Kolloquium Bauen in Boden und Fels
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Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM–Prozess
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Edwin Machleit
Johannes Labenski
Albert Riehm
Friedemann Kötzel
Jannik Beuße
Die Geotechnik befindet sich im Wandel hin zu datenbasierten und digital gestützten Workflows. Das digitale Baugrundmodell (DBGM) dient dabei als zentrale, georeferenzierte Datenquelle und ermöglicht eine konsistente Verarbeitung heterogener Bestands- und Erkundungsdaten. Automatisierte Workflows unterstützen Modellierung, Attribuierung und Unsicherheitsanalyse und beschleunigen insbesondere Infrastrukturgroßprojekte. Modellbasierte Auswertungen – bis hin zu 3D-Boden-Bauwerk-Interaktionen – erhöhen die Planungsrobustheit und Transparenz. Eine strukturierte Datenbank erleichtert zudem den Wissenstransfer. Insgesamt steigert der Einsatz von DBGM und (teil-)automatisierten Workflows die Qualität und Effizienz geotechnischer Projekte deutlich.
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15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 287 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess Edwin Machleit, M. Sc. GTU Mobility GmbH & Co. KG, NL Karlsruhe Dr.-Ing. Johannes Labenski GTU Mobility GmbH & Co. KG, NL Karlsruhe Albert Riehm, M. Sc. GTU Mobility GmbH & Co. KG, NL Karlsruhe Friedemann Kötzel, M. Sc. GTU Mobility GmbH & Co. KG, NL Stuttgart Dr.-Ing. Jannik Beuße GTU Mobility GmbH & Co. KG, NL Hamburg Zusammenfassung Die Geotechnik befindet sich im Wandel hin zu datenbasierten und digital gestützten Workflows. Das digitale Baugrundmodell (DBGM) dient dabei als zentrale, georeferenzierte Datenquelle und ermöglicht eine konsistente Verarbeitung heterogener Bestands- und Erkundungsdaten. Automatisierte Workflows unterstützen Modellierung, Attribuierung und Unsicherheitsanalyse und beschleunigen insbesondere Infrastrukturgroßprojekte. Modellbasierte Auswertungen - bis hin zu 3D-Boden-Bauwerk-Interaktionen - erhöhen die Planungsrobustheit und Transparenz. Eine strukturierte Datenbank erleichtert zudem den Wissenstransfer. Insgesamt steigert der Einsatz von DBGM und (teil-)automatisierten Workflows die Qualität und Effizienz geotechnischer Projekte deutlich. 1. Einführung Die Geotechnik erlebt derzeit einen Paradigmenwechsel durch Digitalisierung: Etablierte Prozesse werden zunehmend durch digitale Werkzeuge und automatisierte Workflows hinterfragt und ergänzt. Die Geotechnische Fachwelt hat längst den Nutzen der Digitalisierung erkannt und diskutiert diesen regelmäßig im Rahmen nationaler und internationaler Fachkonferenzen [1] - [4]. Auch das sog. Fachmodell Baugrund [5] - [7] ist dem Grunde nach bereits im BIM-Prozess und Projekten angekommen, wenngleich sich Auftraggeber Anforderungen, Umsetzbarkeit und praktischer Einsatz längst noch nicht auf einer Wellenlänge befinden. Dabei ist das digitale Baugrundmodell in Kombination mit automatisierten Workflows aus Sicht der Autoren ein, wenn nicht sogar der integrale Baustein zur effizienten Abwicklung heutiger Geotechnischer (Groß-)Projekte und Planungen. Grundlage dafür ist lediglich, dass Daten strukturiert, georeferenziert und wiederverwendbar abgelegt werden [8] - [10]. Gerade Großprojekte leiden in der Umsetzung häufig unter unklaren Baugrunddaten, Medienbrüchen und langen Iterationen zwischen Baugrunderkundung, Datenauswertung und anschließender Planung. In den aktuell bearbeiteten Projekten der Autoren wird daher ein durchgängig digitaler Workflow implementiert, in dessen Mittelpunkt das digitale Baugrundmodell (DBGM) als zentrale Single Source of Truth (SSOT) steht und sämtliche fachtechnischen Daten konsistent führt. Die Verarbeitung der Daten erfolgt dabei sowohl im Preals auch Postprocessing mindestens teilautomatisiert mit dem Ziel mittelfristig vollständig automatisierte Workflows zu etablieren. 2. Workflow In Abb. 1 ist der vereinfachte, digitale Workflow für den Einsatz und die Nutzung des DBGM darstellt. Im Zentrum steht das DBGM, welches mittels Leapfrog Works der Fa. Seequent erstellt wird. Die Daten für das DBGM sollten grundsätzlich aus einer Datenbank kommen, sodass immer ein aktueller Datenbestand genutzt wird. Über teilautomatisierte Workflows lässt sich das DBGM in verschiedenen Datenformaten in Berechnungsmodellen, z. B. 2D/ 3D- FEM-Berechnungen und Parametrischen Bemessungsmodellen, nutzen. Die Bereitstellung des DBGM erfolgt über eine Datenaustauschplattform (CDE) mit dem Auftraggeber. Dabei kann die Bereitstellung des DBGM in Form von attribuierten IFC-Modellen, CAD kompatiblen Schichtflächen und 2D Schnittdarstellungen, z. B. in den Geotechnischen Berichten, erfolgen. Insbesondere der Aufwand der Attribuierung kann je nach Anforderungen der Auftraggeber stark variieren. Hier empfehlen sich automatisierte Workflows, z. B. über Python, die ganze 3D Modelle innerhalb kürzester Zeit in ein holistisches Datenmodell verwandeln. 288 15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess Der komplizierteste und aufwendigste Teil des gesamten Workflows ist die Datenerhebung und -verarbeitung. Ausgangspunkt sind hier in der Regel heterogene Bestände: Altbohrungen und -gutachten des Auftraggebers, Daten der Geologischen Landesdienste, Vermessung (CRS/ Höhen), Digitale Geländemodelle (DGM) sowie parallel laufende Baugrunderkundungen inkl. entsprechender Laborversuche der aktuellen Leistungsphase. Viele Bestandsdaten liegen oft nur als PDF, viele geologische Karten oft schon in einem GIS-Format vor. Immer öfter können auch Baugrunddaten in Form von z. B. Access Datenbanken oder .bop Dateien übergeben werden, insofern die Datenübergabe in vorangegangen Leistungsphasen durch den Auftraggeber mitbeauftragt wurde. Während PDF-Dateien vor Nutzung zunächst aufwendig, oft noch per Hand, digitalisiert werden müssen, können offene (Datenbank-)Formate bereits teilautomatisiert verwertet werden, um sie für die eigene Datenbankstruktur nutzbar zu machen. Vor sinnvoller Nutzung sämtlicher Daten ist in jedem Fall eine Dubletten- und Plausibilitätsprüfung erforderlich. Insbesondere die Plausibilitätsprüfung ist ein wichtiger Schritt des gesamten Prozesses, um fehlerbzw. zweifelhafte Daten von vornerein auszuschließen. Dabei stellt die Überprüfung der Vermessungsdaten den ersten und mitunter wichtigsten Schritt der Plausibilitätsprüfung dar. Im 3D Raum falsch referenzierte Bohrungen und Sondierungen führen unmittelbar zu einer falschen Interpretation des Baugrunds, unabhängig davon, ob im DBGM oder auf „klassische“ Weise gearbeitet wird. Abb. 1: BIM in der Geotechnik - Workflow Die Erhebung der eigenen Felddaten erfolgt über hauseigene, oft GIS-basierte Apps, um Datenübertragungsfehler von vornerein auszuschließen. Die Datenausgabe erfolgt dabei strukturiert (z. B. CSV/ JSON) und fließt ohne Medienbruch in die Datenbank ein. Der initiale Aufwand für die Umsetzung eines solchen Workflows kann geringgehalten werden, indem man auf den minimum valuable product Ansatz zurückgreift. Zu Berücksichtigen ist, dass man den Aufwand i. d. R. nur einmal treiben muss und dann konsistent in Projekten darauf zurückgreifen kann, sodass sich die Projektmitarbeiter auf die fachliche Arbeit fokussieren können. Auch wenn die Prozesse und Workflows, wie in Abb. 1 dargestellt, digitaler werden und man in Projekten zunehmend mit BIM-Anforderungen konfrontiert wird, bleibt die fachliche Rolle des Sachverständigen für Geotechnik essenziell für die Auswertung und Bewertung der Baugrunddaten. Es ändern sich lediglich die Werkzeuge, die fachliche Expertise und Erfahrung bleibt beim Sachverständigen für Geotechnik. 3. Infrastrukturgroßprojekte Im folgenden Abschnitt wird exemplarisch aufgezeigt, wie das DGBM und automatisierte Workflows in aktuellen Infrastrukturgroßprojekten eingesetzt werden, um Entscheidungen in Erkundung, Planung und Dokumentation zu beschleunigen, transparenter zu gestalten und risikobewusst zu steuern. 3.1 Anforderungen Infrastrukturgroßprojekte haben im Vergleich zu kleinräumigen, klassischen Projekten einige besondere Anforderungen an die Projektarbeit und damit einhergehend an das DGBM. In der Regel ist nicht mit homogenen Baugrundbedingungen über das gesamte Projektgebiet zu rechnen. Aufgrund der Weitläufigkeit und Lage mancher Projekte ergeben sich allein aus den Informationen aus den Geologischen Karten heterogene Baugrundbedingungen, die bei der Modellierung und der Datenauswertung zu berücksichtigen sind. Zu Beginn eines Projekts ist die Datenbasis oft dürftig (i.d.R. nur Archivbohrungen sowie Altgutachten; partiell auch Erkundungsergebnisse aus einer Vorerkundung), der Termindruck im Projekt aber gleichzeitig sehr hoch. Um den anvisierten Ausführungszeitraum nicht zu gefährden sind die planerischen Leistungsphasen oft dicht hintereinander getaktet, oftmals mit einem (zu) geringen Zeitfenster für die notwendigen Baugrunderkundungen und die Erstellung der Geotechnischen Berichte. Vom Geotechnischen Sachverständigen wird dann oft erwartet möglichst schnell relevante Angaben für die weitere Planung zu liefern, um ein Stoppen des Planungsprozess zu verhindern. Dabei liegen für die Planung der Baugrunderkundungen teilweise noch nicht einmal genaue Planunterlagen vor. Das DGBM ist damit per-se bereits ein Modell, welches nicht einmal erstellt wird, sondern ein Modell, welches mit dem Projekt wachsen und entstehen muss. Initiales Modell ist dabei das sogenannte Bestandsmodell, welches zunächst alle verfügbaren Informationen in einem Grobmodell vereinheitlicht. Initiale Aussagen, wenn auch deutlich als „vorbehaltlich“ gekennzeichnet, müssen daher auch in Kombinationen mit Modellunsicherheiten klar und verständlich dargestellt werden, damit sowohl Fachingenieure als auch fachfremde Projektbeteiligte die Datenlage und die Grenzen der Prognose nachvollziehen können. 15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 289 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess 3.2 Modellierung Für die Modellierung des DBGM ist es erforderlich und unerlässlich, dass sämtliche direkten und indirekten Aufschlüsse sowie die Ergebnisse von Laborversuchen in strukturierter Form genutzt werden. Erste Ansätze dazu zeigen Labenski et al. [5]. Die strukturierte Datengrundlage ermöglicht eine semiautomatische Clusterbildung als Basis für die Modellierung der lithologischen Abfolge. Diese wird mit Deckungsmaßen verknüpft und räumlich so umgesetzt, dass geologische Zusammenhänge nachvollziehbar werden. Anschließend werden indirekte, numerische Daten, z. B. Ergebnisse von Ramm- und Drucksondierungen, für die geotechnische Interpretation der geologischen Schichten genutzt. Numerische Daten liegen zum Projektstart mitunter noch nicht vor und können somit erst sukzessive nach Vorliegen weiterer Erkundungsergebnisse genutzt werden. Sie sind aber auch hinsichtlich des Termindrucks in Infrastrukturgroßprojekten besonders wertvoll, da sie i. d. R. vor den direkten Aufschlüssen durchgeführt werden müssen und direkt für die weiteren Arbeiten genutzt werden können. Abb. 2: Initiales Grobmodell; (oben und unten) Georeferenzierte Darstellung direkter und indirekter Baugrundaufschlüsse entlang eines Geotechnischen Längsschnitts; (unten) Darstellung einer vermeintlichen Bodenlinse in einem höher aufgelösten Bereich Zum Projektstart entsteht auf Basis der vorhandenen Daten und Unterlagen das Grobmodell (vgl. Abb. 2). Das Grobmodell kann bereits aus mehreren hundert Baugrundaufschlüssen unterschiedlicher Qualität bestehen. Partiell ist es sogar möglich, dass aufgrund von Nachbarprojekten Bereiche mit einem dichteren Cluster aus Erkundungspunkten, einem höher aufgelösten Bereich, vorliegen. Diese Bereiche sind für das initiale Modell und die weitere Modellbetrachtung besonders wertvoll, da hier bereits Detail- und nicht nur Grobinformationen für die weitere Interpretation vorliegen. Das Grobmodell kann in Kombination mit einer Darstellung für die Modellunsicherheit (vgl. folgender Abschnitt) auch für die Planung der notwendigen Baugrunderkundungen herangezogen werden. Nach Vorliegen erster Ergebnisse aus der aktuellen Baugrunderkundungskampagne kann das initiale Grobmodell unmittelbar on-the-fly erweitert werden. In Abhängigkeit von der Qualität der historischen Daten können mitunter rein durch numerische Daten Bereiche soweit ausgewertet und verfeinert werden, dass erste (vorbehalt- 290 15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess liche) belastbare Aussagen möglich werden. Der Prozess der Modellerstellung folgt dabei immer dem gleichen, zu Beginn dieses Abschnitts beschriebenen, Prozess. Bei der Erstellung des Modells wird vom Groben ins Feine gearbeitet und während der Erkundung iterativ fortgeführt. Auf Basis der Zwischenstände können damit grundsätzlich auch zu jedem Zeitpunkt Vorabaussagen getätigt und der Planungsprozess beschleunigt werden. Abb. 3: Auszug aus dem 3D Modell mit Darstellung der untersten Bodenschicht (lila), der direkten und indirekten Baugrundaufschlüsse (N 10 in farbiger Abstufung) sowie zwei Geotechnischen Bauwerksschnitten Neben den zeitlichen Vorteilen für den Auftraggeber, die sich bei der Arbeit mit dem DBGM ergeben, kann aber auch der Geotechnischen Sachverständige zeitliche Vorteile bei der Arbeit mit dem DBGM und teilautomatisierten Workflows generieren. Workflows und Automatisierungen, genauso wie die Lage von Geotechnischen Schnitten im DBGM müssen nur einmal im Projekt etabliert werden. Nach Vorliegen neuer Daten und Auswertungen können insbesondere die Schnitte und Modelle in kürzester Zeit neu in aktualisierter Form exportiert werden. Außer den zeitlichen Aspekten, die Großprojekte heutzutage mitunter erst möglich machen, ergeben sich für den Geotechnischen Sachverständigen aber auch fachliche Vorteile bei der Arbeit mit dem DBGM. Die vorliegenden Daten können holistisch, widerspruchsfrei ausgewertet und dargestellt werden (vgl. Abb. 3, Darstellung eines Quer- und Längsschnitts, die an den Schnittlinien absolut widerspruchsfrei sind). 3.3 Modellunsicherheit Die Unsicherheiten des Modells können anhand zweier Faktoren dargestellt werden: (1) Datendichte und (2) Interpolationspfade. Diese Informationen können trassierungsbzw. bauwerksnah visualisiert und mit Entwurfsständen kombiniert werden. Längsschnitte und einfache 3D-Perspektiven zeigen Variabilität, blinde Flecken und die räumliche Stützung der Modellbereiche. Beispielhaft ist dies in Abb. 4 dargestellt. Automatische SOLL-/ IST-Abgleiche heben Unterschiede zwischen Bestands- und fortgeschriebenem Modell hervor. Diese Rückmeldungen fließen in kurze Review- Zyklen ein und bilden die Grundlage für eine nachvollziehbare Definition der erforderlichen Erkundungsdichte. Die transparente Darstellung der Unsicherheiten erleichtert Abstimmungen mit dem Auftraggeber, den Planern und weiteren Stakeholdern und kann das Baugrundrisiko in der Planung und Ausführung merklich reduzieren. Abb. 4: Darstellung der Unsicherheit im Modell; (oben) Längsschnitt mit farbiger Abstufung der Modellunsicherheit sowie Darstellung der vorhandenen Baugrundaufschlüsse und des vermuteten Felshorizonts; (unten) Geologischer Längsschnitt im direkten Vergleich mit der Modellunsicherheit im gleichen Schnitt 15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 291 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess 3.4 Attribuierung Die Attribuierung des Modells erfolgt weitgehend automatisiert und stützt sich auf ein eigens entwickeltes Tool, das Schicht- und Lageinformationen direkt aus den tabellarischen Daten ableitet. Eigenschaften wie lithologische Einheit, Tiefe, oder bodenmechanische Parameter werden regelbasiert in das Modell übernommen und konsistent strukturiert abgelegt. Inkonsistenzen - etwa unvollständige Angaben oder widersprüchliche Klassifikationen - werden automatisiert erkannt und können anschließend gezielt fachlich geprüft werden. Dadurch wird die Modellpflege erheblich entlastet, ohne die notwendige ingenieurgeologische Bewertung zu vernachlässigen. Auf Grundlage definierter Attributsätze werden die Daten zusätzlich semiautomatisch geclustert. Diese Cluster dienen nicht nur der Schichtmodellierung, sondern auch der Ableitung von Maßnahmenpaketen, etwa für Erkundungsbohrungen, Sondierungen oder ergänzende Untersuchungen. Die Zuweisung erfolgt regelbasiert und reagiert unmittelbar auf Änderungen im Datenbestand. Durch die konsistente, strukturierte und automatisierte Attribuierung bleiben das Untergrundmodell und seine Ableitungen jederzeit prüf bar, reproduzierbar und zuverlässig weiter verarbeitbar - sowohl für die geometrische Modellbildung als auch für die modellgestützte Fachkoordination nach etablierten Standards. 4. Komplexe Ingenieurbauwerke Der Nutzen von DBGM in komplexen Ingenieurbauwerken wurde unter Anderem von Labenski et al. [5] und Voigt et al. [12] plakativ anhand praktischer Projektbeispiele vorgestellt. Bei komplexen Ingenieurbauwerken ist die Planung und die Bemessung der Bauwerke oftmals Getrieben vom Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit. Insbesondere bei z. B. integralen Brückenbauwerken oder Maschinenfundamenten spielen Setzungsdifferenzen eine, wenn nicht sogar die maßgebende Rolle in der Bemessung. Dafür sind oftmals umfangreiche realitätsnahe Boden-Bauwerk-Interaktionsberechnungen notwendig. Für diese Berechnungen muss unbedingt auch der erkundete Schichtenverlauf realitätsnah berücksichtigt werden. Folglich sollte das DBGM, da es ohnehin vorliegt, auch für die Geotechnischen Berechnungen genutzt werden. Der Prozess für die Erstellung des DBGM folgt dabei in den Wesentlichen Schritten aus dem vorhergehenden Abschnitt mit dem Unterschied, dass das DBGM nicht iterativ erstellt werden muss, sondern es einmalig nach Durchführung der Baugrunderkundung aufgesetzt wird und die wesentlichen Geotechnischen Erkenntnisse daraus abgeleitet werden. Der Prozess, das DBGM in das Berechnungsmodell, z. B. in Plaxis-3D, zu importieren, folgt dabei keinen klaren Regeln. Durch den Hersteller existiert bisher keine direkte Schnittstelle, sodass eigene Workflows erforderlich werden. Durch die Autoren wird dafür ein kombinierter Workflow aus Python und Rhino3D eingesetzt. Dieser Workflow ist sodann projektspezifisch anzupassen. In Abhängigkeit von der Größe des DBGM bzw. des zu untersuchenden Modellausschnitts erfordert er zudem mal mehr mal weniger Rechenleistung. In Abb. 5 und Abb. 6 sind beispielhaft Auszüge aus einem Projekt dargestellt, in denen die Boden-Bauwerk Interaktion einer Eisenbahngroßbrücke untersucht wurde. Ziel war es den Einfluss der erdbaulichen Maßnahmen auf den Bestand bzw. den Neubau zu untersuchen sowie eine numerische Optimierung der Pfahllängen vorzunehmen, für die sich unter Ansatz des „klassischen“ Ansatzes nach EA-Pfähle Pfahllängen >-50-m ergeben hätten. Aufgrund der komplexen, heterogenen Untergrundbedingungen, u. a. mit empfindlichen Seetonen, war der Einsatz des DBGM auch in den 3D FE-Berechnungen unabkömmlich. Abb. 5: Risikoanalyse zur Abschätzung von zeitlichen Verformungen infolge des Bauablaufs Abb. 6: Optimierung der Pfahllängen auf Basis umfangreicher 3D-FEM-Berechnungen Ein weiteres Projekt, bei welchem die Kombination aus DBGM und 3D Boden-Bauwerk Interaktions-berechnungen zum Einsatz kam, ist in Abb. 7 zu sehen. Dieses Beispiel stellt ein besonders anspruchsvolles Projekt dar. Die Gründung eines neuen Brückenwiderlagers sollte unter laufendem Schienen- und Straßenverkehr zunächst erkundet, dann aber auch ausgeführt werden. Das neue Brückenwiderlager musste in unmittelbarer Nähe zum bestehenden Widerlager und unter stark begrenzten innerstädtischen Platzverhältnissen errichtet werden. Zur Bewertung des Trag- und Verformungsverhaltens wurde die Pfahl-Boden-Interaktion anhand einer 3D FE- Analyse untersucht. Grundlage für die Kalibrierung und Validierung des Rechenmodells war eine vor Ort ausgeführte statische Pfahlprobebelastung, deren Ergebnisse zur Optimierung des Pfahllayouts und der erforderlichen Pfahllängen genutzt wurden. Die heterogene und 292 15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess herausfordernde Baugrundschichtung machte ebenfalls den Einsatz eines DBGM, auch in den Berechnungen, notwendig. Abb. 7: Pfahl-Boden-Interaktionsberechnungen eines Brückenwiderlagers 5. Wissenstransfer Ein entscheidender Baustein des digitalen Workflows, wenn auch in Abb. 1 nicht explizit dargestellt, ist der Wissenstransfer. Da sämtliche Daten strukturiert und georeferenziert in einer Datenbank vorliegen, lässt sich Wissen sehr einfach an neue und/ oder junge Kollegen innerhalb des Unternehmens weitergeben. Idealerweise werden die Baugrunddaten ergänzt um Projektmetadaten, wie z. B. den Bauwerkstyp. Abb. 8: Unternehmenseigene Projektdatenbank - Darstellung von ausgewählten Projekten aus dem Großraum Stuttgart Zur Sicherstellung des eigenen Wissenstransfers wurde durch die Autoren eine Projektdatenbank entwickelt, die neben den Projektinformationen und einer Verknüpfung zu den Baugrunddaten auch auf Informationen zu Bahn- und Autobahnstrecken zurückgreift. Sämtliche Informationen können in einer Karte im Webbrowser dargestellt werden. Es ist aber auch möglich nach z. B. Bahnstrecken oder Autobahnen zu filtern und sich nur Projekte in relevanten Bereichen anzeigen zu lassen (vgl. Abb. 8). Die Umsetzung erfolgte über eigene Python Skripte sowie eine unternehmensinterne SQL-Datenbank. 6. Resümee Die Digitalisierung führt in der Geotechnik aktuell zu einem grundlegenden Wandel. Etablierte Arbeitsweisen werden zunehmend durch digitale Werkzeuge, strukturierte Datenhaltung und automatisierte Workflows ergänzt. Das Fachmodell Baugrund ist dabei bereits in vielen BIM-Prozessen angekommen, allerdings unterscheiden sich Anforderungen, Umsetzungsgrad und Reife bei Auftraggebern noch deutlich. Aus technischer Sicht stellt das digitale Baugrundmodell (DBGM) in Verbindung mit automatisierten Prozessen jedoch einen zentralen Baustein für die effiziente Bearbeitung geotechnischer Planungs- und Großprojekte dar. Voraussetzung ist eine konsistente, georeferenzierte und wiederverwendbare Datenhaltung. Großprojekte sind häufig von heterogenen Baugrundverhältnissen, unvollständigen Bestandsdaten und engen Terminvorgaben geprägt. Medienbrüche und lange Iterationsschleifen zwischen Erkundung, Auswertung und Planung führen dabei regelmäßig zu Verzögerungen und erhöhten Risiken. Durch die Einführung eines durchgängig digitalen Workflows, bei dem das DBGM als Single Source of Truth fungiert, können diese Herausforderungen systematisch adressiert werden. Daten aus Bestandsquellen, laufender Erkundung und Laborversuchen werden strukturiert erfasst, qualitätsgesichert und modellgestützt ausgewertet. Pre- und Postprocessing-Schritte werden weitgehend teilbzw. vollautomatisiert umgesetzt. Das DBGM ermöglicht dabei eine frühzeitige Identifikation von Informationslücken, eine transparente Darstellung der Modellunsicherheit und eine effiziente Ableitung von Varianten, Maßnahmenpaketen und Abstimmungsunterlagen. In Kombination mit automatisierten Attribuierungs- und Exportprozessen entsteht ein 15. Kolloquium Bauen in Boden und Fels - Februar 2026 293 Digitale Baugrundmodelle und automatisierte Workflows als integrale Bestandteile geotechnischer Planung im BIM-Prozess konsistentes, jederzeit fortschreibbares Daten- und Modellfundament, das sowohl für geotechnische Berichte als auch für numerische Berechnungen genutzt werden kann. Beispiele aus aktuellen Infrastruktur- und Ingenieurbauprojekten zeigen, dass modellbasierte Auswertungen - bis hin zur 3D-Boden-Bauwerk-Interaktion - wesentlich zu einer Risikoreduktion, Planungsrobustheit und Beschleunigung der Projektbearbeitung beitragen. Ein weiterer Kernaspekt digitaler Workflows ist der Wissenstransfer: Eine zentrale, georeferenzierte Datenbank ermöglicht eine nachhaltige Nutzung projektbezogener Erkenntnisse und unterstützt den organisationsweiten Kompetenzauf bau. Insgesamt zeigt sich, dass das DBGM - kombiniert mit strukturierten Datenprozessen - einen entscheidenden Beitrag zur Qualität, Effizienz und Nachvollziehbarkeit geotechnischer Planung leisten kann und den Weg für zukünftige, stärker automatisierte Arbeitsweisen ebnet. Die Digitalisierung und die Entwicklung projektspezifischer Automatisierungsworkflows waren nie so zugänglich wie heute. Moderne Werkzeuge wie Leapfrog Works sowie flexible Skriptsprachen wie Python ermöglichen einen effizienten Einstieg und führen bereits nach kurzer Zeit zu messbaren Fortschritten beim Einsatz digitaler Baugrundmodelle und der Automatisierung geotechnischer Workflows. Literatur [1] Labenski, J., Kötzel, F., Schnell, S., Vogel, H. (2022): Die Transformation vom klassischen 2D zum digitalen 3D Beratungs- und Planungsprozess in der Geotechnik. 13. Kolloquium Bauen in Boden und Fels. [2] Labenski, J., Kötzel, F., Schnell, S., Neumann, M. (2022): Wandel vom analogen zum volldigitalen Planungsprozess in der Geotechnik - Beispiel für eine anwendungsorientierte Herangehensweise. 28. Darmstädter Geotechnik Kolloquium [3] Labenski, J., Kötzel, F., Schnell, S., Vogel, H. (2022): Transformation from Classical 2D to Digital 3D Thinking Process in the Design of Geotechnical Structures: Perspective of a Geotechnical Consultant. 2022 DFI/ EFFC International Conference on Deep Foundations and Ground Improvement: Smart Construction for the Future. [4] Labenski, J., Poenaru, A., Treffeisen, T., Schnell, S. (2024): Innovative Baugrunderkundungsmethoden und digitale Datenaufbereitung am Beispiel des Großprojektes 2. Rheinbrücke Wörth/ Karlsruhe. 29. Darmstädter Geotechnik Kolloquium. [5] Molzahn, M., Bauer, J., Henke, S., Tilger, K. (2021): Das Fachmodell Baugrund - Empfehlungen des Arbeitskreises 2.14 der DGGT „Digitalisierung in der Geotechnik“. geotechnik 44(1), 41-51. https: / / doi.org/ 10.1002/ gete.202000040 [6] Molzahn, M., Bauer, J., Henke, S., Tilger, K. (2022): Anwendungsfälle des Fachmodells Baugrund - Empfehlung Nr. 3 des Arbeitskreises 2.14 der DGGT „Digitalisierung in der Geotechnik“. geotechnik 45(2), 111-116. https: / / doi.org/ 10.1002/ gete.202100026 [7] Bauer, J., Henke, S., Klügel, S., Molzahn, M., Tilger, K. (2023): Rollenverteilung bei Erstellung, Fortschreibung und Nutzung des Fachmodells Baugrund - Empfehlung Nr. 4 des Arbeitskreises 2.14 der DGGT „Digitalisierung in der Geotechnik“. geotechnik, 46(2), 128-138. https: / / doi. org/ 10.1002/ gete.202300006 [8] Hollermann, S. & Melzner, J. (Hrsg.) (2025): BIM auf der Baustelle: Zwischen Modell und Realität. Wiesbaden: Springer Vieweg. https: / / doi. org/ 10.1007/ 978-3-658-48854-3 [9] DIN EN ISO 19650-1 (2019): Organisation und Digitalisierung von Informationen zu Bauwerken - Informationsmanagement mit BIM - Teil 1: Konzepte und Prinzipien. Berlin: Beuth. [10] VDI 2552 Blatt 1 (2020): Building Information Modeling (BIM) - Grundlagen. Düsseldorf: VDI. [11] Voigt, J., Labenski, J., Koch, L., Maier-Rotter, M. (2024): Schwierige Untergrundverhältnisse im Riffkalkstein erfordern Umplanung zu einer Kombinierten Pfahlplattengründung beim Neubau einer Chipfabrik in Wetzlar. 29. Darmstädter Geotechnik Kolloquium.
