eJournals Kolloquium Parkbauten12/1

Kolloquium Parkbauten
kpb
2510-7763
expert verlag Tübingen
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2026
121 Technische Akademie Esslingen

„Refreshing“ statt Totalabtrag – Instandsetzungskonzept für eine bestehende OS-Beschichtung in einer Wiener Park & Ride-Anlage

0224
2026
Susanna Arazli
Die Instandsetzung älterer Bodenbeschichtungen in Parkbauten wird durch unklare Systemaufbauten und die strengen brandschutztechnischen Vorgaben in Österreich erheblich erschwert. Am Beispiel der 27 Jahre alten Park & Ride-Anlage Ottakring wird ein Konzept vorgestellt, das den Teilerhalt der alten Beschichtung und die gezielte Erneuerung der Verschleißschicht vorsieht. Dieses Vorgehen reduziert Eingriffe in die Konstruktion, schont Ressourcen und vermeidet hohe Entsorgungs- sowie Materialkosten. Durch in situ durchgeführte Brandprüfungen konnten die brandschutztechnischen Anforderungen trotz fehlender Systemprüfungen zuverlässig beurteilt werden. Die Schadensanalyse zeigte, dass flächige Sanierungen nicht erforderlich sind und Schäden primär in Rand- und Detailbereichen auftreten. Das Refreshing erweist sich als technisch sichere, nachhaltige und genehmigungsfähige Alternative zum vollständigen Rückbau.
kpb1210049
12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 49 „Refreshing“ statt Totalabtrag - Instandsetzungskonzept für eine bestehende OS-Beschichtung in einer Wiener Park & Ride-Anlage Nachhaltige Instandsetzung am Beispiel der 27 Jahre alten P&R-Anlage Ottakring unter Berücksichtigung technischer, wirtschaftlicher und brandschutztechnischer Anforderungen Dipl.-Ing. Susanna Arazli Sachverständige für Garagen und Parkhäuser, Alland, Österreich Zusammenfassung Die Instandsetzung älterer Bodenbeschichtungen in Parkbauten wird durch unklare Systemauf bauten und die strengen brandschutztechnischen Vorgaben in Österreich erheblich erschwert. Am Beispiel der 27 Jahre alten Park & Ride-Anlage Ottakring wird ein Konzept vorgestellt, das den Teilerhalt der alten Beschichtung und die gezielte Erneuerung der Verschleißschicht vorsieht. Dieses Vorgehen reduziert Eingriffe in die Konstruktion, schont Ressourcen und vermeidet hohe Entsorgungssowie Materialkosten. Durch in situ durchgeführte Brandprüfungen konnten die brandschutztechnischen Anforderungen trotz fehlender Systemprüfungen zuverlässig beurteilt werden. Die Schadensanalyse zeigte, dass flächige Sanierungen nicht erforderlich sind und Schäden primär in Rand- und Detailbereichen auftreten. Das Refreshing erweist sich als technisch sichere, nachhaltige und genehmigungsfähige Alternative zum vollständigen Rückbau. 1. Ausgangslage In vielen bestehenden Parkbauten sind die ursprünglich eingesetzten Beschichtungssysteme heute nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Dies erschwert Instandsetzungen erheblich, da sowohl die Haft- und Tragfähigkeit als auch die brandschutztechnische Klassifizierung des Altaufbaus beurteilt werden müssen. Die OIB-Richtlinie [1] fordert für Garagenböden die Brandklasse B fl . Der Nachweis erfolgt grundsätzlich am vollständigen Systemauf bau im Labor und ist daher für heterogene Bestandsauf bauten nur eingeschränkt anwendbar. Dadurch entsteht ein genehmigungsrechtliches Bewertungsdefizit, insbesondere wenn neue Schichten auf unbekanntem Altmaterial appliziert werden sollen. 2. Objektbeschreibung und Systemhistorie Die Park & Ride-Anlage Ottakring in Wien der ARWAG P&R Errichtungs- und Betriebsgesellschaft m.b.H. umfasst ca. 720 Stellplätze und besteht aus einem mehrgeschossigen Stahlbetonbau mit einem asphaltierten Erdgeschoss und drei beschichteten Parkebenen. Das Gebäude aus dem Jahr 1998 liegt über den U-Bahngleisen, ist etwa 150 m lang und 32 m breit. Der ursprüngliche Beschichtungsauf bau entspricht einem OS11a-ähnlichen System mit elastischer Membran und darüberliegender Verschleißschicht. Zum Zeitpunkt der Errichtung gab es in Österreich noch keine normativen Vorgaben zum Schichtauf bau von Parkdeckbeschichtungen. 3. Typische Alters- und Nutzungserscheinungen Nach 27 Jahren Betrieb zeigten sich folgende typische Schäden: • unauffällige Risse und leichte Korrosionsspuren im Stahlbeton • spröde, lokal abplatzende Beschichtungshochzüge • Abrieberscheinungen und lokale Zerstörung der Verschleißschicht • intensive Verschleißzonen in Bereichen hoher Radlasten, Lenkbewegungen und Rampen • ausgeprägte Schäden im Bereich einer Dehnfuge zum benachbarten Bauwerk Die Membran zeigte großteils eine ausreichende Substanz, womit eine Sanierung ohne vollständigen Rückbau grundsätzlich möglich war. 50 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 „Refreshing“ statt Totalabtrag - Instandsetzungskonzept für eine bestehende OS-Beschichtung in einer Wiener Park & Ride-Anlage Abb. 1: typischer Schaden am Stützenfuß Abb. 2: geschädigter Stützenfuß im Übergang zum Nachbarbauwerk Abb. 3: Spindelbereich mit abgefahrener Verschleißschichte Abb. 4: Abrieb Versiegelung Abb. 5: Zerstörung durch Abrieb bis zur Membran 4. Zustandsanalyse 4.1 Befundaufnahme durch Augenschein Alle Ebenen wurden systematisch begangen, Schäden kategorisiert (Stützenfuß, Wandfuß, Boden, Decke) und in Geschossplänen dokumentiert. 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 51 „Refreshing“ statt Totalabtrag - Instandsetzungskonzept für eine bestehende OS-Beschichtung in einer Wiener Park & Ride-Anlage Abb. 6 - 8: Ist-Zustandserhebung 1. - 3.OG 52 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 „Refreshing“ statt Totalabtrag - Instandsetzungskonzept für eine bestehende OS-Beschichtung in einer Wiener Park & Ride-Anlage 4.2 Schadensbilder und technische Herausforderungen Die Hauptschäden traten an Fahrwegen, im Spindelbereich und in Kurven auf. Besonders relevant waren spröde Hochzüge sowie Schäden durch Abstandshaltereisen, die im Lauf der Jahrzehnte Korrosion und Betonabplatzungen im Sockelbereich verursachten. Hinzu kamen unzureichende Betondeckungen und Spritzwasserbeanspruchung, welche die Chloridbelastung erhöhten. Lokale Bauteilöffnungen bestätigten diese ungünstigen Randbedingungen. 4.3 Befundaufnahme durch Materialprüfung An 16 Prüfpunkten wurden Betonüberdeckung, Korrosionsfortschritt, Karbonatisierungstiefe und Chloridgehalte in drei Tiefenstufen untersucht. Die Ergebnisse bildeten zusammen mit der visuellen Befundung die Grundlage für das Instandsetzungskonzept. 5. Sanierungsstrategie und Entscheidung für ein „Refreshing“ Aufgrund der guten Substanz der Membran wurde ein Erhalt des Altauf baus als technisch vertretbar eingestuft. Maßgeblich waren Haftzugmessungen, Schichtstärkenanalysen und die Bewertung der Funktionsfähigkeit der Membran. Die Sanierung umfasste das Entfernen der verschlissenen Nutzschicht, punktuelle Untergrundreparaturen, die Ertüchtigung kritischer Detailbereiche sowie die Applikation einer neuen, systemkompatiblen Verschleißschicht. Damit konnten Eingriffe in die Tragstruktur reduziert und Risiken vermieden werden, wie sie bei vollständigem mechanischem Rückbau typischerweise auftreten. 6. Durchführung des Brandversuches 6.1 Ausgangslage Da Laborprüfungen für Bestandsauf bauten nicht repräsentativ sind, wurde ein objektspezifischer in situ-Brandversuch durchgeführt. Ziel war die Beurteilung des realen Brandverhaltens des Bestandauf baus. Die geforderte Brandschutzklasse B fl beinhaltet schwere Entflammbarkeit, keine nennenswerte Flammenausbreitung und eine selbstverlöschende Wirkung. In situ- Prüfungen bilden die „end-use-condition“ realitätsnah ab und ermöglichen eine objektspezifische, gleichwertige Einstufung. 6.2 In-Situ-Brandversuch Das IBS - Institut für Brandschutztechnik und Sicherheitstechnik - führte den Versuch durch. Zwei Beschichtungsvarianten wurden beflammt, unter Einsatz eines Dachpappenflämmers mit Temperaturen von ca. 1500 - 1800 °C. Die brandschutztechnischen Ergebnisse: • selbstverlöschendes Verhalten nach Entfernen der Flamme • nur geringer Eigenbrand • keine Schmelzbildung • kein Unterwandern oder „Zündschnureffekt“ • keine horizontale Brandweiterleitung • geringe Rauchentwicklung Somit wurde das Schutzziel Bfl nachweislich erfüllt. Abb. 9 + 10: Bilder des Brandversuchs 7. Ressourcenschonung und wirtschaftliche Aspekte Auftraggeberseitig wurde entschieden, primär die Fahrbahnbereiche zu sanieren, während Stellplätze aufgrund geringerer Beanspruchung weitgehend erhalten blieben. Das Refreshing der Fahrstraßen brachte deutliche ökologische und wirtschaftliche Vorteile: • reduzierter Materialeinsatz durch Erhalt der Membran • deutlich geringere Entsorgungsmengen und dadurch reduzierte Kosten • Reduktion potentiell kontaminierter Abfälle • kürzere Bauzeit und geringere Nutzungsausfälle • Schutz des Betonuntergrundes durch minimierten Eingriff in die Oberfläche 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 53 „Refreshing“ statt Totalabtrag - Instandsetzungskonzept für eine bestehende OS-Beschichtung in einer Wiener Park & Ride-Anlage Alle Hochzüge wurden erneuert, die bestehenden Hohlkehlen jedoch erhalten. Damit erfüllt diese Methode grundlegende Anforderungen moderner, nachhaltiger Bauwerkserhaltung. 8. Ablauf, Qualitätssicherung und Risikominimierung Die Sanierung erfolgte abschnittsweise, begleitet von regelmäßigen Prüfungen (Haftzug, Schichtdicken, Detailanschlüsse, Trocknung). Besonderes Augenmerk galt Schwachstellen wie Hochzügen, Wandfüßen und Fugenbereichen, da diese maßgeblich zu früheren Schäden beigetragen hatten. 9. Betoninstandsetzung Schadhaften Stützen- und Wandfüße wurden gemäß der in Österreich gültigen Regelwerke [2] und [3] instandgesetzt. Freigelegte Schalungsbzw. Abstandshaltereisen wiesen mangelnde Betondeckung auf und hatten die Korrosion der Bewehrung beschleunigt. Nicht tragende Abstandshalter wurden entfernt, Fehlstellen reprofiliert und erforderliche Betoninstandsetzungen durchgeführt. Zur Kompensation unzureichender Betondeckung wurde ein CO₂-bremsender Anstrich aufgetragen. Abb. 11 + 12: typische Bilder vom Stützenfuß nach Freilegung des Schalungseisen und Abstandshalter 10. Wesentliche Erkenntnisse aus dem Projekt • Sanierungen sind häufig nicht flächendeckend erforderlich; die Schadenszonen sind klar lokalisiert. • Die Erhaltung der bestehenden Beschichtungsmembran ist technisch möglich, sofern deren Unversehrtheit nachgewiesen wird. • In-situ-Brandprüfungen stellen eine praxisnahe Lösung bei fehlender Systemidentität dar. • Ressourcenschonung und Schonung des Bestandsbetons sind wesentliche Erfolgsfaktoren für nachhaltige Sanierungen. • Das Pilotprojekt zeigt übertragbare Lösungsansätze für zahlreiche ältere Parkbauten. 11. Ausblick und Notwendigkeit eines Regelwerks Der Versuch, ein nationales Merkblatt zum Thema Refreshing in Österreich einzuführen, scheiterte bislang an brandschutztechnischen Anforderungen. Die Praxis zeigt jedoch, dass gerade ältere Parkbauten klare und angepasste Richtlinien benötigen, um technisch sinnvolle Sanierungsstrategien rechtssicher umsetzen zu können. Ein zukunftsfähiges Regelwerk könnte sicherstellen, dass ressourcenschonende und zugleich leistungsfähige Lösungen wie das Refreshing breiter zur Anwendung kommen. 12. Fazit Die vorgestellte Sanierungsmethode zeigt, dass die Erhaltung bestehender Beschichtungssysteme eine technisch fundierte und zugleich nachhaltige Option darstellt. Die Verbindung aus gezielter Substanzerhaltung, objektbezogener Brandprüfung und präziser Qualitätssicherung ermöglicht eine wirtschaftlich und konstruktiv überzeugende Instandsetzung - ohne die Risiken eines vollständigen Rückbaus. Literatur [1] OIB-Richtlinie Brandschutz bei Garagen, überdachten Stellplätzen und Parkdecks [2] ÖNORM B 4706 - Instandsetzung von Betonbauwerken - Nationale Festlegungen für Produkte und Systeme für den Schutz und die Instandsetzung von Betonbauwerken gemäß ÖNORM EN 1504 [3] öbv-Richtlinie „Erhaltung und Instandsetzung von Bauten aus Beton und Stahlbeton