eJournals Italienisch46/91

Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691 Fesenmeier Föcking Krefeld Ott

Boccaccio – zur Aktualität eines Klassikers

1215
2025
Franziska Meier
ita46910009
Boccaccio - zur Aktualität eines Klassikers Franziska Meier Autoren, die jahrhundertelang fest zum Kanon der Weltliteratur gehörten, stehen heute von vornherein unter einem Rechtfertigungsdruck. Auch bei Giovanni Boccaccio stellt sich die Frage, warum man sich noch mit der dritten und jüngsten der Drei Kronen der italienischen Literaturgeschichte beschäftigen sollte. Nur weil er am 21. Dezember seinen 650. Todestag feiert und sich unser Kulturbetrieb den alten Autoren im Rhythmus runder Jubiläen zuwendet? Für eine Neu- oder Wiederlektüre Boccaccios spricht, dass er, ähnlich wie wir, in eine traumatisierende Zeit des Umbruchs geworfen war. Über ihn wie über seine Zeitgenossen brachen in rascher Folge etliche, bis dahin unvorstellbare, allenfalls mit Hilfe der biblischen Apokalypse einzuordnende Katastrophen herein. Ende der 1320er Jahre setzte die kleine Eiszeit ein, die immer wieder Überschwemmungen, Ernteausfälle und Extremwetter mit sich führte. In den 1330er Jahren begann ein Streit zwischen England und Frankreich, der als Hun‐ dertjähriger Krieg in die Annalen eingehen sollte und früh große Verwerfungen in ganz Europa nach sich zog. Die wichtigste für Florenz war der Zusammen‐ bruch der großen Banken, mit denen Boccaccios Vater zusammenarbeitete. 1348 überlebte Boccaccio den ersten heftigen Ausbruch des Schwarzen Todes in seiner Heimatstadt. Er sollte zu dessen berühmtestem Augenzeugen und allseits anerkanntem Chronisten werden. Schließlich bahnte sich zu seinen Lebzeiten der Übergang von den Kommunen zu Alleinherrschaften oder Oligarchien an. Überall auf der italienischen Halbinsel griffen Einzelne nach der Macht, oft mit der Zustimmung einer untereinander zerstrittenen Bevölkerung, die die etablierte kommunale Verwaltung für überfordert oder korrupt hielt. Was sein Leben und Schreiben für uns heute so aufregend macht, ist, dass wir darin verfolgen können, wie ein Autor auf die Symptome eines tiefliegenden Umbruchs vielfältig, aber auch widersprüchlich reagiert, wie er in seinen literarischen und historiographischen Werken immer wieder neu, nicht immer mit Erfolg, nach Antworten sucht und letztlich nur in der Empathie mit mensch‐ lichem Leid einen Ausweg sieht, und schließlich, wie für ihn angesichts der nicht endenden Krise eigentlich alles, selbst die größten Vorzüge und zivilisatorischen Errungenschaften, immer wieder in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Wer sich von seinem 650. Todestag dazu verführen lässt, in Boccaccios Werk neu oder wieder einzutauchen - und die jetzt erscheinenden vollständigen Neu- oder Erstübersetzungen ins Deutsche laden dazu ein -, der wird einem Dichter begegnen, der uns bei aller historischen Ferne bedrängend nah in seinen Nöten ist. 10 Franziska Meier