Italienisch
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
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2014
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Fesenmeier Föcking Krefeld OttInhalt Editorial: L’italiano al freddo - Finlandia anno zero? (Enrico Garavelli) . . . . . . . 1 Beiträge zu Literatur, Linguistik und Landeskunde Isabella von Treskow, Wer fühlen will, muss hören Sinnliche Wahrnehmung in der Literatur und Literaturtheorie des Cinquecento . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 Gherardo Ugolini, D’Annunzio e il dionisiaco . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich, Digitalianistica Die italienische Philologie unterwegs in die digital humanities . . . . . . . . . . . . . . 52 Biblioteca poetica Mario Luzi: Muore ignominiosamente la repubblica (Marco Menicacci) . . . . . . . 71 Sprachecke Italienisch Addio e via - zur Potenzierung der Subjektivität in Zeitungsüberschriften (Edgar Radtke) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Zur Praxis des Italienischunterrichts Christoph Oliver Mayer, Italien beim Eurovision Song Contest - zwischen Nationalrepräsentation und Europagedanken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Buchbesprechungen Dante: Commedia In deutscher Prosa von Kurt Flasch (1 Band) Einladung, Dante zu lesen (2 Band) (Thomas Brückner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Eugenio Montale: Was bleibt (wenn es bleibt). Gedichte 1920 - 1980 (Alessandra Origgi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Erich Auerbach: Kultur als Politik. Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938 - 1947) (Frank-Rutger Hausmann) . . . . . . . . 103 Margherita Di Salvo: «Le mani parlavano inglese». Percorsi linguistici e antropologici tra gli italiani d’Inghilterra / Elton Prifti: Italoamericano: italiano e inglese in contatto negli USA: linguistica variazionale e linguistica migrazionale (Tina Ambrosch-Baroua) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Kurzrezensionen Frank-Rutger Hausmann: Die Deutsche Dante-Gesellschaft im geteilten Deutschland (Thomas Brückner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Chiara Cretella: Architetture effimere. Camillo Boito tra arte e letteratura (Luca Mendrino) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Die Erschließung des Lichts. Italienische Dichtung der Gegenwart (Franco Sepe) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Italienische Themen an den Hochschulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz im Wintersemester 2014 / 2015 (Caroline Lüderssen) . . . . . . . . . . 124 Mitteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 2_IH_Italienisch_72.indd 1 06.11.14 10: 27 Vorschau auf Italienisch Nr. 73 - Mai 2015 A colloquio con Carlo Lucarelli A cura di Stephanie Neu Massimo Vedovelli, Fra 40 anni, l’Italia che verrà: lo spazio linguistico e culturale italiano fra lingue immigrate, andamento demografico, ripresa economica 2_IH_Italienisch_72.indd 2 06.11.14 10: 27 1 L’italiano al freddo - Finlandia anno zero? Ha una lunga storia, l’italiano in Finlandia I primi corsi a livello accademico risalgono agli ultimi anni del Seicento Fu però solo all’inizio del secolo scorso, quando nacque la romanistica finlandese, che si avvertì l’esigenza di attivare un lettorato stabile, istituito a Helsinki nel 1933 Cinquant’anni più tardi a Turku fu fondata la prima cattedra (1981), seguita a ruota da quella aperta a Helsinki nel 1996 Oggi in Finlandia l’italiano è materia (facoltativa) di insegnamento nei Licei; lo si può studiare in una pluralità di istituti serali e scuole di istruzione popolare; è supportato dall’attività del locale Istituto italiano di cultura, dell’Ambasciata d’Italia e di numerose associazioni, in primis la società Dante Alighieri Mentre stendo queste righe, l’Italia è paese ospite alla Fiera del libro di Helsinki, e vi è largamente rappresentata da scrittori, giornalisti e studiosi L’università di Helsinki, la più antica e grande della Finlandia, vanta una posizione di eccellenza nell’intera Scandinavia per l’insegnamento delle lingue, e l’italianistica vi gode di ottima salute: si trova al centro di una fitta rete di relazioni internazionali e di iniziative scientifiche; il flusso degli studenti è stabile, le lauree si susseguono costanti e non mancano dottorandi bravi e motivati; l’organico, sebbene ridotto al minimo, è qualificato e scientificamente produttivo Anche al Nord, tuttavia, spirano venti di crisi Se la crescita delle relazioni commerciali tra Italia e Finlandia e il notevole aumento della mobilità giovanile hanno contribuito a mantenere vivo l’interesse per la lingua e la cultura dello Stivale, la pressione dell’inglese, l’ascesa dello spagnolo e soprattutto del russo e la crisi economica e di immagine che ha colpito il nostro paese hanno indubbiamente costituito fattori negativi Il settore che soffre di più nella situazione attuale è probabilmente proprio quello accademico Una non sempre oculata politica di austerità ha ispirato una riforma radicale del sistema universitario che ha portato alla «semiprivatizzazione» degli atenei, alla contrattualizzazione dei docenti e alla concentrazione del potere decisionale nelle mani di una governance ristretta La conferenza dei rettori sta istruendo un processo di «razionalizzazione» delle risorse che ha come obiettivo de facto la soppressione di numerose cattedre, la riduzione del turn over del personale e l’accorpamento degli insegnamenti Nel 2010, quasi simultaneamente, sono stati cancellati gli insegnamenti di italiano ai Centri linguistici delle università di Oulu e di Tampere Come materia complementare l’italiano sopravvive nella sola Jyväskylä Perfino nelle due sedi principali, Turku e Helsinki, il contemporaneo pensionamento dei due professori ordinari ha aperto scenari inquietanti Eppure l’italiano per numero di parlanti madrelingua è secondo solo al tedesco nell’UE; come quarta lingua è l’idioma più studiato nel mondo; ed è uno strumento fondamentale per chiunque si interessi di storia antica, lingue classiche, musica, storia dell’arte e perfino cucina e sport Investire in cultura ha sempre pagato Non resta che sperare che per l’italianistica finlandese il 2015 sia davvero un anno zero, e non sottozero . . 2_IH_Italienisch_72.indd 1 06.11.14 10: 27 2 Isab e L L a VoN Treskow wer fühlen will, muss hören sinnliche wahrnehmung in der Literatur und Literaturtheorie des Cinquecento ‹Wer nicht hören will, muss fühlen› ist ein Diktum, das wir ungern akzeptieren ‹Wer hört, der fühlt› ist hingegen akzeptabel oder sollte es sein Dass, wer fühlen und verstehen will, was Literatur vermittelt, neben den Wortbedeutungen die Gegebenheiten der sprachlichen Struktur anverwandelt und in der Rezeption physikalische Stimulation, emotionale Erregung und Verstehen korreliert sind, ist Grundthese der folgenden Überlegungen Leitfrage ist, ob und wie in poetologischen Schriften des Cinquecento die sinnliche Qualität von literarischer Sprache thematisiert und in welchen Zusammenhang sie mit affektiven und kognitiven Prozessen gestellt wird Dass das Cinquecento hierfür in den Blick rücken muss, ergibt sich aus dem kulturgeschichtlichen Rahmen: Etwa ab Ende des 15 Jahrhunderts vollzieht die Literatur in Italien die Wende vom Lateinischen zum Volgare In dieser Zeit nimmt die Dichtung Aufschwung und gewinnt europäische Ausstrahlungskraft Deren Sprache trägt erheblich zur Bildung eines einheitlichen Italienisch bei Zugleich entwickeln sich die Naturwissenschaften und weckt die Objektwelt, die Welt der konkreten natürlichen Phänomene, zusehends das Interesse der Wissenschaftler, Philosophen und Dichter Die Vielschichtigkeit dieser Dynamik gepaart mit dem Umstand, dass in der Frühen Neuzeit stets der Wille vorherrschte, alles in einem (groß gedacht: kosmologischen) System zu verbinden, lässt vermuten, dass die Theorie des 16 Jahrhunderts dem physikalischen Aspekt von Sprache im Verbund mit grammatikalischen, stilistischen und lexikalischen Aspekten stärkere Beachtung schenkt Die hier präsentierten Befunde zeigen in der Tat, dass die Literatur-, speziell die Lyriktheorie auf sprachlich-akustische Phänomene als Teil und Motor der Entwicklung des Italienischen nicht nur allgemein poetologisch eingeht Sie engagiert sich besonders, wo die ästhetische Qualität von Sprache neu reflektiert und Bestimmungen formuliert werden, die konkret die Lautlichkeit von Texten betreffen Die Befunde sind im Kontext der Gattungsprämissen von Lyrik zu sehen, die eine eigene Musikalität der Sprache verlangen, sie sind in Zusammenhang mit der Delatinisierung und der Unifizierung des Italienischen zu stellen, welche sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Kodifizierung und Normierung durchsetzte, die auch das Lautsystem betrafen, und sind dem genannten naturwissenschaftlichen Interesse zu ver- 2_IH_Italienisch_72.indd 2 06.11.14 10: 27 3 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören danken Die Relevanz, die der auditiven Perzeption zugewiesen wird, geht in mancher Hinsicht über jene neuzeitlichen, ja aktuellen Ideen hinaus, die das Physikalische nur als Teil der Stimulation betrachten und nicht enger mit Kategorisierung und Semantisierung in Fühl- und Denkprozessen liieren Die Beziehungen zwischen der Aufwertung des Volgare, der Emanzipation vom Lateinischen, der strukturellen Eigenheit von Dichtung, Fragen zur ‹richtigen› Sprachverwendung und schließlich zu neuen Wirkungszielen führten im 16 Jahrhundert dazu, Reaktionen auf den poetischen Sprachkörper konkreter zu prüfen Medizinisch noch nicht erforschbar und empirisch nicht leicht abzusichern, rückte die Funktion strukturell-ästhetischer Sprachmerkmale und die Verbindung von sensorischem System und geistigen, auch gefühlsmäßigen, Vorgängen doch merklich ins Blickfeld Die Bedeutung von phonetischen und prosodischen Faktoren wurde vorsichtig zu fassen gesucht Vor allem dieser, der auditive Aspekt der sinnlichen Wahrnehmung soll hier im Rahmen der genannten Entwicklungen als Kristallisierungspunkt einer voraufklärerischen Theorie zum Zusammenhang von Perzeption und affektivkognitiven Aktivierungen den Kern einer kurzen strukturellen und historischen Systematisierung bilden Da darf der Hinweis nicht fehlen, dass αἰσθάνομαι ursprünglich nicht nur ‹empfinden›, ‹mit den Sinnen wahrnehmen›, sondern auch ‹mit dem Gehör inne werden› bedeutete Darüber hinaus geht es um mentale Visualisierung, vielfach der Endzweck, z B für Torquato Tasso: «Stando che lo stile sia un istrumento, co ’l quale imita il poeta quelle cose che d’imitare si ha proposte, necessaria è in lui l’energia la quale si con parole pone innanzi a gli occhi la cosa, che pare altrui non di udirla, ma di vederla .» 1 Auszugehen ist von einem Zusammenhang zwischen ‹äußerem› und ‹innerem Hören›, das durch lautes und stummes Lesen hervorgerufen wird, auch von Vertonungen Analysiert werden Aussagen zum klangphysikalischen Aspekt von Sprache, zur Visualisierung und zur Korrelation zwischen Sinnesempfindung, Decodierung, affektivem Engagement, Konzeptualisierung des Gehörten und schließlich dessen Deutung Wie im Cinquecento diese Vorgänge verstanden und argumentativ integriert wurden, wird an einem Korpus aus Dichtungstheorien von Giovan Giorgio Trissino, Giovanni Berardino Fuscano, Bernardino Daniello, Giovambattista Giraldi Cinzio, Antonio Sebastiano Minturno und Torquato Tasso untersucht Empirisch wird Lyrik von Angelo Grillo und Giordano Bruno herangezogen 1. Die Frage nach der Funktion und dem Funktionieren von sinnlicher Wahrnehmung gehört zu den Grundfragen in der Beschäftigung mit Kunst Dabei ist 2_IH_Italienisch_72.indd 3 06.11.14 10: 27 4 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow das Moment der somatischen Aufnahme des Artefakts historisch wenig erforscht Es ist vielleicht das am schwierigsten zu erforschende Die Reaktion auf Kunst mit den Sinnesorganen und dem Nervensystem, die sensomotorische Wechselwirkung zwischen dem ‹Ding›, dem Kunstwerk an sich, und dem kognitiven Apparat, sind schwer zu erfassen und deswegen schwer zu untersuchen - dies nicht zuletzt deshalb, weil generell der Akt des Wahrnehmens, anders als etwa der der Produktion, als solcher kaum wahrgenommen wird Rationalität und Handeln stehen im Vordergrund der Aufmerksamkeit, im Allgemeinen und in der sprach- und literaturwissenschaftlichen Forschung Seitenpfade haben allerdings im Zuge der kulturwissenschaftlichen Horizonterweiterung einen Weg zur Frage des Verhältnisses zwischen literarischer Sprache und emotionaler Reaktion, zwischen Perzeption, Fühlen, Deuten und Werten gewiesen, das zum Erleben und Handeln gehört Hier sind die Arbeiten zu nennen, die sich auf Gefühl und Sprache bzw Medium, Gefühlserleben, Körper und Gefühl, die Historizität von Gefühlen und die Soziologie der Gefühle bzw Emotionen beziehen . 2 Die antike Dichtungstheorie wird für die globale ‹Gefühlsgeschichte› berücksichtigt und ernst genommen, nicht so die Theorien der italienischen Renaissance, historisch meist wieder René Descartes . 3 Die Musikwissenschaft hat länger schon Musiktheorie und -praxis vom 16 bis zum 18 Jahrhundert im affekttheoretischen und affektkulturellen Kontext untersucht . 4 Die Bezüge zur Musikentwicklung der auch zur Vertonung geschaffenen Dichtung von Angelo Grillo hat 2008 Myriam Chiarla mit Bezug zur musikwissenschaftlichen Forschung plausibel demonstriert, 5 ohne aber die Konsequenzen für seine Texte näher zu beschreiben Giacomo Jori hat 1998 in Per Evidenza - Conoscenza e segni nell’età barocca einleuchtend auf die Implikationen dieser Verbindung bei und für Grillo hingewiesen Seine Darlegung der ästhetischen Innovationen des Seicento im Bezugsfeld von Zeichentheorien, Sinnenwelt, Musik, Literatur, Naturwissenschaft und Glaubensformen streift auch das Cinquecento, bezieht sich allerdings, was die Problematik der Effizienz und gefühlsauslösenden bzw den Intellekt anregenden Fähigkeiten von Sprache angeht, auf das Bildliche, auf Metaphern-, Allegorien- und ikonische Konzepte, d h die zeitgenössische Verbindung von Figuren, concetti und Erkenntnis . 6 Seitens der Sprachwissenschaft wird das Auslösen emotionaler Prozesse durch Sprachrezeption in Konzepte des Sprachverstehens integriert, 7 wobei man den Mangel an empirischen Studien schon länger beklagt und langsam bekämpft . 8 Philosophie, Literatur- und Kunsttheorie beschäftigen sich mit den möglichen Verknüpfungen von Sinnlichkeit, Sprache und Emotion, 9 Neurologie und Kognitionspsychologie arbeiten von ihrer Seite zum Gegenstand, 10 auch zur Wechselbeziehung zwischen Sprachstruktur und kognitiver Verarbeitung, z T in konkretem Bezug auf die «spoken word recognition», 11 die das 2_IH_Italienisch_72.indd 4 06.11.14 10: 27 5 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören hier vorliegende Anliegen berührt Gleichzeitig schreitet die literaturwissenschaftliche Wirkungsforschung voran . 12 Wo sie sich dem Fühlen als konstitutivem Teil literarischer Praxis dezidierter zuwendet, kann sie bei der Rezeptionsforschung der 1970er Jahre, etwa Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser, ansetzen . 13 Diese war nicht nur auf die historisch-soziologische Rezeptionssituation, Textstrukturen und die Decodierung von Sinnschichten konzentriert, aber Sinnlichkeit wurde beispielsweise in Jauß’ wegweisender Schrift Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (1982) v .a unter dem Aspekt der Bildlichkeit, der Vorstellung, der Anschaulichkeit gesehen und die klangphysikalische Dimension nicht beachtet . 14 Die auditive Perzeption steht überhaupt fast immer am Rande, außer in linguistisch-phonologischen und kognitionswissenschaftlichen Untersuchungen ‹Mentale Audition› ist anders als ‹mentale Vision› schwer einzukreisen und liegt wahrscheinlich deshalb als Forschungsgegenstand weniger auf der Hand Verständlicherweise ist Hören innerhalb der Geisteswissenschaften v a ein Thema der Linguistik, der Musikwissenschaft und der Musikpsychologie Es fällt dabei auf, dass auch Hören mit Visualisierung in Verbindung gebracht bzw inneres Hören als Visualisierung wissenschaftlich konzeptualisiert wird . 15 Sowohl kulturell sehr kompetentes als auch kulturell weniger kompetentes Hören dürfte in geistigen Vorgängen bestehen, die jenseits von verbalisierbarem Sinn eigene Wissensinhalte haben Die Schwierigkeit der Verbalisierung führt vielleicht dazu, dass das nicht direkt Semantische und Semantisierbare der Literatur sich dem rationalen Zugriff entzieht Die Stoßrichtung zielt in fast allen Disziplinen auf optische Vorstellung Abstrakte Vorgänge werden wissenschaftlich ‹bildlich› modelliert bzw primär systematisch in Bildstrukturen übersetzt Man beachte die hohe Frequenz von Schlüsselwörtern wie mental imagery, visualisation, simulation, shape, symbolization in der Psychologie In der Literaturwissenschaft liegt der Schwerpunkt auf Evidenz, Abbildung, Referentialität, Wahrscheinlichkeit, Imaginieren und dem Teilgebiet der Ekphrasis, Bildlichkeit dominiert auch in μίμεσις bzw Imitationsfragen Geistesgeschichtlich wie wissenschaftstheoretisch ist die Gewichtung aufschlussreich, da sie, wie auch Metapherntheorien zeigen, die Frage nach dem Verhältnis von Begriff und (Projektion des) Gegenstand(s) aufwirft Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen gesprochener und gelesener Sprache sowie die Problematik des ‹inneren Hörens› werden in der linguistischen Forschung noch debattiert . 16 Kulturelle Parameter sprachlichlexikalischer und sprachlich-formaler Phänomene werden dabei in universell argumentierenden, sprachwissenschaftlichen Studien nicht unbedingt berücksichtigt . 17 In der Linguistik ist gleichzeitig ein Interesse zu erkennen, das auch in Konzepten des Embodiment und der Grounded Cognition sichtbar wird, 2_IH_Italienisch_72.indd 5 06.11.14 10: 27 6 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow nämlich die Funktion von Körperzuständen und Simulationen für kognitive Prozesse präziser zu erfassen Dabei werden dem sensorischen System kognitionswissenschaftlich neuerdings mehr Funktionen als nur die einer Durchgangsstation für Informationen zugewiesen . 18 Gerade an Kunstrezeption lässt sich zeigen, dass eine strikte Trennung von Materie und Sinn, emotionaler Wirkung und Zweck, physikalischer Einwirkung und Verstehen nicht durchführbar ist, wie Sergio Moravia in L’Enigma della mente ausführt . 19 Das Konzept der Embodied oder Grounded Cognition wird in jüngsten Studien zur Dichtung, die empirische Ergebnisse zur ästhetischen und emotionalen Wirkung vorlegen, nicht immer explizit aufgegriffen . 20 In Einzelarbeiten wird aber das Potential des Einflusses metrischer Strukturen auf lexikalisch-semantische Verstehensprozesse, basierend auf empirischen Untersuchungen zur Gehirnaktivität, hervorgehoben, Sprachklang mit emotionaler Bewegung und semantischem Verstehen eng korreliert . 21 Literatur, Kunst generell, kann gezielt Gefühle hervorrufen, wie es sonst nicht einfach und spontan möglich ist Darauf bezieht sich in steigendem Maß die ästhetische Traktatliteratur des Cinquecento Die Entwicklung geht dabei von der Orientierung an der Horazschen Idee des prodesse et delectare und an der antiken Rhetorik, etwa Quintilian, zu einer um die Jahrhundertmitte erstarkenden Aristoteles-Rezeption . 22 Der Mangel an antiken Lyriktheorien verursachte dabei einige Schwierigkeiten, da z B das aristotelische Handlungskriterium für nicht-epische Dichtung nicht einfach geltend gemacht werden konnte Auch die μίμεσις bzw imitatio-Frage blieb vorerst offen Der Mangel ließ zugleich Freiraum für eigene Vorstellungen zu Machart und Ziel von Lyrik im engeren Sinne Eine neuere systematische Untersuchung zur Entwicklung der italienischen Dichtungstheorie im 16 und 17 Jahrhundert, die den Kontext der Affektkultur fokussiert, existiert nicht Auf die «neue Sensibilität» gegenreformatorischer Dichtung wie jener von Angelo Grillo wurde jedoch z B von Jori hingewiesen In der Forschung wird dabei die akustische Wirkung im Vergleich zur begrifflich-visuellen, durch die Wortbedeutung ausgelösten Wirkung häufig explizit oder latent abgewertet Sie wird, wie beschrieben, nur am Rande behandelt oder etwa als «Schmuck», «oberflächlich» oder «äußerliches Beiwerk» abgetan, 23 was möglicherweise auf den Erfolg der Theorien von Torquato Tasso zurückzuführen ist, nicht jedoch dem gelehrten Denken anderer entspricht 2. Für das Verständnis der Innovationen in der Theorie, welche an Umfang und Bedeutung in ihrer Zeit erheblich zunimmt, und der Dichtung im secondo Cinquecento und im 17 Jahrhundert mit ihrer wachsenden Akzeptanz und 2_IH_Italienisch_72.indd 6 06.11.14 10: 27 7 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören Zurschaustellung von heftigen Gefühlen bei gleichzeitigem Postulat der Affektkontrolle ist von Bedeutung, die Weichenstellungen im theoretischen Wandlungsprozess um die Mitte des 16 Jahrhunderts zu kennen Sowohl aus literarwie ästhetikhistorischer Sicht lohnt sich der Blick in Schriften einer Zeit, in der aus einer Alltagssprache eine Sprache wurde, die gezielt ästhetisch einzusetzen war und auch durch den Buchdruck auf ein neues Niveau gehoben wurde In Anbetracht der Diskussionen rund um die Questione della lingua und der kulturellen Veränderungen der Gefühlspraxis im 16 Jahrhundert sowie der sich zur selben Zeit verändernden Rede über Emotionen ist zu fragen, wie in jenen Schriften, in denen Rainer Stillers wegweisend die «Ursprünge einer modernen Literatur- und Interpretationstheorie» 24 gesehen hat, rezeptive Aisthesis in existierende Kunsttheorien integriert wurde bzw in welches Austauschverhältnis neues Gefühlserleben und eine neue Rede über die ästhetische Dimension gerieten In Giovan Giorgio Trissinos Poetica von 1529 ist wie in allen Traktaten das Hören in Evokation des «Ohres» - halb real-physisch, halb metaphorisch gemeint - präsent . 25 Hören und Lesen werden, wie auch in anderen Schriften, parallel genannt, die Nähe des Dichters zum Redner wird immer wieder hervorgehoben Trissino denkt hier offensichtlich an seine eigenen Kommunikationsweisen Er setzt vielfach die italienische von antiker Dichtung ab, 26 behauptet dann an anderer Stelle eine Kontinuität zwischen der antiken, z B griechischen, und der modernen Dichtung, die argumentativ gerade angesichts der «sprachlich-phonetischen Divergenzen» 27 schwer aufzufangen ist Nur wenige Aussagen betreffen die auditive Rezeption und die affektiven oder erkenntnisauslösenden Ziele der Stimulierung durch bestimmte ästhetische Reize Trissino präsentiert konventionelle Positionen der Rhetorik, schreibt etwa über Stillagen und stellt kapitelweise verschiedene Stilfiguren, Versmaße usw vor Recht allgemein spricht er von der bellezza des Sprachkunstwerks, das, so heißt es unter anderem, keine rauen, schrillen oder veränderten, d h gekürzten Worte enthalten solle, wie wegen der Einhaltung der Silbenzahl in der italienischen Dichtung gang und gäbe Auch Giovanni Berardino Fuscano ist in Della oratoria e poetica facoltà (1531) als Humanist im Wesentlichen um die Qualität des Stils bzw die Anwendung der richtigen Stillage und der angemessenen Stilmittel besorgt, ohne deren Bedeutung zu erläutern Er klagt über das Schwinden gelehrter Schriftsteller, so dass großartige Taten der Nachwelt nicht mehr erhalten bzw in grober und ungehobelter Weise vermittelt und die Ohren mit rauem Gebrüll förmlich bestraft würden, während Eloquenz die dornigen Texte zu fliehen gezwungen sei . 28 Mag seine Argumentation oberflächlich gesehen auch der Trissinos gleichen, im Unterschied zu jenem widmet er der Perzeption deutlich mehr Aufmerksamkeit Seine eigene Wortwahl und -anordnung spricht dafür, 2_IH_Italienisch_72.indd 7 06.11.14 10: 27 8 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow dass er die Theorie der Bedeutung des sensuellen Inputs direkt in Anschlag bringt, wenn er z B im letztgenannten Fall stimmlose Plosive und Vibranten ([k], [t], [p], [r]) für das Ärgerliche dicht aneinander stellt und im letzten Wort noch einmal häuft, während das schnelle Fliehen lautlich geschmeidig fließt (stimmhafter Frikativ [v], stimmhafte Nasale [m] [n], stimmhafter Approximant [l], stimmhafter Affrikat [ ʤ ]: «le castigate orecchi da rochi strepiti e le diserte lingue da le spinose carte velocemente fuggir son costrette» . 29 Fuscano leitet die Spezifik der Dichtung aus der Eloquentia ab Sie könne die ruhmreichen Taten, Glück, Unglück, Schwächen, körperliche Gaben, seelische Tugenden, Tod, Krieg, Siege, Triumphe, Niederlagen, kurz die ganzen gloriosen vergangenen Zeiten wieder vergegenwärtigen, wörtlich: rappresentare, «non altrimente che si nanzi gli occhi ce fussino», 30 nicht anders, als stünden sie vor Augen Ihr Glanz sei so hell, dass nichts Dunkles nella mente, im Geist, dessen bleibe, «de chi la receve», der sie aufnehme, und mit solcher Ähnlichkeit würden uns Dinge «gemalt», dass der innere Sinn, «il senso interiore», in die Lage versetzt werde, etwas zu sehen, was er «außen» nie gesehen habe . 31 Die Aufwertung der hier wesentlich episch gedachten Dichtung erfolgt über ein imitatio-Konzept, in dem das ‹innere Sehen› wichtiger Bestandteil der Argumentation ist Zusätzlich hebt Fuscano weitere Vorzüge der visionsbildenden Kraft der Eloquenz hervor und betont schließlich ihre schnelle, direkte und dauerhafte Wirkung auf das Gemüt, eine Instanz, in der Seelen- und Geisteskräfte zusammenfließen: «Né mai veloce cavallo al cenno de lo sprone o del freno così tosto si mosse, come ad ogni suo arbitrio questa li giocondi affetti e le meste passioni da’ nostri animi rimove .» 32 Ähnlich baut Bernardino Daniello in Della Poetica von 1536 den unmittelbar wirksamen und heftigen Effekt in die Vorteilsliste der Dichtung ein Fast fühlt man sich ans Konzept der Processing fluency erinnert Um die Eigenschaft literarischer Sprache, gerade langsam auf die Rezipienten einzuwirken und durch Widerständigkeit neuartige innere Prozesse anzuregen, geht es im 16 Jahrhundert nicht Daniello spricht von einem schnellen und mächtigen Sturzbach, der von den höchsten Gipfeln der Berge in die Ebene falle oder wie ein Blitz vom Himmel komme, den Geist durchbohre, affiziere (wörtlich benutzt er perturbare) und entzünde, bis er ihm schließlich Ruhe verschaffe Unausgesprochen gilt, dass Affekterregung der Affektmäßigung vorausgeht, dass das übergeordnete Ziel Affektkontrolle ist, dass eine emotionale Reaktion dennoch in gewissem Grad provoziert werden darf, ja muss, wenn auch noch nicht in der das Subjekt erschütternden Weise des Barock Bemerkenswert ist die ausdrückliche Betonung des Vorzugs der italienischen vor der lateinischen Sprache in Bezug auf die Reime: «Perciò che a me pare che non solamente non si debba quel verso eroico chiamare che è senza rima, ma né verso ancora, e specialmente essendo la rima un’armonia che il verso 2_IH_Italienisch_72.indd 8 06.11.14 10: 27 9 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören volgare ha di più che il latino .» 33 Die Reime sorgen laut Daniello für die angestrebte dolcezza der Dichtung, und zwar je mehr, desto näher die Klänge des Reimpaars einander kämen . 34 Argumentativ verbleibt er damit in der Behauptung eines nicht näher kommentierten «besseren Klangs» Der Discorso intorno al comporre dei romanzi (1554) von Giovambattista Giraldi Cinzio stellt eines der ersten Dokumente zur Verteidigung der Dichtung angesichts zeitgenössischer Attacken auf die Lyrik im engeren Sinne aus Renaissance-aristotelischer Richtung dar 35 Giraldi vertritt in stiltechnischen Fragen zwar teilweise konservative Positionen, spricht sich z B gegen das enjambement aus Bedeutsam ist jedoch, dass er auf der Valenz phonetischer Phänomene wie Satzmelodie und Assonanzen insistiert Gegen das enjambement spricht für Giraldi, dass die Stimme an einer Stelle, an der sie fallen wolle, sozusagen abgeschnitten werde Nur ausgezeichneter technischer Versiertheit wird zugestanden, «l’animo», das Gemüt, desjenigen, «der die Verse höre oder lese, in Spannung zu halten», 36 bis jener das Ende vernehme Ferner plädiert Giraldi dafür, Apophtegmata in den letzten beiden Versen eines Gedichts zu platzieren, was zwar dazu führen würde, den poetischen Fluss abreißen zu lassen, auf den er an anderer Stelle so viel Wert legt, aber im vorliegenden Zusammenhang wirkungsästhetisch legitimiert wird: Eine abschließende Sentenz gehe «maravigliosamente negli animi di chi legge et di chi ascolta», d h «wunderbar in den Geist dessen, der lese, oder dessen, der höre», ein, vor allem, wenn der Klang der Reime effizient sei, so dass sich «l’orecchio et l’animo» daran erfreuen könnten . 37 Wie Effizienz aus Sicht dieser Theorie gedacht ist, wird nicht erläutert Aber es wird explizit eine direkte Verbindung zwischen auditiver Perzeption und kognitiv-affektiven Prozessen erstellt Das Ohr ist das Eintrittstor in die Gemächer des Gemüts, Eintrittstor somatisch und metaphorisch In diesem Zusammenhang ändert sich auch die Rezeption antiker Positionen: In einem Vergleich zweier Fassungen derselben Strophe aus Ludovico Ariostos Orlando furioso (1516 - 1532) erklärt Giraldi im Kapitel Suono e significato delle parole unter Rückgriff auf Quintilian (nicht Aristoteles), dass abstoßende Vorgänge durchaus mit rau klingenden Worten zu vermitteln seien . 38 Das dolcezza-Prinzip ist dehnbar, das Angenehme steht im Dienst einer weiter gefassten Wirkungsästhetik Negative Emotionen sollen durch Worte vermittelt werden, welche beim Hörer - im Wesentlichen noch als direkt akustischer Hörer, nicht Leser, der im Lesen hört - durch Konsonantenkumulation unangenehme Empfindungen hervorrufen Giovambattista Giraldi Cinzio geht mit seinem Reimplädoyer im Rahmen einer allgemeinen dolcezza-Rede schließlich weiter als Daniello Er äußert eine scheinbar nebensächliche, doch für die Bewertung der akustischen Perzeption, folglich der phonetischen Komposition der Dichtung und ihrer ästhetischen Funktion relevante Reflexion In die Dauerdiskussion um die Anwen- 2_IH_Italienisch_72.indd 9 06.11.14 10: 27 10 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow dung des πρέπον -Kriteriums, des Kriteriums der Angemessenheit zwischen Inhalt und Darstellung, vor allem Wortwahl, Stilwahl usw ., mischt er sich mit der Beobachtung ein, dass nur ein gut gereimter Text zum richtigen Verständnis des Gesagten führe: Wenn der Reim nicht stimme, dann wolle man «weghören», «[…] perché l’orecchio, che [ . . .] aspetta quella ultima consonanza che armoniosamente le apporti il sentimento, trovandola vana et non propria alla cosa, ne resta, invece del piacere ch’ella si aspettava di avere, fuor d’ogni credenza offesa; nè l’orecchio solo, ma l’intelletto ancora ch’aspettava di acquetarsi su la rima et, offerendoglisi ella vana, resta senza quel fine che egli ragionevolmente desiderava per compimento della sentenza .» 39 Wichtig ist, dass Giraldi auf ein reziprokes Element verweist, die Erwartungshaltung als Bedingung guten Funktionierens sinnlicher Wahrnehmung Wichtig ist genauso, dass er den akustischen Signalen von Reimen eine sinnleitende Rolle zuweist Er artikuliert damit sehr früh im europäischen Denken eine Idee der semantischen Funktion des Sprachkörpers Im Discorso dei romanzi wird im Ganzen eine Poetikkonzeption vertreten, die der rezeptiven Aisthesis weit mehr Raum zugesteht, als es z B in den genannten Schriften von Fuscano und Daniello der Fall war Giraldis Interesse für Wortwahl und Klang als Träger semantischer Informationen und sein Hervorheben der Relevanz auditiver Elemente für die interpretative Aktivität der Hörer- und Leserschaft sind beachtlich Offen bleibt zwar, welche Freiheiten der oder die Einzelne in Bezug auf die Sinnbildung hat, denn eine eng kausal das Verständnis determinierende Beziehung zwischen Lautlichkeit, Semantik, Sinneswahrnehmung und der quasi ‹vorhersagenden›, also sowohl die unmittelbar folgende Lautlichkeit wie auch den Sinn vorwegnehmenden geistigen Aktivität wird man ungern eingestehen wollen Schließlich fließen in den Mechanismus zwischen Sinneseindruck und Sinnbildung einige Hör- und Lesekompetenzen, dazu kulturelle und literarische Erfahrungen ein, die nicht nur sozial, sondern auch individuell geformt sind Ob eine eindimensionale Einschränkung der ästhetisch-sinnentwerfenden Prozesse in der Giraldischen Dichtungstheorie gemeint ist, soll aber hier nicht diskutiert werden, da viel bedeutsamer ist, wie in diesem Text die Gestaltung weiteren Fühlens und damit Sinnbildens durch individuelle (unbewusste) Vorhersagen (im Sinne eines Vorher-Erahnens) mitbestimmt wird Die theoretische Ausführung verrät alles in allem einen deutlichen Wandel in der rhetorisch-poetischen Diskussion der Renaissance über Kunstsprache überhaupt Markant ist der Paradigmenwechsel in der neun Jahre später von Antonio Sebastiano Minturno veröffentlichten Arte poetica, einer Übersetzung 2_IH_Italienisch_72.indd 10 06.11.14 10: 27 11 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören bzw Neufassung von De poëta (1559), das er auf Lateinisch verfasst hatte In der lateinischen wie in der italienischen Fassung steht die Konzeption der lyrischen Dichtung ganz im Zeichen der ästhetischen Perzeption und der Wirkung auf Sinne und Gefühl Die Gliederung des Traktats orientiert sich im Großen und Ganzen an den üblichen Ordnungen, in denen der Gegenstand der Dichtung, die Stilhöhenwahl, die Stileinheit, die Wortwahl und die Stilmittel nacheinander abgehandelt werden Der Schwerpunkt liegt jedoch nicht mehr auf Stilangemessenheit oder Charakterangemessenheit, sondern auf der Sorge um die richtige Erfassung der in der Dichtung vorgebrachten Inhalte durch Leser oder Hörer, und zwar besonders der Gefühlsinhalte Ziel wird die Gefühlsübertragung vom Sprachkörper des Gedichts auf die Rezipienten . 40 Das imitatio-Problem löst Minturno dadurch, dass er behauptet, der Dichter spreche nicht als er selbst - nach Aristoteles sollte der Dichter oder Erzähler nicht selbst sprechen, ein großes Problem für die Lyriktheorie - , sondern z B als Liebender Er könne deswegen als «verkleidete» Person begriffen werden, «verkleidete Personen» waren auf dem Umweg über die Dramentheorie zulässig . 41 Die Idee gewinnt in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an Boden: In späteren Theorien wird wie selbstverständlich erklärt, dass das Charakteristikum der Lyrik die Nachahmung der Affekte sei, so bei Agnolo Segni in den Lezioni intorno alla poesia (1573) und Pomponio Torelli im Trattato della poesia lirica (1594) Minturno geht in seiner Arte poetica 1563 davon aus, dass der Dichter eine fühlende Person «imitiere» und Hörer oder Leser die Gefühlsdimension wieder dechiffrieren, wenn nicht selbst durchleben können Nicht nur mit dieser Position nimmt er gewissermaßen Anschwung in der aristotelischen Wirkungsästhetik, um zu einer neuzeitlichen affekttheoretischen Begründung poetischer Techniken von erheblicher sprachphilosophischer Tragweite zu gelangen Ziel von Dichtung sei allgemein das Nachempfinden von Angst und Unruhe oder Ruhe, das Erwecken von Scham, sei «[di] generar compassione», «muovere a compassione», «generar pietà», «muovere à pietâ, & a vendetta», «trovare pietâ» . 42 Diese noch traditionell zu nennenden Gesamtziele werden über affektive Stadien erreicht: Liebe, Hass, Zorn, Schmerz, Empörung, Neid, Eifersucht . 43 Wir sehen die Orientierung an Aristoteles’ Affektsystem und zugleich eine Verschiebung des Schwerpunkts Zuvor war Affektreflexion Teil der Ethik und der Affekt ein zu überwindender Gefühlszustand Bei Minturno geht der essentielle Leitgedanke zur Darlegung des Decorums vom Affekt aus, er wird zum Fluchtpunkt der poetischen Anlage Neu ist in der Arte poetica die Funktion, die der phonetischen Seite der Dichtungssprache für die Wirkung auf die Gefühlswelt zugeschrieben wird, neu dadurch der Rang, den sie in der Argumentation erlangt Minturno geht über frühere Postulate des ‹schönen Klangs› hinaus Die Res-verba-Entspre- 2_IH_Italienisch_72.indd 11 06.11.14 10: 27 12 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow chung wird zur Entsprechung zwischen Gefühl und Form Gefühl ist dabei zwar nicht mit heutiger individueller Emotion zu verwechseln, allein die Idee fest gefügter Gefühlsbzw Affektschemata steht dem entgegen Gleichzeitig liegt hier aber lange schon vor den sensualistischen Theorien der Aufklärung eine hohe Sensibilität für die Verbindung von körperlicher Empfindung mit kategorisierender (gefühlshafter und bzw oder erkenntnisorientierter) Verarbeitung vor Fest steht für Minturno, dass allein eine Präsentation des erdichteten oder bedichteten Sachverhalts zweckmäßig sei, die sich gezielt an der Sache, mithin für diesen Fall am Gefühl selbst orientiere und die in der angemessenen Form dargeboten werde - als Lob, Bitte oder Tadel In diesem Rahmen werden besondere sprachliche Effekte vorgestellt: Hier ist der Einsatz z B von Assonanzen und Alliterationen, jener der bewussten Distribution betonter und unbetonter Silben, der Beachtung der Wortstellung in Satz und Vers und von besonderen syntaktischen Anordnungen einzuordnen Daneben plädiert er für eine «freie», gemeint ist hier «natürliche», d h spontan und nicht rational kontrolliert wirkende Form Minturno erklärt, dass die Expression «frei» («liberamente») im Sinne von ‹natürlich› erscheinen solle Dass schriftliche Sprache nicht natürlich oder mit Mündlichkeit vergleichbar sei, geht der Aussage logisch voraus Minturno beschreibt den Weg vom Schall über die Sinnesreizung zu inneren imaginären Vorstellungen Mit dieser Form sei zu erreichen, dass Leser oder Zuhörer den Sachverhalt offen und nicht ablehnend «mit den Ohren» aufnähmen, damit sich «la cosa à gli occhi» 44 - der Dichtungsgegenstand vor den Augen - erheben könne So soll Unruhe kalkuliert in einer unruhigen Syntax präsentiert werden, [per] «muovere le passioni dell’animo» . 45 Das gewählte Beispiel ist Francesco Petrarcas Sonett Italia mia (1344 / 5) Der Bezug zum Hören sticht in Minturnos Ausführungen hervor Mal ist die Rede von der «armonia», die durch besondere Silbenwahl «die Ohren füllen» 46 solle, mal geht er auf Petrarca ein, der zum Neid spreche, als habe dieser Ohren («come se hauesse orecchie» 47 ) Sicher entsteht diese Aufmerksamkeit für die auditive Wahrnehmung dadurch, dass es um Dichtung geht, die auch gesungen wird Nichtsdestoweniger sieht Minturno offenbar auch in seiner Schrift, die Verszeilen ja lediglich grafisch abbildet, klangphysikalische Wirkung am Werk «Udite», fordert er seine Leserschaft auf, «hört»: «Vdite poi, come l’ultime syllabe si conuengano», 48 «Vdite ancora, come quelle di mezzo si rispondano», 49 ruft er den Lesern zu Die dialogische Grundform der Arte poetica, die Besorgtheit um Intonation, Prosodie und Klang überhaupt sowie das Wissen um die Bedeutung der Sprachform, auch für die Vermittlung theoretischen und dichtungspraktischen Wissens, fließen in diesen Aufforderungen zusammen 2_IH_Italienisch_72.indd 12 06.11.14 10: 27 13 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören Als besonders wirkmächtig wird die Integration ausgewiesener Formen mündlicher Rede in dichterische Sprache vorgestellt - dann finde durch «la semplice et pura forma di parlare» 50 innere Bewegung statt Minturno passt seine Schrift an und liefert statt lateinischer italienische Beispiele An ihnen führt er vor, wie der Präsentation verschiedener Seelenzustände durch die Verwendung der Frageform mehr Kraft als durch eine einfache Aussage verliehen wird, auch wenn es gar nicht darum geht, etwas zu erfragen . 51 Beispiele liefert er z B für die Klage, für Schmerz, Empörung und Erstaunen Er zeigt dadurch auch, wie über die Intonation einzelner Sätze und die Prosodie ganzer Strophen Aufschluss über Bedeutungen vergeben wird Ziel ist die Provokation mentaler Visualisierung: «[…] e l’imagini delle cose apertamente rappresentiamo, quando le cose, e le uoci, e gli atti, e l’habito dell’animo, e le sembianze del uiso diamo espressamente à uedere .» 52 Darüber, dass die anders gearteten lateinischen Reize nicht exakt dieselbe Reaktion auslösen dürften, verliert er kein Wort Sehr selbstverständlich baut er auf das Entstehen eines ‹richtigen› Wahrnehmungszustands durch physikalische und lexikalische Rezeption in jeder Sprache Unabhängig davon scheint hier eine deutliche Akzentuierung von Prozessen der miteinander verbundenen Klangrezeption und semantischen Dimension vorzuliegen, die sich der gegenreformatorischen Affektpolitik verdankt Das hängt im Cinquecento auch mit der Legitimationspflicht der Dichtung zusammen Minturno steigert im Verlauf seiner ebenso beschwingten wie nuancierten Darlegung die Hochschätzung der Klangdimension der Dichtung bis zur Behauptung, der Lyriker habe mehr Sorge für den Klang als den Inhalt zu tragen, eine Aussage, in der das Akustische den lexikalischen Gehalt dominiert Nicht aus «den Dingen» («cose»), dem Inhalt, entstehe die Botschaft, noch nur aus den Worten («parole»), verkündet Minturno am Ende seiner Beispiele und Erklärungen, «ma nell’artificio anchora del dire, che nell’une, e nell’altre consiste» . 53 Ihm ist wichtig zu betonen, dass über die akustische Perzeption Leser oder Hörer die Stimmung nachvollziehen können sollen, die im Gedicht präsentiert und gewissermaßen umgesetzt wird Wie genau dies funktioniert, ist von Minturno nicht zu erfahren; vermutlich steht ihm ein physiologisches Analogie-System vor Augen . 54 Festzuhalten ist, dass die Wertschätzung der Dichtung über die Aufwertung der ihr eigenen rhetorischen Mittel und der ihr eigenen ästhetischen Wirkung erfolgt Was sich in den vorher genannten Traktaten in recht heterogenen Bemerkungen zeigte, wird nunmehr im Gerüst einer affekttheoretisch grundierten Poetik zusammengeführt Minturnos poetologisches Denken entsteht vor dem Hintergrund einer neuen ästhetischen Erfahrung und Feinsinnigkeit (in ihrer ursprünglichen Bedeutung), die Sinneserregung mit Gefühlsbildung korreliert und mit Identi- 2_IH_Italienisch_72.indd 13 06.11.14 10: 27 14 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow fikationsmustern koppelt, die simulatorisch angelegt sind, wo der imitatio- Gedanke adaptiert wird Inwiefern bei Minturno die Sensibilität auch durch eine komparatistische Sichtweise aufs Lateinische fundiert ist, wäre genauer zu untersuchen . 55 Nicht zufällig geschieht diese Entwicklung in nachtridentinischer Zeit, in der in Italien die Wandlungen der Frömmigkeitspraxis mit einer stärkeren ästhetischen Empfindsamkeit einhergehen Signifikante Beispiele hierfür sind die Meditationsanweisungen Exercitia spiritualia (1522 - 24) von Ignacio von Loyola, in welche die Funktion der fünf Sinne gezielt in alle Vorschläge integriert ist, das der Musik zugeschriebene «Evidenz-Potential» in Form der als unmittelbar empfundenen Wirkung von Stimme und Gesang und der auch theoretisch beschriebene Wille, als Rezipient von Musik «vehement» getroffen und «gefangen genommen» zu werden . 56 Wenn auch Ansätze zur Aufwertung der Dichtung über den Weg der Aufwertung ihrer «sonoren», «musikalischen» Seite schon in den 1530er Jahren bestehen, so bildet doch Minturnos Arte poetica ein schlagendes Beispiel für die Transformation der traditionellen in eine affektorientierte Poetik Minturno bewegt sich elegant von Aristoteles’ Ideen zur Verbindung von Metrik, musikalischer Gefälligkeit, ästhetischem Vergnügen und Memorialfunktion weiter Festzuhalten ist dabei auch, dass ab etwa der Mitte des Cinquecento die Affektorientierung der Musik sich zunehmend am Wort ausrichtete . 57 Im Verhältnis zur Entfaltung der Musiktheorie des 16 Jahrhunderts ist also literaturtheoretisch eine zugleich konvergente und divergente Bewegung zu konstatieren: Die Musik bewegt sich hin zum Wort bzw leitet ihre Legitimation teilweise vom Wort ab, während die Legitimation der Dichtung zum Teil aus dem Klang abgeleitet wird . 58 Die Frage, wie Schall den Menschen berühren kann und in welcher Weise visuelle Reize, etwa auch durch das Aufrufen von concetti, mental provoziert werden, bleibt in den theoretischen Ausführungen von Minturno blass Seine Vorstellung geht nur so weit, dass sich über gut geformte Dichtung richtige Bilder einstellen sollten Im Kontext dann der meraviglia-Idee, die seit den 1560er Jahren z B von Torquato Tasso formuliert wird, werden sich zwei rezeptionstheoretische Elemente treffen, in denen sich Akustisches und Optisches verbindet Während Giraldis Discorso nur unter Vorbehalt ein Spiel mit der Erwartung der Leser oder Hörer empfahl, ist bei Minturno die kalkulierte Herstellung von Erstaunen Teil der rhetorischen Mittel Sonst hätten die Beispiele für die Wortstellung im Satz zum Ausdruck verschiedener Gefühle keinen Sinn In seinen Andeutungen zur Lenkung der Aufmerksamkeit durch die bewusste Platzierung bestimmter Wörter, z B zu Beginn eines Satzes, und seiner Vorstellung einer am ‹Mündlichen› oder ‹Spontanen› orientierten Dichtung sind Ansätze der meraviglia-Ideen der zweiten Hälfte des Jahrhunderts enthalten Die petrarkistischen Beispiele, die Minturno bereithält, sind aller- 2_IH_Italienisch_72.indd 14 06.11.14 10: 27 15 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören dings überhaupt nicht geeignet, die progressiven Tendenzen seiner Theorie zu illustrieren Wo Giraldi der Erwartungshaltung des Rezipienten noch entsprechen will und das Wunderbare vor allem durch erleichtertes Aufatmen nach einer spannungsvollen Textinszenierung zu erreichen nahelegt, wo in Minturnos Arte poetica besondere Intonationen propagiert werden, basiert die meraviglia-Idee beispielsweise beim Dichter Gabriello Fiamma in den 1580er Jahren direkt auf einer Poetik des ‹Normverstoßes› in Form der Überraschung oder Schocks . 59 Diese Poetik muss sich zwar grundsätzlich an der klassizistischen Poetik orientieren, denn ohne Norm kein Normverstoß Sie erhebt aber das Prinzip des heftigen Effekts über das Prinzip absolut regelgerechter Dichtung 3. In der Diskussion zeigt sich, dass die Aufwertung der Form, wie sie Antonio Minturno vornimmt, nicht unumstritten ist Torquato Tasso etwa vertritt in seinen Discorsi dell’arte poetica ed in particolare sopra il poema eroico eine Poetik, in der der Aspekt des Erstaunens und der Evidenz gezielt z B durch das Aufeinanderprallen von Vokalen erreicht werden kann . 60 Er warnt allerdings auch davor, der Wortwahl zu großen Wert beizumessen: «[…] la maraviglia nasce solo da le cose sublimi e magnifiche» . 61 Hier und in anderen Schriften gilt die sprachlich-stilistische Kunstfertigkeit als «Ornat» . 62 Trotzdem gewann die Frage der formalen Qualität und Funktion physikalischer Phänomene für die inneren Vorstellungen durch die Bezüge zwischen Sinneswahrnehmung, Gefühlsaufwertung und Dichtungsaufwertung sichtlich neue Virulenz Hier kann nur angedeutet werden, welche Wege so verschiedene Autoren wie Giordano Bruno und Angelo Grillo einschlugen Für den Benediktiner Grillo wird die Idee, durch Worte Gefühle nicht nur zu spiegeln, sondern auch in Gang zu setzen, bestimmendes Motiv der Dichtungspraxis . 63 Unter dem Titel Pietosi affetti oder auch Lagrime del penitente, Tränen des Sünders, veröffentlichte er Lyrik, die als Ausdruck der entsprechenden Passionen auftritt und zugleich den Anspruch erhebt, sie die Leser nachvollziehen zu lassen Lagrime del penitente Domine ne in furore tuo arguas me: neque in ira tua corripias me Signor, per queste voci, e questi accenti Per questo nome, c’hor con larga vena D’amarissimo pianto, io formo à pena, 2_IH_Italienisch_72.indd 15 06.11.14 10: 27 16 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow Da sospiri interrotto, alti, & ardenti; Cangia i flagelli, ohimè, cangia i tormenti, E l’ira giusta, e’l gusto sdegno affrena; Nè d’infinita colpa eterna pena La sferza sia, ch’ogni hor l’alma tormenti Giudice irato, ahi nò; ma sol pietoso Padre, tu mi castiga, e mi correggi, Ed allenti pietà, non merto, i guai: Ch’io chiusi gli occhi à le tue sante leggi, E sol gli apersi al mal, del mal bramoso: Nè altro io posso dir, se non, Peccai . 64 Interessant sind die rhetorisch-poetischen Techniken, ob auf theoretische Anregungen hin angewandt oder nicht Der gedichtete Mechanismus enthält die Wirkstruktur des «Abdrucks», der ja ein einfacher «calco» 65 zum einen nur im übertragenen Sinne sein kann, zum anderen direkt im Bildmodus funktioniert, etwa bei der Betrachtung des Heilands am Kreuz, wie andere Gedichte sie nachskizzieren (das Bild, das Sehen und die Wirkung) Neben den in den Sonetten generell reichlich vorhandenen enjambements und durchbrochenen Satzstrukturen finden sich in Lagrime del penitente Anrufungen («Signor», «Padre») und parataktische Anordnungen, figurae etymologicae («cangia» - «cangia»), die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sowie Ausrufe des Klagens («ohimè», «ahi nò»), die als ‹reine› Gefühlsausdrücke psychischer Befindlichkeiten entsprechend die subjektive Befindlichkeit des Lesers bzw Sprechers beeinflussen sollen Emotionale Erregung und Imagination sind dabei nicht getrennt zu denken Aus metapoetischen Äußerungen Grillos geht hervor, dass sein Ziel in der Tat die Visualisierung des Gegenstands durch die Rezipienten war Dichtung sollte die Einbildungskraft des Lesers anfachen Durch knappe Beschreibungen und akustische Reize, die er geschickt erzeugt, ergibt sich eine ‹multisensorische› Poetik Grillo selbst hatte seine Dichtung seit Ende der 1580er Jahre als «theatro» oder «spettacolo», z B als «theatro funesto» oder «theatro del sangue», metaphorisch für «Darstellung der Kreuzigung», bzw «spettacolo dolente», «Trauer-Schauspiel» (für ein Gedicht über die Trauer Marias), bezeichnet . 66 Die affektive Erschütterung über die Sinne ist in dieser Theorie einkalkuliert Der Zwang zum Innehalten vor dem letzten Wort, das prägnant in nur zwei Silben, mit einem Doppelvokal, der in die hohe Lage zielt, und betonter Einzelstellung das Meditationsgedicht abschließt, fällt im Moment höchster Aufmerksamkeit «Peccai» («Ich habe gesündigt») soll damit prägnant ins Gedächtnis übergehen Die nachfolgende Stille liefert Zeit zur Verarbeitung 2_IH_Italienisch_72.indd 16 06.11.14 10: 27 17 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören Giordano Bruno wiederum zieht Dichtung selbst zur Erklärung des philosophischen Erkenntnisvorgangs heran In Gli eroici furori, Die heroischen Leidenschaften, von 1585, einer philosophischen Schrift in Dialogform, in der Bruno den dichterischen Akt mittels einer anverwandelten neuplatonischen Inspirationsthese verteidigt, 67 hat sie eine doppelte Funktion Sie erzählt erstens den Moment der plötzlich ausgelösten Erkenntnis nach, im Mythos des Aktaion, welcher Artemis - nachdem er sie lange suchte, ja ihr nachstellte - beim Baden entdeckt und, unfähig sich zu wehren, von den eigenen Hunden zerfleischt wird . 68 Ihr Bild verkraftet er nicht, er erstarrt Zweitens verkörpert das Sonett als Dichtung den epiphanischen Moment der Erkenntnis Der Vorgang der Wahrnehmung der Göttin, der Erkenntnis des Göttlichen und der Verwandlung in einen Zustand der ‹Passivität› sowie des konzentrierten Aufnehmens (eine Aktivität), schließlich der Flucht und Auflösung im Erkennen wird sprachästhetisch transportiert: Alle selve i mastini e i veltri slaccia il giovan Atteon, quand’il destino gli drizz’il dubio ed incauto camino, di boscareccie fiere appo la traccia Ecco tra l’acqui il più bel busto e faccia, che veder poss’il mortal e divino, in ostro ed alabastro ed oro fino vedde; e ’l gran cacciator dovenne caccia Il cervio ch’a’ più folti luoghi drizzav’i passi più leggieri, ratto vorâro i suoi gran cani e molti I’ allargo i mieie pensieri ad alta preda, ed essi a me rivolti morte mi dàn con morsi crudi e fieri . 69 Im Augenblick des Sehens vollzieht sich der Umschwung hin zur Einsicht (! ) Im Lesen und äußeren oder inneren Hören des Sonetts ist der Umschlag wahrzunehmen Förmlich in der Millisekunde einer Pause, in der Atempause, in der sich Staunen oder Ergriffenheit sensuell umsetzen und entfalten können, vollzieht sich die Erkenntnis Genau betrachtet kann dann die Einsicht ‹fühlbar› werden, wenn ausgerechnet nichts zu hören ist, nach dem Semikolon: 2_IH_Italienisch_72.indd 17 06.11.14 10: 27 18 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow in ostro ed alabastro ed oro fino vedde; e ’l gran cacciator dovenne caccia Wer - an der genannten Stelle - nichts hört, fühlt Der Wille zur Erkenntnis, von dem Giordano Bruno am Anfang des Dialogo quarto detailliert spricht, setzt den Willen zur körperlichen Aufnahme, setzt körperliche Aufnahmefähigkeit und den Entschluss zielgerichteter Empfänglichkeit voraus Ergriffensein und Begreifen fallen in der Aktivität des «leidenschaftlichen Helden» als «apprension della beltà divina» 70 zusammen Sehen steht metaphorisch für sinnliche Wahrnehmung überhaupt, die in ein Bild übersetzt wird, das im übertragenen Sinne «vor Augen stehen» soll, tatsächlich «im Inneren», mental, erstellt wird Bruno setzt die Idee des Zusammenhangs von Perzeption, sinnlicher «Erfüllung» und Verstehen poetisch um Die volle Verbform «vedde» drückt grammatikalisch das Unwiderrufliche aus Durch das enjambement liegt ein noch stärkerer Akzent auf dem ersten Wort des Verses, als ohnehin auf jedem Versbeginn liegt Lexikalisch steht das Moment des Sehens qualitativ in der Steigerung des Gesehenen, der Göttin, stark metaphorisch, zugleich konventionell ausgedrückt (Perlmutt, Alabaster, feines Gold), was den Lesefluss bzw das Verstehen beschleunigt, gleichzeitig durch diese Abstraktion eigene Vorstellungen von Schönheit erlaubt Der vollendete Akt des Sehens erreicht damit eine grammatikalisch gesteuerte Einzelstellung als Endpunkt im Hauptsatz, die durch die lexikalische Einzelstellung (Sehen / Erkennen) verdoppelt, d h als Effekt intensiviert wird Energie und Willenskraft des Helden kehren sich gegen ihn, als er Artemis’ Brust und Antlitz endlich sieht Der Bogen spannt sich von «Ecco» zu «vedde», das Verstehenstempo kann sich im Lesen oder Hören steigern, bis «vedde» innerhalb der prosodischen Entwicklung eine besondere Intonation erfährt und anschließend das Semikolon abrupt einen Stillstand erzwingt, nicht aber einen Abbruch Nach dem Semikolon folgt der Kommentar zur Pause: Der Jäger wird Beute Die Pause, quantitativ um einiges länger als die Pausen zwischen den Wörtern in den vorhergehenden Syntagmen, bringt einen vollkommenen Rhythmuswechsel Im Leerlauf nach dem Augenblick des Sehens und Erkennens wird semantisch die Vernichtung wahrnehmbar Bruno bedient sich einer auf diesen Moment hinzielenden Spannungstechnik, die das Atemanhalten erst verursacht, die punktgenau eine physiologische Reaktion provoziert Vielleicht wird dadurch auch der kognitive Prozess verlangsamt Diese Lenkung der Qualität der Erkenntnis durch Beschleunigung, Spannung, Verlangsamung kann ein komplexes Verstehen der Vorgänge bewirken Die strategische Funktion der Pause reicht damit weiter als bei Angelo Grillo, da sie zum einen förmlich Aktaions Verschwinden umsetzt, zum anderen einen ästhetisch-rezeptiv, damit intellektuell weiteren Horizont aufmacht 2_IH_Italienisch_72.indd 18 06.11.14 10: 27 19 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören Bei Giordano Bruno steht die visuelle Wahrnehmung im Vordergrund Wesentlich aber ist für den gesamten Text Gli eroici furori, dass der prominente Faktor der Inspirations- und Erkenntnistheorie die sinnliche Wahrnehmung ist Brunos Dichtung in Gli eroici furori muss im Kontext der Affektkultur der Zeit, darunter auch der ‹Mode des Weinens›, und der Konjunktur affektakzentuierter Poetik gelesen werden, 71 geht aber darüber hinaus Der Zielpunkt seiner Formulierung des Aktaion-Mythos ist nicht unbedingt die ‹reine› Erkenntnis als abstrakte Idee vom Denken, sondern vielmehr, wie Ferdinand Fellmann schreibt, «die Erkenntnis von der Verstrickung des erkennenden Geistes in die Sinnlichkeit» . 72 4. Die Weichenstellung für die Neubewertung der teilweise auf Schnelligkeit, auf alle Fälle aber auf «angemessene» Wirkung ausgerichteten Produktion, erstellt für eine gezielte affektive Rezeption, und die Erörterung weiterer Möglichkeiten von Dichtung erfolgte, wie gezeigt, schon in der Jahrhundertmitte durch eine Aufwertung der ästhetischen Dimension und besondere Aufmerksamkeit für die sprachkörperliche Verfasstheit von Lyrik Verschiedene Teilvorgänge zwischen Textkonstitution, Stimulanz des Hörsinns, aktiver Rezeption, in die auch Erwartung eingeht, Kategorisierung nach Gefühlen, Bedeutungszuweisung und Erkenntnisakt werden von den Autoren verschieden thematisiert und gewichtet Zu konstatieren ist eine Wechselwirkung zwischen der Aufwertung bzw den Veränderungen des Italienischen und der poetologischen Aufgeschlossenheit für Produktions-, Rezeptions- und Wirkungsprozesse Es gibt Schubmomente des Wandels hin zur barocken Affekt- und Effektorientiertheit, die auch die Ausgabe des ursprünglich lateinisch verfassten De poëta als Arte poetica im Volgare betrifft Dass Minturno sein Werk auf Italienisch veröffentlichte, zeigt einen Geisteswandel Die darin vertretene Poetologie zeugt von einer erstarkenden Sensibilität dafür, wie Sprache für mentale Prozesse eine essentielle Voraussetzung darstellt und welche Funktion die Intensität der Vermittlung hat Diese Befunde können nun nicht die Differenzen zu neuzeitlichen und aktuellen Theorien verschleiern Beispielsweise integrieren die Poetologien keine historischen Maßgaben in dem Sinne, dass sie sich zum Einfluss kulturell gelenkter Voreinstellungen der Perzeption und der Assimilation des Gehörten äußern: Die Rezeption eines Meditationsgedichts wie Lagrime del penitente von Angelo Grillo funktioniert heute nicht mehr wie im Cinquecento Es gibt keinen Automatismus zwischen Schrift- und Lautproduktion, grafisch vermittelter und phonologischer Aufnahme von Wortkombinationen, lexikalischem Entschlüsseln, Zusammenführung im mentalen Lexikon, Visua- 2_IH_Italienisch_72.indd 19 06.11.14 10: 27 20 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow lisierungsvorgängen, Gefühlszuordnung und Sinnbildung Dem Trend der Zeit gemäß sollte sich Erkennen in Imagination, in visueller Vorstellung, spiegeln Es ist allerdings nicht zu sagen, ob eine solche historisch stärker vorhanden war als zu anderen Zeiten Jauß hat auf den «historischen Wandel der Aisthesis» 73 hingewiesen So müssen wir festhalten, dass nur der historische Affektrahmen eine Konzeptualisierung etwa von Zerknirschung garantierte Giordano Brunos Alle selve i mastini verdankt seine Berühmtheit hingegen auch der Tatsache, dass es noch heute schon bei geringer Kenntnis des Aktaion- Mythos, den das Gedicht ja kurz wiedergibt, über die Verbindung von lautlicher und lexikalischer Verfasstheit eine sinnlich fundierte Erkenntnis ermöglichen kann Sie ist trotzdem nicht jener vorangegangener Jahrhunderte vergleichbar Die Hoffnung der Theoretiker von Trissino bis Minturno, dass stilistisch angemessene Wortwahl die richtigen und immer selben Gefühle, Bilder und Gedanken auslöse, konnte sich nur dann realisieren, wenn man an genau diese Erfüllung glaubte Andere - im literarhistorischen Kontext dieser Überlegungen: Spätere - Erfahrungen und Erwartungen verändern jedoch die sprachästhetische Rezeption Die Frage nach der Körperlichkeit von Sprache als Frage nach den klangphysikalischen Wirkungen auf den menschlichen Körper und nach der physiologischen Verarbeitung sensorischer Reize gewinnt in den analysierten Theorien hin zu Minturno an Relevanz Dass die sinnlich-somatische Perzeption nicht nur eine Etappe zwischen Produktion und Wirkung und im Vergleich zur grafischen und lexikalischen zu vernachlässigen ist, sondern sensorische Funktionen die Prozesse des Verstehens mit determinieren, wird z T schon in diesen frühen italienischen Schriften vertreten, wo sie vom Hören zum Fühlen, Fühlen zum Gefühl und vom Gefühl zum bildlichen oder abstrakten Verstehen schreiten Vordergründig schließen die Abhandlungen zur Dichtungstheorie zwar nur, dies in unterschiedlichem Zuschnitt, sinnliche Wahrnehmung, Affektwirkung und Vorstellungspotential zusammen Da dadurch konstruktive Vorgänge wie emotionale Reaktionen und Visualisierung implizit als Etappen hin zu Einsicht oder als Teil verstehender Erfahrung gesehen werden, müssen sich logisch gedacht sinnliche Wahrnehmung, Erfassen von Bedeutungen, Empfinden und Erkennen verschränken Die Bühne, auf der dies stattfand, diente noch nicht der Selbst-Inszenierung, die Erfahrung war noch nicht die individuelle Gefühlserfahrung, als welche sie heute empfunden bzw kategorisiert wird Späteren Theoretikern haben viele trattatisti des Cinquecento allerdings voraus, äußere akustische Reize und deren Erwartung durch die Rezipienten, sinnliche Reaktionen im Hören als Teil des Lesens und geistige Prozesse neu mit Gefühlsreaktionen in einer Weise aufeinander bezogen zu haben, die körperliche und emotionale Prozesse nicht strikt von rationalen trennt, sondern Klangphysiologie und dem gefühlsmäßigen Wert 2_IH_Italienisch_72.indd 20 06.11.14 10: 27 21 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören von Wörtern, phonologischen Elementen, Intonation, Prosodie und Stil, der Wortbedeutung und -bewertung verbindet, im Rahmen der Affektkultur eine Bedeutung beimisst, die in ihrer Funktion für Ästhetik und Kognition erst in jüngster Zeit wieder erkannt wird abstract . Il saggio sostiene la tesi che in Italia nel Cinquecento, in un’epoca cioè di grandi trasformazioni linguistiche, esisteva una particolare sensibilità per la qualità fisica-fonetica della lingua, ipotesi tutt’oggi ancora poco conosciuta L’analisi di alcuni scritti poetologici dei teorici Trissino, Fuscano, Daniello, Giraldi e Minturno, e in parte anche Tasso, può dimostrare che nel corso del tempo vengono sempre di più considerati i rapporti fra ricezione del suono e del lessico Nell’era prebarocca si sviluppa in questo modo una conoscenza delle ragioni per la semantizzazione, una conoscenza che ai posteri non interesserà più Solo oggi si focalizza di nuovo l’attenzione sul rapporto fra ascolto, percezione, visualizzazione e comprensione, per esempio nella ricerca sul leggere, nella psicologia cognitiva e nella linguistica cognitiva Il saggio si conclude portando ad esempio due poesie: Lagrime del penitente (1594) di Angelo Grillo e Alle selve i mastini (1585) di Giordano Bruno anmerkungen 1 Torquato Tasso, Discorsi dell’arte poetica e del poema eroico, Venezia 1587, hrsg von Luigi Poma, Bari 1964, III, S 47 (Die Schreibweisen der Zitate entsprechen grundsätzlich denen der zitierten Quellen .) 2 Vgl z B Anna Wierzbicka, Emotions across Languages and Cultures. Diversity and Universals, Cambridge 1999; Giuliana Bruno, Atlas of Emotion. Journeys in Art, Architecture, and Film, London 2002; Helena Flam, Soziologie der Emotionen. Eine Einführung, Konstanz 2002; Monika Schwarz-Friesel, Sprache und Emotion, Tübingen und Basel 2007; Sabine Flach / Jan Söffner, Emotionaler Habitus. Gefühle und Sinne zwischen Subjektivität und Umweltrelation, Paderborn 2011; Ute Frevert / Christian Bailey / Pascal Eitler / Benno Gammerl / Bettina Hitzer / Margrit Pernau / Monique Scheer / Anne Schmidt / Nina Verheyen, Gefühlswissen. Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne, Frankfurt a M 2011 3 Dies gilt für Affekte. Philosophische Beiträge zur Theorie der Emotionen, hrsg von Stefan Hübsch / Dominic Kaegi, Heidelberg 1999; William M Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework for the History of Emotions, Cambridge 2001; Daniel M Gross, The Secret History of Emotion. From Aristotle’s Rhetoric to Modern Brain Science, Chicago 2006; Catherine Newmark, Passion - Affekt - Gefühl. Philosophische Theorien der Emotionen zwischen Aristoteles und Kant, Hamburg 2008; Pathos, Affekt, Emotion. Transformationen der Antike, hrsg von Martin Harbsmeier / Sebastian Möckel, Frankfurt a M 2009 4 Vgl Ulrich Thieme, Die Affektenlehre im philosophischen und musikalischen Denken des Barock. Vorgeschichte, Ästhetik, Physiologie, Celle 1984; Hans Rudolf Picard, Die 2_IH_Italienisch_72.indd 21 06.11.14 10: 27 22 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow Darstellung von Affekten in der Musik des Barock als semantischer Prozess, Konstanz 1986; Hans-Heinrich Unger, Die Beziehungen zwischen Musik und Rhetorik im 16. - 18. Jahrhundert, Hildesheim - Zürich - New York 2000; Klaus Wolfgang Niemöller, «Tradition und Innovation des Affekt-Denkens im Musikschrifttum des 16 Jahrhunderts», in: Tugenden und Affekte in der Philosophie, Literatur und Kunst der Renaissance, hrsg von Joachim Poeschke / Thomas Weigel / Britta Kusch, Münster 2002, S 77 - 94; Michael Zywietz, «Affektdarstellung und Affektkontrolle in den Bußpsalmen des Orlando di Lasso», in: Poeschke et al (Hrsg .) (2002), S 95 - 108; Rainer Bayreuther, «Theorie der musikalischen Affektivität in der Frühen Neuzeit», in: Musiktheoretisches Denken und kultureller Kontext, hrsg von Dörte Schmidt, Schliengen 2004, S 69 - 92 5 Vgl Myriam Chiarla, «La modernità degli affetti nella poesia di Angelo Grillo», in: Moderno e modernità: la letteratura italiana, hrsg von Clizia Gurreri / Angela Maria Jacopino / Amedeo Quondam, Roma 2008, http: / / www .italianisti .it / upload / userfiles / files / Chiarla%20myriam .pdf [16 .12 .2013] 6 Vgl Giacomo Jori, Per Evidenza. Conoscenza e segni nell’età barocca, Venezia 1998, vor allem Kap Il senso delle parole Trotzdem ist festzuhalten, dass Jori und Chiarla (2008) die Frage marginalisieren 7 So in Sprache und Emotion von Schwarz-Friesel (2007, S 128 ff .) 8 Vgl z B René Collier, «On the Communicative Function of Prosody: Some Experiments», in: IPO annual progress report, 28 (1993), S 67 - 75; Wallace Chafe, «Prosody and Emotion in a Sample of Real Speech», in: Relations and Functions within and around Language, hrsg von Peter H Fries / Michael Cummings / David Lockwood / William Spruiell, London 2002, S 277 - 315; Nicole M Wilk, «Semiotik der Gefühle Versuch einer Integration der Affekte in eine linguistisch-semiotische Theorie des Verstehens», in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 35, 138 (2005), S 129 - 141; Daniel Büring, «Intonation und Informationsstruktur», in: Text-Verstehen. Grammatik und darüber hinaus, hrsg von Hardarik Blühdorn / Eva Breindl / Ulrich Hermann Waßner, Berlin 2005, S 144 - 163; Hans Strohner, «Textverstehen aus psycholinguistischer Sicht», in: Blühdorn et al (2005), S 187 - 204; Schwarz-Friesel (2007); Cliff Goddard / Anna Wierzbicka, «NSM Analysis of the semantics of physical qualities Sweet, hot, hard, heavy, rough, sharp, in cross linguistic perspective», in: Studies in Language 31, 4 (2007), S 765 - 800 9 Vgl Noël Carroll, Beyond Aesthetics. Philosophical Essays, Cambridge 2001; Christiane Voss, Narrative Emotionen. Eine Untersuchung über Möglichkeiten und Grenzen philosophischer Emotionstheorien, Berlin - New York 2004; Poeschke et al (2002); vgl auch Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt a M 1973 10 Vgl Antonio R Damasio, Emotion, Reason and the Human Brain, New York 1994; Rolf A Zwaan, «The immersed experiencer: Toward an embodied theory of language comprehension», in: The Psychology of Learning and Motivation. Advances in Research and Theory, vol 44, hrsg von B .H Ross, New York 2004, S 35 - 62; Maryanne Wolf, Proust and the Squid. The Story and Science of the Reading Brain, New York 2007; Stanislas Dehaene, Les neurones de la lecture, Paris 2009; Christian Obermeier / Winfried Menninghaus / Martin von Koppenfels / Tim Raettig / Maren Schmidt-Kassow / Sascha Otterbein / Sonja A Kotz, «Aesthetic and emotional effects of meter and rhyme in poetry», in: Frontiers in Psychology, vol 4 (2013), Art 10 doi: 10 .3389 / fpsyg .2013 .00010 11 Paul D Allopenna / James S Magnuson / Michael K Tanenhaus, «Tracking the Time Course of Spoken Word Recognition Using Eye Movements: Evidence for Continuous Mapping Models», in: Journal of Memory and Language 38 (1998), S 419 - 439 2_IH_Italienisch_72.indd 22 06.11.14 10: 27 23 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören 12 Vgl z B Reuven Tsur, Toward a Theory of Cognitive Poetics, Amsterdam 1992; Reuven Tsur, Poetic Rhythm: Structure and Performance. An Empirical Study in Cognitive Poetics, Bern 1998; Ralf Junkerjürgen, Spannung - Narrative Verfahrensweisen der Leseraktivierung. Eine Studie am Beispiel von Jules Verne, Frankfurt a M u .a 2002, S 61 - 74 13 Vgl Hans Robert Jauß, Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik, Frankfurt a M 1991 [1982]; Wolfgang Iser, Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, München 1984; Wolfgang Iser, «Die Appellstruktur der Texte», in: Rainer Warning, Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis, München 1988 [1975], S 228 - 252; Wolfgang Iser, «Der Lesevorgang Eine phänomenologische Perspektive», in: Warning (1988), S 253 - 276 14 Vgl Jauß (1991), Kap I .A .6 Aisthesis: die rezeptive Seite der ästhetischen Erfahrung (voir plus de choses qu’on n’en sait) Man beachte in dieser Kapitelüberschrift das Beispiel für Rezeption und Verstehen: Sehen (‹voir›) 15 Vgl z B «Music Imagery», «Auditory Imagery», «Acoustic Image» (vgl Warren Brodsky / Yoav Kessler / Bat-Sheva Rubinstein / Jane Ginsborg / Avishai Henik, «The Mental Representation of Music Notation: Notational Audition», in: Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 34, 2 (2008), S 427 - 445; Timothy L Hubbard, «Auditory Imagery: Empirical Findings», in: Psychological Bulletin, 136, 2 (2010), S 302 - 329; Wolf [2007]) 16 Vgl v .a Dehaene (2007); vgl zur Thematik auch Caroline Féry, «Laute und leise Prosodie», in: Blühdorn et al (2005), S 164 - 181, und zur Aufmerksamkeitssteuerung Caroline Féry, «Focus as prosodic alignment», in: Natural Language and Linguistic Theory, 31, 2 (2013), S 683 - 734 17 So z B nicht in Schwarz-Friesel (2007), Kap 9, «How do I love thee» - Die Sprache der Liebenden 18 Vgl Diane Pecher / Rolf A Zwaan, Grounding Cognition, Cambridge 2005; Lawrence W Barsalou, «Grounded Cognition», in: Annual Review of Psychology, 59 (2008), S 617 - 645; Lawrence W Barsalou, «Grounded Cognition Past, Present, and Future», in: Topics in Cognitive Science 2 (2010), S 716 - 724; Anna M Borghi / Diane Pecher, «Introduction to the special topic Embodied and Grounded Cognition», in: Frontiers in Psychology, 2, Art 187 (2011); Rolf A Zwaan / Diane Pecher, «Revisiting Mental Simulation in Language Comprehension: Six Replication Attempts», in: PloS ONE 7 (2012): e51382 19 Vgl Sergio Moravia, L’Enigma della mente. Il ‹Mind-Body-Problem› nel pensiero contemporaneo, Roma - Bari 1986, S 267 - 273 20 Etwa nicht in Obermeier et al ., «Aesthetic and emotional effects» (2013) 21 Vgl zum ersten Punkt Kathrin Rothermich / Maren Schmidt-Kassow / Sonja A Kotz, «Rhythm’s gonna get you: regular meter facilitates semantic processing», in: Neuropsychologia 50 (2012), S 232 - 244; zum zweiten Punkt, genauer zur Simultaneität phonologischer und orthographischer Erkennung sowie zur phonologischen und lexikalischen Wortverarbeitung vgl Dehaene (2007) Vgl auch Ulrike Altmann / Isabel C Bohrn / Oliver Lubrich / Winfried Menninghaus / Arthur M Jacobs, «The power of emotional valence - from cognitive to affective processes in reading», in: Frontiers in Human Neuroscience 6, Art 192 (2012); Bálint Forgács / Isabel Bohrn / Jürgen Baudewig / Markus J Hofmann / Csaba Pléh / Arthur M Jacobs, «Neural correlates of combinatorial semantic processing of literal and figurative noun noun compound words», in: NeuroImage 63 (2012), S 1432 - 1442 22 Vgl zur Traktatliteratur Trattati di poetica e retorica del Cinquecento, hrsg von Bernard Weinberg Bari 1970; Margaret W Ferguson,- Trials of desire.- Renaissance 2_IH_Italienisch_72.indd 23 06.11.14 10: 27 24 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow Defenses of Poetry, New Haven - London 1983; Marc Fumaroli, L’âge de l’éloquence. Rhétorique et «res literaria» de la Renaissance au seuil de l’époque classique, Genève 1980; Rainer Stillers, Humanistische Deutung. Studien zu Kommentar und Literaturtheorie in der italienischen Renaissance, Düsseldorf 1988; Heinrich F Plett, «Gattungspoetik in der Renaissance», in: Renaissance-Poetik, hrsg von H .F Plett, Berlin - New York 1994, S 145 - 176; Poétiques de la Renaissance, hrsg von Perrine Galand-Hallyn, Genève 2001; Brigitte Kappl, Die Poetik des Aristoteles in der Dichtungstheorie des Cinquecento, Berlin - New York 2006 Vgl auch Francesco Sberlati, La ragione barocca. Politica e letteratura nell’Italia del Seicento, Milano 2006 23 So in Hugo Friedrichs Epochen der italienischen Lyrik, Frankfurt a M 1964, S 568, aber auch in Bernard Weinbergs «Nota filologica» (zu B Daniellos Della Poetica), in: ders (Hrsg .), Trattati (S 611 - 618), S 611, in Ulrich Schulz-Buschhaus’ Das Madrigal. Zur Stilgeschichte der italienischen Lyrik zwischen Renaissance und Barock, Bad Homburg 1969 Abwertend äußert sich auch Thomas Leinkauf, «Der Begriff des Schönen im 15 und 16 Jahrhundert Seine philosophische Bedeutung und Hinweise auf sein Verhältnis zur Theorie von Poesie und Kunst», in: Plett (Hrsg .) (1994), S 53 - 74 Was Jori (1998) angeht, ist die Lage etwas anders, da er sich wesentlich auf die Theorien des 15 und 16 Jahrhunderts bezieht, in denen die Funktionen des Bildlichen, z B im Ikonischen, im Emblem und Symbolen, die anderen Funktionen überlagern 24 Stillers (1988), S 278 25 Vgl Giovan Giorgio Trissino, La Poetica (I-IV) [Vicenza 1529], in: Trattati di poetica e retorica del Cinquecento, hrsg von Bernard Weinberg, Bari 1970, Bd 1, S 21 - 158 Zu Trissinos Poetica vgl auch Stillers (1988), S 312 ff 26 Vgl hierzu auch die Ausführungen von Stillers (1988), S 317 27 Stillers (1988), S 318 28 Giovanni Berardino Fuscano, Della oratoria e poetica facoltà [Roma 1531], in: Weinberg (Hrsg .), Trattati, Bd 1, S 187 - 195, hier S 190: «E perché non intendo avilupparmi in simil materia, sol mi doglio che la penuria d’eruditi scrittori conduca a morte li atti immortali e che da qui proceda che si da uno incolto e rozzo stilo li virtuosi pregi de l’invitti animi sono divulgati, le castigate orecchi da rochi strepiti e le diserte lingue da le spinose carte velocemente fuggir son costrette .» 29 Fuscano, Della oratoria, S 190 30 Ebd 31 Ebd 32 Fuscano, Della oratoria, S 191 («Nie hat sich ein schnelles Pferd, von Sporen getrieben oder Zügeln gelenkt, so rasch bewegt wie sie nach ihrer Maßgabe die Affekte erheitert oder traurige Gefühle aus unseren Seelen vertreibt .» - Freie Übersetzung v Verf .) 33 Daniello, Della Poetica, S 317; dieser Vorzug zeigt sich besonders bei gesungenem Vortrag: «La qual cosa potrete per voi medesimo vedere ciascuna volta che voi farete a qual si voglia eccellente musico, la voce insieme col suono sciogliendo et accordando, una delle canzone d’Orazio prima et dopo una di quelle del Petrarca cantare .» (ebd .) 34 Vgl Daniello, Della Poetica, S 317: «Conciò sia cosa che vie più (senz’alcun dubbio) di soave armonia empierà ciascun giudicioso orecchio questa seconda [d h eine Canzone von Petrarca], che fatto non avrà la prima [d h Dichtung von Horaz] E ciò solamente averrà per la rima, la quale tanto più s’accorderà col suono e più renderà di dolcezza, quanto meno sarà dall’altra sua compagna rima lontana .» Hier wird auch der im Vergleich zum Neuhochdeutschen geringere normative Zwang zum Reim im Italienischen sichtbar 2_IH_Italienisch_72.indd 24 06.11.14 10: 27 25 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören 35 Vgl zu Giraldi die Ausführungen von Stillers (1988), besonders S 300 ff 36 Giovambattista Giraldi Cinzio, Discorso intorno al comporre dei romanzi [Venezia 1554], hrsg von Laura Benedetti, Bologna 1999, S 134 f 37 Giovambattista Giraldi Cinzio, Discorso dei romanzi, hrsg v Laura Benedetti / Giuseppe Monorchio / Enrico Musacchio, Bologna 1999, S 149: «Peroché lo ingegno dello scrittore tiene in guisa sospeso l’animo di chi legge che volentieri si lascia portan, oltra il numero degli otto versi, ad udire il fine della sentenza cominciata nell’altra stanza .» 38 Vgl Giraldi, Discorso dei romanzi, S 166 39 Giraldi, Discorso dei romanzi, 1999, S 134 («[…] denn das Ohr, das jenen letzten Gleichklang erwartet, der ihm harmonisch den Gedankenabschluss [den Sinn] liefert, bleibt, statt sich zu erfreuen, jenseits jeder Erwartung enttäuscht, wenn der Klang leer [bzw sinnlos] und der Sache nicht angemessen ist; nicht nur das Ohr, auch der Verstand, der erwartete, mit dem Reim zur Ruhe zu kommen, […] bleibt allein ohne dieses Ende, das er vernünftigerweise für den Schluss der Sentenz erwarte .» (Übers u Kommentare v Verf .) Hier wird auch die Nähe der Lyriksprache zur Musik hervorgehoben (vgl dazu Dante Alighieri, der in De vulgari eloquentia schreibt, Fiktion sei aus Musik und Rhetorik gemacht) 40 Zur Gefühlsübertragung im Bereich der bildenden Kunst vgl Joseph Imorde, Affektübertragung, Berlin 2004 Zu Minturnos dichtungstheoretischen Schriften vgl Stillers (1988), S 323 ff 41 Vgl Antonio Minturno, L’Arte poetica, 1563 (Reprint München 1971), S 175; vgl hierzu Gerhard Regn, «Mimesis und autoreferentieller Diskurs Zur Interferenz von Poetik und Rhetorik in der Lyriktheorie der italienischen Spätrenaissance», in: Die Pluralität der Welten. Aspekte der Renaissance in der Romania, hrsg von Wolf-Dieter Stempel / Karlheinz Stierle, München 1987, S 387 - 414, S 391 42 Minturno, L’Arte poetica, S 53 ff Die Gedanken stehen im Kontext der Aristoteles- Rezeption und der Idee der elf Affekte (Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifersucht, Mitleid) 43 Vgl hierzu auch die Aufzählungen in Minturno, L’Arte poetica, S 381 ff Vgl entsprechend Gioseffo Zarlino, Le Istitutioni harmoniche, 1558, II, cap 8 (s Rolf Dammann, Der Musikbegriff im deutschen Barock, Köln 1967, S 225) Vgl auch Biagio Marini, Affetti musicali. Opera Prima, hrsg von Franco Piperno, Milano 1990, und Barbara Strozzis Sacri musicali affetti (Venezia 1655) 44 Minturno, L’Arte poetica, S 326: «Io so, che non mi dimandate delle consonanze delle rime, che nell’ultime voci sono proprie nostre: dell quali à bastanza s’è ragionato col S Berardino: ma di quella Musica concordanza, che dalle medesime lettere, ò syllabe nascendo, non pur dolcemente lusinga gli orecchi; ma reca talhora la cosa innanzi à gli occhi Laonde è molto da ridere il precetto di colore, che commandano doversi lo scontro delle medesime lettere ò syllabe fuggire Fassi questo bellissimo concento, ò nel principio delle voci, ò nel mezzo, ò pur nel fine, ò quando il fine dell’antecedente particella al principio dell seguente s’accorda: ò pur al mezzo; overo quando il mezzo dell’una al principio, & alla fine dell’altra State adunque ad urie, come concordevolmente dalle medesime lettere due, ò piû voci continovatamente cominciano: Anima assai, Ad albergar, La bella bocca, In un bel bosco […]», usw (Hervor v Verf .) 45 Minturno, L’Arte poetica, S 381 46 Minturno, L’Arte poetica, S 331 47 Minturno, L’Arte poetica, S 394 48 Minturno, L’Arte poetica, S 329 2_IH_Italienisch_72.indd 25 06.11.14 10: 27 26 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow 49 Ebd 50 Minturno, L’Arte poetica, S 388 51 Ebd .: «Ma propriamente, e particolarmente figura di sentenza si dice, quando dalla semplice e pura forma di parlare si rimuove Qual cosa è tanto semplice, e tanto comune, quanto è il dimandare? » […] «Ma prende nuova forma per hauer piû forza, quando si dimanda, non già per intendere cosa alcuna, ma per far ’istanza […]» Es folgt ein Auszug aus einem Sonett von Francesco Petrarca (Canzoniere, Teil I, L) 52 Minturno, L’Arte poetica, S 388 53 Minturno, L’Arte poetica, S 417 54 Vgl hierzu Thieme, Affektenlehre (1984); Michel Foucault, Les mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines, Paris 1966; zur hohen Bedeutung des Sprechens und Hörens für Produktion und Rezeption vgl auch Minturno, L’Arte poetica, Libro secondo 55 Vgl z B Minturno, L’Arte poetica, S 327, S 383 56 Vgl hierzu mit anschaulichen Beispielen Jori (1998), S 152 ff ., vgl S 153: «La mimesi, realistica e affettiva, cattura il cuore, lo avvolge nell’evento evocato .» 57 Dabei ist sich die Musikwissenschaft der ‹musikalischen›, sonoren Seite der Sprechsprache offenbar gar nicht immer bewusst Vgl etwa Ernst Kubitschek, «Die Bezeichung ‹affetto› in der frühbarocken Instrumentalmusik», in: Cappella antiqua. Festschrift zum 25jährigen Bestehen, hrsg von Thomas Drescher, Tutzing 1988 S 203 - 212 (z B am Schluss, S 212) 58 Man denke hier an die Kontroverse zwischen Giovanni Artusi und Claudio Monteverdi 59 Vgl Gabriello Fiamma, Rime spirituali, Venezia 1573 60 Tasso, Discorsi dell’arte poetica, III, S 45: «La composizione, che è la terza parte de lo stile, avrà del magnifico, se saranno lunghi i periodi, e lunghi i membri, de’ quali il periodo è composto E per questo la stanza è piú capace di questo eroico, che ’l terzetto S’accresce la magnificenza con l’asprezza, la quale nasce dal concorso di vocali, da rompimenti diversi, da pienezza di consonanti ne le rime, da lo accrescere Il numero nel fine del verso, o con parole sensibili per vigore d’accenti, o per pienezza di consonanti Accresce medesimamente la frequenza de le copule, che come nervi corrobori l’orazione Il trasportare alcuna volta i verbi contro l’uso comune, benché di rado, porta nobiltà a l’orazione .» 61 Tasso, Discorsi dell’arte poetica, III, S 40 («das Wunderbare entsteht nur aus den erhabenen und großartigen Dingen») Auf den Evidenz-Gedanken Tassos kann hier nicht eingegangen werden; zur Beziehung Grillo-Tasso vgl Jori (1998), S 150 ff 62 Gabriello Fiamma wertet 1573 im Kommentar zu seinen Rime spirituali die weltliche meraviglia-Dichtung mit dem Argument ab, sie beruhe nur auf «subtiler Kunstfertigkeit», während christliche Stilverfahren der Sache, der materia, «der christlichen Materie inhärent» seien (vgl Föcking [1994], S 138) Die evozierten «Bilder» gelten dabei als wesentlich der Dichtung zu verdanken 63 Grillo hat seit den 1990er Jahren nach langer Zeit eigene Würdigung erfahren An erster Stelle ist die Untersuchung von Marc Föcking, Rime sacre und die Genese des barocken Stils. Untersuchungen zur Stilgeschichte geistlicher Lyrik in Italien 1536 - 1614, Stuttgart 1994, zu nennen, der die hier vorliegende Untersuchung viel verdankt Vgl auch Giulia Raboni, «Il madrigalista genovese Livio Celiano e il benedittino Angelo Grillo», in: Studi secenteschi XXXII (1991), S 137 - 188; Amedeo Quondam, «Note sulla tradizione della poesia spirituale e religiosa (parte prima)», in: Studi (e testi) italiani, 16 (2005), S 127 - 211, S 213 - 282; Chiarla (2008), darin speziell auch zum «inneren Gebet» 2_IH_Italienisch_72.indd 26 06.11.14 10: 27 27 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören 64 [Angelo Grillo,] Poesie sacre del molto R. P. abbate D. Angelo Grillo, comprese sotto questi capi: Pietosi affetti, Lagrime del Penitente, I flagelli di Christo, et l’Essequie sue, celebrate da Maria Vergine [ . . .], Venezia 1608, S 37 Die Pietosi affetti datieren aus dem Jahr 1594 65 Jori (1998), S 151 66 Vgl hierzu Föcking (1994), S 185 - 189 Auf die teatro-Metaphorik als Teil der kosmologischen Vorstellungen der Zeit kann hier nicht eingegangen werden Zum Zusammenschluss von «senso sonoro a quello verbale» in Grillos Madrigalen im Zeichen einer neuen Präsenz-Ästhetik s Jori (1998), S 152 67 Zu G Bruno und zu Gli eroici furori vgl Giorgio Barberi-Squarotti, «Per una descrizione e interpretazione della poetica di Giordano Bruno», in: Studi secenteschi 1 (1960), S 39 - 59; Willi Hirdt: «Das Ethos der Eroici furori», in: Kantstudien. Ergänzungshefte 82 (1961), S 90 - 110; Heinz-Ulrich Schmidt, Zum Problem des Heros bei Giordano Bruno, Bonn 1968; Ferdinand Fellmann, «Mythos und Moral bei Giordano Bruno», in: Terror und Spiel. Probleme der Mythenrezeption, hrsg von Manfred Fuhrmann, München 1971, S 241 - 256; Ferdinand Fellmann, «Giordano Bruno und die Anfänge des modernen Denkens», in: Romanistisches Kolloquium 4 (1987), S 449 - 489; Anne Eusterschulte, Analogia entis seu mentis. Analogie als erkenntnistheoretisches Prinzip in der Philosophie Giordano Brunos, Würzburg 1997; Patrizia Farinelli, Il furioso nel labirinto. Studio su De gli eroici furori di Giordano Bruno, Bari 2000; Thomas S Hoffmann, Giordano Bruno, Bonn 2000; Stephan Otto, «Die Augen und das Herz Der philosophische Gedanke und seine sprachliche Darstellung in Brunos Heroischen Leidenschaften», in: La Filosofia di Giordano Bruno. Problemi ermeneutici e storiografici, hrsg von Eugenio Canone, Firenze 2003, S 17-45; Barbara Kuhn, «Dal corpo ‹come carcere› alla ‹legge della carne› La corporeità dell’uomo negli Eroici furori di Giordano Bruno», in: Wolfenbütteler Renaissance-Mitteilungen 28 (2004), S 25 - 39 68 Zum Aktaion-Mythos in Gli eroici furori vgl Karl Albert, «Giordano Bruno und der Mythos vom Tod des Aktaion», in: ders ., Vom Kult zum Logos. Studien zur Philosophie der Religion, Hamburg 1982, S 72 - 83; Werner Beierwaltes, «Actaeon Zu einem mythologischen Symbol Giordano Brunos», in: Zeitschrift für philosophische Forschung 32 (1978), S 345 - 354; Michele Ciliberto, L’occhio di Atteone. Novi studi su Giordano Bruno, Roma 2002 69 Opere di Giordano Bruno e di Tommaso Campanella, hrsg von Augusto Guzzo / Romano Amerio, Milano - Napoli 1995, S 569 - 657, S 605 Vgl Giordano Bruno, Heroische Leidenschaften und individuelles Leben. Auswahl und Interpretationen, hrsg von Ernesto Grassi, Hamburg 1957, S 72: «Zum Hochwald hetzt Aktaion seine Meute, / Der Doggen Schar reißt ungestüm ihn mit / Und lenkt den kühnen, unbedachten Schritt / Auf Wildes Fährte führt ihn ihr Geleite, / / Bis wo im Waldsee, tief im Schilfgereute, / Ein göttlich Antlitz hemmt den leichten Tritt, / Ein Bild von Alabaster, Gold, Perlmutt - / Da ward der große Jäger selbst zur Beute / / Auf neuen Pfad leichtfüßig fortgehetzt, / In dicht’res Buschwerk zielt umsonst sein Streben, / Die eig’nen Hunde rauben ihm das Leben / / So spanne ich hoch die Gedanken jetzt / Zum Ziel Allein sie wenden sich zurücke / Und reißen mich mit scharfem Biß in Stücke .» In dieser Übersetzung wird nicht deutlich, dass aus dem Wasser «Büste und Antlitz» gewissermaßen steigen, das heißt jedenfalls zu sehen sind Die Verbindung zwischen Sehen und Hören stellte auch der Aktaion-Mythos her, denn Aktaion beneidete lebenslänglich Pan, der ebenfalls Artemis ‹auflauerte›, dafür, dass er, verwandelt in Melodie, in Töne, in Klang, in die «vibrierende Luft» überging, die sich beim 2_IH_Italienisch_72.indd 27 06.11.14 10: 27 28 Wer fühlen will, muss hören Isabella von Treskow Baden um Artemis «verströmte» Der Gegenwart des Klangs kann sich, in dieser Version des Mythos, auch Artemis nicht entziehen (vgl hierzu Friedrich A Kittler, «Der Gott der Ohren», in: Das Schwinden der Sinne, hrsg von Dietmar Kamper / Christopf Wulf, Frankfurt a M 1984, S 140 - 155) 70 Opere di Giordano Bruno e di Tommaso Campanella, S 605 71 Das ist überraschenderweise nicht selbstverständlich Stephan Otto z B übersieht die Einbettung in den Affektkontext und urteilt daher falsch über die entsprechenden Aussagen von Bruno Seiner Ansicht nach sind die Aussagen zum Herz, aus dem Funken stieben, und den Augen, aus denen «Wasser tropfen», Zeichen für «sichtendes Erkennen» (vgl Otto [2003], S 21) Andere Interpreten beziehen den historisch-kulturellen Kontext gar nicht ein 72 Ferdinand Fellmann, «Einleitung Heroische Leidenschaften und die Entstehung der philosophischen Anthropologie», in: Giordano Bruno, Von den heroischen Leidenschaften, Hamburg 1989, VII - XL, S XXIX Dazu, dass Erkennen keine gerichtete Aktivität, sondern ein Vorgang ist, in dem man aufnahmefähig ist, vgl ebd ., S XXXI 73 Jauß (1991), S 128 bibliographie Primärliteratur Opere di Giordano Bruno e di Tommaso Campanella, hrsg . von Augusto Guzzo / Romano Amerio . Milano - Napoli 1995 [Angelo Grillo: ] Poesie sacre del molto R. P. abbate D. Angelo Grillo, comprese sotto questi capi: Pietosi affetti, Lagrime del Penitente, I flagelli di Christo, et l’Essequie sue, celebrate da Maria Vergine [ . . .] . Venezia 1608 Fiamma, Gabriello: Rime spirituali . Venezia 1573 Fuscano, Giovanni Berardino: Della oratoria e poetica facoltà . [Roma 1531], in: Weinberg (Hrsg .), Trattati, Bd . 1, S . 187 - 195 Giraldi Cinzio, Giovambattista: Discorso dei romanzi . Hrsg . von Laura Benedetti / Giuseppe Monorchio / Enrico Musacchio . Bologna 1999 Giraldi Cinzio, Giovambattista: Discorso intorno al comporre dei romanzi . [Venezia 1554] . Hrsg . von Laura Benedetti . Bologna 1999 Marini, Biagio: Affetti musicali . Opera Prima, hrsg . von Franco Piperno . Milano 1990 Minturno, Antonio: L’Arte poetica . 1563 (Reprint München 1971) Tasso, Torquato: Discorsi dell’arte poetica e del poema eroico . Venezia 1587 . Hrsg von Luigi Poma, Bari 1964 Trattati di poetica e retorica del Cinquecento, hrsg . von Bernard Weinberg . Bari 1970 Trissino, Giovan Giorgio: La Poetica (I-IV) [Vicenza 1529], in: Trattati di poetica e retorica del Cinquecento, hrsg . von Bernard Weinberg . Bari 1970 . Bd . 1, S 21 - 158 Zarlino, Gioseffo: Le Istitutioni harmoniche . 1558 sekundärliteratur Affekte. Philosophische Beiträge zur Theorie der Emotionen, hrsg . von Stefan Hübsch / Dominic Kaegi . Heidelberg 1999 Albert, Karl: «Giordano Bruno und der Mythos vom Tod des Aktaion», in: ders ., Vom Kult zum Logos. Studien zur Philosophie der Religion, Hamburg 1982, S . 72 - 83 2_IH_Italienisch_72.indd 28 06.11.14 10: 27 29 Isabella von Treskow Wer fühlen will, muss hören Allopenna, Paul D . / Magnuson, James S . / Tanenhaus, Michael K .: «Tracking the Time Course of Spoken Word Recognition Using Eye Movements: Evidence for Continuous Mapping Models», in: Journal of Memory and Language 38 (1998), S . 419 - 439 Altmann, Ulrike / Bohrn, Isabel C . / Lubrich, Oliver / Menninghaus, Winfried / Jacobs, Arthur M .: «The power of emotional valence - from cognitive to affective processes in reading», in: Frontiers in Human Neuroscience 6, Art . 192 (2012) Barberi-Squarotti, Giorgio: «Per una descrizione e interpretazione della poetica di Giordano Bruno», in: Studi secenteschi 1 (1960), S . 39 - 59 Barsalou, Lawrence W .: «Grounded Cognition», in: Annual Review of Psychology, 59 (2008), S . 617 - 645 Barsalou, Lawrence W .: «Grounded Cognition . Past, Present, and Future», in: Topics in Cognitive Science 2 (2010), S . 716 - 724 Bayreuther, Rainer: «Theorie der musikalischen Affektivität in der Frühen Neuzeit», in: Musiktheoretisches Denken und kultureller Kontext, hrsg . von Dörte Schmidt, Schliengen 2004, S . 69 - 92 Beierwaltes, Werner: «Actaeon . Zu einem mythologischen Symbol Giordano Brunos», in: Zeitschrift für philosophische Forschung 32 (1978), S . 345 - 354 Blühdorn, Hardarik / Breindl, Eva / Waßner, Ulrich Hermann (Hrsg .): Text-Verstehen. Grammatik und darüber hinaus . 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Chi è costui? › Chiederanno moltissimi dei miei lettori fino ai quali non può ancora esser giunta la fama di questo filosofo tedesco che assale con tanta violenza le dottrine borghesi contemporanee e il cristianesimo sempre rinnovellato Egli è uno dei più originali spiriti che siano comparsi in questa fine di secolo, ed uno dei più audaci I risultati della sua speculazione intellettuale sono contenuti in libri bizzarri, scritti con uno stile aspro ed efficace, dove i paradossi si avvicendano ai sarcasmi e le invettive tumultuose alle formule esatte Di questi libri i più significativi s’intitolano: Così parlò Zarathustra, Genealogia della Morale, Di là dal Bene e dal Male, Crepuscolo dei Falsi Iddii, La Gaia Scienza .» Quando Gabriele D’Annunzio scrive queste righe nel primo dei tre articoli che vanno sotto il titolo Il caso Wagner, pubblicati sul giornale La tribuna di Roma nel luglio 1893, il filosofo Friedrich Nietzsche è ancora in vita, ma da tempo avviato verso il declino mentale che lo porterà di lì a qualche anno alla morte . 1 Giace in uno stato di semi-incoscienza, avvolto dalle tenebre della follia, accudito dalla madre e dalla sorella nella casa di famiglia a Naumburg Sono passati poco meno di quattro anni dal crollo psichico patito a Torino e dal successivo ricovero nella clinica psichiatrica di Jena La fortuna di Nietzsche filosofo è appena agli albori, la sua celebrità tedesca e internazionale di là da venire Ancora nessuna sua opera, per altro, era stata tradotta in italiano (la prima sarà Al di là del bene e del male, uscita nel 1898 presso la casa editrice dei Fratelli Bocca di Torino, seguita a distanza di un anno dallo Zarathustra, sempre presso Bocca) Di lui avevano appena cominciato ad interessarsi alcuni intellettuali per lo più in area francese, attratti soprattutto dalla sua eccentricità Ed è merito indiscusso di D’Annunzio essere stato tra i primi in Italia a richiamare l’attenzione sul grande «Distruttore» come lo chiamerà nell’ode composta in occasione della sua morte il 25 agosto del 1900, appropriandosi di alcuni ‹umori› tipicamente nietzscheani e trasferendoli nei personaggi delle sue opere narrative e teatrali . 2 Che D’Annunzio si proponga come divulgatore del pensiero di Nietzsche risulta chiarissimo dal breve estratto dal Caso Wagner citato al principio Così come appare evidente che la chiave d’interpretazione proposta puntava soprattutto sugli aspetti etici e politici del filosofo tedesco, piuttosto che su quelli estetico-artistici Già nel precedente articolo La bestia elettiva, uscito il 2_IH_Italienisch_72.indd 33 06.11.14 10: 27 3 4 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini 25 - 26 settembre 1892 sul Mattino di Napoli, D’Annunzio si era riferito a Nietzsche per sostenere certe posizioni polemiche contro la democrazia parlamentare, l’egualitarismo e l’umanitarismo . 3 Come è stato ben dimostrato e argomentato da Guy Tosi, D’Annunzio aveva letto un articolo francese di Jean de Néthy, uscito nell’aprile 1892 sulla Revue Blanche col titolo Nietzsche- Zarathustra, e lì aveva appreso e parafrasato alcuni fondamenti della dottrina morale nietzscheana, a partire dalla distinzione tra Herren- und Sklavenmoral (morale dei ‹signori› e morale degli ‹schiavi› cui è associato l’«istinto del gregge»), da cui egli fa derivare un ideale di aristocratico che agisce rispondendo solo a se stesso e alle proprie regole . 4 Ora, la ricezione del pensiero di Nietzsche è un tema abbondantemente frequentato e approfondito negli studi dannunziani soprattutto - per non dire quasi esclusivamente - per quanto concernono le peculiari declinazioni ‹superoministiche› di tale ricezione con tutto il contorno di adattamenti, esagerazioni ed anche mistificazioni che sono stati da tempo messi in luce . 5 Meno indagato è l’influsso esercitato su D’Annunzio da un’opera come la Geburt der Tragödie, prima monografia pubblicata da Nietzsche, precisamente nel 1872 quand’egli era ventisettenne professore di Filologia Classica all’università di Basilea . 6 Come è noto, in quel libro veniva delineata un’originale interpretazione della tragedia greca segnata dal prevalere di una dimensione estetico-metafisica ruotante attorno all’antitesi tra le categorie di apollineo e dionisiaco La questione che mi propongo di trattare in questo intervento, nella piena consapevolezza che si tratta di spunti d’analisi senza alcuna pretesa di completezza o esaustività, è dunque la seguente: quanto ha pesato, se qualcosa ha pesato, l’interpretazione dionisiaca del tragico e della grecità suggerita da Nietzsche sulla produzione artistica di Gabriele d’Annunzio? Per iniziare mi pare necessario un riesame, ancorché rapido ed essenziale, della fortuna cui andò incontro la Nascita della tragedia di Nietzsche, una fortuna - va subito detto - per la quale l’Italia ebbe una parte non secondaria Sul piano filologico la ricezione del libro fu pesantemente condizionata dalla recensione distruttiva di Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff - che negava ogni fondamento scientifico alle tesi esposte in quel libro - e dalla polemica che ne era seguita e che aveva visto scendere in campo a difesa dell’autore l’amico Erwin Rohde (all’epoca giovane filologo classico, destinato a una luminosa carriera) e lo stesso Richard Wagner Gli addetti ai lavori dell’antichistica hanno continuato per generazioni a considerare quel libro un corpo estraneo della loro disciplina ribadendo la condanna del Wilamowitz Nonostante ciò le tesi sul tragico di Nietzsche hanno influenzato molto gli studi sulla tragedia greca: penso per esempio alla teoria ritualistica della scuola antropologica di Cambridge, o al riconoscimento dell’importanza di 2_IH_Italienisch_72.indd 34 06.11.14 10: 27 35 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco aspetti quali la musica, la sofferenza o anche la dimensione culturale-religiosa per afferrare il senso degli spettacoli tragici dell’antica Grecia . 7 Ben diversa fu la fortuna de La nascita della tragedia in campo artistico-letterario Non credo esistano altre opere di taglio filologico o filosofico che abbiano avuto un influsso di così grande portata su poeti, drammaturghi e scrittori di tutta Europa Ciò ha naturalmente a che fare con i contenuti e la forma stessa del libro nietzscheano, tali per cui esso poté essere inteso anche come una sorta di breviario di poetica, come esortazione ad un modo nuovo ed originale di intendere e praticare l’attività artistica Negli anni tra la fine dell’Ottocento e i primi decenni del Novecento l’influsso della Nascita della tragedia fu assai consistente specialmente su autori dell’area germanofona che tentarono di applicare le concezioni nietzscheane alla propria poetica o che intesero attingere a tematiche della cultura antica per le loro creazioni Rilke, George, Hofmannstahl, per citare alcuni nomi tra i più importanti, restarono affascinati sia dalla visione anticlassicistica della cultura greca che sulla scia di Nietzsche si andava a mano a mano imponendo, sia dal progetto nietzscheano di far rivivere lo spirito della poesia greca arcaica resuscitando il dionisiaco Per loro le teorie estetiche formulate nella Nascita della tragedia, a partire da quella secondo cui il mondo si giustifica soltanto come fenomeno estetico, valevano essenzialmente come stimolo produttivo per la creazione artistica Ed era proprio l’ideale dionisiaco quello che prevalentemente informava la produzione degli autori che si ispiravano a Nietzsche: il dionisiaco non inteso soltanto come un impulso artistico naturale, utile a capire l’antica tragedia greca, ma come una vera e propria condizione esistenziale, un concetto per comprendere ed esprimere l’essenza stessa dell’arte e della vita Dioniso era recepito entro tale prospettiva come simbolo dell’‹artista primigenio›, come forza istintiva che ispira la creazione artistica, ovvero come vettore simbolico che guida il poeta alla ricomposizione in unità di un mondo fatto a pezzi (come nel mito di Dioniso Zagreo), spesso e volentieri con associazioni religiose di stampo cristiano o pagano, e dunque identificando il dio greco come una figura di vero e proprio redentore Tale costellazione di concetti e riflessioni produsse un filone di poesia ‹dionisiaca›, che oltretutto poteva avvalersi del prototipo dei Ditirambi di Dioniso dello stesso Nietzsche Tra gli esempi più eclatanti sono le liriche di Stefan George nella raccolta Der siebente Ring, 8 o anche la poesia di Rudolf Borchardt intitolata Bacchische Epiphanie, in cui si evoca in toni mistici l’apparizione del dio 9 Buona parte della produzione lirica di Rainer Maria Rilke fa riferimento a situazioni tragiche desunte dalla mitologia classica, con una visione dell’antico fortemente segnata da una concezione anticlassicistica di impronta nietzscheana Tra i poeti che hanno espresso la loro congenialità con l’autore della Nascita della tragedia va senz’altro ricordato Gottfried Benn, 2_IH_Italienisch_72.indd 35 06.11.14 10: 27 36 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini nei cui componimenti lirici compare come Leitmotiv l’annuncio, variamente formulato, dell’avvento del dionisiaco, inteso come sentimento della vita pieno e totalizzante che si contrappone al mondo della razionalità e della tecnica I drammi d’argomento greco di Hugo von Hofmannsthal (Elettra 1903; Edipo e la Sfinge 1906) possono essere letti come il tentativo di far rivivere in epoca moderna l’antica arte tragica dei Greci (e la musica di Richard Strauss doveva realizzare ciò che Wagner aveva fallito) e l’attenzione dell’autore è rivolta costantemente verso gli aspetti impulsivi e irrazionali dell’agire Anche i drammi di Frank Wedekind sono sovente incentrati sul contrasto tra la vitalità istintuale e il conformismo borghese: il principio del ‹dire sì alla vita› è di chiara ascendenza nietzscheana e serve a penetrare la tragicità e l’assurdità dell’esistenza A questi nomi va aggiunto, infine, quello di Rudolf Pannwitz, autore di cinque «Tragedie dionisiache» in cui rielabora i temi mitologici della tradizione greca (Filottete, Creso, Edipo, Ifigenia etc .) alla luce delle concezioni estetiche di Nietzsche Ma gli echi della Nascita della tragedia affiorano pure nella narrativa novecentesca La polarità apollineo / dionisiaco è una costante in molti romanzi e racconti di Thomas Mann Si pensi, per esempio, a Morte a Venezia (1913) in cui la parabola esistenziale di Gustav von Aschenbach può essere letta come un movimento progressivo dall’apollineo al dionisiaco Al principio Aschenbach è descritto come il tipico rappresentante dell’età socratico-apollinea, fiducioso nella razionalità e nell’armonia; nel corso della narrazione vari elementi (l’atmosfera decadente di Venezia, la fascinazione erotica per il giovane Tadzio, il colera) lo trascinano in un vortice sempre più incontrollabile di sensualità e istintualità il cui esito non può che essere autodistruttivo, senza la possibilità di una sintesi superiore e salvifica tra le due istanze vitali Non a caso prima della morte al protagonista appare in sogno il «dio straniero», Dioniso, che lo coinvolge in un’orgia selvaggia . 10 Anche altri romanzi di Thomas Mann sono colmi di rimandi a Nietzsche e alle sue teorie Ne La montagna incantata (1924) accade che il protagonista Hans Castorp, perdutosi nella neve, si addormenti (rischiando di morire per assideramento) e in seguito ad un sogno dai forti contenuti simbolici approdi ad un certo punto ad una sapienza di tipo dionisiaco che nega la contrapposizione tra morte e vita, tra salute e malattia, tra ragione e natura, e riconosce nella morte stessa un momento essenziale della vita Nel Doktor Faustus (1947) il compositore Adrian Leverkühn è rappresentato come musicista dionisiaco, come figura nietzscheana per eccellenza, dietro il cui destino è riflesso il crollo storico della Germania attraverso il nazismo e la seconda guerra mondiale Spunti analoghi si riscontrano anche nel capolavoro di Robert Musil, L’uomo senza qualità (1930 - 1942) e in molti altri romanzi della prima metà del Novecento e non solo nell’area germanofona . 11 2_IH_Italienisch_72.indd 36 06.11.14 10: 27 37 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco d’annunzio e «La nascita della tragedia» D’Annunzio partecipa sicuramente di questa tendenza europea, anzi a guardare la cronologia non c’è dubbio che l’anticipi e contribuisca a determinarla Ma qual era il vero grado di conoscenza della Nascita della tragedia da parte di D’Annunzio? Il brano citato all’inizio di questo saggio, desunto dall’articolo Il caso Wagner, si chiude con un elenco dei «più significativi» scritti nietzscheani L’autore cita nell’ordine: Così parlò Zarathustra, Genealogia della Morale, Di là dal bene e dal male, Crepuscolo dei Falsi Iddii, La gaia Scienza È sintomatico che in tale lista manchi la Nascita della tragedia Nell’estate del 1893 D’Annunzio evidentemente non la conosceva ancora Non sapendo la lingua tedesca è escluso che potesse averla letta in lingua originale . 12 D’altro canto la prima traduzione italiana uscì soltanto nel 1907, patrocinata da Benedetto Croce, con il titolo Le origini della tragedia ovvero Ellenismo e pessimismo (traduzione di Mario Corsi e Attilio Rinieri), 13 preceduta di qualche anno da quella francese (L’Origine de la tragedie ou Hellenisme et pessimisme), pubblicata nel 1901 per opera di Jean Marnolt e Jacque Morland, presso la casa parigina Mercure de France Se dunque D’Annunzio non poté leggere integralmente la Geburt der Tragödie prima del 1901 (data della traduzione francese), ciò non significa che non ne avesse una qualche contezza per via indiretta Intanto poteva aver letto, anzi sicuramente aveva letto, i brani estratti dall’opera e compresi nell’antologia di scritti nietzscheani A travers l’oeuvre de F. Nietzsche. Extraits de tous ses ouvrages (1893) curata da Paul Lauterbach e Adrien Wagnon . 14 Inoltre poteva aver letto saggi francesi come quello di Edouard Schuré intitolato Le drame musical. Richard Wagner, son oeuvre et son idée (Parigi 1875), nel quale sono esposte in sintesi le tesi principali di Nietzsche sul tragico Un altro saggio, questa volta italiano, che D’Annunzio probabilmente conosceva o di cui aveva sentito parlare, è quello di Antonio Tari, professore di estetica all’ateneo di Napoli, intitolato Sull’essenza della musica secondo Schopenhauer e i wagneriani (in Archivio musicale 1882, pp 327 - 337), in cui si trova tradotto un passaggio del libro di Nietzsche relativo al fatto che solo la musica tra le arti ha natura metafisica Il nesso Nietzsche- Wagner mi pare in questo contesto alquanto significativo: intendo dire che, pur in assenza di una lettura diretta della Geburt der Tragödie, D’Annunzio poteva essersi accostato ai contenuti di quell’opera attraverso il filtro di Wagner, della sua musica e delle sue opere teoriche che notoriamente avevano molto influenzato il giovane Nietzsche studioso di tragedia greca . 15 Senza contare che negli ambienti culturali filo-wagneriani, nei saloni come quello di Nicola van Westerhout, frequentati da D’Annunzio, si sarà sicuramente parlato anche delle teorie di Nietzsche Infine, va tenuta presente, sempre per 2_IH_Italienisch_72.indd 37 06.11.14 10: 27 3 8 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini quanto riguarda l’ambiente napoletano, la figura del suo amico Angelo Conti, il quale era un grande appassionato della filosofia di Schopenhauer e conosceva bene la Geburt der Tragödie tanto da citarla più volte nel suo La beata riva col titolo italianizzato in La natività della tragedia . 16 Lo scritto di Conti - definito una sorta di «piccola bibbia dell’estetismo italiano fin de siècle» (Gibellini) - fu pubblicato nel 1900, ma riproduceva discussioni che si immaginano avvenute cinque anni prima a Venezia tra due personaggi (Ariele e Gabriele) che alludono a Conti stesso e a D’Annunzio Tra i vari spunti nietzscheani vi si trova un sintetico compendio dell’interpretazione dionisiaca del tragico laddove si parla di Apollo e Dioniso come dei «due poli dell’anima greca» essendo rispettivamente Apollo «il dio sereno, il dominatore delle forze ricche della natura, il legislatore degli uomini» e Dioniso «il tormentatore degli spiriti, l’eccitatore delle passioni, il generatore e il distruggitore delle esistenze […] la personificazione del mutamento, dello sconvolgimento e del dissolvimento» L’origine della tragedia è ricondotta al ditirambo corale, precisamente al «coro degli iniziati che canta e danza il ditirambo […] un gruppo d’uomini trasformati, di cui ciascuno ha dimenticato la sua origine e la sua qualità» Costoro sono «i seguaci di Dionysos, e vivono fuori del tempo e fuori d’ogni legge sociale Ai loro medesimi occhi essi hanno preso la forma di Satiri, e come tali sono i compagni del loro dio» Insomma, pur in assenza di una lettura diretta e integrale, è impossibile negare che D’Annunzio ignorasse i contenuti della Nascita della tragedia Da quel libro deriva, per altro, al vate un approccio alla grecità che rifiuta gli schemi classicistici di stampo winckelmanniano: la Grecia non come luogo astratto di bellezza e perfezione morale, ma come un grande repertorio di archetipi mitici che rispecchiano «gioie e dolori che eternamente travagliano l’animo umano nel conflitto antico e modernissimo tra irrazionalità dionisiaca e sublimazione apollinea», per dirla con Pietro Gibellini . 17 E non può che derivare da quell’opera nietzscheana anche l’esaltazione della tragedia greca che traspare in modo più o meno implicito in vari punti delle opere di D’Annunzio, coniugata con l’idea di una nuova forma d’arte che in epoca moderna ripeta quel miracolo dei Greci antichi (penso soprattutto ai progetti artistici di Stelio Effrena nel Fuoco 18 ) Per verificare l’incidenza della Geburt der Tragödie e in particolare della categoria di dionisiaco sull’opera di Gabriele d’Annunzio procederò all’esame di alcuni momenti dell’opera dannunziana in cui mi pare si possa riscontrare l’eco della conoscenza delle teorie nietzscheane sul tragico Il tutto senza nessuna aspirazione alla sistematicità e alla completezza, ma solo allo scopo di mostrare quanto l’opera giovanile di Nietzsche abbia influenzato, al di là della mancata lettura diretta del testo, il pensiero e la scrittura di D’Annunzio 2_IH_Italienisch_72.indd 38 06.11.14 10: 27 39 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco «La rinascenza della tragedia» Comincerò con un breve articolo giornalistico, pubblicato sul quotidiano romano La Tribuna il 3 agosto 1897 e intitolato non a caso La rinascenza della tragedia . 19 Non so dire se il titolo volesse alludere al libro di Nietzsche, che nell’articolo non viene mai nominato direttamente La traduzione italiana Nascita della tragedia per il titolo tedesco Geburt der Tragödie è divenuta corrente e canonica piuttosto tardi, mentre all’epoca era comune usare la forma Le origini della tragedia (titolo della prima traduzione italiana per Laterza del 1907) e lo stesso D’Annunzio nell’articolo in questione parla di «natività della Tragedia dal Ditirambo» Il contenuto dell’articolo riguarda il progetto del Teatro Romano di Orange, in Francia, ovvero l’inaugurazione di uno spazio teatrale all’aperto, capace di contenere diecimila spettatori, concepito per le rappresentazioni di drammi antichi classici D’Annunzio ne fu un entusiasta sostenitore e anzi da lì scaturì l’impegno per il piano (poi abortito) di creare un grande anfiteatro ad Albano, nei pressi di Roma, così da emulare l’impresa wagneriana di Bayreuth Ma cosa c’è di nietzscheano, ovvero di riconducibile alla Geburt der Tragödie, nell’articolo? Gli spunti sono molteplici Il primo è quando per esempio descrive la struttura del teatro di Orange dicendo che esso è «costruito contro il fianco petroso d’un colle, a simiglianza del Teatro di Dioniso contro il fianco dell’Acropoli ateniese», 20 e quindi aggiungendo che «Tutto in lui ora evoca l’origine rurale del Drama, la natività della Tragedia dal Ditirambo .» 21 D’Annunzio sottolinea poi con forza la base popolare del teatro antico, la locazione rurale, la partecipazione di massa del pubblico, che contrassegna una differenza assoluta rispetto agli «angusti teatri urbani» dell’oggi . 22 Anche questo è un motivo ricorrente nel Nietzsche della Geburt der Tragödie, come del resto anche negli scritti teorici di Wagner Ma il motivo più assimilabile al Nietzsche teorico della tragedia è la descrizione che D’Annunzio suggerisce dell’effetto prodotto dallo spettacolo tragico sugli spettatori: «Nelle loro anime rudi ed ignare […] la parola del poeta, pur non compresa, per il potere misterioso del ritmo reca un turbamento profondo che somiglia a quello del prigioniere il quale sia sul punto di essere liberato dai duri vincoli La felicità della liberazione si spande a poco a poco in tutto il loro essere; le loro fronti solcate si rischiarano; le loro bocche use alle vociferazioni violente, si dischiudono alla meraviglia .» 23 2_IH_Italienisch_72.indd 39 06.11.14 10: 27 4 0 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini Non ci sono rimandi testuali precisi, ma il D’Annunzio che scrive queste righe è un intellettuale che mostra di conoscere e rielaborare i concetti impiegati da Nietzsche nel descrivere l’effetto estatico prodotto dalla musica dionisiaca sui coreuti e per riflesso d’immedesimazione sul pubblico, effetto estatico da intendere in senso etimologico come ‹anelito alla fuoriuscita da se stessi›, come ‹annullamento del principium individuationis›, perdita delle categorie spazio-temporali, fino alla fusione mistica con la natura . 24 Infine, colpisce l’uso esplicito della categoria di ‹dionisiaco› nella parte finale dell’articolo quando si addentra nella possibilità di ‹rinascenza› della tragedia Scrive D’Annunzio: «Sarà gloria dei poeti risollevare quella forma alla dignità primitiva, infondendole l’antico spirito religioso La grande metamorfosi del rito dionisiaco - la frenesia della festa sacra convertita nel creatore entusiasmo del tragedo - sia sempre raffigurata come simbolo nella loro anima votiva Il drama non può essere se non un rito o un messaggio La persona vivente in cui s’incarna su la scena il verbo di un Rivelatore, la presenza della moltitudine muta come nei templi non dànno forse anche oggi alla rappresentazione della tragedia sofoclea nel teatro antico di Orange il carattere di un culto, di una cerimonia, di un mistero? » 25 Ora, l’orizzonte di D’Annunzio qui è quello di un’auspicabile rinascita dello spirito tragico dentro la tradizione latina, dunque si muove in un paradigma ben diverso rispetto al Nietzsche che nel 1872 vedeva la rinascita dello spirito dionisiaco greco nel Musikdrama germanico di Richard Wagner Tuttavia, la terminologia impiegata non lascia dubbi: espressioni come ‹rito dionisiaco›, ‹frenesia› (che sembra tradurre il tedesco Rausch, solitamente reso con ‹ebbrezza›), ‹Rivelatore›, il parallelismo con le cerimonie nei tempi: tutto lascia intendere che qui D’Annunzio faccia riferimento a quella complessa interpretazione ‹misterica› della tragedia che Nietzsche presenta sottolineandone gli aspetti di ritualità sacra che il teatro ottocentesco, così come gli studiosi di tragedia greca dell’epoca, avevano perso di vista «La città morta» L’entusiasmo con cui D’Annunzio scrisse l’articolo sulla Rinascenza della tragedia è il medesimo con cui un anno prima, nel 1896, dopo il fondamentale viaggio in Grecia, aveva concepito e composto La città morta, ambientata nell’Argolide «sitibonda» presso le rovine di Micene «ricca d’oro», tentativo di dare vita ad un teatro moderno ispirato direttamente alla tragedia greca 2_IH_Italienisch_72.indd 40 06.11.14 10: 27 41 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco classica . 26 C’è qualcosa di nietzscheano ne La città morta? Ci sono spunti riconducibili alla Geburt der Tragödie? Difficile rispondere; di sicuro il proposito di far rivivere il teatro tragico classico in uno scenario moderno, con l’archeologia utilizzata quale trait d’union tra passato e presente, corrisponde a istanze che provengono da lì Inoltre, a dire il vero, tutta l’atmosfera del dramma denuncia tratti che potremmo definire ‹dionisiaci›: mi riferisco agli aspetti ‹oscuri›, legati alla sofferenza, all’ossessione, all’invasamento febbrile che toccano chi più chi meno i singoli personaggi, all’ansia per rivelazioni segrete Lo scavare di Leonardo tra le vestigia di Micene, il suo nevrotico ‹frugare› tra le tombe degli Atridi, si configura come una specie di violazione dell’ordine naturale delle cose, una trasgressione che viola i segreti della natura Forse il nesso tra il desiderio di conoscere a tutti i costi e l’ossessione incestuosa (di Leonardo nei confronti della sorella Bianca Maria) è ricavato dall’interpretazione del mito di Edipo che Nietzsche sviluppa nel capitolo IX della Geburt der Tragödie, dove Edipo è celebrato come il campione della sofferenza dionisiaca I suoi atti (parricidio e incesto) sono giudicati da Nietzsche come trasgressioni compiute in virtù di una sapienza superiore (è l’unico in grado di sciogliere l’enigma della Sfinge): Edipo deve compiere una «mostruosa trasgressione della natura» per poter essere partecipe della conoscenza dionisiaca . 27 La componente dionisiaco-nietzscheana della Città morta riguarda in particolare i personaggi di Bianca Maria e di Leonardo La prima può ben essere definita una «donna dionisiaca», 28 in perfetta sintonia con gli elementi della natura, dotata di una potente attrazione erotica che ha effetti su tutti gli altri personaggi, a partire dal fratello, e soprattutto destinata ad essere sacrificata, oggetto dunque al tempo stesso di desiderio e dissoluzione Ma anche Leonardo, segnato da ossessioni monomaniacali e da pulsioni verso la morte, è personaggio con valenze dionisiache L’archeologo con la sua scoperta sperimenta una violenta dissoluzione dei legami individuali «Tu parli come uno che esca da un’allucinazione, come uno che sia in preda a un delirio», commenta Alessandro sbigottito «Se hai veduto veramente quel che tu dici, tu non sei più un uomo .» 29 Con la sua scoperta Leonardo ha spezzato i limiti propri della natura umana; dietro la maschera di Agamennone ha incontrato la violenza della saga degli Atridi E alla fine, dopo avere ucciso la sorella, Leonardo prova quel sentimento dionisiaco di gioia mescolato a sofferenza, che Nietzsche descrive a più riprese nel suo libro sulla tragedia Leonardo stesso descrive l’ebbrezza provata mentre agiva e la purezza che risulta da quell’atto purificatore Alla luce di quanto detto, mi pare difficile negare che La città morta sia un dramma di ispirazione nietzscheana, con una forte componente di stampo dionisiaco 2_IH_Italienisch_72.indd 41 06.11.14 10: 27 42 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini «Il trionfo della morte» Le opere narrative di D’Annunzio sono notoriamente infarcite di dottrina superoministica ricavata dal pensiero di Nietzsche e dominate da protagonisti che aspirano ad un modello di vita intellettualmente ed esteticamente superiore Quel tipo di «vita esuberante» viene talvolta etichettato dall’autore stesso come «ideale dionisiaco» . 30 Ma non è questo l’aspetto che qui interessa esaminare; molto più proficuo è cogliere i possibili riferimenti alla Nascita della tragedia Nel Trionfo della morte (1894) ci sono celebri pagine - a suo tempo richiamate da Giorgio Pasquali nel saggio su «Classicismo e classicità di Gabriele D’Annunzio» 31 - in cui si insiste sul Tristano e Isotta di Wagner come il Musikdrama in cui massimamente si invera la risurrezione dello spirito tragico in epoca moderna, con una corrispondenza di idee pressoché perfetta con la Nascita della tragedia, dove (nel capitolo 21) per esplicitare il senso dell’effetto estatico dionisiaco prodotto dal dramma tragico Nietzsche assume a modello proprio il Tristano e Isotta . 32 Quello era per Nietzsche il dramma musicale in cui l’eccitazione musicale produrrebbe lo sradicamento totale dell’individualità dello spettatore / ascoltatore se non vi fosse l’azione protettrice del mito e dell’eroe tragico che con la loro forza apollinea provvedono a «ripristinare» l’individuo quasi frantumato Nietzsche paragonava la sensazione gioiosa di chi attraverso la musica dionisiaca ha spalancato gli occhi sull’abisso della vita alla «gioia suprema» che prova Isotta nelle ultime parole da lei pronunciate mentre è piegata sul corpo esanime di Tristano E non molto diversamente s’esprime D’Annunzio nel Trionfo della morte: «Tutto si dissolveva in lei [cioè in Isotta], si fondeva, si distendeva, ritornava alla fluidità originale, all’innumerevole oceano elementare in cui le forme nascevano, in cui le forme sparivano per rinnovellarsi, per rinascere […] Pareva che tutte le cose vi si decomponessero, vi esalassero le nascoste essenze, vi si mutassero in immateriali simboli […] Visioni di segreti paradisi vi balenavano, germi di nascituri mondi vi si schiudevano E l’ebbrezza pànica saliva saliva; il coro del Gran Tutto copriva l’unica voce umana Trasfigurata, Isolda entrava nel meraviglioso impero trionfalmente ‹Nell’infinito palpito dell’anima universa perdersi, profondarsi, vanire, senza conscienza: suprema voluttà! › .» 33 C’è un altro passaggio del Trionfo della morte in cui Giorgio Aurispa, ossessionato più che mai dagli impulsi autodistruttivi, contempla i riti della mietitura e si sente retrocedere «nel mistero di un secolo remoto, nella santità d’una celebrazione di Dionisie rurali» E col pensiero rivolto alle origini cerca di 2_IH_Italienisch_72.indd 42 06.11.14 10: 27 4 3 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco individuare «i principii d’una virtù vitale oltrapossente e oltrapiacente», capace di far rivivere la visione dell’Elleno antico il quale anelava a null’altro se non «ad espandere la sua esuberanza e ad esercitare con efficacia il suo nativo istinto di dominazione» Tra i requisiti considerati tipici dell’antico mondo ellenico, accanto all’istinto agonistico, a quello della lotta, del predominio, della sovranità, della potenza egemonica, Aurispa / D’Annunzio ricorda che: «Egli sapeva trovare pur nell’atto terribile, pur nella sofferenza una fiera gioia Pur nell’errore, pur nel dolore, pur nel supplizio egli non riconosceva se non il trionfo della Vita Il patimento per lui era uno stimolo, producendo in lui l’effetto di quei farmachi i quali eccitano accelerano aumentano le azioni organiche da cui risulta la potenza dell’essere Dal profondo del suo sentimento tragico non sorgeva l’aspirazione a liberarsi d’ogni terrore e d’ogni pietà, l’aspirazione a una càtarsi finale, ma sì bene - come Federico Nietzsche ha intuito - l’aspirazione ad essere egli medesimo l’eterna gioia del Divenire, sopra ogni terrore ed ogni pietà: ad essere egli medesimo tutte le gioie, non escluse quelle terribili, non esclusa quella della distruzione .» 34 Sono concetti in apparenza perfettamente riferibili alla Geburt der Tragödie, ma non derivano da lì, anche se con quel testo hanno ben a che fare Guy Tosi ha dimostrato che si tratta di una parafrasi e in molti punti di una traduzione letterale dalla già citata antologia francese di Lauterbach e Wagnon, ma non della (brevissima) sezione dedicata alla Geburt der Tragödie, bensì di quella pertinente il Crepuscolo degli idoli, laddove Nietzsche nel capitolo intitolato Quel che devo agli antichi getta uno sguardo retrospettivo sul suo scritto giovanile sottolineando come la psicologia dell’orgiasmo dionisiaco quale fondamento del tragico, esposta nel libro del 1872, si contrapponga tanto alla visione moralista-edificante di Aristotele quanto alla concezione del pessimismo rassegnato di Schopenhauer . 35 Il tardo Nietzsche del Crepuscolo degli idoli (1888) rileggeva la categoria del dionisiaco in una luce vitalistica che parzialmente si differenzia da quella originaria e che doveva incontrare grande sintonia agli occhi di D’Annunzio: il dionisiaco come accettazione incondizionata della vita in tutti i suoi aspetti, compresi quelli di dolore e sofferenza, fino al piacere dell’auto-annientamento dioniso Zagreo Per concludere, un accenno rapidissimo anche al D’Annunzio lirico L’influsso del dionisiaco nietzscheano non si avverte solo nella presenza di composizioni 2_IH_Italienisch_72.indd 43 06.11.14 10: 27 4 4 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini definitive esplicitamente «ditirambiche» che in Alcyone scandiscono la struttura compositiva e che appaiono dominate da un’intensa eccitazione a livello ritmico e verbale, ma anche nella presenza pervasiva del dio Dioniso e dei suoi miti Mi pare importante a questo proposito rilevare il forte interesse dannunziano per una particolare variante del mito dionisiaco, quella relativa a Dioniso Zagreo, ovvero il racconto delle sofferenze di Dioniso smembrato, della sua morte e rinascita Tale versione del mito, tramandata nella tradizione legata all’orfismo, ha una funzione preponderante nella Nascita della tragedia Secondo Nietzsche, infatti, dietro le maschere dei personaggi tragici sulla scena si nasconderebbe precisamente la figura di Dioniso Zagreo e la messinscena alluderebbe ai suoi patimenti, oggetto per altro delle rappresentazioni misteriche relative al suo culto È quella che si chiama interpretazione ‹misterica› della tragedia greca, letta alla stregua di un rituale di svelamento cui accedono gli iniziati Cito un passo della Nascita della tragedia: «La tragedia greca, nella sua forma più antica, aveva per oggetto solo i dolori di Dioniso […] tutte le figure famose della scena greca, Prometeo, Edipo eccetera, sono soltanto maschere di quell’eroe originario […] L’unico Dioniso veramente reale appare in una molteplicità di figure, nella maschera di un eroe in lotta, ed è per così dire preso nella rete della volontà individuale […] in verità quell’eroe è il Dioniso sofferente dei misteri, quel dio che sperimenta in sé i dolori dell’individuazione, e di cui mirabili miti narrano come da fanciullo fosse fatto a pezzi dai Titani e come poi in questo stato venisse venerato come Zagreus .» 36 Il libro di Nietzsche contribuì a rilanciare nelle poetiche del primo Novecento europeo il mito orfico di Dioniso Zagreo, interpretato metaforicamente come mito della lacerazione dell’io lirico e della relativa palingenesi E D’Annunzio fu uno dei primi ad intercettare questa corrente artistica . 37 Il passaggio più eclatante di tale ricezione mi pare individuabile nel finale del primo libro delle Laudi, Maia (1903), laddove viene evocata la visione dello Zagreo rinato dopo la dilacerazione (XXI, vv 64 - 76): 38 Io vidi Zagrèo, che i Titani co’ vólti coperti d’argilla entrati nell’antro segreto sgozzarono e poi crudelmente dilacerarono, io vidi su l’erba il rinato Zagrèo al soglio del bosco dormire 2_IH_Italienisch_72.indd 44 06.11.14 10: 27 4 5 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco Non vidi mai sonno più dolce né più profondo, o Nutrice La sua barba d’oro era fatta D’ali d’uno sciame splendente che gli pendea dalla bocca aperta qual d’arnie forame Credo che l’interpretazione nietzscheana del mito di Dioniso Zagreo abbia condizionato molto D’Annunzio, sia per quanto concerne i contenuti della poesia sia per la riflessione sull’arte tragica Nel caso specifico di Maia, dove sono disseminati molteplici rimandi e le allusioni a testi della tradizione orfica, si può immaginare che il poeta intenda suggerire un’identificazione tra se stesso e il divino cantore Orfeo, e la parusìa finale del dio sia da intendere come il traguardo e il compimento di un viaggio lirico iniziatico . 39 dionisiaco e superominismo In conclusione vale la pena esprimere qualche considerazione sul rapporto che si instaura nella poetica dannunziana tra il concetto di dionisiaco e quello di Superuomo Si è già accennato in precedenza come la ricezione dannunziana del pensiero di Nietzsche ruoti prevalentemente attorno alla nozione di Übermensch, molto più che attorno a quella di dionisiaco Si tratta, in effetti, di costruzioni teoriche separate e distinte, nel senso che la teoria del dionisiaco elaborata nella Nascita della tragedia è precedente a quella dell’Übermensch (la cui prima teorizzazione risale agli anni 1883 - 1884 con lo Zarathustra), anche se nel tardo Nietzsche i due piani tendono ad incrociarsi Quando Nietzsche parla di effetto dionisiaco del tragico allude al dissolvimento dell’io soggettivo, alla sparizione di un soggetto unitario capace di abbracciare e selezionare il molteplice L’ideale di Übermensch - ossia di un tipo di uomo nuovo, sorto dalla critica radicale di tutte le tradizioni estetiche, morali e religiose, liberatosi da ogni forma di trascendenza, immerso nel presente, in una piena e totale affermazione delle sue facoltà animali e istintuali - appare in una fase successiva Si tratta sostanzialmente di un tentativo estremo di via di fuga dal proprio nichilismo: dalla consapevolezza della nullità di ogni ideale scaturisce la scoperta che la volontà di potenza è la vita stessa Abbiamo a che fare, in fin dei conti, con una nuova dimensione esistenziale, frutto amaro di una disillusione senza speranza sulla vita, che porta con sé la necessità di accettare anche la sofferenza D’Annunzio è interessato a valorizzare del Superuomo lo spirito antiborghese e antipopolare immaginando un’etica aristocratica che mira a tradursi immediatamente in programma politico All’inattualità di Nietzsche sostituisce una concreta dimensione poli- 2_IH_Italienisch_72.indd 45 06.11.14 10: 27 4 6 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini tica da spendere nell’immediato I concetti nietzscheani sono tradotti nella direzione del vitalismo, desiderio di predominio Viceversa, il tema della sofferenza assunta eroicamente su di sé (che era centrale della visione superoministica di Nietzsche e soprattutto per la componente dionisiaca e tragica della questione) risulta assente L’eroismo è sempre ansia di azione, mai tendenza alla sofferenza . 40 Insomma l’Übermensch di Nietzsche è destinato al dolore e alla ricerca del dolore in un’ascesi senza fine, il superuomo di D’Annunzio mira a volontà e azione Manca la dimensione etica e metafisica abstract. Obwohl D’Annunzio Die Geburt der Tragödie (1872) nur oberflächlich und aus zweiter Hand kannte, war seine Rezeption von Nietzsches Ästhetik des Tragischen und insbesondere der Kategorie des ‹Dionysischen› trotzdem bedeutungsvoll und fruchtbar Seine Rezeption begleitet und antizipiert einige Aspekte der künstlerischen Arbeit von Autoren wie Borchardt, Rilke, George, Benn, Hofmannsthal, Pannwitz, Thomas Mann und Musil Dieses Essay stellt die grundlegenden Stufen dieser Konzeption unter besonderer Berücksichtigung des Artikels «La rinascenza della tragedia» (1897), des Dramas La città morta (1896) und des Romans Il trionfo della morte (1894) dar Nach Ansicht D’Annunzios hat das ‹Dionysische› einerseits eine Funktion in der Beschreibung der ekstatischen, durch die Musik erzielten Wirkung des tragischen Schauspiels, und andererseits bei der Charakterisierung von Personen im Drama (mit Verstärkung der dunklen, gewalttätigen Elemente, die sich auf die Auflösung der Individualität beziehen) Für D’Annunzio steht das ‹Dionysische› aber vor allem für die Entwurzelung des Einzelnen und die bedingungslose Akzeptanz des Lebens in allen seinen Facetten (einschließlich Schmerz, Leid und Freude an der Selbst-Vernichtung) Note 1 Il testo de Il caso Wagner è pubblicato in G D’Annunzio, Scritti giornalistici, vol 2, a cura di A Andreoli, Milano: Mondadori 2003, pp 233 - 251 Citazione a p 234 s 2 G D’Annunzio, Per la morte di un Distruttore, compreso in Elettra Testo in: Versi d’amore e di gloria, vol 2, a cura di A Andreoli e N Lorenzini, Milano: Mondadori 1984, pp 344 - 356 Per l’analisi e l’interpretazione di questo componimento è fondamentale il saggio di E Mariano, «Nietzsche D’Annunzio, e le ‹Laudi›», in: D’Annunzio e la cultura germanica Atti del VI Convegno internazionale di Studi Dannunziani (Pescara, 3 - 5 maggio 1984), Pescara: Centro Nazionale di Studi Dannunziani 1985, pp 129 - 195 3 G D’Annunzio, La bestia elettiva, in: Scritti giornalistici, vol 2, cit ., pp 86 - 94 4 G Tosi, «D’Annunzio découvre Nietzsche (1892 - 1894)», in: Italianistica 2, 1973, pp 481 - 513 5 La bibliografia al proposito è lunga Mi limito a ricordare alcuni studi significativi: E Garin, «Nietzsche in Italia», in: Rivista critica di storia della filosofia 30, 1975, 2_IH_Italienisch_72.indd 46 06.11.14 10: 27 47 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco pp 104 - 108; G Michelini, Nietzsche nell’Italia di D’Annunzio, Palermo: Flaccovio 1978, pp 89 - 136; F Piga, Il mito del superuomo in Nietzsche e D’Annunzio, Firenze: Vallecchi 1979; D .M Fazio, Il caso Nietzsche. La cultura italiana di fronte a Nietzsche, 1872 - 1940, Milano: Marzorati 1988; A Negri, «Il ‹superuomo› di Nietzsche e l’uomo ‹multanime› di D’Annunzio», in: D’Annunzio europeo Atti del Convegno internazionale (Gardone Riviera - Perugia, 8 - 13 maggio 1989), a cura di P Gibellini, Roma: Lucarini 1991, pp 389 - 407; G Baldi, L’inetto e il superuomo. D’Annunzio tra ‹decadenza› e ‹vita ascendente›, Torino: Scriptorium 1996; G Penzo, «Interpretazioni italiane del superuomo di Nietzsche Da D’Annunzio ad oggi, nell’orizzonte della differenza», in: Studium 85, 1989, pp 341 - 358 6 F Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Leipzig: Fritzsch 1872 Per il testo si fa riferimento all’edizione compresa in: Sämtliche Werke Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, hrsg von G Colli und M Montinari, Bd 1, München: DTV 2 1988, pp 9 - 156 Traduzione italiana di Sossio Giametta in: Opere di Friedrich Nietzsche, edizione italiana diretta da G Colli e M Montinari, vol III, tomo I, Milano: Adelphi 1972, pp 1 - 163 7 Tutti i testi della polemica sorta attorno al libro di Nietzsche, nella quale intervennero oltre a Wilamowitz, anche Erwin Rohde e Richard Wagner sono raccolti nel volume Der Streit um Nietzsches «Geburt der Tragödie», hrsg von K Gründer, Hildesheim: Olms 1969, e tradotti in italiano in: La polemica sull’arte tragica, a cura di F Serpa, Firenze: Sansoni 1972 Per una sintetica ricostruzione della querelle cfr G Ugolini, Guida alla lettura della ‹Nascita della tragedia› di Nietzsche, Roma - Bari: Laterza 2007, pp 148 - 160 8 S George, Der siebente Ring (1907), in: Sämtliche Werke, Bd 6 / 7, Stuttgart: Klett- Cotta 1986 George creò per altro attorno a sé un cenacolo di iniziati che vedevano in Nietzsche un punto di riferimento imprescindibile e che si proponevano un rinnovamento della cultura tedesca in senso elitario e conservatore 9 R Borchardt, Bacchische Epiphanie Textkritisch herausgegeben und mit einem Nachwort von B Fischer, München: Schriften der Rudolf Borchardt-Gesellschaft 1992 10 Sulla dimensione dionisiaca di Morte a Venezia, in riferimento soprattutto alle Baccanti di Euripide, cfr il saggio di A M Belardinelli, «Dioniso e il dionisismo: le ‹Baccanti› di Euripide e ‹La Morte a Venezia› di Thomas Mann», in: Dionysus ex machina 3, 2012, pp 202 - 225 11 Sul rapporto Musil / Nietzsche cfr S Barbera - G Campioni, «‹Passione della conoscenza› e distruzione dei miti Musil e Nietzsche», in: Studi Tedeschi 23, 1980, pp 357 - 419; A Venturelli, «Die Kunst als fröhliche Wissenschaft Zum Verhältnis Musils zu Nietzsche», in: Nietzsche-Studien 9, 1980, pp 302 - 337; Ch Dresler-Brumme, Nietzsches Philosophie in Musils Roman «Der Mann ohne Eigenschaften». Eine vergleichende Betrachtung als Beitrag zum Verständnis, Frankfurt a M .: Athenäum 1987 12 Lo testimonia chiaramente l’amico e traduttore Georges Hérelle: «La sola lingua straniera che conoscesse era il francese; e di solito era grazie alle traduzioni francesi che si iniziava alla letteratura inglese, tedesca etc .» (G Hérelle, Notolette dannunziane, a cura di I Ciani, Pescara: Centro Nazionale di Studi Dannunziani 1984, p 16) Le ricerche di Guy Tosi e Emilio Mariano hanno dimostrato quanto fosse scarso il grado di conoscenza dell’opera nietzscheana da parte di D’Annunzio: cfr G Tosi, D’Annunzio découvre Nietzsche, cit e E Mariano, «La genesi del ‹Trionfo della morte› e Friedrich Nietzsche», in: Trionfo della morte Atti del III convegno internazionale di Studi Dannunziani (Pescara, 22 - 24 aprile 1981), a cura di E Tiboni e L Abrugiati, Pescara: Centro Nazionale di Studi Dannunziani 1983, pp 143 - 193, in particolare pp 153 - 158 e pp 169 - 180 2_IH_Italienisch_72.indd 47 06.11.14 10: 27 4 8 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini 13 Bari: Laterza 1907 Tale traduzione fu per altro recensita da Benedetto Croce in: La critica IV, 1907, pp 311 - 314, il quale inquadrava l’opera nel solco della tradizione classico-romantica, sulla scia di Goethe, Schiller e Schlegel, e ne dava una valutazione largamente positiva («genia-lissimo libro») Su una rivista italiana (Rivista Europea di Firenze, diretta da Angelo De Gubernatis) era apparsa, per altro, nel 1872 la prima recensione in assoluto della Geburt der Tragödie, nella quale da un lato si contestava un eccesso della dimensione metafisica rispetto a quella storica, ma dall’altro si sottolineava la «novità di vedute e di applicazioni» 14 A travers l’oeuvre de F. Nietzsche Extraits de tous ses ouvrages par P Lauterbach et Ad Wagnon, Paris: Schulz 1893 Sarebbe, tuttavia, un errore ipotizzare che d’Annunzio avesse potuto ricavare da tale antologia una conoscenza sia pure basilare del libro di Nietzsche, dal momento che essa riserva alla Naissance de la Tragédie non più di tre brevi passaggi per un totale di una pagina e tre righe (pp 1 - 2) 15 Malwida von Meysenburg, scrittrice, sostenitrice delle teorie wagneriane, amica di Nietzsche e residente in Italia, aveva contribuito a destare un po’ d’interesse attorno alla figura del filosofo tedesco Sugli influssi wagneriani cfr E Paratore, «D’Annunzio e Wagner», in: D’Annunzio e la cultura germanica Atti del VI Convegno internazionale di Studi Dannunziani (Pescara, 3 - 5 maggio 1984), Pescara: Centro Nazionale di Studi Dannunziani 1985, pp 101 - 116, e P Zoboli, La rinascita della tragedia. Le versioni dei tragici greci da D’Annunzio a Pasolini, Lecce: Pensa Multimedia 2004, pp 11 ss 16 A Conti, La beata riva. Trattato dell’oblìo, a cura di P Gibellini, Venezia: Marsilio 2000, p 34 e p 76 17 P Gibellini, Logos e mythos. Studi su Gabriele d’Annunzio, Firenze: Olschki 1985, p 19 18 Alla domanda «Tu intendi di ristabilire su la scena il Coro? » il Maestro del Fuoco risponde enunciando il proprio programma: «Oh, no! Io non voglio risuscitare una forma antica; voglio inventare una forma nuova, obbedendo soltanto al mio istinto e al genio della mia stirpe, così come fecero i Greci quando crearono quel meraviglioso edifizio di bellezza, non imitabile, che è il loro drama» Quindi spiega che solo fondendo insieme le arti (musica, poesia, danza) in un’unica struttura ritmica sarà possibile raggiungere «un effetto comune e totale» (G D’Annunzio, Il fuoco, in: Prose di romanzi, vol 2, a cura di E Raimondi e N Lorenzini, Milano: Mondadori 1989, p 356) Cfr P Treves, «Il teatro greco e il Maestro del ‹Fuoco›», in: D’Annunzio a Venezia. Atti del Convegno (Venezia, 28 - 30 ottobre 1988), a cura di E Mariano, Roma: Lucarini 1991, pp 103 - 118 19 G D’Annunzio, Scritti giornalistici, vol 2, cit ., pp 262 - 265 20 Ivi, p 262 21 Ivi, p 263 22 Ibidem 23 Ibidem 24 Sulle citazioni nietzscheane di queste pagine cfr P Zoboli, La rinascita della tragedia, cit ., p 23 s 25 G D’Annunzio, La rinascenza della tragedia, in: Scritti giornalistici, vol 2, cit ., p 265 26 Testo de La città morta in G D’Annunzio, Tragedie, sogni, misteri, a cura di A Andreoli e G Zanetti, Milano: Mondadori 2013, vol 1, pp 91 - 224 Per un inquadramento del dramma alla luce delle fonti greche: I Benfante, «Fonti greche e mediazioni francesi nella ‹Ville morte›», in: D’Annunzio europeo Atti del Convegno internazionale (Gardone Riviera - Perugia, 8 - 13 maggio 1989), a cura di P Gibellini, Roma: Lucarini 1991, pp 133 - 147 2_IH_Italienisch_72.indd 48 06.11.14 10: 27 4 9 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco 27 Cfr F Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, cit ., pp 65 - 67; trad ital cit ., pp 65 - 67 Per l’interpretazione del mito di Edipo in Nietzsche cfr G Ugolini, «Friedrich Nietzsche, il mito di Edipo e la polemica con Wilamowitz», in: Quaderni di Storia 34, 1991, pp 41-61 28 Cfr il saggio di M Ann Frese Witt, «D’Annunzio’s Dionysian Women: The Rebirth of Tragedy in Italy», in: Nietzsche and the Rebirth of the Tragic, ed by M Ann Frese Witt, Madison, NJ: Fairleigh Dickinson University Press 2007, pp 72 - 103 29 G D’Annunzio, La città morta, in: Tragedie, sogni, misteri, vol 1, cit ., p 125 Sul personaggio di Leonardo rimando alle osservazioni di G Baldi, L’inetto e il superuomo, cit ., pp 273 ss 30 L’espressione è usata per esempio nei riguardi di Giorgio Aurispa nel Trionfo della morte (G D’Annunzio, Prose di romanzi, vol 1, a cura di E Raimondi, A Andreoli, N Lorenzini, Milano: Mondadori 1988, p 855) 31 Nuova Antologia 74, 1939, pp 386 - 397, rist in: Pagine stravaganti di un filologo, Firenze: Le Lettere 1994, vol 2, pp 190 - 204 32 F Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, cit ., pp 135 - 140; trad it cit ., pp 139 - 145 33 Il trionfo della morte, in: G D’Annunzio, Prose di romanzi, vol 1, cit p 987 34 Ivi, p 924 35 A travers l’oeuvre de F. Nietzsche, cit ., pp 89 - 91 36 F Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, cit ., pp 71 s .; trad it cit ., p 71 s 37 D’Annunzio possedeva la traduzione francese della Geburt der Tragödie, uscita col titolo L’Origine de la Tragedie, ou Hellénisme et pessimisme, a cura di Jacques Morland e Jean Marnold (Parigi: Mercure de France 1901) Su tale copia, conservata al Vittoriale, ci sono segni di sottolineatura in corrispondenza del passaggio sul mito di Dioniso Zagreo 38 Cito da D’Annunzio, Versi d’amore e di gloria, vol 2, cit ., p 251 39 Cfr a tal proposito S Sitzia, «Dopo Die Geburt der Tragödie: il mito di Dioniso Zagreo in Italia e in Russia nel primo Novecento», in Between 1 .2 (2011), p 4 (http: / / www .between-journal .it) Il passo nietzscheano sullo Zagreo viene riecheggiato da D’Annunzio anche nella premessa al dramma in prosa Più che l’amore del 1905 D’Annunzio paragona il personaggio di Corrado Brando, protagonista del proprio pezzo teatrale, con le grandi figure del teatro greco classico «sotto il cui velame si celavano gli aspetti del dio doloroso, dello Zagreo lacerato dai Titani, ch’era la sola persona tragica presente sempre nel drama primitivo come il Christus patiens nel nostro Mistero o nella nostra Lauda Il dio si manifestava per atti e per parole in un eroe solitario, esposto al desiderio, alla demenza, al delitto, al patimento, alla morte» (D’Annunzio, Tragedie, sogni e misteri, cit ., vol 2, p 12) Del protagonista spiega inoltre che «L’ebbrezza della volontà accumulata è, in lui, simile alla frenesia dionisiaca» (ibidem), che «Nel delirio orgiastico della musica egli riconosce e adora il suo nume patetico» (ivi, p 13) Brando cade preda di un «sonno selvaggio» che D’Annunzia paragona al sonno catalettico e rituale delle Baccanti di Euripide (vv 863 - 868): la gioia di disparire è rappresentata come ‹eterna gioia del divenire›, sparire dentro l’unità originaria (ivi, p 13) 40 Cfr L Battaglia, «Un Superuomo troppo umano», in: D’Annunzio e il suo tempo: un bilancio critico. Atti del Convegno di studi (Genova, 19-20-22-23 settembre 1989, Rapallo, 21 settembre 1989), a cura di F Perfetti, Genova: SAGEP 1995, vol 2, pp 97 - 114, qui p 105 s 2_IH_Italienisch_72.indd 49 06.11.14 10: 27 50 D’Annunzio e il dionisiaco Gherardo Ugolini bibliografia Testi Borchardt, R .: Bacchische Epiphanie . Textkritisch herausgegeben und mit einem Nachwort von B . Fischer . München: Schriften der Rudolf Borchardt-Gesellschaft 1992 D’Annunzio, G .: Versi d’amore e di gloria, vol . 2, a cura di A . Andreoli e N . Lorenzini Milano: Mondadori 1984 D’Annunzio, G .: Prose di romanzi, vol . 1, a cura di E . Raimondi, A . Andreoli, N Lorenzini . Milano: Mondadori 1988 D’Annunzio, G .: Prose di romanzi, vol . 2, a cura di E . Raimondi e N . Lorenzini Milano: Mondadori 1989 D’Annunzio, G .: Scritti giornalistici, vol . 2, a cura di A . Andreoli . Milano: Mondadori 2003 D’Annunzio, G .: Tragedie, sogni, misteri, a cura di A . Andreoli e G . Zanetti . Milano: Mondadori 2013 George, St .: Der siebente Ring, in: Sämtliche Werke, Bd . 6 / 7 . Stuttgart: Klett-Cotta 1986 Nietzsche, F .: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik . Leipzig: Fritzsch 1872 . (Traduzione italiana di Sossio Giametta in: Opere di Friedrich Nietzsche, edizione italiana diretta da G . Colli e M . Montinari, vol . III, tomo I, Milano: Adelphi 1972, pp . 1 - 163 .) Nietzsche, F .: Le origini della tragedia ovvero Ellenismo e pessimismo (traduzione di Mario Crosi e Attilio Rinieri) . Bari: Laterza 1907 A travers l’oeuvre de F. Nietzsche . Extraits de tous ses ouvrages par P . Lauterbach et Ad . Wagnon . Paris: Schulz 1893 Testi critici Baldi, G .: L’inetto e il superuomo. D’Annunzio tra ‹decadenza› e ‹vita ascendente› Torino: Scriptorium 1996 Barbera, S . - Campioni, G .: «‹Passione della conoscenza› e distruzione dei miti . Musil e Nietzsche», in: Studi Tedeschi 23, 1980, pp . 357 - 419 Battaglia, L .: «Un Superuomo troppo umano», in: D’Annunzio e il suo tempo: un bilancio critico. Atti del Convegno di studi (Genova, 19 - 20 - 22 - 23 settembre 1989, Rapallo, 21 settembre 1989), a cura di F . Perfetti, Genova: SAGEP 1995, vol . 2, pp . 97 - 114 Belardinelli, A . M .: «Dioniso e il dionisismo: le ‹Baccanti› di Euripide e ‹La Morte a Venezia› di Thomas Mann», in: Dionysus ex machina III, 2012, pp . 202 - 225 Benfante, I .: «Fonti greche e mediazioni francesi nella ‹Ville morte›», in: D’Annunzio europeo . Atti del Convegno internazionale (Gardone Riviera - Perugia, 8 - 13 maggio 1989), a cura di P . Gibellini, Roma: Lucarini 1991, pp . 133 - 147 Conti, A .: La beata riva. Trattato dell’oblìo, a cura di P . Gibellini . Venezia: Marsilio 2000 Dresler-Brumme, Ch .: Nietzsches Philosophie in Musils Roman «Der Mann ohne Eigenschaften». Eine vergleichende Betrachtung als Beitrag zum Verständnis, Frankfurt a . M .: Athenäum 1987 Fazio, D .M .: Il caso Nietzsche. La cultura italiana di fronte a Nietzsche, 1872-1940 Milano: Marzorati 1988 2_IH_Italienisch_72.indd 50 06.11.14 10: 27 51 Gherardo Ugolini D’Annunzio e il dionisiaco Frese Witt, M . Ann: «D’Annunzio’s Dionysian Women: The Rebirth of Tragedy in Italy», in: Nietzsche and the Rebirth of the Tragic, ed . by M . Ann Frese Witt, 2 Madison, NJ: Fairleigh Dickinson University Press 2007, pp . 72 - 103 Garin, E .: «Nietzsche in Italia», in: Rivista critica di storia della filosofia 30, 1975, pp . 104 - 108 Mariano, E .: «Nietzsche . D’Annunzio, e le ‹Laudi›», in: D’Annunzio e la cultura germanica . Atti del VI Convegno internazionale di Studi Dannunziani (Pescara, 3 - 5 maggio 1984), Pescara: Centro Nazionale di studi dannunziani 1985, pp . 129 - 195 Gibellini, P .: Logos e mythos. Studi su Gabriele d’Annunzio . Firenze: Olschki 1985 Hérelle, G .: Notolette dannunziane, a cura di I . Ciani, Pescara: Centro nazionale di Studi Dannunziani 1984 Mariano, E .: «La genesi del ‹Trionfo della morte› e Friedrich Nietzsche», in: Trionfo della morte . Atti del III convegno internazionale di Studi Dannunziani (Pescara, 22 - 24 aprile 1981), a cura di E . Tiboni e L . Abrugiati, Pescara: Centro Nazionale di Studi Dannunziani 1983, pp . 143 - 193 Michelini, G .: Nietzsche nell’Italia di D’Annunzio . Palermo: Flaccovio 1978 Negri, A .: «Il ‹superuomo› di Nietzsche e l’uomo ‹multanime› di D’Annunzio», in: D’Annunzio europeo . Atti del Convegno internazionale (Gardone Riviera - Perugia, 8 - 13 maggio 1989), a cura di P . Gibellini, Roma: Lucarini 1991, pp . 389 - 407 Paratore, E .: «D’Annunzio e Wagner», in: D’Annunzio e la cultura germanica . Atti del VI Convegno internazionale di Studi Dannunziani (Pescara, 3 - 5 maggio 1984), Pescara: Centro Nazionale di Studi Dannunziani 1985, pp . 101 - 116 Pasquali, G .: «Classicismo e classicità di Gabriele D’Annunzio», in: Nuova Antologia 74, 1939, pp . 386 - 397, rist . in: Pagine stravaganti di un filologo, Firenze: Le Lettere 1994, vol . 2, pp . 190 - 204 Penzo, G .: «Interpretazioni italiane del superuomo di Nietzsche . Da D’Annunzio ad oggi, nell’orizzonte della differenza», in: Studium 85, 1989, pp . 341 - 358 Piga, F .: Il mito del superuomo in Nietzsche e D’Annunzio . Firenze: Vallecchi 1979 La polemica nell’arte tragica, a cura di F . Serpa . Firenze: Sansoni 1972 Sitzia, S .: «Dopo Die Geburt der Tragödie: il mito di Dioniso Zagreo in Italia e in Russia nel primo Novecento», in Between 1 .2 (2011), pp . 1 - 15 (http: / / www .between-journal .it) Der Streit um Nietzsches «Geburt der Tragödie», hrsg . von K . Gründer, Hildesheim: Olms 1969 Tosi, G .: «D’Annunzio découvre Nietzsche (1892 - 1894)», in: Italianistica 2, 1973, pp . 481 - 513 Treves, P .: «Il teatro greco e il Maestro del ‹Fuoco›», in: D’Annunzio a Venezia . Atti del Convegno (Venezia, 28 - 30 ottobre 1988), a cura di E . Mariano, Roma: Lucarini 1991, pp . 103 - 118 . Ugolini, G .: «Friedrich Nietzsche, il mito di Edipo e la polemica con Wilamowitz», in: Quaderni di Storia 34, 1991, pp . 41 - 61 Ugolini, G .: Guida alla lettura della ‹Nascita della tragedia› di Nietzsche, Roma - Bari: Laterza 2007 Venturelli, A .: «Die Kunst als fröhliche Wissenschaft . Zum Verhältnis Musils zu Nietzsche», in: Nietzsche-Studien 9, 1980, pp . 302 - 337 Zoboli, P .: La rinascita della tragedia. Le versioni dei tragici greci da D’Annunzio a Pasolini . Lecce: Pensa Multimedia 2004 2_IH_Italienisch_72.indd 51 06.11.14 10: 27 52 Es ist an der Zeit, dass auch in der Zeitschrift «Italienisch» die Diskussion über Nutzen und Grenzen der digitalen Medien und des Internet geführt wird Längst werden Studiengänge in der Disziplin der ‹Digital Humanities› angeboten und digitale Medien haben in Forschung und Lehre an den Universitäten auch in den Geisteswissenschaften Einzug gehalten In diesem Kontext versteht sich der folgende Beitrag als Anregung an Vertreterinnen und Vertreter des Fachs an Schulen und Hochschulen, weitere Aufsätze zu dem Thema vorzulegen und die hier vorgebrachten Thesen zu vertiefen und zu diskutieren (Herausgeber und Redaktion) T hoMas kre F e L d / sT e P ha N Lü C ke / Isab e L VoN e hrL I C h digitalianistica. die italienische Philologie unterwegs in die digital humanities Anna log (immer) . Die Gitta L lügt weniger emergenz eines Paradigmas Die Schlagworte, mit denen die großen wissenschaftsgeschichtlichen Strömungen belegt werden, sind in der Regel ambivalent; sie liefern zwar bequeme Label, bezahlen ihre schnelle und flächendeckende Verbreitung jedoch mit erheblichen inhaltlichen Unschärfen Der heuristisch zu verstehende Ausdruck digital humanities (= DH) ist ebenso wie seine synonymen Konkurrenten humanities computing, eHumanities (z B http: / / www .cceh .uni-koeln .de/ ), gegen die er sich zunehmend durchsetzt, in dieser Hinsicht paradigmatisch: Er bezeichnet einerseits alle Optionen, die sich für die Geistes- und Sozialwissenschaften aus den so genannten Neuen Medien 1 ergeben, also neue Formen der sprachlichen Kommunikation, neue Formen der Textgenese und Rezeption, neue Wege der Datenerhebung und -analyse, neue Formen der Forschungskooperation und andererseits die daraus entstehende Notwendigkeit neuer theoretischer Modellierungen Der Ausdruck ist übrigens erst aufgekommen, nachdem sich ganze Forschungsrichtungen, wie zum Beispiel die Korpuslinguistik, längst konstituiert hatten Die ganz selbstverständliche Adaption und Integration digitaler Techniken hatte eine «Ausdifferenzierung» (Jannidis 1999) der etablierten Fächer zur Folge, etwa in Gestalt der Computerphilologie und Computerlinguistik, ohne dass während dieses progressiven Übergangs zunächst der Eindruck eines wirklichen Paradigmenwechsels entstanden wäre Die Begriffsgeschichte von DH und damit einhergehend ein nicht zuletzt auch terminologisch greifbarer Paradigmenwechsel hingegen ist relativ jung: 2001 brachte John Unsworth, der Gründungsdirektor des Institute for Advan- 2_IH_Italienisch_72.indd 52 06.11.14 10: 27 53 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica ced Technology in the Humanities der Universität Virginia die Termini erstmals in dieser Verbindung als Titelvorschlag für den inzwischen kanonischen Blackwell Companion to Digital Humanities auf (Schreibman / Siemens / Unsworth 2004) . 2 Spätestens seit 2006, als sich eine jährliche Konferenzserie, die ebenfalls bereits seit den 80er Jahren Wissenschaftler aus IT- und Geisteswissenschaften zusammenbrachte, schlicht in «Digital Humanities» umbenannte, wurde der Ausdruck zum Standard «Digital Humanities», zuletzt in Lausanne (DH 2014), ist inzwischen der weltweit größte und wichtigste internationale Kongress in diesem Bereich (vgl zur Geschichte der DH Kirschenbaum 2012 und Hockey 2004) Auch in Italien haben sich inzwischen zahlreiche universitäre Institute, Exzellenzinitiativen («centri d’eccellenza») und Vereinigungen zur Koordination der neuen Initiativen gebildet: die älteren von ihnen noch unter Bezeichnungen wie linguistica computazionale oder Informatica umanistica; die umgekehrte Gewichtung dieses zuletzt genannten Ausdrucks verbirgt übrigens die eigentliche Herausforderung der humanities durch Zuweisung an die Informatik (vgl z B in Orlandi 2007 und 2012) In italianistischen Publikationen der letzten Jahre hingegen hat sich ebenfalls meist die Bezeichnung DH durchgesetzt (Vgl Fiormonte 2012) . 3 In der sich nunmehr abzeichnenden Wahrnehmung eines Paradigmenwechsels spiegelt sich deutlich die totale Durchsetzung der sozialen Medien und des so genannten Web 2 .0 in allen Sphären unserer Lebenswelt seit ca 2003 wider; markant sind die Starts von Myspace 2003, Facebook 2004, Twitter 2006, Googlemaps 2005 u .a (vgl Jones 2014, S 4) Auch die Institutionalisierung der DH ist mittlerweile unübersehbar Ganz abgesehen von den nationalen und internationalen Fachverbänden (<http: / / www .dig-hum .de/ ueber-dhd> und <http: / / www .umanisticadigitale .it/ >) wurden in Deutschland ebenso wie in Italien mehrere einschlägige Lehrstühle und Studiengänge eingerichtet (http: / / dig-hum .de/ sites/ dig-hum .de/ files/ cceh_broschuereweb .pdf) Ganz sicher handelt es sich aber bei den DH nicht um ein «interdisziplinär ausgerichtetes Fach», wie es im Eintrag der deutschsprachigen Wikipedia heißt (http: / / de .wikipedia .org/ wiki/ Digital_Humanities) Zwar ist die interdisziplinäre Fundierung im Blick auf die Verschränkung einer spezifischen Disziplin mit der Informationstechnologie konstitutiv, aber von einem ‹Fach› bzw einer ‹Disziplin› im eigentlichen Sinn kann man wegen der Unvergleichbarkeit der Erkenntnisinteressen nicht sprechen Vielmehr handelt es sich um eine Methodologie bzw einen methodologischen Rahmen (ein ‹framework›), der unterschiedlichen Disziplinen gemein ist Mithin schafft die Anwendung mehr oder weniger identischer Technologien und Tools durchaus vielfältige Parallelen und Verknüpfungen zwischen diesen heterogenen Disziplinen, wie es sie im Übrigen auch in früheren Paradigmen, etwa in der Hochzeit des Strukturalismus oder der Semiotik, schon gab Aus den neuen (digitalen) Verknüpfun- 2_IH_Italienisch_72.indd 53 06.11.14 10: 27 5 4 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich gen ergeben sich nun naturgemäß neue Perspektiven und die Möglichkeit neuer interdisziplinärer Erkenntnis Es ist zudem keineswegs nebensächlich, dass auch die IT-Wissenschaften (abgesehen davon, dass sich neue Betätigungsfelder ergeben) profitieren, sich verändern und sich in neue Richtungen weiterentwickeln . 4 Mit der sich etablierenden Bezeichnung ‹Digital Humanities› geht offensichtlich auch eine nachhaltige (Selbst-)Legitimierung digital gestützter oder gar komplett digital und somit zumindest methodologisch quantitativ 5 konzipierter philologischer Forschung einher . 6 Dies ist symptomatisch für die endgültige Überwindung des durch die Moderne geprägten, und vielerorts noch immer geniezentrierten Selbstverständnisses der Geisteswissenschaften . 7 Die gegenwärtigen Ansätze sind oft von dem Versuch gekennzeichnet, einem neuen ‹weiteren› Verständnis der Gegenstände ‹Literatur› und ‹Sprache› gerecht zu werden . 8 Man kann daher von einem neuen Selbstverständnis oder gar einem Aufbruch zu einer neuen epistemologischen Verfassung (etwa einer Ära «Post-Gutenberg») der Disziplinen sprechen, in der die Möglichkeiten der Forschung zwar nicht komplett erneuert, aber auf jeden Fall integriert, entgrenzt und nicht zuletzt neu gedacht werden (müssen) . 9 Eine solche fachgeschichtliche Wende lässt sich aber naturgemäß in aller Klarheit erst retrospektiv beschreiben . 10 Die Disposition der Fächer den skizzierten Paradigmenwechel zu vollziehen ist offenkundig (noch) unterschiedlich stark entwickelt Auch wenn es kaum möglich ist, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, scheinen die textorientierten Disziplinen bisher besonders empfänglich zu sein, und zwar vor allem dann, wenn es gilt, Audio- oder Bildmaterialien einzubinden und somit Hypertexte zu generieren Ein unangefochten akzeptierter Einsatz digitaler Techniken, der hier schon fast keiner Erwähnung mehr bedarf, findet sich außerdem in der Editionsphilologie mit unzähligen Projekten digitaler Auszeichnung (meist mit TEI - Text Encoding Initiative) der Werke kanonischer Autoren . 11 Im Bereich der Sprachwissenschaften im Allgemeinen, und der Erforschung gesprochener Sprache im Besonderen (sei sie dialekt- oder standardnah) darf man jedoch sagen, dass die DH gewissermaßen zur ‹Entphilologisierung› dieses Fachs beitragen Einen punktuellen, aber vielleicht nicht ganz zufälligen Eindruck gibt das LMU Center for Digital Humanities (IT-Gruppe Geisteswissenschaften; http: / / www itg uni-muenchen de/ index html); dort wurden oder werden in Zusammenarbeit mit den Fächern Ägyptologie, Anglistik, Finno-Ugristik, Hebraistik, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte, Romanische Philologie, Slavistik, Theaterwissenschaft und Europäische Volkskunde 23 Projekte entwickelt, von denen immerhin 18 um sprachliche Daten zentriert sind (darunter sind übrigens allein vier romanistisch-italianistische Unternehmungen) Auffällig ist im 2_IH_Italienisch_72.indd 54 06.11.14 10: 27 55 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica Umfeld der beteiligten Fakultäten die schwache Präsenz der Geschichtswissenschaften, unter denen z B die Archäologie vollkommen fehlt Es bietet sich vor dem skizzierten Horizont ein prototypisches Verständnis der DH an, die idealerweise den folgenden, allgemeinen Ansprüchen genügen sollten (1) Die empirische Grundlage der Forschung besteht in Daten (vgl Schöch 2013), d h in digital kodierten und strukturierten oder mindestens strukturierbaren Einheiten, unabhängig davon, ob es sich um originär erhobene, sekundär digitalisierte Daten oder um eine Kombination beider Typen handelt Dabei werden in Abhängigkeit vom Forschungsgegenstand möglichst umfangreiche Datenbestände angestrebt Die Methode ist also immer quantitativ und weitgehend induktiv Eine ausschließlich deduktive Arbeit ist in der Perspektive der DH nicht sinnvoll (2) Die Forschungskommunikation erfolgt unter den medialen Bedingungen des Internets Dadurch ergibt sich einerseits ganz selbstverständlich die Möglichkeit, bei der Publikation unterschiedliche Medien (Schrift, Ton, Bild, Film, u a .) oder unterschiedliche Gattungen (Text, Kommentar, kritischer Apparat, Wörterbuch, Grammatik) hypertextuell zu verflechten; andererseits können die als Forscher und/ oder Probanden beteiligten Personen kontinuierlich miteinander kommunizieren und kooperieren (3) Isolierte Individualforschung ist nicht mehr sinnvoll Um den notwendigen Schritt von «big data» zu «smart big data» oder umgekehrt, von «smart data» zu «smart big data» zu bewältigen, ist crowdsourcing ein unbedingt notwendiger Vorgang . 12 Anne Burdick ersehnt - vielleicht etwas utopisch - einen «state of ‹ubiquituos scholarship›, of evermore interconnected, publicly engaged, participant citizens» (Burdick 2012, S 30) Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass das «read-only»-Ethos der alten Geisteswissenschaften von einem «read/ write/ rewrite»-Ethos abgelöst werden wird (Vgl Porsdam 2013) Vor allem aber ist das Spezialwissen von IT-Wissenschaftlern effizient mit dem Wissen des Geisteswissenschaftlers zu fusionieren Das ist bislang nur in sehr wenigen Fällen in ein und derselben Person gegeben; überdies ist gerade das Ideal des autonomen, so- 2_IH_Italienisch_72.indd 55 06.11.14 10: 27 56 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich zusagen enzyklopädischen, wenn nicht genialischen Individualforschers mittlerweile verblasst (4) Das Ziel der Forschung besteht vorrangig nicht mehr darin, das resultierende Wissen in abgeschlossenen medialen Gegenständen zu materialisieren und dauerhaft niederzulegen; vielmehr entstehen Forschungsplattformen, die grundsätzlich und auch in längerer Perspektive modifiziert und erweitert werden können, obwohl die Garantie einer dauerhaften Verfügbarkeit technisch noch schwer umzusetzen ist (vgl hierzu die wichtige CLARIN- D-Forschungsinfrastruktur <http: / / de .carin .eu/ de/ home .html>) DH-Projekte lassen sich leicht so einrichten, dass sekundär Publikationen auf dinglichen Trägermedien erzeugt werden, wie etwa die Druckoption des in vielerlei Hinsicht exemplarischen Tesoro della Lingua Italiana delle Origini (http: / / tlio .ovi .cnr .it/ TLIO/ ) zeigt Aber eine ausschließlich auf Produkte wie Bücher, CDs oder DVDs zielende Forschung ist nicht mehr sinnvoll Definitorisch grundlegend ist das aus fachwissenschaftlicher Sicht zunächst unscheinbare Kriterium(1), denn es liefert die Voraussetzungen für (2), (3) und (4) Es ist daher notwendig, auf diese unabdingbare Basis ausführlicher einzugehen das digitale in den digital humanities Das «Digital» im Kontext der Humanities weist auf einen Umstand, der möglicherweise nicht allen, die sich der einschlägigen Ressourcen, Konzepte und Methoden bedienen, in vollem Umfang und letzter Konsequenz bewusst ist: Sämtliche Daten liegen entweder bereits in Gestalt von binären kodierten Daten vor oder müssen vor dem Einsatz entsprechender Methoden in diese Gestalt überführt werden (sog «Digitalisierung») De facto stellt sich das Datenmaterial als eine endliche Reihe bestehend aus den Ziffern 0 und 1 dar Computer können - und daran wird sich auch in der Zukunft niemals etwas ändern - Daten ausschließlich in diesem Format verarbeiten Dieses zunächst banal anmutende Faktum bedingt eine ganze Reihe von Konsequenzen, deren Kenntnis grundlegend für den souveränen und fruchtbringenden Umgang mit digitalen Daten ist Ganz wesentlich ist dabei, dass Daten im Zuge einer digitalen Abbildung grundsätzlich in der einen oder anderen Weise «kodiert» werden müssen (vgl Renear 2004) Dies beginnt bereits auf der Ebene der elementarsten Bestandteile eines Textes: den einzelnen Buchstaben Durch die Beschränkung auf das duale Zahlensystem müssen sämtlichen Buchstaben - 2_IH_Italienisch_72.indd 56 06.11.14 10: 27 57 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica und natürlich auch den übrigen Zeichen, aus denen Texte üblicherweise bestehen, wie Zahlen, Satzzeichen und sogar dem Spatium - Zahlenwerte zugewiesen werden Fundamental für das Funktionieren eines solchen Systems ist die Etablierung und Einhaltung von Kodierungsstandards Im Bereich der Zeichenkodierung am bekanntesten und weitesten verbreitet sind der «American Standard Code for Information Interchange» (ASCII) und der sog «Unicode» Parallel dazu existieren bis heute konkurrierende und von den genannten teils abweichende Kodierungen, z B die ISO-8859-Familie In den weiteren Kontext der Zeichenkodierungsthematik, aber nicht mit dieser im engeren Sinn zu verwechseln, gehören auch die verschiedenen Verfahren zur - möglichst ökonomischen - Abbildung der dualen Zahlenwerte auf Frames zu je acht Bit, die als «Bytes» bezeichnet werden und in allen gängigen Betriebssystemen (Windows, Unix inklusive Mac OS X) als rechnerische Basiseinheit fungieren Das bekannteste dieser Verfahren ist utf-8, daneben existiert eine Vielzahl weiterer, von denen durchaus einige, wie z B utf-16 oder utf-32, immer noch Verwendung finden Aus Sicht eines Literatur- oder Sprachwissenschaftlers ist die Kenntnis dieser Konzepte und Verfahren insofern unverzichtbar, als diese sich unmittelbar auf das Funktionieren von Suchen nach Zeichenmustern oder, auf höherer Ebene, nach Inhalten sowie - vielleicht weniger wichtig - auf Sortierreihenfolgen auswirken Im schlimmsten Fall kann die Nichtbeachtung dieser Thematik dazu führen, dass mühsam zusammengetragene Textkorpora in inhomogener Zeichenkodierung vorliegen und somit praktisch unbrauchbar sind Voraussetzung für eine sprach- und literaturwissenschaftliche Analyse unter Einsatz von DH-Methoden ist demnach das Vorliegen eines - aus einem oder mehreren Texten bestehenden - Textkorpus in homogener Zeichenkodierung Das Konzept der Kodierung ist nicht auf die Ebene der einzelnen Zeichen beschränkt, sondern setzt sich gleichsam nach oben in die Bereiche komplexerer inhaltlicher Kategorien fort Dabei ist es durchaus unterschiedlich, welche und wie solche Kategorien «höherer» Art in den elektronischen Texten kodiert werden So müssen beispielsweise Überschriften als solche gekennzeichnet/ kodiert werden Im traditionellen Buchsatz erfolgte dies mit den Mitteln der Typographie, also etwa durch das Setzen in Majuskeln, durch Fettdruck oder auch durch Einrückungen Textverarbeitungs- oder sog Desktoppublishingprogramme waren und sind bemüht, diese traditionellen Konzepte in die digitale Welt zu übertragen und den Nutzern die Anmutung des auf Papier gedruckten Textes zu vermitteln (WYSIWYG - ‹What you see is what you get›) In der Realität freilich sind auch diese Programme dazu gezwungen, die entsprechenden Informationen in Gestalt binärer Zahlen zu kodieren Anders als auf der Ebene der Zeichenkodierung hatten sich diesbe- 2_IH_Italienisch_72.indd 57 06.11.14 10: 27 5 8 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich züglich jedoch lange keine Standards durchgesetzt oder vielfach, noch problematischer, war die entsprechende Kodierung nicht dokumentiert und blieb also ein Geheimnis der Softwareproduzenten Mit dem Aufkommen der sog Extensible Markup Language (XML) hat sich dies nun ein wenig geändert und entsprechende Kodierungen sind nunmehr transparent und nachvollziehbar Als Beispiel mag das weit verbreitete Programm Microsoft Word, hier in der Version 2010, dienen Die beiden folgenden Abbildungen zeigen den Anfang des Secretum von Francesco Petrarca («De secreto conflictu curarum mearum») Abbildung 1 zeigt den Anfang des Textes in der vom Buchdruck her gewohnten Weise, so wie das Programm Word ihn auf dem Bildschirm präsentiert: 13 Abbildung 1: Microsoft Word 2010, traditionelle Kodierung mittels Typographie (WYSIWYG) Aufgrund der typographischen Auszeichnung ist der Leser dazu in der Lage, die einzelnen Textteile bestimmten Kategorien wie ‹Überschrift erster Ordnung›, ‹Überschrift zweiter Ordnung›, ‹eigentlicher Text› etc zuzuordnen Die computergerechte Kodierung sieht notgedrungen anders aus Zusätzlich zum ‹eigentlichen› Text müssen sämtliche Informationen wie etwa die Schriftgestalt, Zeilenausrichtung und -abstände, Einrückungen etc unter Verwendung von binären Zahlen kodiert werden . 14 Im Prinzip, d h sofern der Urheber der Datei keine entsprechenden Label (z B Formatvorlagen ‹Überschrift 1› etc .) verwendet hat, bleiben dabei semantische Kategorien weitgehend unberücksichtigt Sieht man sich die oben abgebildete Datei mit einem als ‹Editor› bezeichneten Bearbeitungsprogramm an, ergibt sich folgendes Bild: 15 2_IH_Italienisch_72.indd 58 06.11.14 10: 27 59 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica Abbildung 2: Microsoft Word-Dokument im XML-Format in der Ansicht des Editors gVIM Für eine sprach- oder literaturwissenschaftliche Analyse dürften die meisten der hier kodierten Informationen in aller Regel irrelevant sein Es erscheint daher vernünftig, Kodierungssysteme zu verwenden, die gezielt und ausschließlich Informationen enthalten, die im Sinne des jeweiligen Erkenntnisinteresses von Bedeutung sind, wobei die entsprechende Auswahl von eben jenem abhängt und daher nicht allgemeingültig definiert werden kann In diesem Zusammenhang empfiehlt sich die Verwendung der eben erwähnten Editoren und die Abspeicherung der Daten in reinen Textdateien, die keine anderen Informationen enthalten, als den blanken Text, aus dem sie bestehen Eine Möglichkeit, den soeben präsentierten Petrarca-Text im Sinne dieses Konzepts einzurichten, könnte so aussehen: Abbildung 3: Individuelle Informationskodierung (Pseudo-XML) Das hier angewandte Verfahren der Informationskodierung unter Verwendung sog Tags, also Metadaten zwischen spitzen Klammern, deren Bezug jeweils 2_IH_Italienisch_72.indd 59 06.11.14 10: 27 6 0 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich durch Anfangs- (<quodlibet>) und End-Tag (</ quodlibet>) eindeutig angegeben ist und die in nahezu beliebiger Tiefe geschachtelt werden können, ist der XML entlehnt Von echtem XML kann man in diesem Fall jedoch nicht sprechen, da hierfür die Einhaltung komplexer und klar definierter Syntaxregeln erforderlich ist Da dergleichen recht aufwendig ist, ist die Definition und Anwendung solcher individueller, an XML angelehnter Informationskodierung pragmatisch und so lange legitim, wie es nicht um Datenaustausch mit Dritten, Publikation oder gar Langzeitarchivierung geht Selbstverständlich sind auf diese Weise auch literarische bzw literaturwissenschaftliche - ebenso wie sprachwissenschaftliche - Kategorien kodierbar So lassen sich beispielsweise Gedichtpassagen innerhalb eines Prosatextes mit entsprechenden ‹Tags› (<gedicht>…</ gedicht> oder <lyrik>…</ lyrik>) umfassen Das skizzierte System ist im Prinzip beliebig erweiterbar und in sich robust, Voraussetzung ist lediglich die logische Konsistenz des gewählten oder entworfenen Tag-Repertoires sowie eine gewisse Sorgfalt bei der entsprechenden Auszeichnung der Korpustexte (Achten auf Orthographie der Tags, strukturelle Integrität etc .) . 16 Dergestalt etikettierte und strukturierte Daten können also im Prinzip beliebige und beliebig viele Informationen in kodierter Form enthalten Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass entsprechend aufbereitete Texte nach wie vor als Fließtext vorliegen und in gewohnter Weise lesbar sind - sämtliche ‹Tags›, also Zeichenfolgen zwischen spitzen Klammern, können, bei Verwendung geeigneter Programme und bei Bedarf, problemlos aus- und eingeblendet werden Im Hinblick auf rechnergestützte Analysen quantitativer Art allerdings bevorzugen die Autoren dieses Artikels das relationale Datenformat, in dem sämtliche Daten in Tabellen organisiert und abgespeichert werden Zur Illustration bilden wir hier das oben gegebene Textbeispiel in relationaler Gestalt ab: Abbildung 4: Relationale Datenstruktur 2_IH_Italienisch_72.indd 60 06.11.14 10: 27 61 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica Dies ist die Datenstruktur, die in relationalen Datenbanken wie etwa MySQL Verwendung findet Weitere Kategorien von Metadaten, z B textkritischer Art (Varianten) oder metrischer Art (Versform), usw können ebenso wie im Fall XML-artiger Strukturierung jederzeit nachträglich hinzugefügt werden In diesem Fall erfolgt das durch Erweiterung der Tabelle um zusätzliche, in ihrer Anzahl theoretisch unbegrenzte, Kolumnen, in der Fachsprache der Datenbanken auch als ‹Attribute› bezeichnet Datenbankmanagementsysteme (DBMS) wie MySQL sind problemlos dazu in der Lage, den ursprünglichen Fließtext - im Bedarfsfall auch unter Einbindung beliebig vieler Attribute - zu ‹resynthetisieren› oder in XML-(artiger)-Gestalt zu exportieren Folgende Abbildung zeigt die in Abbildung 4 präsentierten Daten als Fließtext ohne und mit Einbindung ausgewählter Metadaten: Abbildung 5: Relational strukturierte Daten in Fließtextgestalt Zwar ist auch die Konvertierung von XML-Strukturen in ein relationales Datenformat grundsätzlich möglich, nach unseren bisherigen Erfahrungen erscheint der umgekehrte Weg jedoch technisch einfacher realisierbar Ein großer Vorteil speziell relationaler Datenbanken besteht in der vergleichsweise hohen Geschwindigkeit, in der quantifizierende Berechnungen vorgenommen werden können Es liegt in der Natur eines Computers, dass sich damit in erster Linie quantitative Analysen durchführen lassen: Die Geräte sind dazu in der Lage, in großer Geschwindigkeit große Mengen an Text quantifizierend zu durchleuchten Es lässt sich auf diese Weise eine ganze Reihe von ‹Kennzahlen› ermitteln und zueinander in Beziehung setzen So ist es, um bei oben gewähltem Beispiel zu bleiben, möglich, die Anzahl von Gedichten und deren Verteilung innerhalb eines Prosatextes festzustellen Es ließe sich die durchschnittliche Länge der Gedichte berechnen, und generell können alle Werte auf bestimmte textexterne Parameter wie etwa ‹Textgattung›, ‹Autor›, ‹Entstehungsepoche›, ‹Entstehungsort› etc bezogen und zueinander in Beziehung gesetzt werden Die sich ergebenden Zusammenhänge lassen sich über ihre gemeinsame Geo- und Chronoreferenzierung visualisieren Dabei ist der Computer natürlich stets nur ausführendes Organ Relevanz und Aussagekraft der mit diesen Methoden gewonnenen Ergebnisse können nur und müssen vom Menschen bewertet werden 2_IH_Italienisch_72.indd 61 06.11.14 10: 27 62 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Aus methodischer Perspektive ist in diesem Zusammenhang z B ein heuristisches Vorgehen denkbar, das auf ein Wechselspiel zwischen induktiver Ermittlung spezifischer Kennzahl-Relationen (neben den bereits genannten z B Type-Token-Relation, Z-Score, usw .; der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt: Möglich wären beispielsweise auch Parameter wie die durchschnittliche Wortlänge oder das Verhältnis von Vokalen zu Konsonanten) für bekannte Textparameter und deduktivem Rückschluss auf korrelierende Kategorien in bis dato nicht analysierten Texten oder Textpassagen abzielt Ein solcher Ansatz ist im Hinblick auf Fragen nach Urheberschaft oder Entstehungszeit eines Textes oder auch seine diesbezügliche Homogenität naheliegend Der Italiener Franco Moretti, einer der Pioniere quantitativer Forschung in den Literaturwissenschaften, schlägt in seinem Aufsatz «Trees» (Moretti 1997) etwa vor, auf diese Weise (als morphologischen Vergleich), die historische Entwicklung der sog ‹erlebten Rede›, des «free indirect style» 17 in den großen europäischen narrativen Texten von 1800 - 2000 aufzuzeigen In dem kurzen Absatz geht er unter anderen auf die sozial-politischen Implikationen dieses im 19 Jahrhundert aufkommenden revolutionären narratologischen Verfahrens ein, das weder direkte Rede noch indirekte Rede ist und den Leser im Unklaren darüber lässt, ob es sich um subjektive Figurenrede oder (vermeintlich) objektive Erzählerrede handelt: «Emotions plus distance: it is truly a peculiar mix, […] Placed as it is halfway between social doxa and the individual voice, free indirect style is a good indicator of their changing balance of forces, of which the tree offers a schematic visualization .» (Moretti 2005, S 81 - 85) Franco Moretti erläutert sein methodisches Vorgehen in dem Text leider nicht näher - möglicherweise handelt es sich noch um analog gewonnene quantitative Ergebnisse -, aber es kann davon ausgegangen werden, dass das erstmals 1887 in der Zeitschrift für romanische Philologie beschriebene Verfahren der erlebten Rede, als Mischform von direkter und indirekter Rede, von Erzähler- und Figurenperspektive, 18 anhand linguistischer Annotation in einer relationalen Tabelle gut digital erfasst werden kann: Formal lässt sich die erlebte Rede mit Hilfe einer Kombination von positiven und negativen Merkmalen suchen, die jedes für sich genommen unspezifisch für diese Erzähltechnik sind: kein redeeinleitendes Sprechaktverb, dritte Person, kein Präsens, lokal- und temporaldeiktischer Bezug zum hic-et-nunc der Figur (und nicht des Erzählers), Gesprächswörter und Modalpartikel, die eigentlich für die direkte Rede charakteristisch sind Ein willkürliches Beispiel für einen Satz in erlebter Rede 2_IH_Italienisch_72.indd 62 06.11.14 10: 27 6 3 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica könnte sein: «Morgen war Ferragosto», oder aber ein italienisches Beispiel aus Niccolò Ammanitis L’ultimo capodanno della umanità: «Cristiano Carucci aveva in testa tre possibilità per sfangare quella maledettissima notte […] In programma quella sera [hic-etnunc] c’era [Vergangenheitstempus; 3 Person] la megaspinellata di capodanno [subjektive Figurenperspektive] e il concerto degli Animal Death .» (Ammaniti 1996, S 11) Da die aufgezeigten sprachlichen Kategorien in annotierten digitalen Texten rasch aufgespürt werden können, lassen sich auch umfangreiche Korprora nach Vorkommnissen der erlebten Rede durchforsten, so dass historische Entwicklungen, Abhängigkeiten hervortreten und sich die Differenzierung von Gattungsmerkmalen aufzeigen lässt . 19 Im Sinne des diesem Aufsatz vorangestellten Mottos ist schließlich noch hervorzuheben, dass sämtliche auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse stets bis zur darunterliegenden Datenbasis zurückverfolgbar und somit verifizierbar sind, wodurch ihnen selbst wie auch allen darauf fußenden Schlüssen und Thesen ein besonderes Maß an Autorität und Relevanz verliehen wird Es sei darauf hingewiesen, dass es im Internet eine Reihe von Programmen und Online-Tools gibt, die mehr oder weniger komfortable Lösungen für quantitative Analysen von Texten und ganzen Textkorpora anbieten und deren Stärke nicht selten in unterschiedlichen und teils aufwendigen Visualisierungsoptionen in Form von Diagrammen besteht Eine - sicherlich nicht vollständige - Liste solcher Dienste und Programme findet sich im Anhang Forschungshorizont Da quantitative Analyse immer nur dann möglich ist, wenn die zugrunde gelegten Einheiten hinreichend definiert sind, und da die grundlegende Struktur von Sprache sehr viel klarer auf positive Art zu definieren ist als diejenige von ‹Text› oder gar ‹Literatur›, scheint es im Bereich der Textwissenschaften sinnvoll, aus einer gemeinsamen Perspektive zu operieren Das bedeutet ganz konkret, dass der Versuch unternommen werden muss, literarische Phänomene über sprachliche und somit ‹rechenbare› Merkmale zu beschreiben und womöglich in Bezug zu anderen, demographischen, politischen, ökonomischen etc Daten zu setzen Im Blick auf den philologischen Kernbereich eröffnet sich auf digitaler Grundlage zweifellos ein neu gewonnenes, oder: wiedergewonnenes, Feld der Zusammenarbeit von Literaturwissenschaft und Linguistik Ist die Linguistik seit jeher daran gewohnt, Fragestellungen quantitativer Art zu 2_IH_Italienisch_72.indd 63 06.11.14 10: 27 6 4 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich entwickeln, gelingt das der Literaturwissenschaft meist über den Umweg des (genuin sprachwissenschaftlichen) Strukturalismus . 20 Die Initiative ‹DH› ist indes aber kein ‹Rückschritt› mit aktualisierten Tools, sondern kann und muss die theoretischen Vorarbeiten des Strukturalismus ebenso wie die des Poststrukturalismus konstruktiv zur Gewinnung neuer Erkenntnisse - auch und vor allem außerhalb des philologischen Kontexts und bezüglich des spezifischen Einzelfalls - nutzbar machen Es wurde vielerorts polemisch die Befürchtung geäußert, dass die natürliche Kontingenz literarischer/ künstlerischer Phänomene auf Grund von Durchschnittsberechnungen verlustig ginge Tatsächlich birgt die Abstraktion die Gefahr, das Besondere durch das Allgemeine zu überdecken Es ist doch gerade das Besondere, der überraschende Einzelfall das, was Literatur immer wieder aufs Neue ausmacht Mit diesem Paradoxon gilt es sich unbedingt auseinanderzusetzen! Sicherlich können errechnete Standards die Interpretation des «besonderen» Texts nicht ersetzen Den Einzelfall müssen Verfahren des ‹close-reading› beschreiben Dennoch: Wenn Moretti zugespitzt formuliert: «Reading ‹more› seems hardly to be the solution» (Moretti 2000), hat er nicht ganz unrecht Denn nur über eine große (qualifizierte) Menge an Daten können wir die Abweichungen vom (tatsächlichen) Standard einer Literatur - sei es einer Epoche, eines Autors oder eines geographischen Zusammenhangs - überhaupt erst erkennen und eben den Einzeltext finden, den andernfalls vielleicht gar niemand gelesen hätte Das Vorgehen hat sich in Zeiten von DH also nicht in jeder Hinsicht verschlankt Im Gegenteil entstehen nun zwei Schritte: (1) «Es muss […]abstrahiert werden von den kontingenten Elementen, um die stabilen, dauerhaften Elemente zu ermitteln» (Jannidis 1999) Daraus können wichtige Schlüsse insbesondere für die Literatur- und Sprachgeschichte gezogen werden (2) Vor dem Hintergrund von (1) erhalten die notwendigen Einzelfallanalysen und Interpretationen eine ebenso transparente wie solide historische Kontextualisierung Es ist also keineswegs zu befürchten, dass den Literatur- und Sprachwissenschaften durch die neuen Technologien ein Aufgabenbereich abhanden kommt, sondern im Gegenteil zeichnet sich eine bedeutsame Erweiterung der möglichen Erkenntnisziele und formulierbaren Fragen ab Fragen an einen immer wieder neu zu definierenden Gegenstand 2_IH_Italienisch_72.indd 64 06.11.14 10: 27 6 5 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica Hinzu kommt die Chance einer wesentlich breiteren gesellschaftlichen Wahrnehmung geisteswissenschaftlicher Argumentation und Erkenntnisinteressen durch die digitale Infrastruktur und Methoden wie crowdsourcing sowie die neue interdisziplinäre Kooperation genuin unterschiedlicher Fächer wie der IT-Wissenschaften und der Geisteswissenschaften Mindestens ebenso wichtig wie die bloße Bereitstellung und Entwicklung der Tools ist die tatsächliche und fundierte Wissensvermittlung in alle Richtungen zwischen den Fachkulturen: so kann einerseits dem Philologen ein kritischer Umgang mit den Medien und Tools erst ermöglicht werden, der neben dem Bewusstsein für die Möglichkeiten auch die Grenzen und Gefahren kennt, und andererseits werden dem IT-Spezialisten philologische Entwicklungen, spezielle Fragestellungen und Erkenntnisziele, auch analoger (! ) Art, nicht vorenthalten Nur aus einem möglichst exhaustiven gegenseitigen Verständnis kann wirklich effiziente Kollaboration entstehen Helle Porsdam, Altphilologin und Professorin für Amerikanistik an der Universität Kopenhagen hat sich jüngst in einem Papier für «a better balance between the ‹how› and the ‹what› of DH» ausgesprochen Ihrem Plädoyer, als Antwort auf das Manifest von Burdick et al 2012 21 «for a qualitative turn of sorts away from an interest in gaining and making accessible more information only, to an interest in also making sense of and understanding that information» darf man sich wohl anschließen Die humanities sind zweifellos aufgefordert, der kritischen Interpretation der gewaltigen Informationsmasse den Weg zu weisen In diesem Sinne wollen wir abschließend den folgenden, von Domenico Fiormonte lancierten Appell weitergeben: «in questo delicato momento di passaggio di formato della nostra memoria culturale, gli umanisti [sono] chiamati a dare un contributo non in veste di semplici fornitori o consumatori di contenuti, ma come creatori e architetti delle nuove forme della conoscenza .» 22 abstract Oggigiorno il passaggio delle scienze umanistiche alle digital humanities è inevitabile Che piaccia o no, sono ormai pochi coloro si ostinano a non (volere) riconoscere la formazione di un nuovo orizzonte di ricerca In linea di massima esso è caratterizzato da quattro fattori: (1) La base empirica è costituita da dati digitali, la cui struttura sia possibilmente già stata annotata a prio-ri; i metodi sono quantitativi e in larga misura induttivi (2) La comunicazione scientifica si svolge in base alle condizioni dettate da internet, combinando e incrociando media diversi (testo, audio, immagine, film ecc .) e generi diversi (corpus, lessico, apparato critico, grammatica ecc .) (3) Il lavoro (progettuale) 2_IH_Italienisch_72.indd 65 06.11.14 10: 27 66 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich diventa maggiormente collaborativo, fino a mettere fortemente in dubbio l’ideale del ricercatore e del genio individuale (4) La registrazione dei risultati sotto forma esclusivamente materiale e circoscritta (libri, cd, dvd) non è più adatta alla comunicazione scientifica mediata da internet; va quindi sostituita con piattaforme di ricerca che possono essere costantemente modificate e arricchite sia dal punto di visto empirico che metodologico anmerkungen 1 Hier wird ein pragmatischer Medienbegriff zugrunde gelegt, der alle Verfahren und Mittel die durch neue, digitale Technologien ermöglicht werden impliziert Sabine Heuser definiert «Neue Medien» in diesem Sinne als einen «multifunktionalen Verbund, der digitale und herkömmliche Medien mittels Computer verbindet Der digitale Code ist universell und kann alle analogen Zeichensysteme verarbeiten, deshalb ist er nicht nur intermedial sondern transmedial» (Heuser 2008, S 468) 2 Der «Companion to DH» sollte anfangs «A Companion to Humanities Computing» oder «Companion to Digitized Humanities» heißen, wurde dann aber aus ideologischen Gründen unter dem bekannten Titel publiziert, «to shift the emphasis away from simple digitization» (vgl Kirschenbaum 2012, S 3) Brett Bobley, Chief Information Officer des National Endowment for the Humanities (http: / / www .neh .gov/ ) in den USA, das unter seiner Führung 2006 die Digital Humanities Initiative (http: / / www .dhinitiative .org/ ) gegründet hatte, erklärt in diesem Zusammenhang bezeichnenderweise: «[…] ‹digital humanities› implied a form of humanism .« (Ebd ., S 4) 3 Domenico Fiormonte (Università Roma Tre) setzt sich in mehreren Artikeln detailliert mit nicht anglo-amerikanischer Institutionalisierung der DH auseinander, vgl insbesondere auch Numerico/ Fiormonte/ Tomasi (2010) und den von Fiormonte gemeinsam mit Paolo Sordi betriebenen Blog: http: / / infolet .it/ 4 Dies ist z B bei der fachwissenschaftlichen Operationalisierung des sogenannten crowdsourcing der Fall; aus dieser facettenreichen wissenschaftlichen Herausforderung ergeben sich auch für die Informatik zahlreiche Impulse 5 Christof Schöch weist zurecht darauf hin, dass «language, texts, paintings, and music are semiotic systems that have dimensions beyond the physically measurable, dimensions which depend on semantics and pragmatics, that is on meaning in context For this latter reason particularly, speaking of ‹data› [also dem per definitionem ‹Quantifizierbaren›] in the humanities is problematic and has been challenged .» Er verweist auf die Möglichkeit eine semantisch präzisere und weniger problematische Terminologie zu verwenden wie dies von Joanna Drucker vorgeschlagen wird, «[who] prefers to speak of ‹capa› instead of data, literally ‹that which has been captured or gathered›, underlining the idea that even the very act of capturing data in the first place is oriented by certain goals, done with specific instruments, and driven by a specific attention to a small part of what could have been captured given different goals and instruments In other words, capturing data is not passively accepting what is given, but actively constructing what one is interested in .» (Schöch 2013, S 3) 6 Die Methoden und Erkenntnisziele der Literaturwissenschaften galten ja seit dem späten 17 Jahrhundert bis mindestens in die 60er Jahre des 20 Jahrhunderts (produktiver Höhepunkt des Strukturalismus als interdisziplinäre Forschungsrichtung) als gerade nicht 2_IH_Italienisch_72.indd 66 06.11.14 10: 27 67 Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich Digitalianistica quantitativ formulierbar, oder formalisierbar und ob der Subjektivität ihres Gegenstandes, um eine je individuelle, textnahe (‹close reading›! ) Lektüre von Artefakten bemüht Derrida spricht von Literatur als «eine[r] Institution, die alle referentialisierenden Bedeutungszuweisungen als trügerische Referenzen unterläuft» (Derrida, Acts, zit nach Jannidis 2009, S 4) 7 Vgl für eine kurze Begriffsgeschichte z B Simonis (2008) Um ein rezentes italienisches Beispiel für den ‹Geniekult› zu nennen, sei Andrea Cortelassa (2011) auf der Suche nach einer zeitgemäßen Positions- und Aufgabenbestimmung des Literaturwissenschaftlers in dem - im Grunde sehr gelungenen - Sammelband dove siamo. nuove posizioni della critica zitiert Er beruft sich auf keinen geringeren als Pier Paolo Pasolini, wenn er den Intellektuellen im Allgemeinen und den Literaturwissenschaftler im Besonderen stilisiert als «colui che sa, ma non ha le prove» [Hervorhebung im Original] (S 18) 8 Eine intensive Diskussion um Forschungsgegenstand und Erkenntnisinteresse der Philologischen Fächer und im speziellen um die definitorischen Grenzen von Text und Literatur begann bereits in den 70er Jahren; die Publikationen zum Thema sind seit der digitalen Wende fast unüberschaubar: es sei hier, stellvertretend, für den deutschen Raum, auf den 2009 erschienene Sammelband re/ visionen. Grenzen der Literatur, hrsg von Simone Winko, Fotis Jannidis und Gerhard Lauer verwiesen Für den italienischen Sprachraum vgl z B Matteo di Gesù (2011) 9 Vgl auch Porsdam (2012): «The more widespread the use of digital technology becomes, and the more humanities scholars start working through as opposed to merely with computers, the more important it becomes for us to look at the ways in which digital technologies transform knowledge production and scholarly research .» (§7) 10 Vgl z B das einleitende Plädoyer von Jannidis/ Lauer/ Winko (2009) für eine radikale Historisierung und damit einen pragmatischen Literaturbegriff (S 3 - 40) 11 Dazu muss bemerkt werden, dass ohne diese großen und teils sehr arbeits- und kostenintensiven Projekte um digitale Editionen, welche wissenschaftlich mit Metadaten aufbereiteten Text zur Verfügung stellen, kaum weitere qualitative digitale Forschung in den Textwissenschaften möglich ist Vgl dazu Schöch 2013: «Only smart big data enables intelligent quantitative methods» (S 11) Vgl z B das Dante Dartmouth Project: http: / / dantelab .dartmouth .edu/ und http: / / dante .dartmouth .edu/ ) 12 Vgl Schöch 2013 Schöch argumentiert sehr aufschlussreich wie und warum crowdsourcing und automatic (linguistic) annotation Hand-in-Hand gehen müssen und werden (Ebd ., S 10) 13 Quelle: http: / / www .liberliber .it/ mediateca/ libri/ p/ petrarca/ de_secreto_conflictu_ curarum_ mearum/ pdf/ de_sec_p .pdf (22 .09 .14) .67 14 In Fiormonte 2008, S 77 (Esempio 3) findet sich ein Beispiel für die Syntax einer XML-TEI- Kodierung eines Autographs mit unterschiedlichen, zu verschiedenen Zeitpunkten wieder verworfenen Varianten von Valerio Magrelli 15 Eine Microsoft Word-Docx-Datei ist eigentlich ein ZIP-Archiv, in dem eine ganze Reihe von Einzeldokumenten im XML-Format mit unterschiedlicher Funktion zusammengefasst ist Das hier abgebildete XML-Dokument «document .xml» enthält den eigentlichen Text der Docx-Datei 16 Unterstützung bei der Arbeit mit XML-Dateien bzw XML-artigen Daten bieten einschlägige Programme wie z B Oxygen Diese verhindern versehentliches Eingeben nicht vorgesehener Tags oder Syntaxverstöße wie etwa das Vergessen korrespondierender End- Tags 17 Italienisch: stile indiretto libero 2_IH_Italienisch_72.indd 67 06.11.14 10: 27 6 8 Digitalianistica Thomas Krefeld / Stephan Lücke / Isabel von Ehrlich 18 Hinter dem Erzähler wird unweigerlich der Autor vermutet, was insbesondere bei der Rezeption von Romanen mit personaler Erzählhaltung zu Mehrdeutigkeiten und Rezeptionsschwierigkeiten führen kann; das historisch vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist der Skandal um Madame Bovary 19 Hier ist selbstverständlich auch mit Unschärfen oder gar mit der Unmöglichkeit der Umsetzung zu rechnen: Der Versuch jedoch bedarf im Sinne der heuristischen Methode keiner Rechtfertigung 20 Literarizität und Poetizität, also die Eigenschaften, die bei sprachlichen Äußerungen überhaupt erst das Literarische ausmachen, sind aber in der neueren literaturtheoretischen Diskussion längst keine rein ästhetischen, nur ‹gefühlten› Merkmale mehr So findet man im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft unter dem Lemma ‹Literarizität› die Bedeutung «(1) eine besondere Art der Sprachverwendung […], die Syntax bzw Grammatik (Kohäsion), Semantik (Referenz) und Pragmatik (situativer Bezug) betrifft .» Diese Kategorien kann die Linguistik längst ‹rechnen›! 21 Anne Burdick, Digital Humanities, Cambridge, Mass u .a .: MIT Press 2012 22 Domenico Fiormonte, «Pragmatica Digitale Paratesti, Microtesti e ‹Metatesti› nel Web,» in: Dardano, Maurizio/ Frenguelli, Gianluca/ De Roberto, Elisa, Testi Brevi. Atti del Convegno internazionale di studi (Università Roma Tre, 8-10 giugno 2006), Roma: Aracne 2008 bibliographie Alfano, Giancarlo et . al . (2011): dove siamo. nuove posizioni della critica letteraria Palermo: duepunti edizioni Ammaniti, Niccolo (1996): «L’ultimo capodanno dell’umanità», in: ders ., Fango, Milano: Mondadori, S . 7-136 Burdick, Anne (2012): Digital Humanities . Cambridge, Mass . u .a .: MIT Press Cortelassa, Andrea (2011): «Intellettuali, Anni Zero,» in: Alfano et . al . (2011), S . 15-35 Dante Dartmouth Project: http: / / dantelab .dartmouth .edu/ und http: / / dante .dartmouth edu/ (Zugriff am 21 .9 .2014) Fotis Jannidis (1999): «Was ist Computerphilologie? ,» in: Jahrbuch für Computerphilologie 1 . URL: http: / / computerphilologie .uni-muenchen .de/ jahrbuch/ jb1/ jannidis-1 html (Zugriff am 21 .9 .2014) Fiormonte, Domenico (2008): «Pragmatica digitale . 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Tesoro della Lingua Italiana delle Origini, URL: http: / / tlio .ovi .cnr .it/ TLIO/ (Zugriff am 21 .9 .2014) Tools a) Editoren - vim: http: / / www .vim .org - jEdit: http: / / www .jedit .org/ - notepad++: http: / / notepad-plus-plus .org/ - Oxygen: http: / / www .oxygenxml .com/ ; XML-Editor (kostenpflichtig) b) Textanalyse - catma computer aided textual markup & analysis: http: / / www .catma .de/ - Google ngram viewer: https: / / books .google .com/ ngrams - juxta commons: http: / / juxtacommons .org/ Kollationierungstool, Editionsphilologie - mallet: http: / / mallet .cs .umass .edu/ topics .php ‘topic-modelling’, entdeckt thematische Strukturen - MySQL: http: / / www .mysql .de/ - R: http: / / www .r-project .org/ ’Statistical Computing’ - TreeTagger: http: / / www .cis .uni-muenchen .de/ ~schmid/ tools/ TreeTagger/ Part-of- Speech (POS) Tagging - tropes: http: / / www .semantic-knowledge .com/ tropes .htm, (kostenpflichtig) - txm: http: / / textometrie .ens-lyon .fr/ spip .php? article67&lang=en Textométrie, POS- Tagging- Unix-Tools: http: / / www .cygwin .com/ - Voyant-Tools: http: / / voyant-tools .org/ Visualisierungen, Clouds, tabellarisierte Wortfrequenzen, Kontextanalyse 2_IH_Italienisch_72.indd 70 06.11.14 10: 27 71 biblioteca poetica Mario Luzi: Muore ignominiosamente la repubblica Muore ignominiosamente la repubblica Ignominiosamente la spiano i suoi molti bastardi nei suoi ultimi tormenti Arrotano ignominiosamente il becco i corvi nella stanza accanto Ignominiosamente si azzuffano i suoi orfani, si sbranano ignominiosamente tra di loro i suoi sciacalli Tutto accade ignominiosamente, tutto meno la morte medesima - cerco di farmi intendere dinanzi a non so che tribunale di che sognata equità E l’udienza è tolta (da: Al fuoco della controversia, 1978 1 ) Es stirbt schändlich die Republik Schändlich spähen sie aus ihre vielen Bastarde bei ihren letzten Qualen Es wetzen schändlich den Schnabel die Raben im Nebenraum Schändlich raufen sich ihre Waisen, gegenseitig zerfleischen sich schändlich ihre Schakale Alles geschieht schändlich, alles außer der Tod selbst - ich versuche mir Gehör zu verschaffen vor ich weiß nicht welchem Gericht welcher erträumten Gleichheit Und die Verhandlung wird geschlossen (traduzione di Katharina List) Muore ignominiosamente la repubblica, componimento eponimo di una intera sezione all’interno di Al fuoco della controversia (1978), rappresenta un picco d’intensità - anche formale - nella riflessione di Luzi sull’Italia sconvolta dalle cupe violenze degli ‹anni di piombo› Nel suo complesso Al fuoco della controversia, che Stefano Verdino ha giustamente definito la «raccolta del combattimento», 2 appare costruita su un equilibrio inedito e sorprendente Da una parte risalta infatti l’impegno civile, che già da Onore del vero (1957) e soprattutto con il coraggioso sermo merus affidato ai versiprosa di Nel magma (1963), si dimostra un aspetto ineludibile MarC o M e N I C aC C I 2_IH_Italienisch_72.indd 71 06.11.14 10: 27 72 Muore ignominiosamente la repubblica Marco Menicacci da tempo messo in luce dalle ricerche di Marco Marchi e Daniele Maria Pegorari . 3 Allo stesso tempo però in Al fuoco della controversia, uscito sullo scorcio dei difficili anni Settanta, è saldamente presente anche l’ansiosa contemplazione di una dimensione che trascende l’umano, dimostrandosene tuttavia il centro e la più autentica sostanza: una dimensione che l’occhio della carne può soltanto intravedere e che dunque impone al poeta un ruolo di scriba e testimone del «mai tutto dicibile», del «troppo vivo che sgomina» (Graffito dell’eterna Zarina, III) Incapace di trasformare in pensieri e parole tale ineffabile pienezza, l’uomo ne è spesso un «custode smemorato» che opera nel torbido della confusione e dell’errore, producendo soltanto lo «sconcio farfugliamento / del tempo e del vivente» (In che lingua, in che perso dialetto? , in Il filo perduto dell’avvenimento) Sotto questa luce saranno quindi da interpretare i ritorni al repertorio eletto e prezioso delle stagioni precedenti («torri di luce», «cristalli bruniti», «brulichio stellare», ricercatezze lessicali come «farnetico», «allumacatura», «inframentali»…), che non sono semplicemente lacerti di un Luzi postsimbolista ed ermetico, ma contribuiscono a mettere in crisi le coordinate logiche del discorso per rendere il disorientamento del poeta, diviso tra l’acre concretezza del presente e l’intima sensazione di vivere in un «entrotempo cristiano» (Graffito dell’eterna Zarina, III): un’atmosfera da Limbo, o meglio da Purgatorio, in cui già si fa strada la «forza di nascita» (ibid .) che acquisterà crescente energia propulsiva a partire da Per il battesimo dei nostri frammenti (1985) Significativa è a questo proposito la ricorrenza quasi ossessiva delle immagini di questa forza che sommuove il sovrumano «enigma» della vita: «origine continua», «semina incessante», «perpetuo avvenimento», «mare trepidante dell’origine», «nascita ininterrotta», «trasformazione operante» (Graffito dell’eterna Zarina, II) A tratti si arriva ad un’allegorizzazione dei processi speculativi dell’io lirico in forme narrative che sfiorano l’epos (peraltro antieroico, come già nei poemetti di Nel magma) e il dialogo o monologo tragico, in cui la voce poetica raggiunge momenti di trance, sospesa fra disperazione materiale e slanci verso sovrumane redenzioni Nonostante tutto Luzi evita il canto dispiegato, preferendo sonorità riposte che conferiscono all’intero libro un andamento meditativo, tra diario mistico e salmo o lauda esistenziale, ma sempre perfettamente presente alla realtà storica: frequenti e spesso reiterati gli scatti interrogativi («A che pagina della storia, a che limite della sofferenza - / mi chiedo bruscamente, mi chiedo» recita il titolo-incipit di un vero e proprio manifesto poetico e teologico 4 ), lapidarie le clausole, che non di rado hanno l’aria di un poscritto a guisa di conferma o ripensamento Per tutto, insomma, si fa strada un senso 2_IH_Italienisch_72.indd 72 06.11.14 10: 27 73 Marco Menicacci Muore ignominiosamente la repubblica di dubbio e dolente attesa («Eh chi può dire / se questo brulichio per cui passiamo / sono rottami o spore? […]») che contiene in nuce l’idea della fruttificazione nella marcescenza, Leitmotiv che da Per il battesimo dei nostri frammenti si estenderà fino alle ultime raccolte . 5 Sfogliando Al fuoco della controversia, i versi di Muore ignominiosamente la repubblica s’impongono all’attenzione non solo per la veemenza dell’invettiva: il testo, almeno nella sua portata civile, appare di immediata comprensione e può quindi risultare quasi sorprendente per chi di Luzi conserva l’immagine - imprecisa ma diffusa anche a livello manualistico - del poeta oscuro, difficile, aristocratico, ermetico L’avverbio ignominiosamente funziona da fulcro o canovaccio attorno al quale si annoda, a livello formale e contenutistico, il discorso: non a caso ignominia è la perdita della dignità del nomen, sanzione formale di una manchevolezza che riguarda la sostanza L’efficacia fonetica del lemma ignominiosamente - che tortuosamente si suddivide in ben sette sillabe, ribattendo il proprio significato tra la disturbante invadenza della vocale i e l’inarticolato lamento delle nasali - va parzialmente perduta in quella che sembra l’unica traduzione adeguata: schändlich, riferibile anche etimologicamente ai campi semantici di oltraggio, disonore, scorno, vergogna e vituperio Per rimanere ancora sul piano lessicale, le parole scelte da Luzi esprimono dolore e indignazione in un linguaggio sempre sorvegliato e non certo violento né volgare, tuttavia molto diretto L’invettiva, ad esempio, si serve di vocaboli corposi e ‹infernali› («bastardi», «corvi», «sciacalli»), che possono addirittura ricordare versi di un poeta in genere ritenuto assai lontano da Luzi e che invece gli è sotto vari aspetti sorprendentemente affine: l’implacabile Pier Paolo Pasolini di Alla mia nazione («e cosa sei? Terra di infanti, affamati, corrotti») . 6 Un Pasolini con cui Luzi si era incontrato e scontrato e che, a pochi anni dalla morte, viene ricordato proprio in apertura di Al fuoco della controversia come vittima, insieme a García Lorca e Mandel’štam, dell’indicibile violenza umana (Poscritto) Rispetto a quella di Pasolini, certo, l’invettiva luziana può sembrare troppo vaga, indeterminata o volutamente inoggettiva; un’indignazione più estetica che etica, insomma, in cui vocaboli, immagini e pensieri, pur vigorosi e sinceri, rimangono avvolti in una loro asfittica ricercatezza e, in sostanza, si fermano ad un livello di astratta genericità Oppure, cambiando prospettiva, il discorso di Luzi apparirà semplicemente diverso: epifenomeno di un coinvolgimento non meno sincero e forse anche più tragico nella sua genericità, proprio perché assolutizzato e dunque più che mai diretto alle miserie della situazione umana tout court Tale atteggiamento rientra nel radicale pessimismo che Luzi mostra di avere verso alcuni aspetti della vita umana nella sua contingenza, un pessimismo che tuttavia non esclude ma anzi implica allo 2_IH_Italienisch_72.indd 73 06.11.14 10: 27 74 Muore ignominiosamente la repubblica Marco Menicacci stesso tempo un orizzonte di inquieta, a tratti sfiduciata e tuttavia inarrestabile speranza La prima parte della poesia dipinge infatti un desolante scenario da bellum omnium contra omnes: sempre orribilmente attuali suonano i versi in cui compare una fauna umana che si pasce delle miserie di una nazione in crisi, pescando nel torbido senza il minimo ritegno Poi arriva, teologica e severa, la sigla luziana («meno la morte medesima»), che ripropone un tema centrale, attivo e coerente lungo tutto l’arco della sua produzione: il senso di trepido rispetto nei confronti della dimensione ultraterrena, quella dimensione che per l’uomo comincia con la morte Destino comune a vittime e carnefici, la morte è il mistero che ammutolisce, il dolore che segna la irrimediabile finitezza della nostra condizione esistenziale Allo stesso tempo però lascia intravedere anche la speranza - per il cristiano Luzi la certezza - che la morte (almeno la morte, se non la vita) non sia ‹ignominia›, bensì il momento decisivo di tutta l’esistenza terrena: il passaggio tra terrestre e celeste, l’istante della decisione ultima nel contatto fra il transitorio e l’eterno . 7 L’essere mortali, questo essenziale dettaglio che troppo spesso nel fervore animalesco della vita va dimenticato, resta paradossalmente garanzia di umanità di fronte all’ignominia di cui gli uomini, da vivi, sono capaci E anche se tutto nel mondo può essere ignominia e oscurità, al di là della dimensione terrena balena per Luzi un sogno di giustizia ed equità: il vero, ultimo «tribunale» a cui nessuno può sfuggire Ecco dunque distillata, nei pochi versi di Muore ignominiosamente la repubblica, la sostanza del combattimento esistenziale, ma anche etico e civile, che Luzi mutuando un termine di Miguel de Unamuno chiamerà agonia: «Si instaura qui quella che nella storia, nella lessicografia cristiana si chiama agonia, cioè quel conflitto in cui sembra di doversi riscattare giorno per giorno, ora per ora, dalla condizione in cui l’uso e l’abuso delle cose umane ci configgono […] Questa agonia cristiana diventa anche una specie di indignazione morale e politica di fronte a certe realtà della repubblica moderna, dello stato moderno, della società moderna .» 8 Commento: Marco Menicacci 2_IH_Italienisch_72.indd 74 06.11.14 10: 27 75 Marco Menicacci Muore ignominiosamente la repubblica Note 1 Tutte le poesie di Luzi sono tratte da M Luzi, L’opera poetica, a cura di Stefano Verdino, Milano: Mondadori 2001 Per non appesantire l’apparato a piè di pagina, si indicheranno solo i titoli delle poesie e il nome della raccolta, omettendo i numeri di pagina 2 A Bellariva. Colloqui con Mario, a cura di Stefano Verdino, in: M Luzi, L’opera poetica, cit ., p 1268 3 Per la centralità del tema civile all’interno della poetica luziana si veda: Buio sangue. Poesie civili di Mario Luzi scelte da Marco Marchi, Brescia: Fondazione Calzari Trebeschi / Edizioni L’Obliquo 2008 e Non disertando la lotta: versi e prose civili di Mario Luzi, con l’omaggio di 41 poeti, a cura di Daniele Maria Pegorari, Bari: Palomar 2006 4 Cfr M Luzi, L’opera poetica, cit ., p 474 e relativa nota Ma si veda l’inquieto interrogativo sotteso all’intero componimento intitolato - Dove mi porti viaggio, verso la guarigione? (ibid ., p 476) 5 Ibid .; il tema è stato ampiamente affrontato in Marco Marchi, «Stagioni del seme», in: La Nuova Alleanza, 8, novembre 2000, pp 452 - 7, poi con il titolo «Un viaggio nel viaggio: Simone, il seme», in: Per Luzi, Firenze: Le Lettere 2012, pp 83 - 94 6 La poesia fa parte dei Nuovi epigrammi (1958 - 1959) all’interno della raccolta del 1961 La religione del mio tempo (Pier Paolo Pasolini, Tutte le poesie, a cura e con uno scritto di Walter Siti, saggio introduttivo di Fernando Bandini, cronologia a cura di Nico Naldini, 2 tomi, Milano: A Mondadori 2003, t .2, p 1027 7 Luzi aveva ritrovato queste riflessioni nel saggio di Ladislaus Boros, Mysterium mortis: Der Mensch in der letzten Entscheidung, Freiburg i Br .: Walter 1962 (nuova ed .: Mainz 1993; trad it .: Mysterium mortis: l’uomo nella decisione ultima, a cura di Giuseppe Ruggeri, Brescia: Queriniana 1969) 8 Mario Luzi / Mario Specchio, Luzi. Leggere e scrivere, Firenze: Nardi 1993, p 138 2_IH_Italienisch_72.indd 75 06.11.14 10: 27 76 sprachecke Italienisch Die Rubrik «Sprachecke Italienisch» stellt aktuelle Probleme und Tendenzen des Gegenwartsitalienischen vor und befasst sich mit Normierungsschwankungen, grammatischen Unsicherheiten, Neubildungen u a Dabei sollen möglichst auch Anfragen und Anregungen aus dem Leserkreis aufgegriffen werden, die die Dynamik des Gegenwartsitalienischen als «lingua […] in forte ebollizione» (F Sabatini) präsentieren Verantwortlich für die «Sprachecke Italienisch» ist Prof Dr Edgar Radtke (Universität Heidelberg): edgar .radtke@rose .uni-heidelberg .de Addio e via - zur Potenzierung der subjektivität in Zeitungsüberschriften Es ist hinlänglich bekannt, dass im Journalismus und insbesondere bei Artikelüberschriften eine deutliche Vorliebe für den Nominalstil besteht Aus einer pragmalinguistischen Perspektive ist m .E eine weitergehende Kommentierung dieser Tendenz opportun aufgrund der Fixierung von Routineformeln in Überschriften Daher fällt besonders addio a auf, wie ein Blick auf La Repubblica vom 15 Oktober 2014 ergibt Hier finden sich folgende Beispiele: «Le app per non perdere tempo addio all’arte di procrastinare» (p 1, 29) «Evasione, la Ue dice addio al segreto bancario» (p 3) «Da Milano alla jihad la conversione di Nadine addio jeans e lavoro ‹Sono pronta al martirio›» (p 15) Drei Beispiele sind nicht unbedingt beeindruckend, aber sie lassen sich in dieser Anzahl fast jeden Tag pro Zeitung dokumentieren Addio ist wie dt tschüss eine religiöse Verabschiedungsformel und gelegentlich dialektal auch eine Begrüßungsformel Der Gebrauch ist damit ursprünglich pragmatisch ausgelegt, er bestimmt eine soziale Routine der Höflichkeit In der semantischen Erweiterung erscheint addio seit langem auch als Denotativum für ‹Ende›, etwa in der Übersetzung von Ernest Hemingways Addio alle armi für A Farewell to Arms Die Zeitungssprache mit einer Neigung zur Sloganisierung greift diese Bedeutungserweiterung auf und nutzt diese formale Stereotypisierung als eye catcher Addio weckt zudem Konnotationen und steigert die Expressivität Addio unterstreicht gewissermaßen das Potential der Subjektivität Es liest sich als ein subjektiv-expressiv aufgeladenes Synonym für e d G ar rad T ke 2_IH_Italienisch_72.indd 76 06.11.14 10: 27 77 77 fine, termine Zudem kann es auch eine Steigerung des Exklamativen annehmen, insbesondere wenn die Präposition a ausfällt wie im Beispiel addio jeans e lavoro Mit addio wird also erreicht, dass Formen des italiano neutro wie è la fine di subjektiv aufgewertet werden und Aufmerksamkeit erregen Daher darf man eine Konsolidierung von addio in der Zeitungssprache erwarten Die Bestätigung dafür, dass es sich um keine ‹Eintagsfliege› handelt, sondern um eine solide Tendenz, lässt sich mit affinen Konstruktionen belegen, die ich derselben Ausgabe von La Repubblica entnehme: «Uomini donne, via l’ultimo gap» (p 1) «Ecco il disegno di legge del governo» (p 2) «Basta austerità e dittatura del 3 % . . .» (p 9) «Grazie, Zoeggeler il signor slittino che non tardiva mai» (p 39) Auch hier handelt es sich um besonders herausgehobene pragmatische Formen, die die Sprecherbzw Schreibereinstellung untermauern Via steht für togliere, ecco unterstreicht den präsentativen Akt, basta ist eine Sprecherhaltung des Beendens und grazie eine emotive Dankformel Alle Formen sind primär der Sprechsprache zuzuordnen Durch ihre Aufnahme in den Zeitungsjargon erfolgt eine spezifische pragmatische Pointierung expressiv-subjektiver Natur Man darf dahin gehend spekulieren, dass die Normerwartung der Journalisten nicht (mehr) in die denotative neutrale Beschreibung führt, sondern dass in die Norm die subjektiv-emotive Untermauerung von Sachverhalten integriert wird Daher dringt Sprechsprachliches in den letzten Jahrzehnten verstärkt in die Zeitungssprache ein . Edgar Radtke 2_IH_Italienisch_72.indd 77 06.11.14 10: 27 78 C hrIsTo P h oL I V er Mayer Italien beim eurovision song Contest - zwischen Nationalrepräsentation und europagedanken 2014 ist Italien beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen mit eher ungewohnten Tönen und der Rocksängerin Emma Marrone angetreten Ihr selbstgeschriebener Titel La mia città war aufgrund seiner rockigen Art von Anfang an nicht sehr aussichtsreich und landete auf dem 21 Platz Emma selbst hatte nicht nur bereits die Castingshow «Popstars» gewonnen, sondern auch auf dem Festival von San Remo 2012 gesiegt . 1 Aber trotz der enttäuschenden Platzierung und dem historisch schwächsten italienischen Ergebnis: Kaum ein anderes Ereignis dürfte in diesem Jahr italienische Musik in so viele deutsche Wohnzimmer gebracht haben und wird (mit Ausnahme der Fußball-Weltmeisterschaft) italienische Migrantinnen und Migranten so sehr zum Mitfiebern für ihre Heimat veranlasst haben sowie deutsche Schülerinnen und Schüler mit einer solchen europäischen Ländervielfalt konfrontiert haben Dennoch hat sich trotz der Zuwendung zu Authentizität und Schülerrealität bisher kaum jemand in der Fachdidaktik dieses Themas angenommen . 2 Auch wenn in Deutschland das Interesse am Eurovision Song Contest konjunkturellen Schwankungen unterliegt, war dieser mit dem Sieg von Lena 2009 doch wieder in aller Munde Ansonsten haben sich aber vor allem im Internet Fanbases etabliert, und es gibt eine überschaubare Zahl von Kompendien, Ergebnislisten und Ansätzen zur kulturwissenschaftlichen Interpretation . 3 Der Wert der Veranstaltung im Rahmen von massenkultureller Nationalrepräsentation scheint jedoch immer noch erklärungsbedürftig zu sein Ähnlich wie auch für Frankreich, Spanien und Portugal 4 lassen sich bestimmte Darstellungsmodi herausarbeiten, die gerade Italiens Mitwirken am Wettbewerb zwischen Nationalrepräsentation und Europagedanken einbetten Um dies zu demonstrieren, soll im Folgenden die kulturgeschichtliche Aufarbeitung am Beispiel der Hochphase italienischer Präsenz im Wettbewerb, in den 1980er Jahren, dergestalt präsentiert werden, dass sich vor dem Hintergrund eines hier behaupteten Bildes von Italiens Selbstpräsentation als kulturelle Ideenfabrik Europas ein möglicher Anwendungsbezug im Fremdsprachenunterricht ergibt Somit wird der Eurovision Song Contest zum Anlass für Interkulturelles Lernen, gerade weil Italien die europäische Bühne zur Vermittlung kultureller Eigenheiten und Plädoyers für ein geeintes Europa genutzt hat und seit kurzem wieder kräftig nutzt C hrIsTo P h oL I V er Mayer 2_IH_Italienisch_72.indd 78 06.11.14 10: 27 79 Christoph Oliver Mayer Italien beim Eurovision Song Contest 1) Zur Information - Italien beim eurovision song Contest Italien war 2011 nach langer Abstinenz wieder in den Eurovision Song Contest zurückgekehrt und zwar mit Erfolg Raphael Gualazzi erreichte völlig unerwartet mit einem jazzigen Song den zweiten Platz Zuvor hatte Italien 14 Jahre lang pausiert und somit den Wettbewerb gleichsam boykottiert und das, obwohl das Land seit dem Beginn 1956 den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson durchgängig genutzt hatte, um typisch italienische Beiträge der europäischen Öffentlichkeit zu präsentieren: Jahr Interpreten Titel Platz 1956 Torina Torreli Amami se vuoi xx Franca Raimondi Aprite le finestre xx 1957 Nunzio Gallo Corde della mia chitarra 6 1958 Domenico Modugno Nel blu dipinto di blu 3 1959 Domenico Modugno Piove 6 1960 Renato Rascel Romantica 8 1961 Betty Curtis Al di là 5 1962 Claudio Villa Addio, addio 9 1963 Emilio Pericoli Una per tutte 3 1964 Gigliola Cinquetti Non ho l’età 1 1965 Bobby Solo Se piangi, se ridi 5 1966 Domenico Modugno Dio, come ti amo 17 1967 Claudio Villa Non andare più lontano 11 1968 Sergio Endrigo Marianne 10 1969 Iva Zanicchi Due grosse lacrime bianche 13 1970 Gianni Morandi Occhi di ragazza 8 1971 Massimo Ranieri L’amore è un attimo 5 1972 Nicola di Bari I giorni dell’arcobaleno 6 1973 Massimo Ranieri Chi sarà 13 1974 Gigliola Cinquetti Sì 2 1975 Wess e Dori Ghezzi Era 3 1976 Al Bano & Romina Power We’ll live it all … 7 1977 Mia Martini Libera 13 1978 Ricchi e Poveri Questo amore 12 1979 Matia Bazar Raggio di luna 15 1980 Alan Sorrenti Non so che darei 6 1983 Riccardo Fogli Per Lucia 11 1984 Alice & Franco Battiato I treni di Tozeur 7 1985 Al Bano & Romina Power Magic, oh magic 7 1987 Umberto Tozzi & Raf Gente di mare 3 1988 Luca Barbarossa Ti scrivo (Vivo) 12 1989 Ana Oxa & Fausto Leali Avrei voluto 9 1990 Toto Cutugno Insieme: 1992 1 1991 Peppino di Capri Comme è ddoce … 7 1992 Mia Martini Rapsodia 4 1993 Enrico Ruggeri Sole d’Europa 12 2_IH_Italienisch_72.indd 79 06.11.14 10: 27 8 0 Italien beim Eurovision Song Contest Christoph Oliver Mayer 1997 Jalisse Fiume di parole 4 2011 Raphael Gualazzi Madness of Love 2 2012 Nina Zilli L’amore è femmina 9 2013 Marco Mengoni L’essenziale 7 2014 Emma La mia città 21 Abb . 1: Italiens Beiträge beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson bzw . Eurovision Song Contest (Quelle: www .eurovision .de) Ein Blick auf die Beiträge und ihre Erfolgsgeschichte zeigt, dass Italien 1964 mit Gigliola Cinquetti erstmals den Wettbewerb gewonnen hat, nachdem zuvor in den 50er Jahren, bei relativ wenig Teilnehmern, lediglich Plätze im Mittelfeld zu verzeichnen waren Danach erfolgte ein Einbruch sogar bis in die letzten Reihen der Klassifizierung, bevor schließlich bis Mitte der 70er Jahre wieder ganz gute Leistungen erbracht wurden Trotz eines respektablen sechsten Platzes 1980 setzte Italien dann zwei Jahre aus, kehrte 1983 zurück und erreichte allmählich wieder vordere Plätze: 1987 schon einen dritten Platz, 1990 einen zweiten Sieg, dank Toto Cutugno Doch dann verlor man sukzessive wieder das Interesse; es ist noch ein kurzes Intermezzo 1997 zu verzeichnen, bevor schließlich der Sender RAI aus der Übertragung ausstieg und eine Wettbewerbspause bis 2011 einlegte Dabei griffen, um das inhaltliche Spektrum nur der bekannteren Beiträge aufzuzeigen, die italienischen Beiträge immer wieder zurück auf klassisch italienische literarische Motive und Versatzstücke wie Petrarkismus (Riccardo Fogli 1983), Futurismus (Alice & Franco Battiato 1984) und Ermetismo (Domenico Modugno 1958) Italien offerierte seine regionale Vielfalt und mediterrane Spezifizität (Tozzi & Raf 1987; Peppino Di Capri 1991), unterstrich aber auch dezidiert seine Vorreiterrolle im europäischen Einheitsprozess (Cutugno 1990, Ruggeri 1993) Italien verortete sich mit seiner Form der populären Canzone, die Italopop (Al Bano & Romina Power) mit Cantautori (Mia Martini) mischte, wie kaum ein anderes Land derart gekonnt zwischen der Selbstpräsentation als kulturelle Ideenfabrik und der Hinwendung zu Europa . 5 Und zuletzt werden zudem noch weitere Spektren der Musik, von Jazz bis Rock, präsentiert Über die tatsächliche Diversität der italienischen Musik hinweg wurden bis heute zumeist die Sieger von San Remo und damit international bekannte italienische Showgrößen (Bobby Solo, Al Bano & Romina Power, Matia Bazar, Ricchi & Poveri) ins Rennen geschickt, die so ein Bild eines einheitlichen Italiens suggerierten, das mit kulturhistorischen Versatzstücken genauso arbeitet wie mit Klischeebildern . 6 Dass gerade mit der Öffnung zu Osteuropa, wo dieses in der E(W)G-Frühphase geprägte Italienbild weniger virulent war, Italien sein Interesse an diesem Wettbewerb verloren hat und just in dem 2_IH_Italienisch_72.indd 80 06.11.14 10: 27 81 Christoph Oliver Mayer Italien beim Eurovision Song Contest Moment wieder zurückkehrt, als die Veranstaltung in Deutschland ausgetragen wird, die ‹Nachbarländer› San Marino und Österreich teilnehmen, und damit Westeuropa wieder in den Mittelpunkt rückt, unterstreicht den Zusammenhang zwischen nationaler Repräsentation und Eurovision Song Contest Der Eurovision Song Contest ist ein Paradebeispiel für die popkulturelle Präsentation einer Nation in der europäischen Öffentlichkeit, 7 da der Wettbewerb über Europa hinaus übertragen wird, die allermeisten Länder Europas daran mitwirken und einmal im Jahr die Aufmerksamkeit so auf sich ziehen können Das Thema Song Contest bietet aus kulturwissenschaftlicher Perspektive eine ansprechende Verbindung zwischen unterrichtsrelevanten Inhalten im Bereich Interkulturelles Lernen und genuin literarischen wie kulturhistorischen Entwicklungslinien . 8 Das Nationalstereotyp selbst verdichtet sich auf der Bühne des Wettbewerbs und oszilliert gleichsam zwischen jenem dem Wettstreit inhärenten Europagedanken und der Spezifität des landestypischen Beitrags Die Konzentration auf das Klischeehafte und Typische verbindet sich mit dem Bezug zur Lebenswelt der Lernenden, zu der Fernsehen und Musik, Showbusiness und Inszenierung als Faszinosum dazugehören . 9 Ein Blick auf ein massenkulturelles Phänomen schult zudem die kritischen Sehgewohnheiten und ein analytischer Zugang auf die Geschichte des Wettbewerbs kann landeshistorische Trends und Entwicklungslinien in den Fokus rücken Wird Lernenden, wie es auch in Dokumentationen oder einschlägigen Publikationen erfolgt, 10 die Eigengeschichte des Wettbewerbs nuanciert präsentiert, so tritt gerade am Beispiel Italien die Veränderung der nationalen Repräsentation plastisch vor Augen 2) Zum Gegenstand: Italiens hang zur nationalen repräsentation 2010 ereignete sich am Festival von San Remo wieder einmal ein Skandal Die RAI, die selbst als öffentlich-rechtliches Fernsehen damals das Festival übertrug, hatte für die 150-Jahr-Feier der Republik Italien ein musikalisches Showprogramm zusammengestellt und darin an Bella Ciao, das Partisanenlied der Resistenza, zur ‹politischen Ausgewogenheit› die Darbietung des faschistischen und in Italien verbotenen Liedes Giovinezza gereiht Die Gleichsetzung dieses Kampfliedes mit der Partisanenhymne zeigt zum einen, wie in Berlusconis Italien der Compromesso storico, der die erste Republik von Christdemokraten bis Kommunisten einte, verloren gegangen ist und wie weit die Integration der faschistischen Rechten in der Öffentlichkeit vorangeschritten ist, auch wenn schließlich die Darbietung des Liedes nicht stattfand Gleichzeitig unterstreicht es zum anderen, wie sehr in Italien, einem Land, in dem jede Partei ihr eigenes Lied hat, in dem der Ex-Ministerpräsident selbst CDs 2_IH_Italienisch_72.indd 81 06.11.14 10: 27 82 Italien beim Eurovision Song Contest Christoph Oliver Mayer aufnimmt und das Lied des Popolo della libertà mit dem Titel Meno male che Silvio c’è Rekordaufrufe bei youtube ansteuerte, Politik und Musik miteinander verknüpft sind . 11 2009 war Emanuele Filiberto von Savoyen, bis vor wenigen Jahren als Mitglied der Königsfamilie noch des Landes verbannt, beim Festival von San Remo auf dem zweiten Platz gelandet, mit dem mehr als ‹schnulzigen› Beitrag Italia - amore mio Italien tendiert bis heute dazu, gerade im populären Liedgut die Heimat zu besingen und das eigene Land zu thematisieren, nicht immer aber unter gänzlicher Aufgabe von Selbstironie und Selbstkritik, was die prominenten Beispiele L’italiano von Toto Cutugno oder Azzurro von Paolo Conte / Adriano Celentano eindrücklich beweisen Es ist nicht verwunderlich, dass auf der Bühne des europäischen Wettbewerbs, der geradezu zur Nationalrepräsentation aufruft, ebensolche Themen auftauchen Dabei war schon die italienische Popmusik der frühen 1980er Jahre diesbezüglich genauso prägend wie die darauf reagierende Satire: Explizite Bereiche des Interkulturellen Lernens wie Selbst- und Fremdwahrnehmung, Stereotypen und Klischees erscheinen hier zuhauf Im Zeitalter des Italopop, als Stars wie Al Bano & Romina Power, Umberto Tozzi, Gianna Nannini und, etwas später, Eros Ramazzotti in Deutschland sehr populär wurden und auch andere Interpreten erfolgreiche Hitparadenhits hatten (z B Loretta Goggi: Maledetta Primavera oder Raf: Self Control), wurden einige der italienischen Erfolge sogar ins Deutsche übertragen (z B Conny & Jean: Felicità; Lena Valaitis: Gloria) Andererseits war Italien längst Thema des deutschen Schlagers, von den Capri-Fischern über Marina zum Weißen Strand von San Angelo Neu in den 80er Jahren ist hierbei allerdings die satirische Auseinandersetzung mit einem klischeehaften Italien-Bild, mal eher unfreiwillig (Dschinghis Khan: Rom) oder indirekt (Falco: Junge Römer), oft aber durchaus intendiert (Die Toten Hosen: Azzurro, Die Ärzte: Felicità) Um bei Lernenden Sensibilität für das Klischeebild Italien zu wecken, eignet sich besonders das Lied Zuppa Romana der Gruppe Schrott nach 8 aus dem Jahr 1984 . 12 Im Vorfeld sollten Schülerinnen und Schüler sammeln, welche gastronomischen Begriffe ihnen zu Italien einfallen Außerdem bietet es sich an, ihnen die Aufgabe zu erteilen, durch Recherche nach Bildern im Internet das Lied zu illustrieren bzw ein Video dazu zu erstellen (Attività dopo l’ascolto) Auch die Höraufgabe, welches deutsche Wort («oben ohne») im Lied vorkommt, wäre eine Möglichkeit, bevor diskutiert werden sollte, was an diesem Lied, das rein klanglich verkettete Begriffe der italienischen Küche wie z B fritti scampi bis calamari versammelt, komisch ist Der durch die listenartige Aufzählung erzielte Effekt, ein (vermeintlich) italienisches Lied zu sein, weist einige interessante Brechungen auf und erhält umso mehr Plastizität, wenn man es mit dem Beitrag Made in Italy der italienischen Gruppe 2_IH_Italienisch_72.indd 82 06.11.14 10: 27 8 3 Christoph Oliver Mayer Italien beim Eurovision Song Contest Ricchi & Poveri konfrontiert, 13 wobei hier auf die Schlichtheit des 1982 veröffentlichten Textes und die ebenfalls dominanten Stereotypen, auch auf die französischen Einsprengsel eingegangen werden kann Derart vorentlastet und mit dem Bewusstsein für Stereotype kann der European Song Contest vor dem Hintergrund eines Wissens um die Dominanz Italiens auf dem Popmusiksektor in den 1980er Jahren aufbereitet werden 3) Italien beim Grand Prix 1: kulturelle Größe Für Lernende sicherlich ohne große Vorentlastung, aber auch mit weniger Lerneffekt, nachvollziehbar und das Thema Stereotype aufgreifend, könnten das Duett von Umberto Tozzi und Raf mit dem Titel Gente di mare oder genauso Al Bano & Romina Powers Beitrag Magic oh magic behandelt werden, die beide durchaus die italianità thematisieren Wie viel Kulturgeschichte in den italienischen Beiträgen der frühen 80er Jahre steckt, zeigen aber insbesondere die Jahre 1983 und 1984 Nachdem Italien 1981 wie auch 1982 nach mäßigen vorangehenden Erfolgen auf die Teilnahme verzichtete, kehrte man 1983, als der Wettbewerb in München stattfand, wieder auf die europäische Bühne zurück und wählte dieses Mal Riccardo Fogli, als Vorjahressieger des Festival di San Remo ein schon etablierter Künstler Dieser schaffte es, kultur-, ja sogar literaturhistorische Versatzstücke mit der zeitgenössischen Realität zu verbinden, direkt gemünzt auf den Austragungsort Deutschland Präsentiert und interpretiert wird Per Lucia vor dem Wettbewerb als tragische Liebesgeschichte zwischen Ost und West: der italienische Liebende möchte die Mauer(n) einreißen, um bei der Geliebten zu sein, die sich offenbar in Berlin Ost befindet . 14 Diese Geschichte, die nicht ohne pikante Realitätsverweise auf tatsächliche Liebeleien von Italienern mit Ostberlinerinnen auskommt, spielt wie im Grunde jeder (Liebes-)Schlager auf die Dichtung Petrarcas an; die heutige Berührungsscheu mit Lyrik wird durch die Popularität der kommerziellen Musik kompensiert Per Lucia wäre somit als petrarkistisches Gedicht zu interpretieren, das Versatzstücke aus der durch Petrarca geprägten westlichen Liebestradition herausgreift und somit anknüpft an kulturelle Höchstleistungen italienischer Lyrik, die in den Schlager übernommen werden Dies wird schon am Beginn des Liedes deutlich, wenn uns eine klassische Begegnungssituation («quando arriverai») präsentiert wird, die an Dante und Petrarca erinnert, aber in die mondäne Moderne versetzt wird, denn bei ihrer Ankunft im schicken Lokal legt die Geliebte erst einmal ihren Wintermantel ab und hängt ihn auf («ti toglierai l’inverno e lo appenderai») Sie umarmt den Geliebten, doch dann herrscht Schweigen, wobei ganz in intertextueller Manier mit «la quiete dopo la tempesta» das gleichnamige Gedicht Leopardis zitiert wird 2_IH_Italienisch_72.indd 83 06.11.14 10: 27 8 4 Italien beim Eurovision Song Contest Christoph Oliver Mayer Wenn der Name Lucia fällt, so erinnert er an Laura, ist genauso symbolisch aufgeladen Der Sprecher offenbart sich als Autor, der ein Liebesgedicht oder einen Liebesbrief schreibt («che la storia continui nella pagina accanto») und seinen Schreibakt thematisiert, ganz entsprechend der selbstreferentiellen Vorgabe des Canzoniere Die Bildlichkeit von den Haaren, die gebunden werden sollen («legarle i capelli»), vom Vollmond («la luna più piena») und vom Weizenmeer («un mare di grano»), in dem er sie wiegen möchte, könnten einer petrarkistischen Imitatio durchaus entstammen Die Gedanken an die sich nachts zur Ruhe bettende Lucia wiederholen mit den Gestirnen, dem Meer und der Stille diese Anklänge Der «giorno più vuoto», die Versprechen des Liebenden, der erhofft, dass sie zu Friedenszeiten die Mauer überspringt («poi salta verso me») und sich für beide der Himmel öffnet, leitet über in die höchst interessante Schlusspassage der Canzone, die wiederum sehr poetisch formuliert ist: In metapoetischer und selbstreflexiver Geste wird ein Fest versprochen und die Feder des Dichters zum Schwert («che questa mia penna diventi una spada») erhoben Dass ein serieller Canzoniere aus dem Gedicht geschmiedet wird, verrät die metapoetische Schlusswendung, in der die Bitte um Inspiration verbunden wird mit dem Wunsch nach Fortsetzung der Liebesgeschichte Der Eurovision Song Contest war immer schon primär ein Wettbewerb für Autoren und Komponisten: Poetische Lieder sind dabei keine Ausnahme und gerade in der Frühzeit, als das französische Chanson dominierte und Italien mit Gigliola Cinquetti einmal siegen konnte, waren anspruchsvolle, lyrische Beiträge keine Seltenheit 1983 allerdings sticht Riccardo Fogli bereits ein wenig heraus, auch wenn durchaus die lyrische Qualität seiner Konkurrenten, insbesondere von Portugal oder Finnland, ähnlich bemerkenswert war Auch Deutschland kann in diese Kategorie gerechnet werden - die Brüder Hoffmann singen Rücksicht, ein Lied aus der Feder von Volker Lechtenbrink, und sie haben mit ihrem 5 Platz deutlich mehr Erfolg als der nur elftplatzierte Riccardo Fogli 4) Italien beim Grand Prix 2: kultureller exotismus Kann man in dem Beitrag aus dem Jahr 1983 unschwer den Bezug zu Petrarca erkennen, so hat das 1984 vorgetragene I treni di Tozeur den zeitgenössischen Zuschauer eher ratlos zurückgelassen 15 Vor der Folie von Riccardo Foglis Präsentation einer wichtigen kulturgeschichtlichen Etappe Italiens erscheint allerdings der auf den ersten Blick exotische Vortrag des Duos Alice und Franco Battiato, beide zu dieser Zeit bereits als Solokünstler sehr bekannt, in einem ganz anderen Licht, präsentieren sie uns doch hier das avantgardistische Italien und damit eine andere zentrale Epoche der italienischen Kulturgeschichte 2_IH_Italienisch_72.indd 84 06.11.14 10: 27 85 Christoph Oliver Mayer Italien beim Eurovision Song Contest Alice und Franco Battiato singen von Zügen in einer verlassenen tunesischen Salzwüstenstadt, die jedoch bis heute über keinen Bahnhof verfügt Sie besingen eine Liebe, der eine störende Mutter in die Quere kommt («tua madre mi vede»), und sie wünschen sich Entschleunigung im Zeichen der Flucht aus dieser Welt («la voglia di vivere a un’altra velocità»), die vom weltabgewandten Maghreb bis ins Weltall führt Eine surreale Atmosphäre, die auch im deutschen Liedgut der Zeit, in Major Tom von Peter Schilling oder Joachim Witts Goldener Reiter, in DÖFs Codo oder dem NDW-Klassiker Fred vom Jupiter ihren Platz findet Dass gegen Ende des Liedes die Background-Sängerinnen als Wagner-Walküren Versatzstücke aus Mozarts Zauberflöte einwerfen, steigert den Verfremdungseffekt, zumal der abschließende deutsche Satz «und du wirst» nicht einmal komplett ist Es wäre zu ergänzen mit der Aussicht auf das kryptisch formulierte Happy End, die Liebende werde schließlich das Herz des Geliebten gewinnen können («un ricordo di me, come un incantesimo») Die Komposition von Rosario Consentino und Giusto Pio (von I treni di Tozeur) hat die Juroren nicht sehr verstört, sie waren immerhin so sehr beeindruckt, dass die beiden Platz 4 erreichten In Italien war das Lied ein Nummer 1-Hit und es wirkt im Gegensatz zu Riccardo Fogli sicherlich moderner und auf den ersten Blick nur durch den Gebrauch der Sprache italienisch Momente des Surrealen (Atmosphäre der verlassenen Stadt), vielleicht sogar des Dadaistischen (lautmalerische Refrainteile), zumindest aber des Postmodernen (Montagetechnik von Weltall und vormoderner Wüstenlandschaft) überlagern sich und lassen sich durch Schüler ganz einfach durch eine Wortfeldanalyse oder eine Mindmap herausarbeiten: Weltraum, Wüste, verlassene Dörfer («astronavi per viaggi interstellari», «strade deserte», «chiese abbandonate») Auch die Sehnsucht nach der Entschleunigung oder Paul Virilios Dromologie 16 wären mit dem Lied zu thematisieren Die alte Welt fern der Zivilisation, verkörpert vom tunesischen Wüstenstädtchen, das nur in einer Fata Morgana über einen Bahnhof verfügt und die Langsamkeit symbolisiert, kontrastiert mit dem Traum der Futuristen nach Beschleunigung und Technisierung, präsent über interstellare Weltraumflüge 5) Italiens große exportschlager: auch Grand Prix-Lieder Zu ergänzen wäre der exemplarische Blick auf Italiens Song-Contest- Beiträge, die sehr facettenreich Italien und Italiens Kulturepochen präsentieren, durch Toto Cutugnos Insieme: 1992, dem Siegerlied von 1990, in dem er den Vertrag von Maastricht besingt und das geeinte Europa hochleben lässt bzw Italiens Beitrag zur Einheit Europas hervorhebt Aber auch ein Rückblick auf Domenico Modugnos Volare wäre angebracht, wenn man die Tradition ita- 2_IH_Italienisch_72.indd 85 06.11.14 10: 27 86 Italien beim Eurovision Song Contest Christoph Oliver Mayer lienischer Lyrik verfolgen möchte, zu dessen symbolistischem, surrealem und hermetischem Zweig Nel blu dipinto del blu, wie das Lied eigentlich heißt, sicherlich gehört . 17 Mehrfach besingen die Italiener Europa, wie 1993 Enrico Ruggieri, der von der Sole d’Europa singt und diese anfleht, sich doch zu beeilen und sich auch bemerkbar zu machen Sie erinnern damit daran, dass sie zu den Gründungsstaaten Europas gehören und sie treiben die Idee des gemeinsamen Europa damit mit Nachdruck voran Cutugnos Beitrag reiht sich ein in die besondere Tradition nationalrepräsentativer bzw politischer Lieder . 18 Die Versatzstücke der Hymne, das Besingen des Miteinander und des gemeinsamen Wegs zur Freiheit (Refrain: «Insieme, unite, unite, Europe») wird später von Berlusconis Forza Italia aufgegriffen, wenn sie etwa Azzurra libertà singen oder auch Meno male anstimmen . 19 Cutugno präsentiert uns «una canzone italiana», die er just im Vorfeld von Maastricht 1992 Europa widmet und er gewinnt damit den Wettbewerb, darf sogar im Folgejahr moderieren und bleibt dergestalt unvergessen auf der Song-Contest-Bühne Andere italienische Beiträge setzen auf Stimmungen wie Rapsodia (Mia Martini) oder Comme è ddoce ’o mare (Peppino di Capri), besingen die Freiheit (Mia Martinis Libera) oder den Reichtum der Sprache (Jalisses Fiumi di parole) Doch keiner hat wie Cutugno die Mischung aus Pathos und Gemeinschaftsgefühl so überzeugend formuliert, wenn er etwa an die europäische Flagge erinnert: «Le nostre stelle una bandiera sola» und die nahe Zukunft - «L’Europa non è lontana» - gänzlich positiv beschreibt Während Cutugnos Insieme: 1992 vor dem Hintergrund der Eurokrise als zeitgemäß und günstig für eine anregende Diskussion erscheint, so kann auch Domenico Modugnos Welthit Volare im Schulunterricht Platz finden Der Titel ließe sich zunächst mit einem Ausschnitt vom Auftritt Modugnos 1958 einläuten und die Frage an die Schülerinnen und Schüler, nah am Kontext des Wettbewerbs, ob sie sich vorstellen können, wo er aufgetreten ist Der Hinweis auf einen Wettbewerb ist dafür wohl nötig Dass dieses Lied zum erfolgreichsten Beitrag in der Grand-Prix-Geschichte geworden ist, sollte dann erklärt werden Es könnten auch Cover-Versionen davon gezeigt werden, die Platzierung Modugnos - er gewinnt nicht - erörtert werden, oder auf andere große Grand-Prix-Hits wie die von Abba oder Lena hingewiesen werden 6) song Contest - Faszination für sprache und für das Land Das bisher Gesagte kann leider nur ein Impuls sein für verschiedene Spuren, denen im Unterricht nachgegangen werden könnte Ich bin überzeugt davon, dass die Sensibilisierung für die Nationalrepräsentation im Rahmen des Wettbewerbs bei Schülern Begeisterung für sprachliche und kulturelle Vielfalt weckt, dass auch Kontakt mit anderen Sprachen, auch wenn viele Interpreten 2_IH_Italienisch_72.indd 86 06.11.14 10: 27 87 Christoph Oliver Mayer Italien beim Eurovision Song Contest nur noch auf Englisch singen, per se attraktiv ist, dass ohnehin dieser Wettbewerb davon lebt, dass er einmal im Jahr den Nationen Europas eine Bühne bietet, um sich zu präsentieren Dass Italien anders mit seinem Selbstbild umgeht, dass es sich zeitweise auch von dem zu sehr popkulturellen Wettbewerb distanziert hat, dass es kulturelle Epochen präsentiert hat, dass es ernsthaft seine Kultur international vorführen möchte, gehört auch und gerade zur Realität der Außendarstellung Italiens, einer Außendarstellung, die vermutlich weitaus mehr Publikum erreicht als jede Initiative der Kulturinstitute oder jede Imagewerbung im Werbefernsehen, als Lesereisen von Schriftstellern oder klassische Konzerte Der Eurovision Song Contest ermöglicht es, ein authentisches Ereignis aus der Lebenswelt der Lernenden motivierend einzusetzen, dem Schülerinteresse entgegenzukommen und dennoch kulturelle Lerninhalte zu vermitteln Abschließend sei hier noch angedeutet, wie der Unterricht, z B in Klasse 10, das Thema Eurovision Song Contest aufgreifen könnte: Nach dem Einstieg mit dem aktuellen Beitrag, den man nach dem bekannten Schema der Punktevergabe bewerten lassen kann, würde ich auf die Nationalrepräsentation überleiten und fragen, was typisch italienisch ist und dabei die Küche als Beispiel herausgreifen, um dann mit dem Lied Zuppa Romana fortzufahren Dabei kann es sehr gut zum Thema werden, dass der deutsche Klamauk hier auf Plattitüden setzt, während Italien sich ganz anders - und das zur gleichen Zeit - präsentiert Per Lucia und I treni di Tozeur wären dann Beispiele, anhand derer eine klassische Gedichtinterpretation oder eine Hörverstehensübung durchgeführt werden könnten Die Anbindung zum aktuellen Beitrag La mia città, der sich selbst auffällig mit Lorbeerkranz und Anklängen an die römische Antike inszenierte, könnte dann sogar metakognitiv erfolgen, indem man Schüler fragt, wie sie diesen Beitrag einsetzen würden, was sie an diesem Rocksong noch als typisch italienisch erkennen und was sie auch rein phonetisch diskriminieren können Eine Möglichkeit wäre es, die Schüler in drei Gruppen mit drei verschiedenen, in Internetportalen wie youtoube verfügbaren, Videoaufnahmen von Emma zu konfrontieren Eine Gruppe bekommt die Aufgabe, sich mit dem offiziellen Video der Sängerin auseinanderzusetzen, die zweite soll sich den Auftritt auf der Eurovisionsbühne ansehen und die dritte Gruppe wird auf einen Liveauftritt im italienischen Fernsehen verwiesen Die Recherche nach dem Text und nach Hintergrundinformationen zur Sängerin kann ebenso den Schülerinnen und Schülern üerlassen werden, die anhand von Leitfragen die Videos analysieren sollen Alle drei Gruppen sollen bewerten, wie die Inszenierung der Bühnenshow erfolgt, was daran typisch italienisch ist und welchen Eindruck die Darstellung auf sie macht, indem sie auf Bild, Text und Requisiten achten sollten Augenfällig müsste dabei werden, wie sehr schließlich die Darbietung in Kopenhagen mit Stereotypen der römi- 2_IH_Italienisch_72.indd 87 06.11.14 10: 27 8 8 Italien beim Eurovision Song Contest Christoph Oliver Mayer schen Kultur arbeitet, wie stark Emma im Video auf das Image einer zeitgenössischen Popsängerin setzt und wie Auftritte im italienischen Fernsehen den Rockstar betonen, der wenig Requisiten benötigt und auch die Hintergrundmusik über eine Verständlichkeit der Textzeilen Oberhand gewinnen lässt anmerkungen 1 Für Ergebnisse und Platzierungen sowie Hintergrundinformationen verweise ich aufgrund der Aktualität auf Homepages wie www .eurovision .tv, www .eurovision .de oder www .ogae .de 2 Zuletzt aber sind einige interessante kulturwissenschaftliche Interpretationsansätze veröffentlicht worden Siehe v .a Fricker / Gluhovic 2013 3 Erwähnt seien an dieser Stelle Feddersen 2002, Fessmann / Topp / Kriegs 1998, Kennedy O’Connor 2005 sowie insbesondere Wolther 2006 4 Hierzu siehe die Beiträge des Verfassers zu Frankreich bzw Spanien und Portugal: Mayer 2008 bzw Mayer 2013 5 In diesem Sinne wird der Song Contest zu einem Vehikel nationaler Repräsentation und zugleich zum europäischen Erinnerungsort, vgl in diesem Zusammenhang die Beiträge in den Boer / Duchhardt / Kreis / Schmale 2012 6 Vgl Borgna 1992 Eine aktuellere und schülerkompatible Publikation bietet Anselmi 2009 7 Dies demonstriert Wolther 2006 genauso wie Fricker / Gluhovic 2013 8 Hierzu paradigmatisch über die Farbe Blau Mayer 2012 9 Vgl die Definition von Populärkultur bei Huck / Zorn 2007, S 19 10 Als pars pro toto sei hier Barclay 2010 genannt 11 Mayer 2012 12 Liedtext von Schrott nach 8: Zuppa Romana, in: top 117 (1984), S 27 13 Ricchi e Poveri: Made in Italy, in: top 104 (1982), S 19 14 Zum Liedtext siehe Riccardo Fogli: Per Lucia, in: top 111 (1983), S 18 15 Alice / Franco Battiato: I treni di Tozeur, in: http: / / www .diggiloo .net / ? 1984it 16 Vgl Virilio 1977 Andere mit Populärmusik verbundene Kulturtheorien schlägt Runte 2004 vor 17 Zu Modugno vgl Ternavisio 2004 18 Toto Cutugno: Insieme, in: lyricsmania .com / insieme_lyrics_totu_cutugno 19 Siehe Mayer 2012 bibliographie Anselmi, Eddy: Festival di Sanremo. Almanacco illustrato della canzone italiana Modena: Panini 2009 Barclay, Simon: Complete & Independent Guide to the Eurovision Song Contest Marston Gate: Silverthorn Press 2010 den Boer, Pim / Duchhardt, Heinz / Kreis, Georg / Schmale, Wolfgang: Europäische Erinnerungsorte 1-3 . München: Oldenbourg 2012 Borgna, Gianni: Storia della canzone italiana . Milano: Mondadori 1992 2_IH_Italienisch_72.indd 88 06.11.14 10: 27 8 9 Christoph Oliver Mayer Italien beim Eurovision Song Contest Feddersen, Jan: Ein Lied kann eine Brücke sein. Die deutsche und internationale Geschichte des Grand Prix Eurovision . Hamburg: Hoffmann und Campe 2002 Fessmann, Milena / Topp, Kerstin / Kriegs, Wolfgang (Hrsg .): L’Allemagne Deux Points. Ein Kniefall vor dem Grand Prix . Berlin: Ullstein 1998 Fricker, Karen / Gluhovic, Milija (Hrsg .): Performing the ‹New› Europe. Identities, Feelings, and Politics in the Eurovision Song Contest . New York: Palgrave Macmillan 2013 Huck, Christian / Zorn, Carsten: «Das Populäre der Gesellschaft . Zur Einleitung», in: Dies . (Hrsg .): Das Populäre der Gesellschaft. Systemtheorie und Populärkultur, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007, S . 7 - 41 Kennedy O’Connor, John: Eurovision Song Contest. Das offizielle Buch zu 50 Jahren europäischer Popgeschichte . Bindlach: Gondrom 2005 Mayer, Christoph Oliver: «Les contributions françaises au Concours de l’Eurovision pendant les années ’80: la France se présente comme ‹multi-culturelle›», in: Timo Obergöker / Isabelle Enderlein (Hrsg .): La chanson française depuis 1945. Intertextualité et intermédialité, München: Martin Meidenbauer 2008, S . 219 - 232 Mayer, Christoph Oliver: «Wer ‹azzurro› singt, meint nicht einfach blau: Überlegungen zur Farbsemantik im italienischen Lied», in: Anja Overbeck / Matthias Heinz (Hrsg .): Sprache(n) und Musik, München: Lincom 2012, S . 213 - 228 Mayer, Christoph Oliver: «Der Eurovision Song Contest im Fremdsprachenunterricht: Spanien und Portugal zwischen Nationalrepräsentation und Europagedanken», in: ZRomSD 7 .1 (2013), S . 1107 - 1127 Runte, Annika: «Identitätsdiskurse im massenmedialen Lied: Konstruktion, Brechung und Transformation kultureller Identitätsmodelle in Texten zeitgenössischer Popmusik (in Frankreich)», in: Hella Hertzfeldt u .a . (Hrsg .): Kultur, Macht, Politik. Perspektiven einer kritischen Wissenschaft, Berlin: Karl Dietz 2004, S . 79 - 111 Ternavisio, Maurizio: La leggenda di mister Volare. Domenico Modugno . Milano: Giunti Editore 2004 Virilio, Paul: Vitesse et politique. Essai de dromologie . Paris 1977 Wolther, Irving: Kampf der Kulturen. Der Eurovision Song Contest als Mittel national-kultureller Repräsentation . Würzburg: Königshausen&Neumann 2006 2_IH_Italienisch_72.indd 89 06.11.14 10: 27 9 0 buchbesprechungen dante: Commedia . In deutscher Prosa von kurt Flasch (1. band). einladung, dante zu lesen (2. band). Frankfurt a. M.: s. Fischer Verlag 2011, 415 + 320 seiten, € 98,- Kurt Flaschs kommentierte Prosaübersetzung der Commedia fällt in schöner Weise aus dem Rahmen: Die großformatige Ausgabe erinnert an die Commedia-Handschriften des 14 und 15 Jahrhunderts und beansprucht auf vergleichbare Weise Individualität, Eigenheit in der äußeren Form wie im Inhalt Kurt Flasch, der von 1970 bis 1995 Ordinarius für Philosophie an der Ruhr- Universität in Bochum war, hat sich lange und intensiv mit der Commedia befasst Solche Nähe musste nicht zwangsläufig zu einer Übersetzung des gewaltigen Werks führen Warum die Unternehmung? Flasch nennt Erst- und Zweitgrund: «Ich tue es vor allem für mich selbst Denn wer übersetzt, muß genauer lesen Er muß dem Text in die letzten Winkel folgen Wir lesen alle zu schnell Wer übersetzt, muß langsam lesen Das ist die erste Wohltat - für mich selbst Ich entdecke originelle Sätze und schöne Stellen Und ich habe die glückliche Erfahrung gemacht: Wenn ich mich zunächst nur ganz für mich in einen großen Text vertiefe, sogar mich in ihm verliere, dann interessiert mein Ergebnis auch andere .» Aus der Faszination, die das Werk auf ihn ausübt, macht Flasch gar keinen Hehl, nennt es eine «glückliche Erfahrung», dass solcher Egoismus umschlägt in Begeisterungsfähigkeit vor anderen, vor Studenten im Seminar zuerst, aber auch vor Lesern . 1 Der zitierte Text stammt aus dem Begleitband der Ausgabe, «Einladung, Dante zu lesen» betitelt Es ist eine Einführung in Dantes Commedia, in Dantes Zeit und Dantes Nachwirkung Den 320 Seiten umfassenden Band, durch Sach- und Personenregister ergänzt, beschließt ein fiktives Interview des Übersetzers mit sich selbst, Rechenschaft über das eigene Tun gebend Die «Einladung» hat vier Kapitel, deren Originalität sofort ins Auge fällt: Kapitel 1 führt dem Leser Francesca da Rimini («Der Kuß»), Odysseus («Letzte Ausfahrt») und Ugolino («Im Hungerturm») vor Augen, drei Gesänge, die unmittelbaren Zugang ermöglichen und zugleich die großen Themen der Commedia vorstellen, «Liebe, Wissenwollen, Friedensgebot» (S 39), das letzte Wort die Tiefe der Ugolino-Episode wohl nur teilweise zusammenfassend Mit 2_IH_Italienisch_72.indd 90 06.11.14 10: 27 91 Buchbesprechungen den Abschnitten «Dantes Ferne» und «Dantes geschichtliche Welt» setzt das zweite Kapitel ein, und weist zurecht auf den Widerstand hin, den die Lektüre Dantes zunächst bietet, eine schrittweise Erschließung aber mindern und abbauen kann Es folgt eine Charakteristik der drei Cantiche, originell auch sie, und wenn nicht in klassischem Sinn ausgewogen, so doch abgesichert durch den weiten Blick und den Kenntnisreichtum des Verfassers, seine langjährige Vertrautheit mit dem Text Das dritte Kapitel spiegelt mit der Behelfsüberschrift «Poesie - Theorie - Politik» das sprachlich-gedankliche Universum der Commedia, ungewöhnlich darin der Abschnitt «Frauen», in dem Flasch, um das Spezifische von Dantes Beatrice vor Augen zu führen, eine Art «Anti-Beatrice» in Versen von Cecco Angiolieri zitiert und ausführlichen Bezug auf Boccaccios 40 Jahre später entstandenes Decamerone nimmt Thematisch reich ist naturgemäß der Abschnitt über Dantes Sprache, doch findet sich schon in der Charakteristik des Paradiso eine aufschlussreiche Passage über Dantes Sprachkunst, Flasch unternimmt sie am Beispiel des 23 Gesangs, der die Vision der Himmelfahrt Christi und Marie schildert (S 147 - 151) Vergleiche, Licht- und Farbspiel und die Intensität der Liebe zu Beatrice sind die tragenden Stützen einer Sprache, die etwas beschreibt, das mit Worten nicht zu sagen ist Das vierte Kapitel skizziert Aspekte von Dantes Nachwirkung («Dante-Bilder»), Flaschs besondere Sympathie darin Ossip Mandelstams «Gespräch über Dante» gehörend «Dante übersetzen» beschließt das Kapitel Welche Leitlinien sieht Flasch für seine übersetzerische Arbeit? Lesbarkeit vor allem, «so hell, so durchsichtig wie möglich» (S 303) Zielsprache ist gegenwärtiges Deutsch, das am Ende «das Deutsch der Prosa von Kurt Flasch» ist: «Ich habe über meine Diktion nachgedacht und sie ein Leben lang zu verbessern gesucht Als Mittelalterspezialist habe ich überlegt: Gerade weil ich über alte Sachen schreibe, darf meine Sprache nicht altertümelnd sein» (S 304) Weiter: «Mein Dante spricht klar Er schrieb, um verstanden zu werden Wenn er prophetisch-dunkle Passagen einbaute, sollten sie klar als dunkel erkennbar sein Mein Dante spricht hart und knapp Er wählte wenige Details aus Er läßt vieles weg Er schreibt ungeheuer diszipliniert Nie verplaudert er sich Auch wenn er eine Metapher breit ausmalt, blitzen die Details nur kurz auf Dem will ich nahekommen» (S 304) Und schließlich: «Ich möchte lieber maßvoll verfremden als formelhaft aneignen Der Leser der Übersetzung sieht dann, was sich nicht hat übersetzen lassen» (S 306) 1998 hatte Flasch Georg Peter Landmanns Prosa-Überset- 2_IH_Italienisch_72.indd 91 06.11.14 10: 27 92 Buchbesprechungen zung der Commedia besprochen, 2 des Lobes voll über eine «frische und klare» Wiedergabe, einen «Lesetext, der durch Wortwahl und Satzrhythmus Dantes Poesie durchschimmern läßt» Landmanns übersetzerische Entscheidungen sind «mit Bedacht und sprachlicher Kraft gewählt», bewahren im Sprachstil Dantes Anschaulichkeit, vermeiden glatte Gefälligkeit Einen «Substanzverlust» bedeutet bei einer Übersetzung der Verzicht auf die Terzinenform Inwieweit Landmanns Version Flasch zu seiner eigenen Unternehmung inspirierte oder ihn darin bestärkte, steht dahin Die damalige Zeitungsrezension befasst sich eingehend auch mit der Frage einer angemessenen Kommentierung Flasch plädiert für die absolute Priorität des Originaltextes und möchte den Umfang von Erläuterungen auf ein Minimum beschränkt sehen, ein von Landmann verfolgtes Prinzip, doch fügt Landmann seine Hinweise kursiv gedruckt in den Lesetext ein Flasch bevorzugt Hinweise am Textrand, wie es Voßler in seiner Versübersetzung tat und schon alte Dante-Codices es handhabten Für den Übersetzungsvergleich wählen wir zwei inhaltlich verschiedene Passagen Die erste schildert Dantes Tränenausbruch vor Beatrice, Zeichen tiefer Reue Die Wiederbegegnung mit der Jugendliebe, geschildert im 30 Gesang des Purgatorio (V 85 - 99), führt den Leser zum «Herzen des großen Gedichts» (Chiavacci Leonardi) Was Dante in einem seelischen Drama erfährt, veranschaulicht ein doppelter Vergleich: Sì come neve tra le vive travi per lo dosso d’Italia si congela, soffiata e stretta da li venti schiavi, poi, liquefatta, in sè stessa trapela, pur che la terra che perde ombra spiri, sì che par foco fonder la candela; così fui sanza lagrime e sospiri anzi ’l cantar di quei che notan sempre dietro a le note de li etterni giri; ma poi che ’ntesi ne le dolci tempre lor compatire a me, più che se detto avesser: «Donna, perchè sì lo stempre? », lo gel che m’era intorno al cor ristretto, spirito e acqua fessi, e con angoscia della bocca e de li occhi uscì del petto Wir bringen die Wiedergaben von Kurt Flasch, Hartmut Köhler und Salo Weindling (1910 - 1999), der von 1978 bis 1984 die Commedia im amerikanischen Exil in Pennsylvania in Blankversen übertrug . 3 2_IH_Italienisch_72.indd 92 06.11.14 10: 27 93 Buchbesprechungen Flasch: Wie der Schnee zwischen den lebendigen Bäumen auf dem Rücken Italiens gefriert, von nordöstlichen Winden her angeweht und verdichtet, / / dann aber schmilzt und in sich selbst einsickert, wenn es von dem Land her weht, das keinen Schatten kennt, wie eine Flamme die Kerze aufzehrt, / / so stand ich ohne Tränen und Seufzer, bevor die sangen, die immer singen nach den Klängen ewiger Sphären / / Aber dann, als ich aus ihren süßen Melodien die Teilnahme an meinem Schmerz heraushörte, mehr als hätten sie gesagt: „Frau, warum beschämst du ihn so? “, / / da wurde das Eis, das sich um mein Herz zusammengezogen hatte, zu Hauch und Wasser und drang durch Mund und Augen aus der Brust Köhler: Gleichwie der Schnee zwischen den noch lebenden Balken auf Italiens Rücken gefriert, wenn die Winde aus Slavonien darüber stürmen und ihn verhärten, / / er dann aber taut und in sich hineintropft, kaum dass es aus dem Land, das die Schatten verkürzt, heraufweht, so dass es aussieht, als schmölze Wachs in der Flamme, / / so verharrte ich ohne Tränen und Seufzer, bis das Singen derer einsetzte, die stets den Noten der ewigen Kreise folgen; / / doch als ich aus dem sanften Klang ihr Mitleid mit mir heraushörte, mehr als hätten sie gesagt: „Frau, was quälst du ihn denn so? “, / / da wurde auch der Frost, der mir das Herz umklammert hielt, zu Hauch und Wasser und trat aus der beklommenen Brust durch Mund und Augen heraus Weindling: Wie auf Italiens Höhenzug, inmitten lebender Balken, Schnee gefriert, indem slawon’scher Wind ihn lässt zu Eis erstarren, doch dann sich auflöst, tropfend in sich selbst, sobald die schattenlose Erde atmet, gleich einer Kerze, die beim Feuer schmilzt, so war ich ohne Tränen, ohne Seufzer, eh’ jene sangen, deren Melodie stets folgt der Melodie der ew’gen Sphären; doch als ich in den süßen Harmonien ihr Mitleid hörte, mehr als sprächen sie: «Warum willst, Herrin, du ihn so zermalmen? », da ward das Eis, das mir das Herz umklammert, 2_IH_Italienisch_72.indd 93 06.11.14 10: 27 9 4 Buchbesprechungen zu Hauch und Wasser, und mit Seelenqual brach es aus meiner Brust durch Mund und Augen Die übersetzerischen Schwierigkeiten liegen auf der Hand, herausgehoben seien die Metapher der «vive travi» (85), die Doppelung «soffiata e stretta» (86), «trapela» (87), «la terra che perde ombra spiri» (88), die Figura etymologica «notan […] note» (92 - 93), «compatire a me» oder «compartire a me» (95), «angoscia» (98) Flasch erspart seinen Lesern die kühne Metapher in V 85 und schreibt «lebendige Bäume», nachvollziehbar, aber problematisch Die Doppelung in V 86 geben Flasch und Köhler beide mehr oder weniger wörtlich wieder, gelangen zu Kompromissen Weindling löst sich von der Vorlage und schreibt «läßt zu Eis erstarren» Auch der Ausdruck «in sé stessa trapela» zeigt die gewisse Sperrigkeit der deutschen Lösungen, am besten gelungen vielleicht Weinlings «tropfend in sich selbst» In V 88 folgt Köhler der inhaltlichen Erläuterung von Chiavacci Leonardi, riskiert aber mit «Land, das die Schatten verkürzt» eine gewisse Unklarheit Flasch und Weindling vereinfachen, Weindling verkürzt Dantes Relativsatz zum Adjektiv-Attribut «schattenlos» Dantes Metapher «spiri» beläßt Weindling und schreibt «atmet» dort, wo Flasch und Köhler leichter verständlich «wehen» und «heraufwehen» haben Die Figura etymologica in V 92 - 93 bewahren Flasch und Weindling Die Frage des richtigen Textes scheint auf in V 95 mit «compatire», Flasch folgt der lectio difficilior «compartire» Köhler übersieht die kontextuelle Redundanz von «Mitleid mit mir», von Weindling dagegen bemerkt In V 98 läßt Flasch «angoscia» aus, Köhler folgt Chiavacci Leonardis Kommentar, der für «angoscia» die Konnotation physischer (Atem-) Enge hervorhebt, und entscheidet sich für das Adjektiv-Attribut «beklommen» Weindlings Wiedergabe «mit Seelenqual» zielt auf das innere Geschehen der Szene insgesamt, und trifft Marcella Roddewig, deren fünfzehnjähriger Brieffreundschaft mit Weindling wir Kenntnis von seiner Person und seinem übersetzerischen Werk verdanken, kennzeichnete den Übersetzerstil als «Wiedergabe des Poetischen und Dichterischen und seelisch Richtigen» . 4 Der vorgestellte Passus gibt hierfür ein gutes Beispiel, zeigt im übrigen, dass im Falle der Commedia eine Versübersetzung nach wie vor naheliegend ist Ein zweites Beispiel: Im siebten Paradiso-Gesang (V 64 - 78) legt Beatrice die Erschaffung des Menschen unmittelbar durch Gott dar, eine Nähe zum Schöpfer, die Pflanzen und Tieren nicht gegeben ist, da sie durch Formkräfte indirekt geschaffen sind Wir stellen Flaschs Wiedergabe die von Georg Peter Landmann gegenüber: 2_IH_Italienisch_72.indd 94 06.11.14 10: 27 95 Buchbesprechungen Flasch: Die göttliche Güte, die keinen Neid kennt, glüht in sich selbst; ihre Funken versprühend entfaltet sie ewige Schönheiten / / Was sie ohne Mittelwesen verströmt, das bleibt für immer; wenn sie siegelt, ändert sich das Bild nie / / Was ihr entströmt ohne Zwischeninstanz, ist ganz frei, denn es unterliegt nicht dem Einfluß werdender Dinge / / Je mehr es ihr gleicht, umso mehr gefällt es ihr, denn die heilige Glut, die jedes Wesen ausstrahlt, ist in dem am lebendigsten, was ihr am meisten ähnlich ist / / Diese Vorzüge alle besitzt die menschliche Natur; fehlt einer, verliert sie an Adel Landmann: Die göttliche güte, die jegliche missgunst aus sich verbannt, lässt aus ihrer innern glut funken sprühen und entfaltet so die ewigen schönheiten / / Was nun aus ihr unvermittelt abtropft, hat danach kein ende, weil, wenn sie siegelt, ihr abdruck unveränderlich ist / / Was von ihr unvermittelt herabregnet, ist völlig frei, denn es unterliegt nicht den kräften der neueren dinge / / Je genauer es ihr entspricht, umso höher ihr wohlgefallen; denn die heilige glut, die alle dinge ausstrahlen, ist in den ihr ähnlichsten am lebhaftesten / / Alle diese vorzüge geniesst die menschliche natur, und wenn nur einer fehlt, muss sie von ihrem adel abstürzen La divina bontà, che da sé sperne ogne livore, ardendo in sé, sfavilla sì che dispiega le bellezze etterne Ciò che da lei sanza mezzo distilla non ha poi fine, perché non si move la sua imprenta quand’ ella sigilla Ciò che da essa sanza mezzo piove libero è tutto, perché non soggiace a la virtute de le cose nove Più l’è conforme, e però più le piace; ché l’ardor santo ch’ogne cosa raggia, ne la più somigliante è più vivace Di tutte queste dote s’avvantaggia l’umana creatura, e s’una manca, di sua nobilità convien che caggia Flasch und Landmann verbinden die sprachliche Kraft und Konzision ihrer Wiedergabe, die gedankliche Durchdringung von Dantes Terzinen und die 2_IH_Italienisch_72.indd 95 06.11.14 10: 27 9 6 Buchbesprechungen erkennbare Fähigkeit, komplexe Gedankengänge treffend im Deutschen wiederzugeben Der wesentliche Unterschied besteht in der Lesbarkeit, die Flasch in dem oben erwähnten Interview betont Die Wiedergabe von «da sé sperne / ogni livore» (64-65, keinen Neid kennt), die syntaktische Vereinfachung durch Auflösung des Konsekutivsatzes (66), die Wiedergabe von «distilla» (67, verströmt), von «non ha poi fine» (68, das bleibt für immer), die Vereinfachung des Satzbaus durch die Auslassung des Kausalsatzes (68), die Wiedergabe von «non si move / la sua imprenta» (68-69, ändert sich das Bild nie), «piove» (70, entströmt), «de le cose nove» (72, werdender Dinge), «convien che caggia» (78, verliert an) sind Beispiele hierfür, teilweise diskutabel Ein ausgeprägtes Gespür für den deutschen Satzbau zeichnet Flasch aus, der souveräne Umgang mit Parataxe und Satzgefüge, Satzrhythmus eingeschlossen, trägt maßgeblich zur Lesbarkeit seines Textes bei Fazit: Flaschs zweibändiges Werk ist in seiner kenntnisreichen und klugen Originalität eine klare Bereicherung der deutschsprachigen Literatur zu Dante Vier qualitativ herausragende Prosa-Übertragungen, auf unterschiedliche Weise kommentiert, stehen der deutschen Dantistik zur Verfügung (Landmann 1997, Naumann 1997, Köhler 2010 - 2012, Flasch 2011) Ihr reicher Ertrag stellt die Frage einer Versübertragung im neuen Jahrhundert neu Thomas Brückner anmerkungen 1 Kurt Flaschs Liste von Buchveröffentlichungen, die mittelalterliche Philosophie vor allem betreffend, ist lang, die Titel sind populärwissenschaftlich im besten Sinne des Wortes 2 «Süße, die keiner begreift, der sie nicht gekostet», in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1 .8 .1998 . 3 Thomas Brückner, «Erinnerung an Salo Weindling (1910 - 1999)», in: Italienisch 64 (2010) S . 186-187 4 Thomas Brückner, «Marcella Roddewig und der Dante-Übersetzer Salo Weindling», in: Mitteilungsblatt der Deutschen Dante Gesellschaft, Juni 2005, S . 18 2_IH_Italienisch_72.indd 96 06.11.14 10: 27 97 Buchbesprechungen eugenio Montale: Was bleibt (wenn es bleibt). Gedichte 1920 - 1980. Italienisch-deutsch. ausgewählt, übersetzt und mit anmerkungen versehen von Christoph Ferber. Mit einem Nachwort von Georges Güntert. Mainz: dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2013, 508 seiten, kart., € 24,- Der Band Was bleibt (wenn es bleibt) bietet 230 von Christoph Ferber aus dem Gesamtwerk von Eugenio Montale ausgewählte und übersetzte Gedichte; der Untertitel lautet Gedichte 1920 - 1980, die Sammlung deckt also die gesamte Schaffensperiode des italienischen Dichters ab, wahrscheinlich um sich von derjenigen, die von Hanno Helbling übertragen und herausgegeben wurde und die die ersten drei Sammlungen Montales enthält, 1 zu unterscheiden Der 1896 in Genua geborene Eugenio Montale hatte seine erste Sammlung Ossi di Seppia 1925 beim Verleger Piero Gobetti veröffentlicht, wie das Laienpublikum, an das der Band sich vornehmlich zu wenden scheint, im hervorragenden Nachwort von Georges Güntert liest Diese «Landschaftsgedichte» (S 451), die sich zwischen Symbolismus und Impressionismus bewegen, thematisieren v .a «das Leiden (an) der Welt» (S 448) (male di vivere), das die Disharmonie zwischen dem lyrischen Ich und der Welt am besten verkörpert und das durch «Bilder der Gewalt, des Leidens und des Resignierens» (ibid .) ausgedrückt wird Die pessimistische und angeblich deterministische Weltsicht Montales, die in der rauen Landschaft Liguriens eine eher bildhafte als theoretische Ausdrucksmöglichkeit findet, wird durch die Erwartung eines ‹Wunders› gemildert; der Dichter schwankt zwischen Resignation und Hoffnung und lässt alle Möglichkeiten der Erkenntnis und des Glücks offen - wenn nicht für sich selbst, so doch wenigstens für sein Gegenüber («Penso che per i più non sia salvezza, / ma taluno sovverta ogni disegno, / passi il varco, qual volle si ritrovi» - «Ich glaub, für die meisten gibt’s keine Rettung / Doch der eine oder der andere widersetzt sich dem Plan, / wird die Schwelle überschreiten als solcher, wie er es wollte», aus Casa sul mare / Haus am Meer, S 80 - 83) - eine Perspektive, die Montale durch die philosophischen Werke des Kontingentismus (Boutroux, Bergson) gewann (S 450) Unter anderem die Sprache zeugt von seiner profunden Vertrautheit mit der Tradition (Autoren von Dante bis Lautréamont werden zitiert bzw verwendet) - eine Sprache, in der Inhalt und Form ineins fallen, da sie der Dürre und Schroffheit der ligurischen Landschaft durch rhetorische Stilmittel (Alliterationen, Onomatopöien, Enjambement) Ausdruck verleiht: Vgl das berühmte und mit Alliterationen rauer Laute versehene Gedicht Meriggiare pallido e assorto, das auch auf formaler Ebene wunderbar ins Deutsche übertragen wird («Meriggiare pallido e assorto / presso un rovente muro 2_IH_Italienisch_72.indd 97 06.11.14 10: 27 9 8 Buchbesprechungen d’orto / ascoltare tra i pruni e gli sterpi / schiocchi di merli, frusci di serpi»; «Bleich und versunken an einer heißen / Mauer ruhen in der Mittagshitze, / hören, wie zwischen Dornen und Stauden / Amseln schlagen, Schlangen zischen», S 28 - 29) Nach dem Umzug nach Florenz beginnt Montale seine literarische Tätigkeit beim Gabinetto Vieusseux; er begegnet auch zwei Frauen, die sein Leben und sein künstlerisches Schaffen prägen sollen: seine zukünftige Ehefrau Drusilla Tanzi und die Dante-Expertin Irma Brandeis, eine amerikanische Jüdin, die unter dem senhal ‹Clizia› in zahlreichen Gedichten erscheinen wird Alle diese Ereignisse bedingen den «Paradigmenwechsel» (S 463) seiner Poetik, der sich in der Sammlung Le occasioni (1939) vollziehen wird Die «occasioni» sind die «Offenbarungsmomente […] des Lebens» (S 464), die sich durch «Zeichen, Signale aus der wahrgenommenen Welt, mit Erinnerungen behaftete Gegenstände» (S 465) vollenden und die dem Leben eine spezielle Bedeutung geben Eine wichtige Rolle diesbezüglich spielt die geliebte Frau, Clizia, der der Zyklus Mottetti gewidmet ist: «sie ist es, welche die bedeutsamen Momente des Lebens zu einem Sinngefüge vereint» (S 467) In der Sammlung tauchen auch kollektive Bilder der Zerstörung auf, die die Katastrophe des Krieges andeuten Solche Motive bilden das thematische Zentrum des Gedichtbandes La bufera e altro (1956), mit dessen Entstehung auch ein anderer Wohnsitz des Dichters korrespondiert: Mailand, wo Montale ab 1948 lebt, um für die Zeitung Corriere della Sera zu arbeiten Die «bufera» ist der Sturm des Krieges, der eine Entmenschlichung der Welt darstellt, und dem sich nur Clizia, die Hoffnung und humanistische Werte in sich trägt, entgegen stellt Eine andere Frau, die «Volpe» (Maria Luisa Spaziani), «bildet [im vi Teil] ein privates Gegengewicht zu der von Sinnverfall geprägten Gegenwart» (S 472); sie ist eher eine «irdische, sinnlich gegenwärtige Frau», die «eine Absage an jede Form von Transzendenz» (ibid .) bedeutet Private Erfahrungen und gesellschaftliche Ereignisse mischen sich, um kein politisch ideologisches, sondern ein ‹humanistisches› Gedicht zu schaffen, das anhand öffentlicher Themen (vgl La primavera hitleriana) über die «conditio humana» (S 447) berichtet - und das alles von einem Autor, der durch sein antifaschistisches Engagement große Schwierigkeiten (er musste seine Arbeit am Vieusseux aufgeben) meistern musste Diese Sammlung schließt den ersten Teil seines literarischen Schaffens ab Im zweiten Teil, der durch die Sammlung Satura (1971) am besten repräsentiert ist, erfährt seine Poetik eine grundsätzliche Änderung, die nicht von allen Kritikern (z B Gianfranco Contini) verstanden wurde; andere dagegen (darunter die Dichter Andrea Zanzotto und Giovanni Raboni, aber auch Romano Luperini) halten den neuen Stil Montales «symptomatisch für die 2_IH_Italienisch_72.indd 98 06.11.14 10: 27 99 Buchbesprechungen Kultur der Gegenwart» (S 477) - und dies ist genau die Etappe, die in der vorliegenden Sammlung am häufigsten vertreten ist Merkmale dieser neuen Phase des «understatement» sind «der humorvolle Ton, die anspruchslose Syntax und die viele Einschübe von direkter Rede» (S 478); die Ehefrau, Drusilla Tanzi, die als ‹Mosca› verkleidet wird, steht diesmal im Mittelpunkt - insbesondere in den Zyklen Xenia I und II, die in Was bleibt erstmalig übersetzt wurden; die Mosca ist eine ironisch-verspottende Gestalt, die alle metaphysischen und auch menschlichen Konstrukte (Religion, Geschichte, Poesie usw .) entmystifiziert, wie der Dichter selbst (vgl La Poesia, die nicht nur der Poesie, sondern auch bestimmten literaturkritischen Strömungen - etwa dem Marxismus - gegenüber kritisch ist, S 292 - 293) Der «Verzicht auf das Sublime» (S 480) begleitet eine ernste und tiefe Betrachtung der Lage der Dichtung, die auch in der bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises von Montale gehaltenen Rede «Ist Dichtung noch möglich? » (12 Dezember 1975) thematisiert wurde Auf Satura folgen Diario del ’71 e del ’72 (1973) und Quaderno di quattro anni (1977) und der Diario postumo, die die «Prosapoesie» (S 480) von Satura fortsetzt Das Nachwort Günterts, das den Überblick über die Entwicklung der Poetik Montales durch die Analyse der verschiedenen Sammlungen, durch Textbeispiele und die Charakterisierung der weiblichen Figuren exemplifiziert, ist sehr erhellend und kann einem breiten Publikum von Nutzen sein Ein Indiz der Typologie der intendierten Adressaten ist das Fehlen von bibliographischen Hinweisen - bis auf ein paar Angaben zur Primärliteratur und die Veröffentlichung von Christine Ott; 2 eine einschlägige Bibliographie hätte jedoch auch dem interessierten Laien nicht geschadet Nach dem essayistischen Teil kommt der Übersetzer zu Wort: Ferber erklärt die Entstehungsgeschichte der Übertragung, die Gründe für die Auswahl und seine Vorliebe für den «‹Schlafrock›-Montale», der ihm «sympathischer [ist] als derjenige, der (wie er einmal sagte) ‹im Frack› daherkommt» (S 491) Die Sammlung, die die «umfangreichste Montale-Auswahl» (S 489) im deutschen Sprachraum darstellt, vertritt insbesondere die zweite Phase der Poetik Montales; die Gedichte der Zyklen Xenia wurden sogar «hier erstmals vollständig übersetzt» (S 490) Die Auswahl der Texte findet ihre Begründung im persönlichen Geschmack des Herausgebers («es ist also eine Auswahl, die persönliche Vorlieben des Übersetzers widerspiegelt», S 489) Viele Gedichte aus Le occasioni und La bufera e altro sind nicht übertragen worden, weil sie schon ins Deutsche übersetzt worden oder zu schwer zu interpretieren seien Es fehlen wichtige Gedichte wie La casa dei doganieri oder der sehr schöne und für die Poetik Montales paradigmatische mottetto La speranza di pure rivederti . 3 Angesichts der allgemein sehr hohen Qualität der Übertragungen ist es bedauerlich, dass dem Leser, der sich mit Montales Œuvre vertraut 2_IH_Italienisch_72.indd 99 06.11.14 10: 27 10 0 Buchbesprechungen machen möchte, gerade einige der besten Stücke vorenthalten werden Die Übersetzung Ferbers ist nämlich unter vielen Gesichtspunkten vorzüglich: Semantisch erweist sie sich als präzis, was wegen der Schwierigkeiten der Sprache Montales nicht selbstverständlich ist Rhetorisch und metrisch berücksichtigt sie einige Besonderheiten des Autors, eines Vertreters eines auch metrischen «classicismo modernista», 4 der durch Stilfiguren und besondere Versmaße auf die klassische Metrik Bezug nimmt Als Beispiel diene ein Vergleich der schon erwähnten Übersetzung des berühmten Gedichts Spesso il male di vivere ho incontrato von Helbling mit derjenigen Ferbers: Oft hab ich die Not des Lebens gefunden: einmal war’s ein gurgelnder, gestauter Bach, einmal war’s ein dürres, eingerolltes Blatt, einmal war es ein Pferd, das zusammensackte Gutes erfuhr ich nicht, als nur in dem Wunder, wie es die Götter wahllos erschaffen: da war’s die Statue im leichten Mittagsschlafe, die Wolke war es und in der Höhe ein Falke (Helbling, S 67) Oft hab ich Qual und Unlust zu leben getroffen: es war der gedrosselte Wildbach in seinem Brodeln, es war das Sich-Rollen des trockenen Blattes, das Pferd, das zusammengebrochen Gutes erfuhr ich nicht, außer im Wunder, das die göttliche Gleichmut eröffnet: es war jene Statue im Schlummer des Mittags, es war die Wolke, der Falke, hoch oben in Lüften (Ferber, S 35) Spesso il male di vivere ho incontrato: era il rivo strozzato che gorgoglia, era l’incartocciarsi della foglia riarsa, era il cavallo stramazzato Bene non seppi, fuori del prodigio che schiude la divina Indifferenza: era la statua nella sonnolenza del meriggio, e la nuvola, e il falco alto levato (S 34 im besprochenen Band) 2_IH_Italienisch_72.indd 100 06.11.14 10: 27 101 Buchbesprechungen Ferber bleibt nahe am Text: Semantisch versucht er, Montale treu zu reproduzieren, indem er das substantivierte Verb «Sich-Rollen» für «l’accartocciarsi» (ebenfalls ein substantiviertes Verb) verwendet, das die zeitliche und gleichsam dynamische Dimension des Leidens verkörpert; bei Helbling dagegen wird dies durch ein ziemlich statisches partizipiales Adjektiv ausgedrückt («eingerolltes Blatt») Auch rhetorisch übertrifft Ferber seinen Vorgänger: Wie im Original stehen nur zwei Anaphern (und nicht drei wie bei Helbling), die mit den drei Gegenständen (Wildbach, Blatt, Pferd) korrespondieren und somit eine gewisse Asymmetrie (die aber die Symmetrie andeutet - ein Beispiel von ‹classicismo modernista›) erzeugen Auch das Enjambement zwischen dem vorletzten und dem letzten Vers wird nur in Ferbers Übertragung wiedergegeben - der letzte Vers ist zwar länger als derjenige von Helbling, entspricht jedoch den italienischen Proportionen Ferber kann die Metrik Montales nicht reproduzieren, denn ein solcher Versuch würde zu Lasten eines verständlichen Satzbaus gehen Die Sammlung weist wenige Nachteile auf, die wahrscheinlich editorischer Natur sind: Die Anmerkungen sind extrem spärlich und beschränken sich auf die Erklärung des jeweiligen historischen Anlasses der Gedichte Die Sprache des früheren Montale ist aber sehr schwierig - und diejenige des späteren ist andeutend; einige Erklärungen wären nötig, zumal viele schwierige Wörter im Italienischen mit einem Wort aus der deutschen Umgangssprache übersetzt wurden - was einerseits die Verständlichkeit des deutschen Textes erhöht, andererseits das Register und die Konnotationen des Originals verschleiert . 5 Es gibt zwei Inhaltsverzeichnisse, die jedoch alphabetisch geordnet sind; ein klassisches, d h die Gedichte nach den jeweiligen Werken gliederndes, Inhaltsverzeichnis würde zeigen, dass viele Gedichte nicht nach philologischen Kriterien 6 geordnet sind (z B in Ferbers Ausgabe - Sektion Satura II - kommt Nell’attesa vor La belle dame sans merci, was nicht der ursprünglichen Anordnung entspricht, usw .) Diese Einwände sind aber, wie schon gesagt, durch die Wahl des Zielpublikums zu verstehen und stellen auf jeden Fall nur kleine Probleme dar; die positiven Qualitäten der Übersetzung sind viel bedeutender und machen das Desiderat einer vollständigen Neuübersetzung des Werks Montales besonders sinnfällig Man kann nur hoffen, dass Christoph Ferber sich dazu bereit findet . Alessandra Origgi 2_IH_Italienisch_72.indd 101 06.11.14 10: 27 102 Buchbesprechungen anmerkungen 1 E Montale, Gedichte, 1920 - 1954, übers von H Helbling, München 1987 Die anderen Ausgaben, die nur eine kleine Auswahl der Werke Montales anbieten, sind: E Montale, Nach Finisterre, übers von H Hinterhäuser, Darmstadt 1965; E Montale, Satura / Diario, übers von M Marschall von Bieberstein, München 1976; E Montale, Wer Licht abgibt, setzt sich dem Dunkel aus, übers von H Hinterhäuser, Waldbrunn 1982; E Montale, Glorie des Mittags, übers von H Frenze, München 3 1986; E Montale, Das postume Tagebuch, übers von C Koschel, München 1998 und 2001, 2 Bde 2 S 467: C Ott, Torso-Göttin Sprache, Heidelberg 2003 3 Vgl den ‹autocommento› «Due sciacalli al guinzaglio», am 16 Februar 1950 im Corriere della sera veröffentlicht 4 Vgl z B A Casadei, Prospettive montaliane. Dagli «Ossi» alle ultime raccolte, Pisa 1992 5 Z B in Ciò che di me sapeste (Ossi di seppia) wird «falòtico» mit «bizarr» wiedergegeben (S 36 - 37); der italienische Begriff ist aber extrem rar - er stammt aus dem Französischen «falot» 6 Die philologische Referenz für die Gedichte Montales ist die von Gianfranco Contini und Rosanna Bettarini in Kooperation mit Montale selbst herausgegebene Sammlung L’opera in versi, Torino 1980 2_IH_Italienisch_72.indd 102 06.11.14 10: 27 103 Buchbesprechungen erich auerbach: Kultur als Politik. Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938-1947). herausgegeben von Christian rivoletti. aus dem Türkischen von Christoph Neumann. konstanz: University Press 2014, 197 seiten, € 29,90 Es ist erfreulich, dass die Gründerväter der deutschsprachigen Romanistik auch im Ausland anerkannt werden Die Università di Padova hat sich diesbezüglich in jüngerer Zeit (2009, 2010, 2011) besondere Verdienste erworben und Ernst Robert Curtius, Leo Spitzer und Erich Auerbach je einen gewichtigen Tagungsband gewidmet . 1 Allerdings ist anzumerken, dass sich die meisten Beiträger auf solche Werke konzentrieren, die, wie Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Stilstudien und Mimesis, in italienischer Übersetzung vorliegen, was das bedauerliche «Germana sunt, non leguntur» leider bestätigt Eine erfreuliche Ausnahme macht daher ein Band von Aufsätzen und Rezensionen Auerbachs in italienischer Übersetzung, den der in Siena lehrende Italianist Riccardo Castellana und sein italienisch-deutscher Kollege Christian Rivoletti, z Zt Lehrstuhlvertreter an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, herausgebracht und z T selber übersetzt haben . 2 Erstaunlicherweise ist Auerbachs Œuvre noch keineswegs vollständig erschlossen, und das gilt nicht nur für sein umfangreiches Briefcorpus, das Martin Vialon herausgibt . 3 Rivoletti, von seiner Edition der Auerbach-Aufsätze in italienischer Sprache beflügelt, hatte die originelle Idee, nach weiteren Arbeiten 4 Auerbachs aus der türkischen Exilszeit zu suchen, und wurde fündig: Insgesamt konnte er zwölf Texte identifizieren, sechs Vorträge und sechs Zeitschriftenartikel (vgl «Nachweise», S 188 - 189), deren deutsche bzw französische Vorlagen als verloren gelten müssen . 5 Alle behandeln Themen der europäischen Kulturgeschichte und stammen aus den Jahren 1937 bis 1947 Da Auerbach nicht gut Türkisch konnte, musste bei den Vorträgen entweder ein Simultandolmetscher zugegen sein, oder eine vorher erstellte türkische Version an das Publikum verteilt werden Als Übersetzer der türkischen Texte konnte Rivoletti den renommierten Münchner Turkologen Christoph K Neumann gewinnen, der über eine reiche traduktologische Erfahrung verfügt Der Leser hat an keiner Stelle den Eindruck, es mit «(rück)übersetzten» Texten zu tun zu haben Die klare und einfache Diktion macht deutlich, dass sich Auerbach an ein breites Publikum wandte, welches er nicht mit Spezialwissen überfordern wollte Dennoch wäre es reizvoll, wüsste man, wie die deutschen bzw französischen Originaltexte ausgesehen haben . 6 Rivoletti arbeitet in seinem Vorwort die Bedeutung der Exilserfahrung für die wissenschaftliche Entwicklung Auerbachs heraus Die damalige Türkei 2_IH_Italienisch_72.indd 103 06.11.14 10: 27 10 4 Buchbesprechungen wurde von den Reformen geprägt, die Mustafa Kemal Atatürk, der erste Staatspräsident der Republik, angestoßen hatte Sie bewirkten eine «Neugründung der Politik, der gesellschaftlichen Struktur, der Kultur, der Religion und sogar der Sprache» (S 21), was Auerbach intensiv über die historischen Ereignisse der in die Krise geratenen westlichen Institutionen nachdenken ließ Um dies besser zu verstehen, sind Hinweise auf seine Vertreibung nötig, die Rivoletti als bekannt voraussetzt Genannt seien deshalb die wichtigsten Fakten, die verdeutlichen, dass Auerbach nicht so sehr als Wissenschaftler nach Istanbul geholt wurde, sondern als ein in der Lehrerbildung tätiger Pädagoge Vor diesem Hintergrund versteht man Tendenz und Stil seiner Vorträge besser, die an ein breites türkisches Publikum gerichtet waren Nach der sog nationalsozialistischen Machtergreifung am 30 Januar 1933 verloren die neuen «Herren» keine Zeit damit, alle ihren völkisch-rassischen Prinzipien missliebigen Personen aus einflussreichen Positionen in Staat und Gesellschaft zu entfernen Dass die Universitäten und Hochschulen dazu gehörten, versteht sich von selbst, denn ihnen war in der neuen Staatsordnung eine besondere Rolle zugedacht Als hauptsächliche Gegner des Nationalsozialismus galten aus rassischen Gründen «die Juden», aus politischen Kommunisten und Sozialdemokraten, wobei Marxisten und Juden in unzulässiger Vereinfachung miteinander gleichgesetzt wurden Justiz und Verwaltung liehen widerspruchslos ihre Hand, entsprechende Gesetze und Verordnungen zu formulieren, und, wenn die Regierung sie verkündet hatte, auch anzuwenden Äußerst wirksam war bereits das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» (ein euphemistischer und zugleich verschleiernder Titel) vom 7 April 1933 mit seinen verschiedenen Durchführungsverordnungen Bis zum Jahr 1937 wurden insgesamt 1684 jüdische Gelehrte aus Universitäten, Akademien, Forschungsinstituten, Bibliotheken und Museen entlassen Die meisten emigrierten und fanden in den USA und, mit gewissen Einschränkungen, Großbritannien eine neue Heimat und ein neues Wirkungsfeld, so als ob das angloamerikanische Bildungssystem trotz eigener Arbeitslosigkeit am flexibelsten für Zuzug von außen gewesen wäre Einen Sonderfall stellt die Türkei dar, wo in den Jahren nach 1933 einhundertneununddreißig deutsche und österreichische Wissenschaftler unterkamen Schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung bildete sich unter Leitung des aus Frankfurt stammenden Mediziners Philipp Schwartz in Zürich eine «Beratungsstelle für deutsche Wissenschaftler», die sich später «Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland» nannte Als Schwartz erfuhr, in Istanbul werde eine Universitätsreform vorbereitet, reiste er in die Türkei und wurde von Prof Albert Malche, einem Schweizer Pädagogen und Bildungspolitiker, der der führende Berater des türkischen Unterrichtsministeriums war, empfangen Er vereinbarte mit ihm die Anwerbung von deutschen 2_IH_Italienisch_72.indd 104 06.11.14 10: 27 105 Buchbesprechungen Emigranten für die neue Universität Istanbul, die im Unterschied zur Universität Ankara stärker geisteswissenschaftlich ausgerichtet sein sollte Auch zwei Romanisten, Leo Spitzer und Erich Auerbach, wurden nacheinander für Istanbul angeworben und konnten jüngere Wissenschaftler mitbringen Leo Spitzer kam im Herbst 1933, erhielt jedoch bereits eineinhalb Jahre später einen Ruf an die Johns Hopkins Universität in Baltimore, den er für 1936 annahm, so dass sein Platz wieder frei wurde Auerbach, als Nachfolger Spitzers seit 1930 Ordinarius in Marburg, fiel nach 1933 zunächst unter die sog Frontkämpferklausel, so dass ihm bis 1935 eine Gnadenfrist eingeräumt wurde Er gab sich eine Weile sogar der Selbsttäuschung hin, es werde alles nicht so schlimm kommen, zumal er in seinem Schüler Werner Krauss einen loyalen und tatkräftigen Unterstützer fand Als er jedoch von diversen Zeitschriftenherausgebern damit konfrontiert wurde, dass die Beiträge eines Nicht-Ariers nicht mehr erwünscht seien, wusste er, was die Stunde geschlagen hatte Schweren Herzens entschloss er sich mit Frau und Sohn zur Emigration nach Istanbul, wo Spitzer alle Wege für ihn geebnet hatte 7 Erich Auerbach verließ die Türkei erst 1947, um in die USA überzusiedeln, wo er zunächst an der Pennsylvania State University, später in Yale unterkam Langfristig konnte die Türkei einen so ideenreichen Romanisten wie ihn nicht binden Doch wenn man sich vergegenwärtigt, welchen Schikanen und lebensbedrohenden Gefahren die in Deutschland verbliebenen «Juden» ausgesetzt waren, die nur in Ausnahmefällen ihr Leben retten konnten, war der Aufenthalt im Fluchtland Türkei trotz aller Eingewöhnungsschwierigkeiten ein wahrer Glücksfall Betrachten wir die wiederentdeckten Arbeiten Auerbachs näher: Rivoletti teilt sie in zwei Gruppen, die «Zu einigen Themen der europäischen Kulturgeschichte» (Teil I) bzw «Zu einigen Protagonisten der europäischen Kulturgeschichte» überschrieben sind (Teil II) Diese Teilung ist geschickt, denn die «Protagonisten» (Dante, Machiavelli, Voltaire, Montesquieu, Jean- Jacques Rousseau, Benedetto Croce) behandeln Themen, die in Teil I in allgemeiner Form angeschnitten werden: «Literatur und Krieg», «Die Entstehung der Nationalsprachen im Europa des 16 Jahrhunderts», «Realismus im Europa des 19 Jahrhunderts» sowie «Die Wirkung der Monarchien auf die Demokratie in Frankreich und die jüngste deutsche Katastrophe» Es sei nur am Rande vermerkt, dass die meisten «Protagonisten» auch in Mimesis besprochen werden - Der Beitrag «Über das Studium der Romanistik in Istanbul» bildet insofern eine wichtige Ergänzung, als Auerbach als Ziel der Ausbildung postuliert, «den Studenten die Gelegenheit zu bieten, sich die besten Traditionen Europas aneignen zu können» (S 89) Die genuin italianistischen Vorträge sind «Dante» (S 95 - 109), «Über Dantes Dichtung» (S 111 - 129), «Über Machiavelli» (S 131 - 135) und 2_IH_Italienisch_72.indd 105 06.11.14 10: 27 106 Buchbesprechungen «Benedetto Croce» betitelt Wenngleich Auerbach, was Dante angeht, auf sein meisterhaftes Buch aus dem Jahr 1929 zurückgreifen kann, 8 spürt man doch eine neue Sympathie, die der aus seiner Heimat in die ferne Türkei vertriebene Romanist für den florentinischen Dichter empfindet, der 1301 aus seiner Vaterstadt verbannt wurde und sie nie wiedersehen sollte Bringen also die beiden Dante-Beiträge nichts grundsätzlich Neues, so ist die Rehabilitierung Machiavellis, auch er ein Verbannter, auf ersten Blick überraschend Auerbach leugnet weder seine Verherrlichung der Staatsraison noch seinen Opportunismus, doch er bewundert seine Ehrlichkeit und seinen Idealismus Eigentlich habe Machiavelli die Gewaltherrschaft verabscheut, sich dem Volk nahe gefühlt und vor allen Dingen die Freiheit geliebt Wenn Auerbach gleich zu Beginn seines Beitrags schreibt, Il Principe sei «eines der alten Werke, die im Lichte der Ereignisse der letzten Jahre neue Frische angenommen haben und weithin auf Interesse stoßen», dann sind die Analogien des «Fürsten» zu den Diktatoren in Deutschland, Italien, Spanien, Portugal und anderen Ländern zwar unüberhörbar, aber die Unterschiede nicht minder Für Auerbach ist Machiavelli ein Idealist, der, anders als die Despoten der Gegenwart, die Staatsraison und ihre daraus abgeleiteten Gewalttaten nicht mit Ideologie und Moral verbrämt, sondern in seinem Fürsten einen fiktiven, idealen Diktator zeichnen will Der Croce-Beitrag (S 187 - 188) ist nur kurz und reagiert auf den Waffenstillstand, den Marschall Badoglio im Namen König Viktor Emanuels III nach der Absetzung Mussolinis am 8 September 1943 mit den Alliierten schloss Auerbach zeichnet Croce als einen der einflussreichsten Denker der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts und Gegner des Faschismus Aus diesem Grund werde er «eine führende Rolle beim politischen und moralischen Wiederaubau seines Landes spielen dürfen» Rivoletti hat mit seiner Edition einen wichtigen Beitrag zur besseren Kenntnis Auerbachs, eines der ganz großen aus Deutschland stammenden Romanisten, geleistet Abschließend sei angemerkt, dass am Institut für Philosophie der Carl v Ossietzky Universität Oldenburg am 8 Mai 2014 ein «Erich-Auerbach- Archiv» gegründet wurde, das von Martin Vialon geleitet wird 9 Diese Gründung unterstreicht einmal mehr die Aktualität Auerbachs, nicht nur für die Romanistik, sondern für alle Kulturwissenschaften Frank-Rutger Hausmann 2_IH_Italienisch_72.indd 106 06.11.14 10: 27 107 Buchbesprechungen anmerkungen 1 Mimesis: l’eredità di Auerbach: atti del 35. Convegno interuniversitario (Bressanone / Innsbruck, 5-8 luglio 2007) a cura di Ivano Paccagnella e Elisa Gregori, Padova: Esedra 2009; Leo Spitzer: lo stile e il metodo: atti del 36. Convegno interuniversitario (Bressanone / Innsbruck, 10-13 luglio 2008) a cura di Ivano Paccagnella ed Elisa Gregori, Padova: Esedra 2010; Attorno a Curtius: tavola rotonda dei dottorandi di Romanistica in occasione del 37. Convegno Inter-universitario (Bressanone / Innsbruck, 13-16 luglio 2009) «Ernst Robert Curtius e l’identità culturale dell’Europa» / a cura di Ivano Paccagnella e Elisa Gregori, Padova: Esedra 2011 2 Erich Auerbach, Romanticismo e realismo e altri saggi su Dante, Vico e l’Illuminismo a cura di Riccardo Castellana e Christian Rivoletti, Pisa: Scuola Normale Superiore 2010 (Bibliotheca, 7) 3 Erich Auerbachs Briefe an Martin Hellweg (1939 - 1950) Edition und historisch-philologischer Kommentar / hrsg von Martin Vialon, Tübingen / Basel: Francke 1997; s u Anm 9 4 Roman filolojisine giri¸ s Çeviren: Süheyla Bayrav, Istanbul: Horoz, 1944 (türk Übers von Einführung in die romantische Philologie); Neue Dantestudien; Sacrae scripturae sermo humilis; Figura; Franz von Assisi in der Komödie, Istanbul 1944 5 Einen Sonderfall, weil aus dem engeren Zeitrahmen fallend, bildet «Über Dantes Dichtung» [redaktioneller Titel] Transkript der Tonaufnahme des an der Pennsylvania State University gehaltenen Vortrags, USA 1947 Erste Veröffentlichung in englischer Sprache (mit Originalaufnahme auf CD) unter dem Titel «The three traits of Dante’s poetry», in: Karlheinz Barck und Martin Treml (Hrsg .), Erich Auerbach. Geschichte und Aktualität eines europäischen Philologen, Berlin: Kadmos 2007, S 414 - 425 6 Auerbachs inzwischen in Marbach, DLA aufbewahrter Nachlass enthält die Vorlagen leider nicht, da er im großen und ganzen nur seinen Aufenthalt in den USA dokumentiert 7 Vgl ausführlich Hausmann, «Vom Strudel der Ereignisse verschlungen». Deutsche Romanistik im «Dritten Reich», Frankfurt a M .: Vittorio Klostermann 22008 (Analecta Romanica, 61),S 233 - 280; 309 - 336 8 Dante als Dichter der irdischen Welt, Berlin: de Gruyter 1929 9 Vgl den folgenden Hinweis in: CvO-Universität Oldenburg, Press release vom 2 .5 .2014: «Eine der ersten Aufgaben des Archivs besteht in der Edition von Auerbachs Briefen», erklärt Vialon, der den bereits publizierten Briefen an Benedetto Croce, Werner Krauss, Walter Benjamin, Martin Hellweg, Siegfried Kracauer, Karl Vossler und Fritz Schalk neue, bisher unveröffentlichte Konvolute hinzufügen konnte So plant er eine Gesamtausgabe von Auerbachs Briefen - etwa 550 aus privaten und öffentlichen Archiven in den USA, Israel und Europa sowie der Türkei «Zudem widmet sich das Archiv der Edition von vergriffenen Werken Auerbachs - vor allem seinen Essays» 2_IH_Italienisch_72.indd 107 06.11.14 10: 27 108 Buchbesprechungen Margherita di salvo: «Le mani parlavano inglese». Percorsi linguistici e antropologici tra gli italiani d’Inghilterra . roma: Il Calamo 2012, 310 seiten, € 30,- (Lingue, culture e testi, 14) elton Prifti: Italoamericano: italiano e inglese in contatto negli USA: linguistica variazionale e linguistica migrazionale . berlin / boston: de Gruyter 2013, 473 seiten, € 89,95 (beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie 375) Die «storia linguistica dell’emigrazione italiana nel mondo» (cf Vedovelli 2011) ist um zwei Beiträge reicher: Margherita di Salvo (2012) und Elton Prifti (2013) zeichnen in ihren migrationslinguistischen Dissertationen die Sprechergeschichten bzw -profile (süd-)italienischer Auswanderer in England und Nordamerika nach; insbesondere zum bisher sehr spärlich erforschten migrationsbedingten Sprachkontakt in Großbritannien (cf Barni 2011, S 244 - 262) liegt mit di Salvo erstmals eine originelle Fall- und Vergleichsstudie vor Das jeweils völlig unterschiedlich gewählte Forschungsdesign legt eine gemeinsame Besprechung nahe Die im internationalen Forschungsprojekt «L’identità italiana tra particolarismi e globalizzazione» (Neapel / Lüttich / Cambridge) entstandene Doktorarbeit von di Salvo setzt sich unter Zuhilfenahme eines anthropologischen Ansatzes die Modellierung einer «etnolinguistica dell’emigrazione» (S 17) zum Ziel Zwei Untersuchungsorte wurden für die Herausarbeitung der Variation und ihrer Dynamik ausgewählt bzw kontrastiert: Als prädestiniert für die sechsmonatige Feldforschung bot sich zunächst Bedford an, dort befindet sich die größte Ansiedlung italienischer Migranten in England Cambridge präsentierte für die Exploratorin neben seiner geografischen Nähe zu Bedford vor allem aufgrund des ähnlichen Hintergrundes der ansässigen italienischen Sprechergemeinschaft der ersten Generation - Süditaliener mit schwacher schulischer Bildung, die während der 1950er Jahre immigrierten - einen aufschlussreichen Vergleichsfall Die Arbeit umfasst neun Kapitel, die sich in drei zentrale Teile gliedern Im Anschluss an Forschungsüberblick und theoretische Grundlagen (Kap 1, S 9 - 29) wird die Einwanderungsgeschichte der Italiener in beiden englischen Städten skizziert (Kap 2, S 31 - 45) Hieran schließt sich das interessante dritte Kapitel (S 47 - 73) über die jeweiligen Konzeptionen von Hetero- und Auto-Identifizierung: «Essere italiani a Cambridge» (cf Kap 3) bedeutet Integration und Anglisierung, «essere italiani a Bedford» hingegen ethnische, auch räumliche Geschlossenheit und Dialektverwendung als Identitätssymbol bzw Symbolsprache Während sodann in Teil I der Arbeit die beiden städtischen Sprecherschaften einer vergleichenden, auch statistischen 2_IH_Italienisch_72.indd 108 06.11.14 10: 27 109 Buchbesprechungen Sprachanalyse unterzogen werden («Il livello intercomunitario», Kap 4 - 5, S 77 - 178), konzentriert sich die Autorin in Teil II auf die sprachliche Kontrastierung der drei größten Gruppen innerhalb der italienischen Gemeinde Bedfords, nämlich die von jeweils elf (sardischen) Kampidanesen, Molisanern, und Sizilianern («Il livello intracomunitario», Kap 6 - 7, S 181 - 258) Die Arbeit zeichnet sich dabei durch einen klaren methodologischen Zuschnitt aus: In einem (leider nicht im Anhang dokumentierten) questionario sollten die italienischen Einwanderer der ausschließlich ersten Generation Selbstbewertungen ihrer Englisch-, Italienisch- und Dialektkompetenzen auf vier Niveaus (Hör-, Lese-, Schrift- und Sprechfertigkeiten) abgeben sowie ihr Sprachverhalten in verschiedenen Domänen (Familie, Arbeit, Institutionen) und Situationen (Pub, Zorn, Selbstgespräch) beschreiben Um die Validität der Aussagen zu überprüfen und zu den realen gesprochenen Sprachverhältnissen, insbesondere zum Einfluss des Englischen auf Italienisch und Dialekt (in Form von Sprachwechseln, Lehnwörtern, Diskursmarkern, Interjektionen) zu gelangen, führte die Verfasserin qualitative Interviews mit ausgewählten Probanden durch Zusammengefasst besteht das Korpus aus 199 ausgewerteten Fragebögen - 149 aus Bedford, fünfzig aus Cambridge - und 78 Stunden Tonmaterial aus 66 transkribierten Interviews Die aus den Selbstaussagen der questionari und aus den analysierten Produktionsdaten der Befragungen eruierten bzw quantifizierten Forschungsergebnisse (Teil I) decken sich: Im Gegensatz zu Cambridge ermittelte di Salvo für Bedford eine weit weniger verbreitete Englischkompetenz der italienischen Kommunikanten Auch in Bezug auf den Italienisch- und Dialekt-Gebrauch resultierten zwei divergierende Repertoires: Ist in Cambridge, wo eine italienische Infrastruktur fehlt, eine erwartungsgemäß deutlich fortgeschrittene Italianisierung und damit einhergehende eingeschränkte Dialektophonie der Sprecher vorherrschend, trifft auf die in Bedford lebenden Italiener genau das Gegenteil zu: Sie verwenden fast ausschließlich ihren jeweiligen Herkunftsdialekt und ihre Italienischkenntnisse sind indes sehr beschränkt Ebenfalls deckungsgleich sind die Ergebnisse der Makro- und Mikroanalyse aus dem zweiten Teil, dem Vergleich der Regionalgruppen: Die aus Molise stammenden Sprecher sind äußerst italophon und quasi resistent gegen Interferenzen sowohl aus dem eigenen Dialekt als auch aus dem Englischen Die Sizilianer verhalten sich demgegenüber genau umgekehrt: Das Englische wird viel und häufig, so auch im familiären Kontext, verwendet und tritt in Interferenzerscheinungen auf; auch eine starke Alternanz zwischen dem Dialekt als we-code und der italienischen Sprache war zu beobachten Die Kampidanesen nehmen sozusagen eine Zwischenposition ein Vor dem Hintergrund der Befunde aus Kap 3, Kap 7 und der eigenen teilnehmenden Beobachtung diskutiert die Verfasserin schließlich im 8 Kapitel (S 259 - 281) die Korrelation von Sprache und regionaler Identität(sbildung), 2_IH_Italienisch_72.indd 109 06.11.14 10: 27 110 Buchbesprechungen im Besonderen die auffällige hetero- und auto-perzipierte ‹Sizilianität› in Bedford So unterscheiden sich die Sizilianer sowohl sprachlich (cf die präferierte Benennung des eigenen Idioms als «lingua» und die Fremdbewertung als «stretto siciliano» vs «aperto campidanese») als auch durch ihre gruppenspezifische, je nach Sichtweise prestigebesetzte bzw stigmatisierte buchstäbliche ‹Isolation› (z B Verwandtenehen; eigens für Sizilianer und Engländer ausgerichtete pompöse Feste) und nicht zuletzt aufgrund ihrer wirtschaftlichen Machtpositionen - die wiederum die Wertschätzung und den Gebrauch des Englischen erklären - in Bedford von den übrigen «continentali» «Ripensare il concetto di comunità» (S 297) lautet demgemäß das Plädoyer der Verfasserin in der Schlussbetrachtung (Kap 9, S 283 - 297); im Hinblick auf weitere Forschungen erachtet sie eine sukzessive Perspektivenverengung von der Makroebene der italienischen über die idealiter kontrastiv beleuchtete regionale Sprechergemeinschaft und ihres dynamischen language shifts hin zur Mikroebene des Einzelsprechers mit seinen multiplen Identitäten und Kompetenzen als notwendig Die einzigen Schwachstellen dieser stringenten, gut lesbaren und dank 438 Primärzitaten sehr anschaulichen ethnolinguistischen Tiefenstudie sind äußerlicher Natur und betreffen das mangelhafte Lektorat und Layout der Arbeit (viele Interpunktions-, Typographie- und Tippfehler; fehlende Seitenangaben bei Belegen; fehlendes Abbildungsverzeichnis; uneinheitliche Bibliographie; suboptimale Aufbereitung der Tabellen und Diagramme) In Anbetracht der behandelten Einzelaspekte der ansehnlichen Forschungsliteratur zum italo-amerikanischen Sprachkontakt, insbesondere von Haller (z B 1993; 2002) (cf Machetti 2011, S 388; 406 f .), verfolgt Prifti das Forschungsziel einer ganzheitlichen Darstellung und erhebt damit einen hohen Anspruch: Der dynamische Konvergenzprozess und der Sprachwechsel italienischer Migranten der ersten bis fünften Generation soll im Zeitraum der letzten 130 Jahre sowohl aus diachroner als auch aus migrationssowie variationslinguistischer Perspektive erforscht werden Die theoretisch-methodologische Grundlage hierfür bildet die funktional-integrative Analyse sprachlicher Variation nach Stehl (z B 2012) Nach der Einleitung bzw der Forschungsdiskussion (Kap 1, S 1 - 29), dem Theorie- und Methodik-Kapitel (Kap 2, S 30 - 91) und der externen Sprachgeschichte des Italoromanischen in den USA (Kap 3, S 92 - 126) folgt der viergeteilte Analyseteil (Kap 4 - 7, S 92 - 376) Im Ergebnis der drei ersten Analyseschritte - erstens diasystematisches Sprachwissen (Kap 4); zweitens Sprachverhalten und -gebrauch (Kap 5); drittens Sprachproduktionen (i .e Transferenz; Erosion; «dialect mixing») (Kap 6) mit etwas deplatziert wirkender «variazione nella gestualità» (S 359 - 362), deren sprachkontaktinduzierte Detailergebnisse hier nicht referiert werden können - präsentiert der Autor ein intergenerationelles, hierar- 2_IH_Italienisch_72.indd 110 06.11.14 10: 27 111 Buchbesprechungen chisiertes Kompetenzprofil auf Basis der vier definierten Defektivitätsebenen «non difettivo», «difettivo», «ulteriormente difettivo» und «doppiamente diffettivo» (S 51 - 53) Dieses besteht aus vier Arche-Gradata, die sich wiederum zu je zwei italoromanischbasierten und zwei englischbasierten Gradata, dem so genannten «italese» (doppelt defektives und defektives Italoromanisch) und «americaliano» (nicht defektives und defektives amerikanisches Englisch) bündeln lassen (S 366) Diese Kontaktvarietäten seien «generationsorientiert stabil und wurden (und werden teilweise) in diesem Rahmen jeweils als Muttersprache übertragen» (Prifti 2011, S 101) Den graduellen Übergängen entsprechend diagnostiziert Prifti im letzten, im Vergleich zu den vorausgehenden jedoch ziemlich knapp ausgefallenen Kapitel zur kollektiven Identität (Kap 7, S 368 - 376) die zwei zeitlich aufeinanderfolgenden Ausprägungsformen einer alten (1880 - 1927) und einer modernen Italo-Amerikanität; die These eines mit dem language loss bzw shift einhergehenden Identitätsverlusts der 3 und 4 Generation oder der Rückbesinnung auf die eigenen sprachlichen Wurzeln durch gesteuerten Spracherwerb wie sie de Fina 2012 in ihrer Fallstudie konstatiert, wird indes nicht diskutiert (jedoch in Prifti 2011, S 102) So komplex die Fragestellung ist, so vielschichtig ist auch das zu Grunde liegende Korpus Das Hauptgewicht der Analyse liegt auf den qualitativen Interviews mit 51 Sprechern (ca 45 Std .; Erhebungszeitraum 1999 - 2010); die Befragungsbasis lieferte ein exhaustiver questionario (cf Anhang, S 383 - 389) Darüber hinaus zog der Autor noch eine Vielzahl unterschiedlicher schriftlicher Zeugnisse heran (1 .362 Briefe italienischer Migranten aus dem 20 Jh ., Kochrezepte, Notizzettel, Tagebücher, Biographien, Migrationsliteratur, Zeitungsartikel, Theatertexte); zudem wurden mehrere italo-amerikanische (Dokumentar-)Filme, TV-Serien, Lieder und auch Internetquellen ausgewertet Angesichts dieser disparaten Material- und Medienfülle zwischen (fingierter) Mündlichkeit und (elaborierter) Schriftlichkeit scheint eine systematische Untersuchung - das Hauptanliegen des Verfassers - eher erschwert als erleichtert Methodisches Unbehagen macht sich auch bei der Repräsentativität des Informantensamples breit (S 78 - 81): so stammen 50% der Probanden aus der ersten Generation und 30% aus Philadelphia; der fragwürdigen Generalisierung der Produktionsdaten hält der Verfasser «la ripetibilità delle dinamiche di convergenza linguistica all’interno delle singole [cinque] famiglie» (S 82) sowie «molteplici analogie» (S 377) innerhalb des periodisierten Sprachkontakts und seiner sprachlichen Reflexe (1880 - 1927: Diglossie Dialekt / Englisch; ca 1927 - 1980: Triglossie Dialekt / Englisch / Italienisch; ca ab 1980: Diglossie Italienisch / Englisch) entgegen Fundamental davon unterscheidet sich letztlich di Salvos Fazit einer «‹altissima variabilità›, che […] compromette la possibilità di generalizzazioni, che forse potrebbero scaturire solo da indagini approfondite su un più ampio 2_IH_Italienisch_72.indd 111 06.11.14 10: 27 112 Buchbesprechungen numero di situazioni .» (di Salvo 2012, S 295) Dass in der Tat eine kommunikationsraumbasierte Fokussierung mit möglichst kleinen zu analysierenden Raumeinheiten oder auch eine interaktionale Familienperspektive durchaus diffizile Dynamiken im Hinblick auf Sprachpraktiken und -wissen der betreffenden Kommunikanten zum Vorschein treten lassen kann, beweisen die lehrreichen Studien von eben di Salvo 2012, de Fina 2012, Rubino 2014 sowie Barbaric´ (im Druck) Insgesamt legt Prifti zwar eine schematische (cf die Merkmalsmatrizen, z B S 172, 231, 348), aber zweifellos auch überaus engagierte Gesamtdarstellung mit reichem und aufwendigem Anschauungsmaterial vor (38 Abbildungen; 27 Tabellen; ein angehängtes Glossar an Italoamerikanismen; über 440 Sprecherzitate, die teils direkt übersetzt und teils leider auch in den Fußnoten geboten werden) Tina Ambrosch-Baroua Literatur Barbaric´, Philipp: Che storia che gavemo qua - Sprachgeschichte Dalmatiens als Sprechergeschichte (1797 bis heute) . Stuttgart: Franz Steiner (im Druck) Barni, Monica: «Europa», in: Vedovelli, Massimo (Hrsg .): Storia linguistica dell’emigrazione italiana nel mondo . Roma: Carocci 2011, S . 203 - 304 De Fina, Anna: «Family interaction and engagement with the heritage language: A case study», in: Multilingua - Journal of Cross-Cultural and Interlanguage Communication, 31 .4, 2012, S . 349 - 379 Haller, Hermann: Una lingua perduta e ritrovata. L’italiano degli italo-americani Scandicci: La Nuova Italia Editrice 1993 Haller, Hermann: «I dialetti italiani negli USA», in: Cortelazzo, Manlio et al .(Hrsg .): Dialetti italiani: storia, struttura, uso . Torino: UTET 2002 Machetti, Sabrina: «America del Nord», in: Vedovelli, Massimo (Hrsg .): Storia linguistica dell’emigrazione italiana nel mondo . Roma: Carocci 2011, S . 387 - 428 Prifti, Elton: «Italese und Americaliano . Sprachvariation bei italienischen Migranten in den USA», in: Stehl, Thomas (Hrsg .): Aspekte von mobilisierten Kulturen: Aspekte der Migrationslinguistik, Universitätsverlag Potsdam 2011, S . 71 - 106 Rubino, Antonia: Trilingual talk in Sicilian.-Australian migrant families. Playing out identities through language alternation . Basingstoke: Palgrave Macmillan 2014 Stehl, Thomas: Funktionale Variationslinguistik: Untersuchungen zu Dynamik von Sprachkontakten in der Galloromania und Italoromania . Frankfurt am Main [u .a .]: Lang 2012 Vedovelli, Massimo (Hrsg .): Storia linguistica dell’emigrazione italiana nel mondo Roma: Carocci 2011 2_IH_Italienisch_72.indd 112 06.11.14 10: 27 113 kurzrezensionen Frank-rutger hausmann: Die Deutsche Dante-Gesellschaft im geteilten Deutschland . stuttgart: Verlag hauswedell 2012, VI + 298 s., € 44,- Frank-Rutger Hausmann hat der Deutschen Dante-Gesellschaft zu ihrem bevorstehenden 150 Geburtstag das wertvollste Geschenk gemacht: Er hat ihre Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg erforscht und aufgeschrieben Literaturgesellschaften haben neben der öffentlichen Seite, die sich in Tagungen und Publikationen manifestiert, eine informelle: Sie besteht in der Arbeit des Vorstands, seinen protokollierten Zusammenkünften sowie der Korrespondenz seiner Mitglieder Die unmittelbar zugänglichen Publikationen Mitteilungsblatt und Jahrbuch sind daher zu ergänzen durch ungedruckte Quellen, die sich in Archiven befinden oder als Nachlass verwaltet werden Ein eigenes Archiv besitzt die Dante-Gesellschaft noch nicht Hausmann wertet Gedrucktes und Ungedrucktes aus, und allein die Auflistung der konsultierten Archive (S 271 - 274) verdeutlicht den ungemeinen Forschungsaufwand Das Ergebnis ist mehr als überzeugend und darf, ohne frühere Rückblicke auf die Geschichte der ältesten Dante-Gesellschaft der Welt abzuwerten, als Maßstab künftiger Darstellungen gelten Der Autor untersucht genau genommen den Zeitraum von 1945 bis 1982, umfasst bzw berührt damit die Präsidentschaften des Historikers Walter Goetz (1927 - 1949), des Romanisten Hans Rheinfelder (1949 - 1971) und des Romanisten August Buck (1972 - 1993) Da Hausmann der für die Geschichtsschreibung geltenden Regel folgt, einen Abstand von 30 Jahren zur Gegenwart einzuhalten, endet seine Darstellung 1982, heißt mit dem ersten Jahrzehnt von Bucks Präsidentschaft Aufgrund der Teilung Deutschlands kommt der Vizepräsidentschaft des Zwickauer Pfarrers Otto Riedel von 1962 bis 1983 besondere Bedeutung zu Zu diesen vier Protagonisten gesellen sich die Herausgeber des Jahrbuches, der Historiker Friedrich Schneider (tätig 1927 - 1962) 1 und die Romanistin Marcella Roddewig (tätig 1971 - 2000) . 2 Zurecht betont Hausmann angesichts der langen Amtszeiten die Beständigkeit der Gesellschaft «auch in turbulenten Zeiten» So sehr aber die genannten Personen deren Geschicke über die Jahrzehnte prägten, so sehr nahmen der verheerende Krieg und die spätere Teilung Einfluss Zur Geschichte der Gesellschaft zählt die Frage von Sitz und Tagungsort, zählt die Dante-Bibliothek, deren Aufbau schon die Statuten der DDG von 1865 vorsahen, zählen in spezifischer Weise Aktivitäten im Jubiläumsjahr 1965, dem 700 Geburtstag des Dichters Hausmann gelingt es auf überzeugende Weise, die Vielgestaltigkeit des Themas in eine lesbare Form zu bringen 2_IH_Italienisch_72.indd 113 06.11.14 10: 27 114 Kurzrezensionen Mit der Frage eines künftigen Tagungsortes nach dem Krieg, als Deutschland in vier Besatzungszonen geteilt war, deuten sich die Schwierigkeiten an, eine gesamtdeutsche Dante-Gesellschaft weiterzuführen Der Einzug des Jahresbeitrags von den Mitgliedern, ein ebenso schlichtes wie lebensnotwendiges Faktum, erwies sich in den vier Besatzungszonen plötzlich als kompliziertes Verfahren, das nur improvisierend zu bewerkstelligen war Geschäftsstelle wurde Gräfelfing bei München, wohin Goetz nach seiner Emeritierung 1933 von Leipzig verzogen war Auch andere Vorstandsmitglieder lebten dort oder in der Umgebung 1921 war Weimar Sitz der Gesellschaft geworden, bald darauf auch regelmäßiger Tagungsort Während Schneider sich für Weimar als fortgesetzten Tagungsort stark machte, plädierte Goetz für Krefeld, das in der Person des dortigen Bibliotheksdirektors Friedrich Schlüter seine Gastfreundschaft anbot Der in München lehrende Rheinfelder, der 1949 den 82jährigen Walter Goetz ablöste, bekundete demonstrativ Sympathie für Weimar, aber die Rahmenbedingungen führten zu immer häufigeren Treffen am Rhein Die Auflistung der Jahrestagungen von 1947 bis 1982 (S 169 - 170) weist nur noch dreimal Weimar (1950, 1953, 1954), dagegen 17 Mal Krefeld (erstmals 1947) auf, im übrigen weitere Orte in Westdeutschland, der Schweiz und Österreich Die immer größer werdenden Schwierigkeiten der Gesellschaft im deutschen Ost-West-Konflikt riefen Präsident und Vizepräsident auf den Plan: «Besonders verdient Pfarrer Otto Riedel aus Zwickau herausgehoben zu werden, der im Verein mit Rheinfelder den Kampf mit der ihm und der DDG ablehnend gesonnenen DDR-Bürokratie aufnahm und dem es durch seine Zähigkeit gelang, die definitive Spaltung der DDG in eine westliche und eine östliche Gesellschaft zu verhindern Der Preis, den er dafür zahlen mußte, war hoch: Marginalisierung und Schikane» (S 153) Otto Riedel organisierte in der DDR Dante-Lesungen und Tagungen und bewies in jahrelangen Auseinandersetzungen mit dem Ministerium für Kultur bewundernswerten Mut Die Lektüre interner Schreiben auf Regierungsseite lässt noch aus zeitlichem Abstand den Atem stocken, eine Johanna Rudolph (Ps .) wurde Riedels «heftigste Gegnerin» Zu Riedels kleinen und großen Siegen zählte eine Dante-Briefmarke zu Dantes 700 Geburtstag, während in Westdeutschland erst 1971 zum 650 Todestag des Dichters eine Briefmarke herauskam Das Jubiläum 1965 verstand die Führung in Ost-Berlin als Konkurrenzveranstaltung zur Bundesrepublik und Gelegenheit, die Beziehungen zu Italien zu verbessern (S 135 - 144) Die Federführung der Organisation oblag der 2_IH_Italienisch_72.indd 114 06.11.14 10: 27 115 Kurzrezensionen Ostberliner Romanistin Rita Schober, es gab eine Einladung nach Italien und eine Gegeneinladung Eine internationale Dante-Tagung in Ost-Berlin im Mai 1965 wurde ergänzt durch eine Rundreise nach Potsdam, Sachsen und Thüringen Auf den Tagungen in Italien hielten allerdings nur westdeutsche Dantisten (Rheinfelder, Buck, Ostermann) Vorträge Otto Riedel war vom italienischen Kulturminister nach Italien eingeladen worden, erhielt aber keine Reiseerlaubnis Rheinfelder, in der DDR durchaus angesehen, machte aus seiner diesbezüglichen Empörung vor der DDR-Delegation in Italien keinen Hehl In Westdeutschland fand im Mai 1965 eine Internationale Münchner Dante-Woche statt, ergänzt durch eine Tagung im Oktober in Krefeld, auf der ein Dante-Denkmal des Bildhauers Giannino Castiglioni enthüllt wurde Das Dante-Jahrbuch wurde seit Ende der 20er Jahre vom Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger in Weimar gedruckt Den Verlag hatte der aus Österreich stammende Rechtswissenschaftler Karl Rauch 1924 in der Weltwirtschaftskrise gekauft und gründete nach dem Krieg in Graz einen neuen Böhlau Verlag (dessen Sitz später Wien wurde) 1951 kam ein Verlagszweig in Köln (Böhlau-West) hinzu «Hermann Böhlaus Nachfolger» genoss somit als ‹internationaler› Verlag in der DDR gewisse Freiheiten, was die Fortsetzung von Schneiders Herausgebertätigkeit ermöglichte und erleichterte Die Währungsreform im Juni 1948 brachte durch die Einführung einer DM-West und DM-Ost für das Jahrbuch Finanzierungsschwierigkeiten verschiedener Art mit sich, über die Jahre unterschiedlich gelöst Als die DDR 1967 per Gesetz gesamtdeutsche Gesellschaften mit Sitz in Westdeutschland nicht mehr als gesamtdeutsch anerkannte, kündigte Böhlau-Ost den Vertrag mit der DDG Finanzielle Engpässe wurden als vorgeschobener Grund angegeben Inhaltlich verbinden sich mit dem Jahrbuch Fragen der wissenschaftlichen Ausrichtung und Qualität, auch der Abgrenzung zum Mitteilungsblatt, von den Herausgebern und Präsidenten tendenziell verschieden gesehen und gehandhabt Bewegend sind Friedrich Schneiders Worte im ersten Jahrbuch nach dem Krieg, das 1946 erschien: «Die Kulturwelt soll durch die erneute Nennung des Namens Dante in Deutschland erfahren, daß wir nach der furchtbarsten Katastrophe der deutschen Geschichte, Verbrechen und qualvolle körperliche und seelische Leiden und Schmerzen sühnend und überwindend, durch eigene Läuterung einer menschlicheren Zukunft entgegenschreiten wollen» (S 26) Einen der Sache angemessen dienenden Wissenschaftsbegriff dagegen stellte Marcella Roddewig bei ihrer Übernahme der Herausgeberschaft 1972 heraus: Das «vielfältig verflochtene und weit über den Nährboden seiner Zeit hinaus- 2_IH_Italienisch_72.indd 115 06.11.14 10: 27 116 Kurzrezensionen reichende Werk des florentinischen Weltbürgers und exul immeritus» müsse perspektivenreich erforscht werden und in zunehmendem Maße internationale Forschung im Blick haben, «frei von unwissenschaftlicher Überschätzung der Wissenschaft» (S 69) Ein in der Forschung ambitionierter Herausgeber war zuvor der Rheinfelder-Schüler Alfred Noyer-Weidner gewesen, der aber am redaktionellen Tagesgeschäft rasch die Lust verlor Seiner Ansicht, Aufsätze zu Dantes Werk ließen sich auch in anderen Zeitschriften veröffentlichen, das Dante-Jahrbuch sei somit eigentlich überflüssig, widersprachen Rheinfelder und Roddewig vehement Nur angedeutet sei Hausmanns aufwendige Spurensuche zur Dante- Bibliothek (S 76-94), die im Lauf der Jahrzehnte wiederholt mit der Bibliothek des Dante-Forschers Philalethes, König Johann von Sachsen (1801 - 1873), verwechselt wurde Ein erster Bestand von 261 Bänden wurde Ende des 19 Jahrhunderts «in höherem Auftrag» in die Leipziger Universitätsbibliothek eingegliedert, ohne dass eine spätere Rückgabe erfolgte Eine seit den 30er Jahren neu aufgebaute Büchersammlung, die sich in der Thüringischen Landesbibliothek befand, wurde 1941 in Schloss Moritzburg «neben der Dante- Bibliothek König Johanns» aufgestellt Die Bücher wurden im Zuge der Kriegs- und Nachkriegswirren zerstört, verstreut oder verschleppt Auf Rheinfelders Initiative entstand eine dritte Dante-Bibliothek, die bis heute in der Münchener Stadtbibliothek untergebracht ist Etwa zu einem Drittel besteht Hausmanns Buch aus Anmerkungen, die immer wieder Zitate aus der umfangreichen Korrespondenz in Nachlässen und Archiven enthalten Sie erlauben dem Leser, «sich ein eigenes, vielleicht sogar abweichendes Bild zu machen, wenn sie mit den unmittelbaren Äußerungen der Protagonisten und ihren ganz unterschiedlichen Temperamenten und Erfahrungen konfrontiert werden» (S 12) Dass Goetz, Schneider, Rheinfelder, Riedel, Buck und Roddewig, alle mit Foto abgebildet und biographischer Skizze versehen, ausgemachte Persönlichkeiten waren, versteht sich Geschickt, wortgewandt, selbstbewusst war jeder auf seine Weise, herausragend vielleicht Rheinfelders Integrität und Menschlichkeit Eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Walter Goetz und Friedrich Schneider über Zuständigkeit und Ausrichtung des Jahrbuches (S 55 - 59) zählt ebenso zur «inneren» Geschichte der Gesellschaft wie das schwierige Verhältnis zwischen Marcella Roddewig, die sich als Schülerin Rheinfelders verstand, und August Buck: «Erst gegen Ende seiner Amtszeit näherten sich beide an» (S 147) Hausmann formuliert seine Erkenntnisse mit Bedacht und bescheinigt der Dante-Gesellschaft, sowohl die NS-Zeit als auch die Zeit der nationalen Spaltung «untadelig» und «höchst ehrenhaft» durchgestanden zu haben 2_IH_Italienisch_72.indd 116 06.11.14 10: 27 117 Kurzrezensionen Die schwierige Aufgabe, aus der Fülle an Material das Wesentliche herauszukristallisieren, um einen Tatbestand, eine bestimmte Person zu kennzeichnen, löst Hausmann mit Bravour Die vielen Textzitate in seinem Buch sind in Wirklichkeit wenige Das umfangreiche Namenregister (S 287 - 298) führt das Verwobensein der Dante-Gesellschaft mit ihrer Zeit eindrucksvoll vor Augen Durchgehend spürbar ist der Erkenntnisdrang des Verfassers, dessen abgewogenes und zurückhaltendes Urteil der Darstellung maßgeblich ihren hohen Wert und ihre schöne Lesbarkeit verleiht Thomas Brückner anmerkungen 1 Schneider hatte 1927 die erste Vollversammlung der durch Hugo Daffner 1914 neu gegründeten Dante-Gesellschaft miterlebt und zusammen mit dem Weimarer Bürgermeister Erich Kloss Walter Goetz als neuen Präsidenten vorgeschlagen Von 1949 an war Schneider auch stellvertretender Vorsitzender der DDG 2 Der Vollständigkeit halber hinzuzufügen ist Alfred Noyer-Weidners Herausgeberschaft des DDJ von 1964 - 1970 Chiara Cretella: Architetture effimere. Camillo Boito tra arte e letteratura . Camerano: dakota Press 2013, pp. 334, € 17,− Nel 2014 ricorre il centenario della morte di Camillo Boito, architetto, critico d’arte e teorico del restauro fra i più attivi del secondo Ottocento italiano, ma pure narratore part time, autore di diciassette novelle ancora oggi poco note, apparse per la maggior parte in rivista e poi confluite in due volumi per l’editore Treves (1876 e 1883) Al riguardo, una diffusa inadeguatezza delle indagini viene denunciata più volte da Chiara Cretella nella Premessa della sua recente monografia, la prima mai pubblicata su Boito narratore Già in passato comunque la studiosa si era occupata di questo autore, curando le edizioni critiche delle due raccolte di novelle: Senso. Nuove storielle vane (Allori, 2005) e Storielle vane (Pendragon, 2007) Proponendo già nel titolo un bipolarismo d’indagine critica che caratterizzerà ogni capitolo del volume, la studiosa sintetizza un fenomeno di massimo interesse: la capacità di Boito di far dialogare arte e letteratura nelle novelle Si tratta di una peculiarità nota agli studiosi, se è vero che il più recente convegno sull’autore delle Storielle si intitolava non a caso ‹Il corpo e l’anima dell’arte›: l’opera letteraria di Camillo Boito in dialogo con le arti (Villa Vigoni, 17 - 19 giugno 2014) Tuttavia questo lavoro vorrebbe rappresentare «una prima, compiuta indagine delle influenze artistiche sulla prosa di Camillo Boito» (p 12), ed in ultima analisi si rivela certamente tale 2_IH_Italienisch_72.indd 117 06.11.14 10: 27 118 Kurzrezensionen Il metodo d’indagine adottato da Chiara Cretella − sulla base di una documentazione testuale che abbraccia l’intero corpus delle Storielle e non soltanto − è centrato anzitutto sull’attenzione ai dati cromatici e architettonici, sui legami dell’autore con le coeve scuole pittoriche italiane, sulle suggestioni derivanti da quadri di importanti artisti europei, oltre che naturalmente sugli influssi letterari Le potenzialità euristiche di questo metodo d’indagine trovano non di rado il loro riconoscimento in una serie di originali intuizioni esegetiche, come per esempio l’individuazione di alcune fonti iconografiche Non a caso dunque il volume è impreziosito da numerose riproduzioni di opere d’arte, accompagnate spesso da alcune citazioni boitiane Architetture effimere si divide in due parti, composte rispettivamente da sei e tre capitoli: Influssi letterari e iconografici nelle Storielle vane e La Poetica artistica Senza dubbio le pagine migliori si leggono nella prima, sensibilmente più ampia ed articolata della seconda e maggiormente focalizzata sullo studio delle novelle Completano il libro un’Introduzione, in cui è ricostruita abilmente la biografia dell’autore attraverso alcune lettere inedite, tre Appendici e una Bibliografia Ad un primo capitolo sul contesto letterario scapigliato in cui si inserisce (almeno in parte) la narrativa di Camillo Boito, ne segue uno concernente la struttura e la vita editoriale delle due raccolte La ricostruzione è scrupolosa e vengono pure segnalate le modifiche che alcune novelle subiscono nel passaggio dalla pubblicazione in rivista a quella in volume Nel titolo di un paragrafo si utilizza l’espressione «un romanzo mancato» (p 42) con riferimento alle Storielle, ma l’ipotesi appare obiettivamente poco convincente, nonostante la presenza di alcune caratteristiche comuni nel corpus dei testi Da segnalare inoltre l’inesatto utilizzo della minuscola nel titolo della novella Quattr’ore al lido, che la studiosa riprende dall’edizione di riferimento (Garzanti, 1990), ma presente pure in quella da lei curata per Allori Il titolo filologicamente più corretto vorrebbe invece Lido con la maiuscola, così come compare nella versione in rivista del 1876, nella prima edizione in volume del 1883 e soprattutto in quella del 1899, che la stessa Cretella considera «l’edizione definitiva da tenere presente […], l’ultima rivista dall’autore» (p 48) Il terzo ed il quarto capitolo si focalizzano rispettivamente sulle novelle Baciale ’l piede e la man bella e bianca, la cui struttura riprenderebbe quella del Viaggio sentimentale di Sterne come proverebbero alcune affinità strutturali e concettuali, e Senso, della quale la studiosa ricorda le possibili fonti letterarie, integrando con le sue considerazioni le ipotesi già formulate da altri . Si ritorna ad indagare sulle tracce sterniane nell’opera di Boito anche nel quinto capitolo Questa volta l’oggetto privilegiato dell’analisi di Chiara 2_IH_Italienisch_72.indd 118 06.11.14 10: 27 119 Kurzrezensionen Cretella è la novella Santuario La tesi sostenuta nel primo paragrafo è che la sfortunata Maria della novella discenda da un omonimo personaggio sterniano che dal Tristram Shandy passa al Viaggio sentimentale e infine a Santuario, grazie pure alla mediazione di Foscolo per mezzo di Frammento della storia di Lauretta Al tema della morte nella novella Un corpo e ai riferimenti anatomici negli scritti boitiani è invece dedicato il secondo paragrafo Nel terzo la studiosa sostiene che «nelle novelle di Boito la natura e l’ambiente esterno sono specchio dell’anima di chi le abita: riflettono i cambiamenti, i turbamenti, le sensazioni» (p 124), portando a sostegno di questa tesi una puntuale ed esaustiva documentazione testuale Il sesto capitolo è riservato alle figure femminili delle Storielle Attraverso un’analisi molto ampia e trasversale che partendo da Notte di Natale prende in considerazione tutte le occorrenze del simbolo dei denti nelle novelle, Chiara Cretella invita il lettore a prendere atto della sorprendente metamorfosi della donna boitiana, un’operazione letteraria che avviene per mezzo di un triplice passaggio: angelo, vampira ed infine strega Inoltre «le figure femminili presenti nelle novelle di Boito sono spesso contornate da un’iconografia floreale, che ne contraddistingue la tavolozza cromatica» (p 186) Da segnalare specialmente l’individuazione della fonte iconografica del ritratto della mantenuta di Vade retro, Satana: l’Olympia di Manet La seconda parte del volume si apre con un capitolo in cui si illustra il progetto di fondare un unico linguaggio architettonico per l’Italia; un sogno destinato a non realizzarsi, come prova la comparsa di molteplici tendenze locali nell’architettura italiana di fine Ottocento, ben lontane dal neomedievalismo boitiano Pur non considerando Camillo un innovatore, anche a causa del suo rifiuto verso i nuovi materiali costruttivi come il ferro, la studiosa ritiene a ragione che «il contributo di Boito che invece precorre i tempi ed è ancora oggi valido, è il suo pensiero sul restauro» (p 215) Si ricollega a questo capitolo il secondo, focalizzato sulla metamorfosi della città nelle novelle Di grande interesse l’ultimo capitolo del libro, in cui il discorso di Chiara Cretella si focalizza sulle radici iconografiche delle novelle e sul Boito critico d’arte Come emerge da un ventaglio di testi estremamente diversificato, sono ravvisabili dei legami con la scuola dell’Ingresismo toscano, con la pittura dei Preraffaelliti, con il colorismo di ascendenza veneta e soprattutto con la poetica macchiaiola, non a caso le correnti maggiormente apprezzate nelle numerose «Rassegne artistiche» curate sulla Nuova Antologia Certamente utili agli studiosi saranno due delle tre appendici (nella terza sono semplicemente elencate le opere architettoniche di Boito) Nella prima si illustra il contenuto del Fondo Camillo Boito, ovvero la biblioteca personale dell’autore donata all’Accademia di Brera - dove Boito insegnò per 2_IH_Italienisch_72.indd 119 06.11.14 10: 27 120 Kurzrezensionen molti anni − nell’anno della sua morte Viene quindi proposta una cernita di quei libri relativi all’area letteraria, sulla base del confronto fra il catalogo manoscritto e quello a stampa del Fondo Storico Nella seconda è presente una selezione di lettere inedite dell’autore, i cui contenuti sono ancora una volta relativi all’area letteraria Conclude il volume una bibliografia degli scritti di Camillo Boito, delle opere di Madonnina Malaspina (sua seconda moglie) e degli studi critici sull’autore, aggiornata purtroppo solo fino al 2004 . Luca Mendrino Die Erschließung des Lichts. Italienische Dichtung der Gegenwart . hrsg. von Federico Italiano und Michael krüger. München: hanser Verlag 2013, pp. 300, € 21,90 Numerose sono le antologie della poesia italiana apparse in Germania negli ultimi decenni Tuttavia si ha l’impressione che sempre più caduchi si rivelino i criteri adottati dai loro curatori nella cernita degli autori e dei testi da includere nel florilegio da essi allestito E non potrebbe essere altrimenti, se è vero che un canone per la poesia in generale - e, nella fattispecie, italiana - sembra da tempo sempre meno praticabile Poiché è la definizione stessa della poesia ad essere divenuta - ma in realtà già a partire dalla prima decade del Novecento - sempre più sfuggente, per via della natura proteiforme assunta da questo genere letterario, visti anche i continui sconfinamenti della lirica nella prosa, i tentativi avanguardistici e, più tardi, neo-sperimentali di destrutturazione del testo, di deflagrazione semantica e così via Ciononostante, fino a tutti gli anni ottanta persistevano alcuni modelli tassonomici che consentivano agli antologisti di raggruppare autori e testi, delimitandoli e opponendoli ad altri, secondo una vera o presunta appartenenza a correnti, scuole, tendenze, linee programmatiche dettate da riviste o da circuiti editoriali Allora erano più rari - o almeno così sembrava - i casi di poeti difficili da includere in un orizzonte lirico preesistente; mentre oggigiorno, venendo a mancare le spinte di gruppo o altre forme di agglomerazione e legittimazione, risulta sempre più difficile stabilire convergenze o estrapolare poetiche e testi dal pulviscolo generale delle opere rifacendosi, come un tempo, a un qualche ben collaudato modello classificatorio Partendo da tali premesse diventa forse più facile intendere, con delle ipotesi mirate, le finalità di un’antologia come Die Erschließung des Lichts. Italienische Dichtung der Gegenwart, lontana da certe premesse e schematizzazioni in passato condivise da altri curatori Se osserviamo infatti alcune di 2_IH_Italienisch_72.indd 120 06.11.14 10: 27 121 Kurzrezensionen quelle che l’hanno preceduta, come Italienische Lyrik der Gegenwart, a cura di Franco Faveri e Regine Wagenknecht, apparsa nel 1980 presso la Beck Verlag di Monaco; Poesie der Welt: Italien, curata da Hartmut Köhler (Propyläen Verlag, 1983); Italienische Lyrik nach 1945, a cura di Gio Batta Bucciol e Georg Dörr (Gunter Narr Verlag, Tubinga 1986), e Die Mühle des Schlafs, compilata da Gregor Laschen, nel 1995, per la casa editrice «die horen» di Bremerhaven, notiamo che, oltre al comune intento di offrire una panoramica degli autori italiani del Novecento (ritenuti) più rappresentativi, due di quegli approcci si distinguevano dagli altri per l’accento posto rispettivamente sull’aspetto tematico e quello ermeneutico - come ci è capitato già di rilevare in altra sede a proposito del punto di vista privilegiato da Bucciol e Dörr, 1 e, circa un decennio dopo, per il taglio dato da Laschen . 2 Nella più recente antologia curata da Federico Italiano e Michael Krüger, ciò che invece colpisce il lettore fin dallo scorrimento dell’indice, è il perfetto succedersi anagrafico (ma non solo) degli autori del secondo Novecento 3 - a quelli appartenenti al primo, cioè a Giuseppe Ungaretti, Umberto Saba, Dino Campana, Eugenio Montale, Biagio Marin, Salvatore Quasimodo, Cesare Pavese, è riservata la prima sezione, intitolata Portal, una sorta di omaggio dovuto a quei poeti, celebratissimi nel proprio paese e tradotti nelle principali lingue straniere, che in misura maggiore o minore hanno incarnato o sono debitori alla modernità, e a cui si è ispirata la cosiddetta ‹Terza generazione› (Vittorio Sereni, Mario Luzi, Giorgio Caproni, Franco Fortini, Attilio Bertolucci), la quale a sua volta ha profondamente segnato il cammino della poesia italiana a partire dal primo dopoguerra Questo criterio anagrafico, che si impone a tal punto da far risaltare la singolarità dell’autore anche a scapito di un eventuale legame di gruppo, come quello che ad esempio univa, pur in assenza di uno statuto o manifesto, i poeti del Gruppo 63 - tra Elio Pagliarani e Edoardo Sanguineti, data per scontata la loro comune rivendicazione programmatica, vengono a interporsi Giancarlo Majorino, Franco Loi e Amelia Rosselli; tra Sanguineti e Antonio Porta, occorre passare per Alda Merini e Giovanni Raboni - sollecita nei testi presentati l’emergere di una organicità propria dentro lo specifico tessuto poetico, evidenziandone ad un tempo i modi espressivi e la marca autoriale Ovviamente anche qui come un po’ in tutte le rassegne antologiche, i curatori si sono dovuti porre il problema delle inclusioni e delle esclusioni Sia nella prefazione, a firma di Michael Krüger, che nella postfazione redatta da Federico Italiano, vengono palesate, non senza rammarico, le ragioni di una scrematura che ha diviso talvolta nelle scelte i due compilatori - poeti essi stessi - obbligandoli a dolorose rinunce . 4 Gli assenti nel novero degli autori del dopoguerra sono Sandro Penna, Roberto Roversi, Luciano Erba, Nanni Balestrini, Valentino Zeichen, Eugenio De Signoribus, Mario Benedetti, Anto- 2_IH_Italienisch_72.indd 121 06.11.14 10: 27 122 Kurzrezensionen nio Riccardi, Aldo Nove; mentre tra gli antologizzati dell’ultimo quarantennio lirico, insieme a quelli più accreditati nel proprio paese e che hanno trovato in misura maggiore o minore riscontro in area di lingua tedesca, come Giuseppe Conte, Maurizio Cucchi, Patrizia Cavalli, Milo De Angelis, Valerio Magrelli, Franco Buffoni, Cesare Viviani, Antonella Anedda, Patrizia Valduga, Vivian Lamarque, Roberto Mussapi, Edoardo Albinati, Fabio Pusterla, compaiono altri meno ‹prevedibili› (Michele Sovente, Ferruccio Benzoni, Gabriella Sicari, Remo Paganelli, Alessandro Ceni, Gabriele Frasca) e tuttavia conformi alla visione d’insieme che il volume intende fornire Utile strumento di studio e di aggiornamento, l’antologia, interamente bilingue nella sezione più cospicua, nella quale rientrano i contemporanei, lascia un po’ a desiderare per quel che concerne il nuovo corso della ricerca poetica in Italia - la rassegna si chiude infatti con gli ormai quasi sessantenni nati del 1957 - ma offre in compenso al lettore tedesco uno spaccato dell’opera variegata di traduttori vecchi e nuovi . 5 Franco Sepe Note 1 «Suddivisa in tre sezioni, la prima dedicata ai classici della modernità, la seconda al paesaggio industriale, l’ultima alle poetesse italiane, l’antologia insegue i mutamenti storico-sociali in Italia a partire dal dopoguerra, vaglia le conseguenze sull’ambiente della (tarda) industrializzazione, mostrandone in ambedue i casi i riflessi nella poesia; mentre un rilievo particolare viene dato, anche e soprattutto sul piano estetico, a una lirica al «femminile» Operazione questa dietro la quale si coglie in filigrana il tentativo di ricondurre la specificità italiana, emersa nelle rispettive sezioni, a quelli che sono i temi dominanti di quegli anni in Germania, cioè le lotte pacifiste, l’impegno ecologico, il movimento delle donne .» Franco Sepe, «Poesia italiana in Germania», in: Visti da fuori. La poesia italiana oggi in Europa, Nuova Corrente, 153, 2014 p 90 [Con questa e le note che seguono mi permetto di citare dal mio articolo di recente pubblicazione in Italia] 2 «Il titolo Die Mühle des Schlafs riprende testualmente la poesia omonima di Fabio Doplicher Il mulino del sonno, e comprende, oltre a una scelta di poesie dell’autore triestino, varie sillogi tratte da opere di altri poeti italiani (Amelia Rosselli, Milo De Angelis, Franco Buffoni, Valerio Magrelli, Valentino Zeichen) e affidate a un certo numero di traduttori (R Haufs, G Laschen, W Söllner, B Struzyk, J .P Tammen, E Wichner) Alcuni dei testi poetici sono presentati simultaneamente in due versioni di diversa paternità, con esiti, come è facile immaginare, assai divergenti sul piano lessicale, stilistico ed ermeneutico .» Ibid p 91 3 «E così gli autori, che si succedono nell’indice secondo un criterio anagrafico, appaiono scelti seguendo le più significative linee di tendenza della poesia, tra ‹movimentismi› e non, e incrociando tra loro differenti criteri (anno di nascita; massima rappresentatività all’interno di una certa area poetica; originalità di cifra e accento rispetto ad esperienze liriche affini, o giudicate tali dalla critica, ecc .) .» Ibid p 92 2_IH_Italienisch_72.indd 122 06.11.14 10: 27 123 Kurzrezensionen 4 «Il libro si apre con una prefazione del più anziano dei due, il poeta ed editore tedesco Krüger, il quale, con un resoconto snello e accattivante ripercorre, marcandone qua e là gli aspetti più leggendari (Campana, Pavese, Pasolini), il tragitto della poesia italiana dell’ultimo secolo, delegando, o quasi, al suo collega italiano lo spinoso compito di operare una oculata scrematura di quegli autori che si sono affermati nel secondo Novecento .» Ibid p 91 5 «Qui troviamo accanto alla generazione dei più anziani (H Helbling, H .M Enzensberger, H Raimund, C Wolter e L Ritter-Santini), talenti di recente esordio e figure emergenti (P .E Leuschner, Th Prammer, P Salabè, H Thalhofer, S Scheibenberger, D Graziadei ed altri) che si sono andati affermando per la loro particolare sensibilità nel tradurre opere poetiche e per la competenza - oggigiorno sempre più richiesta - in ambito traduttologico .» Ibid p 92 . «confessione del poeta al lettore, ma anche confessione del poeta a se stesso, unico privilegiato lettore-confessore. Questo doppio statuto non rivela tutti i segreti ... e può essere una ragione in più del fascino altro e strano della lirica di Salvatore a. Sanna» (luigi Malerba) Salvatore a. Sanna Fra le due sponde poesie il Maestrale 2014 275 pp. - 16 € tutta l ’ opera poetica in edizione italiana 2_IH_Italienisch_72.indd 123 06.11.14 10: 27 124 Italienische Themen an den hochschulen deutschlands, Österreichs und der schweiz im wintersemester 2014/ 2015 Diese Aufstellung, die seit 1982 regelmäßig in der Zeitschrift Italienisch erschienen ist, liegt seit Mai 2012 aus Kostengründen nurmehr online vor . Auf der Homepage des Italianistenverbandes: www .italianistenverband .de wird sie in der Rubrik «Zeitschrift Italienisch» als pdf zum Download zur Verfügung gestellt . Es werden alle Lehrveranstaltungen gelistet, die von den Instituten für Romanistik (Italianistik) in den Fächern Italienische Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Fachdidaktik angeboten werden Sprachpraktische (auch fachsprachliche) Veranstaltungen werden nicht aufgeführt Die Redaktion dankt allen denjenigen, die durch Zusendung von Kopien, Verzeichnissen oder Dateien die Recherche erleichtert haben . Sie bittet weiterhin darum, die entsprechenden Informationen zu schicken an: Redaktion Italienisch, Arndtstraße 12, D-60325 Frankfurt am Main, E-Mail: italienisch@div-web .de, Fax: +49/ (0)69/ 7411453 Die Zeit der Jahrhundertwende um 1900 mit den ersten Jahrzehnten danach bildet in diesem Semester einen Schwerpunkt bei den Veranstaltungen: «Dai Macchiaioli ai Futuristi: l’arte italiana tra Ottocento e inizio Novecento», «Italienischer Futurismus», «‹Amerika› in der italienischen Literatur des Primo Novecento», «Futurismus», «Subjektkonstruktion und Dekonstruktion der Identität in Pirnadellos Romanen», «Luigi Pirandello», «Absolut modern . Theorie und Praxis der historischen Avantgarden (Futurismus, Dadaismus, Surrealismus)», «Poesia italiana intorno al 1900», «L’italia linguistica e la Grande Guerra», «Antonio Gramsci», «Lektüreübung: Italo Svevo, La coscienza di Zeno», «Massimo Bontempelli und die italienische Kultur um 1920», «Gabriele D’Annunzio: il sacro, l’eroico e la politica», «La Prima Guerra Mondiale», «La Grande Guerra (1915 - 18): storia e cultura», «Italien, 1900», «Der italienische Futurismus» Bei den Autoren konzentriert man sich auf Umberto Eco und Italo Calvino: «Umberto Eco - der historische Roman in der Postmoderne», «Erzählen im 20 . Jahrhundert: Italo Calvinos erster und letzter Roman», «Italo Calvino», «Due autori postmoderni italiani: Umberto Eco e Italo Calvino», «Eco und die Konzeption des offenen Kunstwerks», «Metamorfosi della fantasia: l’opera di Italo Calvino» . Andere zeitgenössische Autoren werden weniger denn je berücksichtigt, es sei denn kombiniert mit den auch im landeskundlichen Bereich dominierenden Themen Sizilien und Mafia: «Sicilianitudine - Temi, motivi e opere di autori siciliani nella letteratura italiana otto-novecentesca», «Bianconero-rosa-rosso-giallo: La Sicilia e i suoi colori nella narrazione imagologica cinetelevisiva», «Mafia und Immigration - Aktuelle Problemfelder italienischer Politik in Literatur und Film», «‹Padre padrino›: finzionalizzazioni letterarie e cine-televisive della figura del ‹mafioso› nell’Italia degli ultimi cinquant’anni: da Leonardo Sciascia a Roberto Saviano», «La Sicilia attraverso la letteratura e il cinema», «Un fatto umano . Mafia e antimafia raccontate ai ragazzi (e non solo)» Folgende weitere Veranstaltungen sollen schließlich noch hervorgehoben werden: «Der Europagedanke in den Literaturen der Romania», «Emigration 1860 - 1960», «Sprachkulturen der Renaissance im digitalen Zeitalter: Gian Giorgio Trissino», «Dizionari e grammatiche per apprendenti», «Shakespeare und die italienische Literatur», «Mythen des Alltags - latte macchiato etc .», «Federico Fellini: Der Realismus des Phantastischen», «Musik im Fremdsprachenunterricht», «Voci, volti e immagini nell’Italia nel mondo nell’era digitale», «L’italiano tra le nuvole - La lingua del fumetto dal Corriere dei Piccoli al graphic novel», «I musei d’Italia», «Italienische Gedichtzyklen II», «Tendenzen der italienischen Gegenwartsliteratur: Narrativik 2008 - 2014» . Caroline Lüderssen 2_IH_Italienisch_72.indd 124 06.11.14 10: 27 125 Mitteilungen In memoriam Peter koch (1951 - 2014) A soli sessantatré anni, lo scorso sette luglio, Peter Koch è improvvisamente scomparso, lasciando la sua famiglia, i suoi amici e colleghi, l’intera comunità scientifica nello sconcerto e nel dolore più grandi Si è spento un grande e influente linguista, un filologo acuto e produttivo, un collega stimato e ammirato, un maestro rispettato e amato; si è spento uno degli spiriti più originali e critici del nostro tempo - uno spirito integro e generoso che credeva fermamente nel dialogo scientifico Per pochi altri come per Peter Koch è lecito parlare di una riflessione teorica, di una produzione scientifica in cui convivono in perfetta armonia innovazione e tradizione: le sue opere - che spaziano dalla teoria del linguaggio alla valenza verbale, dalla linguistica variazionale alle tradizioni discorsive, dalla semantica cognitiva al cambiamento linguistico, dalla tipologia lessicale allo studio delle lingue minoritarie e creole - costituiscono tutte lavori teorici pionieristici, condotti nella piena consapevolezza del ruolo dei parlanti e del loro universo cognitivo e linguistico, così come del senso della storia e della storicità delle lingue naturali In particolare di quelle lingue romanze che Peter Koch - romanista nel senso più pieno del termine - conosceva alla perfezione, le cui (ir)regolarità e la cui costante evoluzione osservava con curiosità e passione e interpretava con raro acume Dopo aver terminato gli studi di Filologia Romanza e Filologia Classica presso le università di Gottinga, Poitiers e Friburgo/ Brsg ., Peter Koch ha conseguito nel 1979 il titolo di Dottore di Ricerca presso l’Università di Friburgo con una tesi sulla valenza verbale del francese, pubblicata nel 1981 col titolo di Verb - Valenz - Verfügung Già in questa sua prima opera, dedicata alle strutture della predicazione, e più esattamente alla semantica e sintassi delle rappresentazioni mentali dei predicati complessi, si possono ritrovare temi ed aspetti che accompagneranno costantemente la sua ricerca e ne costituiranno, a partire dagli anni Novanta, un campo centrale: quello della semantica cognitiva A Friburgo ha ottenuto, nel 1987, la Libera Docenza (Habilitation), con un lavoro sui modelli di testi medievali (in particolare lettere e discorsi dell’italiano antico) considerati esempi di ‹tradizioni discorsive›, un termine che compare per la prima volta proprio in questa sua Habilitationsschrift: Distanz im Dictamen Si tratta di un concetto al cui sviluppo egli aveva contribuito attivamente nell’ambito di un importante gruppo di ricerca dell’Università di Friburgo, operante intorno a quello che sarebbe divenuto 2_IH_Italienisch_72.indd 125 06.11.14 10: 27 126 Mitteilungen uno dei temi centrali nella sua produzione: oralità e scrittura Proprio sulla relazione tra oralità e scrittura scriverà - insieme a Wulf Oesterreicher - una delle opere più significative e influenti della romanistica tedesca, un’opera che porterà ai due autori grande fama internazionale: Gesprochene Sprache in der Romania In queste pagine nasce un modello di linguistica variazionale, quello legato ai concetti dell’immediatezza e distanza comunicativa, che diverrà imprescindibile per qualsiasi ricerca sul tema Nel 1988 Peter Koch ha ricevuto il suo primo incarico in qualità di Professore associato di Filologia Romanza (Linguistica Francese e Italiana) all’Università di Magonza, a cui è seguito, soltanto due anni più tardi, quello di ordinario alla Libera Università di Berlino e, nel 1996, all’Università di Tubinga, dove egli ha insegnato sino alla fine Durante la sua attività accademica è stato membro di numerosi gruppi di ricerca (Sonderforschungsbereiche e Graduiertenkollege), a cui ha partecipato con instancabile forza e passione investigativa e che ha diretto con spirito dialogico e democratico A partire dagli anni berlinesi, la ricerca di Peter Koch si è andata indirizzando verso temi di tipologia lessicale e di semantica storica e cognitiva: alle ricerche di semantica cognitiva d’oltreoceano, soprattutto incentrate sullo studio della metafora, Peter Koch ha affiancato una propria genuina e originale ricerca mirata a mostrare il ruolo ricoperto dalla metonimia; intorno ad essa - col carisma di un maestro attento, rispettoso e capace di ispirare - Peter Koch ha saputo creare una scuola di pensiero propria Tra gli innumerevoli incarichi accademici e inviti nazionali e internazionali, occorre per lo meno ricordare la sua appartenenza alla Heidelberger Akademie der Wissenschaften ed i soggiorni come professore invitato all’Università Federico II di Napoli, alla Sorbonne di Parigi e all’École Normale Supérieure di Lione Dal 2001 al 2004 è stato presidente dell’Associazione degli italianisti tedeschi D’altra parte non va neanche dimenticato quel viaggiare, un po’ meno ufficiale, cui egli teneva molto: le escursioni e i seminari con i colleghi e gli studenti Con instancabile dedizione e rara generosità, Peter Koch ha donato ai suoi colleghi e discepoli così come all’intera comunità scientifica la sua originalità e limpidezza teorica, il suo acume interpretativo; ha donato l’esempio di appassionato ricercatore e di maestro socratico che amava discutere per ore dei ritmi regolari e degli umori bizzarri delle lingue del mondo - delle più grandi come delle più piccole È difficile e doloroso dover considerare questi doni, da ora innanzi, come un’eredità; e neanche la consapevolezza dell’inestimabile valore di questa eredità scientifica aiuta chi ha avuto la fortuna e il privilegio di essergli vicino ad accettare il vuoto lasciato dalla sua assenza . Sarah Dessì Schmid 2_IH_Italienisch_72.indd 126 06.11.14 10: 27 127 Mitteilungen salvatore a. sanna zum 80. Geburtstag Am 5 Dezember 2014 begeht Salvatore A Sanna, Mitherausgeber der Zeitschrift Italienisch, in Frankfurt am Main seinen 80 Geburtstag Geboren in Oristano auf Sardinien, studierte er Anglistik und Germanistik an der Universität Cagliari und kam 1958 mit einem Stipendium der sardischen Regierung zum Studium nach Frankfurt am Main Nach dem Examen kehrte er nach Deutschland zurück, 1962 wurde er Dozent für italienische Sprache und Literatur an der Goethe-Universität in Frankfurt 1966 gründete er in dieser Stadt die Deutsch-Italienische Vereinigung e .V ., die er bis heute ehrenamtlich leitet, mit dem Ziel, die deutsch-italienischen Beziehungen zu fördern Der Vereinigung angeschlossen ist die Frankfurter Westend Galerie, die zeitgenössische italienische Kunst in wechselnden Ausstellungen zeigt, zuletzt die Gruppenausstellung «Michelangelo heute Eine Hommage zeitgenössischer italienischer Künstler an das Genie der Renaissance» Sanna publizierte 1974 eine Sardinien-Bibliographie, mit einem Vorwort von Gerhard Rohlfs 1986 erschien unter seiner Federführung die erste vollständige deutsche Übersetzung des Viaggio per l’Italia aus dem Jahre 1740 von Johann Caspar Goethe 1979 gründete er zusammen mit Arno Euler die Zeitschrift Italienisch, als Organ des Fachverbands Italienisch in Wissenschaft und Unterricht Dieser schloss sich 1999 mit dem Deutschen Italianistenverband zusammen Als Lyriker veröffentlichte Salvatore A Sanna sechs zweisprachige Gedichtbände, die Übersetzungen ins Deutsche stammen von Gerhard Goebel (drei Bände) sowie von Ragni Maria Gschwend, Birgit Schneider und Caroline Lüderssen Eine italienische Ausgabe mit dem Titel La fortezza dell’aria erhielt 1996 den Premio Pannunzio 2004 erschien eine kommentierte Gesamtausgabe im Verlag Gunter Narr, Tübingen, herausgegeben von Thomas Amos Zum 80 Geburtstag ist in diesem Jahr im Verlag Il Maestrale Edizioni in Nuoro eine italienische Ausgabe sämtlicher Gedichte von Salvatore A Sanna erschienen mit dem Titel Fra le due sponde Herausgeber und Redaktion gratulieren herzlich (Red .) dante INTer-MedIaL - die Divina Commedia in Literatur und Medien Am 13 und 14 Juni 2014 fand, organisiert von Irmgard Scharold (Professur für Romanische Kulturwissenschaft) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, ein Studientag zu intermedialen Neuadaptionen der Divina Commedia statt Das Programm nahm eine große Bandbreite von Untersuchungsobjekten aus Literatur, Film, bildender Kunst und Comic ins Blickfeld 2_IH_Italienisch_72.indd 127 06.11.14 10: 27 128 Mitteilungen In seinem Eröffnungsvortrag skizzierte Peter Kuon (Salzburg) die zwischen Hoch- und Populärkultur situierte Dante-Rezeption des 20 und 21 Jahrhunderts Gegenüber der Lagerliteratur (etwa bei Primo Levi, Peter Weiss, aber auch bei Pier Paolo Pasolini), wo Analogien zum Exilanten Dante als Opfer eines Regimes hergestellt werden und das danteske Inferno als Metapher diesseitiger Befindlichkeit fungiere, konstatierte Kuon für die neueren Werke der Unterhaltungsliteratur (wie etwa die zahlreichen Dante-Krimis) die Tendenz, die Divina Commedia nurmehr als trademark zu benutzen Die divergierende kulturhistorische Wahrnehmung Dantes im italienischen Novecento zeichnete Irmgard Scharold (Würzburg) nach Oszillierend zwischen zunächst nationaler Mythengestalt des Risorgimento durch Vincenzo Monti, völkisch instrumentalisierten Imperialisten während des ventennio nero, folgte nach 1945 eine Kehrtwendung bei Literaturwissenschaftlern wie Giorgio Bàrberi Squarotti und Silvio Ramat, die (zugunsten Petrarcas) dem Werk Dantes jeglichen Modell-Charakter absprachen Eine Entideologisierung des Dante-Bildes begann mit den Dante-Studien Gianfranco Continis, der in der «traducibilità» der Divina Commedia ein zentrales Element ihres Wirkungspotentials sah Ina Bergmann (Würzburg), die den um den amerikanischen Dante- Übersetzer Longfellow und seine ‹Fireside Poets› angelegten Roman The Dante Club (2003) von Matthew Pearl vorstellte, arbeitete zwei Lesarten des Bestsellers heraus, der Bibliomystery, Historical Bio- und Crimefiction vermischt: Zunächst erscheine der Roman, dessen der Systematik des contrappasso folgende ‹copycat-crimes› einzig von den intradiegetischen Dante-Spezialisten erkannt würden, als eine «spin-off fiction» zur Divina Commedia Eine politische Dimension sah die Referentin zweitens in der Vernetzung historischer Ereignisse von nationaler Tragweite: Demnach verweise die im Jahr 1865 angesiedelte Romanhandlung auf das Ende des amerikanischen Bürgerkrieges; im Publikationsjahr des Romans (2003) fand der Zweite Irakkrieg statt, der zugleich das Trauma der Terroranschläge von 9/ 11 evoziere Bergmann deutete den von einem Civil War-Soldaten namens Dan Teal handelnden Roman daher auch als einen Versuch, historische wie aktuelle Kriegstraumata aufzuarbeiten Die transatlantische Vitalität des europäischen Klassikers Dante zeichnete Kerstin Blum (Bamberg) in den Reisetagebüchern der Amerikanerin Sarah Kemble Knight (1666 - 1727) sowie der 1827 in die USA ausgewanderten britischen Reiseschriftstellerin Frances Milton Trollope (1779 - 1863) nach Sie warf auch einen Blick auf den Roman Clotel, or: The President’s Daughter (1853) von William Wells Brown Den produktiven Bezug dieser novel auf die Divina Commedia als einem Text, den Edward Said als «a foundational work of the imperial discourse» bezeichnet hat, interpretierte Blum 2_IH_Italienisch_72.indd 128 06.11.14 10: 27 129 Mitteilungen als den Wunsch eines afro-amerikanischen Autors nach Nobilitierung des eigenen Werks durch die Partizipation am elitären Diskurs Tabea Kretschmann (Erlangen) widmete sich der Frage, wie die zahlreichen Dante-Neubearbeitungen im Schulunterricht eingesetzt werden können Sie präsentierte ein dem Vierphasenmodell von Volker Frederking folgendes Stundenmodell, das bei ausgewählten Dante-Illustrationen einsetzte und bis zu Andreas Ammers Hörspiel Radio Inferno (1993) führte Als Lernziele sollen die Schüler mit der Rezeptionstradition vertraut gemacht werden, das Phänomen der Neubearbeitung erfassen und es als Analysemodell anwenden Den Bildmedien waren die Vorträge von Friederike Wille (Berlin) und Damian Dombrowski (Würzburg) gewidmet Als nahezu ‹moderne Performance› bewertete Wille den im Codex Altonensis (ca .- 1350-1370) ausgestalteten Übergang vom Inferno zum Purgatorio: Der Jenseitsreisende klettert am Ende des Inferno an der Peluria des Satans hinauf, um sodann - den Akt des Umblätterns einkalkulierend - erst im Zweiten Jenseitsreich wieder aufzutauchen Eine solch kreativ-dynamische Darstellung sei nur in einem mittelalterlichen Skriptorium möglich gewesen, nicht jedoch im Kontext des diesbezüglich als restriktiv zu bewertenden Druckmediums Mit dem 1822 im Pariser Salon präsentierten Gemälde La barque de Dante von Eugène Delacroix stellte Damian Dombrowski das für Delacroix’ künstlerischen wie biographischen Selbstentwurf konstitutive Monumentalgemälde vor, das nicht nur den Maler schlagartig berühmt machte, sondern auch zum Gründungsmanifest der Romantik avancierte Durch seine textferne ‹Unbestimmtheit› vermochte das Gemälde nämlich eine Freisetzung der Seelenkräfte zu bewirken, was die moderne Rezeption von Dantes Werk einleitete Als vom Wunsch bestimmt, das von Adorno als trivial diskredierte Medium Fernsehen zu rehabilitieren, bewertete Angela Krewani (Marburg) das von Peter Greenaway und Tom Phillips realisierte Video A TV Dante (1989), das sie hinsichtlich seiner palimpsestartigen Schichtung von heterogenen Bild- und Tonmaterialien analysierte Die politisch wie sozialkritisch deutbare Bild-Collage aus Ultraschallbildern, Fotografien von historischen Personen (wie Mussolini) und realen Orten (etwa den Times Square) etc bewertete die Referentin als den Versuch, das damals neue Bildmedium als neues Speichermedium des kulturellen Gedächtnisses zu etablieren, ohne freilich das alte Medium der Schrift abzuwerten Vielmehr deutete sie die Schrift- Einblendungen des dantesken Originaltextes ins überraschend texttreue Video sogar als dezidiertes Statement «Schrift» innerhalb des filmischen Mediums zu re-etablieren Von Disneys L’inferno di Topolino (1949) bis hin zu Michael Meiers Das Inferno (2012) erstreckten sich die Beispiele zum Genre der Dante- Comics, die Monica Biasiolo (Erlangen) vorstellte Als Konstituenten dieser 2_IH_Italienisch_72.indd 129 06.11.14 10: 27 130 Mitteilungen Rezeptionstradition konnte sie folgende Aspekte herausarbeiten: So orientieren sich die Handlungsmuster der Comics bevorzugt am dantesken Mechanismus des contrappasso, während die Ikonografie kanonisierten Illustrationen (bspw Gustave Doré) folge Zudem treten in den auch politische Debatten (wie bspw den Atomausstieg) verhandelnden Comics auch Akteure wie Hitler, Ulbricht, Pinochet oder Berlusconi auf Die Vorträge und Diskussionen ließen erkennen, dass diese die Mediengrenzen überschreitenden Adaptionen der Divina Commedia ein großes Potenzial für die wissenschaftliche Aufarbeitung bieten Die (um weitere Beiträge ergänzte) Publikation der Vorträge ist in Vorbereitung Julius Goldmann / Irmgard Scharold erinnerungskultur in der schule - schülerausstellung in wiesbaden erinnert an Verbrechen der ss in rom In Anwesenheit der Ministerin für europäische Integration in Hessen, Frau Lucia Puttrich, wurde am 6 .10 .2014 in der Gutenbergschule, Wiesbaden eine von Schülerinnen und Schülern erarbeitete Ausstellung zum Thema der Massaker an den Fosse Ardeatine (24 März 1944) gezeigt Die Gutenbergschule pflegt in der Schülerschaft seit vielen Jahren eine lebendige Erinnerungskultur: Gedenkstättenfahrten nach Berlin, Frankreich und Polen, regelmäßige Besuche außerschulischer Lernorte, Schülerbeiträge bei offiziellen Gedenkveranstaltungen der Stadt Wiesbaden, Erinnerung an ehemalige jüdische MitschülerInnen vor 1938, Zeitzeugengespräche, Archivarbeit der Leistungskurse Geschichte im Hessischen Hauptstaatsarchiv und vieles mehr Aus einem Schüleraustausch der Schule mit der Deutschen Schule Rom entstand bei den Teilnehmern der Wunsch nach mehr Information Es erwuchs daraus ein Ausstellungsprojekt, das im Schuljahr 2013/ 2014, unter der Leitung von Dr Nike Meißner, Studienrätin für Italienisch und Latein an der Gutenbergschule, erarbeitet wurde Nach dem Sturz Mussolinis und dem von der neuen italienischen Regierung Badoglio mit den Alliierten abgeschlossenen Waffenstillstand, der Flucht des Königs, der Regierungsmitglieder und der Generalität am 8 September 1943 in das von den Alliierten besetzte Süditalien blieben die königlichen Truppen in Rom führungslos Die Folge war die fast widerstandslose Einnahme Roms durch deutsche Truppen unter Feldmarschall v Kesselring Bereits am 16 Oktober 1943 fand die Deportation von 1024 Juden aus dem Ghetto nach Auschwitz statt, nur 16 kehrten zurück Der Hauptsitz der 2_IH_Italienisch_72.indd 130 06.11.14 10: 27 131 Mitteilungen Sicherheitspolizei und der SS befand sich in der Via Tasso, heute Gedenkstätte und Museum (www .museoliberazione .it) Die neun Monate dauernde Besetzung Roms durch deutsche Truppen wurde am 4 Juni 1944 durch den Einmarsch der Alliierten beendet Am 23 März 1944 verübte eine Partisanengruppe im Zentrum von Rom einen Anschlag auf das SS-Bataillon Bozen, bei dem 33 SS-Leute ums Leben kamen Dies war in Rom der erste Anschlag- größeren Ausmaßes, weshalb sich die deutsche Führung gezwungen sah, besonders brutal zu reagieren - Als Vergeltungsmaßnahme wurden innerhalb von 24 Stunden für jeden gefallenen SS-Mann zehn unschuldige Italiener verschleppt und am 24 März in den Fosse Ardeatine, einem Höhlensystem im Süden in der Nähe der Calixtus- Katakomben, exekutiert Es handelt sich um eines der größten Massaker, die von SS oder Wehrmacht in Italien an Zivilisten begangen wurden, nach denen von Marzabotto und S Anna di Stazzema Seit vier Jahren besteht der Schüleraustausch der Gutenbergschule mit der Deutschen Schule Rom Anlässlich des 70 Jahrestages des Massakers an den Fosse Ardeatine am 24 März 1944 sollte mit der Ausstellung der Blick auch auf diesen schrecklichen Aspekt der deutsch-italienischen Beziehungen gelenkt werden, zumal, wie die Recherche ergab, nur wenige deutsche Romreisende davon überhaupt wissen Die Ausstellung wurde im April/ Mai 2014 von zehn Schülerinnen und Schülern des Italienischkurses der E-Phase (Jahrgangsstufe 10) zweisprachig deutsch/ italienisch konzipiert und erarbeitet Die beeindruckende Ausstellung soll möglicherweise auch in Italien gezeigt und in einer Broschüre dokumentiert werden Eine Gedenkstättenfahrt nach Marzabotto und Rom ist ebenfalls in Planung (Red .) Master Italienisch in düsseldorf und Turin Italienisch: Sprache, Medien, Translation - der Name des italianistischen Masterstudiengangs, der seit dem Wintersemester 2011/ 12 an der Heinrich- Heine-Universität Düsseldorf angeboten wird, verweist bereits auf die drei zentralen Bereiche der Angewandten italianistischen Sprachwissenschaft, die das Profil des Studiengangs maßgeblich prägen: 1) Fremdsprachendidaktik sowie lernerzentrierte Lexikographie und Grammatikographie und Sprachnormdiskurse aus L2-/ LS-Perspektive (Modul: -Sprache vermitteln), 2) Medienlinguistik, ausgerichtet auf journalistische und wissenschaftliche Informationsmedien mit Italienbezug, sowie korpuslinguistische Untersuchungen (Modul: -Sprache und Medien), 3) Translationswissenschaft und deutsch-italienische kontrastive Linguistik sowie praktisches Übersetzen (Module: - Sprachen im Kontrast, Tedesco-Italiano: un confronto) 2_IH_Italienisch_72.indd 131 06.11.14 10: 27 132 Mitteilungen Diese thematischen Module sind durch eine konsequent sprach- und kulturvergleichende Ausrichtung gekennzeichnet, die durch das curricular integrierte Auslandssemester an der Universität Turin (Modul: Tedesco-Italiano: un confronto) sowie den regelmäßigen Dozentenaustausch mit Turin entscheidend ergänzt wird Neben der Vermittlung vertiefter wissenschaftlicher Kompetenzen in den drei thematischen Bereichen ist der Ausbau praktischer Fertigkeiten ein weiteres erklärtes Ziel dieses viersemestrigen Studiengangs So wird im Modul Lingua - Testi - Contesti kontinuierlich der kreative, grammatisch und lexikalisch flexible Umgang mit der italienischen Sprache, besonders im distanzsprachlichen Bereich, trainiert Berufspraktische Fertigkeiten wiederum werden in der 8-wöchigen, weitgehend individuell auf die einzelnen Studierenden zugeschnittenen berufspraktischen Phase (Praktikum) erweitert Für Praktika und/ oder Studierendenprojekte stehen u .a zur Auswahl: Wörterbuchverlage (z .B Zanichelli, Bologna), EURAC (Europäische Akademie, Bozen), Istituto Italiano di Cultura (Köln), Radio Colonia (WDR, Köln), Goethe-Institut (Turin), Villa Vigoni (Deutsch-Italienisches Zentrum für Europäische Exzellenz, Como) In einem frei gestaltbaren Bereich des Studiums schließlich (fachübergreifender Wahlpflichtbereich) schärfen die Studierenden ihr Profil durch individuelle Kurskombinationen, etwa aus den Themenbereichen Kulturkontakte, Kommunikationsformen oder Kulturprozesse, auch mit spanischer oder französischer Ausrichtung, oder aus dem Masterstudiengang Comparative Studies in English Die drei inhaltlichen Schwerpunkte des Studiengangs- Italienisch: Sprache, Medien, Translation- sind in gesellschaftlich relevanten thematischen Feldern verankert, die gleichzeitig das intendierte Berufsfeldspektrum des Studienganges abbilden: - Fremdsprachendidaktik (Schulbuch- und Wörterbuchverlage mit fremdsprachigen Anteilen, Erwachsenenbildung, landes- und kulturspezifische Ausbildung in Unternehmen) - Übersetzung- (literarisches Übersetzen ins Deutsche, Fachübersetzen auch ins Italienische, Erstellung von Übersetzungssoftware) - Medien (interkulturelle Kommunikation im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit für Unternehmen, Verlage und kulturelle Einrichtungen) Der Masterstudiengang Italienisch: Sprache, Medien, Translation wendet sich in erster Linie an Bachelorabsolventen mit Schwerpunkt in italianistischer Sprachwissenschaft und mit Italienischkenntnissen auf dem Niveau C1 Interessenten mit italienischem Migrationshintergrund kommen für diesen Studiengang in besonderer Weise in Frage Einschreibungen sind im Sommer- und 2_IH_Italienisch_72.indd 132 06.11.14 10: 27 13 3 Mitteilungen Wintersemester möglich, Informationen zum Einstieg finden sich unter: http: / / www .phil-fak .uni-duesseldorf .de/ rom/ studium/ studiengaenge/ m-aitalienisch-sprache-medien-translation/ Martina Nicklaus / Elmar Schafroth eingegangene bücher Bajani, Andrea: Erkennst du mich . Aus dem Italienischen von Pieke Biermann (Mi riconosci, 2013) . München: dtv 2014 Beck-Busse, Gabriele: Grammaire des Dames. Grammatica per le Dame. Grammatik im Spannungsfeld von Sprache, Kultur und Gesellschaft . Frankfurt am Main u .a .: Peter Lang Verlag 2014 (Sprache - Geellschaft - Geschichte, Bd . 1) Die Baracke der Dichter. Carlo Emilio Gadda und Bonaventura Tecchi im Celle-Lager 1918 . Texte aus der Kriegsgefangenschaft . Herausgegeben von Oskar Ansull Mit Zeichnungen von Franceso Nonni . Übersetzt von Ragni Maria Gschwend und Ulrike Stopfel . Springe: zu Klampen 2014 Discutere in italiano, Italienisch-deutsche Diskussionsanwendungen mit Anwendungsbeispielen . Von Lorenz Manthey . Stuttgart: Philipp Reclam jun 2012 Frasca, Damiano: Posture dell’io. Luzi, Sereni, Giudici, Caproni, Rosselli . Ghezzano (PI): Felici Editore 2014 150 Jahre Italien. Themen, Wege, offene Fragen . Hrsg . von Florika Griessner und Adriana Vignazia unter Mitwirkung von Fausto De Michele . Wien: Präsens Verlag 2014 Mitteilungen des Dokumentationszentrums für Librettoforschung . Nr . 24/ Juni 2014 Prof . Dr . Albert Gier, Universität Bamberg Montale, Eugenio: Was bleibt (wenn es bleibt). Gedichte 1920-1980 . Italienisch - Deutsch . Ausgewählt, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Christoph Ferber . Mit einem Nachwort von Georges Güntert . Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2013 Papotti, Davide/ Tomasi, Franco (a cura di): La geografia del racconto. Sguardi interdisciplinari sul paesaggio urbano nella narrativa italiana contemporanea Bruxelles u .a .: Peter Lang 2014 (Destini incrociati, 10) Pellegrini, Franca: Il romanzo nazional-regionale nella letteratura italiana contemporanea . Bruxelles u .a: Peter Lang 2014 (Testi mobili, vol . 6) Sicily and Scotland. Where Extremes Meet . Edited by Graham Tulloch, Karen Agutter and Luciana D’Arcangeli . Kibworth Beauchamp: Troubador 2014 Stammerjohann, Harro: La lingua degli angeli. Italianismo, italianismi e giudizi sulla lingua italiana, Firenze: Accademia della Crusca 2013 Stellardi, Giuseppe/ Tandello Cooper, Emanuela (eds .): Italo Svevo and his legacy for the third millennium . Volume I: Philology and Interpretation, Volume II: Contexts and Influences, Kibworth Beauchamp: Troubador 2014 2_IH_Italienisch_72.indd 133 06.11.14 10: 27 13 4 Mitteilungen austauschzeitschriften Babylonia. Rivista per l’insegnamento e l’apprendimento delle lingue . 1/ 2014 . Comano (CH): Fondazione Lingue e Culture Bibliographische Informationen zur neuesten Geschichte Italiens . Nr . 142, Juli 2013 Begründet von Jens Petersen . Herausgegeben von Lutz Klinkhammer . Redaktion: Gerhard Kuck, Susanne Wesely . Deutsches Historisches Institut in Rom/ Arbeitsgemeinschaft für die neueste Geschichte Italiens Bollettino del C.I.R.V.I. Anno XXXIII, Fascioli I e II: N . 65, Gennaio-Giugno 2012 e 66, Luglio-Dicembre 2012 . Moncalieri: Centro Interuniversitario di Ricerche sul «Viaggio in Italia» Esperienze letterarie. Rivista trimestrale di critica e di cultura . N . 1, XXXIX, 2014 e N . 2, XXXIX, 2014 . Pisa/ Roma: Fabrizio Serra Editore Zeitschrift für Romanische Sprachen und ihre Didaktik . ZRmSD 8,1 (2014) . Stuttgart: ibidem Verlag autorinnen und autoren dieser Nummer Tina Ambrosch-Baroua, M .A ., Universität München Thomas Brückner, Dr ., Essen Sarah Dessì Schmid, Prof Dr ., Universität Tübingen Isabel von Ehrlich, Dott .ssa, Universität München Enrico Garavelli, Dott ., Universität Helsinki Julius Goldmann, M .A ., Universität Würzburg Frank-Rutger Hausmann, Prof Dr ., Universität Freiburg i .Br Thomas Krefeld, Prof Dr ., Universität München Stephan Lücke, Dr ., Universität München Caroline Lüderssen, PD Dr ., Universität Heidelberg Christoph Oliver Mayer, PD Dr ., Technische Universität Dresden Luca Mendrino, Dott ., Università degli Studi di Lecce Marco Menicacci, Dr ., Universität Bonn Martina Nicklaus, Dr ., Universität Düsseldorf Alessandra Origgi, M .A ., Freie Universität Berlin Edgar Radtke, Prof Dr ., Universität Heidelberg Elmar Schafroth, Prof Dr ., Universität Düsseldorf Irmgard Scharold, PD Dr ., Universität Erlangen-Nürnberg Franco Sepe, Dott ., Universität Potsdam Isabella von Treskow, Prof Dr ., Universität Regensburg Gherardo Ugolini, Prof Dr ., Università degli Studi di Verona 2_IH_Italienisch_72.indd 134 06.11.14 10: 27
