Colloquia Germanica
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0010-1338
Francke Verlag Tübingen
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2011
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Kaffeehausgeschichten. Politik der Gastronomie in Yadé Karas Cafe Cyprus
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2011
Maha El Hissy
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Kaffeehausgeschichten. Politik der Gastronomie in Yadé Karas Cafe Cyprus MaHa El HISSY ludwig-Maximilians-universität München In Yadé Karas (*1965) roman Cafe Cyprus (2008) gehen Gastronomie und Politik miteinander einher. zu dieser Symbiose gehört auch, dass die rede über die Esskultur oft mit einem kolonial motivierten Bestreben verschränkt wird. Im Buch liest man etwa, dass man london, «wie McDonald’s es zuvor gemacht hatte,» von einem «Kebap Van» aus kolonialisieren (16), ja ein «Mc’Kebap- Imperium» gründen wolle (20), dass diese Stadt mit «Kebap-Shops» belagert oder mit Kaffee erobert werde (232), oder dass dem Protagonisten Hasan beim zwiebelschneiden Tränen in die augen stiegen, die seinen Eroberungsgeist anspornten (17). In einem zypriotischen Café in london, der titelgebenden Institution, hat sich außerdem eine Gemeinschaft von in England lebenden zypriotischen Männern um Kaffeehaustische geformt, die während «Mokkagespräche[n]» (50) über den zypernkonflikt debattiert - und zwar in all seinen Facetten. Dort ziehen sich zyprioten vom alltag in der englischen Metropole zurück, bilden eine art «unO-Versammlung» (50), die sich über die Probleme der zurückgelassenen Insel berät und von der Ferne aus eine lösung für politische Konflikte zu finden versucht. 1 Das Cafe Cyprus 2 , so die These im Folgenden, entsteht als diskursive Formation, die auf das kosmopolitische london antwortet und sich sprachlich, religiös und vor allem durch die politischen Debatten über zypern vom leben in der englischen Metropole abgrenzt. Dabei wird zu fragen sein, wie sich die Gemeinschaft der Stammkunden, auch symbolisch, formt, wie sie ihre Grenze nach außen zieht und verschließt, wer draußen bleibt, wer der andere der Gemeinschaft ist und wer die Macht besitzt, über die Inklusion oder Exklusion von Mitgliedern dieser Gemeinschaft zu entscheiden. Gerade im Kontext der Migration kommt der Gastronomie eine besondere rolle bei der Formung oder der auflösung von nationalen Gemeinschaften zu. 3 Denn jede Küche markiert eine Herkunft sowie eine zugehörigkeit, und manche nationale Gemeinschaften halten in der Fremde zusammen oder formieren sich gar erst über das Gastronomische, während die Küche, eine weiblich codierte häusliche Sphäre, als Metapher der Geborgenheit fungiert und die Erinnerung an die zurückgelassene Heimat wachruft. 4 Manche Fast-Food- oder Coffee-to-Go-Ketten lösen hingegen national definierte Gemeinschaften CG_44_4_s377-466_AK3.indd 408 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 409 zugunsten globaler Vermischungen auf. all dies sind Themen von Karas zweitem roman Cafe Cyprus. Karas Erzählung setzt die Geschichte des Deutsch-Türken Hasan fort, die sie in ihrem Debütwerk Selam Berlin (2003) begonnen hat. nach einem leben in und zwischen Istanbul und Berlin, den Schauplätzen von Karas erstem Buch, wird mit der englischen Metropole als Handlungsort eine dritte Möglichkeit für Migrationsgeschichten gegeben. Im pulsierenden und weltoffenen london der frühen neunziger Jahre scheint der Protagonist ein zuhause gefunden zu haben. Gleich in den ersten zeilen wird der Ich-Erzähler am Charing Cross in der nähe des Trafalgar Squares verortet, d.h. im Herzen londons, an der Kreuzung, die exakt den offiziellen Mittelpunkt der englischen Hauptstadt markiert. In diesem kosmopolitischen Panorama, das im ersten Kapitel des romans mit einem sprachlichen Mix und musikalischen Street Performances untermalt wird, ist die rede von der zerrissenheit zwischen West und Ost, Fremdem und Eigenem, Istanbul und Berlin, Eltern- und Kindergeneration schon längst passé. 5 Stattdessen scheint das leben in london als Ort jenseits von binären zuordnungen eine Selbstverständlichkeit zu sein, was dem Protagonisten während seiner ersten Erfahrungen in seiner neuen Heimat imponiert. Diese Faszination empfindet er vor allem als Gegensatz zu Berlin, das Hasan im Vergleich zu seinem neuen zuhause provinziell vorkommt. 6 Die Darstellung londons dient also als Beispiel für einen Ort, der dem entsprechen würde, was die kulturwissenschaftliche Forschung als Befreiung «aus dem Gefängnis der binären Dichotomien» (Bachmann-Medick 21) beschrieben hat. In einem lässigen, oft teilnahmslosen Ton erzählt Hasan von seinen Erlebnissen in der englischen Hauptstadt. Er fungiert in großen Teilen der Handlung trotz seiner Position als intradiegetische Instanz mehr als Beobachter denn als Teilnehmer am Geschehen. Dies ändert sich, als er sich in die türkischstämmige Modedesignerin Hannah verliebt, die er im Delikatessenladen kennenlernt, wo er seinen lebensunterhalt verdient. Hier verflechten sich Genuss und Begehren, Kulinarisches und leidenschaft, wobei Gastronomie im roman mehr als nur eine rolle bei der Bekanntschaft zwischen diesen beiden jungen Menschen spielt. nach dem eingangs beschriebenen bunten und weltoffenen londoner Setting zoomt der Erzähler nämlich auf das Cafe Cyprus, in dem sich trotz der politischen - und teilweise nicht harmonischen- - Meinungsvielfalt ein nationales zugehörigkeitsgefühl entwickelt hat. Dort hat sich eine zypriotische Männer-Community der älteren Generation zu einem kollektiven Gedächtnis politischer Ereignisse um Kaffeehaustische herum geformt und debattiert über Politik: «[E]ine Institution in Green lanes, eine art Sonderkommission für die zypernfrage» (Cafe Cyprus 37). CG_44_4_s377-466_AK3.indd 409 11.11.14 17: 50 410 Maha El Hissy anhand des Kaffeehauses als nationaler - und teils auch nationalistischer-- Ort wird im roman eine patriotische, antiglobale Konstruktion geschaffen, die der auflösung von Dichotomien zu widerstreben versucht. Dabei wird die Funktion des Kaffeehauses an der Schnittstelle zwischen Innen und außen, öffentlicher Sphäre und rückzugsort zugleich, als raum vorübergehenden aufenthalts variiert. zwar bleibt dieser Ort im Prinzip für alle offen und frei zugänglich; jedoch sondert sich die Gemeinschaft von zyprioten aufgrund ihrer sprachlichen Besonderheit sowie der eigenen Gewohnheiten, Gesprächsthemen und -kultur von der außenwelt - z.B. der englischen Einheimischen-- ab. Das Cafe Cyprus wird mithin als Ort privater politischer angelegenheiten codiert, der einigen wenigen Stammkunden vorbehalten bleibt. Hasan vergleicht es mit den «zigtausend Männercafes in Istanbul, die eine art arbeitsamt, nachbarschaftsladen, Sozialstelle, arbeitslosen- und rentnertreff waren» und ohne die es längst zu bedrohlichen unruhen und ausschreitungen in Istanbul gekommen wäre. «Eigentlich müsste der türkische Staat diesen Männercafes Steuerminderung geben» (248), so ein ironischer Kommentar des Protagonisten, denn dank dieser Gaststätten bleibe eine ganze politische Ordnung außerhalb des Cafes von potenziellem aufruhr verschont. nicht nur nach außen hin sollen etwaige Spannungen vermieden werden, sondern ebenso innerhalb des Cafés selbst und zwar durch eine möglichst neutrale politische Haltung, die sich beispielsweise am namen des Kaffeehauses zeigt. als Hasan nämlich einen Job in ali Beys Supermarkt und Delikatessenladen annimmt, führt ihm der Besitzer ali das benachbarte Café vor: «Drüben ist das Cafe Cyprus […]. Eine art Tochterunternehmen von uns. Meine besten Kunden. Mittags ist immer Hochbetrieb. auf die musst du besonders gut achtgeben und immer diplomatisch bedienen. Verstehst du? Deshalb heißt es auch Cafe Cyprus und nicht Kibris oder Kypros» (37). Das Café wird demnach auf einen englischen namen getauft und zwar nicht als ausdruck eines globalen, anglisierten lebensstils und genauso wenig als zeichen zypriotischer Integration und sprachlicher anpassung, sondern um etwaige Spannungen zu vermeiden, da das türkische Kibris oder das griechische Kypros eine politische Parteinahme implizieren würden. um also die Gefahr eines voreingenommenen Verhaltens zu meiden, sollen Konflikte durch die englische namensgebung - d.h. paradoxerweise durch die Sprache des Kolonialherren über diese Insel - ausgeblendet werden. In diesem politisch aufgeladenen Setting figuriert der Protagonist Hasan als Gesandter, als Vermittler zwischen dem türkischen Supermarkt und dem griechisch-türkisch-zypriotischen Kaffeehaus: Hasan als außenstehende Figur, als der andere der Gemeinschaft, der eine neutrale Position einnehmen und die zunächst offen gebliebenen rechnungen von den Kaffeehauskunden einfordern soll. Er kann sowieso - wie die Erzählerstimme CG_44_4_s377-466_AK3.indd 410 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 411 kundgibt - nichts außer diplomatisch-neutral bleiben, auch wenn er es anders wünschte, und dies aus sprachlichen Gründen. aufgrund des dialektalen Kauderwelsches nämlich, das die Gäste beim Kaffeeklatsch reden - ein «angloturco-cypriot-Dialekt» (42), der zudem im stereotypen mediterranen Temperament und in simultan verlaufenden Gesprächen geführt wird - bleibt Hasan keine andere Option als seine Funktion als rechnungsführer beizubehalten, wobei kapitalistische Bestrebungen generell wenig im Sinne des Besitzers ali liegen. Dessen unternehmen verfolgt weder imperialistische ziele noch soll es Exotik und ein Multi-Kulti-ambiente heraufbeschwören. Genauso wenig strebt er eine Expansion durch das Kulinarische oder die Etablierung einer exotisch-zypriotischen Küche auf englischem Boden an. Ganz im Gegenteil: Die Gäste im Kaffeehaus sind mehr um nationale Trennung bemüht, die schon mit der erwähnten sprachlichen Isoliertheit ansetzt und mit (Streit-)Gesprächen über politische Fragen fortgesetzt wird. Sicherlich ist die Sprache eine wesentliche Komponente, die zur Konstruktion von Gemeinschaften führen kann, wie Benedict anderson schon in Imagined Communities aufgezeigt hat (vgl. 37-46). als nämlich die Erfindung des Buchdrucks dazu führte, so anderson, dass Texte in einer einheitlichen Sprache verbreitet wurden, in der dialektale Trennungen aufgelöst wurden, imaginierten sich Individuen als Einheit, als nation, und zwar zusammen mit anderen Personen, die sie nicht kannten. Im zypriotischen Café zeigt sich eine entgegengesetzte Bewegung: Dort prägt die Klientel einen Dialekt, der sich aus verschiedenen Sprachen zusammensetzt und somit die zugehörigkeit zu einer Gruppe inszenieren soll. nur im «anglo-turco-cypriot-Dialekt» können sich die angehörigen der vermeintlich selben Gemeinschaft unterhalten, möglicherweise auch, damit keine der Parteien sich sprachlich vernachlässigt sieht und die neutrale Position nicht gefährdet wird. Während der englische name des Cafes seine Fassade ziert, bleibt diese auch lediglich eine Fassade und zwar im doppelten Sinn: Hinter der Offenheit, die die englische namensgebung suggerieren könnte, verbirgt sich eine verschlossene, intern verfeindete Gruppe. Dies ist eine wiederholte Bewegung im Text: Jedes Mal, wenn man glaubt, von einer Gemeinschaft sprechen zu können, führt sie sich selber ad absurdum und zersetzt sich wieder. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die sonderbare Kartierung zyperns, die die Klientel im Café unternimmt. In andersons argumentation spielt die landvermessung ebenfalls eine wichtige rolle, denn nicht nur die Verbreitung einer nationalsprache über die Printmedien führt zur Entstehung imaginierter nationen. In der überarbeiteten Fassung seines Buches erweitert er seine ausführungen, indem er neben den Printmedien drei «Institutionen der Macht» 7 nennt, die zur Visualisierung von imaginierten Gemeinschaften geführt und somit zu ihrer Selbstwahrnehmung als Einheit beigetragen haben, CG_44_4_s377-466_AK3.indd 411 11.11.14 17: 50 412 Maha El Hissy u.a. die landkarte bzw. die landvermessung, die Kolonialmächte in den Kolonien durchführten (vgl. 163-85). Die visuelle, durch Farben hervorgehobene abbildung von Herrschaftsgebieten, die linien, Grenzen, längen- und Breitengrade und schließlich das große bunte Puzzle aus verschiedenen ländern-- all das verhalf Gemeinschaften dazu, sich als homogene Einheit zu sehen. Interessanterweise unternimmt die Kundschaft im Cafe Cyprus ein ähnliches Verfahren der Kartierung, allerdings, wohl kaum überraschend, mit Hilfe gastronomischer utensilien. Im Cafe sind Politik und Essen dermaßen ineinander verzahnt, dass man auch mit Besteck und Kaffeehausmobiliar komplexe politische Ereignisse darstellen kann. Dabei wird die ganze Geschichte zyperns auf den Tisch gepackt: Teegläser, Teelöffel, aschenbecher, Streichholzschachteln werden in Werkzeuge verwandelt, um sowohl geographische Orte als auch Kriegsgerät darzustellen und auf diese Weise komplexe militärische und strategische zusammenhänge zu erklären. und wenn die Tischplatte nicht mehr ausreicht, um beispielsweise die entscheidenden Ereignisse des Sommers 1974 zu rekonstruieren, in dem türkische Streitkräfte nordzypern besetzten, dann breitet sich die anwesende Männergemeinschaft eben im ganzen Café aus und gestaltet es zu einem architektonischen Modell der insularen zypriotischen realität um. Da werden alte Stühle zu türkischen Schiffen, Ventilatoren zu Fallschirmspringern und das blaue linoleum am Boden zum Mittelmeer: So komplex, gar verworren sind die zypriotischen angelegenheiten, um deren repräsentation die Klientel bemüht ist. In diesem absurden Kriegstheater jedoch hört die Inszenierung bei einer möglichst realistischen Wiedergabe historischer angelegenheiten auf. Keine Stühle, Tische, kein Besteck, mit denen man etwaige lösungen inszenieren könnte; dies scheint nicht im Interesse der Kundschaft zu liegen, denn damit müsste die eine Gemeinschaft in die andere aufgehen, d.h. die imaginierte Einheit der Gruppe aufgegeben werden. Frei nach dem Motto divide et impera führt die detailgetreue Darstellung der zypriotischen realität stattdessen automatisch zur nachbildung der unsichtbaren Green line, jener Demarkationslinie, die nordvon Südzypern trennt, und zwar um potentielle Kollisionen zwischen den zerstrittenen türkischen und griechischen Parteien zu vermeiden, die im Cafe Cyprus nicht aufgehoben, sondern durchaus vertreten sind: Eine nation im Kleinformat, die sich zu konstruieren glaubt, im Prozess ihres Werdens sich allerdings segmentiert. Es ist genau diese trennende linie, die auf einer Metaebene für eine weitere Isoliertheit und unvermeidliche abgrenzung sorgt. Denn diese Gemeinschaft will sich zwar nach außen hin als homogen zeigen und weist somit ‹Fremde› zurück, bleibt allerdings intern heterogen, ja gar widersprüchlich und zerstritten. Das Ironische an diesem imaginären raum ist, dass jeder Versuch einer erstrebten nationalen union darin grandios scheitert; dafür sorgt allein schon die CG_44_4_s377-466_AK3.indd 412 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 413 Vielfalt an Stammkunden, die sich zudem nicht eindeutig, z.B. als griechische oder türkische zyprioten, bezeichnen lassen. Stattdessen treffen sich in diesem Cafe «türkische und griechische Hardliner» (Cafe Cyprus 52), «Yunan Bozmasi» (88), was so viel wie «griechische Bastarde» heißt, eine islamisch-nationalistische «Mullah-Partisanen-Fraktion» (88) und schließlich die «aristoteles-Platon-Fraktion» (52) - so nennt ali eine Gruppe gemäßigter zyprioten aus den verschiedenen Parteien -, die von Einheit und gemeinsamer zukunft träumt. letztere sieht den deutsch-türkischen Hasan tatsächlich in einer Funktion als politischer Gesandter, der als zeitzeuge der Wiedervereinigung zwischen West- und Ostdeutschland die zerstrittenen zypriotischen Parteien über realistische Chancen der Einheit beraten soll - eine Vision, die von konservativen Stammkunden sofort zurückgewiesen wird. Denn anders als die zyprioten teilten die Deutschen die gleiche Geschichte, Sprache, Kultur und religion und könnten sich deshalb wiedervereinigen (53). auf zypern, so die argumentation eines der Stammkunden, sei dies hingegen nicht der Fall. Mit dieser Begründung führen die Stammkunden ihre eigenen homogenisierenden Bestrebungen, die sie im Cafe praktizieren, ad absurdum. allein die neugeschöpften Bezeichnungen zur Beschreibung dieser Gruppen zeugen schon von einer großen Vielfalt und Heterogenität; davon, dass die alten Männer im Kaffeehaus «[s]chließlich […] aus osmanischen [sic] Fleisch, griechischen Knochen und zypriotischem [sic] Wein [bestanden]» (51). und genau deswegen soll eine Demarkationslinie gezogen werden, anhand derer genau das wiederholt wird, was das Cafe Cyprus mit seiner abgrenzung von der londoner außenwelt bewirkt, nämlich Vermischungen zugunsten nationalistischer Gruppierungen aufzulösen. Mit der Grenzziehung sollen die Widersprüche innerhalb der Gemeinschaft kaschiert werden, ja die Tatsache, dass sie nicht die Einheit ist, die die Kaffeehauskunden nach außen hin vortäuschen, dass diese scheinbare Einheit bei genauerem Hinsehen, was schließlich durch den außenstehenden Erzähler Hasan erfolgt, in Bruchstücke zerfällt. letztendlich handelt es sich um eine Gruppe, die zwar einen «anglo-turco-cypriot-Dialekt» spricht, d.h. in mehrfachen Sprachen und Dialekten bewandert ist, jedoch keine interne Verständigung bewerkstelligen kann. Während seiner Betrachtungen gelangt Hasan zum Schluss, dass «[d]ieser aufbrausende Greco-turco-anglo-Mix nicht zusammen passte; auch historisch waren Türken, Griechen, Engländer selten in Harmonie miteinander gewesen» (47). Genauso wenig passt dieser Mix zusammen wegen der religiösen Vielfalt, die unter einem Dach vertreten ist und die dazu führt, dass die Gruppe sich selber als solche auflöst. Dabei weist religion eine andere rolle im Prozess der Gemeinschaftswerdung auf als die der Sprache: Die Sprache bzw. der einheitliche Dialekt, der im Cafe Cyprus gesprochen wird, führt nämlich zur abgrenzung CG_44_4_s377-466_AK3.indd 413 11.11.14 17: 50 414 Maha El Hissy der zypriotischen Kundschaft nach außen hin. Der Versuch, sich nach innen zu formen, erfolgt und misslingt sogleich durch die religion. 8 Hasan beobachtet nämlich, dass «Musa, Isa, Jusuf und Yayah mit am Tisch [saßen] - wenn man ihre namen übersetzte, dann hießen sie Moses, Jesus, Josef und Johannes, somit war die halbe Bibelgeschichte jetzt bei Tee und Tavla 9 vertreten» (52); eine Gemeinschaft, die sich jedoch gleichzeitig über lösungsvorschläge für den zypernkonflikt wundert, sich fragt, wie ein Mehmet sich denn mit einem Costas vereinigen soll (53) und somit aufgrund ihrer religiösen Verschiedenheit als Gruppe zerfällt. Die Ironie besteht darin, dass an diesem Ort Speisen und Getränke über die Kraft verfügen, Menschen zusammen sowie wieder auseinander zu bringen. Die zyprioten suchen zwar das Cafe wegen des Mokkakaffees auf, streiten sich allerdings, weil einige der muslimisch-türkischen Klientel ihre Teilhabe am zemzem-Wasser, dem heiligen Wasser aus Mekka, bemerkbar machen (vgl. 92-99) und sich dabei von den «Christen, noch dazu orthodoxe[n]» (54) Griechen abheben wollen, die alkohol und Schweinefleisch konsumieren. auf diese unterschiede will die zypriotische Klientel ihre Differenzen, ihre interne zerrissen- und zerstrittenheit und vor allem die unvorstellbare Einheit auf der zypriotischen Insel zurückführen. Da sich keine dieser Gruppen vorstellen kann, auf diese symbolisch beladenen Speisen und Getränke zu verzichten, muss die zypernfrage einstweilen ungelöst bleiben. Dabei zeigt sich diese Widerspenstigkeit im Kaffeehaus nicht nur bei religiösen Themen, sondern ist allgemeine Maxime der zypriotischen Gemeinschaft, gewissermaßen das Tischgebet, das sie ständig murmeln. und wenn sich eine Chance zur Verbindung mit der außenwelt bietet, dann wird diese so gedreht, dass sie lediglich die Kriegswunden der zypriotischen Klientel wieder aufleben lässt, denn diese will sich eigentlich nur der Erinnerung an die Vergangenheit hingeben. als ali Bey nämlich seine Beziehung zur Kundschaft verbessern möchte und dem Cafe einen Fernseher und eine Satellitenschüssel schenkt, dient der technische apparat, der beispielsweise vom Krieg in Bosnien berichtet, zum einen der reaktivierung der Erinnerung an die Massaker und aufstände von 1967 und 1974 auf zypern und gibt somit anlass für anhaltende Versammlungen und politische Debatten. 10 zum anderen manifestiert sich im Fehlen jeglicher externer Kommunikationsmittel eine antiquierte Haltung der Klientel. Überhaupt scheint die nationalistische Gemeinschaft im Cafe Cyprus in einer nostalgie zu schwelgen, die ihrer anti-globalen Orientierung nachdruck verleiht: Freiwillig wollen die versammelten zyprioten weder am jungen lifestyle-london noch am technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte teilhaben. Stattdessen ziehen sie sich zurück in eine vergangene Welt, wie man sie aus Schwarz-Weiß-Filmen kennt und die die Erinnerung an die zurückgelassene Insel vergegenwärtigt. In diesem Kaffeehaus dienen die Medien nicht CG_44_4_s377-466_AK3.indd 414 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 415 der Verbindung mit der londoner umgebung, wie beispielsweise Jürgen Habermas oder Stefan zweig die rolle der Medien in Kaffeehäusern, etwa in England oder Österreich, charakterisieren; da blieb der Kontakt mit den Geschehnissen der außenwelt vor allem über Printmedien erhalten, da trafen sich Menschen, um über deren Inhalte zu diskutieren. In den englischen Kaffeehäusern in ihrer Blütezeit zwischen 1680 und 1730, so Habermas in Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962), trafen sich Privatpersonen und debattierten über alles, was in den Printmedien zu lesen war. Der Kontakt zum politischen alltag sollte aufrechterhalten bleiben und «die Konversation in Kritik, Bonmots in argumente» (Habermas 91) verwandelt werden. 11 anstatt also einer kleinen klerikalen oder höfischen Gruppe vorbehalten zu bleiben, wurde der Inhalt moralischer Wochenschriften, Tagebücher, Briefe zum öffentlichen Diskussionssujet der Klientel. an eine ähnliche Funktion der Printmedien in den Wiener Kaffeehäusern im Fin de Siècle erinnert Stefan zweig in seinem Buch Die Welt von gestern (1944). Für ihn sind diese Gaststätten «eine art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte zahl von zeitungen und zeitschriften konsumieren kann» (45). Er vermutet schließlich, dass nichts wie die Kaffeehäuser in Wien «so viel zur intellektuellen Beweglichkeit und internationalen Orientierung Österreichs beigetragen [hat]» (45). «So wußten wir alles,» so zweig weiter, «was in der Welt vorging, aus erster Hand, wir erfuhren von jedem Buch, das erschien, von jeder aufführung und verglichen in allen zeitungen die Kritiken und artikel» (45). Die Debatten in diesen Kaffeehäusern brachten zunächst literarische, dann auch politische und soziale Bewegungen hervor. Wieder mit anderson gesprochen, wäre dies ein Beispiel dafür, wie eine nation en miniature sich dank der Printmedien und der Erfahrung einer gemeinsamen Sprache als solche imaginieren kann, eine Erfahrung der Kollektivität, die dann entsteht, wenn man Geschehnisse, so zweig nochmals, «nicht mit zwei, sondern mit zwanzig und vierzig augen [verfolgte]; was der eine übersah, bemerkte für ihn der andere […]» (45-46); es ist eine Gemeinschaft, die sich als solche ergänzt und zu einem Ganzen zusammenfügt. Ganz anders verhält sich die ansammlung von Personen im zypriotischen Café, das kein «demokratischer […] Klub» sein kann oder will. Stattdessen will die Kundschaft Kaffeehausgeschichten über ihre bittere Vergangenheit erzählen. an diesem Ort lässt sich in der Tat eine Hinwendung zur oralen Erzähltradition beobachten, wie sie etwa aus der arabischen Kaffeehauskultur bekannt ist und deren Hauptfigur der Hakawati ist, eine Figur aus der Volkstradition, die vor allem in den Kaffeehäusern im Damaskus des beginnenden neunzehnten CG_44_4_s377-466_AK3.indd 415 11.11.14 17: 50 416 Maha El Hissy Jahrhunderts aus bekannten Werken vorlas, selber Geschichten erzählte, dabei meist Figuren aus diesen Erzählungen spielerisch darstellte und die Klientel mit Sagen, Märchen und Geschichten mit fröhlichem ausgang unterhielt. 12 Sicherlich trug diese Figur dazu bei, dass sich eine Gemeinschaft, eine art kollektives Volksgedächtnis formte, wie wenn die Kundschaft dank eines Erzählers ihre Vergangenheit, Kultur und literatur memorierte. Diese Tradition kann aber im Cafe Cyprus nur in begrenzter Form gepflegt werden. aufgrund der dort herrschenden zerstrittenheit käme kein einzelner Erzähler in Frage, denn damit würde man eine der beiden verfeindeten Parteien als die herrschende deklarieren. Dabei lässt sich darüber spekulieren, ob das Fehlen eines autoritativen Erzählers mit seiner Funktion als Mnemotechnik eines Tages dazu beitragen könnte, die Kriegswunden, die in den Gesprächen erinnert werden, in Vergessenheit geraten zu lassen. 13 Sicherlich hat Hasan teilweise die Funktion eines Erzählers inne, allerdings in einem besonderen Sinne. aufgrund seiner Mission wird ihm die passive Teilhabe an den Gesprächen im Café ermöglicht. als partiell Eingeweihter, der durch seine türkische abstammung auf die geschichtlichen Hintergründe sensibilisiert ist, kann er dem leser einen Einblick in diesen gesonderten Ort gewähren. Hasan überwindet zwar die Barriere der Exklusion, muss allerdings in diesem Kaffeehaus - und darin besteht eine paradoxe Funktion dieses Erzählers - immer schweigen, um etwaige Kollisionen zwischen den Parteien zu vermeiden; so die Warnung ali Beys gleich zu Beginn der Handlung. Solange er die fälligen Geldbeträge einsammeln muss und dabei als stummer zuhörer an diesem Ort weilt, kann er seine eigene Geschichte nicht erzählen. Es ist die stagnierte Haltung seiner Klientel, die letztendlich dazu führt, dass der Protagonist sich von diesem Ort sowie dieser Gemeinschaft trennen möchte. Dabei resümiert er über die Generation, die aufgrund der globalen Migrationsbewegungen einen niedergang erlitten hat: Das waren sie also, die jungen zyprioten mit ihren welligen schwarzen Haaren, strahlenden Gesichtern und dunklen augen. Sie erinnerten mich an den jungen Marcello Mastroianni, Marlon Brando und Paul newman. Sie waren Söhne der schönen Insel zypern und des stürmischen Mittelmeers. und hier in Green lanes waren sie jetzt nur noch alte, ausländische Männer, mit eingefallenen Wangen, hängenden Mundwinkeln und grauen Schnurrbärten, die nach Tabak rochen. Für mich kamen sie aus einer alten Welt, in der es noch keinen Fernseher, kein Telefon gab, wo man abends zu den nachbarn ging, um radio zu hören, oder am Wochenende mit Kind und Kegel ins Open-air-Kino, um einen türkischen liebesfilm in Schwarzweiß zu sehen […]. (Cafe Cyprus 90) zwischen diesen zeilen klingt Bitterkeit über verlorene zeit und sichtbare Dekadenz durch; eine Erkenntnis, die dazu führt, dass der deutsch-türkische CG_44_4_s377-466_AK3.indd 416 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 417 Protagonist sich eindeutig von den Wünschen, Träumen und lebensvorstellungen dieser Generation abgrenzt, ja gar befreit, und letztendlich beschließt, das lifestyle-london in vollem umfang zu genießen: «Ich wollte nicht wie diese alten mit den zerknitterten Gesichtern und tiefhängenden Mundwinkeln enden, nein ich wollte london erobern» (284). Während Hasan eine Figur verkörpert, die von der englischen Metropole als Ort jenseits von Essentialismen fasziniert ist, lebt die Elterngeneration freiwillig wie in einem Exil, in dem sie davon träumt, eines Tages zur Heimatinsel zurückzukehren, wenn sich alle politischen Konflikte aufgelöst haben. Die jüngere Generation von Migranten dagegen widerstrebt diesen realitätsfernen Wünschen und nostalgien und beabsichtigt ihr eigenes Cafe zu eröffnen, mit dem sie die bereits erfolgte loslösung von nationalistischen Orientierungen ebenso gastronomisch markieren will. Hasans Cousin Kazim nämlich schmiedet Pläne, die er dem Protagonisten offenbart: Er möchte ein «Coffee house the third place» (232) ins leben rufen, ein unternehmen, das er im jungen Designerstil gründen will; rappelvoll, bunt, durchgestylt soll dieser Ort sein, d.h. das genaue Gegenteil zum antiquierten ambiente des Cafe Cyprus. Damit wiederholt die jüngere Generation zwar die Suche nach einem Ort, der seine Bedeutung und Funktion aus einer widerstrebenden kulturellen Orientierung gewinnt, aber eben nicht aus der einer vergangenen (nationalen) Kultur wie der der Elterngeneration. «london mit Kaffee erobern und den Tee zum Teufel jagen» (232) lautet der Plan des Cousins, der in der Kaffeekultur eine Möglichkeit zur abgrenzung von der englischen Kultur der Teehäuser sieht. Das neue Kaffeehaus verabschiedet sich von jeder nationalen Definition, soll nur trendy, bunt und global sein. Im laufe der Handlung vollzieht Hasan tatsächlich eine endgültige loslösung von Cafe Cyprus. nicht einmal als Vermittler oder als neutraler zuhörer will er an den Kaffeehausgeschichten teilhaben, denn viele der alten Stammkunden waren einfach noch zu sehr Betroffene der zypernteilung. Sie schleppten die Geschichten von früher mit sich herum wie eine Kugel am Bein. Ich wollte endlich mit Menschen zu tun haben, die nicht bis zum Hals im Sumpf der Vergangenheit steckten und immer tiefer einsanken. (202) Hasans rückzug von den Geschehnissen im zypriotischen Kaffeehaus macht sich narrativ auf mehreren Ebenen bemerkbar: Wie anfangs erwähnt, wandelt er sich vom passiven Beobachter im Café zum aktiven Teilnehmer am Geschehen in london; die zeit im Cafe Cyprus markiert somit ein Stadium der Stagnation, das seine ankunft in london verzögert. Er verlässt das Café und wandert dabei nicht nur nach london, sondern auch in die Diegese ein. Im Text nimmt darüber hinaus nun auch die zahl der Fußnoten ab, in denen politische zusammenhänge sowie kulinarische Spezialitäten erläutert und Fremdwörter für den leser übersetzt werden, als verschwände mit dem Ende von Hasans CG_44_4_s377-466_AK3.indd 417 11.11.14 17: 50 418 Maha El Hissy Mission im Cafe Cyprus auch das, was dem leser befremdlich vorkommen könnte, aus dem Text. Trotzdem bleibt dieses Café die zentrale, titelgebende Instanz des romans, den Kara nach ihrem Erstling Selam Berlin vielleicht auch «Merhaba london» hätte nennen können. Das zypriotische Cafe ist samt seiner Erinnerungen, Debatten und Streitgespräche, mit denen es überfrachtet ist, impulsgebend für eine Geschichte über geschlossene Gemeinschaften, über globale Orte sowie junge Protagonisten, die von diesen fasziniert sind. Die Vergegenwärtigung der zypriotischen Geschichte auf englischem Boden und vor allem die Wiederholung der zersplitterung, der zerstrittenheit, die Darstellung der Green line und dies in Green lane, im Herzen londons, - all das lässt das Kaffeehaus als Mikrokosmos vieler Debatten über den Beitritt der Türkei in die Eu erscheinen sowie über die damit verbundene Forderung der Eu, dass die Türkei den Eu-Mitgliedstaat zypern anerkennen müsse, bevor die Verhandlungen über den Beitritt aufgenommen werden könnten. Einige Stammkunden im Cafe Cyprus sind, wie bereits erwähnt, «eher reformisten und Pragmatiker,» die «über einen Musterland-Fahne-nationalismus hinaus waren und einfach an einen anschluss an Europa und die Eu dachten» (54). Möglicherweise offeriert die autorin am Beispiel dieser Gruppe einen Hoffnungsschimmer für die jüngere Generation. Denn diese sucht keine archaische Gesellschaft, in der sie ein isoliertes leben führen würde, sondern plädiert mit ihrem lifestyle für eine Strategie der Vermischung. Karas Darstellung ist sicherlich eine harmonisierende, denn mit der männlichen Hauptfigur Hasan steht die autorin der hypertrophen Männlichkeit in der deutsch-türkischen literatur und im deutsch-türkischen Film entgegen, wie sie sich etwa in der Figur des virilen ‹Kanaken› zeigt. 14 Hasans Entwicklung verkörpert eher die Tendenz einer literatur des Turkish-German Settlement (Cheesman). Ihm gelingt eine ankunft trotz - oder vielleicht aufgrund-- seiner Mobilität in london. Der deutsch-türkische Protagonist steht für eine Generation von Deutsch-Türken, die der Debatten über Migration und Integration überdrüssig geworden ist. Darum verlässt er auch das wiedervereinigte Berlin, wo er sich tagtäglich mit diesen Fragen konfrontiert sah. Die jüngere Generation, jahrzehntelang die Sorgenkinder der Migration, scheint sich zurechtgefunden zu haben. Denn es ist nicht Hasans kosmopolitische Geschichte, die hier in diversen Sprachen erzählt wird - diese überrascht in der deutsch-türkischen literatur nicht mehr und gilt eher als überholt -, sondern die Geschichte einer alternden Generation von Migranten, die zu einem archiv der Migration geworden sind. Diese Tendenz lässt sich in den letzten zehn Jahren zunehmend in der deutsch-türkischen literatur und im Film beobachten: «Gegenwärtig macht sich die Figur des rentners bemerkbar, die allegorisch zu deuten ist: Die Migrationsgeschichte wird alt» (El Hissy 271). 15 Parallel dazu CG_44_4_s377-466_AK3.indd 418 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 419 verläuft das globale Setting der jungen Generation, das von reisen und Mobilität gekennzeichnet ist und sich damit von der Elterngeneration der rentner abgrenzt (vgl. El Hissy 271); eine kosmopolitische Haltung, mit der die immobile lokale Verhaftung der älteren Generation abgelehnt wird. Beide Gruppen bedingen sich gegenseitig, ja formieren sich als reaktion auf- und im Verhältnis zueinander. Das Cafe Cyprus schließt sich anhand seiner eigenen Sprache sowie seiner religiösen Besonderheit nach außen hin ab und weist die londoner Community als potenzielle Kaffeehauskunden (sowie die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung als Beispiel einer gelungenen Einheit) von sich zurück; es formiert sich damit als Mini-nation, die sich über die abgrenzung gegenüber jedem ‹fremden› Einfluss definiert. «Wir sind nicht die anderen! »-- so könnte die Formel lauten, nach der diese gastronomische Gemeinschaft sich zusammenfindet, wobei sie, laut dieser Formel, nur in relation zu den anderen entstehen kann. Die alternative Idee eines «Coffee house the third place» wiederum entsteht als antwort auf diese abgesonderte Sphäre, der die jüngere Generation nicht angehören will. Die Offenheit der jüngeren Generation zeigt sich schließlich auch in den Topographien des romans: So ist Hasan, nachdem er abschied vom Kaffeehaus genommen hat, in außenräumen, auf Flohmärkten, auf den Straßen von london unterwegs und entfaltet sich als global citizen mit deutsch-türkischem Hintergrund. Notes 1 Im Gegensatz zu Karas Debütroman Selam Berlin, der bisher mehrfach in der Forschung analysiert wurde, gibt es bis dato nur einige wenige arbeiten zu ihrem zweiten roman Cafe Cyprus, der Gegenstand der vorliegenden analyse ist. Vgl. hierzu: roy 2011a und 2011b. zur analyse von Selam Berlin vgl. u.a.: Stehle 2010 und Fachinger 2011. 2 Im Folgenden verweist Cafe Cyprus auf das Kaffeehaus. Das kursiv gesetzte Cafe Cyprus bezieht sich auf den Titel von Karas roman. 3 Vgl. hierzu vor allem: lillge und anne-rose 2008. zu den politischen aspekten der Gastronomie vgl. vor allem: Counihan 1997, 281-411. 4 Beispiele für deutsch-türkische Bücher und Filme, in denen Gaststätten und Essen eine besondere rolle für die Migrationsgeschichte spielen, sind Osman Engins Tote essen keinen Döner. Don Osmans erster Fall (2008), aslı Sevindims Candlelight Döner: Geschichten über meine deutsch-türkische Familie (2005) oder Fatih akıns Soul Kitchen (2009). 5 auch in Selam Berlin sind viele dieser aspekte bzw. dieser Trennungen von relevanz, die nach der Wiedervereinigung aktuell hinterfragt werden. In diesem roman sind das Private und das Politische verklammert. Der Mauerfall führt nämlich eine Wende im leben des Protagonisten Hasan herbei, als im wiedervereinigten Berlin das Geheimnis gelüftet wird, dass Hasans Vater schon seit Jahren eine zweite Ehe in Ostdeutschland führt. Ähnlich wie die deutsche nation, die ihre Grenzen - auch im Verhältnis zu Eingewanderten - neu definieren muss, werden auf der privaten Ebene des Deutsch-Türken Familienverhältnisse CG_44_4_s377-466_AK3.indd 419 11.11.14 17: 50 420 Maha El Hissy und Verwandtschaften neu etabliert. Der Mauerfall wird zum Ereignis, das auf mehrfacher Ebene zum Hinterfragen binärer Kategorien führt. 6 In Cafe Cyprus liest man beispielsweise: «Die legere art und Weise, wie diese Menschen mit ihrer Herkunft und ihrem jetzigen londoner leben umgingen, hatte mir am anfang fast die augäpfel rausgerissen, weil ich das nicht von Berlin gewohnt war» (Kara 2008, 170). 7 anderson spricht von «institutions of power» und nennt neben der landkarte auch den zensus und das Museum. (anderson 2006, 163) 8 Die abgrenzung nach außen und die Formung nach innen analysieren rosa, Gertenbach et al. unter den «Mechanismen der Vergemeinschaftung.» Vgl. hierzu: rosa 2010. 9 «Tavla,» so die Übersetzung in einer Fußnote im Text, ist «Backgammon.» 10 Satellitenschüsseln, die viele Dächer in Berlin schmücken und dem Empfang türkischer Sender dienen, wurden oft als zeichen der abkapselung in einer türkischen Welt und einer nicht gelungenen Integration verstanden. Dazu äußerte sich u.a. die deutsche Politikerin türkischer abstammung Bilkay Öney in einem Interview und meinte, dass die Integrationsdebatte an manchen Migranten vorbei gehe: «Das sind insbesondere solche Migranten, die ihre Fühler und ihre Satellitenschüssel [sic] richtung Herkunftsland ausgerichtet haben» (Öney 2011). 11 Habermas’ obige aussage bezieht sich auf die Salons in Frankreich, deren rolle bei der Entstehung öffentlicher Meinung er allerdings in mancher Hinsicht mit der der Kaffeehäuser in England gleichsetzt. 12 Diese Erzähltradition pflegen einige deutsch-arabische autoren wie z.B. der deutsch-syrische rafik Schami oder der deutsch-libanesische Jusuf naoum. letzterer ist vor allem bekannt wegen der Kaffeehausgeschichten des Abu al Abed. 13 Die mediengeschichtliche und -theoretische Frage nach der Verbindung zwischen Schrift, rede und Gedächtnis ist eine sehr alte und geht auf Platons Phaidros zurück. Im Dialog zwischen Sokrates und Phaidros steht zur Debatte, inwiefern die Erfindung der Schrift das Gedächtnis schwächen kann, da man aufhören würde zu memorieren und sich im Gegensatz zur mündlichen Erzähltradition lediglich auf das niedergeschriebene verlassen würde. 14 Diese sind beispielsweise reichlich im Werk von Feridun zaimoğlu zu finden, z.B. die Figur des ‹Kanaken,› den er für die literarische Interviewsammlung Kanak Sprak kreiert hat, die zwei Freunde Hakan und Serdar im Briefroman Liebesmale, scharlachrot oder die Figur des Gotteskriegers aus dem Erzählband Zwölf Gramm Glück. Vgl. hierzu zaimoğlu 1995, 2000 und 2004, 122-156. Yeşilada spricht von einem «virilen Künstlertypus mit deutschtürkischer Identität,» den u.a. autoren wie Selim Özdoğan, Filmemacher wie Fatih akın oder Schauspieler wie Mehmet Kurtuluş prägten. Vgl. Yeşilada 2009, 120. 15 Man denke außerdem an die Vaterfiguren Yunus Güner in Fatih akıns Gegen die Wand (2004) oder ali aksu in Auf der anderen Seite (2007). Works Cited anderson, Benedict. Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. london, new York: Verso, 2006. Auf der anderen Seite. Dir. Fatih akın. Corazón International, 2007. Bachmann-Medick, Doris. «Dritter raum. annäherungen an ein Medium kultureller Übersetzung und Kartierung.» Figuren der/ des Dritten. Erkundungen kultureller Zwischenräume. Ed. Claudia Breger und Tobias Döring. amsterdam, atlanta: rodopi, 1998. 19-36. CG_44_4_s377-466_AK3.indd 420 11.11.14 17: 50 Kaffeehausgeschichten 421 Cheesman, Tom. Novels of Turkish German Settlement. Cosmopolite Fictions. rochester, nY: Camden House, 2007. Counihan, Carole, and Penny van Esterik, eds. Food and Culture. A Reader. new York: routledge, 1997. El Hissy, Maha. Getürkte Türken. Karnevaleske Stilmittel im Theater, Kabarett und Film deutsch-türkischer Künstlerinnen und Künstler. Bielefeld: transcript, 2012. Engin, Osman. Tote essen keinen Döner. Don Osmans erster Fall. Kriminalroman. München: dtv, 2008. Fachinger, Petra. «Yadé Kara’s Selam Berlin». The Novel in German since 1990. Ed. Stuart Taberner. new York: Cambridge uP, 2011. 241-54. Gegen die Wand. Dir. Fatih akın. Wüste Filmproduktion, 2004. Habermans, Jürgen. Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1990. Kara, Yadé. Cafe Cyprus. zürich: Diogenes, 2008. -. Selam Berlin. zürich: Diogenes, 2003. lillge, Claudia, and anne-rose Meyer, eds. Interkulturelle Mahlzeiten. Kulinarische Begegnungen und Kommunikation in der Literatur. Bielefeld: transcript, 2008. naoum, Jusuf. Kaffeehausgeschichten des Abu al Abed. München: dtv, 1993. 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