eJournals Fremdsprachen Lehren und Lernen 36/1

Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2007
361 Gnutzmann Küster Schramm

Jörg-Ulrich KEßLER: Englischerwerb im Anfangsunterricht diagnostizieren: Linguistische Profilanalysen am Übergang von der Primärstufe in die Sekundarstufe I. Tübingen: Narr 2006 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik) 315 Seiten [39,- €]

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2007
Andreas Marschollek
flul3610254
254 Buchbesprechungen • Rezensionsartikel semantischen Netzen) der Wortschatzerwerb gefördert werden kann. Als Probandengruppen dienten in zwei Unterrichtsversuchen zwei Klassen einer Mittelschule bzw. eines Gymnasiums mit Deutsch (Ll) und Italienisch (L2) als Unterrichtsfach bzw. mit Italienisch (Ll) und Deutsch (L2) als Unterrichtsfach. In ihrer Zusammenfassung der Ergebnisse zeigt PLIEGER, dass ein konstant ansteigender Zuwachs in der Anzahl der bekannten Bewegungsverben (vom Eingangstest bis zum Nachtest) stattgefunden hat, der statistisch hoch signifikant ist. Zu beachten ist allerdings, dass in die Untersuchung keine Kontrollgruppen einbezogen wurden. Somit bleibt fraglich, ob die elektronisch modellierten bilingualen semantischen Netze anderen Verfahren der Wortschatzarbeit im Fremdsprachenunterricht überlegen sind. 5 "Zusammenfassung und Ausblick" 6 nennt die Verfasserin den letzten Teil ihrer Arbeit, in der sie auf etwa sieben Seiten die wichtigsten Inhalte nochmals darstellt und die Impulse anspricht, die davon ausgehen können. Insgesamt besticht das Buch durch eine gründliche Aufarbeitung der theoretischen Grundlagen zum (bilingualen) Lexikon und eine leserfreundliche Darstellung, was bei einer so komplizierten Materie nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Den roten Faden ihrer Arbeit macht PLIEGER immer wieder deutlich durch Offenlegung der Zielsetzung am Anfang und eine zusammenfassende Darstellung am Ende jedes Kapitels. Der auf die Praxis der mediengestützten Wortschatzarbeit bezogene Teil bietet nicht nur die Entwicklung einer elektronischen Modellierung semantischlexikalischer Wortnetze, sondern auch eine empirische Überprüfung ihrer Effizienz. Auch wenn man dabei methodologische Mängel anführen kann, schmälert dies doch nicht den großen Ertrag PLIEGERs Arbeit. Wir (Fremdsprachenlehrende und -lernende) verfügen nun über eine weitere erfolgsversprechende (mediengestützte) Möglichkeit der Wortschatzarbeit. Marburg ANTJE STORK und LISANNE KLEIN GUNNEWIEK Jörg-Ulrich KEßLER: Englischerwerb im Anfangsunterricht diagnostizieren: Linguistische Profilanalysen am Übergang von der Primarstufe in die Sekundarstufe I. Tübingen: Narr 2006 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik) 315 Seiten [39,- €]. Wie weit können sich Kinder in der Fremdsprache Englisch im Anfangsunterricht der Primarstufe tatsächlich entwickeln? Angesichts der Erwartungen, die mit diesem Unterricht verbunden werden, und der Herausforderungen, mit denen sich Lernende und Lehrende in Deutschland durch den Übergang zwischen Primarstufe und Sekundarstufe konfrontiert sehen, sind fundierte Einblicke in den Prozess des Fremdsprachenlernens und in den fremdsprachlichen Entwicklungsstand gerade an dieser Schnittstelle relevant und interessant. Mit seiner Monographie möchte KEßLER einen theoretisch und empirisch fundierten Beitrag zur Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage leisten, indem er aktuelle Forschungsergebnisse der Spracherwerbsforschung reflektiert und anwendet. Dazu nimmt er in einem ersten Schritt zunächst eine systematische Zusammenstellung der Ergebnisse der fachdidaktischen Diskussion vor: Auf ein breit angelegtes und informatives Überblickskapitel, welches die Situation des Anfangsunterrichts Englisch in der Primarstufe unter dem Aspekt der sprachlichen Entwicklung analysiert, folgt die exemplarische Problemarisierung der veränderten Rahmenbedingungen für den Englischunterricht in Klasse 5. Der Autor beobachtet bei den beteiligten Lehrkräften Unsicherheiten und Vorurteile 5 Ferner gibt es auch kleine Abweichungen zwischen den Untersuchungsdesigns in den beiden Unterrichtsversuchen, so dass diese nicht ganz vergleichbar sind. 6 Im Inhaltsverzeichnis wurde dieser Teil leider vergessen. FLUJL 36 (2007) Buchbesprechungen • Rezensionsartikel 255 „hinsichtlich der Einschätzung, was der Englischunterricht in welcher Schulform realistischerweise leisten kann und leisten soll" (S. 57). Die Fachdidaktik sieht er daher in der dringenden Pflicht, sich der Übergangsproblematik gerade mit Blick auf die Leistungsmessung zu widmen. Besondere Bedeutung misst er in diesem Zusammenhang der Definition eines theoretisch und empirisch fundierten ,Übergangsprofils' zu, welches den für Kinder in der Primarstufe erreichbaren Sprachentwicklungsstand Kinder verlässlich festlegt. Dieser Aufgabe widmet sich der Autor in einem zweiten Schritt, in dem er seine Arbeit theoretisch in den Rahmen der Zweitsprachenerwerbsforschung einordnet und dabei zugleich die Notwendigkeit und das Potential einer engeren Verzahnung von Fachdidaktik und Spracherwerbsforschung eindringlich verdeutlicht. Dem Leser eröffnet sich dabei ein differenzierter Einblick in die Entwicklung dieser teils kooperierenden, teils konkurrierenden Forschungsbereiche mit ihren spezifischen Zielsetzungen. Der Verfasser selbst geht für seine weiteren Untersuchungen von der Prämisse aus, "dass (zumindest für Englisch als L2) präzise formulierte und theoretisch abgesicherte Entwicklungssequenzen für den schulischen Erwerb ausgewiesen sind" (S. 174) und dass mit der von PIBNE- MANN formulierten Processability Theory ein Forschungsrahmen vorliegt, "der es ermöglicht, die aktuelle Kompetenz von Fremdsprachenlernern unabhängig von deren individueller Erwerbssituation zu erklären" (S. 169). So setzt der Autor insbesondere sechs empirisch identifizierbare Entwicklungsstufen für Englisch als L2 voraus, die auch durch Unterricht in ihrer Abfolge nicht verändert werden können. Für jede dieser Stufen werden dabei konkrete Strukturen beschrieben, die ein Lerner kreativ und nicht nur formelhaft produzieren kann. Vor diesem Hintergrund untersucht der Autor nun empirische Sprachdaten von Grundschulkindern, die ca. 145 Stunden Englisch-Anfangsunterricht erhalten haben. In seiner Analyse kommt er zu dem Schluss, dass die Kinder die theoretisch vorhergesagte Erwerbssequenz tatsächlich durchlaufen und dabei die Stufen 2 bzw. 3 erreichen: Syntaktisch können die Lernenden auf Stufe 1 beispielsweise Ein-Wort Sätze und auswendig gelernte Formeln verwenden, auf Stufe 2 erste Sätze nach dem SVO-Muster bilden und auf Stufe 3 dem SVO-Muster andere Wörter voranstellen. Damit ist so KEßLER - "ein empirisch fundiertes Übergangsprofil" für den Übergang zwischen Primar- und Sekundarstufe I definiert (S. 101). Nach Einschätzung des Autors wäre es zudem möglich mit vertretbarem Zeitaufwand festzustellen, inwieweit einzelne Kinder diesem Übergangsprofil auch tatsächlich entsprechen. Diese Aufgabe könne hinreichend zuverlässig von Testleitern übernommen werden, die ihrerseits nur eine relativ kurze Einweisung in ein entsprechendes computergestütztes Schnellverfahren benötigten. Zum Nachweis führt der Autor die Ergebnisse einer entsprechenden Studie an. Der Verfasser kommt so zu konkreten Vorschlägen, wie die Bedingungen für das Englischlernen im Anfangsunterricht vor dem Hintergrund der von ihm dargestellten Forschungsergebnisse noch verbessert werden könnten. Voraussetzung dafür sei zunächst, dass Lehrkräfte um die Qualität des Spracherwerbsprozesses wissen, die Anstrengungen ihrer Schülerinnen und Schüler bei der aktiven Entwicklung ihrer Lernersprache würdigen und die Analyse letzterer zur individuellen Förderung nutzen. Um die Lernenden dabei in die Lage zu versetzen, die entsprechenden Regelmäßigkeiten in der Fremdsprache zu erkennen, müsse ihnen die Lehrkraft stets eine zielsprachenorientierte, nicht simplifizierte Variation dieser Sprache anbieten. Die Schülerinnen und Schüler bei ihrem individuellen Entwicklungsstand abzuholen, bedeutet für KEßLER konkret, sie in kommunikative Aufgaben einzubinden und ihnen so zu ermöglichen, die damit verbundenen Herausforderungen mit den ihnen entsprechend ihres Entwicklungsfortschritts zur Verfügung stehenden Mitteln zu bewältigen. Mit seinem Buch eröffnet KEßLER insgesamt einen breiten und informativen Einblick in den Prozess des Fremdsprachenlernens im Anfangsunterricht aus der Perspektive der SpracherwerbsforlFLllL 36 (2007) 256 Buchbesprechungen • Rezensionsartikel schung. Er erweitert damit die theoretische und empirische Grundlage, auf der sich der Leser mit gutem Gewissen der Aussage des Autors anschließen kann: "Guter Fremdsprachenunterricht in diesem Sinne lässt dem Lerner möglichst viel Raum, mit der Sprache kreativ umzugehen und neue Strukturen auszuprobieren" (S. 280-281). · Dresden ANDREAS MARSCHOLLEK Stefan ETTINGER, Manuela NUNES: Portugiesische Redewendungen. Ein Wörter- und Übungsbuch filr Fortgeschrittene. Hamburg: Buske 2006, 152 Seiten. [12,80 €] Dieses für fortgeschrittene Studierende des Portugiesischen konzipierte Wörter- und Übungsbuch' "vale a pena" (ist lohnenswert, die Mühe wert) und lehrt uns, wie man beim Lernen von Redewendungen „arrega~a as mangas" (die Ärmel hochkrempelt) kann. ETTINGER und NUNES präsentieren 250 Redewendungen, die im heutigen Portugiesisch - und zwar sowohl in Portugal als auch in Brasilien gut bekannt seien, keine ausgeprägten regionalen Besonderheiten aufwiesen und der mittleren Stilebene entnommen seien. Wir wollen den Autoren auf keinen Fall „pisar no pe" (auf den Fuß treten), aber „ficamos com a pulga na orelha" (wir bezweifeln) ihre Aussage (S. 7 und 8), dass in der Sammlung der Redewendungen das Portugiesische Portugals mit dem Portugiesischen Brasiliens „fica em pe de igualdade" (auf gleichem Fuß steht). Wenn man die Redewendungen näher analysiert, stellt man nämlich fest, dass etwa zehn Prozent der Redewendungen ausschließlich für das Portugiesische Portugals gilt, wie z.B. Nr. 22 „ser uma barra (em qualquer coisa)", Nr. 11 „ir aos arames", Nr. 27 „fazer bicha", Nr. 42 „ser resves Campo de Ourique" und Nr. 94 "estar com/ ter um grao/ um graozinho na asa". Folgende Kriterien für die Auswahl der Redewendungen werden von den Autoren genannt (vgl. S. 8): Die Redewendungen beziehen sich auf allgemeine menschliche Verhaltensweisen oder spiegeln in allen europäischen Sprachen bekanntes jüdisch-christliches Gedankengut wider. Sie geben einen kleinen Einblick in die portugiesische Lebensweise und illustrieren typische landeskundliche Ereignisse und Tatsachen; des Weiteren findet auch der feine portugiesische Humor in den ausgesuchten Redewendungen seinen Niederschlag. Mit den Termini im Bereich der Phraseologie gehen ETTINGER und NUNES pragmatisch um und verwenden die Bezeichnungen „Redensarten", "Redewendungen", "Phraseologismen" sowie "phraseologische Einheiten" ohne terminologische Unterscheidung: "Bei der zurzeit noch herrschenden geradezu ,chaotischen terminologischen Vielfalt' dürfte terminologische Toleranz angesagt sein" (S. 18). Das Buch gliedert sich in vier Teile: 1. Hinweise für die Benutzung, II. Wörterbuchteil, III. Quiz- und Übungsteil und IV. Schlüssel. Die Hinweise für die Benutzung nehmen mit 55 Seiten einen breiten Raum ein. Die Verfasser beschreiben hier zunächst Zielgruppe und Lernziele. Nach ETTINGER und NUNES stellen Redewendungen beim Erwerb einer Fremdsprache „gleichsam ,das Tüpfelchen auf dem i '" (S. 8) dar. Lerner sollten ihr Augenmerk aus pragmatischen Gründen zunächst auf den Erwerb rezeptiver Kenntnisse richten und erst später eine produktive Beherrschung anstreben. Hingewiesen wird in diesem Zusammenhang darauf, dass „Redewendungen der Sprache ,Würze' verleihen" und „dass man ein guter Koch sein muss, d.h. eine Sprache gut sprechen muss, wenn man richtig würzen will, d.h. Redewendungen richtig im Kontext verwenden will" (S. 9). Unter dem Titel "Portugiesische Redensarten" wurde das Buch bereits in reduzierter Form im Jahr 1992 veröffentlicht. lFlLlllL 36 (2007)