eJournals Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau2025/1

Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau
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New Skills – wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert

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2025
Christian Richert
Die Tragwerksplanung steht 2025 vor tiefgreifenden Veränderungen: Fachkräftemangel, steigende Projektkomplexität und digitale Anforderungen prägen die Branche. Künstliche Intelligenz (KI) eröffnet neue Potenziale, verändert aber zugleich das Berufsbild. Im Fokus des Beitrags stehen die „New Skills“, die Ingenieur:innen künftig benötigen: technologische Kompetenz im Umgang mit Daten und KI-Tools, kommunikative Fähigkeiten zur Vermittlung von Ergebnissen sowie adaptive Kompetenz für lebenslanges Lernen und Change-Management. Studien wie der Future of Jobs Report 2025 zeigen, dass technologische und soziale Fähigkeiten gleichermaßen an Bedeutung gewinnen. Entscheidend ist, Deskilling zu vermeiden und Ingenieurwissen mit KI sinnvoll zu verbinden. So werden Ingenieur:innen zu Übersetzern und Gestaltern einer hybriden Arbeitswelt.
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1. Symposium Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau - November 2025 41 New Skills - wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert Dipl.-Ing. Christian Richert kevee consulting gmbh, Köln, Deutschland Zusammenfassung Die Tragwerksplanung steht 2025 vor tiefgreifenden Veränderungen: Fachkräftemangel, steigende Projektkomplexität und digitale Anforderungen prägen die Branche. Künstliche Intelligenz (KI) eröffnet neue Potenziale, verändert aber zugleich das Berufsbild. Im Fokus des Beitrags stehen die „New Skills“, die Ingenieur: innen künftig benötigen: technologische Kompetenz im Umgang mit Daten und KI-Tools, kommunikative Fähigkeiten zur Vermittlung von Ergebnissen sowie adaptive Kompetenz für lebenslanges Lernen und Change-Management. Studien wie der Future of Jobs Report 2025 zeigen, dass technologische und soziale Fähigkeiten gleichermaßen an Bedeutung gewinnen. Entscheidend ist, Deskilling zu vermeiden und Ingenieurwissen mit KI sinnvoll zu verbinden. So werden Ingenieur: innen zu Übersetzern und Gestaltern einer hybriden Arbeitswelt. 1. Einleitung Die Baubranche - und insbesondere der Ingenieurbau - befindet sich im Jahr 2025 in einer Phase tiefgreifender Transformation. Während Projekte immer komplexer werden und sich die gesellschaftlichen Anforderungen verschärfen, stehen Unternehmen unter hohem Zeit- und Kostendruck. Hinzu kommen externe Faktoren wie Klimaziele, verschärfte Bauvorschriften und die Notwendigkeit, Ressourcen effizient einzusetzen. Künstliche Intelligenz (KI) ist dabei nicht mehr nur ein Zukunftsthema, sondern zunehmend ein realer Bestandteil von Planungs- und Bauprozessen. Ihre Anwendungen reichen von automatisierten Bildanalysen über die Generierung konstruktiver Varianten bis hin zu vorausschauender Wartung im Betrieb. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung stellt Bauingenieure, Architekten, BIM-Manager und Entscheider vor eine zentrale Frage: Welche neuen Fähigkeiten („New Skills“) werden benötigt, um diese Werkzeuge nicht nur zu nutzen, sondern ihren Mehrwert voll auszuschöpfen? Erfahrungen aus Unternehmen wie Kevee, die KI bereits in mehreren Bereichen administrativer, aber auch technischer Prozesse einsetzen, zeigen: Die Technologie selbst ist nur die halbe Miete. Entscheidend sind die Menschen, die sie bedienen, interpretieren und in den Gesamtkontext einbetten. Damit verändert KI nicht nur Werkzeuge - sie verändert Rollen, Arbeitsweisen und das Berufsbild des Ingenieurs grundlegend. 2. Status Quo - Wo steht der Ingenieurbau 2025? Die Ausgangslage ist geprägt von drei Megatrends, die auch ohne KI den Ingenieurbau vor enorme Herausforderungen stellen: 2.1 Fachkräftemangel Der Mangel an qualifizierten Bauingenieuren ist seit Jahren ein strukturelles Problem. Diverse Statistiken zeigen, dass viele tausend Ingenieur: innen fehlen, um alle offenen Stellen zu besetzen. Der Demografiewandel in Kombination mit den prognostizierten Zahlen der Studienabschlüsse zeigen eine Verschärfung in den kommenden Jahren. Laut einer aktuellen Umfrage von IWConsult [1] im Auftrag der wesentlichen Berufsverbände, u. a. VBI und BIngK geht die Branche davon aus, dass bis zu 22 % aller Positionen schwer bis gar nicht neu besetzt werden können. Die gravierendste Situation stellt sich im Bereich der Ingenieurbauwerke dar. 42 1. Symposium Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau - November 2025 New Skills - wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert Abb. 1: Anteil in Prozent nicht zu besetzender Stellen gemäß Branchenbefragung - Quelle: IWConsult 2.2 Steigende Komplexität der Projekte Großprojekte im Infrastrukturbau, Sanierungen im Bestand und multifunktionale Gebäude erfordern immer häufiger interdisziplinäre Teams. In diesen muss die steigende Anzahl an Schnittstellen aktiv bespielt werden. Allerdings auch in den einzelnen Fachbereichen muss eine steigende Anzahl von Kriterien beachtet werden um das Triumvirat von Kosten, Qualität und Terminen erfolgreich zu berücksichtigen. BIM (Building Information Modeling) als hilfreiche Methodik hat sich zwar als Standard etabliert, erfordert aber ein hohes Maß an Daten- und Prozesskoordination. Darüber hinaus liegt der Anteil der Büros, die die BIM-Methodik umfassend eingeführt haben und umsetzen bei unter 10 %. 2.3 Digitalisierung als Fundament Die vergangenen zehn Jahre haben den Weg für den KI- Einsatz bereitet. BIM, Cloud-basierte Kollaboration und mobile Endgeräte sind längst im Arbeitsalltag angekommen. Dennoch ist der Digitalisierungsgrad sehr unterschiedlich: Während internationale Generalplaner bereits KI-gestützte Workflows testen, arbeiten viele Büros noch mit fragmentierten Softwarelösungen. Es ist darüber hinaus kein Einzelfall, dass das unstrittig unverzichtbare Ingenieur Know-How als Vorwand formuliert wird, um die Handrechnung einer digitalen Lösung vorzuziehen. 3. KI im Jahr 2025 Wir starten nicht auf einer grünen Wiese. Vielmehr knüpfen neue Werkzeuge an bestehende digitale Infrastrukturen an - oder scheitern daran, wenn diese unzureichend ausgebaut sind. Für die „New Skills“ der kommenden Jahre ist deshalb nicht nur technologisches Verständnis entscheidend, sondern auch die Fähigkeit, bestehende Prozesse kritisch zu prüfen und für KI zu öffnen. Mit der Integration von KI in bestehende Prozesse verändern sich die Aufgaben von Ingenieurinnen und Ingenieuren jedoch grundlegend. Viele klassische Routinetätigkeiten werden automatisiert oder unterstützt, während die Rolle der Fachkräfte sich stärker auf übergeordnete Aufgaben verlagert: Verständliche Kommunikation zu komplexen Fragestellungen, präzise Ergebniserläuterungen und die Vermittlung von Inhalten an unterschiedliche Zielgruppen - vom Bauherrn über die Genehmigungsbehörde bis zum eigenen Projektteam - gewinnen massiv an Bedeutung. Wer in der Lage ist, technische und KI-generierte Ergebnisse klar und zielgruppengerecht zu übersetzen, wird nicht nur als Planer, sondern auch als Gestalter von Entscheidungsprozessen unverzichtbar bleiben. 3.1 Besonderheiten Ingenieurbau Die vorgenannten Aspekte gelten für die Planungsbranche insgesamt. Der Ingenieurbau zeichnet sich durch bestimmte Aspekte aus, die die Randbedingungen verstärken, sowohl in begünstigender als auch in erschwerender Hinsicht. 1. Symposium Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau - November 2025 43 New Skills - wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert Die öffentliche Hand als Auftraggeber ist nicht zwingend der größte Innovator, gleichwohl existieren BIM und Datenstandards eher als in privatwirtschaftlich geprägten Planungsbereichen. Auch die früh involvierten Ausführenden legen häufig wert auf verlustfreie Datenübergabe. Definierte Standards in der ZTV-Ing. sind anerkannt und begünstigen Datenkonformität und den zukünftigen Einsatz von KI auch im technischen Bereich. Die eingebundenen Planungsbereiche sind vielfach weniger fragmentiert und es wird stärker aus einem Guss geplant. Darüber hinaus entwickeln sich über die Planung hinaus im Ingenieurbau aus den Anforderungen an Wartung und Instandhaltung Einsatzbereiche von KI, die z. B. im Hochbau weniger relevant in der Breite sind. Die Offenheit gegenüber dem Einsatz von KI im Bereich des Monitorings kann bereits heute die Effizienz deutliche steigern und den damit verbundenen Aufwand reduzieren. Durch die Verknüpfung zur öffentlichen Hand kommt dem Aspekt der Datensicherheit und des Datenschutzes eine besonders große Bedeutung zu, der man sich im Gegenzug bewusst sein muss. 4. Was bedeutet „New Skills“ im Kontext von KI? „New Skills“ sind keine Modebegriffe, sondern ein echtes Transformationsprogramm für das Berufsbild im Ingenieurbau. Gemeint sind Fähigkeiten, die entweder neu entstehen oder eine ganz andere Gewichtung erhalten, weil KI den Arbeitsalltag verändert. Während das klassische hintergründige Fachwissen unverzichtbar bleibt, verschiebt sich der Fokus in der täglichen Arbeit. Der „Future of Jobs Report 2025“ des World Economic Forum [2] befasst sich mit dieser Veränderung der notwendigen Fähigkeiten. 2025 wird „analytisches Denken“ branchenübergreifend immer noch als wichtigste Fähigkeit angesehen, danach allerdings ausschließlich gefolgt von wesentlichen Soft Skills. Bis 2030 wird ein massiver Anstieg in den Kompetenzen rund um KI und Big Data erwartet, ebenso wiederum in „Kreativem Denken“ und sozio-kulturellen Eigenschaften, wie Resilienz, Flexibilität und Agilität. Abb. 2: Kernkompetenzen Branchenübergreifend Quelle: World Economic Forum - Future of Jobs Report 2025 44 1. Symposium Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau - November 2025 New Skills - wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert Auffällig ist, dass im Gegensatz dazu, das Programmieren an sich eher stabil gesehen wird und klassischen Ingenieurskompetenzen wie Mathematik und Genauigkeit eine abnehmende Bedeutung zugemessen wird. Wie können diese Erkenntnisse mit dem entsprechenden Brancheneinblick auf die Ingenieurbranche projiziert werden? Abb. 3: Veränderung der Kompetenzen bis 2030 - Quelle: World Economic Forum - Future of Jobs Report 2025 Drei Dimensionen von New Skills lassen sich unterscheiden: 4.1 Technologische Kompetenz Ingenieure müssen nicht - und vielleicht immer weniger - zu Programmierern werden, aber sie brauchen ein solides Verständnis davon, wie KI-Werkzeuge funktionieren, welche Daten sie benötigen und wo ihre Grenzen liegen. Das umfasst auch die Fähigkeit, die Qualität von KI-Ergebnissen einzuschätzen - eine Art „technische Urteilsfähigkeit“ für maschinell erzeugte Resultate. In der Bau- und Infrastrukturbranche nennen 42 % der Unternehmen fehlende AI Kompetenzen als kritische Hürde für den KI Einsatz - nur unklare Strategien wurden noch häufiger genannt (43 %). [3]. 4.2 Kommunikative Kompetenz Mit KI ändert sich nicht nur die Art, wie wir Daten erzeugen, sondern auch, wie wir sie interpretieren und vermitteln. KI liefert keine fertigen Wahrheiten - sie erzeugt Ergebnisse, die erklärt, eingeordnet und gegebenenfalls hinterfragt werden müssen. Das erfordert die Fähigkeit, technische Inhalte verständlich und zielgruppengerecht zu formulieren: Für Auftraggeber ohne technisches Vorwissen ebenso wie für Behör- 1. Symposium Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau - November 2025 45 New Skills - wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert denvertreter mit juristischem Fokus oder Fachplaner aus anderen Disziplinen. Darüber hinaus erfordert auch der zielgerichtete Umgang mit Sprachagenten, die heute den größten Breiteneinsatz von KI ausmachen, die Fähigkeit, Anforderungen und Zielstellung eindeutig und möglichst umfänglich zu formulieren. Der Begriff „Prompt Engineering“ ist gerade im Vergleich mit hier thematisierten Ingenieurwissenschaften irreführend und muss jedem Ingenieur schwer von den Lippen gehen. Dennoch zeigt sich, dass der zielführende Einsatz von LLM-basierten KI-Tools mit dem Wissen über die geeigneten Formulierungen und erforderlichen Informationen, die man definieren muss, steht und fällt. 4.3 Adaptive Kompetenz KI verändert Prozesse oft schneller, als es bestehende Strukturen zulassen. Wer in diesem Umfeld erfolgreich sein will, braucht die Fähigkeit, sich und sein Team kontinuierlich anzupassen - sowohl fachlich als auch organisatorisch. Dazu gehört, neue Tools nicht nur technisch zu beherrschen, sondern auch deren Integration in bestehende Arbeitsabläufe aktiv zu gestalten. Besonders im Ingenieurbau mit seinen engen Schnittstellen zwischen Planung, Ausführung und Betrieb kann dies den Unterschied zwischen Effizienzgewinn und Prozesschaos ausmachen. Eine der wesentlichen Kompetenzen ist diesbezüglich die Bereitschaft des lebenslangen Lernens, und zwar über das eigene Fachgebiet hinaus. Die Geschwindigkeit der Entwicklung führt weiterhin dazu, dass bestimmte Kompetenzfelder durch unterschiedliche Generationen besetzt sein werden. In einer sehr klassisch geprägten Planungs- und Baubranche wird es schwerer fallen als in anderen Bereichen, dass der erfahrene Ingenieur vom KI-affinen Studienabgänger etwas lernt und annimmt. Nur so wird aber auch in Zukunft der Kompetenzausbau in den Büros erfolgreich gelingen. Zwischenfazit: „New Skills“ bedeuten im Ingenieurbau nicht, dass die klassische Ingenieurkunst verschwindet. Aber sie verschiebt sich: vom reinen Erarbeiten von Lösungen hin zum Orchestrieren von Wissen, Technologie und Kommunikation. 5. Konkrete Fähigkeiten und Grenzen Der Ingenieurbau steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits müssen immer komplexere Projekte in kürzerer Zeit realisiert werden, andererseits verschiebt sich durch KI die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. Daraus ergeben sich Fähigkeiten, die für Bauingenieure, Architekten und BIM-Manager in naher Zukunft nicht optional, sondern Pflicht werden. 5.1 Fachwissen Das Fachwissen in den jeweiligen Disziplinen wird unverzichtbar bleiben. Aus Gesichtspunkten der zur Verfügung stehenden Daten im Vergleich zur Vielfalt an technischen Fragestellungen und Zusammenhängen wird es noch eine Weile dauern, bis technisch ausgereifte Lösungen vollständig, korrekt und verständlich durch eine KI erarbeitet werden, so wie wir dies teilweise in Bereichen der Bild- und Videogenerierung erfahren. Das gilt umso mehr bei hochkomplexen Konstruktionen des Ingenieurbaus im Vergleich zu teilweise gleichartigen Gebäuden im Hochbau. KI Tools werden Hilfsmittel auf dem Weg der Erarbeitung des Ergebnisses sein, dass hinterfragt, erläutert und auch verantwortet werden muss. Gleichwohl muss die Frage beantwortet werden, ob Kapazitäten eröffnet werden können, dieses Fachwissen zu erweitern, in dem z. B. althergebrachte Methoden vernachlässigt werden. Kein Ingenieur mittleren Alters vollzieht den Kraftfluss heute noch mit einem Cremona-Plan nach, dennoch muss jede Ingenieur: in in der Lage sein, den Kraftfluss anderweitig plausibel zu prüfen. 5.2 Datenkompetenz - vom Konsumenten zum Kurator KI ist nur so gut wie die Daten, die sie verarbeitet. Ingenieure müssen in der Lage sein, Datenquellen zu prüfen, zu strukturieren und im Kontext eines Projekts zu interpretieren. Diese Kompetenz beginnt mit dem Verständnis für Bearbeitungs- und Datenstandards. Jeder der in einem Büro mit mehr als drei Mitarbeitern schon einmal versucht hat, neue Bearbeitungsstandards einzuführen, weiß um die Herausforderung. Viele noch so gute analoge Prozesse decken ihre individuellen Schwächen erst auf, wenn man versucht diese zu digitalisieren. Aus diesem Grund kann KI in der technischen Bearbeitung nicht ohne BIM gedacht werden und BIM nicht ohne Datenkonformität. Auch das Bewusstsein über Datensicherheit und Datenschutz muss zunehmend in den Fokus rücken, weil erst mit den Daten die zukünftige Wertschöpfung entstehen wird. Datensouveränität ist nur möglich, wenn der Inhaber der Daten damit umzugehen weiß. 5.3 Prompt-„Engineering“ - die Kunst der Maschinenkommunikation Wer KI-Systeme gezielt einsetzen will, muss lernen, präzise Anfragen zu formulieren, inklusive Kontext, Zielsetzung und gewünschten Ausgabeformaten. Diese Fähigkeit entscheidet oft darüber, ob ein KI-Tool ein wertvolles Ergebnis liefert oder nur oberflächliche Antworten. So selbstverständlich sich das anhört, so groß erscheint die Herausforderung. Ein großer Schritt ist getan, wenn exakt diese Einfachheit umgesetzt wird. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Schreiben lesbarer Texte mit vollständigen Informationen heute nicht die Paradedisziplin der Planenden ist. Das zeigt ein Blick in viele Entwurfsberichte und Tragwerksbeschreibungen, wesentliche Bestandteile jeder statischen Berechnung, um die Herangehensweise und die Idee des statischen Konzeptes zu verstehen. Statische Berechnungen aus Zeiten von Bleistift und Tusche weisen oft deutliche verständlichere Beschreibungen und natürlich deutlich weniger Berechnungen auf. Es geht daher auch hier gar nicht um vollkommen neue Kompetenzen, sondern um eine Rückbesinnung auf Altes in neuem Gewand. 46 1. Symposium Künstliche Intelligenz im Ingenieurbau - November 2025 New Skills - wie KI die Arbeitswelt im Ingenieurbau verändert 5.4 Interdisziplinäre Kommunikationsfähigkeit KI schafft mehr Schnittstellen zwischen Disziplinen - und damit auch mehr Abstimmungsbedarf. Die Fähigkeit, technische Inhalte so zu erklären, dass sie für Architekten, TGA-Planer, Behörden und Bauherren verständlich sind, wird zum Schlüsselfaktor. Je stärker der interdisziplinäre oder „integrale“ Ansatz der Projektbearbeitung, desto intensiver die Abstimmung, die Erklärung, der Versuch gegenseitigen Verständnisses und Mitdenkens. Das zeigen heute bereits erfolgreiche BIM Projekte. Die Zeiten der Fokussierung auf die Absicherung der eigenen Fachfragen sind vorbei. Diese Entwicklung intensiviert sich automatisch, wenn der Bedarf an abgestimmten, transparenten Ergebnissen ebenso steigt, wie die Vielfalt der möglichen Untersuchungsvarianten. Letztlich wird gerade bei steigender Technisierung, Digitalisierung und Automatisierung der Bearbeitung, der Bedarf an Erläuterung von Mensch zu Mensch wachsen. Die Befriedigung dieses Bedarfes an verständlicher Erklärung komplexer Zusammenhänge wird zukünftig einen wesentlichen Unterschied in der Qualität der Planenden definieren. 5.5 Ethik- und Regelwerkskompetenz Wer sich mit der Anwendung von KI auseinandersetzt, wird zunehmend auch diesbezügliche Regelwerke beachten müssen, so wie Ingenieur: innen es aus der täglichen Arbeit gewohnt sind Der EU AI Act [4] und nationale Regelungen setzen zunehmend klare Rahmenbedingungen, hinken allerdings der rasanten Entwicklung hinterher. Eine Auseinandersetzung mit den nach und nach eingeführten Stufen dieser Regulierungen ist geboten, um keine Grenzen zu überschreiten, die man nicht unmittelbar sieht. Ingenieure müssen wissen, wann ein KI-System als Hochrisiko-KI gilt und welche Pflichten daraus entstehen, von Dokumentationspflichten bis zu Transparenzanforderungen. Viel unmittelbarer sind aber z. B. Datenschutzanforderungen in Verbindung mit den einschlägigen KI-Tools. Wann ist die Nutzung von z. B. ChatGPT noch eine hilfreiche, aber harmlose Unterstützung und ab wann verletzte ich Vertragsbedingungen, weil ich Informationen veröffentliche, deren Vertraulichkeit ich zugesichert habe? Welche internen Rollen und Richtlinien muss ein Unternehmen festlegen, wenn es kommerzielle, aber datensouveräne Systeme anwendet? Der spielerische Umgang ist sinnvoll für den Kompetenzauf bau, muss aber Grenzen haben, wenn es um professionellen Einsatz geht. Nicht zuletzt macht es Sinn sich mit den Hintergründen von KI auseinander zu setzen, um die öffentliche Diskussion darum zu verstehen. Warum entstehen Ängste beispielsweise um die Arbeitsplatzsicherheit, wie kann ich diesen begegnen und was muss man dafür tun, als Unternehmensinhaber oder Angestellter. 5.6 Change-Management im eigenen Berufsbild Der Einsatz von KI bedeutet nicht nur technologische, sondern auch kulturelle Veränderung. Führungskräfte müssen Teams auf diesen Wandel vorbereiten, Weiterbildung fördern und Ängste abbauen. Wer dem Wandel aktiv begegnet, kann diesen Mitgestalten. Das ist keine Neuigkeit, die durch KI entsteht, gilt aber für diese Entwicklung genauso wie für andere. Die Geschwindigkeit ist in diesem Fall allerdings stark erhöht verglichen mit vorherigen Strömungen. Daher ist eine grundlegende Kompetenzerweiterung für Changeprozesse dringend geboten, für jeden selbst, umso mehr für Führungskräfte. Die technologische Entwicklung wird weder warten noch an uns vorbeiziehen, wir sind Teil davon oder nicht. 5.7 Deskilling vermeiden Bei aller Prognose zukünftig erforderlicher Kompetenzen sollte man sich der eigenen bestehenden Fähigkeiten bewusst sein und darauf achten, diese nicht zu verlieren. Zum sogenannten Deskilling gibt es zahlreiche Beispiele und Untersuchungen. Plakativ ist z. B. der Verlust der Fähigkeiten Routen manuell zu planen und sich blind auf google maps und Co. zu verlassen - jeder kennt das. Bezogen auf den beruflichen Bereich besteht ebenso die Gefahr. In den technischen Tätigkeiten ist das Risiko derzeit eingeschränkt solange die beschriebene Interaktion und Involvierung des Menschen stattfindet und erforderlich ist. Die vermeintlichen Nebentätigkeiten wie das Verfassen eines Berichtes oder Gutachtens, die fundierte Recherche zu wissenschaftlichen Themen werden allerdings schneller durch automatisierte Prozesse ersetzt werden können. Die Fähigkeit einflussnehmend und proaktiv KI Systeme zu nutzen wird aber auch davon abhängen, wie sehr der Nutzer in der Lage ist, die Aufgabe, wenn auch mit mehr Aufwand, prinzipiell selbst durchzuführen. 6. Fazit Die entscheidenden „New Skills“ im Ingenieurbau der Zukunft verbinden Technologieverständnis, Kommunikationsstärke und organisatorische Gestaltungskraft. Wer diese drei Bereiche beherrscht, wird KI nicht nur einsetzen, sondern produktiv in die DNA der eigenen Arbeit integrieren. Absehbar werden „Old Skills“ auch „New Skills“ bleiben müssen, auch wenn diese anders eingesetzt werden. Und teilweise müssen wir für uns selbst aktiv darauf achten, die alten Kompetenzen zu behalten, um neue Fähigkeiten zielführend einzusetzen und bei allem die Agilität aufweisen, anpassungsfähig zu sein, damit die Entwicklung uns nicht überholt. Literatur [1] Mitgliederbefragung zur wirtschaftlichen Situation der deutschen Architektur- und Ingenieurbüros 2025 - Endbericht; IWConsult [2] Future of Jobs Report 2025; World Economic Forum [3] https: / / www.constructionleaders.org/ 2025/ 06/ howai-is-changing-construction-workflows/ ; Construction Leadership Network [4] EU AI Act: https: / / eur-lex.europa.eu/ legal-content/ DE/ TXT/ HTML/ ? uri=OJ: L_202401689