Forum Modernes Theater
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Narr Verlag Tübingen
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2009
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BalmeE.K. Chambers: The Elizabethan Stage. 4 vols. (orig.: 1923). Oxford: Clarendon Press, 2009, ca. 372,00 €
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2009
Kati Röttger
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198 Rezensionen wäre im Hinblick auf die Darstellungstheorie im 18. Jahrhundert der Rückgriff auf die von Joseph Roach vorgelegte Diskursanalyse der Leidenschaften zuträglich gewesen, um insbesondere anthropologische und psychologische Konzepte in ihrer Historizität darzustellen. Zudem wünscht man sich in der Lektüre der Trakate von Ménestrier und Noverre den Nachweis der Bewegungsreflexion dichter vom Text und seiner Metaphorik her entwickelt - ein Verfahren, welches der Autorin in Teil über die romantische Kritik überzeugend gelingt. Insgesamt stellt Beredte Körper - bewegte Seelen einen wichtigen Beitrag zur Theorie und Analyse von Bewegung dar, der auch Leser jenseits der Tanzwissenschaft interessieren dürfte. Bayreuth W OLF -D IETER E RNST E.K. Chambers: The Elizabethan Stage. 4 vols. (orig.: 1923). Oxford: Clarendon Press, 2009, ca. 372,00 Die Historiographie nimmt mitunter eigentümliche Wege: So sehr sie sich in Fragen der Analyse und Interpretation von den Fesseln einer engstirnigen Faktenhuberei befreit hat, so sehr ist sie doch gleichzeitig auf das Vorhandensein solcher Sammlungen angewiesen. In diesem Sinne stehen die methodischen Diskussionen, die seit Ende der 1970er Jahre eine gänzliche neue Form der Kulturgeschichtsschreibung hervorgebracht haben, nicht nur in einem dialektischen Verweisungszusammenhang zu jener älteren, aus den Tiefen des 19. Jahrhunderts stammenden Tradition, sondern auch in der Relation einer recht unmittelbaren inneren Abhängigkeit. Edmund Kerchever Chambers (1866-1954) gehört zu jenen in das 20. Jahrhundert hineinragenden Gestalten, der das Unterfangen einer solchen Materialsammlung gleich zwei Mal in seinem Leben auf sich genommen hat: Zunächst erschien 1903 The Medieval Stage, eine zweibändige Sammlung von Daten, Quellen und Verweisen zum mittelalterlichen Theater Englands. 1923 folgte dann das vierbändige Konvolut The Elizabethan Stage, das aufgrund seiner Informationsfülle bis heute eine wichtige Referenz für alle Forscher ist, die sich mit dem englischen Theater des 16. und 17. Jahrhunderts beschäftigen. Chambers geht in seiner Sammlung mit einer umfassenden Systematik vor: Der erste Band beschreibt die Verhältnisse am Hofe sowie die Kontrolle der Theater. Gerade hier wird mitunter die zeitliche Differenz zwischen diesem Werk und einem heutigen Leser sehr deutlich spürbar: Die geistesgeschichtlichen Ausführungen, etwa zum Verhältnis von Reformation und Theater, halten der sehr weit reichenden neueren Forschung in diesem Bereich nicht mehr stand. Gleichwohl beeindrucken die Ausführungen immer noch durch die reine Fülle von Quellen, die Chambers für seine Ausführungen gesichtet hat und die er sorgfältig aufführt. Der zweite Band steht im Zeichen der Theaterpraxis selbst; minutiös listet Chambers hier die einzelnen Truppen auf und hat sogar ein eigenes Kapitel, in dem die ihm bekannten Informationen zu einzelnen Schauspielern zusammengetragen sind. Zusammen mit der Liste aller in London nachgewiesenen Theater liegt hier eine Ressource vor, die für die Theater- und Shakespeare-Forschung äußerst hilfreich ist. Die Bände III und IV schließlich komplettieren das Bild vor allem durch die Auflistung der bekannten Dramatiker und ein Verzeichnis mit kurzen Angaben zu ihren Werken, wobei der Umstand, dass der Band IV neben den anonym überlieferten Werken vor allem aus Anhängen besteht, unterstreicht, wie sehr dieses Werk als eine ‘Werkzeugkiste’ zu verstehen ist: So gibt es 13 verschiedene Anhänge, die von Dokumentensammlungen, über den Kalender des Hofes bis zu Quellen zur Kontrolle der Theater reichen und auch etwa Serlios Trattato sopra la scene (1551) in Auszügen in italienischer Sprache umfassen. So laden die insgesamt sehr schön gestalteten Bände der hier vorliegenden Neuauflage weniger zu einer systematischen Lektüre als zum Nachschlagen und Weiterforschen ein. Und hier erweist sich das Überangebot, das diese Sammlung unterbreitet, als eine Stärke gegenüber anderen Darstellungen. Während etwa die Arbeiten von Andrew Gurr, dessen Werke wie The Shakes- Forum Modernes Theater, Bd. 24/ 2 (2009), 198-199. Gunter Narr Verlag Tübingen Rezensionen 199 pearean Stage, 1574-1642 ( 1 1970/ 4 2009) oder zuletzt Shakespeare’s Opposites: The Admiral’s Company 1594-1625 ( 1 2009), durch ihre gute Lesbarkeit zu Standardwerken geworden sind, ist Chambers sperriger und entzieht sich einer einfachen Lektüre. Gerade darin aber liegt zugleich seine Stärke: Es ist ein ganzes Konvolut von unterschiedlichen Informationen, die dem, der mit einer gezielten Fragestellung sucht, sich öffnet und neue Einsichten erlaubt. The Elizabethan Stage sucht keine Leser, sondern Forscher, die aus der Fülle des zusammengetragenen Materials neue Überlegungen generieren. In diesem Sinne muss man sich aber auch hüten, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern vielmehr die unterschiedlichen Annäherungsformen als bereichernde Vielfalt begreifen. So ist es denn dankenswert und verdienstvoll, dass Clarendon Press sich entschlossen den seit langem vergriffenen Chambers, der im antiquarischen Handel teilweise beachtliche Preise erzielte, in einer sehr schön gestalteten und mit dem bislang separat gehandelten Register von Beatrice White versehenen Ausgabe neu aufzulegen. Ob der Verlag hierbei mit der Hoffnung spielte, dass die Bände als Merchandising-Produkt am Erfolg von The Shakespeare Secret (2008; dt. Die Shakespeare Morde) von Jennifer Lee Carrell profitieren kann, ist nicht bekannt: In diesem im anglophonen Raum sehr populären Krimi gelingt es der jungen Theaterregisseurin Kate Stanley mit Hilfe von Chambers-Sammlung eine Serie von Morden und das Geheimnis um das legendäre verschollene Shakespeare-Stück Cardenio zu lüften. (Endlich darf auch mal eine Theaterwissenschaftlerin in die Fußstapfen des Action-Archäologen Indiana Jones treten …) Aber auch für weniger spektakuläre und blutige Recherchen bietet diese Neuauflage eine Möglichkeit zu prüfen, inwiefern sich aus dem Blickwinkel neuerer methodischer Überlegungen eine produktive Auseinandersetzung mit älteren Forschungstraditionen führen lässt. Bern P ETER W. M ARX Anja Klöck. Heisse West- und kalte Ost- Schauspieler? Diskurse, Praxen, Geschichte(n) zur Schauspielausbildung in Deutschland seit 1945. Theater der Zeit. Recherchen 62. Berlin: Verlag Theater der Zeit, 2008, 289 Seiten. Spätestens seit dem Erscheinen von Hans-Thies Lehmanns viel zitierter Schrift Postdramatisches Theater im Jahr 1999 steht die Materialität des Darstellerkörpers im Mittelpunkt der theaterwissenschaftlichen Diskussion. Präsenz statt Repräsentation, Dekomposition des Menschen statt Komposition einer dramatischen Figur, sinnliche Wirkung anstelle von Sinnerzeugung sind Schlüsselbegriffe, die die nunmehr ein Jahrzehnt andauernde Wende der fachlichen Auseinandersetzung von der darstellerischen zur performativen Qualität des Schauspielerkörpers anzeigen. Das Buch von Anja Klöck bildet in diesem Zusammenhang eine auffallende Ausnahme, da es sich wieder Problemen der klassischen Schauspielkunst und Methoden der Menschendarstellung zuwendet. Diese Ausrichtung ist einer klar historisch begründeten Fragestellung zu verdanken, die dem Forschungsprojekt “Systemische Körper? Kulturelle und politische Konstruktionen des Schauspielers in schauspielmethodischen Programmen Deutschlands 1945-1989” voranging und dessen erste Ergebnisse das Buch vorstellt. Ausgehend von dem bedeutenden historischen Schnitt, den das Jahr 1989 für die deutsch-deutsche Geschichte darstellt, liegt der Fokus des Buches auf der Untersuchung der Entstehens- und Überlebensbedingungen der hartnäckigen Mythen vom “kalten”, d.h. eine Rolle analytisch über die Aktionen einer Figur und äußeren Bedingungen des Handelns erarbeitenden, Ost-Schauspieler und vom “heißen”, sich psychologisch von Innen in seine Figur einfühlenden West-Schauspieler. Der Begriff des Mythos ist von der Autorin im Sinne Roland Barthes bewusst eingeführt worden, um auf den Prozess der Naturalisierung hinzuweisen, der dazu geführt hat, dass sich die Rede von heißem und kaltem Schauspieler in Essentialsisierungen niedergeschlagen hat. Dass die alchemistisch anmutenden, kulturelle Differenzen festschreibenden Essentialisierungen “im öffentlichen Diskurs der neunziger Jahre [auch] zu künstlerischen Qualitätsmerkmalen” (S. 7) wurden, kann Anja Klöck an zahlreichen Forum Modernes Theater, Bd. 24/ 2 (2009), 199-201. Gunter Narr Verlag Tübingen
