Kissinger (der den nominellen Außenminister William P. Rogers schnell in den Schatten stellte) Anhänger und Gegner gleichermaßen mit kühnen Schachzügen, die neue weltpolitische Konstellationen ermöglichten. Psychologischen Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 346 <?page no="347"?> Auftrieb in der Anfangsphase lieferte die - vom Fernsehen weltweit direkt übertra‐ gene - Landung zweier amerikanischer Apollo-Astronauten auf dem Mond am 21. Juli 1969. Dieses symbolträchtige Unternehmen war zwar einer Initiative Kennedys zu verdanken, doch Nixon konnte sich im Glanz des Erfolges sonnen, den die Wissen‐ schaftler und Ingenieure der NASA in einem bis zuletzt spannenden Wettrennen mit der sowjetischen Konkurrenz errungen hatten. Höchste Priorität auf der politischen Tagesordnung erhielt natürlich der Vietnamkrieg, dessen Beendigung Nixon und Kissinger im Rahmen einer Gesamtstrategie ansteuerten, die sie den Zeitgenossen gegenüber vorerst nicht offenbaren konnten oder wollten. Einen Eckstein von Nixons Politik bildete die streng geheime „Theorie des verrückten Mannes“ (Madman The‐ ory), in der der amerikanische Präsident die kommunistische Welt im Glauben wog, dass außenpolitische Provokationen ihn zu Wahnanfällen und zur Benutzung von Nuklearwaffen provozieren könnten. Bereits in den 1950er Jahren hatte Nixon globale US-amerikanische Ziele mit Vietnam verbunden. Während seiner Präsidentschaft verschmolzen diese Ideen mit den intellektuellen Vorgaben Henry Kissingers, mit dem er einen engen, aber nicht immer konfliktfreien Umgang pflegte. Henry Kissinger, der sein Denken an der von Metternich, Castlereagh und Bismarck betriebenen „Großen Politik“ des 19. Jahrhunderts geschult hatte, schwebte die Rückkehr zu einer „realistischen“, möglichst ideologiefreien Gleichgewichtspolitik vor, deren Hauptziel die Stabilisierung der internationalen Beziehungen und der Erhalt des Status quo war. In diesem Konzept, das bewusst von allen Bemühungen absah, die inneren Verhältnisse der Großmächte zu ändern, sollten die USA eine Ordnungsfunktion übernehmen, die in etwa derjenigen entsprach, die Frankreich im 17. Jahrhundert und Großbritannien im 18. und 19. Jahrhundert ausgeübt hatten. Auf diese Weise wollte Kissinger sowohl die Fehler einer „missionarischen“ Außenpolitik vermeiden, die westliche Rechts- und Verfassungsvorstellungen verabsolutierte, als auch einer allzu gutgläubigen Haltung vorbeugen, die den Interessenausgleich mit den globalen Konkurrenten durch einsei‐ tige Vorleistungen zu erreichen gedachte. Ein solches balance of power-Streben musste in den USA „typisch europäisch“ und „unamerikanisch“ anmuten, und es ließ sich auch nicht leicht mit der Philosophie von NSC 68 vereinbaren, die ja die Legitimität des kommunistischen Systems in Frage stellte und explizit auf den inneren Wandel der Sowjetunion abzielte. Dennoch gelang es Kissinger und Nixon, auf dieser Grundlage eine konkrete Politik der Détente zu entwickeln, die über weite Strecken zur Signatur der 1970er Jahre wurde. Einen ersten Hinweis auf den neuen Kurs lieferte Nixon noch 1969 mit seiner rasch zur „Doktrin“ stilisierten Erklärung, dass sich die Länder der Dritten Welt im Kampf gegen den Kommunismus in erster Linie selbst helfen müssten. Die USA würden in Zukunft nur noch ausnahmsweise militärisch intervenieren und ihre Lasten mit den Verbündeten und regionalen Ordnungsmächten teilen. Zum Modell einer derartigen Ordnungsmacht avancierte um diese Zeit der Iran, dessen Aufrüstung und wirtschaftliche Modernisierung die Amerikaner betrieben, ohne sich allerdings der zunehmenden inneren Brüchigkeit des autoritären Schah-Regimes bewusst zu werden 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 347 <?page no="348"?> oder ihr gar Rechnung zu tragen. Für Vietnam empfahl Kissinger eine Politik des decent interval, da der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, sondern allenfalls noch ehrenhaft beendet werden könne. Eine „bedingungslose Kapitulation“ der USA kam jedoch nicht in Frage, da sie die Nation unnötig gedemütigt und ein „geopolitisches Desaster“ in Südostasien angerichtet hätte. Die politischen Erschütterungen, die der amerikanische Rückzug auszulösen drohte, sollten durch eine Annäherung an das kommunistische China gemildert werden, das sich seit 1969 in einem offenen Grenzkonflikt mit der Sow‐ jetunion befand. Von der Verbesserung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen erhofften sich Nixon und Kissinger zugleich aber auch eine Mäßigung der Sowjetunion, die man zu weiteren Entspannungs- und Rüstungskontrollschritten nutzen konnte. Die amerikanische Öffentlichkeit nahm die konkreten Entscheidungen, die Nixon vor diesem Hintergrund in Südostasien traf, als einen Schlingerkurs zwischen Redu‐ zierung des militärischen Engagements und Eskalation des Krieges wahr. Einerseits wurden die US-Bodentruppen in Vietnam, deren Stärke 1970 noch bei 300.000 Mann stand, bis 1972 auf 24.000 verringert; parallel dazu erfolgte im Zuge des „Vietnamisie‐ rungskonzepts“ eine beträchtliche Aufrüstung der südvietnamesischen Streitkräfte, die wieder die Hauptlast des Landkrieges übernehmen sollten. Andererseits steigerte Nixon den Bombenkrieg gegen Nordvietnam, um die Moral im Süden zu stärken und die Regierung in Hanoi bei den Waffenstillstandsverhandlungen kompromissbereit zu stimmen. Im April 1970 befahl der Präsident sogar die Ausweitung des Krieges auf Kambodscha und Laos, wobei die Bombardierung von Zielen in diesen beiden Ländern weitgehend geheim gehalten wurde. Die Kritik in der amerikanischen Bevölkerung und in der Weltöffentlichkeit fand zusätzliche Nahrung, als 1971 ein Prozess das Massaker von My Lai enthüllte, das 1968 von einer US-Einheit unter Leutnant William L. Calley an vietnamesischen Zivilisten verübt worden war. Einen ähnlichen Effekt hatte die Veröffentlichung der so genannten Pentagon Papers, die ebenfalls 1971 gegen den Willen der Nixon-Administration in der New York Times erfolgte. Diese schon Jahre zuvor angefertigte geheime Studie, die den Ursprung der amerikanischen Verstrickung in Vietnam und die wiederholte Täuschung der Öffentlichkeit dokumentierte, war von einem ehemaligen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, Daniel Ellsberg, an die Presse weitergegeben worden. Obwohl Nixon selbst durch die Dokumente nicht belastet wurde, hatte die Administration im Interesse der „nationalen Sicherheit“ eine einstweilige Verfügung gegen den Abdruck in der New York Times zu erlangen gesucht, war aber vor dem Supreme Court unterlegen. Während die Situation in Vietnam festgefahren schien, betrieben Nixon und Kissin‐ ger mit beachtlichem Geschick ihr „dreidimensionales Spiel“ auf der weltpolitischen Bühne. Ein erstes Anzeichen für Chinas Öffnung zum Westen lieferte die Einladung an eine amerikanische Tischtennis-Mannschaft im Jahr 1971. Auf diese „Ping-Pong-Dip‐ lomatie“ folgte eine Geheimreise Kissingers nach Peking, und im Februar 1972 stattete Nixon dann persönlich unter großer Anteilnahme der Medien Mao und Chu En-Lai seinen Besuch ab. Unter deutlicher Anspielung auf die Sowjetunion stellte das ge‐ meinsame Kommuniqué fest, dass man sich jedem Versuch eines Landes oder einer Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 348 <?page no="349"?> Staatengruppe widersetzen werde, im asiatisch-pazifischen Raum eine Hegemonie zu errichten. Der „sino-sowjetische Block“, in dessen Bann die amerikanischen Politiker und Militärs seit Ende der 1940er Jahre gestanden hatten, gehörte damit endgültig der Vergangenheit an. Mit Rücksicht auf Peking fror die US-Regierung nun auch ihre politischen Beziehungen zu Taiwan ein, nachdem sie sich Anfang der 1970er Jahre noch gegen eine Mitgliedschaft der Volksrepublik China in den Vereinten Nationen gewehrt hatte. Die Distanzierung von Taiwan war die Vorbedingung für die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen Washington und Peking, die allerdings erst 1979 erfolgte. Wie erwartet, eignete sich die „chinesische Karte“ sehr gut, um die Entspannung gegenüber der Sowjetunion voranzutreiben. In dieser Hinsicht war die Ende 1969 in Bonn gebildete sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt mit ihrer „neuen Ostpolitik“ bereits vorgeprescht, was in den USA Überraschung auslöste, weil gerade die Westdeutschen lange Zeit alle Auflockerungstendenzen mit Argwohn verfolgt hatten. Von nun an befanden sich die amerikanische und die westdeutsche Au‐ ßenpolitik in einem weitgehenden Einklang, der lediglich durch das latente Misstrauen Washingtons gestört wurde, die Bonner Regierung könnte den Sowjets im Interesse der deutschen Einheit oder der deutschen Wirtschaft zu weit entgegenkommen und ihre NATO-Pflichten vernachlässigen. Die wichtigsten Früchte dieser Entspannungsära waren das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin im Dezember 1971, das die „neue Ostpolitik“ eng an die amerikanische Détente koppelte, und die im Mai 1972 von Nixon und Breschnew in Moskau unterzeichneten Rüstungskontrollvereinbarungen SALT I (Strategic Arms Limitation Treaty) und ABM (Anti-Ballistic Missiles Treaty). Sie sahen noch keine echte Abrüstung vor, legten aber erstmals Höchstgrenzen für interkontinentale Atomraketen fest und limitierten den Aufbau ballistischer Raketen‐ abwehrsysteme, die das „Gleichgewicht des Schreckens“ hätten gefährden können. Die amerikanischen Entspannungsbemühungen waren nicht nur politisch-strate‐ gisch, sondern auch wirtschaftlich motiviert, da die negativen ökonomischen Konse‐ quenzen des Vietnamkrieges in den USA immer spürbarer wurden. Nach seinem Amtsantritt sah sich Nixon mit wachsenden Haushaltsdefiziten, steigender Inflation und Arbeitslosigkeit konfrontiert, und 1971 wies die US-Handelsbilanz erstmals seit 1890 wieder höhere Einfuhren als Ausfuhren auf. Um die amerikanische Industrie wettbewerbsfähiger zu machen und den Devisenabfluss zu stoppen, schreckte die Nixon-Administration nun nicht einmal mehr vor der Preisgabe des Währungssystems von Bretton Woods zurück, das seit 1944 die monetäre Stabilität der Weltwirtschaft verbürgt hatte. Im Dezember 1971 wurde es durch ein neues Abkommen ersetzt, das die Vereinigten Staaten von der Goldeinlösungspflicht entband und ihnen erlaubte, den Dollar abzuwerten und innerhalb bestimmter Grenzen „floaten“ zu lassen. Diese Regelung erwies sich lediglich als Zwischenschritt zur endgültigen Freigabe des Wechselkurses, die 1973 erfolgte und die, von einigen „Zwischenhochs“ abgesehen, den kontinuierlichen Niedergang des Dollar gegenüber „festen“ Währungen wie der D-Mark und dem Yen bestätigte. Die kurzfristig belebende Wirkung der Währungs‐ 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 349 <?page no="350"?> politik und die Hoffnungen auf gute Geschäfte mit der Sowjetunion, die durch den Abschluss eines Handelsvertrags im Oktober 1972 und neue Weizenverkäufe genährt wurden, halfen Nixon im Präsidentschaftswahlkampf 1972. Eine echte Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage trat jedoch nicht ein, und das bislang unbekannte Phänomen der „Stagflation“ - geringes Wachstum bei gleichzeitiger Inflation - sollte die USA durch das gesamte Jahrzehnt begleiten. Mit der Détente gegenüber der Sowjetunion verbanden Nixon und Kissinger auch die Erwartung, dass Moskau die Regierung in Hanoi drängen würde, den Rückzug der USA aus Vietnam zu erleichtern. Tatsächlich gelang es Kissinger gerade noch rechtzeitig zum Wahltermin, mit dem nordvietnamesischen Unterhändler Le Duc Tho im Oktober 1972 in Paris ein Waffenstillstandsabkommen zu vereinbaren. Allerdings stieß die Bestimmung, die es den nordvietnamesischen Truppen gestattete, im Süden zu bleiben, auf den erbitterten Widerstand der Regierung Thieu in Saigon, die darin zu Recht ihr langfristiges Todesurteil erblickte. Hanoi konterte mit der Forderung nach dem Rücktritt Thieus und der Bildung einer Koalitionsregierung unter Einschluss der Kommunisten in Südvietnam. Nach seiner Wiederwahl im November ordnete Nixon daraufhin erneut ein massives Bombardement Nordvietnams an, das Freund und Feind gleichermaßen beeindrucken und den „toten Punkt“ überwinden sollte. Am 27. Januar 1973 wurde der Waffenstillstand schließlich in kaum veränderter Form unterzeichnet - zur Erleichterung der meisten Amerikaner und fast der gesamten Welt, die noch im selben Jahr die Vergabe des Friedensnobelpreises an Kissinger und Le Duc Tho erlebte. In dem Abkommen verpflichteten sich die USA, ihre Truppen vollständig aus Südvietnam abzuziehen, während Hanoi die Freilassung von 600 amerikanischen Kriegsgefangenen zusagte. Um der Saigoner Regierung die bittere Pille des Verbleibens kommunistischer Truppen im Süden zu versüßen, gab Nixon Staatspräsident Thieu die geheime Zusage, „dass die USA mit voller Macht reagieren würden, falls die Nordvietnamesen das Abkommen verletzen sollten“. Mit dem Pariser Waffenstillstand schienen die USA doch noch einen relativ glimpf‐ lichen Ausweg aus einer Verstrickung gefunden zu haben, die die Nation 58.000 Tote und 300.000 Verwundete gekostet hatte und deren finanzielle Bilanz sich auf etwa 150 Milliarden Dollar bezifferte. Gemessen an den mehr als zwei Millionen toten Vietnamesen und an den gewaltigen Schäden, die der Krieg in Südostasien angerichtet hatte, mutete das noch verhältnismäßig gering an. Der Zerfall des „sino-sowjetischen Blockes“ und die Entspannungspolitik mit der Sowjetunion legten aber die Frage nahe, ob diese Opfer überhaupt hätten gebracht werden müssen, um den Vormarsch eines weitgehend imaginären „internationalen Kommunismus“ aufzuhalten. Nixon und Kissinger glaubten jedenfalls, mit ihrer „pentagonalen Gleichgewichtspolitik“ eine Alternative zu dem seit 1945 betriebenen, stark ideologisch fundierten containment gefunden zu haben. Ihren Vorstellungen nach sollten sich die fünf „Kraftzentren“ der Welt - Nordamerika, Westeuropa, die Sowjetunion, Japan und China - wechselseitig in der Balance halten, wobei den USA dank ihrer strategischen Lage und ihrer wirtschaft‐ lichen und militärischen Stärke eine Schlüsselrolle zukommen würde. Laut Kissinger Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 350 <?page no="351"?> hatten die Amerikaner fortan insbesondere darauf zu achten, dass sie jeweils bessere Beziehungen zu Moskau und Peking pflegten, als die beiden kommunistischen Mächte miteinander unterhielten. Ein derart globales Kalkül war geeignet, die Bedeutung Vietnams zu relativieren und die Sorgen vor einem Domino-Effekt in Südostasien zu mindern. In jedem Fall stellte dieser „realistische“ Ansatz die wichtigste Veränderung der amerikanischen Außenpolitik seit Beginn des Kalten Krieges dar. Der Watergate-Skandal und der erzwungene Rücktritt Präsident Nixons Die Wahlen im November 1972 bescherten Nixon - bei einer Wahlbeteiligung von nur 55,7 Prozent - mit ca. 61 Prozent der abgegebenen Stimmen und 520 von 537 Wahlmännerstimmen einen überwältigenden Sieg. Erleichtert worden war die Wiederwahl durch ein weiteres politisches Attentat im Mai 1972, dem diesmal Nixons erzkonservativer Herausforderer George C. Wallace, der Gouverneur von Alabama, zum Opfer fiel (er überlebte zwar die Pistolenschüsse, blieb aber an den Rollstuhl gefesselt); die Hauptursache für den Erdrutsch lag jedoch in der Person des als extrem liberal geltenden George McGovern, eines Senators aus South Dakota, mit dessen Aufstellung die Demokraten die politische Mitte praktisch kampflos an die Republikaner preisgaben. Unter diesen Umständen hätte es Nixon vermutlich gar nicht nötig gehabt, seine Chancen durch unlautere Machenschaften zu verbessern, mit denen er ein insgeheim eingerichtetes Committee to Re-elect the President betraute. Diese zwielichtige Truppe, der auch ehemalige Mitglieder von FBI und CIA angehörten, erlangte später unter dem bezeichnenden Akronym CREEP traurige Berühmtheit. Der am 17. Juni 1972 verübte Einbruch im Washingtoner Watergate-Hotel, bei dem etliche CREEP-“Klempner“ (the plumbers) auf frischer Tat ertappt wurden, als sie Abhöranlagen in der nationalen Parteizentrale der Demokraten installieren wollten, setzte die Kette der Ereignisse in Gang, die Nixon zwei Jahre später zum Rücktritt zwangen. Die mit dem Wort „Watergate“ umschriebene Verfassungs- und Vertrauenskrise ist im Wesentlichen auf strukturelle Schwächen der „imperialen Präsidentschaft“ zurückzuführen, die durch negative Charaktereigenschaften Nixons noch verstärkt wurden. Angesichts der Kritik, mit der führende Presseorgane seine Vietnam-Politik bedachten, verbreitete Nixon seit 1970 eine Art „Belagerungsmentalität“ um sich, die Geheimniskrämerei und autoritäre Führungsmethoden förderte. Nixon und Kissinger trieben die imperial presidency auf die Spitze, indem sie sich fast nur noch auf den Beraterstab im Weißen Haus und den National Security Council stützten und selbst wichtige Ministerien wie das State Department weitgehend aus dem Entscheidungs‐ prozess ausschalteten. Privat war Nixon ein unsicherer Mensch voller Ressentiments, dessen Misstrauen unter den Belastungen des Vietnamkrieges paranoide Züge annahm. Im Verlangen des Kongresses und der Öffentlichkeit, einer übermächtigen Exekutive Zügel anzulegen, sah der Präsident Anzeichen für die moralische Degeneration der Amerikaner, die zum Untergang der Weltmacht USA führen müssten. Die Sperrung 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 351 <?page no="352"?> von Geldern für Militäraktionen in Kambodscha, die der Kongress 1970 vorgenommen hatte, bildete den Auftakt zu einem heftigen Konflikt zwischen dem Parlament, das sein Mitspracherecht in außenpolitischen Angelegenheiten zurückerobern wollte, und dem Päsidenten, der die zur Gewohnheit gewordenen Vorrechte der Exekutive verteidigte. Ein neues Zeichen seines wiedergewonnenen Selbstbewusstseins setzte der Kongress 1973 mit dem War Powers Act, der bestimmte, dass der Präsident das Parlament innerhalb von 48 Stunden über alle militärischen Aktionen unterrichten muss und dass der Einsatz von US-Truppen innerhalb von 60 Tagen zu beenden ist, es sei denn, der Kongress beschließt eine formelle Kriegserklärung. Dieser politische und verfassungsrechtliche Prinzipienstreit geriet während Nixons zweiter Amtszeit immer mehr in den Sog des Watergate-Skandals, den die beiden Washington Post-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward mit Hilfe eines Infor‐ manten mit dem Codenamen „Deep Throat“ ab Januar 1973 Stück für Stück enthüllten. Dass es sich bei Deep Throat um den stellvertretenden FBI-Direktor W. Mark Felt handelte, der sich von Nixon bei der Besetzung des FBI-Chefpostens übergangen gefühlt hatte, wurde erst im Juli 2005 bekannt, als Felt sein mehr als 30-jähriges Schweigen brach. Nixon versuchte, seinen eigenen Kopf zu retten, indem er die Strafverfolgung der Watergate-Einbrecher behinderte und dann, als sich die Schlinge allmählich zuzog, einen Mitarbeiter nach dem anderen „opferte“. Anhörungen vor einem Untersuchungsausschuss des Senats ergaben jedoch Hinweise auf Tonbandauf‐ zeichnungen, die insgeheim von allen Gesprächen im Weißen Haus gemacht worden waren. Bald konzentrierte sich das gesamte Interesse auf diese White House tapes, deren Freigabe Nixon unter Berufung auf sein executive privilege und die „nationale Sicherheit“ strikt ablehnte. Die Krise erreichte ihren ersten Höhepunkt im „Saturday Night Massacre“ vom Oktober 1973, als der Justizminister und dessen Stellvertreter ihre Ämter zur Verfügung stellten, um Nixons Anweisung, den Sonderankläger im Watergate-Fall, Archibald Cox, zu entlassen, nicht Folge leisten zu müssen. Nixon setzte seinen Willen zwar dennoch durch, aber die Glaubwürdigkeit der Administration war schwer erschüttert, zumal im selben Monat Vizepräsident Spiro Agnew mit dem Vor‐ wurf der Korruption und Steuerhinterziehung konfrontiert wurde und zurücktreten musste. Vor diesem Hintergrund leitete das Justizkomitee des Repräsentantenhauses nach den in der Verfassung vorgesehenen Regeln das Verfahren der Amtsanklage (Impeachment) gegen den Präsidenten ein. Überschattet wurden diese spektakulären Ereignisse für einige Zeit durch den Ausbruch des vierten Nahostkrieges nach 1948, 1956 und 1967, als dessen Termin Ägypten und Syrien ganz bewusst den höchsten jüdischen Feiertag, Yom Kippur, am 6. Oktober 1973 gewählt hatten. Die Offensive, mit der die ägyptische Führung unter Präsident Anwar as-Sadat die seit 1967 anhaltende Patt-Situation am Suezkanal überwinden wollte, brachte den Staat Israel an den Rand einer existenzbedrohenden Niederlage. Die US-Regierung sah sich gezwungen, die israelischen Verluste an Kriegs‐ gerät und die sowjetischen Lieferungen an Ägypten durch eine massive Luftbrücke in den Nahen Osten auszugleichen, obwohl sie damit Sanktionen der arabischen Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 352 <?page no="353"?> Länder riskierte. Als die Israelis schließlich im Sinai zum Gegenangriff übergingen, verhinderte Kissinger durch diplomatischen Druck auf Jerusalem eine erneute Demü‐ tigung der Ägypter, die zur offenen Intervention der Sowjetunion und zu einem russisch-amerikanischen Zusammenstoß hätte führen können. Diese Entscheidung war durch geheime Signale Sadats erleichtert worden, der sich endgültig aus der sowjetischen Abhängigkeit befreien wollte und Anschluss an den Westen suchte. Während die amerikanische Öffentlichkeit noch unter dem Schock des arabischen Ölembargos stand, das den Preis für importiertes Erdöl innerhalb weniger Monate vervierfachte und die Inflation enorm anheizte, manövrierte der inzwischen zum Außenminister ernannte Kissinger die USA in eine strategische Vermittlerposition im Nahostkonflikt. Mit den Truppenentflechtungsabkommen am Suezkanal und auf den Golanhöhen, die hauptsächlich seiner „Shuttle-Diplomatie“ zu verdanken sind, vollbrachte er eine bedeutende konstruktive Leistung, die über die israelische Räumung der Sinai-Halbinsel und das Camp David-Abkommen 1978 im Jahr 1979 zum Frieden zwischen Ägypten und Israel führte. Auf diese Weise legte er den Grundstein für den Friedensprozess in der Region, der trotz vieler Rückschläge nie völlig zusammenbrach, der aber auch heute noch nicht zum erfolgreichen Abschluss gelangt ist. Abb. 20: Verlassene Tankstelle im Staat Washington, die während der Ölkrise 1973 / 74 zu einem religiösen Versammlungsort umfunktioniert wurde Für Nixon erbrachten die Erfolge seines Außenministers allerdings ebenso wenig Entlastung wie die Herausgabe der „gereinigten“ Tonbänder im April 1974. Ende Juli wies der Supreme Court den Anspruch des Präsidenten auf executive privilege zurück und bestimmte, dass die unedierte Fassung der Tonbänder den Ermittlungsbe‐ hörden und dem Kongress zugänglich zu machen sei. Um dieselbe Zeit beschloss das Justizkomitee des Repräsentantenhauses, dem 21 Demokraten und 17 Republikaner angehörten, in drei Punkten Amtsanklage gegen Nixon zu erheben: wegen Behinde‐ rung von Rechtsverfahren, wegen Machtmissbrauchs und wegen Missachtung der 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 353 <?page no="354"?> Autorität des Kongresses. Der letzte Vorwurf blieb umstritten, aber bei den ersten beiden Anklagepunkten (obstruction of justice; abuse of power) stimmten mehrere Republikaner gemeinsam mit den Demokraten, so dass klare Mehrheiten von 27: 11 und 28: 10 zustande kamen. In die Enge getrieben und einem Nervenzusammenbruch nahe, gab Nixon schließlich am 5. August die unbearbeiteten Tonbänder heraus, die den Beweis erbrachten, dass der Präsident selbst die Vertuschung (cover-up) des Watergate-Einbruchs befohlen hatte. Obwohl die „smoking gun“ nun gefunden war, weigerte sich Nixon immer noch, die politischen Konsequenzen zu ziehen. Erst als die Führer des Kongresses ihm klar machten, dass nur wenige Abgeordnete und Senatoren zu ihm hielten und dass es deshalb keinen Zweifel mehr am Ausgang des Impeachment geben könne, trat er am 9. August 1974 von seinem Amt zurück. Die Welt verfolgte gebannt diesen Sturz, der kein Beispiel in der amerikanischen Geschichte hatte und der manche Beobachter an ein Schmierenschauspiel, andere an eine Tragödie von Shakespeare’schen Ausmaßen erinnerte. Die Nachfolge trat Gerald R. Ford aus Michigan an, der Führer der Republikaner im Repräsentantenhaus, der erst im Oktober 1973 von Nixon zum Vizepräsidenten ernannt worden war. Insgesamt 25 Mitglieder der Nixon-Administration mussten für ihre Rollen im Watergate-Skandal mit Gefängnisstrafen büßen, und Nixon selbst entging diesem Schicksal wohl nur durch den präsidentiellen Gnadenakt, den Ford ihm persönlich - zur Empörung vieler seiner Landsleute - kurz nach dem Amtsantritt erwies. Bewunderer der US-Verfassung trösteten sich mit dem Gedanken, dass die Amerikaner zur Wahrung demokratischer Prinzipien sogar bereit seien, die Schwächung ihrer weltpolitischen Führungsposition in Kauf zu nehmen und dass der „Selbstreinigungsprozess“ im Innern die Wende zum Besseren bereits eingeleitet habe. Nixons Amtsführung war jedenfalls geeignet, die alte republikanische Maxime zu bestätigen, wonach mangelhaft begrenzte Macht unweigerlich in Missbrauch endet. Für eine Bevölkerung, die den Vietnamkrieg als Abschied von der politischen Naivität und Unschuld erlebt hatte, intensivierte „Watergate“ das Gefühl des schwindenden Vertrauens in die Institutionen des Staates und in die Fähigkeit der Nation, die Zukunft zu meistern. Der nächste Tiefschlag für die kollektive Psyche ließ nicht lange auf sich warten: Im April 1975 trat die nordvietnamesische Armee zur Schlussoffensive gegen das Regime im Süden an, dessen Überlebenschancen durch den allmählichen Entzug amerikanischer Hilfe durch den Kongress drastisch gesunken waren. Der Fall von Saigon mit Bildern von Menschen, die sich in panischer Angst an Hubschrauberku‐ fen festklammerten, geriet zur öffentlichen Demütigung der USA. Die gewaltsame Vereinigung Vietnams, die Umbenennung Saigons in Ho Chi Minh-Stadt und die kommunistische Machtübernahme in Laos und Kambodscha zogen den letzten Schleier von dem Desaster der amerikanischen Indochina-Politik hinweg und ließen alle über zwei Jahrzehnte erbrachten materiellen und menschlichen Opfer als absolut sinnlos erscheinen. In den Vereinten Nationen schlug die Kritik an den USA fast schon in Verachtung um, was sich am deutlichsten in der (sowohl anti-israelischen als auch antiamerikanischen) Resolution der Vollversammlung vom 11. November 1975 Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 354 <?page no="355"?> manifestierte, die den Zionismus als eine Form der Rassendiskriminierung bezeichnete. Auch die von vielen Staaten der Dritten Welt vehement vorgetragenen Forderungen nach einer „neuen Weltwirtschaftsordnung“ und einer „Weltinformationsordnung“ ließen erkennen, dass das Prestige der Vereinigten Staaten und der Glaube an die Zukunft des von ihnen repräsentierten demokratisch-kapitalistischen Systems auf einen Tiefpunkt gesunken waren. Hinzu kam, dass amerikanische Einrichtungen und US-Bürger weltweit immer häufiger zu Zielscheiben terroristischer Attacken wurden, ohne dass die Regierung sie zu schützen vermochte. Die europäischen und asiatischen Verbündeten lavierten aus Furcht vor Ölembargos und Terroranschlägen eher hilflos zwischen den Fronten und stellten sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten außenpolitisch überhaupt noch handlungsfähig seien. Nachdem der Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods die unangefochtene wirtschaftliche Vorherrschaft der USA beendet hatte, war nun durch Vietnam und Watergate auch ihre politische Hegemonie schwer beeinträchtigt, die doch gerade auf der moralischen Autorität der Führungsmacht und der freiwilligen Unterordnung der schwächeren Partner beruhte. Vordergründig gingen die Amerikaner zwar rasch zur Tagesordnung über und schienen den „langen nationalen Albtraum“, von dem Präsident Ford sprach, zu verdrängen. Andererseits konstatierten Zeitgenossen sicher nicht zu Unrecht ein „Vietnam-Trauma“, das die Menschen von jedem weiteren militärischen Engagement in fernen Erdteilen abschreckte und das sie daran zweifeln ließ, ob ihr Land die Bürde der Weltmacht weiterhin tragen solle. Die Schuld an der allgemeinen Malaise gab man nicht nur den Republikanern, die seit 1969 im Weißen Haus regierten, sondern auch den liberalen Demokraten, die sich zu weit von den Sorgen und Nöten des „einfachen Bürgers“ entfernt hatten. Politik im Schatten von Vietnam und Watergate Präsident Ford gehörte 1975 zu den Unterzeichnern der Schlussakte von Helsinki, mit der die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gegründet und der territoriale Status quo auf dem geteilten Kontinent garantiert wurde. Ford erntete damit die Früchte der Entspannung, die im Zuge der Détente und der deutschen Ostpolitik gereift waren. Wenig später zeichnete sich aber ab, dass die Sowjetunion die Beruhigung der Situation in Europa und die innere Schwäche der USA zu einer neuen Offensive in der Dritten Welt zu nutzen gedachte. Diese Herausforderung anzunehmen, fiel nun umso schwerer, als Nixon die amerikanische Präsidentschaft kurz vor der zweihundertsten Wiederkehr der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1976 in ihre schwerste Krise gestürzt hatte. In Anbetracht der Umstände, denen er das Amt verdankte, konnte Gerald Ford kaum mehr als ein Übergangspräsident sein. Die voreilige Entscheidung, Nixon zu begnadigen, verziehen ihm die Wähler nicht mehr, obgleich er mit seiner freund‐ lich-biederen Art eine versöhnliche Note in die Politik brachte. Noch deutlicher als zuvor betonte der Kongress sein Mitsprache- und Kontrollrecht und versuchte, das 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 355 <?page no="356"?> Regierungshandeln durchschaubar zu machen. So setzte er spezielle Ausschüsse zur Überwachung der Geheimdienste ein und verschärfte 1974 den Freedom of Information Act, der Bürgern Einsicht in die über sie angelegten geheimen Dossiers gewährte (und zugleich die Recherchen von Historikern und Journalisten in den staatlichen Archiven erleichterte). Wirtschaftlich litten die USA noch unter dem Ölpreisschock, der zweistellige Inflationsraten produzierte und speziell die Autoindustrie in eine tiefe Rezession abrutschen ließ. Die Konkurrenz aus Europa und Japan, die billigere und sparsamere Autos herstellte, zwang die amerikanischen Konzerne Ford, General Mo‐ tors und Chrysler zu Rationalisierungen und Massenentlassungen, die dazu beitrugen, dass die Arbeitslosigkeit 1975 auf 11 Prozent kletterte. Angesichts dieser schlechten Ausgangslage und vieler kleiner Ungeschicklichkeiten im politischen Tagesgeschäft und im Wahlkampf fiel Präsident Fords Niederlage im November 1976 noch recht knapp aus. Mit 48 zu 50 Prozent unterlag er dem Demokratischen Bewerber James Earl („Jimmy“) Carter, einem wohlhabenden Erdnussfarmer, der seinem Heimatstaat Georgia als Gouverneur gedient hatte, national aber ein völlig unbeschriebenes Blatt war. Anders als vier Jahre zuvor George McGovern hatte es Carter mit dem Versprechen von persönlicher Integrität und Fachkompetenz geschafft, die traditionelle Klientel der Demokraten im Süden, in der Industriearbeiterschaft und unter den Minderheiten zu mobilisieren. Im Zeichen des Politikverdrusses, der die Wahlbeteiligung unter 54 Prozent drückte, kam sein mangelnder Bekanntheitsgrad Carter offenbar ebenso zugute wie sein ostentativ schlichter Regierungsstil, mit dem er sich bewusst vom Glanz der imperialen Präsidentschaft absetzte. Carters Familiensinn und sein Bekenntnis, ein „wiedergeborener Christ“ zu sein, entsprachen dem konservativen Zeitgeist, dem sich kein Politiker mehr ganz entziehen konnte. Rasch stellte sich jedoch heraus, dass es dem Präsidenten und seinen unerfahrenen Beratern nicht nur an ökonomischen Rezepten und einer klaren politischen Linie mangelte, sondern dass auch die Koordinierung zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress nicht klappte. Carter war als outsider nach Washington gekommen und konnte sich nie mit den dort geltenden Regeln anfreunden, ließ aber auch die Führungsstärke vermissen, die nötig gewesen wäre, um die alten Verhaltensmuster durch neue zu ersetzen. Das führte zu Reibungsverlusten und allerhand Leerlauf, die dem politischen System ähnlich zu schaffen machten wie die „Stagflation“ der Wirtschaft. Weder mit technokratischer Detailverbissenheit noch mit moralischen Appellen vermochte Carter die politische Apathie und den Zynismus zu überwinden, die sich nach Watergate in den USA ausgebreitet hatten. Viele Reformvorhaben wie eine nationale Krankenversicherung, eine Durchforstung der Wohlfahrtsprogramme und ein gerechterer Steuertarif blieben stecken, und das löbliche Bemühen, Rohstoffe einzusparen und den Energieverbrauch zu drosseln, kam zu spät, um die Folgen der zweiten Ölkrise ab 1979 aufzufangen. Als das Regime des Schah unter dem Druck der islamischen Revolution ins Wanken geriet und die OPEC den Ölpreis auf über 30 Dollar pro Fass erhöhte, erlebten die Amerikaner, die um diese Zeit mehr als ein Drittel ihres Energiebedarfs durch Importe deckten, erneut Versorgungsengpässe und drastische Preissteigerungen. Um die galoppierende Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 356 <?page no="357"?> Inflation in den Griff zu bekommen, erhöhte das Federal Reserve Board den Diskontsatz, bis die Bankzinsen 20 Prozent erreichten und die Investitionstätigkeit praktisch zum Erliegen kam. Als Erbe der Carter’schen Innenpolitik blieb den Amerikanern - neben der Einrichtung zweier neuer Ministerien, des Department of Education und des Department of Energy - vor allem die Aufhebung der bundesstaatlichen Regulierung des Flugverkehrs im Jahr 1978 in Erinnerung. Diese Maßnahme, die am Beginn einer Ära der Deregulierung und Entkartellisierung stand, ließ innerhalb eines Jahrzehnts die Zahl der US-Fluggesellschaften auf über 70 ansteigen, die pro Jahr mehr als 400 Millionen Passagiere beförderten. Auf außenpolitischem Terrain, das ihm zunächst ganz fremd war, hielt Carter Freund und Feind durch sein sprunghaftes, unberechenbares Agieren in Atem. Im Wahlkampf hatte er sich für eine Fortführung der Détente und verstärkte Abrüstungs‐ anstrengungen eingesetzt, aber zu Beginn seiner Amtszeit machte er die weltweite Gewährleistung der Menschenrechte zum Dreh- und Angelpunkt aller diplomatischen Aktivitäten. Damit neigte er wieder der - von Kissinger absichtlich vernachlässigten - idealistischen und moralischen Komponente der amerikanischen Außenpolitik zu, was die Sowjetführung prompt als feindseligen Akt interpretierte. Da nun auch der Kongress wirtschaftliche Zugeständnisse vom Moskauer Wohlverhalten gegenüber ausreisewilligen Juden abhängig machte, wurde die Entspannung zunächst auf Eis gelegt. In anderen Konfliktregionen fiel Carters Einsatz für Menschenrechte und Selbstbestimmung auf fruchtbareren Boden. So fand er im Senat eine Zweidrittel‐ mehrheit für den schrittweisen Souveränitätsverzicht in der Panama-Kanalzone bis zur endgültigen Rückgabe des Wasserweges im Jahr 1999; in Camp David konnte er den ägyptischen Präsidenten Sadat und den israelischen Regierungschef Begin 1978 dazu bewegen, den Friedensprozess im Nahen Osten voranzutreiben; und der Republik Südafrika gab er erstmals unmissverständlich die amerikanische Ablehnung der Apartheid-Politik zu verstehen. Im Kongress und in der amerikanischen Bevölkerung gewannen derweil die Ent‐ spannungskritiker an Boden, die darauf verweisen konnten, dass die Rüstungsausga‐ ben der Sowjetunion für Heer, Luftwaffe und Flotte unaufhörlich stiegen und dass Russen und Kubaner ihren Einfluss und ihre Truppenpräsenz in einer Reihe von Staaten, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, kontinuierlich ausbauten. Von dieser Warte betrachtet, hatte es den Anschein, als erstrebe Moskau eine militärische Überlegenheit über die USA und als breite sich der Kommunismus im Windschatten der offenbar für Europa reservierten Détente in weiten Teilen der Dritten Welt ungehindert aus. Mit einer gewissen Zeitverzögerung drohte also der Domino-Effekt, der für den Fall einer Niederlage in Vietnam vorhergesagt worden war, doch noch einzutreten. Die Aversion der Amerikaner gegen kommunistische Ideologien und Regimes wurde zusätzlich geschürt durch das Wüten der Roten Khmer unter Pol Pot in Kambodscha, das seit 1975 ca. drei Millionen Menschenleben gekostet hatte und dessen ganze Tragweite erst gegen Ende des Jahrzehnts offenbar wurde, als die Vietnamesen das Land besetzten. Trotz aller Enttäuschungen nahm Carter den Gesprächsfaden zur 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 357 <?page no="358"?> Sowjetunion wieder auf und unterzeichnete im Juni 1979 mit Leonid Breschnew in Wien das SALT II-Abkommen, das an die Stelle des ausgelaufenen SALT I-Vertrags treten sollte. Diese Zeremonie erwies sich jedoch als Schlussakt der Détente, denn innerhalb weniger Monate schlug das internationale Klima auf Grund der Vertreibung des Schah aus dem Iran, der Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran und des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan nachhaltig um. Carter selbst war an dieser Entwicklung nicht schuldlos, denn er hatte bereits vor dem Wiener Treffen unter dem Einfluss seines Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski die Weichen in Richtung Aufrüstung und einer Politik der Stärke gegenüber der Sowjetunion gestellt. Der polnischstämmige Brzezinski erkannte auch recht früh die Möglichkeit, durch Unterstützung der Solidarnosc-Bewegung in Polen und anderer osteuropäischer Dissidentengruppen, die sich auf die Menschenrechtsklausel der Helsinki-Akte beriefen, die Stabilität des sowjetischen Imperiums zu unterminieren. In der Administration wurde nach dem Vorbild von NSC 68 eine geheime Direktive PD 59 ausgearbeitet, deren Ziel lautete, die USA zur Führung eines erfolgreichen Atomkrieges auf allen Stufen der Eskalation zu befähigen. Gleichzeitig spielte Carter mit dem Gedanken, eine Neutronenbombe ins amerikanische Waffenarsenal aufzunehmen, die menschliches Leben, nicht jedoch Material vernichtete. Wegen der Proteste seiner europäischen Partner, die noch ganz der Entspannungspolitik verpflichtet waren, machte er diese Entscheidung aber wieder rückgängig. Auf eine Initiative der Europäer hin erfolgte dagegen im Dezember 1979 der so genannte NATO-Doppelbeschluss, der Moskau Abrüstungsverhandlungen anbot, gleichzeitig aber die Stationierung ameri‐ kanischer Mittelstreckenraketen in Europa für den Fall vorsah, dass die Sowjetunion ihre gegen die NATO-Länder in Stellung gebrachten SS 20-Raketen nicht innerhalb einer bestimmten Frist freiwillig abbaute. Zusätzlich zu diesen irritierenden Signalen in der Rüstungs- und Militärpolitik muss man Carter die völlige Fehleinschätzung der Lage im Iran ankreiden, die er noch dadurch verschlimmerte, dass er - menschlich durchaus respektabel - den krebskranken Schah nach dessen Flucht zur Behandlung in die USA einlud. Damit provozierte er aber im November 1979 den Sturm iranischer Revolutionäre auf die US-Botschaft in Teheran und die Geiselnahme von über 50 ame‐ rikanischen Diplomaten. Die Sorge um ihr Schicksal beherrschte für den Rest von Carters Amtszeit das öffentliche Interesse und engte den Handlungsspielraum der Administration gefährlich ein. Die Hauptverantwortung für den Rückfall in den Kalten Krieg lag jedoch bei der alternden sowjetischen Führung, die sich offenbar von der inneren und äußeren Schwäche der USA zu gesteigerter Aggressivität und Expansionsbereitschaft verleiten ließ. Ihren entscheidenden Fehler beging sie Ende 1979 mit der Entscheidung, den Zu‐ sammenbruch des kommunistischen Regimes in Kabul durch eine direkte militärische Intervention zu verhindern. Der sowjetische Truppeneinmarsch nach Afghanistan um die Jahreswende 1979 / 80 wurde in den Vereinigten Staaten nicht als defensive Maßnahme einer um ihre Interessensphäre besorgten Großmacht interpretiert, son‐ dern erschien vor dem Hintergrund der forcierten sowjetischen Aufrüstung und der Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 358 <?page no="359"?> Krise im Iran als eindeutiges Überschreiten des legitimen Einflussbereichs, das die gesamte Region des Persischen Golfes und damit in letzter Konsequenz die Existenz der westlichen Welt bedrohte. Da die Voraussetzungen für einen politischen Kurswechsel innerhalb der Carter-Administration bereits geschaffen worden waren, erfolgte die Reaktion rasch und mit ungewohnter Entschlossenheit. Der Präsident verbot den Export von Weizen und moderner Technologie in die Sowjetunion und verhängte einen Boykott über die Olympischen Spiele, die 1980 in Moskau stattfanden. Zugleich leitete die CIA Hilfsmaßnahmen für diejenigen Gruppen der afghanischen Bevölkerung ein, die sich der sowjetischen Okkupation gewaltsam widersetzten. Darüber hinaus drohte Carter ein direktes militärisches Eingreifen der USA an, falls eine ausländische Macht versuchen sollte, die westliche Ölzufuhr vom Persischen Golf abzuschneiden. Diese „Carter-Doktrin“ wurde durch die Aufstellung einer für den Wüstenkrieg geeigneten schnellen Eingreiftruppe praktisch untermauert. Schließlich zog der Präsident das SALT II-Abkommen, das von Anfang an den Unwillen der „Falken“ im Senat erregt hatte und das ohnehin den technischen Entwicklungen hinterherhinkte, aus dem Ratifizierungsverfahren zurück. Diese Härte verwunderte nicht nur die Sowjets, die offenbar geglaubt hatten, mit Carter leichtes Spiel zu haben, sondern zwang auch die aus allen Entspannungsträumen gerissenen Westeuropäer zur Neubestimmung ihres Verhältnisses zu den beiden Su‐ permächten. Wenig Eindruck machte Carters Wandlung von der „Taube“ zum „Falken“ dagegen auf die amerikanische Öffentlichkeit, die wie gebannt das Geiseldrama in Teheran verfolgte, das den vielen Demütigungen der 1970er Jahre eine neue, kaum noch zu verkraftende nationale Schmach hinzufügte. Um den gordischen Knoten zu zerschlagen, ging der Präsident sogar das hohe Risiko einer militärischen Befreiungs‐ aktion ein. Angesichts von Carters Pechsträhne verwunderte es kaum jemanden, dass dieses Unternehmen im April 1980 kläglich scheiterte, als ein amerikanischer Hubschrauber und ein Transportflugzeug in der iranischen Wüste zusammenstießen und ihre Besatzungen ums Leben kamen. Danach zog sich Carter ganz ins Weiße Haus zurück und begründete seine Passivität im Präsidentschaftswahlkampf mit den pausenlosen diplomatischen Bemühungen um die Freilassung der Geiseln. Als der Wahltag im November heranrückte, ohne dass Carter der Bevölkerung eine Erfolgsmeldung präsentieren konnte, war seine Niederlage gegen den Republikani‐ schen Herausforderer Ronald Reagan, den die meisten Beobachter anfangs nicht sonderlich ernst genommen hatten, so gut wie besiegelt. Mit 41 zu 50,8 Prozent der abgegebenen Stimmen (der unabhängige Kandidat John B. Anderson, ein liberaler Republikaner, errang 6,6 Prozent) fiel sie unerwartet deutlich aus und wurde noch dadurch unterstrichen, dass die Republikaner erstmals seit 1955 die Mehrheit im Senat stellten. Viele traditionelle Wähler der Demokraten hatten ihrer Partei den Rücken gekehrt und waren entweder den Wahlurnen ferngeblieben oder ins gegnerische Lager übergegangen. Dem ehemaligen Hollywood-Schauspieler Reagan, der von 1966 bis 1974 den Posten des Gouverneurs von Kalifornien bekleidet hatte und 1976 bei seiner ersten Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner gescheitert 1 Die krisenhaften siebziger Jahre 359 <?page no="360"?> war, blieb es vorbehalten, am 20. Januar 1981, dem Tag der Inauguration, die Freilassung der amerikanischen Diplomaten nach 444-tägiger Geiselhaft zu verkünden. Schärfer konnte der Kontrast zwischen dem angestrengt, aber glücklos operierenden Carter und seinem Nachfolger, der die Erfolge offenbar mühelos einheimste, kaum ausfallen. 2 Soziale und kulturelle Entwicklungen Die Wiederbelebung des amerikanischen Patriotismus Rascher wirtschaftlicher und sozialer Wandel sowie Bevölkerungswachstum und Mobilität waren schon immer Kennzeichen der amerikanischen Lebenswirklichkeit gewesen. Seit den 1970er Jahren schienen sich viele dieser Veränderungen aber noch zu beschleunigen und den Vereinigten Staaten ein ganz neues Aussehen zu geben. Gleichzeitig traten konservative Strömungen stärker hervor und gewannen zunehmend Einfluss auf die öffentliche Debatte und das geistig-kulturelle Klima des Landes. Offenbar waren es gerade die Allgegenwart und das schubartige Tempo des Wandels, die - ähnlich wie in den 1920er Jahren - der Suche nach festen Orientie‐ rungen und moralischen Gewissheiten Auftrieb verliehen. Damit einher gingen ein nachlassendes Interesse an der Politik, der immer weniger Menschen die Lösung der privaten und öffentlichen Probleme zutrauten, und eine Entfremdung von den Institutionen des Bundesstaates, die eher als Belastung oder gar Bedrohung denn als notwendige Ordnungsfaktoren wahrgenommen wurden. Andererseits überwan‐ den die meisten Amerikaner die „Traumata“ von Vietnam und Watergate offenbar erstaunlich rasch. Bei einer 1981 durchgeführten Meinungsumfrage bezeichneten sich 76 Prozent als „sehr stolz“ und 15 Prozent als „ziemlich stolz“ auf ihre Nation. (Die Vergleichswerte für die Bundesrepublik Deutschland lagen mit 17 bzw. 39 Prozent am unteren Ende der internationalen Skala). Mit seinem Versprechen, die „amerikanische Größe“ wiederherzustellen, appellierte Präsident Reagan geschickt an dieses große Reservoir von Patriotismus. Der Glaube an die Nation und an die Verfassung schloss aber in den USA eine distanzierte Haltung zu einzelnen Institutionen und zu den jeweiligen „Herrschenden“ nie aus. Diese Verbindung von grundsätzlicher Bejahung des Regierungssystems und skeptischem Machtmisstrauen wird häufig geradezu als Charakteristikum der amerikanischen civic culture, der partizipatorischen politischen Kultur der USA angesehen. Nachlassendes Wirtschaftswachstum und soziale Härten Von einem generellen wirtschaftlichen Niedergang der Vereinigten Staaten zu spre‐ chen, wie es manchmal geschieht, geht an der vielschichtigen Realität vorbei. Gemessen an den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten schwächte sich die gesamtwirtschaftliche Dynamik seit Ende der 1960er Jahre jedoch ab, und im Vergleich zu den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Europas und Asiens, insbesondere der Bundesrepublik Deutsch‐ Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 360 <?page no="361"?> land und Japan, verloren die USA an Boden. Wuchs das Bruttosozialprodukt in der Nachkriegszeit um durchschnittlich 4 Prozent pro Jahr, so lag die Zuwachsrate in den 1970er Jahren bei 2,9 Prozent, in den 1980er Jahren bei 3,2 Prozent. Ähnlich verhielt es sich mit dem Produktivitätszuwachs, der unter 2 Prozent absank, gegenüber beinahe 3 Prozent in den 1950er und 1960er Jahren. Dieses verminderte Wachstum machte sich im internationalen Vergleich rasch bemerkbar: In absoluten Zahlen führten die USA 1990 mit einem Bruttosozialprodukt von 5,4 Billionen Dollar die Weltstatistik zwar noch klar an, doch ihr Anteil am Welt-Bruttosozialprodukt fiel von 50 Prozent im Jahr 1945 auf unter 30 Prozent ab, und beim Bruttosozialprodukt pro Einwohner lagen die Amerikaner 1990 nur noch an neunter Stelle; von 1960 bis 1970 ging der US-Anteil am Welthandel um 16 Prozent zurück, und im folgenden Jahrzehnt schrumpfte er noch einmal um 25 Prozent; der industrielle Export der USA machte 1980 16,8 Prozent des Weltexports aus, 1988 nur noch 15,1 Prozent. Diese Bilanz wurde dadurch aufgehellt, dass die US-Wirtschaft in der Lage war, zwischen 1970 und 1995 43 Millionen neue Jobs zu schaffen (41 Millionen davon im Dienstleistungssektor), wodurch sich die Zahl der Erwerbstätigen um gut die Hälfte erhöhte und die Arbeitslosigkeit - abgesehen von Rezessionsjahren - zwischen 5 und 7 Prozent gehalten werden konnte. Damit hoben sich die USA beispielsweise günstig von den Staaten Westeuropas ab, in denen der Zuwachs an Arbeitsplätzen im selben Zeitraum nur 7 Prozent betrug und die mit einer entsprechend höheren Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten. Das war sicher zum Teil darauf zurückzuführen, dass die amerikanischen Steuern niedrig lagen und die Staatsquote, das heißt der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, mit 34 Prozent ganz erheblich unter demjenigen der meisten europäischen Staaten lag. Allerdings forderte der Vorrang für job creation seinen Preis: Bei einem beträchtlichen Teil der US-amerika‐ nischen Arbeitsplätze handelte es sich um schlecht bezahlte und sozial ungenügend abgesicherte Jobs. Das wohlhabendste Fünftel der Haushalte konnte seine Position kontinuierlich verbessern und buchte 1995 gut 49 Prozent des Gesamteinkommens (gegenüber 43 Prozent zu Beginn der 1980er Jahre) auf sein Konto; das ärmste Fünftel der Haushalte mit einem Jahreseinkommen von unter 13.000 Dollar büßte dagegen im selben Zeitraum noch einen Prozentpunkt ein und erhielt 1995 kaum mehr als 3 Prozent des Gesamteinkommens. Darüber hinaus ließen die stagnierenden oder sinkenden Realeinkommen und die Öffnung der Einkommensschere die Armutsrate wieder in die Höhe klettern, nachdem sie in den 1960er und 1970er Jahren gesunken war. 1990 fielen 33,6 Millionen Amerikaner (= 13,5 Prozent) unter die statistische Armutsgrenze, die für eine vierköpfige Familie bei einem Jahreseinkommen von ca. 13.000 Dollar lag (Zusatzleistungen wie Lebensmittelmarken, Medicaid und Wohngeld werden dabei nicht mitgerechnet). Eine Aufschlüsselung der Armutsrate zeigt, dass die Kinder in besonders hohem Maße von Armut betroffen waren. Lag die Armutsrate 1994 bei 14,5 Prozent, so galten im gleichen Jahr mehr als 22 Prozent aller Kinder als arm; und etwa zwei Drittel der schwarzen Kinder waren gar auf die Wohlfahrt angewiesen. 2 Soziale und kulturelle Entwicklungen 361 <?page no="362"?> Wirtschaftsliberalismus, religiöser Fundamentalismus und Neokonservatismus Die Hoffnung, man könne die Wirtschaft mit keynesianischen Methoden auf dem Wachstumspfad halten, hatte in den Krisen der 1970er Jahre einen schweren Dämpfer erlitten. Aus diesen Enttäuschungen resultierte die Forderung nach einer endgültigen Abkehr vom New Deal und von der Utopie der Great Society. Als Alternative pries man die Entfesselung der Marktkräfte durch Beseitigung unnötiger staatlicher Eingriffe und Regulierungen, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben und schließlich die Rückbildung des angeblich weit über das erforderliche Maß hinaus gewachsenen Regierungsapparats, verbunden mit einer Wiederbelebung des Föderalismus. Da die Sozialausgaben rein ökonomisch gesehen ein zusätzlicher Kostenfaktor waren, gerie‐ ten sie aus dieser Richtung schon früh unter Beschuss. Eine solche wirtschaftsliberale Haltung, die überholt geglaubte Ordnungsvorstellungen des „Nachtwächterstaates“ mit ökonomischem Fortschrittsglauben verband, befreite den Einzelnen von den Zwängen sozialer Verantwortung und ermunterte ihn (oder sie), ohne schlechtes Gewissen den eigenen materiellen Vorteil zu suchen und den Gewinn zu maximieren. Das kam einer Generation von Amerikanern entgegen, die vom Engagement gegen den Vietnamkrieg ernüchtert waren und keinen größeren Wunsch verspürten, als sich voll und ganz ihren persönlichen Angelegenheiten widmen zu dürfen. Diese „Wendung nach innen“ konnte auch in esoterische Zirkel, Kulte und andere private Nischen füh‐ ren, aber gesellschaftlich wirksam wurde sie in den 1980er Jahren vor allem in der Figur des „Yuppie“ (young urban professional), der oder die sich ehrgeizig ins Geschäftsleben stürzte und an der Börse spekulierte (und gelegentlich auch manipulierte), um zu schnellem Reichtum und höherem sozialen Status zu gelangen. Die Avantgarde dieser Bewegung bildeten corporate raiders, die riskante, zum Teil illegale Finanzpraktiken erfanden, um in Schwierigkeiten geratene Firmen unter ihre Kontrolle zu bringen, und die innerhalb weniger Jahre durch takeovers und mergers ganze Wirtschaftsimperien zusammenkauften. Mit ihrem unbedingten Erfolgsstreben, ihrer Gewissenlosigkeit und ihrer Geringschätzung staatlicher Vorschriften (für die einige von ihnen später ins Gefängnis wanderten) waren sie Produkte des neuen Wirtschaftsdenkens und halfen, die materialistische „Goldgräberstimmung“ der Reagan-Ära zu prägen, die der Kinofilm „Wall Street“ von 1987 veranschaulicht. Eine andere wichtige Quelle des Konservatismus bildete das evangelikale protestan‐ tische Christentum, dessen Anhänger den gesellschaftlichen Wandel vornehmlich als Dekadenz und Niedergang empfanden. In Form von Erweckungsbewegungen, die um das persönliche Bekehrungserlebnis, den buchstabengetreuen Glauben an die Bibel und eine strenge Moral kreisten, verliehen sie der Religion wieder einen hohen Stellenwert und ein deutlich sichtbares Profil im öffentlichen Leben. Die New Christian Right hatte ihre Vorläufer in den Radiopfarrern der Zwischenkriegs- und frühen Nachkriegszeit, die christlichen Fundamentalismus mit militantem Antikommunismus und Patriotis‐ mus mischten. Später wurde vor allem das südliche Kalifornien zum Experimentierfeld eines rechten „Graswurzel“-Radikalismus, von dem Politiker wie Barry Goldwater und Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 362 <?page no="363"?> Ronald Reagan profitierten. Seit den 1970er Jahren führten charismatische Prediger einzelnen Denominationen wie der Southern Baptist Convention und der Assemblies of God-Kirche Millionen neuer Mitglieder zu. Via Radio, Fernsehen und den Büchermarkt fanden „televangelists“ vom Schlage eines Jerry Falwell oder Pat Robertson ein nationales Publikum, das sie nicht nur spirituell, sondern auch politisch mobilisieren konnten. Die Führer dieses fundamentalistischen Kreuzzuges differierten in vielen Punkten, aber sie schufen sich gemeinsame Feindbilder: nach außen den atheistischen Kommunismus und insbesondere die Sowjetunion, im Innern die liberalen Politiker, Juristen und Intellektuellen, die sie für den Zerfall der Familien, die mangelnde christ‐ liche Erziehung der Jugend, für Abtreibung, Pornographie, Rauschgiftmissbrauch und viele andere Erscheinungen der „permissiven“ Gesellschaft verantwortlich machten. Die verschiedenen „Gegenkulturen“ und die Frauenbewegung identifizierten sie mit der sexuellen Revolution, die alle moralischen Schranken niedergerissen und den ungeborenen Kindern das Recht auf Leben genommen hatte; die AIDS-Epidemie, die sich seit Beginn der 1980er Jahre in den USA ausbreitete, betrachteten sie als eine Strafe Gottes für die offen zur Schau gestellte Homosexualität. Spätestens seit 1968, so lautete ihr Befund, waren die USA von einer allgemeinen Dekadenz befallen, die nur durch eine grundlegende moralische Erneuerung überwunden werden konnte. In einer Zeit relativer politischer Apathie fiel es den gut organisierten und mit Spendengeldern reichlich ausgestatteten Fundamentalisten nicht übermäßig schwer, Wahlentscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. So trug etwa Jerry Falwells Moral Majority 1980 und 1984 von ihrer Hochburg in Kalifornien aus zum Sieg Ronald Reagans bei, indem sie mehrere Millionen neuer Wähler für die Republikaner registrierte. Als Präsident konnte Reagan allerdings bei weitem nicht alle Erwartungen erfüllen, die diese Anhängerschaft in ihn setzte. Dafür sorgte an erster Stelle der Supreme Court, der trotz gelegentlicher Abstriche den Kern der liberalen Errungenschaften der Nachkriegs- und Bürgerrechtsepoche bewahrte. Da Reagan während seiner beiden Amtszeiten aber insgesamt vier neue Richter ernennen konnte - darunter die erste Frau, Sandra Day O’Connor -, verschob sich auch im Obersten Gericht die Balance weiter zu Gunsten der konservativen Kräfte. Die evangelikalen Prediger selbst hielten sich im täglichen Leben nicht immer an die hohen moralischen Maßstäbe, die sie öffentlich verkündeten. Das änderte jedoch kaum etwas daran, dass ihre Botschaft von der Rückkehr zu den alten amerikanischen Werten von Familie, Kirche und Patriotismus in breiten Kreisen der Bevölkerung, die durch gesellschaftlichen Wandel und wirtschaftliche Stagnation verunsichert waren, auf fruchtbaren Boden fiel. Aus dem Reigen der religiösen Gruppierungen, die sich zur Neuen Christlichen Rechten zusammengetan haben, ragt seit Ende der 1980er Jahre die Christian Coalition des Fernsehpredigers Pat Robertson und des Juristen Ralph Reed hervor, die ständig neue Mitglieder anzieht: 1995 waren es 250.000, im Jahr 2020 annähernd eine halbe Million. Den Versuch, die einzelnen Facetten der konservativen Weltsicht zu einer kohären‐ ten Ideologie zusammenzufügen, unternahmen einige Schriftsteller und Journalisten, die sich unter dem Einfluss des neoliberalen österreichischen Ökonomen Friedrich 2 Soziale und kulturelle Entwicklungen 363 <?page no="364"?> August von Hayek und des deutschstämmigen Philosophen Leo Strauss von der linken zur rechten Seite des politischen Spektrums bewegt hatten. Ihre „neokonservative“ Kritik zielte vor allem gegen den Staatsinterventionismus, der angeblich die Grund‐ lagen des Wirtschaftswachstums zerstörte und durch Sozialleistungen neue Formen von Abhängigkeit und Armut schuf, sowie gegen die Philosophie der Moderne, deren Lehren die bürgerliche Gesellschaft und damit die westliche Zivilisation selbst in Frage stellten. Als Abwehr- und Heilmittel boten Autoren wie Irving Kristol und Daniel Bell die Rückbesinnung auf die „jüdisch-christliche Tradition“ und die Wertmaßstäbe bürgerlicher Moral und Ethik an. Ihre Analysen und Rezepte waren nicht unbedingt originell, sondern in mancher Beziehung eher intellektuelle Umschreibungen der vor‐ herrschenden Stimmungslage. Mit Presseorganen wie Public Interest, National Interest und Encounter, die ihnen als Sprachrohre dienten, bestimmten die Neokonservativen jedoch mehr und mehr die Themen der öffentlichen Debatte und nahmen den Liberalen die Meinungsführerschaft ab. Ein besonders anspruchsvolles Niveau erreichte die von Norman Podhoretz herausgegebene Zeitschrift Commentary, für die unter anderem der demokratische Senator Daniel P. Moynihan und die Wissenschaftler Nathan Glazer und Seymour M. Lipset schrieben. Sie verteidigten die Prinzipien der Leistungsgesell‐ schaft, warnten vor den Gefahren von affirmative action-Programmen für Minderhei‐ ten und befürworteten eine Stärkung der amerikanischen Machtposition. Angesichts der Wechselwirkungen, die stets zwischen Politik, Publizistik und Geschichtsschrei‐ bung bestehen, konnte es nicht verwundern, dass sich in der Historiographie eine positivere Beurteilung der US-Außenpolitik nach 1945 sowie des amerikanischen Kapitalismus und der von ihm geschaffenen „Konsumkultur“ durchzusetzen begann. 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges Präsident Reagan : Der „große Kommunikator“ im Weißen Haus Die Präsidentschaft Ronald Reagans von 1981 bis 1989 gehört wegen ihrer inneren Widersprüchlichkeit zu den erstaunlichsten Episoden der neueren amerikanischen Geschichte. Obwohl Reagans Außenpolitik die internationalen Spannungen zunächst gefährlich steigerte, konnte der Präsident in seiner zweiten Amtszeit zusammen mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow den Kalten Krieg bändigen und schließlich ganz liquidieren. Seine als „Reaganomics“ bezeichnete Wirt‐ schaftspolitik verlieh dem amerikanischen Kapitalismus neue Dynamik, hinterließ aber schwere Probleme in Form hoher Haushaltsdefizite und einer explosionsartig wachsenden Staatsverschuldung. Die angekündigte „moralische Revolution“ blieb weitgehend in Rhetorik stecken, während Individualismus und Materialismus in einem neuen Gilded Age Triumphe feierten. Reagans Image als „großer Kommunikator“ und väterlich-gutmütiger Führer der Nation kontrastierte mit den illegalen Machenschaf‐ ten, die zum Iran-Contra-Skandal führten und die gesamte Administration ins Zwielicht brachten. Bei alledem wurde nie recht klar, inwieweit der Präsident wirklich selbst die Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 364 <?page no="365"?> Richtlinien der Politik bestimmte und inwieweit er von seinen Beratern einschließlich der resoluten First Lady Nancy Reagan gelenkt wurde. Obgleich Ronald Reagan als 70-Jähriger älter war als alle Präsidenten, die vor ihm regierten, konnte er die Mehrzahl seiner Landsleute durch einen Führungsstil überzeugen, der eine klare ideologische Linie mit einer gewissen Lässigkeit bei der Behandlung von Detailfragen verband. Dass Letztere mit dem Alzheimerleiden des Präsidenten zusammenhing, wurde der amerikanischen Öffentlichkeit erst spät vermittelt. Als Sportreporter in Iowa und ab 1937 als Film- und Fernsehschauspieler in Hollywood hatte Ronald Reagan schon früh gelernt, sich in Szene zu setzen und die Herzen der „kleinen Leute“ zu erwärmen. Das gewerkschaftliche Engagement machte ihn mit der Technik des Kompromisses vertraut und führte ihn 1947 sogar an die Spitze der Filmschauspielergewerkschaft. Es entsprach auf geradezu typische Weise dem Geist des „liberalen Konsens“, dass er sich lange Zeit den Roosevelt-Demokraten zugehörig fühlte, bis ihn eine Moderatoren- und Rednertätigkeit für General Electric ab Mitte der 1950er Jahre allmählich ins Republikanische Lager überwechseln ließ. Bereits in seiner Amtsführung als Gouverneur von Kalifornien - 1965 war er in dieses Amt gewählt worden - klaffte jedoch eine Lücke zwischen Rhetorik und Realität, denn entgegen den Wahlversprechungen stiegen die Staatsausgaben und die Zahl der öffentlichen Bediensteten in Kalifornien weiter an. Ähnliches geschah auf nationaler Ebene während seiner Zeit im Weißen Haus, aber alle Widersprüche wurden durch eine geschickte Medienregie weitgehend überspielt. Sicher nicht ganz zu Unrecht spricht man deshalb von einer „Fernsehpräsidentschaft“, bei der es in erster Linie auf das äußere Erscheinungsbild ankam, während die Substanz der Politik in den Hintergrund trat. Reaganomics : Amerikanische Wirtschafts - und Finanzpolitik ab 1981 Die Strategie des Weißen Hauses war ganz darauf ausgerichtet, einer verunsicherten und misstrauischen Bevölkerung durch rasches Handeln den Eindruck von Mut, Entschlossenheit und Tatkraft zu vermitteln. Reagan selbst, dessen Popularitätskurve nach einem glücklich überstandenen Attentat 1981 anstieg, nutzte seine telegenen Fähigkeiten und seinen Charme, um im direkten Gespräch mit den Bürgern das erschütterte Selbstvertrauen der Nation zu stärken und eine optimistische Stimmung zu erzeugen. Mochten viele Intellektuelle auch durch die patriotische Rhetorik und das missionarische Welt- und Geschichtsverständis des Präsidenten befremdet oder sogar abgestoßen sein: Die Masse der amerikanischen Bevölkerung lernte bald, Reagans gewandtes Auftreten, seine humorvolle Mitmenschlichkeit und seinen festen Glauben an den Fortbestand des American Dream zu schätzen. Unter diesen Voraussetzungen fiel es nicht schwer, das Wirtschaftsprogramm der Administration relativ ungeschoren durch den Kongress zu bringen, obwohl die Demokraten im Repräsentantenhaus weiterhin die Mehrheit hatten. Reaganomics ging von einer angebotsorientierten Wirtschaftstheorie aus (supplyside economics) und enthielt im Kern eine auf drei 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 365 <?page no="366"?> Jahre verteilte 25-prozentige Kürzung der Einkommensteuer. Außerdem wurde die Deregulierung der Wirtschaft, die bereits unter Carter begonnen hatte, im großen Stil auf Gebiete wie das Banken-, Verkehrs- und Kommunikationswesen ausgedehnt. Be‐ sonderes Aufsehen erregte Mitte der 1980er Jahre die Zerstückelung des Telefonriesen American Telephone & Telegraph Corporation (AT&T), die scharfen Wettbewerb und sinkende Gebühren für Ferngespräche zur Folge hatte. Die massiven Steuersenkungen entsprachen genau dem Zeitgeist, der sich auf der Ebene der Einzelstaaten bereits in „Steuerrevolten“ und Referenden wie der kalifornischen „proposition 13“ von 1978 manifestiert hatte. Die Einkommensausfälle des Staates von rund 750 Milliarden Dollar, die man einkalkulierte, sollten durch Kürzungen bei den Sozialausgaben und - sobald die Konjunkturbelebung einsetzte - steigende Steuereinkünfte ausgeglichen werden. Tatsächlich begann die Wirtschaft, die nach dem zweiten Ölpreisschock von 1979 in eine schwere Rezession geraten war, ab Anfang 1983 wieder zu wachsen, ohne dass die Geldwertstabilität erneut in Gefahr geriet. Der Aufschwung stellte sich gerade rechtzeitig ein, um Reagan und seinem Vizepräsidenten George Bush 1984 eine klare Wiederwahl gegen die Demokratischen Kandidaten Walter Mondale und Geraldine Ferraro zu sichern. Die Demokraten hatten vergeblich gehofft, mit der Nominierung einer Frau für das zweithöchste Amt im Staat eine größere Zahl weiblicher Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Trotz der erfolgreichen Überwindung der „Stagflation“ ging die Rechnung der Rea‐ ganomics-Experten allerdings nicht auf, denn die durch die Steuersenkung entstandene Finanzlücke im Bundeshaushalt konnte nicht mehr geschlossen werden. Das lag zum Teil an politischen Widerständen gegen die Kürzungsvorschläge, hauptsächlich jedoch an der massiven Aufrüstung, die den Rüstungsetat um über 40 Prozent in die Nähe von 300 Milliarden Dollar pro Jahr steigen ließ. Trotz einer gewissen Rückverlagerung von Kompetenzen und Verantwortlichkeiten an die Einzelstaaten im Rahmen des „neuen Föderalismus“ expandierten darüber hinaus die bundesstaatliche Bürokratie und die Gesamtausgaben des Bundes weiter. Der Tax Reform Act von 1986, den der Kongress mit breiter Mehrheit verabschiedete, beinhaltete zwar eine Generalüberholung des gesamten Steuerwesens, erbrachte aber keine Mehreinnahmen. Die Folge war ein rasches Anwachsen des Haushaltsdefizits, das 1980 noch unter 80 Milliarden Dollar gelegen hatte, auf die Rekordhöhe von 221 Milliarden Dollar im Jahr 1986. In der Folgezeit machte sich der Gramm-Rudman Act von 1985 positiv bemerkbar, der automatische Haushaltskürzungen für den Fall vorsah, dass der Kongress das Defizit nicht unter Kontrolle bekam. Das Hauptziel dieses Gesetzes, den Bundeshaushalt bis 1991 auszugleichen, blieb jedoch ein frommer Wunsch. Vielmehr stiegen die Defizite in der Regierungszeit von Reagans Nachfolger George Bush wieder an, und das Rezes‐ sionsjahr 1991 brachte mit einem Fehlbetrag von 269 Milliarden Dollar einen neuen Rekord. Seit der 1990 erfolgten Preisgabe des Gramm-Rudman Act, den der Supreme Court in Teilen für verfassungswidrig erklärt hatte, tobt im Kongress und zwischen Kongress und Weißem Haus ein permanenter Kampf um Ausgabensenkungen und Einnahmenerhöhungen, der den ohnehin äußerst komplizierten Budgetprozess fast Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 366 <?page no="367"?> hoffnungslos in Unordnung gebracht hat. Mehrfach drohte die völlige Lähmung des Systems, wenn der Haushalt nicht rechtzeitig verabschiedet werden konnte, und die Regierung musste sich mühsam mit temporären Ausgabengenehmigungen behelfen. Ein nicht minder problematisches Erbe der Reagan-Ära war die riesige Schuldenlast des Bundes, die von 914 Milliarden Dollar im Jahr 1980 auf 2,6 Billionen Dollar 1988 stieg. Die permanenten Haushaltsdefizite und die seit den 1970er Jahren negative Handelsbilanz führten zwangsläufig dazu, dass die Vereinigten Staaten, die im Ersten Weltkrieg zur größten Gläubigernation der Erde aufgestiegen waren, ab 1985 wieder mehr Kapital importierten als ausführten und binnen weniger Jahre zur größten Schuldnernation der Erde wurden. Betrachtet man die gesamte Nachkriegszeit, dann darf die fundamentale Tatsache nicht aus dem Blick geraten, dass die amerikanische Wirtschaft ungeachtet der insgesamt acht, zum Teil recht scharfen Rezessionen immer wieder Wachstumskräfte mobilisieren konnte und nicht mehr in eine Systemkrise vom Ausmaß der Großen Depression der 1930er Jahre gestürzt wurde. Mit diesem Hinweis sollen die problematischen ökonomischen Tendenzen nicht beschönigt, sondern ledig‐ lich in eine historische Perspektive gerückt werden. Amerikanische Außenpolitik von der atomaren Nachrüstung der NATO zur Wiedervereinigung Deutschlands, 1981 - 1990 Als Ronald Reagan ins Weiße Haus einzog, war der mit den Begriffen Vietnam und Watergate beschriebene Tiefpunkt des außenpolitischen Einflusses und des Ansehens der Amerikaner in der Welt bereits überwunden. Als Wendepunkt können die Jahre 1979 / 80 gelten, als die USA unter dem Eindruck der iranischen Revolution und des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan von der Détente wieder zu einer aktiven Politik des containment übergingen. Von da an stabilisierte sich die weltpolitische Position der USA, während auf Seiten der Sowjetunion und des Warschauer Pakts ein immer rascher fortschreitender Machtverfall einsetzte. Die Renaissance des Kon‐ servatismus in den USA und der Kurswechsel gegenüber der Sowjetunion blieben nicht ohne Einfluss auf Europa, sondern bewirkten in vielen Ländern innenpoliti‐ sche Umorientierungen: beispielsweise in Großbritannien, wo die 1979 gewählte Premierministerin Margaret Thatcher zur treuesten Verbündeten Reagans wurde; in Frankreich, wo Präsident François Mitterand nicht lange nach seinem Amtsantritt 1981 einen konservativen wirtschaftspolitischen Richtungswechsel vollzog; und nicht zuletzt in der Bundesrepublik Deutschland, wo eine konservativ-liberale Koalition 1982 den sozialdemokratischen Regierungschef Helmut Schmidt ablöste. Schmidt hatte sich zuvor energisch und erfolgreich gegen den Versuch Washingtons zur Wehr gesetzt, das deutsch-sowjetische Erdgasgeschäft durch ein Röhrenembargo zu verhindern. Der Gleichklang zwischen Bonn und Washington wurde fortan lediglich durch das Bemühen der neuen Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl etwas gestört, im innerdeutschen Verhältnis die Errungenschaften der Entspannung so weit wie möglich zu bewahren. 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 367 <?page no="368"?> Mit Appellen an den amerikanischen Patriotismus, dem Versprechen, die Größe und Überlegenheit der USA wiederherzustellen, und offenen Drohungen an die Adresse Moskaus gab Präsident Reagan dem Kalten Krieg einen dramatischen, unversöhnlich klingenden Akzent. Seine Rede vor fundamentalistischen Christen im März 1983, in der er die Sowjetunion in der Sprache der Apokalypse als „evil empire“ und den „focus of evil in the modern world“ bezeichnete, erregte weltweit Aufsehen und Besorgnis. Im gleichen Monat kündigte Reagan die Strategic Defense Initiative (SDI) an, deren Ziel es war, die USA durch ein hochmodernes, weltraumgestütztes Raketenabwehrsystem vor nuklearen Überraschungsangriffen zu schützen. In Verbindung mit der enormen kon‐ ventionellen Aufrüstung und der Stationierung von Pershing II-Mittelstreckenraketen und Marschflugkörpern in Westeuropa, zu der die NATO ab Ende 1983 ungeachtet aller öffentlichen Proteste schritt, schien das SDI-Projekt eine Konfrontation der beiden Militärblöcke mit katastrophalen Folgen für die ganze Menschheit in greifbare Nähe zu rücken. Der Kampf um die Nachrüstung stürzte viele westliche Länder, insbesondere die Bundesrepublik, in eine innenpolitische Zerreißprobe. Dem Anliegen der Friedens‐ bewegung, die sinnlose Rüstungsspirale zu stoppen, war die moralische Berechtigung nicht abzusprechen. Letzten Endes stimmten die Regierungen und die Mehrheit der Bürger aber der Stationierung zu, weil sie eine Schwächung oder gar Spaltung des NATO-Bündnisses vermeiden wollten. Aus der Rückschau stellt diese Entscheidung einen der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte des Kalten Krieges dar. Im Zuge der Auseinandersetzung flammten immer wieder antiamerikanische Emotionen auf; die Sprecher der Friedensbewegung wurden aber nicht müde zu betonen, dass ihr Protest allein der Politik der Reagan-Administration gelte und dass sie sich mit dem amerikanischen Volk solidarisch fühlten. Einen verbreiteten „Antiamerikanismus“ hat es in der Tat nicht gegeben, denn aufs Ganze gesehen nahm die Empfänglichkeit der europäischen Jugend für die Hervorbringungen der amerikanischen Pop-, Medien- und Konsumkultur in den siebziger und achtziger Jahren eher zu als ab und glichen sich die Lebensstile auf beiden Seiten des Atlantiks weiter einander an. In den USA selbst hatten sich im Juni 1982 noch 800.000 Menschen zu der bislang größten amerikanischen Demonstration im New Yorker Central Park versammelt, um ihrer Forderung nach „Einfrieren“ der Atomrüstung (nuclear freeze) Nachdruck zu verleihen. Im Herbst 1983 kam es jedoch zu heftigen antisowjetischen Gefühlsaus‐ brüchen, als der Abschuss eines koreanischen Verkehrsflugzeugs mit 269 Passagieren bekannt wurde, das sich in russischen Luftraum verirrt hatte. Nun fanden selbst an vielen Universitäten Protestmärsche und antisowjetische Kundgebungen statt. Die US-Regierung stellte die Sowjetunion vor der Weltöffentlichkeit bloß, indem sie dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen den Funkverkehr der an dem Zwischenfall beteiligten russischen Jägerpiloten präsentierte, den die National Security Agency mit bis dahin ultrageheimen Überwachungs- und Abhörtechniken aufgezeichnet hatte. Moskau revanchierte sich für diese und andere Demütigungen mit dem Boykott der Olympischen Spiele von 1984 in Los Angeles, auf den es auch die übrigen Ostblock‐ länder verpflichtete. Niemals seit der Kuba-Krise des Jahres 1962 war die Temperatur Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 368 <?page no="369"?> des Kalten Krieges derart eisig gewesen. Während sich NATO und Warschauer Pakt in Europa hochgerüstet und unbeweglich gegenüberstanden, ließ die Reagan-Admi‐ nistration keine Gelegenheit aus, um die Risse und Sprünge zu verbreitern, die im sowjetischen Imperium sichtbar wurden. Das geschah jedoch häufiger verdeckt als offen, teils weil eine solche Methode effektiver erschien, teils wegen der Widerstände im Kongress, dessen Mehrheit - eingedenk des Vietnam-Debakels - außenpolitische Alleingänge des Präsidenten und militärische Verwicklungen in der Dritten Welt verhindern wollte. Ins Zentrum des sowjetischen Einflussbereichs zielte die Unterstützung der pol‐ nischen Opposition, die nach der Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981 in den Untergrund gegangen war. Hierbei suchten die Amerikaner auch die Kooperation mit dem Vatikan und dem für seinen strikten Antikommunismus bekannten polnischen Papst Johannes Paul II. Ebenfalls dicht an der russischen Grenze operierten die amerikanischen Geheimdienste in Pakistan und Afghanistan, wo sie durch Waffenlie‐ ferungen an die moslemischen Rebellen dazu beitrugen, die Verluste der sowjetischen Besatzungstruppen immer höher zu schrauben. Neuer Schwerpunkt amerikanischer Interessen und Aktivitäten wurde eindeutig die ölreiche und strategisch wichtige Re‐ gion des Persischen Golfes. Im iranisch-irakischen Krieg, den der irakische Staatschef Saddam Hussein 1980 mit einer Invasion im Nachbarland ausgelöst hatte, unterstützten die USA stillschweigend den Irak, zum einen, weil sich Bagdad aus der Abhängigkeit von Moskau löste, zum anderen, weil Washington dem islamisch-fundamentalistischen und extrem antiwestlichen Khomeini-Regime nicht die Vorherrschaft am Persischen Golf zugestehen wollte. Insgeheim erfolgten 1985 / 86 aber auch - teilweise über Israel - Waffenlieferungen an den Iran, um „gemäßigte Kräfte“ in Teheran zu unterstützen und amerikanische Geiseln zu befreien. Der besonnene Außenminister George Shultz und Verteidigungsminister Caspar Weinberger hatten sich intern gegen dieses riskante Geschäft ausgesprochen, waren aber überstimmt worden. Hier lag eine der Wurzeln des Iran-Contra-Skandals, der die Endphase von Reagans Präsidentschaft überschatten sollte. Der Krieg zwischen Iran und Irak erlaubte den USA, ihre militärische Präsenz in der Golfregion auszubauen: Die Geheimdienste verfolgten jede Bewegung der beiden Seiten, die US Navy hielt die Schifffahrtslinien offen und eskortierte Öltanker, und das Pentagon wertete Carters „schnelle Eingreiftruppe“ zum United States Central Command auf. Die Krisenregion des Nahen Ostens konnte durch die Zusammenarbeit mit Ägypten, das auch unter dem Nachfolger des 1981 ermordeten Sadat, Hosni Mubarak, an dem Friedensprozess festhielt, sowie durch immer engere wirtschaftliche und militärische Kontakte zu Saudi-Arabien einigermaßen stabilisiert werden. Dreh- und Angelpunkt der Nahostpolitik blieb jedoch die Freundschaft mit Israel, für dessen Sicherheit sich die Amerikaner, insbesondere diejenigen jüdischer Abstammung, verantwortlich fühlen. Nach Israel und Ägypten floss auch der Löwenanteil der amerikanischen Wirtschafts- und Militärhilfe - allein bis 1987 ca. 63 Milliarden Dollar. Trotz dieses hohen Einsatzes gelang es den USA aber weder, den Bürgerkrieg im Libanon zu für Israel günstigen 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 369 <?page no="370"?> Bedingungen zu beenden, noch den gemäßigten arabischen Staaten eine Lösung des Palästinakonflikts schmackhaft zu machen, die Westbank und Gazastreifen als autonome Gebiete unter jordanische Oberhoheit gestellt hätte. Washingtons Konzept einer strategischen Allianz mit Israel, das seit geraumer Zeit über Nuklearwaffen verfügte, störte die Araber ebenso wie die israelische Siedlungspolitik, mit der die konservative Regierung Menachim Begins in den besetzten Gebieten vollendete Tat‐ sachen zu schaffen suchte. Die von den USA stillschweigend gebilligte israelische Invasion im Libanon, mit der Jassir Arafats Palästinensische Befreiungsorganisation PLO vernichtet werden sollte, erwies sich als Bumerang. Im Zusammenhang mit dieser Aktion musste Reagan im Oktober 1983 einen seiner schwersten außenpolitischen Rückschläge hinnehmen, als 239 US-Marines, die zusammen mit anderen westlichen Einheiten den Abzug der PLO aus Beirut überwacht hatten, einem Terroranschlag zum Opfer fielen. Das Ergebnis des Krieges war eine verstärkte Kontrolle Syriens über den Libanon, die den Interessen Washingtons strikt zuwiderlief. In den weiteren Rahmen des Nahostkonflikts fiel auch der amerikanische Luftangriff auf Libyen im April 1986, der - völkerrechtlich sehr problematisch - als Vergeltungsschlag für libysche Terrorakte deklariert wurde und der das Leben Oberst Gaddafis nur knapp verfehlte. Offenbar rächte sich der libysche Geheimdienst mit der Sabotage eines PanAm-Verkehrsflugzeuges, das im Dezember 1988 mit über 200 Menschen bei Lockerbie in Schottland abstürzte. An der Peripherie in Asien, Afrika und Lateinamerika lief die amerikanische Politik im Wesentlichen darauf hinaus, Kommunismus und Sozialismus zu bekämpfen und den Einfluss derjenigen Länder zurückzudrängen, die - wie Nordkorea und Kuba - als Klienten der Sowjetunion und Förderer des internationalen Terrorismus galten. Dabei betrachteten die Amerikaner wieder alle lokalen und regionalen Konflikte durch die Brille des Ost-West-Gegensatzes und scheuten sich nicht, mit autoritären Regimen zusammenzuarbeiten, solange diese für die „freie Welt“ optierten. Die ohnehin recht schwach ausgeprägte Neigung, Problemlösungen im Rahmen der Vereinten Nationen zu suchen, wich vollends dem Verlangen nach absoluter Handlungsfreiheit. Entwicklungspolitik hieß jetzt vor allem, die Staaten der Dritten Welt von den Vorzügen der freien Marktwirtschaft und der Notwendigkeit eines günstigen Investitionsklimas zu überzeugen. Für viele überraschend, bedeutete der Rückzug aus Indochina keineswegs das Ende der amerikanischen Präsenz in Ostasien. Durch die wirtschaftlichen Reformen in China nach dem Tode Maos 1976 und durch den ökonomischen Aufschwung von Japan, Südkorea, Taiwan, Hongkong, Thailand und Singapur erlangte diese Region sogar zunehmende Bedeutung für die USA. Das amerikanische Interesse am Ausbau der Handelsbeziehungen im pazifischen Raum ergänzte sich mit dem Wunsch vieler Länder, die USA als politisch-militärisches „Gegengewicht“ gegen ein übermächtiges Japan und ein aufstrebendes China zu erhalten. Das traf beispielsweise für Indonesien unter General Suharto zu, der 1965 einen kommunistischen Putschversuch blutig niedergeschlagen hatte, oder für die Philippinen, die den USA auch nach dem Sturz der Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 370 <?page no="371"?> Marcos-Diktatur im Jahr 1986 Militärstützpunkte zur Verfügung stellten, und letzten Endes sogar für Vietnam, zu dem Washington allerdings erst 1995 wieder diplomatische Beziehungen knüpfte. Der wichtigste Partner hieß weiterhin Japan, auch wenn der ökonomische Konkurrenzdruck zunahm und die Bewunderung der Amerikaner für die Erfolge des fernöstlichen „Wirtschaftsriesen“ sich mit Neid und Ärger mischte. Das Bündnis aus dem Jahr 1960 gewährleistet nach wie vor die Sicherheit Japans, und es nimmt gleichzeitig den schwächeren Nachbarn in der Region die Sorge vor einer unkontrollierten japanischen Aufrüstung. Afrika wurde in den 1980er Jahren zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen, bei denen sich auf sowjetischer Seite vor allem die Kubaner, für die westlichen Interessen dagegen hauptsächlich Südafrika engagierte. Nachdem Portugal Mitte der 1970er Jahre die Kolonien Angola und Moçambique aufgegeben hatte, griffen kubanische Truppen zu Gunsten marxistischer Befreiungsbewegungen ein. 1978 war zudem eine sowjetisch-kubanische Intervention in Äthiopien erfolgt, das Krieg gegen Somalia führte und mit Separatismusbestrebungen in Eritrea zu kämpfen hatte. Schließlich festigte die Sowjetunion noch ihren Einfluss in der Volksrepublik Jemen und damit am Golf von Aden. Da der Kongress größere Militäraktionen nicht zuließ, verlegte sich die Reagan-Administration darauf, antimarxistische Kräfte durch geheimdienstliche Kanäle oder via Pretoria zu unterstützen. Nicht zu Unrecht ging man in Washington davon aus, dass es leichter sei, instabile Regimes und deren Helfer in Bedrängnis zu bringen, als selbst - wie in Vietnam geschehen - eine unpopuläre Regierung durch counterinsurgency an der Macht zu halten. Die Folge waren jahrelange Guerrillakriege, die Russen und Kubaner zur Erhöhung ihres Einsatzes zwangen, die aber vor allem der lokalen Bevölkerung große Opfer abverlangten und die betroffenen Staaten auf lange Zeit hinaus politisch und wirtschaftlich zerrütteten. Konstruktiver fiel der amerikanische Beitrag zur Lösung der Probleme im südlichen Afrika aus, was allerdings weniger der Reagan-Administration zu verdanken war als der öffentlichen Meinung in den USA, die immer entschiedener gegen die Apartheid Stellung bezog. Über das Veto des Präsidenten hinweg verhängte der Kongress 1986 Sanktionen gegen Südafrika, die durch die Entscheidungen vieler Bürgergruppen und US-Firmen zum „de-investment“ noch verschärft wurden. Dieser Druck erleichterte den Übergang Namibias zur Unab‐ hängigkeit und öffnete schließlich den Weg zur demokratischen Umgestaltung der Republik Südafrika. In dem Maße, wie sich der Kalte Krieg abschwächte, verlor das Apartheid-Regime auch den Rückhalt, den es lange Zeit in Washingtoner Regierungs‐ kreisen gefunden hatte. In der westlichen Hemisphäre betrachteten die USA seit dem Zweiten Weltkrieg die Machtübernahme linksgerichteter Regierungen als eine Verletzung der Monroe-Dokt‐ rin und als Gefährdung ihrer nationalen Sicherheit, insbesondere, wenn solche Regimes Kontakte mit Kuba und der Sowjetunion pflegten. Das hatte der sozialistische Präsident Chiles, Salvador Allende, erfahren müssen, gegen den die Nixon-Administration eine mehrjährige „Destabilisierungskampagne“ führte und dessen Sturz und Ermordung 1973 mit amerikanischer Billigung erfolgt war. Unter Präsident Carter hatten die 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 371 <?page no="372"?> USA die Gewährleistung der Menschenrechte in den Mittelpunkt gestellt, aber die Regierung Reagan kehrte wieder den ideologischen Antikommunismus hervor und nahm eine Haltung ein, die man in Anlehnung an die Interventionspolitik Theodore Roosevelts und Woodrow Wilsons als „new interventionism“ bezeichnete. Einer der Höhepunkte dieses Kurses war die Invasion der Karibikinsel Grenada im Jahr 1983, die offiziell mit der Gefährdung amerikanischer Menschenleben durch einen blutigen Regierungsumsturz begründet wurde, in Wirklichkeit aber den Einfluss und das Prestige Kubas in der Karibik treffen sollte und wohl auch empfindlich getroffen hat. Für die USA handelte es sich um die erste größere Militäroperation nach dem Vietnamkrieg, und ihr Erfolg wurde von den Anhängern Reagans als Beleg für die Überwindung des „Vietnam-Traumas“ gewertet. Das wichtigste Experimentierfeld des „neuen Interventionismus“ war jedoch Mit‐ telamerika und hier insbesondere Nicaragua, wo 1979 eine von der sandinistischen Befreiungsfront FSLN (Frente Sandinista der Liberación Nacional) geführte Volkserhe‐ bung das Regime des Diktators Somoza hinweggefegt hatte. Präsident Carter war den Sandinisten noch wohlwollend oder zumindest neutral begegnet, aber Reagan ging nach seiner Wahl sofort auf Distanz, zumal sich eine Zusammenarbeit zwischen Nicaragua und der Sowjetunion anbahnte und im Nachbarland El Salvador der Bürger‐ krieg ausgebrochen war. Der amerikanische Kongress wollte jedoch keine militärische Einmischung zulassen und versuchte durch das Boland-Amendment von 1984, die Regierung auf rein humanitäre Hilfe festzulegen. Das hinderte Reagan aber nicht daran, die CIA unter dem befreundeten Direktor William Casey mit der Unterstützung der nicaraguanischen Contras zu beauftragen, die von Honduras und Costa Rica aus gegen die Sandinisten operierten. Auf diese Weise löste er nicht nur einen heftigen innenpolitischen Streit aus, sondern machte sich auch in Europa, wo viele Menschen mit den Sandinisten sympathisierten, noch unbeliebter. Überdies brachte er die USA auf Kollisionskurs mit den Vereinten Nationen und dem Internationalen Gerichtshof, der die Verminung nicaraguanischer Häfen als Bruch des Völkerrechts verurteilte. Während die CIA-Aktivitäten ein offenes Geheimnis waren, blieb den Amerikanern zunächst verborgen, wie die Regierung ohne Mittelbewilligung durch den Kongress die Finanzierung der Contras bewerkstelligte. Erst nach und nach kam ans Licht, dass ein Mitglied des National Security Council, Oberstleutnant Oliver North, Profite aus den geheimen Waffenlieferungen an den Iran sowie andere, von befreundeten Regierungen „gespendete“, Gelder am Kongress vorbei an die Contra-Rebellen geleitet hatte. Ein gemeinsamer Untersuchungsausschuss von Repräsentantenhaus und Senat enthüllte 1987 - ausgerechnet im Jahr des 200-jährigen Verfassungsjubiläums - die ganze Tragweite des Iran-Contra-Skandals. Er deckte eine Vielzahl illegaler und verfas‐ sungswidriger Aktivitäten auf, in die außer Oliver North hohe Beamte der Reagan-Ad‐ ministration wie Sicherheitsberater Robert McFarlane und dessen Nachfolger John Poindexter verwickelt waren. Obgleich diese Vorgänge vom verfassungsrechtlichen Standpunkt aus möglicherweise schwerer wogen als die Watergate-Affäre, taten sie Reagans Beliebtheit in den USA keinen Abbruch. Zwar wurden 1988 / 89 mehrere Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 372 <?page no="373"?> seiner Mitarbeiter angeklagt und verurteilt, doch der Präsident selbst, dem keine direkte Einflussnahme auf den Entscheidungsprozess nachgewiesen werden konnte, kam ungeschoren davon. Dieser „Teflon-Effekt“, wie man das Abgleiten aller Kritik an der Person Reagans nannte, hing natürlich in erster Linie mit der günstigen Wendung in den amerika‐ nisch-sowjetischen Beziehungen zusammen, die inzwischen eingetreten war. Das herannahende Ende des Kalten Krieges ermöglichte dann auch einen Friedensschluss zwischen Sandinisten und Contras, der 1989 unter Vermittlung des Präsidenten von Costa Rica, Oscar Arias, und des deutschen EG-Beauftragten Hans-Jürgen Wi‐ schnewski zustande kam. Nicht alle Amerikaner sahen es gern, dass die Europäische Gemeinschaft ihr wachsendes politisches Gewicht ausgerechnet im traditionellen „Hinterhof “ der USA in die Waagschale warf. Das Nicaragua-Problem verlor aus amerikanischer Sicht aber vollends an Brisanz, als eine konservative Parteienallianz unter Violeta Chamorro die Sandinisten bei demokratischen Wahlen von der Macht verdrängte. Ein letzter Ausläufer des neuen Interventionismus erreichte im Dezember 1989 Panama, dessen Präsident Manuel Noriega offensichtlich in den internationalen Drogenhandel involviert war und diktatorische Allüren entwickelte. Die von Präsident Bush befohlene Militäraktion führte nach einigen Tagen zur Verhaftung Noriegas, der später in den USA angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Reagans Politik der offenen und verdeckten Einmischung in lateinamerikanische Konflikte beeinträchtigte die Position und das Prestige der USA in der westlichen Hemisphäre erstaunlicherweise nur vorübergehend oder gar nicht. Das Hauptinteresse der lateinamerikanischen Staaten, deren Wirtschaftsentwicklung in den 1980er Jahren stagnierte, galt der Lösung der Schuldenkrise, die ohne die Hilfe der US-Regierung und amerikanischer Banken nicht zu erreichen war. Als die Krise am Ende des Jahrzehnts durch den Einsatz von Präsident Bush und Außenminister James Baker entschärft wurde, hatte in vielen karibischen und lateinamerikanischen Staaten bereits ein Prozess der wirtschaftlichen Liberalisierung und politischen Demokratisierung eingesetzt, der im Wesentlichen den Vorstellungen Washingtons entsprach. Der Niedergang des Ostblocks beschleunigte diese Entwicklung und ließ die antikapitalistische und antiamerikanische Rhetorik im Süden weitgehend verstummen. Zu Beginn der 1990er Jahre waren sich Nordamerika und Lateinamerika, trotz des weiter bestehenden großen Wohlstandsgefälles, näher als jemals zuvor in der neueren Geschichte des Doppelkontinents. Sowjetisch-amerikanische Annäherung, Überwindung der deutschen Teilung und Ende des Kalten Krieges Der außenpolitische Kontrast zwischen der ersten und der zweiten Amtszeit Präsident Reagans hätte kaum größer sein können. Deutete im Wahljahr 1984 noch vieles auf eine Verhärtung und Eskalation des Ost-West-Konflikts hin, so trat ab 1985 eine Ent‐ wicklung ein, die zur allgemeinen Verwunderung in immer schnelleren Schritten zum 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 373 <?page no="374"?> Abbau von Spannungen und schließlich sogar zur Überwindung des Kalten Krieges führte. Als Reaktion auf die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa hatte die Sowjetunion zunächst alle Abrüstungsverhandlungen auf Eis gelegt. Bei den ersten beiden Treffen Reagans mit dem neuen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, die 1985 in Genf und 1986 in Reykjavik auf Island stattfanden, näherten sich die Positionen beider Seiten in der Rüstungsfrage aber schon so weit an, dass die Westeuropäer fürchteten, die Supermächte könnten sich über ihre Köpfe hinweg einigen. Ende 1987 verständigten sich Reagan und Gorbatschow dann in Wa‐ shington auf die so genannte „doppelte Null-Lösung“, die im Kerngebiet Europas eine vollständige Eliminierung der atomaren Kurz- und Mittelstreckenraketen zwischen 300 und 3400 Meilen Reichweite beinhaltete und die auch von den europäischen NATO-Ländern mitgetragen wurde. War es bis dahin immer nur um eine Begrenzung der Aufrüstung gegangen, so tilgte der INF (Intermediate Nuclear Forces)-Vertrag eine ganze Kategorie von Waffen aus dem Arsenal der Supermächte, die erstmals auch „on-site inspections“ zur Verifizierung von Abrüstungsmaßnahmen zuließen. Anläss‐ lich von Reagans Moskau-Besuch im Mai 1988 verkündete Gorbatschow den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan, und wenige Monate später stellte er sogar eine einseitige Reduzierung der Streitkräfte und Panzer seines Landes in Aussicht. Damit waren noch vor Reagans Ausscheiden aus dem Amt im Januar 1989 günstige Voraussetzungen für eine substanzielle Verringerung sowohl der strategischen als auch der konventionellen Rüstung geschaffen, über die seit einiger Zeit wieder bilateral zwischen Washington und Moskau und multilateral im Rahmen der KSZE und der Vereinten Nationen verhandelt wurde. Abb. 21: Präsident Reagan und KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow bei der Unterzeichnung des INF-Vertrags im Weißen Haus, Dezember 1987 Gänzlich unerwartet gelangte Ende der 1980er Jahre die „deutsche Frage“ auf die Ta‐ gesordnung der Weltpolitik. Reagans erster Besuch in der Bundesrepublik war 1985 von Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 374 <?page no="375"?> der Nachrüstungsdebatte überschattet und hatte zudem eine heftige Kontroverse um das deutsch-amerikanische Versöhnungsritual auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg in der Eifel ausgelöst, wo auch Angehörige der Waffen-SS bestattet worden waren. Mit unverhohlener Sorge verfolgte man danach in Washington alle Anzeichen, die auf einen Bonner „Neutralismus“ oder eine gefühlsmäßige Distanzierung der deutschen Öffentlichkeit von der Führungsmacht USA hindeuteten. Ein neuralgischer Punkt in den deutsch-amerikanischen Beziehungen blieb der Osthandel der Bundesrepublik, der aus Washingtoner Sicht zur Stabilisierung der kommunistischen Herrschaft beitrug. Als Präsident Reagan im Sommer 1987 erneut nach Deutschland kam, standen die Sowjetunion und ganz Osteuropa schon im Zeichen von Gorbatschows Reformpolitik, die glasnost (Offenheit) und perestroika (gesellschaftliche Umgestaltung) versprach. Vor diesem Hintergrund konzipierte Reagan seine Rede am Brandenburger Tor vom 12. Juni nicht als Klage oder Anklage, sondern als eine „Botschaft der Hoffnung und des Triumphes“. Er stellte die Frage, ob die Nachrichten aus Moskau einen tief greifenden Wandel ankündigten oder den Westen in falscher Sicherheit wiegen sollten. Wenn Gorbatschow wirklich Frieden, Wohlstand und Liberalisierung anstrebe, dann könne er ein unmissverständliches Zeichen setzen: „Come here to this gate! Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall! “ Diese Äußerungen wurden weithin als typischer Ausdruck von Reagans rhetori‐ schem Überschwang und seiner Neigung zu dramatischen publizistischen Effekten gewertet. Innerhalb kurzer Zeit nahm die von Gorbatschow beabsichtigte Lockerung des starren planwirtschaftlich-bürokratischen Apparats der Sowjetunion jedoch den Charakter eines revolutionären Umbruchs an, der den gesamten Ostblock auflöste und am 9. November 1989 tatsächlich zur Öffnung der Berliner Mauer führte. Über die Ursachen und Triebkräfte dieses Vorgangs, der in seiner Tragweite nur mit den Veränderungen im Gefolge des Ersten Weltkrieges vergleichbar ist, wird noch lange Zeit diskutiert und gestritten werden. Vermutlich waren aber die innere - wirtschaft‐ liche wie ideologische - Schwäche der Sowjetunion und der Druck von außen, den die USA unter Carter und Reagan seit Ende der 1970er Jahre ausübten, gleichermaßen für den Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftssystems verantwortlich. Die amerikanischen Antworten auf das dramatische Geschehen in Osteuropa musste nun George Bush geben, der ehemalige CIA-Direktor und Vizepräsident seit 1981, der nach seinem klaren Wahlsieg über den Demokratischen Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, im Januar 1989 das politische Erbe Reagans angetreten hatte. Bush entstammte einer wohlhabenden und angesehenen Familie Neuenglands und war zunächst Manager und Unternehmer in der texanischen Ölindustrie gewesen. Als erfahrener Außenpolitiker und „Patrizier“, dem Reagans Populismus und ideologischer Eifer fremd blieben, agierte er in der Umbruchsphase eher zurückhaltend und beson‐ nen. Assistiert von Außenminister James Baker III., Sicherheitsberater Brent Scowcroft und Verteidigungsminister Richard Cheney unterstützte er so lange wie möglich Gorbatschows Reformkurs und bemühte sich darum, den Strom der Veränderungen in sichere Bahnen zu kanalisieren. Andererseits gelangte die Bush-Administration früher 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 375 <?page no="376"?> als die europäischen NATO-Verbündeten zu der Auffassung, dass die Überwindung der deutschen Teilung, die schon vor dem Mauerfall in den Bereich des Möglichen rückte, weder hinausgezögert noch gar verhindert werden sollte. Zu eindeutig hatten sich die USA stets zum Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker und zu freien Wahlen für ganz Deutschland bekannt, und zu offensichtlich war auch die Zustimmung der amerikanischen Bevölkerung zu einer raschen Wiedervereinigung. Die Rate der Befürwortung variierte im Laufe des Jahres 1990, aber sie sank nie unter 60 Prozent ab. Laut einer Meinungsumfrage vom April 1990 fanden sogar 76 Prozent der Amerikaner, die Wiedervereinigung sei eine „gute Idee“, und selbst die Mehrheit der Bürger jüdischen Glaubens stimmte dieser Einschätzung zu. Ungeachtet der Anfang der 1970er Jahre erfolgten diplomatischen Anerkennung der DDR identifizierten weite Teile der Öffentlichkeit den zweiten deutschen Staat mit Mauer und Stacheldraht und mit der „widernatürlichen“ Teilung Europas. Die meisten Amerikaner gingen deshalb ganz selbstverständlich davon aus, dass der Westen und die USA größeren Nutzen aus der Wiedervereinigung ziehen würden als die Sowjetunion. Von den bedeutenden Presseorganen warnte lediglich die New York Times vor einer allzu raschen Fusion der beiden deutschen Staaten. Angesichts der zögerlichen bis ablehnenden Haltung in London, Paris und anderen westlichen Hauptstädten war die diplomatische Unterstüt‐ zung der Bush-Administration von vitaler Bedeutung für die Regierung Kohl-Genscher, die ihrerseits von den Ereignissen in der DDR überrollt zu werden drohte. Bush hatte erstmals im April 1989 öffentlich Sympathie für die Idee einer Wiederver‐ einigung erkennen lassen. Einen Monat später regte er in Mainz an, die Bundesrepublik und die USA sollten künftig als „partners in leadership“ handeln. Das beinhaltete allerdings den Wunsch nach engen Konsultationen, der aus Washingtoner Sicht in der Anfangsphase des Vereinigungsprozesses nicht immer hinreichend erfüllt wurde. Innerhalb der Administration gab es ein hohes Maß an Übereinstimmung in der Deutschlandfrage, auch wenn die Absichten der Sowjetführung und die Verlässlichkeit des deutschen Bündnispartners im Nationalen Sicherheitsrat offenbar etwas skepti‐ scher beurteilt wurden als im State Department. Nach dem Fall der Mauer trat die US-Regierung ganz bewusst an die Spitze des Zuges, der sich in Richtung deutsche Einheit in Bewegung setzte, und sie gab die einmal eroberte Führung nicht mehr ab. Gerade wegen dieses frühen Einschwenkens auf den Wiedervereinigungskurs verstand sich die amerikanische Regierung aber auch als Sachwalterin der Nachbarstaaten Deutschlands und insbesondere Polens, das um die Integrität seiner Westgrenze fürchtete. Im Dezember 1989 definierte Bush vor der NATO in Brüssel die Vorausset‐ zungen, unter denen sich die USA eine Wiedervereinigung vorstellen konnten: Dazu gehörten in erster Linie die Abhaltung freier Wahlen in der DDR, eine Zusicherung der Bundesregierung, dass die Ostgrenzen entsprechend den Bestimmungen der KSZE-Schlussakte nur durch friedliche Verhandlungen geändert werden dürften, und die dauerhafte Zugehörigkeit Gesamtdeutschlands zur NATO und zur Europäischen Gemeinschaft. Anfang Februar 1990 verständigten sich das State Department und das Bonner Auswärtige Amt auf das Format der „Zwei-plus-Vier“-Verhandlungen zwischen Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 376 <?page no="377"?> den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Anschließend flog Secretary of State James Baker nach Moskau, wo es ihm gelang, Gorbatschow und Außenminister Schewardnadze für dieses Konzept zu gewinnen. Der Besuch von Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher in Moskau am 10. Februar bestätigte die bereits gefundene Lösung. Das Treffen zwischen Bush und Kohl Ende Februar in Washington stand unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte in den USA über eine deutsche Grenzgarantie für Polen. Eine offizielle Betei‐ ligung Warschaus an den „Zwei-plus-Vier“-Verhandlungen lehnte die US-Regierung jedoch ab. Die wirklich wichtigen Entscheidungen fielen dann im engen Kreis der amerikanischen, deutschen und sowjetischen Unterhändler, während sich Briten und Franzosen weitgehend ausgeschlossen fanden. Innerhalb weniger Monate wurde den Wünschen und Vorbehalten Washingtons Rechnung getragen: Zunächst durch die Volkskammerwahlen im März 1990, die eine klare Mehrheit für die Wiedervereinigung ergaben; dann im Juni 1990 durch den formellen Beschluss der beiden deutschen Parlamente, die deutsch-polnische Grenze als endgültig anzuerkennen; und schließlich durch die Einigung zwischen Kohl und Gorbatschow Mitte Juli 1990 am Schwarzen Meer, die den Verbleib Deutschlands in der NATO gewährleistete. In diesem letzten Punkt waren die USA auch gegenüber Gorbatschow hart geblieben, der vergeblich um Washingtons Zustimmung zu einem mindestens teilweise neutralisierten Deutschland nachgesucht hatte. Diese Haltung lag ganz auf der Linie des dual containment, mit der sich die Amerikaner Neutralitätstendenzen in Mitteleuropa stets widersetzt hatten. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag, der am 12. September in Moskau unterzeichnet wurde, zog einen Schlussstrich unter den Zweiten Weltkrieg, indem er die Rechte und Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und für „Deutschland als Ganzes“ beendete und dem deutschen Volk die volle Souveränität zurückgab. Nach der formellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 drängten die USA im Sinne ihres übergreifenden Integrationskonzeptes auf den Fortgang der europäischen Einigung. Damit trugen sie zumindest indirekt zum Zustandekommen des Vertrags von Maastricht über die Europäische Union bei, der im Februar 1992 signiert wurde und im November 1993 in Kraft trat. Die Wiedervereinigung Deutschlands kann mit Fug und Recht als Triumph der amerikanischen Politik bezeichnet werden, denn sie erfolgte - trotz ihres auch für Washington überraschend plötzlichen Zustandekommens - im Wesentlichen zu den Bedingungen, die man in den USA von jeher für notwendig und unverzichtbar gehalten hatte: Es handelte sich um eine freie Entscheidung des deutschen Volkes, die weder zu Lasten seiner Nachbarn ging noch den Zusammenhalt des westlichen Bündnisses und das Mitspracherecht Washingtons in europäischen Angelegenheiten gefährdete. Darüber hinaus war der Schulterschluss mit Bonn in der Vereinigungsfrage geeignet, die Beziehungen zu Deutschland dauerhaft zu festigen, dessen Gewicht in Europa und in der Weltpolitik nach amerikanischer Auffassung nahezu zwangsläufig weiter zunehmen musste. Festigkeit im Grundsätzlichen und gleichzeitig pragmatisches Eingehen auf sich rasch wandelnde Umstände kennzeichnete auch das Verhältnis zur Sowjetunion. Der 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 377 <?page no="378"?> Zerfall des Warschauer Pakts, der bereits 1989 begann, nahm der Abrüstungsfrage viel von ihrer bisherigen Brisanz. Für Kontinuität in diesem Bereich sorgte Bushs Chefun‐ terhändler Paul Nitze, der schon an der Formulierung von NSC 68 im Jahr 1950 beteiligt gewesen war. Die Wiener MBFR (Mutual and Balanced Force Reduction)-Verhandlun‐ gen, die sich jahrelang hingezogen hatten, konnten im November 1990 unter dem neuen Kürzel CFE (Conventional Armed Forces in Europe) erfolgreich abgeschlossen werden. Der Vertrag setzte Obergrenzen fest für die schweren Waffen - Panzer, Artillerie, Flugzeuge und Angriffshubschrauber -, die zwischen Atlantik und Ural stationiert werden durften, und verpflichtete insbesondere die Sowjetunion zu tiefen Einschnitten in ihre konventionelle Rüstung. Eine Zusatzvereinbarung vom Juli 1992 regelte die Truppenstärken in Europa, wobei die Höchstgrenze für die USA auf 250.000 Mann festgesetzt wurde. Ähnlich wie in Asien waren nun auch die meisten europäischen Länder einschließlich Russlands daran interessiert, aus Gründen der Sicherheit und Stabilität zumindest eine symbolische Präsenz der US-Militärmacht auf dem Kontinent zu erhalten. Die Angst vor einem nuklearen Holocaust machte Erleichterung und vorsichtigem Optimismus Platz, als Russen und Amerikaner bei den Strategic Arms Reduction Talks (START) im Juli 1991 und im Januar 1993 Abmachungen trafen, die eine drastische Verringerung der Interkontinentalraketen und Atomsprengköpfe zum Ziel hatten. Der Rückzug der nuklearen Kurzstreckenraketen und der taktischen Atomwaffen aus Ost- und Westeuropa war bereits Ende 1992 weitgehend abgeschlos‐ sen. Nach der Auflösung der Sowjetunion ging es den USA hauptsächlich darum, das Entstehen neuer Atommächte von der Ukraine bis Kasachstan und die Verbreitung von Nuklearwaffen über den Mittleren Osten zu verhindern. Außerdem kam es endlich zu einem internationalen Vertrag, der Produktion, Verwendung, Lagerung und Export von chemischen Waffen untersagte. Im Unterschied zu ihrer aktiven Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung und bei der Abrüstung tat die Bush-Administration anscheinend nichts, was den Zerfalls‐ prozess der Sowjetunion beschleunigt hätte. Die Sorge um politische und wirtschaft‐ liche Stabilität und der Wunsch nach friedlichem Wandel hielten sie sogar davon ab, auf die ersten Unabhängigkeitsregungen in den baltischen Staaten positiv zu reagieren. Obwohl die USA also über Jahre hinweg maßgeblich dazu beigetragen hatten, den sowjetischen Machtbereich ideologisch und materiell zu unterminieren, verharrte die Washingtoner Regierung in der entscheidenden Phase in der Rolle eines interessierten, aber unbeteiligten Beobachters. Auf den ersten Blick scheint das der in NSC 68 niedergelegten langfristigen Strategie der USA zu widersprechen, die das zerstörerische Potenzial der Nationalitätenfrage ja explizit einkalkuliert hatte. Hinter der Zurückhaltung verbarg sich allerdings die seit 1989 auf höchster Regierungsebene gereifte Gewissheit, dass die Zeit ohnehin für den Westen arbeite und dass der nun angebrochene Schlussakt des Kalten Krieges fast ohne eigenes Zutun mit dem vollständigen Sieg der Vereinigten Staaten und des Westens enden werde. Unter diesen Umständen galt es, jede unnötige Demütigung des Gegners zu vermeiden, um einem eventuellen anti-westlichen Revisionismus von vornherein die Spitze zu nehmen. Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 378 <?page no="379"?> Ob die US-Regierung dabei von einer zutreffenden Lageeinschätzung ausging, ist schwer zu sagen, zumal der erst unter Präsident Clinton aufgedeckte Spionagefall Aldrich Ames darauf hindeutet, dass die Informationen der CIA über die Sowjetunion seit Mitte der 1980er Jahre alles andere als verlässlich waren. Es bleibt umstritten, ob der Kollaps des sowjetischen Imperiums hauptsächlich durch interne Schwächen und das Scheitern von Gorbatschows Reformen verursacht worden ist oder durch den Druck des überlegenen Westens oder durch den Verlust des Feindbildes infolge der deutschen Ost- und Friedenspolitik. Vermutlich spielten alle diese Faktoren eine Rolle und verstärkten sich wechselseitig. Bemerkenswert erscheint jedoch, dass der Zusammenbruch zu einer Zeit erfolgte, als die Prognosen westlicher Experten, die „überdehnte“ Supermacht USA sei zum Niedergang verurteilt, die Medien und den Büchermarkt beherrschten. Statt lautstark den „Sieg im Kalten Krieg“ zu feiern, bemühte sich die Bush-Ad‐ ministration sowohl vor als auch nach dem Moskauer Putsch vom August 1991, marktwirtschaftliche Reformen und Demokratie im ehemaligen Ostblock zu fördern und die Sowjetunion bzw. das von Boris Jelzin repräsentierte Russland über die KSZE, die „Gruppe der 7“ und die Wirtschaftsorganisationen der Vereinten Nationen in das internationale Handels- und Währungssystem einzubinden. Angesichts der gewaltigen Probleme, die dieser Transformationsprozess aufwarf, und angesichts des begrenzten finanziellen Spielraums, über den die US-Regierung verfügte, waren hier von vornhe‐ rein keine schnellen, spektakulären Erfolge zu erwarten. Im Bereich der Sicherheits‐ politik setzte Bush eindeutig auf die NATO, die sich als transatlantisches Kooperations- und Koordinierungsorgan bewährt hatte und die durch strukturelle Reformen sowie eine Betonung ihres politischen Charakters zum geeigneten Ansprechpartner der Nachfolgestaaten der Sowjetunion umgeformt werden sollte. Vom Golfkrieg zur Abwahl von Präsident Bush Aus amerikanischer Perspektive traten die deutsche Wiedervereinigung, die Neuord‐ nung Osteuropas und die epochalen Abrüstungsfortschritte vorübergehend hinter eine neue Krise am Persischen Golf zurück, die mit dem Überfall des Irak auf Kuweit am 2. August 1990 ihren Anfang nahm. Zu spät war den Amerikanern klar geworden, dass der Diktator Saddam Hussein, den sie über das Ende des iranisch-irakischen Krieges 1988 hinaus mit Waffen versorgt hatten, das gesamte regionale Gleichgewicht bedrohte. Nach kurzer anfänglicher Unsicherheit gelang es der Regierung Bush, eine breite internationale Koalition zu organisieren, die vom Weltsicherheitsrat mit der Wiederherstellung der territorialen Integrität Kuweits beauftragt wurde. Entscheidend war Resolution 678 vom 29. November 1990, die den Irak ultimativ zum Rückzug aufforderte und gleichzeitig den USA eine Führungsrolle bei der Abwehr der irakischen Aggression zubilligte. 28 Staaten aus fünf Kontinenten erklärten sich bereit, unter amerikanischem Oberkommando Truppen einzusetzen, falls wirtschaftliche Sanktio‐ nen keine Wirkung zeigen sollten. Operation Desert Shield, wie der Aufbau einer 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 379 <?page no="380"?> alliierten Militärstreitmacht von über 500.000 Männern und Frauen (ca. 10 Prozent der amerikanischen Soldaten waren weiblichen Geschlechts) im Golfgebiet genannt wurde, wäre ohne die seit langem sorgfältig gepflegten Beziehungen zu Saudi-Arabien und Ägypten kaum möglich gewesen. Kurz vor Ablauf des Ultimatums ersuchte Präsident Bush den Kongress um Genehmigung eines offensiven Vorgehens, die nach heftiger Debatte am 16. Januar 1991 mit Mehrheiten von 250: 183 im Repräsentantenhaus und 52: 47 im Senat relativ knapp erteilt wurde. Derart innenwie außenpolitisch abgesichert, gab Bush den Befehl zur massiven Bombardierung des Irak und schließlich am 23. Februar 1991 zur Bodenoffensive, Operation Desert Storm, die Kuweit innerhalb weniger Tage befreite. Sowohl im Luftals auch im Landkrieg spielten die USA ihre gewaltige technologische Überlegenheit aus, was den gewünschten Eindruck auf die - allerdings nur selektiv informierte - Weltöffentlichkeit nicht verfehlte. Nach den Beschwerden von Presse und Fernsehen über ihren Ausschluss von der Grenada-Invasion 1983 wurden amerikanische Reporter diesmal in so genannten pools zusammengefasst, deren Bewegungsfreiheit allerdings eingeschränkt war und deren Berichte einer Militärzensur unterlagen. Eine Innovation im Medienbereich stellten die Übertragungen des Fernsehsenders CNN dar, die via Satellit direkt aus Bagdad in die USA und andere Teile der Welt erfolgten. Sie verursachten der Bush-Administration viel Ärger, da sie in mancher Hinsicht der irakischen Propagandalinie zu folgen schienen. Der Sieg über Saddam Hussein, der die Amerikaner entgegen pessimistischen Vorhersagen weniger als 150 Tote kostete, rief in den USA patriotische Aufwallungen hervor, wie man sie seit 1945 nicht mehr erlebt hatte, und schien das „Gespenst des Vietnamkrieges“ endgültig zu verscheuchen. Auch in Europa, wo zu Beginn unter der Parole „Kein Blut für Öl“ noch antiamerikanische Proteste laut geworden waren, trat ein deutlicher Stimmungswandel ein. Dazu trugen in erster Linie irakische Rake‐ tenangriffe auf Israel bei, mit denen Saddam Hussein eine Verknüpfung zwischen der Kuweitfrage und der seit Ende 1987 anhaltenden Revolte der Palästinenser (Intifada) gegen die israelische Besatzung herzustellen versuchte. In diesem Zusammenhang geriet auch die Bonner Regierung unter öffentlichen Druck, weil aus amerikanischen Kanälen bekannt wurde, dass deutsche Firmen dem Irak - und möglicherweise ebenso Libyen - beim Aufbau einer Giftgasproduktion geholfen hatten. (Später stellte sich heraus, dass an der geheimen chemischen und nuklearen Aufrüstung des Irak auch amerikanische und britische Firmen beteiligt gewesen waren.) In gewissem Sinne ging von den Attacken Saddam Husseins gegen Israel auch etwas Gutes aus, denn die USA nutzten die allgemeine Empörung und die gewandelte Weltlage, um den nahöstlichen Friedensprozess auf einer internationalen Konferenz in Madrid (30. Oktober bis 1. November 1991) wieder in Gang zu bringen. Mit großer Genugtuung registrierten die Amerikaner Mitte Dezember 1991 den Beschluss der UN-Vollversammlung, die Resolution vom November 1975 zu widerrufen, die Zionismus als eine Form der Rassen‐ diskriminierung verurteilt hatte. Noch vor Ende seiner Amtszeit räumte Präsident Bush ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Nahostfrieden beiseite, indem er erstmals Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 380 <?page no="381"?> entschieden Front gegen den Bau weiterer israelischer Siedlungen auf der Westbank und im Gazastreifen machte. Die Regierung Yitzhak Shamir hatte allein 1990 / 91 über 20.000 Wohnungen in den besetzten Gebieten und in Ost-Jerusalem errichten lassen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Bushs Entscheidung, die von Israel gewünschten Kreditgarantien von 10 Milliarden Dollar zur Eingliederung jüdischer Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion mit der Forderung nach einem Siedlungsstopp zu verknüpfen, war im Kongress und in jüdischen Kreisen der USA selbst heftig umstrit‐ ten. Sie trug im Sommer 1992 zum Machtwechsel vom konservativen Likud-Block zur Arbeiterpartei von Yitzhak Rabin bei, der sich in der Palästinenserfrage flexibler und kompromissbereiter zeigte. Der erfolgreiche Abschluss des Golfkriegs sah George Bush auf dem Höhepunkt seiner Popularität und verleitete den Präsidenten dazu, die Vision einer „neuen Weltordnung“ zu verkünden. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße, und sie hatte sowohl außenals auch innenpolitische Ursachen. Zunächst wurde offenkundig, dass die US-Regierung die Standfestigkeit Saddam Husseins unterschätzt hatte, der trotz der schweren Niederlage seiner Armeen fortfuhr, ethnische und religiöse Minderheiten zu tyrannisieren und den Abrüstungsauflagen des Weltsicherheitsrates zu trotzen. Nun rächte sich, dass Bush auf Wunsch der arabischen Verbündeten und aus Sorge vor einem Zerfall des Irak die Offensive abgebrochen hatte, bevor sie zum Sturz Saddam Husseins hatte führen können. Der Glorienschein des Sieges verblasste zusätzlich dadurch, dass die USA die Kriegskosten weitgehend auf die Verbündeten abwälzten, insbesondere auf Japan und Deutschland, die keinen nennenswerten militärischen Beitrag geleistet hatten. Obwohl man darin auch ein Element des burden sharing sehen konnte, wirkte dieses Vorgehen weithin wie das Eingeständnis finanzieller Schwäche und ließ Zweifel am künftigen amerikanischen Führungsvermögen aufkommen. Dann löste die Desintegration der Sowjetherrschaft eine neue Welle des Nationalismus und religiösen Fanatismus aus, die im Kaukasus und auf dem Balkan blutige Konflikte und Bürgerkriege entfesselte. Schließlich beteiligten sich die USA an einer humanitären Intervention der Vereinten Nationen in dem von Bandenkämpfen und Hungersnöten geplagten Somalia, die schlecht geplant war und ein klares Ziel vermissen ließ. Schien es während der Kuweit-Krise so, als hätten die Amerikaner die UN als wichtigen Ordnungsfaktor wiederentdeckt, so gewannen nun erneut die alten Ressentiments und das Verlangen nach uneingeschränkter Handlungsfreiheit die Oberhand. Der Kongress blieb immer weiter mit den Finanzbeiträgen zur UN im Rückstand und brachte die Weltorganisation ausgerechnet zu einer Zeit in Zahlungsschwierigkeiten, in der sie endlich von den Fesseln des Kalten Krieges befreit worden war. Für die Amerikaner fiel auf der einen Seite die sowjetische Bedrohung weg, aber auf der anderen Seite gestaltete sich die internationale Lage eher unübersichtlicher denn stabiler. Daraus resultierten ein generelles Unbehagen an der Außenpolitik und der Wunsch, zunächst einmal die Verhältnisse im eigenen Land in Ordnung zu bringen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Zweifel an Bushs innenpolitischer Kompetenz ließen die Autorität des Präsidenten, die im Frühjahr 1991 fast unangreifbar schien, 3 Die Ära Reagan-Bush und das Ende des Kalten Krieges 381 <?page no="382"?> überraschend schnell verfallen. Bereits 1990 hatte in den USA eine Rezession einge‐ setzt, die länger als gewohnt anhielt und deren Bekämpfung 1992 zum Hauptwahl‐ kampfthema avancierte. Die üblichen negativen Begleiterscheinungen einer Konjunk‐ turschwäche wurden noch durch den Zusammenbruch zahlreicher Bausparkassen in den Schatten gestellt, die sich im vorhergehenden Aufschwung mit Immobilienspeku‐ lationen übernommen hatten. Diese landesweite Krise der Savings and Loan Institutes kostete den Staat mehr als 200 Milliarden Dollar und verschlimmerte die ohnehin schon prekäre Haushaltslage. In der Situation sah sich Präsident Bush genötigt, einen Budgetkompromiss mit dem Kongress zu schließen, der Einsparungen, aber auch höhere Steuern und Abgaben vorsah. Mehr noch als der erfolglose Japan-Besuch Anfang 1992 untergrub dieser Bruch eines Wahlversprechens („Read my lips: No new taxes! “) die Popularität des Präsidenten, der im Wahljahr zunehmend matt und kon‐ zeptionslos wirkte. Entgegen den Erwartungen vieler Europäer, die den erfolgreichen Außenpolitiker Bush favorisierten, gaben die amerikanischen Wähler im November 1992 dem jugendlichen Gouverneur von Arkansas, William Jefferson („Bill“) Clinton den Vorzug, der ein offenes Ohr für ihre wirtschaftlichen Sorgen hatte, sich im Stile John F. Kennedys als Hoffnungsträger der jungen Generation darbot und eine liberale Erneuerung von Staat und Gesellschaft in Aussicht stellte. Die Demokraten konnten ihre Position bundesweit verbessern und erzielten Einbrüche in die republikanischen Hochburgen des Südens und Westens. Bei einer gegenüber 1988 um knapp 4 Prozent auf 54 Prozent gestiegenen Wahlbeteiligung zogen ungewöhnlich viele Frauen in den Kongress ein - 47 ins Repräsentantenhaus und 8 in den Senat, darunter die erste afroamerikanische Senatorin, Carol Mosely Braun aus Illinois. Allerdings ließen die - nie zuvor erreichten - 19 Prozent der abgegebenen Stimmen, die auf einen unabhängigen Kandidaten, den texanischen Unternehmer und Milliardär H. Ross Pe‐ rot, entfielen, die verbreitete Unzufriedenheit mit beiden großen Parteien und dem politischen „Establishment“ insgesamt erkennen. Drei Jahre nach dem Fall der Mauer, den der ehemalige amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan einen „turning point of the most momentous historical significance“ genannt hatte, vollzogen seine Landsleute eine Wende nach innen, die den Rest der Welt teils verständnisvoll abwartend, teils irritiert zurückließ. Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 382 <?page no="383"?> Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 1 Im Kampf gegen die konservative Revolution: Die erste Clinton-Administration Mit der Eroberung der Präsidentschaft stellte Bill Clinton unter Beweis, dass Reichtum und Herkunft aus der Oberschicht in den USA nicht notwendig zu den Vorausset‐ zungen für eine glänzende politische Karriere gehören. Nachdem er den leiblichen Vater schon vor der Geburt im August 1946 durch einen Unfall verloren hatte, wuchs er in Arkansas bei seiner Mutter und dem Stiefvater Roger Clinton auf, einem Autohändler, dessen Namen er im Alter von 15 Jahren annahm. Eine Begegnung mit John F. Kennedy, dem er im Juli 1963 im Weißen Haus als Delegierter einer nationalen Jugendorganisation die Hand schütteln durfte, weckte den Wunsch in ihm, Politiker zu werden. Mit Stipendien und Teilzeitjobs finanzierte er seine Studien an der Georgetown University in Washington, in Oxford (auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges 1968- 1970) und an der Yale Law School. Im Alter von 30 Jahren hatte es der intelligente und ehrgeizige Bill Clinton schon zum Justizminister von Arkansas gebracht, und 1978 wurde er zweiunddreißigjährig zum jüngsten Gouverneur in der Geschichte der USA gewählt. Seine reformerische, auf die Verbesserung des Bildungssystems und die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgerichtete Politik verhalf dem Staat Arkansas, der in der nationalen Einkommensstatistik traditionell auf einem der letzten Plätze rangiert, zu beachtlichen Fortschritten und empfahl Clinton selbst für den Vorsitz der nationalen Gouverneurskonferenz. Diesen Posten hatte er zu einer Zeit inne, als die Einzelstaaten mit innovativem Geist und verstärkten Aktivitäten auf die Herausforderungen des „neuen Föderalismus“ reagierten. Clintons schwungvoller Wahlkampf, der ihn zusam‐ men mit seinem als Umweltexperten bekannten Vizepräsidentschaftskandidaten Al Gore und einer Schar von Helfern und Presseleuten auf Busreisen kreuz und quer durch das ganze Land führte, hob sich deutlich von der ideenlosen Routine der Republikaner ab. Die Wahl markierte einen Generationswechsel, denn mit Clinton und Gore setzte sich das baby boom ticket gegen den Weltkriegsveteranen George Bush durch. Der Elan der Wahlkampfzeit ließ sich aber nicht ohne weiteres ins Weiße Haus übertragen, und die ersten Jahre der Clinton-Administration riefen viele Erinnerungen an Jimmy Carters Schicksal wach. Ebenso wenig wie sein letzter demokratischer Vorgänger im Amt vermochte Clinton das Verlangen der Amerikaner nach zielstrebiger und verlässlicher presidential leadership zu erfüllen, und ähnlich wie Carter wurde er in Washington das Image des unerfahrenen, detailbesessenen Außenseiters nicht los. Vergleichbar war auch der „Drang zur Mitte“, der Clinton bewog, von vielen traditionell-liberalen Grundsätzen der Demokratischen Partei Abschied zu nehmen und Anerkennung als effizienter und pragmatischer New Democrat zu suchen. Damit zeichnete sich aber schon früh ab, dass es Clinton nicht gelingen würde, was ein großer <?page no="384"?> Teil seiner Wähler gehofft hatte, den neokonservativen Trend der Ära Reagan-Bush zu beenden. Wider Willen gab er diesen Strömungen und der Anti-Washington-Stim‐ mungslage durch allerhand Ungeschicklichkeiten, personelle Fehlbesetzungen und wankelmütiges Verhalten sogar noch Auftrieb. Zu allem Überfluss litt die moralische Autorität des Präsidenten unter Korruptionsvorwürfen, die aus dem dubiosen „Whi‐ tewater“-Immobiliengeschäft herrührten, das Clinton Jahre vor der Wahl zusammen mit seiner Frau Hillary und Freunden in Arkansas getätigt hatte. Im Unterschied zu allen bisherigen First Ladies geriet auch Hillary Rodham Clinton ins Fadenkreuz der Opposition, weil sie als erfolgreiche Anwältin eine politische Rolle spielen wollte und weil ihr selbstbewusst-emanzipatorisches Auftreten den konservativen Kritikern ein besonderer Dorn im Auge war. Ganz im Einklang mit seinen Wahlkampfaussagen legte Clinton den Schwerpunkt der Regierungsaktivität auf die Innenpolitik, fand aber nicht einmal in der eigenen Partei genügend Unterstützung, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Das Kernstück seines Programms, die grundlegende Reform des Gesundheitswesens durch Einfüh‐ rung einer allgemeinen Krankenversicherung nach europäischem Vorbild, wurde in den ersten beiden Jahren zwischen den Kongressfraktionen und zwischen den Interessengruppen der Ärzte, der Pharmaindustrie, der Versicherungsgesellschaften, der Verbraucher, der Senioren und manch anderer Lobbies vollkommen zerrieben. Ebenso auf der Strecke blieb die geplante Steuer auf den Energieverbrauch, die der Verschwendung entgegenwirken und dem Umweltschutz zugutekommen sollte. Der Ölverbrauch, der 1982 mit ca. 15 Millionen Barrel pro Tag einen Tiefpunkt erreicht hatte, lag 1995 wieder über 18 Millionen Barrel, und der Anteil der Importe war im selben Zeitraum von 28 auf 46,3 Prozent gestiegen. Damit lag der Anteil der USA am gesamten Welt-Energiekonsum bei ca. 25 Prozent. Ein Gesetz zur Verbrechensbe‐ kämpfung unterband zwar den Handel mit bestimmten Typen halbautomatischer Schusswaffen, trug aber in erster Linie dem konservativen Begehren nach mehr Polizisten und mehr Gefängnissen Rechnung. In der Außenwirtschaftspolitik schlug der Präsident einen Kurs ein, der eher den Vorstellungen der Republikaner als den Erwartungen seiner Wähler entsprach. So befürwortete er die Ratifizierung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (North American Free Trade Agreement, NAFTA) mit Kanada und Mexiko, das die Bush-Administration ausgehandelt hatte, und brachte bis Ende 1993 die Uru‐ guay-Runde des GATT zum Abschluss, bei der es um weitere Zollsenkungen und Handelserleichterungen ging. NAFTA trat Anfang 1994 in Kraft, und das GATT wurde 1995 durch die neue Welthandelsorganisation WTO abgelöst. In beiden Fällen musste Clinton protektionistische Widerstände im eigenen politischen Lager und seitens der Gewerkschaften überwinden, die um Arbeitsplätze in den USA fürchteten. Der regionalen Wirtschaftskooperation und der Öffnung von Märkten diente die Gipfelkonferenz der asiatisch-pazifischen Nationen (APEC) in Seattle im November 1993, die regelmäßige Kontakte vereinbarte. Dagegen erhob sich kaum Widerspruch, Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 384 <?page no="385"?> aber vielen Amerikanern ging der Druck auf Japan, seinen Überschuss im Handel mit den USA zu verringern, nicht weit genug. Abb. 22: Präsident Clinton mit Saxophon; in der Mitte der russische Staatspräsident Jelzin Auf dem Feld der Außen- und Sicherheitspolitik hatte es zunächst den Anschein, als habe das Ende des Kalten Krieges die Amerikaner, die jahrzehntelang an das „Gleichgewicht des Schreckens“ gewöhnt gewesen waren, eher verunsichert als mit neuem Selbstbewusstsein gewappnet. In der Öffentlichkeit wurde ausgiebig über die „Friedensdividende“ spekuliert, die man sich von der Abrüstung und der Reduzierung amerikanischer Truppen in Übersee erhoffte. Bald stellten die Amerikaner jedoch fest, dass der militärisch-industrielle Komplex mit Rücksicht auf Konjunktur und Arbeitsplätze nicht wirklich abgebaut werden konnte und dass neue kostspielige internationale Verpflichtungen auf die USA zukamen. In dieser Situation wirkte das unrühmliche Ende der von Bush begonnenen Somalia-Mission im Jahr 1993 geradezu lähmend und erschütterte das ohnehin begrenzte Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen nachhaltig. Aber auch die relativ reibungslos verlaufende unilaterale Militäraktion, mit der die USA im September 1994 den von Putschisten gestürzten Präsidenten Haitis, Jean-Bertrand Aristide, wieder in sein Amt einsetzten, löste in der Bevölkerung mehr Widerspruch als Zustimmung aus. Ein militärisches Engagement im bosnischen Bürgerkrieg, dessen Grausamkeit die großen Fernsehan‐ stalten den Amerikanern täglich vor Augen führten, schien unter diesen Umständen praktisch ausgeschlossen. Die Clinton-Administration überließ deshalb das Bosnien-Problem den europä‐ ischen Bündnispartnern und der UN, und Außenminister Warren Christopher kon‐ zentrierte seine diplomatischen Anstrengungen auf die Lösung des Nahostkonflikts, 1 Im Kampf gegen die konservative Revolution: Die erste Clinton-Administration 385 <?page no="386"?> die seit dem Golfkrieg in greifbare Nähe gerückt war. Das Abkommen zwischen der PLO und Israel, das durch norwegische Vermittlung zustande kam und im September 1993 in Washington unterzeichnet wurde, markierte einen Meilenstein auf dem Weg zu einem umfassenden Frieden im Nahen Osten. In Russland stärkten die USA weiterhin Präsident Jelzin den Rücken, obwohl seine Haltung beim zweiten Putschversuch in Moskau im Herbst 1993 und sein Vorgehen im Tschetschenien-Konflikt öffentliche Kritik hervorriefen. Es überwog aber die Hoffnung, Jelzin werde das Land auf Re‐ formkurs halten und einen Rückfall in Kommunismus oder extremen Nationalismus verhindern können. Im Rahmen der NATO boten die USA Russland Anfang 1994 eine „Partnerschaft für den Frieden“ an, mit der ein Klima des Vertrauens geschaffen und die Ausdehnung der Allianz nach Osten erlaubt werden sollte. Parallel dazu unternahm Washington Anstrengungen, um eine Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhin‐ dern: durch bilaterale Abmachungen mit den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und mit Nordkorea, durch die Isolierung von Staaten wie Iran, Irak und Libyen. Bei den Zwischenwahlen vom November 1994 interessierten außenpolitische The‐ men jedoch weit weniger als das konfuse Bild, das die Administration nach innen bot. Abgesehen von der Konjunkturerholung, die für Wachstumsraten zwischen 2 und 3 Prozent sorgte und eine Reduzierung des Haushaltsdefizits ermöglichte, standen die Anhänger Clintons mit leeren Händen da. Mangelnde Führungsstärke, innerparteiliche Querelen und allgemeine Politikverdrossenheit mündeten in eine schwere Abfuhr für die Demokraten, die sich erstmals seit 1953 wieder republikanischen Mehrhei‐ ten im Repräsentantenhaus und im Senat gegenübersahen. Außerdem büßten die Demokraten mehrere Gouverneursposten und die Mehrheit in 17 Staatenparlamenten ein. Damit ging die innenpolitische Initiative vollends an die Republikaner verloren, die sich durch den „Sieg im Kalten Krieg“ ideologisch bestätigt fühlten und unter dem Banner ihres radikal-konservativen, populistischen Parteiprogramms Contract With America zum Sturm auf die letzten Bastionen des Sozialstaates antraten. Der Contract, den Hunderte von Kandidaten der Republikanischen Partei auf Bundes- und Einzelstaatsebene unterzeichnet hatten, rief zur „nationalen Erneuerung“ auf und versprach, das Vertrauen zwischen Abgeordneten und Wählern wiederherzustel‐ len. Das Dokument listete 18 spezifische Reformmaßnahmen und -gesetze auf, mit denen die Republikaner im Kongress den Prinzipien der individuellen Freiheit und persönlichen Verantwortlichkeit, der begrenzten Regierungsmacht und der nationalen wie persönlichen Sicherheit wieder Geltung verschaffen wollten. Clintons Schwäche rücksichtslos ausnutzend, schwang sich der neue Speaker of the House, Newt Gingrich, zu einer Art Gegenpräsident auf und trieb den Kongress zur Vollendung der von Reagan begonnenen „Revolution“ an. Besonders starken Rückhalt fand er bei den 74 neu ins Repräsentantenhaus gewählten republikanischen Abgeordneten (freshmen), die entschlossen waren, keine Kompromisse mit dem politischen Gegner einzugehen. In der zweiten Hälfte seiner Amtszeit wandte sich Clinton, der als innenpolitischer Reformer angetreten war, notgedrungen ganz überwiegend der Außenpolitik zu, wo‐ durch er paradoxerweise an Statur gewann und seine Wiederwahlaussichten verbes‐ Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 386 <?page no="387"?> serte. Allerdings entsprach diese Wende durchaus der Logik des amerikanischen Ver‐ fassungssystems, das der Exekutive in den auswärtigen Angelegenheiten weitgehende Entscheidungsbefugnisse und die größten Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Auf außen‐ politischem Gebiet kann der Präsident Entschlossenheit und Stärke demonstrieren, um Kapital für die Auseinandersetzungen mit dem Kongress im Innern zu sammeln. Diese Lehre beherzigte Clinton nun im Hinblick auf den Krieg in Bosnien, der im Juli 1995 mit der Eroberung der UN-Schutzzonen von Srebrenica und Zepa durch die Serben und den darauffolgenden Massakern an der moslemischen Bevölkerung einen brutalen Höhepunkt erreichte. Auf Wunsch der europäischen Bündnispartner, insbesondere Frankreichs, die der ständigen Demütigungen ihrer Blauhelmsoldaten überdrüssig geworden waren, beteiligten sich die USA ab Ende August an NATO-Luftangriffen, die den serbischen Belagerungsring um Sarajewo sprengten. Anschließend gelang es einer amerikanischen Verhandlungsdelegation unter dem State Department-Mitar‐ beiter Richard Holbrooke, in zähen Verhandlungen mit den Kriegsparteien und der Regierung in Belgrad einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Erleichtert reagierte die Welt dann am 21. November 1995 auf die Nachricht vom Friedensschluss zwischen Serben, Kroaten und Moslems in Dayton, Ohio, der Mitte Dezember in Paris formell unterzeichnet wurde. Der Kongress, der die Bosnien-Aktivitäten der Administration lange Zeit äußerst skeptisch verfolgt hatte, konnte sich nun nicht mehr dem Verlangen des Präsidenten verschließen, 20.000 US-Soldaten für die Operation Joint Endeavor der NATO bereitzustellen. Auf diese Weise hatte Clinton nicht nur den entscheidenden Beitrag zur Beendigung der Kriegsgräuel geleistet, sondern darüber hinaus der NATO ein neues Betätigungsfeld eröffnet und den Europäern die Unerlässlichkeit amerika‐ nischer Führung vor Augen geführt. Eine ähnlich dominierende Rolle spielten die USA auch bei den Verhandlungen über eine unbefristete Erneuerung des Atomsperr‐ vertrags, die im Mai 1995 erfolgreich abgeschlossen wurden. Als sich Clinton auch noch vermittelnd in den Nordirland-Konflikt einschaltete, wurde er von der Presse bereits zum „Friedenspräsidenten“ stilisiert. Die diplomatische Anerkennung Vietnams weckte schließlich Hoffnungen auf eine Aussöhnung mit dem einstigen Kriegsgegner. Mit diesen außenpolitischen Erfolgen im Rücken, bot Clinton dem Ansturm der Republikaner im 104. Kongress der Vereinigten Staaten besser Paroli, als man es Anfang 1995 vermutet hatte. Die republikanische Agenda enthielt in komprimierter Form alle wesentlichen Forderungen, die seit den 1970er Jahren von konservativer Seite vorgebracht worden waren: Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen in nahezu allen Bereichen, ausgenommen die Landesverteidigung; Festschreibung eines ausgegliche‐ nen Bundeshaushalts in der Verfassung; Rückverlagerung vieler Befugnisse, insbeson‐ dere im Sozialbereich, von der Bundesregierung zu den Einzelstaaten; grundlegende Umgestaltung des Wohlfahrtssystems; Abbau der bundesstaatlichen Bürokratie und weitere Deregulierung der Wirtschaft; Lockerung von Umweltauflagen; Drosselung der Einwanderung und Bekämpfung der Kriminalität; Stärkung der traditionellen amerikanischen Werte im Allgemeinen und der Familie im Besonderen. Nach einigen Anfangserfolgen brach sich die „republikanische Revolution“ jedoch am ideologischen 1 Im Kampf gegen die konservative Revolution: Die erste Clinton-Administration 387 <?page no="388"?> Übereifer ihrer Verfechter, am unerwartet hartnäckigen Widerstand der Demokraten im Kongress und an der Fehleinschätzung der öffentlichen Meinung. Die Republikaner interpretierten den Wahlsieg vom November 1994 als Mandat für eine grundsätzliche politische Wende, ohne zu bedenken, dass weniger als 40 Prozent der wahlberechtigten Bürger ihre Stimme abgegeben hatten. Wie vor ihnen die Demokraten, mussten sie die Erfahrung machen, dass einfache Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses nicht ausreichen, um ein Wahlprogramm kompromisslos und ohne Abstriche durchzusetzen. In der Öffentlichkeit mobilisierte ihre harsche Rhetorik Gegenkräfte, zumal anlässlich des verheerenden Bombenanschlags in Oklahoma City im April 1995 der Eindruck ent‐ stand, die republikanische Revolution ermuntere den Rechtsextremismus in den USA. Hinzu kam, dass sich die Forderungen nach Kostenbegrenzung im Gesundheitswesen, speziell die angekündigten Einschnitte beim Medicare-Programm, als ausgesprochen unpopulär erwiesen. Das Scheitern der Republikaner zeichnete sich bereits ab, als wichtige Verfassungs‐ zusätze, die einen ausgeglichenen Bundeshaushalt festschreiben, die Wiederwahlmög‐ lichkeiten von Abgeordneten und Senatoren einschränken und das Verbrennen der amerikanischen Fahne unter Strafe stellen sollten, im Kongress nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit fanden. Die Patt-Situation wurde offensichtlich, als Clinton die von den Republikanern eingebrachten Haushaltsgesetze mit seinem Veto stoppte: Wie‐ derum fehlten die nötigen Stimmen an der Zweidrittelmehrheit in Repräsentantenhaus und Senat, um den Einspruch des Präsidenten zurückzuweisen. Die Republikaner spielten daraufhin den letzten Trumpf der Legislative aus, indem sie sich weigerten, den Zeitraum bis zur Verabschiedung eines Haushalts durch temporäre Finanzbewil‐ ligungen zu überbrücken. Da Clinton hart blieb, resultierte diese Taktik um die Jahreswende 1995 / 96 zweimal hintereinander in Teilschließungen des Washingtoner Regierungsapparats. In der Bevölkerung kostete diese dramatische Konfrontation von Legislative und Exekutive jedoch vor allem die Republikaner Sympathien, zumal der Präsident mit einem eigenen Plan, den Bundeshaushalt innerhalb von sieben Jahren auszugleichen, Kompromissbereitschaft zu beweisen schien. Auf diese Weise gingen die Amerikaner ohne Haushalt und mit einer gehörigen Portion Politikverdrossenheit in den Präsidentschaftswahlkampf von 1996. Die Alter‐ nativen waren erkennbar, bewegten sich aber im Spektrum des konservativen Konsens: auf der einen Seite der moderate Konservatismus der Clinton-Demokraten, die sich nun selbst zum Haushaltsausgleich (balanced budget) bekannten und dem big government abschworen, die aber die wesentlichen Errungenschaften des Sozialstaates bewahren wollten; auf der anderen Seite die von Robert („Bob“) Dole, einem 72-jährigen Senator aus Kansas angeführten Republikaner, die sich in ihrer großen Mehrheit weiterhin dem Contract With America verpflichtet fühlten. Für sie stellte der ausgeglichene Haushalt in erster Linie ein Mittel zur Kürzung oder Beseitigung von bundesstaatlichen Ausgabeprogrammen dar, und sie verbanden den Kampf gegen die herkömmliche soziale Fürsorge mit der Vision einer weitgehend staatsfreien, auf alte amerikanische Tugenden gegründeten Leistungsgesellschaft. In wirtschaftlicher Hinsicht traten aller‐ Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 388 <?page no="389"?> dings erhebliche Spannungen zwischen den traditionell freihändlerisch gesonnenen Anhängern der Republikanischen Partei und einem eher protektionistisch und unter‐ nehmerfeindlich eingestellten Flügel zu Tage. Diese Spannungen wurden noch durch den Außenseiter Ross Perot verschärft, der 1992 den Republikanern mehr Stimmen abnahm als den Demokraten und der 1996 mit seiner Reform Party erneut zur Wahl antrat. Der Wahlkampf zeigte, dass kontrovers diskutierte Themen wie die Sozialfürsorge oder das Abtreibungsrecht nicht an Parteizugehörigkeiten gebunden sind. Angesichts explodierender Kosten im Sozial- und Gesundheitswesen, die das künftige Renten‐ system vor große Herausforderungen stellen werden, näherten sich die Positionen Clintons und seines Herausforderers Bob Dole weitgehend an. Die Unterzeichnung eines Sozialhilfegesetzes durch den Präsidenten im August 1996, das in vielen Punkten die Forderungen der Republikaner erfüllt, deutete darauf hin, dass sich der konservative Trend wohl kaum umkehren, sondern höchstens mäßigen und verlangsamen würde. 2 Prosperität, Skandale und Impeachment: Die zweite Clinton-Administration Als Wahlkämpfer erwies sich Bill Clinton seinem Herausforderer Bob Dole, dessen Kampagne durch zahlreiche Pannen und widersprüchliche Aussagen zur Steuerfrage gestört wurde, eindeutig überlegen. Der Präsident reklamierte den wirtschaftlichen Aufschwung und die sinkende Arbeitslosigkeit für sich und warf den Republikanern soziale Kälte und Verständnislosigkeit gegenüber den Nöten der Durchschnittsameri‐ kaner vor. In den Novemberwahlen 1996 errang er einen ungefährdeten Sieg, der allerdings bei den Wahlmännerstimmen mit 379 zu 159 weit klarer ausfiel als bei der Gesamtstimmenzahl, wo er (bei einer Wahlbeteiligung von 49 Prozent) über einen Anteil von 49,2 Prozent nicht hinauskam. Am meisten Unterstützung erhielt Clinton von den ethnischen Minderheiten und den Frauen, sowie regional im Nordosten und an der Westküste. Die Republikanische Partei schnitt in den Staaten des Südens und Mittleren Westens gut ab und verteidigte ihre Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses. Ross Perot vereinigte fast 8 Millionen Stimmen (= 8,4 Prozent) auf sich, konnte aber auf Grund des Mehrheitswahlrechts keine einzige Wahlmännerstimme gewinnen. Das Ergebnis deutete darauf hin, dass sich die amerikanische Bevölkerung zwar der Notwendigkeit von Reformen und Sparmaßnahmen bewusst war, dass die Mehrheit aber radikale Veränderungen ablehnte. Angesichts der Komplexität und zu‐ nehmenden Geschwindigkeit des wirtschaftlichen und sozialen Wandels orientierten sich die Amerikaner wieder stärker zur Mitte des politischen Spektrums hin. Viele Wähler nahmen dabei offenbar bewusst die Fortsetzung des divided government, den Gegensatz von Demokratischer Exekutive und Republikanischer Legislative in Kauf, der Regierung und Parteien zum Kompromiss zwingt, wenn sie etwas bewegen wollen. 2 Prosperität, Skandale und Impeachment: Die zweite Clinton-Administration 389 <?page no="390"?> In seiner zweiten Antrittsrede vom Januar 1997 verband Clinton den Stolz auf die his‐ torische Leistung der USA, das freiheitlich-demokratische Staatsmodell im 20. Jahrhun‐ dert gegen alle autoritären und totalitären Herausforderungen erfolgreich verteidigt zu haben, mit dem Versprechen, der amerikanischen Nation durch die Reduzierung von rassischen und sozialen Spannungen eine „Brücke ins 21. Jahrhundert“ zu bauen. Der patriotische Ton der Botschaft passte zu dem Klima wachsenden Nationalstolzes, wie es sich auch in der Errichtung neuer Monumente für Präsident Franklin D. Roosevelt und für die Teilnehmer am Koreakrieg in der Hauptstadt Washington bemerkbar machte. Innenpolitisch gingen Regierung und Kongress recht behutsam zu Werke, indem sie versuchten, durch Ausgabenkürzungen, Steuersenkungen für die Mittel- und Oberschichten sowie durch Modifizierungen des Wohlfahrtssystems und steuerliche Anreize für Geringverdienende (Earned Income Tax Credit) die wirtschaftliche Dyna‐ mik zu erhalten und die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger weiter zu reduzieren. Zur Überraschung selbst vieler Fachleute erzielte die US-Wirtschaft sowohl 1997 als auch 1998, offenbar unbeeindruckt von den Finanzkrisen in Asien, Russland und Lateinamerika, ein Wachstum von jeweils 4 Prozent, im letzten Quartal 1998 sogar von 5,6 Prozent. Dadurch wurden wiederum Hunderttausende neuer Arbeitsplätze geschaffen, und die Arbeitslosenrate sank auf unter 5 Prozent, was gemessen an den Zuständen in Europa schon fast als Vollbeschäftigung gelten kann. Der flexible Arbeitsmarkt und die vergleichsweise niedrigen Steuern und Sozialabgaben eröffneten auch geringer qualifizierten Arbeitnehmern Job-Chancen. Unter diesen günstigen Umständen schienen sogar die Rassen- und Minderheitenprobleme in den Großstädten an Brisanz zu verlieren. In einigen Branchen machte sich bereits ein Mangel an Arbeitskräften bemerkbar, so dass der Druck auf den Kongress zunahm, die strengen Einwanderungsbestimmungen wieder zu lockern. Der anhaltende Boom auf dem Aktienmarkt war selbst dem Notenbankchef Alan Greenspan nicht ganz geheuer und veranlasste ihn zu einer Warnung vor „irrationalem Überschwang“. Die steigenden Aktienpreise kamen aber nicht nur den Wohlhabenden zugute, sondern brachten auch vielen Durchschnittsbürgern zusätzliches Geld in die Haushaltskasse und trugen damit zu einem günstigen Konsumklima bei. Trotz des kräftigen Wirtschaftswachstums blieben die Inflationsrate gering und die Zinsen niedrig. Vor diesem Hintergrund gelang es der Clinton-Administration drei Jahre früher als vorgesehen, das Defizit im Bundeshaushalt vollständig zu eliminieren und für das Haushaltsjahr 1998 / 99 erstmals seit langer Zeit wieder einen Überschuss zu erwirtschaften. Dazu trug auch bei, dass der Kongress dem Präsidenten 1996 endlich das so genannte „line item veto“ zugestanden hatte, mit dessen Hilfe er einzelne Gesetzesbestimmungen, die ihm zu kostspielig oder unnötig erscheinen, ablehnen kann, ohne das gesamte Gesetzesvorhaben gefähr‐ den zu müssen. Die Sparmaßnahmen steigerten das Vertrauen der Investoren und ermöglichten eine Herabsetzung der Zinsen, und die sinkende Inflationsrate wiederum spornte das Wachstum des privaten Sektors an. Ein ökonomischer Schönheitsfehler blieb das Handelsdefizit der USA, das 1998 die Rekordhöhe von fast 170 Milliarden Dollar erreicht hatte. Die amerikanischen Verbraucher, die von billigen Einfuhren Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 390 <?page no="391"?> profitierten, störte das aber wenig, und die Experten rechtfertigten die negative Bilanz mit der Verpflichtung der USA, als wirtschaftliche Lokomotive andere Regionen der Welt durch Importe aus der Rezession zu ziehen. Angesichts der geschilderten Zustände wäre zu erwarten gewesen, dass sich Prä‐ sident Clinton ungehindert von inneren Schwierigkeiten energisch um die Lösung weltwirtschaftlicher und außenpolitischer Probleme kümmern würde. Das hatte er gewiss beabsichtigt, doch der Lewinsky-Skandal machte ihm einen Strich durch die Rechnung und brachte ihn an den Rand der Amtsenthebung. Ausgangspunkt war eine Privatklage wegen sexueller Belästigung, die Paula Jones, eine ehemalige Regierungs‐ angestellte von Arkansas, 1994 gegen Clinton eingereicht hatte und die sich auf einen angeblichen Vorfall während Clintons Amtszeit als Gouverneur von Arkansas bezog. Ebenfalls bereits 1994 hatte ein Bundesberufungsgericht den ehemaligen Bundesrichter und Justizbeamten in den Reagan- und Bush-Administrationen, Kenneth Starr, als Sonderermittler (Independent Counsel) zur Klärung von Vorwürfen eingesetzt, die im Zusammenhang mit dem bereits 1978 getätigten Whitewater-Immobiliengeschäft gegen Bill und Hillary Clinton laut geworden waren. In der Folge dehnte der ehrgeizige Starr seine Untersuchungen auf tatsächliche oder vermutete Unregelmäßigkeiten der Clinton-Administration aus und nahm auch das Privatleben des Präsidenten unter die Lupe. In diesem Zusammenhang gelangte er im Januar 1998 in den Besitz von insgeheim auf Tonband aufgezeichneten Gesprächen, aus denen hervorging, dass Präsident Clinton zwischen November 1995 und März 1997 im Weißen Haus mehrfach sexuellen Kontakt mit der Praktikantin Monica Lewinsky hatte. Ebenfalls im Januar 1998 gaben sowohl Lewinsky, die inzwischen mit Hilfe des Präsidenten-Vertrauten Vernon Jordan einen Job in New York gefunden hatte, als auch Clinton selbst im Paula-Jones-Prozess eidesstattliche Erklärungen ab, in denen sie eine Beziehung zueinander bestritten. Danach wies Clinton in einer Fernsehansprache an die Nation die inzwischen kursierenden Gerüchte ebenfalls weit von sich. Als Starr jedoch Ende Januar 1998 das Verfahren vor einer Bundesanklagekammer (Grand Jury) eröffnete, geriet Clinton unter wachsenden Druck, und die Fragen nach Monica Lewinsky verfolgten ihn sogar auf seinen Auslandsreisen. Der Versuch des Präsidenten, sich selbst und seinen Mitarbeitern weitere gerichtliche Vernehmungen durch Berufung auf das executive privilege zu ersparen, wurde vom Supreme Court im Mai 1998 zurückgewiesen. Obwohl eine Richterin in Arkansas einen Monat zuvor die Klage von Paula Jones verworfen hatte, ließ Starr nicht locker, sondern bewog Lewinsky Ende Juli durch die Gewährung umfassender Straffreiheit zur Zeugenaussage vor der Grand Jury. Nachdem Lewinsky am 6. August unter Eid sexuelle Kontakte zu Clinton eingestanden hatte, musste auch der Präsident elf Tage später in einer Video-Aussage für die Grand Jury und anschließend vor der Öffentlichkeit eine „unangemessene und unschickliche“ Beziehung zu der Praktikantin zugeben. Unbeeindruckt von Clintons wiederholten Entschuldigungen für sein Fehlverhalten stellte Starr bis September den Abschlussbericht für das Repräsentantenhaus fertig, der sich ganz auf die Le‐ winsky-Affäre konzentrierte und schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten erhob. Die 2 Prosperität, Skandale und Impeachment: Die zweite Clinton-Administration 391 <?page no="392"?> Abgeordneten machten den Starr-Report umgehend der Öffentlichkeit zugänglich, und der Justizausschuss des Repräsentantenhauses ging kurz darauf noch einen Schritt weiter, indem er das vertrauliche Clinton-Video für die Medien freigab. Von nun an boten die Amerikaner der erstaunten Weltöffentlichkeit über fünf Monate hinweg das Schauspiel einer Nation, die sich geradezu masochistisch fast nur noch mit sich selbst beschäftigt. In der Bereitschaft der Politiker und Journalisten, sofort sämtliche Einzelheiten der Affäre publik zu machen und auszuschlachten, offenbarte sich eine bedenkliche Seite der amerikanischen politischen Kultur im Medienzeitalter. Ungeachtet vieler warnender Stimmen aus dem In- und Ausland und unbeirrt von den für Clinton günstigen Meinungsumfragen steuerten die Republikaner auf ein Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) gemäß Artikel II, Absatz vier der Verfassung hin, wie es bislang nur ein einziges Mal in der amerikanischen Geschichte, 1868 (erfolglos) gegen Präsident Andrew Johnson stattgefunden hatte. Die Gründe waren vielfältiger Art: ehrliche Sorge um die Würde des Präsidentenamtes und die Integrität des Verfassungs- und Rechtssystems der USA; moralische Entrüstung über einen Amtsinhaber, der ein uneingeschränktes Schuldbekenntnis vermied und stattdessen Zuflucht zu juristischen Spitzfindigkeiten nahm; sowie Enttäuschung darüber, dass der Präsident seiner Vorbildfunktion für die Bevölkerung nicht gerecht wurde. Die meisten Verfassungsrechtler waren sich einig, dass Clintons Verfehlungen nicht als high crimes and misdemeanors im Sinne des Impeachment-Paragraphen gelten konnten. Aber weder ihre Expertise noch der Ausgang der Zwischenwahlen im November 1998, bei der die Republikanische Partei entgegen allen Vorhersagen fünf Sitze im Repräsentantenhaus verlor, bewirkten ein Umdenken oder Einlenken. Zu verlockend erschien vielen Republikanern der Gedanke, politischen Gewinn aus dem Amtsenthebungsverfahren zu schlagen. Auf diese Weise rückte die Lewinsky-Affäre unversehens ins Zentrum des Kulturkampfes, den die christlich-konservative Rechte seit längerem gegen den Liberalismus der 68er-Generation führte, den sie für den sittlichen Niedergang der USA verantwortlich machte. Im Prozess gegen Clinton, der vom 7. Januar bis zum 12. Februar 1999 unter dem Vorsitz des Obersten Richters William Rehnquist vor dem Senat stattfand, wurde der Anklagepunkt des Meineids mit 55: 45 Stimmen zurückgewiesen, während sich im Punkt Justizbehinderung ein 50: 50-Gleichstand ergab. In beiden Fällen schlossen sich einige republikanische Senatoren ihren demokratischen Kollegen an, die ohne Ausnahme für Clinton votierten. Da zu einer Verurteilung 67 Stimmen erforderlich gewesen wären, war das Impeachment kläglich gescheitert. Es kam auch nicht mehr zu einer formellen Rüge des Präsidenten durch den Senat oder den gesamten Kongress, die wohl nur als parteienübergreifende Alternative zum Amtsenthebungsverfahren eine Chance gehabt hätte. Am Ende stand die Republikanische Partei als Verlierer da, weil sie sich immer weiter vom Denken und Fühlen der Bevölkerungsmehrheit entfernt hatte, die erstaunlich gelassen auf die Debatte über Clintons private und öffentliche Moral reagierte. Kenneth Starr hatte die Institution des Independent Counsel mit fragwürdigen Ermittlungsprakti‐ Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 392 <?page no="393"?> ken, die 40 Millionen Dollar verschlangen, ad absurdum geführt. Bill Clinton profitierte vom Beistand eines hochkarätigen Anwaltsteams, aber er überlebte das Impeachment vor allem wegen des blinden Eifers seiner radikalen Gegner und wegen der günstigen wirtschaftlichen Lage, die ihm Zustimmungsraten von über 60 Prozent bescherte. Meinungsumfragen zeigten, dass 37 Prozent aller Amerikaner die Lewinsky-Affäre für eine Angelegenheit von rein privater Natur hielten. Lediglich die Mehrheit der evangelikalen Protestanten (62 Prozent) betonte, dass das Privatleben des Präsidenten öffentliche Bedeutung trage. Insbesondere die Afroamerikaner standen zu Clinton, den sie von allen führenden weißen Politikern am ehesten als Anwalt ihrer Interessen betrachteten. Unterstützung erhielt Clinton auch von der Frauenbewegung, deren Repräsentantinnen das Eintreten des Präsidenten für ihre Belange zu schätzen wussten. Mit ausschlaggebend war sicher auch die Haltung der First Lady Hillary Rodham Clinton, die ihrem Ehemann demonstrativ den Rücken stärkte und damit Absetzbe‐ wegungen im Lager der Demokraten verhinderte. Ganz anders als während der Watergate-Affäre kam es im Fall Lewinsky zu keinem einzigen Rücktritt im Umkreis des Präsidenten, obgleich der Druck der Medien zeitweise sehr stark war. Das spricht dafür, dass es sich bei der Lewinsky-Affäre, wie der amerikanische Historiker Alan Brinckley meint, eher um eine Parodie als um eine Wiederholung von Watergate handelte. Tatsächlich erwuchs aus den Fehltritten und Lügen Clintons weder eine erns‐ thafte Beeinträchtigung seiner Regierungsfähigkeit, noch beschworen sie eine echte Gefahr für das Verfassungssystem der USA herauf. Deshalb sind sie mit den illegalen Aktivitäten, die zu Nixons Rücktritt führten, nur schwer zu vergleichen. Von einem Sieg Clintons kann aber keine Rede sein, weil selbst viele Abgeordnete und Senatoren aus den eigenen Reihen seine Eskapaden im Weißen Haus und seine anschließenden Vertuschungsversuche scharf kritisierten. Schwerer wiegt noch, dass die Affäre viel wertvolle Zeit verschlang, die politische Glaubwürdigkeit des Präsidenten in Zweifel zog, seine moralische Autorität schwächte und ihren Schatten auch über den Rest seiner Amtszeit und auf den Vizepräsidenten und zukünftigen Präsidentschaftskandidaten Al Gore warf. Von einer machtvollen Stellung gegenüber dem Kongress konnte keine Rede mehr sein, und der Glanz der imperialen Präsidentschaft schien vollends zu verblassen. Nicht ganz ernst gemeint, aber für das generelle Meinungsklima doch bezeichnend war es denn auch, dass die Presse 1998 nicht einen der Präsidenten, sondern Walt Disneys Comic-Figur Mickey Mouse anlässlich ihres 70. Geburtstages zum „berühmtesten Amerikaner des 20. Jahrhunderts“ kürte. Dabei war die Bürde der weltpolitischen Verantwortung, die der amerikanische Präsident zu tragen hat, auch nach dem Ende des Kalten Krieges schwer genug und nahm im Zeichen der Globalisierung eher wieder zu. Das zeigt der Blick auf einige der Probleme, denen sich Clinton intensiver hätte widmen können, wenn seine Präsident‐ schaft von Affären verschont geblieben wäre. So musste er vieles der Außenministerin Madeleine K. Albright überlassen, die aus einer jüdisch-tschechischen Familie stammt und mit der erstmals eine Frau an die Spitze des State Department gelangte. Sie wurde unterstützt vom neuen Verteidigungsminister William Cohen, einem republikanischen 2 Prosperität, Skandale und Impeachment: Die zweite Clinton-Administration 393 <?page no="394"?> Senator, durch dessen Ernennung Clinton seine Bereitschaft zu einer überparteilichen Sicherheitspolitik demonstrierte. Die größte Gefahr ging zunächst von der internationalen Finanzkrise aus, die im Sommer 1997 in Thailand, Malaysia und Indonesien begann, rasch alle emerging markets in Asien erfasste, der kränkelnden japanische Wirtschaft einen zusätzlichen Schlag versetzte und dann auch Russland und Lateinamerika in Mitleidenschaft zog. Durch ihr ständiges Drängen auf eine umfassende Liberalisierung der Finanzmärkte und möglichst ungehinderte Kapitalbewegungen waren Präsident Clinton und sein Finanzminister Robert Rubin nicht ganz schuldlos an der Misere, wenngleich die Hauptverantwortung bei den Politikern, Ökonomen und Bankiers vor Ort lag. Das Krisenmanagement des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigte nur begrenzte Wirkung, ebenso wie die Stabilisierungsbemühungen der führenden westlichen In‐ dustriestaaten mit den USA an der Spitze. Politisch und militärisch blieben der Nahe und Mittlere Osten und der Balkan vor‐ dringliche Krisenregionen. Der nahöstliche Friedensprozess war seit den israelischen Wahlen vom Mai 1996, aus denen Benjamin Netanjahu als Sieger hervorging, zum Stillstand gekommen. Er ließ sich trotz Clintons persönlichem Engagement auf der Konferenz am Wye River in Maryland Ende Oktober 1998 und einer anschließenden Good Will-Tour des Präsidenten nach Gaza und Jerusalem nicht wiederbeleben. Para‐ doxerweise war es für Clinton und seine Unterhändler einfacher, mit dem alternden PLO-Führer Jassir Arafat Gemeinsamkeiten zu finden, als mit Netanjahu, der aus innenpolitischen Gründen zäh an seinen Positionen festhielt. Der Tod des jordanischen Königs Hussein beraubte die Amerikaner Anfang 1999 überdies einer wertvollen Stütze bei ihren Vermittlungsbemühungen zwischen Israelis und Palästinensern. Die Hoffnungen richteten sich nun auf einen politischen Umschwung nach den israelischen Wahlen im Frühjahr 1999, aber die von Arafat angekündigte einseitige Ausrufung eines Palästinenserstaates schien einer günstigen Entwicklung im Wege zu stehen. Nicht minder verfahren erschien die Lage in der Golfregion, wo sich sowohl der Irak als auch der Iran und Afghanistan dem amerikanischen Einfluss zu entziehen versuchten. Hier fanden islamistische Terroristen wie Osama bin Laden Unterschlupf, der offenbar für die verheerenden Bombenattentate gegen die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 verantwortlich war und dem die kurz darauffolgenden amerikanischen Raketenangriffe auf Ziele in Afghanistan und Sudan wenig anhaben konnten. Alle Versuche der Clinton-Administration, den Irak zur Erfüllung der UNO-Abrüs‐ tungsauflagen zu zwingen, scheiterten am Widerstand Saddam Husseins, der die Meinungsverschiedenheiten im Sicherheitsrat zwischen Amerikanern und Briten auf der einen und Russen, Chinesen und Franzosen auf der anderen Seite weidlich ausnutzte. Der Konflikt eskalierte er neut Mitte Dezember 1998, als die Regierungen in Washington und London einen kritischen Bericht des UNO-Abrüstungsbeauftragten Richard Butler zum Anlass nahmen, schwere Luftangriffe gegen irakische Militär- und Rüstungsinstallationen zu richten. Die Bemühungen der US-Regierung, das Regime Saddam Husseins durch Sanktionen und gezielte Militärschläge sowie mit Hilfe der Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 394 <?page no="395"?> irakischen Opposition und der CIA zu destabilisieren, fanden im Kongress breite Unterstützung, blieben aber ohne Erfolg. Ein zeitlich unbestimmtes Engagement zeichnete sich auf dem Balkan ab, wo die USA im Rahmen der NATO nach Teilerfolgen in Bosnien den blutigen Streit zwischen Serben und albanischer Bevölkerungsmehrheit im Kosovo zu entschärfen versuchten. Weder massiver diplomatischer Druck noch die am 24. März 1999 be‐ gonnenen NATO-Luftangriffe, die Moskau zunächst vehement kritisierte, konnten die Serben unter Präsident Milošević indes zu einem Einlenken in der Kosovofrage bewegen. Vielmehr sahen sich die NATO-Staaten mit der organisierten Vertreibung Hunderttausender von Kosovo-Albanern konfrontiert, die die gesamte Region zu destabilisieren drohte. Im transatlantischen Dialog lebte die Auseinandersetzung mit den historischen Belastungen wieder auf, wie die Reaktionen auf Steven Spielbergs Kriegs- und Holo‐ caust-Filme und vor allem die breite Diskussion der Thesen Daniel J. Goldhagens zum deutschen Antisemitismus zeigten. Das wiedererwachte Interesse der Amerikaner an der jüngeren Vergangenheit hatte auch ganz konkrete Folgen, etwa für Schweizer Banken, die Rechenschaft über den Verbleib der Ersparnisse von Holocaust-Opfern geben mussten, oder für deutsche Firmen, die sich wegen des Einsatzes von Zwangs‐ arbeitern im Zweiten Weltkrieg mit Sammelklagen aus den USA konfrontiert sahen. Da sich deutsche Unternehmen im ausgehenden 20. Jahrhundert verstärkt auf dem ameri‐ kanischen Markt engagierten - Bertelsmann, BMW, E.ON North America und Siemens seien hier exemplarisch genannt - oder sogar strategische Allianzen mit US-Konzernen eingingen, wie im Fall von DaimlerChrysler, waren die Verantwortlichen auf beiden Seiten daran interessiert, öffentlichen Streit durch rasche und angemessene Entschä‐ digungsregelungen für Überlebende der NS-Diktatur zu vermeiden. 3 Die „postmoderne Präsidentschaft“ und das Erbe der Ära Clinton Die beiden Amtszeiten von Clinton weisen eine Fülle von Paradoxien und Widersprü‐ chen auf. Diese sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass sich die Clinton-Administ‐ ration seit 1994 in einem von Republikanern dominierten Kongress auf zahlreiche Kompromisse einlassen musste. In fast allen Bereichen trug Clintons Politik sowohl konservative als auch liberale Züge. Das Schwanken zwischen verschiedenen poli‐ tischen Positionen und der Ad-hoc-Charakter von Clintons Politik war einerseits Ausdruck der Prinzipienschwäche des Präsidenten, andererseits Teil einer cleveren Überlebensstrategie. Clinton war der einzige demokratische Präsident der Nachkriegs‐ zeit, der über zwei Amtszeiten hinweg regierte. Wie kein anderer Politiker in der amerikanischen Geschichte hat er sich an der öffentlichen Meinung orientiert und das von Reagan eingeführte Konzept des governing through campaigning (Regieren durch Agitieren) zur Vollendung geführt. Nur so lässt sich erklären, dass ein Präsident, der nach den ersten 100 Tagen weniger populär war als irgendeiner seiner Amtsvorgänger, 3 Die „postmoderne Präsidentschaft“ und das Erbe der Ära Clinton 395 <?page no="396"?> sechs Jahre später und inmitten des Lewinsky-Skandals über die höchste Popularität zum entsprechenden Zeitpunkt der Präsidentschaft verfügte. Viele Entscheidungen Clintons - bis hin zu solchen im Militärbereich, etwa das späte militärische Engagement in Bosnien - waren darauf zurückzuführen, dass Clinton sich oft stärker an der öffent‐ lichen Meinung orientierte, als dass er diese zu steuern versuchte. Die „großen Erfolge“ im Innern, wie die Reform des staatlichen Wohlfahrtssystems und den ausgeglichenen Bundeshaushalt, konnte er in Wirklichkeit nur durch eine Annäherung an die konser‐ vativen Positionen seiner politischen Gegner erkaufen. Nicht die Demokratische Partei, sondern der charismatische Präsident war es, der das Vertrauen einer großen Mehrheit der amerikanischen Öffentlichkeit gewann. Clintons Fähigkeit, sich immer wieder neu zu definieren, und seine sich permanent wandelnde Identität haben das Schlagwort von der „postmodernen Präsidentschaft“ (Steven E. Schier) in die politikwissenschaft‐ liche Debatte gebracht. Jene demokratischen, auf Klassengegensätzen beruhenden Prinzipien, wie sie von Roosevelt (New Deal), Truman (Fair Deal) und Johnson (Great Society) formuliert worden waren, traten in der Ära Clinton in den Hintergrund. Weder in der Sozial- und Wirtschafts-, noch in der Außenpolitik entwickelte Clinton ein kohärentes Programm. Vielmehr suchte der Präsident, wo die Verwirklichung großer sozialdemokratischer Ideen scheiterte, konsequent in einer Politik der kleinen Schritte Zuflucht, so etwa, als er die Einführung von Schuluniformen durchsetzte, die Bandenkämpfe und Klassengroll reduzieren sollte. Mehr als 30-mal nutzte der Präsident das Vetorecht, um republikanische Gesetzesvorlagen abzublocken und den jeweiligen Reformen ein sozialeres Gesicht zu geben. Die großen Programme - wie die Gesundheitsreform, die allen Amerikanern eine Krankenversicherung versprach, und die so genannte Bill of Rights für Patienten - blieben jedoch völlig auf der Strecke. Andere Reformen - etwa die Lockerung von Richtlinien für Abtreibungen und die Duldung von Homosexuellen im amerikanischen Militär - waren so umstritten, dass sie dem Ansehen des Präsidenten in weiten Kreisen der Öffentlichkeit schadeten. Zu den längerfristig folgenreichen Entscheidungen Clintons zählte die Ernennung von zwei hoch angesehenen Juristen, Ruth Bader Ginsburg und Stephen Breyer, zu Richtern am Supreme Court, deren Einfluss eine noch stärkere Abkehr des Obersten Gerichts von den liberalen Grundsätzen der Nachkriegszeit verhindern sollte. Allerdings hatte es Clinton aufs Ganze gesehen versäumt, die Gesamtzahl liberaler Bundesrichter entsprechend zu erhöhen. Ohne Zweifel verschärften die gesellschaftspolitischen Vorstellungen des Präsiden‐ ten einerseits und sein Lebensstil andererseits die latenten kulturellen Konflikte zwischen Konservativen und Liberalen in den USA. Viele Republikaner, insbesondere Anhänger der religiösen Rechten, sahen in Bill Clinton die Symbolfigur des morali‐ schen Untergangs. Dass der Präsident an der Gegenkultur der 1960er Jahre teilgehabt, mit Marijuana experimentiert („nicht inhaliert“) und außereheliche Beziehungen unterhalten hatte und dass sich Hillary und Bill Clinton privat mit Protagonisten der Hollywood-Elite umgaben, wurde von vielen konservativen Amerikanern kritisiert. Clinton durchbrach gängige Vorstellungen von der Präsidentschaft. Während des Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 396 <?page no="397"?> Vietnamkriegs hatte er sich der Einberufung zum Militär entzogen, im Gegensatz zu seinen republikanischen Amtsvorgängern verfügte er weder über aktive Kriegsnoch über spezifische außenpolitische Erfahrung. Dies machte ihn zur Zielscheibe konser‐ vativer Polemik. Im Versuch, die verschiedenen religiösen Gruppen, einschließlich seiner schärfsten Kritiker, der evangelikalen Protestanten, zu Alliierten zu machen, legte Clinton eine betonte Frömmigkeit an den Tag. Er besuchte regelmäßig Gottes‐ dienste und stellte sich hinter konservative Forderungen, indem er das Gesetz zur Erhaltung der traditionellen Ehe (Defense of Marriage Act) unterstützte und auf der Einführung des so genannten „V-Chips“ bestand, der Kindern und Minderjährigen den Zugang zu Gewalt in den Medien versperren sollte. Der persönliche Charme des Präsidenten und seine zuweilen religiös inspirierte Rhetorik vermochten indes nicht, die ideologischen und kulturellen Spannungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu überbrücken. Das persönliche Fehlverhalten des Präsidenten und sein Festhalten an liberalen Grundpositionen - von der Durchsetzung der affirmative action über eine offene Handhabung der Einwanderungspolitik bis zur Beibehaltung der liberalen Abtreibungspraxis (partial birth abortion) - verschärften stattdessen die Kluft zwischen den konservativen und liberalen Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Die vorteilhafte wirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hatte einen wesentlichen Anteil an der hohen Anerkennung, die dem Präsidenten zuteilwurde. Kein anderer Inhaber des höchsten politischen Amts hatte jemals eine vergleichbar spektakuläre Wirtschaftsentwicklung vorweisen können. Bei Clintons Amtsantritt hatte das nationale Defizit mit 300 Milliarden Dollar annähernd 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht; am Ende der Amtszeit hatte sich das Defizit in einen Überschuss von über 236 Milliarden Dollar verwandelt. Auch die Arbeitslosig‐ keit, die 1992 noch bei 7,5 Prozent gelegen hatte, ging im Laufe der 1990er Jahre um etwa drei Prozentpunkte zurück und erreichte damit ihren niedrigsten Stand seit den 1960er Jahren. Die Mahnung von Clinton-Berater George Stephanopoulos, dass die Wirtschaft im Zentrum von Clintons Politik stehen müsse, hatte als Motto („It’s the economy, stupid“) bereits über der demokratischen Wahlkampagne gestanden und wurde zum Schlüssel für die Prioritätenfindung in der Ära Clinton. Neben Präsident und Kongress wurde die Notenbank und insbesondere deren Chef Alan Greenspan zur wichtigen Leitinstanz der nationalen Wirtschaftspolitik. Entgegen der konventi‐ onellen Auffassung, dass sinkende Arbeitslosigkeit notwendig zur Inflation führe und deshalb restriktive Wirtschaftsmaßnahmen erfordere, hielt sich Greenspan zurück, verzichtete auf die Anhebung der Leitzinssätze und verhalf dadurch der Wirtschaft zum Aufschwung. Kaum einer zweifelte im Jahr 2000 daran, dass die USA auf lange Sicht über einen ausgeglichenen Haushalt verfügen und in eine lange Periode kontinuierlichen wirtschaftlichen Wachstums eintreten würden. Viele Ökonomen glaubten, dass genau darin das wirtschaftspolitische Erbe von Clintons Präsidentschaft bestehen werde. Der generelle Optimismus, den diese Prognosen ausstrahlten, hatte eine Entsprechung in der Entwicklung der Aktien- und Immobilienmärkte, die in den 1990er Jahren einen 3 Die „postmoderne Präsidentschaft“ und das Erbe der Ära Clinton 397 <?page no="398"?> fast einzigartigen Boom erlebten. Mehr Amerikaner als je zuvor besaßen Aktien - 1998 waren es 84 Millionen gegenüber 52 Millionen im Jahr 1989 -, und für viele waren diese Investitionen ein zentraler Bestandteil der Altersvorsorge. Steigende Immobilienpreise bei gleichzeitig fallenden Zinsen versprachen sowohl den Verkäufern als auch den Käufern ein einträgliches Geschäft und ließen die Anteile von Hauseigentümern auf ein Rekordhoch von 67,5 Prozent im Jahr 2000 steigen. Auf der Strecke schien niemand zu bleiben. Bei genauer Betrachtung hatte sich jedoch das Reagan’sche Prinzip des trickle down durchgesetzt, das den ärmeren Bevölkerungsgruppen lediglich einen „tröpfelnden“ Anteil an den immer größer werdenden Profiten der Reichen bescherte. An die reichsten 20 Prozent der Amerikaner gingen im Jahr 2000 mehr als 50 Prozent der Einkommen. Die ärmsten 20 Prozent verfügten dagegen über weniger als 4 Prozent der Einkommen. Hinzu kam, dass wesentliche Elemente der staatlichen Wohlfahrtsleistungen gestrichen wurden. An die Stelle von staatlichen Zahlungen trat ein unter dem Schlagwort „from welfare to work“ eingerichtetes neues Programm, das neben der zeitlichen Begrenzung staatlicher Unterstützung obligatorische Fortbildung und die beschleunigte Rückkehr der Sozialhilfeempfänger in den Arbeitsmarkt vorsah. Im Rückblick waren es nicht die fiskalische Integrität und der Haushaltsüberschuss, die Clinton als wirtschaftliches Vermächtnis seiner Amtszeit weitergab - schon unter seinem Amtsnachfolger sollte sich der Überschuss wieder in ein Defizit verwandeln -, sondern das Bekenntnis des demokratischen Präsidenten zum business-freundlichen Wirtschaftswachstum und zum Freihandel. Kein Demokrat, mit Ausnahme allenfalls von Franklin D. Roosevelt, hatte sich in der amerikanischen Geschichte mit vergleich‐ barem Nachdruck für Freihandel ausgesprochen. Auch die Außenpolitik war in der Ära Clinton von einer Betonung ökonomischer Prinzipien geprägt. Marktwirtschaftlich ausgerichtete Demokratien sollten nach den Vorstellungen der „neuen Demokraten“ weltweit gestärkt und die Rolle der USA globalisiert werden. Statt der Kalten-Kriegs-Devise des containment (der Eindämmung der ideologischen Gegner) propagierte Clinton das offene Prinzip des enlargement (die Verbreitung marktwirtschaftlicher Grundsätze) rund um den Globus. Außenmi‐ nister Warren Christopher sprach in diesem Zusammenhang, nicht ganz ohne Kritik am Präsidenten, von einer als Außenpolitik verkleideten Handelspolitik. Insgesamt zeichnete sich ab, dass unter Außenpolitik nicht mehr primär Sicherheitspolitik verstanden wurde. Eine Fülle anderer Politikformen - wie globale Umwelt-, Außen‐ wirtschafts- und Entwicklungspolitik - nahm in der Clinton-Administration eine zentrale Stelle ein. Zahlreiche Wirtschaftsexperten wurden in den außenpolitischen Apparat eingebunden, und ein nationaler Wirtschaftsrat (National Economic Council, NEC) wurde - in Analogie zum National Security Council (NSC) - bereits im Jahr 1993 eingerichtet. Die zahlreichen bilateralen und multilateralen Freihandelsverträge - insgesamt unterzeichneten die USA während Clintons Amtszeit mehr als 270 Libera‐ lisierungsabkommen - legten die Außenwirtschaftspolitik der USA auf lange Sicht fest. Das globale Engagement der USA hatte auch ein militärisches Gesicht. In den 1990er Jahren hielten die USA nicht weniger als 200.000 Soldaten, jeweils etwa zur Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 398 <?page no="399"?> Hälfte in Europa und Asien ( Japan und Korea) stationiert. Bei der Durchsetzung der no-fly-Richtlinien im Irak, bei den Militäreinsätzen im Balkan sowie im Eintreten für die NATO-Erweiterung demonstrierten die USA, dass sie auch unter den neuen weltpolitischen Konstellationen weder mittelnoch längerfristig einen Rückzug aus der militärischen Verantwortung anstrebten. Insgesamt war die weltweite militärische und wirtschaftliche Präsenz eine weithin sichtbare Absage an von verschiedener Seite vorgetragene Forderungen nach Isolationismus oder Unilateralismus. Dennoch warf eine Reihe von Kritikern der Administration vor, sie habe kein klares Konzept für die Rolle der USA zur Beilegung von regionalen Konflikten (etwa zwischen Indien und Pakistan) und von Streitigkeiten zwischen den Großmächten (u. a. zwischen den USA und China) entwickelt. So kritisierte etwa Samuel Huntington, die Regierung Clinton kümmere sich zu wenig um die „Erosion des amerikanischen nationalen Interesses“ und betreibe insgesamt eine „Außenpolitik des Partikularismus“. Im Jahr 2000 hatte das Interesse in den USA an außenpolitischen Fragen einen absoluten Tiefpunkt erreicht; gleichzeitig gab es im Blick auf zentrale Fragen - wie z. B. die amerikanisch-chinesischen Handelsbeziehungen - keinen nationalen Konsens, ja nicht einmal Einigkeit innerhalb der politischen Parteien. Insgesamt führten außenpolitische Fragen, mehr als in den meisten anderen Zeiträumen der Nachkriegsgeschichte, zu heftigen Kontroversen zwischen Exekutive und Legislative. Am stärksten zeigte sich dies bei den heftigen Debatten in Rüstungsfragen, wobei die Republikaner grundsätzlich für die Erprobung neuer Technologien und die Ausweitung der Rüstungsprogramme und -tests votierten. Dass es Präsident Clinton nicht gelang, das Verbot unterirdischer Atomtests (Comprehensive Test Ban Treaty) im Senat durch‐ zusetzen, war eine Niederlage von historischem Ausmaß, die in den Augen vieler Kritiker das Ansehen der USA beschädigte. In einem anderen Punkt, der Diskussion um den Aufbau eines Raketenabwehrschirms über den USA, überließ der Präsident die endgültige Entscheidung seinem Amtsnachfolger. Clinton führte das Land zu einem Zeitpunkt, zu dem die Vereinigten Staaten - im Gegensatz etwa zur Amtszeit der populären Präsidenten Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt - keine großen außenpolitischen Krisen zu bewältigen hatten. Er war zwar kein radikaler Reformer, aber ein realistischer politischer Führer, der die von den Republikanern geforderte, extreme Zurückdrängung staatlicher Ausgaben im Bereich von Bildung und Sozialwesen zu minimieren wusste. Dies war keine geringe Leistung, wenn man sich vor Augen hält, dass die Aversion der Amerikaner gegenüber dem Staat und staatlichen Ausgaben in den 1990er Jahren einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. In seinen Reden hatte Clinton immer wieder betont, er wolle für die USA und ihre Bürger eine „Brücke zum 21. Jahrhundert“ bauen. Als Clinton die politische Bühne verließ, gab es keine Anzeichen dafür, dass das American Century, das Henry Luce als Herausgeber des Life Magazine 1941 für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg prophezeit hatte, bereits an sein Ende gelangt sei. Viele Anzeichen deuteten auf ein globaleres 21. Jahrhundert, dessen Kennzeichen eine immer engere wirtschaftliche 3 Die „postmoderne Präsidentschaft“ und das Erbe der Ära Clinton 399 <?page no="400"?> Verflechtung und ein multipolares politisches Mächtesystem sein würden. Anderer‐ seits befanden sich die USA in einer guten Ausgangsposition, um auch in dieser neuen Konstellation eine maßgebliche, vielleicht sogar dominante Rolle zu spielen. Keine Macht schien besser für ein global century gerüstet zu sein als die USA. Die ökonomische Modernisierung war in den USA am weitesten fortgeschritten, was sich u. a. daran ablesen ließ, dass neue Arbeitsplätze im ausgehenden 20. Jahrhundert fast ausschließlich im Dienstleistungsbereich geschaffen wurden. Zudem konnten ameri‐ kanische Firmen ihren Vorsprung in der Hochtechnologie ausbauen. Zur Symbolfigur dieser Entwicklung war der Unternehmer Bill Gates aus Seattle geworden, der 1975 die Computerfirma Microsoft Corp. gegründet hatte und sie binnen kurzem zum internationalen Branchenführer machte. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hatte sich bereits seit Mitte der 1980er Jahre deutlich entspannt, und bis zum Jahr 2000 waren in den USA nicht weniger als 30 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden, viele von ihnen im Süden der USA, wo die Betriebe durchschnittlich 10 bis 15 Prozent billiger produzierten als im Rest des Landes. Freilich führten die Folgen der Freihandelspolitik und der Globalisierung in der zweiten Hälfte zur Reduktion bzw. Abwanderung von Arbeitsplätzen im Produktionsbereich, insbesondere nach Mexiko. Massive Demonstrationen beim WTO-Treffen in Seattle im Dezember 1999 illustrierten die Sorgen vieler Gruppen - allen voran der Gewerkschaften und der Umweltverbände -, die gegen eine Verschlechterung der allgemeinen Arbeits- und Lebensbedingungen protestierten. Die meisten Amerikaner waren dennoch im Jahr 2000 davon überzeugt, dass es ihnen besser gehe als fünf Jahre zuvor. Viele fürchteten zwar, dass der wirtschaftliche Aufschwung in naher Zukunft ein Ende finden würde. Insgesamt hatte die Zufriedenheit der Amerikaner jedoch einen Höhepunkt erreicht. Das Amt und Ansehen des Präsidenten hatte zwar durch die Skandale weiterhin Schaden genommen - ein Trend, der mit Johnson begonnen, und sich über Nixon und Clinton fortgesetzt hatte. Der Kongress ging jedoch aus dem Verfassungsstreit zur Amtsenthebung gestärkt hervor. Von außen schienen den Vereinigten Staaten keine wirklichen Gefahren zu drohen. Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg 400 <?page no="401"?> Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 1 George W. Bush - Umstrittene Wahl und konservativer Wandel Im Gegensatz zu Ronald Reagan und Bill Clinton war George Walker Bush, der im Januar 2001 als 43. Präsident das höchste Amt der Vereinigten Staaten errang, alles andere als ein self-made man. Wie im Falle von John Quincy Adams war mit George W. Bush der Sohn eines früheren Präsidenten ins Weiße Haus eingezogen. Dies kann als ein Indiz dafür gewertet werden, dass der Familienname und die Bekanntheit von Politikern in den Vereinigten Staaten eine noch größere Bedeutung besitzen als in anderen westlichen Demokratien. Die Wahl des populären Präsidenten Kennedy hatte den Aufstieg des Kennedy-Clans in die Politik bedeutet, und beim Nominierungsparteitag der Demokraten im Sommer 2000, auf dem Albert „Al“ Gore Jr. zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, hielten nicht weniger als fünf Kennedys ihre Reden. Analog gelang bei den Wahlen zum Kongress im Jahr 2000 drei Politikerwitwen auf Anhieb der Sprung ins Parlament. Über herausragende politische Erfahrung verfügten sie nicht, der Name ihrer verstorbenen Männer war Ausweis genug. Auch Hillary Clinton hatte schon lange vor ihrer Wahl zur Senatorin vom unschlagbaren Bekanntheitsgrad der First Lady profitiert und war als Favoritin für den New Yorker Senatorenposten ins Rennen gezogen. Politisch hatte George Bush Jr. weniger aufzuweisen als seine Mitstreiter. Aber „W“, wie ihn die Amerikaner auf Grund der Vertrautheit mit dem Sprössling aus dem Weißen Haus nannten, war der Sohn des Präsidenten, seine Mutter Barbara galt als „Großmutter der Nation“, und sein Bruder Jeb war der Gouverneur von Florida. Das zeichnete den neuen Präsidenten aus und war zugleich Programm. Nachdem das Private während Clintons Präsidentschaft wie nie zuvor in der amerikanischen Geschichte zum Politikum geworden und das Ansehen des Präsidentenamtes in der Folge des Lewinsky-Skandals erschüttert worden war, symbolisierte der Name Bush intakte Familienverhältnisse und das Versprechen einer Rückkehr zu traditionellen Werten. George W. Bushs politische Botschaften waren, ähnlich wie die seines Vaters, alles andere als visionär. Ihr populistischer, zum Teil bewusst antiintellektueller Charakter gereichte dem Präsidenten allerdings eher zum Vorteil, da er einen Teil der Vorurteile gegenüber seiner privilegierten Herkunft kompensierte. George Walker Bush wurde am 6. Juli 1946 geboren. Er war das älteste von fünf Kindern der Bushs. Nach dem Besuch des Elite-Internats Andover nahm George W. das Studium an der Yale University auf. Dort fiel er weniger durch seine akademischen Leistungen - diese lagen deutlich unter dem Durchschnitt - als durch Kameradschaft‐ lichkeit auf. Auch als Vorsitzender der geheimen Studentenverbindung „Skulls and Bones“ erlangte der junge Bush im Kreise seiner Kommilitonen einige Popularität. <?page no="402"?> Nach dem Examen in Yale leistete er Wehrpflicht als Pilot in der Nationalgarde von Texas. Dadurch entkam er, ähnlich wie sein Amtsvorgänger, aber im Gegensatz zu den meisten seiner Altersgenossen, dem aktiven Einsatz in Vietnam. Nach vier „Nomaden‐ jahren“, wie er sie selbst nannte, wechselte Bush aus eigenem Entschluss an die Harvard University, wo er einen Magisterabschluss in Betriebswirtschaft erwarb. Ab 1975 ging er nach Texas zurück, um wie sein Vater ins Ölgeschäft einzusteigen. Dabei machte er mit geschickten Deals ein kleines Vermögen. Seine erfolglose Ölfirma Spectrum 7 stand eigentlich vor dem Bankrott, als der texanische Konzern Harken Energy einsprang, von dem Bush für seine verschuldete Firma Aktien erhielt. Seine Harken-Aktien verkaufte der Insider Bush gerade noch rechtzeitig vor einer massiven Verlustwarnung. Für einen Teil des Erlöses kaufte er sich wiederum beim Baseball-Team „Texas Rangers“ ein und erhielt bei dessen Verkauf im Jahr 1998 annähernd 15 Millionen Dollar. 1977 heiratete George W. Bush die Bibliothekarin Laura Welsh, die einen positiven Einfluss auf sein Leben hatte und ihm half, seine Alkoholsucht zu überwinden. Im gleichen Jahr beschloss Bush, inspiriert durch lange Gespräche mit dem Prediger Billy Graham, einem Freund der Familie, seinem Leben eine neue, religiöse Richtung zu geben. Jogging und die tägliche Lektüre der Bibel gehörten von nun an zum Leben eines Mannes, der sich als bekehrt bezeichnete und darauf hoffte, gemäß der Familientradition, ein politisches Amt zu erringen. Dies sollte ihm schneller als seinem Vater gelingen. Die Enttäuschung der Bevölkerung über Bill Clinton, die 1994 den Anführer der Republikaner im Kongress, Newt Gingrich, zum populärsten Mann Amerikas machte, kam George W. Bush zugute, als er bei den Gouverneurswahlen in Texas gegen die demokratische Amtsinhaberin Ann Richards antrat und 53,5 Prozent der Stimmen errang. Bushs politische Vorstellungen waren eher diffus. Er umgab sich aber mit hervorragenden Beratern, allen voran dem republikanischen Erfolgsstrategen Karl C. Rove. Laura Bush ermutigte ihren Mann dazu, bildungspolitische Themen in die Diskussion einzubringen und schärfere Erfolgskontrollen für texanische Schulen zu fordern. Die gleichermaßen sozialkonservative wie unternehmerfreundliche politische Botschaft des Gouverneurs und das Werben um die spanischsprachige Minderheit in Texas erwiesen sich als Erfolgskonzept für Bush. Die Wiederwahl wurde mit 68,7 Prozent ein spektakulärer Wahlerfolg und machte ihn mit einem Schlag zu einem der republikanischen Favoriten für das Weiße Haus. Nach einem weitgehend unspektakulären Nominierungswahlkampf setzte sich Bush als republikanischer Spitzenkandidat durch. Der einzige ernsthafte Gegenkandi‐ dat, Vietnamveteran John McCain, wirkte auf viele Amerikaner überzeugender als Bush Jr. Allerdings unterlag McCain am Ende der millionenschweren Kampagne der Bushlobby, die ihre Botschaft während der Vorwahlen mehrfach abwandelte und McCain abwechselnd von rechts und links attackierte. Bei den Demokraten sicherte sich Vizepräsident Al Gore, für den sich auch Clinton ausgesprochen hatte, nahezu mühelos die Nominierung. Während Gore sich mit Senator Joseph Liebermann für einen jüdischen running mate entschied und damit einen viel beachteten Präzedenzfall schuf, wurde Bushs Wahl von Richard („Dick“) Cheney zum Zeichen der Anknüpfung Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 402 <?page no="403"?> an frühere republikanische Regierungen. Cheney war bereits unter Präsident Ford Stabschef im Weißen Haus gewesen und unter Bush senior zum Verteidigungsminister avanciert. Als Vorstand des texanischen Unternehmens Halliburton in Dallas, das Ölfirmen zuarbeitet, gehörte er zur reichen Oberschicht des Landes. Am Wahltag, dem 7. November 2000, fanden sich die amerikanischen Wähler vor eine klare Alternative in Bezug auf die Kandidaten gestellt. Im Gegensatz zur Parteirhetorik waren die programmatischen Unterschiede jedoch eher marginal. Bush und Cheney propagierten einen „mitfühlenden Konservatismus“, während Gore und Liebermann nicht müde wurden, den wirtschaftspolitischen Aufschwung zu preisen, den das Land unter Clinton genommen hatte. Keiner der beiden Präsidentschaftskandidaten löste allzu große Begeisterung aus. Bushs Kandidatur war von Zweifeln an dessen intellektuellen Fähigkeiten begleitet, Gore fehlte es an Natürlichkeit und persönlicher Ausstrahlung. Außerdem hielt man dem Vizepräsidenten in konservativen Kreisen vor, dass er Teil einer Regierung gewesen war, der es generell an moralischen Grundsätzen gefehlt habe. Angesichts der hohen Zustimmungsquote Clintons, die sich auch im letzten Amtsjahr bei etwa 65 Prozent bewegte, war Gores Entscheidung, sich völlig von Clinton zu distanzieren und ihn nicht für seinen Wahlkampf einzusetzen, umstritten. Schon vor der Wahl zeichnete sich in fast allen Meinungsumfragen ein Patt zwischen den beiden Spitzenkandidaten ab, und einige Wahlbeobachter gingen davon aus, dass der Kandidat der Grünen Partei, Ralph Nader, der nur etwa 3 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, das Zünglein an der Waage zu Lasten Gores sein könnte. Am Ende entschieden nicht die Wähler, sondern der Oberste Gerichtshof über den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Keine andere Wahl in der amerikanischen Geschichte war vergleichbar dramatisch und kein Wahlausgang so ungewiss wie der im Jahr 2000. Am Wahlabend traten die Fernsehsender wie üblich in einen Wettbewerb darüber ein, wer als Erster das endgültige Wahlergebnis verkünden würde. Noch bevor die Wahlbüros geschlossen hatten, erklärten alle Sender, dass Gore den Staat Florida für sich gewonnen habe; kurze Zeit später hieß es hingegen, dass Bush der Sieger sei, und am Ende der langen Wahlnacht zeichnete sich ab, dass im südöstlichsten Bundesstaat ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten stattgefunden hatte, dessen Ausgang über den zukünftigen Präsidenten entscheiden würde. Bundesweit konnte Bush etwa eine halbe Million weniger Stimmen als Gore auf sich vereinen. Mit der absoluten Mehrheit in Florida hätte er jedoch einen Vorsprung von vier Wahlmännerstimmen auf sich vereinigen können und damit die Präsidentschaft errungen. Als die Auszählung in Florida beendet war, lag Bush mit einer so geringfügigen Mehrheit - mit einigen hundert von 3,7 Millionen Stimmen - vorn, dass ein offizielles Wahlergebnis nicht bekannt gegeben werden konnte. Furore machten bald Informationen über Wähler, die am Austausch versehentlich falsch ausgefüllter Stimmzettel gehindert worden waren. Streit entzündete sich am Design von Wahlzetteln in Palm Beach County. Dort wurden 19.000 Stimmzettel für ungültig erklärt, weil zu viele Stimmen abgegeben worden waren. Bald stellte sich heraus, dass mehrere Wähler das Stanzloch wohl 1 George W. Bush - Umstrittene Wahl und konservativer Wandel 403 <?page no="404"?> versehentlich an der falschen Stelle gesetzt und statt Al Gore ihre Stimme an Pat Buchanan gegeben hatten. Vor diesem Hintergrund beantragten Gores Rechtsanwälte die manuelle Nachzählung von Stimmen in vier ausgewählten Wahlkreisen. Da diese allerdings in der vorgeschriebenen Zeit nicht abgeschlossen werden konnte und Flo‐ ridas Staatssekretärin, Katherine Harris, die an führender Stelle in Bushs Wahlkampf engagiert war, eine Fristverlängerung nicht zugestand, ging der Fall über den höchsten Gerichtshof Floridas, der die Fortsetzung der Auszählung anordnete, bis zum Obersten Gerichtshof in Washington, D. C., wo das Verfahren schließlich zum Stillstand kam. Die mehrheitlich republikanisch orientierten Bundesrichter votierten am 12. Dezember - sechs Tage vor dem Datum, an dem der Präsident im Kongress bestätigt werden sollte - mit 5: 4 Stimmen für die Beendung der Nachzählungen. Die Richter, deren Votum den Ausschlag gab, hatten für ihre Position zwei Hauptargumente ins Feld geführt. Zum einen seien die Nachzählungen verfassungswidrig, weil von verschiedenen Richtern in verschiedenen Wahlkreisen jeweils verschiedene Kriterien für die Auszählung der Stimmen angewendet würden und dies gegen den verfassungsmäßig gewährleisteten Gleichheitsgrundsatz verstoße. Zum Zweiten stünde dem Gerichtshof in Florida nicht genug Zeit zur Verfügung, um die möglichen Fehler rechtzeitig zu korrigieren. Das Urteil aus Washington löste eine nie da gewesene Mischung aus Genugtuung und Empörung im Lande aus. Nach sechs Wochen der Ungewissheit über das zukünftige Staatsoberhaupt bedeutete das Verdikt eine Stabilisierung der politischen Lage. Dieje‐ nigen, die das Urteil befürworteten, wiesen darauf hin, dass die fünf Bundesrichter nicht aus parteipolitischen Erwägungen heraus gestimmt hätten, sondern eine prag‐ matische Lösung für eine sich abzeichnende nationale Krise herbeiführen wollten. Die Abwendung eines politischen Chaos sei die zentrale Motivation der Richter gewesen. Demgegenüber hoben die Kritiker des Prozesses hervor, dass die Anwendung des Gleichheitsgrundsatzes jeder Rechtsgrundlage entbehre. Nicht Bush, sondern Gore oder allenfalls den Wählern, deren Stimmen am Ende nicht berücksichtigt wurden, sei jener „irreparable Schaden“ entstanden, den Bush für sich für den Fall reklamierte, dass die Nachzählungen nicht abgebrochen würden. Der oberste Gerichtshof habe es versäumt, alle Mittel auszuschöpfen, um den Wählerwillen festzustellen; stattdessen habe man auf mehr oder weniger willkürlichen Fristen beharrt. Einer der Kritiker, der Anwalt Vincent Buglioni, ging sogar so weit, die Bundesrichter öffentlich als „Verbrecher“ und ihr Urteil als „Diebstahl der Präsidentschaft“ zu bezeichnen. Erst ein Jahr nach der Wahl stellte sich heraus, dass die Nachzählung der Stimmen in den von Gore geforderten Wahlkreisen Bushs hauchdünne Führung bestätigt hätte, dass aber eine Auszählung aller Stimmen in Florida Al Gore zum Wahlsieg verholfen hätte. Aufs Ganze gesehen hatte die Wahl 2000 mehrere Schwächen der amerikanischen Demokratie zu Tage gefördert. Zum einen wurde deutlich, dass veraltete Zählmaschi‐ nen in mehreren Bundesstaaten eine hohe Fehlerquote bei der Auszählung zuließen; zum anderen waren viele Erstwähler in Florida offenkundig beim Ausfüllen der Wahl‐ scheine überfordert. Beides machte die USA in aller Welt zum Gegenstand des Gespötts. Darüber hinaus löste die Wahl eine Debatte über die Praxis des Wahlmännersystems Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 404 <?page no="405"?> aus. Zum vierten Mal in der Geschichte hatte ein Kandidat das höchste Amt errungen, ohne dass er die Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt hatte. Insgesamt demonstrierte das Wahlergebnis eine Spaltung der Wähler in zwei fast gleichgroße Lager entlang parteipolitischer issues. Allerdings zeigte eine Gallup-Meinungsumfrage vom Dezember 2000, dass die größte Gruppe der Amerikaner, nämlich 42 Prozent, sich weder mit Republikanern noch mit Demokraten identifizierten, sondern sich als Unabhängige fühlten. Die von den Parteiführungen betriebene ideologische Aufladung des politischen Alltags wurde also von einem großen Teil der Bevölkerung nicht mit‐ getragen. Dementsprechend waren die Mehrheiten im Kongress für die Republikaner denkbar knapp. Sowohl Clinton als auch Bush waren sich bewusst, dass es für die meisten Politik‐ themen breite Unterstützung nur in der Mitte gab. Um diese Mitte für sich zu gewinnen, hatte Clinton häufig, und sehr zum Ärger seiner Parteigenossen, republikanische Ideen aufgegriffen und sich diese - in einer Strategie, die man als „triangulation“ bezeichnet hat - zur Durchsetzung eher progressiver Ziele angeeignet. Bush nutzte im Wahlkampf die gleiche Taktik, indem er traditionell demokratische Themen wie Armut, Bildung und Einwanderung offensiv in die Debatte einbrachte. Er wolle keine Gräben auftun, sondern politische Brücken bauen und eine Politik der Vermittlung betreiben, hatte er im Wahlkampf verlauten lassen. Der Kandidat Bush versprach sogar, sich als Präsident für die Reduzierung der Kohlendioxidemissionen einzusetzen. Doch kaum war er ins Weiße Haus eingezogen, legte er die moderate Rhetorik ab und zeigte sich von einer anderen Seite. Eine am Abend der Amtseinführung veröffentlichte CBS-Umfrage eröffnete zwar, dass lediglich 51 Prozent der Amerikaner, und davon wiederum nur 19 Prozent der Demokraten und 12 Prozent der Afroamerikaner, den Wahlsieg Bushs für legitim hielten. Aber der neue Präsident regierte, als hätte er das Land im Sturm eingenom‐ men. Ungewöhnlich rasch verlief die Kabinettsbildung. Ähnlich wie Clinton achtete George W. Bush darauf, dass das breite Spektrum der ethnischen Minderheiten sowie Frauen im Kabinett repräsentiert waren. In die zweite Reihe wurde eine sorgsam zusammengestellte Gruppe von mehr als 5000 hohen politischen Beamten gestellt, deren konservative Auffassung und Loyalität außer Frage standen. Auffällig war der hohe Anteil von Personen, die sich in der Regierung des älteren Bush bewährt hatten. Bei der Besetzung der Positionen hielten Dick Cheney, der mehr Macht auf sich vereinte als irgendein Vizepräsident in der amerikanischen Geschichte, und Karl Rove die Fäden fest in der Hand. Donald Rumsfeld, der das gleiche Amt bereits unter Gerald Ford innegehabt hatte, wurde Verteidigungsminister, Colin Powell Außenminister, Paul O’Neill Finanzminister und Condoleezza Rice Nationale Sicherheitsberaterin. Als umstritten galten die Ernennung des ausgesprochen konservativen Justizministers John Ashcroft und der Innenministerin Gale Norton. Im Gegensatz zu Clinton, dessen zentrales politisches Ziel, die Gesundheitsreform, gleich zu Beginn der Amtszeit vom Kongress vereitelt wurde, gelang es Bush im Mai 2001, die für die Republikaner wichtigste Reform - eine Steuersenkung in Höhe von 1 George W. Bush - Umstrittene Wahl und konservativer Wandel 405 <?page no="406"?> 1,6 Billionen Dollar und die Festschreibung des Spitzensteuersatzes bei 33 Prozent (Clinton hatte den Satz für die Höchstverdiener auf 39,6 Prozent erhöht) - durchzu‐ setzen. Die Steuersenkung war die größte in den USA seit Ronald Reagan. Sie lag mehr als fünfmal so hoch wie der von den Demokraten eingebrachte Vorschlag, der gezielte Steuererleichterungen für niedere Einkommensgruppen vorgesehen hatte. Bei der raschen Durchsetzung seines Plans profitierte Bush nicht nur von der republika‐ nischen Mehrheit im Kongress, sondern insbesondere von der Veröffentlichung der Wirtschaftszahlen des Office of Management and Budget und des Congressional Budget Office, die Ende 2000 einen unvermutet hohen Haushaltsüberschuss vorhersagten. Da das Wirtschaftswachstum zum gleichen Zeitpunkt etwas nachließ, gelang es der Bush-Regierung, die umfassende Steuersenkung mit dem Argument zu verkaufen, dass die Nationalökonomie dringend angekurbelt werden müsse. Bushs Wirtschaftsberater wussten indes, wie wichtig es war, das Steuerpaket so schnell wie möglich durch den Kongress zu bringen, da fest mit einer Verdüsterung der Haushaltsprognosen und der Verschlechterung der Wirtschaftszahlen zu rechnen war. Schließlich drängte die Zeit auch noch aus einem anderen Grund. Im April zeichnete sich eine machtpolitische Verschiebung ab, die die Republikaner die Senatsmehrheit kosten sollte. Der moderate republikanische Senator James Jeffords aus Vermont verließ seine Fraktion empört, da sie für die Streichung zentraler umwelt- und bil‐ dungspolitischer Programme verantwortlich zeichnete. Von nun an firmierte Jeffords als Unabhängiger und votierte mit den Demokraten. Mit der Steuersenkung hatte Bush sein wichtigstes Wahlversprechen zügig in die Realität umgesetzt und damit zugleich die Steuerpolitik der Regierung Clinton grundlegend revidiert. Clinton hatte den Staat in seinen Reden als wohltätige Institution dargestellt, Bush präsentierte ihn dagegen mit einigem Erfolg als Steuereinzieher. George W. Bushs Berater, Karl Rove, erklärte Anfang 2001 mit Blick auf die von den Republikanern geförderte Steuerpolitik, dass die neuen Initiativen insbesondere Stimmengewinne bei Hispanics und Afroamerikanern einbringen werden: „Wenn es den Leuten bessergeht, wählen sie republikanisch - es sei denn sie haben zu viel Bildung, dann wählen sie demokratisch.“ Vor die schwierigste Entscheidung der ersten Monate wurde der Präsident indes gestellt, als er festzulegen hatte, ob die US-Bundesregierung die Forschung an embry‐ onalen Stammzellen, die die Hoffnung auf Heilung zahlreicher Krankheiten eröffnete, zulassen und mitfinanzieren sollte. Der Präsident fand sich in einem moralischen Dilemma und in der Mitte zwischen zwei mächtigen gesellschaftlichen Lobbies. Auf der einen Seite schlugen Kirchen und Lebensschützer gegen die Unterstützung der Stammzellenforschung und die damit verbundene Verwendung von In-Vitro-Embryo‐ nen Alarm; auf der anderen Seite sprachen sich Wissenschaftler und Krankenorgani‐ sationen dafür aus, die Forschung zu liberalisieren, um lebensrettende medizinische Durchbrüche zu erzielen. Der so genannte „Große Stammzellen-Kompromiss“ des Präsidenten, der lediglich privaten Einrichtungen die Forschung erlaubte und Bun‐ desmittel nur für eine begrenzte Reihe bereits vorhandener Stammzellen-Typen zur Untersuchung freigab, stellte keine der beiden Lobbies zufrieden. Dennoch gelang Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 406 <?page no="407"?> es dem Präsidenten, nicht zuletzt durch geschicktes Timing - Bushs Kompromiss wurde auf dem Höhepunkt der Urlaubssaison im August 2001 verkündet - seiner Entscheidung einen salomonischen Anstrich zu verleihen und aus der Debatte um Ethik und Wissenschaft politisch Profit zu schlagen. Auch die Diskussion um das so genannte menschliche Klonen, mit dem Ziel der Reparatur erkrankter Zellen durch die Erzeugung einer menschlichen Embryozelle, schlug hohe Wellen. Während das re‐ publikanisch dominierte Repräsentantenhaus einen absoluten Bann dieses Verfahrens verfügen wollte, öffnete sich eine Mehrheit im Senat der Lobby der Mediziner und verhinderte damit im Juni 2002 den konservativen Kurs, den eine große Gruppe von Republikanern und der Präsident propagiert hatten. Kritik, vor allem aus dem Ausland, zog George W. Bush auf sich, als er die Ziele des Kyoto-Protokolls von 1997 als fragwürdig abtat. Die Teilnehmer am Kyoto-Gipfel hatten sich darauf verpflichtet, die Kohlendioxidemissionen unter die Marke von 1990 zurückzuschrauben. Zwar unterzeichneten die USA das Protokoll, weigerten sich aber, wie Australien auch, es zu ratifizieren. Die Chefin der Environmental Protection Agency (EPA) in Washington, Christine Todd Whitman, stempelte die Entscheidung von Kyoto als voreilig ab. Der derzeitige Forschungsstand lege keinen Handlungsbedarf nahe. Die Haltung der Bush-Regierung, deren Sprachrohr Whitman zunächst war (im Juni 2003 zog sie sich allerdings aus dem Ministeramt zurück), stellte eine gezielte Tendenzinterpretation der wissenschaftlichen Debatten dar. Weltweit gab es keinen Zweifel daran, dass menschliche Aktivitäten die Atmosphäre in nie da gewesener Weise beeinträchtigten und dass sich die Erde in neuester Zeit konstant und rapide erwärmte. In Kyoto hatten sich 178 Nationen auf eine Strategie der Verantwortung geeinigt. Keiner der Unterzeichner konnte sich sicher sein, dass die Richtlinien eine Verbesserung der globalen Klimasituation mit sich bringen würden. Dass die Washingtoner Regierung eine Beteiligung an dieser Geste internationaler Solidarität ablehnte und einen unilateralen Kurs einschlug, beschädigte das Ansehen der USA in aller Welt erheblich, irritierte jedoch die Bush-Regierung kaum. 1 George W. Bush - Umstrittene Wahl und konservativer Wandel 407 <?page no="408"?> Abb. 23: Die Entwicklung der CO²-Emission in den USA nach Endverbraucher (1949 - 2003) Abb. 24: Der Treibstoffverbrauch in den USA (1960 - 2003) Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 408 <?page no="409"?> In Wirklichkeit bestimmten nicht wissenschaftliche Erkenntnis, sondern wirtschaftli‐ ches Kalkül und die Interessen der Energie- und Automobilindustrie die Haltung der US-Regierung. In Washington hielt man die Durchsetzung der Richtlinien für unfair, da die amerikanische Wirtschaft Schaden erleiden würde. Als ungerecht bezeichneten die USA die Vorschriften überdies, da sie zwar für die Industriestaaten, nicht jedoch für die sich schnell entwickelnden Staaten wie Indien und China gälten. Die Bush-Regierung hatte frühzeitig erklären lassen, dass sie mindestens 1300 neue Kraftwerke bauen und in einem Naturschutzgebiet in Alaska nach Öl bohren lassen wolle; außerdem ließ sie die Bestimmungen des Clean Air Acts aufweichen. Im Jahr 2001 wurden in den USA erstmals mehr geländegängige Fahrzeuge und Kleinbusse als PKWs zugelassen. Da für diese Fahrzeuggruppe keine strengen Emissionsvorschriften gelten und der Kongress im März 2002 ein Gesetz zur Senkung des Benzinverbrauchs ablehnte, erreichte der Benzinverbrauch privater Fahrzeuge 2002 den höchsten Stand seit der Ölkrise im Jahr 1979. Für eine radikale Senkung des Ölverbrauchs wie in den 1980er Jahren - von 1979 bis 1985 war das Bruttoinlandsprodukt um 16 Prozent gewachsen, der Ölverbrauch im gleichen Zeitraum um 15 Prozent gefallen - gab es aus amerikanischer Sicht zu Anfang des 21. Jahrhunderts keinen Anlass. Während sich der Benzinverbrauch in Deutschland zwischen 1970 und 2005 in etwa halbiert hatte, war er in den USA im gleichen Zeitraum um ein Drittel angestiegen. Anfang 2008 verfügte etwa jeder zweite Amerikaner über einen PKW; und jeder der PKWs legte im Schnitt mehr als 20.000 Kilometer pro Jahr zurück. Bereits im Wahlkampf hatte Präsident Bush die Einrichtung eines Raketenabwehr‐ schirms über Amerika zur Priorität gemacht. Sein Amtsvorgänger hatte 1999, sichtlich unter dem Druck der Verteidigungslobby, den Haushaltsposten für Raketenabwehr gehörig aufgestockt und den Aufbau einer limitierten Raketenabwehr in Alaska befür‐ wortet. Die endgültige Entscheidung über die so genannte National Missile Defense (NMD) hatte Präsident Clinton jedoch ausdrücklich zurückgestellt. Im September 2000 hatte der scheidende Präsident erklärt, dass die Raketenbedrohung durch Staaten wie Nordkorea und Irak „real und im Wachsen begriffen“ sei; ob das neue Abwehrsystem aber tatsächlich funktioniere, könne niemand mit Sicherheit sagen. Neben den techni‐ schen Ungewissheiten - NMD konnte nicht unter realistischen Bedingungen erprobt werden, die Booster-Rakete war noch nicht getestet worden, und auf die Frage nach potenziellen Gegenmaßnahmen gab es keine Antwort - war das NMD-Programm vor allem in politischer Hinsicht brisant. Es verstieß gegen den amerikanisch-sowjetischen Rüstungskontrollvertrag (ABM) von 1972 und löste zunächst sowohl in Russland als auch in China Irritationen aus, da es die militärische Verteidigungsfähigkeit dieser Länder gegenüber den USA aus dem Lot zu bringen drohte. Auch die Europäer fürchteten, dass „unverletzbare“ USA den alten Kontinent zur alternativen Zielscheibe für Raketenangriffe machen und von daher ein erhöhtes Angriffsrisiko mit sich bringen könnten. George W. Bush ließ sich von solchen Stimmen nicht beeindrucken. Er setzte neue Akzente, indem er die Militärausgaben für Raketenverteidigung 2001 um 50 Prozent 1 George W. Bush - Umstrittene Wahl und konservativer Wandel 409 <?page no="410"?> auf 7,7 Milliarden Dollar anheben ließ. Im Dezember 2001 kündigten die USA den ABM-Vertrag; ein halbes Jahr später trat dieser offiziell außer Kraft. Hinter dieser Politik stand die Überlegung, dass die Rüstungsphilosophie des Kalten Krieges nicht mehr zeitgemäß und ausreichend sei. Hatte der ABM-Vertrag die gegenseitige Ver‐ wundbarkeit der Supermächte garantiert und damit eine abschreckende Wirkung gezeitigt, so war zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit neuen Feinden - „Schurkenstaa‐ ten“, wie Bush sie nannte - zu rechnen, die sich an diplomatische Abkommen nicht hielten und eine Bedrohung für die USA darstellten. Diesen neuen Gefahren könne man nicht durch Verträge, sondern nur durch eine umfassende „Verteidigung aller 50 Bundesstaaten“ - später bezog der Präsident aus taktischen Erwägungen auch die „Freunde und Alliierten“ mit ein - begegnen. Dementsprechend propagierte die Bush-Administration den Raketenabwehrschirm als die beste Möglichkeit, potenzielle Angreifer vom Bau, Erwerb oder Einsatz von ferngelenkten Waffen abzuhalten. Offi‐ ziell nannte Bush als potenzielle Angreifer Nordkorea, Irak und Iran. Darüber hinaus waren es die, mutmaßlich gegen Taiwan gerichteten, Militärambitionen Chinas und der Konflikt zwischen den Atommächten Pakistan und Indien, die man in Washingtoner Geheimdienst- und Regierungskreisen mit Beunruhigung registrierte. Der ersten echten Krise sah sich die Bush-Administration im April 2001 gegenüber, als ein amerikanisches Spionageflugzeug über dem Südchinesischen Meer mit einem chinesischen Kampfflieger kollidierte. Der amerikanischen Crew gelang eine Bruch‐ landung, aber der chinesische Pilot kam ums Leben. Das Ereignis strapazierte die Beziehungen zwischen den USA und dem bevölkerungsreichsten Land der Welt. Um den Präsidenten zu schützen, hielten ihn seine Berater zunächst völlig aus der Angelegenheit heraus. Nach mehr als einer Woche erreichten US-Diplomaten die Freilassung der von den Chinesen festgehaltenen Crew. Bush weigerte sich allerdings, die geforderte Entschädigung in Höhe von 1 Million Dollar an China zu bezahlen. Um das Verhältnis zwischen beiden Ländern zu verbessern, reduzierte er stattdessen seine Kritik an den strategischen Ambitionen Chinas und an den dortigen Menschenrechts‐ verletzungen. Im Sommer 2001 lag die Anerkennungsrate des Präsidenten konstant nur knapp über dem Wahlergebnis vom November 2000. Nur 53 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner hielten George W. Bush im Juni 2001 für eine effektive Führungs‐ persönlichkeit. Die wirtschaftliche Entwicklung ließ deutliche Schwächen erkennen, und der neue Unilateralismus der USA stieß auf Kritik. Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger hatte sich Bush fast völlig aus dem Nahostkonflikt herausgehalten und die Situation treiben lassen. Darüber hinaus wurde immer deutlicher, dass nicht George W. Bush, sondern dessen Vizepräsident, Dick Cheney, und andere Kabinettsmitglieder die Zügel der Regierung in der Hand hielten. Der Präsident verbrachte ungewöhnlich viel Zeit auf seiner Farm in Texas und an anderen Erholungsorten im Land. Mehr als seine Amtsvorgänger vermied Bush anfangs Pressekonferenzen; in den ersten neun Monaten hielt er nur eine einzige Fernsehansprache. Wenn der Präsident öffentlich auftrat, wirkte er verunsichert und stand in der Gefahr, Sachverhalte unzutreffend oder Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 410 <?page no="411"?> verwirrend wiederzugeben. Aus dieser Situation wurde George W. Bush im September 2001 mit einem Schlag herauskatapultiert. 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ Wie der Angriff auf Pearl Harbor 1941 und die Ermordung Präsident Kennedys 1963 erschütterten die Ereignisse des 11. September 2001 nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern die ganze Welt. Nichts sei mehr so wie am Tag zuvor, schrieben Kommenta‐ toren in aller Welt. Am frühen Vormittag des 11. September entführte eine kleine Gruppe von leicht bewaffneten Terroristen an der Ostküste vier Passagierflugzeuge und verwandelte sie in tödliche Waffen. Zwei der Flugzeuge attackierten das World Trade Center in New York City, ein drittes griff das Pentagon an, während das vierte Flugzeug, das Kurs auf Washington genommen hatte, nach Kämpfen zwischen den Passagieren und Terroristen auf freiem Feld in Pennsylvania niederging. Das Resultat der Angriffe war verheerend. Die beiden Türme des World Trade Center brachen innerhalb von zwei Stunden zusammen und begruben 2823 Menschen unter sich, 190 starben im Pentagon und 266 an Bord der Flugzeuge. Die Terroristen hatten bewusst auf die Symbole der amerikanischen Wirtschafts- und Verteidigungsmacht gezielt. Die Dimension der Terrorattacken, die Zahl der Opfer und die Professionalität der Planung waren beispiellos in der Geschichte. Einige der Terroristen hatten sich zwei Jahre lang zum Piloten ausbilden lassen, um eine möglichst hohe Zielgenauigkeit zu erreichen. Einen Tag nach den Angriffen gab die Bush-Regierung bekannt, dass Osama bin Ladens terroristische Organisation Al-Qaida hinter den Angriffen stecke. Washington forderte die Regierung der Taliban in Afghanistan unter Androhung eines Militärangriffs auf, bin Laden auszuliefern. Wenige Tage später traf unerwartet ein Schwall von Milzbrand-Attacken Florida, Washington, D. C., New York City und New Jersey. Niemand erklärte sich für die auf dem Postweg verschickten mysteriö‐ sen biologischen Angriffe verantwortlich. Das FBI ging von einem einheimischen Hintergrund der Anschläge aus und stellte keinen Zusammenhang zum islamischen Terrorismus her. Die Attacken forderten insgesamt 8 Todesopfer, hatten die Erkran‐ kung von mehreren Dutzend Menschen zur Folge und lösten eine Massenhysterie aus. Ende Oktober 2001 hatten einer CBS-Meinungsumfrage zufolge nur noch 18 Prozent aller Amerikaner grundlegendes Vertrauen in die Fähigkeit der US-Regierung, die Bevölkerung vor Terrorattacken zu schützen. Plötzlich sahen sich die Amerikaner im eigenen Land vehement bedroht. Auch vor dem 11. September hatte es immer wieder Terrorangriffe gegeben, die gegen amerikanische Ziele gerichtet waren, aber kein anderes Ereignis hatte in der Bevölkerung einen wirklichen Bewusstseinsschock aus‐ gelöst. Die Zerstörung der US-Botschaften in Nairobi und Daressalam im August 1998, die insgesamt 224 Menschen, davon 12 Amerikaner, das Leben kostete, und der Angriff auf das Kriegsschiff USS Cole im Jahr 2000, bei dem 17 US-Marinesoldaten ums Leben 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 411 <?page no="412"?> kamen, waren Belege für die weltweite Ausdehnung des antiamerikanischen Terrors. Daneben waren in den 1990er Jahren auch Ziele innerhalb der USA attackiert worden. Ein Angriff auf das World Trade Center in New York hatte 1993 sechs Menschenleben gefordert, über 1000 waren verletzt worden; und bei einer Attacke auf das Alfred P. Murrah Building in Oklahoma City 1995 hatte es nicht weniger als 168 Tote gegeben. In beiden Fällen waren die Verantwortlichen jedoch schnell identifiziert, gefasst und verurteilt worden, und Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma, wurde 2001 nach einem Aufsehen erregenden Prozess hingerichtet. In keinem der Fälle hatte sich die amerikanische Bevölkerung in ihrer Angst vor weiteren Anschlägen und in ihrer Orientierungslosigkeit so einig gefunden wie im Herbst 2001. Die Welt nahm Anteil am Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen, und Bundeskanzler Gerhard Schröder bekundete die „uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands mit den USA. George W. Bush kündigte in apokalyptischen Metaphern einen „monumentalen Kampf zwischen Gut und Böse“ an. Dass Bush nicht schnell genug nach Washington zurückgekehrt war und bei den ersten öffentlichen Auftritten unsicher gewirkt hatte, war bald vergessen. Nach kurzem sammelte sich Amerika geschlossen hinter einem George W. Bush, dessen sorgfältig einstudierte Ansprache vor dem Kongress am 20. September 2001 auf den Fernsehbildschirmen über 80 Millionen Amerikaner erreichte. Mit einem Mal fand der Präsident, der „langsam in die Geschichte eingelaufen war“ (Frank Bruni), Anerkennung als Anführer und Symbolfigur der Nation. Die Ausrichtung der politischen Diskussion auf außenpolitische Themen stärkte das Image George W. Bushs, der von der Bevölkerung „Geduld“ für einen langen Kampf erwartete. Afghanistan Unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September gelang es den USA, in kürzester Zeit eine „internationale Koalition gegen den Terror“ zu schmieden. Ihr gehörten neben einigen NATO-Ländern auch Russland, China, Indien und selbst Pakistan an. Unter diesen für sie günstigen internationalen Umständen - die NATO hatte zum ersten Mal in ihrer Geschichte den kollektiven Verteidigungsfall beschlossen - begannen die USA und Großbritannien am 7. Oktober mit Luftangriffen gegen Osama bin Ladens Trainingslager in Afghanistan. Wenige Tage danach beteiligten sich auch die Streitkräfte der so genannten Nordallianz, einer heterogenen Gruppe von afghanischen Oppositionellen, als Bodentruppen an den gegen die Taliban gerichteten Kämpfen. Osama bin Laden rief die Muslime in aller Welt auf, sich gegen die USA zu erheben. Einige Wochen lang zögerten die USA mit größeren militärischen Aktionen. Als das Pentagon jedoch erkannte, dass die Nordallianz den Vorstoß aus eigener Kraft schaffen würde, intensivierten die Amerikaner ihre Bombardements und trugen zum raschen Siegeszug der Nordallianz bei. Am 13. November 2001 zogen Soldaten der Allianz siegreich in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein. Der Vorstoß wurde in der westli‐ chen Welt als kulturelle Befreiung von der repressiven Herrschaft der Taliban gefeiert. Dass die afghanischen Fundamentalisten einst von den Amerikanern eingesetzt und Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 412 <?page no="413"?> bin Laden von den USA im Kampf gegen den Kommunismus unterstützt worden war, wurde in den Nachrichten heruntergespielt. Frauen zeigten sich in der Öffentlichkeit, zum Teil ohne Schleier, und Kinos öffneten ihre Türen. Unterdessen nahmen die von US Special Forces unterstützten Truppen der Nordallianz die Taliban-Hochburg Kandahar ein und marschierten in die Berge bei Tora Bora, wo sich, Abhörnachrichten zufolge, bin Laden und dessen loyale Anhänger in einem ausgedehnten Höhlensystem aufhalten sollten. Die Kommandeure der US-Streitkräfte überließen die Abriegelung der Fluchtwege der Nordallianz. Aber bald stellte sich heraus, dass Tausenden von Taliban und Al-Qaida-Anhängern die Flucht gelungen war. Von Osama bin Laden, den Präsident Bush „tot oder lebendig“ fassen wollte, fehlte jede Spur. Zur Herstellung der politischen Ordnung und mit massiver amerikanischer Unterstützung wurde unterdessen in Kabul eine Interimsregierung unter der Führung Hamid Karzais, eines ethnischen Paschtunen, eingerichtet. Angehörige der in der Nordallianz repräsentier‐ ten ethnischen Tajik bildeten die Mehrheit der neuen Regierungsmitglieder. Im Juni 2002 wurde Karzai für weitere 18 Monate in seinem Amt bestätigt. Dessen Bitten um Verstärkung der internationalen Sicherheitskräfte fanden dennoch in Washington kein Gehör. Vielmehr zog sich Amerika sukzessive aus Afghanistan zurück. Neben den USA, die durchgängig das größte Gruppenkontingent in Afghanistan stationierten, beteiligten sich auch andere Nationen finanziell und mit Truppen - Anfang 2006 waren es nicht weniger als 7000 nichtamerikanische Soldaten - am Wiederaufbau eines Landes, dessen Bevölkerung und Infrastruktur durch eine dichte Folge von Kriegen und Kämpfen in den vorausgehenden Jahrzehnten heftig in Mitleidenschaft gezogen war. Wie gefährlich und instabil die Verhältnisse in Afghanistan allerdings waren, zeigte sich im Juli 2002, als der afghanische Vizepräsident Haji Abdul Qadir in Kabul ermordet wurde; Karzai selbst entkam im September einem Bombenanschlag nur um Haaresbreite. Im Laufe des Jahres 2002 waren bei amerikanischen Angriffen nicht nur Taliban, sondern auch eine große Zahl von Zivilisten getötet worden. Das Pentagon gestand in einigen Fällen Irrtümer und Fehler ein. In Afghanistan, aber auch im angrenzenden Pakistan, wo der Chef der Militärregierung, General Musharraf, sich überraschend von der Unterstützung seiner ehemaligen Verbündeten, der Taliban, losgesagt hatte, kam es immer wieder zu Anschlägen fundamentalistischer Muslime, bei denen auch westliche Zivilisten ums Leben kamen. Der Weg in den Irak-Krieg Die erfolglose Suche nach Osama bin Laden und die Zerstörung des terroristischen Al-Qaida-Netzwerks wurde im Verlauf des Jahres 2002 immer stärker von der Debatte um einen möglichen Krieg gegen den Irak überlagert. Die Option eines Krieges gegen Saddam Hussein war anfangs von einem kleinen Kreis von Konservativen um den stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz in die öffentliche Debatte eingebracht worden. Bald unterstützten auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Vizepräsident Cheney und die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice eine 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 413 <?page no="414"?> militärische Intervention gegen Saddam Hussein. Zu einer Ausweitung der Debatte um den Irak kam es im Gefolge der Rede des Präsidenten zur Lage der Nation am 29. Januar 2002, in der George W. Bush den Irak, den Iran und Nordkorea als „Achse des Bösen“ bezeichnete. Außenminister Powell zeigte sich angesichts der Wortwahl, die historische Parallelen zur faschistischen Achse im Zweiten Weltkrieg hervorrief, besorgt. Allerdings betonten Sprecher des Weißen Hauses, dass man in die Rede nicht zu viel hineininterpretieren solle. Einen schärferen Ton als im Januar fand der Präsident dann in einer Rede an der Militärakademie in West Point am 1. Juni 2002. Dort erklärte Bush, dass die Kalte-Kriegs-Strategie der nuklearen Abschreckung (deterrence) und Eindämmung (containment) in einer vom Terrorismus bedrohten Welt nicht mehr wirksam sei. Einzig durch einen Erst- oder Präventivschlag - so lautete die Bush-Doktrin - könne man gegen die neuen Feinde vorgehen. Obwohl der Irak in der Rede nicht explizit erwähnt wurde, gab es keinen Zweifel daran, dass mit den neuen Feinden in erster Linie Saddam Hussein und dessen Anhänger gemeint waren. In einer Fernsehansprache am 7. Oktober 2002 erklärte der Präsident denn auch, dass Bagdad chemische und biologische Vernichtungswaffen besitze und nur noch wenige Jahre vom Erwerb nuklearer Waffen entfernt sei, die das Leben und die Interessen der Amerikaner bedrohten. Da die Geheimdienste - entgegen den Behauptungen der Bush-Regierung - keine Belege dafür hatten, dass Saddam Hussein in die Terrorattacken vom 11. September involviert gewesen war, kam es vor allem in Europa und im Mittleren Osten zum Protest gegen Bushs Interventionskurs. Kritik entzündete sich zum einen daran, dass die Terroristen nicht aus dem Irak, sondern mehrheitlich aus Saudi-Arabien stammten und dass es zwischen dem religiösen Fanatiker Osama bin Laden und dem irakischen Diktator Hussein ideologisch kaum Berührungspunkte gab. Vor diesem Hintergrund meldeten sich anfangs auch innerhalb der amerikanischen Regierung verschiedene Stimmen zu Wort. Während Vizepräsident Cheney hervorhob, dass eine Wiederaufnahme der UNO-Waffenkontrollen im Irak die Welt nur in falscher Sicherheit wiegen würde - „die Risiken der Inaktivität“ seien „größer als die Risiken der Aktivität“ -, räumte Außenminister Powell der Rückkehr der Waffeninspekteure hohe Priorität ein. In Europa war es vor allem Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder, der unmittelbar vor der Bundestagswahl 2002, teilweise aus wahltaktischen Überlegungen, jede Beteiligung Deutschlands an einer Intervention im Irak ablehnte und dadurch heftige Kritik aus Washington auf sich zog. Am 12. September kündigte Präsident Bush in einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen an, dass er in der Irakfrage mit dem UN-Sicherheitsrat zusammenarbeiten wolle. Damit dämpfte er die Kritik am Unilateralismus der USA. Als Saddam Hussein jedoch wenige Tage später UN-Waffeninspekteure in sein Land ließ, wurden die Differenzen zwischen den USA einerseits und Ländern wie Russland und Frankreich andererseits wieder größer. Die amerikanischen Befürworter eines Krieges sahen ihre Position angesichts von Husseins vordergründiger Kooperations‐ bereitschaft gefährdet. Nach dem Golfkrieg war der Irak als Aggressorstaat einer Reihe Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 414 <?page no="415"?> von Einschränkungen unterworfen worden, die unter anderem die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einschlossen. Mit den Waffenkontrollen der UNO sollte Hussein von einem neuen Aggressionskurs abgehalten werden. Die Proklamation der Nationalen Sicherheitsstrategie im September 2002 zeigte deutlich, dass die Bush-Ad‐ ministration weniger an der systematischen Durchführung von Waffenkontrollen als an einem „vorgreifenden Militärschlag“ interessiert war. Die von George W. Bush beanspruchte preemptive action sah nicht erst in der Unmittelbarkeit der Bedrohung, sondern bereits in der potenziellen Gefahr, die von einem „Schurkenstaat“ ausging, eine ausreichende Grundlage für einen Militäreinsatz. Juristen in aller Welt zeigten sich besorgt, weil die neue Doktrin im geltenden Völkerrecht keine Stütze hatte. Im Vorfeld der Kongresswahlen vom 5. November 2002 wagten es die meisten De‐ mokraten nicht, gegen den Irak-Krieg zu stimmen, auf den die US-Regierung zielstrebig zusteuerte. Ex-Vizepräsident Al Gore bezeichnete die Kriegsvorbereitungen zwar als Ablenkung von der vernachlässigten Aufgabe des Kampfes gegen den Terrorismus; die von der Bush-Regierung geschürten Ängste vor Terrorattacken und die patriotische Grundstimmung in der Bevölkerung verhinderten jedoch das Aufkommen einer star‐ ken Opposition. Keinesfalls wollten die Demokraten wieder die unpopuläre Position der Kriegsgegner einnehmen, die ihnen politisch schon zweimal geschadet hatte. Mit ihrem Antikriegskandidaten für die Präsidentschaftswahl, George McGovern, hatten sie 1972 haushoch gegen Nixon verloren. Im Golfkrieg von 1991 hatte sich die Mehrheit der Demokraten gegen George Bush senior gestellt. Nach dem erfolgreichen Feldzug gegen den Irak wurden die Demokraten damals als Diktatorenfreunde verpönt; ihr Image der Inkompetenz in Fragen der nationalen Sicherheit wurden sie nicht mehr los. So autorisierte der Senat am 11. Oktober mit 77 zu 23 Stimmen den Präsidenten, nach dem Scheitern aller diplomatischen Bemühungen gegebenenfalls militärisch gegen den Irak vorzugehen. Etwa zum gleichen Zeitpunkt erhielt Jimmy Carter - nach Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson als dritter US-Präsident - den Friedensnobelpreis. Viele internationale Beobachter werteten die Preisverleihung als subtile Kritik an dem aggressiven Irakkurs der Bush-Administration. Anfang November 2002 beschloss der Weltsicherheitsrat mit der Resolution 1441 eine neue Runde rigoroser Waffeninspektionen im Irak. Obwohl der Beschluss einstim‐ mig gefasst wurde, war das Gremium hinter den Kulissen zutiefst gespalten. Ende Januar 2003 kritisierten die UN-Waffeninspekteure den Irak einerseits dafür, dass die „geforderte Abrüstung“ nicht vollständig durchgeführt worden sei; andererseits betonten sie, es sei noch zu früh, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Im Gegensatz zu den USA und Großbritannien betonten China, Frankreich und Russland, man solle die Inspektionen fortsetzen. Während die Debatten im Sicherheitsrat weiterliefen und sich weltweit massive Antikriegsdemonstrationen formierten, entsandten die USA 250.000 Soldaten in die Golfregion; Großbritannien schickte weitere 45.000. Als sich im Februar 2003 abzeichnete, dass ein Ultimatum an den Irak keine Mehrheit im Weltsicherheitsrat finden würde, erklärte der amerikanische Präsident kurzerhand die Mission der Waffeninspekteure für gescheitert. Am 17. März 2003 kündigte er 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 415 <?page no="416"?> Saddam Hussein und dessen Söhnen an, sie sollten innerhalb von 48 Stunden das Land verlassen. Zwei Tage später schlugen die USA und Großbritannien, unterstützt von einer multinationalen „Koalition der Willigen“, der unter anderem Australien, Polen und Spanien angehörten, gegen den Irak los. Der Krieg im Irak In militärstrategischer Hinsicht unterschied sich der Irak-Krieg von 2003 grundlegend vom Golfkrieg 1991. An Stelle des massiven Einsatzes von Bodentruppen kamen lediglich zwei amerikanische und eine britische Heeresdivision zum Einsatz; und statt der vorbereitenden Attacken aus der Luft, die für Operation Desert Storm charakteris‐ tisch gewesen waren, setzten die Luft- und Bodenattacken im März 2003 nahezu gleichzeitig ein. Das veränderte militärische Vorgehen entsprach der Philosophie von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der auf die Überlegenheit der US-Militärtech‐ nologie setzte. Die Kombination von Aufklärung (mit Satelliten), Präzisionskampf (mit intelligenten Waffensystemen), „Effektorientierung“ (mittels harter, schnell aufeinan‐ der folgender Waffenschläge) machte nach Rumsfelds Auffassung die Verwendung massiver Truppenverbände verzichtbar; an ihre Stelle sollten kleinere und bewegliche Bodeneinheiten treten. Dass es auch lautstarke Kritiker der neuen Strategie gab - zu ihnen gehörten so prominente Militärexperten wie General Barry R. McCaffrey, der aus der Erfahrung des Golfkriegs von 1991 für den Einsatz größerer Bodenverbände plädierte -, hatte keinen Einfluss auf das Vorgehen des Pentagon. George W. Bushs Krieg gegen den Irak begann am 19. März 2003. Durch Überra‐ schungsschläge und massive Bombardierungen sollte die Moral der Iraker von Anfang an zermürbt werden. „Shock and Awe“ (Schock und ehrfürchtige Lähmung) nannte das US-Militär die neue Strategie. Ziel der ersten Bombenattacken war unter anderem ein Bunker in Bagdad, in dem sich Saddam Hussein vermeintlich aufhielt; später stellte sich heraus, dass es diesen Bunker gar nicht gab. Auch sonst verlief nicht alles nach Plan. Die USA hatten gehofft, nicht nur von Süden, sondern auch von Norden in Richtung Bagdad zu marschieren, aber die türkische Regierung verweigerte den USA trotz lukrativer Offerten Stützpunkte zur Stationierung von Truppen. Auch kamen die amerikanischen und britischen Verbände im Süden des Landes langsamer voran als geplant. Vor dem Krieg waren die Militärplaner in Washington davon aus‐ gegangen, dass Husseins Republikanische Garde vor Bagdad den größten Widerstand entgegenbringen würde; stattdessen kam es in mehreren Städten im Süden des Irak zu Auseinandersetzungen mit paramilitärischen Verbänden, die zum Teil aus Syrien und Afghanistan stammten. Der städtische Guerillakrieg und die terroristischen Anschläge von Selbstmordattentätern sollten über Jahre hinweg zur Signatur der militärischen Auseinandersetzungen im Irak werden. Über die Fernsehsender in aller Welt fanden unterdessen die Bilder eines raschen alliierten Vormarsches weite Verbreitung. Am 3. April nahmen die Amerikaner den Flughafen von Bagdad ein; am 7. April besetzte die Zweite Brigade das Zentrum Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 416 <?page no="417"?> von Bagdad, und am 9. April wurde die große Saddam-Statue in Bagdad in einer medienwirksamen US-Inszenierung, an der Exil-Iraker teilnahmen, von ihrem Sockel gestürzt. Schon wenige Tage später, am 1. Mai 2003, erklärte Präsident Bush an Bord des Flugzeugträgers Lincoln, „die Kampfhandlungen im Irak“ seien „weitgehend beendet“. 138 US-Soldaten hatten bis zu diesem Zeitpunkt ihr Leben verloren. Nach dem Zusammenbruch von Husseins Regime kam es insbesondere in der irakischen Hauptstadt zu unkontrollierten Ausschreitungen der Zivilbevölkerung. Die USA hatten zwar darauf geachtet, dass das Ölministerium und das Innenministerium (mit Husseins Geheimdienstkartei) von Bombardierungen ausgenommen und von den Besatzungstruppen strengstens bewacht wurden; Banken, Geschäfte und Büros dagegen - und selbst das Archäologische Museum mit seinen bedeutenden Kultur‐ schätzen - blieben ungeschützt und wurden zu Schauplätzen der Plünderung und des Vandalismus. Das Ziel der USA, im Irak stabile Verhältnisse zu schaffen und demokratische Strukturen zu etablieren, erwies sich als ausgesprochen schwierig zu erreichen. Gewalt und Geiselnahmen nahmen nach dem offiziellen Ende der Kriegshandlungen ständig zu. Daran änderte sich auch nichts, als den Amerikanern im Dezember 2003 mit der Festnahme Saddam Husseins ein spektakulärer Schlag gelang. Der gestürzte Diktator wurde in einem Erdloch in der Nähe seiner Heimatstadt Tikrit festgenommen; auf den Bildern, die in aller Welt kursierten, machte Hussein einen völlig verwahrlosten und zerzausten Eindruck; aber zur Demoralisierung des irakischen Widerstands trug die Festnahme keineswegs bei. Auch die Hoffnung der Amerikaner, die Aktionen der Rebellen würden sich in erster Linie auf die Gebiete der Sunniten beschränken, die unter Saddam großen Einfluss gehabt hatten, sollte sich schnell zerschlagen. Im April 2004 erhoben sich unabhängig voneinander Rebellen im sunnitischen Falludscha und Schiiten in Bagdad gegen die amerikanische Besatzungsmacht. An beiden Schauplätzen gerieten die Amerikaner unerwartet heftig unter Beschuss. Im westlich von Bagdad gelegenen Falludscha wurde nach zweiwöchigen Kämpfen ein Kompromiss mit den Rebellen ausgehandelt, der die US-Armee am Vordringen ins Stadtzentrum hinderte; Ende 2004 kam es dann zur so genannten „Eroberung Falludschas“, bei der die Amerikaner, wie das Pentagon im No‐ vember 2005 eingestand, geächtete Chemikalien (weißen Phosphor) als Brandwaffen gegen die Rebellen einsetzten. Die vermeintlichen militärischen Erfolge konnten indes nicht verhindern, dass Falludscha auch nach der Eroberung eine Hochburg sunnitischer Rebellen blieb. Der schiitische Widerstand formierte sich im April 2004 noch breiter als der der Sunniten. In der so genannten „Mahdi-Armee“, der Miliz des radikalen Geistlichen Muktada el Sadr, der eine Theokratie nach dem Vorbild des Iran propagierte, versam‐ melten sich Hunderte von Kämpfern, die bereit waren, die heiligen Städte Nadschaf und Kerbela bis in den Tod gegen den Übergriff der amerikanischen Besatzer zu verteidigen. Zu einer Eskalation der Gewalt kam es im August 2004 in der Gegend der Imam Ali Moschee in Nadschaf. Nur durch das Einlenken des einflussreichen 75-jährigen 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 417 <?page no="418"?> Schiitenführers Ali al-Sistani, der eigens aus dem Londoner Exil eingeflogen war, um sich am Wiederaufbau des Irak zu beteiligen, fanden die Luftattacken gegen die Rebellen und die blutigen Bodenkämpfe ein vorläufiges Ende. Bereits am 28. Juni 2004 hatten die Amerikaner eine Übergangsregierung unter der Führung Ijad Alawis eingesetzt. Als ehemaliges Mitglied von Husseins Baath-Partei hatte sich der säkulare Schiit Alawi nacheinander der Opposition gegen den Diktator angeschlossen und dann ins Exil abgesetzt, wo er intensive Kontakte zum amerikani‐ schen Geheimdienst CIA unterhielt. Den Amerikanern schien er als idealer Kandidat für das Amt des Übergangspräsidenten, weil er bereit war, mit Härte gegen die irakischen Rebellen aller Couleur vorzugehen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen ließ er Saddam Hussein demonstrativ vor ein irakisches Gericht stellen. In der Anklage wurde dem Diktator die Verantwortung für die Ermordung von Zehntausenden seiner Landsleute zur Last gelegt. Mehr als ein Jahr später, im Oktober 2005, begann der Prozess gegen Saddam Hussein vor einem von Washington finanzierten, irakischen Sondertribunal. Um eine Wiederholung des komplexen und langwierigen Gerichts‐ verfahrens gegen den jugoslawischen Kriegsverbrecher Milošević zu vermeiden, kon‐ zentrierte sich die Anklage bewusst auf einige Schlüsselereignisse - in erster Linie das Massaker im Dorf Dujail, bei dem im Jahr 1982 150 Menschen ermordet worden waren -, anstatt die Gräueltaten der 24-jährigen Amtszeit Husseins umfassend zu verhandeln. Internationale Beobachter spekulierten, dass das Massaker unter anderem deshalb von der Anklage ausgesucht worden war, weil es - im Gegensatz zu anderen Verbrechen Husseins und der Baath-Partei - von den USA nicht (stillschweigend) gebilligt worden war. Der Prozess gegen Hussein ordnete sich in eine Reihe von Ereignissen ein, die die Einkehr von Stabilität und Ordnung im Irak suggerierten. Am 30. Januar 2005 hatten Millionen von Irakern - trotz terroristischer Drohungen und mehr als 260 blutigen Anschlägen am Wahltag - an den ersten freien Wahlen des Landes nach mehr als 50 Jahren teilgenommen. Während die Sunniten die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung weitgehend boykottierten, gingen Kurden und Schiiten in großer Zahl zu den Urnen. In einer Volksabstimmung am 15. Oktober 2005 wurde eine von der Nationalversammlung ausgearbeitete Verfassung angenommen, und am 15. Dezember 2005 fanden Parlamentswahlen statt. Im Ergebnis führte die von religiösen Schiiten beherrschte Vereinigte Irakische Allianz mit weitem Abstand vor dem Kurden-Block und der arabisch-sunnitischen Listenverbindung „Irakische Konsensfront“. Dass die politischen Erfolge sich - entgegen der Hoffnung der US-Regierung - nicht in gestärktem Vertrauen gegenüber den Amerikanern niederschlugen, hatte zum einen damit zu tun, dass die Gewalt im Lande nicht nachließ; zum anderen waren die amerikanischen Besatzer offenkundig nicht in der Lage, den Wiederaufbau des Landes voranzutreiben. In einigen Städten konnten Krankenhäuser und Schulen renoviert und Polizei- und Feuerwehrstationen eingerichtet werden. Aber Anfang 2008 - fünf Jahre nach Beginn des Irak-Krieges - konnte die irakische Bevölkerung noch immer nur mangelhaft mit Strom versorgt werden. Die Ölproduktion lag mit 2,2 Millionen Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 418 <?page no="419"?> Fass pro Tag deutlich unter dem Vorkriegsniveau von 3 Millionen. Auch hatten mehr als 20 Prozent der Iraker keinen Zugang zu Trinkwasser; und deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung war ohne Arbeit. Nur ein geringer Bruchteil der vom US-Kongress bewilligten Entwicklungsfonds konnte für den Wiederaufbau verwendet werden; ein Großteil der Gelder musste zur Verbesserung der Sicherheitslage statt für den Wiederaufbau umgewidmet werden. Bürokratie, Missmanagement und mangelnde Sicherheit waren die Hauptgründe für die Beeinträchtigung des Wiederaufbaus. Mehr als 400 irakische Unternehmer und Tausende von Polizisten wurden zwischen 2003 und 2006 ermordet; insgesamt verloren in den ersten fünf Kriegsjahren etwa 80.000 bis 90.000 irakische Zivilisten ihr Leben. Innenpolitische Reaktionen auf den 11. September 2001 Die Ereignisse vom 11. September hatten auch gravierende innenpolitische Auswir‐ kungen. Am 6. Juni 2002 kündigte der Präsident in einer national ausgestrahlten Fernsehansprache die „umfassendste Reorganisation der Bundesregierung seit den 1940er Jahren“ an. Bushs historische Anspielung bezog sich auf die Einrichtung des US-Verteidigungsministeriums durch Harry S Truman im Jahr 1945. Unter strenger Geheimhaltung - im Gegensatz zur Amtszeit Clintons drangen aus Bushs Weißem Haus nur selten unbeabsichtigt Nachrichten an die Öffentlichkeit - hatte der Präsident die Einrichtung eines neuen Ministeriums für Heimatschutz (Department of Homeland Security, DHS) vorbereitet. Das drittgrößte Ministerium fasste 22 Bundesbehörden, die sich mit Aspekten der Sicherheit beschäftigten, zu einer monumentalen Institution mit mehr als 160.000 Mitarbeitern und einem Haushalt von schon zu Anfang mehr als 36 Milliarden Dollar zusammen. Unter anderem wurden Funktionen der Zoll- und Einwanderungsbehörden, der Küstenwacht und des Secret Service unter dem neuen Dach vereint. Die Einrichtung des neuen Ministeriums, die formell Anfang 2003 erfolgte, demonst‐ rierte die neue Ziel- und Schwerpunktsetzung der Administration. Der Begriff „Home‐ land Security“ war ursprünglich nur im Pentagon für den Bereich Innere Sicherheit verwendet worden. Anfang 2001 hatten zwei Senatoren in einer überparteilichen Kommission die Einrichtung einer Homeland Security Behörde erörtert, aber erst der 11. September schuf das für die institutionelle Veränderung notwendige Meinungs‐ klima. Im Oktober 2001 hatte Bush ein Büro für Homeland Security im Westflügel des Weißen Hauses einrichten lassen. Dessen erster Chef, Tom Ridge, der ehemalige Gouverneur von Pennsylvania, hatte neben seinem Harvard-Abschluss und einer Dekorierung aus dem Vietnamkrieg vor allem eine freundschaftliche Verbindung zum Präsidenten vorzuweisen. Er wurde Anfang 2003 offiziell zum neuen Chef des Department of Homeland Security ernannt, das vom Kongress und der Bevölkerung volle Unterstützung erhielt. Mit der Einrichtung des neuen Ministeriums hatte Bush nicht nur auf die Ängste der Bevölkerung vor neuen Terrorangriffen, sondern auch auf das Versagen der 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 419 <?page no="420"?> Geheimdienste FBI und CIA im Vorfeld des 11. September reagiert. Die öffentliche Kritik an diesen Behörden, die in der amerikanischen Geschichte nur mit Pearl Harbor zu vergleichen war, führte dazu, dass Bush sich im Herbst 2002 gezwungen fühlte, eine unabhängige Kommission zur Untersuchung der Terroranschläge einzurichten. Offenkundig hatte die CIA versäumt, die Namen von zwei Flugzeugentführern an die Einwanderungsbehörde weiterzugeben, obwohl ihr die Al-Qaida-Zugehörigkeit bekannt war. Das FBI hatte trotz Warnungen darauf verzichtet, einer Spur nachzuge‐ hen, die zu dem vermeintlichen zwanzigsten Flugzeugentführer, Zacarias Moussaoui, geführt hätte. Auch Meldungen vom Sommer 2001 über eine außergewöhnlich hohe Zahl arabischer Flugschüler waren nicht weiterverfolgt worden. Bush selbst geriet vorübergehend ins Kreuzfeuer der Kritik, da er etwa einen Monat vor dem Septemberat‐ tentat darüber informiert worden war, dass bin Laden die Entführung von Flugzeugen in die USA plante. Dass die Terrorangriffe sich von den Geheimdiensten nicht hatten vermeiden lassen, führte im Laufe des Jahres 2002 zur Reorganisation des FBI, das seinen Schwerpunkt von der Strafverfolgung auf die Frühaufklärung von Verbrechen verlegte, während die CIA die Gegenspionage ausbaute und gezielt Spezialisten und Übersetzer für arabische Kulturen anheuerte. In einem ausführlichen Bericht der überparteilichen 9 / 11-Kommission, der im Juli 2004 veröffentlicht wurde, hieß es abschließend, die Terrorattacken „waren ein Schock“, aber sie hätten für die Regierung „keine Überraschung sein dürfen“. Die Vorgeschichte des Irak-Kriegs wird sich Historikern erst nach und nach erschlie‐ ßen. Fest steht allerdings, dass das Büro von Vizepräsident Cheney hinter den Kulissen eine bedeutende Rolle in der propagandistischen Vorbereitung des Krieges spielte. Auch die New York Times, die sich im Nachhinein - in einer historisch einmaligen Selbstanklage - dafür entschuldigte, war einer Reihe von Legenden über Saddam Husseins aggressive Politik (aus den Kreisen von Husseinfeinden und Exilirakern) aufgesessen. Vor allem aber hatte Vizepräsident Cheney bereits ein Jahr vor Beginn des Irakfeldzugs die Behauptung lanciert, Saddam Hussein habe sein Nuklearprogramm „wieder in Kraft gesetzt“. Einige Monate später hatte die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice suggestiv und medienwirksam erklärt, man könne nicht abwarten, bis der irakische Diktator den unschlagbaren Beweis seiner Nuklearkapazität „in Form eines Atompilzes“ liefere. Mit der - in Wirklichkeit längst widerlegten und bewusst irreführenden - Behauptung, Saddam Hussein habe versucht, im westafrikanischen Niger Uran zu kaufen, gelang es dem Präsidenten in seiner Rede zur Lage der Nation im Januar 2003, die Kriegsbereitschaft der amerikanischen Bevölkerung zu steigern. Als der Ex-Diplomat Joseph Wilson Bushs Behauptung im darauffolgenden Juli als falsch entlarvte, setzte Vizepräsident Cheney über seinen Stabschef Lewis „Scooter“ Libby eine Kampagne gegen den Diplomaten und dessen Ehefrau Valerie Plame in Gang. In deren Folge kam es zur Enttarnung der verdeckt arbeitenden CIA-Mitarbeiterin Plame, zur Verhaftung der New York Times-Reporterin Judith Miller, die über die Geschichte berichtete und den Namen ihres Informanten nicht preisgab, sowie zu Ermittlungen gegen das Weiße Haus und das Büro des Vizepräsidenten. Obwohl es sich Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 420 <?page no="421"?> bei der politisch motivierten Enttarnung von Valerie Plame um ein schwerwiegendes Vergehen gehandelt hatte, hielt sich der Schaden für die Bush-Regierung in Grenzen. Zwar wurde im Frühjahr 2007 mit „Scooter“ Libby einer der höchstrangigen Mitarbeiter des Weißen Hauses in der amerikanischen Geschichte angeklagt; Libby wurde jedoch nicht etwa vorgeworfen, Valerie Plame widerrechtlich enttarnt zu haben, sondern lediglich die Justiz in ihren Ermittlungen durch Falschaussagen behindert zu haben. Am Ende begnadigte George W. Bush seinen Adlatus noch, so dass Libby sogar die wegen mehrfachen Meineids vorgesehene 30-monatige Gefängnisstrafe erspart blieb. Zur Belastung für den Rechtsstaat wurde die Einführung neuer juristischer Prin‐ zipien und sicherheitspolitischer Maßnahmen als Reaktion auf die Terrorattacken vom 11. September. Eine Grundlage für die Kompetenzerweiterungen des Staates bot unter anderem das im Oktober 2001 mit überwältigender Mehrheit verabschiedete Patriotengesetz (Patriot Act), das im Namen der nationalen Sicherheit die Überwa‐ chungsmöglichkeiten der Polizeiorgane und die Kompetenzen der Geheimdienste stärkte und das Bush, wie er in seiner Rede zur Lage der Nation im Januar 2006 erklärte, beibehalten wollte. Im November 2001 autorisierte Bush in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte zum ersten Mal seit Truman die Einrichtung von Militärgerichten für ausländische Kriegsgefangene. Um der Kritik von Bürgerrechtlern und Juristen zu begegnen, entwickelte das Pentagon Regeln, die die Transparenz der Verfahren und die Verteidigung der Angeklagten garantierten, als Beweise aber auch Zeugnisse vom Hörensagen akzeptierten. Die Kritik an den Militärgerichten verstummte erst, als die Administration zu verstehen gab, dass in nächster Zeit keine Militärverfahren anstünden. Als potenzielle Kandidaten hatten zunächst jene etwa 650 als Talibankämpfer beschuldigten Gefangenen gegolten, die zumeist in Afghanistan und Pakistan festgenommen worden waren und ohne Anklage und ohne Verteidigung auf dem US-Marinestützpunkt Guantánamo Bay in Kuba festgehalten wurden. Da sie sich nicht in den Vereinigten Staaten aufhielten, gab es nach amerikanischem Recht keine Grundlage gegen deren unbefristete Inhaftierung. Dass sich unter den Gefangenen auch zwei amerikanische Staatsbürger befanden, deren bürgerliche Rechte eingeschränkt wurden, löste einen Streit zwischen Exekutive und Judikative aus. Noch problematischer war die Internierung von mehr als 1000 Menschen, deren Namen aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht veröffentlicht wurden. Nach Angaben des Justizministeriums handelte es sich um Personen, die im Verdacht standen, ein Staatsverbrechen begangen oder gegen Einwanderungsbestimmungen verstoßen zu haben. Aber auch so genannte „materielle Zeugen“ fanden sich in der Gruppe der Internierten. Sie konnten, auch ohne an einem Verbrechen beteiligt zu sein, festgehalten werden, wenn sie über „wichtige Informationen für ein kriminelles Vorhaben“ verfügten. Im Laufe des Jahres 2002 wurden die meisten Internierten entlassen und eine Reihe von Bürgerrechten mit Erfolg eingeklagt. Allerdings zeigte sich seinerzeit bei Meinungsumfragen, dass eine überwältigende Mehrheit der Ameri‐ kaner - immerhin 80 Prozent der Bevölkerung - bereit war, den rechtlichen Schutz der Freiheit zu opfern, um dadurch mehr Sicherheit zu gewinnen. 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 421 <?page no="422"?> Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet Präsident Bush schließlich Ende 2005, als er einräumte, den Geheimdienst NSA im Jahr 2002 bevollmächtigt zu haben, Telefonate und E-Mail-Kontakte zwischen den USA und dem Ausland zu überwachen. Seither hat es Hinweise darauf gegeben, dass der hochgeheime große Lauschangriff der NSA von Bush nicht erst nach dem 11. September, sondern bereits Monate zuvor angeordnet worden war und dass nicht nur potenzielle Al-Qaida-Terroristen, sondern Hunderttausende von US-Bürgern überwacht wurden. Die meisten Rechtsexperten sind sich einig, dass Bush mit seiner Nacht-und-Nebel-Aktion nicht nur gegen ein Gesetz von 1978 (Foreign Intelligence Security Act, FISA) verstoßen hat, das die Überwa‐ chung der Telefone von US-Bürgern nur in Ausnahmefällen und nur mit richterlicher Genehmigung erlaubt. Vielmehr implizierte das eigenwillige Vorgehen des Präsidenten auch eine Verletzung des im 4. Zusatz der US-Verfassung verbrieften Schutzes vor „will‐ kürlicher Durchsuchung“. Dennoch hat der Kongress im Sommer 2007 auf Drängen des Weißen Hauses mit dem Protect America Act (PAA), zunächst befristet, ein Gesetz verabschiedet, das den am Lauschangriff beteiligten Telekomunternehmen Immunität vor den Schadensersatzklagen diverser Bürgerrechtsorganisationen in Aussicht stellte. Keine Entwicklung und kein Ereignis hat unterdessen das strahlende Selbstbild der Amerikaner mehr beschädigt als die Veröffentlichung jener Bilder aus dem irakischen Gefängnis in Abu Ghraib, die am 28. April 2004 auf elektronischem Weg in aller Welt verbreitet wurden und die Folter von vermeintlichen Terroristen durch Angehörige der amerikanischen Militärpolizei dokumentierten. Die Bilder, die zu einer dauerhaften Belastung der irakisch-amerikanischen Beziehungen wurden, zeigten nackte Gefan‐ gene, die zu Oralsex gezwungen wurden, an Elektrokabel angeschlossen waren oder von einem Hund angefallen wurden. Bald stellte sich heraus, dass es nicht nur in Abu Ghraib, sondern auch in anderen Militärgefängnissen der Amerikaner zu verschieden‐ sten Formen der Gewaltanwendung und zu sexuellen Übergriffen gekommen war, in einigen Fällen hatten die Misshandlungen sogar zum Tode der Betroffenen geführt. Mehrere hundert amerikanische Soldaten und Offiziere wurden von der US-Armee für Misshandlungen an Kriegsgefangenen im Irak und in Afghanistan bestraft. Die Untersuchungen der Vorfälle durch verschiedene Gremien zeigten, dass die Täter in einem Umfeld ohne klare Regeln operierten und dass hohe Militärs ihrer Aufsichts- und Führungspflicht nicht nachgekommen waren. Im Anschluss an die Folterskandale entspann sich eine Debatte, in der die Befürworter eines harten Umgangs mit mut‐ maßlichen Terroristen „Zwangstechniken“ beim Verhören von Gefangenen für legitim erklärten. Die Juristin Ruth Wedgwood argumentierte beispielsweise in der Zeitschrift Foreign Affairs, der amerikanische Präsident sei vom Kongress ermächtigt worden, alle Mittel gegen die Planer des Attentats vom 11. September einzusetzen und damit auch die Gefangenen wie „feindliche Kombattanten“ im Krieg zu behandeln. Angehörige von Menschenrechtsorganisationen verurteilten die gewalttätigen Verhörmethoden dagegen aufs Schärfste. Als alarmierend werteten sie, dass der Präsident die humane Behandlung von Al-Qaida-Mitgliedern als Ermessensfrage betrachtete. In der Frage, wie eine Demokratie mit dem Phänomen des Terrorismus umgehen solle, meldete sich Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 422 <?page no="423"?> auch der Harvard-Historiker Michael Ignatieff zu Wort. In seinem Buch The Lesser Evil konzedierte er, dass eine Einschränkung von Freiheitsrechten angesichts terroris‐ tischer Bedrohungen unabdingbar sei. Zugleich kritisierte er jedoch die amerikanische Gerichtsbarkeit, die es dem Präsidenten erlaube, US-Bürger und Ausländer über Jahre hinweg dem rechtlichen Zugriff zu entziehen. Waren die Folterbilder im Ausland als Dokumente amerikanischer Scheinheiligkeit rezipiert worden, so hatten sie in den USA eine politische Debatte um den Kurs der amerikanischen Demokratie ausgelöst, an der sich Politiker von Regierung und Opposition vehement beteiligten. Präsidentschaftswahl 2004 Im Jahr 2000 war George W. Bush mit dem politischen Anspruch ins Rennen um die amerikanische Präsidentschaft gegangen, er werde die Moral im Weißen Haus wieder‐ herstellen und das in zwei Lager gespaltene Land durch ein neues politisches Programm hinter sich vereinen. Innen- und wirtschaftspolitische Themen hatten damals den Wahlkampf dominiert. Vier Jahre später erklärte Bushs Wahlkampfmanager Marc Ra‐ cicot, der 11. September 2001 habe „den Planeten neu definiert“. Mit einem Mal standen der Irak-Krieg und die nationale Sicherheit im Zentrum der politischen Debatte. Im Vorfeld der Wahl war lange Zeit Howard Dean als wahrscheinlicher Gegenkandidat von Bush gehandelt worden. Der Arzt und ehemalige Gouverneur von Vermont hatte sich durch seine frühzeitige Ablehnung des Irak-Krieges Sympathien in der Demokra‐ tischen Partei erworben. Dass der ursprünglich kaum bekannte Dean ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen zum politischen front-runner der Demokraten wurde - ein Status, den er im Frühjahr 2004 auf Grund eigener Fehler wieder verlor -, hatte er den neuen Medien zu verdanken. Bei den Präsidentschaftswahlen von 2004 spielte das In‐ ternet erstmals in der amerikanischen Geschichte eine bedeutende Rolle. Bereits im Juni 2003 hatte sich die elektronische Oppositionsbewegung MoveOn in die Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten eingeschaltet. MoveOn war während des Clinton-Lewinsky-Skandals vom Ehepaar Joan Blades und Wes Boyd gegründet worden. Die beiden hatten damals an die amerikanische Öffentlichkeit appelliert, doch endlich wieder die wichtigen gesellschaftlichen Fragen ins Visier zu nehmen und mit dem politischen Geschäft fortzufahren („Move on! “). Im Präsidentschaftswahlkampf setzten sie sich durch politische Aufklärung und das Einwerben von Mitteln für eine Ablösung von George W. Bush ein. Dass Howard Dean trotz der Unterstützung durch MoveOn, die ihn bald zum finanzstärksten Kandidaten machte, nicht nominiert wurde, hatte mit seinem Image zu tun; vielen galt er als Linksaußen und in seinem Auftreten nicht „präsidentiell“ genug. Sieger des demokratischen Nominierungswahlkampfes wurde John Kerry, der mit Senator John Edwards aus North Carolina ins Rennen um das Amt des Präsidenten und Vizepräsidenten zog und bald einem offensiv agierenden Herausforderer gegenüberstand. Bush gab prinzipiell und aus taktischen Gründen keine Fehler zu und warnte vor einem Führungswechsel „mitten im Krieg“. Wenige Wochen vor der Wahl gaben nicht weniger als 41 Prozent der Amerikaner an, dass 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 423 <?page no="424"?> ihnen der Krieg im Irak und der Kampf gegen den Terror am meisten am Herzen liege. Trotz der hohen Staatsverschuldung, steigender Arbeitslosigkeit und einer Rekordzahl von Bankrotterklärungen spielten „wirtschaftliche Fragen“ nur bei 26 Prozent der Befragten eine „wahlentscheidende“ Rolle. In den Fernsehdebatten war George W. Bush seinem demokratischen Herausforderer zwar deutlich unterlegen - es fehlte dem Präsidenten an Sachkenntnis und rhetorischer Gewandtheit; was aber für Bush sprach, war dessen Berechenbarkeit. Der Präsident nannte den geschmeidigen Kerry, der seine Position zum Irak-Krieg mehrmals gewechselt hatte, einen „Flip-Flopper“, während die so genannten „Swift Boat Veterans for Truth“ den Herausforderer in einer Schmutz‐ kampagne, die über zahlreiche Fernsehkanäle lief, attackierten. Kerry, so hieß es, sei in Vietnam nicht der Kriegsheld gewesen, als der er sich ausgegeben habe. Damit war das Image Kerrys beschädigt. Obwohl die Wahlprognosen ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Bush und Kerry versprachen und die Meinungsumfragen an den Urnen sogar eine deutliche Führung des Herausforderers nahelegten, konnte Bush etwa 51 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen, Kerry dagegen 49 Prozent. Im teuersten und einem der emotionalsten aller Wahlkämpfe der amerikanischen Geschichte waren 60 Prozent der Amerikaner mobilisiert worden; seit Kennedys Triumph über Nixon im Jahr 1960 hatte es keine so hohe Wahlbeteiligung mehr gegeben. Selbst für den Herausforderer hatten 55,7 Millionen Amerikaner gestimmt - mehr als für irgendeinen US-Präsidenten seit Bestehen der Republik. Auf Bush entfielen gar 59,3 Millionen Stimmen. Der Sieg des Präsidenten war in erster Linie auf die geschickte Instrumentalisierung des Krieges und der Terrorängste zurückzuführen. Er war aber auch ein Erfolg des moralisch und sozial konservativen Amerikas. Die Erregung über das Entfernen von religiösen Symbolen aus öffentlichen Räumen, die Angst vor einer Dominanz der „linken“ Medien und der „Dekadenz“ von Hollywood und die Aversion gegen eine Kultur, die Abtreibungen und homosexuelle Verbindungen akzeptierte, war für mehr als ein Fünftel aller Amerikanerinnen und Amerikaner - insbesondere im Mittleren Westen und im Süden des Landes - der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, ihre Stimme dem amtierenden Präsidenten zu geben. Innenpolitische Entwicklungen In den ersten vier Jahren seiner Amtszeit hatte George W. Bush keinen Zweifel daran gelassen, dass er große politische Veränderungen suchte. Obwohl sich der Haushalts‐ überschuss von 2,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts innerhalb von vier Jahren in ein Defizit von vier Prozent verwandelt hatte, war es ihm mit Unterstützung der republikanischen Mehrheit im Kongress gelungen, eine der größten Steuersenkungen der amerikanischen Geschichte zu realisieren. Er hatte eine kostspielige Schulreform eingeleitet (basierend auf dem No Child Left Behind Act von 2002), die vergleichbare Leistungsstandards für das ganze Land verlangte, und er hatte die Washingtoner Bü‐ rokratie umfunktioniert und zwei Kriege begonnen. Zu Anfang der zweiten Amtszeit versuchte er, eine Reihe von Reformen im Innern voranzutreiben, die wegen des Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 424 <?page no="425"?> Primats der Außen- und Sicherheitspolitik in den Hintergrund geraten waren. Im Zentrum der Vorstellungen des Präsidenten stand die Schaffung der so genannten „Gesellschaft der Eigentümer“ (Ownership Society), ein Gegenentwurf zur Idee des „Versorgungsstaates“. Das Projekt, das Bush in seiner Inaugurationsrede vom Januar 2005 präsentierte, war jedoch ebenso ambitioniert wie umstritten. Es beruhte auf einem der Lieblingsgedanken des Präsidenten, wonach die Bürger selbst über ihr Geld verfügen sollten. Arbeitnehmer sollten die Möglichkeit erhalten, einen Teil der Pflichtbeiträge zur Renten- und Hinterbliebenenversicherung (Social Security) in steuerbegünstigten Sparanlagen ihrer Wahl anzulegen, um im Ruhestand neben staatlichen auch private Leistungen zur Verfügung zu haben. (Über 160 Millionen - mehr als 95 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - waren Anfang 2006 über die Social Security versichert.) So wie es Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal und Lyndon B. Johnson mit der Great Society gelungen war, eine große Zahl von Wählern an die Demokratische Partei zu binden, sollte Bushs Ownership Society der Republikanischen Partei auf lange Sicht eine breite Wählerbasis bescheren. Die Demokraten reagierten auf Bushs Plan mit scharfer Kritik. Vor allem wiesen sie darauf hin, dass das derzeitige Rentenversicherungsprogramm keineswegs akut gefährdet und bis zum Jahr 2018 - selbst nach Berechnungen der Regierung - noch profitabel sei. Überhaupt verlor der Präsident, wenn er nicht gerade von der Bedrohung der Amerikaner durch Terror und Gewalt sprach, die breite Zustimmung der Bevölkerung. Selbst in den Reihen der Republikaner machte sich immer mehr Kritik an seinem Regie‐ rungsstil breit. Das Weiße Haus führe eine ständige Wahlkampagne, lamentierte Newt Gingrich, der ehemalige Sprecher der Republikaner im Kongress, im Herbst 2005. Bush sei kämpferisch, vergesse darüber aber die Umsetzung politischer Ideen. Gingrichs Kritik kam zu einem Zeitpunkt, als die Regierung wegen ihrer mangelhaften Reaktion auf die Verwüstungen des Hurrikans Katrina heftig unter Beschuss gekommen war. Am 28. August 2005 hatte der Sturm mit einer Geschwindigkeit von 230 (mancherorts bis zu 280) Stundenkilometern die Golfküste in Louisiana, Mississippi und Alabama erreicht. Aus New Orleans, der legendären Südstaatenmetropole mit ihren 500.000 Einwohnern hatten sich vor der Ankunft des Hurrikans mehr als 20.000 Einwohner in Richtung Norden und Westen gerettet. Das eigentliche Desaster begann freilich erst zwei Tage nachdem der Sturm die Stadt erreicht hatte. Am 30. August brachen zwei Dämme, und Wassermassen überfluteten mehr als 80 Prozent der - ohnehin teilweise unter dem Meeresspiegel liegenden - Stadt. Mehr als siebeneinhalb Meter hoch stand in einigen Vierteln das Wasser. Traditionell von Afroamerikanern bewohnte Viertel wie der Lower Ninth Ward waren besonders stark betroffen. 30.000 Soldaten der Nationalgarde und aus dem aktiven Dienst - nie zuvor waren in der US-Geschichte so viele Militärs für zivile Zwecke eingesetzt worden - beteiligten sich an der Hilfsaktion. Aber statt Ordnung griff Chaos um sich. Plünderer suchten ihr Glück in den verlassenen Vierteln der Stadt, es kam zu Schießereien, und im Stadion, dem Superdome, in dem mehr als 20.000 Einwohner Zuflucht fanden, herrschten bald unbeschreibliche hygienische Zustände. Es fehlte an sanitären Einrichtungen, an Essen, an Wasser und an grundleg‐ 2 Die Terrorattacken vom 11. September und der „Krieg gegen den Terrorismus“ 425 <?page no="426"?> ender medizinischer Versorgung. Die Temperaturen von mehr als 35 Grad im Schatten taten ein Übriges. Etwa 1400 Menschen kamen in der Folge von Hurrikan Katrina ums Leben, der Sachschaden lag mit den geschätzten 75 bis 125 Milliarden Dollar höher als der irgendeines anderen Hurrikans auf dem amerikanischen Kontinent, und Hunderttausende von Flüchtlingen, die sich auf alle Bundesstaaten verteilten, lösten die größte Flüchtlingskrise seit dem Bürgerkrieg aus. „Bei uns sieht es wirklich aus wie in Bangladesch oder Bagdad“, erklärte der aus Mississippi stammende emeritierte Harvard-Historiker David Herbert Donald, als er die Bilder der Verwüstung sah. Die verheerende Zerstörung, die General Tecumseh auf seinem Feldzug nach Atlanta angerichtet habe, erklärte der Bürgerkriegsexperte, verblasse im Vergleich zu den Folgen von Katrina. Der Schock über das Ausmaß der Verwüstung machte bald einem von Repräsentan‐ ten beider großer Parteien getragenen Ärger über die unangemessene Reaktion der US-Bundesregierung Platz. Wie konnte es dazu kommen, dass die einzige Supermacht der Welt, die seit Jahren mit einer Hurrikan-Katastrophe vom Ausmaß Katrinas gerech‐ net hatte - 2001 hatte die Zeitschrift Scientific American das Szenario beschrieben -, nicht professioneller und schneller reagiert hatte? Beschämend war die Einsicht, dass die Todesopfer der Katrina-Katastrophe fast ausnahmslos arme Afroamerikaner waren. „Es darf nicht sein“, mahnte der schwarze Kongress-Abgeordnete Elijah E. Cummings, dass der Unterschied zwischen denen, die leben, und denen, die sterben, in nichts Anderem besteht als in Armut, Alter und Hautfarbe“. In der Tat zeigte sich in der Folge der Katastrophe, dass die Metropole New Orleans - in der Vorstellung der meisten Amerikaner war die Stadt das Zentrum romantischer Südstaatenarchitektur, des Karnevals, des Jazz und eines ausgelassenen Lebensstils - in weiten Teilen völlig verarmt war. In den Vierteln der Ärmsten trafen die Rettungskräfte oft gar nicht oder erst spät ein; und viele der Anwohner verfügten weder über ein Automobil noch über Benzin, um sich aus der Stadt zu retten. Nach heftiger Kritik am Krisenmanagement der Bundesregierung sah George W. Bush sich gezwungen, den Chef der Bundesbehörde für den Katastrophenschutz (FEMA), Michael Brown - ein Freund des Präsidenten, der vor seiner Zeit bei der Katastrophenbehörde Vorsitzender eines Vereins für arabische Zuchtpferde gewesen war - zu entlassen. Die Kritik an der Amtsführung des Präsidenten erreichte im September 2005 einen Höhepunkt. 53 Prozent aller Amerikaner missbilligten die Art und Weise, wie der Präsident das Land regierte; und 56 Prozent bezweifelten, dass die USA auf einen terroristischen Angriff oder eine Naturkatastrophe größeren Ausmaßes angemessen vorbereitet seien. Bush reagierte mit dem größten Wiederaufbauprogramm (200 Milliarden Dollar) der amerikanischen Geschichte. Damit machte der Präsident einmal mehr deutlich, dass er - im Gegensatz zu Ronald Reagan, in dessen Tradition er sich oft stellte - keinen Sparkurs fuhr. Beide, Reagan wie Bush, erhöhten den Verteidigungshaushalt drastisch, doch während Reagan die nichtmilitärischen Ausgaben deutlich reduzierte, erhöhte George W. Bush die Ausgaben in den ersten Jahren seiner Amtszeit in fast allen Sektoren. Im Gegensatz Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 426 <?page no="427"?> zu seinen Vorgängern legte der Präsident nicht ein einziges Veto gegen die Wirtschafts‐ pläne ein, die ihm vom (republikanisch dominierten) Kongress vorgelegt wurden. Dass die religiöse Rechte, die mit den Republikanern ein enges Bündnis eingegangen war, auch in den Bush Jahren selbstbewusst agierte, wurde nicht zuletzt in den kulturkämpferischen Debatten um Homosexuellenehe, Abtreibung und Kreationismus deutlich. Mit dem Erstarken des christlichen Fundamentalismus machte sich die Lehre vom Intelligent Design breit, die davon ausgeht, die Welt sei so komplex, dass die Darwin’schen Evolutionsmechanismen zur Erklärung nicht mehr ausreichten. Vielmehr habe sich das Leben auf dem Planeten nur durch die steuernde Hand eines Schöpfers (oder intelligenten Designers) zu ihrer heutigen Form entwickeln können. Etwa ein Drittel aller Lehrer an amerikanischen High Schools sah sich vor diesem Hintergrund im Jahr 2008 dazu veranlasst, im naturwissenschaftlichen Unterricht auch die biblische Schöpfungsgeschichte vorzustellen. (Aus deutscher Perspektive ist dies durchaus merkwürdig; verständlicher wird es, wenn man in Rechnung stellt, dass es in den USA keinen obligatorischen Religionsunterricht gibt.) Besonders hohe Wogen, die sogar den Obersten Gerichtshof erreichten, schlug im Frühjahr 2005 die Diskussion um den Fall der seit 15 Jahren (ohne messbare Gehirnaktivität) dahinvege‐ tierenden 41-jährigen Patientin Terri Schiavo aus Florida. Gouverneur Jeb Bush und der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Bill Frist, setzten sich zusammen mit Sprechern der religiösen Rechten dafür ein, das Leben der Komapatientin künstlich zu verlängern. Nach dem Tod der Patientin zeigte sich freilich, dass die Mehrheit der Amerikaner das politische Spektakel fragwürdig oder sogar lächerlich fand. Die meisten erklärten, dass die Politiker keinen Grund dazu hätten, in das Leben einzelner Patienten hineinzuregieren. 3 George W. Bushs Erbe und der Kampf um seine Nachfolge In der Ära Bush orientierten sich die USA schrittweise nach rechts. Das galt nicht zuletzt für den Justizbereich. In den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit hatte der Präsident ein Viertel aller Stellen von Bundesberufungsrichtern neu besetzt. In neun der dreizehn Bundesbezirksgerichte dominierten Ende 2005 Richter, die von republikani‐ schen Präsidenten vorgeschlagen worden waren. Die Krönung dieses innenpolitischen Erfolgs kam in schneller Folge im September 2005 und Januar 2006, als George W. Bush die Richter John G. Roberts Jr. und Samuel Alito ins Oberste Gericht der USA berief. Roberts wurde nach dem Tod von William H. Rehnquist zum Vorsitzenden des Gerichts bestimmt. Alito übernahm die Nachfolge der gemäßigten Richterin Sandra O’Connor. Obwohl sich sowohl Roberts als auch Alito in der Senatsanhörung nicht auf bestimmte politische Positionen festlegen ließen, machten ihre in der Vergangenheit vertretenen Rechtsauffassungen, bei Alito etwa in der Bürgerrechtsfrage, deutlich, dass sie tendenziell konservative Meinungen vertraten. Am Ende der ersten Amtsperiode zeigte sich, dass es zu einer eklatanten Polarisierung des Gerichtshofs und zu einem 3 George W. Bushs Erbe und der Kampf um seine Nachfolge 427 <?page no="428"?> deutlichen Rechtsruck gekommen war. 19 von 24 Entscheidungen verliefen entlang ideologischer Linien, und mehr als ein Drittel der Fälle wurde denkbar knapp, jeweils mit einer Mehrheit von 5: 4 Stimmen, fast immer zugunsten der rechtsgerichteten Meinung entschieden. Dies galt auch für drei zentrale Gerichtsentscheidungen im Jahr 2007. Nacheinander sprach sich der Supreme Court erstens gegen die freiwillige Rassenintegration in öffentlichen Schulen aus; zweitens setzte er sich gegen eine liberale Revision des Abtreibungsgesetzes von 2003 (Partial-Birth Abortion Ban Act) ein; und drittens wandte er sich gegen eine strikte Auslegung des Wahlkampffinanzie‐ rungsgesetzes. Neben der Bedeutung, die den genannten Entscheidungen im Einzelnen zukommt, lässt sich die grundsätzliche konservative Umorientierung des Obersten Gerichtshofs kaum überschätzen, da dieser Behörde in wichtigen Fragen (wie Minder‐ heitenrechten und Religionsfreiheit) de facto gesetzgeberische Funktion zukommt und weil die Obersten Richter grundsätzlich auf Lebenszeit berufen werden. Dass es in der Ära Bush auch in der Exekutive zur Politisierung der Justiz gekommen war, zeigte sich in der Affäre um den Bush-Vertrauten US-Justizminister Alberto Gonzales aus Texas. Nach und nach erfuhr die amerikanische Öffentlichkeit, dass Gonzales, der dies zunächst unter Eid bestritt, bereits als Rechtsberater im Weißen Haus den damaligen Justizminister genötigt hatte, das kontroverse Anti-Terror-Abhör‐ programm der NSA zu autorisieren. Bald darauf erhärteten sich Vorwürfe, wonach Gonzales wenigstens acht Bundesanwälte wegen politischer Missliebigkeit entlassen hatte. Kritiker werteten dies als Versuch der politischen Beeinflussung der Justiz. Nachdem Gonzales eingeräumt hatte, dass es bei den Massenentlassungen „durchaus auch eine politische Komponente gab“, erklärte der Justizminister konsequenterweise im Sommer 2007 seinen Rücktritt. Gonzales war der letzte der Mitarbeiter, die der Präsident aus seiner Zeit als Gouverneur von Texas nach Washington mitgebracht hatte. Mit Gonzales’ Rücktritt wurde es zunehmend einsam um den Präsidenten. Neben Gonzales und dem mächtigen Präsidentenberater Karl Rove, der ebenfalls in die Affäre um die Anwaltsentlassungen verstrickt war, hatten innerhalb von weniger als zwei Jahren der Stabschef des Weißen Hauses Andrew Card, Präsidentensprecher Tony Snow sowie die Rechtsberaterin des Weißen Hauses, Harriet Miers, ihren Rücktritt erklärt. Auch die Öffentlichkeit wandte sich zunehmend von George W. Bush ab. Nach einer repräsentativen Umfrage der American Research Group beurteilten im Februar 2008 nur noch 19 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner die Amtsführung des Präsidenten positiv. Damit war Bush nicht nur auf dem Umfragetief seiner eigenen Amtszeit angekommen; er hatte den absoluten Tiefpunkt in der Geschichte der politischen Meinungsumfragen in den USA erreicht. Tatsächlich lag George W. Bush im Ansehen der US-Bevölkerung tiefer als Richard Nixon nach Bekanntwerden des Watergate-Skandals. Der Krieg im Irak war einer der Gründe für die sinkende Popularität des Präsidenten. Noch stärker fiel die desolate Situation der Wirtschaft ins Gewicht. In der Tat sank das inflationsbereinigte Haushaltseinkommen in den USA in der Ära Bush, von 2000 bis 2008, um etwa 3 Prozent, im gleichen Zeitraum nahmen die privaten Ersparnisse ek‐ Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 428 <?page no="429"?> latant ab und erreichten den niedrigsten Stand seit 1933. Am gravierendsten bekamen die Amerikaner die wirtschaftliche Schwäche im Immobilien- und Hypothekenbereich zu spüren. Angefangen hatte alles damit, dass die US-Notenbank die Zinsen auf ein historisches Niveau absenkte, um die Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September aufzufangen und die auf das Platzen der Internetblase folgenden Verluste zu kompensieren. Nachdem sie das Vertrauen in Aktien fürs Erste verloren hatten, verlegten sich viele Amerikaner zunehmend auf Immobilien und lösten bestehende Hypotheken ab. Da die Wohnungen und Eigenheime von Jahr zu Jahr höhere Werte erzielten, vergaben die Banken bereitwillig Kredite, die wiederum den Konsum ver‐ größerten und die Wirtschaft ankurbelten. Als der Boom am US-Häusermarkt jedoch ab Frühjahr 2007 zum Abflauen kam, löste dies eine Krise im Immobilien- und Hypothekenmarkt aus, die am Ende die ganze Wirtschaft erfasste. Zwar konnten während Bushs Amtszeit etwa 6 Millionen neuer Jobs geschaffen werden, so dass die Arbeitslosigkeit innerhalb von acht Jahren nur geringfügig, um 3,6 Prozent anstieg; in historischer Perspektive hat es jedoch seit der Großen Depression keinen so langen Zeitraum gegeben, in dem der Arbeitsmarkt vergleichbar langsam gewachsen ist. Die meisten neuen Arbeitsplätze entstanden bezeichnenderweise im Bereich des Gesundheitswesens, in der privaten Bildung und in der Gastronomie; dagegen verlor der primäre Produktionssektor etwa 3,5 Millionen Jobs und sank damit auf den Stand von Mitte 1942. 2008 markiert das neunte Jahr in Folge, in dem die US-Wirtschaft, die im 20. Jahrhundert als Motor der Weltwirtschaft gegolten hatte, langsamer wuchs als diese, während China die globale Entwicklung um das Dreifache übertraf. Große Verluste im Handel führten zur Aushöhlung der einst so dynamischen amerikanischen Wirtschaft. Konkret reichten die US-Einkünfte aus dem Technologiebereich seit etwa 2004 nicht mehr aus, um die Rechnungen für Importe - für Öl, Autos, elektronische Güter und Kleider, die in der Zwischenzeit zum überwiegenden Teil aus China kamen - aufzuwiegen. Für George W. Bush lag das Patentrezept gegen die schwächelnde Wirtschaft in der Senkung von Steuern, während er zugleich die Militärausgaben von Jahr zu Jahr erhöhte. Vor seinem Amtsantritt hatte George W. Bush die „big government“-Pläne seines politischen Rivalen Al Gore verhöhnt. Doch am Ende seiner Amtszeit leitete er die größte und mit Abstand teuerste Bundesverwaltung in der amerikanischen Geschichte. „Unsere oberste Priorität ist es, unser Land zu verteidigen“, begründete Bush im Februar 2008 seinen Haushaltsvorschlag für das Jahr 2009, der mit einem Rekordvolumen erstmals die 3-Billionen-Dollar-Grenze sprengen sollte und ein Mega‐ defizit von 410 Milliarden Dollar vorsah. Die Debatte um den Irak bestimmte die Außenpolitik der Regierung Bush in einem solchen Maß, dass alle anderen Herausforderungen in seiner Präsidentschaft in den Hintergrund traten. Die Fragen, wie man den Iran und Nordkorea vom Aufbau eines nuklearen Arsenals abhalten könne, wie die Vorherrschaft der Taliban in Afghanistan eingedämmt, wie das Pulverfass Pakistan entschärft und wie der eskalierende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in friedliche Bahnen gelenkt werden könnte, 3 George W. Bushs Erbe und der Kampf um seine Nachfolge 429 <?page no="430"?> hatten keine Priorität für die Bush-Regierung. Vielmehr definierte der Krieg im Irak, der für die amerikanischen Streitkräfte seit Anfang 2007 bereits länger angedauert hatte als der Zweite Weltkrieg, die außenpolitische Agenda und letztendlich auch das Vermächtnis von George W. Bush. Im Januar 2007 verkündigte Amerikas oberster Kriegsherr die neue Strategie des „surge“, einer Verstärkung der US-Streitkräfte um mehr als 30.000 Mann, die der Sicherung von Bagdad und der Provinz al-Anbar diente. Das Resultat der neuen Anstrengungen war gemischt. Während der von Bush eingesetzte General David Petraeus im September 2007 im Kongress erklärte, die Gewalt im Irak sei seit der Truppenaufstockung deutlich zurückgegangen, musste selbst er eingestehen, dass die drastische Maßnahme keinen entscheidenden Beitrag zur politischen Stabilisierung des Landes geleistet hatte. George W. Bush hatte seine zweite Amtszeit mit der Ankündigung begonnen, er werde für die Verbreitung der Freiheit sorgen und die Demokratie in der Welt befördern. In Wirklichkeit hat die Invasionsstrategie der Amerikaner im Irak die radikalen Kräfte im Nahen Osten nicht zurückgedrängt, sondern gestärkt. Teheran und Damaskus profitierten von Washingtons Nahostpolitik. Die schiitischen Kräfte des Iran hatten eine nie zuvor dagewesene machtpolitische Bedeutung im Irak erlangt. Dem Iran war es gelungen, sein gefährliches Nuklearprogramm, trotz des massiven Widerstands des UN-Sicherheitsrats, fortzusetzen. Die Terrorattacken von 2001 veränderten die USA stärker als den Rest der Welt. Der Terrorismus erschien mit einem Mal nicht mehr als eine Gefahr unter vielen anderen, sondern als herausragende, dominante Bedro‐ hung. Die stärkste Macht der Welt konnte die Attacke einiger mit Alltagsgegenständen bewaffneter Männer nicht abwenden. Der Schluss, den die Bush-Administration daraus zog, war simpel: Die Heimat musste besser geschützt, der Feind (und dessen Freunde) vernichtet werden. Heimatschutz und Krieg gegen den Terrorismus wurden zum Kern einer neuen Doktrin, die hohe Kosten und Defizite verursachte. Im Zentrum von Amerikas außenpolitischer Vision hatte in der Ära von George W. Bush der Glaube an die generelle Demokratisierungsfähigkeit von autoritären Regimen in aller Welt gestanden. Die Umerziehung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg durch die amerikanischen Besatzer diente der Bush-Regierung als Blaupause für die US-Operationen im Irak. Mit dem Argument, dass der Terror ein genuin antizivili‐ satorisches Element repräsentiere, legitimierten die USA „Zivilisierungsmissionen“ und Militäreinsätze gegen autoritäre Regime. Hinter diesem Credo steckte eine Art umgekehrte Domino-Theorie: Ein „befreiter“ oder „demokratisierter“ Irak sollte das Modell und den Anstoß für ein großes Zivilisierungs- und Demokratisierungsprojekt im Nahen Osten geben. Die Tatsache, dass die USA den Regimewechsel im Irak militärisch durchsetzten, während das gleiche Land (und der ganze Westen) davor zurückschreckten, mit mili‐ tärischen Mitteln in Ruanda einzuschreiten, gibt zu denken. Die Diskrepanz zwischen dem idealisierten Selbstbild und der internationalen Fremdwahrnehmung war in der Ära Bush so groß wie nie zuvor. Große Anti-Bush-Demonstrationen im argentinischen Badeort Mar del Plata, an denen südamerikanische Politiker, Menschenrechtler, Ge‐ Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 430 <?page no="431"?> werkschafter und sogar Fußballstars wie Diego Maradona teilnahmen, führten den Amerikanern im November 2005 vor Augen, wie groß die Ressentiments in Latein‐ amerika gegen die von Washington geplante gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA) waren. Der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel nannte die amerikanischen Pläne unverhohlen ein „neokoloniales Projekt“. Das welt‐ weite Unverständnis für Amerikas Haltung in internationalen Fragen erreichte in der Ära Bush einen absoluten Höhepunkt. Dafür war zum einen die schwarz-weiße Rhetorik und das Weltbild der Bush-Administration verantwortlich. So allgemein und global und amorph wie einst der Kampf gegen den Kommunismus definiert und geführt wurde - Ronald Reagan nannte die Sowjetunion das „Reich des Bösen“ -, wurde ab 2001 der amerikanische Kampf gegen den Terrorismus, als Kampf der Guten gegen die Bösen (evildoers), definiert. Neben der Ideologie war es der unilateralistische Stil Amerikas, der in vielen Teilen der Welt auf Unverständnis stieß. In diesen Zusammenhang gehörte beispielsweise die Handelsinitiative AGOA (African Growth and Opportunity Act), die die zollfreie Einfuhr von 8000 afrikanischen Produkten in die USA erlaubte, sich dabei aber nicht an den multilateralen Abkommen der Welthandelsorganisationen orientierte, sondern eigene - für die US-Wirtschaft günstige - Regeln bestimmte. In den gleichen Kontext gehörte das wiedererwachte strategische Interesse der USA an den westafrikanischen Staaten um den Golf von Guinea. Einerseits zeigten die Vereinigten Staaten in der Ära Bush, dass sie am Schicksal des von humanitären Katastrophen gezeichneten Kontinents Anteil nahmen - Hilfe zur AIDS-Bekämpfung und ein Drängen auf Demokratie und Menschenrechte bestimmten die US-amerikanische Afrikapolitik in nie zuvor dagewesenem Umfang - andererseits ging es den USA nicht zuletzt deshalb um ein gutes Verhältnis zu den westafrikanischen Staaten, weil dort Erdöl von hoher Qualität entdeckt worden war und Amerika sich am Verteilungskampf um die natürlichen Ressourcen beteiligte. Die Macht des 43. Präsidenten lag nicht zuletzt darin, dass er mehrere Jahre lang mit einem konservativen Obersten Gerichtshof, einem republikanisch dominierten Repräsentantenhaus und einem republikanischen Senat regieren konnte. Eine ver‐ gleichbare konservative Konstellation hatte es seit Eisenhowers Präsidentschaft nicht mehr gegeben. Obwohl er das Vertrauen der Bevölkerung im Laufe seiner zweiten Amtszeit weitgehend verlor und der Kongress ab Ende 2006 in demokratischer Hand war, zementierte George W. Bush seinen Anspruch auf den Erhalt und die Ausweitung zahlreicher Prärogativen, die vermeintlich der nationalen Sicherheit dienten. Um seine Vorstellungen gesetzlich zu verankern, machte George W. Bush ein ums andere Mal von seinem Vetorecht gegenüber der Legislative Gebrauch. So setzte er sich etwa im März 2008 über eine Initiative des Kongresses hinweg, die der CIA die Foltermethode der „Wasserkur“ (waterboarding) verbieten sollte. Ohne den Präsidenten beim Namen zu nennen, kritisierte die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright Anfang 2008 das Erbe der Ära Bush, wenn sie forderte: „Wir müssen besser lernen, uns so zu sehen, wie andere dies tun. Es erscheint der Welt als grotesk, dass wir - mit all unserem Wohlstand und unserer Macht - anscheinend so viel Angst 3 George W. Bushs Erbe und der Kampf um seine Nachfolge 431 <?page no="432"?> haben vor Terroristen, Schurkenstaaten, illegalen Einwanderern und ausländischen wirtschaftlichen Rivalen.“ Konkret verlieh sie ihrer tiefen Hoffnung Ausdruck, dass der nächste US-Präsident die Politik der „Angst“ durch eine Politik des „Vertrauens“ ersetzen werde. 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land Dass Barack Obama im Januar 2009 als 44. Präsident der USA eingeschworen wurde, hätte zwei Jahre zuvor kaum ein Amerikaner für möglich gehalten. Erstmals in der Geschichte war mit Obama ein Afroamerikaner ins Weiße Haus gewählt worden. Anlässlich der Inauguration versammelten sich in Washington mehr Menschen als zu irgendeinem anderen Ereignis in der US-Geschichte. Rechnet man die Menschen hinzu, die die Feierlichkeiten in aller Welt über Fernsehen und Internet sahen, dann hatte es zuvor weltweit keine politische Veranstaltung gegeben, die von mehr Menschen mitverfolgt wurde. „A New Birth of Freedom“, eine Wendung aus Abraham Lincolns Rede von Gettys‐ burg, die die Ideale der Erneuerung und der nationalen Einheit beschwor, wurde zum Motto der Feierlichkeiten. Obama hatte von seinem Amtsvorgänger zwei Kriege und eine Wirtschaftskrise geerbt. Vor diesem Hintergrund appellierte er an die Bevölkerung, gemeinsam Opfer zu bringen und Verantwortung zu übernehmen - zuhause wie auch im Ausland. Der Präsident präsentierte sich in aller Welt als das neue Gesicht Amerikas, als Exponent von Fairness und Integrität. Seit der Einführung von Meinungsumfragen hatte kein US-Präsident zum Zeitpunkt der Amtseinführung einen vergleichbar hohen Beliebtheitsgrad zu verzeichnen wie Barack Obama. 83 Prozent der Bevölkerung sprachen ihm im Januar 2009 hohe Anerkennung aus, und 72 Prozent waren überzeugt davon, dass die Nation innerhalb von vier Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben würde. (Zum Zeitpunkt der Amtseinführung Bill Clintons hatte kaum die Hälfte der Amerikaner entsprechende Hoffnungen gehegt.) Die Erwartungen an Obama waren exorbitant hoch, so hoch, dass sie selbst unter guten Voraussetzungen kaum in Erfüllung gehen konnten. Das positive Image hatte der neu‐ gewählte Präsident einerseits der geschwundenen Beliebtheit seines Amtsvorgängers und dessen unpopulärem Irakkrieg zu verdanken, andererseits dem Enthusiasmus, den Obamas Wahlkampfkampagne erzeugt hatte. Den Wahlen vorausgegangen war 2007 und 2008 ein dramatischer Vorwahlkampf. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert war der Ausgang der Vorwahlen weit offen. Da sich weder ein amtierender Präsident noch ein Vizepräsident um das höchste Staatsamt bewarben, hatten die Kandidaten früher als sonst mit der Werbung um Stimmen und Spenden begonnen. Schon ein halbes Jahr vor der Wahl hatten sie mehr Geld gesammelt als in irgendeinem anderen Wahlkampf der US-Geschichte: mehr als eine halbe Milliarde Dollar. Ohne Zweifel waren die Demokraten im Jahr 2007 besser organisiert als die Republikaner. Demokratische Parteimitglieder hatten sich in Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 432 <?page no="433"?> größerer Zahl für den Wahlkampf mobilisieren lassen, brachten mehr Spenden auf und strömten in ungleich größerer Zahl zu den Wahlversammlungen. Auf republikanischer Seite fiel das Engagement im Vorwahlkampf zunächst deutlich geringer aus. Selbst die eigenen Parteimitglieder standen nicht hinter den verschiedenen Kandidaten. Mitt Romney, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, schaffte es zwar, die meisten Spenden zu sammeln, aber sein mormonischer Glaube war vielen seiner Parteigenossen ein Dorn im Auge. Rudy Giuliani, der ehemalige Bürgermeister von New York, konnte nicht mit der Unterstützung des konservativen Parteiflügels rechnen, da er unter anderem in der Abtreibungsfrage eine zu liberale Linie verfolgte. Zum Überraschungs‐ aufsteiger wurde der authentisch wirkende, rhetorisch gewitzte Baptistenprediger Mike Huckabee, der allerdings aufgrund seiner fundamentalistischen Rechtsaußenpo‐ sition und der fehlenden außenpolitischen Expertise nicht mehrheitsfähig war. Am Ende bestimmte der abgeklärte 71-jährige Vietnam-Veteran John McCain, der sich vehement für den Irakkrieg, für die Erhöhung der US-Militärausgaben und gegen einen Zeitplan zum Rückzug der Truppen aus dem Irak ausgesprochen hatte, das ansonsten schwache Bewerberfeld und sicherte sich im März 2008 die Nominierung seiner Partei. Vielen konservativen Parteigenossen galt der Senator aus Arizona bei Themen wie Klimaschutz, Einwanderung und Abtreibung zwar als zu moderat. Am Ende setzte sich freilich, entsprechend einer selten durchbrochenen Tradition in der neueren Geschichte der Republikanischen Partei, der Kandidat mit dem höchsten Bekanntheitsgrad durch. Die Wahl der weithin unbekannten Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, als Vizepräsidentschaftskandidatin galt anfangs als Geniestreich, weil die 44-jährige ehemalige Schönheitskönigin frischen Wind in die Kampagne zu bringen versprach und durch ihre erzkonservativen Ansichten, unter anderem als Klimaskep‐ tikerin, die republikanische Basis in Euphorie versetzte. Als ihre Fernsehauftritte jedoch eine eklatante Unkenntnis in außen- und wirtschaftspolitischen Fragen ans Licht brachten - unter anderem erklärte Palin, sie verstehe etwas von Russland, weil man es von Alaska aus sehen könne -, wurde der vermeintliche Polit-Superstar über Nacht zur Parodiefigur von TV-Comedy-Sendungen. Auf Seiten der Demokraten war das Nominierungsverfahren für den Präsident‐ schaftskandidaten deutlich langwieriger. Hillary Clinton, die ehemalige First Lady, war zunächst als absolute Favoritin in den Wahlkampf gezogen. Als ihren schärfsten parteiinternen Opponenten hatte Clinton anfangs den populistischen Senator John Edwards aus North Carolina gesehen, zumal manche Demokraten die Nominierung einer Frau als Präsidentschaftskandidatin für zu riskant hielten. Clintons Hoffnung auf eine schnelle Nominierung gerieten allerdings ins Wanken, als der jugendlich wirkende afroamerikanische Senator Barack Obama in das Präsidentschaftsrennen eintrat. Zu seiner Ankündigungsrede kamen nicht weniger als 20.000 Menschen nach Springfield, Illinois. Obamas Botschaft, dass Amerika eine grundsätzliche Veränderung - „Change we can believe in“ - brauche und dass die US-Truppen aus dem Irak abgezogen werden sollten, fand großen Widerhall. Monat für Monat gelang es Barack Obama mehr Gelder für seine Kampagne einzuwerben als Hillary Clinton, hinter der doch der größte Teil 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 433 <?page no="434"?> des demokratischen Parteiapparats stand. Bei den demokratischen Vorwahlen 2008 bremsten Obama und Clinton alle übrigen Kandidaten aus. In den Vorwahlkampf schaltete sich auch die konservative Non-Profit-Organisation Citizens United ein, die die Veröffentlichung einer negativen Dokumentation über Hillary Clinton als Video-on-Demand über einen Kabelsender plante. Der Fall schlug hohe Wellen und ging bis ans Oberste Gericht, das mit knapper konservativer Mehrheit 5: 4 ganz grundsätzlich entschied, dass die Beeinflussung der Wahlen durch Firmen oder Gewerkschaften legal sei und unter den ersten Zusatzartikel der Verfassung zur Redefreiheit falle. Die seinerzeit kaum beachtete Entscheidung hat bis heute gravierende Auswirkungen auf die politische Realität in den USA, weil das Urteil eine unkontrollierte Wahlwerbung durch kommerzielle und nicht-kommerzielle Or‐ ganisationen erlaubte und Tür und Tor dafür öffnete, dass das Geld großer Firmen wahlentscheidend sein kann. Am Ende des Vorwahlkampfs lieferten sich Clinton und Obama ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wobei Obama fast durchgängig die Nase leicht vorn hatte. Hillary Clinton fand Unterstützung bei ihrer traditionellen Wählerschaft: Weiße, Pensionäre, Wähler ohne College-Abschluss, Hispanics, Arbeiter und Wähler mit niedrigem Einkommen. Obama konnte dagegen auf die fast uneingeschränkte Unter‐ stützung afroamerikanischer Wählerinnen und Wähler zählen und bei der wachsenden Zahl der Kriegsgegner punkten. Vor allem gelang es ihm, nicht zuletzt über seinen Appeal bei Massenveranstaltungen, Jungwähler in nie zuvor dagewesener Zahl für seine Kampagne zu mobilisieren und schließlich nach einem langen Vorwahlkampf im Juni 2008 die Nominierung zu erringen. Obamas Wahlkampf wurde erstmals nicht nur traditionell, sondern gezielt als Internetkampagne geführt. Ein großer Teil der Spenden ging über Facebook ein, und YouTube-Videos - besonders der Song „Yes We Can“ des Black-Eyed-Peas-Sängers will.i.am und das „Obama Girl“-Musikvideo der Schauspielerin Amber Lee Ettinger - wurden millionenfach heruntergeladen. Als Barack Obama am 4. November 2008 die Präsidentschaftswahl gewann, war dies für die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner keine allzu große Überraschung. Der neue Präsident hatte 52 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, John McCain nur 46 Prozent. Damit hatte er den höchsten Anteil an Wählerstimmen erreicht, die ein demokratischer Präsident seit 1964 erhalten hatte. Annähernd 60 Prozent der Frauen und zwei Drittel der unter 30-Jährigen hatten für den 47 Jahre jungen Barack Obama gestimmt. Die mit Abstand größte Unterstützung war Obama allerdings von Seiten der Afroamerikaner zugekommen, die ihn mit 95 Prozent fast ausnahmslos wählten. Mit dem Wahlsieg Obamas war für diese Bevölkerungsgruppe - nach Jahrzehnten der Rassentrennung und Jahrhunderten der Sklaverei - die letzte soziale Schranke der Aufstiegsmöglichkeiten gefallen. Einige Kommentatoren sahen in Obama den „schwarzen Kennedy“, weil der erste afroamerikanische Präsident die Bevölkerung ähnlich wie der erste katholische Präsident zu begeistern vermochte, andere sahen im Erringen der Präsidentschaft die Erfüllung von Martin Luther Kings amerikanischem Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 434 <?page no="435"?> Traum und wieder andere sprachen mit Blick auf den Wahlausgang überschwänglich von einer „zweiten amerikanischen Revolution“. Abb. 25: Erstes offizielles Familienporträt der Obamas, aufgenommen von der Fotografin Annie Leibovitz im Herbst 2009 Dass der in Honolulu, Hawaii, geborene Barack Hussein Obama II, wie sein vollstän‐ diger Name lautete, eines Tages Präsident werden würde, grenzte an ein Wunder. Sein Vater, der Kenianer Barack Hussein Obama Sr., hatte als Kind noch die Ziegen der Fami‐ lie im Dorf Alego in Kenia gehütet, bevor er mit einem Stipendium in den USA landete und die weiße US-Amerikanerin Stanley Ann Dunham aus Wichita, Kansas, heiratete, sobald Ann bemerkte, dass sie schwanger war. In mehr als der Hälfte der Bundesstaaten wäre die Verbindung Anfang der 1960er Jahre ein Schwerverbrechen gewesen, schreibt Obama selbst. Die Beziehung ging schon bald in die Brüche. Obama sah seinen Vater nur noch ein Mal, im Jahr 1971 auf Hawaii, bevor dieser bei einem Autounfall 1982 in Kenia ums Leben kam. Da die Mutter mit ihrem zweiten Mann nach Indonesien zog, wuchs Obama zunächst in Jakarta auf, bevor er im Alter von zehn Jahren zurück zu den in einfachen Verhältnissen lebenden Großeltern nach Hawaii zog. Nach dem Studium am Occidental College in Los Angeles und an der Columbia University in New York City (dort erwarb er einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft) zog Obama, 23-jährig, nach Chicago. Die „Hauptstadt der afroamerikanischen Community“ wurde zu seiner Wahlheimat. Nacheinander arbeitete Obama dort in einem schwarzen Ghetto als community organizer und bekehrte sich unter dem Eindruck des starken 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 435 <?page no="436"?> sozialen Engagements einer afroamerikanischen Kirchengemeinde zum Christentum. Die Zeit in Chiago kann also als wichtige Findungsphase interpretiert werden. Nach dem Jurastudium an der Harvard University, wo er als erster Afroamerikaner zum Chefherausgeber der renommierten Fachzeitschrift Harvard Law Review gewählt wurde, schlug er den Weg eines erfolgreichen Juristen ein. In Chicago arbeitete er als Bürgerrechtsanwalt und als Juraprofessor an der Universität, er heiratete die Chicagoer Anwältin Michelle Robinson, die ihm zwei Töchter schenkte (Malia, geb. 1998 und Natasha, geb. 2001), und er begann 1996 als 35-Jähriger mit der erfolgreichen Kandidatur um einen Sitz im Senat von Illinois seine politische Karriere, die er 2004 mit dem Wechsel auf einen Sitz im US-Senat fortsetzte. Als Barack Obama in den Vorwahlkampf um die US-amerikanische Präsidentschaft eintrat, konnte er auf zehn Jahre in der Politik zurückblicken, aber nur zwei Jahre davon hatte er ein hohes nati‐ onales Amt innegehabt. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger im Präsidentenamt (wie Kennedy, Johnson, Nixon oder Ford) verfügte Obama weder über Erfahrung als Insider in Washington noch (wie jene 17 Präsidenten in der US-Geschichte, die zuvor Gouverneure gewesen waren) über Routine und Erfahrung beim Führen einer größeren Exekutive. „Ich wünschte, er hätte zehn Jahre Erfahrung mit all den Machtzentren in Washington gesammelt, eher er Präsident werden wollte“, erklärte der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat George McGovern 2011 in einem Interview. Im Wahlkampf und in den ersten Wochen von Obamas Präsidentschaft erschien die Distanz zum politischen Apparat in Washington zunächst allerdings als ein Vorteil. Der junge Präsident galt vielen Beobachtern als neutral, authentisch und unverbraucht; und den Mangel an Erfahrung konnte Obama anfangs durch sein dynamisches Auftreten und seine außergewöhnliche persönliche Ausstrahlungskraft kompensieren. Herausforderungen und erste Initiativen Als Barack Obama sein Amt antrat, fand er, wie das britische Wirtschafts- und Politmagazin The Economist urteilte, „Post aus der Hölle vor“. Einen Finanzkollaps, die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, Kriege im Irak und in Afghanistan und eine unnachgiebige, populistisch agierende Republikanische Oppositionspartei. Am ersten Tag im Weißen Haus ließ der Präsident alle laufenden Verfahren gegen Häftlinge im Kriegsgefangenenlager Guantánamo Bay aussetzen und prüfen. Wenige Tage danach verbot er der CIA das Foltern von Terrorverdächtigen. Er löste die gehei‐ men CIA-Gefängnisse auf, ordnete die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo an, veröffentlichte Berichte über Misshandlungen und dekretierte strikte Regeln für geheimdienstliche Verhöre. Aus der Ära Bush blieb Verteidigungsminister Robert Gates im Amt, und unter den neuberufenen Kabinettsmitgliedern fanden sich auch ehemalige Kontrahenten wie Hillary Clinton, die Obama zur Außenministerin bestellte. „Change you can believe in“ war die Parole des Wahlkampfs gewesen. Statt an der Vergangenheit zu rühren, ging es Obama in erster Linie um eine in die Zukunft gerichtete Politik. Nach zwei Wochen Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 436 <?page no="437"?> unterzeichnete er ein Gesetz, das den Krankenversicherungsschutz von Millionen von Kindern einkommensschwacher Familien garantierte. Weiterhin ordnete der Präsident eine auf finanzielle Sanierung zielende Umstrukturierung der maroden Automobilher‐ steller General Motors und Chrysler an, die wegen der Finanzkrise um staatliche Unterstützung gebeten hatten. Er veranlasste die Investition von Hunderten von Milliarden zur Rettung von Banken und lancierte ein 789 Milliarden schweres Konjunk‐ turprogramm, das der von demokratischen Abgeordneten dominierte Kongress rasch verabschiedete. Auf dem außenpolitischen Parkett ordnete Obama den schrittweisen Rückzug der US-Truppen aus dem Irak an; und auf den Auslandsreisen war es ihm sichtlich darum zu tun, das angeschlagene Ansehen der USA wiederherzustellen. Die USA zeigten sich, im Kontrast zur Ära Bush, von einer völlig neuen Seite. Bei einem Staatsbesuch in Ägypten im Juni 2009 erklärte Präsident Obama ostentativ: „Ich bin hierher nach Kairo gekommen, um mich um einen Neuanfang zwischen den Vereinigten Staaten und Muslimen in aller Welt zu bemühen, der auf gemeinsamen Interessen und gemeinsamem Respekt beruht.“ An Elan und Ambitionen fehlte es dem neuen Präsidenten nicht, aber bald schon zeichnete sich ab, wie schwierig die Durchsetzung verschiedener politischer Ziele in der Krise werden würde. „Der typische Präsident hat, denke ich, zwei oder drei große Probleme“, erklärte Obama nach den legendären ersten 100 Tagen seiner Präsident‐ schaft. „Wir aber haben sieben oder acht große Probleme.“ Die frühe Salve politischer Initiativen erwies sich vor dem Hintergrund zunehmender ideologischer Verhärtungen im Kongress und angesichts der immensen wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes als wenig wirkungsvoll. Da die Arbeitslosigkeit weiter anstieg und aufgrund des Gegenwinds, den Obamas Pläne für eine Gesundheitsreform bald von allen Seiten erfahren sollten, begann der Stern des Präsidenten in der öffentlichen Meinung zu sinken. Die Reform des Gesundheitssystems Unter den großen Projekten, die die Obama-Regierung in Angriff nahm, stand die Reform des Gesundheitswesens an oberster Stelle auf der Prioritätenliste. In den Jahren 2009 und 2010 hatten nahezu 50 Millionen US-Bürgerinnen und -Bürger keinen Krankenversicherungsschutz. Die schlechte Versorgung der Bevölkerung und die mangelhafte gesundheitliche Aufklärung spiegelte sich überdies in der niedrigen Lebenserwartung. 2012 lag diese bei knapp 78 Jahren; damit lagen die USA (vor Katar) an vorletzter Stelle unter allen Industriestaaten. Seit Jahrzehnten waren die USA tatsächlich das einzige Industrieland, in dem es keine universelle gesetzliche Krankenversicherung gab. Obama und die Demokraten im Kongress waren sich darüber einig, dass die ineffizienten Strukturen des US-Gesundheitswesens, das den US-Bürger 2008 im Durchschnitt über 7.500 Dollar (und damit mehr als doppelt so viel wie den deutschen Bürger) kostete, radikal reformiert werden sollten. Aufwän‐ dige medizinische Apparaturen, hohe Verwaltungsausgaben der Versicherer und ein 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 437 <?page no="438"?> ausgeprägtes Gewinnstreben der US-Pharmaindustrie hatten die Kosten Jahr für Jahr exorbitant in die Höhe getrieben. Aufseiten der Demokraten lagen schon vor Obamas Amtsantritt zahlreiche Vorschläge für die Reform des Gesundheitswesens vor. Bei allen unterschiedlichen Vorstellungen bestand Einigkeit, dass die Reform erstens universel‐ len Krankenversicherungsschutz gewähren, zweitens die Gesamtkosten im Gesund‐ heitsbereich senken und drittens Personen mit Vorerkrankungen nicht benachteiligen sollte. Im internationalen Vergleich waren die Vorschläge zur US-Gesundheitsreform alles andere als radikal, zumal eine genuin staatliche Versicherungsvariante gar nicht diskutiert wurde. Dennoch löste der Reformvorstoß der Demokraten auf breiter Basis Protest aus. Kritisiert wurden neben der Undurchsichtigkeit der Pläne vor allem die vermeintlich kolossalen Kosten, die sich nach einigen Berechnungen innerhalb von einem Jahrzehnt auf über 1 Billion Dollar belaufen würden. Nacheinander schalteten sich Ärztever‐ bände, Vertreter der Pharma- und Versicherungsindustrie, die US-Handelskammer und fiskalkonservative Republikaner in die Debatte ein. Wer verstehen will, warum die Wellen in der Gesundheitsdiskussion so hochschlu‐ gen, muss sich vor Augen halten, dass der Gesundheitssektor in den USA seit jeher von privaten Einflüssen dominiert war. Franklin D. Roosevelts New Deal-Politik hatte in den 1930er Jahren öffentliche Strukturen im Bereich der Sozialbeihilfe, der Arbeits‐ losenunterstützung und der Altersversorgung geschaffen: Eine Generation danach hatte die Regierung von Lyndon B. Johnson eine staatliche Krankenversicherung für ältere und behinderte Menschen (Medicare) sowie ein Gesundheitsfürsorgeprogramm für die untersten Einkommensschichten (Medicaid) eingeführt, aber die Geschichte des US-Gesundheitswesens war - von Franklin D. Roosevelt bis Bill Clinton - fast durchgängig eine Geschichte abgebrochener oder gescheiterter Reformen. Privaten Interessen gelang es durchgängig, den Einfluss des Staates auf den Gesundheitssektor zurückzudrängen und eine universelle Krankenversicherung zu verhindern. Als Barack Obama 2009 vor beiden Kammern des US-Kongresses in einer Rede erklärte: „Ich bin nicht der erste Präsident, der sich dies [die Gesundheitsreform] auf die Fahnen schreibt, aber ich bin entschlossen, der letzte zu sein“, erhielt er großen Applaus. Aber im Hintergrund formierten sich mächtige Lobbyinteressen, die ein staatlich gesteuertes Krankenversicherungssystem um jeden Preis stoppen wollten. Wendell Potter, ein ehemaliger Manager des globalen Gesundheitsunternehmens CIGNA, enthüllte als Informant und Zeuge im US-Kongress (und später in seinem Buch Deadly Spin) die perfide Politik der Gesundheitslobby, die aus purem Profitstreben eine Initiative vorbereitete, die die Vorzüge des marktwirtschaftlichen Versorgungssystems preisen und alle staatlich unterstützten Varianten diffamieren sollte. Besonders hart wollte das streng geheime Krisenteam des US-amerikanischen Krankenversicherungsverbandes (American Health Insurance Plans, AHIP) gegen den Enthüllungsjournalisten Michael Moore vorgehen, dessen Film Sicko die Ungerechtigkeiten des Gesundheitssystems an den Pranger stellte. Am Ende war eine große PR-Initiative gegen Obamas Reform gar nicht nötig, weil viele Bürger, allen voran die Mitglieder der rechtslibertären, Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 438 <?page no="439"?> populistischen Tea Party-Bewegung gegen eine „Verstaatlichung“ der Krankenversi‐ cherung auf die Straße gingen. Obamas Healthcare Reform („Obamacare“) wurde als „schneller Marsch in den Sozialismus“ oder als „Klassenkampf von oben“ diskreditiert, während die rechtsgerichteten Medien den Präsidenten abwechselnd als Faschisten oder Sozialisten abqualifizierten. Dass es Obama am Ende gelang, die amerikanische Gesundheitspolitik weitgehend zu reformieren, grenzt fast an ein Wunder. Jedenfalls hatte Obama aus den Fehlern von Präsident Clinton gelernt, der das Weiße Haus (und auch die First Lady) zu sehr in die Erarbeitung seines (am Ende zum Scheitern verurteilten) Gesetzesentwurfs eingebunden hatte. Obama verhielt sich dagegen defensiv und griff allenfalls gezielt über große Ansprachen in die Diskussion ein. In mehreren Anläufen und unter Aufgabe der anfangs vorgesehenen Einführung einer alternativen öffentlichen Krankenversicherungsoption (public option) wurde das neue Gesundheitsgesetz, der Patient Protection and Affordable Care Act, im März 2010 vom Kongress verabschiedet. Obwohl mehrere Unternehmerverbände, Teile der Republikanischen Partei und einige Bundesstaaten auch danach noch gegen die Reform Sturm liefen und vor dem Obersten Gerichtshof Klage gegen die Einführung einer allgemeinen Versicherungspflicht erhoben, blieb das Gesetz bestehen. Im Juni 2012 bestätigte das höchste Gericht der USA die Verfassungsmäßigkeit des neuen Gesundheitsgesetzes, das ab 2014 schrittweise implementiert wurde. Die Zahl der Nichtversicherten sank von 49 Millionen im Jahr 2010 auf 28 Millionen 2016 und damit von 16 auf 8,8 Prozent - den niedrigsten Stand aller Zeiten. Vor allem für Familien mit niedrigem Einkommen bedeutete dies finanzielle Sicherheit. Die negativen Prophezeiungen der Plangegner trafen fast allesamt nicht ein. Anders als vorhergesagt, übernahmen die Arbeitnehmer ihren Versicherungsanteil, das Gesetz entpuppte sich nicht als Jobkiller, und der Bundeshaushalt lief nicht aus dem Ruder. Trotzdem gab es am Ende nicht nur Gewinner. Obama hatte versprochen, dass alle Versicherten, wenn sie dies wünschten, ihren bisherigen Versorgungsplan beibehalten könnten. Für 2,2 Prozent der Versicherten traf dies jedoch nicht zu, weil ihre Pläne die gesetztlichen Voraussetzungen nicht erfüllten. Vor allem aber wirkte sich das Gesetz je nach Bundesstaat unterschiedlich aus. Nachteile hatten die Versicherten überwiegend in den „roten“ (von Republikanern regierten) Bundesstaaten, da deren Regierungen Zahlungen für Medicaid aus Washington oft aus Prinzip ablehnten. Positiver sah es in den „blauen“ (von Demokraten regierten) Bundesstaaten aus, allen voran in Kalifornien, wo die Behörden für die Schaffung von wettbewerbsintensiven Versicherungsmärkten sorgten. Je mehr Versicherte einzahlten, desto stärker sanken die Prämien. Im Norden Kaliforniens lag die Versicherungsprämie 2015 unter 400 Dollar, in Südkalifornien sogar unter 300 Dollar. Aufs Ganze gesehen hatte das Gesetz positive Auswirkungen. Nach Berechnungen des Gesundheitsdienstleisters Kaiser Permanente konnten mit je 100.000 neu Versi‐ cherten jeweils 1000 vorzeitige Todesfälle verhindert werden. Auch die Rate von Wiederaufnahmen von Patienten in Krankenhäusern fiel deutlich; zwischen 2010 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 439 <?page no="440"?> und 2015 ging sie Jahr für Jahr um 125.000 Fälle zurück. In einem von Parteilichkeit gefärbten Klima fielen die Beurteilungen der Wirksamkeit von „Obamacare“ allerdings sehr verschieden aus. Im Jahr 2016 glaubten 46 Prozent der amerikanischen Bevölke‐ rung, dass die Zahl der Nicht-Versicherten nicht gesunken sei; 21 Prozent behaupteten sogar, sie sei gestiegen. Die Demokraten hatten ihr Programm nicht gut verkauft. Unter anderem war dies darauf zurückzuführen, dass es sich bei „Obamacare“ im Gegensatz zu Medicare nicht um ein eigenständiges Programm handelte. Die neue Gesetzgebung wirkte sich in erster Linie auf die Versicherungsmärkte in den einzelnen Bundesstaaten aus und diese trugen jeweils spezifische Namen wie Connect for Health Colorado oder AccessHealthCT. Viele Begünstigte ahnten deshalb gar nicht, dass sie von Obamas Reform profitierten und aus Bundesmitteln finanziert wurden. Der Mangel an öffentlicher Unterstützung machte es den Republikanern leicht, gegen das Gesetz zu mobilisieren. Immer wieder setzten sie sich in Polemiken für die Abschaffung des Gesetzes ein; vor allem aber verhinderten sie dessen Nachbesserung. Im Versuch, die Reform zu Fall zu bringen, votierten sie sogar für eine Klausel, die denjenigen Versicherungen, die unverhältnismäßig hohe Kosten für die Versicherten zu tragen hatten, eine Absicherung bot. Aus der Perspektive des Historikers ist die Gesundheitsreform eine große Errun‐ genschaft. Präsident Obama hatte damit eines seiner wichtigsten Wahlversprechen eingelöst und eine Reform durch den Kongress gebracht, an der viele seiner Vorgänger gescheitert waren. Die Bedeutung der Reform von 2014 ist mit der Sozialversicherungs‐ gesetzgebung (Social Security) von Franklin D. Roosevelt 1935 durchaus vergleichbar: Sie ging konsequent die wirtschaftlichen Bedürfnisse der unteren und mittleren Schichten an. Im Gegensatz zu Obama hatte Roosevelt den Vorteil siebzehn Jahre lang regieren zu können; außerdem hatte er mit dem Begriff „New Deal“ ein sinnträchtiges Markenzeichen gefunden, das sich den Zeitgenossen einprägte. Mehr als Roosevelt handelte Obama in einem von extremer Feindseligkeit gezeichneten politischen Klima. Sowohl Roosevelt als auch Johnson, die großen Sozialreformer des 20. Jahrhunderts, standen einem Kongress gegenüber, den sie kontrollieren konnten. Obama gelang am Ende ein politischer Erfolg, aber anders als Johnson und Roosevelt konnten die Demokraten im Jahr 2016 den Erfolg nicht mehr für sich ausschlachten. Wirtschafts - und Finanzkrise Die Gesundheitsreform hatte sich Obama als Thema seiner Präsidentschaft ausgesucht, das Thema Wirtschaft wurde ihm von der Krise diktiert. Wegen der hohen Verfügbar‐ keit von Kapital dank niedriger Zinsen und lockerer Kreditvergabestandards hatten sich große Teile der US-Gesellschaft seit Anfang des 21. Jahrhunderts immer höher verschuldet. Der permanente Preisboom bei Eigenheimen gab der Bevölkerung die Möglichkeit, mit der vermeintlichen Sicherheit der wertvollen Immobilie im Rücken mehr auszugeben als sie verdiente, während die Quote privater Ersparnisse einen seit der Großen Depression nicht mehr dagewesenen Tiefpunkt erreichte. Als die Zinsen Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 440 <?page no="441"?> anstiegen, fiel das „amerikanische Kartenhaus“, wie es der Ökonom und Nobelpreis‐ träger Joseph Stiglitz im Oktober 2007 nannte, mit einem Mal zusammen. Geld aus dem Immobiliensektor „war während der letzten sechs Jahre für zwei Drittel bis drei Viertel des Wachstums“ verantwortlich. Mit dem Zerplatzen der Immobilienblase begann deshalb die Talfahrt der gesamten US-Wirtschaft. Im letzten Quartal 2008 stürzte das Bruttoinlandsprodukt um nahezu 9 Prozent ab, im ersten Quartal 2009 sank es um weitere 6,7 Prozent und erreichte damit den tiefsten Punkt seit den 1950er Jahren. Die Kapitalanlagen, die seit 2006 kontinuierlich zurückgegangen waren, fielen Anfang 2009 auf den Wert von 1957 zurück, und die inflationsbereinigten Durchschnittslöhne von männlichen Arbeitern lagen 2009 auf dem Niveau von 1968. Die wirtschaftliche Leistung ging im ersten Jahr von Obamas Amtszeit um 3,5 Prozent zurück und die Arbeitslosigkeit, die zu Beginn der Wirtschaftskrise noch unter 5 Prozent gelegen hatte, stieg mit 9 Prozent auf einen Wert an, den sie seit 1982 nicht mehr erreicht hatte. Hinzu kam, dass der Staatshaushalt ein Rekorddefizit zu verzeichnen hatte. In der Amtszeit von Bill Clinton hatten die USA mehr an Steuern eingenommen als sie an Leistungen ausgaben, aber George W. Bushs Politik der Steuersenkungen und der hohen Ausgaben für Kriege hatte die Überschüsse rasch in ein Defizit verwandelt. Unmittelbar vor und nach dem Amtsantritt von Präsident Obama schlugen überdies immens hohe Ausgaben für Bankenrettungen und für die Stabilisierung der Wirtschaft zu Buche. Kurzum, die Rezession hatte ein Ausmaß erreicht, das in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg ohne Beispiel war. Für Obama bestand kein Zweifel daran, dass die Finanzkrise durch eine Wirtschafts‐ ordnung verursacht war, der es an Mechanismen zur Bändigung der freien Marktkräfte fehlte. Auf einer Pressekonferenz Anfang 2009 erläuterte er, wie eine zukünftige krisen‐ feste US-Wirtschaftsordnung seiner Ansicht nach aussehen sollte: „Selbst jetzt, wo wir dabei sind, die Trümmer dieser Rezession zu beseitigen, habe ich auch gesagt, dass wir nicht zu einer Wirtschaft zurückkehren dürfen, die auf einen Sandhaufen gebaut ist, auf aufgeblähte Preise von Eigenheimen und überzogene Kreditkarten, auf angeschlagene Banken und veraltete Regularien, die es erlauben, dass der wilde Leichtsinn einiger Weniger den Wohlstand von Allen bedroht“. Was Obama forderte war eine umfassende Finanzregulierung. Diese sollte von einem ambitionierten Konjunkturprogramm flan‐ kiert werden, wenn er erklärte: „Wir müssen ein neues Fundament für Wachstum legen, ein Fundament, das unsere Wirtschaft stärkt und uns hilft, im 21. Jahrhundert wettbe‐ werbsfähig zu sein“. Der 787 Milliarden schwere American Recovery and Reinvestment Act (ARRA), den der Kongress Anfang 2009 verabschiedete, enthielt demnach - neben Steuersenkungen für Einzelpersonen, Ehepaare und Studierende - in erster Linie Gelder für Investitionen in Bildung (Ausbildungsförderung und Modernisierung von Schulen) und Infrastruktur (mit dem Hauptaugenmerk auf den Ausbau einer energie‐ effizienten Infrastruktur, auf Fernstraßen und Eisenbahnen). Darüber hinaus sah das Konjunkturprogramm umfangreiche Investitionen im Gesundheitssystem (vor allem Medicaid), zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sowie auf dem Energiesektor (für ein intelligentes Stromnetz und für erneuerbare Energien) vor. Es folgten mehrere kleinere 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 441 <?page no="442"?> Konjunkturpakete, etwa im Bereich der Arbeitslosenversicherung, zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Unterstützung von kleineren Betrieben. Linken Kritikern gingen das Konjunkturprogramm nicht weit genug. Der Journalist Matt Taibbi beschrieb die Rettungsaktionen, von denen Banken und Großunternehmen profitierten, als „eine der größten und ausgeklügelsten Unwahrheiten, die den Men‐ schen in Amerika jemals verkauft wurde“. Auf der politischen Rechten kritisierten Presseleute wie Rick Santelli das Hypothekenprogramm, weil es „die Schulden von Versagern“ subventioniere. In Wirklichkeit hatten beide Seiten nur bedingt Recht. Ein Großteil der Gelder, die an Banken gingen, führten zu Investitionen; umgekehrt war das Hypothekenprogramm mit 29,9 Milliarden Dollar im Vergleich zu den Rettungsgeldern für Banken verschwindend gering. Dem investigativen Newsdesk ProPublica zufolge hat sich die Rettungsaktion aus finanzieller Perspektive am Ende gelohnt: Bis zum Jahr 2016 konnte die US-Regierung mit den Investionen einen Überschuss von 71,7 Milliarden Dollar erwirtschaften und damit satte 11,6 Prozent Gewinn erzielen. Das American Recovery and Reinvestment-Gesetz war nur mit denkbar knapper Mehrheit vom Kongress verabschiedet worden. Im Repräsentantenhaus gab kein einziger Republikaner seine Stimme dafür ab. Für viele demokratische Abgeordnete sollte sich die Unterstützung des Wirtschaftsförderungsprogramms als Pyrrhussieg erweisen. Bei den Zwischenwahlen 2010 wurden etliche Demokraten von ihren fiskalkonservativen Herausforderern als „big spenders“ an den Pranger gestellt. Vor allem aber formierte sich mit der rechtslibertären Tea Party eine Bewegung, die ihr Momentum in erster Linie aus der Opposition gegen Obamas Wirtschaftspolitik gewann. Mit ihrem Namen bezog sich die neue politische Kraft auf den amerikanischen Widerstand gegen die Briten (Boston Tea Party, 1773); „Tea“ stand außerdem als Kürzel für die steuerfeindliche Position der Bewegung: „taxed enough already“. Die Anhänger der Tea Party sahen sich in der Tradition jener Oppositionellen der ersten Stunde, die sich wie Thomas Jefferson und James Madison als Anti-Federalists gegen eine starke Bundesebene ausgesprochen hatten. Der politische Einfluss der Tea Party, bei der es sich weder um eine Partei (mit Vorstand und Satzung) noch um eine Grasswurzelbewegung, sondern um einen losen Verband von heterogenen Gruppen und Einzelpersonen handelt, nahm von nun an beständig zu, so dass der Economist die Tea Party Anfang 2010 als „Amerikas dynamischste politische Kraft“ bezeichnen konnte. Dynamik hieß allerdings in erster Linie Blockade. Anfang 2009 konnte Obama das Zeitfenster nutzen, in dem die Demokraten über klare Mehrheiten in beiden Kammern des US-Kongresses verfügten. Nach den Zwischenwahlen vom November 2010 wäre die Verabschiedung großer Konjunkturpakete nicht mehr realisierbar gewesen. Meinungsumfragen zeigten, dass die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung Obamas Konjunkturpakete für wirkungslos hielt. Dafür waren nicht nur die Republikaner verantwortlich, die nicht müde wurden, auf den Zusammenhang zwischen staatlichen Investitionen und dem stark angestiegenen Haushaltsdefizit zu verweisen. Obamas Politik war letztlich auch deshalb unpopulär, weil sich die meisten Konjunkturmaßnahmen zwar als wirtschaftlich effektiv erwiesen, allerdings Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 442 <?page no="443"?> nicht als öffentlichkeitswirksam. So wurden die Steuererleichterungen auf mehrere Gehaltsschecks verteilt (um einen Konsumanreiz zu schaffen und das Horten größerer Summen zu vermeiden), viele Investitionen gingen an die Einzelstaaten (was eher zum Erhalt bestehender Stellen als zur Schaffung neuer Arbeitsplätze führte), und ein Teil der Auszahlungen wurden auf das Haushaltsjahr 2010 verschoben (um eine double-dip-Rezession zu vermeiden). Hinzu kam, dass die Investitionen in Bildung, Forschung, Entwicklung und saubere Energieträger von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden. Das weitreichendste Gesetz, das Barack Obama vor dem Hintergrund der Wirt‐ schafts- und Finanzkrise durch den Kongress brachte, war die Wallstreet Reform vom Sommer 2010. Mit dem nach den demokratischen Senatoren Chris Dodd und Barney Frank benannten Gesetz (Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act) führten die USA Finanzmarktregeln ein, die die Interaktion zwischen der US-Regierung und den Märkten auf eine neue Basis stellten und auf lange Sicht definierten. In einem Briefing im Weißen Haus am 21. Januar 2010 sprach sich Präsident Obama mit aller Deutlichkeit gegen die Privilegien der großen Banken aus, die „vom Schutznetz der Steuerzahler profitierten - was billiges Kapital einschließt“. Ein für alle Mal sollten Banken daran gehindert werden, ohne Rücksicht auf ihre Kunden riskante Geschäfte mit Hedge-Fonds und Aktienfonds zu betreiben. Dementsprechend verfolgte das Wallstreet-Gesetz, das Obama am 21. Juli 2010 unterzeichnete, das Ziel, „die finanzielle Stabilität der Vereinigten Staaten durch die Verbesserung von Verantwortlichkeit und Transparenz zu fördern“. Ausdrücklich ging es darum, das Prinzip des „too big to fail“ auszuhebeln. Die US-Finanzkrise hatte verdeutlicht, dass die Marktregeln ausgerechnet für die Riesenkonzerne keine Gültigkeit hatten. Deren Macht war im Laufe der Zeit so stark angewachsen, dass der Konkurs großer Geldhäuser unter allen Umständen vermieden werden musste, weil ihre Pleite unzählige kleinere Banken und Versicherungen in den Bankrott getrieben hätte. Gelder flossen demnach nicht an die bestgeführten Geldinstitute, sondern an die größten, die wiederum die größten Risiken eingingen. Der „amerikanische Steuerzahler“ sollte, wie es in der Präambel zum Wallstreet Reformgesetz hieß, nicht mehr für automatische Rettungsmechanismen (bailouts) aufkommen müssen; außerdem sollte er vor „missbräuchlichen Bankdienst‐ leistungen“ geschützt werden. Neben strengeren Regeln für Finanzmarktakteure dekretierte das Wallstreet Reform‐ gesetz auch die Einrichtung einer Verbraucherschutzbehörde (Consumer Financial Protection Bureau, CFPB), die seit 2011 eine unabhängige Einheit in der Notenbank Fed darstellt. Die neue Behörde sollte die amerikanischen Verbraucher vor unfairen Praktiken der Banken - etwa bei der Vermarktung von Kreditkarten - schützen. Da sich auf Seiten der Republikaner heftige Widerstände gegen eine Ausweitung des Verbraucherschutzes und gegen alle Zentralisierungsvorschläge bei der Finanzmarkt‐ aufsicht regen, blieb das neue Gesetz jedoch in der Praxis hinter den Erwartungen seiner Befürworter zurück. 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 443 <?page no="444"?> Aus heutiger Sicht wird die Wirtschaftspolitik Barack Obamas - und insbesondere das Konjunkturpaket von 2009 - je nach politischem Standpunkt äußerst unterschied‐ lich beurteilt. Fest steht, dass der Präsident für die Rettungsaktion inflationsbereinigt 50 Prozent mehr Gelder in die Hand genommen hat als Franklin D. Roosevelt für den gesamten New Deal. Anhänger des Keynesianismus hielten das Paket für viel zu klein, um einen dauerhaften wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Die Republikaner im Kongress sahen es dagegen als Beleg für eine exzessive staatliche Ausgabenpolitik. Kein einziger Republikaner im Repräsentantenhaus hatte für das Gesetz gestimmt. Obama hatte das größte wirtschaftspolitische Paket der US-amerikanischen Geschichte innerhalb von wenigen Wochen mit der Mehrheit der Demokraten durch den Kongress gebracht. Dieser Schritt war geeignet, die schlimmsten Auswirkungen der Rezession rasch zu dämpfen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Aktienmärkte zu beruhigen. Zugleich zeichnete sich gleich von Anfang der Präsidentschaft ab, dass sich der Präsident und seine republikanischen Opponenten feindlich gegenüberstehen würden. Aus Sicht des Präsidenten fehlte es bei den Republikanern an Kooperationsbereitschaft (Obama hatte Steuersenkungen im Austausch für die Zustimmung zum Konjunk‐ turpaket in Aussicht gestellt); aus Sicht der Republikaner hatte der Präsident den Republikanern seine liberale Agenda aufgezwungen. Die USA in der Welt Obamas Agenda Im Gegensatz zur Nationalen Sicherheitsdoktrin, die George W. Bush im Jahr 2002 un‐ ter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 formuliert hatte, las sich Barack Obamas acht Jahre später verfasstes Sicherheitsdokument wie eine Antwort auf das Scheitern der Doktrin seines Vorgängers. Hatte sich Bush in selbstbewusster Rhetorik für die „Verteidigung“ eines „gerechten Friedens“ und „gegen Drohungen von Terroristen und Tyrannen“ ausgesprochen und dabei die besondere Pflicht der USA zum Schutz demokratischer Werte „überall auf dem Globus“ betont, so konterte Obama mit der Einsicht, dass „Amerika ohne Erfolg blieb, als es aus dem Strom der internationalen Kooperation ausscherte“. Hatte Bush die „unvergleichliche militärische Stärke und den großen wirtschaftlichen und politischen Einfluss“ der USA betont, so versuchte es Obama mit einer Rhetorik, die sowohl die amerikanische Führungsrolle als auch deren Grenzen erkennen ließ. Dass Amerikas „Stärke und Einfluss in der Welt mit den Maßnahmen beginnen, die wir zuhause ergreifen“ und dass neben Wirtschaftswachstum auch „Wissenskapital“, die „Unabhängigkeit von ausländischem Öl“ und „die Bewahrung des Planeten“ zu den unabdingbaren Voraussetzungen einer erfolgreichen Außenpolitik gehörten, waren Formulierungen, die eine scharfe Abkehr von der Politik des Vorgängers markierten. Bush hatte die Außenpolitik ins Zentrum seiner Präsidentschaft gestellt, für Obama gehörten Innen- und Außenpolitik aufs Engste zusammen. Er stilisierte sich subtil als Anti-Bush, als selbstbewusst, aber zurückhaltend, als cool und kosmopolitisch. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 444 <?page no="445"?> Die Hoffnung auf Frieden und Verständigung, die Obama zu Anfang seiner Prä‐ sidentschaft in aller Welt schürte, hatte mit seinen öffentlichen Auftritten zu tun. Schon im März 2009, am persischen Neujahrstag, wandte sich Obama an die Iraner, im April mit einer Rede für eine atomwaffenfreie Welt an die Tschechen. Im Mai hielt er eine Ansprache an die Kubaner, im Juni in Kairo an die gesamte arabische Welt. Alle Reden versprachen Annäherung, Multilateralismus und das Ende eines Klimas der Konfrontation. Gleichzeitig bereitete der Präsident den Weg für ein neues Rüstungsabkommen mit Russlands Präsident Dmitri Medwedew vor und unterhielt sich mit Präsident Benjamin Netanjahu über einen sofortigen Siedlungsstopp. Aber so sehr Präsident Obamas nationale Sicherheitsdoktrin eine Vision des Aufbruchs beschwor, so schwierig waren die Schritte der politischen Umsetzung. Vision und Realität hatten oft nur wenig miteinander gemein. Israel Einen Dämpfer erhielt die US-Politik in der Vermittlung zwischen Israel und Palästina. Anders als seine beiden Vorgänger hatte sich Präsident Obama bereits im ersten Jahr seiner Präsidentschaft im Nahostkonflikt engagiert. Er machte die Politik gegenüber Jerusalem zur Chefsache und forderte die israelische Regierung und deren Regierungs‐ chef Benjamin Netanjahu als erster US-Präsident dazu auf, den Siedlungsbau sowohl im Westjordanland als auch in Ostjerusalem vollständig zu stoppen. George W. Bush hatte die Gründung eines Palästinenserstaats und eine Zwei-Staaten-Lösung zum Ziel aller Verhandlungen erklärt, dabei aber die unilaterale Politik Israels unterstützt. Obamas Ziel war stattdessen eine ausgewogene („even-handed“) Politik, mit der er das Vertrauen der Palästinenser zu gewinnen hoffte. Vordergründig erschien das zehnmonatige Moratorium zum israelischen Siedlungsbau, das die USA durchsetzten, wie ein immenser Erfolg, zumal Netanjahu eine Einstellung der Siedlungsaktivitäten anfangs noch grundsätzlich abgelehnt hatte. Aber im September 2010 kamen die US-Friedensverhandlungen rasch zum Erliegen, weil Israel keinerlei Bereitschaft zeigte, den Baustopp zu verlängern. Dass die Israelis die USA als Mittler nicht akzeptier‐ ten, hatte sich schon im Juni 2010 angedeutet, als der israelische Bauminister während des Staatsbesuchs von Vizepräsident Joseph „Joe“ Biden in Jerusalem den Neubau von 1600 Wohneinheiten in Ostjerusalem ankündigte. Präsident Obama erwiderte den Affront einige Monate später, indem er Netanjahu allein im Oval Office zurückließ, als dieser Washington besuchte. Der US-amerikanischen Diplomatie mochte es mit Blick auf Israel an Fingerspitzengefühl gefehlt haben: Obama besuchte Anfang 2009 zwar Kairo, aber nicht Jerusalem. Er warnte die Araber davor, den Holocaust zu leugnen, aber er versäumte es, auf die biblisch fundierten Ansprüche Israels zu verweisen. Aber die gleichermaßen provokative (gegenüber dem Iran auch panische) Haltung Jerusalems verwies alle diplomatischen Offerten der Obama-Administration, die eine Annäherung zwischen Juden und Muslimen im Nahen und Mittleren Osten anstrebten, ins Reich der Utopie. Trotz der positiven Grundeinstellung der US-Medien gegenüber Israel machte sich angesichts der unnachgiebigen Haltung Jerusalems in den USA zunehmend die Meinung breit, dass Israel an der verfahrenen Situation im Nahen Osten mitschuldig 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 445 <?page no="446"?> sei. Mehr als die Hälfte aller Amerikanerinnen und Amerikaner (und eine deutliche Mehrheit unter den Demokraten) waren während Obamas Amtszeit der Ansicht, dass die USA Israel im Falle eines Angriffs durch arabische Nachbarn nicht militärisch unterstützen solle. Obamas Kriege Irak, Islamischer Staat und Syrien Seit der Präsidentschaft von Richard Nixon hatte es in den USA keinen Präsidenten mehr gegeben, der von seinem Vorgänger einen Krieg erbte. Obama erbte sogar drei Kriege: den Irakkrieg, den Krieg in Afghanistan und George W. Bushs „Krieg gegen den Terrorismus“. Im Wahlkampf hatte Barack Obama den Krieg gegen den Irak als unsinnig charakterisiert. Die grundsätzliche Opposition zum Irakkrieg brachte ihm die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten, das Image eines Anti-Kriegspolitikers und wohl auch den Friedensnobelpreis ein, der ihm am 10. Dezember 2009 im Rathaus von Oslo verliehen wurde. In Wirklichkeit hatte sich Obama zwar früh und lautstark gegen den Irakkrieg ausgesprochen, aber durchaus differenziert: „Ich bin kein Gegner aller Kriege“, erklärte Obama ausdrücklich am 2. Oktober 2002 bei einer Antikriegsdemonstration in Chicago. Zugleich sprach er sich „gegen dumme Kriege“ aus, gegen Kriege von „unbestimmter Länge“, mit „unbe‐ stimmten Kosten“ und „mit unbestimmten Auswirkungen“. Ironischerweise nutzte Obama seine Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises, um eine Philosophie des Friedens zu umreißen, die alles andere als pazifistisch war: „Ich sehe die Welt als das an, was sie ist“, erklärte er, „und kann angesichts der Bedrohungen für die amerikanische Bevölkerung nicht müßig herumstehen. Denn täuschen Sie sich nicht: Es gibt das Böse in der Welt. Eine gewaltlose Bewegung hätte Hitlers Heere nicht aufhalten können. Verhandlungen können die Anführer von Al-Kaida nicht dazu bringen, ihre Waffen niederzulegen. Zu sagen, dass Gewalt gelegentlich nötig ist, ist kein Aufruf zu Zynismus - es ist die Anerkennung der Geschichte, der Unzulänglichkeit des Menschen und der Grenzen des Verstandes“. Anders als seine unmittelbaren Vorgänger im Amt reflektierte Obama seine Präsi‐ dentschaft immer wieder in historischer Perspektive. Bei einem Dinner im Juni 2009, zu dem Obama den Stanford-Historiker David M. Kennedy und den Johnson-Biographen Robert Caro eingeladen hatte, äußerte Obama seine Besorgnis darüber, dass ein militärisches Engagement in Afghanistan seine Präsidentschaft kapern könne, so wie der Vietnamkrieg einst die innenpolitische Agenda Lyndon B. Johnsons überschattet hatte. Dennoch sah Obama den Krieg gegen Afghanistan als unvermeidbar an. Bei einer Versammlung der Veterans of Foreign Wars in Phoenix, Arizona, charakterisierte er Afghanistan im Frühsommer 2009 als Bollwerk gegen den Terrorismus, so wie Johnson einst Vietnam als letzte Bastion zur Eindämmung des Kommunismus porträtiert hatte. „Dies ist kein ‚war of choice‘. Dies ist ein ‚war of necessity‘“ - ein notwendiger Krieg. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 446 <?page no="447"?> Wenige Wochen nach Antritt des Präsidentenamtes kündigte Barack Obama an, er wolle die US-Truppen aus dem Irak zurückzuführen. Alle Kampfeinheiten sollten das Land spätestens Ende August 2010 verlassen. Infolge einer deutlichen Erhöhung der US-Truppenstärke ab 2007, dem sogenannten „surge“, hatte sich die Spirale von Chaos und Gewalt eindämmen und zurückschrauben lassen - ein Umstand, der von Republikanern (allen voran Obamas Gegenkandidat im Wahlkampf John McCain) hervorgehoben, von Obama dagegen nie offiziell anerkannt wurde. In der Ansprache zur Lage der Nation am 27. Januar 2010 erwähnte der Präsident den Irak noch am Rande: „Jetzt wo wir den Kampf gegen Al-Kaida aufnehmen, überlassen wir den Irak verantwortungsbewusst seinen Bürgern. Als Kandidat habe ich versprochen, dass ich diesen Krieg beenden werde, und das tue ich nun als Präsident […]. Wir werden die irakische Regierung unterstützen, wenn sie ihre Wahlen durchführt, und wir werden weiterhin Partner für die Menschen im Irak sein, um Frieden und Wohlstand in der Region zu fördern. Aber täuschen Sie sich nicht; dieser Krieg geht zu Ende, und all unsere Truppen kommen nach Hause“. Ende August 2010 verließen tatsächlich alle US-Kampftruppen den Irak. Zurück blieben knapp 50.000 Soldaten, deren Aufgabe in erster Linie in der Unterstützung und Ausbildung lokaler Militärverbände lag. Die Parlamentswahlen im März 2010 waren ohne größere Zwischenfälle verlaufen, aber die politische Ordnung im Irak war alles andere als stabil, zumal sich ein wachsender Einfluss religiöser Fundamentalisten aus dem Iran abzeichnete. Am 18. Dezember 2011 verließ der letzte US-Truppenkonvoi das Land. Die Bilanz des Krieges war verheerend. 4488 Amerikaner (davon 110 Frauen) wurden in mit der US-Flagge dra‐ pierten Särgen in ihr Heimatland zurückgebracht, 32.221 hatten schwere Verletzungen davongetragen, 235 hatten Suizid begangen. Noch viel katastrophaler stellte sich die Situation für die irakische Bevölkerung dar. Der Krieg hatte, nach einer Aufstellung der Brookings Institution, nicht weniger als 115.376 Zivilisten das Leben gekostet, und die Zahl der Heimatvertriebenen stieg zwischen 2003 und 2010 von 400.000 auf 2,7 Millionen Menschen an. Im Gegensatz zu anderen Kriegsschauplätzen, an denen US-Truppen eingesetzt waren, gab es im Irak keine sicheren Rückzugsregionen. 88 Prozent der amerikanischen Soldaten waren, nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2006, Artilleriefeuer oder Mörserbeschuss ausgesetzt, 45 Prozent hatten auf den Feind geschossen und über 60 Prozent berichteten von Todesfällen in ihrer Einheit. Diese Erfahrungen gehen nicht spurlos an der Gesellschaft vorbei - die starke Belastung wird durch die Gründung gemeinnütziger Organisationen wie dem Wounded Warrior Project deutlich, das sich um Militärs (und auch deren Angehörige) kümmert, die im Rahmen der Einsätze nach den Anschlägen vom 11. September psychischen oder physischen Schaden genommen haben. Die finanziellen Kosten des Krieges im Irak beliefen sich, wenn man die langfristige Versorgung der Soldaten und die Zinsen für aufgenommene Kredite miteinrechnet, auf weit über eine Billion US-Dollar (Berechnungen von 2020 gehen von insgesamt 2,5 Billionen Dollar für die beiden Kriege im Irak und Afghanistan aus). Größer noch als der finanzielle Schaden war der moralische Schaden, den die USA in der Folge des Irakkriegs davontrugen. 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 447 <?page no="448"?> Nach dem von beiden Seiten ratifizierten Plan war der Abzug von US-Kampftruppen aus dem Irak Ende 2011 abgeschlossen. Aber auch danach blieben die USA im Irak präsent. Auf knapp 45 Hektar unterhielten sie in der hochgesicherten internationalen Green Zone in Bagdad eine gigantische Botschaft - eine noch von George W. Bush eingerichtete Festung - mit nahezu 5000 Angestellten, bombensicheren Wohngebäu‐ den, Sport- und Schwimmanlagen, eigener Stromerzeugung, Brunnen und Abwasser‐ anlagen und rundum schusssicherem Glas. Von dort aus wurden sie zu Zeugen der Entwicklung eines von einer korrupten und unfähigen Regierung geführten Landes, das durch den Aufstieg der terroristischen Organisation Islamischer Staat (ISIS - Islamischer Staat im Irak und Syrien) zunehmend in Bedrängnis kam. ISIS setzte sich in seiner Führungsriege aus ehemaligen Militärs und Geheimdienstoffizieren von Saddam Hussein zusammen. Die Organisaton entpuppte sich bald als noch fanatischer als die Terrormiliz Al-Kaida. Durch kriminelle Aktionen, die Besetzung von Ölfeldern und den Verkauf von Öl sicherte sich ISIS ein Rieseneinkommen. Und mit Entführungen, mit übers Internet in Szene gesetzten Enthauptungen, mit der Zerstörung von antikem Kulturgut im Nahen Osten und mit Terrorattacken in Westeuropa und den USA brachte die Miliz einen nie zuvor dagewesenen Terror in den Irak, der auch an der Grenze nach Syrien nicht Halt machte. Wenigstens 1,2 Millionen Menschen verloren ihre Heimat und mussten fliehen. Weit von George W. Bushs Plan, die Region zu befrieden, entfernt, führte der neue Terror zum schlimmstmöglichen Ergebnis. Die verheerende Lage hatte ihre Ursprünge in den Militäraktionen in der Ära Bush, aber nun waren sie ein Problem für Obama. Noch Ende Mai 2014, auf dem Rückflug von einer Asienreise, hatte der Präsident gegenüber einem Team von Journalisten erklärt, seine außenpolitische Philosophie lasse sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: „Don’t do stupid shit“. Der Satz war so griffig wie Bill Clintons „It’s the economy, stupid“, aber weniger konsens- und außerdem kaum zitierfähig. Was Obama mit der Formel sagen wollte, war simpel: Die USA hatten in der Geschichte ihrer Außenpolitik nicht zu wenig, sondern zu viel interveniert - in Vietnam ganz sicher, aber eben auch im Irak. Amerika sollte sich nach Ansicht von Obama nur dort engagieren, wo genuine nationale Interessen auf dem Spiel standen. Bereits wenige Wochen nachdem Obama sein mahnendes Mantra ausgesprochen hatte, wurde er auf die Probe gestellt. Im Juli 2014 eroberten ISIS-Kämpfer die irakische Stadt Mossul, zerstörten schiitische Heiligtümer, forderten die Christen zur Konversion zum Islam auf, setzten den katholischen Bischofssitz in Brand und übernahmen die Kontrolle des größten Staudamms des Irak - die Mossul-Talsperre. Spätestens jetzt wurde offensichtlich, dass das US-amerikanische Training von irakischen Sicherheitskräften wenig erbracht hatte. Ohne Intervention ließ sich der zerstörerische Vormarsch von ISIS nicht aufhalten. Mit einigem Zögern beschloss Obama, 300 Sondereinsatztruppen nach Bagdad zu schicken, um wenigstens die irakische Hauptstadt vor dem Übergriff von schützen. Die Entscheidung wurde mehrheitlich von der Bevölkerung getragen, aber anders als bei früheren Militärein‐ sätzen sammelte sich die öffentliche Meinung nicht mehr hinter dem Präsidenten. Mit Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 448 <?page no="449"?> seiner Führung war nur noch ein kleiner Teil der Amerikanerinnen und Amerikaner zufrieden. In ihren Militäreinsätzen wurden die USA logistisch und personell von Alliierten aus dem Nahen Osten und aus Europa unterstützt. Lokalen Kämpfern, Kurden und Schiiten, deren Angriffe von gezielten US-Luftangriffen flankiert wurden, gelang es schließlich, ISIS immer weiter zurückzudrängen, und bis Februar 2016 hatte die Terrororganisation mehr als die Hälfte der eroberten Gebiete wieder verloren. Aber nach und nach kamen auch Kriegsverbrechen ans Licht, die von den schiitischen Milizen begangen wurden. Auch in Syrien, Iraks Nachbarstaat, der von Diktator Baschar al-Assad regiert wurde, richtete ISIS Verheerungen an. Hillary Clinton hatte als Außenministerin in Obamas erstem Kabinett ein breit angelegtes Trainingsprogramm ins Spiel gebracht, das syrische Rebellen im Ausland schulen sollte, um sie nach ihrer Rückkehr im Kampf gegen Assad einzusetzen. Obama lehnte dies, wie auch die Sperrung des Luftraums zum Schutz von Zivilisten, nach reiflichem Überlegen ab. Aus Sicht des Präsidenten war mit einer Intervention in Syrien nichts gewonnen. Die 70.000 Soldaten, die es nach Ansicht des Generalstabsvorsitzenden Martin Demsey benötigt hätte, um die syrische Flugabwehr auszuschalten und die Zivilbevölkerung effektiv zu schützen, wollte der Präsident keinesfalls einsetzen, zumal Assads Truppen bestens ausgestattet waren und der Diktator auf russische Unterstützung hoffen konnte. Ein fragwürdiges außenpolitisches Risiko ging Obama unterdessen ein, als er im August 2013 mit harten Worten, denen am Ende keine Aktionen folgten, für den Fall eines Giftgaseinsatzes durch Assad erklärte: „Ich habe bis jetzt kein militärisches Eingreifen angeordnet, aber für uns ist eine rote Linie überschritten, wenn eine ganze Menge chemischer Waffen bewegt oder eingesetzt wird“. Auch als das Assad-Regime bei einem Raketenangriff gegen die Ortschaft Ghouta chemische Waffen, darunter das Nervengas Sarin, einsetzte, nutzte Obama sein Amt als Militärchef nicht für einen Schlag gegen Assad. „Es ist zu leicht für einen Präsidenten, in den Krieg zu ziehen“, hatte Obama im Wahlkampf 2007 erklärt. Dieser Satz habe für ihn auch 2013 noch Gültigkeit. Statt selbst über Krieg und Frieden zu entscheiden, befragte Obama vor diesem Hintergrund den Kongress. Dieses Vorgehen war alles andere als üblich. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte der Kongress keinen Krieg mehr erklärt. Aber 2013 schwebte der Geist von George W. Bush und die Erinnerung an den Irakkrieg über der Abstimmung. „Vielleicht haben sie das Wort ‚Syrien‘ gehört, aber was sie vor sich sahen, war der Irak“, kommentierte Außenminister John Kerry das Ergebnis der Abstimmung, in der sich eine Mehrheit gegen einen Militäreinsatz aussprach. Der Abgeordnete Tom Cole, der sich zusammen mit der Mehrheit seiner republikanischen Partei für einen Krieg ausgesprochen hatte, fügte pointiert und nicht ohne ironischen Unterton hinzu: „Er [Obama] ist ein Kriegspräsident ohne Kriegspartei“. Die Reflektiertheit des Präsidenten wurde von den Kritikern in den USA und den Alliierten in der arabischen Welt als Unsicherheit und Schwäche ausgelegt. Offensichtlich war Obama so allergisch gegen eine Kriegsverstrickung im Nahen Osten, dass er hinter seiner eigenen Drohung von der „roten Linie“ zurückblieb. Einen Monat nach den Giftgasattacken trat Syrien 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 449 <?page no="450"?> der Chemiewaffenkonvention bei, aber Chaos und Schrecken nahmen in Syrien kein Ende. Assad, der gegen seine Opposition brutal vorging, konnte sich weiterhin im Amt halten und die irakische Führung erwies sich als unfähig, einen effektiven Krieg gegen ISIS zu führen. George W. Bushs Politik, der das irakische Militär abgerüstet und aufgelöst hatte, spielte dabei eine zentrale Rolle. Aber am Ende hatten auch die Amerikaner versagt. 2016 gab Obama das Terrorproblem im Irak und in Syrien, das er geerbt hatte, an seinen Amtsnachfolger weiter. Afghanistan Der Irakkrieg war George W. Bushs Krieg, aber der Afghanistankrieg, der im Jahr 2001 begonnen hatte, sollte bald zu Obamas Krieg werden. Im Irak wollte Obama US-amerikanische Truppen sobald wie möglich abziehen. In Afghanistan, dessen Taliban die Angriffe vom 11. September auf das World Trade Center unterstützt hatten, fuhr er eine entgegengerichtete Politik. Bereits im März 2009 veranlasste Präsident Obama eine Anhebung der Truppen um 21.000 Soldaten - um mehr als je zuvor. In seiner ersten Jahresansprache an die Nation erklärte der Präsident, er wolle „einen schwer verdienten Frieden in Afghanistan schließen“. Allerdings zeigte sich schon bald, dass eine Befriedung Afghanistans und das Zurückdrängen der fundamentalistischen Taliban alles andere als leicht zu bewerkstelligen war. Der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, General Stanley McChrystal, ließ öffentlichkeitswirksam durchsickern, dass eine Aufstockung der Truppen in Afghanistan um weitere 40.000 Soldaten nötig sei, wenn die USA die Sicherheit der afghanischen Wahlen im August 2009 gewährleisten wollten. Verärgert über den Druck von Seiten McChrystals, ver‐ suchte sich Obama selbst ein Bild von der militärischen Situation in Afghanistan zu verschaffen. Dabei sah er sich mit zwei sehr unterschiedlichen Positionen im Kreis seiner engsten Berater konfrontiert. Auf der einen Seite standen die Vertreter eines harten militärischen Kurses, allen voran Außenministerin Clinton, Verteidigungsmi‐ nister Gates sowie der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs Admiral Mullen, die die Forderung General McChrystals nach einer drastischen Aufstockung des US-Trup‐ penkontingents vorbehaltlos unterstützten. Diese Gruppe begründete ihre Position mit dem Erfolg, den der „surge“ (eine drastische Anhebung der Truppenstärke) im Irak zwischen 2007 und 2009 gezeitigt hatte. Im Wesentlichen plädierten sie für jene Strategie der counterinsurgency (COIN), die General David Petraeus im Irak durchge‐ setzt hatte: Aufstockung der Truppenkontingente, um die Zivilbevölkerung effektiv schützen und ihr Vertrauen gewinnen zu können beim gleichzeitigen Kampf gegen die Bewegung der aufständischen Taliban. Auf der anderen Seite fanden sich Ratgeber, die sich für begrenzte Anti-Terror-Operationen - eine counterterrorism-Strategie (CT) - aussprachen. Zu dieser Gruppe zählten unter anderem Vizepräsident Joseph Biden, der Stabschef des Weißen Hauses Rahm Emanuel, der Sondergesandte für Pakistan und Afghanistan Richard Holbrooke sowie der US-Botschafter in Afghanistan Karl Eikenberry. Die Vertreter der Counterterrorism-Philosophie machten für sich geltend, dass eine Stabilisierung der Lage in Afghanistan kaum gelingen könne. Angesichts des mangelnden Rückhalts, den Regierungschef Karzai in der Bevölkerung genoss, Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 450 <?page no="451"?> der gewaltigen Korruption im Land, und vor dem Hintergrund der Schwäche der polizeilichen Ordnungskräfte solle man nicht die Truppenstärke erhöhen, sondern ge‐ zielte Anti-Terror-Operationen und Tötungsaktionen - mit Drohnen (Unmanned Aerial Vehicles, UAVS) und Spezialkommandos - gegen jene 400 Al-Kaida-Dschihadisten fahren, die die US-Geheimdienste Ende 2009 noch in Afghanistan vermuteten. Barack Obama entschied sich für keine der beiden Varianten, er optierte für einen Kompromiss. In einer Rede an der Militärakademie in West Point sprach er sich für eine Erhöhung der Truppenstärke nicht um 40.000, wie von General McChrystal gefordert, sondern um 30.000 Soldaten aus. In einem seltenen Schulterschluss zwischen Republikanern und Demokraten bekam der Präsident für seinen Kurs parteiübergreifende Zustimmung, allerdings war die Skepsis auf der Seite der Demokraten größer als auf der Gegenseite. Seinen demokratischen Kritikern im Kongress stellte der Präsident eine Überprüfung der Militärstrategie nach 12 Monaten sowie den Beginn des Truppenabzugs zum Sommer 2011 in Aussicht. Obamas Rede in West Point klang nicht wie die eines energischen Oberbefehls‐ habers, eher so wie die eines besonnenen Planers. Sie spiegelte den Primat der Innenpolitik wider. Denn der Präsident war Ende 2009 wenigstens so sehr daran interessiert, seine Gesundheitsreform durch den Kongress zu bringen (dafür benötigte er die Stimmen aller Demokraten) wie eine optimale militärische Ausgangssituation in Afghanistan zu schaffen. Dass die Ankündigung eines Fahrplans für den Abzug von US-Truppen klug war, darf bezweifelt werden. In den US-Medien wurden afghanische Stimmen kolportiert, die erklärten: „Die Amerikaner sind in Besitz der Uhren, wir sind in Besitz von Zeit“. Außerdem drang der Unmut, der sich im Umkreis von General McChrystal breitmachte, an die Öffentlichkeit. Im Juni 2010 erschien in der Musikzeitschrift Rolling Stone ein Artikel „The Runaway General“ („Der abtrünnige General“), der die Verachtung von McChrystal und dessen Entourage für das Weiße Haus drastisch zur Sprache brachte. „Obamas führender Kommandeur in Afghanistan“, hieß es darin, „hat die Kontrolle über den Krieg übernommen, indem er niemals den wirklichen Feind, die Waschlappen im Weißen Haus, aus den Augen verloren hat“. James Jones, Obamas Sicherheitsberater, wurde darin als „Clown“ bezeichnet, Richard Holbrooke als „lästig“; aber den größten „Feind“ sah das „Team McChrystal“ in Vizepräsident Joe Biden. Die Enthüllungen brachten unerhörte Spannungen zwischen Politik und Militär zutage und endeten konsequent - wie zuvor im Jahr 1951, als Präsident Eisenhower seinen Korea-General MacArthur wegen Mangels an Respekt zum Rücktritt aufforderte - in der Entlassung McChrystals durch Barack Obama. Mit David Petraeus, dem ehemaligen Oberbefehlshaber im Irak, setzte Obama einen Mann in Afghanistan ein, der als Architekt der (von Obama einst kritisierten) surge-Strategie galt und der in der Öffentlichkeit hohe Popularität genoss. Dadurch wurde vollends evident, wie sehr die counterinsurgency-Strategie im Irak und diejenige in Afghanistan einander ähnelten. In Anlehnung an die sunnitischen Sicherheitskräfte, die Petraeus als „Sons of Iraq“ eingesetzt hatte, heuerte er auch in Afghanistan 10.000 lokale Kämpfer an, die als „Sons of Shura“ bezeichnet wurden. Aber anders als im Irak beruhigte sich 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 451 <?page no="452"?> die Lage in Afghanistan nicht. Die COIN-Strategie versagte am Hindukusch. Dafür gab es gute Gründe. Für die afghanischen Sicherheitskräfte, die ohnehin keine adäquate Ausbildung genossen hatten (die meisten waren Analphabeten), standen auch keine ausreichenden finanziellen Mittel zur Verfügung, über 50 Prozent der einheimischen Kräfte quittierten den Dienst bald wieder, und in der Korruptionsbekämpfung waren (trotz der Gründung von zwei US-finanzierten Anti-Korruptionsbehörden) keinerlei Fortschritte zu verzeichnen. Im Gegenteil, die Ermittlungen wurden von Präsident Karzai, dessen Halbbruder in mehrere Bestechungsfälle verwickelt war, systematisch behindert, was zu Spannungen zwischen Washington und Kabul führte. Angesichts der desolaten Lage und der hohen Ablehnung des Afghanistankriegs in der US-amerikanischen Bevölkerung (Ende 2010 war er genauso unpopulär wie der Irakkrieg) erinnerte Präsident Obama in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache am 22. Juni 2011 die amerikanische Öffentlichkeit an sein Versprechen, dass der „Einsatz [der US-Truppen] nicht unbefristet sein werde und wir im Juli damit beginnen werden, unsere Truppen zurückzuziehen“. Gleichzeitig konzedierte der Präsident, „dass große Herausforderungen noch anstehen“. Dies sei „der Anfang - aber nicht das Ende - unserer Anstrengungen, den Krieg zurückzufahren“. Die Ankündigung des Abzugs von zunächst 10.000 Soldaten aus Afghanistan folgte auf die Nachricht von der Tötung Osama bin Ladens. US-Spezialkräften war es in der Nacht zum 2. Mai 2011 gelungen, den Anführer des Terrornetzwerks Al-Kaida zu töten. Die Erstürmung von bin Ladens Anwesen in Pakistan war von Präsident Obama persönlich veranlasst worden. Die Entscheidung für eine Erstürmung und gegen einen ebenfalls möglichen Raketenangriff zeigt die symbolische Bedeutung der Mission. Die Zeit des Einsatzes nannte er „die längsten 40 Minuten meines Lebens“. Der Erfolg der Aktion gab Obama wichtigen politischen Spielraum. Was George W. Bush nicht erreicht hatte, den Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 zur Strecke zu bringen, war Obama schließlich mit einer riskanten, aber gezielten Aktion gelungen. Die Tötung oder „Exekution“ Osama bin Ladens, über deren Vereinbarkeit mit den Prinzipien des Rechtsstaats und des Völkerrechts international viel gestritten wurde, sowie Obamas Fernsehansprache vom 22. Juni 2011 markierten einen schleich‐ enden Strategiewandel im Krieg gegen Afghanistan. Statt weiter auf die (gescheiterte) COIN-Strategie zu setzen, in deren Mittelpunkt die innenpolitische Stabilisierung Afghanistans gestanden hatte, gingen die USA von nun an bevorzugt gezielt, mittels verdeckter Operationen und Drohnenangriffe, gegen vermeintliche Kommandozentra‐ len von Al-Kaida vor. Ein Großteil der Truppen sollte weiterhin bis 2014 in Afghanistan bleiben, zugleich richteten sich die Anti-Terror-Einsätze im US-Schattenkrieg stärker gegen spezifische Ziele, vor allem auf beiden Seiten der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan. Die neue Rolle der CIA, die mit verdeckten Drohnenangriffen gegen Stammesführer in Pakistan erstmals im Jahr 2004 begonnen hatte (offiziell übernahm die Regierung von Islamabad die Verantwortung für die streng geheimen Operationen), veränderte nicht nur den Charakter der US-Kriegsführung in Zentralasien, sondern auch das Selbstverständnis der CIA selbst, einer Einrichtung, die als Spionageorgani‐ Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 452 <?page no="453"?> sation des Kalten Kriegs begonnen hatte und die sich nunmehr zunehmend in eine paramilitärische Organisation verwandelte. Pakistan und der Drohnenkrieg Obama hatte Afghanistan und Pakistan als eine Art politische Einheit betrachtet. Dies zeigte sich schon daran, dass der Präsident unmittelbar nach seinem Amtsantritt die neue Position eines Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan („AfPak“, wie es im Washingtoner Politjargon hieß) schuf, die er mit Richard Holbrooke besetzte. Die „verstärkte Partnerschaft mit Pakistan“, die die USA per Gesetz (Enhanced Partnership with Pakistan Act, 2009) auf eine finanzielle Grundlage stellten, sicherte Islamabad nicht weniger als 7,5 Milliarden US-Dollar an Wirtschafts- und Militärhilfe für einen Zeitraum von fünf Jahren zu. Das Vorgehen der USA in Zentralasien hatte in Pakistan Kritik und Bestürzung her‐ vorgerufen. Im Juli 2009 erklärten einer Gallup-Al Jazeera-Meinungsumfrage zufolge 59 Prozent der pakistanischen Bevölkerung, die USA seien die größte Bedrohung für ihr Land (den Erzfeind Indien hielten dagegen nur 18 Prozent für gefährlich). Kein Wunder, dass die Regierung Pakistans kaum für eine Rolle im US-amerikanischen Anti-Terror-Krieg zu gewinnen war. Dass die Aktion gegen Osama bin Laden ohne vorherige Unterrichtung Pakistans erfolgte, war symptomatisch für das mangelnde Vertrauen zwischen Washington und Islamabad. In Pakistan gingen immer häufiger Menschen auf die Straße, um gegen den „Drohnenkrieg“ der USA zu protestieren. Die Position der pakistanischen Regierung schwankte abwechselnd zwischen einer expliziten Verurteilung der Angriffe und dem stillschweigenden Akzeptieren der amerikanischen Operationen, die gegen Ziele in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan geflogen wurden. Nachdem die CIA nicht weniger als zehn Jahre lang alle Anfragen zum Einsatz unbemannter Flugzeuge in Afghanistan, Pakistan, Jemen und Somalia unter Hinweis auf das Staats‐ geheimnisprivileg zurückgewiesen hatte, kam es für viele überraschend, als Präsident Obama Ende Januar 2012 bei einem live auf den Internetseiten Google+ und Youtube übertragenen Webcam-Chat den US-Einsatz von Drohnen gegen Al-Kaida einräumte. Der Präsident insistierte allerdings darauf, dass die Drohnen „keine sehr große Zahl von zivilen Opfern gefordert“ hätten, dass es sich bei den Angriffen „überwiegend“ um „Präzisionsangriffe gegen Al-Kaida und deren Verbündete“ sowie gegen „Menschen auf der Liste aktiver Terroristen“ handele. In Wirklichkeit sind bis zum Januar 2013 362 Drohnenangriffe gegen Ziele in Pakistan geflogen worden (nur 52 davon in der Amtszeit von George W. Bush). Diese hatten nicht weniger als 475 Zivilisten (nach manchen Schätzungen bis zu 900) das Leben gekostet, darunter 176 Kindern. Offiziellen Angaben des Council of Foreign Relations zufolge wurden in der Amtszeit von Barack Obama 3797 Menschen durch Drohnen getötet, darunter 342 Zivilisten. Der counterterrorism-Berater Obamas und spätere CIA-Direktor John O. Brennan wies 2012 in einer öffentlichen Ansprache den Vorwurf von sich, dass „die Obama-Re‐ gierung es vorziehe, Al-Kaida-Mitglieder zu töten, statt sie gefangen zu nehmen“. De facto wurden tödliche Einsätze allerdings zur bestimmenden Strategie in Obamas Krieg 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 453 <?page no="454"?> gegen den Terrorismus. Wurden unter George W. Bush noch Hunderte von Terroristen und Terrorverdächtigen in Gefängnisse verbracht und dort mit oft harschen Methoden (wie waterboarding) verhört - Obama ließ dies gleich zu Beginn seiner Amtszeit verbie‐ ten -, so sank die Zahl der Gefangennahmen in der Ära Obama drastisch. Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die im Rahmen von US-Anti-Terror-Angriffen, vornehm‐ lich durch Drohnen, getötet wurden. Bis 2013 waren nicht weniger als 3000 Todesopfer im Kampf gegen den Terrorismus zu verzeichnen. Da die Regierungen von Pakistan und Jemen nicht selten selbst kurze Einfälle von US-Anti-Terror-Einheiten verboten und da Obama bereits 2009 die CIA-Geheimgefängnisse im Ausland hatte schließen lassen, ergab sich der Eindruck, dass die Obama-Regierung mit der Tötung von Terroristen eine ebenso bequeme wie fragwürdige Option wählte. Republikaner kritisierten den Präsidenten dafür, dass er die Tötung von Terroristen in Kauf nähme, um keine wei‐ teren Häftlinge mehr nach Guantánamo senden zu müssen. Menschenrechtsanwälte mahnten, dass mit den Drohnenangriffen rechtswidrige außergerichtliche Exekutio‐ nen vorgenommen würden. Eine Umfrage des Pew-Forschungszentrums aus dem Jahr 2012 zeigte, dass nur 17 Prozent der afghanischen Bevölkerung Drohnenattacken guthießen, selbst dann, wenn sie in Verbindung mit der pakistanischen Regierung durchgeführt wurden. In scharfem Kontrast dazu erfreuten sich die Drohnenattacken (nach einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2013) in den USA hoher Beliebtheit. 65 Prozent der Amerikaner waren der Ansicht, dass diese insgesamt positiv zu bewerten seien. Die jährlichen Ausgaben für die Drohnenkriege der USA versechsfachten sich zwischen 2001 und 2013. Im Vergleich zu der Billionensumme für den Irak- und Afghanistankrieg erscheinen die Kosten für den Drohnenkrieg jedoch äußerst gering. Obama hatte nicht ganz Unrecht, wenn er erklärte, dass traditionelle „Militäraktionen“ gegen Al-Kaida im Bergland zwischen Afghanistan und Pakistan „wahrscheinlich weitaus intrusiver“ und aufwändiger wären als Drohnenflüge. Allerdings ließ die ständig steigende Zahl von Angriffen mit unbemannten Flugkörpern befürchten, dass ihr Einsatz zuweilen leichtfertig und ohne Berücksichtigung von Alternativen angeordnet wurde und dass die Drohnen nicht nur „aktive Terroristen“, sondern immer mehr Unbeteiligte treffen könnten. Libyen Als der libysche Staatschef Gaddafi im Februar 2011 mit Militärs gegen Rebellen im eigenen Land vorrückte, sah sich Barack Obama in mehrfacher Hinsicht mit einer prekären Situation konfrontiert: Einerseits befand sich Libyen in einer humanitären Notlage, andererseits hatte Obama ausdrücklich vor der Gefahr gewarnt, „jedem Übel zu begegnen, das sich in Übersee finden“ lässt. Einerseits war ohne die Ablösung des Diktators Mohammad al-Gaddafi ein Ende des blutigen Bürgerkriegs in Libyen kaum vorstellbar (das Beispiel des „unvollendeten“ ersten Irakkriegs, bei dem Saddam Hussein an der Macht geblieben war, stand im Raum), andererseits hatten die Wirt‐ schaftskrise und der teure Krieg in Afghanistan den US-Haushalt extrem strapaziert. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 454 <?page no="455"?> Einerseits ließ sich der kriegsmüden US-Bevölkerung kaum vermitteln, warum US-Sol‐ daten nach Nordafrika geschickt werden sollten, andererseits richteten sich die Blicke von Amerikas NATO-Bündnispartnern, allen voran Großbritannien und Frankreich, auf die USA, von denen man aus historischen Gründen die Führung einer etwaigen Intervention erwartete. Außenministerin Hillary Clinton brachte das amerikanische Dilemma in einem Interview mit dem Magazin The New Yorker auf den Punkt, als sie die Erwartungen an die US-Regierung als „totale Kakophonie des Widerspruchs“ bezeichnete: „Irgendjemand sollte irgendetwas tun, aber die Vereinigten Staaten sollten es nicht unilateral tun. Die Vereinigten Staaten sollten etwas tun, aber niemanden bombardieren“. Obama entschied sich für einen Kurs, den einer seiner Ratgeber im Weißen Haus als „Führung aus zweiter Reihe“ bezeichnete. Der Begriff ging auf die Autobiographie Nelson Mandelas zurück, der den politischen Führer mit einem Schäfer verglich: „Er bleibt hinter der Herde zurück, lässt die Wendigsten vorausgehen; die anderen folgen dann, ohne freilich zu bemerken, dass sie schon immer von hinten gelenkt werden“. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg gaben die USA die Führung an ihre westlichen Koalitionspartner ab. Die Arabische Liga (nicht die USA) forderte den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf, in Libyen eine Flugverbotszone einzurichten. Die Verabschie‐ dung der entsprechenden UN-Resolution 1973, die ohne Gegenstimmen (aber mit fünf Enthaltungen, zu denen auch Deutschland gehörte) verabschiedet wurde, markierte den Anfang einer Militäraktion, die ab dem 31. März 2011 unter dem Kommando der NATO durchgeführt wurde. Schon nach wenigen Tagen beteiligten sich die USA zwar noch an der Aufklärungsarbeit und an der Luftbetankung, aber sie zogen ihre Bomber aus den Kampfeinsätzen zurück und setzten stattdessen gezielt unbemannte Flugkörper ein, um die libysche Flugabwehr außer Gefecht zu setzen. An der Heimatfront wurde Präsident Obama zunächst heftig kritisiert. Auf der Linken wurde ihm vorgeworfen, dass er den Libyen-Einsatz ohne Ermächtigung durch den Kongress durchführe und dass er für die kriegerischen Aktionen keine Exit-Strategie vorweisen könne. Auf der Rechten richtete sich die Kritik gegen den vermeintlichen Isolationismus, den Obamas Prinzip der „Führung aus der zweiten Reihe“ einleite. Mit dem Sieg der libyschen Rebellen und dem Tod Gaddafis im Herbst 2011 verpuffte die Kritik rasch, und Obama konnte die aus der Not geborene Strategie einer humanitären Intervention mit den Worten anpreisen: „Wir haben unser Ziel erreicht, ohne einen einzigen Angehörigen der US Streitkräfte vor Ort einzusetzen“ und „wir haben demonstriert, was ein kollektives Vorgehen im 21. Jahrhundert erreichen kann“. Terrorbekämpfung und Überwachung Obamas Entscheidung, mit Drohnen gezielt zu töten, um den Einsatz konventioneller Truppen zu vermeiden, gehört zu den umstrittensten und von der politischen Linken am heftigsten kritisierten Entscheidungen des Präsidenten. Obama setzte damit die 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 455 <?page no="456"?> Linie von George W. Bush und dessen „Krieg gegen den Terrorismus“ fort. Seine An‐ hänger hatten von einem Politiker, der Wandel versprochen, als Anwalt gearbeitet und an der Universität von Chicago Verfassungsrecht unterrichtet hatte, einen liberaleren Umgang mit der Terrorismusproblematik erwartet. Als Senator hatte sich Obama noch für ein Sicherheitsprogramm ausgesprochen, das die „Privatsphäre und Freiheit unschuldiger Amerikaner schützt“, im Wahlkampf hatte er angekündigt, „Regierung und Unternehmen bei Verstößen gegen den Persönlichkeitsschutz zur Verantwortung zu ziehen“, aber als Präsident setzte Obama die meisten Anti-Terrorprogramme seines Amtsvorgängers fort und baute manche sogar aus. In Sachen Anti-Terror blieb Obama hart und Kritiker apostrophierten seine Sicherheitspolitik als „Bush light“. Die Hoffnungen auf einen liberaleren Kurs hatten sich gleich 2009 aus mehreren Gründen zerschlagen. Zwar ordnete der Präsident bereits am zweiten Tag seiner Amtszeit die Schließung der Hafteinrichtung Guantánamo innerhalb von 12 Monaten an - die Verteidigungsanwälte der auf Kuba inhaftierten mutmaßlichen Terroristen tanzten bereits einen Reigen und skandierten „Rechtsstaatlichkeit, Baby! “ -, aber der Kongress sprach sich angesichts der veranschlagten Kosten in Höhe von 80 Millionen Dollar nacheinander gegen die Schließung von Guantánamo und gegen den Rücktransport der Inhaftierten in die USA aus. Im Februar 2009 erhielt der Präsident sein erstes umfassendes Geheimdienstbrie‐ fing - eine Einführung in die Inlandsüberwachung der National Security Agency (NSA). Dabei erfuhr er, dass der größte US-Geheimdienst im Rahmen eines neuen Programms die Metadaten sämtlicher Telefon- und E-Mail-Kommunikation von Amerikanern auf mögliche terroristische Verbindungen hin absuchte, und dass es weder von Seiten der Geheimdienstkommission im Kongress noch von juristischer Seite Bedenken gäbe. Vielmehr sei das Programm sowohl verfassungskonform als auch notwendig. Obama stellte in der Sicherheitspolitik die behördlichen Entscheidungen und Initiativen nie grundsätzlich infrage. Er ließ die laufenden Programme lediglich dort nachbessern, wo die juristischen Überprüfungen potenzielle Probleme identifizierten, etwa mit Blick auf die Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Zwei Mitglieder des Geheimdienstausschusses im Senat, Mark Udall und Ron Wyden, wandten sich zwar 2012 an den Generalstaatsanwalt, weil sie Sorge hatten, dass den staatlichen Lauschern zu viel Spielräume gegeben würden, aber der Umfang der Maßnahmen kam erst im Juni 2013 ans Tageslicht. Nachdem die britische Tages‐ zeitung Guardian getitelt hatte, dass Millionen Kunden der Telefongesellschaft Verizon überwacht würden, berichtete die Washington Post wenig später, dass NSA und FBI insgesamt 9 US-amerikanische Internetfirmen durch das Anzapfen von E-Mails, Fotos, Videochats und Dokumenten systematisch ausspionierten. Edward Snowden, der ehemalige Mitarbeiter eines NSA-Vertragsnehmers, übernahm die Verantwortung für das beispiellose Leck. Obama ließ es anfangs damit bewenden, dass er Snowden heftig kritisierte, im Übrigen aber erklärte, „100 prozentige Sicherheit“ und „100 prozentige Freiheit“ gingen nicht zusammen. Auf Drängen von Bürgerrechtsgruppen lenkte er aber ein und verordnete unter anderem das sofortige Verbot einer pauschalen Abfrage Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 456 <?page no="457"?> von Telefondaten. Es dauerte noch anderthalb Jahre bis im Juni 2015 der USA Freedom Act verabschiedet wurde, der Bushs Patriot Act ersetzte und von nun an nur noch gezielte, gerichtlich verfügte Lauschangriffe erlaubte. Härter als ihre Vorgänger ging die Obama-Administration mit Whistleblowern um. In der US-amerikanischen Geschichte hatte es in knapp 100 Jahren nur drei Whistleblower-Vorfälle gegeben. Unter Obama kamen acht hinzu. Man kann sich fragen, ob der Espionage Act von 1917, mit dem die Anklagen legitimiert wurden, überhaupt für ein Vorgehen gegen Whistleblower geeignet war. Das Gesetz diente seit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg dazu, gegen „Spione“ vorzugehen, die im Interesse einer fremden Macht oder eines Kriegsgegners handelten; Whist‐ leblower haben dagegen die Absicht, die Öffentlichkeit über Unregelmäßigkeiten und Fehlverhalten, auch der Regierung, zu informieren. Dennis Blair, ein Admiral im Ruhestand, der von Obama als erster Direktor der Nationalen Geheimdienste berufen wurde, rechtfertigte das rigorose Vorgehen gegen Whistleblower mit dem Argument, dass IT das Herunterladen von riesigen Datenmengen ermöglichte und dass deren Veröffentlichung für die „Täter“ Konsequenzen haben müsste. Einer der acht Angeklagten während Obamas Amtszeit, James Hitselberger, nahm geheime Dokumente mit und stellte sie dem Archiv der Hoover Institution in Stanford zur Verfügung. Die anderen gaben an, die Daten im öffentlichen Interesse veröffentlicht zu haben, um rechtswidriges Handeln der Regierung öffentlich zu machen. Die größten Enthüllungen gingen auf Chelsea Manning (geb. Bradley Manning) zurück, eine IT-Spezialistin und Angehörige der US-Streitkräfte, die 2010 unter dem Verdacht verhaftet wurde, der Webseite Wikileaks geheime Videos und Dokumente zugespielt zu haben; inbesondere aber auf Edward Snowden. Der Fall Snowden, der im Sommer 2013 die NSA-Affäre auslöste, war aus mehreren Gründen prekär. Zum einen hatte Snowden als einer von vielen geheimdienstlichen Vertragsmitarbeitern (nahezu ein Drittel verfügte im Jahr 2020 nicht über eine feste Anstellung) keine Möglichkeit, über den 2012 von Obama unterzeichneten Whistleblower Enhancement Protection Act formal Beschwerde einzulegen und über Verstöße zu berichten. Vor allem aber hatte Snowden, dessen Enthüllungen das Image der Vereinigten Staaten in Europa und darüber hinaus beschädigten - das EU-Parlament stufte Edward Snowden 2015 als Menschenrechtler ein -, ausgerechnet im feindlichen Russland Asyl gefunden. Zwischen 2008 und 2016 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den USA und Russland rapide. Die Ver‐ einigten Staaten hatten nicht effektiv eingegriffen, als Russlands Staatschef Wladimir Putin nacheinander die NATO-Streitkräfte in Europa provozierte, auf der ukrainischen Halbinsel Krim einmarschierte und diese annektierte, Assad in Syrien unterstützte, einen Cyber-Krieg gegen US-amerikanische Informationsnetzwerke führte und am Ende den republikanischen Kandidaten Donald Trump mit KGB-Methoden gegen die Demokratin Hillary Clinton unterstützte. Die neuen Fronten erinnerten an den Kalten Krieg des letzten Jahrhunderts. Obamas Ziel war es, falls irgend möglich, große konventionelle und erst recht nukleare Kriege zu vermeiden. Im Drohnenkrieg und in der Überwachung sah er eine 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 457 <?page no="458"?> Option zur Verhinderung von Kriegen. Mit der Fortsetzung von Bushs Anti-Terrorpo‐ litik, die Obama in rechtskonforme Bahnen lenkte, ansonsten aber kaum modifizierte, enttäuschte er allerdings diejenigen Amerikanerinnen und Amerikaner, die in der Ära eines demokratischen Präsidenten sehnlich auf ein Wiedererstarken der Bürger- und Freiheitsrechte gehofft hatten. Atomare Rüstungskontrolle - Obamas Iranpolitik Während Obama in der Sicherheitspolitik kaum von seinem Amtsvorgänger abwich, setzte er in außenpolitischen Fragen konsequent auf multilaterale Verhandlungen und offene Lösungen. Mit seiner Politik der ausgestreckten Hand ging Obama weiter als seine Vorgänger. Seit der iranischen Revolution von 1979 hatten die USA und der Westen immer wieder Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verhängt. Selbst als sich infolge der (manipulierten) iranischen Präsidentschaftswahlen Proteste im Iran regten, verzichtete Obama bewusst darauf, das repressive Regime von Präsident Ahmadinedschad zu kritisieren. Zum Neujahrstag 2009 erklärte der US-Präsident in einem an das iranische Volk gerichteten Video: „Die USA wollen, dass die Islamische Republik Iran den ihr gebührenden Platz in der Gemeinschaft der Nationen einnimmt“. Damit war Obama der erste US-Präsident, der die Anrede „Islamische Republik“ benutzte. Indem er das Regime anerkannte, stärkte er die Opposition, die nun nicht mehr als Marionette der Amerikaner diskreditiert werden konnte. Selbst als sich im September 2009 herausstellte, dass der Iran heimlich eine atomare Aufbereitungsanlage in Ghom betrieb, als bekannt wurde, dass es parallele Verhandlungen in Sachen Uran mit Brasilien und der Türkei gab, und als die USA davon Kenntnis erhielten, dass Teheran Widerständler in den Nachbarländern Irak und Afghanistan aufwiegelte, führte Obama, aller Kritik zum Trotz, eine komplexe, auf Annäherung bedachte Diplomatie fort. Unter anderem nutzte er den Druck, den Israel auf die USA ausübte, als Argument für einen schärferen Kurs gegenüber dem Iran. Im Vergleich zur republikanischen Opposition, die eine rigide Anti-Iran-Politik vertrat - Senator John McCain parodierte im US-Fernsehen die Beach Boys und sang „Bomb, Bomb Iran“ -, konnten die Iraner von Obama wenigstens Dialogbereitschaft erwarten. Im September 2009 schlug Obama einen Plan zur Legalisierung eines Atomanreicherungsprogramms für die zivile Nutzung der Kernkraft vor. Das Atomprogramm Irans stammte aus einer Zeit, in der die USA und Iran Alliierte waren. Der Bau des ersten für die Gewinnung von Strom geplanten Atomkraftwerks im Iran war von Deutschen im Jahr 1975 begonnen worden. Nach israelischen Luftangriffen und anderen Unterbrechungen wurde der Bau zwanzig Jahre später von einer russischen Firma fortgesetzt. Drei Jahre nach Obamas Amtsantritt sollte das Kraftwerk ans Netz gehen. Und als im Jahr 2013 auf Seiten des Iran mit Hassan Rohani ein moderater Führer an die Stelle von Präsident Ahmadinedschad gewählt wurde, wuchs die Hoffnung auf ein tragfähiges Atomabkommen, zumal der neue Führer „Vernunft und Mäßigung“ versprach. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 458 <?page no="459"?> Die Regierung von George W. Bush hatte darauf insistiert, dass sämtliche Zentri‐ fugen zur Uran-Anreicherung demontiert würden. Die Obama-Administration und Außenminister John Kerry zollten dem Iran dagegen bewusst Respekt, indem sie zwar den Abbau aller etwa 1000 Anlagen verlangten, mit denen Plutonium produziert werden konnte, zugleich aber akzeptierten, dass der Iran ein Drittel seiner Zentrifugen behalten könne. Dahinter steckte die Einsicht, dass die Sanktionen nicht zum Abbau, sondern zum Ausbau des Atomprogramms geführt hatten. In der Ära Bush war die Anzahl der Zentrifugen von Null auf 5000 angewachsen und bis zum Inkrafttreten des Atomabkommens waren weitere 4000 hinzugekommen. Wie vorherzusehen, tobte die republikanische Opposition im Kongress. In einer Verletzung des Protokolls luden die Republikaner den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu Anfang 2015 nach Washington ein, ohne das Weiße Haus zuvor zu informieren. Noch bevor die Verhandlungen zwischen Teheran und Washington abgeschlossen waren, erklärte das israelische Staatsoberhaupt: „Dies ist ein schlechter Deal. Es ist ein sehr schlechter Deal. Wir sind besser dran ohne Deal“. Die öffentliche Meinung, die enorm gespalten war, bevorzugte dennoch das Abkommen - 47 Prozent sprachen sich für die Einigung mit dem Iran aus, als die Vereinbarung bekanntgegeben wurde, 43 Prozent waren dagegen. Im April 2015 vereinbarten die USA und die übrigen Vetomächte im UN-Sicher‐ heitsrat, zusammen mit Deutschland, einen „Gemeinsamen umfassenden Aktionsplan“ zur Kapazitätsbegrenzung der Urananreicherung. Der Iran musste Anlagen abbauen und Reaktoren umbauen, im Gegenzug wurden die internationalen Sanktionen Zug um Zug aufgehoben. US-Präsident Barack Obama sprach von einer „historischen Übereinkunft“, sein Außenminister John Kerry von einem „historischen Abkommen“ und Irans Präsident Hassan Rohani nannte den Atomvertrag einen „ersten Schritt zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit der Welt“. Präsidentschaftswahl 2012 Am 6. November 2012 wurde Barack Obama für eine zweite Amtsperiode als Präsident wiedergewählt. Im Vorfeld hatten die Kommentatoren einen knappen Wahlausgang prophezeit. Am Ende lag der amtierende Präsident jedoch deutlich vor seinem He‐ rausforderer, dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney. Barack Obama konnte 51 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen auf sich vereinen, sein Gegenspieler weniger als 48 Prozent. Besonders deutlich fiel das Ergebnis - mit 332 zu 206 Stimmen - bei den alles entscheidenden Voten der Wahlmänner aus. Obama gewann in fast allen swing states, das heißt in jenen Bundesstaaten, in denen ein knappes Wahlergebnis erwartet wurde, die Mehrheit der Stimmen. Nur in Indiana und North Carolina gelang es dem republikanischen Kandidaten, das Ergebnis der Präsidentschaftswahl von 2008 zu kippen. Die Wahl hatte für Barack Obama über Monate hinweg nicht gerade unter einem guten Stern gestanden. Im Herbst 2012 waren etwa zwölf Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet, weitere sechs Millionen hatten keine Arbeit, waren aber gar 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 459 <?page no="460"?> nicht (mehr) beim Staat registriert. Die offizielle Arbeitslosenquote lag deutlich über jener Marke von 7,2 Prozent, die in der amerikanischen Geschichte für alle Präsident‐ schaftskandidaten seit den 1930er Jahren das politische Aus bedeutet hatte. Hinzu kam ein hoher Anteil von Langzeitarbeitslosen, der mit annähernd 40 Prozent die Zahl der vorausgegangenen Jahrzehnte überstieg. Selbst wer während der Regierungsjahre Obamas eine neue Beschäftigung fand, hatte oft Grund zur Klage, da die Mehrzahl aller neuen Jobs im Niedriglohnsektor angesiedelt war und der Anteil derjenigen, die unter der Armutsgrenze lebten, den historischen Höchststand von 15 Prozent erreicht hatte. Aus den Zwischenwahlen zum US-Kongress im November 2010 waren die Re‐ publikaner als Gewinner hervorgegangen. Der Senat blieb knapp in der Hand der Demokraten, aber im Repräsentantenhaus dominierte eine deutliche republikanische Mehrheit. Die Konjunktur hatte sich nur zäh von der Wirtschaftskrise erholt, Mitte 2011 wurde die Top-Bonität der USA um einen Punkt herabgestuft, der Haushalt wies im Herbst 2012 ein Rekorddefizit auf, die Gesundheitsreform war alles andere als populär, die rechtspopulistische Tea Party-Bewegung vergiftete das politische Klima und wiegelte unzufriedene Bürger gegen den „Sozialismus“ der Regierung auf. Kurzum: Für Obama sah es im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen nicht sonderlich gut aus. Enttäuscht waren nicht nur die Konservativen, sondern insbesondere die eher linksge‐ richteten Demokraten, deren Hoffnungen auf einen grundlegenden politischen Wandel enttäuscht worden waren: Das Gefangenenlager von Guantánamo, dessen Schließung der Präsident 2009 angeordnet hatte, gab es Ende 2012 noch immer, und noch im Januar 2018 erklärte Obamas Amtsnachfolger Trump in einer Verfügung, dass das Lager auf unbestimmte Zeit weiterbetrieben werden sollte. Die Steuervergünstigungen für die wohlhabendsten zwei Prozent der Amerikaner blieben, entgegen Obamas Versprechen, in Kraft. Das Klimaschutzgesetz, das bindende CO 2 -Obergrenzen festlegen und die Produktion von erneuerbarer Energie ankurbeln sollte, kam nicht zustande. Vor allem aber hatten sich die Spannungen zwischen den politischen Fraktionen - Obama war einst mit dem Ziel angetreten, „das Land zu versöhnen, den Planeten zu heilen“ - verschärft, die ideologischen Spannungen hatten nicht nachgelassen, sondern hatten sich stattdessen vergrößert. Wie kam es dazu, dass Obama unter diesen Umständen wiedergewählt wurde? Einer der Gründe lag in der inneren Zerrissenheit der Republikaner. Die Kandidaten der Grand Old Party hatten sich einen zähen und zermürbenden Vorwahlkampf geliefert, bevor sie Mitt Romney zum Kandidaten kürten. Den fundamentalistischen, religiösen und konservativen Parteimitgliedern galt der bekennende Mormone und Geschäftsmann Mitt Romney als viel zu moderat. Kritik an seiner Kandidatur ent‐ zündete sich vor allem an Themen wie gleichgeschlechtlicher Ehe, Verhütung und Waffengesetzen. Außerdem erschien Romney so manchem seiner Parteifreunde als ge‐ fühlskalt. Ein heimlich aufgenommenes, vom linksgerichteten Magazin Mother Jones in die Öffentlichkeit getragenes Video bestätigte diesen Eindruck. Hinter verschlossenen Türen hatte Mitt Romney 47 Prozent der Amerikaner als Schmarotzer des Sozialstaats bezeichnet. Es seien Menschen, die keine Steuern zahlten, „die glauben, dass sie Opfer Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 460 <?page no="461"?> sind, dass die Regierung eine Verantwortung hat, für sie zu sorgen, die glauben, dass sie einen Anspruch auf Krankenversicherung, Essen und Unterkunft haben“. Es sei nicht sein Job, sich um diese Leute zu kümmern. Ihm gehe es um die fünf bis zehn Prozent in der Mitte. Den Wahlkämpfern der Demokraten lieferten Romneys Worte eine Steil‐ vorlage. Mitt Romney und sein erzkonservativer Vizekandidat aus Wisconsin, „Young Gun“ Paul Ryan, wurden nicht müde, gegen den Einfluss des Staates auf die Bürger zu polemisieren. Aber die konkrete Charakterisierung eines Großteils der Amerikaner als Nutznießer staatlicher Gelder klang selbst für einige von Romneys Parteigenossen wie Hohn. Die Kritik an dem Kandidaten Romney wurde noch lauter, als bekannt wurde, dass der Republikaner, der hinter den Plantagenbesitzern George Washington und Thomas Jefferson zu den reichsten Präsidentschaftskandidaten der US-Geschichte gehörte, nur 14 Prozent Steuern auf seine Einkünfte bezahlt hatte. Darüber hinaus wirkte Mitt Romney bei seinen öffentlichen Auftritten ausgesprochen steif: „Die Dinge stehen nicht gut für Mister Roboto“, schrieb die New York Times im Frühjahr 2012. „Er ist hölzern und ungelenk. Seine Überzeugungen sind wankelmütig bis fadenscheinig. Er ist alles andere als redegewandt und leidenschaftlich. … Man kann sich kaum einen schlechteren Kandidaten vorstellen“. Dieser Eindruck wurde neben dem jugendlich anmutenden Obama noch verstärkt. Für die Demokraten war es ein Leichtes, den Kandidaten der Republikaner als Flip-Flopper darzustellen. Tatsächlich hatte Romney im Vorwahlkampf nicht selten extrem konservative Positionen eingenommen, um seine republikanischen Mitbewerber auszustechen; im Wahlkampf ums Weiße Haus orientierte er sich dann wieder in Richtung moderater Positionen, um die Wähler der Mitte zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund bescheinigte ihm Obama in einem der Fernsehduelle eine spezielle Form der Vergesslichkeit - „Romneysia“. Romneys Weg und Wahlkampf war lange Zeit von Patzern und Pannen begleitet. Mit den Frauen verscherzte es sich der Republikaner, als er eine Gesetzgebung für die gleiche Bezahlung von Frauen ablehnte und weil er seine Position in der Abtreibungs‐ frage immer wieder wechselte; und die Latinos verprellte er, weil er im Vorwahlkampf die „Selbstdeportation“ als Rezept für die 12 Millionen illegalen Einwanderer genannt hatte. Auch der Scherz, er hätte wohl bessere Chancen im Wahlkampf, wenn sein Vater als echter Mexikaner geboren worden wäre - Romneys Großvater war nach Mexiko ausgewandert, um das Verbot der Vielehe in den USA zu umgehen -, dürfte Mitt Romney kaum Freunde und Wählerstimmen eingebracht haben. Nach der Auszählung aller Stimmen sprach das Wahlergebnis eine klare Sprache. Barack Obama erfuhr nicht nur bei den Afroamerikanern, die ihn fast allesamt wählten (93 Prozent), sondern auch bei den hispanischen Einwanderern hohen Zuspruch: 69 Prozent der Latinos gaben Barack Obama ihre Stimme. Bei den weißen Amerikanern mit vorwiegend europäischen Wurzeln konnte sich Romney mit 59 Prozent klar durchsetzen, ebenso bei den Senioren und in den ländlichen Gebieten. Die jungen Wähler setzten, ähnlich wie 2008, ihr Vertrauen in Obama, und bei den Frauen erzielte Obama den bisher größten Anteil in der US-Geschichte. 55 Prozent der Wählerinnen, aber nur 45 Prozent der Wähler, stimmten für den amtierenden Präsidenten. Da Frauen 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 461 <?page no="462"?> 54 Prozent der Wähler ausmachten, ergab sich am Ende eine Kluft zwischen den Geschlechtern von 18 Prozent. Im Januar 2013 fand mit der Amtseinführung Obamas das amerikanische Spektakel des Jahres statt. Im Vergleich zu den zwei Millionen Schaulustigen, die sich 2009 auf der Washingtoner Mall eingefunden hatten, waren es 2013 nur etwa 800.000. Alles sollte etwas weniger pompös sein als beim ersten Mal. Diesmal gab es zwei offizielle Bälle statt zehn. Nach vier Jahren Amtszeit und angesichts der noch immer schwächelnden Wirtschaft war die einst überschwängliche Euphorie auch bei Obamas Anhängern einer neuen Nüchternheit gewichen. An die Verwirklichung großer visio‐ närer Projekte mochte so recht keiner glauben. In Wirklichkeit hatte Obama mehr erreicht als die Presse auf beiden Seiten des politischen Spektrums suggerierte. Auf dem PolitiFact-Obameter der Tampa Bay Times konnte man feststellen, dass der Präsident 73 Prozent seiner insgesamt 508 Wahlversprechen vollständig oder teilweise gehalten hatte. Obama hatte die Truppen aus dem Irak abgezogen und eine neue Strategie für den Abzug der Kampftruppen aus Afghanistan entwickelt. Er hatte Osama bin Laden gefasst und die Ausbreitung des Al-Kaida-Terrornetzwerks eingedämmt, er hatte eine gigantische Gesundheitsreform durch den Kongress geboxt, er hatte mittels eines milliardenschweren Konjunkturprogramms die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch bewahrt, sich massiv für die US-Autobauer eingesetzt und damit wohl die Branche gerettet. Ende 2012 war das Bruttoinlandsprodukt wieder angewachsen und die Industrieproduktion hatte das Ausgangsniveau erreicht, das sie vor dem Ausbruch der Finanzkrise gehabt hatte. Am Immobilienmarkt setzte eine Erholung ein. Die Zahl der begonnenen Neubauten für Wohnhäuser hatte Anfang 2013 - ebenso wie die Aktien an der Wall Street - ein Fünfjahreshoch erreicht. Neue Herausforderungen - Obamas zweite Amtszeit Obamas Herausforderungen waren auch zu Beginn der zweiten Amtszeit groß. Denn obwohl die Konjunktur langsam in Gang kam, verharrte die Arbeitslosenquote Anfang 2013 noch bei knapp 9 Prozent. Die hohe Verschuldung schränkte die politischen Spielräume des Präsidenten enorm ein. Obama wollte den Krieg im äußert instabilen Afghanistan beenden und eine vermittelnde Strategie im schwelenden Atomstreit zwischen Iran und Israel finden. Er musste Anstrengungen unternehmen, um die Mas‐ saker in Syrien einzudämmen, er musste auf die Provokationen Russlands und auf das Kriegsgetöse Nordkoreas reagieren. Und er musste eine kluge, auf Konfliktvermeidung ausgerichtete Haltung gegenüber den streitbaren Chinesen einnehmen, deren Importe nach Amerika immerhin vier Mal höher liegen als die US-Exporte. Vor allem aber stand Barack Obama vor der schwierigen Aufgabe, sich mit einem auf Blockade eingestellten republikanisch dominierten Repräsentantenhaus zu arran‐ gieren. Dem Präsidenten fehlte vor Antritt der ersten Amtszeit die Erfahrung beim Umgang mit der Legislative. Amerika war so gespalten wie womöglich seit dem Bürgerkrieg nicht mehr. Die Tea Party - eine ebenso skurrile wie gefährliche Gruppe Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 462 <?page no="463"?> von Waffennarren, Wirtschaftsliberalen, von „Birthers“ (die behaupten, Obama sei gar nicht in den USA geboren und folglich auch nicht berechtigt, Präsident zu sein; zu ihnen gehörte unter anderem Donald Trump, der zusätzlich mutmaßte, Obama könnte Muslim sein), von radikalen Libertären, die für die Abschaffung der Notenbank und der Steuerbehörde und für den Austritt der USA aus den Vereinten Nationen plädierten - hatte die Republikanische Partei beständig in eine konservative Ecke getrieben. Die ideologische Kluft zwischen den Parteien wurde dadurch noch tiefer. Während es im 20. Jahrhundert im Repräsentantenhaus fast durchgängig eine Gruppe von moderaten Abgeordneten aus liberalen Republikanern einerseits und konservativen Demokraten andererseits gegeben hat, war die politische Mitte seit 2008 praktisch nicht mehr existent. Von einer deutlichen Verhärtung der ideologischen Fronten zeugte schließlich auch die Tatsache, dass die Zahl der de facto unabhängigen Wählerinnen und Wähler, die Zahl der Kurzentschlossenen und die Zahl derjenigen, die ihre Stimmen für Kon‐ gress und Präsident auf verschiedene Parteien verteilen, in der Wahl von 2012 extrem zurückgegangen war. Zwischen den extremen Parteipositionen gab es scheinbar keinen Raum mehr für die Mitte. Die Polarisierung unter den Wählern und im Kongress spiegelt sich auch in den Medien wider. Der in den 1990er Jahren von Rupert Murdoch begründete, ungeheuer einflussreiche Fernsehsender Fox News war in Wirklichkeit nichts anderes als ein Propagandaarm der Republikaner, und im linken Spektrum versuchte der Nachrichtensender MSNBC mit politischen Talkshows linksliberaler Färbung, wenn auch weniger erfolgreich, zu kontern. In Obamas erster Amtszeit waren strittige Gesetzesvorhaben aufgrund der Verhär‐ tung der Parteifronten jahrelang blockiert geblieben, hohe Positionen in der Justiz und in Bundesbehörden konnten über lange Zeiten hinweg nicht besetzt werden, Zu‐ satzhaushalte waren selbst angesichts eines drohenden Staatsbankrotts bis zur letzten Sekunde gefährdet. Das Wort Kompromiss wurde in Washington zum Schimpfwort. Schon Minuten nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses im November 2012 konnte man in republikanischen Twitterströmen und Medien Hasstiraden lesen und Aufrufe zu Blockaden gegen Steuererhöhungen. Für Obama war es alles andere als einfach, mit der Fundamentalopposition seiner politischen Gegner umzugehen, zu denen nicht zuletzt die mächtige Waffenlobby National Rifle Assocation (NRA) gehört. Unter dem Eindruck eines schrecklichen Schulmassakers in Newtown, Connecticut, im Dezember 2012, bei dem insgesamt 28 Menschen ums Leben gekommen waren, darunter 20 Kinder, handelte Obama zwar rasch; er nutzte die öffentliche Stimmung, die sich gegen die Produzenten und Verkäufer von Waffen richtete, und forderte scharfe Waffengesetze. Aber selbst eine verwässerte Gesetzesversion für die strengere Überprüfung von Waf‐ fenkäufern verfehlte im US-Senat die erforderliche Mehrheit der Stimmen. Präsident Obama nannte den Tag der Senatsabstimmung, den 17. April 2013, einen „Tag der Schande für Washington“. In den zweiten Amtszeiten haben die Präsidenten der USA selten die Erwartungen ihrer Anhänger erfüllt. Ronald Reagan war vielleicht die einzige Ausnahme in neuerer Zeit. Obama war sich dessen bewusst. Anfangs versuchte er, eng mit dem Kongress zusammenzuarbeiten, um seine wichtigsten Reformziele - 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 463 <?page no="464"?> insbesondere im Bereich der Einwanderungs- und der Klimapolitik - durchzusetzen. Noch im Mai 2011 hatte Obama erklärt: „Ich wünschte, ich könnte den Kongress einfach umgehen und das Gesetz selbst ändern, aber so funktioniert Demokratie nicht“. Einwanderungspolitik und Kampf gegen den Klimawandel Mit der Aussicht auf eine liberale Einwanderungspolitik war es Obama 2008 gelungen, 68 Prozent der Latino-Wählerschaft auf seine Seite zu bringen, 2012 waren es sogar 71 Prozent. Eine wesentliche Rolle hatte dabei die Bekanntgabe der Schaffung eines neuen Einwanderungsprogramms im Sommer 2012 gespielt, das es theoretisch 1,5 Millionen irregulär Zugereisten im Alter von 31 oder jünger erlaubte, für weitere zwei Jahre - und mit der Aussicht auf Verlängerung - in den USA zu bleiben. Voraussetzung war, dass sie bereits seit fünf Jahren im Land gelebt, im Militär gedient oder einen High School-Abschluss erworben hatten und dass keine Vorstrafen vorlagen. Das neue Programm trug den Namen Deferred Action for Childhood Arrivals, war aber bald nur noch unter dem Akronym DACA bekannt. Bis 2017, als Donald Trump das Programm aufkündigte, hatten über 750.000 Menschen über DACA eine Aufenthaltsberechtigung erteilt bekommen. Weil er sich seinen Wählern gegenüber verpflichtet fühlte, aber auch aus eigener Überzeugung, verfolgte Obama insbesondere ab 2012 eine dezidiert offene Einwan‐ derungspolitik. Als sich allerdings herauskristallisierte, dass sich unter den Republi‐ kanern selbst diejenigen hinter der reformfeindlichen Mehrheit verschanzten, die ursprünglich Einwanderungsreformen gefordert hatten, fuhr Obama einen doppelten Kurs. Auf der einen Seite unterstützte er, ähnlich wie sein demokratischer Amtsvor‐ gänger Bill Clinton, der vor der öffentlichen Meinung eingeknickt war, eine harte Ausweisungspolitik. Mehr als 2,5 Millionen Menschen wurden zwischen 2009 und 2015 des Landes verwiesen - nicht eingerechnet ist dabei die Zahl derer, die „von sich aus“ das Land verlassen hatten (self deportation). Auf der anderen Seite begann er seine exekutiven Privilegien gezielt auszunutzen. Die Wahlschlappe der Republikaner 2012 erbrachte zunächst einen Teilerfolg für die Demokraten: 2013 verabschiedete der Senat mit überparteilicher Mehrheit ein Gesetz, das Einwanderern einen Weg zur Einbürge‐ rung eröffnete und niedrig qualifizierten Arbeitskräften Gastarbeiterstatus zugestand. Der von eher linksstehenden Kritikern artikulierte Appell an den Präsidenten, er möge doch das DACA-Programm auch auf andere Gruppen ausweiten, wies Obama anfangs noch mit dem Argument zurück, dass es für ihn „sehr schwierig wäre, eine solche Position juristisch zu verteidigen“. Als sich aber 2014 im Repräsentantenhaus - unter anderem angesichts einer Welle von fast 69.000 Zuflucht suchenden Menschen, die vor Gewalt in Honduras, Guatemala und El Salvador geflohen waren - eine republikanische Fundamentalopposition gegen jede neue Initiative zur reformierten Einwanderung etablierte, trat Obama im Rosengarten des Weißen Hauses vor die amerikanische Öffentlichkeit. Er gab bekannt, dass er seine Exekutivprivilegien nutzen, die Möglichkeit zur Legalisierung für Eingewanderte erweitern und zugleich das Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 464 <?page no="465"?> Tempo der Abschiebungen drosseln werde. „Massenabschiebungen - das sind wir nicht“, erklärte er. Und in einer Anspielung auf das Alte Testament fügte er hinzu: „Wir sollten Fremdlinge nicht unterdrücken; denn wir wissen um der Fremdlinge Herz, weil auch wir einst Fremdlinge gewesen sind“. Mit seiner Initiative weitete Obama das DACA-Programm um einige Hunderttausend Menschen aus; vor allem aber schützte er etwa fünf Millionen Eingewanderte vor der unmittelbaren Deportation. Während die Mehrzahl der Einwanderer aus Zentralamerika und Mexiko kam, brachten der Arabische Frühling und der Bürgerkrieg in Syrien mit seinen Millionen von Flüchtlin‐ gen, die in Europa, im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt eine neue Heimat suchten, auch die USA unter Druck. Die Regierung beschloss vor diesem Hintergrund, die Obergrenze für Flüchtlinge von 75.000 (2015) auf 85.000 (2016) und für das Folgejahr auf 100.000 zu erhöhen. Diese Verfügung brachte dem Präsidenten Kritik von links und rechts ein. Die Liberalen attackierten Obama für seine - im Vergleich mit Deutschland und anderen europäischen Ländern - zaghafte Zulassungspolitik. Die Republikaner (allen voran Donald Trump im Wahlkampf) interpretierten das Flüchtlingsproblem dagegen nicht als humanitäre Herausforderung, sondern als Gefahr für die innere Sicherheit der USA. Die 12.500 Syrer, denen die Obama-Administration 2016 Schutz und Aufenhalt gewährt hatte, galten ihnen als potenzielle Terroristen. Hier kommt eine von Angst vor Terror besonders seit 2011 geprägte Voreingenommenheit gegenüber Nahoststämmigen oder Muslimen zum Vorschein, die sich in den Folgejahren drastisch entwickelt. Am Ende von Obamas Amtszeit wurde deutlich, dass seine Regierung eine zwie‐ spältige Politik verfolgt hatte: An der Grenze wurden potenzielle Einwanderer häufig abgewiesen; im Innern dagegen setzte Obama auf eine „klarere und verfeinerte“ Politik, die Prioritäten setzte, Kriminelle des Landes verwies, aber die Zahl der Abschiebungen deutlich reduzierte. Dass es Obama nicht gelungen war, einen Konsens zwischen den verschiedenen Lagern zu bilden und eine umfassende Reform im Zusammenspiel mit dem Kongress durchzusetzen, dürfte die Ressentiments der Einwanderungsgegner und am Ende auch den Wahlerfolg von Obamas Nachfolger im Präsidentenamt befördert haben. Ähnlich wie in Sachen Einwanderung verfolgte Obama in der Klimapolitik während seiner ersten Amtsjahre einen eher zurückhaltenden Kurs, zumal sich die überwie‐ gende Mehrheit eher um den Krieg im Irak, um Terrorismus, Gesundheits- und Energie‐ fragen sorgte als um die Erwärmung des Klimas. Aber mit seiner Inaugurationsrede im Januar 2013 fand der Präsident klare Worte in der Klimafrage: „Manche mögen noch im‐ mer die erdrückenden Belege der Wissenschaft leugnen, aber den verheerenden Folgen wütender Brände und mörderischer Dürre und zunehmend gewaltiger Stürme können sie nicht ausweichen“. Spätestens mit dem 2006 veröffentlichten Dokumentarfilm Inconvenient Truth des unglücklich unterlegenen demokratischen Präsidentschaftskan‐ didaten Al Gore, der die Gefahr der Erderwärmung drastisch ins Bild setzte, hatte sich auf Seiten der Republikaner eine ideologische Front aus Klimaskeptikern gebildet. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die meist nicht einschlägig ausgewiesen waren, 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 465 <?page no="466"?> hatten - mit finanzieller Unterstützung des American Petroleum Institute und diverser Öllobbys - die These verbreitet, dass es glaubhafte Zweifel an der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung gäbe. Unter den politischen Protagonisten, die diese Position vertraten, hatten sich Senatoren wie James Inhofe aus Oklahoma aufgestellt, der den Klimawandel als „den größten Schwindel aller Zeiten“ bezeichnete. Er habe keine Sorge, erklärte Inhofe, denn Gott sei „noch immer da oben und hat versprochen, dass er die Jahreszeiten erhalten wird. Hitze und Kälte werden nicht aufhören, solange die Erde besteht“. 2008 zählten etwa 50 Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner zu den Klimaskeptikern. Einer progressiven Klimapolitik standen aber nicht nur die Öllobby, sondern auch einige Gewerkschaften entgegen, die bei der Umstellung von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energieträger den Verlust von Arbeitsplätzen befürchteten. Die Kohleindustrie hatte in der Ära von George W. Bush eine Fülle von Gesetzeslücken ausgenutzt und entgegen den geltenden Bestimmungen als Erweiterung bestehender Kraftwerke getarnte neue Kohlekraftwerke gebaut. Obama wollte den Ausbau der Kohle ein für alle Mal stoppen. „Wenn der Kongress nicht bald handelt und zukünftige Generationen schützt, dann werde ich es tun“, erklärte er in der ersten State of the Union Address der neuen Amtszeit im Januar 2013. Obamas Politik war vernünftig: Die Solarindustrie verfügte über doppelt so viele Arbeitsplätze wie die Kohleindustrie, die Preise für Kohle sanken permanent und die öffentliche Meinung zeigte sich offen für schärfere Umweltmaßnahmen, sofern sie nicht abstrakt den Klimawandel, sondern die Verschmutzung von Luft und Wasser betrafen. Aber Obamas Strategie barg auch Risiken, zumal die Kohlearbeiter bestens organisiert waren und lautstark auftraten (was Donald Trump später zu nutzen wusste) und weil der Präsident Gegenwind gegen den Alleingang zu erwarten hatte. Formell gab Obama im August 2015 seinen Clean Power Plan bekannt, der Emissionen von kohlebetriebenen Kraftwerken drastisch senken sollte; und wenig später, im November des gleichen Jahres, ließ er den Bau der Keystone XL Ölpipeline stoppen. Da die Pipeline über die kanadische Grenze führte, handelte es sich um ein außenpolitisches Projekt, das in der Entscheidungshoheit des Präsidenten lag. Die Rohre der Keystone XL sollten nicht nur größer als die der Vorgänger-Pipeline sein; sie sollte bis nach Texas und an den Golf von Mexiko ausgebaut werden. Das Pipeline-Projekt war nicht nur wegen der tiefgreifenden Umweltschäden bei der Gewinnung von Rohöl aus Ölsand problematisch; ihre Fortführung über das Ogallala-Aquifer hinweg, den größten Grundwasserspeicher der USA, barg im Fall des Austritts von Öl horrende Risiken für die Wasserversorgung und Lebensmittelproduktion der USA. Des Weiteren sind indigene Gemeinden auf verschiedene Arten stark von dem Projekt betroffen. Die Tatsache, dass der Ölpreis beständig fiel, machte die Pipeline wirtschaftlich zunehmend unattraktiv. Die XL-Pipeline würde weder einen „bedeutsamen langfristigen Beitrag für unsere Wirtschaft leisten“, erklärte der Präsident am 6. November 2015, noch würde das Projekt die „Energiesicherheit“ der USA befördern. Eine besondere Motivation für Obamas entschiedene Politik und das Timing seines Auftritts lag derweil im für Dezember 2015 anberaumten Weltklimagipfel in Paris. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 466 <?page no="467"?> Im Jahr 2015 machten der Kohlendioxid-Ausstoß der USA und Chinas zusammen‐ genommen 38 Prozent der globalen Emissionen aus. Mit über 10 Milliarden Tonnen lag China sogar deutlich vor den USA, aber in den Pro-Kopf-Emissionen erreichten die USA eine mehr als doppelt so hohe Zahl wie China. Obama hatte vor diesem Hintergrund bereits 2013 Gespräche mit Chinas Präsident Xi geführt und mit dazu beigetragen, dass die beiden Nationen in Paris eine gemeinsame Linie fuhren. Nach der Unterzeichnung des Pariser Abkommens erklärte der US-Präsident: „Mag sein, dass dies eines Tages als der Zeitpunkt gilt, an dem wir beschlossen haben, unseren Planeten zu retten“. Ähnlich wie mehrere seiner Vorgänger - von Theodor Roosevelt bis Jimmy Carter, die im Kongress einer starken Opposition gegenübergestanden hatten - erklärte Obama am Ende seiner Präsidentschaft große Flächen Alaskas exekutiv zu Natur‐ schutzgebieten. Mit mehr als 100 Millionen Hektar übertraf dies alle früheren präsiden‐ tiellen Initiativen. Der Erfolg konnte allerdings nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass die USA 2016 zum größten Ölproduzenten der Welt geworden waren. Nicht zuletzt begünstigte die Gewinnung von Erdöl und Erdgas durch hydraulic fracturing oder „Fracking“ diese Entwicklung. In den acht Jahren von Obamas Präsidentschaft hatte sich die Produktion von Windenergie verdoppelt, die von Solarenergie sogar versechsfacht. Allerdings war China dabei, die USA auf beiden Feldern zu überholen, während die USA sich vom Erdölimporteur zum Erdölexporteur gewandelt hatten. Amerika war und blieb eine „globale Erwärmungsmaschine“ (Bill McKibben). Vom Kongress in Washington war offensichtlich - und erst recht nach dem Amtsantritt von Trump - keine progressive Umweltgesetzgebung zu erwarten. Initiativen kamen unterdessen von anderer Seite: Gegen die Keystone Pipeline hatte sich eine Graswur‐ zelbewegung gebildet, mehr als 200 Colleges und Universitäten beschlossen zwischen 2008 und 2016 zu desinvestieren, um der fossilen Brennstoffindustrie den Geldhahn zuzudrehen, und mehr als 1000 Stadtoberhäupter verpflichteten sich vertraglich zur Reduktion von Kohlendioxidemissionen. Der coole Präsident Der Aufstieg und der Appeal Barack Obamas ist ohne die Popkultur im frühen 21. Jahrhundert nicht verstehbar. Bereits 2009 nannte die New York Times den ersten afro‐ amerikanischen Präsidenten einen „Popkultur-Koloss“. Die Jugendzeitschrift BRAVO machte Obama als ersten und bislang einzigen Politiker zum Posterboy. Vor allem aber wusste Obama sein Image als „cooler Typ“ strategisch zu nutzen. Er war der erste amtierende Präsident, der in der Tonight Show von Jay Leno auftrat. Legendär wurden unzählige weitere Auftritte in Shows, darunter in der von fünf Frauen moderierten Vormittagsshow The View, in Between the Ferns des Online-Komikers Zach Galifianakis sowie zweimal zum Slow-Jamming in Jimmy Fallons Late Show. Souveränität, Humor und Selbstironie trugen dazu bei, dass Obama authentisch wirkte. In einem Interview zu seinen Wahlveranstaltungen 2008 erklärte er: „Wenn ich in einen Raum mit weißen 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 467 <?page no="468"?> Farmern, Gewerkschaftern, Leuten mittleren Alters reinkomme, dann denke ich nicht: Ich muss denen zeigen, dass ich normal bin. […] Ich denke: Die sehen aus wie meine eigenen Großeltern. Und ich sehe vor meinen Augen, wie sie das gleiche Jell-O Mold-Dessert servieren wie meine Großmutter“. Ostentativ identifizierte er sich mit dem Kummer der durchschnittlichen Bürger, wenn er etwa betonte, dass auch er und Michelle beim Discounter Target einkauften und erst vor Kurzem die Studentendarlehen zurückgezahlt hätten. Scheinbar spielend, und wie kein anderer Präsident in der Geschichte, wechselte Obama den Ton - von albern bis ernst. Einem professionellen Schauspieler gleich schlüpfte der Mann aus dem Weißen Haus von einer Rolle in die andere. Im oppo‐ sitionellen Fernsehsender Fox News legte er Ruhe an den Tag und demonstrierte Sachkompetenz, in privaten Auftritten war er der stolze Vater und der verliebte Ehemann; mit einer Tiara auf dem Kopf inmitten von Girl Scouts fühlte er sich offensichtlich genauso wohl wie auf dem internationalen Parkett beim improvisierten Tango vor Journalisten und Politikern in Argentinien oder beim Herumflachsen über präsidentielle Unterwäsche im Videoclip mit Hollywoodstar Jerry Seinfeld. Schwarz zu sein, aber weiße Vorfahren zu haben, sich innerhalb von Machtstrukturen zu bewegen, die für weiße Männer gemacht sind, und über Macht zu verfügen, aber sich doch als Außenseiter zu zeigen, machte Obamas Persona aus. Indem er öffentlich seine Emotionen zeigte, machte er sich verwundbar; gerade dadurch erschien er als unerschrockener Anti-Macho. Obama war auf mehreren Social Media Plattformen präsent - von Twitter über Facebook bis Instagram, allerdings ließ er die Konten (anders als später Donald Trump) von einer professionellen gemeinnützigen Organisation betreiben. Ein Video auf BuzzFeed.com, in dem der Präsident Jugendliche dazu aufrief, sich krankenversi‐ chern zu lassen, schaffte sogar einen Guiness Weltrekord; es erreichte eine Million Follower in weniger als fünf Stunden. Barack Obama lobte die Serie Homeland für ihre Vielschichtigkeit, noch bevor ihre Ausstrahlung im Fernsehen begann, und Hamilton, bevor das Hip-Hop-Musical in breiten Kreisen als cool galt. Und ganz en passant erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Fernsehprogrammanbieter HBO dem Präsidenten exklusiv die Fantasy-Serie Game of Thrones vorab zugeschickt hatte. Vor Obama hatte bereits Ronald Reagan (für einen ehemaligen Filmschauspieler nicht allzu verwunderlich) die Verbindung zu Hollywood gesucht. Nancy und Ronald luden häufiger Filmleute in die Pennsylvania Avenue ein als alle anderen Präsidenten. Die Gästeliste der Obamas war dagegen bunter gemischt und vielfältiger. R&B- Sänge‐ rin Beyoncé schloss sich Michelle Obamas Kampagne gegen Fettleibigkeit bei Kindern an; Gitarrist José Feliciado trat bei der Fiesta Latina auf; Lin-Manuel Miranda rappte zusammen mit Barack Obama; Rihanna schaute im Westflügel des Weißen Hauses vorbei und dokumentierte die Tour auf Instagram; Jay-Z war beim traditionellen Easter Egg Roll mit von der Partie, Bradley Cooper erschien beim Französischen Staatsbankett, Kendrick Lamar bei einer Geburtstagsparty, Emmylou Harris spielte zu Ehren von Paul McCartney. Weitere Besucher waren Bestsellerautorinnen wie La La Anthony, Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 468 <?page no="469"?> Schauspieler wie Tom Hanks und Gwyneth Paltrow, der Bluessänger Keb Mo, Chance the Rapper, Bruce Springsteen. Die Gästelisten lesen sich wie ein Who's Who aus Hip-Hop, Popkultur, Prestige TV und Hollywood. Begeisterung bei den Fans der First Family löste Michelle Obama aus, als sie im Sommer 2016 mit dem britischen Comedian James Corden und Missy Elliott an Bord beim „Carpool Karaoke“ das Weiße Haus umkreiste und dabei überraschend ihr außergewöhnliches Rap- und Gesangstalent unter Beweis stellte. Was den einen zeigte, dass die Obamas wussten, was hip ist, galt den anderen aller‐ dings als Makel. Die konservative Fernsehmoderatorin Gretchen Carlson kritisierte Obama dafür, dass er „dem Ansehen des Amts schade“. Fox News hatte Obama schon früh vorgeworfen, sein Faustgruß mit Michelle sei „ein Terroristen-Faustschlag“. Und Obamas Wahlkampfrivale John McCain nannte ihn despektierlich Promi („celeb“): Obama sei einer, der sich mit Berühmtheiten treffe, „statt die Probleme der Welt zu lösen“. Aus der Perspektive eines weißen Farmers oder eines kleinstädtischen Waf‐ fenbesitzers im Mittleren Westen musste das Hip-Hop-Entertainment in Washington befremdlich, ausschweifend und inhaltsleer erscheinen, als ein typisches Beispiel für den urbanen Elitismus der Ost- und Westküstengesellschaft. Ohne Zweifel schwangen überdies Ressentiments gegenüber Afroamerikanern und besonders gegenüber dem schwarzen Mann im Weißen Haus mit. Obama schwamm auf der Welle der Popkultur, aber er war kein Populist. Im Laufe seiner Amtszeit gelang es ihm nicht, jene politischen Anhänger, die er im Wahlkampf 2007 inspiriert hatte, über längere Zeit zu mobilisieren. Dafür war die politische Linke im frühen 21. Jahrhundert viel zu schwach. Erst im Oktober 2011 kam es vorübergehend und ausgelöst durch internationale Protestbewegungen, besonders den Arabischen Frühling, zu Massendemonstrationen von fast ausschließlich jungen Amerikanerin‐ nen und Amerikanern, die sich unter dem Banner „Wir sind die 99 Prozent“ zur Aktion „Occupy Wall Street“ zusammenschlossen. Die Anhänger besetzten Parks und öffentliche Plätze in New York City und anderen Großstädten und protestierten gegen die Macht und den Reichtum der „1 Prozent Wohlhabenden“. In der Folge bildeten sich auch andere Bewegungen wie Black Lives Matter, die gegen die Erstellung von Täterprofilen nach rassischen Gesichtspunkten, Polizeigewalt gegen schwarze Amerikaner und den „Aufstieg des Krieger-Polizisten“ (Radley Balko) protestierten. Obama sympathisierte mit diesen Bewegungen. Offen trat er für die Emanzipation von Schwulen und Lesben ein, als er das Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street zum ersten Nationaldenkmal der USA für den Kampf für die Rechte von Schwulen, Lesben, Queeren, Bisexuellen und Transgender (LGBTQ) erklärte. In seiner Amtszeit setzte sich Obama stark für die Rechte der LGBTQ-Gemeinde ein. Er begrüßte das historische Urteil des Obersten Gerichtshofes Obergefell v. Hodges, das 2015 marriage equality verfügte und damit allen Eheschließungen den gleichen rechtlichen Schutz zusprach. Die Obamas veranlassten für den Abend der Entscheidung die Beleuchtung der Fassade des Weißen Hauses in Regenbogenfarben, was die Kulisse für Gruppen von Feiernden auf dem Lafayette Square stellte. 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 469 <?page no="470"?> Im Vergleich zu seinen Amtsvorgängern erschien Barack Obama tatsächlich cool, in seinem politischen Gestus und seinem persönlichen Auftritt. Bill Clinton hatte, oft angestrengt, versucht charmant zu sein und sein Publikum für sich einzunehmen; George W. Bush war plump und lachte zuweilen über Witze, die er offensichtlich nicht verstand. Obama blieb dagegen kontrolliert - bei Medienauftritten und in der Politik. In der Wirtschaftskrise wirkten sein ruhiger Ton und seine überlegte Rhetorik besänftigend. Bei einem der Korrespondentendinner im Weißen Haus gelang es ihm, scheinbar völlig entspannt, Witze zu reißen, unmittelbar nachdem er dem Militär die geheime Order gegeben hatte, Osama bin Laden in seinem Lager in Pakistan gefangen zu nehmen oder töten zu lassen. „Eines der wenigen Dinge, die ich bedauere“, erklärte Obama gegen Ende seiner Amtszeit, „ist, dass ich unfähig war, die Polarisierung und Hinterhältigkeit in unserer Politik zu reduzieren“. Ein Musterbeispiel für den Versuch, Parteilichkeit zu überbrü‐ cken, war die Nominierung von Merrick Garland für das Oberste Gericht. Ein Jahr vor Ende von Obamas Amtszeit war unerwartet der konservative 79-jährige Oberste Richter Antonin Scalia gestorben. Obama hatte mit Sonia Sotomayor und Elena Kagan bereits zwei Frauen erfolgreich zu Obersten Richterinnen ernannt. Zusammen mit der von Clinton eingesetzten Richterin Ruth Bader Ginsburg gehörten dem Obersten Gericht erstmals drei Richterinnen an, die allesamt eine eher liberale Position vertraten. Die Nominierung eines Nachfolgers für Scalia gab Obama die Chance, nach vielen Jahrzehnten einer konservativen 5: 4-Mehrheit im Supreme Court die politischen Verhältnisse zu drehen. Der nominierte Merrick Garland, der mit den Stimmen der Republikaner seit 1997 Oberster Richter am Bundesberufungsgericht war, hätte zu anderen Zeiten als exzellenter Kompromisskandidat und als unumstritten gegolten, aber der von Republikanern kontrollierte Kongress hatte auf stur gestellt. Er lehnte es ab, den Kandidaten auch nur zu befragen und begründete dies damit, dass das Ende von Obamas Amtszeit lediglich elf Monate entfernt sei. Diese Blockade hatte keine Entsprechung in der US-amerikanischen Geschichte. Sie stellte einen Bruch mit konstitutionellen Normen dar und spiegelte die mauernde Haltung der nach rechts gerückten Republikaner, die mit der Mehrheit im Senat überdies verhinderten, dass 50 von Obama nominierte Bundesrichterpositionen besetzt wurden. Was immer Obama vorschlug, wurde aus Prinzip abgelehnt. Spätestens seit 2012 hatten Gegner des Präsidenten die Öffentlichkeit davon zu überzeugen gesucht, dass Obama in Skandale verwickelt sei. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, das amerikanische Volk hinsichtlich des Anschlags auf die US-Botschaft im libyschen Bengasi am 11. September 2012, bei dem vier Ame‐ rikaner zu Tode gekommen waren, irregeleitet zu haben. Der Kongress hielt endlose Anhörungen (zehn mehr als im Zusammenhang mit den Attacken auf das World Trade Center 2001, bei denen 3000 Menschen getötet wurden). Am Ende stellten die Abgeordneten keine Verfehlungen und keine Rechtsverletzun‐ gen fest, aber die Obama-Administration galt den konservativen Medien weiter‐ Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 470 <?page no="471"?> hin als skandalumwittert. Weitere intensive Untersuchungen von angeblichen Un‐ regelmäßigkeiten in der Obersten Steuerbehörde, im Energie- und im Heimatschutzministerium - der Abgeordnete Darrell Issa verglich den vermeintlichen Skan‐ dal gar mit Watergate - fanden ebenfalls kein Fehlverhalten. Trotz der Flut an falschen Anschuldigungen blieb Barack Obama (im extremen Gegensatz zu seinem Amtsnachfolger Donald Trump) durchgängig besonnen. In den Historiker-Rankings der US-Präsidenten erhielt Obama für seine „moralische Autorität“ aus gutem Grund durchweg exzellente Noten. Insbesondere in der zweiten Amtszeit hatte es den Anschein, als habe Obama jede Unsicherheit abgelegt. Da sich in seiner Arbeit viel wiederhole, erklärte er 2012, und da er über eine ausreichende „Kenntnis der Natur der Probleme“ verfüge, interessierten ihn nach eigenem Bekunden weder Auguren noch Meinungsumfragen. Seine Devise lautete: „Wenn ich einen Fehler mache, machen wir ihn wieder gut, wir lernen daraus“. Mit dieser Haltung ging er in die Atomverhandlungen mit dem Iran, aber auch nach Paris zum Klimagipfel. Unerschrocken machte er sich auch nach Kuba auf. Sein Besuch in Havanna war der erste eines amtierenden Präsidenten seit 1928. In einer legendären Ansprache im Gran Teatro de La Habana fand er Worte des Ausgleichs, als er ankündigte, er wolle „hier die letzten Reste des Kalten Krieges in den Amerikas begraben“. Und provokativ fügte er hinzu, Bürger sollten das Recht haben, „ohne Angst frei heraus zu sprechen, sich zu organisieren, die Regierung zu kritisieren und friedlich zu protestieren“. Von seinem kubanischen Gastgeber Raúl Castro wurde der Präsident daraufhin in einem spöttischen Brief mit dem Titel „Brother Obama„ gemaßregelt: „das Imperium [USA] braucht uns keine Geschenke zu machen“, „Worte aus Sirup“ seien nicht genug, um nach einer langen Geschichte des Konflikts wieder Schönwetter zu machen. Aber Obama blieb sich auch hier treu. Er setzte 2017 kurz vor der Amtsübergabe an Donald Trump die „Wet foot, dry foot“-Politik aus. Seit den 1990er Jahren hatte diese den Kubanern vorbehaltene Regelung all jenen Kubanern, die es trockenen Fußes, das heißt ohne von der Küstenwache aufgegriffen zu werden, in die USA schafften, einen privilegierten Immigrationsstatus zugesichert. Damit waren Kubaner ihren lateinamerikanischen Nachbarn wie jeder anderen Einwanderergruppe gegenüber im Vorteil. Das Aussetzen dieser Politik gilt als Annäherung an das kubanische Regime, das jahrzehntelang die Bürger, die es sich leisten konnten, an die USA verloren und somit einen regelrechten „Brain-Drain“ erlitten. Obama förderte mit der Annäherung zwischen den USA und Kuba einmal mehr die Hoffnung auf eine friedlichere Welt, die er bereits 2007 in seinem Bestseller Audacity of Hope eingefordert hatte. 2015 hisste Außenminister John Kerry nach über einem halben Jahrhundert feierlich die Flagge über der US-Botschaft in Havanna, mit der die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Nationen nun wieder offiziell aufgenommen waren. Die Obama-Regierung hatte vielen Amerikanerinnen und Amerikanern in der Folge der schweren Rezession von 2008 Hoffnung gegeben. Sie begrenzte den militärischen und moralischen Schaden, den die USA in Afghanistan und im Irak angerichtet hatten. Sie eröffnete neue Freiheiten für ethnische und kulturelle Minderheiten, und sie setzte 4 Barack Obama - Politischer Aufbruch in einem polarisierten Land 471 <?page no="472"?> mit der Gesundheitsreform und dem Kampf gegen den Klimawandel progressive Akzente. Trotz außenpolitischer Fehlschläge - von der neuen Eiszeit zwischen Wa‐ shington und Moskau bis zu den verheerenden humanitären Notständen in Syrien - hinterließ Obama seinem Nachfolger ein Land, das in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht besser dastand als bei seinem Amtsantritt. Sein größtes Versagen lag darin, dass er die Demokratische Partei geschwächt zurückließ. 2006 waren sowohl im US-Senat und Kongress als auch in 34 Bundesstaaten die Republikaner an der Macht. In den acht Jahren von Obamas Amtszeit hatten die Demokraten mehr als 1000 Abgeordnete und Gouverneure an Mitglieder der Republikanischen Partei abgegeben, die sich nunmehr schärfer rechts positionierte als je zuvor. 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung Am Beginn der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts präsentieren sich die Vereinigten Staaten als gespaltene Nation. Demokraten und Republikaner stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Sympathien für eine der politischen Parteien, persönlicher Hintergrund, Alter, Religionszugehörigkeit und Wohnort in urbanen Zentren oder ländlichen Regionen trennen Amerikaner und Amerikanerinnen immer stärker von‐ einander und gehen zu Lasten eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Das liegt auch am veränderten Informationskonsum. Fragmentierte Medienlandschaften und das Aufkommen der sozialen Medien haben dazu geführt, dass Amerikaner sich verstärkt auf vertraute Standpunkte zurückziehen und weniger Interesse am Austausch haben. Ihren Niederschlag finden diese Entwicklungen auch in einem Erstarken des Populismus, wie es ihn seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nicht mehr gegeben hat. Die Suche nach starken Führungspersönlichkeiten in unsicheren Zeiten - zu den Herausforderungen gehören die Wirtschaftslage, Militäreinsätze und Kriege, Rassenkonflikte und Klimadebatten - hat zur Wahl von Donald J. Trump beigetragen, der seit Januar 2017 das Präsidentenamt bekleidet. Sein Regierungsstil verändert seither den Politikbetrieb. Zu beobachten ist eine Abkehr vom pragmatischen Geist, der amerikanische Politik über weite Strecken ihrer Geschichte kennzeichnete, zugunsten von mehr Parteilichkeit in Regierung und Kongress. Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 Dass Donald J. Trump im Januar 2017 als 45. Präsident der USA eingeschworen wurde, hätte weder er noch eine Vielzahl von politischen Beobachtern für möglich gehalten. Die Auszählung der Stimmen aber zeigte, dass nahezu alle Wahlprognosen, die seine demokratische Herausforderin Hillary Clinton vorne gesehen hatten, sich als unzutreffend herausstellten. Clinton hatte zwar die Mehrheit der Wählerstimmen erhalten. Trump konnte aber, und das war entscheidend bei der indirekten Wahl des Staatsoberhaupts, dank einer Reihe von Siegen in Bundesstaaten mit vielen Wech‐ Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 472 <?page no="473"?> selwählern (swing states) die Mehrheit der Wahlmännerstimmen auf sich vereinen. Am Ende lag das Ergebnis bei 304 zu 227. Damit wurde ein bekennender politischer Außenseiter für die Republikanische Partei zum Präsidenten gewählt, der niemals zuvor ein politisches Amt bekleidet hatte. Vielmehr hatte Trump als Immobilienunternehmer und Fernsehstar Leitungserfah‐ rung gesammelt. Er wurde 1946 als viertes Kind des Bauunternehmers Fred Trump und seiner Frau Anne McLeod Trump im New Yorker Stadtteil Queens geboren. Dort wuchs er in komfortablen Verhältnissen auf, da sein Vater es vor allem durch den Bau staatlich geförderter Sozialwohnungen zu beachtlichem Wohlstand gebracht hatte. Nach Abschluss der New York Military Academy, einer Privatschule, besuchte Trump zwei Jahre lang die Fordham University in New York und erlangte weitere zwei Jahre später seinen Abschluss in Volkswirtschaftslehre an der Wharton School, der Business School der University of Pennsylvania in Philadelphia. Schon während seines Studiums stieg Trump in das Familienunternehmen ein, das er 1971 von seinem Vater übernahm. Dort positionierte er sich als ambitionierter Geschäftsmann, der den elterlichen Betrieb im Laufe der folgenden zwei Jahrzehnte in die Trump Organization umbaute, eine Firma, die breit aufgestellt ist und neben dem Immobiliengewerbe Geschäfte im Tou‐ rismussektor, Glücksspielgewerbe und in der Unterhaltungsindustrie verfolgt. Trump erlangte lokale und regionale Bekanntheit mit dem Bau des Trump Tower Hochhauses auf New Yorks Fifth Avenue (1983) und des Taj Mahal Kasinos in Atlantic City, New Jersey (1990). Zu nationaler Berühmtheit kam er als Hauptdarsteller der Reality Show The Apprentice, einer Talentshow für unternehmerischen Nachwuchs, die von 2004 bis 2015 beim Fernsehsender NBC lief und seit 2008 durch das Prominentenformat The Celebrity Apprentice ergänzt wurde. In die Schlagzeilen der Regenbogenpresse geriet er darüber hinaus durch sein Privatleben. Von seiner ersten Ehefrau Ivana Trump, mit der er die Kinder Donald Jr., Ivanka und Eric hat, wurde er 1992 nach fünfzehn Ehejahren geschieden. 1993 heiratete er Marla Maples und wurde Vater der gemeinsamen Tochter Tiffany. Seit dem Ende dieser zweiten Ehe ist Trump mit Melania Knauss liiert, die 2005 seine dritte Ehefrau wurde und nach seiner Wahl zum Präsidenten die Rolle der First Lady der USA übernahm (der gemeinsame Sohn Barron kam 2006 zur Welt). Den Präsidentschaftswahlen vorausgegangen war ein dramatischer Wahlkampf, der außergewöhnlich früh begonnen hatte, da Obama nach zwei Amtszeiten nicht zur Wiederwahl stand. Schon Ende des Jahres 2014 sondierten die ersten Anwärter ihre Kandidaturen. Bis zum Beginn der Vorwahlen im Februar 2016 war das Feld der Bewerber und Bewerberinnen allein bei den Republikanern auf sechzehn angewachsen. Dazu gehörten gemäßigte Stimmen aus der Partei wie Jeb Bush, vormaliger Gouver‐ neur von Florida und Bruder des ehemaligen Präsidenten George W. Bush, sowie die Gouverneure Chris Christie (New Jersey), Bobby Jindal (Louisiana) und John Kasich (Ohio). Gut vertreten war aber vor allem der konservative Flügel der Partei, der für eine harte Linie bei Themen wie Einwanderung, Abtreibung, Verteidigungspolitik und Abbau des Sozialstaates stand. Dazu gehörten die Senatoren Ted Cruz (Texas), Lindsey Graham (South Carolina), Marco Rubio (Florida) sowie Scott Walker, der 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 473 <?page no="474"?> Gouverneur von Wisconsin. Außenseiterstatus genossen der Afroamerikaner Ben Carson, ein ehemaliger Neurochirurg aus Baltimore, Carly Fiorina, die ehemalige Vorstandsvorsitzende der Computerfirma Hewlett-Packard und einzige Frau im Feld sowie Donald Trump. Die heterogene Kandidatenschar, die zunächst keinen klaren Favoriten hatte, präsentierte sich der amerikanischen Wählerschaft wie gewöhnlich in einer Vielzahl von Wahlkampfauftritten und Fernsehdebatten, in deren Verlauf Trump als dominante Figur hervortrat. Inspiriert durch seine Erfahrung als TV-Entertainer setzte er zudem auf Wahlkampfveranstaltungen, bei denen er sich wie ein Popstar feiern ließ. Seine Wahlkampfrhetorik war dabei geprägt von fremdenfeindlichen Kommentaren. Häufig äußerte er sich auch diskriminierend über Vertreter von ameri‐ kanischen Minderheiten und setzte seine Mitbewerber verbal dadurch herab, dass er ihnen wenig schmeichelhafte Spitznamen verlieh. Er bediente sich einer schlichten, häufig fehlerhaften Sprache, die bei seinen Anhängern jedoch gerade wegen dieser Merkmale Anklang fand. Darüber hinaus schlug er einen populistischen Ton an, der sich nicht an die Eliten im Washingtoner Zentrum der Macht richtete, sondern an die „kleinen Leute“ vor allem in ländlichen Regionen, die von den negativen Folgen des wirtschaftlichen Strukturwandels der letzten Jahrzehnte besonders stark betroffen waren. Sein Wahlkampfmotto „Make America Great Again“ versprach eine Rückkehr zu alter nationaler Größe, die aus Trumps Sicht verloren gegangen war. Er versprach Arbeitsplätze aus dem Ausland in die USA zurückzuholen, die Gesundheitsreform zurückzunehmen, Amerikas Kriege zu beenden und die Einwanderung aus lateiname‐ rikanischen Ländern einzudämmen. Dazu stellte er seinen Anhängern den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko in Aussicht. Auf Seiten der Demokraten trat ein kleineres Feld von Kandidaten und Kandidatin‐ nen an. Als Erste warf Hillary Clinton ihren Hut in den Ring. Die ehemalige First Lady, vormalige Senatorin von New York und ehemalige Außenministerin hoffte, als erste Frau in das Präsidialamt gewählt zu werden und damit Geschichte zu schreiben. 2008 war sie in den Vorwahlen Obama unterlegen. Als Vertreterin der moderaten Mitte der Partei brachte sie eine enthusiastische weibliche Wählerschaft mit ins Rennen und konnte auf die Unterstützung der afroamerikanischen Gemeinde zählen. Ihr Wahlprogramm umfasste Themen wie Gleichstellung, Bürgerrechte, Klimawandel, Bildung und Reform der Strafjustiz. Ihr folgte Bernie Sanders, der Senator aus Vermont, der den linken Flügel der Partei vertrat. Als bekennender demokratischer Sozialist setzte er sich vor allem für radikale Umverteilung von Wohlstand ein. Zudem traten James Webb, der Virginia im Senat vertreten hatte, sowie Martin O’Malley und Lincoln Chafee, die ehemaligen Gouverneure von Maryland und Rhode Island, als gemäßigte Vertreter ihrer Partei an, denen allerdings kaum Chancen eingeräumt wurden. Viele Demokraten rechneten zudem mit einer Kandidatur des Vizepräsidenten Joe Biden, die als aussichtsreich galt. Dieser hatte allerdings im Mai 2015 den Krebstod seines älteren Sohnes Beau Biden zu verkraften. Nach einigen Monaten der Trauer und des Abwägens gab Biden im Oktober 2015 bekannt, dass er sich nicht um das Amt des Präsidenten bewerben würde. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 474 <?page no="475"?> Bei beiden Parteien verliefen die Nominierungsverfahren für den Präsidentschafts‐ kandidaten langwierig. Nach den ersten primaries in Iowa und New Hampshire gab es noch keinen Favoriten und auch der traditionell wichtige Super Tuesday, ein Vor‐ wahltag, bei dem in vierzehn Bundesstaaten abgestimmt wird, brachte keine Klarheit. Bei den Republikanern konkurrierten Ted Cruz und Donald Trump gegeneinander. Als Trump aber schließlich im April deutliche Siege in New York und anderen Ostküstenstaaten sowie Anfang Mai in Indiana einfahren konnte, zog Cruz seine Kandidatur zurück. Ende Mai bekam Trump dann auch in den noch ausstehenden Staaten ausreichend Stimmen, um formell als Präsidentschaftskandidat seiner Partei nominiert werden zu können. Als Anwärter auf die Vizepräsidentschaft wählte er Mike Pence aus, den Gouverneur von Indiana. Pence hatte sich als überzeugter Konservativer einen Namen gemacht, den das republikanische Establishment schätzte. In Indiana hatte er Steuerreformen sowie verschiedene Bildungsinitiativen umgesetzt. Wie andere Präsidentschaftskandidaten vor ihm wählte Trump damit einen running mate aus, von dem er sich einen Ausgleich seiner eigenen Stärken und Schwächen erhoffte. Anders als Trump war Pence eine eher zurückgenommene Persönlichkeit, brachte aber administrative Erfahrung mit. Zudem war er ein evangelikaler Christ und damit attraktiv für die Wähler auf der religiösen rechten Seite des politischen Spektrums, die traditionell einen wichtigen Anteil der republikanischen Wählerschaft ausmachten. Bei den Demokraten lieferten sich Hillary Clinton und Bernie Sanders ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Clinton schließlich bis Ende April für sich entscheiden konnte, als auch ihr ein Sieg im Bundesstaat New York und angrenzenden Ostküsten‐ staaten gelang. Sanders ließ daraufhin seine Wahlkampfaktivitäten ruhen. Bis Anfang Juni konnte Clinton dann so viele Delegierte auf sich vereinigen, dass ihrer formalen Nominierung zur Präsidentschaftskandidatin durch die Demokratische Partei nichts mehr im Wege stand. Als Vizepräsidentschaftskandidat wählte sie Tim Kaine aus, den Senator aus Virginia, der wie sie das moderate Spektrum der Partei vertrat. Zu einem großen Aufreger kam es für die Demokraten noch wenige Tage vor dem Nominierungsparteitag Ende Juli. Am 22. Juli veröffentlichte die Enthüllungsplattform WikiLeaks E-Mails des demokratischen Parteivorstands Democratic National Commit‐ tee. Die E-Mails legten eine Parteilichkeit dieses Parteigremiums zugunsten von Hillary Clinton nahe, die offenbar mehr finanzielle, organisatorische und ideelle Unterstützung erfahren hatte als Bernie Sanders. Als Reaktion auf diesen Verdacht erklärte die Parteivorsitzende Debbie Wasserman Schultz ihren Rücktritt. Erklärtes Ziel des Parteitags war es in den folgenden Tagen, Clinton/ Kaine zu nominieren und als Partei mit vereinten Kräften in den Endspurt des Wahlkampfs zu ziehen. Am 28. Juli wurde Clinton schließlich als erste Frau in der amerikanischen Geschichte zur Präsidentschaftskandidatin ihrer Partei nominiert. Clinton und Trump lieferten sich einen harten Wahlkampf, bei dem es neben ihren Parteibüchern auch um ihre spezifische Befähigung für das Präsidialamt als Vertreterin und Vertreter ihres bzw. seines Geschlechts ging. Zudem fiel Trump wiederholt durch sexistische Äußerungen auf, die sich auch gegen Clinton richteten und vor 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 475 <?page no="476"?> allem auf ihr Aussehen sowie ihre Ehe mit Bill Clinton gemünzt waren. Besondere Aufmerksamkeit erregte die Veröffentlichung eines Videos aus dem Jahr 2005, das Trump im Gespräch mit Billy Bush, dem Moderator der Fernsehsendung Access Holly‐ wood, eines Boulevardmagazins, zeigte. Darin war zu hören, wie er mit unverbrämter Sprache seinen Umgang mit Frauen beschrieb. Als Star könne er sich alles leisten, er zaudere nie lange, sondern greife Frauen zumeist gleich zwischen die Beine. Nicht nur die Vertreterinnen der Frauenbewegung zeigten sich angesichts dieser verbalen Übergriffe entsetzt. Trumps Anhänger hingegen blieben weitgehend ungerührt. Nach Clintons Niederlage waren viele demokratische Wählerinnen und Wähler zum einen deshalb enttäuscht, weil es wieder nicht gelungen war, eine Frau zur Präsidentin zu wählen. Zum anderen gab es ein tiefes Unbehagen gegenüber einem Wahlsieger, dessen politische Agenda bis zum Schluss seines Wahlkampfs schwammig geblieben war und dem es an Respekt für Frauen, gesellschaftliche Minderheiten und seine politischen Gegner mangelte. Dabei entpuppte sich der Präsidentschaftswahlkampf von 2016 insgesamt als noch kostenintensiver als die vorausgegangenen. Insgesamt gaben die Kandidaten fast zweieinhalb Milliarden Dollar zur Finanzierung ihrer Kampagnen aus. Diese unvorstellbare Summe kam nicht zuletzt durch Großspenden zusammen, die seit der Änderung des Parteispendengesetzes durch das Gerichtsurteil im Fall Citizens United v. Federal Election Commission (2010) wieder zulässig waren. Erste Initiativen In den ersten Monaten der neuen Administration wurden die Konturen des Regierungs‐ stils des neuen Präsidenten deutlich. Zugleich zeichnete sich ab, welche Agenda Trump verfolgen würde. Für viele Amerikaner und Amerikanerinnen war es vor allem neu, dass ihr Staatsoberhaupt über die soziale Medienplattform Twitter direkt mit ihnen kommunizierte, statt einem Sprecher oder einer Sprecherin die Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu überlassen. Trump hatte seinen Account bereits während des Wahlkampfes aktiv bespielt und dazu mehrere Smartphones benutzt. Das hatte auch Obama vor seiner Wahl getan, der laut eigenem Bekunden sehr an seinem Blackberry hing - einem Mobilgerät mit Tastatur im Miniaturformat - und gerne selbst mit einer Vielzahl von Personen wie Kollegen und Kolleginnen im Senat, Beratern, Freunden und Familie in Kontakt stand. Aber während Obama seine Privatgeräte zu Beginn seiner Amtszeit auf Betreiben der Sicherheitsbehörden abgab und auf ein gesichertes Gerät mit eingeschränkten Funktionen umsattelte, behielt Trump seine elektronische Ausstattung. Als Inhaber des Twitter Kontos „@realDonaldTrump“ setzte er auch als Präsident weiterhin täglich Nachrichten (Tweets) ab. Dabei handelte es sich um Kom‐ mentare zu aktuellen Entwicklungen im Kongress oder in der Regierung, Gedanken über die eigene Regierungstätigkeit sowie oft harte Kritik an politischen Gegnern und Medienvertretern. Häufig leitete Trump auch Nachrichten aus anderen Konten weiter. An manchen Tagen bewegte sich die Zahl seiner abgesetzten Nachrichten bei mehreren Dutzend. Im Frühjahr 2020 erreichte sein Twitter Konto über 70 Millionen Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 476 <?page no="477"?> Abonnenten und Abonnentinnen. Offizielle Verlautbarungen des Medienteams des Präsidenten wurden hingegen über das Twitter Konto „@POTUS“ (Abkürzung für President of the United States) abgesetzt. Seine Regierungsmannschaft stellte Trump aus Mitgliedern des republikanischen Establishments sowie - und das war ungewöhnlich - aus Vertretern der Wirtschaft und des Militärs zusammen. Wie vor ihm Obama band auch der neue Präsident einige seiner ehemaligen Mitbewerber in die Regierungsarbeit ein. Stabschef des Weißen Hauses wurde der moderate Reince Priebus, der zuvor die Parteizentrale der Republikaner geleitet hatte. Das Amt des Außenministers übernahm Rex Tillerson, der dafür seinen Vorstandsposten bei der Ölfirma Exxon Mobil aufgab. James Mattis, ein Vier-Sterne-General der US-Marines, der im Golfkrieg, in Afghanistan und im Irak‐ krieg gedient hatte, wurde Verteidigungsminister. Das Justizministerium ging an Jeff Sessions, einen Senator aus Alabama, der Trump als erzkonservativer Hardliner Schüt‐ zenhilfe im Wahlkampf geleistet hatte. Mit der Leitung des Heimatschutzministeriums wurde John Kelly betraut, ebenfalls ein Vertreter des Militärs, der für eine restriktive Einwanderungspolitik stand. Ben Carson übernahm das Ministerium für Stadtplanung und Wohnungsbau. Das Energieministerium und das Umweltministerium wurden jeweils mit bekennenden Klimaleugnern besetzt. Rick Perry, der Gouverneur von Texas und zweimalige Präsidentschaftskandidat, wurde Energieminister; Scott Pruitt aus Oklahoma übernahm das Umweltresort. Mike Pompeo, ein Abgeordneter aus Kansas, wurde Direktor der CIA. Das Amt des Geheimdienstkoordinators ging an Daniel Coates, einen Senator aus Indiana und ehemaligen US-Botschafter in Deutschland. Dem stark männlich geprägten Kabinett gehörten auch vier Frauen an. Elaine Chao (Verkehr) und Niki Haley (UN-Botschafterin) brachten Regierungserfahrung als Mi‐ nisterin unter George W. Bush respektive Gouverneurin von South Carolina mit. Betsy DeVos (Bildung) und Linda McMahon (Mittelstandsförderung) waren konservative Großspenderinnen der Republikanischen Partei. Linda McMahon hatte vor ihrem Ruf nach Washington zudem die Profiliga des Wrestlingsports geleitet. Mit dieser Auswahl kündigte sich eine rechtskonservative Ausrichtung der Regierungsarbeit an. Dies unterstrich auch die Ernennung von Stephen Bannon zum senior advisor des Prä‐ sidenten. Bannon, ein ehemaliger Investmentbanker und Trumps Wahlkampfstratege, hatte bis wenige Monate vor der Wahl Breitbart News geleitet, eine rechtsnationale Meinungsplattform, die rassistische und fremdenfeindliche Standpunkte vertrat. Er galt als Vordenker der radikalen Rechten in den USA. Zudem holte Trump - und auch das war ungewöhnlich - Familienmitglieder in den Kreis seiner engsten Berater und Beraterinnen. Seine Tochter Ivanka Trump und sein Schwiegersohn Jared Kushner be‐ zogen Büros im Weißen Haus und wurden seine häufigen Begleiter bei Amtsgeschäften. Die Regierungsarbeit nahm Trump mit einem wahren Feuerwerk von Verordnungen (executive orders) auf. In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit erließ er 24 Verordnungen, um zügig die Politik seines Amtsvorgängers zu revidieren. Noch am Tag seiner Amtseinführung verfügte Trump erste Änderungen am Affordable Care Act, der von Obama initiierten Gesundheitsreform, die den Einzelstaaten mehr Spielraum 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 477 <?page no="478"?> bei der Umsetzung der Reform einräumten und längerfristig auf eine Lockerung der Krankenversicherungspflicht abzielten. Wenige Tage später erließ er Executive Order No. 13 767, die den Bau einer Mauer an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinig‐ ten Staaten vorsah. Die Mauer hatte Trump im Wahlkampf als Mittel zur Eindämmung illegaler Einwanderung propagiert, damit aber jenseits seiner engeren Anhängerschaft wenig Widerhall gefunden. Einreiseverbote für Muslims sah die Executive Order No. 13 769 (oft als Muslim travel ban bezeichnet) vor. Das Dekret verhängte ein Einreiseverbot für Staatsbürger aus sieben Ländern im arabischen Raum; erklärtes Ziel war die Einschränkung der Mobilität von potentiellen Terroristen. Die Maßnahme stieß auf Proteste von Bürgerrechtsorganisationen wie der American Civil Liberties Union und Vertretern der betroffenen ethnischen Gruppen. Diese zogen gegen die Einreisebe‐ schränkungen vor Gericht und erreichten eine Reihe von Ausnahmeregelungen, die vor allem die Zusammenführungen von Familien mit Fluchterfahrung erlaubten, auch wenn die grundsätzliche Gültigkeit des Gesetzes 2018 vom Supreme Court bestätigt wurde. Bei insgesamt guter Wirtschaftslage und sinkenden Arbeitslosenzahlen stieß Trumps Amtsführung zum Ende seiner ersten hundert Tage auf ein gemischtes Echo. Laut einer Gallup Umfrage lagen seine Zustimmungswerte Ende April 2017 bei 41 Prozent und damit niedriger als diejenigen seiner unmittelbaren Amtsvorgänger. Russia Investigation und Mueller Report Innerhalb dieser ersten drei Monate begann sich im Weißen Haus auch das Perso‐ nalkarussell zu drehen. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nahmen ihren Hut oder wurden von Trump gefeuert. Die Dramaturgie der Entlassungen entsprach dabei häufig seiner Fernsehshow The Apprentice, in der das Schlagwort „You are fired! “ den Höhepunkt vieler Folgen gebildet hatte. Kein Präsident vor Trump entließ im Verlauf seiner Amtszeit so viele Regierungsmitglieder wie er. Dazu zählten Angehörige seines Teams im West Wing ebenso wie Minister und Ministerinnen sowie hochran‐ gige Beamte und Beamtinnen. Meist lagen die Entlassungen in unterschiedlichen Auffassungen zu Führungsstil und Kompetenzen begründet. Trump pflegte einen autoritären Leitungsstil; er entzog sich traditionellen Arbeitsabläufen, legte wenig Wert auf Expertenmeinungen, duldete keinen Widerspruch und traf Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Dieser Gemengelage fielen im Laufe des Sommers 2017 eine Reihe von Personen zum Opfer, zu denen auch Reince Priebus gehörte, der seinen Posten als Stabschef des Weißen Hauses abgeben musste und durch John Kelly ersetzt wurde, den Leiter des Heimatschutzministeriums. Zuvor hatten aber zwei andere Abgänge für enormes Aufsehen gesorgt. Im Februar 2017, nur wenige Wochen nach Trumps Amtsantritt, erklärte Michael Flynn, der Nati‐ onale Sicherheitsberater, seinen Rücktritt. Zwei Monate später entließ Trump in einer Folgeentscheidung James Comey, den Direktor des FBI. Flynn, ein Generalleutnant a. D. der US-Armee, der als Trumps Wahlkampfberater fungiert hatte, stand im Verdacht, während des Präsidentschaftswahlkampfs und in der Übergangsphase nach der Wahl Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 478 <?page no="479"?> illegale Kontakte zu Vertretern Russlands unterhalten zu haben. Dazu gehörten auch Telefongespräche mit Sergej Kisljak, dem Botschafter Russlands in den Vereinigten Staaten, die nur Mitglieder der Regierungspartei zu führen berechtigt waren. Ermittlern des FBI gegenüber, das seit dem Sommer 2016 einer russischen Einflussnahme auf den Wahlkampf nachging, hatte Flynn dazu falsche Angaben gemacht. Zudem hatte er Vizepräsident Pence und Stabschef Priebus über den Inhalt der Gespräche belogen, in denen es auch um die Sanktionen gegangen war, die die Regierung Obama im Dezember 2016 als Vergeltung gegen Russland verhängt hatte. Der Rücktritt Flynns, der eng mit Trumps Beratern, darunter auch Familienmitgliedern des Präsidenten, zusammengearbeitet hatte, befeuerte die öffentliche Debatte um eine mögliche gezielte Zusammenarbeit des Trump’schen Wahlkampfteams mit russischen Akteuren. Am Tag nach dem Rücktritt legte Trump FBI-Direktor James Comey in einem Vieraugen‐ gespräch nahe, von einer Strafverfolgung Flynns abzusehen. Wiederholt forderte er zudem eine Einstellung der Ermittlungen. Stattdessen förderte das FBI die Verstrickung weiterer hochrangiger Mitarbeiter aus dem Wahlkampfteam zutage. Zu diesen gehörte auch Paul Manafort, Trumps ehemaliger Wahlkampfmanager, dem die Beteiligung an einer kriminellen Verschwörung und Falschaussagen über seine Russlandkontakte vorgeworfen wurden. Auch wenn Trump nicht persönlich das Ziel der Ermittlungen war, wie Comey deutlich machte, nahm der Unmut des Präsidenten gegen den Direktor des FBI doch so stark zu, dass er ihn im Mai 2017 entließ. Um die Untersuchungen dennoch weiterzuführen, veranlasste das Justizministerium eine Sonderermittlung und beauftragte damit den ehemaligen FBI-Direktor Robert Mueller. Diese Sonderermittlung sollte fast zwei Jahre in Anspruch nehmen. Sie wurde von Trump wiederholt als Hexenjagd bezeichnet, der ein Fehlverhalten seiner ehemaligen Mitarbeiter kategorisch abstritt, Mueller kontinuierlich attackierte und den Ermittlern die Kooperation des Weißen Hauses verweigerte. Mueller legte seine Ermittlungsergebnisse schließlich im März 2019 in einem Bericht vor (Mueller Report), um dessen Veröffentlichung ein Tauziehen zwischen dem Justizministerium und den Demokraten im Kongress entbrannte. Muellers Bericht zeichnete die Formen russischer Einflussnahme auf den Wahlkampf nach, kam aber zu dem Ergebnis, dass es keine koordinierte Zusammenarbeit mit Trumps Wahlkampfteam gegeben habe. Die Frage, ob Trump sich durch sein Verhalten der Justizbehinderung schuldig gemacht hatte, blieb dabei unbeantwortet. Das Justizministerium, das ihn als entlastet ansah, erntete den heftigen Widerspruch der Demokraten, die den lückenlosen Zugang zum Bericht forderten. Zudem luden sie Mueller im Juli 2019 zu einer Anhörung vor den Kongress, von der sie sich weitere Einsichten erhofften, die dieser allerdings schuldig blieb. So standen sich am Ende des Verfahrens entlang der Parteilinien diejenigen gegenüber, die Trump schweres Fehlverhalten vorwarfen (Demokraten) und jene, die keines zu erkennen vermochten oder den Präsidenten als über dem Gesetz stehend betrachteten und ihm eine quasi-Immunität zuerkannten (Republikaner). 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 479 <?page no="480"?> Kongress und Zwischenwahlen von 2018 Trump konnte sich im Laufe der Jahre immer stärker auf die Unterstützung der Republikaner verlassen. Hatte es zunächst noch kritische Stimmen gegeben, wie etwa die Senatoren John McCain und Jeff Flake aus Arizona oder den ehemaligen Rivalen um das Präsidentenamt Mitt Romney, die sich als moderate Konservative weder mit Trumps Agenda noch seinem Gebaren im Amt anfreunden konnten, verstummten diese zunehmend. McCain starb im August 2018, und Flake begab sich nach dem Ausscheiden aus dem Senatorenamt in die außerparlamentarische Opposition. Zudem verfügte die Partei in den ersten beiden Jahren nach der Wahl über Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses. Mehrheitsführer (Speaker) im Repräsentantenhaus blieb Paul Ryan, ein Abgeordneter aus Wisconsin, den allerdings kein enges Verhältnis mit dem Präsidenten verband und dem es nicht gelang, die Reform des Affordable Care Act (Obamacare) im House durchzusetzen, die Trump im Wahlkampf versprochen hatte. Das Gesundheitsgesetz, das bei vielen Konservativen wegen seines verpflichtenden Charakters unbeliebt war, blieb somit in Kraft. Die republikanische Senatsmehrheit wurde in der Auseinandersetzung mit den Demokraten weiterhin von Mitch McCon‐ nell aus Kentucky mit Geschick und Kompromisslosigkeit angeführt. Als konservativer Vertreter des republikanischen Establishments hatte auch er zunächst mit Trump gefremdelt, aber bald dessen Bedeutung für den Machterhalt der Partei erkannt und auf Kooperation mit dem Weißen Haus gesetzt. Neben dem Tauziehen um den Staatshaus‐ halt, das im Januar 2018 zu einer Schließung von Bundesbehörden führte (government shutdown), weil Uneinigkeit zwischen Kongress und Weißem Haus über die zukünftige Einwanderungspolitik bestand, verabschiedete das Parlament einige größere Gesetze. Dazu zählte der Tax Cuts and Jobs Act of 2017, eine Steuerreform, die zur Entlastung mittlerer Einkommen beitrug. Zudem brachte es mit dem First Step Act eine Reform der Strafjustiz auf den Weg, für die sich auch demokratische Abgeordnete seit Jahren eingesetzt hatten. Sie sah eine Reduzierung von teils drakonischen Strafmaßen für Bagatelldelikte vor und die Einführung von Maßnahmen zur Resozialisation von ehemaligen Häftlingen. Bei den Zwischenwahlen im Herbst 2018 konnten die Republikaner den Senat halten und sogar einen Sitz hinzugewinnen. Sie verloren aber ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus an die Demokraten, die ein Plus von 40 Sitzen verzeichnen konnten. Diese Entwicklung erklärt sich aus der massiven Unzufriedenheit von Teilen der Wahlbevölkerung mit der Amtsführung des Präsidenten und dem Stillstand im republikanisch dominierten Kongress, der kaum Gesetze verabschiedet und wenig überparteiliche Zusammenarbeit praktiziert hatte. Demokratische Wähler hatten in den Monaten nach Trumps Amtsantritt darauf gehofft, dass er seine populistische und entzweiende Haltung wenn nicht ablegen, so doch mäßigen würde, um das Land nach einem aufreibenden Wahlkampf zu einen und die tiefen Gräben zwischen den Anhängern der verschiedenen politischen Lager aufzufüllen. Diese Wandlung Trumps zum Präsidenten aller Amerikaner und Amerikanerinnen blieb jedoch aus. Stattdessen blieb der Präsident auf seine Anhängerschaft fixiert und betrieb Klientelpolitik. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 480 <?page no="481"?> Dies manifestierte sich in Trumps Umgang mit den Medien und in deren kritischer Berichterstattung. Schon während des Wahlkampfes hatte er sich über einzelne Nach‐ richtensender negativ ausgelassen und ihre Berichterstattung als Falschmeldungen kritisiert. Das Schlagwort „fake news“ brachte er auch als Präsident immer dann an, wenn ihm Darstellungen in den Nachrichten nicht zusagten. Fakten und überprüfbare Zusammenhänge schienen für ihn keine Rolle zu spielen. So behauptete er schon am ersten Tag seiner Amtszeit, seine Amtseinführung sei besser besucht gewesen als die Obamas, obwohl Fotos das Gegenteil belegten. Kellyann Conway, eine der senior advisors des Präsidenten, sprach in diesem Zusammenhang von „alternative facts“ - alternativen Fakten. Damit läutete Trump für sich und seine Anhänger ein postfaktisches Zeitalter ein, in dem seine Wahrheiten Gültigkeit beanspruchten. Andersdenkende, zu denen Vertreter und Vertreterinnen der Opposition, Journalisten und Kulturschaffende gehörten, diffamierte er häufig oder machte sich über sie lustig. Dabei konnte er auf die Unterstützung rechtskonservativer Medien zählen wie den Fernsehsender Fox News oder Radiomoderatoren wie Rush Limbaugh, die sich zu Trumps Sprachrohren entwickelten. Zudem versäumte es der Präsident wiederholt, sich von extremistischen Stand‐ punkten im rechten politischen Lager zu distanzieren. Dies wurde zum Beispiel im August 2017 augenfällig. Mitte des Monats fand in Charlottesville, Virginia, eine Kundgebung rechtsradikaler Gruppierungen unter dem Motto „Unite the Right“ statt, zu der sich Neonazis, Vertreter der neuen Rechten (Alt-Right), bewaffneter Milizen sowie des Ku-Klux-Klans und anderer rassistischer Vereine versammelten, die weißes Überlegenheitsdenken vertraten. Sie protestierten gegen die Bemühungen lokaler Organisationen, Konföderierten-Denkmäler wie die Reiterstatue des Generals Robert E. Lee abzubauen und diese Form der Repräsentation des alten Südens, der Sklaverei und Rassismus praktiziert und den Bürgerkrieg verloren hatte, aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Schon am ersten Tag der Kundgebung kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten, Vertretern und Vertreterinnen anti‐ rassistischer und antifaschistischer Gruppen. Dazu zählten auch Repräsentanten der Black Lives Matter-Bewegung, verschiedener Kirchen und anderer Bürgerrechtsorga‐ nisationen. Eskalierende Gewalt, in deren Verlauf eine Gegendemonstrantin den Tod fand - Heather Heyer wurde Opfer der Amokfahrt eines Neonazis -, führte zur Aus‐ rufung des Ausnahmezustands durch Gouverneur Terry McAuliffe. Erst der Einsatz der Nationalgarde befriedete die Situation, die an gewaltsame Szenen erinnerte, wie sie die Nation zuletzt in den 1960er Jahren während der Bürgerrechtsbewegung erlebt hatte. Stimmen quer durch das politische Spektrum verurteilten die Gewalt und distanzierten sich von extremistischen Standpunkten, insbesondere Rechtsnationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Trump jedoch zögerte mit einer klaren Positionierung. Während eines Pressetermins im Trump Tower sprach er von „sehr feinen Leuten“, die es auf beiden Seiten gegeben habe. Selbst Berater des Präsidenten wie Gary Cohn, der Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats, reagierten schockiert auf diese Äußerung, 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 481 <?page no="482"?> die Trump erst einige Tage später in einer Rede relativierte, in der er rechte Gewalt verurteilte und sich zum Kampf gegen Rassismus bekannte. Abb. 26: „The Squad“: Ilhan Omar, Ayanna Pressley, Rashida Tlaib und Alexandria Ocasio-Cortez (v. l. n. r.) (Instagram) Solche Entwicklungen der ersten beiden Trump-Jahre motivierten viele Bürger und Bürgerinnen an der demokratischen Basis dazu, sich 2018 für einen Sitz im Repräsen‐ tantenhaus zu bewerben, um die Politik in Washington entlang ihrer Alternativvor‐ stellungen zu ändern. Zu ihrer Agenda gehörten der Erhalt der Gesundheitsversorgung, soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte, Frauenrechte und eine Reform der Einwande‐ rungspolitik. Die Gruppe der 40 neuen demokratischen Abgeordneten war dabei gesell‐ schaftlich so divers wie niemals zuvor. Sie bestand zu fast gleichen Teilen aus Männern und Frauen. Ihre Mitglieder kamen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen und Religionsgemeinschaften. Sie brachten verschiedene sexuelle Orientierungen mit und repräsentierten alle gesellschaftlichen Schichten. So zogen mit Deb Haaland (New Mexico) und Sharice Davids (Kansas) die ersten Abgeordneten indigener Herkunft in das Repräsentantenhaus ein, wobei sich Davids zudem offen zu ihrer Homosexualität bekannte. Rashida Tlaib aus Michigan und Ilhan Omar aus Minnesota waren die ersten Musliminnen in der Kammer. Omar, die als Kind aus Somalia in die USA eingewandert war, trug als erste Kongressabgeordnete einen Hijab als Kopfbedeckung. Zusammen mit Alexandria Ocasio-Cortez aus New York und Ayanna Pressley aus Massachusetts bildeten die beiden eine mit dem Spitznamen „The Squad“ betitelte Gruppe von women of color, die schnell Einfluss gewannen und für eine progressive politische Agenda standen. Zur Sprecherin der Kammer wurde Nancy Pelosi aus Kalifornien gewählt, Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 482 <?page no="483"?> die diese Position von 2007 bis 2011 schon einmal innegehabt hatte. Sie wurde damit erneut zur mächtigsten Frau im Staat. Supreme Court und Bundesgerichte Seit seiner Wahl zum Präsidenten hat Trump eine außergewöhnlich hohe Anzahl von Richtern und Richterinnen für Posten an Bundesgerichten ernannt, deren Nominierung mehrheitlich vom Senat bestätigt wurde. Da sich Trump durchweg für die Auswahl von Kandidaten und Kandidatinnen mit konservativen Rechtsauffassungen entschied, kam seiner Ernennungspraxis eine nachhaltige Bedeutung zu. Viele dieser Richter und Richterinnen werden die Rechtsprechung an Bundesgerichten für Jahrzehnte prägen, weil sie auf Lebenszeit ernannt sind. Bereits wenige Tage nach seinem Amtsantritt präsentierte Trump einen Nachfolger für Antonin Scalia, um zügig die Richterposi‐ tion am Supreme Court zu besetzen, die Obama angesichts des Widerstands des republikanisch dominierten Senats nicht mehr hatte füllen können. Trump nominierte Neil Gorsuch, der Richter am US Court of Appeals for the Tenth Circuit in Denver war, einem der 13 Bundesberufungsgerichte. Nach der Anhörung des Kandidaten im Senat versuchten die Demokraten, die Abstimmung über seine Ernennung durch eine Endlosdebatte (filibuster) zu verhindern. Dabei ging es um Gorsuchs Standpunkte, aber auch um eine Retourkutsche für das Verhalten der Republikaner Monate zuvor. Die Republikaner versuchten daraufhin, die Blockade per Abstimmung zu beenden. Als dies nicht gelang - nur 55 statt der erforderlichen 60 Senatoren und Senatorinnen sprachen sich weitgehend entlang der Parteilinien dafür aus -, schafften sie die Verfahrensregel des filibuster bei Debatten über Kandidaten für das Oberste Gericht kurzerhand ab. Von nun an genügte eine einfache Mehrheit zur Bestätigung von Richtern am Supreme Court. Damit war der Weg frei für eine weitere Abstimmung, bei der Gorsuch Anfang April 2017 mit den Stimmen der republikanischen Senatsmitglieder und dreier demo‐ kratischer Abweichler im Richteramt bestätigt wurde: Er gewann die Abstimmung mit 54 zu 45 Stimmen. Als dann im Juli 2018 Anthony Kennedy seinen Rückzug in den Ruhestand an‐ kündigte, bot sich Trump innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal die Gelegenheit einen Richterstuhl am Supreme Court neu zu besetzen. Kennedy war eigentlich ein Vertreter der konservativen Richterfraktion, hatte sich aber immer wieder auf die Seite der liberalen Richterkollegen geschlagen und als Zünglein an der Waage knappe Entscheidungen zugunsten progressiver Standpunkte in Rechtsurteilen herbeigeführt. Trump hoffte, durch die Nominierung eines verlässlich konservativen Kandidaten die konservative Mehrheit im Richterkollegium langfristig zu sichern. Als solchen nominierte er wenige Tage nach Kennedys Abtreten Brett Kavanaugh. Wie Gorsuch war Kavanaugh Richter an einem Bundesberufungsgericht, dem US Court of Appeals for the District of Columbia Circuit in Washington. Im Verlauf des Prüfungsverfahrens durch den Senat traten allerdings Vorwürfe gegen Kavanaugh wegen sexueller Belästigung zu Tage. Erhoben wurden sie von 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 483 <?page no="484"?> mehreren Frauen, mit denen er zur Schule gegangen war oder die mit ihm studiert hatten. Der Justizausschuss leitete als zuständiges Gremium eine FBI-Untersuchung in die Wege, bei der in beschränktem Umfang die Vergangenheit des Kandidaten durchleuchtet wurde. Zudem beraumte er weitere Anhörungen an. Dabei kam Chris‐ tine Blasey Ford zu Wort, eine Psychologieprofessorin an der Standford University, die Kavanaugh einen sexuellen Übergriff auf einer privaten Party während ihrer gemeinsamen Zeit an der Highschool vorwarf. Kavanaugh, der zuvor schon eine Anhörung absolviert hatte, erhielt die Gelegenheit, sich zu den Anschuldigungen zu verhalten. Millionen von Zuschauern verfolgten die emotionalen Auftritte von Blasey Ford und Kavanaugh live am Fernseher oder am Computer, an deren Ende Aussage gegen Aussage stand. Viele fühlten sich an die Anhörungen von Anita Hill und Clarence Thomas im Jahr 1991 erinnert, als es in dessen Nominierungsverfahren ebenfalls um mögliche sexuelle Übergriffe auf seine ehemalige Mitarbeiterin gegangen war. Im Unterschied zu den früheren spielten sich die Anhörungen von 2018 zwar vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund des #MeToo-Movement ab, einer Bewegung gegen sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt, die in der amerikanischen Öffentlichkeit erheblichen Widerhall fand. Auf den Ausgang des Verfahrens hatten diese geänderten Rahmenbedingungen aber keinen Einfluss. Für die Überprüfung der Aussagen Blasey Fords und Kavanaughs räumte der Justizausschuss nur ein knappes Zeitfenster ein, innerhalb dessen sich nicht alle Angaben abschließend prüfen ließen. Viele Fragen blieben offen. Dennoch entschloss sich der Ausschuss, dem für die Republikaner nur Männer angehörten, dazu, von einem Untersuchungsverfahren gegen Kavanaugh abzusehen, um den Kandidaten nicht weiter zu beschädigen und seine Ernennung durchzusetzen. Am 6. Oktober wurde dieser mit den Stimmen der Republikaner vom Senat im Amt bestätigt. Langfristige Akzente im Justizwesen setzte die Regierung Trump auch durch die Ernennung von konservativen Richtern an anderen Bundesgerichten. Dazu zählen die insgesamt 94 Bezirksgerichte (federal district courts), die über Bundesgerichtsbezirke im ganzen Land verteilt sind. Sie können als erste Instanz angerufen werden, wenn Rechts‐ streitigkeiten Verfassungsrechte berühren. Zudem fallen die 13 Bundesberufungsge‐ richte (US Courts of Appeals, circuit courts), das Bundesgericht für Internationalen Handel, verschiedene Spezialgerichte wie das Steuergericht und die Bezirksgerichte in den amerikanischen Territorien in diese Kategorie. Seit seinem Amtsantritt wurden 51 Bezirksrichter (district court judge), 138 Berufungsrichter (circuit court judge) und 19 Bundesrichter an anderen Gerichten vom Senat bestätigt, die Trump für diese Positionen nominiert hatte. Auch bei diesen Richterposten handelte es sich um Ernennungen auf Lebenszeit. Die Bedeutung der Zahlen wird bei einem Vergleich mit Obama deutlich, der in seiner achtjährigen Amtszeit kaum mehr Bezirksrichter berief als Trump in den ersten drei Jahren seiner Amtszeit. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 484 <?page no="485"?> Ukraine-Affäre und Impeachment Ab September 2019 war die amerikanische Öffentlichkeit mit der Frage beschäftigt, ob der Präsident sich des Macht- und Amtsmissbrauchs schuldig gemacht hatte. Während die Auseinandersetzungen zwischen Weißem Haus, Sonderermittler Mueller und dem Kongress um die Russlandermittlungen und Trumps mögliche Behinderung der Justiz allmählich zu einem Ende kamen, tat sich ein neuer Zusammenhang auf, der auch das Thema Russland berührte. Zutage trat dieser durch die anonyme Dienstbeschwerde eines CIA-Mitarbeiters vom 12. August 2019, in der es um mögliche Versuche des Präsidenten ging, die Ukraine zur Einmischung in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2020 zu bewegen. Der Whistleblower verwies dabei zum einen auf ein Telefonat, das Trump am 25. Juli 2019 mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geführt hatte. Zum anderen machte er auf die Aktivitäten Rudy Giulianis in der Ukraine aufmerksam, einem von Trumps ehemaligen Mitbewerbern um die Präsidentschaft, der zwischenzeitlich zu seinem persönlichen Anwalt geworden war. Konkret ging es um den Vorwurf, Trump habe Selenskyj dazu gedrängt, ihn bei dem Versuch zu unterstützen, den Ruf seines politischen Rivalen Joe Biden zu schädigen. Insbesondere habe Trump die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen Bidens Sohn Hunter Biden wegen Korruption gefordert. Hunter Biden war als Lobbyist für den ukrainische Gaskonzern Urisma tätig gewesen. Als Druckmittel habe der Präsident bereits zugesagte Militärhilfen im Umfang von mehreren hundert Millionen Dollar zurückgehalten. Das Weiße Haus versuchte zunächst, die Beschwerdeschrift des Whistleblowers zu unterdrücken. Auch die zuständige Behörde National Intelligence Agency verzögerte deren Bearbeitung und verschleppte bzw. verweigerte eine Weiterleitung an die Geheimdienstausschüsse des Kongresses, an deren Vorsitzende sie adressiert war, über Wochen bis Ende September. Vorab jedoch, bereits Anfang September, erhielt Adam Schiff, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, einen Hinweis von Michael Atkinson, dem Generalinspekteur der Geheimdienste, dass eine Beschwerde anhängig war. Schiff und die Vorsitzenden zweier weiterer Ausschüsse - Eliot L. Engel (Foreign Affairs) und Elijah E. Cummings (Oversight and Reform) - leiteten daraufhin Ermittlungen ein. Wenig später berichteten die Washington Post und die New York Times, dass es in dieser Beschwerde um die Regierung Trump und deren Beziehung zur Ukraine ging. Schließlich gab der Präsident selbst zu, mit Selenskyj gesprochen zu haben, verweigerte aber weitere Informationen. Darin erkannte Nancy Pelosi eine schwerwiegende Verletzung seiner verfassungsrechtlich festgelegten Pflichten und leitete Ende September ein Amtsenthebungsverfahren ge‐ gen Trump ein. Daran änderte auch seine Ankündigung nichts mehr, ein Protokoll des Gesprächs mit Selenskyj zu veröffentlichen. Stattdessen wurde Trump nach Andrew Johnson und Bill Clinton der dritte Präsident in der amerikanischen Geschichte, der sich einem solchen Verfahren stellen musste. Aus dem Gesprächsprotokoll wurde deutlich, dass Trump Selenskyj tatsächlich um Gefallen gebeten hatte. Er erhoffte sich Unterstützung bei der Aufklärung der Frage, 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 485 <?page no="486"?> ob die russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf nicht eigentlich in der Ukraine ihren Ausgang genommen hatte. Zudem forderte er Nachforschungen zu den Bidens ein, insbesondere zu der Frage, ob Biden als Vizepräsident Einfluss auf ein Korruptionsverfahren gegen den Gaskonzern genommen hatte, für den sein Sohn gearbeitet hatte. Damit suggerierte er gegenüber Selenskyj ein möglicherweise korruptes Verhalten der Bidens. Als Dank für eine Kooperation stellte Trump dem ukrainischen Präsidenten einen Empfang im Weißen Haus in Aussicht. Was als Versuch der Selbstverteidigung durch Transparenz gedacht war, verfehlte seine Wirkung. Die Kritiker des Präsidenten im demokratischen Lager sahen sich durch das Protokoll in zwei Befürchtungen bestätigt: dass Trump etwas verheimlicht hatte und dass er auch im anstehenden Wahlkampf ausländische Hilfe nicht nur billigend in Kauf nehmen würde, sondern diese aktiv einforderte. Seine republikanischen Unterstützer hingegen sahen die Veröffentlichung als ungeschickten Schachzug, mit dem sich der Präsident unnötig in die Defensive manövriert hatte. Das Impeachment-Verfahren gab dem großen Unmut Ausdruck, den viele Demokra‐ ten gegen die Amtsführung des Präsidenten hegten. Gerade jüngere Abgeordnete wie die vier Angehörigen der „Squad“ hatten Pelosi schon im Verlauf der Russlandermitt‐ lungen dazu gedrängt, rechtliche Schritte gegen Trump einzuleiten. Dies hatte die Sprecherin bislang abgelehnt. Nun allerdings schien Pelosi die Beweislage für eine Amtspflichtverletzung so stichhaltig, dass sie ihre Fraktion in dieses Verfahren führte. Dabei konnte sie laut Umfragen auf die Unterstützung der Hälfte der Amerikaner und Amerikanerinnen zählen. Die andere Hälfte stand diesem Verfahren kritisch gegenüber. Darin spiegelte sich die anhaltende Spaltung der Bevölkerung entlang po‐ litischer Linien wider. Im Verlauf der Ermittlungen des Geheimdienstausschusses, die republikanische Abgeordnete ähnlich wie bei den Mueller-Ermittlungen als Schikane ablehnten, setzte sich ein Bild der Aktivitäten von Trumps Regierungsmitarbeitern und Privatangestellten in der Ukraine zusammen. Dazu trugen auch die Aussagen von Zeugen aus verschiedenen Ministerien und Behörden bei, zu denen auch die ehemalige amerikanische Botschafterin in der Ukraine Marie Yovanovitch gehörte, die Trump wenige Monate zuvor abberufen hatte, weil ihre Amtsführung seine Interessen konter‐ karierte. Deutlich wurde auch, dass Rudy Giuliani abseits der offiziellen Außenpolitik versucht hatte, Beziehungen zu verschiedenen ukrainischen Akteuren anzubahnen und eine Kampagne gegen die Bidens zu organisieren. Sieben Wochen nach Eröffnung des Verfahrens schlossen die Ausschüsse ihre Er‐ mittlungsarbeit ab und legten dem Repräsentantenhaus die Anklagepunkte gegen den Präsidenten vor. Ihm wurden Machtmissbrauch (abuse of power) und Behinderung des Kongresses (obstruction of Congress) vorgeworfen. Demokratische und republikanische Abgeordnete hatten sich im Verlauf des Verfahrens einen harten Schlagabtausch ge‐ liefert und das Verhalten des Präsidenten, das auch einige Republikaner kritisch sahen, juristisch unterschiedlich beurteilt. Beide Anklagepunkte fanden die Unterstützung der demokratischen Mehrheit. Die republikanische Minderheitsfraktion stimmte hingegen geschlossen dagegen. Auch der Senat leitete daraufhin im Januar ein Ermittlungsver‐ Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 486 <?page no="487"?> fahren ein. Schon Anfang Februar kam es auch dort zu einer Abstimmung, bei der die Senatoren und Senatorinnen Trump entlang der Parteilinien in beiden Anklagepunkten freisprachen. Die USA und die Welt Mit dem Antritt der Regierung Trump veränderte sich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Während Obama auf Multilateralismus und die Zusammenarbeit mit Amerikas Partnern in Bündnissen und internationalen Organisationen gesetzt hatte, schlug der neue Präsident einen anderen Weg ein. Schon im Wahlkampf hatte er eine Kehrtwende in der Gestaltung der internationalen Beziehungen seines Landes angekündigt, die sich auf dessen Kerninteressen konzentrieren würde und durch isolationistische außenpolitische Traditionen inspiriert war. Ausdruck fand dieser Ansatz in dem Slogan „America First“, der in Handelsfragen, in der Einwanderungspolitik und der Beteiligung an internationalen Militäreinsätzen zur Anwendung kommen sollte. Zu lange, so Trump in seiner Rede zur Amtseinführung am 20. Januar 2017, habe nur die Wirtschaft im Ausland statt der heimischen profitiert, seien die Armeen anderer Länder von den USA subventioniert worden, habe das Land seine Grenzen nicht ausreichend geschützt und Billionen Dollar im Ausland investiert, während zuhause die Infrastruk‐ tur zerfallen sei und Fabriken geschlossen hätten. Im Unterschied dazu versprach er: „Alle Entscheidungen zu Handel, Steuern, Einwanderung und Außenpolitik werden nur noch getroffen, damit amerikanische Arbeit und amerikanische Familien davon profitieren“. Zwar versprach er auch, dass sein Land anderen Nationen freundschaftlich und mit gutem Willen begegnen werde. Dies geschehe aber in der Annahme, dass jedes Land das Recht habe, seine eigenen Interessen allem anderen voranzustellen. Als Ausdruck dieses neuen Geistes in der Handelspolitik verkündete Trump drei Tage nach seinem Amtsantritt als erste Maßnahme den Rückzug der Vereinigten Staaten aus dem Trans-Pacific Partnership Agreement (TPP), einem Handelsabkommen mit elf Ländern im pazifischen Raum. Das Abkommen, dessen Ratifizierung noch ausstand, war von der Obama-Regierung ausgehandelt worden und sah einen Abbau von Zollschranken und anderen Handelsbarrieren vor. Stattdessen kündigte der Prä‐ sident an, zukünftig stärker auf bilaterale Handelsabkommen zu setzen. Diesem Ziel galt die Überarbeitung des North American Free Trade Agreement (NAFTA). Dieses Freihandelsabkommen bestand seit 1994 und ging auf Handelsgespräche der USA mit Mexiko zurück, denen sich Kanada anschloss. Damit war es strenggenommen kein binationales Abkommen, aber eines, das den Verkehr von Waren, Investitionen und Dienstleistungen mit den beiden wichtigsten amerikanischen Handelspartnern in der westlichen Hemisphäre regelte und Qualitätssicherungsstandards festsetzte. In ihren Verhandlungen über eine Aktualisierung des Abkommens ging es der Regierung Trump vor allem um die Automobilindustrie, die Stahl- und Aluminiumproduktion sowie die Märkte für Milch und Geflügelprodukte. Verhandlungsziel war es, die Interessen heimischer Produzenten zu schützen und den nordamerikanischen Markt 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 487 <?page no="488"?> vor allem gegen europäische und asiatische Konkurrenz abzuschotten. Nach fast anderthalbjährigem Tauziehen gelang den Verhandlungspartnern im Herbst 2018 der Durchbruch und das United States-Mexico-Canada Agreement, das auch als NAFTA 2.0 bezeichnet wird, wurde Ende November 2019 unterzeichnet. Für Autohersteller war die Konsequenz der neuen Freihandelsregel zum Beispiel, dass der Großteil eines Fahrzeugs in Nordamerika hergestellt worden sein musste, damit es zollfrei in die USA importiert werden konnte. Während die bisherigen Regeln vorsahen, dass 62,5 Prozent der Wertschöpfung eines Autos aus Nordamerika kommen mussten, so wurde dieser Wert auf 75 Prozent heraufgesetzt. Diese Maßnahme richtete sich neben japanischen und koreanischen auch gegen deutsche Autohersteller wie BMW, Daimler und Porsche, deren Wagen sich auf dem amerikanischen Markt gut verkauften. Da diese Firmen jedoch mit großen Produktionsstandorten in den USA vertreten sind und eine Wertschöpfung im nationalen Kontext stattfindet, blieben negative Auswirkungen zunächst weitgehend aus. Den neuen handelspolitischen Zielen galt auch die Verhängung von Einfuhrzöllen, die Trump im März 2018 bekannt gab, um Außenhandelsdefizite abzubauen, die sich in seinen Augen ungünstig auf die Entwicklung des amerikanischen Wirtschaftswachs‐ tums auswirkten. Ungeachtet kritischer Stimmen wie der Welthandelsorganisation (WHO), Handelspartnern in Europa und China, Vertretern der Opposition und seiner eigenen Partei, die von einem zu erwartenden Handelsstreit (trade war) abrieten und Verhandlungen anmahnten, erließ der Präsident am 1. März 2018 zunächst Zölle auf Stahlimporte (25 Prozent) und die Einfuhr von Aluminium (10 Prozent). Diese Güter machten 4,1 Prozent des amerikanischen Importvolumens aus. Im Gegenzug erließen die Europäische Union, Kanada und China Vergeltungszölle, von denen vor allem die amerikanische Landwirtschaft, insbesondere die Betriebe im Sojaanbau, betroffen waren. Aber auch kleine Wirtschaftszweige wie die Whiskeyproduktion und die Motorradindustrie nahm vor allem die Europäische Union mit Strafzöllen ins Visier. Daraufhin verteuerten sich amerikanische Whiskeyflaschen in europäischen Supermärkten, während Kultmarken wie der Motorrad-Hersteller Harley-Davison Teile ihrer Produktion nach Europa verlagerten, um für dortige Fans weiter erschwing‐ lich zu bleiben. Im Februar 2020 weitete die Regierung Trump die Einfuhrzölle auf Stahlprodukte noch einmal aus, sodass auch Stahlnägel, Heftklammern, Draht und Kabel davon betroffen waren. Im trade war mit China ging es um eine weit über Metallprodukte hinausgehende Liste von Gütern. Diesem Land warf die Regierung besonders unfaire Handelspraktiken vor, die im Jahr 2017 zu einem amerikanischen Handelsdefizit von 375 Milliarden US-Dollar geführt hatten. Zudem mahnte sie die Einhaltung von Regeln zum Schutz geistigen Eigentums an und monierte von China erzwungene Technologietransfers. Daher erließ sie ab Januar 2018 Einfuhrzölle auf Waschmaschinen, Solaranlagen sowie über 1100 weitere Produkte, die mit einem Strafzoll von 25 Prozent belegt wurden und ein Volumen von 50 Milliarden Dollar umfassten. Diese Zölle sollten vor allem Produkte der chinesischen Initiative „Made in China 2025“ treffen, so etwa Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 488 <?page no="489"?> den Flugzeugbau, den Roboter- und Maschinenbau, Autos sowie Informations- und Kommunikationstechnologien. Das chinesische Handelsministerium reagierte mit Ver‐ geltungszöllen, die amerikanische High-Tech-Güter ebenso betrafen wie Lebensmittelimporte. Neben diesen Maßnahmen setzten beide Länder jedoch zugleich auf Dialog, der im Januar 2020 zum Abschluss des US-China Phase One-Handelsabkommens führte. Darin sicherte China den USA ein höheres Importvolumen amerikanischer Güter und Dienstleistungen zu, den besseren Schutz geistigen Eigentums und den Verzicht auf Währungsmanipulationen. Im Gegenzug senkten die USA die Zölle auf einen Teil chinesischer Importe und setzten den Erlass weiterer Einfuhrsteuern bis auf Weiteres aus. Auch mit Blick auf internationale Bündnisse und Verträge setzte Trump seine „America First“-Politik um. Schon als Präsidentschaftskandidat hatte er wiederholt die NATO unter Beschuss genommen. Er warf einzelnen Mitgliedern, insbesondere Deutschland, vor, ihre Bündnisverpflichtungen nicht ernst zu nehmen und die Last der militärischen Verteidigung finanziell wie personell auf die USA abzuwälzen. Ins Amt gewählt setzte Trump diese Linie fort. Er nutzte seine erste Teilnahme an einem NATO-Gipfel im Mai 2017 für eine Standpauke an die Verbündeten. Darin forderte er eine Erhöhung nationaler Verteidigungshaushalte auf die festgelegten zwei Prozent der Wirtschaftsleistung ein und drohte andernfalls mit einem Ausstieg seines Landes aus dem Bündnis. Bei anderen Gelegenheiten wiederholte er seine Kritik. Deutschland verpflichtete sich daraufhin, seinen Verteidigungshaushalt zu erhöhen, auf zunächst 1,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts bis 2024. Die deutsche Politik war erleichtert, als Trump sich im Juli 2018 erstmals ausdrücklich zur NATO bekannte. Bereits im Jahr zuvor hatte der Präsident, der den Klimawandel in Frage stellte, den Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet, das 2016 unterzeichnet worden war. In seiner Rede im Juni 2017 gab er die negativen Auswir‐ kungen auf die US-Wirtschaft als Beweggrund an. Die freiwillige Selbstverpflichtung zur CO 2 -Reduktion träfe vor allem die Automobilindustrie und den Energiesektor hart. Zudem käme der multilaterale Green Climate Fund, aus dem Klimainitiativen finanziert werden, kaum den USA zugute. Daher schwebe ihm eine Neuaushandlung des Abkommens vor. Trumps Ankündigung des unilateralen Rückzugs der Vereinigten Staaten stieß bei den Vertragspartnern, zu denen fast alle Länder dieser Welt gehören, auf wenig positive Resonanz. Trumps Entscheidung vom Oktober 2017, einseitig das Nuklearabkommen mit dem Iran aufzukündigen, fand dagegen ein gemischtes Echo. Das Abkommen war 2013 nach über zehnjährigen Verhandlungen unter Mitwirkung der Obama-Regierung zustande gekommen und galt der Eindämmung des iranischen Atomprogramms, das auf den Bau von Atomwaffen abzielte. Es verpflichtete den Iran zur Reduzierung seiner Urananreicherung und lockerte im Gegenzug jahrzehntealte Wirtschaftssanktionen. Die Mehrheit der Republikaner im Kongress unterstützte den Präsidenten und befürwortete seinen Ruf nach neuen Sanktionen. Sie zweifelten an der Durchsetzbarkeit des Abkommens - sie warfen dem Iran eine Umgehung der Kontrollen durch die internationale Atomenergiebehörde vor - und standen für eine 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 489 <?page no="490"?> harte Gangart gegenüber dem Land, die auf eine Destabilisierung des Regimes abzielte. Vor allem die europäischen Vertragspartner aber warnten davor, den Dialog mit dem Iran abreißen zu lassen und zum Status quo ante zurückzukehren. Im Gegensatz zu den USA setzten sie die Gespräche mit dem Ziel fort, das Nuklearabkommen doch noch zu retten. Die Regierung befasste sich zudem mit anderen internationalen Konfliktherden. Ab Sommer 2017 richtete sich die Aufmerksamkeit des Präsidenten auf Nordkorea, das die Welt seit Monaten mit dem Test von Langstreckenraketen in Atem gehalten hatte. Internationale Beobachter befürchteten, dass das Land schon bald über Atomwaffen verfügen könnte. Trump entfachte zunächst eine verbale Auseinandersetzung mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un, die von gegenseitigen Bedrohungen ge‐ kennzeichnet war. Ermutigt durch den neuen Außenminister Mike Pompeo, entschloss er sich dann zu persönlichen Gesprächen mit Kim. Das erste Gipfeltreffen fand im Juni 2018 in Singapur statt. Es war das erste Treffen zwischen einem amtierenden amerikanischen Präsidenten und einem nordkoreanischen Staatsführer. Seit dem Korea-Krieg hatten die USA direkte Gespräche mit nordkoreanischen Machthabern abgelehnt. Mit seinem ungewöhnlichen Schritt hoffte Trump Bewegung in die seit Jahren festgefahrenen Gespräche über die Denuklearisierung Nordkoreas zu bringen. Kritiker hielten ihm vor, einem Machthaber Öffentlichkeit zu verschaffen, den die Weltgemeinschaft als unberechenbar erlebte. Der gemeinsamen Erklärung, Koopera‐ tion anstelle von Konfrontation betreiben zu wollen, folgte ein zweites Gipfeltreffen im Juni 2019 in Panmunjom an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea, bei dem Trump für einige Minuten nordkoreanisches Territorium betrat, was vor ihm kein Präsident getan hatte. Wenige Monate nach diesem Treffen sagte Nordkorea jedoch weitere Gespräche mit den USA ab und kehrte zu sporadischen Raketentests zurück. Aus dem Mittleren Osten haben die USA sich unterdessen weitgehend zurückgezo‐ gen. Die Regierung reduzierte die Präsenz des amerikanischen Militärs in Syrien auf wenige hundert Soldaten und Soldatinnen. Aufmerksamkeit erregte die Verlegung der amerikanischen Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem im Mai 2018, die mit einer Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels einherging. Diese sollte eine erste Maßnahme in einem Friedensplan für den Mittleren Osten sein, den Trump zu Beginn seiner Amtszeit ankündigte. Seine Vorgänger hatten diesen Schritt nicht in Betracht gezogen, da er großes Konfliktpotential barg. Auch die Palästinenser erhoben Anspruch auf Jerusalem als mögliche Hauptstadt eines künftigen Staates und protestierten gegen den Schritt der Vereinigten Staaten. Der Friedensplan, den die Regierung im Januar 2020 vorlegte, stieß auf ein geteiltes Echo. Er sah zwar grundsätzlich eine Zwei-Staaten-Lösung vor. Die Überlegungen zur territorialen Aufteilung der beiden Staaten, die Lage ihrer Hauptstädte - einem Palästinenserstaat wurde ein Stadtteil in Ost-Jerusalem zugewiesen - sowie der Umgang mit israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet fanden unterschiedlichen Anklang. Während die israelische Regierung positive Reaktionen kundtat, lehnte die palästinensische Führung den Plan grundlegend ab und beklagte eine Einseitigkeit der Vorschläge zugunsten Israels, Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 490 <?page no="491"?> die auch internationale Beobachter konstatierten. Eine Wiederaufnahme des Dialogs zwischen den Vertretern beider Staaten stand weiterhin aus. Der Präsidentschaftswahlkampf 2020 und die Coronakrise Im Frühjahr 2020 befanden sich die Vereinigten Staaten erneut im Wahlkampf. Auf republikanischer Seite trat Donald Trump zur Wiederwahl an. Mit dem Slogan „Keep America Great“ trat er für die Fortsetzung seiner Politik ein und setzte wiederum auf die Wahlkampfthemen Handel und Wirtschaft, Arbeitsplätze, Einwanderung und Abbau des Sozialstaats. Auf der Seite der Demokraten kristallisierte sich im April 2020 der vormalige Vizepräsident Joseph „Joe“ Biden als Präsidentschaftskandidat seiner Partei heraus. Dabei hatte es zunächst ein breites Feld von Kandidaten und Kandidatinnen unterschiedlicher gesellschaftlicher Hintergründe gegeben. Als einer der Ersten erklärte bereits im November 2017 Andrew Yang seine Kandidatur, ein Unternehmer aus der Technologiebranche mit taiwanesischen Wurzeln. Ein Jahr später trat Elisabeth Warren an, die linksliberale Senatorin aus Massachusetts, die bei den Wahlen von 2016 zugunsten von Hillary Clinton auf eine Kandidatur verzichtet hatte. Im Frühjahr 2019 erweiterte sich das Feld um einige Kandidatinnen, als die Senatorinnen Kirsten Gillibrand (New York), Kamala Harris (Kalifornien) und Amy Klobuchar (Minnesota) ihre Ambitionen auf das Präsidialamt verkündeten. Gillibrand und Harris galten als liberal, Klobuchar als Vertreterin des konservativen Flügels der Partei. Harris war zudem die erste afroamerikanische Bewerberin seit der Kandidatur von Shirley Chisholm im Jahr 1972. Aufsehen erregten auch die Kandidaturen von Beto O’Rourke, einem demokratischen Senkrechtstarter aus Texas, sowie von Pete Buttigieg, dem Bürgermeister der Kleinstadt South Bend in Indiana. Buttigieg war der Jüngste im Feld, brachte keine politische Erfahrung auf Landes- oder Bundesebene mit, gewann aber als Veteran der US Navy, gläubiger Christ und bekennender Homosexueller schnell Sympathien auch jenseits des demokratischen Lagers. Zudem stießen Julian Castro, der mexikanisch-stämmige ehemalige Minister für Wohnungsbau unter Obama, und Cory Booker, der afroamerikanische Senator aus New Jersey zur Gruppe der Bewerber und Bewerberinnen. Neben einer Reihe weiterer Kandidaten und Kandidatinnen erklärten schließlich auch diejenigen ihre Kandidaturen, auf die viele demokratische Wähler und Wählerinnen gewartet hatten. Das waren Bernie Sanders, der Senator aus Vermont, der mit seiner Agenda eines demokratischen Sozialismus im letzten Präsidentschafts‐ wahlkampf viele junge Wähler und Wählerinnen für sich hatte begeistern können, und Joe Biden, der ehemalige Senator aus Delaware und Vizepräsident Obamas, der dieses Erbe stark machte und sich als Kandidat der Mitte präsentierte. Insgesamt erklärten bis Mai 2019 über zwanzig Personen ihre Kandidatur. Der Wahlkampf unter diesen Bewerbern und Bewerberinnen verlief zunächst schleppend. Bei den ab Juni 2019 ausgestrahlten Fernsehdebatten zeichneten sich an‐ fangs keine Favoriten ab, was auch an der Größe des Feldes lag. Debattiert wurde über die Ausweitung des nationalen Krankenversicherungsprogramms Medicare auf alle 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 491 <?page no="492"?> Amerikaner, Fragen der Gleichberechtigung und Teilhabe jenseits gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Wirtschafts- und Bildungspolitik. Die Kandidaten und Kandidatinnen lagen dabei zwar inhaltlich zum Teil deutlich auseinander. Dennoch fiel es auch den etablierten Politikern wie Harris, Klobuchar, Biden, Warren oder Sanders schwer, Akzente zu setzen und nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen. Daher entschloss sich im November 2019 auch Michael Bloomberg, der ehemalige Bürgermeister von New York City, zu einer Kandidatur. Mit seiner verspäteten Bewerbung um das höchste Amt im Staat hoffte er, eine neue Dynamik in den Wahlkampf zu bringen. Dabei verfolgte er das erklärte Ziel, den Amtsinhaber unter allen Umständen abzulösen, wofür er auch sein riesiges Privatvermögen in die Waagschale warf. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Wahlkampf bereits zunehmend vom Thema Ukraine und dem Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten überschattet. Aus den Vorwahlen in Iowa ging Buttigieg als knapper Überraschungssieger hervor. Bis dahin hatte sich das Feld der demokratischen Kandidierenden bereits stark gelichtet. Bei den darauf‐ folgenden Wahlterminen lieferten sich Sanders und Biden ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dabei erzielte Biden am traditionell wichtigen Super Tuesday einen ersten Vorsprung, während enttäuschende Ergebnisse Warren und Bloomberg dazu veranlassten, sich aus dem Rennen zurückzuziehen. Biden konnte seinen Vorsprung an Delegierten schließlich soweit ausbauen, dass ein Aufholen für Sanders unmöglich wurde. Dieser verkündete deshalb Anfang April 2020 das Ende seiner Wahlkampagne. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch alle anderen Kandidaten und Kandidatinnen aus dem Ren‐ nen zurückgezogen. Damit wurde Biden zum inoffiziellen Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei. Allein seine offizielle Nominierung auf dem Parteitag der Demokraten im August 2020 stand noch aus. Biden vertrat den gemäßigten Flügel der Partei. Er machte sich für eine Fortführung des Obama-Erbes stark. Sein Wahlkampfthema war soziale Gerechtigkeit; dazu gehörte auch der gleichberechtigte Zugang aller Bevölkerungsgruppen zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Zudem trat er für Initiativen zur Bekämpfung des Klimawandels ein („Green New Deal“), eine Förderung des Mittelstands, die Erhöhung der Steuern für Topverdiener, die Verschärfung des Waffenrechts und eine Reform der Einwanderungsgesetze. Anfang Juni 2020 standen seine Chancen nicht schlecht. In Umfragen war er in einer Reihe von Bundesstaaten mit vielen Wechselwählern, die häufig wahlentscheidend waren, an Trump vorbeigezogen. Seit März 2020 wurde der Wahlkampf im öffentlichen Bewusstsein allerdings von ei‐ ner verheerenden Epidemie überlagert, die schnell zum beherrschenden Alltagsthema für Amerikaner und Amerikanerinnen wurde. Bei der Epidemie handelte es sich um den Ausbruch eines Virus, der sich schnell zur größten Krise des Landes seit der Großen Depression auswuchs. Im Dezember 2019 waren erste Fälle einer neuen viralen Lungenerkrankung in der Stadt Wuhan in China aufgetreten. Virologen gingen davon aus, dass sich die Erkrankten auf einem Markt für Wildtiere mit COVID-19 infiziert hatten, dessen Erreger (SARS-Cov-2) aus der Familie der Coronaviren stammte. Während chinesische Behörden zunächst versuchten, den Ausbruch der Krankheit Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 492 <?page no="493"?> zu verheimlichen, führte die schnelle Ausbreitung des hochansteckenden Erregers zu einer Explosion der Patientenzahlen. Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, dass sie mit dem chinesischen Neujahrfest Ende Januar 2020 zusammenfiel. Diesen Feiertag nutzten viele Chinesen und Chinesinnen für Familienbesuche und Reisen. Um eine mögliche Epidemie zu verhindern, reagierten die Behörden mit der Verhängung eines lockdown in Wuhan und der angrenzenden Provinz Hubei. Zur Eindämmung der globalen Ausbreitung des Virus kam diese Maßnahme allerdings zu spät. Vielmehr verbreitete sich der neue Erreger entlang der Routen des internationalen Personenrei‐ severkehrs. Erste Fälle traten in den Nachbarländern Chinas auf. Ende Januar erreichte das Virus auch Europa und die USA. Da zunächst wenige Labortests durchgeführt wurden, ließ sich nicht genau feststellen, ab wann wie viele Personen akut betroffen waren. Angesichts rasch ansteigender Infiziertenzahlen in immer weiteren Ländern aber wuchs bei der internationalen Gesundheitsbehörde WHO die Überzeugung, dass die Weltgemeinschaft es mit einer Pandemie zu tun hatte - der Ausbreitung einer Epidemie, die sich über mehrere Weltregionen erstreckte. Die Regierung Trump reagierte allerdings zunächst verhalten auf diese Entwicklung. Der Präsident verglich das Virus mit dem saisonal auftretenden Grippevirus und spielte seine Bedeutung für die Gesundheit der amerikanischen Bevölkerung herunter. Er erließ lediglich einen Einreisestopp für Reisende aus China. Auch als Ende Februar eine Pflegeeinrichtung in Kirkland bei Seattle als erstes lokales Epizentrum der Pandemie Schlagzeilen machte, weil Heimbewohner und Pflegepersonal reihenweise erkrankten und erste Todesfälle auftraten, hielt der Präsident an seiner abwartenden Haltung fest. Gleichzeitig wurden Stimmen lauter, die einen Richtungswechsel forderten. Sie mahnten die Entwicklung eines nationalen Corona-Reaktionsplans an, zu dem auch der Ausbau von Kapazitäten im Gesundheitswesen zählte. Dazu gehörten Mediziner, Pandemieexperten, aber auch Vertreter der Demokraten im Kongress ebenso wie Landes- und Kommunalpolitiker. Auch Anthony Fauci, der Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Disease, den Trump zu Beratungen heranzog, riet zum Handeln, da die Epidemie das Land sonst unvorbereitet treffen werde. Ab Mitte März kam es dann auch in den USA zu einer rapiden Beschleunigung des Infektionsgeschehens. Als weitere Epizentren entwickelten sich New York City, wo sich das Virus aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte rasant verbreitete, und New Orleans. Dort hatten viele Menschen Ende Februar Karneval (Mardi Gras) gefeiert und COVID-19 nach ihrer Rückkehr mit in ihre Heimatregionen im ganzen Land gebracht. Ähnliche Folgen hatten die kurzen Frühjahrssemesterferien im März, die viele Studierende wie üblich an den Stränden Floridas verbrachten. Weil sich auch dort das neue Corona-Virus unbemerkt ausgebreitet hatte, nahmen viele Urlauber eine Infektion mit nach Hause. Einzelne Institutionen, Städte und Bundesstaaten reagierten mit einer Schließung ihrer Einrichtungen. Bis Ende März hatten alle Schulen und Hochschulen auf digitalen Unterricht umgestellt, Museen und andere Kultureinrich‐ tungen ihre Pforten geschlossen und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes auf die Arbeit im home office umgestellt. Gouverneure, Bürgermeister und Bürgermeisterinnen 5 Donald Trump - Parteilichkeit und erneute Spaltung 493 <?page no="494"?> verhängten zudem weitreichende Kontaktverbote (stay-at-home orders) und verfügten die Schließung von Geschäften und Produktionsbetrieben. Social distancing wurde zur neuen Maxime der Alltagsgestaltung. Ähnlich wie in Europa kam das öffentliche Leben daraufhin weitgehend zum Erliegen. Zugleich schnellten anders als zum Beispiel in Deutschland die Arbeitslosenzahlen in die Höhe (von historisch niedrigen 3,5 Prozent Anfang Februar auf knapp 14,7 Prozent Anfang Mai), weil es zu Massenentlassungen kam, die nicht durch Kurzarbeit aufgefangen wurden. Zwar legte der Kongress Konjunktur- und Hilfsprogramme auf. Dennoch zeichnete sich ab, dass das Land vor einer massiven Rezession stand. Gleichzeitig blieben Engpässe im Gesundheitswesen bestehen. Es gab weder ausreichend Kapazitäten, um Menschen auf eine mögliche Infektion zu testen, noch Plätze in der Intensivversorgung der Krankenhäuser, um Erkrankte bei einem schweren Verlauf von COVID-19 zu versorgen. Dies lag auch daran, dass Trump sich einer nationalen Strategie bei der Bekämpfung der Epidemie verweigerte. Zwar richtete er eine Corona Virus Task Force ein, an deren Spitze er die Bürger und Bürgerinnen fast täglich aus dem Weißen Haus informierte. Dabei kam es aber wiederholt zu Verwirrung, weil der Präsident den wissenschaftlichen Mit‐ gliedern des Arbeitsstabs widersprach und fragwürdige Ratschläge zur Bekämpfung des Virus gab. Häufig nutzte er die Veranstaltung auch zu Auseinandersetzungen mit Journalisten und Journalistinnen, denen er Falschmeldungen vorwarf, wenn sie nicht positiv über ihn und die Bemühungen seiner Regierung berichteten. Bis Mai 2020 waren die Zahlen der Infizierten bis auf 1,5 Millionen gestiegen. Über 80.000 Amerikaner und Amerikanerinnen waren am Virus gestorben. Darunter waren viele Afroamerikaner und Latinos. Sie gehörten häufig ärmeren Bevölkerungsschichten an, waren aufgrund ihrer ökonomischen Situation seltener krankenversichert und litten häufiger an Vorerkrankungen. Bilder aus New York City, wo die Krankenhäuser völlig überlastest waren und Tote in Kühlwagen vor den Gebäuden gelagert werden mussten, schockierten die Nation und eine internationale Öffentlichkeit. Viele Menschen fragten sich, wie es weitergehen sollte mit der Nation, die zu den reichsten Industrieländern der Welt zählte, ihren Bürgern und Bürgerinnen aber jenseits privater Initiativen eine strukturierte Antwort auf die größte Gesundheitskatastrophe des letzten Jahrhunderts schuldig blieb. 6 Gesellschaftliche Trends Demographie, Ethnizität, Migration Die Einwohnerzahl der USA, die 1960 knapp 180 Millionen und 1980 etwa 226 Millionen betragen hatte, stieg im Jahr 2020 auf über 330 Millionen. Bemerkenswert waren aller‐ dings weniger diese absoluten Zahlen als die Veränderung der Altersstruktur sowie der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung. Einerseits wurde die amerikanische Gesellschaft vor allem wegen der steigenden Lebenserwartung ingesamt „älter“, was erhebliche Auswirkungen insbesondere auf die Kosten des Gesundheitswesens und der Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 494 <?page no="495"?> Sozialrenten hat. Waren 1950 nur 8,1 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner über 65 Jahre alt, so lag ihr Anteil 2020 bei etwa 16 Prozent. In der gleichen Zeit stieg das Durchschnittsalter von 30,2 auf mehr als 38 Jahre an. Den Zenit der Lebenserwartung mit knapp 78,9 Jahren hatten Amerikanerinnen und Amerikaner im Jahr 2014 erreicht. Seither sind die Zahlen wegen der Opioid-Epidemie rückläufig oder stagnierend. In Deutschland lag die durchschnittliche Lebenserwartung 2020 etwa bei 82 Jahren. Während die demographischen Tendenzen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun‐ derts in allen Industrieländern einem einheitlichen Muster folgten, das sich durch ein Absinken der Geburtenraten und eine zunehmende Überalterung der Gesellschaft auszeichnete, schlugen die USA in den 1980er Jahren einen Sonderweg ein. So lebten im Jahr 1950 noch etwa doppelt so viele Menschen in Westeuropa (304 Millionen) wie in den USA (152 Millionen). Während des Babybooms stiegen die Bevölkerungszahlen auf beiden Seiten des Atlantiks zunächst rasch, dann langsamer an. Doch nahm die Entwicklung in den USA insbesondere in den 1980er Jahren einen anderen Kurs als in Europa. So war die Geburtenrate in der Alten Welt ab etwa 1980 sukzessive zurückgegangen und hatte im Jahr 2005 bei knapp 1,5 Kindern pro Frau gelegen; im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Geburten in den USA an und erreichte 2009 eine Rate von etwa 2,1. Zwischen 2009 und 2019 ist sie zwar auf etwa 1,8 zurückgegangen, liegt damit aber immer noch über der Rate der Europäischen Union (knapp 1,6). In den letzten Jahren hat sich die Gesamtzahl der US-Amerikaner stetig an die der Europäer angenähert. Heute gehen fast alle Prognosen davon aus, dass die Bevölkerungszahl der erweiterten Europäischen Union bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts unter 400 Millionen sinken und damit von den USA überrundet werden wird. Zum Teil waren die Prognosen für Amerika auf die verbesserten Zählungen des US Census Bureau und die hohe Geburtenrate bei Einwanderern zurückzuführen. Ein Bevölkerungszuwachs war in den letzten Jahren jedoch besonders bei den Hispanics zu verzeichnen. Auch die starke Betonung der „family values“, das hohe soziale Vertrauen und die ausgeprägte Religiosität der Amerikaner - insbesondere im Mittleren Westen und im Süden des Landes - dürften einen Anteil an dieser Entwicklung tragen. Mit der Lockerung und Umstrukturierung der Einwanderungsbestimmungen Mitte der 1960er Jahre nahm über Jahrzehnte hinweg auch die Bedeutung der Immigration für die allgemeine demographische Entwicklung wieder zu. Während von 1961 bis 1970 ca. 3,3 Millionen Menschen offiziell in die USA eingewandert waren, steuerte die Immigration in den 1980er Jahren bereits über 7 Millionen, in den 1990ern mehr als 9 Millionen und von 2000 bis 2010 die Rekordzahl von 14 Millionen zum Bevölkerungswachstum bei. Die Zahl der illegal Eingewanderten hatte im Jahr 2007 mit 12,2 Millionen einen Höhepunkt erreicht; zehn Jahre später lag sie bei 10,5 Milli‐ onen bzw. 3,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Der weitaus größte Prozentsatz der einwandernden Bevölkerung - 77 Prozent im Jahr 2017 - hält sich legal in den USA auf, mit dauerhaftem Wohnsitz oder als Eingebürgerte (naturalized citizens). Mehr als 58 Prozent aller Immigrantinnen und Immigranten kamen 2019 aus nur fünf Ländern: Mexiko, Kanada, dem Vereinigten Königreich, Japan und China. Mit dem Refugee 6 Gesellschaftliche Trends 495 <?page no="496"?> Act von 1980 wurde ein spezielles Asylrecht geschaffen, das dem Präsidenten in Absprache mit dem Kongress erlaubt, aus „humanitären Gründen“ Flüchtlinge über die Einwanderungs-Obergrenzen hinaus zuzulassen. Die Zahl dieser Asylanten schwankte anfangs zwischen 30.000 und 200.000 im Jahr; erst während der Präsidentschaft von Donald Trump wurde die Obergrenze von 200.000 auf 18.000, und damit auf ein historisches Tief, abgesenkt. Die Forschung hat gelegentlich von einer „dritten Welle“ der Masseneinwanderung (nach den 1840 / 50er Jahren und der Periode von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg) gesprochen, die Mitte der 1960er Jahre begann und bis zum Ende der Präsidentschaft von Obama anhielt. Die Zahl der Amerikanerinnen und Amerikaner, die im Ausland geboren sind, wurde für 2000 mit 31,1 Millionen angegeben und erreichte 2017 deutlich mehr als 44 Millionen. Die Zahlen sind noch immer ein Stück von der Höchstmarke des Jahres 1910 (14,7 Prozent) bzw. 1890 (14,8 Prozent) entfernt. In absoluten Zahlen haben die USA zwar die höchste Zahl von foreign borns. Prozentual liegen sie allerdings im internationalen Vergleich zum Teil weit hinter 25 Ländern zurück, darunter den Vereinigten Arabischen Emiraten (88 Prozent), Kuwait (76 Prozent), aber auch Australien, Neuseeland, Kanada und vielen europäischen Ländern wie die Schweiz (30 Prozent) und Schweden (18 Prozent). Abb. 27: Die Einwanderung in die USA im weltweiten Vergleich nach Jahrzehnten (1820 - 2000) Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 496 <?page no="497"?> Abb. 28: Die Einwanderung in die USA nach Weltregionen (1950 - 2019) Abb. 29: Ethnische Zusammensetzung der amerikanischen Bevölkerung (2010) 6 Gesellschaftliche Trends 497 <?page no="498"?> Die Hauptbedeutung der „dritten Welle“ der Masseneinwanderung liegt darin, dass sie die ethnische und religiöse Vielfalt der Vereinigten Staaten spürbar erhöhte. Ausgelöst worden war die Welle durch die bewusste Entscheidung des Kongresses, das diskriminierende Quotensystem, das bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gegolten hatte, durch „hemisphärische“ oder weltweite Obergrenzen der Zuwanderung zu ersetzen, innerhalb derer jedem Land gleiche Konditionen eingeräumt wurden. In der Praxis schlugen aber politische und wirtschaftliche Einflüsse stärker zu Buche als diese wohlgemeinten bürokratischen Richtlinien. So setzte nach dem Ende des Vi‐ etnamkrieges Mitte der 1970er Jahre ein großer Exodus aus den Staaten des ehemaligen Indochina ein, zu dessen Bewältigung sich die USA moralisch verpflichtet fühlten. Allein 1978 wurden 90.000 Vietnamesen aufgenommen, 1982 / 83 fast 55.000 Laoten und Kambodschaner. Im Gegensatz zu früheren Einwanderungswellen stieg die Zahl der Einwanderer seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert in Metropolen wie New York oder Los Angeles nicht mehr. Stattdessen haben Bundesstaaten wie North Carolina in den 1990er Jahren einen Zuwachs um das Zehnfache erfahren. In der westlichen Hemisphäre führte die schlechte Wirtschaftslage, mit der viele Länder Zentral- und Mittelamerikas und der Karibik während der 1980er Jahre zu kämpfen hatten, und die wirtschaftliche Kluft zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden zu steigender Einwanderung in die USA. Die Konsequenzen dieser Entwicklung wurden mit Begriffen wie „ethnischer Pluralismus“, „Multikulturalismus“, in antiliberalen Publikationen auch mit negativ besetzten Schlagwörtern wie „the browning of America“ oder gar „thirdworldization“ beschrieben. Waren im Zeitraum 1951-1960 noch 53,4 Prozent der USA-Einwanderer Europäer, so sank der kombinierte Anteil von Einwanderern aus Europa und Kanada im Jahr 2013 auf 13 Prozent. Dafür kamen im gleichen Jahr 27 Prozent aller Immigrantinnen und Immigranten aus Süd- und Ostasien, 25 Prozent aus Mexiko, 15 Prozent aus Zentral- und Südamerika, 10 Prozent aus der Karibik und jeweils 4 Prozent aus dem Nahen Osten und Subsahara-Af‐ rika. Bereits der Zensus von 2010 war ein Beleg für die steigende ethnische Pluralität in den USA. 14,7 Prozent bezeichneten sich 2010 als Asiatinnen und Asiaten, 13 Prozent als Afroamerikaner. Neben dem District of Columbia verfügen insgesamt fünf Bundesstaaten - Hawaii (das nie eine weiße Mehrheit hatte), Neumexiko, Kalifornien, Texas und Nevada - über eine majority-minority Bevölkerung: In diesen Staaten war der Anteil der weißen Bevölkerung geringer als der der Minderheiten. Für die 2040er Jahre ist fest damit zu rechnen, dass die weiße Bevölkerung in den USA nicht mehr die Mehrheit stellen wird. Der Anteil von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern an der Bevölkerung hat sich seit 1950 langsam erhöht. Die afroamerikanische Mittelschicht ist insgesamt breiter geworden. Schon bevor Barack Obama 2008 zum ersten afroamerikanischen Präsidenten gewählt worden war, hatte ihr politischer und kultureller Einfluss zuge‐ nommen. Mit Colin Powell und Condoleezza Rice war die Position des US-Außenmi‐ nisters unter George W. Bush gleich zweimal hintereinander mit Afroamerikanern besetzt. In den Medien und in der künstlerischen Produktion waren zu Anfang des Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 498 <?page no="499"?> 21. Jahrhunderts zahlreiche afroamerikanische Musiker und Musikerinnen präsent. R&B und Rap waren die populärsten und zugleich kontroversesten Genres afroameri‐ kanischer Musik. Protagonisten wie Jay-Z, Missy Elliot, 50 Cent, Mary J. Blige, Beyoncé und Usher fanden - über Rassen- und Klassengrenzen hinweg - eine breite Fangemeinde in der jüngeren Generation. Mode und Musik des Hip-Hop wurden bald zu einem Phänomen von Kultur und Lebensstil jenseits der Szene. Hollywood konnte sich 2002 dazu durchringen, die hervorragenden Leistungen afroamerikanischer Schauspie‐ lerinnen zu würdigen: die Academy Awards für die beste Hauptrolle gingen in diesem Jahr an Halle Berry und Denzel Washington. Seither wurden mehrere herausragende Schauspielerinnen und Schauspieler - unter ihnen Sidney Poitier, Whoopi Goldberg, Morgan Freeman, Octavia Spencer, Mahershala Ali und Viola Davis - mit dem Oscar ausgezeichnet. 2015 wurde allerdings durch den #OscarsSoWhite auf Twitter deutlich, dass Diversität noch lange nicht in der Academy verankert ist. Auch 2020, nach einer Strategieanpassung in den Vorjahren, waren die Nominierten überwiegend weiß und männlich. Oprah Winfrey war bis 2011, als ihre Show abgesetzt wurde, der beliebteste Talk‐ show-Host der USA, außerdem die erste afroamerikanische Milliardärin. Durch ihren Buchclub, der die empfohlenen Titel jeweils mit einem Schlag in die Bestsellerlisten katapultiert, und durch ihre häufige Präsenz in den Medien galt Oprah auch 2020 noch als die bekannteste Protagonistin der US-Kultur- und Medienwelt. Weltweite Anerkennung hatte bereits 1994 die schwarze Schriftstellerin Toni Morrison erfahren, als sie für ihre Romane, die sich vornehmlich mit den historischen Erfahrungen der Sklaverei auseinandersetzen, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Unterrepräsentiert sind die Afroamerikaner allerdings, mehr noch als andere ethnische Minderheiten, an Colleges und Universitäten. Seit 2016 ist ihre Geschichte und Kultur auf der National Mall in Washington, D. C. vertreten: Das National Museum of African American History and Culture würdigt und dokumentiert die Errungenschaften und Beiträge der afroamerikanischen Bevölkerung zum Leben in den USA. Viele Schwarze sehen noch immer in einer sportlichen Karriere den besten oder einzigen Weg zu gesellschaftlichem Aufstieg, Wohlstand und Anerkennung. Sie bestimmen das Bild zahlreicher populärer Sportarten wie American Football, Basketball, Boxen und Leicht‐ athletik. Die afroamerikanische Unterschicht - 2020 leben noch knapp über 20 Prozent unter der Armutsgrenze - steht dagegen in einem prekären Loyalitätsverhältnis zum amerikanischen Staat und seinen Institutionen. Während drei Viertel aller weißen Kinder unter 18 Jahren in Familien mit beiden Elternteilen aufwachsen, waren es 2018 in schwarzen Familien kaum mehr als ein Drittel. Junge Männer werden angesichts schwieriger Lebensumstände häufiger straffällig, und ihr Anteil an der Häftlingsbevöl‐ kerung ist überproportional hoch, weil auch für Bagatelldelikte hohe Strafen verhängt werden. Kritiker wie die Rechtswissenschaftlerin Michelle Alexander sprechen in diesem Zusammenhang bereits von einer neuen Form der Rassentrennung („The New Jim Crow“). Zudem war die Wahrscheinlichkeit, von einem Polizisten erschossen zu werden, für Afroamerikaner erschütternd: Einer von Tausend afroamerikanischen 6 Gesellschaftliche Trends 499 <?page no="500"?> Jungen oder Männern musste 2019 rein statisch gesehen damit rechnen, von der Polizei erschossen zu werden. Abb. 30: Das Durchschnittseinkommen nach ethnischen Gruppen Relativ gesehen noch schneller als die schwarze Bevölkerung wuchs die heterogene Gruppe der Asian Americans von 3,7 Millionen 1980 auf über 20 Millionen im Jahr 2016, was etwa 16 Prozent der Bevölkerung der USA entspricht. Wegen ihrer Strebsamkeit und ihrer überdurchschnittlichen Erfolge an Schulen und Universitäten werden die Asiaten häufig als model minority bezeichnet und den anderen Gruppen als leuchtendes Beispiel vor Augen gestellt (was ihnen das Zusammenleben mit anderen Minderhei‐ ten nicht unbedingt erleichtert). Einen erstaunlichen Aufschwung verzeichnen auch die Native Americans, die der Zensusbericht von 2010 auf 5,2 Millionen beziffert (gegenüber 800.000 im Jahr 1970). Im Jahr 2020 lebt noch einer von sieben Native Americans in einem Reservat. Da die ethnische Zuordnung bei der Volkszählung durch self-identification erfolgt, geht man davon aus, dass wachsendes indianisches Selbstbewusstsein für die hohe Steigerungsrate mitverantwortlich ist. Am auffälligsten ist unterdessen die starke Präsenz der Hispanic Americans, denen 1970 9 Millionen, 2000 aber schon 35,3 Millionen und 2018 59,9 Millionen angehörten. Im Jahr 2020 waren etwa 32 Millionen Latinos wahlberechtigt. Etwa drei Viertel von ihnen kommen aus Kuba, Puerto Rico und Mexiko. Das Bruttosozialprodukt allein der lateinamerikanischen Bevölkerung betrug 2019 über 2,3 Billionen Dollar. Damit Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 500 <?page no="501"?> erreichten sie einen Wert, der nahezu dem von Spanien und Mexiko zusammengenom‐ men entspricht. Über 100 Millionen Hispanics soll es in den USA bis zum Jahr 2050 nach konservativen Schätzungen geben. Neben den Afroamerikanern gehören besonders die Hispanics auch Armutsmilieus an, in denen Drogen, Verbrechen und zerstörte Familienverhältnisse zum Alltag gehören. Die Kriminalitäts- und Mordrate lag bei den unter 25-jährigen Hispanics zu Anfang des 21. Jahrhunderts in etwa so hoch wie bei den Afroamerikanern - erwachsene männliche Hispanics wurden dreimal häufiger ermordet als Weiße. Dies ist ein Indiz dafür, dass die neuen Einwanderer nicht mehr den hergebrachten Integrationsweg beschreiten, der für die europäischen Einwanderer des 19. Jahrhunderts so typisch war. Für die jungen Immigrantinnen und Immigranten aus Mexiko oder anderen lateinamerikanischen Ländern ist die Assimilation in die Mittelschicht hinein meist nur eine ferne Hoffnung. Bereits im ausgehenden 20. Jahrhundert hatte die Zahl der asiatischen und hispanischen Einwanderer längst die der Europäer überschritten. Vor diesem Hintergrund hat die Historikerin Patricia Nelson Limerick für eine „Reorientierung“ der Einwande‐ rungshistoriographie plädiert: Nicht nur von der von Osten nach Westen erfolgten Entdeckung der USA durch Kolumbus und durch die Pilgerväter müsse die Rede sein, sondern auch von der Entdeckung Amerikas durch die aus dem Westen und Süden einwandernden Asiatinnen, Asiaten und Hispanics. Nimmt man die ethnische Zusammensetzung der amerikanischen Bevölkerung zum Ausgangspunkt, so spricht manches dafür, dass Asien und Nordamerika einerseits, Latein- und Nordamerika andererseits zunehmend enger zusammenwachsen, während die USA und Europa stärker auseinanderdriften. Bevölkerungsverschiebungen und Strukturwandel der Wirtschaft Parallel zur Zunahme der Minderheiten setzte sich die Verlagerung der Schwerpunkte des Bevölkerungswachstums vom Nordosten und dem Gebiet der Großen Seen in Richtung sun belt fort, der von den Staaten an der südlichen Atlantikküste (Virginia, North Carolina, South Carolina, Georgia) über Florida und Texas bis nach Kalifornien reicht. Diese Entwicklung wiederum stand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Strukturwandel in der amerikanischen Industrie, der dem gesamten Wirtschaftsgefüge neue Konturen verlieh. Das Aufkommen kostengünstig produzierender Konkurrenten zunächst in Europa und dann in Asien ließ „alte“, vornehmlich im Nordosten angesie‐ delte Branchen wie die Textil- und die Eisen- und Stahlindustrie schrumpfen und zwang die verbliebenen US-Unternehmen zu ständigen Rationalisierungen, Innovationen und Anpassungsleistungen. Große Konzerne diversifizierten ihre Produktion oder verlegten sie teilweise ins Ausland, wo „Multis“ wie IBM, Gillette, Mobil und Coca-Cola schon in den 1970er Jahren mehr als die Hälfte ihrer Profite machten. Da Regierung und Kongress den Verlockungen einer protektionistischen Politik weitgehend widerstanden, waren die amerikanischen Unternehmen gezwungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit unter dem Druck steigender Importe ständig zu verbessern. 6 Gesellschaftliche Trends 501 <?page no="502"?> Das gelang der Automobilindustrie bis um die Wende zum 21. Jahrhundert recht gut, wobei die Preisvorteile der Verbraucher häufig mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen bezahlt werden mussten. In den letzten Jahren kam es allerdings zur Stagnation bei den amerikanischen Automobilherstellern. Zunehmend sahen sie sich dazu genötigt, ihren Kunden günstige Kredite und hohe Rabatte einzuräumen, so dass die Profite deutlich zurückgingen. 2007 schrieb General Motors (GM) ein Minus von 38,7 Milliarden Dollar. 2008 reduzierte das Unternehmen seine Belegschaft um 47.000 auf 284.000 Arbeitneh‐ mer und gab seinen Rang als größter Automobilhersteller der Welt an Toyota ab. Im Jahr 2018 stand die Volkswagengruppe mit Produktionsziffern von knapp 10,9 Millionen Autos an erster Stelle, gefolgt von Toyota (10,6) und General Motors (8,38). Mit der weltweit zunehmenden Bedeutung der Elektromobilität hat der US-Konzern Tesla, der Elektroautos, Stromspeicher und Photovoltaikanlagen produziert und vertreibt, an Bedeutung gewonnen. Im Januar 2020 machte Tesla Schlagzeilen, als sein Aktienwert 100 Milliarden Dollar erreichte und damit trotz des geringen Umsatzes den deutschen Hersteller Volkswagen (99,4 Milliarden) knapp überholte. Durch das Festhalten an den Prinzipien des freien Welthandels, die in der Ära von Donald Trump allerdings infrage stehen, hatten sich seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert die Chancen für die Entstehung neuer Wachstumsbranchen wie der Computer- und Softwareindustrie, die in Kalifornien und Nord-Virginia ihre wich‐ tigsten Zentren hat, verbessert. Lange Zeit wurde diese Industrie mit dem Silicon Valley in Kalifornien identifiziert. Mitte der 1960er Jahre hatte die US Military Advanced Research Projects Agency (ARPA) ein Kommunikationsnetzwerk für die Regierung und für Forschungszwecke entwickelt; 1969 wurde das erste elektronische Computernetzwerk (ARPANET) an drei kalifornischen Universitäten (UCLA, UC Santa Barbara und Stanford) sowie an der University of Utah etabliert. 1971 waren 23 Computer miteinander verbunden, 1984 bereits annähernd 1000. Dieses System, das seit Ende der 1980er Jahre als „Internet“ bezeichnet wurde, erlaubte anfangs nur die Arbeit mit Texten, nach der Etablierung des World Wide Web (WWW) im Jahr 1990 auch die Transmission von Graphiken und Medien aller Art. Dann folgten die Entwicklungen Schlag auf Schlag. 1993 wurde das erste Programm zum Ansehen des WWW („Browser“) entwickelt, Mitte 2020 gab es weltweit über 3,5 Milliarden Internetbenutzer, in den USA allein über 295 Millionen. Zum Image Kaliforniens als eines Hightech-Staates trug auch die Vergabe großer Rüstungsaufträge an Unterneh‐ men der Luft- und Raumfahrtindustrie bei, die sich dort bereits im Zweiten Weltkrieg niedergelassen hatten. Innovationsfreude und Zukunftsorientierung blieben aber nicht auf den pazifischen Westen beschränkt, sondern erfassten viele Staaten des sun belt, die in- und ausländische Investoren unter Hinweis auf niedrige Steuern, ein mäßiges Lohnniveau und günstige Bodenpreise anlockten. Der Rest des Landes, insbesondere der agrarische Mittlere Westen und der manufacturing belt im Nordosten, der zum rust belt zu verkommen drohte, hatte dagegen große Mühe, Anschluss zu halten. Überlagert wurde der industrielle Modernisierungsprozess durch einen generellen Trend zur Dienstleistungsgesellschaft, der für hoch entwickelte Staaten typisch ist, den die USA Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 502 <?page no="503"?> jedoch in vieler Hinsicht vorwegnahmen. Während allein in den 1970er Jahren wegen Produktionsverlagerungen ins Ausland oder Umstrukturierungen zwischen 30 und 40 Millionen Arbeitsplätze in der Industrie verloren gingen, schritt die Expansion des Dienstleistungssektors voran: Anfang 2020 beschäftigte er etwa 80 Prozent aller berufs‐ tätigen Amerikanerinnen und Amerikaner. Die Lasten der „Deindustrialisierung“ trug vor allem die Arbeiterschaft des Nordostens und Mittleren Westens in Form von Jobver‐ lusten, sinkenden Reallöhnen und reduziertem Einfluss der Gewerkschaftsbewegung. Die Bevölkerungsverschiebung hin zum „Sonnengürtel“ ist an den Einwohnerzahlen der Metropolen abzulesen: Im Unterschied zu den metropolitan areas des Nordostens und Mittleren Westens, die nur geringe Zuwächse aufweisen (New York, Boston, Philadelphia, Chicago, Detroit), gab es im sun belt merkliche Zuwächse, am stärksten in Nevada, wo die Bevölkerung zwischen 2000 und 2010 um 35,1 Prozent anstieg, und in Arizona, wo sie um 24,6 Prozent nach oben kletterte. Der Großraum Phoenix, Arizona, der oft als Metro Phoenix oder Valley of the Sun bezeichnet wird, wuchs zwischen 1990 und 2010 von 2,2 auf etwa 4,2 Millionen Einwohner. Besonders deutlich fiel der Bevölkerungsanstieg auch für Dallas-Fort Worth in Texas sowie für Riverside in Kalifornien aus. Im sun belt liegen dementsprechend auch die Bundesstaaten mit dem größten Bevölkerungszuwachs. Unter den großen Bundesstaaten konnten in den 2010er Jahren lediglich Texas und Florida einen deutlichen Bevölkerungszuwachs verzeichnen. Im Nordosten nahm die Bevölkerung dagegen stetig ab. Kalifornien, das 1950 nur 10,6 Millionen Einwohner hatte, stand im Jahr 2020 mit nahezu 40 Millionen an der Spitze der Bevölkerungsstatistik. Texas, dessen Bevölke‐ rung zwischen 1990 und 2020 von 16 auf 29 Millionen zunahm, und Florida, dessen Einwohnerzahl sich im selben Zeitraum von 2,8 auf ca. 21,6 Millionen mehr als versiebenfachte, folgen in der Rangliste. Der Boom im „Sonnengürtel“ blieb nicht ohne politische Folgen, da die Sitzverteilung im Repräsentantenhaus und die Zuweisung der Wahlmännerstimmen für die Präsidentschaftswahlen gemäß der Einwohnerzahl erfolgt. Historisch gesehen bedeutete diese Gewichtsverlagerung das Ende der jahr‐ zehntelangen Rückständigkeit und Vernachlässigung des Südens, auch wenn einige Südstaaten wie Louisiana und Mississippi, deren Bevölkerung deutlich abnimmt, immer noch zu den ärmsten der Union gehören. Die bessere Ausgewogenheit zwischen den Großregionen dürfte in Zukunft dem inneramerikanischen Wettbewerb und der unionsweiten Arbeitsteilung zugutekommen. Nach wie vor ziehen die Metropolen mit ihren Wolkenkratzerzentren, ihrem Ver‐ kehrsgewühl und ihren schier endlos ausufernden Vorstädten die Menschen geradezu magisch an. Die Verstädterung schreitet immer weiter fort. 2019 lebten ungefähr 84 Prozent aller Amerikaner in städtischen Siedlungsgebieten (gegenüber 64 Prozent im Jahr 1950). Die ethnische Vielfalt und die kulturelle Vitalität von New York, Los Angeles und San Francisco wirken in vieler Hinsicht wie die Vorwegnahme einer Weltgesellschaft. Gerade in den Metropolen zeigen sich aber auch die Schattenseiten der Urbanisierung recht deutlich, denn trotz aller Bemühungen um Stadterneuerung ist es nur in wenigen Städten gelungen, die Elendsquartiere an den Rändern der Zentren 6 Gesellschaftliche Trends 503 <?page no="504"?> zu sanieren. Ein Beispiel für die sukzessive Sanierung bietet Washington D. C.; von Georgetown im Westen bis zum Kapitolsberg im Osten wurden die innerstädtischen Stadtviertel seit den 1980er Jahren nach und nach aufgewertet. In fast allen US-Städten, in denen der historische Kern saniert wurde, kam es zur Gentrifizierung, das heißt zur Veränderung der Sozialstruktur und zur Vertreibung der alteingesessenen, häufig afroamerikanischen Bevölkerung. Slums und Ghettos halten nach wie vor einen großen Teil der amerikanischen Unterschicht, insbesondere gut ein Drittel der Afroamerikaner, in einem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenkonsum, Kriminalität und Gewalt gefangen. In den wohlhabenderen Vierteln wiederum leiden viele Menschen am Verlust der nachbarschaftlichen Wärme, an der Gleichförmigkeit und Sterilität der Konsumwelt und an der Isolierung und mangelnden Kommunikationsmöglichkeit des Einzelnen. Lange Autofahrten in den zersiedelten Großstädten und der Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln - eine Stadt wie Arlington, Texas, mit nahezu einer halben Million Einwohnern verfügt beispielsweise über keine einzige Bus- oder Bahnlinie - reduzieren darüber hinaus die Lebensqualität. Die Angst vor Verbrechen grassiert ebenfalls. Interessanterweise ist der Prozentsatz von Haushalten, die über Feuerwaffen verfügen, um die Wende zum 21. Jahrhundert leicht zurückgegangen. Zwischen 1959 und 1993 lag die Rate bei 47 Prozent; im Jahr 2010 besaßen insgesamt etwa 40 bis 45 Prozent aller US-Haushalte eine oder mehrere Schusswaffen. Anfang 2020 gab es in den USA knapp 400 Millionen im Privatbesitz. Kein anderes Land der Welt kommt auf eine ähnlich hohe Zahl. Während in Deutschland weniger als 20 Feuerwaffen auf 100 Personen kommen, sind es in den USA über 120. Nach einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2013 besaßen 60 Prozent der amerikanischen Waffenbesitzer ihre Waffe „zum Selbstschutz“. Die Waffenbesitzer sind (nach eigenen Angaben) überwiegend Mitglieder der Republikanischen Partei, Männer und weiß. Besonders niedrig ist der Waffenbesitz bei Hispanics und unter der weiblichen Bevölkerung. Die Mordrate in den USA liegt, nach Angaben der UN, um das Zwanzigfache höher als im Durchschnitt der Industrieländer (Mexiko mit seinem hohen Drogenhandel ausgenommen), das heißt, die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch den Schuss aus einer Feuerwaffe ums Leben zu kommen, ist 20 Mal höher als in anderen entwickelten Ländern. Im 21. Jahrhundert starben Jahr für Jahr etwa 30.000 Menschen durch Schusswaffen, weitaus mehr als bei Kriegen im Ausland. Neben den Einzelschießereien sind die USA vor allem das Land der Massaker. Unter den 25 weltweit tödlichsten Massenschießereien des letzten halben Jahrhunderts fanden 15 in den USA statt. Zwischen 1982 und 2012 gab es wenigstens 61 mass shootings in 30 Staaten der USA - von Massachusetts bis Hawaii. Nur etwa ein Fünftel der dabei verwendeten Waffen waren auf legalem Weg erworben worden. Massaker nehmen beständig zu: Tatsächlich ereigneten sich nicht weniger als 6 der 12 blutigsten Massenschießereien in den Jahren seit 2007. Nach Angaben des Gun Violence Archive lag ihre Zahl im Jahr 2019 bei 417. Laut Pew-Forschungszentrum wurden im Jahr 2017 14.542 Amerikanerinnen und Amerikaner von ihren Mitbürgern erschossen. Damit lag die Mordrate etwa doppelt so hoch wie in den europäischen Staaten und mehr als Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 504 <?page no="505"?> fünfmal höher als in der Bundesrepublik Deutschland. In seinen Untersuchungen kam der Sozialwissenschaftler Richard Florida zu dem überraschenden Forschungsergebnis, dass weder eine hohe Bevölkerungsdichte noch ein hoher Anteil an Einwanderern für die Anzahl von Schießereien ausschlaggebend ist. Stattdessen identifizierte er einen signifikanten statistischen Zusammenhang zwischen der Reglementierung von Waf‐ fenbesitz und der Anzahl von Tötungsdelikten: In den Bundesstaaten, in denen Gesetze zur Waffenkontrolle existieren, lag die Mordrate deutlich niedriger als in anderen Bundesstaaten. Seit 1990 führt das Meinungsforschungsinstitut Gallup Umfragen zur Verschärfung der Waffengesetze durch. Die Zahl derjenigen Amerikaner, die sich eine Verschärfung wünschen, war anfangs von 78 Prozent im Jahr 1990 auf 44 Prozent 2010 gesunken, ist aber zuletzt wieder gestiegen und betrug im Jahr 2019 64 Prozent. Die übermächtige Waffenlobby, insbesondere die National Rifle Association (NRA) pocht auf den zweiten Verfassungszusatz: „Das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, darf nicht beeinträchtigt werden“. Aber in Wirklichkeit verbirgt sich dahinter ein Waffenwahn, der Freiheit und Selbstjustiz miteinander verwechselt und der Angst vor Verbrechen mit der Glorifizierung von Waffengewalt begegnet. Gegenüber Kapitalverbrechen setzt die Gesellschaft wieder mehrheitlich auf die abschreckende Wirkung der Todesstrafe, die in den 1960er Jahren im Zuge der liberalen Reformen von den meisten Bundesstaaten abgeschafft worden war. Zufälle, Geständnisse der eigentlichen Täter und neue Beweise wie DNS-Proben belegten jedoch die Unschuld vieler Insassen von Todeszellen. Einer unabhängigen Studie zufolge war zwischen 1973 und 2019 in 8734 Fällen in erster Instanz die Todesstrafe verhängt worden, aber in 2370 der Fälle musste das Urteil auf Grund fehlerhafter Beweisaufnahme revidiert werden. Erfundene Zeugenaussagen, erzwungene Geständ‐ nisse, Beweisunterschlagung und korrupte und rassistische Polizisten werden für die Missstände verantwortlich gemacht. Schon vor dem 11. September 2001 hatte sich die wirtschaftliche Lage in den USA gegenüber dem Boom der 1990er Jahre sukzessive verschlechtert. Eine Rezession setzte Anfang 2001 ein, aber erst die Terrorattacken vom September, die sich anschließenden Wirtschaftsskandale und die schwere ökonomische Krise ab 2007 erschütterten das zuvor fast ungebrochene Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft. In den folgen‐ den drei Jahren wurden laut Handelministerium über eine Million Stellen allein im Tourismusbereich abgebaut. In den letzten Jahren brach der Schuldenstand der amerikanischen Privathaushalte alle Rekorde. Zwischen 2000 und 2020 haben sich die Schulden der privaten Haushalte, die nicht im Finanzbereich entstanden (non financial debt), in etwa vervierfacht. Heute liegen sie bei insgesamt 27 Billionen Dollar, während die Schulden der öffentlichen Hand 19 Billionen erreichen. Die Folgen des Aktienhöhenflugs der 1990er Jahre und die Schattenseiten des Kapitalismus brachte der völlig unerwartete Kollaps von Enron, dem siebtgrößten Konzern der USA, ans Tageslicht. Enron war Mitte der 80er Jahre aus dem Zusammen‐ schluss von zwei Pipeline-Firmen entstanden. Innerhalb von kurzer Zeit hatte sich der Konzern zu einem Handelsunternehmen mit einer großen internationalen Abteilung 6 Gesellschaftliche Trends 505 <?page no="506"?> gewandelt. Um die Verluste zu kaschieren, gründete Enron Tochterfirmen und fälschte die eigenen Bilanzen. Doch Ende 2001 brach das Unternehmen unter seiner eigenen Struktur zusammen und vernichtete dabei die Aktiengewinne von Zehntausenden von Investoren. Im Laufe des Jahres 2002 zeigte sich, dass die Bilanzfälschungen bei Enron kein Einzelfall waren und weite Kreise zogen. Mit Arthur Andersen kam sogar ein Wirtschaftsprüfungskonzern ins öffentliche Visier und vor Gericht. Andersen - die Firma wurde 2005 freigesprochen, da keine Schuld nachgewiesen werden konnte - hatte Enrons Schwindel mit Gefälligkeitsgutachten gedeckt und die Akten anschlie‐ ßend vernichtet. Im Juni meldete der Telekommunikationskonzern WorldCom Bankrott an. Mehr als 7 Milliarden Dollar waren nicht korrekt verbucht worden. Während die Kleinaktionäre meist alles verloren, nutzten die Manager nicht selten ihr Insiderwissen, um unerhörte Gewinne einzustreichen. Auch die Finanzfirmen der Wall Street kamen unter Beschuss. Merrill Lynch wurde wegen der gezielten Verbreitung von Fehlinformationen von der New Yorker Staatsanwaltschaft zu 100 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Das Wirtschaftsmagazin Fortune sprach von einem „verrotteten Wirtschaftssystem“, und Business Week rief die „größte Krise des Kapitalismus“ seit 100 Jahren aus. Selbst Symbolfiguren der amerikanischen Wirtschaft wie Jack Welsh von General Electric und Louis Gerstner von IBM verloren mit einem Schlag an Ansehen. Für kurze Zeit erklärte eine große Mehrheit der Amerikaner, dass sie weder Brokern noch Unternehmern wirkliches Vertrauen schenkten. Hatten 1954 noch 46 Prozent der amerikanischen Bevölkerung die Gewerkschaften (big labor) für die größte Gefährdung für die Wirt‐ schaft gehalten, so waren es in der Folge der Wirtschaftskrise nur etwa 10 Prozent. Die Occupy Wall Street-Bewegung im Jahr 2011, eine der größten Demonstrationen der US-amerikanischen Geschichte, machte sich zum Ziel, Spekulationsgeschäfte von Banken einzudämmen und den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik zu reduzieren. Obwohl sich so bedeutende Politiker und Wirtschaftsleute wie der amtierende New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi und der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz der Bewegung anschlossen, blieb ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung allerdings begrenzt. Interessanterweise stellt die Abneigung der amerikanischen Bevölkerung gegenüber dem vermeintlich viel zu großen Staatsapparat (big government) seit jeher die Kritik an den Gewerkschaften und an den großen Wirtschaftsunternehmen in den Schatten. Im Zuge der konservativen Bewegung und angesichts des zunehmenden Einflusses der Tea Party, die die staatlichen Sozialprogramme sowie die Rettungsprogramme für Banken und Industrie immer schärfer ins Visier nahmen, wurde auch die Kritik am „starken Staat“ zunehmend lauter. Anfang 2012 erklärten 64 Prozent der amerika‐ nischen Bevölkerung, der große Staatsapparat stelle die größte Bedrohung für die USA dar. Damit wurde der historische Rekord aus dem Jahr 1999 / 2000 um ein Haar eingestellt. Unter den republikanischen Wählern sahen 2013 deutlich mehr als 80 Prozent im Staatsapparat die größte Bedrohung. Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 506 <?page no="507"?> Trotz der Wirtschaftskrise und trotz des steigenden Haushaltsdefizits - im Haus‐ haltsjahr 2019 betrug es 980 Milliarden Dollar - sind die USA in vieler Hinsicht die bedeutendste Wirtschaftsmacht der Welt. Sie profitieren wie kein anderes Land von ausländischen Kapitalgebern. Das „exorbitante Privileg“, wie Valéry Giscard d’Es‐ taing die Dollar-Leitwährung einst genannt hat, verschafft den USA außerordentlich günstige Konditionen bei der Kreditaufnahme, auch wenn sich der Euro zunehmend als Alternative „auf Augenhöhe“ etabliert hat. Ihren vergleichsweise hohen Lebens‐ standard haben die Amerikaner ironischerweise nicht zuletzt den Währungsreserven zahlreicher Entwicklungs- und Schwellenländer zu verdanken. Dass der auf einen flexiblen Arbeitsmarkt und kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtete amerika‐ nische „Aktionärskapitalismus„ (shareholder capitalism) dem europäischen Modell überlegen ist, erscheint heute fraglicher denn je. Die US-Amerikaner standen 2013, gemessen am Nationalvermögen, weiterhin an der Spitze aller Staaten; ihre kollektive Wirtschaftsleistung war enorm. In Bezug auf das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung sind die Amerikaner 2019 auf den 13. Tabellenplatz zurückgefallen. Eine Gefahrenquelle für die zukünftige Entwicklung stellt die soziale Deklassierung einer immer größeren Zahl der US-Bürger dar. Der Rückzug des Staates aus Wirtschaft und Sozialwesen beschleunigt die ungleiche Einkommens- und Besitzverteilung: Die Disparitäten zwischen den hohen und den niedrigen Einkommen nehmen in den USA beständig zu. Seit 1973 hat sich das Durchschnittseinkommen der 1 Prozent reichsten Amerikaner (inflationsbereinigt) mehr als verdoppelt, das der 0,1 Prozent reichsten sogar verdreifacht. Das Durchschnittseinkommen der Amerikaner lag 2018 bei etwa 62.000 Dollar. In dem Maße, in dem die Idee der Gleichheit (equality) im öffentlichen Diskurs an Bedeutung verlor und das Prinzip der progressiven Besteuerung die Oberschicht begünstigte, kam es zu einer Schwächung jener Mittelschicht, die im Zweiten Weltkrieg entstanden war und bis in die 1970er Jahre über ständig zunehm‐ enden Wohlstand verfügte. Am niedrigsten waren die Einkommen traditionell in den Südstaaten, wo Afroamerikaner einen verhältnismäßig hohen Bevölkerungsanteil stellen. Von 2000 nach 2001 mussten die Schwarzen zum ersten Mal seit 1991 eine nicht unerhebliche Absenkung des Durchschnittseinkommens hinnehmen. Im folgenden Jahrzehnt sank ihr Durchschnittseinkommen nach kurzer Erholung vor der Finanzkrise weiter. Erst seit 2011-2012 ist ein positiver Trend zu verzeichnen. Mit 40.258 Dollar lag das Durchschnittseinkommen der Afroamerikaner 2017 jedoch nach wie vor unter dem von 2000 bis 2001. Noch härter waren zunächst die Asiaten betroffen, bei denen die Einkommensverluste über 6 Prozent lagen, bevor sich dieser Trend zwischen 2002 und 2006 wieder umkehrte. 2006 betrug der Mittelwert ihrer Einkünfte ungefähr 78.000 Dollar und sank wiederum bis 2013. 2017 erreichte ihr Durchschnittseinkommen über 81.000 Dollar. Insgesamt verdienen Amerikaner mit asisatischen Wurzeln mit Abstand am besten; ihr Durchschnittseinkommen liegt kontinuierlich über dem Sammelwert aller anderen ethnischen Gruppen. Auch die hispanische Bevölkerung konnte das Durchschnittseinkommen ab 2003 wieder leicht steigern, wobei erst nach 2012 eine eindeutige Steigerung der Durchschnittseinkünfte ersichtlich ist. Nach eigenen An‐ 6 Gesellschaftliche Trends 507 <?page no="508"?> gaben hatte die hispanische Bevölkerungsgruppe 2017 sogar durchschnittlich mehr als 50.000 Dollar zur Verfügung. Nach wie vor liegt ihr Durchschnittseinkommen jedoch weit unter dem bevölkerungsgruppenübergreifenden Durchschnittswert von 61.372 Dollar im Jahr 2017. Besonders prekär stellt sich die Lage für die niedrigsten Einkommensgruppen dar. Die Armutsgrenze einer vierköpfigen Familie lag 2017 bei knapp 25.000 Dollar. Nach diesem Maßstab lebt derzeit mehr als einer von acht Amerikanern in Armut. Mehr als ein Fünftel der Schwarzen und mehr als ein Fünftel der Native Americans sind betroffen. Eine einzige amerikanische Familie, die Waltons, denen große Teile der (für ihre Billigjobs angeprangerten) Supermarktkette Wal-Mart gehören, besitzen so viel wie die ärmsten 30 Prozent der Amerikaner zusammenge‐ nommen. Dass das reale Einkommen der unteren Gruppen auch während der Boomjahre nicht stieg, ist unter anderem auf die Schwäche der Gewerkschaften zurückzuführen, in denen 2019 nur noch knapp über 10 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh‐ mer organisiert waren. Von daher wundert es wenig, dass die Zahl der Urlaubstage der amerikanischen Arbeiter nur halb so hoch ist wie im europäischen Durchschnitt und niedriger als in allen Industrieländern. Auch die Globalisierung hat die Rechte der Arbeiter eher eingeschränkt als erweitert. Im Gefolge des Nordamerikanischen Freihandels-Abkommens (NAFTA), das 1994 formell in Kraft trat, kam es zwar in Kanada, Mexiko und den USA zu einem beachtlichen Anstieg von Handel und Investitionen. Die Option, Produktionsstätten nach Mexiko verlegen zu können, senkte jedoch nicht nur das Realeinkommen der Mexikaner - allein zwischen 1994 und 2000 ging dieses um 11 Prozent zurück -, sondern drückte auch auf das Lohnniveau in den USA. Weltmacht im Wandel Zu Anfang des 21. Jahrhunderts hatte der Experte für Außenpolitik Michael Mandel‐ baum die Vereinigten Staaten von Amerika als „Hypermacht“ bezeichnet. Die militär‐ ischen Entwicklungen in der ganzen Welt werden von den USA permanent überwacht, von Land, von Schiffen und von Satelliten aus. Das Potenzial an außenpolitischer und militärstrategischer Sachkenntnis, das im amerikanischen Regierungsapparat, an den Spitzenuniversitäten und in den Think-Tanks privater Stiftungen versammelt ist, hat weltweit kein Pendant. Die globale Macht der USA findet ihren Ausdruck im 21. Jahrhundert in der globalen militärischen Präsenz der Amerikaner. Dabei sind Militär‐ kultur und Patriotismus, anders als in Europa, aufs Engste miteinander verknüpft. Alle großen Weltreiche - Rom, Byzanz, das Osmanische Reich und das Britische Imperium - verfügten über ein ausgedehntes Netzwerk von Militärstützpunkten, aber keines umspannte den Globus in annähernd vergleichbarem Maß. Amerikanische Soldaten sind in mehr als 150 Ländern stationiert. Das Verteidigungsbudget der USA war im Jahr 2019 mit über 716 Milliarden Dollar (gefolgt von China als Nummer 2 Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 508 <?page no="509"?> mit knapp 180 Milliarden Dollar) noch immer so hoch wie das der sieben Nationen zusammen, die in der Weltliste folgen. Nicht nur in der Militär-, sondern auch in der Wirtschaftskraft sind die USA den übrigen Nationen voraus. Die für 2020 veranschlagten Ausgaben der USA im Techbereich repräsentieren mit 1,7 Milliarden Dollar etwa ein Drittel der globalen Investitionen. Die USA, die ihren Aufstieg nicht zuletzt der Öffnung gegenüber Immigranten sowie dem Austausch von Waren, Technologien und Ideen verdanken, glaubten seit dem 11. September 2001, ähnlich wie in früheren Kriegs- und Krisenzeiten, Gesetze und Einwanderungsvorschriften verschärfen und den technologischen und juristischen Überwachungsapparat ausbauen zu müssen. Sicherheit und Freiheit waren zwei zentrale Pfeiler, auf die die junge amerikanische Republik sich einst gründete. Die Ozeane boten, wie George Washington erkannte, Schutz vor Feinden, und mit der Unabhängigkeit Amerikas hatten die Vereinigten Staaten einige der großen sozialen Ungerechtigkeiten der Alten Welt abgeschüttelt. Die USA beschritten einen Sonderweg und isolierten sich glänzend. Die Vorzüge dieser Entwicklung zahlten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus, als Amerika zu einer globalen Wirtschaftsmacht heranwuchs. Erst im 20. Jahrhundert waren die Vereinigten Staaten in zwei Weltkriege verwickelt, sie rüsteten auf und wurden - nicht zuletzt durch die Besetzung Deutschlands und Japans - zum Garanten der weltweiten Verbreitung der Demokratie. Gleichzeitig profitierten sie wirtschaftlich von der globalen Verflechtung. In der Mitte des 20. Jahrhunderts hatten die USA den Aufbau internationaler Institu‐ tionen - von der UNO über die NATO bis zum Internationalen Gerichtshof - angeregt und vorangetrieben. Insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges schotteten sie sich zunehmend ab. Sie scherten sich nur noch begrenzt um internationale Vorgaben, Vereinbarungen und Verpflichtungen. Dieser Trend, der vor allem in der Klimapolitik sichtbar wird, hat sich mit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump noch verschärft. Begründet wird die Politik seit jeher mit wirtschaftlichen Nachteilen, die die USA gegenüber den großen asiatischen Nationen, allen voran China, befürchten. Sollte der Klimaschutz in den nächsten Jahren in den USA dennoch vorankommen, so liegt dies nicht zuletzt daran, dass die großen Städte neue Wege einschlagen und Erdöl und Kohle angesichts fallender Preise an Gewicht verlieren. Die Gefahren und Herausforderungen für die USA im 21. Jahrhundert sind vielfältig: die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, die in die Hände von Terroristen geraten könnten; das nukleare und militärische Aufbegehren von Iran und Nordkorea, die Erwärmung des Globus und daraus resultierende Klimakatastrophen. Selbst wenn die USA den Zenit ihrer Machtausdehnung noch nicht überschritten haben sollten, ist nur schwer vorstellbar, dass diese immensen Aufgaben ohne die Kooperation mit der internationalen Gemeinschaft zu lösen sind. Dies gilt umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass das Haushaltsdefizit des globalen Hegemons USA zwischen 2016 und Anfang 2020 von 585 Milliarden auf über eine Billion angestiegen ist. In erster Linie wird sich Washington in Zukunft mit Peking, das den Welthandel dominiert, arrangieren müssen. Bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts gab es einen 6 Gesellschaftliche Trends 509 <?page no="510"?> „Washington-Konsens“: Der freie Markt, der freie Handel und die freie Gesellschaft der USA wurden zum globalen Orientierungsmaßstab. Das amerikanische Modell verfügte über immense Anziehungs- und Überzeugungskraft. Allerdings haben die USA, nicht zuletzt durch die von George W. Bush angezettelten Kriege, einen Großteil jener soft power eingebüßt, die einst ein Hauptcharakteristikum US-amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik war. Ob sich im Laufe des 21. Jahrhunderts der sogenannte „Peking-Konsens“ durchsetzt - ein autoritäres Modell, das die westlichen Werte zu‐ rückdrängt -, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die USA neben ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke auch ihre moralische Autorität behalten. Dass es Obama (gegen den US-Kongress) nicht gelungen ist, das Gefangenenlager Guantánamo in Kuba zu schließen, in dem noch immer 40 Häftlinge unter unmenschlichen Bedingun‐ gen und ohne Prozess einsitzen, beschädigt das Ansehen der Vereinigten Staaten bis heute. Ähnliches gilt für die Ausweitung des US-Drohnenkriegs unter Obama und die Abschottungs- und Polterpolitik von Donald Trump. Als eindrückliches Beispiel der letzten Jahre tritt die Grenzsicherung und die Trennung von Familien an der Grenze zu Mexiko im Rahmen einer zero-tolerance-Strategie hervor. Vor allem im Innern werden die USA in Zukunft große Herausforderungen zu bewältigen haben: die Parteilichkeit und ideologische Spaltung im Land und in den Institutionen, die Welle von Falschnachrichten von Menschen und Bots, der sich aus‐ weitende Überwachungsapparat, das Auseinanderklaffen von Reich und Arm, die Kor‐ rumpier- und Manipulierbarkeit der Politik durch Riesenspenden, die Ausbildung einer permanenten underclass der Native Americans und Afroamerikaner, die nachlassende Funktionsfähigkeit der politischen Einrichtungen, die Glorifizierung der Gewalt und der Einfluss der Waffenlobby, die ungesunde Ernährung, der hohe Pro-Kopf-Konsum fossiler Brennstoffe, die maroden Infrastrukturen und die schwachen Umweltgesetze. In neuerer Zeit gibt es immer mehr Amerikanerinnen und Amerikaner, die nicht mehr glauben, dass es der nächsten Generation besser gehen werde als der eigenen. Nur 54 Prozent der US-Bürger glaubten Anfang 2020 einer Umfrage von US News & World Report zufolge, dass ihre Landsleute glücklich seien. Eine seit dem Amtsantritt von Donald Trump deutlich zunehmende Zahl ist der Überzeugung, dass die USA zwar unternehmensfreundlicher, dafür aber korrupter, politisch instabiler und insgesamt weniger vertrauenswürdig seien. Die mangelhaften baulichen Zustände von Straßen und Brücken, von staatlichen Schulen und von gesellschaftlichen Institutionen im ganzen Land werden von manchen Kritikern als Ausdruck des wirtschaftlichen und kulturellen Abstiegs der Superweltmacht USA gewertet. Die militärische Stärke kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die USA ihre Kriege verlieren. Hinzu kommt die zunehmende Angst der Bevölkerung, Jobs nach Fernost zu verlieren. Was bedeutet es, dass heute weniger als ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts von der Industrie erwirtschaftet wird? Kann sich eine Gesellschaft auf Dauer wirtschaftlich und sozial in der Balance halten, wenn die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer wird? Wie wird Washington und wie wird die Gesellschaft der USA damit fertig werden, dass das Land mächtig, aber nicht mehr übermächtig ist? Wie gefährlich ist ein politisches Kapitel 10: Manipulationen und Krisen - Die USA im neuen Jahrtausend 510 <?page no="511"?> Taktieren, das immer mehr nur auf Machterhalt statt auf den Erhalt demokratischer Strukturen ausgerichtet ist? Die Vereinigten Staaten verfügen über enorme menschliche und natürliche Ressour‐ cen. Nur fünf Prozent der Weltbevölkerung leben in den USA, aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts gingen über 40 Prozent aller Nobelpreise an Amerikanerinnen und Amerikaner, Tendenz steigend. Trotz mancher Hürden ist den Amerikanern in ihrer Geschichte vieles besser gelungen als den Europäern. Die Innovationskraft der US-Be‐ völkerung und die Dynamik der politischen und wirtschaftlichen Institutionen haben hierzu beigetragen. Im 21. Jahrhundert hat der Slogan vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ allerdings an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die Möglichkeiten Amerikas sind, für alle Welt sichtbar, begrenzt. Und dennoch sind die USA in ihrer Geschichte und bis in die Gegenwart ein faszinierendes Land geblieben: ein anziehendes Vorbild, aber mehr und mehr auch ein mahnendes Beispiel. 6 Gesellschaftliche Trends 511 <?page no="513"?> Anhang 1 Ausgewählte weiterführende Literatur Übergreifendes Im Zeitalter des Internets haben Bibliographien den Wert verloren, der ihnen noch vor zwei Jahrzehnten selbstverständlich zukam. Einen exzellenten Einstieg in die Suche nach spezifischen Titeln bietet die Library of Congress. Unter www.loc.gov finden sich nicht nur Buch- und Zeitschriftenpublikationen, sondern auch Filme, Videos, Audios, Landkarten, Fotografien u. v. m. Neben tausenden von speziellen Nachschlagewerken seien die folgenden übergreifenden Werke als Einstieg in weitere Recherchen empfohlen: Michael Kazin (Hrsg.), The Princeton Encyclopedia of American Political History, 2 Bände, Princeton 2010; John A. Garraty and Mark C. Carnes (Hrsg.), American National Biography, 24 Bände, Oxford 1999 (Onlineversion mit 19.000 Biographien, verfügbar über www.anb.org). Für die Kultur- und Regionalgeschichte einschlägig ist Mary Kupiec et al. (Hrsg.), Encyclopedia of American Cultural and Intellectual History, 3 Bände, New York 2001. Ein deutschsprachiges Nachschlagewerk mit etwa 500 Einträgen bietet Christof Mauch und Rüdiger Wersich (Hrsg.), USA-Lexikon: Schlüsselbegriffe zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Geschichte und zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen, Berlin 2013 (auch als Datenbank-Version mit Online-Volltextsuche). Aus der Fülle von Buchtiteln zur amerikanischen Geschichte seien hier einige wenige Bände genannt, die 2020 im Buchhandel lieferbar sind und in deutscher Sprache vorliegen: Einen wichtigen Überblick über die Geschichtsschreibung bietet der Grundriß von Manfred Berg, Geschichte der USA, München 2013. In aller Kürze informieren Philipp Gassert, Mark Häberlein und Michael Wala, Geschichte der USA, Stuttgart 2018 sowie Christof Mauch, Die 101 wichtigsten Fragen: Amerikanische Geschichte, München 2 2016. Die von Hermann Wellenreuther, Norbert Finzsch und Ursula Lehmkuhl herausgegebene Reihe Geschichte Nordamerikas in atlantischer Perspektive von den Anfängen bis zur Gegenwart liegt bislang in 6 Bänden vor und reicht bis zum Ende des Bürgerkriegs 1865, Berlin 2014. Schwungvoll geschrieben und originell ist die Darstellung von Jill Lepore Diese Wahrheiten: Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, München 2019. Zur Präsidentschaft siehe Christof Mauch, Die Präsidenten der USA: 45 historische Portraits von George Washington bis Donald Trump, München 2018. Zu Kapitel 1: Kolonien und Empire Einen Überblick über laufende Forschungsergebnisse und Kontroversen bietet The William and Mary Quarterly: A Magazine of Early American History and Culture; die ausführlichen Rezensionen gewähren einen umfassenden Einblick in die Erträge der Forschung. Die beste deutschsprachige Einführung zur Kolonialgeschichte Nordamerikas stammt von Hermann Wellenreuther, Niedergang und Aufstieg: Geschichte Nordamerikas vom Beginn der Besiedlung bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts, Münster 2000. Aus der Reihe Major Problems in American <?page no="514"?> History liegt ein Band zur Kolonialgeschichte vor, der wichtige Quellen und Aufsätze bündelt: Karen Ordahl Kupperman (Hrsg.), Major Problems in American Colonial History, Boston, MA 3 2013. Die britische Debatte über die amerikanischen Kolonien reflektiert Leo Francis Stock (Hrsg.), Proceedings and Debates of the British Parliaments Respective North America, 1542- 1754, 5 Bde., Washington, DC Reprint 1966-1967. Als Einstieg sind besonders zu empfehlen: Walter L. Hixson, American Settler Colonialism: A History, New York, 2013; Donald W. Meinig, The Shaping of America: A Geographical Perspective on 500 Years of History. Vol. 1: Atlantic America, 1492-1800, New Haven, CT 1986 und Bernard Bailyn, The Barbarous Years: The Peopling of British North America; The Conflict of Civilizations, 1600-1675, New York 2012. Vgl. zum atlantischen Raum außerdem: Stephen J. Hornsby, British Atlantic, American Frontier: Spaces of Power in Early Modern British America, Hannover 2005. Transatlantische Dimensionen werden besprochen in Provincializing the United States: Colonialism, Decolonization, and (Post)Colonial Governance in Transnational Perspective, Heidelberg 2014, hrsg. von Ursula Lehmkuhl, Eva Bischoff und Norbert Finzsch. Teilweise überholt, aber zur politischen Geschichte nach wie vor wichtig ist die Studie von Charles M. Andrews, The Colonial Period of American History, 4 Bde., New Haven, CT 1934-1938. Ein weiterer „Klassiker“ stammt von Daniel J. Boorstin, The Americans: The Colonial Experience, New York 1958. Wichtige Darstellungen zur politischen und ideologischen Entwicklung sind folgende Werke: Jack P. Greene, Peripheries and Center: Constitutional Development in the Extended Policies of the British Empire and the United States, 1607-1788, New York / London 1986 und Owen Stanwood, The Empire Reformed: English America in the Age of the Glorious Revolution, Philadelphia, PA 2011. Eine Lokalstudie zu diesem Thema liegt vor von Jessica Choppin Roney, Governed by a Spirit of Opposition: The Origins of American Political Practice in Colonial Philadelphia, Baltimore, MD 2014. Auf Westexpansion fokussiert: Paul W. Mapp, The Elusive West and the Contest for Empire, 1713-1763, Chapel Hill, NC 2011. Rechtsgeschichtlichen Fragestellungen widmen sich Christopher L. Tomlins, Freedom Bound: Law, Labor, and Civic Identity in Colonizing English America, 1580-1865, Cambridge 2010 und George Edward White, Law in American History, Oxford 2012. Zur Sozialgeschichte vgl. Jack P. Greene, Pursuits of Happiness: The Social Development of Early Modern British Colonies and the Formation of American Culture, Chapel Hill, NC / London 1988. Den Zusammenhang von Religion und Geschlecht im kolonialen Neuengland untersucht R. Todd Romero, Making War and Minting Christians: Masculinity, Religion, and Colonialism in Early New England, Amherst, MA 2011. Die frühe deutsche Auswanderung und die Akkulturation der Einwanderer untersuchen Andreas Brinck, Die deutsche Auswanderungswelle in die britischen Kolonien Nordamerikas um die Mitte des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1993; A. Gregory Roeber, Palatines, Liberty, and Property: German Lutherans in Colonial British America, Baltimore, MD / London 1993. Die Geschichte der indigenen Nationen und das Verhältnis zwischen Einwanderern und Indigenen behandeln Rachel M. Wheeler, To Live Upon Hope: Mohicans and Missionaries in the Eighteenth-Century Northeast, Ithaca, NY 2008; Michael A. McDonnell, Masters of Empire: Great Lakes Indians and the Making of America, New York 2017; Daniel Ingram, Indians and British Outposts in Eighteenth-Century America, Gainesville, FL 2012; Andrew Woolford, Jeff Benvenuto und Alexander Laban Hinton, Colonial Genocide in Indigenous North America, Durham, NC 2014; Paul Kelton, Cherokee Medicine, Colonial Germs: An Indigenous Nation’s Fight Against Smallpox, Anhang 514 <?page no="515"?> 1518-1824, Norman, OK 2015; Gail D. MacLeitch, Imperial Entanglements: Iroquois Change and Persistence on the Frontiers of Empire, Philadelphia, PA 2011; Michael J. Witgen, An Infinity of Nations: How the Native New World Shaped Early North America, Philadelphia, PA 2012. Überblicksdarstellungen zur Sklaverei liegen als „Klassiker“ vor von Eugene D. Genovese, Roll, Jordan, Roll: The World the Slaves Made, New York 1974; Robert William Fogel, Without Consent or Contract: The Rise and Fall of American Slavery, New York / London 1989; Ira Berlin, Many Thousands Gone: The First Two Centuries of Slavery in North America, Cambridge, MA 1998; Peter Kolchin, American Slavery, 1619-1877, New York 2003. Vgl. zudem Wendy Warren, New England Bound: Slavery and Colonization in Early America, New York 2016 und Margaret Ellen Newell, Brethren by Nature: New England Indians, Colonists, and the Origins of American Slavery, Ithaca, NY 2015. Einen Überblick zur Geschichte der Afroamerikaner bietet Nell Irvin Painter, Creating Black Americans: African-American History and Its Meanings, 1619 to the Present, New York 2005. Das Konzept race untersucht Jacqueline Jones, A Dreadful Deceit: The Myth of Race from the Colonial Era to Obama’s America, New York 2013. Vgl. zudem Jennifer Brier, Jim Downs und Jennifer L. Morgan, Connexions: Histories of Race and Sex in North America, Baltimore, MD 2016. Wichtige Aspekte der Frauengeschichte behandeln Thomas A. Foster (Hrsg.), Women in Early America, New York 2015 und Mary Beth Norton, Separated by Their Sex: Women in Public and Private in the Colonial Atlantic World, Ithaca, NY 2011. Wirtschaftshistorische und konsumgeschichtliche Aspekte betonen Timothy H. Breen, The Marketplace of Revolution: How Consumer Politics Shaped American Independence, Oxford 2004; Jessica Yirush Stern, The Lives in Objects: Native Americans, British Colonists, and Cultures of Labor and Exchange in the Southeast, Chapel Hill, NC 2016; Thomas M. Truxes, Defying Empire: Trading with the Enemy in Colonial New York, New Haven, CT 2010 sowie Richard Follett et al., Plantation Kingdoms: The American South and Its Global Commodities, Baltimore, MD 2016. Kulturhistorisch orientiert sind die Studien von Daniel Maudlin und Bernard L. Herman, Building the British Atlantic World: Spaces, Places, and Material Culture, 1600-1850, Chapel Hill, NC 2016; Walter William Woodward, Prospero’s America: John Winthrop, Jr., Alchemy, and the Creation of New England Culture, 1606- 1676, Chapel Hill, NC 2010; Steven C. Bullock, Tea Sets and Tyranny: The Politics of Politeness in Early America, Philadelphia, PA 2016. Umwelthistorische Fragestellungen untersuchen Andrea L. Smalley, Wild by Nature: North American Animals Confront Colonization, Baltimore, MD 2017 und Sam White, A Cold Welcome: The Little Ice Age and Europe’s Encounter with North America, Cambridge, MA 2017. Zu Kapitel 2: Revolution, Verfassungsgebung und Anfänge des Bundesstaates, 1763 - 1814 Quellen zur Revolutionszeit finden sich in: Bernard Bailyn (Hrsg.), Pamphlets of the American Revolution, 1750 to 1776, Cambridge, MA 1965 und Richard C. Simmons und P. D. G. Thomas (Hrsg.), Proceedings and Debates of the British Parliaments Respecting North America, 1754-1783, Dobbs Ferry, NY 1982-1985. Mit The Revolutionary Atlantic: Republican Visions, 1760-1830: A Documentary History, New York 2018, bietet Rafe Blaufarb zudem eine Quellensammlung, die neben Quellen der Amerikanischen Revolution auch die der Französischen, Haitianischen 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 515 <?page no="516"?> sowie Spanischen Revolution miteinschließt. Aus der Reihe Major Problems in American History liegen zwei Bände zur Revolutionszeit und zur frühen Republik vor, die wichtige Quellen und fachwissenschaftliche Aufsätze liefern: Richard D. Brown und Benjamin L. Carp (Hrsg.), Major Problems in the Era of the American Revolution, 1760-1791, Boston, MA 3 2014 sowie Sean Wilentz und Jonathan Earle (Hrsg.), Major Problems in the Early Republic, 1787-1848, Boston, MA 2 2008. Darüber hinaus liegen die Public Papers of the Presidents of the United States vor für George Washington, John Adams, Thomas Jefferson und James Madison. Die Zahl der Biographien ist kaum überschaubar, daher sei hier auf den deutschsprachigen Sammelband mit Kurzportraits verwiesen: Christof Mauch (Hrsg.), Die Präsidenten der USA: 45 historische Portraits von George Washington bis Donald Trump, München 2018. Die Gründerväter nimmt auch in den Blick: Richard B. Bernstein, The Founding Fathers Reconsidered, New York 2009. Eine deutschsprachige Quellenedition liegt vor von Angela Adams und Willi Paul Adams (Hrsg.), Die Amerikanische Revolution und die Verfassung, 1754-1791, München 2 1995. Deutschsprachige Darstellungen liegen vor von Michael Hochgeschwender, Die Amerikanische Revolution: Geburt einer Nation, 1763-1815, München 2018; Charlotte Lerg, Die Amerikanische Revolution, Tübingen 2010 und Horst Dippel, Die Amerikanische Revolution, 1763-1787, Frankfurt a. M. 8 2010. Aus der Fülle von Gesamtdarstellungen und Einzeluntersuchungen sei auf folgende Werke hingewiesen: Eine gründliche Einführung mit Handbuchcharakter bieten Jack P. Greene und J. R. Pole (Hrsg.), The Blackwell Encyclopedia of the American Revolution, Oxford 1991. Weiterhin sind als „Klassiker“ zu empfehlen: Bernard Bailyn, The Ideological Origins of the American Revolution, Cambridge, MA 1967; Robert Middlekauff, The Glorious Cause: The American Revolution, 1763-1789, New York 1982 und James A. Henretta, The Radicalism of the American Revolution, New York 1992. Zudem siehe Alan Taylor, American Revolutionists: A Continental History, 1750-1804, New York 2016; Timothy H. Breen, American Insurgents, American Patriots: The Revolution of the People, New York 2010; Patrick Griffin, Between Sovereignty and Anarchy: The Politics of Violence in the American Revolutionary Era, Charlottesville, VA 2015. Benjamin L. Carp legt eine Darstellung der politischen Mobilisierung in den städtischen Räumen vor, Rebels Rising: Cities and the Ame‐ rican Revolution, New York 2007. Kariann A. Yokota befasst sich mit der ambivalenten Beziehung zwischen den Amerikanern und Briten nach der Revolution in Unbecoming British: How Revo‐ lutionary America Became a Postcolonial Nation, New York 2011. Unter kulturgeschichtlichen Aspekten untersucht die Revolution Kenneth Silverman, A Cultural History of the American Revolution, New York 1987. Der Rolle der Frauen in der Amerikanischen Revolution widmen sich Linda K. Kerber, Women of the Republic: Intellect and Ideology in Revolutionary America, Chapel Hill, NC 1980; Mary Beth Norton, The Revolutionary Experience of American Women, 1750-1800, Ithaca, NY 1996; Lucia McMahon, Mere Equals: The Paradox of Educated Women in the Early American Republic, Ithaca, NY 2012. Fragestellungen der Geschlechtergeschichte werden außerdem untersucht von Jimmy L. Bryan, The American Elsewhere: Adventure and Manliness in the Age of Expansion, Lawrence, KS 2017; Cassandra A. Good, Founding Friendships: Friendships Between Men and Women in the Early American Republic, Oxford 2017; Mark E. Kann, Taming Passion for the Public Good: Policing Sex in the Early Republic, New York 2013. Zur Diskussion der Sklaverei in der Amerikanischen Revolution vgl. Ira Berlin und Ronald Hoffman (Hrsg.), Slavery and Freedom in the Age of the American Revolution, Charlottesville, VA 1983; Alan Gilbert, Black Anhang 516 <?page no="517"?> Patriots and Loyalists: Fighting for Emancipation in the War for Independence, Chicago, IL 2012; Gerald Horne, The Counter-Revolution of 1776: Slave Resistance and the Origins of the United States of America, New York 2014. Zur Rezeption der Haitianischen Revolution in den USA ist folgender Titel zu empfehlen: Ashli White, Encountering Revolution: Haiti and the Making of the Early Republic, Baltimore, MD 2010. Das Journal of the Early Republic stellt vierteljährlich neue Ergebnisse der Forschung sowie Rezensionen zu Studien über die Geschichte der jungen Republik vor. Als Gesamtdarstellung siehe Gordon S. Wood, Empire of Liberty: A History of the Early Republic, 1789-1815, New York 2009. Eine ausführliche Quellensammlung zur Entstehung und Ratifizierung der Verfassung wird herausgegeben von John P. Kaminski et al. (Hrsg.), The Documentary History of the Ratification of the Constitution, Madison, WI 1975 ff. Von zentraler Bedeutung für die Interpretation der Verfassung ist Jacob E. Cooke (Hrsg.), The Federalist, Middletown, CT 1961; eine deutsche Übersetzung der Federalist Papers editierten Angela und Willi Paul Adams (Hrsg.), Hamilton / Madison / Jay: Die Federalist-Artikel, Paderborn 1994. Eine deutschsprachige Geschichte zur Entstehung der Verfassung bietet Jürgen Heideking, Die Verfassung vor dem Richterstuhl: Vorgeschichte und Ratifizierung der Amerikanischen Verfassung, 1787-1791, Berlin / New York 1988. Weitere amerikanische Untersuchungen: Michael J. Klarman, The Framers’ Coup: The Making of the United States Constitution, New York 2016 und Jack P. Greene, The Constitutional Origins of the American Revolution, Cambridge 2011. Als „Klassiker“ ist immer noch lesenswert Charles A. Beard, An Economic Interpretation of the Constitution of the United States, New York 1913 (dt. Übersetzung Frankfurt a. M. 1974). Zur Interpretation der Souveränität indigener Nationen in der Verfassung: Frank Pommersheim, Broken Landscape: Indians, Indian Tribes, and the Constitution, New York 2009. Vgl. zu Native Americans außerdem: Michael J. Witgen, An Infinity of Nations: How the Native New World Shaped Early North America, Philadelphia, PA 2012. Das Verhältnis von Sklaverei und Verfassung ist Gegenstand eines kommentierten Quellenbandes: John P. Kaminski (Hrsg.), A Necessary Evil? Slavery and the Debate Over the Constitution, Madison, WI 1995. In diesem Zusammenhang siehe zudem David Waldstreicher, Slavery’s Constitution: From Revolution to Ratification, New York 2009 und George van Cleve, A Slaveholders’ Union: Slavery, Politics, and the Constitution in the Early American Republic, Chicago, IL 2010. Vgl. auch Edward Countryman, Enjoy the Same Liberty: Black Americans and the Revolutionary Era, Lanham, MD 2012. Zur Gesellschaft der Gründerjahre vgl. Joyce Appleby, Capitalism and a New Social Order: The Republican Vision of the 1790s, New York 1984 und Paul E. Johnson, The Early American Republic, 1789-1829, New York 2006. Die politische Geschichte der jungen amerikanischen Republik wird behandelt von Stanley Elkins und Eric McKitrick, The Age of Federalism, New York 1993; Ronald P. Formisano, For the People: American Populist Movements from the Revolution to the 1850s, Chapel Hill, NC 2012; Sandra M. Gustafson, Imagining Deliberative Democracy in the Early American Republic, Chicago, IL 2011. Zur Außenpolitik vgl. Carl Benn, The War of 1812, New York 2003; Lawrence S. Kaplan, Entangling Alliances with None: American Foreign Policy in the Age of Jefferson, Kent, OH 1987; J. C. A. Stagg, Mr. Madison’s War: Politics, Diplomacy, and Warfare in the Early American Republic, 1783-1830, Princeton, NJ 1983. Technologischen Themen widmen sich Zachary Callen, Railroads and American Political Development: Infrastructure, Federalism, and State Building, Lawrence, KS 2016 und William B. Warner, Protocols of Liberty: Communication Innovation and 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 517 <?page no="518"?> the American Revolution, Chicago, IL 2013. Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Probleme untersuchen Joyce O. Appleby, The Relentless Revolution: A History of Capitalism, New York 2010; Clement Fatovic, America’s Founding and the Struggle over Economic Inequality, Lawrence, KS 2015; Brian Phillips Murphy, Building the Empire State: Political Economy in the Early Republic, Philadelphia, PA 2015. Religionshistorische Perspektiven untersuchen Emily Conroy-Krutz, Christian Imperialism: Converting the World in the Early American Republic, Ithaca, NY 2015 und Daniel L. Dreisbach und Mark David Hall (Hrsg.), Faith and the Founders of the American Republic, Oxford 2014. Die Geschichte der Sklaverei und der Emanzipation im Norden wird dargestellt von David B. Davis, The Problem of Slavery in the Age of Revolution, 1770-1823, New York 1999 und Donald R. Wright, African Americans in the Early Republic, 1789-1831, Arlington Heights, IL 1993. Die Debatte über die Beziehung Thomas Jeffersons mit seiner Sklavin Sally Hemings wird aufgegriffen von Annette Gordon-Reed, Thomas Jefferson and Sally Hemings: An American Controversy, Charlottesville, VA 1999. Übergreifende Studien zur Rolle der Frau im frühen 19. Jahrhundert bieten Nancy Cott, Bonds of Womenhood: „Women’s Sphere“ in New England, 1780-1835, New Haven, CT 1997 und Joan M. Jensen, Loosening the Bonds: Mid-Atlantic Farm Women, 1750-1850, New Haven, CT 1986. Kulturhistorische Darstellungen zur frühen Republik stammen von Peter Charles Hoffer, Sensory Worlds of Early America, Baltimore, MD 2003; Kenneth Cohen, They Will Have Their Game: Sporting Culture and the Making of the Early American Republic, Ithaca, NY 2017; Catherine O’Donnell Kaplan, Men of Letters in the Early Republic: Cultivating Forums of Citizenship, Chapel Hill, NC 2008; Catherina E. Kelly, Republic of Taste: Art, Politics, and Everyday Life in Early America, Philadelphia, PA 2016; Daniel Maudlin und Bernard L. Herman, Building the British Atlantic World: Spaces, Places, and Material Culture, 1600-1850, Chapel Hill, NC 2016. Zu Kapitel 3: Demokratisierung, Marktwirtschaft und territoriale Expansion, 1815 - 1854 Zur Entwicklung des Parteienwesens und der Ideologien im Zeitalter zwischen 1815 und 1854 vgl. die zeitgenössische Betrachtung von Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika (zahlreiche deutsche Ausgaben). Mit grundlegenden Problemen der Epoche befassen sich Brian Balogh, A Government Out of Sight: The Mystery of National Authority in Nineteenth-Century America, Cambridge 2009; Sean Wilentz, The Politicians & Egalitarians: The Hidden History of American Politics, New York 2016; Alison L. LaCroix, The Ideological Origins of American Federalism, Cambridge, MA 2010; Robert William Thomas Martin, Government by Dissent: Protest, Resistance, and Radical Democratic Thought in the Early American Republic, New York 2013. Besonders umfassend ist der Überblick von James T. Kloppenberg, Toward Democracy: The Struggle for Self-Rule in European and American Thought, New York 2016. Timothy Mason Roberts bietet mit seiner Studie Distant Revolutions: 1848 and the Challenge to American Exceptionalism, Charlottesville, VA 2009 eine transnationale Perspektive und zeigt amerikanische Reaktionen auf die europäischen Revolutionen auf. Vgl. auch Charlotte Lerg, Argument Amerika: Die Deutsche Amerika-Forschung im Vormärz und ihre politische Deutung in der Revolution 1848 / 49, Bielefeld 2011. Donald B. Cole, The Presidency of Andrew Jackson, Lawrence, KS 1993 bietet einen Anhang 518 <?page no="519"?> fundierten Überblick über die amerikanische Politik und Gesellschaft in den 1830er Jahren. Vgl. daneben Harry L. Watson, Liberty and Power: The Politics of Jacksonian America, New York 1990 und Christina Snyder, Great Crossings: Indians, Settlers, and Slaves in the Age of Jackson, New York 2017. Zur Umwelt- und Technikgeschichte siehe David Nye, America as Second Creation: Technology and Narratives of New Beginnings, Cambridge, MA 2003. Rechtsgeschichtliche Fragen behandelt Morton J. Horwitz, The Transformation of American Law, 1780-1860, Cambridge, MA 1977. Quellen zur territorialen Expansion finden sich in der Neuauflage von Amy S. Greenberg, Manifest Destiny and American Territorial Expansion: A Brief History with Documents, Boston, MA 2012. Diese betont die sozialen und kulturellen Urspünge des Expansionsgedankens und beinhaltet viele neue Quellendokumente. Mit der territorialen Expansion und der Verdrängung der indigenen Bevölkerung befassen sich außerdem William H. Bergmann, The American Nati‐ onal State and the Early West, Cambridge, MA 2012; Bruce Cumings, Dominion From Sea to Sea: Pacific Ascendancy and American Power, New Haven, CT 2009; Derek R. Everett, Creating the American West: Boundaries and Borderlands, Norman, OK 2014. Einen besonderen Fokus auf die Verdrängung der nördlichen indigenen Bevölkerung legt John P. Bowes, Land Too Good for Indians: Northern Indian Removal, Norman, OK 2016. Vgl. zu Native Americans außerdem David Andrew Nichols, Red Gentlemen & White Savages: Indians, Federalists, and the Search for Order on the American Frontier, Charlottesville, VA 2008 und Dawn Peterson, Indians in the Family: Adoption and the Politics of Antebellum Expansion, Cambridge, MA 2017. Zur Wirtschaftsgeschichte vgl. Sven Beckert, Empire of Cotton: A Global History, New York 2014. Die „Marktrevolution“ als Interpretationskonzept wird diskutiert seit Charles G. Sellers, The Market Revolution: Jacksonian America, 1815-1846, New York / Oxford 1991 und in Scott Martin (Hrsg.), Cultural Change and the Market Revolution in America, 1789-1860, Lanham, MD 2005. Das Phänomen des Goldrausches um die Jahrhundertmitte untersuchen Norbert Finzsch, Die Goldgräber Kaliforniens: Arbeitsbedingungen, Lebensstandard und politisches System um die Mitte des 19. Jahrhunderts, Göttingen 1982 und Malcolm J. Rohrbough, Days of Gold: The California Gold Rush and the American Nation, Berkeley, CA / London 1997. Aufschlussreiche Lokalstudien unter Einbeziehung der Arbeitergeschichte bieten Alan Dawley, Class and Community: The Industrial Revolution in Lynn, Massachusetts, 1780-1860, Cambridge, MA 2000 und Jonathan Prude, The Coming of the Industrial Order: Town and Factory Life in Rural Massachusetts, 1810- 1860, Cambridge, MA 1999. Das religiöse und kulturelle Leben vor dem Bürgerkrieg behandeln David B. Davis (Hrsg.), Antebellum American Culture: An Interpretive Anthology, University Park, PA 1997; Lewis Perry, Boat Against the Current: American Culture Between Revolution and Modernity, 1820-1860, New York / Oxford 1993. Zur Sklaverei vgl. neben den bereits zu Kapitel 2 genannten Arbeiten auch Robert E. Bonner, Mastering America: Southern Slaveholders and the Crisis of American Nationhood, Cambridge, MA 2009; Susanna Delfino, Michele Gillespie und Louis M. Kyriakoudes, Southern Society and Its Transformations, 1790-1860, Columbia, MO 2011; Walter Johnson, River of Dark Dreams: Slavery and Empire in the Cotton Kingdom, Cambridge, MA 2013; Carl Lawrence Paulus, The Slaveholding Crisis: Fear and Insurrection and the Coming of the Civil War, Baton Rouge, LA 2017. Zur Lage der Afroamerikaner im Norden vgl. Leon F. Litwack, North of Slavery: The Negro in the Free States, 1790-1860, Chicago 1965. Die Abolitionisten-Bewegung bearbeitet Louis Gerteis, Morality and Utility in American Anti-Slavery 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 519 <?page no="520"?> Reform, Chapel Hill, NC 1987. Einen Überblick zur Frauenbewegung bieten Ellen C. DuBois, Feminism and Suffrage: The Emergence of an Independent Women’s Movement in America, 1848- 1869, Ithaca, NY 1978; Sara Evans, Born for Liberty: A History of Women in America, New York 1989; Keith Melder, Beginnings of Sisterhood: The American Women’s Rights Movement, 1800-1850, New York 1977. Die Erfahrungen von Frauen im Westen schildert Julie R. Jeffrey, Frontier Women: The Trans-Mississippi West, 1840-1860, New York 1979. Honor Sachs bietet eine lokale Untersuchung zur Männlichkeit, Home Rule: Households, Manhood, and National Expansion on the Eighteenth-Century Kentucky Frontier, New Haven, CT 2015. Vgl. hierzu auch das bereits in Kapitel 2 genannte Werk von Jimmy L. Bryan. Ein „Klassiker“ der Immigrations- und Akkulturationsgeschichte ist Oscar Handlin, Boston’s Immigrants: A Study in Acculturation, Cambridge, MA 1959. Mit der deutschen Immigration sowie theoretischen Problemen der Immigrationsforschung befasst sich Frederick C. Luebke, Germans in the New World: Essays in the History of Immigration, Urbana, IL / Chicago 1990. Vgl. hier auch Mischa Honeck, We Are the Revolutionists: German-Speaking Immigrants and American Abolitionists after 1848, Athens, GA 2011. Zur Geschichte deutschsprachiger Juden in Nordamerika vgl. Christof Mauch und Joseph Salmons, German-Jewish Identities in America: From the Civil War to the Present, Madison, WI 2003. Für den Mittleren Westen vgl. Kathleen Neils Conzen, Immigrant Milwaukee, 1836-1860: Accommodation and Community in a Frontier City, Cambridge, MA 1976 sowie Anke Ortlepp, „Auf denn, Ihr Schwestern! “: Deutschamerikanische Frauenvereine in Milwaukee, Wisconsin, 1844-1914, Stuttgart 2004. Außenpolitisch relevante Fragestellungen untersuchen Robert W. Merry, A Country of Vast Designs: James K. Polk, the Mexican War, and the Conquest of the American Continent, New York 2010; Jay Sexton, The Monroe Doctrine: Empire and Nation in Nineteenth-Century America, New York 2012; Johannes Eue, Die Oregon-Frage: Amerikanische Expansionspolitik und der Pazifische Nordwesten, 1818-1848, Münster / Hamburg 1995. Zu Kapitel 4: Bürgerkrieg, Industrialisierung und soziale Konflikte im Gilded Age, 1855 - 1896 Eine kurze deutschsprachige Einführung zum Bürgerkrieg liefert Michael Hochgeschwender, Der Amerikanische Bürgerkrieg, München 2010. Aus der Reihe Major Problems in American History liegt ein Band zum Bürgerkrieg und zur Rekonstruktion vor, der wichtige Quellen und Aufsätze abdruckt: Michael Perman und Amy Murrell Taylor (Hrsg.), Major Problems in the Civil War and Reconstruction, Boston, MA 3 2011. Die sektionale Krise und die Vorgeschichte des Bürgerkrieges behandeln William W. Freehling, The Road to Disunion, 2 Bde., New York / Oxford 1990 und Kenneth M. Stampp, America in 1857: A Nation on the Brink, New York / Oxford 1990. Eine transnationale Perspektive liefern Jörg Nagler, Don Doyle und Marcus Gräser (Hrsg.), The Transnational Significance of the American Civil War, New York 2016. Zur Entstehung der Republikanischen Partei vgl. Jörg Nagler, Frémont Contra Lincoln: Die deutsch-amerikanische Opposition in der Republikanischen Partei während des amerikanischen Bürgerkrieges, Frankfurt a. M. 1983; William E. Gienapp, The Origins of the Republican Party, 1852-1856, New York / Oxford 1986. Mit den Anfängen der Frauenbewegung befasst sich Laura E. Free, Suffrage Reconstructed: Gender, Race, and Voting Rights in the Civil War Era, Ithaca, NY 2015. Vgl. außerdem: Catherine Anhang 520 <?page no="521"?> Clinton, Stepdaughters of History: Southern Women and the American Civil War, Baton Rouge, LA 2016. Die gesammelten Schriften Abraham Lincolns haben herausgegeben Roy P. Basler et al., The Collected Works of Abraham Lincoln, 12 Bde., New Brunswick, NJ 1953-1990. Biographien bzw. biographische Materialien zu Abraham Lincoln bieten David H. Donald, Lincoln, New York 1995; Eric Foner (Hrsg.), Our Lincoln: New Perspectives on Lincoln and His World, New York 2008; Shirley Samuels (Hrsg.), The Cambridge Companion to Abraham Lincoln, Cambridge 2012. In deutscher Sprache liegt vor: Jörg Nagler, Abraham Lincoln: Amerikas großer Präsident. Eine Biografie, München 2009. Craig L. Symonds, Frank J. Williams und Harold Holzer, The Lincoln Assassination: Crime and Punishment, Myth and Memory, New York 2010 befassen sich mit dem Nachleben des Präsidenten in der kollektiven Erinnerung der amerikanischen Nation. Die beste zusammenfassende Darstellung zum Bürgerkrieg liefert James M. McPherson, Battle Cry of Freedom: The Civil War Era, Oxford 1988 (dt. Ausgabe u.d. T. Für die Freiheit sterben: Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges, München 1992). Vgl. dazu auch David H. Donald, Jean H. Baker und Michael F. Holt, The Civil War and Reconstruction, New York 2001 und Lacy Ford, A Companion to the Civil War and Reconstruction, Hoboken, NJ 2011. Den Bürgerkrieg mit Blick auf Afroamerikaner und Sklaverei untersuchen Stephen V. Ash, The Black Experience in the Civil War South, Santa Barbara, CA 2010; R. J. M. Blackett, Making Freedom: The Underground Railroad and the Politics of Slavery, Chapel Hill, NC 2013; Eric Foner, Gateway to Freedom: The Hidden History of America’s Fugitive Slaves, Oxford 2015; William A. Dobak, Freedom by the Sword: The U. S. Colored Troops, 1862-1867, New York 2013. Wirtschaftshistorische Fragestellungen untersuchen Marc Egnal, Clash of Extremes: The Economic Origins of the Civil War, New York 2009 und Michael Brem Bonner, Confederate Political Economy: Creating and Managing a Southern Corporatist Nation, Baton Rouge, LA 2016. Medizingeschichte liefern Shauna Devine, Learning from the Wounded: The Civil War and the Rise of American Medical Science, Chapel Hill, NC 2014 und Libra Rose Hilde, Worth a Dozen Men: Women and Nursing in the Civil War South, Charlottesville, VA 2012. Die Themen Tod und Leiden untersuchen Drew Gilpin Faust, This Republic of Suffering: Death and the American Civil War, New York 2008 und Mark Saunders Schantz, Awaiting the Heavenly Country: The Civil War and America’s Culture of Death, Ithaca, NY 2008. Mit den unmittelbaren politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Bürgerkrieges im Süden befasst sich Dan T. Carter, When the War Was Over: The Failure of Self-Reconstruction in the South, 1865-1867, Baton Rouge, LA / London 1985. Zur kollektiven Erinnerung an den Bürgerkrieg vgl. David W. Blight, Beyond the Battlefield: Race, Memory, and the American Civil War, Amherst, MA 2002; Jennifer W. Dickey, A Tough Little Patch of History: Gone with the Wind and the Politics of Memory, Chicago, IL 2014 und Caroline E. Janney, Remembering the Civil War: Reunion and the Limits of Reconciliation, Chapel Hill, NC 2013. Zur Geschichte der Afroamerikaner im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vgl. Deborah Willis und Barbara Krauthamer, Envisioning Emancipation: Black Americans and the End of Slavery, Philadelphia, PA 2013; Bruce E. Baker und Brian Kelly, After Slavery: Race, Labor, and Citizenship in the Reconstruction South, Gainesville, FL 2013; Justin Behrend, Reconstructing Democracy: Grassroots Black Politics in the Deep South After the Civil War, Athens, GA 2015; Carole Emberton, Beyond Redemption: Race, Violence, and the American South After the Civil War, Chicago, IL 2013. Die gründlichste Studie zum Ku-Klux-Klan stammt von Elaine Frantz Parsons, Ku Klux: The Birth of the Klan During Reconstruction, 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 521 <?page no="522"?> Durham, NC 2015. Für die Geschichte der Rassenbeziehungen im Süden zur Zeit des Gilded Age vgl. Howard N. Rabinowitz, The First New South, 1865-1920, Arlington Heights, IL 1992; Grace Hale, Making Whiteness: The Culture of Segregation in the South, 1890-1940, New York 1999; C. Vann Woodward, The Strange Career of Jim Crow, New York 3 2002. Zu sozial- und kulturgeschichtlichen Fragen siehe u. a. Elaine Frantz Parsons (Hrsg.), Manhood Lost: Fallen Drunkards and Redeeming Women in the Nineteenth-Century United States, Baltimore, MD 2003. Wesentliche Aspekte des Gilded Age werden in Quellen und Aufsätzen vorgestellt von Leon Fink (Hrsg.), Major Problems in the Gilded Age and the Progressive Era, Boston, MA 3 2015. Darin ist u. a. Frederick Jackson Turners einflussreicher Essay The Significance of the Frontier in American History (1893) abgedruckt. Mit der Rezeption Turners befasst sich Mathias Waechter, Die Erfindung des Amerikanischen Westens: Die Geschichte der Frontier-Debatte, Freiburg i. Br. 1996. Einen allgemeinen Überblick über das Gilded Age geben Sean Dennis Cashman, America in the Gilded Age: From the Death of Lincoln to the Rise of Theodore Roosevelt, New York 1993; Rebecca Edwards, Americans in the Gilded Age, 1865-1905, New York 3 2015; Richard White, The Republic for Which It Stands: The United States During Reconstruction and the Gilded Age, 1865-1896, New York 2017. Vgl. außerdem Christopher M. Nichols und Nancy C. Unger (Hrsg.), A Companion to the Gilded Age and Progressive Era, Chichester 2017. Wirtschaftlichen Fragestellungen dieser Zeit widmen sich Robert J. Gordon, The Rise and Fall of Ameran Growth: The U. S. Standard of Living Since the Civil War, Princeton, NJ 2016; Michael Hiltzik, Iron Empires: Robber Barons, Railroads, and the Making of Modern America, Boston, MA 2020. Das Verständnis der Amerikaner vom Finanzmarkt unter kulturwissenschaftlichen Aspekten untersucht Peter Knight, Reading the Market: Genres of Financial Capitalism in Gilded Age America, Baltimore, MD 2018. Die umfassendste Darstellung zum Westen bietet The Oxford History of the American West, hrsg. v. Clyde A. Milner II., Carol A. O’Connor und Martha A. Sandweiss, New York / Oxford 1994. Vgl. daneben die gleichermaßen für den Westen, Chicago und den wirtschaftlichen Aufstieg der USA interessante Arbeit von William Cronon, Nature’s Metropolis: Chicago and the Great West, New York / London 1992. Mit der Geschichte indigener Nationen Nordamerikas nach dem Bürgerkrieg befasst sich C. Joseph Genetin-Pilawa, Crooked Paths to Allotment: The Fight Over Federal Indian Policy After the Civil War, Chapel Hill, NC 2012. Zu den Anfängen der Industrialisierung vgl. David R. Meyer, The Roots of American Industrialization, Baltimore, MD 2003. Mit der Geschichte des Eisenbahnwesens beschäftigen sich John F. Stover in American Railroads, Chicago, IL 1997 und Robert G. Angevine, The Railroad and the State: War, Politics, and Technology in Nineteenth-Century America, Stanford, CA 2004. Die Arbeiterbewegung und Arbeitsbedingungen untersuchen Hartmut Keil (Hrsg.), German Workers’ Culture in the United States, 1850 to 1920, Washington, DC / London 1988; Phillip Yale Nicolson, Labor’s Story in the United States, Philadelphia, PA 2004; Robert E. Weir und James P. Hanlan (Hrsg.), Historical Encyclopedia of American Labor, Westport, CT 2004; Eileen Boris und Nelson Lichtenstein (Hrsg.), Major Problems in the History of American Workers: Documents and Essays, Boston, MA ² 2003. Zur Einwanderung vgl. Mae M. Ngai und Jon Gjerde, Major Problems in American Immigration History: Documents and Essays, Boston, MA ² 2011; Donna R. Gabaccia und Vicki L. Ruiz (Hrsg.), American Dreaming, Global Realities: Rethinking U. S. Immigration History, Urbana, IL 2006; Thomas J. Archdeacon, Becoming American: An Ethnic History, New York 1983; Roger Anhang 522 <?page no="523"?> Daniels, Coming to America: A History of Immigration and Ethnicity in American Life, New York 1990; Reinhard R. Doerries, Iren und Deutsche in der Neuen Welt: Akkulturationsprozesse in der amerikanischen Gesellschaft im späten neunzehnten Jahrhundert, Wiesbaden 1986; Alexander Freund, Aufbrüche nach dem Zusammenbruch: Die deutsche Nordamerika-Auswanderung nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2004; Wolfgang Helbich et al. (Hrsg.), Briefe aus Amerika: Deutsche Auswanderer schreiben aus der Neuen Welt 1830-1930, München 1988. Zur Geschichte der Frauen vgl. Anne F. Scott, Natural Allies: Women’s Associations in American History, Urbana, IL 1992; dies., The Southern Lady: From Pedestal to Politics, 1830-1930, Charlottesville, VA 2 1995; Rosalyn Terborg-Penn, African American Women in the Struggle for the Vote, 1850-1920, Bloomington, IN 1998. Zu Kapitel 5: Imperialismus, progressive Reformbewegung und Erster Weltkrieg, 1897 - 1920 Eine Quellensammlung zum politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel Amerikas zur Zeit des Progressivismus wurde hrsg. von William A. Link und Susannah J. Link, The Gilded Age and Progressive Era: A Documentary Reader, Hoboken, NJ 2012. Wesentliche Aspekte werden in Quellen und Aufsätzen vorgestellt von Leon Fink (Hrsg.), Major Problems in the Gilded Age and the Progressive Era, Boston, MA 3 2015. Gesamtdarstellungen zur Geschichte der USA in der Zeit des Progressivism und des Ersten Weltkrieges bieten Sean Dennis Cashman, America in the Age of the Titans: The Progressive Era and World War I, New York / London 1988 und Jackson Lears, Rebirth of a Nation: The Making of Modern America, 1877-1920, New York 2009. Daneben sind als Einführungen zu empfehlen die an den Regierungszeiten der Präsidenten orientierten Arbeiten von Lewis L. Gould, The Presidency of William McKinley, Lawrence, KS 1980; ders., The Presidency of Theodore Roosevelt, Lawrence, KS 1991; Manfred Berg, Woodrow Wilson: Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biografie, München 2017. Besprochen wird diese Zeit außerdem übergreifend in Steven Hahn, A Nation Without Borders: The United States and Its World in an Age of Civil Wars, 1830-1910, New York 2016 und Alfred McCoy, Colonial Crucible: Empire in the Making of the Modern American State, Madison, WI 2009. Amerikanische Expansionspolitik untersuchen Paul T. McCartney, Power and Progress: American National Identity, the War of 1898, and the Rise of American Imperialism, Baton Rouge, LA 2005 und Susan K. Harris, God’s Arbiters: Americans and the Philippines, 1898-1902, New York 2011. Studien zum Zusammenhang von Rassismus und Imperialismus bieten Eric T. L. Love, Race over Empire: Racism and U. S. Imperialism, 1865-1900, Chapel Hill, NC 2004 und Gretchen Murphy, Shadowing the White Man’s Burden: U. S. Imperialism and the Problem of the Color Line, New York 2010. Die antiimperialistische Bewegung in ihrer aktivsten Zeit des Widerstands gegen die amerikanische Außenpolitik bespricht Michael Patrick Cullinane, Liberty and American Anti-Imperialism: 1898-1909, Basingstoke 2012. Zum Progressivismus vgl. Lewis L. Gould, Ame‐ rica in the Progressive Era, 1890-1914, New York 2001; Thomas Leonard, Illiberal Reformers: Race, Eugenics, and American Economics in the Progressive Era, Princeton, NJ 2017; Jacob Kramer, The New Freedom and the Radicals: Woodrow Wilson, Progressive Views of Radicalism, and the Origins of Repressive Tolerance, Philadelphia, PA 2015; Georg Schild, Zwischen Freiheit des Einzelnen 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 523 <?page no="524"?> und Wohlfahrtsstaat: Amerikanische Sozialpolitik im 20. Jahrhundert, Paderborn 2003. Zu race und Einwanderung zu empfehlen ist Cybelle Fox, Three Worlds of Relief: Race, Immigration, and the American Welfare State from the Progressive Era to the New Deal, Princeton, NJ 2012. Den Zusammenhang von Architektur und Reform beleuchtet Michael Osman in Modernism’s Visible Hand: Architecture and Regulation in America, Minneapolis, MN 2018. Zum Kampf der Afroamerikaner um Gleichberechtigung vgl. Manfred Berg, The Ticket to Freedom: Die NAACP und das Wahlrecht der Afro-Amerikaner, Frankfurt a. M. 2000; Patricia Sullivan, Lift Every Voice: The NAACP and the Making of the Civil Rights Movement, New York 2009; Louis R. Harlan, Booker T. Washington, 2 Bde., New York / Oxford 1972-1983; David L. Lewis, W. E. B. Du Bois: Biography of a Race, 1868-1919, New York 1993. Die Außenpolitik der USA vor dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg behandelt Patrick Devlin, Too Proud to Fight: Woodrow Wilson’s Neutrality, New York / Oxford 1975. Um Vorstellungen von Männlichkeit geht es in Mischa Honeck, Our Frontier Is the World: The Boy Scouts in the Age of American Ascendancy, Ithaca, NY 2018. Den deutsch-amerikanischen Beziehungen widmet sich Reinhard R. Doerries, Imperial Challenge, Chapel Hill, NC / London 1989. Zur Geschichte der Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg vgl. Roger Chickering und Stig Förster (Hrsg.), Great War, Total War: Combat and Mobilization on the Western Front, 1914-1918, New York 2000; David M. Kennedy, Over Here: The First World War and American Society, New York / Oxford 1980; Michael S. Neiberg, The Path to War: How the First World War Created Modern America, New York 2016; Celia Malone Kingsbury, For Home and Country: World War I Propaganda on the Home Front, Lincoln, NE 2010. Kulturhistorische Aspekte diskutiert Pearl James (Hrsg.), Picture This: World War I Posters and Visual Culture, Lincoln, NE 2009. Mit Veteranen, Trauer und Erinnerung befassen sich John Matthew, Paying with Their Bodies: American War and the Problem of the Disabled Veteran, Chicago, IL 2015; Lisa M. Budreau, Bodies of War: World War I and the Politics of Commemoration in America, 1919- 1933, New York 2010; Erika Kuhlman, Of Little Comfort: War Widows, Fallen Soldiers, and the Remaking of the Nation after the Great War, New York 2012. Christine E. Hallett untersucht die aktive Rolle von Frauen im Krieg, Veiled Warriors: Allied Nurses of the First World War, Oxford 2014. Die Geschichte afroamerikanischer Soldaten untersuchen Adriane Danette Lentz-Smith, Freedom Struggles: African Americans and World War I, Cambridge, MA 2009 und Chad Louis Williams, Torchbearers of Democracy: African American Soldiers and the Era of the First World War, Chapel Hill, NC 2010. Für eine Untersuchung zu Deutschamerikanern vor dem Ersten Weltkrieg vgl. Heike Bungert, Festkultur und Gedächtnis: Die Konstruktion einer deutschamerikanischen Ethnizität, 1848-1914, Paderborn 2016. Jörg Nagler, Nationale Minoritäten im Krieg: „Feindliche Ausländer“ und die amerikanische Heimatfront während des Ersten Weltkrieges, Hamburg 2000 befasst sich mit dem Schicksal der deutschstämmigen Amerikaner in der Zeit des Ersten Weltkrieges. Zu den Einwanderern aus Süd- und Südosteuropa siehe Christopher M. Sterba (Hrsg.), Good Americans: Italian and Jewish Immigrants During the First World War, Oxford 2003. Zur Entwicklung der transatlantischen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg: Ralph Dietl (Hrsg.), Begegnung zweier Kontinente: Die Vereinigten Staaten und Europa seit dem Ersten Weltkrieg, Trier 1999. Robert K. Murray, Red Scare: A Study in National Hysteria, 1919-1920, Minneapolis, MN 1955 und Mitchell Newton-Matza, The Espionage and Sedition Acts: World War Anhang 524 <?page no="525"?> I and the Image of Civil Liberties, London 2017 beleuchten die innenpolitischen Ereignisse der Jahre 1918 bis 1920. Zu Kapitel 6: Prosperität, Große Depression und Zweiter Weltkrieg, 1921 - 1945 Als Nachschlagewerk zur Geschichte Amerikas in den 20er Jahren bietet sich an: James Ciment (Hrsg.), Encyclopedia of the Great Depression and the New Deal, Armonk, NY 2003. Aus der Reihe Major Problems in American History liegt ein Band zu dieser Zeit vor, der wichtige Quellen und Aufsätze abdruckt: Colin Gordon (Hrsg.), Major Problems in American History, 1920-1945, Boston, MA 2 2011. Jon C. Teaford, The Twentieth-Century American City, Baltimore, MD 1993 befasst sich mit der Urbanisierung. Wichtige Aspekte der Konsumkultur werden bearbeitet von Gary Cross, Time and Money: The Making of Consumer Culture, London / New York 1993; Susan Matt, Keeping Up with the Joneses: Envy in American Consumer Society, 1890-1930, Philadelphia, PA 2003; James Flink, The Automobile Age, Cambridge, MA 1988; Susan Smulyon, Selling Radio: The Commercialization of American Broadcasting, 1920-1934, Washington, DC 1994. Kathleen M. Blee, Women of the Klan, Berkeley, CA 1991 und Felix Harcourt, Ku Klux Kulture: America and the Klan in the 1920s, Chicago, IL 2017 befassen sich mit der Geschichte des Ku-Klux-Klans im 20. Jahrhundert. Den religiösen Fundamentalismus behandelt George M. Marsdon, Fundamentalism and American Culture: The Shaping of Twentieth-Century Evangelicanism, 1870-1925, New York 1980. Zur Entstehung einer afroamerikanischen Kultur im Norden der USA vgl. Nathan Huggins, The Harlem Renaissance, New York 1971; ders., Voices from the Harlem Renaissance, New York 1994; Bruce Kellner (Hrsg.), The Harlem Renaissance: A Historical Dictionary for the Era, New York / London 1984. Erin D. Chapman untersucht die 1920er Jahre unter kultur- und geschlechterhistorischen Aspekten, Prove It On Me: New Negroes, Sex, and Popular Culture in the 1920s, New York 2012. Auf den Mittleren Westen konzentriert sich Jack S. Blocker, A Little More Freedom: African Americans Enter the Urban Midwest, 1860-1930, Columbus, OH 2018. Den schwarzen Nationalismus der 1920er Jahre untersucht Judith Stein, The World of Marcus Garvey: Race and Class in Modern Society, Baton Rouge, LA 1986. Zur Geschiche rassistischer Lynchjustiz und Gewalt gegen Afroamerikaner empfehlen sich Manfred Berg, Lynchjustiz in den USA, Hamburg 2014 und Silvan Niedermeier, Rassismus und Bürgerrechte: Polizeifolter im Süden der USA 1930-1955, Hamburg 2014. Ausführliche Arbeiten über Afroamerikaner und race relations in den 30er und 40er Jahren werden vorgelegt von Angie Maxwell, The Indicted South: Public Criticism, Southern Inferiority, and the Politics of Whiteness, Chapel Hill, NC 2014; Natalie J. Ring, The Problem South: Region, Empire, and the New Liberal State, 1880-1930, Athens, GA 2012; James Michael Martinez, A Long Dark Night: Race in America from Jim Crow to World War II, New York 2016. Die Frauenbewegung ist Gegenstand eines Sammelbandes, hrsg. v. Lois Scherf und Joan M. Jensen, Decades of Discontent: The Women’s Movement, 1920-1940, Boston, MA 1987. Zum Wahlrecht der Frauen: Ellen C. DuBois, Woman Suffrage and Women’s Rights, New York 1998. Zur Außenpolitik der 20er Jahre vgl. Frank Costigliola, Awkward Dominion: American Political, Economic, and Cultural Relations with Europe, 1919-1933, Ithaca, NY 1983; Emily Rosenberg, Spreading the American Dream: American Economic and Cultural Expansion, 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 525 <?page no="526"?> 1890-1945, New York 1982. Die Weltwirtschaftskrise behandeln David M. Kennedy, Freedom from Fear: The American People in Depression and War, 1929-1945, New York 1999; Kenneth J. Bindas, Modernity and the Great Depression: The Transformation of American Society, 1930- 1941, Lawrence, KS 2017; Charles Morris, Rabble of Dead Money: The Great Crash and the Global Depression: 1929-1939, New York 2017. Der New Deal wird zusammenfassend dargestellt von William E. Leuchtenburg, Franklin D. Roosevelt and the New Deal, 1932-1940, New York 2009; Jefferson Cowie, The Great Exception: The New Deal and the Limits of American Politics, Princeton, NJ 2017; Roger Biles, A New Deal for the American People, New York 1991. Wesentliche Darstellungen zur Außenpolitik Roosevelts stammen von Wayne S. Cole, Roosevelt and the Isolationists, 1932-1945, Lincoln, NE / London 1983; Robert Dallek, Franklin D. Roosevelt and American Foreign Policy, 1932-1945, New York / Oxford 1979. Als Einführung ist besonders geeignet die Darstellung und Quellensammlung von Detlef Junker, Kampf um die Weltmacht: Die USA und das Dritte Reich 1933-1945, Düsseldorf 1988. Mit Aspekten der deutschen Emigration in die Vereinigten Staaten befasst sich Sibylle Quack, Zuflucht Amerika: Zur Sozialgeschichte der Emigration deutsch-jüdischer Frauen in die USA 1933-1945, Bonn 1995. Eine Gesamtdarstellung zur jüdischen Emigration stammt von Richard Breitman und Alan M. Kraut, American Refugee Policy and European Jewry, 1933-1945, Bloomington / Indianapolis, IN 1987. Zu den Erfahrungen amerikanischer Juden vgl. Dan J. Puckett, In the Shadow of Hitler: Alabama’s Jews, the Second World War, and the Holocaust, Tuscaloosa, AL 2014. Hasia R. Diner, We Remember with Reverence and Love: American Jews and the Myth of Silence after the Holocaust, 1945-1962, New York 2009 widerlegt die verbreitete Annahme, amerikanische Juden hätten erst ab den 1960er Jahren dem Holocaust gedacht und zuvor mit Stillschweigen dessen Diskussion vermieden. Die Situation deutscher Einwanderer zur Zeit des Zweiten Weltkrieges schildert Timothy J. Holian, The German Americans and World War II: An Ethnic Experience, New York u. a. 1998. Interessant dazu auch die deutsche Einwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg: Alexander Freund, Ausbrüche nach dem Zusammenbruch: Frauen, Männer und Familien in der deutschen Nordamerika-Migration nach dem Zweiten Weltkrieg, Osnabrück 2001. Eine Darstellung der deutschen Sicht der Vereinigten Staaten bietet Philipp Gassert, Amerika im Dritten Reich: Ideologie, Volksmeinung und Propaganda, 1933-1945, Stuttgart 1997. Zum Zweiten Weltkrieg vgl. Gerhard Weinberg, Eine Welt in Waffen: Die globale Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Stuttgart 1995 und Michaela Hönicke Moore, Know Your Enemy: The American Debate on Nazism, 1933- 1945, Cambridge 2010. Wirtschaftshistorisch angelegt sind James T. Sparrow, Warfare State: World War II Americans and the Age of Big Government, New York 2011 und Mark R. Wilson, Destructive Creation: American Business and the Winning of World War II, Philadelphia, PA 2016. Paul Alkebulan, The African American Press in World War II: Toward Victory at Home and Abroad, Lanham, MD 2016 und Robert F. Jefferson, Fighting for Hope: African American Troops of the 93rd Infantry Division in World War II and Postwar America, Baltimore, MD 2010 betrachten den Zweiten Weltkrieg aus afroamerikanischer Perspektive. Für eine umfangreiche Darstellung der Inhaftierung von Amerikanern japanischer Herkunft siehe Greg Robinson, A Tragedy of Democracy: Japanese Confinement in North America, New York 2009 und Cherstin Lyon, Prisons and Patriots: Japanese American Wartime Citizenship, Civil Disobedience, and Historical Memory, Philadelphia, PA 2012. Auf die Erfahrung anderer ethnischer Gruppen gehen ein Kevin Scott Anhang 526 <?page no="527"?> Wong, Americans First: Chinese Americans and the Second World War, Philadelphia, PA 2008 und Selfa A. Chew, Uprooting Community: Japanese Mexicans, World War II, and the U. S.-Mexico Borderlands, Tucson, AZ 2016. Zur Rolle von Frauen während der Kriegszeit liegen vor: M. Michaela Hampf, Release a Man for Combat: The Women’s Army Corps During World War II, Köln 2010 und Melissa A. McEuen, Making War, Making Women: Femininity and Duty on the American Home Front, 1941-1945, Athens, GA 2011. Zur Nachkriegsplanung siehe Lloyd C. Gardner, Spheres of Influence: The Great Powers Partition Europe, from Munich to Yalta, Chicago, IL 1993; Georg Schild, Bretton Woods and Dumbarton Oaks: American Economic and Political Postwar Planning in the Summer of 1944, New York 1995. Die Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes und seine Perzeption des deutschen Widerstands haben aufgearbeitet Jürgen Heideking und Christof Mauch, USA und deutscher Widerstand: Analysen und Operationen des amerikanischen Geheimdienstes OSS, Tübingen 1993; Christof Mauch, Schattenkrieg gegen Hitler: Das Dritte Reich im Visier der amerikanischen Geheimdienste, 1941-1945, Stuttgart 1999. Zur kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vgl. John Bodnar, The Good War in American Memory, Baltimore, MD 2010. Kulturwissenschaftlich inspirierte Darstellungen zum Zweiten Weltkrieg stammen von Kelly Schrum, Some Wore Bobby Sox: The Emergence of Teenage Girls’ Culture, 1920-1945, New York 2004; Olaf Stieglitz, 100 Percent American Boys: Disziplinierungsdiskurse und Ideologie im Civilian Conservation Corps 1933-1942, Stuttgart 1999 und Christina S. Jarvis, The Male Body at War: American Masculinity during World War II, DeKalb, IL 2004; einen Vergleich des Reichsarbeitsdienstes in Deutschland und des Civilian Conservation Corps in den USA bietet Kiran Klaus Patel, Soldiers of Labor, Cambridge, MA 2005. Filmgeschichtliche Untersuchungen stammen von M. Todd Bennett, One World, Big Screen: Hollywood, the Allies, and Wold War II, Chapel Hill, NC 2012; Thomas Doherty, Hollywood and Hitler, 1933-1939, New York 2013 sowie Sebastian Haak und Bernd Wegner, The Making of the Good War: Hollywood, das Pentagon und die amerikanische Deutung des Zweiten Weltkriegs 1945- 1962, Paderborn 2013. Zu Kapitel 7: Liberaler Konsens und weltpolitische Hegemonie, 1946 - 1968 Der von Natasha Zaretsky et al. herausgegebene Band Major Problems in American History Since 1945: Documents and Essays, Boston, MA 4 2014 druckt wesentliche Quellen und Aufsätze zu zahlreichen Aspekten amerikanischer Nachkriegsgeschichte ab. Die Public Papers of the Presidents (Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson) enthalten v. a. Reden und Abdrucke der Pressekonferenzen. Die Zahl der Biographien ist kaum überschaubar, daher sei hier auf den deutschsprachigen Sammelband mit Kurzportraits der Präsidenten verwiesen: Christof Mauch (Hrsg.), Die Präsidenten der USA: 45 historische Portraits von George Washington bis Donald Trump, München 2018. Die Präsidentschaft Eisenhowers wird zudem besprochen in William I. Hitchcock, The Age of Eisenhower: America and the World in the 1950s, New York 2018. Der Sammelband Beyond the Cold War: Lyndon Johnson and the New Global Challenges of the 1960s, New York 2014, hrsg. von Francis J. Gavin und Mark Atwood Lawrence, rückt die Regierung Johnson in globale Perspektive. Zum Wiedererstarken des Konservatismus vgl. Laura Jane Gifford, The Center Cannot Hold: The 1960 Presidential Election and the Rise of Modern 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 527 <?page no="528"?> Conservatism, DeKalb, IL 2009 und David T. Courtwright, No Right Turn: Conservative Politics in a Liberal America, Cambridge, MA 2010. Den beginnenden Kalten Krieg behandeln John L. Gaddis, The Long Peace: Inquiries into the History of the Cold War, New York / Oxford 1987; Walter LaFeber, America, Russia, and the Cold War, 1945-1990, Boston, MA 6 2002; Thomas J. McCormick, America’s Half Century: United States Foreign Policy in the Cold War, Baltimore, MD / London 2 1995; Hajimu Masuda, Cold War Crucible: The Korean Conflict and the Postwar World, Cambridge, MA 2015. Medien und Propaganda betrachten Toby C. Rider, Cold War Games: Propaganda, the Olympics, and U. S. Foreign Policy, Chicago, IL 2016; Nicholas J. Schlosser, Cold War on the Airwaves: The Radio Propaganda War Against East Germany, Chicago, IL 2015 und Sönke Kunkel, Empire of Pictures: Global Media and the 1960s Remaking of American Foreign Policy, New York 2016. Innenpolitische Fragestellungen werden untersucht von Andrea Friedman, Citizenship in Cold War America: The National Security State and the Possibilities of Dissent, Amherst, MA 2014 und Matthew W. Dunne, A Cold War State of Mind: Brainwashing and Postwar American Society, Amherst, MA 2013. Kulturhistorische Untersuchungen zum Kalten Krieg stammen von Stanley Corkin, Cowboys as Cold Warriors: The Western and U. S. History, Philadelphia, PA 2004; Penny M. von Eschen, Satchmo Blows Up the World: Jazz Ambassadors Play the Cold War, Cambridge, MA 2004; Greg Barnhisel, Cold War Modernists: Art, Literature, and American Cultural Diplomacy, New York 2015; Catherine Gunther Kodat, Don’t Act, Just Dance: The Metapolitics of Cold War Culture, New Brunswick, NJ 2014; David Haven Blake, Liking Ike: Eisenhower, Advertising, and the Rise of Celebrity Politics, New York 2016. Um Religion im Kalten Krieg geht es in Jonathan Gorry, Cold War Christians and the Spectre of Nuclear Deterrence, 1945-1959, Basingstoke 2013. Die Erfahrung von Kindern rekonstruieren Marilyn Irvin Holt, Cold War Kids: Politics and Childhood in Postwar America, 1945-1960, Lawrence, KS 2014 und Margaret Peacock, Innocent Weapons: The Soviet and American Politics of Childhood in the Cold War, Chapel Hill, NC 2014. Zu den transatlantischen Beziehungen: Britta Waldschmidt-Nelson et al. (Hrsg.), The Transatlantix Sixties: Europe and the United States in the Counterculture Decade, Bielefeld 2013. Die amerikanische Deutschlandpolitik untersuchen Klaus-Dietmar Henke, Die amerikanische Besetzung Deutschlands, München 1995; Klaus Larres, Politik der Illusionen: Churchill, Eisenhower und die deutsche Frage 1945-1955, Göttingen 1995; Hermann-Josef Rupieper, Der besetzte Verbündete: Die amerikanische Deutschlandpolitik 1949- 1955, Opladen 1991; Thomas Schwartz, America’s Germany: John J. McCloy and the Federal Republic of Germany, Cambridge, MA / London 1991; Detlef Junker et al. (Hrsg.), Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges 1945-1990: Ein Handbuch, Stuttgart 2001. Mit der amerikanischen Wirtschaftspolitik und der Hilfe für Westeuropa befassen sich Gerd Hardach, Der Marshall-Plan, München 1994; Michael J. Hogan, The Marshall Plan: America, Britain, and the Reconstruction of Western Europe, 1947-1952, Cambridge, MA 1987; Wilfried Mausbach, Zwischen Morgenthau und Marshall: Das wirtschaftspolitische Deutschlandkonzept der USA 1944- 1947, Düsseldorf 1996. Ein Nachschlagewerk zum Vietnamkrieg bietet Stanley I. Kutler (Hrsg.), Encyclopedia of the Vietnam War, New York 1997. Überblicke bieten George C. Herring, America’s Longest War: The United States and Vietnam, 1950-1975, New York 5 2013 und Marc Frey, Geschichte des Vietnamkriegs: Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, München 10 2016. Aus der Reihe Major Problems in American History liegt zudem ein Band Anhang 528 <?page no="529"?> vor, der Quellen und Aufsätze zum Vietnamkrieg abdruckt: Robert J. McMahon (Hrsg.), Major Problems in the History of the Vietnam War, Boston, MA 4 2008. Die Unterstützer des Krieges beleuchtet Sandra Scanlon, The Pro-War Movement: Domestic Support for the Vietnam War and the Making of Modern American Conservatism, Amherst, MA 2013. Auf die Antikriegsbewegung fokussieren sich David L. Parsons, Dangerous Grounds: Antiwar Coffeehouses and Military Dissent in the Vietnam Era, Chapel Hill, NC 2017 und Judy Tzu-Chun Wu, Radicals on the Road: Internationalism, Orientalism, and Feminism During the Vietnam Era, Ithaca, NY 2013. Zur kollektiven Erinnerungskultur an den Vietnamkrieg vgl. David Kieran, Forever Vietnam: How a Divisive War Changed American Public Memory, Amherst, MA 2014. Zur innenpolitischen Entwicklung vgl. John M. Blum, Years of Discord: American Politics and Society, 1961-1974, New York 1991; William H. Chafe, The Unfinished Journey: America Since World War II, New York 8 2014; Richard M. Fried, Nightmare in Red: The McCarthy Era in Retrospective, New York 1990; Allen J. Matusow, The Unravelling of America: A History of Liberalism in the 1960s, New York 1984. Einen Überblick über die sich wandelnden wirtschaftlichen Bedingungen vermittelt Robert M. Collings, More: The Politics of Economic Growth in Postwar America, New York 2002. Die Entwicklung amerikanischer Städte und das Wachstum der Vororte untersuchen Kenneth Fox, Metropolitan America: Urban Life and Urban Policy in the United States, 1940-1980, Chicago, IL 1985; Kenneth T. Jackson, Crabgrass Frontier: The Suburbanization of America, New York 1985. Der Wettlauf ins All wird diskutiert von Yanek Mieczkowski, Eisenhower’s Sputnik Moment: The Race for Space and World Prestige, Ithaca, NY 2013 und Matthew D. Tribbe, No Requiem for the Space Age: The Apollo Moon Landings and American Culture, Oxford 2014. Susan Strasser schreibt über die Konsumgesellschaft in Satisfaction Guaranteed: The Making of the American Mass Market, Washington, DC 3 2000 sowie Waste and Want: A Social History of Trash, New York 1999. Die Bürgerrechtsbewegung behandeln Taylor Branch, Parting the Waters: America in the King Years, 1954-1963, New York 1988; ders., Pillar of Fire: America in the King Years, 1963- 1965, New York 1998; David Garrow, Bearing the Cross: Martin Luther King and the Southern Christian Leadership Conference, 1955-1968, New York 1986; Gary Dorrien, Breaking White Supremacy: Martin Luther King Jr. and the Black Social Gospel, New Haven, CT 2018; Britta Waldschmidt-Nelson, Dreams and Nightmares: Martin Luther King, Malcolm X, and the Struggle for Black Equality in America, Gainesville, FL 2012; Jeffrey A. Turner, Sitting In and Speaking Out: Student Movements in the American South, 1960-1970, Athens, GA 2010; Sean L. Malloy, Out of Oakland: Black Panther Party Internationalism during the Cold War, Ithaca, NY 2017. Die Bürgerrechtsbewegung im außenpolitischen Kontext wird behandelt in Christine Knauer, Let Us Fight as Free Men: Black Soldiers and Civil Rights, Philadelphia, PA 2014 und Vincent J. Intondi, African Americans Against the Bomb: Nuclear Weapons, Colonialism, and the Black Freedom Movement, Stanford, CA 2015. Für eine Geschichte der bewaffneten Selbstverteidigung innerhalb der Bürgerrechstbewegung siehe Simon Wendt, The Spirit and the Shotgun: Armed Resistance and the Struggle for Civil Rights, Gainesville, FL 2007. Frauenspezifische Themen der Bürgerrechtsbewegung werden aufgegriffen von Britta Waldschmidt-Nelson, From Protest to Politics: Schwarze Frauen in der Bürgerrechtsbewegung, Frankfurt a. M. 1998 und Anne Stefani, Unlikely Dissenters: White Southern Women in the Fight for Racial Justice, 1920-1970, Gainesville, FL 2015. Der massive Widerstand weißer Südstaatler gegen die Rassenintegration 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 529 <?page no="530"?> wird betrachtet in Elizabeth McRae, Mothers of Massive Resistance: White Women and the Politics of White Supremacy, New York 2018 und Clive Webb, Rabble Rousers: The American Far Right in the Civil Rights Era, Athens, GA 2010. Zu umwelthistorischen Aspekten: Dianne D. Glave und Mark Stoll (Hrsg.), To Love the Wind and the Rain: African Americans and Environmental History, Pittsburgh, PA 2006. Andere ethnische Gruppen in den Blick nehmen Cindy I-Fen Cheng, Citizens of Asian America: Democracy and Race during the Cold War, New York 2013; Daniel M. Cobb, Native Activism in Cold War America: The Struggle for Sovereignty, Lawrence, KS 2008; Cynthia Orozco, No Mexicans, Women, or Dogs Allowed: The Rise of the Mexican American Civil Rights Movement, Austin, TX 2009. Mit der Rolle von Frauen in der Gesellschaft befassen sich Babette Faehmel, College Women in the Nuclear Age: Cultural Literacy and Female Identity, 1940-1960, New Brunswick, NJ 2012; Vicki Vantoch, The Jet Sex: Airline Stewardesses and the Making of an American Icon, Philadelphia, PA 2013. Um Ideale von Männlichkeit geht es in Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten, Frankfurt / New York 2 2018. Mit Populärkultur befassen sich George Lipsitz, Time Passages: Collective Memory and American Popular Culture, Minneapolis, MN 1991; Erik Barnouw, Tube of Plenty: The Evolution of American Television, New York 1990; Thomas Doherty, Cold War, Cool Medium: Television, McCarthyism, and American Culture, New York 2003. Zu Kapitel 8: Krise des nationalen Selbstverständnisses und konservative Renaissance, 1969 - 1992 Eine Überblicksdarstellung zur Geschichte der USA während der Präsidentschaft Nixons und Fords stammt von Kim MacQuaid, The Anxious Years: America in the Vietnam Watergate Era, New York 1989. Politische Biographien zu Nixon und Ford legten vor: Stephen E. Ambrose, Nixon, 3 Bde., New York 1987-1991; Edward L. und Frederick H. Schapsmeier, Gerald R. Ford’s Date with Destiny, New York 1989. Zur Außenpolitik vgl. Andrew Preston und Frederik Logevall, Nixon in the World: American Foreign Relations, 1969-1977, New York 2008; Daniel J. Sargent, A Superpower Transformed: The Remaking of American Foreign Relations in the 1970s, New York 2015; Nicholas Evan Sarantakes, Dropping the Torch: Jimmy Carter, the Olympic Boycott, and the Cold War, Cambridge, MA 2011; Hal Brands, Making the Unipolar Moment: The U. S. Foreign Policy and the Rise of the Post-Cold War Order, Ithaca, NY 2016. Die neokonservativen Trends dieser Zeit sind Thema in Richard Moss, Creating the New Right Ethnic in 1970s America: The Intersection of Anger and Nostalgia, Madison, NJ 2017; Bruce J. Schulman und Julian E. Zelizer (Hrsg.), Rightward Bound: Making America Conservative in the 1970s, Cambridge, MA 2008 sowie Justin Vaïse und Arthur Goldhammer, Neoconservatism: The Biography of a Movement, Cambridge, MA 2010. Wirtschaftshistorische Perspektiven liefern Judith Stein, Pivotal Decade: How the United States Traded Factories for Finance in the Seventies, New Haven, CT 2010; Lane Windham, Knocking on Labor’s Door: Union Organizing in the 1970s and the Roots of a New Economic Divide, Chapel Hill, NC 2017; Benjamin C. Waterhouse, Lobbying America: The Politics of Business from Nixon to NAFTA, Princeton, NJ 2014. Zur kollektiven Erinnerungskultur nach Ende des Vietnamkrieges siehe Patrick Hagopian, The Vietnam War in American Memory: Veterans, Memorials, and the Politics of Healing, Amherst, MA 2012 und Viet Thanh Nguyen, Anhang 530 <?page no="531"?> Nothing Ever Dies: Vietnam and the Memory of War, Cambridge, MA 2016. Vgl. dazu in deutscher Sprache Andreas Margara, Der Amerikansiche Krieg: Erinnerungskultur in Vietnam, Berlin 2012. Zur Politik der USA in verschiedenen Weltregionen Günter Kast, Der schwierige Abschied von der Vorherrschaft: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die neue internationale Ordnung im asiatisch-pazifischen Raum, Münster 1998; Kai Dreisbach, Die USA und ASEAN: Amerikanische Außenpolitik und regionale Kooperation in Südostasien vom Vietnamkrieg bis zur Asienkrise, Trier 2004; Stephen G. Rabe, The Killing Zone: The United States Wages Cold War in Latin America, New York 2012. Zur Watergate-Krise vgl. neben der Darstellung der an der Aufdeckung der Affäre beteiligten Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein, The Final Days, New York 1976; Michael Schudson, Watergate in American Memory, New York 1992; Stanley J. Kutler, The Wars of Watergate: The Last Crisis of Richard Nixon, New York 1990. Woodward und Bernstein sind auch Teil der Diskussion der investigativen Presseberichterstattung in Jon Marshall, Watergate’s Legacy and the Pess: The Investigative Impulse, Evanston, IL 2011. Die Wirtschaftspolitik Reagans behandelt Benjamin Friedman, Day of Reckoning: The Consequences of American Economic Policy Under Reagan and After, New York 1988. Zu den Themen Einwanderung und Multikulturalismus vgl. Arthur M. Schlesinger, Jr., The Disuniting of America, New York 1992 sowie Reed Ueda, Postwar Immigrant America: A Social History, Boston, MA / New York 1994. Über die Lage der Afroamerikaner informieren Kenneth R. Janken, The Wilmington Ten: Violence, Injustice, and the Rise of Black Politics in the 1970s, Chapel Hill, NC 2015. Kimberley L. Phillips, War! What Is It Good For? Black Freedom Struggles and the U. S. Military from World War II to Iraq, Chapel Hill, NC 2012 bespricht den Kampf afroamerikanischer Soldaten gegen Rassismus. Aus feministischer Perspektive beleuchten die Geschlechterbeziehungen Susan Faludi, Backlash: The Undeclared War Against American Women, New York 1991 und Marilyn French, The War Against Women, New York 1992. Vgl. zudem Melissa Estes Blair, Revolutionizing Expectations: Women’s Organizations, Feminism, and American Politics, 1965-1980, Athens, GA 2014; Catherine Morris und Rujeko Hockley (Hrsg.), We Wanted a Revolution: Black Radical Women, 1965-1985, New York 2018; Dionne Espinoza, Maria Eugenia Cotera und Maylei Blackwell, Chicana Movidas: New Narratives of Activism and Feminism in the Movement Era, Austin, TX 2018. Mit der Geschichte der LGBTQ-Bewegung befasst sich Emily K. Hobson, Lavender and Red: Liberation and Solidarity in the Gay and Lesbian Left, Berkeley, CA 2016. Als Einführung zum Thema AIDS in den 1980er Jahren vgl. Richard A. McKay, Patient Zero and the Making of the AIDS Epidemic, Chicago, IL 2017 und Tamar W. Carroll, Mobilizing New York: AIDS, Antipoverty, and Feminist Activism, Chapel Hill, NC 2015. Zur Umweltgeschichte siehe Brian Allen Drake, Loving Nature, Fearing the State: Environmentalism and Antigovernment Politics before Reagan, Seattle, WA 2013, der das Verhältnis von Umweltbewegung und konservativer Politik ausleuchtet. Die kulturellen Wechselwirkungen zwischen den USA und Europa analysieren Alf Lüdtke, Inge Marssolek und Adelheid von Saldern (Hrsg.), Amerikanisierung: Traum und Alptraum des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996 und Richard H. Pells, Not Like Us: How Europeans Have Loved, Hated, and Transformed American Culture since World War II, New York 1997. Zur Geschichte der Vereinigten Staaten in den 1980er Jahren vgl. Douglas C. Rossinow, The Reagan Era: A History of the 1980s, New York 2015 und Daniel T. Rodgers, Age of Fracture, Cambridge, MA 2012. Zur Auseinandersetzung um die künftige Rolle Amerikas in der Weltpolitik vgl. Paul Kennedy, The 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 531 <?page no="532"?> Rise and Fall of the Great Powers, New York 1987 sowie Joseph Nye, Bound to Lead: The Changing Nature of American Power, New York 1990. Die Iran-Contra-Affäre betrachet Malcolm Byrne, Iran-Contra: Reagan’s Scandal and the Unchecked Abuse of Presidential Power, Lawrence, KS 2017 und Roger Craft Peace, A Call to Conscience: The Anti/ Contra War Campaign, Amherst, MA 2012 behandelt die Antikriegsbewegung und den Widerstand gegen den Contra-Krieg in Nicaragua. Das Ende des Kalten Krieges ist Gegenstand von Jeffrey A. Engel, When the World Seemed New: George H. W. Bush and the End of the Cold War, Boston, MA 2017. Die deutsche Vereinigung behandeln Elisabeth Pond, Beyond the Wall: Germany’s Road to Unification, Washington, DC 1993; Philip Zelikow und Condoleezza Rice, Germany Unified and Europe Transformed: A Study in Statecraft, Cambridge, MA / London 1995. Eine ausgewogene Darstellung zum Irak-Krieg stammt von Lawrence Freedman und Efraim Karsh, The Gulf Conflict, 1990-1991, Princeton, NJ 1993. Zum Golfkrieg vgl. Steve A. Yetiv, Explaining Foreign Policy: U. S. Decision-Making and the Persian Gulf War, Baltimore, MD 2004 und Lance W. Bennet und David L. Paletz (Hrsg.), The Media, Public Opinion, and U. S. Foreign Policy in the Gulf War, Chicago, IL / London 1994. Zu Kapitel 9: Die Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg Auf der Grundlage des Zensus von 1990 liegt eine Einführung vor, die zahlreiche Aspekte dieser Dekade berührt: Sam Roberts, Who We Are: A Portrait of America Based on the Latest U. S. Census, New York 1993. Vgl. auch Michael Golay und Carl Rollyson, Where America Stands, New York 1996 sowie Neil J. Smelser und Jeffrey C. Alexander (Hrsg.), Diversity and Its Discontents: Cultural Conflict and Common Ground in Contemporary American Society, Princeton, NJ 1999. Zur Entwicklung der amerikanischen Innenpolitik: Söhnke Schreyer, Neue Politiker und Parteiströmungen im US-Kongress: Zum Wandel der Struktur politischer Entscheidungsprozesse 1959-1994, Frankfurt a. M. 1997; Robert A. Rutland, The Democrats: From Jefferson to Clinton, Columbia, MO 1995; Michael Minkenberg, Die neue radikale Rechte im Vergleich: USA, Frankreich, Deutschland, Opladen 1998. Eine Bilanz von Clintons Amtszeit bieten Colin Campbell und Bert A. Rockman (Hrsg.), The Clinton Presidency: First Appraisals, Chatham, NJ 1996. Clintons politisches Verhältnis zu Afroamerikanern wird behandelt von Daryl A. Carter, Brother Bill: President Clinton and the Politics of Race and Class, Fayetteville, AR 2016. Das Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton wird betrachtet in Jeffrey A. Engel et al., Impeachment: An American History, New York 2018. Eine ausgezeichnete Diskussion der Clinton Präsidentschaft im größeren historischen Kontext bieten Patrick J. Maney, Bill Clinton: New Gilded Age President, Lawrence, KS 2016; Gil Troy, The Age of Clinton: America in the 1990s, New York 2015; Martin Schuldes, Retrenchment in the American Welfare State: The Reagan and Clinton Administrations in Comparative Perspective, Berlin 2011. Wichtige Darstellungen sind weiterhin Joseph Hayden, Covering Clinton: The President and the Press in the 1990s, Westport, CT 2002; Shawn J. Parry-Giles und Trevor Parry-Giles, Constructing Clinton: Hyperreality and Presidential Image-Making in Postmodern Politics, New York 2002; William C. Berman, From the Center to the Edge: The Politics and Policies of the Clinton Presidency, Lanham, MD 2001 sowie in deutscher Sprache Stephan G. Bierling, Die Clinton-Präsidentschaft: Ein Rückblick, München 2001. Mit der amerikanischen Wirtschaftspolitik beschäftigt sich Andrea Wuttke, Wirtschaftspolitik im Anhang 532 <?page no="533"?> Weißen Haus: Strategien und Entscheidungen der Clinton-Administration, Münster 2002. Die veränderte US-Außenpolitik nach Ende des Kalten Krieges in verschiedenen Weltregionen erläutern: Georg Schild, Die bedrohte Supermacht: Die Außen- und Sicherheitspolitik der USA nach dem Ende des Kalten Krieges, Opladen 2002; Russell Crandall, The United States and Latin America after the Cold War, New York 2008; Jörn Dorsch, Die Herausforderung des Multilateralismus: Amerikanische Asien-Pazifik Politik nach dem Kalten Krieg, Baden-Baden 2002; Terence Roehrig, Japan, South Korea, and the United States Nuclear Umbrella: Deterrence After the Cold War, New York 2017. Das transatlantische Verhältnis untersuchen Reinhard C. Meier-Walser und Susanne Luther (Hrsg.), Europa und die USA: Transatlantische Beziehungen im Spannungsfeld von Regio‐ nalisierung und Globalisierung, München 2001. Eine Untersuchung des Kosovo-Krieges bietet Michael Ignatieff, Virtual War: Kosovo and Beyond, London 2000. Zur Nahostpolitik siehe Keith Peter Kiely, U. S. Foreign Policy Discourse and the Israel Lobby: The Clinton Administration and the Israeli-Palestinian Peace Process, London 2017. Ausdruck der sich wandelnden weltpolitischen Lage ist auch die Diskussion um die Reform der Vereinten Nationen, insbesondere die Frage der ständigen Mitgliedschaft im UNO-Sicherheitsrat: vgl. Ernst-Otto Czempiel, Die Reform der UNO, München 1994. Über UNO-sanktionierte humanitäre Interventionen in Krisenregionen der Welt schreiben Michael Ignatieff und Amy Gutman, Human Rights as Politics and Idolatry, Princeton, NJ 2001. Vgl. zu diesem Thema auch David N. Gibbs, First Do No Harm: Humanitarian Intervention and the Destruction of Yugoslavia, Nashville, TN 2009. Noch immer diskutiert werden die Thesen von Samuel Huntington, Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Berlin 1998 (engl.: Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996) sowie ders., Who Are We? The Challenges to America’s National Identity, New York 2004. Einen Überblick über die USA als Einwanderungsgesellschaft bieten Hans Vorländer und Dietrich Herrmann, Nationale Identität und Staatsbürgerschaft in den USA: Der Kampf um Einwanderung, Bürgerrechte und Bildung in einer multikulturellen Gesellschaft, Opladen 2001. Der einwanderungsbedingte Wandel der Bevölkerungsstruktur ist Gegenstand von Patricia Nelson Limerick, Something in the Soil: Legacies and Reckonings in the New West, New York / London 2001. Zum Einfluss von Minderheiten auf das politische Geschehen vgl. Jeffrey D. Schultz (Hrsg.), Encyclopedia of Minorities in American Politics, Phoenix, AZ 2000. Den prägenden Einfluss von Minderheiten auf amerikanische Städte zeigen auf Mike Davis, Magical Urbanism: Latinos Reinvent the U. S. City, London 2001 sowie Jennifer Lee, Civility in the City: Blacks, Jews, and Koreans in Urban America, Cambridge, MA 2002. Die Geschichte der Latinos in den Vereinigten Staaten erläutert George Ochoa, Atlas of Hispanic-American History, New York 2001. Zur Geschichte der Einwanderer aus Asien vgl. Franklin Ng (Hrsg.), The History and Immigration of Asian Americans, New York 1998. Mit der dritten Welle der feministischen Bewegung befassen sich Lisa Levenstein, They Didn’t See Us Coming: The Hidden History of Feminism in the Nineties, New York 2020 und Cheryl Higashida, Black Internationalist Feminism: Women Writers of the Black Left, 1945-1995, Urbana, IL 2011. Simon Dickel beschäftigt sich mit dem Kampf um Gleichberechtigung von afroamerikanischen homosexuellen Männern in Black / Gay: The Harlem Renaissance, the Protest Era, and Constructions of Black Gay Identity in the 1980s and 90s, East Lansing, MI 2012. Vgl. zur Geschichte von race und Geschlecht außerdem Jürgen 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 533 <?page no="534"?> Martschukat und Olaf Stieglitz (Hrsg.), race & sex: Eine Geschichte der Neuzeit: 49 Schlüsseltexte aus vier Jahrhunderten neu gelesen, Berlin 2016. Zu Kapitel 10: Die USA zu Anfang des 21. Jahrhunderts Informationen und Hintergrundanalysen zum aktuellen Geschehen in den Vereinigten Staa‐ ten bieten neben einschlägigen deutschen Zeitungen und Wochenmagazinen The Economist, Newsweek, Time Magazine sowie die Washington Post und die New York Times. Ihre digitalen Angebote können aus Deutschland ebenso abgerufen werden wie die Programme der Fernseh‐ nachrichtensender (ABC, CBS, NBC, PBS, CNN, FOX). Die Amerika-Häuser in einer Reihe von deutschen Städten unterhalten Bibliotheken mit einer Vielzahl von Nachschlagewerken, Monographien und populären oder wissenschaftlichen Zeitungen und Zeitschriften; sie bieten mit Informationsveranstaltungen über Politik und Gesellschaft, Literatur und Film, Studienbe‐ ratungen etc. ein breitgefächertes Angebot. Zur Präsidentschaftswahl 2000 liegen Dutzende von Darstellungen vor, u. a. Robert Dallek, Hail to the Chief: The Making and Unmaking of American Presidents, New York 2001; Richard A. Posner, Breaking the Deadlock: The 2000 Election, the Constitution and the Courts, Princeton, NJ 2001. In deutscher Sprache vgl. Manuela Baldauf, Wahlkampf im Web: Eine Untersuchung der offiziellen Webseiten von George W. Bush und Al Gore im US-Präsidentschaftswahlkampf 2000, Wiesbaden 2002. Eine informative Aufsatzsammlung zum Urteil des Supreme Court stammt von Ronald Dworkin (Hrsg.), A Badly Flawed Election: Debating Bush v. Gore, the Supreme Court, and American Democracy, New York 2002. Zur Präsidentschaftswahl von 2004: Kathleen Hall Jamieson (Hrsg.), Electing the President, 2004: The Insider’s View, Philadelphia 2006. Ein wichtiger Sammelband stammt von Hans-Jürgen Puhle (Hrsg.), Supermacht im Wandel: Die USA von Clinton zu Bush, Frankfurt a. M. 2004. Eine deutschsprachige Einführung zu George W. Bush bietet Robert von Rimscha, George W. Bush: Präsident in Krisenzeiten, München 2001. Wichtig außerdem: Charlie Savage, Takeover: The Return of the Imperial Presidency and the Subversion of American Democracy, New York 2007 sowie Robert Draper, Dead Certain: The Presidency of George W. Bush, New York 2007. Eine Kritik der Kriegspolitik Bushs liefert Stephen F. Knott, Rush to Judgment: George W. Bush, the War on Terror, and His Critics, Lawrence, KS 2012. Übergreifend bespricht Bernard von Bothmer, Framing the Sixties: The Use and Abuse of a Decade from Ronald Reagan to George W. Bush, Amherst, MA 2010, wie Präsidenten die kollektive Erinnerung an die 1960er für das öffentliche Verständnis ihrer Politik nutzten. Zu den Hintergründen der Anschläge am 11. September 2001 vgl. Noam Chomsky, 9-11, New York 2001 sowie Petra Bendel, Im Schatten des Terrorismus: Hintergründe, Strukturen, Konsequenzen des 11. September 2001, Wiesbaden 2002 und Wolfgang Haug (Hrsg.), Angriff auf die Freiheit: Die Anschläge in den USA und die neue Weltordnung: Hintergründe, Analysen, Positionen, Grafenau 2001. Eine transatlantische Perspektive stammt von Simon Wendt, Tobias Endler, Till Karmann und Martin Thunert (Hrsg.), Zeitenwende 9 / 11? Eine transatlantische Bilanz, Opladen 2016. Die Auswirkungen auf die internationale Staatengemeinschaft beleuchten Ernst-Otto Czempiel, Weltpolitik im Umbruch: Die Pax Americana, der Terrorismus und die Zukunft der internationalen Beziehungen, München 2002 und Carol Winkler, In the Name of Terrorism: Presidents on Political Violence in the Post-World Anhang 534 <?page no="535"?> War II Era, Albany, NY 2006. Zum Irak-Krieg siehe Stephen John Hartnett und Laura Ann Stengrim, Globalization and Empire: The U. S. Invasion of Iraq, Free Markets, and the Twilight of Democracy, Tuscaloosa, AL 2006. Das Werk von Howard Zinn, Terrorism and War, New York 2002 wurde im gleichen Jahr in der deutschen Übersetzung veröffentlicht. Beth Bailey und Richard H. Immerman, Understanding the U. S. Wars in Iraq and Afghanistan, New York 2015 liefern einen eindrucksvollen Beitrag mit Handbuchcharakter. Vgl. zu außenpolitischen Fragestellungen außerdem Allison Stanger, One Nation under Contract: The Outsourcing of American Power and the Future of Foreign Policy, New Haven, CT 2009; Philipp Gassert und Alexander Emmerich, Amerikas Kriege, Darmstadt 2014 und Philipp Gassert und Michael Wala, Weltmacht USA, Stuttgart 2014. Eine Beurteilung des Status der konservativen Politik nach der Amtszeit George W. Bushs stammt von Joel D. Aberbach und Gillian Peele (Hrsg.), Crisis of Conservatism? The Republican Party, the Conservative Movement and American Politics after Bush, New York 2011. Vgl. auch David R. Farber, The Rise and Fall of Modern American Conservatism: A Short History, Princeton, NJ 2010. Vom republikanischen Kandidaten der Präsidentschafswahl 2008 John McCain liegt eine Autobiographie vor: John McCain (with Mark Salter), Worth the Fighting for: A Memoir, New York 2002. Die Präsidentschaft von Barack Obama wird ausgezeichnet behandelt von Julian E. Zelizer (Hrsg.), The Presidency of Barack Obama: A First Historical Assessment, Princeton, NJ 2018 und Peter Baker, Obama: The Call for History, New York 2019. Vgl. auch Michael D’Antonio, The Legacy of Barack Obama: A Consequential President, New York 2016. Als autobiographische Darstellungen von Barack Obama liegen vor: The Audacity of Hope: Thoughts on Reclaiming the American Dream, Edinburgh / New York 2007 und Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance, Edinburgh 2008. Vgl. zudem auch die Autobiographie von Michelle Obama, Becoming, New York 2018. Eine Sammlung der politischen Reden Obamas wurde herausgegeben von E. J. Dionne Jr. und Joy-Ann Reid, We Are the Change We Seek: The Speeches of Barack Obama, New York 2017. Vgl. dazu in der deutschen Übersetzung: Barack Obama, Worte müssen etwas bedeuten: Seine großen Reden, Berlin 2017. Eine historische Untersuchung der ökonomischen, sozialen, politischen sowie ideologischen Veränderungen in den USA seit den 1950er Jahren, die 2016 in der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten gemündet haben, stammt von John L. Campbell, American Discontent: The Rise of Donald Trump and Decline of the Golden Age, New York 2018. Zur demokratischen Kandidatin der Präsidentschaftswahl Clinton vgl. die Autobiographie: Hillary Rodham Clinton, Living History, New York 2004. Darstellungen über Trumps erste Zeit als Präsident liegen vor von den bekannten Enthüllungsjournalisten Michael Wolff, Fire and Fury: Inside the Trump White House, New York 2018; ders., Siege: Trump Under Fire, New York 2019 sowie Bob Woodward, Fear: Trump in the White House, New York 2018. Eine kurze Analyse, die neben politischen Aspekten auch kulturelle abdeckt, stammt von Georg Seeßlen, Trump! Populismus als Politik, Berlin 2017. Barbara Brodman und James E. Doan (Hrsg.), Utopia and Dystopia in the Age of Trump: Images from Literature and Visual Arts, Vancouver 2019 bieten eine weitere kulturwissenschaftliche Untersuchung der Ära Trump. Catherine Happer, Andrew Hoskins und William Merrin (Hrsg.), Trump’s Media War, London 2019 analysieren die konfliktreiche und problematische Beziehung Trumps zu den Medien. Siehe zu den (sozialen) Medien auch Romy Jaster und David Lanius, Die Wahrheit schafft sich ab: Wie Fake News Politik machen, Dizingen 2019 sowie Hans-Peter Rodenberg (Hrsg.), Trump: 1 Ausgewählte weiterführende Literatur 535 <?page no="536"?> Politik als Geschäft, Münster 2017. Eva Schweizer, Europa im Visier der USA: Das Ende der transatlantischen Freundschaft? Berlin 2017 untersucht das angespannte Verhältnis zwischen Washington und Europa. Vgl. hierzu auch die Analyse der politischen Dynamik in den USA von Josef Braml, Trumps Amerika - auf Kosten der Freiheit: Der Ausverkauf der amerikanischen Demokratie und die Folgen für Europa, Köln 2016. Zum Verhältnis der Regierung Trump zu internationalen Rechtsgemeinschaften siehe Harold Hongju Koh, The Trump Administration and International Law, New York 2019. Die Sprachwissenschaftlerin Jennifer Sclafani, Talking Donald Trump: A Sociolinguistic Study of Style, Metadiscourse, and Political Identity, London 2018 untersucht Trumps Kommunikationsverhalten aus soziolinguistischer Perspektive. Elaine Tyler May, Fortress America: How We Embraced Fear and Abandoned Democracy, New York 2017 betrachtet ein sich wandelndes Demokratieverständnis in den USA. Jesse H. Rhodes, Ballot Blocked: The Political Erosion of the Voting Rights Act, Stanford, CA 2017 diskutiert die Bedrohung des Wahlrechts und die Diskriminierung von Wählergruppen. Für eine ausgezeichnete Ideen‐ geschichte der #BlackLivesMatter-Bewegung vgl. Christopher J. Lebron, The Making of Black Lives Matter: A Brief History of an Idea, New York 2017. Mit der Situation von Afroamerikanern befassen sich außerdem: Pero-Gaglo Dagbovie, Reclaiming the Black Past: The Use and Misuse of African American History in the Twenty-First Century, New York 2018 sowie Keeanga-Yamahtta Taylor, From #BlackLivesMatter to Black Liberation, New York 2016. Zu kulturellen Entwick‐ lungen: Michael Kazin und Joseph A. McCartin (Hrsg.), Americanism: New Perspectives on the History of an Ideal, Chapel Hill, NC 2006. Eine historische Überprüfung der Ursprünge und Entwicklungen moderner Suchtbehandlung und ihrer Rehabilitationseinrichtungen stammt von Claire Clark, Recovery Revolution: The Battle Over Addiction Treatment in the United States, New York 2017. Aviva Chomsky, Undocumented: How Immigration Became Illegal, Boston, MA 2014 bespricht die Enstehung des Konzepts illegaler / undokumentierter Einwanderung und der damit verbundenen Absichten sowie Folgen. Vgl. zur Immigrationsgeschichte außerdem Julian Lim, Porous Borders: Multiracial Migrations and the Law in the U. S.-Mexico Borderlands, Chapel Hill, NC 2017. Eine umfangreiche Geschichte der LGBTQ-Bewegung in ihrem Kampf um Gleichberechtigung stammt von Lillian Faderman, The Gay Revolution: The Story of the Struggle, New York 2015. Zur Technikgeschichte siehe: James W. Cortada (Hrsg.), The Digital Hand: How Computers Changed the Work of American Manufacturing, Transportation, and Retail Industries, Oxford 2004. Anhang 536 <?page no="537"?> 2 Aufnahme der 50 Einzelstaaten in die Union Karte 6: Die fünfzig Einzelstaaten und die Daten ihrer Aufnahme in die Union Staat Abk. Aufnahme Staat Abk. Aufnahme 1. Delaware DE 07. 12. 1787 26. Michigan MI 26. 01. 1837 2. Pennsylvania PA 12. 12. 1787 27. Florida FL 03. 03. 1845 3. New Jersey NJ 18. 12. 1787 28. Texas TX 29. 12. 1845 4. Georgia GA 02. 01. 1788 29. Iowa IA 28. 12. 1846 5. Connecticut CT 09. 01. 1788 30. Wisconsin WI 29. 05. 1848 6. Massachusetts MA 06. 02. 1788 31. California CA 09. 09. 1850 7. Maryland MD 28. 04. 1788 32. Minnesota MN 11. 05. 1858 8. South Carolina SC 23. 05. 1788 33. Oregon OR 14. 02. 1859 9. New Hampshire NH 21. 06. 1788 34. Kansas KS 29. 01. 1861 10. Virginia VA 25. 06. 1788 35. West Virginia WV 20. 06. 1863 11. New York NY 26. 07. 1788 36. Nevada NV 31. 10. 1864 12. North Carolina NC 21. 11. 1789 37. Nebraska NE 01. 03. 1867 13. Rhode Island RI 29. 05. 1790 38. Colorado CO 01. 08. 1876 14. Vermont VT 04. 03. 1791 39. North Dakota ND 02. 11. 1889 15. Kentucky KY 01. 06. 1792 40. South Dakota SD 02. 11. 1889 16. Tennessee TN 01. 06. 1796 41. Montana MT 08. 11. 1889 17. Ohio OH 01. 03. 1803 42. Washington WA 11. 11. 1889 18. Louisiana LA 30. 04. 1812 43. Idaho ID 03. 07. 1890 19. Indiana IN 11. 12. 1816 44. Wyoming WY 10. 07. 1890 20. Mississippi MS 10. 12. 1817 45. Utah UT 04. 01. 1896 <?page no="538"?> 21. Illinois IL 03. 12. 1818 46. Oklahoma OK 16. 11. 1907 22. Alabama AL 14. 12. 1819 47. New Mexico NM 06. 01. 1912 23. Maine ME 15. 03. 1820 48. Arizona AZ 14. 02. 1912 24. Missouri MO 10. 08. 1821 49. Alaska AK 03. 01. 1959 25. Arkansas AR 15. 06. 1836 50. Hawaii HI 21. 08. 1959 Anhang 538 <?page no="539"?> 3 Zeittafel 30.000-12.000 v. Chr. Besiedlung Nordamerikas 1.000-1.300 n. Chr. Mississippi-Kultur 1565 Spanier gründen St. Augustine, Florida 1607 Jamestown, Virginia, als erste dauerhafte englische Ko‐ lonie auf dem nordamerikanischen Festland gegründet 1619 die ersten Afrikaner werden nach Virginia gebracht 1620 Pilgrims gründen Plymouth-Kolonie 1629 Puritaner gründen Massachusetts Bay-Kolonie 1634 Gründung von Maryland 1636 Roger Williams gründet Rhode Island 1637 Pequot-Wars gegen Indianer in Neuengland 1639 Siedler im Connecticut-Gebiet schließen sich zusammen 1663 Gründung der Carolina-Kolonie 1664 Briten übernehmen Neu-Amsterdam (New York) von den Niederländern 1681 William Penn gründet die Quäker-Kolonie Pennsylvania 1692 Hexenprozesse in Salem, Massachusetts 1732 Gründung von Georgia ab 1734 religiöse Erweckungsbewegung (Great Awakening) in Neuengland 1754 Beginn des French and Indian War; Benjamin Franklins Einigungsplan von Albany scheitert 1759 Eroberung von Quebec 1763 Friede von Paris: Kanada fällt an Großbritannien 1765 Stamp Act löst Protestwelle in den Kolonien aus 1770 Boston-Massaker fordert fünf Tote 1772 Kolonien richten Korrespondenzkomitees ein 1773 Boston Tea Party als Protest gegen Teesteuer 1774 britische Strafmaßnahmen gegen Massachusetts (Coer‐ cive Acts); erster Kontinentalkongress tagt in Philadel‐ phia <?page no="540"?> 1775 mit Gefechten bei Lexington und Concord, Massachu‐ setts, beginnt der Unabhängigkeitskrieg; zweiter Konti‐ nentalkongress tritt in Philadelphia zusammen 1776 Sieg bei Saratoga; Annahme einer Konföderationsverfas‐ sung (Articles of Confederation) durch den Kongress; sie wird bis 1781 von den Staaten ratifiziert 1778 Bündnis mit Frankreich 1781 britische Kapitulation in Yorktown 1783 Friedensvertrag von Paris bestätigt die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten 1787 Northwest Ordinance des Kongresses regelt Besiedlung und Organisation des Ohio-Gebiets Mai - September 1787 Verfassungskonvent in Philadelphia 1787 / 88 Alexander Hamilton, James Madison und John Jay ver‐ teidigen den Verfassungsentwurf in den Federalist Papers 1788 neue Bundesverfassung tritt in Kraft 1789 George Washington erster Präsident der USA 1790 Alexander Hamiltons Finanzprogramm vom Kongress angenommen 1791 Bill of Rights als Ergänzung zur Verfassung 1795 Jay Treaty mit Großbritannien 1796 Washingtons Farewell Address verurteilt Parteiengeist und warnt vor permanenten Bündnissen 1798 unerklärter Krieg gegen Frankreich 1801 Thomas Jefferson dritter Präsident der USA 1803 Kauf des Louisiana-Gebiets von Napoleon Marbury v. Madison bestätigt die Kompetenz des Sup‐ reme Court, Kongressgesetze für verfassungswidrig zu erklären 1804-05 Lewis und Clark-Expedition von St. Louis zum Pazifik 1812-14 Krieg gegen Briten und Indianer Dezember 1814 Friedensvertrag von Gent ab 1817 American Colonization Society fördert Rücksiedlung von Schwarzen nach Afrika 1820 Missouri-Kompromiss in der Sklavereifrage 1823 Monroe-Doktrin Anhang 540 <?page no="541"?> 1825 Eröffnung des Erie-Kanals 4. Juli 1826 Thomas Jefferson und John Adams sterben am 50. Jah‐ restag der Unabhängigkeitserklärung 1828 Baltimore and Ohio Railroad 1830 Indian Removal Act erlaubt Vertreibung der Indianer aus dem Gebiet östlich des Mississippi ab 1831 William Lloyd Garrison kritisiert die Sklaverei in der Zeitung The Liberator 1832 Antisklaverei-Gesellschaft in Neuengland gegründet 1832 / 33 Zollstreit zwischen der Bundesregierung und South Ca‐ rolina (Nullification Crisis) 1835 Alexis de Tocqueville: De la Démocratie en Amérique 1836 Siedler in Texas erklären ihre Unabhängigkeit von Me‐ xiko 1838 Vertreibung der „fünf zivilisierten Stämme“ (Trail of Tears) 1842 Überland-Treck von Siedlern nach Oregon beginnt 1845 Texas als Sklavenstaat in die Union aufgenommen 1846-48 Krieg gegen Mexiko 1846 Teilung des Oregon-Territoriums mit Großbritannien; Mormonen ziehen zum Großen Salzsee (Utah) ab 1847 starke Einwanderungswelle aus Irland und Deutschland 1848 „Goldrausch“ in Kalifornien Gründung der Free Soil Party Treffen von Frauenrechtlerinnen in Seneca Falls, New York Friedensvertrag von Guadalupe Hidalgo mit Me‐ xiko 1850 Aufnahme von Kalifornien als sklavenfreier Staat Skla‐ vereikompromiss im Kongress 1851 Gründung der fremdenfeindlichen American Party 1852 Harriet Beecher Stowe: Uncle Tom’s Cabin 1854 Kansas-Nebraska Act; Gründung der Republican Party 1857 Beginn einer Wirtschaftskrise sklavereifreundliches Urteil des Supreme Court im Fall Dred Scott v. Sanford 3 Zeittafel 541 <?page no="542"?> 1858 Lincoln-Douglas-Debatten in Illinois 1859 John Browns Überfall auf Harper’s Ferry 1860 Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten; South Caro‐ lina sagt sich als erster Staat von der Union los 1861 die Sezessionsstaaten bilden die Confederate States of America 12. April 1861 mit der Beschießung von Fort Sumter vor Charleston, South Carolina, beginnt der Amerikanische Bürgerkrieg 22. September 1862 Vorläufige Emanzipationserklärung (tritt am 1. 1. 1863 in Kraft) 1.-3. Juli 1863 Sieg des Nordens in der Schlacht von Gettysburg, Penn‐ sylvania 4. Juli 1863 Kongress richtet Freedmen’s Bureau für befreite Sklaven ein; Beginn der Reconstruction 1864 Eroberung von Atlanta, Georgia, General William T. Shermans „March to the Sea“; Wiederwahl Lincolns 9. April 1865 Kapitulation von General Robert E. Lee bei Appomattox Court House 14. April 1865 Ermordung Lincolns in Washington 1866 13. Amendment hebt die Sklaverei auf 1867 Alaska von Russland gekauft 1868 Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Andrew Johnson scheitert knapp; 14. Amendment sichert Afro-Amerikanern Bürgerrechte zu 1869 erste transkontinentale Eisenbahnverbindung 1870 15. Amendment gewährt männlichen Afro-Amerikanern das Wahlrecht 1871 Großbrand verwüstet Chicago 1872 Andrew Carnegie errichtet Stahlwerk in Pittsburgh 1873 Finanzpanik löst mehrjährige Wirtschaftskrise aus 1874 Women’s Christian Temperance Union beginnt Kampf gegen den Alkoholkonsum 1876 US-Kavallerieeinheit wird am Little Bighorn River, Mon‐ tana, von Indianern aufgerieben 1877 mit der Wahl von Rutherford B. Hayes zum Präsidenten endet die Reconstruction Anhang 542 <?page no="543"?> 1878 Gustavus Swift setzt Kühlwagen in der Fleischindustrie ein 1879 Thomas A. Edison erfindet die Glühbirne 1881 Ermordung von Präsident James A. Garfield Kongress schließt Chinesen von der Einwanderung aus 1883 Civil Service Act reformiert die Verwaltung 1885 erstes modernes Hochhaus in Chicago errichtet 1886 Bombenanschlag auf dem Haymarket in Chicago Gründung der American Federation of Labor (AFL) 1887 Dawes Severalty Act stellt Indianerpolitik auf neue Grundlage Interstate Commerce Commission reguliert das Eisen‐ bahnwesen 1889 Oklahoma wird für weiße Siedler geöffnet Beginn des Schlachtflottenbaus 1890 Massaker an Indianern bei Wounded Knee, South Dakota Alfred Thayer Mahan: The Influence of Seapower on History 1892 Gründung der populistischen People’s Party 1893 Beginn einer mehrjährigen Wirtschaftskrise Frederick Jackson Turner: The Significance of the Frontier in American History Weltausstellung in Chicago Interstate Commerce Commission; Sherman Anti-Trust Act 1895 Konflikt mit Großbritannien über Grenzziehung in Ve‐ nezuela 1896 Supreme Court erklärt in Plessy v. Ferguson die Rassen‐ trennung für verfassungskonform 1898 Krieg gegen Spanien; die USA erobern Kuba, Puerto Rico und die Philippinen; Hawaii und Guam werden annektiert 1900 Henry Ford beginnt in Dearborn, Michigan, mit der Fließbandproduktion von Automobilen 1901 Ermordung von Präsident William McKinley; Nachfol‐ ger Theodore Roosevelt 3 Zeittafel 543 <?page no="544"?> Gründung der Socialist Party 1903 Panama-Kanal-Vertrag 1904 Ergänzung der Monroe-Doktrin (Roosevelt Corollary) 1905 Präsident Roosevelt vermittelt im russisch-japanischen Krieg 1906 Erdbeben zerstört San Francisco 1909 Gründung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) 1912 Gründung der Progressive Party; Wahl Woodrow Wilsons zum Präsidenten 1913 Federal Reserve Act führt Zentralbanksystem ein 1914 Clayton Antitrust Act 1915 deutsches U-Boot versenkt britisches Passagierschiff „Lusitania“ 6. April 1917 Kriegserklärung an das Deutsche Reich 1918 Präsident Wilson schlägt Gründung eines Völkerbundes vor (Vierzehn-Punkte-Programm) 1919 US-Senat lehnt Versailler Vertrag und Völkerbund ab Unterdrückung und Deportation von Radikalen (Red Scare) 18. Amendment führt bundesweites Alkoholverbot (Pro‐ hibition) ein (1933 durch 21. Amendment wieder aufge‐ hoben) 1920 19. Amendment gewährt Frauenwahlrecht 1921 Washingtoner Flottenkonferenz der Großmächte 1924 National Origins Act begrenzt die Einwanderung durch ein Quotensystem Native Americans werden US-Staatsbürger Dawes-Plan zur Stabilisierung der europäischen Wirt‐ schaft 1927 Charles Lindbergh überquert im Alleinflug den Atlantik 1928 Briand-Kellogg-Pakt zur Kriegsächtung 1929 Kurssturz an der Wall Street löst Weltwirtschaftskrise aus; Young-Plan regelt deutsche Reparationsverpflich‐ tungen 1933 Präsident Franklin D. Roosevelt leitet das Reformpro‐ gramm des New Deal ein Anhang 544 <?page no="545"?> 1935-37 Kongress verabschiedet Neutralitätsgesetze 1935 Gründung des Congress of Industrial Organizations (CIO) 1940 Wiedereinführung der Wehrpflicht März 1941 Lend-Lease Act zur Unterstützung der Alliierten August 1941 Verkündung der Atlantic Charter 7. Dezember 1941 japanischer Überraschungsangriff auf Pearl Harbor 11. Dezember 1941 deutsche Kriegserklärung an die USA 1942 Internierung der Japaner an der Westküste 1943 Präsident Roosevelt fordert „unconditional surrender“ 1944 Landung der Alliierten in der Normandie Wirtschaftskonferenz von Bretton Woods, New Hamp‐ shire 1945 Jalta-Konferenz 12. April 1945 Tod Roosevelts in Warm Springs, Georgia; Nachfolger Harry S Truman 25. April 1945 Beginn der San Francisco-Konferenz; Gründung der Ver‐ einten Nationen 8. Mai 1945 Kapitulation des Deutschen Reiches Juli - August 1945 Konferenz von Potsdam August 1945 Abwurf von Atombomben auf Hiroshima (6.8.) und Na‐ gasaki (9.8.) 2. September 1945 Kapitulation Japans 1947 Truman-Doktrin und Beginn des Kalten Krieges Gründung des National Security Council (NSC) und der Central Intelligence Agency (CIA) 1948 Marshall-Plan vom Kongress verabschiedet; Luftbrücke für Berlin eingerichtet 1949 USA treten der NATO bei 1950-53 USA führen UNO-Koalition im Korea-Krieg 1951 22. Amendment begrenzt die Amtszeit des Präsidenten auf acht Jahre 1953 US-Interventionen im Iran und in Guatemala 1954 Höhepunkt der Kommunistenfurcht (McCarthyism) Supreme Court erklärt in Brown v. Board of Education 3 Zeittafel 545 <?page no="546"?> die Rassentrennung im Bildungswesen für verfassungs‐ widrig 1955 USA beteiligen sich an der Genfer Indochinakonferenz Vereinigung der AFL / CIO 1955 / 56 Martin L. King organisiert Busboykott in Montgomery, Alabama; Beginn der Bürgerrechtsbewegung 1957 Rassenunruhen in Little Rock, Arkansas Höhepunkt des „Baby Boom“ 1958 US-Intervention in Libanon November 1960 John F. Kennedy schlägt Richard Nixon im Präsident‐ schaftswahlkampf 1961 Invasion in der Schweinebucht auf Kuba scheitert August 1961 Berlinkrise nach Mauerbau Oktober 1962 Kubakrise 28. August 1963 „Marsch auf Washington“; Martin Luther Kings „I have a Dream“-Rede 22. November 1963 Ermordung John F. Kennedys in Dallas, Texas; Nachfol‐ ger Lyndon B. Johnson 1964 Civil Rights Act Eskalation des Vietnamkrieges nach Zwischenfall im Golf von Tongking 1965 Voting Rights Act Immigration Act löst das nationale Quotensystem ab 1966 Gründung der National Organization for Women (NOW) Januar 1968 Tet-Offensive des Vietcong 4. April 1968 Ermordung von Martin Luther King in Memphis, Ten‐ nessee 5. Juni 1968 Ermordung von Robert Kennedy in Los Angeles November 1968 Wahlsieg Richard M. Nixons 1969 American Indian Movement (AIM) besetzt Alcatraz Stonewall-Zwischenfall stößt Gay Liberation Movement an 21. Juli 1969 Apollo II-Mission landet auf dem Mond 1970 Invasion von Kambodscha löst neue Antikriegsproteste aus Einrichtung der Environmental Protection Agency (EPR) Anhang 546 <?page no="547"?> 1971 Veröffentlichung der Pentagon Papers 1972 Präsident Nixon besucht die Volksrepublik China Abschluss des SALT I-Abrüstungsvertrags in Moskau 1973 arabischer Ölboykott nach Yom-Kippur-Krieg Vietnam-Friedensschluss in Paris Supreme Court legalisiert in Roe v. Wade den Schwanger‐ schaftsabbruch in den ersten drei Monaten Kongress verabschiedet den War Powers Act 1974 Watergate-Skandal führt zum Rücktritt Präsident Ni‐ xons; Nachfolger Gerald R. Ford 1975 Fall von Saigon beendet den Vietnamkrieg 1977 Das Combahee River Collective veröffentlicht ein Ma‐ nifest, welches Systeme der Diskriminierung als ver‐ schränkt beschreibt 1978 Präsident Jimmy Carter vermittelt Camp David-Frie‐ densabkommen zwischen Ägypten und Israel 1979 Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Volksre‐ publik China Revolution im Iran und Geiselnahme in der Teheraner US-Botschaft sowjetische Invasion in Afghanistan; SALT II-Vertrag scheitert im Senat November 1980 Ronald W. Reagan besiegt Präsident Carter 1981 Freilassung der Geiseln in Teheran US-Intervention in Nicaragua September 1982 Die Centers for Disease Control and Prevention verwenden zum ersten Mal den Begriff AIDS 1983 US-Intervention in Grenada, Karibik 1984 mit Geraldine Ferraro tritt erstmals eine Frau als Vize‐ präsidentschaftskandidatin an 1986 Iran-Contra-Affäre 1989 US-Intervention in Panama 1991 USA führen Koalition im Golfkrieg gegen Irak Auflösung der Sowjetunion beendet Kalten Krieg 1992 Rassenunruhen in Los Angeles 3 Zeittafel 547 <?page no="548"?> Bill Clinton schlägt Präsident George Bush Beginn eines Wirtschaftsbooms 1993 US-Intervention in Somalia scheitert USA vermitteln Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinensern 1994 US-Intervention in Haiti Sieg der Republikaner bei den Kongresswahlen 1995 US-Intervention beendet Bosnien-Krieg 1996 Wiederwahl Clintons; die zweite Amtszeit ist von Affä‐ ren überschattet August 1998 Bombenanschläge auf US-Botschaften in Kenia und Tan‐ sania Vergeltungsschläge der USA in Afghanistan und im Sudan Dezember 1998 britisch-amerikanische Luftangriffe auf den Irak Einleitung eines Impeachment-Verfahrens gegen Präsi‐ dent Clinton durch das US-Repräsentantenhaus März 1999 Beginn des Kosovo-Krieges April 1999 in Littleton, Colorado, erschießen 2 Jugendliche 12 Mit‐ schüler und eine Lehrkraft November und Dezember 1999 WTO-Treffen in Seattle, heftige Proteste von Globalisie‐ rungsgegnern Dezember 1999 Übergabe der offiziellen Kontrolle über den Panamaka‐ nal an die Regierung von Panama Januar 2000 in der größten Fusion der Wirtschaftsgeschichte kauft America Online (AOL) den Medienkonzern Time War‐ ner für 165 Mrd. US-Dollar November 2000 Al Gore gewinnt die Mehrzahl der Stimmen bei den Präsidentenwahlen Dezember 2000 allerdings wird George W. Bush (der Sohn des ehemali‐ gen Präsidenten George Bush) nach einer Entscheidung des Supreme Court zum Sieger der Präsidentenwahlen erklärt April 2001 Konfrontation zwischen China und den USA über ame‐ rikanische Spionageaktivitäten 11. September 2001 Terroranschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon Anhang 548 <?page no="549"?> Oktober 2001 die USA und Großbritannien beginnen mit Luftangriffen auf Afghanistan; der Patriot Act wird verabschiedet Oktober und November 2001 eine Serie von Anschlägen mit dem Milzbranderreger Anthrax versetzt das Land in Unruhe Dezember 2001 Enron meldet Bankrott an, der bis dahin größte Zusam‐ menbruch eines Unternehmens in der US-Geschichte Januar 2002 in seiner ersten Rede zur Lage der Nation beschreibt Präsident Bush die Staaten Nordkorea, Iran und Irak als eine „axis of evil“ September 2002 neue Sicherheitsdoktrin erlaubt die präventive Anwen‐ dung von Gewalt November 2002 nach den Wahlen zum Kongress kann sich Präsident Bush auf Mehrheiten in beiden Kammern stützen Dezember 2002 Jimmy Carter erhält den Friedensnobelpreis Januar 2003 Gründung des Department of Homeland Security Februar 2003 Raumfähre Columbia verunglückt bei der Rückkehr aus dem Weltall März 2003 Raketenangriffe auf Ziele in Bagdad markieren den Be‐ ginn des von den USA geführten Krieges gegen den Irak; im April besetzen US-Truppen Bagdad Mai 2003 vom Deck des Flugzeugträgers Abraham Lincoln aus erklärt Präsident Bush den Krieg gegen den Irak in der Hauptsache für beendet August 2003 größter Stromausfall in der Geschichte der USA, insbe‐ sondere im Norden und Osten einschließlich New York City Mai 2004 Bilder, die die Misshandlung von irakischen Häftlingen in US-Gewahrsam zeigen, schockieren die Weltöffent‐ lichkeit Juli 2004 aus einem Senatsbericht geht hervor, dass die USA den Krieg gegen den Irak aufgrund von „fehlerhafter“ Infor‐ mation begonnen haben; das Versagen von Regierung und Geheimdiensten wird bemängelt November 2004 Wiederwahl von Präsident George W. Bush; die Amts‐ einführung findet am 20. Januar 2005 statt August 2005 Hurrikan Katrina, ein Sturm der Stärke 5, trifft die Golfküste, zwei Schutzdämme brechen und überfluten große Teile der Stadt New Orleans, mehrere hundert Tote September 2005 der konservative Jurist John Roberts ersetzt den verstor‐ benen William H. Rehnquist als Obersten Richter am Supreme Court 3 Zeittafel 549 <?page no="550"?> Januar 2007 die demokratische Abgeordnete Nancy Pelosi wird als erste Frau zur Sprecherin des US-Repräsentantenhauses gewählt April 2007 Amoklauf an der Virginia Tech University in Blacksburg, Virginia August 2007 Präsident Bush unterzeichnet ein Gesetz, das die Befug‐ nisse des Geheimdienstes NSA drastisch erweitert: Auch ohne Gerichtsentscheid ist die Überwachung elektron‐ ischer Kommunikation mit dem Ausland legal März 2008 Senator John McCain behauptet sich im Vorwahlkampf der Republikaner als Präsidentschaftskandidat seiner Partei Juni 2008 Im Fall District of Columbia v. Heller urteilt der Supreme Court, dass U. S. Bürger das Recht auf Waffenbesitz zur Selbstverteidigung haben September 2008 Die Investmentbank Lehman Brothers beantragen Insol‐ venz November 2008 Der demokratische Senator Barack Obama wird zum ersten Schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt Januar 2009 Lilly Ledbetter Fair Pay Act Januar 2010 Im Fall Citizens United v. Federal Election Commission urteilt der Supreme Court, dass Konzerne und Vereine uneingeschränkt Finanzmittel für Wahlen bereitstellen dürfen März 2010 Patient Protection and Affordable Care Act (Obamacare) April 2010 Die Ölbohrinsel Deepwater Horizon löst eine Ölpest im Golf von Mexiko aus Mai 2011 Osama Bin Laden, der Anführer der militanten Organisa‐ tion Al-Qaeda, wird von US-Truppen in Pakistan getötet Dezember 2011 Die USA erklären den Irak-Krieg für beendet August 2012 NASA’s autonomer Rover Curiosity landet auf dem Mars November 2012 Barack Obama wird für eine zweite Amtszeit als Präsi‐ dent der Vereinigten Staaten bestätigt Mai 2013 Edward Snowden, der ehemalige Angestellte der NSA, flieht nach Russland, nachdem er Informationen über ihre umfangreichen Internet- und Telefonüberwachun‐ gen weitergegeben hat Juli 2013 Der Freispruch George Zimmermans, des mutmaßlichen Mörders des schwarzen Teenagers Trayvon Martin, löst die #BlackLivesMatter Bewegung aus Anhang 550 <?page no="551"?> August - November 2014 Der unbewaffnete schwarze Teenager Michael Brown wird von dem weißen Polizisten Darren Wilson erschos‐ sen. Dies löst Aufstände in Ferguson aus. Nach dem Freispruch Wilsons kommt es erneut zu Unruhen Juni 2015 Ein weißer Rassist erschießt neun Afroamerikaner in einer Kirche in Charleston Der Supreme Court legalisiert die gleichgeschlechtliche Ehe in allen 50 Staaten (Obergefell v. Hodges) November 2016 Der republikanische Kandidat Donald Trump wird zum Präsidenten der USA gewählt Oktober 2017 Der Skandal um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein löst die #MeToo Debatte aus Dezember 2018 Zwei Kinder sterben in Aufnahmelager für Migranten an der mexikanisch-amerikanischen Grenze Mai 2019 Der Equality Act wird verabschiedet August 2019 Zwei Massenschießereien finden innerhalb kurzer Zeit statt - 03.08. in El Paso, Texas und 04.08. in Dayton, Ohio - und sorgen erneut für Proteste gegen den legalen Privatbesitz von Waffen Dezember 2019 Das Abgeordnetenhaus stimmt für eine Amtsenthebung Trumps Februar 2020 Der Senat stimmt gegen eine Amtsenthebung Trumps März 2020 Die World Health Organization (WHO) stuft COVID-19 als weltweite Pandemie ein. Nach vermehrten Ausbrü‐ chen begeben sich 32 US-Staaten in einen Lockdown. Das Weiße Haus und der Senat stimmen für ein Kon‐ junkturpaket, um die Wirtschaft anzukurbeln April 2020 22 Millionen US-Amerikaner melden sich infolge der COVID-19 Pandemie arbeitslos; nur während der Gro‐ ßen Depression gab es mehr Arbeitslose Mai 2020 Der Afroamerikaner George Floyd wird in Minneapolis bei einer Polizeikontrolle getötet; dies löst in den USA und weltweit zahlreiche Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus Juni 2020 Der Supreme Court entscheidet in Bostock v. Clayton County, GA, dass der Civil Rights Act von 1964 auch vor einer Diskriminierung aufgrund des Geschlechts schützt Juli 2020 Die USA leiden unter einer zweiten Welle der COVID-19 Pandemie; jeden Tag gibt es tausende Neuinfektionen Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt halten an 3 Zeittafel 551 <?page no="552"?> August 2020 Die Demokratische Partei nominiert Joseph Biden als Präsidentschaftskandidat und Kamala Harris als Vize‐ präsidentschaftskandidatin für die Wahl 2020 Anhang 552 <?page no="553"?> 4 Die Präsidenten und Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten Präsidenten, Vizepräsi‐ denten Amtsdauer Parteizugehörig‐ keit 1. George Washington 1789-1797 Federalist John Adams 1789-1797 Federalist 2. John Adams 1797-1801 Federalist Thomas Jefferson 1797-1801 Democrat-Republi‐ can 3. Thomas Jefferson 1801-1809 Democrat-Republi‐ can Aaron Burr, George Clinton 1801-1805 1805-1809 Democrat-Republi‐ can 4. James Madison 1809-1817 Democrat-Republi‐ can George Clinton, Elbridge Gerry* 1809-1813 1813-1817 Democrat-Republi‐ can 5. James Monroe 1817-1825 Democrat-Republi‐ can Daniel D. Tompkins 1817-1825 Democrat-Republi‐ can 6. John Quincy Adams 1825-1829 National-Republican John C. Calhoun 1825-1829 Democrat-Republi‐ can 7. Andrew Jackson 1829-1837 Democrat John C. Calhoun Martin Van Buren* 1829-1832 1833-1837 Democrat 8. Martin Van Buren 1837-1841 Democrat Richard M. Johnson 1837-1841 Democrat 9. William Henry Harrison 1841 (gest.) Whig John Tyler 1841 Whig 10. John Tyler 1841-1845 Whig * - - 11. James K. Polk 1845-1849 Democrat George M. Dallas 1845-1849 Democrat <?page no="554"?> 12. Zachary Taylor 1849-1850 (gest.) Whig Millard Fillmore* 1849-1850 Whig 13. Millard Fillmore 1850-1853 Whig * - - 14. Franklin Pierce 1853-1857 Democrat William R. King 1853-1857 Democrat 15. James Buchanan 1857-1861 Democrat John C. Breckinridge 1857-1861 Democrat 16. Abraham Lincoln 1861-1865 (erm.) Republican Hannibal Hamlin Andrew Johnson 1861-1865 1865 Republican, Democrat 17. Andrew Johnson 1865-1869 Republican * - - 18. Ulysses S. Grant 1869-1877 Republican Schuyler Colfax, Henry Wilson* 1869-1873, 1873-1875 Republican 19. Rutherford B. Hayes William A. Wheeler 1877-1881 1877-1881 Republican 20. James A. Garfield 1881 (erm.) Republican Chester A. Arthur 1881 Republican 21. Chester A. Arthur 1881-1885 Republican * - - 22. Grover Cleveland 1885-1889 Democrat Thomas A. Hendricks* 1885 Democrat 23. Benjamin Harrison 1889-1893 Republican Levi P. Morton 1889-1893 Republican 24. Grover Cleveland 1893-1897 Democrat Adlai E. Stevenson 1893-1897 Democrat 25. William McKinley 1897-1901 (erm.) Republican Garret A. Hobart* Theodore Roosevelt* 1897-1899 1901 Republican 26. Theodore Roosevelt 1901-1909 Republican Anhang 554 <?page no="555"?> Charles W. Fairbanks* 1905-1909 Republican 27. William H. Taft 1909-1913 Republican James S. Sherman* 1909-1912 Republican 28. Woodrow Wilson 1913-1921 Democrat Thomas R. Marshall 1913-1921 Democrat 29. Warren G. Harding 1921-1923 (gest.) Republican Calvin Coolidge* 1921-1923 Republican 30. Calvin Coolidge 1923-1929 Republican Charles G. Dawes 1925-1929 Republican 31. Herbert C. Hoover 1929-1933 Republican Charles Curtis 1929-1933 Republican 32. Franklin D. Roosevelt 1933-1945 (gest.) Democrat John N. Garner Henry A. Wallace Harry S. Truman 1933-1941 1941-1945 1945 Democrat 33. Harry S. Truman 1945-1953 Democrat Alben W. Barkely* 1949-1953 Democrat 34. Dwight D. Eisenhower 1953-1961 Republican Richard M. Nixon 1953-1961 Republican 35. John F. Kennedy 1961-1963 (erm.) Democrat Lyndon B. Johnson 1961-1963 Democrat 36. Lyndon B. Johnson 1963-1969 Democrat Hubert H. Humphrey* 1965-1969 Democrat 37. Richard M. Nixon 1969-1974 (Rücktritt) Republican Spiro T. Agnew, Gerald R. Ford 1969-1973, 1973-1974 Republican 38. Gerald R. Ford 1974-1977 Republican Nelson A. Rockefeller 1974-1977 Republican 39. Jimmy Carter 1977-1981 Democrat Walter F. Mondale 1977-1981 Democrat 40. Ronald Reagan 1981-1989 Republican 4 Die Präsidenten und Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten 555 <?page no="556"?> George H. W. Bush 1981-1989 Republican 41. George H. W. Bush 1989-1993 Republican J. Danforth Quayle 1989-1993 Republican 42. William J. Clinton. 1993-2001 Democrat Albert Gore Jr. 1993-2001 Democrat 43. George W. Bush 2001-2009 Republican Richard B. Cheney 2001-2009 Republican 44. Barack H. Obama. 2009-2017 Democrat Joseph R. Biden Jr. 2009-2017 Democrat 45. Donald J. Trump 2017- Republican Michael R. Pence 2017- Republican * Das Amt des Vizepräsidenten blieb zeitweise unbesetzt. Dies war in der Geschichte der USA insgesamt 16-mal der Fall. Seit 1967 regelt der 25. Verfassungszusatz die Nachfolge für den Fall, dass der Vizepräsident vorzeitig aus dem Amt scheidet. [nach: Sautter, Udo 2000 Die Vereinigten Staaten: Daten, Fakten, Dokumente. Stuttgart: UTB, US Senate (www.senate.gov), US National Archives and Records Administration (www.archives.gov).] Anhang 556 <?page no="557"?> 5 Personenregister Abernathy, Ralph 327 Acheson, Dean 288, 290, 292f., 300, 337 Adams, Abigail 53, 93 Adams, Herbert B. 181 Adams, John 35, 44, 46, 53f., 61, 75f., 79, 83-87, 97f., 104 Adams, John Quincy 79, 92, 98-100, 103, 108, 121-123, 133, 401 Adams, Samuel 44-46, 68 Addams, Jane 213, 224 Adenauer, Konrad 323 Adorno, Theodor 274 Agassiz, Louis 187 Agnew, Spiro 352 Aguinaldo, Emilio 205 Ahmadinedschad, Mahmud 458 al-Alawi, Ahmad 418 al-Assad, Baschar 449f., 457 Albright, Madeleine K. 393, 431 Alexander, Michelle 499 Alexander I. von Russland 100 Alito, Samuel 427 Allen, Richard 56 Allende, Salvador 371 al-Sistani, Ali 418 Ames, Aldrich 379 Anderson, John B. 359 Anneke, Mathilde Franziska 138 Anthony, Susan B. 188 Arafat, Jassir 370, 394 Arendt, Hannah 274 Arias, Oscar 373 Aristide, Jean-Bertrand 385 Armstrong, Louis 245 Arthur, Chester A. 183, 199 Ashcroft, John 405 as-Sadat, Anwar 352f., 357 Atkinson, Michael 485 Attlee, Clement 283 Bahr, Egon 324 Bailyn, Bernard 46 Baker, Ella 327 Baker, James 373, 375, 377 Baltimore, George Calvert Earl of 21 Bancroft, George 181 Banneker, Benjamin 56 Bannon, Stephen 477 Barbie, Klaus 290 Barlow, Joel 81 Bartholdy, Frédéric Auguste 175 Baruch, Bernard 227 Beard, Charles A. 211 Beck, Ludwig 279 Beecher, Lyman 115f. Beecher Stowe, Harriet 116 Beethoven, Ludwig van 93 Begin, Menachim 357, 370 Belknap, Jeremy 81 Bell, Alexander G. 180 Bell, Daniel 313, 364 Bell, John 146 Bellamy, Edward 190 Berger, Victor 221 Berle, Adolf A. Jr. 257 Bernard, Francis 44 Bernstein, Carl 352 Biden, Beau 474 Biden, Hunter 485 Biden, Joseph „Joe“ 445, 450f., 474, 485f., 491f. bin Laden, Osama 394, 411-414, 420, 452f., 462, 470 Birney, James G. 130 Bismarck, Otto v. 156, 185, 347 Blackstone, Sir William 34, 47 Blackwell, Henry 188 Blades, Joan 423 Blair, Dennis 457 Bloomberg, Michael 492, 506 Bohlen, Charles 290 Bolingbroke, Henry St. John, Viscount 35, 47 <?page no="558"?> Booker, Cory 491 Booth, John Wilkes 155 Born, Max 277 Bourne, Randolph 218 Boyd, Wes 423 Brandeis, Louis D. 264 Brando, Marlon 308 Brandt, Willy 323, 349 Braun, Carol Mosely 382 Braun, Wernher von 290 Brecht, Bertolt 274 Breckinridge, John C. 146 Brennan, John O. 453 Breschnew, Leonid 349, 358 Breyer, Stephen 396 Briand, Aristide 249 Brinckley, Alan 393 Brown, H. Rap 335 Brown, John 143, 146 Brown, Michael 426 Bruni, Frank 412 Brüning, Heinrich 252, 274 Bryan, William Jennings 194, 205, 208, 224f., 243 Bryce, James 184 Brzezinski, Zbigniew 358 Buchanan, James 135, 143f., 147, 404 Buglioni, Vincent 404 Bundy, McGeorge 321 Buneau-Varilla, Philippe 206 Burger, Warren E. 342 Burgoyne, John 59 Burke, Edmund 33, 48 Burr, Aaron 84f. Bush, Barbara 401 Bush, Billy 476 Bush, George 341, 366, 373, 375-382 Bush, George W. 301, 364, 375, 379f., 383-385, 391, 401-407, 409-417, 419-431, 436f., 441, 444-446, 448-450, 452f., 456f., 459, 466, 473, 477, 498, 510 Bush, Jeb 401, 427, 473 Bush, Laura 402 Butler, Richard 394 Buttigieg, Pete 491f. Byrnes, James F. 283, 292 Calamity Jane (Martha Jane Cannary) 168 Calhoun, John C. 91, 122, 126, 128, 133f., 137, 141 Calley, William L 348 Canaris, Wilhelm 279 Capone, Alphonse „Al“ 239 Card, Andrew 428 Carmichael, Stokely 335 Carnegie, Andrew 180, 205, 224 Caro, Robert 446 Carson, Ben 474, 477 Carter, James Earl „Jimmy“ 341, 356-360, 366, 369, 371f., 375, 383, 415 Casey, William 372 Cass, Lewis 139 Castro, Fidel 312, 317f., 322, 334 Castro, Julian 491 Castro, Raúl 471 Chafee, Lincoln 474 Chamberlain, Austen 249 Chamberlain, Houston Steward 187 Chamberlain, Neville 269 Chamorro, Violeta 373 Channing, Edward 201 Chao, Elaine 477 Charles II. 21, 27 Chavez, Cesar 336 Cheney, Richard „Dick“ 375, 402f., 405, 410, 413f., 420 Chiang Kai-schek 279, 284, 300, 311 Chisholm, Shirley 491 Christie, Chris 473 Christopher, Warren 385, 398 Chruschtschow, Nikita 318f., 322-324 Chu En-Lai 348 Chungking 279 Churchill, Winston 270-272, 278-281, 283, 292 Anhang 558 <?page no="559"?> Cincinnatus 77 Clark, William 89 Clay, Henry 91f., 101, 103, 108, 122f., 127f., 130, 132, 134, 139, 142f. Clay, Lucius D. 291f., 294f. Cleaver, Eldridge 335 Cleveland, Grover 183, 194, 200, 203 Clinton, DeWitt 107 Clinton, Hillary Rodham 384, 391, 393, 396, 401, 433f., 436, 449f., 455, 457, 472, 474-476, 491 Clinton, Roger 383 Clinton, Sir Henry 59 Clinton, William Jefferson „Bill“ 379, 382- 403, 405f., 409, 419, 432f., 439, 441, 448, 464, 470 Coates, Daniel 477 Cody, William F. „Buffalo Bill“ 168, 171 Cogswell, Joseph 181 Cohen, William 393 Cohn, Gary 481 Coke, Sir Edward 47 Cole, Tom 449 Collier, John 265 Comey, James 478f. Conant, James B. 277 Conway, Kellyann 481 Coolidge, Calvin 237, 246, 249, 256 Cornwallis, Charles Lord 59f. Coughlin, Charles E. 261 Cox, Archibald 352 Cox, James M. 256 Coxey, Jacob E. 192 Crazy Horse 171 Creel, George 228 Crèvecoeur, St. John de 30, 97 Crockett, David 123, 133 Cromwell, Oliver 64 Cronon, William 169 Cruz, Ted 473, 475 Cummings, Elijah E. 426, 485 Custer, George A. 171 d’Estaing, Valéry Giscard 507 Darwin, Charles 178, 187, 243, 427 Davids, Sharice 482 Davis, Angela 335 Davis, Jefferson 147, 151, 155 Dean, Howard 423 Dean, James 308 Debs, Eugene V. 221, 224, 229 Deere, John 109 de Gaulle, Charles 331 Dempsey, Jack 239 Demsey, Martin 449 DeVos, Betsy 477 Dewey, George 204 Dewey, John 211 Dewey, Thomas F. 281 Dickinson, John 44, 46 Diem, Ngo Dinh 317, 325 Dillingham, William P. 218 Dix, Dorothea 115 Dodd, Chris 443 Dodge, Joseph 296 Dole, Robert „Bob“ 388f. Donald, David Herbert 426 Donelson, Andrew Jackson 137 Donovan, William J. 273, 278 Douglas, Stephan A. 138-140, 144-146 Douglass, Frederick 116f. Dreiser, Theodore 244 Du Bois, William E. B. 220, 245 Dukakis, Michael 375 Dulles, Allen W. 279, 316, 322 Dulles, John Foster 314f., 318 Dwight, Timothy 81 Earp, Wyatt 168 Edison, Thomas A. 180 Edwards, John 423, 433 Eikenberry, Karl 450 Einstein, Albert 274, 277 Eisenhower, Dwight D. 276, 279-281, 290f., 302, 304-307, 313-319, 321f., 341 Ellington, Edward „Duke“ 245 5 Personenregister 559 <?page no="560"?> Ellsberg, Daniel 348 Emanuel, Rahm 450 Emerson, Ralph Waldo 113, 156, 218 Engel, Eliot L. 485 Engels, Friedrich 192 Erhard, Ludwig 331 Erikson, Erik H. 274 Esquivel, Adolfo Pérez 431 Everett, Edward 181 Fall, Albert 236 Falwell, Jerry 363 Farragut, David G. 150 Fauci, Anthony 493 Faulkner, William 244 Felt, W. Mark 352 Fermi, Enrico 277 Ferraro, Geraldine 366 Fillmore, Millard 130, 143 Finney, Charles G. 113 Fiorina, Carly 474 Fiske, John 62, 202 Fitzgerald, F. Scott 244 Flake, Jeff 480 Florida, Richard 505 Flynn, Michael 478f. Ford, Christine Blasey 484 Ford, Gerald F. 354-356 Ford, Gerald R. 354, 405 Ford, Henry 180, 224 Forrest, Nathan Bedford 162 Franco, Francisco 267 Frank, Barney 443 Frankfurter, Felix 264, 278 Franklin, Benjamin 29f., 34-36, 42, 59, 61f. Frémont, John C. 136, 143 Freud, Sigmund 244 Friedan, Betty 335 Frist, Bill 427 Fromm, Erich 274 Fuchs, Klaus 277 Fulbright, J. William 295, 337 Fulton, Robert 106 Gaddafi, Muammar al 370, 454f. Gage, Thomas 48 Galbraith, John Kenneth 309 Gallatin, Albert 87, 92 Galloway, Joseph 46 Gandhi, Mahatma 327 Garfield, James 183 Garibaldi, Giuseppe 138 Garland, Merrick 470 Garrison, William Lloyd 116f. Garvey, Marcus 244 Gates, Bill 400 Gates, Horatio 59 Gates, Robert 436, 450 Gehlen, Reinhard 290 Genêt, Edmond Charles 80f. Genscher, Hans-Dietrich 376f. George II. 21 George III. 39, 48f., 51, 61 Geronimo 171 Gerry, Elbridge 73 Gershwin, George 245 Gerstner, Louis 506 Gilbert, Felix 274 Gilbert, Parker 248 Gillibrand, Kirsten 491 Gingrich, Newt 386, 402, 425 Ginsberg, Allen 336 Ginsburg, Ruth Bader 396, 470 Giuliani, Rudy 433, 485f. Glazer, Nathan 364 Gobineau, Joseph de 187 Goerdeler, Carl 279 Goethe, Johann Wolfgang von 93 Goldberger, Ludwig Max 211 Goldhagen, Daniel J. 395 Goldwater, Barry M. 328, 332, 362 Gompers, Samuel 191, 194 Gonzales, Alberto 428 Gorbatschow, Michail 364, 374f., 377, 379 Gordon, Thomas 47 Gore, Al 383, 393, 401-404, 415, 429, 465 Anhang 560 <?page no="561"?> Gorsuch, Neil 483 Goya, Francisco de 93 Graebner, Norman A. 289 Graham, Billy 178, 314, 402 Graham, Lindsey 473 Grant, Ulysses S. 150, 153-155, 160-162, 171, 182, 215 Grasse, François Comte de 60 Gravier, Charles, Comte de Vergennes 59 Greene, Nathaniel 59 Greenspan, Alan 390, 397 Grimké, Angelina 117 Grimké, Sarah 117 Gropius, Walter 274 Guevara, Ernesto „Che“ 334 Guthrie, Woody 254 Guzmán, Arbenz 316 Haaland, Deb 482 Haley, Niki 477 Hall, Prince 56 Hamilton, Alexander 60, 67f., 70, 73f., 76-80, 83-87, 266 Hammarskjöld, Dag 319, 324 Harding, Warren G. 229, 233, 236f., 246f., 256 Harriman, W. Averell 288, 290, 293, 297 Harris, Kamala 404, 491f. Harrison, Benjamin 183 Harrison, William Henry 90, 130 Hawthorne, Nathaniel 113, 156 Hay, John 204, 209 Hayek, Friedrich August v. 364 Hayes, Rutherford B. 163, 183, 190 Hearst, William Randolph 202 Hecker, Friedrich 137f. Hemingway, Ernest 244, 267 Hemmings, Sally 86 Henry, Patrick 46, 50, 68 Herzen, Alexander Iwanowitsch 138 Heyer, Heather 481 Hickock, James B. „Wild Bill“ 168 Hill, Anita 484 Hiss, Alger 304, 341 Hitler, Adolf 261, 267, 269, 271-273, 276, 279, 297, 446 Hitselberger, James 457 Ho Chi Minh 280, 317, 332, 334 Holbrooke, Richard 387, 450f., 453 Holliday, Doc 168 Holmes, Oliver Wendell 211 Hooker, Thomas 25 Hoover, Herbert 227, 237, 246, 250-255, 293 Hoover, J. Edgar 274 Hopkins, Harry 258, 260, 263, 278, 281 Hopkinson, Francis 35, 81 Horkheimer, Max 274 House, Edward M. 224, 230, 278 Howe, Richard 58, 61 Howe, William 58f., 61 Huckabee, Mike 433 Hughes, Charles E. 225, 246, 261 Hughes, Langston 245 Hull, Cordell 268, 271 Humboldt, Wilhelm v. 182 Hume, David 34 Humphrey, David 81 Humphrey, Hubert H. 338, 341 Huntington, Samuel 399 Hurston, Zora Neale 245 Hussein, Saddam 369, 379-381, 394, 413-418, 420, 448, 454 Ickes, Harold 258, 260, 265 Ignatieff, Michael 423 Inhofe, James 466 Issa, Darrell 471 Jackson, Andrew 92, 99, 103f., 122-128, 130, 133 Jackson, Jesse 334 Jackson, Thomas H. „Stonewall“ 149 James, William 211 James I. 23 Jay, John 61, 74, 80 Jefferson, Thomas 20, 46f., 50f., 65, 67, 75, 78, 80, 83-90, 94, 97f., 104, 108, 165, 187, 266, 442 Jeffords, James 406 5 Personenregister 561 <?page no="562"?> Jelzin, Boris 379, 386 Jindal, Bobby 473 Johannes Paul II. 369 Johann von Österreich 137 Johnson, Andrew 155, 157-161, 392, 446, 485 Johnson, Lyndon B. 195, 288, 326-332, 337f., 396, 400, 436, 438, 440, 446 Johnston, Joseph E. 155 Jones, James 451 Jones, Paula 391 Jordan, Vernon 391 Kagan, Elena 470 Kaine, Tim 475 Karzai, Hamid 413, 450, 452 Kasich, John 473 Kavanaugh, Brett 483f. Kellogg, Frank B. 246, 249 Kelly, John 477f. Kennan, George F. 288, 293, 296f., 301, 382 Kennedy, Anthony 483 Kennedy, David M. 446 Kennedy, Jacqueline 319f., 326 Kennedy, John F. 195, 288, 319-327, 332f., 338, 383 Kennedy, Joseph 319 Kennedy, Robert 321, 323, 337f. Kerouac, Jack 336 Kerry, John 423f., 449, 459, 471 Key, Francis Scott 92 Keynes, John Maynard 253 Kiesinger, Kurt-Georg 331 Kim Il Sung 301 Kim Jong-un 490 King, Martin Luther Jr. 306, 322, 327f., 334, 337f. King, William L. Mackenzie 270 Kisljak, Sergej 479 Kissinger, Henry A. 289, 343, 346-348, 350f., 353, 357 Klemperer, Otto 274 Klobuchar, Amy 491f. Knox, Frank 270 Kohl, Helmut 367, 376f. Kolko, Gabriel 288 Kolumbus, Christoph 15f., 81, 501 Kossuth, Louis 138 Kristol, Irving 364 Kushner, Jared 477 L’Enfant, Pierre 77, 87, 276 Lafayette, Marie-Joseph Motier, Marquis de 60, 78 LaFollette, Robert M. 214, 216, 224, 237 Landon, Alfred 263 Lansing, Robert 224 Lazarus, Emma 175 Lease, Mary E. 193 Le Duc Tho 350 Lee, Henry 83 Lee, Richard Henry 46, 49 Lee, Robert E. 147, 149, 153, 155, 201, 434, 481 Lenin, W. I. U. 231 Lesseps, Ferdinand de 206 Leuchtenburg, William 264 Lewinsky, Monica 391-393, 396, 401 Lewis, John L. 262, 269 Lewis, Meriwether 89 Lewis, Sinclair 244 Libby, Lewis „Scooter“ 420f. Lichtenstein, Roy 309 Lieber, Franz 137 Liebermann, Joseph 402 Limbaugh, Rush 481 Limerick, Patricia Nelson 501 Lincoln, Abraham 132, 135, 141f., 144-157, 164, 187, 201f., 215, 229, 399, 474 Lindbergh, Charles A. 239, 269 Lipset, Seymour M. 364 Livingston, Robert R. 88 Lloyd, Henry Demarest 190 Locke, Alain 245 Locke, John 47, 51, 54 Lodge, Henry Cabot 200 Long, Huey 261 Louis, Joe 245 Anhang 562 <?page no="563"?> Louis Philippe 81 Lubitsch, Ernst 274 Luce, Henry 399 Ludwig XVI. 59, 79 Lumumba, Patrice 324 MacArthur, Douglas 254, 279f., 284, 296, 301f., 451 Madison, James 67f., 71f., 74, 76, 78, 84, 86, 90f., 93f., 98f., 164, 442 Mahan, Alfred T. 199f., 206 Malcolm X 335 Manafort, Paul 479 Mandela, Nelson 455 Mandelbaum, Michael 508 Mann, Horace 115 Mann, Thomas 274 Manning, Chelsea 457 Mao Tse-tung 280, 284, 348, 370 Maples, Marla 473 Maradona, Diego 431 Marcuse, Herbert 274, 334 Marshall, George C. 277f., 280, 292f. Marshall, John 85f., 108, 124f., 344 Marshall, Thurgood 305 Marx, Karl 192 Mason, George 54, 73 Mattis, James 477 Mazzini, Giuseppe 138 McAuliffe, Terry 481 McCaffrey, Barry R. 416 McCain, John 402, 433f., 447, 458, 469, 480 McCarthy, Joseph R. 305 McChrystal, Stanley 450f. McClellan, George B. 150, 154 McCloy, John J. 290, 295, 297 McConnell, Mitch 480 McFarlane, Robert 372 McGovern, George 351, 356, 415, 436 McKibben, Bill 467 McKinley, William 194f., 197, 203-206 McMahon, Linda 477 McMaster, John Bach 201 McNamara, Robert 321, 331 McVeigh, Timothy 412 Medwedew, Dmitri 445 Melville, Herman 156 Mencken, H. L. 244 Metternich, Klemens, Fürst v. 100, 347 Michael Bloomberg, Michael 492 Miers, Harriet 428 Miller, Judith 420 Mills, C. Wright 334 Milošević, Slobodan 395, 418 Mitterand, François 367 Moley, Raymond 257 Molotow, Wjatscheslaw Michailowitsch 283 Mondale, Walter 366 Monnet, Jean 294 Monroe, James 88, 98-101 Montcalm, Louis Joseph, Marquis de 37 Montesquieu, Charles de Secondat, Baron de 34, 53, 57, 68, 72, 74 Montgomery, Bernard 281 Moore, Michael 438 Morgan, John Pierpont 180, 194 Morgenthau, Henry Jr. 258, 278, 281 Morrison, Toni 499 Morse, Samuel 107 Mossadegh, Mohammed 316 Most, Johann 190f. Mott, Lucretia 117 Moynihan, Daniel P. 364 Mubarak, Hosni 369 Mueller, Robert 478f., 485f. Muir, John 215 Mullen, Michael 450 Murdoch, Rupert 463 Musharraf, Pervez 413 Mussolini, Benito 267, 279 Myrdal, Gunnar 285 Nader, Ralph 403 Napoleon III. 151 Nasser, Gamal Abdel 315f. Nehru, Dschawaharlal 318 5 Personenregister 563 <?page no="564"?> Netanjahu, Benjamin 394, 445, 459 Neumann, Franz 274 Newton, Huey 335 Ngyen Van Thieu 350 Nimitz, Chester W. 279 Nitze, Paul 300, 378 Nixon, Richard M. 319, 338, 341-343, 346- 355, 371, 400, 415, 428, 436, 446 Noriega, Manuel 373 North, Frederick Lord 44, 48 North, Oliver 372 Norton, Gale 405 Nye, Gerald P. 267 O’Connor, Sandra Day 363, 427 O’Malley, Martin 474 O’Neill, Eugene 244 O’Neill, Paul 405 O’Rourke, Beto 491 O’Sullivan, John L. 132 Oakley, „Little Annie“ 168 Obama, Barack 432-474, 476f., 479, 481, 483f., 487, 491f., 496, 498, 510 Obama, Barack Sr. 435 Obama, Michelle 436, 468f. Ocasio-Cortez, Alexandria 482 Oldenburg, Claes 309 Olney, Richard 200 Omar, Ilhan 482 Onís, Luis de 99 Oppenheimer, J. Robert 277 Oswald, Lee Harvey 326 Otis, James 41 Owen, Robert 113 Owens, Jesse 245 Pahlavi, Mohammed Reza 316, 358 Paine, Thomas 49, 64 Palin, Sarah 433 Papen, Franz v. 225 Parks, Rosa 306 Parrington, Vernon L. 211 Passos, John Dos 244 Pastorius, Franz Daniel 29 Paul, Alice 220 Peale, Charles Willson 35, 81 Pelosi, Nancy 482, 485f., 506 Pence, Mike 475, 479 Penn, William 27f. Perkins, Frances 258 Perot, H. Ross 382, 389 Perry, Oliver 91 Perry, Rick 477 Pershing, John J. 229 Petraeus, David 430, 450f. Pierce, Franklin 138, 140, 144, 147 Pinckney, Thomas 81 Piscator, Erwin 274 Pitt, William 37, 39, 48 Plame, Valerie 420f. Pocahontas 17 Podhoretz, Norman 364 Poindexter, Robert 372 Polk, James K. 130, 134-137, 140 Pompeo, Mike 477, 490 Pontiac 41 Pot, Pol 357 Potter, Wendell 438 Pound, Roscoe 211 Powell, Colin 405, 414, 498 Powell, John Wesley 167 Powhatan 17 Presley, Elvis 308 Pressley, Ayanna 482 Priebus, Reince 477-479 Priestley, Joseph 81 Prosser, Gabriel 94, 119 Pruitt, Scott 477 Pulitzer, Joseph 202 Pullman, George 191 Putin, Wladimir 457 Qadir, Haji Abdul 413 Rabin, Yitzhak 381 Racicot, Marc 423 Ramsay, David 81 Randolph, Edmund 69, 73 Anhang 564 <?page no="565"?> Rankin, Jeannette 226, 272 Reagan, Ronald 341, 359f., 363-368, 370, 372- 375, 386, 395, 398, 401, 406, 426, 431, 463 Reed, Ralph 363 Rehnquist, William H. 392, 427 Reno, Milo 254 Revels, Hiram R. 159 Rhodes, James Ford 201 Rice, Condoleezza 405, 413, 420, 498 Richards, Ann 402 Rickenbacker, Edward 230 Ridge, Tom 419 Riis, Jacob 213 Rittenhouse, David 35 Roberts, John G. Jr. 427 Robertson, Pat 363 Rochambeau, Jean Baptiste Donatien de Vimeur, Comte 59 Rockefeller, John D. 179f. Rockingham, Charles Watson-Wentworth, Marquis de 43 Rogers, William P. 346 Rohani, Hassan 458f. Rohe, Mies van der 274 Rommel, Erwin 279 Romney, Mitt 433, 459-461, 480 Rönne, Friedrich Ludwig v. 137 Roosevelt, Eleanor 256, 258 Roosevelt, Franklin D. 195, 207, 209, 242, 247, 255-258, 260f., 263-266, 268-273, 275-285, 399 Roosevelt, Theodore 200f., 204-208, 210, 212, 215f., 218, 224, 247, 255, 372, 415 Root, Elihu 200, 207 Rosenberg, Ethel 304 Rosenberg, Julius 304 Rostow, Walt W. 321 Rove, Karl C. 402, 405f., 428 Rubin, Robert 394 Rubio, Marco 473 Rumsfeld, Donald 405, 413, 416 Rush, Benjamin 35, 53, 76 Russell, John Lord 151 Ruth, George Herman 239 Ryan, Paul 461, 480 Sacco, Nicola 233 Sadr, Muktada 417 Sanders, Bernie 474f., 491f. Sanders, George N. 138 Santelli, Rick 442 Scalia, Antonin 470, 483 Schewardnadze, Edward 377 Schiavo, Terri 427 Schier, Steven E. 396 Schiff, Adam 485 Schlafly, Phyllis 346 Schlesinger, Arthur M. 321 Schmidt, Helmut 367 Schönberg, Arnold 274 Schröder, Gerhard 412, 414 Schultz, Debbie Wasserman 475 Schurz, Carl 138, 147, 205 Schuyler, Philip 49 Scopes, John T. 243 Scott, Dred 143-145 Scott, Winfield 136 Scowcroft, Brent 375 Seale, Bobby 335 Selenskyj, Wolodymyr 485f. Sessions, Jeff 477 Seward, William 150, 155 Seymour, Horatio 161 Shamir, Yitzhak 381 Shays, Daniel 67 Shelley, Percy Bysshe 93 Sheridan, Philip H. 171 Sherman, William T. 154, 171 Sherwood, Robert E. 278 Shultz, George 369 Sigel, Franz 138, 147 Sinclair, Upton 215 Sitting Bull 171f. Skelton, Martha Wayles 50 Slidell, John 135 5 Personenregister 565 <?page no="566"?> Smith, Adams 55 Smith, Al 256 Smith, John 23 Smith, Joseph 114 Snow, Tony 428 Snowden, Edward 456f. Sombart, Werner 174 Somoza, Anastasio 372 Sotomayor, Sonia 470 Spencer, Herbert 178 Spies, August 191 Stalin, Josef W. 258, 261, 274, 280, 282f., 288f., 302f. Stanton, Edwin M. 160 Stanton, Elizabeth Cady 117, 188 Starr, Kenneth 391f. Stein, Gertrude 244 Steinbeck, John 254 Stephanopoulos, George 397 Steuben, Friedrich Wilhelm, Baron v. 60 Stevens, Thaddeus 158 Stevenson, Adlai E. 313 Stewart, Robert, Viscount Castlereagh 347 Stiglitz, Joseph E. 441, 506 Stimson, Henry L. 246, 250, 270, 277f., 283 Stone, Lucy 188 Strauss, Leo 274, 364 Stresemann, Gustav 249 Stuart, Gilbert 81 Suharto 370 Sukarno 318 Sullivan, Louis 213 Sumner, Charles 158 Sumner, William Graham 178 Swift, Gustavus 179f. Taft, William Howard 208, 216, 237 Taibbi, Matt 442 Talleyrand, Charles Maurice de 81, 83 Taney, Roger B. 128, 144 Tappan, Henry Philipp 181 Tate, Allen 244 Taylor, Frederick W. 177 Taylor, Zachary 130f., 136f. Tecumseh 90f. Teller, Henry M. 204 Tenskwatawa 90 Thatcher, Margaret 367 Thomas, Clarence 484 Thoreau, Henry David 156 Ticknor, George 181 Tillerson, Rex 477 Tito, Josip Broz 318 Tlaib, Rashida 482 Tocqueville, Alexis de 113f., 184, 212, 274 Townsend, Francis E. 261 Trenchard, John 47 Trist, Nicholas 136 Trotzki, Leo 231 Truman, Harry S. 280, 282f., 288, 290, 292- 294, 297f., 300-302, 304f., 314, 396, 419, 421 Trumbull, John 81 Trump, Anne McLeod 473 Trump, Barron 473 Trump, Donald 457, 460, 463-468, 471-494, 496, 502, 509f. Trump, Donald Jr. 473 Trump, Eric 473 Trump, Fred 473 Trump, Ivana 473 Trump, Ivanka 473, 477 Trump, Melania 473 Tubman, Harriet 120 Tugwell, Rexford 257 Turner, Frederick J. 164f., 174, 211 Turner, J. M. William 93 Turner, Nat 119 Twain, Mark 182 Tyler, John 130 Udall, Mark 456 U Thant, Sithu 323 Van Buren, Martin 122, 126, 129f., 138 Vandenberg, Arthur H. 293 Vanderbilt, Cornelius 179f. Vanzetti, Bartolomeo 233 Anhang 566 <?page no="567"?> Vesey, Denmark 119 Walker, Scott 473 Walker, William 140 Wallace, George C. 338, 351 Wallace, Henry A. 258, 277, 283 Walter, Bruno 274 Warhol, Andy 309 Warren, Earl 305 Warren, Elisabeth 491f. Warren, Mercy Otis 81, 93 Warren, Robert Penn 244 Washington, Booker T. 205, 219f. Washington, George 37, 48f., 58-60, 62, 67- 70, 75, 77-83, 85-87, 92, 94, 98, 314 Wayne, Anthony 82 Webb, James 474 Webb, Walter Prescott 167 Weber, Max 174 Webster, Daniel 91, 128, 142 Wedgwood, Ruth 422 Weill, Kurt 274 Weinberger, Caspar 369 Welsh, Jack 506 Wertheimer, Max 274 West, Benjamin 35 Westinghouse, George 180 Wheatley, Phillis 56 Whitman, Christine Todd 407 Whitman, Walt 156 Whitney, Eli 94 Wilder, Billy 274 Wilhelm II. 203f. Wilkes, John 43 Willard, Frances 189 Williams, George Washington 188 Williams, Roger 25 Willkie, Wendell 270 Wilmot, David 138 Wilson, James 70 Wilson, Joseph 420 Wilson, Woodrow 184, 195, 197, 201, 207f., 216f., 223-226, 229-233, 247, 255, 257, 269, 372, 415 Winfrey, Oprah 499 Winthrop, John 24 Wischnewski, Hans-Jürgen 373 Wolfe, James 37 Wolfowitz, Paul 413 Wood, Gordon S. 97 Wood, Robert E. 269 Woodward, Bob 352 Wright, Frank Lloyd 213 Wright, Orville 212 Wright, Wilbur 212 Wyden, Ron 456 Wye River Konferenz 394 Xi, Jinping 467 Yang, Andrew 491 Young, Brigham 114 Young, Owen D. 249 Yovanovitch, Marie 486 Zimmermann, Arthur 225 Zuckmayer, Carl 274 5 Personenregister 567 <?page no="568"?> 6 Sachregister Abessinien 267 Abilene, Kansas 169 Abolitionisten 55, 102, 116-118, 130, 139, 143, 146, 151, 161, 188 Frauen 116f., 161 Abtreibung 345f., 363, 396f., 424, 427f., 433, 461, 473 Academy Awards 499 Access Hollywood 476 Achse des Bösen 414 Adamson Act (1916) 216 Adams-Onís-Vertrag (1819) 99 Aden, Golf v. 371 affirmative action 344f., 364, 397 affluent society (s. auch Wohlstandsgesellschaft) 288, 309 Afghanistan 358, 367, 369, 374, 394, 411-413, 416, 421f., 429, 454, 458, 471 Nach 2001 436, 446f., 451 Afghanistankrieg 450, 452f., 462 African Methodist Episcopal Church 159 Afrika 16, 18-21, 37, 55, 61, 94, 101f., 109, 120f., 148, 199f., 210, 223, 244, 271, 278f., 316, 324, 357, 370f., 420, 431, 455, 498 Afroamerikaner 18f., 82, 97, 102, 118-120, 139 Bevölkerungsentwicklung 19, 30, 56, 93, 119, 186, , 219, 285, 498 Bildung 115, 159 Binnenwanderung 119, 219, 276 Bürgerkrieg 151f. Emanzipation 56, 94, 116, 151-153, 155, 159, 186f., 327f. Erster Weltkrieg 227 Frauen 56, 119 Gewerkschaften 190-192, 221 Ghetto 219 Gilded Age 141, 185, , 187, 190-192 Great Migration 219, 227 Kolonialzeit 19f., 22, 30 Kultur 20, 121, 159, 227 Lebensstandard 219, 507 Lynchjustiz 150, 219f., 265 Rassenunruhen 219, 285 Rassismus 118, 187, 219 „Rekolonisierung“ 94, 101f. Rekonstruktion 157, 159f., 186f. Revolution 93f. Schwarzer Nationalismus 220 Segregation 186f., 220, 285 Spanisch-Amerikanischer Krieg 204 Unabhängigkeitskrieg 59, 61, 150 Wahlrecht 56, 157-159, 186f., 220, 328f. Zweiter Weltkrieg 275f., 279, 285 Ägypten 151, 352f., 369, 380, 437 Aktionärskapitalismus 507 Alabama 100, 146, 171, 219, 306, 338, 351, 425 Alamogordo, New Mexico 277, 283 Alaska 100, 164, 195, 270, 311, 315, 409, 433 Albany, New York 27, 91, 106, 122 Albany Plan of Union (1754) 36 Albuquerque, New Mexico 277 Algerien 279 Alien and Sedition Acts (1798) 84, 87 Alleghenies 169, 177 Al-Qaida 411, 413, 420, 422, 446-448, 451-454, 462 Amendments 216 American Academy of Arts and Sciences 35 American Anti-Slavery Society 116f. American Century 399 American Civil Liberties Union (ACLU) 478 American Colonization Society 94, 101, 116 American Commonwealth (1888) 184 American Federation of Labor (AFL) 191, 221f., 227, 262, 275, 309 American Historical Association 164, 181 American Jewish Congress 322 American Party 130, 142f. American Philosophical Society 35 American Protective Association 218 <?page no="569"?> American Recovery and Reinvestment Act (ARRA, 2009) 441 American System (Henry Clay) 103, 108, 122, 143 American Telephone & Telegraph Co. (AT&T) 180, 366 American Woman Suffrage Association 188 An American Dilemma (1944) 285 An Economic Interpretation of the Constitution of the United States (1913) 211 Anglikanische Kirche 22f., 26f., 30 Anglo-Iranian Oil Company 316 Angola 371 Annapolis, Maryland 62, 68, 147 Ann Arbor, Michigan 181 Antietam (Schlacht bei) 150, 152, 155 Antifederalists 74, 76, 78 Anti-Freimaurerpartei 130 Anti-Imperialist League 205 Anti-Saloon League 215 Apachen 170f. Appalachen 41, 58, 62, 89, 106f. Appomattox Court House (Kapitulation von) 155 Arabischer Frühling 465, 469 Arbeiter 31, 109f., 112f., 115, 119, 122f., 143, 168, 174f., 177, 189, 262, 276, 335, 434, 503, 508 Arbeitslosigkeit 66, 244, 253, 261, 349, 356, 361, 389, 397, 424, 429, 437, 441, 504 Erster Weltkrieg 227, 232 Frauen 110, 188, 190-192, 213f., , 221, , 308 Gilded Age 183, 186, 189-194 Progressivismus 214, 216-218, 221f. Zwanziger Jahre 236-238 Arizona 225, 503 Arkansas 147, 156, 307, 382-384, 391 Arlington Cemetery 314, 326 Articles of Confederation 51, 57f., 68f., 73 Asian Americans 177, 241, 498, 500f. Asien 197, 199, 209f., 223, 233, 250f., 267, 271f., 282, 284, 288, 291, 300, 309-311, 324f., 329, 370, 378, 390, 394, 399, 501 Astoria 99 A Summary View of the Rights of British America (1774) 47 Atlanta 154f., 220, 241, 327, 426 Atlantik-Charta Atomsperrvertrag (1970 / 95) 331, 387 Atomwaffen 271, , 283, 320, 324, 378, 386, 445, 489f. Aufklärung 29, 34f., 38, 47, 50, 55, 78 Außenpolitik 249 Adams-Onís-Vertrag (1918) 99 Antebellum 99f. Anti-Ballistic Missiles Treaty (1972) 349, 409f. ANZUS (1951) 299 Atlantik-Charta 271 Atomsperrvertrag (1968 / 70) 331 Atomteststopp-Abkommen 324 Berlin-Blockade 294 Berlin-Krise 322f. Bipartisanship 293 Boland-Amendment (1984) 372 Bosnien-Konflikt 385, 387, 395 Bretton Woods 284, 287, 349, 355 Briand-Kellogg-Pakt (1928) 249 Bürgerkrieg 150f. Bush-Doktrin 414, 430 Camp David-Abkommen (1978) 353, 357 Carter-Doktrin 359 Central Treaty Organization (CENTO) 299 CFE (Conventional Armed Forces in Europe) 378 Dawes-Plan , 249 Dekolonisierung 324 Deutsche Vereinigung 323, 367, 376-379 Dollar Diplomacy 208 Domino-Theorie 61, 289, 292, 430 Economic Cooperation Act (1948) 293 6 Sachregister 569 <?page no="570"?> Eindämmungsstrategie 289, 302f., 316 Eisenhower-Doktrin 316 Entangling Alliances 86 Entspannungspolitik 324, 326, 350, 358 Erklärung von Panama (1939) 269 Erster Weltkrieg 224-227, 233 Europäische Einigung 377 Europäische Integration 294, 303 European Recovery Program 293 flexible response 322 Friedensabkommen v. Dayton (1995) 387 Gadsden Purchase (1853) 136 Glaubwürdigkeit 301, 303, 317, 321f., 325, 331, 511 Golfkrieg (1991) 379-381, 414, 416 Good Neighbor-Politik 207, 247 Grenada-Invasion (1983) 372, 380 Gulf of Tonkin Resolution (1964) 332 Handelsvertrag mit Preußen (1785) 65 Hay-Pauncefote-Abkommen (1901) 200 Hyde-Park-Abkommen (1941) Imperialismus 197, 199, 201 INF (Intermediate Nuclear Forces)-Vertrag 374 Inter-American Treaty of Reciprocal Assistance (1947) 299 Iran-Contra-Skandal 364, 369, 372 Isolationismus 138, 246, 266, 285, 292, 299, 399, 455 Kalter Krieg 288f., 291, 300f., 305, 322, 324, 334, 341, 351, 364, 368f., 371, 373f., 378, 381, 385, 393, 410 Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 355, 374, 376, 379 Konferenz v. Washington 1921 / 22 247 Konvention von 1818 99 Kuba-Krise 323 Marshall-Plan , , 293f., 300 Massive Retaliation 314, 322 MBFR (Mutual and Balanced Force Reduction)-Verhandlungen 378 Monroe-Doktrin 98, 100, 200, 207f., 232, 247, 371 Morgenthau-Plan 281, 290 Nahostkonflikte 293, 331, 353, 370, 385, 410, 445 Nationale Sicherheit 269, 275, 288, 290, 298, 304, 310, 320, 337, 348, 352, 371, 415, 421, 423, 431 National Missile Defense (NMD) 409 National Security Council (NSC) 298, 398 National Security Memorandum (NSC 68) 300-303, 347, 358, 378 Nixon-Doktrin 347 North American Free Trade Agreement (NAFTA) 384, 487 North Atlantic Treaty Organization (NATO) 386f., 395, 399, 412, 455, 457, 489, 509 Nye-Komittee 267 Open Door Politik 209, 246 Oregon-Grenzvertrag mit Großbritannien (1846) 134 Organization of American States (OAS, 1948) 299 Panama-Intervention (1989) 373 Pariser Waffenstillstand (Vietnam, 1973) 350 Protect America Act (PAA) 422 Revolutionen in Europa (1848 / 49) 105 roll back 315 Rüstungskontrolle 246, 249, 348f., 357, 368, 374, 378, 409, 458 SALT I (Strategic Arms Limitation Treaty, 1972) 349, 358 SALT II 358f. Selektiver Unilateralismus 246 South East Asian Treaty Organization (SEATO, 1954) 299 Spanisch-Amerikanischer Krieg (1898) 200, 203-205 Strategic Defense Initiative (SDI) 368 Suezkrise 315 Anhang 570 <?page no="571"?> Terrorismusbekämpfung 411-423 Texasfrage 133 Truman-Doktrin 292, 316 Vereinte Nationen 299, 301f., 315, 349, 354, 368, 370 Versailler Vertrag (1919) 230-232, 247, 267, 292 Vertrag v. Guadalupe Hidalgo (1848) 136, 138 Vier-Mächte-Abkommen über Berlin (1971) 349 Vierzehn Punkte (Wilson) 229f. Völkerbund 225, 229, 231f. Weltpolitische Hegemonie 287 Zweiter Weltkrieg 268-273, 278-283 Zwischenkriegszeit 246-250 Australien 279, 299, 407, 416, 496 Baby Boom 311f. Bakke v. University of California 345 Baltimore 22, 30, 92, 105, 107, 147, 181, 474 Banking Act (1935) 263 Bankkrieg 126-128, 158 Bank of the United States 77, 87 Second Bank of the United States 102f., 127f. Baptisten 22, 26, 30, 55f., 118, 121, 159 Barbados 19 Baton Rouge, Louisiana 150 Baumwolle 94, 111, 132, 149-151, 186, 198, 259 Belgien 324 Benevolent Empire 115 Berlin 137, 181, 212, 220, 225, 245, 248, 250, 272, 282, 291, 294f., 297, 318, 322, 349, 377 Bevölkerungsentwicklung 16, 20, 23, 25f., 29, 31, 35, 56, 87f., 94, 104-106, 132, 139, 175, 186, 197f., 213, 219, 242, 285, 311f., 360, 495, 498, 500f., 503 big government 342, 506 big labor 506 Bildungswesen 22, 26, 35, 53, 56, 93, 115, 117, 159, 178, 181, 189, 191f., 212, 214f., 238, 305, 308, 310, 330, 345, 383, 399, 402, 405, 429, 441, 443, 474f., 492 Bill of Rights 73, 76, 300, 328, 396 Binnenwanderung 104-106, 276, 312 Bitburg, Eifel 375 Black Hills, South Dakota 171 Black Lives Matter-Bewegung 469, 481, 499 Black Muslims 335 Black Panthers 335 Blues 227, 245 Board of Trade and Plantations 33 Bolivien 248 Bonn 181, 294, 315, 349, 367, 377 Book of Mormon 114 Bosnien 385, 387, 395f. Boston 24f., 29f., 35, 44, 48, 56, 58, 105, 107, 109, 115f., 213, 277, 344, 442, 503 Boston Massacre (1770) 44 Boston Tea Party 44 Boxer-Aufstand 209 Bretton Woods 284, 287, 349, 355 Briand-Kellogg-Pakt (1928) Britisch-Guyana 200 Brook Farm, Massachusetts 113 Brown v. Board of Education of Topeka (1954) 305 Bryan, William Jennings 224 Buena Vista (Schlacht bei) 136 Buffalo, New York 206 Büffelherden 167, 171 Bull Run (Schlacht bei) 149 Bunker Hill (Schlacht von) 49 Bureau of Indian Affairs 172, , 344 Bureau of Public Roads 237 Burenkrieg 200 Bürgerkrieg 98, 102, 105, 118, 128, 132, 141f., 149, 153, 155f., 159, 164, 166, 171, 173, 175, 178, 181, 183-185, 187f., 193, 197, 201, 216, 328, 341, 426, 481 Außenpolitik 149-151 Native Americans 170 Niederlage des Südens 155 6 Sachregister 571 <?page no="572"?> Seekrieg 150f. Sezession 146f. Ursachen 141 Verlauf 149-156 Vorgeschichte 141-148 Bürgerrechtsbewegung 172, 288, 306, 321, 327-329, 334, 338, 342, 344, 346 Calvinisten 23f., 35, 47 Cambridge, Massachusetts 25f., 49 Cape Cod 23 Carnegie Endowment for International Peace 180 Carnegie Steel Co. 180, 191 carpetbaggers 161 Carter-Doktrin 359 Casablanca 279 Cato’s Letters 47 Central Pacific Company 166 Charleston, South Carolina 19, 21, 30, 59, 61, 94, 147 Cherokee 21, 124 Cherokee Nation v. Georgia (1831) 124 Chesapeake 17, 19, 21f., 55, 59, 91 Cheyenne 171 Chicago 105, 107, 109, 164, 167, 169, 181, 190- 192, 202, 213, 215, 219, 239, 245, 255, 268, 277, 285, 312, 334, 338, 435, 446, 503 Chickasaw 124 Chile 371 China 110, 210, 247, 268, 271, 277, 300, 302, 304, 325, 348-350, 370, 399, 409f., 412, 415, 429, 467, 488, 492f., 495, 509 Beziehungen zu China Détente 348, 350 Gegenwart 409f. Imperialismus 209 Kalter Krieg 287, 297, 301, 317, 348 Korea-Krieg 302, 304 »Verlust« Chinas 284, 300 Vietnamkrieg 317, 325, 332, 348 Zweiter Weltkrieg 268, 271, 277-279, 281, 284 Gegenwart 488, 493, 508 Chinese Exclusion Act (1882) 166, 311 Chippewa 336 Choctaw 124 Christian Coalition 363 Chrysler 237, 395, 437 Cigar Makers’ Union 191 Cincinnati 105, 192 civil religion 75, 92, 201, 285, 314 Civil Rights Act (1875) 163 Civil Rights Act (1964) 321, 328, 335 Clayton Anti-Trust Act (1914) Clean Air Act (1970) 409 Coca-Cola 308, 501 Colorado 168, 188, 252f. Columbia River 134 Columbus, Ohio 106 Comanchen 171 Commentary 364 Common Law 19, 34, 93, 108 Common Sense 49 Commonwealth System 108 Confederate States of America (s. a. Bürgerkrieg) 146 Congressional Government (1885) 182, 184 Congress of Industrial Organizations (CIO) 262, 269, 275, 309 Congress of Racial Equality (CORE) 285, 328 Connecticut 17, 24-26, 33, 52, 55, 59, 72, 81, 91, 463 Connecticut Compromise 72 Constitutional Union Party 146 Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) 443 Contract With America 386, 388 Contras 372f. Cooperative for American Remittances to Europe (CARE) 291 Coronakrise 491-494 Costa Rica 210, 372f. Council on Foreign Relations 297 counterculture 336, 343 Anhang 572 <?page no="573"?> Counterinsurgency-Strategie (COIN) 450 Counterterrorism-Strategie (CT) 450 Country-Ideologie 35, 47, 50, 57, 63f., 79 Cowboy 167, 169, 204, 239 Creek 21, 124 Cult of Domesticity 117 Currency Act (1764) 41 Dakota-Territorium 170 Dallas, Texas 325-327, 403, 503 Dänemark 208 Danzig 267 Daressalam (Bombenanschlag 1998) 411 Dawes-Plan , 249 Dawes Severalty Act (1887) 172 Declaration of Sentiments 117 Declaratory Act (1766) 44 Defense of Marriage Act 397 Deferred Action for Childhood Arrivals 464 De l’esprit des lois 53, 57 De la Démocratie en Amérique (1835) 113 Delaware 20, 22, 27f., 30, 56, 94, 110, 147, 180, 491 Demokratische Partei 105, 127, 134, 139f., 205, 225, 230, 232, 293, 313, 321, 332, 451, 480 1968 338, 342 Antebellum 128-130, 134, 137-139, 141- 144 Bürgerkrieg 146, 149, 154 Entstehung 104 Gilded Age u. Progressivismus 182f., 185, 194f. New Deal 255f., 258, 260, 262-265 Rekonstruktion 157, 161-164 Seit den Siebziger Jahren 351, 353-356, 359, 365f., 382, 386, 388f., 393, 398, 401f., 405f., 415, 423, 425, 432f., 437-440, 442, 444, 446, 451, 460f., 463f., 472, 474f., 479f., 483, 486, 491-493 Dennis v. US (1951) 304 Denver, Colorado 312 Department of Homeland Security (DHS) 419 Detroit 177, 180, 213, 219, 261, 285, 312, 335, 503 Deutsch-Amerikaner 137, 147, 228, 273 Deutschland 142, 199, 211, 242, 249-251, 295, 299, 303, 311f., 318, 360f., 367, 375-377, 509 Beziehungen zu Deutschland vor 1949 Besatzung 283f., 288, 290-294 Erster Weltkrieg 223, 225-232, 236 Marshall-Plan 292f., 300 Nationalsozialismus 263, 267-271, 273f., 282 Revolution von 1848 137 Vor dem Ersten Weltkrieg 177, 181f., 198, 200, 202f., 207f. Weimarer Republik 248-250 Zweiter Weltkrieg 271f., 276, 280-282 Beziehungen zur Bundesrepublik Deutsche Vereinigung 323, 367, 376f. Fünfziger / Sechziger Jahre 299-301, 303, 314, 322f., 331 Kultur-und Wissenschaftsaustausch 295 Ostpolitik 349, 355 Weststaatsgründung 294 Deutsche Demokratische Republik 303, 315, 318, 322f., 376 Deutsche Mark 349 Gegenwart 381, 409, 412, 414, 455, 459, 465, 477, 489, 494f. Dien Bien Phu (Schlacht von) 317 Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1920) 174 Disneyland 308 Dissenter 27 District of Columbia 77, 139, 338, 498 Dodge City 169 Dollar 236, 259, 307f., 310, 341, 349 Dominikanische Republik 199, 208, 210, 247, 331 Dominion of New England 32 Domino-Theorie 61, 289, 292, 430 Dred Scott v. Sanford 143f. 6 Sachregister 573 <?page no="574"?> Dritte Parteien (s. a. einzelne Parteien) 183 Dritte Welt 287f., 294, 316, 318, 321f., 334, 337, 347, 355, 357, 369f. dual federalism 178, 186 Earned Income Tax Credit 390 Economic Cooperation Act (1948) 293 Economist 173, 436, 442 Einwanderung 104, 166, 219, 227f., 405, 433, 465, 496, 498 Ethnien Chinesen 166, 218 Deutsche 22, 29f., 34, 105f., 115, 138, 176f., 192, 228, 242, 311 Exilanten 274 Iren 30, 105f., 115, 176f., 228, 242 Italiener 218, 242 Japaner 177, 218, 273 Juden 293 Juden, Osteuropäer 198, 218f., 242, 311, 369 Lateinamerikaner 242, 312 Schotten 22, 30 Skandinavier 26, 29, 105, 176, 198, 218, 242 Vietnamesen 498 Gilded Age 175, 190, 194 Jahrhundertmitte (19. Jh.) 105f., 110, 115, 130, 138, 142 Junge Republik 84, 87, 105 Kolonialzeit 19, 22-24, 29, 31 Nach 1945 293, 311f., 329, 387, 397, 419, 432, 461, 464f., 471, 473f., 478, 487, 491, 495, 498, 501, 505 new immigration 198, 218, 242 Progressivismus 217-219 Zwischenkriegszeit 241f. Einwanderungsgesetze 87, 143, 176, 241f. Chinese Exclusion Act (1882) 166 Gentlemen’s Agreement (1907) 218 Immigration Act (1917) 218 Immigration Act (1965) 329 Immigration and Nationality Act (1952) 311 Immigration and Naturalization Service (INS) 218 National Origins Act (1924) 242 Naturalization Act (1802) 105 Refugee Act (1980) 496 War Brides Act (1946) 311 Eisenbahn 2. Hälfte 19. Jh. 114, 149, 166f., 179, 190f., 193, 252 20. Jh. 216 Antebellum 104, 106-108, 110, 114, 140 Eisenhower-Doktrin 316 Ellis Island (Einwanderungsbehörde) 176 El Salvador 372, 464 Encounter 364 Enhanced Partnership with Pakistan Act (2009) 453 Enron-Skandal 505f. Entangling Alliances 86 Entwicklungspolitik 370, 398 Environmental Protection Agency (EPA) 343, 407 Equal Rights Amendment (ERA) 345 Era of Good Feeling 98, 102 Erdöl 179f., 198, 247f., 267, 269, 271, 277, 284, 315f., 353, 431, 467, 509 Erie-Kanal 107 Eritrea 371 Erster Weltkrieg 197, 206, 209f., 223, 233, 254, 267, 269f., 278, 280, 285, 367, 375 Europäische Gemeinschaft (EG) 373 Europäischen Gemeinschaft 376 Europäische Union 377, 488, 495 Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) 303 Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 294, 303 Exzeptionalismus 165, 173 Fair Deal 396 family values 495 Anhang 574 <?page no="575"?> Farmers’ Alliance 193 Faschismus (s. a. Deutschland, Nationalsozialismus) 285, 304 FDR and the New Deal 264 Federal Bureau of Investigation (FBI) 228, 274, 321, 343, 351f., 411, 420, 456, 478f., 484 Federal Farm Board 252 Federal Farm Loan Act 216 Federal Highway Act 237 Federalist papers 72, 74 Federalists 74-76, 78-81, 83-86, 88, 91f., 98, 103, 143 Federal Processions 75 Federal Reserve Act 216 Federal Reserve Board 216, 252, 357 Federal Trade Commission 216 Female Moral Reform Society (1963) 115 Finanzwesen 41, 66 1860-1918 178, 193, 216, 236, 248f., 251- 253 Antebellum 98, 102f., 107f. Junge Republik 77f., 87 Nach 1945 309f., 349, 357, 361, 365-367, 390f., 405f. Revolutionsepoche 65-69, 76 Zwischenkriegszeit 258f., 263 Finnland 250 Firestone 210 First Step Act 480 Florida 21, 37, 46, 61f., 90f., 99, 124f., 146, 163, 170f., 312, 401, 403f., 411, 427, 473, 493, 501, 503 Föderalismus 74, 92, 330, 342, 362, 366, 383 Ford Foundation 180, 315 Ford Motor Co. 180, 237, 249, 356 Foreign Affairs 297, 422, 485 Forest Reserve Act (1891) 215 Fort Duquesne 37 Fort Orange 27 Fort Sumter 147 For Whom the Bell Tolls (Wem die Stunde schlägt) 267 Fox Indianer 125 Frankreich Beziehungen bis 1919 175, 200, 224, 231f. Beziehungen bis 1945 247f., 267-270, 278f., 284 Französische Revolution 78-80, 83-85 Kolonien 16, 25, 37-39, 41, 88, 93, 137, 317 Louisiana Purchase 88f., 99, 132, 140 Nach 1945 294, 303, 317, 331, 377, 387, 394, 414 Siebenjähriger Krieg 36, 41, 47, 59 Unabhängigkeitskrieg 59, 66 Frauen 93, 117, 138, 177, 212, 238, 276, 328, 345 Arbeit 110, 188, 190-192, 214, 220, 265, 276, 285, 308, 345 Bildung 181 Emanzipation 335 Erster Weltkrieg 227 Feminismus 344 Frauenbewegung 116f., 188f., 191, 220, 335, 343, 345f., 393 Frauenrechtsbewegung 345 Nach 1945 308, 311, 327f. Progressivismus 214, , , 216, 221 Reformbewegungen 113 Reformen 213 Wahlrecht 53, 117, 161, 186, 188f., 191, 214 Westen 168, 188 Women’s Liberation Movement 335 Zweiter Weltkrieg 275f., 285 Freedmen’s Bureau 158f. Freedom Act (2015) 457 Freedom of Information Act (1966 / 1974) 356 Free Soil Party 130, 137f. Freetown, Sierra Leone 61 Freiheitsstatue 175, 202 Friedensbewegung 208, 224, 229, 368 Frieden von Brest-Litowsk (1918) 230 Frieden von Gent (1814) 92 Frieden von Greenville (1795) 82 Frieden von Paris (1763) 37 Frieden von Paris (1783) 62 6 Sachregister 575 <?page no="576"?> Frieden von Portsmouth (1905) 210 Frontier 16, 31, 61, 86, 90, 104, 106, 111, 118, 123, 130, 144, 164, 168, 182, 188, 320 Frontier-These 164, 174 Fugitive Slave Act (1850) 139, 144 Fulton, Missouri 292 Fundamentalismus, religiöser (s. a. islamischer Fundamentalismus) 240f., 243, 362f., 368f., 412, 427, 433 Gag Rule (1836) 116 Gaither Report 315, 322 Geheimdienste 225, 233, 278f., 281, 290, 298, 315f., 356, 369, 371, 410, 414, 418, 420-422, 451, 456f., 485 Central Intelligence Agency (CIA) 298, 316, 318, 322, 324-326, 351, 359, 372, 375, 379, 395, 418, 420, 431, 436, 452-454, 477, 485 National Security Agency (NSA) 422, 428, 456f. Office of Strategic Services (OSS) 273f., 298 General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) 294, 321, 384 General Electric 180, 237, 276, 365, 506 General Motors 237, 249, 276, 356, 437, 502 Genf (Gipfeltreffen) 374 Georgetown University, Washington 383 Georgia 20-22, 34, 46, 53, 55, 59, 111, 124, 146, 154, 186, 241, 291, 356, 501 Gesellschaft Antebellum 97f., 109, 111, 113-117 Erster Weltkrieg 224, 228f. Gilded Age 182, 184-194 Progressivismus 201, 212-215, 217-221 Ständegesellschaft 22 Zwanziger Jahre 235, 237 Gesundheitswesen 93, 189, 209, 212-214, 244, 330, 384, 388f., 396, 405, 429, 437-441, 451, 460, 462, 465, 472, 474, 477, 480, 482, 492-494 Gettysburg (Schlacht von) 151, 153, 155 Gettysburg Address (1863) 153, 432 Gewaltenteilung 71 Federalist 74, 76 Konföderation 57 Oberste Gerichte 53 Staaten 53-55 Union 75, 124f., 156, 178, 261f., 287 Verfassung , 69-73 Gewerkschaften 112, 181, 189, 192, 194, 205, 215f., 218, 221, 227, 233f., 237, 260-262, 275f., 291, 296, 304, 309, 321f., 384, 400, 434, 466, 503, 506, 508 Gibbons v. Ogden (1824) 108 Gilded Age 141, 182, 184f., 188f., 192, 197, 199, 364 Global Century 400 Globalisierung 393, 400, 508 Goldstandard 185, 194, 259 Golfkrieg (1991) 379, 381, 386, 414f., 477 Golf v. Mexiko 65, 99, 107, 466 Göttingen 181, 277 Granges 193 Grapes of Wrath (Früchte des Zorns) 254 Great Awakening 25, 34, 55f., 83 Great Migration 219, 227 Great Salt Lake 114 Great Society 288, 327, 330, 336, 338, 346, 362, 396, 425 Green New Deal 492 Greensboro, North Carolina 327 Grenada 372, 380 Griechenland 280, 292, 299 Grönland 271 Großbritannien 15f., 19, 21-27, 32-34, 36f., 39, 41-49, 51f., 55, 58f., 61, 64-66, 72, 76f., 88f., 91f., 97-99, 104f., 109f., 116, 119, 132f., 149, 173, 175f., 184, 199, 202f., 206f., 224, 236, 248f., 267, 282, 347, 380 Bürgerkrieg 150f. englischer Bürgerkrieg 32 Erster Weltkrieg 223-225, 227, 229-231 Glorious Revolution 24, 32, 128 Junge Republik 77, 79-82, 85, 87 Anhang 576 <?page no="577"?> Kolonialreich 19, 21 Krieg von 1812 90-92 Lateinamerika 100, 200f. Merkantilsystem 32, 35 Nach 1945 289, 292-294, 298f., 315f., 324, 331, 367, 377, 394, 412, 415f., 457 Oregon-Gebiet 99, 133f. Restauration 32 Revolutionsepoche 49, 51, 58-63 salutary neglect 33 Sklavenhandel 19 Verfassung 64, 70 Vergleich 202 Wirtschaftsbeziehungen 102, 110f., 149 Zweiter Weltkrieg 269-271, 273, 275, 277- 282 Zwischenkriegszeit 242, 247f. Große Depression 233, 235, 242, 245, 250f., 253, 256, 264-266, 268, 275, 311, 313, 367, 429, 436, 440 Gruppe der 7 (G-7) 379 Guadalupe Hidalgo, Vertrag v. 136, 138 Guam 205, 210 Guantánamo, Kuba (US Stützpunkt) 207, 421, 436, 454, 456, 460, 510 Guatemala 316, 464 Gullah 20, 121 Haager Konferenzen (1899 / 1907) 208 Haiti 88, 93, 102, 132, 210 Halle 181 Hampton Road (Schlacht bei) 150, 154 Hanford, Washington 277 Hanoi 317, 333, 348, 350 Harlem 219, 244f. Harlem Renaissance 245 Harpers Ferry, Virginia 146 Hartford, Connecticut 91 Hartz, Louis 305 Havanna 203, 471 Hawaii 199, 205, 209f., 272f., 311, 435, 498, 504 Haymarket-Affäre 191 Hay-Pauncefote-Abkommen (1901) 200 Heidelberg 181 Heilige Allianz 100 Helsinki (s. a. Außenpolitik, KSZE) 355, 358 Hexenverfolgung 25 Hiroshima 284 Hispanic Americans 265, 335f., 406, 434, 495, 500f., 504 Ho Chi Minh-Stadt 354 Holiday Inn 308 Hollywood 167, 237-239, 265, 288, 304, 308, 359, 365, 396, 424, 468, 499 Holocaust 242, 282, 284, 293, 395, 445 Homestead Gesetz (1862) 143 Homestead Streik 191 Homosexuelle 343, 363, 396, 424, 427, 482, 491 Gleichgeschlechtliche Eheschließung 469 Honduras 140, 210, 372, 464 Hongkong 204, 370 Hoover Dam, Colorado 252 Hopkins, Harry 260 Hudson 27, 29, 59, 87, 106, 108, 206 Hugenotten 30 Hussein, König von Jordanien 394 Hussein, Saddam 414, 416f. Hyde-Park-Abkommen (1941) I’ll Take My Stand (1930) 244 Idaho 169, 171, 188 Illinois 100, 114, 125, 135, 138f., 142, 144-146, 184, 195, 382, 433, 436 Immigrant Restriction League 218 Immigration and Naturalization Service (INS) 218 Impeachment (Amtsenthebung) 72, 160, 352, 354, 389, 392f., 485f. indentured servants 19, 21, 29, 31 Indiana 90, 100, 113, 221, 459, 475, 477, 491 Indian Civil Rights Act (1968) 336 Indianer 16 Indian Rights Association 172 Indien 37, 151, 271f., 284, 318, 399, 409f., 412, 453 Individualismus 98, 113, 128, 239f., 265, 364 6 Sachregister 577 <?page no="578"?> Indochina 271, 280, 284, 317, 325, 332, 354, 370, 498 Indonesien 271, 284, 318, 370, 394, 435 Industrialisierung 94, 98, 104f., 108, 111, 122, 127, 141, 164, 173f., 184, 189, 192, 307, 317 Gilded Age 141, 173-175, 184f., 189, 192 Progressivismus 197f., 211-214 Industrial Workers of the World (IWW) 222 International Business Machines Co. (IBM) 277, 501, 506 Internationaler Gerichtshof, Den Haag 249, 372, 509 Internationaler Währungsfond (IWF) 394 Internet 423, 429, 434, 448, 456, 502 Interstate Commerce Act (1887) 179f. Interstate Commerce Commission 180 Intolerable Acts (1774) 45 Iowa 194, 254, 365, 475, 492 Irak 299, 316, 369, 379-381, 386, 394, 399, 409f., 414, 420, 422f., 429f., 433, 446, 449f., 454, 458, 471 Nach 2001 (2. Irak-Konflikt) 413-418, 424, 428, 432, 436f., 446-448, 462, 465 Iran 291, 299, 315f., 347, 358f., 369, 372, 386, 394, 410, 414, 417, 429f., 445, 447, 458f., 462, 471, 489, 509 Iro-Schotten 22, 30, 61 islamischer Fundamentalismus 413, 447, 450 Islamischer Staat (ISIS) 446, 448-450 Island 271, 374 Isolationismus 138, , 266, 285, 292, 299, 399, 455 Israel 218, 293, 315, 325, 331, 352-354, 357, 369f., 380, 386, 394, 445, 458f., 462, 490 Italien 207, 218, 231, 242, 267, 272, 279-281, 293, 343 Jackson, Andrew 123, 125, 127, 133 Jacksonian Democracy 122f. Jalta 282 Jamaica 19, 61, 244 Jamestown 21 Japan Besatzung 295f. Beziehungen 1914 bis 1945 225f., 231, 247, 250, 268, 270-274, 277, 279-284 Gentlemen’s Agreement 218 Handelsvertrag von 1855 110 Imperialismus 199, 202, 207, 209f. Japanisch-chinesischer Krieg 209 Militäru. Sicherheitsverträge (1951 / 1960) 299 Nach 1951 297, 299f., 302-304, 310, 315, 317, 350, 356, 361, 371, 381f., 385, 394, 399, 488, 495 Yen 349 Jay Treaty 81 Jazz 227, 245, 426 Jemen 371, 453f. Jim Crow laws (s. a. Afroamerikaner Segregation, Süden) 187 Jingoism 202 Johnson v. McIntosh (1823) 124 Joint Chiefs of Staff (JCS) 278, 290 Jordanien 316 Juden 30, 175, 218, 241f., 267f., 282, 284, 290, 293, 328, 344, 352, 357, 369, 376, 381, 402, 445 Judicial Review 54, 85 Judiciary Act (1789) 72, 85 Jugoslawien 231, 279, 318 Kabul 358, 412, 452 Kalifornien 89, 99f., 133, 135f., 139, 146, 166, 170, 210, 218, 254, 276, 305, 308, 312, 336, 338, 359, 362, 365, 439, 482, 491, 498, 501-503 Kambodscha (s. a. Vietnamkrieg) 343, 348, 352, 354, 357, 498 Kanada 16, 32, 37, 100, 151, 164, 488, 495, 508 Dominion of Canada Act (1867) 164 Französische Besiedlung 37, 45 Grenzvereinbarungen 99, 134, 200 Hyde-Park-Abkommen (1941) 270 Junge Republik 81f., 88, 90f. Nach 1945 299, 303, 315, 334, 384, 487 Native Americans (Ende 19. Jh.) 171 Anhang 578 <?page no="579"?> Unabhängigkeitskrieg 49, 58f., 61-63 US Sklaverei 101, 116, 119, 133 Zweiter Weltkrieg 270, 277 Kanäle 106-108 Kansas 139f., 143, 162, 168f., 193, 253, 263, 388, 435, 477, 482 Kansas City 312 Kansas Nebraska Act (1854) 142 Karibik 16f., 19, 21, 24, 29, 32f., 36f., 39, 41, 55, 65, 80, 86, 88, 94, 100f., 119, 132, 137, 144, 148, 197, 199, 201, 204, 207f., 247, 270, 312, 372 Karolinen 296 Kasachstan 378 Katholiken 22, 30, 106, 243, 319f. Katzenbach v. Morgan (1968) 329 Kaukasus 381 Kent State University 343 Kentucky 84, 88, 91, 126, 130, 145-147, 150, 480 Kinderarbeit 190, 214, 216f., 260, 264 Kiowas 171 Kirchen 26, 101, 118, 159, 172, 211, 215, 238, 243, 253, 291, 313f., 322, 327, 406, 481 Klassizismus 93 Knights of Labor 190f. Know-Nothing-Bewegung 142 Koalition gegen den Terror 412 Köln 249 Kolumbien 206, 248 Kommunistische Internationale 190 Kompromiss von 1850 138f. Konföderation 57, 67f. Vorgeschichte 141 Konföderationskongress 57, 65f., 73 Kongo 319, 324 Kongregationalisten 24, 30 Kongresskomitees für Un-American Activities 304 Konservatismus 128, 341, 362, 367, 388, 403 Konsumgesellschaft 235, 239, 308 Kontinentalarmee 58, 60, 67 Kontinentalsperre 90 Korea 210, 280, 284, 300, 302, 311, 399, 451, 490 Nordkorea 301, 370, 386, 409f., 414, 429, 462, 490, 509 Südkorea 299, 302, 370, 490 Koreakrieg 301, 303f., 390 Kosovo-Krise 395 Krefeld 29 Krieg von 1812 91 Kriminalität 219, 244, 387, 501, 504 Kuba 37, 140, 199, 203f., 207f., 210, 317f., 322f., 331, 368, 370f., 421, 456, 471, 500, 510 Ku-Klux-Klan 162, 241 Kultur Emigration aus Deutschland 274 Great Society 288, 327, 330f., 336, 338, 346, 362, 396, 425 Kolonialzeit 33-35 Kulturmetropole Washington 314, 326 New Deal 263 Populäre Kultur 308f., 336, 368 Zwanziger Jahre 237f., 243-246 Kuweit 379-381 Kyoto-Gipfel 407 Lakehurst, New Jersey 239 Landwirtschaft 108, 488 2. Hälfte 19. Jh. 169f., 185f., 193f., 198 20. Jh. 251-254, 259f., 275, 309 Kolonialzeit u. Revolutionsepoche 18, 25, 30f. Kommerzialisierung (1. Hälfte 19. Jh.) 104, 108-110 Laos 343, 348, 354 Lateinamerika 99f., 109, 132, 199f., 208f., 225, 236, 247f., 251, 268, 270, 290, 309f., 312, 315, 317, 324, 329, 331, 370, 373, 390, 394, 431, 471, 474, 500f. Leipzig 181 Lend-Lease Act (1941) 271, 275 Letters from a Farmer in Pennsylvania (1767- 1768) 44 Lewis u. Clark-Expedition 89, 99 Lexington und Concord (Schlacht bei) 46 6 Sachregister 579 <?page no="580"?> Libanon 316, 369 Liberalismus 217, 276, 392 Liberator 116 Liberia 101, 210, 244 Library Company 35 Libyen 279, 370, 380, 386, 454f. Life Magazine 399 Lincoln Memorial 314, 328 line item veto 390 Little Rock, Arkansas 307 Lobbyismus 234, 438, 485 Lochner v. New York 217 Lockerbie 370 London 33, 35, 42, 47f., 58, 77, 80, 82, 90, 93, 99, 117, 133, 173, 175, 200, 236, 281f., 319, 376 Long Island 58 Los Alamos, New Mexico 277 Los Angeles 237, 277, 335, 341, 368, 435, 498, 503 Louisiana 37, 81, 88, 100, 146, 156, 163, 261, 425, 473, 503 Louisiana Purchase , 89, 99, 132, 140 Loving v. Virginia (1967) 329 Lowell 110 Lower South (s. a. Süden) 22 Loyalisten 48, 61, 63, 79 Luftfahrt 230, 308f., 313, 357 Lusitania 224 Lutheraner 22, 28-30, 243 Lynchjustiz 157 Lyon 290 Maastricht 377 Madman Theory 347 Madrid 82, 203f., 380 Mährische Brüder 22 Maine 24f., 55, 101, 116, 202f. Malaya 272 Malaysia 394 Manassas (Schlacht bei) 149 Manchester Guardian 136 Mandschurei 210, 250, 284 Manhatas 27 Manhattan 27, 58, 176, 213 Manhattan Project 271, 277, 283 Manifest Destiny 132, 137, 164, 202 manufacturing belt 502 Mao Tse-tung 334 Marbury v. Madison (1803) 85 Marianen 296 Marktrevolution 104, 121, 141 Marshall Islands 296 Marshall-Plan , , 294, Maryland 20-22, 28, 33f., 49, 55f., 58f., 62, 68, 77, 94, 106, 108, 110, 116, 120, 147, 150, 394, 474 Mason-Dixon-Linie 56 Massachusetts 23, 25, 29, 32, 43-45, 47f., 52- 55, 67, 73, 75, 91, 101, 110, 113, 115f., 128, 135, 153, 233, 319, 375, 433, 459, 482, 491, 504 Massachusetts Bay Company 24 Mayflower 23 Mayflower Compact 23 McCarran Internal Security Act (1950) 304 McCarthyismus 304f., 311, 341 McCulloch v. Maryland (1908) 108 McDonalds 308 Medicaid 330, 361, 438f., 441 Medicare 330, 388, 438, 440, 491 Medien 165, 237, 288, 295, 320, 326f., 333, 348, 368, 379, 392f., 397, 423, 439, 445, 451, 463, 470, 472, 481, 498f., 502 Memorial Day 201 Memphis, Tennessee 337 Mennoniten 27 Merkantilismus 108 Methodisten 22, 55, 83, 118, 121 MeToo-Movement 484 Metro-Goldwyn-Mayer 237 Mexiko 89, 100, 114, 119, 133-136, 151, 225, 495, 498, 500, 504, 508 Beziehungen im 20. Jh. 208, 225f., 248, 269, 336, 384, 400, 465 Beziehungen im 21. Jh. 474, 478, 487, 510 Französische Intervention 151 Anhang 580 <?page no="581"?> Mexikanisch-Amerikanischer Krieg 98, 130, 133-136 Texas 99, 133 Miami 312 Michigan 354 Midway-Inseln 199, 210, 279 Militärisch-industrieller Komplex 276, 310, 314, 385 Milizsystems 54 Milwaukee, Wisconsin 105, 192, 221 Milzbrand-Attacken 411 Minnesota 144, 194, 336, 482, 491 Mississippi (Fluss) 16, 37, 58, 62, 81, 88f., 94, 106, 111, 118f., 124f., 140, 150, 153, 166f., 170 Mississippi (Staat) 90, 100, 146f., 149, 159, 186, 425f., 503 Missouri (Fluss) 89 Missouri (Staat) 100f., 106, 114, 125, 139f., 143, 147f., 198, 282, 284 Missouri-Kompromiss 100, 140, 144 Mittelamerika 140, 144, 372 Mittelatlantik-Kolonien 26, 29f. Mittlerer Westen 106, 109f., 134, 137, 142, 166, 169, 177, 179, 183, 190, 193f., 198, 227, 240f., 253, 268, 305, 312, 389, 424, 469, 495, 503 Moçambique 371 Mondlandung 326 Monroe-Doktrin 98, 100, 200, 207, 232, 247, 371 Monrovia, Liberia 101 Montana 169, 171, 226, 272 Montgomery, Alabama 146, 306 Monticello 50, 83 Montreal 37 Morgan & Co. 180 Morgan Library, New York 180 Morgenthau-Plan 281, 290 Mormonen 114 Morrill Land Grant Act (1862) 169 Morristown, New Jersey (Winterlager) 60 Moskau 248, 280, 282, 288, 292, 294f., 297, 301, 316, 318, 323f., 331, 333, 349-351, 357-359, 368f., 374f., 377, 379, 386, 395, 472 Mount Vernon 63, 77, 82 muck-raker 213 Mueller Report 478f. Multikulturalismus 498 München 181, 290 Munn v. Illinois (1877) 184 Mutual Security Act (1951) 302 My Lai-Massaker 348 NAFTA 384 Nagasaki 284 Naher Osten 223, 291, 298, 315f., 352, 357, 369, 386, 430, 445, 448f., 465, 498 Nairobi (Bombenanschlag 1998) 411 Namibia 371 Nashville, Tennessee 180 National Aeronautics and Space Administration (NASA) 313, 315, 347 National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) 220, 244, 285, 305, 327 National Baptist Convention 159 National Broadcasting Corporation (NBC) 237 National Consumers’ League 214 National Economic Council (NEC) 398 National Industrial Recovery Act (NIRA, 1935) 260f. National Interest 364 Nationalists 67 National Labor Relations Act (1935) 262 National Labor Union 190 National Museum of African American History and Culture 499 National Organization of American Women (NOW) 335 Nationalparks 215 National Rifle Association (NRA) 463, 505 National Security Act (1947) 297 6 Sachregister 581 <?page no="582"?> National Security Council (NSC) 298, 313, 351, 372, 398 National Trades’ Union 112 National Urban League (NUL) 220, 244, 327 National Woman Suffrage Association 188 Native Americans 20. Jh. 265, 335f., 344 21. Jh. 500, 508, 510 American Indian Movement (AIM) 336 American Indian Religious Freedom Act (1978) 344 Antebellum 73, 112, 123-125, 134, 167 Bureau of Indian Affairs 172, 265, 344 Dawes Severalty Act (1887) 172 Gilded Age 170, 172f. Indian Civil Rights Act (1968) 336 Indian Removal Act (1830) 124 Indian Reorganization Act (1934) 265 Indian Rights Association 172 Indian Self-Determination Act (1974) 344 Kolonialzeit 15-17, 21, 23, 25, 27, 31, 41 Kriege 25, 82, 90-92, 171f. National Congress of American Indians (NCAI) 336 National Indian Youth Council 336 Reservate 125, 170, 172f., 265, 336, 344, 500 Revolution 56, 59, 61 Snyder Act (1924) 265 Supreme Court 124f. Umsiedlung nach 1820 93, 106, 124f. Nativismus 106, 175, 218, 241 Naturrecht 50 Navaho 170 Navigation Acts 32, 36, 41 Nebraska 139f., 142, 166, 193f. Neu-Amsterdam 27 Neuengland (s. a. Nordosten, Regionen) 16, 23-26, 29-31, 33-35, 47, 49, 55, 58f., 80f., 87f., 90, 102, 109, 115, 135, 143, 220, 375 Neufundland 15, 46, 62, 271 Neu-Niederlande 27 Neuschottland 37, 46, 58, 61f. Neuseeland 299, 496 Nevada 168, 498, 503 New Deal 235, 245, 255, 257-266, 274-276, 285, 288, 291, 293, 305, 313, 327, 330, 338, 342, 362, 396, 425, 438, 440, 444 Agricultural Adjustment Act (AAA, 1933, 1938) 258f., 264 Civilian Conservation Corps (CCC) 260 Civil Works Administration (CWA) 260 Emergency Banking Act (1933) 258 Fair Labor Standards Act (1938) 264 Federal Art Project 259, 263 Federal Emergency Relief Administration (FERA) 260 Federal Theater Project 263 Federal Writers’ Project 263 Glass-Steagall Act (1933) 259 Home Owners Loan Corporation 259 National Industrial Recovery Act (1935) 260 National Labor Relations Act (1935) 262 National Recovery Administration (NRA) 260f. Public Works Administration (PWA) 260 Reciprocal Trade Agreements Act (1934) 259 Securities and Exchange Commission 259 Social Security Act (1935) 262 Tennessee Valley Authority (TVA) 260 Works Progress Administration (WPA) 263, 265 New Freedom 223 New Frontier 165, 319, 321, 326 New Hampshire 24f., 34, 52, 75, 91, 210, 475 New Harmony, Indiana 113 New Jersey 27, 29, 32, 53, 58, 61, 146, 179f., 216, 223, 411, 473, 491 Newlands Reclamation Act (1902) 215 New Left 334f. New Mexico 139, 225, 277, 482 New Orleans 37, 81, 88, 91f., 104f., 107, 119, 150, 245, 425f., 493 Anhang 582 <?page no="583"?> New York 20, 25, 27-29, 34, 50, 52-54, 58, 73, 75, 84, 107f., 113f., 116, 130, 179, 205, 256, 262, 281, 312, 345, 474f., 491, 503 New York City 27, 29f., 43, 59, 61, 75, 105f., 109, 150, 167, 175, 177, 180, 183, 202, 213, 216, 219, 224, 236, 238, 244f., 285, 294, 297, 336, 368, 391, 411f., 433, 469, 473, 482, 492-494, 498, 503, 506 New York Times 342, 348, 376, 420, 461, 467, 485 Nez Percés 171 Niagara Falls 220 Niagara Movement 220 Nicaragua 140, 208, 210, 247, 318, 372f. Niederlande 19, 64, 66 Niederländisch-Reformierte 30 Nixon-Doktrin 347 Non-Partisan League 224 Norden 228, 243, 245, 276 Nordirland 387 Nordosten 106, 109f., 113, 122, 181, 198, 213, 389, 501f. Nordwesten 90, 106f., 109, 113, 169, 171 Nordwest-Territorium 82, 88 Norfolk, Virginia 150 Noriega, Manuel 373 North Atlantic Treaty Organization (NATO) 299f., 303, 314f., 318, 331, 349, 358, 367-369, 374, 376f., 379, 387, 395, 399, 412, 455, 457, 489 North Carolina 21f., 147, 212, 423, 433, 459, 498, 501 North Dakota 172, 267 North Star 116 Northwest Ordinance (1787) 65 Notes on the State of Virginia (1786) 20 no title 457 Nullifikations-Streit 124, 126 Oakland, Kalifornien 335 Oak Ridge (Manhattan Project) 277 Obamacare 439 Öffentliche Meinung 61, 69, 133, 191, 206, 218, 290, 329, 333, 337, 342, 346, 448, 459, 466, 506 Office of Military Government (OM‐ GUS) 292, 295 Ohio 36, 41, 45, 65, 82, 88, 90, 100, 105-107, 114, 130, 189, 192, 194f., 343, 387, 473 Okinawa 283, 296 Oklahoma City (Bombenanschlag 1995) 388, 412 Ökumenischer Weltrat Genf 291 Olivenzweig-Petition 49 Omaha, Nebraska 166, 194 Oneida, New York 113 OPEC-Staaten 341, 356 Open Door Policy 209, 246f. Oregon 89, 99, 133f., 139, 146, 171, 202 Organization of European Economic Cooperation (OEEC) 293 Ostasien 209, 370, 498 Österreich 37 Osteuropa 248, 288, 291, 304, 311, 375, 379 Ottawa, Kanada 299 Ottawa Indianer 41 Owenites 113 Pakistan 299, 369, 399, 410, 412, 421, 429, 450, 452-454, 470 Drohnenkrieg 453f. Palästina 284, 293, 299, 370, 445 Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) 370, 386, 394 Panama 206, 210, 269, 357, 373 Panamakanal 207, 233 Paramount Studios 237 Paris 35, 59, 61, 75, 77f., 83, 205, 226, 230, 233, 243, 245, 317, 319, 331, 350, 376, 387, 467 Parlamentssouveränität 47, 66, Parteien 74 Patient Protection and Affordable Care Act (2010) 439f., 477, 480 Patriot Act (2001) 421 Patrioten 44-48, 55, 59-64, 79 Patronage 82 6 Sachregister 583 <?page no="584"?> Pazifischer Westen 100, 502 Pazifisten 27, 224, 343 Pearl Harbor 205, 272f., 278, 285, 411, 420 peculiar institution 55, 95, 117, 126, 146 Peenemünde 290 Peking 209, 268, 302, 333, 348, 351, 509 Peking-Konsens 510 Pelzhandel 27, 31, 99 Pennsylvania 20, 22, 27-29, 33f., 49, 52f., 56, 76, 138, 143f., 153, 190f., 222, 255, 411, 419, 473 Pentagon 297, 369, 411f., 416f., 419, 421 Pentagon Papers 348 People’s Party 193-195 Pequots 17, 25 Pfälzischer Erbfolgekrieg (King William’s War) 36 Philadelphia 28-30, 34f., 45, 48f., 53, 56, 58-60, 65, 68, 73, 76f., 79, 82, 93, 101, 105, 109, 116f., 213, 237, 473, 503 Philippinen 37, 204f., 209f., 268, 271, 280, 296, 299, 311, 370 Phoenix, Arizona 446, 503 Pietisten 29f., 61 Pilgrims 23 Pittsburgh 37, 177, 190f. Platt Amendment 207, 268 Plessy v. Ferguson (1896) 187 Plymouth 21, 23, 25 Plymouth Plantation 23 Polen 103, 188, 231, 269, 282, 293, 358, 377, 416 Politikverdrossenheit 386, 388 popular sovereignty 139f., 144f. Populismus 195, 375, 472 Portugal 19, 371 Potomac 77, 146, 153, 326 Potsdamer Konferenz 283, 291 Presbyterianer 22, 28, 30, 113, 115, 223 Preußen 37, 65, 203 Princeton, New Jersey 58 Progressive Party 216, 237 Progressivismus 181, 193, 197, 209, 211-215, 217-222 Prohibition 215, 222, 239 Protestantismus 98, 114, 240 Providence Plantation 25 Public Interest 364 Public Option 439 Publius 74 Pueblo-Indianer 173 Puerto Rico 205, 210, 500 Pullach; Bundesnachrichtendienst 290 Pullman-Streik 191 Puritaner 16, 21, 23-25 Quäker 26f., 29f., 35, 55, 61, 117, 224, 291, 341 Quartering Act (1765) 42 Quebec 37, 46f., 281 Quock Walker Case 56 Railway Union 221 Rassismus 94, 241 Rassismus (s. a. Afroamerikaner, Süden Konservatismus) Raumfahrt 165, 502 Reconstruction Act (1867) 159 Reconstruction Finance Corporation 252 Red River 125 Red River War (1874 / 75) 171 Red Scare 222, 232f., 241, 305 Reform and Consumer Protection Act (2011) 443 Reformbewegungen 111, 129, 195 1. Hälfte 19. Jh. 113-115 2. Hälfte 19. Jh. 159 Bürgerrechtsbewegung 288, 306, 321, 327- 329 Progressivismus 181, 209, 211-215, 217- 222 Reformierte 22, 28-30, 243 Reform Societies 114 Refugee Act (1980) 496 Regierungssystem 23, 34, 52-54, 64, 68-74, 87, 255f., 287, 295, 330, 360 Bürokratie 33, 42, 86, 182, 213, 233, 258, 266, 285, 342, 344, 366, 387, 419, 424 imperial presidency 285, 298, 332, 341, 351 Anhang 584 <?page no="585"?> Kolonialparlamente 26 Kongress 69-72 Präsident 70f. Repräsentantenhaus 71f., 75, 85, 184 Senat 71f. Zentralgewalt 57 Zentralregierung 68, 156 Rekonstruktion 162 Religion 15, 27, 68, 75, 83, 113, 120, 243, 313, 328, 362 Republicans ( Jefferson) 108, 123, 142 Republikanische Partei 143, 216, 392, 463, 472f., 477, 504 Bürgerkrieg 149, 151, 154f. Entstehung 142-146 Gilded Age u. Progressivismus 182f., 185, 188, 194f. Nach 1945 292f., 302, 305, 309, 319, 328, 338, 341, 354f., 359, 363, 382, 384, 386-389, 392, 402, 404, 406, 425, 427, 431, 436, 439 Rekonstruktion 158-164 Zwischenkriegszeit 246, 261-264 Republikanismus 26, 68, 74, 78, 80, 85f., 98, 112, 117, 137f., 189 Revolutionen von 1848 / 49 in Europa 105, 137 Reykjavik (Gipfeltreffen 1986) 374 Rhode Island 25, 33, 52, 59, 68, 73, 474 Richmond, Virginia 94, 147, 149, 153-155 Rio Grande 135f. Robber Barons 179 Rochester, New York 113, 116 Rockefeller Foundation 180 Rockmusik 308 Rocky Mountains 88f., 99, 101, 140, 168, 170, 222 Roe v. Wade (1973) 345 Romantik 93 Rote Khmer 357 Royal Dutch / Shell 248 Rüsselsheim 249 Russia Investigation 479 Russland 99f., 164, 199, 226, 231, 248, 278, 378f., 386, 390, 394, 409, 412, 414f., 445, 457, 462, 479, 485 Russische Revolution 197 Russisch-Japanischer Krieg 210 Zarenreich 100, 148, 210, 218, 224 Sacramento, Kalifornien 166 Saigon 325, 332, 337, 350, 354 Salem, Massachusetts 25 Salutary neglect 33 Samoa 199, 210 San Antonio, Texas 133 Sandinisten 372f. San Francisco 210, 213, 287, 336, 344, 503 Santa Ana, Antonio López de 133, 136 Santa Fe, New Mexico 277 Santiago de Cuba 204 Santo Domingo 577 Sarajewo 387 Saratoga (Schlachten von) 59 Saudi-Arabien 300, 369, 380, 414 Sauk Indianer 125 Savannah, Georgia 19, 61, 94 scalawags 161 Schanghai 268 Schechter v. US (1935) 262 Schmelztiegel 218, 242 Schottland 30, 180, 370 Schurkenstaaten 410, 415, 432 Schweden 29, 496 Schweiz 64, 87, 105, 279, 395, 496 Seattle, Washington 384, 400, 493 Segregation , 187, 219f., 227, 238, 305, 312, 321, 327 Sektionale Konflikte 89, 91, 99, 117, 140 Selective Service Act (1917) 226 Seminolen 99, 124f., 170 Seneca Falls 117 Seoul 301 Servicemen’s Readjustment Act (1944) 308 Settlement-Bewegung 213, 217 6 Sachregister 585 <?page no="586"?> Sezession (s. a. Bürgerkrieg) 84, 91f., 126, , 146f., , 149, 154, 156f. Shaker 113 sharecroppers 162, 186, 220, 312 Shawnee 90 Shays’ Rebellion 67f. Shenandoah River 22, 146 Sherman Antitrust Act (1890) 180 Siebenjähriger Krieg (French and Indian War) 36, 41, 47, 59 Sierra Leone 61, 101 Silicon Valley 502 Singapur 370, 490 Sioux 170-172 Skandinavien 105, 198, 218 Sklaverei (s. a. Afroamerikaner) 19f., 22, 50, 55-57, 59, 65, 67, 73, 76, 86, 88, 93-95, 98, 101f., 111, 116-121, 129f., 132-134, 138-147, 151, 153f., 157f., 188, 245, 300, 327, 434, 481, 499 Smith Act (1940) 274, 304 Smoot-Hawley Tariff (1930) 252 Socialist Labor Party 221 Socialist Party of America 221 Social Security 440 Somalia 371, 381, 385, 453, 482 Southampton County, Virginia 119 South Carolina 19-21, 49, 52, 59, 91, 111, 119, 124-127, 137, 146f., 154, 163, 473, 477, 501 South Dakota 171f., 351 Southern Alliance 193 Southern Christian Leadership Conference (SCLC) 327, 334 Sowjetunion 287, 294, 368, 372, 381, 386, 431 Nach 1945 288, 291-294, 297f., 300-304, 314f., 317f., 322-324, 326, 331f., 339, 347- 350, 353, 355, 357-359, 367f., 370f., 374 Zerfall 375-379 Zweiter Weltkrieg 271, 274, 277-284 Zwischenkriegszeit 231, 233, 248, 258, 267 Sozialdarwinismus 178, 202 Sozialismus 113, 137, 190, 192, 218, 220f., 224, 237, 255, 274, 318, 371, 439, 474 Sozialwesen 192, 213, 258, 399, 507 Spanien 16, 19, 79, 81, 99, 140, 202, 204, 267, 416, 501 Kolonien 37, 62, 88, 99, 133, 203f. Spanisch-Amerikanischer Krieg 200, 203- 206 Spanischer Erbfolgekrieg (Queen Anne’s War) 36 Spoils System 123, 183 Sport 238f., 244, 313, 499 Sputnik-Schock 315 Srebrenica 387 St. Louis, Missouri 89, 105, 107, 109, 169, 190, 192, 194, 202, 213 Stammzellenforschung 406 Stamp Act Congress (1765) 43 Stamp Act-Krise 42f. Standard Oil of New Jersey 180 „Star-Spangled Banner“ 92 Strategic Arms Reduction Talks (START) 378 Student Non-Violent Coordinating Committee (SNCC) 327 Students for a Democratic Society (SDS) 334, 343 Stuttgart (Rede v. Byrnes) 292 Südafrika 200, 357, 371 Sudan 394 Süden 21, 23, 26f., 29f., 32f., 35, 37, 55f., 59, 61, 73, 77, 80, 82, 91, 94, 101, 103, 106, 111, 117-119, 121, 129f., 133, 136, 139, 141-143, 146f., 149-151, 153-159, 161-163, 183f., 186f., 201, 219, 227, 234, 238, 241, 243-245, 259, 276, 291, 307, 312, 321, 328, 338, 344, 350, 356, 424, 495 Südwesten 94, 103, 106, 111, 125, 135, 169-173, 190, 193, 253, 312 Suezkanal 315, 352 Suezkrise 315 Sugar Act (1764) 41 sun belt 312, 501f. Anhang 586 <?page no="587"?> Supreme Court 82, 114, 128, 145, 178, 184, 216f., 258, 260f., 263f., 273, 278, 304, 306, 327, 342, 344f., 348, 353, 363, 366, 391, 396, 428, 470, 478, 483 Afroamerikaner 143, 163, 187, 305, 329 Native Americans 124f. Verfassung 72, 85, 108, 229 Wirtschaftspolitik 108, 234, 237, 264 Swann v. Charlotte-Mecklenburg Board of Education (1971) 344 Syrien 352, 416, 446, 448, 457, 462, 472, 490 Bürgerkrieg 465 Nach 2011 449 Taft-Hartley Act (1947) 309 Taiwan 299, 349, 370, 410 Taliban 411f., 421, 429, 450 Tammany Hall 183 Tax Cuts and Jobs Act (2017) 480 Taylorismus 177 Tea Act (1773) 45 Teapot Dome-Skandal 236 Tecumseh 426 Teheran 280, 358f., 369, 430, 458f. Telegraph 107, 166 Temperenzbewegung 115, 186, 189 Tennessee 88, 122f., 146f., 150, 153, 155f., 158f., 162, 243, 277 Tennessee River 260 Tennessee Valley Authority (TVA) 260 Territoriale Expansion 65, 91, 97, 99, 132 Terrorattacken vom 11. September 2001 411, 414, 419, 421, 423 Terrorismus 343, 370, 394, 411, 413-416, 418, 422f., 426, 430-432, 444, 446, 448, 453f., 456, 465, 469, 478, 509 Texas 99, 106, 111, 133-135, 146, 159, 168f., 171, 193, 225, 312, 315, 345, 402, 410, 428, 466, 473, 477, 491, 498, 501, 503f. Thailand 272, 299, 370 Finanzkrise 394 The Crisis 220 The Feminine Mystique (1963) 335 The Fundamentals (1909-1914) 243 The Influence of Seapower Upon History (1890) 199 The Jungle (1906) 215 The Lesser Evil. Political Ethics in an Age of Terror (2005) 423 The Liberal Tradition in America (1955) 305 The Masses 220 The Melting Pot 218 Theokratie 24, 114, 417 The One-Dimensional Man (1964) 334 The Power Elite (1956) 334 The Significance of the Frontier in American History (1893) 164 The Wealth of Nations (1776) 55 Timber and Stone Act (1878) 169 Tippecanoe (Schlacht von) 90 Todesstrafe 126, 505 Tokio 210, 218, 271-273, 284 Tories 48 Townshend-Zölle (1767) 44 Trafalgar (Schlacht von) 90 Trans-Pacific Partnership Agreement (TPP) 487 Trenton, New Jersey 58 Truman-Doktrin 292, 316 Tschechoslowakei 231, 269, 293, 311, 339 Tschetschenien-Konflikt 386 Tunesien 279 Türkei 279, 291f., 299, 323, 458 Tuskegee Institute, Alabama 219 Ukraine 378 Ukraine-Affäre 485f. Umweltschutz 346, 384, 387, 398, 400, 406, 465-467, 477, 510 Clean Air Act (1970) 343 Clean Power Plan (2015) 466 Kyoto-Protokoll (1997) 407 Übereinkommen von Paris (2015) 466f., 471, 489 6 Sachregister 587 <?page no="588"?> Unabhängigkeitserklärung 15, 36, 48-51, 54f., 57, 60, 75f., 86, 104, 117, 141, 145, 153, 156, 174, 189, 223, 300, 355 Unabhängigkeitskrieg 19, 58, 61, 63, 89, 92- 94, 101, 150, 175 Uncle Sam 92, 202 Uncle Tom’s Cabin 116 Ungarn 138, 231, 311, 315 Union and Central Pacific Railroad 166 Union Pacific Company 166 United Artists 237 United Farm Workers 336 United Fruit Co. 208, 210 United Negro Improvement Association 244 United States-Mexico-Canada Agreement (2018) 488 Universitäten 26, 103, 169, 181, 214, 228, 238, 304, 334f., 342f., 368, 467, 499f., 502 American University, Washington, D. C. 324 California Institute of Technology (Caltech) 277 Columbia University, New York 257, 435 Cornell University, Ithaca, New York 181 Fisk University 220 Fordham University, New York 473 Harvard University 26, 187, 211, 220, 256, 274, 277, 293, 402, 419, 423, 426, 436 Howard University, Washington, D. C. 245 Johns Hopkins University 181 Massachusetts Institute of Technology (MIT) 277 Princeton University 223 Stanford University 446, 457, 502 University of California, Berkeley 277 University of California, Davis 345 University of Chicago 181, 277, 436, 456 University of Michigan 181 University of Pennsylvania 473 University of Utah 502 University of Wisconsin, Madison 164, 343 Vanderbilt University 180 Yale University 26, 178, 383, 401f. Upper South 22, 56 Urbanisierung 111, 211, 213, 503 Ghettos 219f., 227, 234, 238, 244, 312, 335, 504 Suburbanisierung 238, 312 US Census Bureau 495 US-China Phase One-Handelsabkommen (2020) 489 US Court of Appeals for the District of Columbia Circuit 483 US Steel Corporation 180, 234 Utah 114, 139, 168, 188, 502 Valley Forge 60 Vancouver Island 134 Vatikan 291, 369 Venezuela 200, 207, 248 Veracruz 136 Vereinte Nationen 55, 281f., 284, 288, 299, 301f., 315, 349, 354, 368, 370, 372, 374, 379, 381, 385, 414, 455, 463 Verfassung 15, 52, 54, 56, 65, 68-80, 83f., 86, 93, 100f., 105, 116f., 124, 126, 133, 139, 146, 154, 160, 186, 202, 207, 211, 223, 229, 252, 256, 266, 295f., 300, 316, 322, 328, 352, 354, 360, 387, 392, 418, 422, 434 Ratifizierung 73 Zusätze 70 Versailler Vertrag 230-232, 247, 292 Vicksburg, Missouri 151, 153 Vierzehn Punkte (Wilson) 229-231 Vietnam 272, 317f., 325, 331f., 334, 337f., 343, 346-348, 350f., 354f., 357, 360, 367, 369, 371f., 387, 402, 424, 433, 446, 448 Vietnamkrieg 288, 307, 326, 330f., 337f., 341f., 347, 349, 351, 354, 362, 372, 380, 383, 419, 446, 498 Anti-Kriegsbewegung 334, 343 Virginia 17, 19-22, 42, 45, 49, 52, 55, 59, 73, 75, 77, 84, 86, 94, 110, 119, 126, 147, 150, 154f., 223, 474f., 481, 501f. Virginia Aristocracy 22, 50 Anhang 588 <?page no="589"?> Virginia City, Nevada 168 Virginia Company 21, 23 Virginia Declaration of Rights (1776) 54f. Virgin Islands 199, 208 virtue 47, 54, 68 virtuelle Repräsentation 42 Vizepräsidentenamt 71 Völkerbund 225, 229, 231, 247, 249f., 267, 284 Volkssouveränität 52, 68, 85, 92 Voting Rights Act (1965) 329 Wade-Davis Bill (1864) 157 Wahlbeteiligung 129, 195, 217, 342, 351, 356, 382, 389, 424 Wahlen (Nov. 1996) 389 Wahlen (Nov. 1998) 392 Wahlen (Nov. 2000) 401-405, 434 Wahlen (Nov. 2002) 415 Wahlen (Nov. 2004) 423 Wahlen (Nov. 2008) 432f., 459 Wahlen (Nov. 2012) 459 Wahlen (Nov. 2016) 472 Wahlrecht 24, 54, 72, 87, 121, 161 Afroamerikaner 56, 157-159, 186f., 220, 328f. Frauen 117, 161, 186, 188f., 191, 214, 240, 328 Wall Street 127, 180, 193f., 250, 443, 462, 469 Waltham 110 War Powers Act (1973) 352 Warren, Earl 306 Warren-Kommission 326 Warschauer Pakt 339, 367, 369, 378 Washington, D. C. 77, 85, 87, 91, 107, 133, 139, 149, 153, 155f., 170, 183, 186, 192f., 198, 207, 214, 225, 247, 249, 254, 271f., 276, 283, 288, 314, 319, 321, 326, 328, 344, 351, 356, 374, 377, 383f., 386, 390, 404, 407, 411f., 424, 428, 436, 445, 459, 462f., 467, 469, 477, 482, 499, 504 Washington-Konsens 510 Washington Post 342, 352, 456, 485 Watergate-Skandal 326, 341, 351f., 354-356, 360, 367, 372, 393, 428 Weathermen 343 Wehrpflicht 150, 200, 226, Westen 29f., 38, 41, 58, 87-89, 91, 94, 98, 102- 105, 107, 109, 114f., 121-123, 125, 129, 132, 134, 136, 143, 146f., 149f., 153f., 163f., 166-169, 181, 185, 188, 193, 206, 232, 265, 276, 294, 303, 336, 375f., 501f. Erschließung 26, 31, 65, 68, 87 Westinghouse Electric 180 West Point 87, 147, 414, 451 West Virginia 147, 190, 222 Whig-Partei 34, 42, 122, 128-130, 136-143, 146 Whiskey Rebellion 79, 82 White Anglo-Saxon Protestants (WASPs) 183, 202 Whitewater-Affäre 384, 391 Wiener Gipfeltreffen (1961) 322 Wiener Kongress 92 William and Mary College 50 Williamsburg 50 Wilmot Proviso 138 Wirtschaft 20, 22, 25f., 29-31, 35, 55, 62, 64-69, 72, 75-77, 80, 86f., 90, 93, 97, 103f., 107-112, 117, 146, 149, 151, 163, 166-169, 173-175, 177- 181, 194, 198f., 201, 204, 216, 223, 227, 233, 235-237, 250-253, 255, 261f., 264f., 270, 275- 277, 284, 288-291, 293, 302f., 307-310, 314, 317, 320f., 342, 349, 356, 360-362, 364-367, 387f., 390, 394, 397f., 400, 409, 428f., 431, 440f., 443f., 460, 462, 466, 477, 487, 489, 491, 501f., 505-507, 509 Aspekte 179 Außenwirtschaftspolitik 398 big business 167, 179, 183, 217, 236 Clayton Anti-Trust Act (1914) 216 corporate consolidation 179 deficit spending 253 Depression der 1890er 174 Deregulierung 342, 357, 366, 387 Dienstleistungsgesellschaft 310, 400, 502 6 Sachregister 589 <?page no="590"?> Enron-Skandal 505 Federal Trade Commission 216 Gramm-Rudman Act 366 Immobilienu. Hypothekenkrise (2007) 441f., 505 Interstate Commerce Act (1887) 179f. Interstate Commerce Commission 180 laissez faire-Kapitalismus 178 North American Free Trade Agreement 384, 487f., 508 Reaganomics 364-366 Rezession von 1819 102 Sherman Antitrust Act (1890) 180 Smoot-Hawley Tariff (1930) 252 Tax Reform Act (1986) 366 Trusts 179 Zollpolitik 216, 252, 488 Wisconsin 138, 144, 164, 214, 237, 305, 343, 461, 474, 480 Wohlstandsgesellschaft (s. a. affluent society) 287f., 307, 309, 312 Women’s Christian Temperance Union (WCTU) 189 Women’s Trade Union League 191 Woodstock-Festival 343 Worcester v. Georgia (1832) 124 Works Progress Administration (WPA) 263, 265 World Trade Center 411f., 450, 470 Wounded Knee Creek 172 Wyoming 169, 188 XYZ-Affäre 83 Yankee 110, 163, 209 Yellowstone National Park 169 Yorktown, Virginia 59 Yosemite National Park 215 Young America 138 Young-Plan 249 Yukon Territory 200, 270 Zangwill, Israel 218 Zepa 387 Zimmermann-Telegramm 225 Zweiter Weltkrieg 234, 242, 265, 288, 297, 304, 307, 313, 324, 377 Atlantik-Charta 271 Bedingungslose Kapitulation 279, 281, 283, 296 Germany first-Strategie 278f. Krieg 271-284 Lend-Lease Act (1941) 271, 275 Manhattan Project 271, 277, 283 Marshall-Plan 292-294 Morgenthau-Plan 281, 290 Neutralität 268-272 Pearl Harbor 205, 272-274, 278, 285, 411, 420 Potsdamer Konferenz 283, 291 Wirtschaftliche Mobilisierung 270, 275- 277 Anhang 590 <?page no="591"?> 7 Abbildungsverzeichnis Abb. 1 Library of Congress, LC-USZ62-54 018, www.loc. gov/ item/ 2001696973/ S. 17 Abb. 2 Library of Congress, LC-USZ62-2583, www.loc.gov / resource/ cph.3a06255/ S. 28 Abb. 3 nach Thomas L. Purvis, „The European Ancestry of the United States Population“, William & Mary Quar‐ terly (1984), 85-101 S. 32 Abb. 4 Library of Congress, LC-USZ62-3736, www.loc.gov / resource/ cph.3a07200/ S. 50 Abb. 5 National Archives, ARC Identifier 532 883, catalog. archives.gov/ id/ 532883 S. 60 Abb. 6 Library of Congress, LC-DIG-ppmsca-54 232, www.loc.gov/ item/ 2018645051/ S. 120 Abb. 7 Library of Congress, LC-USZ62-1575, www.loc.gov / item/ 2008661279/ S. 127 Abb. 8 Thomas A. Bailey u. a., The American Pageant, Bos‐ ton, New York 111 998; Günter Moltmann, USA-Plötz, Freiburg 31 996 S. 131 Abb. 9 Library of Congress, LC-USZC4-10 198, www.loc. gov/ item/ 2002713085/ S. 152 Abb. 10 Library of Congress, LC-USZC2-2325, www.loc. gov/ item/ 98501907/ S. 160 Abb. 11 Library of Congress, LC-USZC4-668, www.loc.gov/ resource/ cph.3a04647/ S. 165 Abb. 12 National Archives: 196-GS-369, catalog.archives. gov/ id/ 3854683 S. 176 Abb. 13 nach den Zahlen des Völkerbundes zitiert in Aaron Friedberg, The Weary Titan: Britain and the Experi‐ ence of Relative Decline, 1895-1905, Princeton, NJ 1988 S. 199 Abb. 14 National Archives, 30-N-49-1482, catalog.archives. gov/ id/ 6788417 S. 201 Abb. 15 Library of Congress, LC-USZ62-44 049, www.loc. gov/ item/ 2007680185/ S. 241 Abb. 16 National Archives, ARC Identifier 196 763, catalog. archives.gov/ id/ 196763 S. 256 Abb. 17 National Archives, 33-SC-14 524c, catalog.archives. gov/ id/ 5729282 S. 257 Abb. 18 Lyndon Baines Johnson Library, A2133-10, Foto von Yoichi R. Okamoto, www.lbjlibrary.net/ collections/ photo-archive/ photolab-detail.html? id=400 S. 306 Abb. 19 Library of Congress, LC-USZ62-105 950, https: / / www.loc.gov/ item/ 2016648515/ S. 333 <?page no="592"?> Abb. 20 National Archives, 412-DA-13061, catalog.archives. gov/ id/ 555513 S. 353 Abb. 21 National Archives, ARC Identifier: 198 588, catalog. archives.gov/ id/ 198588 S. 374 Abb. 22 National Archives, White House, P011 471-26A, www.archives.gov/ exhibits/ picturing_the_century/ century/ century_img99.html S. 385 Abb. 23 US Energy Information Administration, Emissions of Greenhouse Gases in the United States 2003, https: / / www.eia.gov/ environment/ emissions/ ghg_ report/ pdf/ 0573(2009).pdf S. 408 Abb. 24 US Bureau of Transportation Statistics, National Transportation Statistics 2005, https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 40313/ umfrage/ usa---erdoelverbrauch-in-tausendbarrel-pro-tag/ S. 408 Abb. 25 Barack Obama Presidental Library, P090 109-0127 S. 435 Abb. 26 „The Squad“, Instagram Konto Alexandria Oca‐ sio-Cortez (@aoc). S. 482 Abb. 27 US Department of Homeland Security, Yearbook of Immigration Statistics 2004, https: / / www.dhs.gov / sites/ default/ files/ publications/ Yearbook_Immi gration_Statistics_2004.pdf S. 496 Abb. 28 US Department of Homeland Security, Yearbook of Immigration Statistics 2017, https: / / www.dhs.gov / sites/ default/ files/ publications/ yearbook_immi gration_statistics_2017_0.pdf S. 497 Abb. 29 US Census Bureau, 2010 Census of Population and Housing, https: / / www2.census.gov/ library/ publi cations/ 2012/ dec/ cph-1-1.pdf S. 497 Abb. 30 US Census Bureau, Income and Poverty in the United States 2018, https: / / www.census.gov/ content/ census/ en/ data/ tables/ 2019/ demo/ income-poverty/ p60-266.html S. 500 Karte 1, 3-6 erstellt von Tina Groß S. 18, 89, 135, 148, 537 Karte 2 erstellt von Tina Groß unter Verwendung von Ri‐ chard N. Current u. a., American History: A Survey, New York 71 987 S. 38 Anhang 592 <?page no="593"?> Christof Mauch | Anke Ortlepp Jürgen Heideking Geschichte der USA Geschichte der USA 7. A. Mauch | Ortlepp Heideking Die Neuauflage des Klassikers zur Geschichte der Vereinigten Staaten bietet einen Überblick der Ereignisse und Entwicklungen bis ins Jahr 2020. Sozial- und kulturgeschichtliche Themen treten neben die Darstellung von Politik, Wirtschaft und Verfassung vor dem Hintergrund einer weltpolitischen Lage, die sich in den letzten 20 Jahren entscheidend verändert hat und zu einer Neubewertung der Rolle der USA als Weltmacht Anlass gibt. Besondere Beachtung finden die Rassenproblematik, ethnische, religiöse und Umweltfragen, Einwanderung sowie die Rolle der Frauen und die deutschamerikanischen Beziehungen. Die Fülle von Fakten und Analysen verbindet der Band mit den Mitteln narrativer Geschichtsschreibung zu einer differenzierten, gut lesbaren Darstellung auf aktuellem Forschungsstand. Die neue kommentierte Bibliographie diskutiert Standardwerke wie auch aktuelle Literatur. Geschichte ,! 7ID8C5-cfdjji! ISBN 978-3-8252-5399-8 Dies ist ein utb-Band aus dem Narr Francke Attempto Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehrbücher und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb-shop.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel 7. Auflage Mit umfangreichem Online Material 53998 Heideking_L-geb-1983.indd 1 53998 Heideking_L-geb-1983.indd 1 29.09.20 16: 28 29.09.20 16: 28
