Fremdsprachen Lehren und Lernen
flul
0932-6936
2941-0797
Narr Verlag Tübingen
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2021
502
Gnutzmann Küster SchrammContra - Der Fremdsprachendidaktik fehlt derzeit eine Streitkultur
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2021
Eva Burwitz-Melzer
flul5020137
Pro und Contra 137 50 (2021) • Heft 2 DOI 10.2357/ FLuL-2021-0023 Eine Streitkultur ist für eine wissenschaftliche Disziplin in etwa das, was die Hefe für den Teig darstellt; sie macht ihn durch Gärung lebendig, lässt ihn aufgehen und bereitet ihn auf die spätere Verarbeitung vor. Für die Fremdsprachendidaktik und -forschung bedeutet dies, dass die Streitkultur die Disziplin beleben kann, zur Überprüfung von alten Argumenten und zu neuen Hypothesen anregt und im besten Falle gezielte empirische Forschung hervorbringt. Aus meiner Sicht ist eine professionelle Streitkultur also unabdingbar für eine lebendige wissenschaftliche Disziplin. Zwei etwas ältere Beispiele für eine befruchtende Streitkultur sind noch gut in Erinnerung: Zum einen die Kontroverse um Inter- und Transkulturalität (ca. 2000 bis 2015), die gelegentlich hart, aber auch belebend war, indem sie die Kontrahenten dazu veranlasste, ihre Argumente und Hypothesen zu den beiden Vorsilben „trans“ und „inter“ immer wieder genau zu überprüfen. Die zweite Kontroverse (ca. 2003 bis 2018) bezog sich auf die Standard- und Output-Orientierung, die durch den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (E UROPARAT 2001) und die Nationalen Bildungsstandards in den meisten Sprachenfächern ausgelöst wurde. Hier waren zwei Positionen deutlich zu unterscheiden: Die eine befürchteten einen Wertverlust der Sprachenfächer, die einen Bildungsauftrag hätten, der sich nicht quantifizieren und messbar machen lasse. Andere hingegen begrüßten die genauere Operationalisierung von Einzelkompetenzen und verwiesen auf eine fairere Diagnostik im Klassenzimmer. Mein aktuelles Beispiel für eine befruchtende Streitkultur beschäftigt sich mit dem Begleitband zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (E UROPARAT 2020) und seiner momentanen Rezeption. Im Gegensatz zu der früheren Diskussion um den GeR geht es nun um eine genaue und sehr differenzierte Rezeption dieses europäischen Dokuments, das nicht mehr so sehr als Flaggschiff der Output-Orientierung eingeschätzt wird, sondern das in Hinsicht auf die Genauigkeit in der Abbildung fremdsprachendidaktischer Konzepte und Lerntheorien, aber auch wegen seiner politischen Implikationen detailliert unter die Lupe genommen wird. Man war sich auf Seiten der Fremdsprachendidaktiken einig, dass der GeR dringend einer Überarbeitung bedurfte. Immer wieder war in der jüngeren Vergangenheit auf Defizite in den Konzepten (z.B. in Bezug auf Literaturdidaktik, Interkulturelles Lernen und auch auf Einzelskalen zu bestimmten Kompetenzbereichen) hingewiesen worden. Seit dem Erscheinen des Begleitbands ist der Streit um seine Aussagekraft aber neu entflammt: Die begeisterten Befürworter und Befürworterinnen, die die Nachbesserungen im GeR für gut und ausreichend halten, stehen jenen gegenüber, die viele Neuerungen für wenig fundiert, verwirrend oder auch schlicht für nicht ausreichend halten. In einigen Publikationen aus der jüngsten Zeit ist diese Kontroverse deutlich absehbar. Der Begleitband zum GeR, der durch mehrere Konferenzen (z.B. an den Universitäten in Gießen und Bremen 2019), durch mehrere Sammelbände (u.a. V OGT / Q UETZ 2018) und einige Beiträge in der Zeitschrift für Fremdsprachenforschung (Band 30, 2019) bereits deutlich als neues und befruchtendes Streitobjekt der Fremdsprachendidaktik und -forschung in Erscheinung tritt, fordert die Disziplin dazu auf, ihre Konzepte und Ziele erneut gegeneinander abzuwägen und endlich gründlich empirisch zu beforschen. Gießen E VA B URWITZ -M ELZER
