Kolloquium Parkbauten
kpb
2510-7763
expert verlag Tübingen
kpb121/kpb121.pdf0224
2026
121
Technische Akademie EsslingenKombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten
0224
2026
Angelika Schießl-Pecka
Anne Rausch
Paul Steinmetz
Marc Zintel
Stützen in Parkbauten sind stark chlorid-exponierte Bauteile, zusätzliche Maßnahmen zur Sicherstellung der Dauerhaftigkeit sind daher erforderlich. Je nach gewählter Schutzmaßnahme können im Verlauf der Nutzungsdauer Kosten eingespart werden. Nun stellt sich die Frage, wie sich verschiedene Schutzmaßnahmen auf die klimawirksamen Emissionen des Bauteils auswirken. Am Beispiel einer Stütze mit bewehrtem Fundament unter Pflasterbelag werden nachfolgend anhand einer Ökobilanzierung in der Wirkungskategorie Global Warming Potential (GWP) verschiedene Ausführungsvarianten untersucht. Dabei werden Varianten mit herkömmlichem Bewehrungsstahl B500B in Kombination mit Oberflächenschutzsystemen sowie Stahl mit erhöhtem Korrosionswiderstand 1.4003 (Top12 Stahl der Swiss Steel AG) verglichen. Die Ergebnisse werden berechneten Lebenszykluskosten gegenübergestellt und baupraktisch eingeordnet.
kpb1210013
12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 13 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten Dr.-Ing. Angelika Schießl-Pecka Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH, München Dipl.-Ing. Dipl.-Ing. Anne Rausch Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH, München Paul Steinmetz, M. Sc. Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH, München Dr.-Ing. Marc Zintel Swiss Steel AG, Emmenbrücke, Schweiz Zusammenfassung Stützen in Parkbauten sind stark chlorid-exponierte Bauteile, zusätzliche Maßnahmen zur Sicherstellung der Dauerhaftigkeit sind daher erforderlich [1]. Je nach gewählter Schutzmaßnahme können im Verlauf der Nutzungsdauer Kosten eingespart werden [2]. Nun stellt sich die Frage, wie sich verschiedene Schutzmaßnahmen auf die klimawirksamen Emissionen des Bauteils auswirken. Am Beispiel einer Stütze mit bewehrtem Fundament unter Pflasterbelag werden nachfolgend anhand einer Ökobilanzierung in der Wirkungskategorie Global Warming Potential (GWP) verschiedene Ausführungsvarianten untersucht. Dabei werden Varianten mit herkömmlichem Bewehrungsstahl B500B in Kombination mit Oberflächenschutzsystemen sowie Stahl mit erhöhtem Korrosionswiderstand 1.4003 (Top12 Stahl der Swiss Steel AG) verglichen. Die Ergebnisse werden berechneten Lebenszykluskosten gegenübergestellt und baupraktisch eingeordnet. 1. Einführung Mit dem Europäischen Green Deal wollen die 27 EU-Mitgliedsstaaten bis 2050 klimaneutral werden. Deutschland hat sich gesetzlich verpflichtet, dieses Ziel bereits 2045 zu erreichen. Auch in der Baubranche wird daher aktiv nach Möglichkeiten gesucht, klimawirksame Emissionen, auch bezeichnet als Global Warming Potential (GWP), zu reduzieren. In diesem Beitrag wird am Beispiel von Stützen im Parkbereich mit bewehrten Fundamenten unter Pflasterbelag untersucht, wie sich verschiedene Ausführungsvarianten auf die Ökobilanz des Bauteils auswirken. Die im Parkbereich maßgebende Exposition ist „Chlorideinwirkung aus Tausalzen“, welche erhebliche Bewehrungskorrosion verursachen kann. Im Fokus der Ökobilanzierung steht als innovative Ausführungsvariante die Ausführung mit einem hochlegierten Bewehrungsstahl Top12 der Swiss Steel AG (1.4003), der im Vergleich zu Stahl B500B einen deutlich höheren Korrosionswiderstand aufweist. Dadurch kann bei Verwendung dieses Stahls auf die Applikation von Oberflächenschutz gemäß DBV-Merkblatt Parkhäuser und Tiefgaragen [1] verzichtet werden. In einer im Jahr 2019 durchgeführten Lebenszykluskostenanalyse [2] konnte nachgewiesen werden, dass durch den Einsatz von Top12 große Kosteneinsparungen im Vergleich zu den beschichteten Varianten nach DBV-Merkblatt möglich sind. Ob dies für das GWP analog gilt, wird nachfolgend untersucht. 2. Grundlagen der Ökobilanzierung Eine Ökobilanz beschreibt die Umweltauswirkungen eines Produktes oder Prozesses über einen definierten Lebensweg. Sie ist in DIN EN ISO 14040: 2021-02 (Deutsche Fassung der EN ISO 14040: 2006 + A1: 2020) und DIN EN ISO 14044: 2021-02 (Deutsche Fassung der EN ISO 14040: 2006 + A1: 2018 + A2: 2020) geregelt. Für die Bilanzierung sind folgende Schritte erforderlich: - Definition der Ziele und des Untersuchungsrahmens. - Sachbilanz: Erfassung aller Input- und Outputströme von Roh- und Betriebsstoffen, Energie, Produkten, Abfällen, Emissionen, Einleitungen in Wasser und Bodenverunreinigungen. - Wirkungsabschätzung: Ermittlung der Umweltauswirkungen dieser Stoffströme und Zuordnung zu verschiedenen Wirkungskategorien, z. B. Globales Erwärmungspotential (GWP = Global Warming Potential), Versauerungspotential von Boden und Wasser (AP = Acidification Potential), Verwendung nicht-erneuerbarer Primärenergieressourcen (PENRT=Primary Energy Non-Renewable, Total use), u. v. m.. - Auswertung: Bewertung der Wirkungsabschätzung im Hinblick auf die definierten Ziele. 14 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten Für das bilanzierte Produkt werden die Phasen des Lebenszyklus getrennt nach den folgenden Stadien (Lebensphasen) bzw. Modulen betrachtet: - Produktionsstadium (Module: A1 - Rohstoffversorgung, A2 - Transport, A3 - Herstellung), - Stadium der Errichtung des Bauwerks (Module: A4 - Transport vom Hersteller zum Verwendungsort, A5 - Montage), - Nutzungsstadium (Module: B1 - Nutzung/ Anwendung, B2 - Instandhaltung, etc.), - Entsorgungsstadium (Module: C1 - Rückbau/ Abriss, C2 - Transport, C3 - Abfallbehandlung, C4 - Beseitigung), - Gutschriften und Lasten außerhalb der Systemgrenzen (Modul: D - Wiederverwendungs-, Rückgewinnungs- oder Recyclingpotential). Bei der Definition der Systemgrenzen wird projektspezifisch festgelegt, welche Module betrachtet werden. Die Betrachtung und Bewertung erfolgt zur besseren Vergleichbarkeit immer bezogen auf eine projektspezifisch vordefinierte funktionelle Einheit. Die maßgebende Wirkungskategorie bei der Bewertung von Bauwerken durch Zertifzierungsstellen wie z. B. DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V.) oder LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) etc., ist stets das Global Warming Potential (GWP). Dieses quantifiziert den Emissionsbeitrag von Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid oder Methan zum Treibhauseffekt und wird in der Einheit CO 2 -Äquivalente in Bezug auf eine funktionelle Einheit ausgewiesen (z. B. kg-CO 2 eq/ m²). In der Ökobilanzierung werden Materialmassen- und Energieströme innerhalb der festgelegten Systemgrenzen bilanziert. Die Prozesse, die zur Verarbeitung der Materialmassen erforderlich sind, werden modelliert. Jeder Prozess (Materialmassenströme und zugehörige Energieströme) muss mit Datensätzen zu den einzelnen Stoffströmen und der zugehörigen Wirkungsabschätzung hinterlegt werden. Diese Datensätze werden aus verschiedenen Quellen entnommen, wie z. B. Umwelt-Produktdeklarationen (EPD), Datensätze der ÖKOBAUDAT [3] und der ecoinvent [4]. Daten für die Berücksichtigung des Verschleißes von Baumaschinen können über den EFFC Carbon Calculator gewonnen werden [5]. 3. Untersuchungsrahmen Im Rahmen dieser Studie werden Stützen im gepflasterten Parkbereich incl. ihres oberseitig bewehrten Fundamentes betrachtet. Folgende Randbedingungen gelten für alle betrachteten Stützenvarianten: - Eine aus statischen Gründen mindestens erforderliche Betondruckfestigkeitsklasse C25/ 30 wird vorausgesetzt. - Betrachtet wird je Variante die gleichzeitige Herstellung und Erhaltung 20 identischer Stützen im beparkten Bereich. - Geometrie: • Stütze: L x B = 0,50 m x 0,25 m; H = 3,0 m ab Oberkante Pflaster, • Fundament: L x B x H = 1,5 m x 1,5-m x 0,5 m, • Distanz OK Fundament bis OK Pflaster: 0,25 m. - Bewehrungsgehalt: • Stütze Längs 8 Ø 12 mm, • Stütze Bügel Ø 8 mm, a = 15 cm, • Fundamentoberseite 4 Ø 14 mm, L = 2,6 m, • Fundamentunterseite 4 Ø 14 mm, L = 1,7 m. - Der umgebende Pflasterbelag sowie die Kiesschüttung werden in der Bilanzierung nicht betrachtet. In der Studie wurden folgende Bauteilvarianten verglichen: Stütze mit Bewehrungsstahl Top12 mit Schutz der Arbeitsfuge Fundament/ Stütze mittels Hohlkehle gemäß Bauteilkatalog der Ingenieurgesellschaft Prof. Dauberschmidt & Vestner mbH (id+v), Detail 2 [6]. Die Bewehrung wird bis in eine Höhe von 0,50 m über Pflasterbelag zuzüglich Übergreifungslänge in Top12 ausgeführt, ebenso die oberseitige Bewehrung des Fundamentes. Die Stütze wird abweichend zu [6] mit einer reduzierten Betondruckfestigkeitsklasse C25/ 30 hergestellt. Eine ausreichende Dauerhaftigkeit über 50 Jahre wurde über eine vollprobabilistische Dauerhaftigkeitsberechnung nachgewiesen → Variantenbezeichnung T12-FS. Stütze mit Bewehrungsstahl B500B gemäß DBV-Merkblatt Parkhäuser und Tiefgaragen [1]; bis in eine Höhe von 0,50 m umlaufend um die Stütze sowie am Fundament oberseitig und an den Seitenflächen geschützt mit - OS 5b-System mitAbP alsAbdichtung nach DIN 18533- 3 (Trockenschichtdicke 2,2 mm (Kratzspachtelung + HwO + Versiegelung) incl. mechanischem Schutz. → Variantenbezeichnung: B500B-OS5b, - PMMA-System als Abdichtung nach DIN 18533-3 in Anlehnung an ein OS14-System der TR Instandhaltung, jedoch für nicht befahrene Bereiche (Gutachterlösung); Trockenschichtdicke 2,2-mm (Grundierung + HwO + Versiegelung) incl. mechanischem Schutz. → Variantenbezeichnung: B500B-PMMA Bei den Varianten mit B500B-Stahl ist eine regelmäßige Wartung vorgesehen, eine jährliche Instandsetzung von Kleinschadstellen am OS-System und ein teilweiser Austausch des OS-Systems (OS5b/ PMMA) nach 20 Jahren (30 % oberhalb, 0 % unterhalb des Pflasterbelags). Die Varianten sind in Abb. 1 und Abb. 2 dargestellt. 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 15 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten Abb. 1: Variante mit Top12 und Fugenschutz nach Bauteilkatalog [6] Abb. 2: Variante mit B500B nach DBV-Merkblatt, Abb. 11b [1] 4. Untersuchungsziele In der vorliegenden Untersuchung werden zwei lebenszyklusbasierte Bewertungsansätze analysiert und im Anschluss gemeinsam bewertet: eine Ökobilanz (LCA) nach DIN EN 15804: 2022-03 für die Wirkungskategorie Global Warming Potential GWPtotal (nachfolgend GWP genannt) und eine Lebenszykluskostenanalyse (LCCA) gemäß den Grundsätzen der RAB-LCC (Regulated Asset Base - LCCA). Betrachtet wurde der Lebenszyklus der Stützenvarianten bis zum Ende einer Nutzungsdauer von 50 Jahren. Die Stütze verbleibt nach Ende der Nutzungsdauer im Parkhaus und wird nicht rückgebaut. Die vorliegende Studie konzentriert sich somit auf die Gewinnung bzw. Produktion der Ausgangsstoffe, deren Transport, ggf. deren gemeinsame Weiterverarbeitung, die Errichtung der Stützen sowie ggf. die Instandhaltung vorhandener Oberflächenschutzsysteme einschließlich Entsorgungsprozesse. Bei der Ökobilanzierung wurden in der Sachbilanz folgende Prozessketten berücksichtigt: - Referenz: Herstellung der Stütze mit B500B ohne Oberflächenschutzmaßnahmen, der Lebenszyklus wird nicht betrachtet. - T12-FS: Herstellung der Stütze mit Top12 und Fugenschutz, Instandsetzungsaufwendungen sind nicht erforderlich. - B500B-OS- 5b bzw. B500B-PMMA: Herstellung der Stütze mit B500B und Oberflächenschutzsystem OS-5b oder PMMA einschließlich erforderlicher Instandsetzungsaufwendungen für das jeweilige OS-System. Für alle Varianten wird in der Wirkungsabschätzung betrachtet: - GWP über den gesamten Lebenszyklus, d. h. klimarelevante Emissionen des betrachteten Bauteils. - GWP add , d. h. Emissionen, die zur Sicherstellung der Dauerhaftigkeit für die festgelegte Nutzungsdauer (50 Jahre) über die Herstellung der Referenzvariante hinaus erforderlich sind. 16 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten GWP add wird anschließend in Beziehung gesetzt mit LCC add , d. h. Lebenszykluskosten, die zur Sicherstellung der Dauerhaftigkeit über die Herstellung der Referenz hinaus erforderlich sind. Abschließend erfolgt eine Einordnung der Varianten und Ergebnisse bezüglich baupraktischer Vor- und Nachteile. 5. Durchführung der Ökobilanzierung 5.1 Sachbilanz Die funktionelle Einheit für den Variantenvergleich ist 1-Stück Stütze incl. Fundament. Die Materialmengen bzw. -volumina der einzelnen Varianten wurden in Abhängigkeit der Geometrie für die beiden Oberflächenschutzsysteme festgelegt. Mengen an Betriebsmitteln sowie die Betriebsstoffverbräuche wurden anhand von Praxiserfahrungen angenommen. In Tabelle 1 sind die in der Ökobilanzierung in Bezug genommenen Datensätze angegeben. Gemäß durchgeführten Recherchen liegen für die hier bewerteten Beschichtungssysteme aktuell noch keine spezifischen EPDs der Hersteller vor. Die auf Nachfrage von den Herstellern gelieferten Angaben zu Emissionen ihrer Produktsysteme streuen z.T. deutlich. Daher wurden in der Studie verschiedene von Herstellern als repräsentativ bezeichnete Datensätze berücksichtigt und vergleichend ausgewertet: OS5b-Systeme: - Generischer Datensatz der ecoinvent für polymermodifizierte Mörtel (global) [14], - Muster-EPD der Deutschen Bauchemie für modifizierte mineralische Mörtel, Gruppe 3 [24], - Verbands-EPD für ein mineralisch gefülltes dispersionsbasiertes, lösemittelhaltiges Produkt [25]. PMMA-Systeme: - Generischer Datensatz der ecoinvent für europäische PMMA-Produkte [15], - Muster-EPD der Deutschen Bauchemie für niedrig gefüllte und ungefüllte Methacrylatharzprodukte [18]. Die Quellennummern der Datensätze werden nachfolgend der Variantenbezeichnung angehängt, z. B. B500B- OS5b[14]. Tabelle 1: Sachbilanz Teilprozesse Menge/ Stütze Lebensphasen und Module der Stützenherstellung Varianten Produktion Errichtung auf der Baustelle Nutzung Ref B500B -OS5b B500B -PMMA T12- FS A1 - A3 A4 A5 B4 Erstherstellung Ortbeton Fundament 1,13 m³ [7] [8] Siehe „Errichtung“ Siehe „Instandsetzung“ Ortbeton Stütze 0,38 m³ Stahl B500B 68 kg 36 kg [9] [8] Stahl Top12 - 32 kg [10] [8] Hohlkehle - A = 4,5 cm², L = 1,5 lfm [11] [12] [13] [8] OS-System OS5b bzw. PMMA - 6,25 m² - [14]/ [24]/ [25] bzw. [15]/ [18] [8] Mechanischer Schutz - 5,5 m² - [16] [8] Errichtung 1,5 m³ Beton 1,5 m³ Beton; 6,25 m² OS-System 1,5 m³ Beton - - [7], [17], [18] Instandsetzung - Bearbeitung Kleinschadstellen OS-System - 0,02 m² jährlich - - - [14]/ [24]/ [25] bzw. [15]/ [18], [19], [8] Abtrag OS-System - 0,23 m² alle 20 Jahre - - - - [20], [8], [21], [22], [5] Entsorgung OS-System - - - - - [8] [23] Neuauftrag OS-System - 0,23 m² - - - - [14]/ [24]/ [25] bzw. [15]/ [18], [8] 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 17 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten 5.2 Wirkungsabschätzung und Variantenvergleich In Abb. 3 ist der zeitliche Verlauf des GWP pro Stützenvariante von der Erstherstellung bis zum Ende der Nutzungsdauer dargestellt. Dabei werden exemplarisch die ecoinvent-Datensätze für OS5b [14] und PMMA [15] in Bezug genommen. GWP add entspricht in der Grafik jeweils der Differenz zwischen den Varianten Referenz (Ref) sowie T12-FS, B500B-OS5b[14] bzw. B500B- PMMA[15]. Bei Variante T12-FS beträgt das GWP 421- kg- CO 2 eq/ Stütze und resultiert ausschließlich aus der Erstherstellung, da aufgrund der Korrosionsbeständigkeit des Bewehrungsstahls keine Instandhaltungen erforderlich sind. Bei den Varianten mit B500B erfolgt im Verlauf der Nutzungsdauer ein moderater Anstieg des GWP durch die Instandsetzungen der Oberflächenschutzsysteme auf 377-kg-CO 2 eq/ Stütze für B500B-OS5b[14] bzw. 487-kg-CO 2 eq/ Stütze für B500B-PMMA[15]. Am Ende der Nutzungsdauer liegt das GWP add und damit auch das Gesamt-GWP der Stützenvariante B500B- PMMA[15] am höchsten, das der Variante B500B- OS5b[14] am niedrigsten. Abb. 3: GWP im Verlauf der Nutzungsdauer für verschiedene Stützenvarianten In Abb. 4 sind für die Gegenüberstellung aus Abb. 3 die Mehremissionen GWP add , getrennt nach Teilprozessen dargestellt. Die Teilprozesse Hohlkehle, mechanischer Schutz beim PMMA-System sowie Abtrag und Entsorgung OS-System spielen in der Gesamtbetrachtung eine untergeordnete Rolle. Die hier relevanten Teilprozesse sind: - T12-FS: Bereitstellung von Top12 Stahl (100 %) - B500B-OS5b bzw. -PMMA: Auftrag des Oberflächenschutzsystems (72 % bzw. 90 % in der Summe für Erst- und Neuauftrag incl. Kleinschadstellen). Abb. 4: GWP add - Darstellung der Teilprozesse für unterschiedliche Stützenvarianten Die Frage ist, ob der für die Produktbereitstellung des OS-Systems zugrunde gelegte Datensatz ggf. auch für den Variantenvergleich relevant ist. In Abb. 5 ist daher das GWP für die Stützenvarianten unter Berücksichtigung verschiedener Datensätze für die OS-Systeme dargestellt. Das GWP der Referenz ist mit einer roten Linie markiert. GWP add entspricht dem anteiligen GWP oberhalb der roten Linie. Die Verwendung unterschiedlicher Datensätze für das gleiche OS-System bewirkt eine Variation des GWP bezogen auf den jeweils geringsten Wert um maximal 25 kg CO 2 eq/ Stütze bei OS5b bzw. 35 kg CO 2 eq/ Stütze bei PMMA. Obwohl dies in Bezug auf das GWP der ganzen Stütze weniger als 10 % ausmacht, beträgt ∆GWP add bezogen auf den höchsten Wert GWP add,max rd. 32 % bei OS5b und rd. 22 % bei PMMA und ist damit nicht unerheblich. 18 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten Abb. 5: GWP in Abhängigkeit der Stützenvarianten sowie der zugrunde gelegten Datensätze OS-System Für die hier betrachtete Stützengeometrie in Verbindung mit dem gewählten Bewehrungsgehalt ordnet sich die Variante mit Top12-Stahl bzgl. GWP dennoch unabhängig vom Datensatz des OS-Systems zwischen den Varianten mit PMMA und OS5b ein. D. h. in Bezug auf die Variante mit PMMA sind durch die Verwendung eines alternativen Bewehrungsstahls Emissions-einsparungen möglich, in Bezug auf die Variante mit OS5b werden Mehremissionen verursacht. 6. Sensitivitätsanalyse Transportdistanz Stahl B500B ist in Deutschland in der Regel flächendeckend verfügbar. Top12 muss ggf. über weite Strecken aus der Schweiz antransportiert werden. In der Studie wurde zunächst die Transportdistanz beider Stahltypen (B500B und Top12) mit 100 km angesetzt. Eine im Nachgang durchgeführte Sensitivitätsanalyse im Hinblick auf die Transportdistanz von Top12 zeigte, dass sich bei einer Änderung der Transportdistanz von 0-km auf 1.500 km das GWP des Top12 pro kg Stahl um lediglich 4 % erhöht. Dies ist bedingt durch das hohe GWP aus der Herstellung des Top12. Der Einfluss der Transportdistanz auf das GWP ist somit der Herstellung deutlich untergeordnet und beeinflusst die hier durchgeführte Ökobilanz nicht nennenswert. 7. Vergleich Lebenszykluskosten LCC und GWP In Abb. 6 sind die Verhältniswerte Variante T12-FS vs. Variante B500B-OS5b bzw. B500B-PMMA für LCC add jenen für GWP add gegenübergestellt. Ein Verhältniswert von 100 % ist jeweils mit einer roten Linie gekennzeichnet, bei Werten unter 100 % ist die Verwendung von Top12 gegenüber einer Variante mit OS-System vorteilhaft (Bereich grün markiert). Der große Kostenvorteil der Top12-Varianten in Bezug auf die B500B-Varianten mit Oberflächenschutz kann auf das GWP nicht vollumfänglich übertragen werden. Zwar zeigt die Variante mit Top12 in Bezug auf die Variante mit PMMA ein geringeres GWP. Die Variante mit OS5b zeigt jedoch unabhängig vom zugrunde gelegten Datensatz für das OS-System die geringsten Emissionen. Abb. 6: Gegenüberstellung Verhältniswerte Mehrkosten LCC add vs. Mehremissionen GWP add 8. Baupraktische Einordnung Baupraktische Vorteile ergeben sich für die Variante mit Top12 Stahl daraus, dass während der Nutzungsdauer keine Instandsetzungsmaßnahme mit zum Teil wochenlangen Stellplatzsperrungen erforderlich ist. Bei kommerzieller Nutzung des Parkhauses ergeben sich somit weitere Kosteneinsparungen, die im Rahmen der hier zugrunde liegenden Studie nicht betrachtet wurden. Darüber hinaus entfällt die Notwendigkeit eines Wartungsplans mit regelmäßigen Begehungen (in der Regel jährlich). Bei der Variante mit den größten Emissionen B500B- PMMA sind Wartung und Instandhaltung erforderlich, jedoch ist die Dauer der Ausführung aufgrund der schnellen Erhärtungszeiten des Materials deutlich kürzer als bei der emissionstechnisch günstigeren OS5b-Variante. Auch Ausbesserungen an PMMA-Oberflächenschutzsystemen sind aufgrund der chemischen Reaktivierbarkeit von PMMA problemloser möglich als bei den OS5b-Varianten. Die Variante B500B-OS5b weist im Vergleich zu den anderen beiden Varianten keine baupraktischen Vorteile auf, die Emissionen sind jedoch am geringsten. Die vorliegenden Ergebnisse sind nur für das in den Berechnungen verwendete Verhältnis von beschichteter Oberfläche zu dem in Top12 vorgesehenen Bewehrungsgehalt gültig. Eine Erhöhung des Top12-Bewehrungsgehaltes in den Stützen führt bei gleichbleibender beschichteter Oberfläche zu einer Verschiebung von LCC und GWP zu Ungunsten der Top12-Variante. Eine Erhöhung der beschichteten Oberfläche führt bei gleichbleibendem Bewehrungsgehalt Top12 dahingegen zu einer Verschiebung von LCC und GWP zu Gunsten der Top12-Variante. 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 19 Kombinierte Lebenszykluskosten- und Nachhaltigkeitsbetrachtung von chloridexponierten Bauteilen in Parkbauten 9. Ausblick Bei optimierter Wahl der Maßnahme zur Sicherstellung der Dauerhaftigkeit unter Berücksichtigung von Bewehrungsgehalt und Geometrie einer Parkhausstütze können sowohl Kosten als auch Emissionen eingespart werden. Für Betreiber und Planer von Parkbauten ergibt sich somit ein klarer Handlungsansatz: Die Integration von Lebenszyklusanalysen (LCCA + LCA) in die Entscheidungsprozesse liefert Grundlagen für eine nachhaltige und zugleich wirtschaftliche Ausführung von Parkbauten. Die Maßnahmen sind individuell aufeinander abzustimmen. Mögliche Entscheidungsparameter sind: Emissionseinsparungen, Kosteneinsparungen oder baupraktische Vorteile. Problematisch bei der Nachhaltigkeitsbewertung ist derzeit noch, dass für Oberflächenschutzsysteme noch keine genaue Datengrundlage in Form von z. B. zertifizierten, spezifischen EPDs der Produkthersteller vorliegt. Angaben zu den Produktemissionen in Form von Verweisen auf vergleichbare Datensätze sind vage und variieren, sodass eine Bewertung nur orientierend erfolgen kann. Hier wäre es hilfreich, wenn die Produkthersteller in nächster Zukunft die entsprechenden Unterlagen für ihre Produkte bereitstellen würden. Nur wenn transparente Informationen in Form von EPDs vorliegen, ist eine stichhaltige Nachhaltigkeitsbewertung von verschiedenen Bauteilvarianten möglich. Literatur [1] Deutscher Bautechnik Verein (DBV): Merkblatt Parkhäuser und Tiefgaragen, Fassung Januar 2018. [2] Ingenieurbüro Schiessl Gehlen Sodeikat GmbH: Gutachten 18-369/ 1.1.1 vom 22.10.2019. [3] ÖKOBAUDAT, Ökobilanzdaten gemäß EN 15804+A2 (2021). https: / / www.oekobaudat.de/ service/ artikel/ oekobilanzdaten-gemaess-en-15804a2.html [Aufgerufen am: 28.11.2025] [4] ecoinvent (2023). „About sources, citation and confidential Datasets”. https: / / support.ecoinvent.org/ sources-citation. [Aufgerufen am: 28.11.2025] [5] EFFC & DFI. EFFC-Carbon Calculator, Version V5 (2023). https: / / www.effc.org/ how-we-operate/ eco%E2%82%82-foundations/ [Aufgerufen am: 28.11.2025] [6] Ingenieurgesellschaft Prof. Dauberschmidt & Vestner mbH: Bauteilkatalog - Einsatzgebiete des Betonstahls Top12 der Fa. Steeltec-Group, Bauteile unter Pflasterbelag (19/ 081/ 2) vom 10.06.2021. [7] Informationszentrum Beton GmbH (2023). Umwelt-Produktdeklaration „EPD-IZB-20230421- IBA1-DE“ [online]. https: / / www.beton.org/ fileadmin/ beton-org/ media/ Dokumente/ PDF/ Wissen/ Beton-Bautechnik/ Nachhaltigkeit/ 2023-10-20- EPD-C25-30.pdf [Aufgerufen am: 15. Juni 2025] [8] ecoinvent v3.11 (2024). 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