eJournals Forum Modernes Theater 25/1

Forum Modernes Theater
fmth
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2196-3517
Narr Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/0601
2010
251 Balme

Karsten Lichau, Viktoria Tkaczyk, Rebecca Wolf (Hrsg.): Resonanz. Potentiale einer akustischen Figur. München: Wilhelm Fink, 2009, 375 Seiten, mit CD-ROM, 60,00 €

0601
2010
Benjamin Wihstutz
fmth2510111
Rezensionen 111 weiterung der gegenwärtigen Forschungsdiskussion auf. Kennedys Buch verzichtet dabei auf den Versuch einer geschlossenen Theoriebildung, nicht aus Mangel an Systematik, sondern um die Komplexität der Thematik und der es berührenden Themenfelder voll ausschöpfen zu können. So entsteht ein Buch, in dem nicht zufällig immer wieder auch der Autor als Autor und als Zuschauer aus Passion und Profession sichtbar wird und das eine Fülle bietet, aus der reich zu schöpfen ist. Bern P ETER W. M ARX Karsten Lichau, Viktoria Tkaczyk, Rebecca Wolf (Hrsg.): Resonanz. Potentiale einer akustischen Figur. München: Wilhelm Fink, 2009, 375 Seiten, mit CD-ROM, 60,00 . Dass sich mit “Resonanz” nicht allein die Übertragung von Wellenfrequenzen, sondern ganz unterschiedliche Phänomene in den Natur- und Geisteswissenschaften bezeichnen lassen, ist angesichts der alltagssprachlichen Beliebtheit dieser Metapher wenig überraschend. Bemerkenswert ist vielmehr, welche historischen und methodologischen Bezüge die Figur im Stande ist, aufzuzeigen, und welche Verknüpfungen sie zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen akustischen Phänomenen und technischen Erfindungen, zwischen Ästhetik und Neuroästhetik herzustellen vermag. Der Sammelband, der aus der Abschlusskonferenz des Graduiertenkollegs Körperinszenierungen an der FU Berlin hervorgegangen ist und sich dieser Komplexität annimmt, hat sich zwei Ziele gesetzt: Zum einen geht es darum, dem viel beschworenen iconic turn und der Tradition des Okolarzentrismus eine akustische Figur entgegenzusetzen und auf ihr Potential hinzuweisen; zum anderen versucht der Band, die durch den New Historicism angeregte Debatte um Kulturals Resonanzräume aufzugreifen und zu vertiefen. So ist es auch Stephen Greenblatt selbst, der mit dem vorangestellten Beitrag “Resonanz und Staunen revisited” eine Aktualisierung des gleichnamigen Essays von 1990 vornimmt und exemplarisch das methodische Potential der akustischen Figur für die Literaturgeschichte aufzeigt. Die übrigen 20 Beiträge gliedern sich in drei Abschnitte: 1. Resonanz: Musiktheoretische Positionen 2. Die akustische Figur als Wissensfigur 3. Resonanz, Materialität, Performativität. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die gewinnbringende Ambiguität des Resonanzbegriffs liefern die Herausgeber in ihrer Einleitung mit dem berühmten Orson Welles-Hörspiel The War of the Worlds. Der Legende nach versetzte die zweiminütige Sequenz des Radio-Hörspiels, die sich der Leser als Audiodatei auf der dem Buch beiliegenden CD-ROM anhören kann, bei seiner Ursendung 1938 tausende Zuhörer in Panik, da die vermeintliche Live-Reportage über den Angriff Außerirdischer unvermittelt abbricht. Ob das Radio, dessen technische Erfindung auf der Resonanz elektromagnetischer Wellen beruht, allerdings tatsächlich durch den inszenierten Resonanzabbruch zum Auslöser einer “Resonanzkatastrophe” wurde, ist laut Einschätzung der Autoren mehr als fraglich, da die Legende überhaupt erst durch die Resonanz in den Medien, der Massenpsychologie und Militärgeschichte gebildet wurde. Dass die zeitgleiche Entstehung des Radios in Deutschland und den Vereinigten Staaten hinsichtlich der Ausschöpfung seines Resonanzpotentials ganz unterschiedliche Entwicklungen und Stimmpolitiken zur Folge hatte, zeigt auch der Beitrag von Wolfgang Hagen. Über die Erfindung des Radios hinaus stellt ein Gespräch mit der Kuratorin Brigitte Felderer Bezüge zur Kulturgeschichte der Stimme als Medium her. Unter anderem wird von der Sprechmaschine Wolfgang von Kempelens aus dem späten 18. Jahrhundert berichtet, deren rekonstruierte Stimme sich ebenfalls auf der CD des Buches wiederfindet. Auf welche Weise Resonanz als akustisches und technisches Phänomen im Verlauf der Geschichte immer wieder zugleich metaphorisch in Anspruch genommen wurde, zeigen mehrere wissenschaftshistorische Aufsätze der Anthologie. So legt Wolfgang Scherer dar, wie das Clavichord einen entscheidenden Beitrag für die Popularität der Resonanzmetapher im 18. und frühen 19. Jahrhundert leistete, sodass sich nicht nur Theorien der Empfindsamkeit, sondern auch anatomische und pädagogische Theorien (Herder) auf Forum Modernes Theater, Bd. 25/ 1 (2010), 111-112. Gunter Narr Verlag Tübingen 112 Rezensionen das Modeinstrument als Resonanz-Modell bezogen. Caroline Welsh knüpft an Scherers Beitrag an, indem sie den Wandel des Resonanzmodells von der “Sympathie” zur “Stimmung” im 18. Jahrhundert als Geschichte der Verinnerlichung nachzeichnet. Einen eher ungewöhnlichen Untersuchungsgegenstand präsentieren Robert Matthias Erdbeer und Christina Wesseley mit der Resonanzmetapher in esoterischen Theorien im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Anhand Gustav Theodor Fechners “Anatomie der Engel” und Hans Hörbigers “Welteislehre” als zwei Universaltheorien “kosmischer Resonanz”, die sich gegen die exakten Wissenschaften richteten, werfen die beiden Autoren die Frage auf, wo die Grenzen von Wissenschaft und Esoterik verlaufen. Eines der jüngsten Beispiele dafür, dass die Resonanzmetapher fähig ist, diese Grenzen zu verwischen, stellt die allgemeine Resonanztheorie des verstorbenen Genforschers Friedrich Cramers dar, die in mehreren Beiträgen zitiert wird: “Resonanz ist es,” so Cramer, “die die Welt in seinem Innersten zusammenhält”. Nachvollziehbarer scheint da die Anwendung der Resonanzmetapher auf die, auch bei Geisteswissenschaftlern seit einigen Jahren auf großes Interesse stoßenden, Spiegelneuronen zu sein, die den monadischen Subjektbegriff der Neurowissenschaften nachhaltig erschüttert haben, wie Meike Adam darlegt. Die “soziomotorische Resonanz” der Neuronen, die sowohl bei der Ausführungen von Handlungen als auch bei deren Beobachtung aktiviert werden, legt eine Verflechtung von Subjekt und Umwelt nahe, die der Phänomenologie Merleau-Pontys bisweilen näher zu stehen scheint als der konstruktivistischen Hirnforschung. Schließlich widmen sich mehrere Beiträge der Resonanz als Metapher und Phänomen in den Künsten. Während Barbara Gronau Resonanzen in den Arbeiten von Joseph Beuys aufspürt und Ulrike Hanstein als filmische Verfahren in Wong Kar Wais 2046 aufzeigt, verdeutlichen die Beiträge von Erika Fischer-Lichte und Nikolaus Müller- Schöll, warum es gerade im postdramatischen Gegenwartstheater treffend ist, von der Bühne als Resonanzraum zu sprechen. Anhand unterschiedlicher Beispiele (Rimini Protokoll, Wooster Group, Laurent Chétouane) zeigen die beiden Aufsätze, wie das Theater als kulturelles Gedächtnis oder Sphäre des Denkens fungieren kann, wo Texte, Biografien und körperliche Praktiken widerhallen. In Anbetracht der interdisziplinären Vielfalt mag es kaum erstaunen, dass es nicht allen Beiträgen gelingt, den Mehrwert der Resonanzmetapher für den jeweiligen Untersuchungsgegenstand darzulegen. Dies betrifft Gabriele Gramelsbergers Beitrag über anthropotechnische Räume genauso wie Allen S. Weiss’ kryptisch anmutenden Essay über die Puppenkunst von Michel Nedjar, die das Buch abschließt. Vereinzelten Beiträgen lässt sich auch eine mangelnde Fokussierung der Fragestellung und sprachliche Unschärfe vorwerfen. So rast Wolfgang Auhagen auf zehn Seiten durch 300 Jahre Musikgeschichte und Kyung-Ho Chas inhaltlich an sich spannende Auseinandersetzung mit dem Biologen Paul Kammerer und seiner Freundschaft zu Gustav und Alma Mahler schwankt zwischen anekdotischem Stil und teilweise unnötig hochtrabender Sprache. Die überwiegende Mehrzahl der Beiträge zeichnet jedoch eine erhellende Klarheit und Einschlägigkeit aus, die das Experiment der Herausgeber, bewusst auch metaphorische und methodologische Dimensionen von “Resonanz” einzubeziehen mit zahlreichen, sich bei der Lektüre erschließenden Querbezügen gelingen lässt. Insgesamt lässt sich dem Band mithin eine theoretische und historische Dichte attestieren, die die Gefahr der metaphorischen Beliebigkeit weitgehend abwendet. Vor allem in ihrem wissenschaftshistorischen Fokus unterscheidet sich die Publikation von den Ansätzen anderer Sammelbände wie Stimm-Welten (Transcript 2008) oder Acoustic Turn (Fink 2008) und geht insofern über diese hinaus, als es ihr phasenweise tatsächlich gelingt, aus der metaphorischen Dimension das epistemologische Potential zu schöpfen, disziplinäre Felder auf neue Weise zu verknüpfen. Nicht zuletzt vermag das Buch damit einen Beitrag zu leisten, die Resonanz der akustischen Figur selbst in Geschichte und Gegenwart in den Blick zu nehmen oder vielleicht besser: in Schwingung zu versetzen. Berlin B ENJAMIN W IHSTUTZ