eJournals Italienisch 37/74

Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2015
3774 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Peter Gendolla: Die Erfindung Italiens. Reiseerfahrung und Imagination. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2014, 135 Seiten, € 24,90

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2015
Friedrich Wolfzettel
ita37740137
137 Kurzrezensionen Peter gendolla: Die Erfindung Italiens. Reiseerfahrung und Imagination. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2014, 135 Seiten, € 24,90 Ungeachtet der einleitenden Hinweise zur «Geschichte der Italienreisen» (Kap III und anderer Beispiele) ist diese anregende (und konsequent germanistische) Studie gerade nicht gattungsgeschichtlich ausgerichtet, vielmehr bietet sie über die Gattungen hinweg faszinierende Einsichten in die - vorwiegend moderne - Geschichte des Sehnsuchtsorts Italien und die imaginäre Verfasstheit der literarischen Suche an Erstmals wachsen die vereinzelt immer schon erkennbaren Fiktionalitätssignale zu einer kohärenten Geschichte des mythischen Sehens zusammen Dabei ist die Geschichte des literarischen Mythos zugleich eine Geschichte der Zielsetzung und Erschöpfung überkommener Muster, wie sie sich in dem wütenden Seitenhieb eines Rolf Dieter Brinkmann auf den «Idioten» Goethe (S 33) äußert Die sehr gerafften Ausführungen zu Itinerarien, religiösen und akademischen ‹Pilgerreisen› und frühere Reisebedingungen bleiben so für die eingangs angedeutete These der «Phantome des Südens» (Kap I) weitgehend äußerlich bzw zeigen nur, dass die Tendenz zur Literarisierung des Italienbildes und insbesondere Roms zwar ansatzweise schon in Barock und Aufklärung zu finden ist, die eigentliche ‹Geschichte› des «idealischen Reisens» (S 34) jedoch erst mit der (vom Vf nicht thematisierten) epistemologischen Wende zum subjektiven Reisebericht der Vorromantik und seinem entwickelten deskriptiven Paradigma einsetzt Letzteres zeigt etwa die aufgeklärte Italienreise eines Johann Wilhelm von Archenholtz, die - etwas missverständlich - als eine der «Gegenhymnen» (S 39) zum arkadischen Mythos (S 36-39) kurz vorgestellt wird, anstatt sie in der breiten Tradition der kosmopolitischen Aufklärung (etwa eines Montesquieu) zu verorten Worauf es dem Vf im Rahmen solcher skizzenhaften Überblicke eigentlich ankommt, führt der Exkurs «Benjamin in Italien» (S 30-34) vor Augen, in dem das Italienerlebnis als sinnliche Entgrenzung und als gegenläufige Erfahrung einer «phantastischen Materialität» begriffen wird, so dass sich der Reisende «in der Gier, im Verschlingen der Speisen, Gerüche und Bilder schlicht verliert» (S 34) Italien als die Suche nach dem Anderen, auf das vor allem der Arkadienmythos verweist Die hierauf bezogenen Überlegungen setzen ein mit Goethes Italienischer Reise, die unter dem Stichwort Bildungsroman «zur zentralen Matrix 2_IH_Italienisch_74.indd 137 16.11.15 07: 55 13 8 Kurzrezensionen der Italienliteratur überhaupt» (S 57) geworden und nach Vf nur als Fiktion, als «Drittes zwischen Subjekt und Objekt der Wahrnehmung» (S 56) zu verstehen sei Ins Spiel kommen dabei der naturtheoretische Blick, «eine bestimmte Ästhetik des Augenblicks» (S 53) oder Aspekte der «Selbststilisierung» (S 56) Ein Vergleich mit dem enthusiastischen Heine und dem übellaunigen Herder («das erste Beispiel einer negativen Abtrennung der Reiseerfahrung von der Imagination», S 67) runden diesen auch genetisch eingehender vorgestellten Komplex ab Die «Aushöhlung des schönen Scheins, die Transformierung der hellen Kulturlandschaft in eine Maske» (S 78) bei Eichendorff bezeichnet den Beginn der romantischen Desillusion, durch die das dämonisch verführerische Italien «zu einer einzigen falschen Maskerade» (S 70) entzaubert wird, während die düstere, auch psychoanalytisch deutbare Stimmung gleichwohl der «mythischen Tradition» (S 80) verhaftet bleibt Eines konkreten Reiseerlebnisses bedarf es hier nicht mehr Als «ein Traum der Literatur» (S 83) und als «eine Art Trotzfantasie gegen nordische Kälte» (S 86) erscheint dann Italien bei Heine, z .B in seiner Reise von München nach Genua, wo Relikte des fiktionalen Italien aktuelle politische Überlegungen überlagern Die Krise des Italienmythos, auch der «Umschlagpunkt im Bewusstsein der Italienreisenden» (S 95), ist für den Vf mit dem ausführlich kommentierten Grünen Heinrich (1854) von Gottfried Keller erreicht: Mythos wird hier zur Erfahrung «aus zweiter Hand» (S 93), die Voraussetzung für die Problematisierung Italiens im Fin de Siècle und bei Thomas Mann Nur Hermann Hesses «Zugehörigkeit zur arkadischen Unmittelbarkeit» (S 97) macht eine Ausnahme oder genauer: bezeichnet die positive Seite des Prozesses, in dem die «Fiktion» zu sich kommt (S 39) Der Tod in Venedig Thomas Manns, als gegenläufige Replik auf den Decamerone begriffen, bildet für den Vf auch den «Abschluss einer großen Gattungstradition» (S 106), eine «Allegorie des Untergangs» (ebd .), in der die Pest am Ende und nicht wie bei Boccaccio am Anfang steht, und den «Tod der Literatur» (S 110), an den der einleitend zitierte Märchensatz von Wolfgang Koeppens Der Tod in Rom, «Es war einmal eine Zeit, da hatten die Götter in der Stadt gewohnt» (S 113), gleichsam anschließt Der Nachkriegsroman Koeppens, «ein Riesenpuzzle aus Mythen, von den antiken bis zu denen des 20 Jahrhunderts» (S 112) bezeichnet nach Vf das Ende der imaginären Überhöhung, «eine Götterdämmerung auf neuem Niveau» (S 113), die mit Rolf Dieter Brinkmann ausläuft Das letzte Wort hat Robert Walser, dessen Satz aus Geschwister Tanner (1907), «Muß man mit den Augen denn alles auffressen wollen» (S 120), wie ein Kommentar zu der eingangs zitierten Fressmanie Walter Benjamins erscheint Die schlaglichtartige Reise durch zwei Jahrhunderte des fiktionalen Italien, das die zentralen Kapitel III und IV ausmacht, wird so über die bisherige themengeschichtliche Forschung hinaus als aporetischer Weg in die 2_IH_Italienisch_74.indd 138 16.11.15 07: 55 139 Kurzrezensionen Moderne begriffen, auf dem Italien, «eine Erfindung der Literatur» (S 128), zuletzt die Literatur selbst in Frage stellt Die Fiktionalisierung erscheint als Selbstaufgabe der Literatur, wie sie der Vf vor allem mit seiner allegoretischen Deutung von Manns Tod in Venedig exemplifiziert; nach der These dieses Buches ist damit zugleich die Heraufkunft des medialen Zeitalters und die Krise der Literatur angedeutet Das abschließende Kapitel V «Digitalien» ist diesem Aspekt medialer Verfügbarkeit und Instrumentalisierung gewidmet Der Vf beleuchtet diese neue Problematik ironisch u .a am Beispiel einer rechnergestützten Dekodierung des Mignon-Gedichts, an dem «umgekehrten Bildungsroman» (S 126) Rolf Dieter Brinkmanns, einer «Text-Bild-Erzählung» oder einem «Film in Worten und Bildern» (ebd .), vor allem aber an Alfred Behrens’ parodistischem Programm einer künstlichen «Realitätsproduktion» in Künstliche Sonnen 1972); in land-art - Reproduktionen soll so die ursprüngliche Schönheit wiederhergestellt werden, ein «Touristikunternehmen» (S 130), mit dem die Geschichte der Fiktionalisierung über alle Krisen hinweg künstlich überboten wird Man wird das schmale, aber gehaltvolle Buch mit Gewinn aus der Hand legen und die Prägnanz der kurzen Interpretationsansätze zu schätzen wissen Einige Schönheitsfehler spielen demgegenüber keine Rolle (veturin, S 21, Bukolika, S 36, die unverständlichen Zahlen hinter dem Namen des englischen Barockdichters Waller, S 58, und schließlich: Geht es wirklich um Reggio di Calabria? , S 120) Merkwürdig erscheint, dass Gendolla das inhaltlich und thematisch ähnliche Buch von Irmgard Egger, Italienische Reisen. Wahrnehmung und Literarisierung von Goethe bis Brinkmann (München: Fink Verlag 2006) weder einleitend noch in der - betont knappen - Bibliographie erwähnt Friedrich Wolfzettel 2_IH_Italienisch_74.indd 139 16.11.15 07: 55