Italienisch
ita
0171-4996
2941-0800
Narr Verlag Tübingen
ita4691/ita4691.pdf1215
2025
4691
Fesenmeier Föcking Krefeld OttTagungsbericht: Politiche dello sguardo all’insegna della mediatezza: il realismo autoriflessivo nel cinema italiano contemporaneo (2024, Humboldt-Universität Berlin, Italienisches Kulturinstitut Berlin)
1215
2025
Viviana Macaluso
ita46910209
Tagungsbericht: Politiche dello sguardo all’insegna della mediatezza: il realismo autoriflessivo nel cinema italiano contemporaneo (2024, Humboldt-Universität Berlin, Italienisches Kulturinstitut Berlin) Am 5. und 6. Dezember 2024 fand die internationale Tagung Politiche dello sguardo all’insegna della mediatezza: il realismo autoriflessivo nel cinema italiano contemporaneo an der Humboldt-Universität zu Berlin und im Italienischen Kulturinstitut Berlin statt. Organisiert wurde die Konferenz von Julia Dettke (HU Berlin) und Cora Rok (Universität Heidelberg). Die Tagung widmete sich dem Verhältnis von Politik und Selbstreflexivität im aktuellen italienischen Kino, das seit zwei Jahrzehnten zunehmend gesellschaftliche Prozesse und marginalisierte Perspektiven in den Fokus nimmt, während es zugleich die Grenzen realistischer Darstellungsweisen, die Wahrnehmung des Kamerablicks und die Bedingungen des Filmemachens kritisch hinterfragt. Den Auftakt bildete der Vortrag von Áine O’Healy (LMU Los Angeles) mit dem Titel From Spectacle to Worldmaking: Mediterranean Mobilities in Main‐ stream Media, Cinema, and Video Art. Darin analysierte sie die Verschränkung von Nachrichtenberichterstattung, Interviews und Videokunst in Filmen über Migrationsbewegungen. Als Beispiel führte O’Healy u.a. Matteo Garrones Io capitano (2023) an, der der andauernden Remediatisierung und Spektakularisie‐ rung der sogenannten Migrationskrise entgegenwirke, indem er die Migrant: in‐ nen als handelnde Subjekte zeigt - und nicht als Objekte einer Inszenierung, die die Überlegenheit italienischer Figuren betont. Laut O’Healy dekonstruiert Garrone den Odysseus-Mythos durch einen magischen Realismus, der die Immersion der Zuschauenden störe und dadurch ihre Aufmerksamkeit auf die Kolonialgeschichte Italiens und seine Rolle bei den Menschenrechtsverletzun‐ gen im Mittelmeerraum lenke. Darauf folgte Russell Kilbourns (WLU Waterloo, Canada) Vortrag „The wo‐ men were in charge in Etruscan times“: The Politics of Self-Reflexivity in Alice Rohrwacher’s La Chimera (2023) Or: „Not made for human eyes“ - feminist Posthumanism, der Rohrwachers selbstreflexive Techniken untersuchte. Hierzu zählen einerseits Referenzen auf die Filmgeschichte, bspw. Federico Fellinis Roma (1972) und La città delle donne (1980), die direkte Kameraansprache, der Wechsel von professioneller und Amateurkamera sowie die 360-Grad Drehung dieser, welche zu einer Ambiguität von Dies- und Jenseits; Wach-, Schlaf- und Traumsequenzen; Präsenz und Absenz führen. Andererseits verwebe Rohrwacher die realistischen Figuren Arthur und Beniamina mit den Mythen von Orpheus und Ariadne sowie der etruskischen Geschichte. Mittels dieser Mitteilungen 209 Techniken erzähle Rohrwacher nicht nur die Geschichte ihrer Figuren, sondern auch die Geschichte der Kinokultur. Der erste Tagungstag endete mit der Filmvorführung von Cesare deve morire (2012), einem Film der Taviani-Brüder, der die Inszenierung von Shakespeares Julius Caesar durch Insassen des Hochsicherheitsgefängnisses Rebibbia doku‐ mentiert. Im Anschluss an die Vorführung interviewten Martina Nappi (Univer‐ sität Bonn) und Maddalena Caserini (Universität Regensburg) den Regisseur des Stücks, Fabio Cavalli. Cavalli, der bereits 2003 eine der ersten festen Thea‐ tergruppen im Gefängnis gegründet hatte, sprach über die Herausforderungen und Chancen seiner Arbeit, die Verknüpfung von klassischer Literatur mit der Lebensrealität der Insassen und das Konzept der „catarsi riflessiva“. Dabei erklärte er, wie durch Theater und Kunst transformative Prozesse bei den Darstellern und dem Publikum angestoßen werden könnten. Christian Uva (Roma Tre) begann den zweiten Tagungstag mit einem Vortrag zu Le „terre di mezzo“ di Matteo Garrone, tra immaginazione e realtà, in dem er Garrones Drehorte sowie deren Materialität analysierte. Laut Uva fungieren die peripheren Räume, wie bspw. leere Strände oder Betonlandschaften, die im Stile eines Dokumentarfilms gestaltet sind, als symbolische Zwischenwelten, in denen eine Identitätssuche stattfindet. Garrone nutzt dialektale Sprache und spielt mit der Tonspur, wie etwa den Geräuschen der Bräunungsmaschine zu Beginn von Gomorra (2008), die an das Klicken einer Filmkamera erinnern. Uva zufolge führt Garrone Kunst und Realität ins Groteske und bewirkt eine Hybridisierung der inner- und außerdiegetischen Ebene. Antonio Salmeri (Universität Innsbruck) widmete sich in seinem Vortrag mit dem Titel „È stata la mano di Dio“ (Sorrentino, 2021) - La realtà è scadente, non mi piace più, ecco perché voglio fare il cinema drei Arten der Autoreflexivität bei Paolo Sorrentino. Hierzu zählen in È stata la mano di Dio (2020) erstens Verweise in Form von Kommentaren und Referenzen auf das Autorenkino, insbesondere auf Fellini. Zweitens hinterfrage Sorrentino den Geniekult um Ikonen der Popkultur auf eine ironische Art und Weise, während er gleichzeitig eine Künstlerlegende um den Protagonisten entwerfe, der als das Alter Ego des Regisseurs verstanden werden kann. Drittens reflektiere Sorrentino die tradi‐ tionelle Darstellung der Stadt Neapel in ihrer nostalgischen Aufladung sowie Alterität, wobei ihre vermeintliche Authentizität kommerzialisiert wird. Dieses Vorgehen Sorrentinos interpretiert Salmeri als ein Einschreiben Sorrentinos in die Geschichte des Autorenkinos. Es folgte ein Vortrag von Hauke Lehmann (FU Berlin) mit dem Titel Real Abstractions in the Films of Luca Guadagnino. Ausgehend von Karl Marx’ Ana‐ lyse der Warenform untersuchte Lehmann eine Szene aus Io sono l’amore (2009), 210 Mitteilungen in der die filmische Ästhetik ihre fetischistische Qualität entfalte. Guadagninos Zoom auf Materialität und Oberflächen von Objekten und Menschen, wie bspw. Muster und Haut, drückten laut Lehmann gleichzeitig symbolische und soziale (Klassen-)Beziehungen aus. Dabei würden sowohl die Gefühle der Menschen als auch die Bilder Italiens als Konsumware inszeniert. Die Protagonistin könne sich dieser Logik nur durch eine Flucht ins Halbdunkel entziehen, wie es das Ende des Films zeigt. Der Raum hinter dem Bild, beinahe im Off-Screen, bietet laut Lehmann Möglichkeiten für neue Realitäten. Hierauf analysierte Elisabeth Tiller (TU Dresden) in ihrem Vortrag Rifles‐ sività nel cinema italiano contemporaneo vier sizilianische Filmproduktionen, die eine politische Botschaft mit einer bestimmten realistischen Darstellungs‐ weise verknüpfen. In La mafia uccide solo d’estate (2013) zeige sich politisches Engagement explizit in der Vermischung von cineastischen Verfahren mit Fernseh-, bzw. Journalismustechniken, um Authentizität zu suggerieren. Der Film Nuovomondo (2006) bedient sich laut Tiller hingegen eines allegorischen Realismus, indem er eine Migrationsgeschichte in Form einer schlaraffischen Reise erzähle und diese durch surreale Bilder problematisiere. Emma Dantes implizit politische Filme Via Castellana Bandiera (2013) und Misericordia (2023) verbinden laut Tiller wiederum Realismus und Traumsequenzen, um die Zu‐ schauer: innen zunächst das Gesehene und anschließend reale Genderrollen kritisch hinterfragen zu lassen. Giacomo Tagliani (Università degli studi di Modena e Reggio Emilia) wid‐ mete sich in Il biografico all’italiana. Un bilancio teorico-critico del cinema del nuovo millennio der Analyse des bislang von der Forschung vernachlässigten Biopic-Genres, das sich seit fast 20 Jahren im italienischen Kino einer großen Beliebtheit erfreue. Tagliani betonte, dass sich das Genre dort im Gegensatz zum US-amerikanischen Kino vor allem auf politische Persönlichkeiten konzentriere, da nur ein ,politisches Leben‘ als erzählenswert gelte, so Tagliani im Anschluss an Giorgio Agamben. Dies erkläre die hohe Anzahl an Biopics über politische Figuren - beginnend mit den Filmen über Aldo Moro -, in denen die jüngste Geschichte hypermediatisiert und historisiert werde. Autoreflexivität werde dabei nicht durch vermeintlich authentische Archivbilder erzeugt, sondern durch Szenen mit Spiegeln und Bühnen, in denen die Figuren die eigene Inszenierung thematisieren. Elisabeth Fraller (Universität Wien) schloss die Tagung mit ihrem Vortrag über „Re-Visionen“: Found Footage und Archivmaterial in neueren italienischen Dokumentarfilmen. Darin arbeitete sie heraus, dass sich der italienische Doku‐ mentarfilm aufgrund der Filmfinanzierungsmöglichkeiten erst ab den 2000er Jahren entwickelte. Seitdem zeige sich das Genre als besonders experimentell: Mitteilungen 211 Found-Footage-Filme, private Aufnahmen und Archivvideos werden laut Fraller miteinander kombiniert, jedoch nicht um Ereignisse erneut zu erzählen, sondern um Bilder mit neuen Bedeutungen und (konträren) Geschichten aufzuladen, sodass bisher Nicht-Gesehenes sichtbar wird. Die Popularität von analogem Filmmaterial und klassischen Techniken sei dabei auffallend. Die Tagung verdeutlichte anhand zahlreicher Beispiele und Fallanalysen die Herausforderung, Definitionen und Konzepte des Realismus im italienischen Gegenwartskino zu finden. Darüber hinaus zeigten die besprochenen Filme, dass das Verhältnis von Politik und Realismus - sei es inhaltlich oder formal - in seiner Vielfalt und seinen Grenzen von den Regisseur: innen selbst reflektiert wird. Dies bezeugen letztlich auch die Filmtechniken der mediatezza, die den kritischen Kamerablick zur Schau stellen und die Bedingungen des Filmema‐ chens sichtbar machen. Viviana Macaluso 212 Mitteilungen
