Brückenkolloquium
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2026
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BIM ist kein 3D-Modell
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2026
Simon Werz
Martin Mertens
BIM wird häufig auf das sichtbare 3D-Modell reduziert. Doch der eigentliche Wert liegt in den integrierten semantischen Informationen: als Grundlage für Kommunikation, Koordination und Entscheidungen entlang von Prozessketten. Ausgehend von BIM als Informations- und Prozesssystem wird gezeigt, wie die Methode im Bundesfernstraßenbau zunehmend vom Projektansatz zum Regelprozess wird. Gleichzeitig bleiben Rollen, Verantwortlichkeiten, Leistungsgrenzen und Vergütungsfragen vielfach offen. Nach der Bauphase kommt es häufig zu einem Bruch: Datenverluste, fehlende Schnittstellen und unklare Fortschreibungsprozesse erschweren den Übergang in Betrieb und Erhaltung. Als pragmatischer Einstieg wird die BIM-basierte Schadenserfassung in der Bauwerksprüfung betrachtet: Bestehende Prüfprozesse bleiben erhalten, während Schäden am IFC-Modell referenziert und über BCF kommuniziert werden können. Ziel ist es, Ansatzpunkte für offene, anschlussfähige Datenflüsse in der Erhaltung aufzuzeigen.
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7. Brückenkolloquium - September 2026 407 BIM ist kein 3D-Modell Initiativen und Hürden der Standardisierung für die BIM-basierte Bauwerksprüfung Simon Werz, M. Sc. WPM-Ingenieure GmbH, Neunkirchen-Heinitz Prof. Dr.-Ing. Martin Mertens Hochschule Bochum, Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwesen Zusammenfassung BIM wird häufig auf das sichtbare 3D-Modell reduziert. Doch der eigentliche Wert liegt in den integrierten semantischen Informationen: als Grundlage für Kommunikation, Koordination und Entscheidungen entlang von Prozessketten. Ausgehend von BIM als Informations- und Prozesssystem wird gezeigt, wie die Methode im Bundesfernstraßenbau zunehmend vom Projektansatz zum Regelprozess wird. Gleichzeitig bleiben Rollen, Verantwortlichkeiten, Leistungsgrenzen und Vergütungsfragen vielfach offen. Nach der Bauphase kommt es häufig zu einem Bruch: Datenverluste, fehlende Schnittstellen und unklare Fortschreibungsprozesse erschweren den Übergang in Betrieb und Erhaltung. Als pragmatischer Einstieg wird die BIM-basierte Schadenserfassung in der Bauwerksprüfung betrachtet: Bestehende Prüfprozesse bleiben erhalten, während Schäden am IFC-Modell referenziert und über BCF kommuniziert werden können. Ziel ist es, Ansatzpunkte für offene, anschlussfähige Datenflüsse in der Erhaltung aufzuzeigen. 1. BIM ist kein 3D-Modell Der Mensch glaubt gerne das, was er sieht. Im Fall von Building Information Modeling sieht er das 3D-Modell. Ein typischer BIM-Viewer hat drei zentrale Bereiche. In der Mitte, im Fokus, thront das Modell: Ein digitales Bauwerk, drehbar, zoombar, scheinbar vollständig und aufgeräumt, offensichtlich beherrschbar. Es vermittelt Kontrolle, Übersicht und den Eindruck, das Wesentliche bereits verstanden zu haben. Abb. 1: Voller Fokus auf das 3D-Modell 408 7. Brückenkolloquium - September 2026 BIM ist kein 3D-Modell Dann sind da noch die Seitenränder. An den Rändern findet sich die Modellstruktur, abgebildet als visuell nüchterner Tree-View, in ihrer Struktur schwer nachzuvollziehen, aber leicht zu bedienen. Außerdem findet sich dort das, was BIM erst seine Daseinsberechtigung und nicht zuletzt auch einen Teil seines Namens verdankt: die (semantischen) Informationen. Randerscheinungen bleiben nicht gut im Gedächtnis. Die Informationen sind zweckmäßig in Textform dargestellt, nicht selten codiert und allein durch die Fülle, in der sie zuweilen vorliegen, schwer nachzuvollziehen. Doch im Bereich der Informationen findet die eigentliche Magie statt. Diese Informationen ermöglichen etwas für Projekte im Allgemeinen und Bauprojekte im Besonderen Essentielles: Sie bieten objektspezifische Fachdaten und ermöglichen Kommunikation entlang der Prozessketten. Dieser Aspekt ist der Kern von BIM. BIM ist ein organisiertes Informationssystem: eine Technologie- und Prozesswelt zur Erzeugung, Kommunikation und Analyse von Modellen [1, p. 14], getragen von Policies, Prozessen und Technologien [2, p. 2] und ausgelegt auf eine gemeinsame digitale Repräsentation, die als Entscheidungsgrundlage für Planung, Bau und Betrieb dient [3]. 3D-Modelle haben in der Baubranche schon immer auch eine kommunikative Funktion. Sie machen die Realisierung eines Bauvorhabens vorstellbar. Investoren, private Bauherren, öffentliche Baulastträger - sie alle erhalten anhand eines 3D-Modells einen Blick in die Zukunft, eine Entscheidungshilfe. Die Modelle zu erstellen war jedoch immer eine Zusatzaufgabe: ein Mehraufwand mit einem Anwendungsfall, der Visualisierung. Die Informationen steckten woanders, und nicht selten haben Projektbeteiligte verschiedener Gewerke unzureichende Informationen erhalten, was häufig zu Bauverzögerungen und erheblichem Mehraufwand führt. Die Vorteile eines Informationsmodells liegen auf der Hand. Als Beispiel soll der BIM-Use-Case zur Kollisionsprüfung dienen. Kollisionen sind Planungsmängel, die durch automatische Kollisionsprüfung frühzeitig erkannt und dadurch in der Bauphase vermieden werden können. In Modellen verschiedener Gewerke werden vorhandene widersprüchliche geometrische Informationen aufgedeckt und können noch während der Planungsphase korrigiert werden [4]. Das spart Zeit und Kosten und reduziert Folgefehler. Die Kommunikation zwischen den Gewerken wird gefördert, indem auf die Stellen des Bauwerks, an denen Kommunikationsbedarf besteht, automatisch hingewiesen wird. Überträgt man dies auf Kommunikationsmodelle, kann man von einer Entstörung der Kommunikation zwischen Sender und Empfänger sprechen. Mit Hilfe von BIM lassen sich Störungen in der Kommunikation erkennen und negative Folgen daraus verhindern [5]. Das stellt einen Mehrwert über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks dar. BIM wird der bevorzugte Kommunikationskanal. Die Prozessdimension von BIM beschränkt sich dabei nicht auf einzelne Projekte, sie stellt eine Umstrukturierung des gesamten Lebenszyklus von Bauprojekten dar und wird zunehmend in Regelwerke, Auftraggeberanforderungen und öffentliche Beschaffungsprozesse übersetzt. 2. Die Methode wird zum Regelprozess Für die Autobahn GmbH und die Auftragsverwaltungen der Länder gibt es mit dem Masterplan BIM Bundesfernstraßen einen bundeseinheitlichen Rahmen für das digitale Planen, Bauen, Erhalten und Betreiben. Standardisierung ist ein erklärtes Ziel des Masterplans. Es „erfordert bundesweit einheitliche Rahmenbedingungen“ für die Baulastträger, „harmonisierte BIM-Standards für die Projektbearbeitung“ sowie „offene Schnittstellen“ [6, p. 14]. Als etablierte Schnittstellen werden IFC und OKS- TRA genannt. Abb. 2: Leverkusener Rheinbrücke Seit dem Allgemeinen Rundschreiben Straßenbau 05/ 26 vom 20.03.2026 hat der BIM-Regelprozess für die oben genannten Institutionen begonnen. Mit Beginn dieses Regelprozesses soll die BIM-Methode für das Planen und Bauen flächendeckend angewendet werden. Hierbei sollen zunächst modellbasierte Anwendungsfälle umgesetzt, gemeinsame Datenumgebungen genutzt und Auftraggeber-Informationsanforderungen herangezogen werden [7]. Je verbindlicher BIM eingeführt wird, desto deutlicher treten praktische Unschärfen hervor: Modelle, Anwendungsfälle und gemeinsame Datenumgebungen werden gefordert, während Rollen, Prozesse, Verantwortlichkeiten und Leistungsgrenzen vielerorts noch geklärt werden müssen. Besonders greif bar wird diese Lücke am Beispiel der HOAI. Nach der aktuellen HOAI-Systematik lässt sich ein Modell zwar als Lieferobjekt beschreiben. Die BIM-Methode umfasst jedoch Prozessleistungen wie Koordination, Modellprüfung, Qualitätssicherung, Datenpflege, Übergabe und die Arbeit in gemeinsamen Datenumgebungen. Solange diese nicht klar beschrieben und honorarseitig standardisiert sind, werden pauschale BIM-Anforderungen zum Kalkulationsrisiko für Planungsbüros und zum Vergaberisiko für ausschreibende Institutionen. Diese Einordnung bleibt auch mit Blick auf die laufende HOAI-Novellierung relevant, die Mitte 2026 fortgesetzt werden soll und bis zum Herbst 2026 umgesetzt sein könnte [8]. Ein Sachverständigengutachten aus 2025 sieht 7. Brückenkolloquium - September 2026 409 BIM ist kein 3D-Modell jedoch derzeit keinen BIM-Regelprozess vor. Leistungsanforderungen und Vergütung sollen für BIM-Projekte weiterhin projektspezifisch vereinbart werden [9, p. 12]. Trotz dieser offenen Fragen werden zunehmend Bauprojekte auf Basis der BIM-Methode ausgeschrieben, geplant, gebaut und abgeschlossen. 3. Der Bruch nach der Bauphase Doch nach Abschluss der Bauphase kommt es häufig zu einem Bruch. Trotz des klaren Zielbilds, BIM über den gesamten Lebenszyklus als zentrale Technologie der Erhaltung zu nutzen, ist die Bauabnahme oft das Ende der aktiven BIM-Nutzung. Es fehlen Schnittstellen, Prozesse und Rollen. Das ist kein rein technisches Problem: Es entsteht, wenn Betriebsziele nicht frühzeitig in Informationsanforderungen, Verantwortlichkeiten und Fortschreibungsprozesse übersetzt werden und das Modell damit nach der Abnahme keinen operativen Besitzer mehr hat. Der bevorzugte Kommunikationskanal reißt ab. Im März 2023 hat die Geschäftsstelle BIM für Bundesbau im Rahmen ihrer Umsetzungsstrategie BIM für Bundesbauten festgestellt, dass im Status quo häufig Datenverluste beim Übergang zur Betriebsphase auftreten und ein standardisierter Prozess für den modellbasierten Datenaustausch noch erarbeitet werden muss. Es werden also weiterhin 2D-CAD-Dateien und Excel-Datenerfassungstabellen übergeben [10, p. 11]. Im Bereich der Bundesfernstraßen ist das Bild ähnlich. BIM im Bestand der Straßenbauverwaltung lässt sich nicht flächendeckend umsetzen, wenn es weder Standards noch bezahlbare Workflows gibt. Der Masterplan fordert neben den Daten aus der Planungs- und Bauphase (Kosten, Termine, Baustoffe, Hersteller) auch aktuelle Daten aus dem Betrieb (Prüf berichte und Schadensdokumentationen) [6, p. 8]. Betrieb und Erhaltung werden jedoch als Zukunftsbild bezeichnet. Dieses umfasst auch die „Vernetzung von Echtzeitdaten, modellbasierter Simulationen, Prognosen“ und weitere „komplexe Zukunftsthemen“ [6, p. 10]. Die Dynamik und Aktualität der Daten nehmen einen hohen Stellenwert ein. Die Arbeit an der Realisierung dieses Zukunftsbilds hat bereits mit der Entwurfsphase des Masterplans Digitaler Zwilling begonnen. 4. Warum Standardisierung so schwer ist Die Entwicklung von Standards erfordert vor allem zwei Dinge: Expertenwissen und Zeit. Gerade in der Erhaltung von Infrastrukturbauwerken sind jedoch beide Ressourcen knapp. Schäden müssen bewertet, Maßnahmen geplant, Sperrungen vermieden und Budgets eingehalten werden. Für die methodische Weiterentwicklung der Erhaltungsphase bleibt daneben häufig wenig Raum. Abseits großer Pilotprojekte oder besonders sichtbarer Maßnahmen fehlen oft die Kapazitäten, um Prozesse, Datenmodelle und Schnittstellen grundlegend neu zu denken, geschweige denn einen Konsens zu diesen Themen zu erreichen. Welch ein Kraftakt diese methodische Weiterentwicklung der Erhaltungsphase darstellt, lässt sich am besten an der Forschungsgruppe SPP100+ erkennen [SPP100+ ist ein Zusammenschluss verschiedener Forschungsinstitute]. Die Forschungsarbeiten zeigen, dass die BIM-basierte Erhaltungsphase weit über die bloße Modellfortschreibung hinausgeht. Im Zentrum steht die Verlängerung der Nutzungsdauer bestehender Ingenieurbauwerke. Dazu werden Monitoringdaten, datengetriebene Modelle, Zustandsprognosen und Ergebnisse regelmäßiger Bauwerksprüfungen in einer Plattform beziehungsweise einem digitalen Zwilling zusammengeführt [11]. Verständlicherweise ergibt sich aus dieser wichtigen Forschung noch kein einheitlich nutzbares, durchgängiges Datenmodell für die Erhaltungsphase einer Vielzahl von Infrastrukturbauwerken. Dennoch wird im Bereich der Bundesfernstraßen mit viel Aufwand in Richtung des beschriebenen Zielbilds der obligatorischen BIM-Betriebsphase gearbeitet. Eine zentrale Rolle nimmt dabei BIM.Hamburg ein. [BIM.Hamburg ist ein Zusammenschluss von sechs BIM- Leitstellen öffentlicher Institutionen der Freien und Hansestadt Hamburg]. Die Organisation arbeitet regelmäßig BIM-Anwendungsfälle aus. Seit 2024 haben diese Anwendungsfälle einen klaren Fokus auf die Betriebs- und Erhaltungsphase und liefern wertvollen Input für die Standardisierung. Die sechs miteinander verzahnten veröffentlichten Anwendungsfälle strukturieren den Übergang vom „Projektmodell als Abgabe“ zu einem fortschreibbaren Betriebs-/ Bestandsmodell. Im Zentrum steht zunächst die Datenauf bereitung für den Betrieb (AwF 200), also das gezielte Herauslösen und Strukturieren der Informationen, die Betreiberprozesse tatsächlich benötigen. Darauf auf bauend wird der operative Nutzen konkretisiert: Unterhaltungs- und Wartungsmanagement (AwF 210) sowie Zustandserfassung, Prüfung und Inspektion (AwF 220). Ergänzt wird dies durch Nutzungsmanagement (AwF 230) und ein übergeordnetes Lebenszyklusmanagement (AwF 240), das die Daten für strategische Erhaltungsentscheidungen nutzbar macht. Mit AwF 250 wird schließlich der Kreis geschlossen: Betriebsdaten werden strukturiert in neue Projekte übergeben (z. B. Instandsetzung), um Informationsverluste und wiederkehrende Aufwände bei der Grundlagenermittlung zu vermeiden. 410 7. Brückenkolloquium - September 2026 BIM ist kein 3D-Modell Abb. 3: BIM-basierte Bauwerksprüfung Die Anwendungsfälle machen deutlich, dass der Übergang in den Betrieb nicht durch eine Modellübergabe erledigt ist. Er muss in Datenauf bereitung, Wartung, Prüfung, Nutzung, Lebenszyklusmanagement und Rückführung von Betriebsdaten in neue Projekte zerlegt werden. SPP100+ und BIM.Hamburg zeigen, wie groß der fachliche und organisatorische Aufwand ist, um Betrieb und Erhaltung BIM-basiert zu strukturieren. Um daraus flächendeckend anwendbare Standards zu entwickeln, ist es entscheidend, diese Konzepte in alltagstaugliche Workflows zu übersetzen: in Verfahren, die auch unter knappen Ressourcen funktionieren, an übergeordnete Datenräume anschlussfähig bleiben und für unterschiedliche Stakeholder nutzbar sind. Wenn BIM in der Erhaltung skalieren soll, muss es dort praktikabel werden, wo Daten entstehen und Entscheidungen vorbereitet werden. 5. Ein pragmatischer Einstieg: BIM-basierte Schadenserfassung in der Bauwerksprüfung In der Bauwerksprüfung entstehen regelmäßig genau die Informationen, die für Betrieb und Erhaltung essenziell sind: Bauwerkszustand, Schadensbeschreibungen, Bewertungen, Fotos und daraus abgeleitete Handlungsbedarfe. Sie ist damit eine zentrale Informationsquelle während der Erhaltungsphase. Die fachliche Logik der Bauwerksprüfung bleibt bestehen: Schäden werden beschrieben, bewertet, fotografiert, Bauteilen zugeordnet und in Prüf berichten zusammengeführt. BIM ergänzt diesen Prozess um eine zusätzliche Referenzebene. Der Schaden bezieht sich über das betroffene Bauteil und seine räumliche Position auf das IFC-Modell. Das Modell ersetzt also weder den Prüf bericht noch das Bauwerksbuch noch das Zustandssystem. Es macht vorhandene Informationen auffindbar, referenzierbar und für Dritte nachvollziehbar. Mit BCF erhält der Prozess seinen Kommunikationskanal. Schäden können als Topics modellbasiert referenziert, geteilt, gelesen, bearbeitet und in den Prüf- und Abstimmungsprozess zurückgeführt werden. Damit wird die Schadensdokumentation zur echten Kommunikation. Der Schaden ist nicht nur im Bericht beschrieben und im Modell verortet, sondern kann auch zwischen Beteiligten diskutiert, geprüft und fortgeschrieben werden. BIM ist kein 3D-Modell, BIM ist Methode, Prozess und Kommunikation. 7. Brückenkolloquium - September 2026 411 BIM ist kein 3D-Modell Abb. 4: Modellbasierte Schadensverortung und BCF-Erstellung 5.1 Anschlussfähigkeit digitaler Methoden zur Zustandsfeststellung Die klassische handnahe Bauwerksprüfung wird durch digitale Methoden der Zustandsfeststellung nicht ersetzt. Sensorik, Laserscanning, KI-gestützte Schadenserkennung und weitere Methoden liefern zusätzliche Informationen. Diese Methoden sollten nicht jeweils eigene Datenflüsse erzeugen. Wenn jedes Verfahren seine Ergebnisse in eigenen Systemen und Formaten gespeichert, entsteht kein digitaler Zwilling, sondern neue Medienbrüche. Der gemeinsame Nenner muss deshalb ein offener BIMbasierter Datenfluss sein. Auch neue digitale Zustandsmethoden müssen ihre Ergebnisse modellbasiert referenzieren, über offene Schnittstellen austauschen und in bestehende Erhaltungsprozesse einbringen können. Abbildung 5: handnahe Bauwerksprüfung Ein digitaler Zwilling, der nicht Open-BIM spricht, bleibt eine Systeminsel. Er darf nicht nur Daten sammeln, sondern muss auch unterschiedliche Systeme in einen gemeinsamen Kommunikationsraum integrieren. Dafür braucht es offene Schnittstellen und bidirektionale Anschlussfähigkeit. Der dateibasierte Austausch über IFC und BCF ist ein erster Schritt. Der nächste Schritt liegt in offenen Schnittstellen, über die modellbezogene Informationen systemübergreifend gelesen, bearbeitet und fortgeschrieben werden können. Entsprechende Ansätze und Standards werden im internationalen Kontext von buildingSMART entwickelt, etwa mit BCF-API und openCDE. 5.2 Welche Fragen Standardisierung beantworten muss Die BIM-basierte Schadenserfassung beantwortet nicht alle offenen Fragen der Erhaltungsphase. Sie macht aber sichtbar, welche Fragen die Standardisierung konkret beantworten muss. Welche Schadens- und Zustandsinformationen sollen modellbasiert bereitgestellt werden und in welcher Tiefe? Wie lassen sich diese Informationen zuverlässig versionieren und fortführen? Wer erzeugt, prüft, aktualisiert und trägt die Verantwortung für die Informationen? Einen weiteren Aspekt bringt die Frage nach führenden Datenquellen mit sich. Was gilt, wenn Modellinformationen, Bauwerksbuch, Prüf bericht und Monitoringdaten voneinander abweichen? Wer entscheidet, wie solche Abweichungen dokumentiert, bewertet und fortgeschrieben werden? 6. Systemgrenzen dürfen keine Rolle spielen Langfristig muss zweitrangig sein, wo Erhaltungsdaten technisch liegen: in relationalen Datenbanken, in Prüfberichten, in IFC-Modellen, in BCF-Topics, auf Monito- 412 7. Brückenkolloquium - September 2026 BIM ist kein 3D-Modell ringplattformen oder in übergeordneten Datenräumen. Entscheidend ist, dass Informationen mit geringem Aufwand zwischen diesen Welten ausgetauscht und weiterverarbeitet werden können. Ein durchgängiger Erhaltungsprozess entsteht erst durch bidirektionale Anschlussfähigkeit. Dann lassen sich Zustandsinformationen, Schadensdaten, Modelle, Monitoringdaten, bestandsweite Auswertungen, Prüf berichte und Bauwerksbücher miteinander verbinden, ohne dass Daten mehrfach gepflegt oder manuell neu erfasst werden müssen. 7. Lassen Sie uns Brücken bauen Wenn BIM in der Erhaltung wirksam werden soll, müssen Systemhersteller, Baulastträger, Bauwerksprüfer, Entwickler von Methoden zur digitalen Zustandsfeststellung und Standardisierungsgremien enger zusammenarbeiten. Offene Formate allein reichen nicht. Kompatibilität entsteht erst, wenn auch Inhalte, Verantwortlichkeiten und Prozesse abgestimmt sind. APIs kann jeder Hersteller bereitstellen. Plattformen kann jeder Betreiber auf bauen. PropertySets kann jeder Hersteller definieren. Werden sie jedoch unterschiedlich ausgestaltet, entstehen neue Inkompatibilitäten. Dann verlagert sich der Bruch nur auf die Zustandsfortschreibung, die Datenlieferung, die Auswertung und die Kommunikation zwischen den Beteiligten. Der Anspruch muss deshalb sein, Brücken zu bauen: zwischen Prüf bericht und Modell, zwischen relationaler Bestandsdatenwelt und IFC, zwischen Zustandsfeststellung und Instandsetzung, zwischen digitaler Zustandsfeststellung und klassischer Bauwerksprüfung. Ein digitaler Zwilling, der diese Brücken nicht schlägt, bleibt letztlich ein geschlossenes System. Ein digitaler Zwilling, der Open-BIM spricht, kann zum gemeinsamen Kommunikationsraum der Erhaltung werden. Literaturverzeichnis [1] C. Eastman, P. Teicholz, R. Sacks und G. Lee, BIM Handbook - A Guide to Building Information Modeling, 3 Hrsg., 2018: Wiley, 2018. [2] B. Succar, Building information modelling framework: a research and delivery, Bd. Automation in Construction Vol. 18, 2009, pp. 357-375. [3] ISO, ISO 19650-1: 2018, 3.3.14, 2018. [4] A. Liesen, „Building Smart Use Case Management,“ 2019. [Online]. Available: https: / / ucm.buildingsmart.org/ en/ use-cases/ 1835/ de. [Zugriff am 19 März 2026]. [5] C. E. Shannon, „A Mathematical Theory of Communication,“ The Bell System Technical Journal, pp. 379-423, 623-656, July, October 1948. [6] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Masterplan BIM Bundesfernstraßen, 2021. [7] Bundesministerium für Verkehr, ARS Nr. 05/ 26, Bonn, 2026. [8] Bayerische Ingenieurkammer-Bau, 24 06 2026. [Online]. Available: https: / / www.bayika.de/ de/ aktuelles/ meldungen/ 2026-06-24_Verbaende-und- Kammern-fordern-kurzfristigen-Abschluss-der- HOAI-Reform.php. [Zugriff am 01 07 2026]. [9] Universität Stuttgart im Auftrag des BMWK, „Sachverständigengutachten zur Überarbeitung der Honorarberechnung in der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI), Endbericht,“ 2025. [10] G. B. Amt für Bundesbau, Umsetzungsstrategie BIM für Bundesbauten, Anlage B, Lebenszyklus, BMVg, BMWSB und BImA, Hrsg., Mainz, 2023. [11] C. Eisermann, B. Sprenger, C. Voigt, G. Marzahn, M. Schnellenbach-Held, S. Marx und C. Kang, „Das initiale Structural Health Monitoring der Nibelungenbrücke in Worms,“ Beton- und Stahlbetonbau 120, H. 11, pp. 878-887, 2025.
