eJournals Kolloquium Erhaltung von Bauwerken 9/1

Kolloquium Erhaltung von Bauwerken
kevb
expert Verlag Tübingen
0225
2025
91

Flüssigabdichtung im Bestand

0225
2025
Mario Heinl
Flüssigabdichtungen sind eine interessante Option beim Bauen im Bestand, insbesondere für Flachdächer und komplexe Geometrien. Sie bieten eine nahtlose und flexible Abdichtung, die sich gut an verschiedene Untergründe anpasst. Abdichtungen aus Flüssigkunststoffen haben neben den klassischen Abdichtungsbauarten und gleichwertigen Verfahren einen festen Platz eingenommen.
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9. Kolloquium Erhaltung von Bauwerken - Februar 2025 103 Flüssigabdichtung im Bestand Mario Heinl Kemper System GmbH, Vellmar (bei Kassel) Zusammenfassung Flüssigabdichtungen sind eine interessante Option beim Bauen im Bestand, insbesondere für Flachdächer und komplexe Geometrien. Sie bieten eine nahtlose und flexible Abdichtung, die sich gut an verschiedene Untergründe anpasst. Abdichtungen aus Flüssigkunststoffen haben neben den klassischen Abdichtungsbauarten und gleichwertigen Verfahren einen festen Platz eingenommen. 1. Einführung Aufgrund der derzeitigen Baulage hat der Bestand von Gebäuden eine neue Qualität erreicht. Der Sanierte Bestand ist der sogenannte „neue Neubau“ somit ist die Instandsetzung, Umnutzung und Wiederinbetriebnahme von Bestandsbauten und auch denkmalgeschützten Bauten auf einem anderen Niveau. Bestandsbauten stellen eine besondere Herausforderung dar, wenn es um die Abdichtung geht. Flüssigabdichtungen bieten eine flexible, langlebige und kostengünstige Lösung, die sich besonders für die Sanierung von älteren Gebäuden eignet. In diesem Text werden die Grundlagen, Vorteile, Anwendungsbereiche und die Vorgehensweise bei der Verwendung von Flüssigabdichtungen in Bestandsbauten erläutert. Damit Bestandsbauten langfristig gebrauchstauglich sind, ist es extentiell, dass die wesentlichen Grundanforderungen an bauliche Anlagen aus dem Baurecht zu erfüllen sind. Eine der wesentlichen Anforderungen aus der Musterbauordnung ist, der Schutz gegen schädliche Einflüsse (§13). § 13 Schutz gegen schädliche Einflüsse Bauliche Anlagen müssen so angeordnet, beschaffen und gebrauchstauglich sein, dass durch Wasser, Feuchtigkeit, pflanzliche und tierische Schädlinge sowie andere chemische, physikalische oder biologische Einflüsse Gefahren oder unzumutbare Belästigungen nicht entstehen. Baugrundstücke müssen für bauliche Anlagen geeignet sein. Aus dem Paragrafen §13 ist die wesentliche Anforderung, das durch Wasser und Feuchtigkeit keine unzumutbaren Belästigungen oder Gefahren entstehen dürfen. Bei Bestandsbauten und denkmalgeschützten Anlagen zeigen sich häufig aufgrund des Lebenszyklus und den klimatischen Belastungen wie Regen, Frost und als auch UV-Belastungen erhebliche Schäden an der Optik, Funktionstüchtigkeit und Nutzbarkeit des Gebäudes. Eine besondere Herausforderung stellen hierbei die denkmalgeschützten Bauten dar, denn gerade diese Bauten dürfen sich durch das Auf bringen von abdichtenden Maßnahmen nicht bzw. nur unwesentlich in der Charakteristik verändern. Die Flüssigabdichtung bietet gerade hier Möglichkeiten, um das Erscheinungsbild dieser historischen Bauten beizubehalten. Flüssigabdichtungen und Flüssigabdichtungen mit integrierter Nutz- und Schutzschicht sind anerkannte Abdichtungsbauarten in den Normen und Regelwerken. Diese Abdichtungsbauart bestehen in der Regel aus ein und mehrkomponenten Produkten, die physikalisch oder chemisch zur Aushärtung gebracht werden. Innerhalb der Regelwerke werden 3 Harzgruppierungen standardisiert, diese sind ungesättigte Polyester, Polyurethan und Methylmethacrylat. Ein wesentlicher Vorteil der Flüssigabdichtung ist, die optische Anpassung durch eine große Farbauswahl und verschiedener Oberflächenvarianten legt sie sich wie eine zweite Haut an die unterschiedlichsten Untergründe, ohne die Funktion einer Abdichtung zu verlieren. Vorteile von Flüssigabdichtungen Flüssigabdichtungen bieten zahlreiche Vorteile gegenüber traditionellen Abdichtungsmethoden: • Flexibilität: Sie passen sich an unregelmäßige Oberflächen und komplexe Geometrien an. • Nahtlosigkeit: Da sie in flüssiger Form aufgetragen werden, entstehen keine Nähte oder Fugen, die potenzielle Schwachstellen darstellen könnten. • Langlebigkeit: Hochwertige Flüssigabdichtungen sind UV-beständig und widerstandsfähig gegen mechanische Belastungen. • Einfache Anwendung: Sie können schnell und unkompliziert aufgetragen werden, was die Bauzeit verkürzt. Anwendungsbereiche Flüssigabdichtungen können in verschiedenen Bereichen von Bestandsbauten eingesetzt werden: • Dächer: Besonders geeignet für Dächer und Dachterrassen, wo herkömmliche Abdichtungen an ihre Grenzen stoßen. • Balkone und Terrassen: Schutz vor eindringendem Wasser und Frostschäden. • Keller und Fundamente: Verhindern das Eindringen von Grundwasser und Feuchtigkeit. • Fassaden: Schutz vor Schlagregen und Feuchtigkeit, insbesondere auch bei historischen Fassaden. 104 9. Kolloquium Erhaltung von Bauwerken - Februar 2025 Flüssigabdichtung im Bestand Die Anwendung von Flüssigabdichtung erfordert sorgfältige Vorbereitung und präzises Arbeiten: • Untergrundvorbereitung: Der Untergrund muss sauber, trocken und tragfähig sein. Alte Abdichtungen und lose Teile müssen entfernt werden. Bei stark saugenden Untergründen kann eine Grundierung erforderlich sein, um die Haftung zu verbessern. • Grundierung: Eine geeignete Grundierung verbessert die Haftung der Flüssigabdichtung. Es gibt verschiedene Arten von Grundierungen, die je nach Untergrund und Abdichtungsmaterial ausgewählt werden sollten. • Auftragen der Abdichtung: Die Flüssigabdichtung wird in mehreren Schichten aufgetragen, um eine gleichmäßige und dichte Abdichtung zu gewährleisten. Hierbei können verschiedene Techniken wie Rollen, Streichen oder Sprühen zum Einsatz kommen. Die Schichtdicke sollte den Regelwerken bzw. den Herstellerangaben entsprechen, um die gewünschte Schutzwirkung zu erzielen. • Verstärkungseinlagen: In die Flüssigabdichtung wird eine Verstärkungseinlagen aus Polyester eingebettet, um die mechanische Festigkeit zu erhöhen. • Trocknungszeit: Die Abdichtung muss ausreichend trocknen, bevor die nächste aufgetragen wird. Die Trocknungszeit kann je nach Material und Umgebungsbedingungen variieren. • Anschlussarbeiten: Nach vollständiger Trocknung können weitere Schutzschichten oder Beläge aufgebracht werden. Bei begehbaren Flächen wie Balkonen oder Terrassen kann eine rutschfeste Beschichtung aufgetragen werden. Fazit Flüssigabdichtungen bieten eine moderne und effektive Lösung für die Abdichtung von Bestandsbauten. Ihre Flexibilität und Langlebigkeit machen sie zu einer idealen Wahl für die Sanierung und den Erhalt von Gebäuden. Mit der richtigen Anwendung können sie dazu beitragen, die Lebensdauer von Bestandsbauten erheblich zu verlängern und deren Wert zu erhalten. Fallbeispiele Projektbeschreibung: Ein Turm sowie Plattformen und Laufwege einer denkmalgeschützten Burg, die in den Jahren 1793 und 1801 erbaut wurde, sollte nach einen umfangreichen Restaurierungsarbeiten abgedichtet werden und für Besucherinnen und Besucher nutzbar sein. Traditionelle Abdichtungsmethoden waren aufgrund der unregelmäßigen Oberflächen und der Notwendigkeit, das historische Erscheinungsbild zu bewahren, nicht geeignet. Lösung: Es wurde eine Flüssigabdichtung auf Polyurethanbasis verwendet. Nach gründlicher Reinigung und Vorbereitung der Oberflächen wurde die Abdichtung in mehreren Schichten aufgetragen. Nutzschichten wurden in besonders belasteten Bereichen aufgearbeitet und optisch angepasst. 9. Kolloquium Erhaltung von Bauwerken - Februar 2025 105 Flüssigabdichtung im Bestand Projektbeschreibung: Starke Abnutzung, Witterung und die umliegende Natur haben im Laufe der Jahre einem Denkmal und dem dazugehörigen Vorplatz deutliche Spuren hinterlassen. Im Rahmen der Sanierung wurde das Fundament abgedichtet und später mit einem Nutzbelag versehen. Lösung: Die Fläche wurde vorbereitet und zunächst mit einer Epoxidharz-Grundierung vorbehandelt. Die Abdichtung der Grundierten Fläche erfolgte mittels einer Polyurethan Abdichtung mit Polyester Vlies ausgeführt. Die Flüssigabdichtung wurde auf Grund der komplexen Untergrundgeometrien ausgewählt. Projektbeschreibung: Das 1669 eingeweihte Gotteshaus gilt als die bedeutendste Barockkirche in Norddeutschland. Der Originalbau brannte 1750 (Blitzschlag) nieder, der Nachfolgebau 1906 aufgrund von Lötarbeiten am Dach. Danach bauten die Hamburger ihren Michel zum dritten Mal wieder auf. Zwar behielten sie die bekannte äußere Form bei, ersetzten allerdings die Holzkonstruktion durch eine aus Stahl und Beton. Ummantelt wurde das Gotteshaus mit roten Backsteinen, die seine charakteristische Gestalt prägen. Aufgrund der runden Formen sowie der vielen Anschlüsse fiel die Materialentscheidung zugunsten einer flüssig zu verarbeitenden Abdichtung aus. Selbst auf engstem Raum und unterschiedlichen Untergründen ist sie Langzeitsicher voll funktionsfähig. Flüssigabdichtungen werde zudem kalt und ohne offene Flamme verarbeitet. Es besteht keine Brandgefahr. Lösung: Vorbereitend wurde zunächst der alte Asphaltuntergrund gefräst, Als Haftvermittler wurde eine geeignete Grundierung eingesetzt und dann mittels einer Flüssigabdichtung mit Polyester Vlies abgedichtet. Als dauerhafte Nutzschicht wurde eine abgesandete Polyurethanharz Dickbeschichtung aufgebracht. 106 9. Kolloquium Erhaltung von Bauwerken - Februar 2025 Flüssigabdichtung im Bestand Projektbeschreibung: Der Brunnen ist aus Naturstein hergestellt. Das flüssig zu verarbeitende Material war für das kleine Becken ideal, da sich die Abdichtung der runden Form anpasst und einen vollflächigen Haftverbund mit dem Untergrund eingeht. Lösung: Die Fläche wurde vorbereitet und zunächst mit einer Epoxidharz-Grundierung vorbehandelt. Die Abdichtung der Grundierten Fläche erfolgte mittels einer farblich an den Naturstein angepassten Polyurethan Abdichtung mit Vlies. Die Flüssigabdichtung wurde auf komplexen Untergrundgeometrien aufgearbeitet. Projektbeschreibung: Durchfeuchtungsschäden in den unter Terrassen liegenden Nutzräumen durch eine alte, schadhafte Abdichtung hatten eine Erneuerung der Abdichtung notwendig gemacht Lösung: Zunächst wurde die alte Abdichtung komplett abgestoßen. Der darunterliegende Untergrund bestand überwiegend aus altem Beton oder gemauerten Gewölbe. Er wurde auf ein Niveau überbetoniert und grundiert. Anschließend wurde die Abdichtung aufgebracht. Dazu wurde das Material vorgelegt, das Vlies eingebettet und noch einmal mit dem Flüssigkunststoff durchtränkt. 9. Kolloquium Erhaltung von Bauwerken - Februar 2025 107 Flüssigabdichtung im Bestand