eJournals Kolloquium Parkbauten12/1

Kolloquium Parkbauten
kpb
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expert verlag Tübingen
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2026
121 Technische Akademie Esslingen

Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken – Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen

0224
2026
Till Felix Mayer
Korrosionsmonitoring stellt – insbesondere bei Verkehrsbauwerken – häufig eine sinnvolle Ergänzung zu herkömmlichen Zustandserfassung dar. Darüber hinaus kann in einzelnen Fällen durch Korrosionsmonitoring erst eine Aussage über den aktuellen Bauwerkszustand getroffen werden, wenn z. B. das Bauteile nach Fertigstellung nicht mehr zugänglich sind. Der vorliegende Beitrag erläutert die Grundlagen von Korrosionsmonitoring, die zugrunde liegenden Messprinzipien und mögliche Anwendungsgebiete. Anhand von drei Anwendungsbeispielen wird die Bandbreite möglicher Einsatzgebiete illustriert und aufgezeigt, wie anhand von Korrosionsmonitoring Infrastrukturbauwerke länger bei genauerer Kenntnis des Bauwerkszustands betrieben werden können. Damit leistet Korrosionsmonitoring auch einen wesentlichen Beitrag zu einem nachhaltigen und ressourcenschonenden Umgang mit unserer Bausubstanz.
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12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 257 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen Dr.-Ing. Till Felix Mayer Ingenieurbüro Schiessl Gehlen Sodeikat GmbH, München Sensortec GmbH, München Zusammenfassung Korrosionsmonitoring stellt - insbesondere bei Verkehrsbauwerken - häufig eine sinnvolle Ergänzung zu herkömmlichen Zustandserfassung dar. Darüber hinaus kann in einzelnen Fällen durch Korrosionsmonitoring erst eine Aussage über den aktuellen Bauwerkszustand getroffen werden, wenn z. B. das Bauteile nach Fertigstellung nicht mehr zugänglich sind. Der vorliegende Beitrag erläutert die Grundlagen von Korrosionsmonitoring, die zugrunde liegenden Messprinzipien und mögliche Anwendungsgebiete. Anhand von drei Anwendungsbeispielen wird die Bandbreite möglicher Einsatzgebiete illustriert und aufgezeigt, wie anhand von Korrosionsmonitoring Infrastrukturbauwerke länger bei genauerer Kenntnis des Bauwerkszustands betrieben werden können. Damit leistet Korrosionsmonitoring auch einen wesentlichen Beitrag zu einem nachhaltigen und ressourcenschonenden Umgang mit unserer Bausubstanz. 1. Einführung Zerstörungsfreie Prüfverfahren bieten heute weitreichende Möglichkeiten zur Zustandserfassung und Dauerhaftigkeitsbewertung von Stahlbetonbauwerken. Allerdings gibt es speziell bei der Bewertung der Korrosionsgefährdung von Stahl- und Spannbetonbewehrung zahlreiche Anwendungsfälle, bei denen diese Verfahren unverändert an ihre Grenzen stoßen. Das ist zum Beispiel der Fall bei Bauteilen, die aufgrund mangelnder Zugänglichkeit (z. B. Tunnelaußenseiten, Bohrpfähle) oder vorhandener Beschichtungen nicht oder nur mit erhöhtem Aufwand für Bauwerksuntersuchungen zugänglich sind. Vereinzelt - z. B. bei der Bewertung der Veränderung der Korrosionsaktivität nach einer Instandsetzungsmaßnahme - stehen bis heute jedoch auch keine geeigneten Zf P-Verfahren zur Bestimmung der maßgebenden Messgrößen zur Verfügung. Bei vielen dieser Anwendungsfälle kann Korrosionsmonitoring als sinnvolle Ergänzung zu den herkömmlichen Bauwerksuntersuchungen angewandt werden. Dabei bezeichnet der Begriff „Korrosionsmonitoring“ im Folgenden Verfahren, bei denen an ortsfesten Sensoren über einen langen Zeitraum kontinuierlich bzw. zyklisch Messungen zur Bewertung des Korrosionszustands durchgeführt werden, wohingegen unter „Bauwerksuntersuchungen“ singuläre, flächige Untersuchungen mit ortsveränderlichen Sensoren verstanden werden. 2. Korrosionsmonitoring - Anwendungsgebiete Typische Anwendungsfälle für Korrosionsmonitoring sind Bauteile, die nach Fertigstellung nicht oder nur noch mit unverhältnismäßig großem Aufwand zugänglich sind (z. B. Gründungen, Schlitzwände, Brückenpfeiler oder Tunnelaußenseiten in chloridhaltiger Umgebung). In diesen Fällen werden Sensoren i. d. R. bereits während der Baumaßnahme installiert. Aber auch bei zugänglichen Oberflächen kann in Abhängigkeit von den Randbedingungen Korrosionsmonitoring eine sinnvolle Ergänzung zu den bekannten Bauwerksuntersuchungen darstellen. Dies gilt z. B. bei beschichteten Oberflächen, an denen eine Potentialfeldmessung nicht möglich ist. Daneben wird Korrosionsmonitoring zur Überwachung des Korrosionsfortschritts an korrodierenden Systemen z. B. zum Nachweis des Instandsetzungserfolgs bei Anwendung des Verfahrens 8.3 der Technischen Regel Instandhaltung des DIBt [1] (ehemals W-Cl [2]) eingesetzt. Im Kontext der aktuellen Diskussion um den Umgang mit Rissen in befahrenen Parkdecks, die nur über einen kurzen Zeitraum mit Chloriden beaufschlagt wurden, hat Korrosionsmonitoring zuletzt ebenfalls deutlich an Bedeutung gewonnen. 3. Das DGZfP-Merkblatt „Korrosionsmonitoring“ Zu den meisten Verfahren, die im Rahmen von Bauwerksuntersuchungen angewandt werden (z. B. Potentialfeldmessung, Betondeckungsmessung), existieren heute umfangreiche Richtlinien und Merkblätter, die sowohl die Durchführung der Prüfungen regeln als auch mögliche Anwendungsgebiete und Anwendungsgrenzen beschreiben und damit Missverständnissen vorbeugen. Im Gegensatz dazu existierten für das Korrosionsmonitoring bis 2018 keine Richtlinien oder Handlungsempfehlungen. Diese Lücke wurde 2018 durch das Merkblatt „Korrosionsmonitoring von Stahl- und Spannbetonbauwerken“ [3] der Deutschen Gesellschaft für zerstörungsfreie Prüfung DGZf P geschlossen. Bei der Entwicklung des Merkblatts lag eine der größten Herausforderungen in der Tatsache, dass sich in der Praxis unterschiedliche Messprinzipien und Sensorsysteme parallel entwickelt haben, wobei eine saubere Abgrenzung der Anwendungsgebiete unterschiedlicher Messverfahren bis dato fehlt. Dieser Tatsache trägt das Merkblatt Korrosionsmonitoring Rechnung, indem es in einem ersten Schritt die unterschiedlichen Messprinzipien mit ihrer Funktionsweise, dem Messauf bau, der Auswertung und den wesentlichen Einflussgrößen sowie der praktischen An- 258 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen wendung vorstellt. Darauf auf bauend werden für unterschiedliche Anwendungsfälle von Korrosionsmonitoring an Stahlbetonbauwerken Hinweise zum Auf bau von Korrosionsmonitoringsystemen, den anwendbaren Messprinzipien und der Positionierung von Sensoren etc. gegeben. Anhand von Praxisbeispielen werden für einige wichtige Anwendungen die Planung und Bewertung des Korrosions-monitorings veranschaulicht. Das Merkblatt verzichtet dabei - anders als z. B. das Potentialfeldmerkblatt [4] - bewusst auf detaillierte Handlungsanweisungen. Eine Einführung in Messprinzipien und Anwendungsbeispiele für Korrosionsmonitoring enthalten die folgenden Kap. 4 bis 7. 4. Messprinzipien Unter dem Oberbegriff „Korrosionsmonitoring“ werden in der Praxis verschiedene Messprinzipien zusammengefasst, die jeweils auf der Überwachung eines Teilprozesses der Bewehrungskorrosion bzw. der Korrosionsinitiierung auf bauen. Daher sollen zum besseren Verständnis der Messprinzipien die Grundlagen der Bewehrungskorrosion im Folgenden kurz erläutert werden. Stahl in Beton ist grundsätzlich vor Korrosion geschützt, da sich unter den hochalkalischen Bedingungen im Beton auf der Bewehrungsoberfläche ein Passivoxidfilm ausbildet, der den weiteren Korrosionsfortschritt auf ein vernachlässigbares Maß reduziert. Wird der Passivoxidfilm infolge einer Carbonatisierung oder des Überschreitens des kritischen korrosionsauslösenden Chloridgehalts auf Bewehrungshöhe zerstört, geht dies mit einem Potentialabfall an der Bewehrung einher. An den nun ungeschützten Oberflächen (Anoden) gehen Eisenionen (Fe2+) in Lösung. Die beim anodischen Teilprozess freigesetzten Elektronen werden an weiterhin passiven Oberflächen (Kathoden) im kathodischen Teilprozess bei der Bildung von Hydroxidionen umgesetzt. Es bildet sich ein Korrosionselement, bei dem zwischen Anoden und Kathoden ein Korrosionsstrom fließt, der proportional zur Eisenauflösung an der Anode ist und dem im Beton ein entgegengerichteter Ionentransport zwischen Kathode und Anode entspricht, Abb.-1. Abb. 1: Schematische Darstellung der Bewehrungskorrosion Aus diesen Teilschritten der Korrosion bzw. Korrosionsinitiierung leiten sich in Abhängigkeit von der Fragestellung unterschiedliche mögliche Messprinzipien ab: • Ein Chlorideintrag in den Beton findet grundsätzlich nur bei einem gleichzeitigen Feuchteeintrag statt, so dass z. B. bei beschichteten Oberflächen ein einfacher Beitrag zum Korrosionsmonitoring darin bestehen kann, die Funktion des Beschichtungssystems durch das Überwachen zeitabhängiger Veränderung des Feuchtegehalts im oberflächennahen Beton nachzuweisen. Ein Funktionsverlust führt zu einem Feuchteeintritt in das Porengefüge, der z. B. durch (tiefengestaffelte) Elektrolytwiderstandsmessungen festgestellt werden kann [5]. • Der Potentialabfall an der Anode als Folge des Passivitätsverlusts kann anhand von Potentialmessungen nachvollzogen werden, bei denen die Potentialdifferenz zwischen Bewehrung bzw. im Bauwerk installierten Stellvertreteranoden und fest installierten Bezugselektroden gemessen wird. • Der Korrosionsstrom, der infolge des Passivitätsverlusts zwischen anodischen und kathodischen Bereichen fließt, kann durch Korrosionsstrommessungen überwacht werden. Dies setzt jedoch eine Trennung der kathodisch und anodisch wirksamen Oberflächen voraus. Diese wird in der Regel durch die Installation kleinflächiger „Stellvertreteranoden“ im Bauteil erreicht, die für die Korrosionsstrommessung mit ausreichend großen Kathoden kurzgeschlossen werden. Als Kathode kann sowohl die vorhandene Bauteilbewehrung als auch eine gesondert eingebrachte Kathode (z. B. Ti/ MMO-Stäbe) verwendet werden. Da sich u.U. auch auf den Anoden kathodische Bereiche ausbilden und der gemessene Strom in diesem Fall nur einen Teil des tatsächlichen Korrosionsstroms darstellt, hat sich für diesen in den letzten Jahren alternativ der Begriff „Elementstrom“ etabliert, der im Weiteren verwendet wird. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Messprinzipien zum Korrosionsmonitoring, auf die an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen wird. Für weitere Informationen hierzu s. [3]. 5. Feuchtemonitoring 5.1 Grundlagen Feuchtemonitoring als vergleichbar einfaches Monitoringverfahren kann sowohl bei Neubauprojekten als auch bei Bestandsbauwerken eingesetzt werden, wenn die Wirksamkeit einer Abdichtung bzw. einer Beschichtung oder einer Hydrophobierung überwacht werden soll. Dabei ist die Grundannahme, dass zum Zeitpunkt der Sensorinstallation keine aktive Bewehrungskorrosion stattfindet und durch die Beschichtung/ Abdichtung ein zukünftiger Wassereintrag und damit ggf. einhergehender Chlorideintrag langfristig unterbunden werden soll. Bei den Feuchtesensoren, die im folgenden Beispiel betrachtet werden, handelt es sich um tiefengestaffelte Betonwiderstandssensoren des Typs „Multiring-Elektrode“ (MRE), bei dem die Betonwiderstandsverteilung tiefengestaffelt über die Sensorlänge durch eine Wechselstrom- Widerstandsmessung benachbarter, planparalleler Ringe bestimmt wird. Da der Widerstand des Betons unmittel- 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 259 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen bar mit dem Feuchtegehalt in den Poren korreliert, kann aus der Widerstandsverteilung ein Rückschluss auf die Feuchteverteilung innerhalb der Betondeckung gezogen werden. Steigende Widerstände und die Ausbildung von Widerstandsgradienten über die Sensorlänge mit höheren Widerständen an der Oberfläche deuten auf ein Austrocknen des Betons zur Oberfläche hin. Umgekehrt sind fallende Widerstände und Widerstandsgradienten mit niedrigeren Widerständen an der Betonoberfläche als im Kern ein Indiz für eine Wasseraufnahme des Betons. 5.2 Anwendungsbeispiel Bei dem vorliegenden Anwendungsbeispiel handelt es sich um den Neubau eines Galeriebauwerks im Einzugsgebiet einer Bundesautobahn. Da bei vergleichbaren Bauwerken infolge der z. T. sehr hohen Chloridbelastungen z. T. nach vergleichsweise kurzer Nutzungsdauer bereits Bewehrungskorrosion festgestellt wurde, wurden zur Verbesserung der Dauerhaftigkeit des Galeriebauwerks folgende Schritte unternommen: • Durch betontechnologische Maßnahmen und die Verwendung eines Bindemittels mit puzzolanischen bzw. latent-hydraulischen Zusatzstoffen sollte ein Beton hergestellt werden, der über einen signifikant höheren Chlorideindringwiderstand verfügt, als Betone mit reinem Portlandzement, die in der Vergangenheit für derartige Bauwerke verwendet wurden. • Zusätzlich sollte durch das Auf bringen eine Tiefenhydrophobierung auf den Wand- und Stützensockeln die Wasseraufnahme in den Beton unterbunden und gleichzeitig eine Austrocknung des Betons ermöglicht werden. Zur Erfolgskontrolle wurden im Fußbereich der Galeriewände 12 Multiring-Elektroden MRE installiert, wobei an zwei Sensoren die Tiefenhydrophobierung im Bereich des Sensors ausgespart wurde. Die Sensoren wurden horizontal mit einer Überdeckung des äußersten Rings von rd. 8 mm zur Galerieinnenseite eingebaut. Abb. 2 zeigt das Widerstandsprofil einer MRE mit Hydrophobierung im Vergleich zu einem 2005 errichteten Tunnelbauwerk, bei dem ebenfalls MREs installiert wurden, bei dem jedoch keine betontechnologische Optimierung und keine Hydrophobierung zur Anwendung kamen. Der Vergleich zeigt einen Anstieg des elektrischen Widerstands in allen Tiefenlagen um mehrere Größenordnungen, der primär auf die betontechnologische Optimierung zurückzuführen ist. Das Widerstandsprofil des Sensors im Galeriebauwerk weist einen Gradienten mit steigenden Widerständen zur Oberfläche auf, die durch die Austrocknung des oberflächennahen Betons infolge der Hydrophobierung bedingt werden. Anhand des Widerstandsprofils ist somit sowohl ein Nachweis der Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen als auch ein kontinuierliches Monitoring der Funktion der Tiefenhydrophobierung möglich. Sobald ein oberflächennaher Rückgang des Widerstands eine Feuchteaufnahme anzeigt, kann die Hydrophobierung erneut appliziert werden. Abb. 2: Widerstandsprofil über die Sensorlänge bei einem Tunnelbauwerk mit optimierter Betonzusammensetzung und Tiefenhydrophobierung (blau) und einem Referenzbauwerk ohne zusätzliche Maßnahmen (rot) 6. Monitoring bei Neubauprojekten 6.1 Grundlagen Korrosionsmonitoring bei Neubauprojekten wird vorwiegend zur Überwachung des Eindringens der Depassivierungsfront (i. d. R. die Eindringtiefe des krit. korrosionsauslösenden Chloridgehalts) in das Bauteilinnere bei anfangs passiver Bewehrung angewandt. Bei den hierfür eingesetzten Sensorsystemen kann durch eine tiefengestaffelte Anordnung von Anoden zwischen Betonoberfläche und Bewehrung das Eindringen der Depassivierungsfront anhand von Potential- und Korrosionsstrommessung an den Einzelanoden verfolgt werden. Bei Kenntnis der Tiefenlagen der Einzelanoden und der Betondeckung kann so der Depassivierungszeitpunkt der Bewehrung abgeschätzt werden, Abb. 3. In Verbindung mit Dauerhaftigkeitsbemessungen kann Korrosionsmonitoring u. a. zum Update der Prognoseergebnisse eingesetzt werden ([6] - [8]). 260 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen Abb. 3: Prinzip des Korrosionsmonitoring bei Neubauprojekten [3] 6.2 Anwendungsbeispiel Bei dem folgenden Anwendungsbeispiel handelt es sich um den Neubau eines Brückenbauwerks zur Überquerung einer vorhandenen Autobahntrasse. Aufgrund der zu erwartenden Chloridbeaufschlagung im Bereich der Stützenpfeiler wurde seitens der Bauherrin beschlossen, die äußeren Bewehrungslagen mit einem Betonstahl TOP12 mit erhöhtem Korrosionswiderstand auszuführen. Zur Quantifizierung der Verbesserung der Dauerhaftigkeit durch diese Maßnahme wurden an den Stützenpfeilern insgesamt sechs Paare des Korrosionssensors „Anodenleiter“ der Fa. Sensortec installiert, von denen jeweils bei einem Sensor die Anodensprossen mit Top12-Stahl und beim anderen Sensor die Anodensprossen mit herkömmlichem Bewehrungsstahl hergestellt wurden. Die Sensoren wurden vor der Betonage an der äußeren Bewehrungslage fixiert und die Sensorneigung derart angepasst, dass die äußerste Sprosse A1 nach Betonage eine planmäßige Betondeckung von rd. 10 mm aufwies. Die Messwerterfassung und die Datenübertragung erfolgen automatisiert. Die Auswertung der Messdaten zeigte an den Sensoren, deren Anoden mit herkömmlichem Betonstahl hergestellt wurden, z. T. bereits nach der zweiten Wintersaison eine Depassivierung der oberflächennächsten Anoden. Abb. 4 zeigt exemplarisch den Verlauf des freien Korrosionspotential (oben) und des Elementstroms (unten) eines Sensors zum Zeitpunkt der Depassivierung im Winter 2018/ 19. Die Korrosionsinitiierung der oberflächennächsten Sprosse zeigt sich hier eindeutig durch den sprungartigen Potentialabfall um rd. 200 mV, der mit einem gleichzeitigen Anstieg des Elementstroms einhergeht. An den tieferliegenden Anoden zeigt sich zu diesem Zeitpunkt keine Veränderung der Potentiale und Ströme. Nach sechsjähriger Messdauer liegt bisher an vier der sechs Anodenleitern aus herkömmlichem Betonstahl eine Depassivierung der ersten bzw. der zweiten Sensorsprosse vor. Bei den Anodenleitern aus Top12-Stahl wurde bisher an keiner Sprosse Korrosion festgestellt. Abb. 4: Potential- (oben) und Elementstromverlauf (unten) einer Anodenleiter bei Depassivierung der ersten Sensorsprosse 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 261 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen 7. Monitoring nach erfolgter Depassivierung 7.1 Grundlagen Monitoring nach erfolgter Depassivierung kommt vor allem zur Überwachung der zeitabhängigen Veränderung der Korrosionsaktivität nach einer Instandsetzungsmaßnahme zur Anwendung [9]. Als Messprinzip eignen sich hierfür besonders Elementstrommessungen, häufig in Verbindung mit Potentialmessungen und Elektrolytwiderstandsmessungen. Eine Tiefenstaffelung zur Prognose des Depassivierungszeitpunkts spielt nach erfolgter Depassivierung nur noch eine untergeordnete Rolle. Dafür stellt sich an bestehenden Bauwerken die Aufgabe, die maßgebenden Korrosionskenngrößen nach Möglichkeit am vorhandenen Korrosionssystem zu bestimmen, ohne dieses zu stark zu verändern. Das bedeutet, das nach Möglichkeit keine neuen Anoden eingebracht, sondern die Messungen an der vorhandenen Bewehrung bzw. an nachträglich isolierten Bewehrungsabschnitten durchgeführt werden sollten. Als Kathoden können sowohl die Bauteilbewehrung als auch nachträglich eingebrachte Kathoden verwendet werden. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Messungen an korrodierenden Systemen zwar eine qualitative Aussage über die zeitabhängige Veränderung der Korrosionsaktivität zulassen. Rückschlüsse auf den tatsächlichen Querschnittsverlust sind hingegen nicht oder nur mit sehr großen Unsicherheiten möglich. 7.2 Anwendungsbeispiel Die zweigeschossige Tiefgarage in diesem Anwendungsbeispiel wurde 2015 fertiggestellt und besitzt eine Grundfläche von rd. 13.500 m². Die Bodenplatte weist Bauteildicken zwischen 80 und 160 cm auf und bindet planmäßig in das Grundwasser ein. Zum Schutz gegen einen Chlorideintrag wurde die Bodenplattenoberseite mit einem starren Oberflächenschutzsystem versehen, allerdings wurde in den ersten Jahren nach Fertigstellung auf eine regelmäßige Rissaufnahme und -behandlung verzichtet. Eine Zustandserfassung 2019 ergab eine ausgeprägte Rissbildung in der Bodenplatte infolge einer wiederkehrenden Zwangbeanspruchung. Anhand von Bohrkernentnahmen konnte nachgewiesen werden, dass die Risse überwiegend bis deutlich hinter der ersten Bewehrungslage verlaufen. In den Rissen wurden nach lediglich vierjähriger Exposition oberflächennah Chloridgehalte bis zu rd. 4,3-M.%/ z festgestellt, auf Bewehrungshöhe lagen lokal Chloridgehalte bis zu rd. 2,4 M.-%/ z vor. An rd. 25 % der Beprobungsstellen lagen die Chloridgehalte auf Bewehrungshöhe zwischen 0,5 M.-%/ z und rd. 1,0 M.-%/ z. Das DBV-Merkblatt „Parkhäuser und Tiefgaragen“ [10] geht davon aus, dass bei Rissen, die nach spätestens einer Wintersaison verschlossen werden, nicht mit relevanten Querschnittsverlusten an der Bewehrung zu rechnen sei. Aufgrund dieser Vorgabe hat sich in der Praxis das Verschließen von Rissen nach lediglich einer Wintersaison ohne zusätzliche Untersuchungen als gängige Instandsetzungspraxis etabliert. Allerdings ist diese Vorgabe angesichts der hier vorliegenden Expositionsdauer von fünf Jahren und damit einhergehenden Chloridgehalten nicht ohne weiteres auf das vorliegende Anwendungsbeispiel anwendbar. Bewehrungssondierungen ergaben jedoch auch in Bereichen mit sehr stark erhöhten Chloridgehalten angesichts der vergleichsweise großen Betondeckungen und kurzen Expositionsdauer bisher keine signifikanten Querschnittsverluste. Um zu überprüfen, ob unter diesen Randbedingungen trotzdem noch eine Instandsetzung möglich ist, die auf einen Betonabtrag weitgehend verzichtet und lediglich vorhandene Risse oberseitig bandagiert, wurde in einer Testfläche mit besonders hoher Chloridbelastung die Beschichtung abgefräst und flächige Potentialfeldmessung, Betondeckungsmessungen und stichprobenartige Chloridgehaltsbestimmungen durchgeführt. Anhand der Ergebnisse wurden insgesamt elf Monitoringstellen überwiegend in Rissbereichen mit stark erhöhten Chloridgehalten ausgewählt. An den Monitoringstellen wurde jeweils ein Bewehrungsabschnitt im Rissverlauf durch Überbohren der Kreuzungspunkte mit der risskreuzenden Bewehrung mit einer Kernbohrung vom Bewehrungskorb isoliert und an dem isolierten Bewehrungsabschnitt („Anode“) und dem Bewehrungskorb eine Kabelverbindung hergestellt, Abb. 5. Anschließend wurden die Bohrkernlöcher mit Mörtel verschlossen. Zusätzlich wurde je eine Bezugselektrode in eine Bohrung eingebracht. Abb. 5: Isolieren der Bewehrung im Rissbereich durch Überbohren [9] 262 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen Zur Messwerterfassung wurde ein automatisiertes Datenerfassungssystem installiert, mit dem kontinuierlich das Korrosionspotential des Korrosionselement im Kurzschluss gegen die Bezugselektrode und der Elementstrom zwischen Anode und Bewehrungskorb gemessen wird. Vierzehntägig wird der Kurzschluss zwischen Anode und Bewehrungskorb jeweils für 24 Stunden aufgehoben und die Potentialverschiebung von Anode und Bewehrungskorb sowie der Elektrolytwiderstand zwischen Anode und Bewehrungskorb aufgezeichnet. Die Messungen zeigen bei neun der elf Sensoren nach dreijährigem Betrieb keinerlei Anzeichen von aktiver Korrosion. Bei einem weiteren Sensormit einem Chloridgehalt von 0,77 M.-%/ z auf Bewehrungshöhe kommt es während eines temporären Grundwasseranstiegs zu einem deutlichen Anstieg des Elementstroms und einem Potentialabfall. In der Folge steigt das Potential der Anode über einen langen Zeitraum kontinuierlich an und erreicht nach mehreren Monaten das Potential des Bewehrungskorbs. Bei weiteren Grundwasseranstiegen in den Folgemonaten ist es nicht zu einem erneuten Potentialabfall gekommen, so dass auch dieser Sensor aktuell als nicht aktiv eingeschätzt wird. Bei Sensor 2 mit einem Chloridgehalt von rd. 2,45 M.- %/ z auf Bewehrungshöhe deuten deutlich negativere Potentiale der Anode und entsprechend hohe Elementströme von bis zu rd. 12 µA direkt zu Beginn der Messungen auf aktive Korrosion hin, Abb. 6. Dieses Verhalten bleibt auch über einen Zeitraum von rd. zwei Jahren mit leichten saisonalen Schwankungen annährend konstant. Im Frühjahr 2024 und damit mehr als zwei Jahre nach Durchführung der Beschichtungsarbeiten zeigt sich auch an diesem Sensor ein kontinuierlicher Anstieg des Potentials und damit einhergehender Rückgang des Elementstroms. Im Dezember 2024 wurde an diesem Sensor erstmals ein Rückgang des Elementstroms auf 0µA bzw. sogar eine zeitweise Vorzeichenumkehr, so dass augenscheinlich auch an diesem Sensor trotz des sehr hohen Chloridgehalts auf Bewehrungshöhe zumindest von einem sehr deutlichen Rückgang der Korrosionsaktivität ausgegangen werden kann. Abb. 6: Potential- und Elementstromverlauf bei einem Sensor mit stark erhöhtem Chloridgehalt 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 263 Korrosionsmonitoring von Verkehrsbauwerken - Anwendungsbeispiele und Langzeiterfahrungen Diese Beobachtungen stehen in sehr guter Übereinstimmung mit Untersuchungen an fünf weiteren Tiefgaragen, bei denen bei gleichem Sensorauf bau bei insgesamt rd. 120 Sensoren die zeitliche Entwicklung der Korrosionsaktivität nach Bandagieren der Risse in Abhängigkeit vom Chloridgehalt untersucht wurde. Bei diesen Untersuchungen wurde nach einem Betrachtungszeitraum von fünf Jahren bei Chloridgehalten zwischen 0,5-M.-%/ z und 1,0 M.%/ z lediglich bei rd. 6 % der Sensoren noch aktive Korrosion - allerdings ebenfalls mit deutlich reduzierter Korrosionsaktivität - festgestellt. Bei höheren Chloridgehalten > 1,0 M.-%/ z nahmen die Anteile weiterhin aktiver Sensoren signifikant zu. Abb. 7: Ergebnisse von Untersuchungen an insgesamt fünf Tiefgaragen zur Wirksamkeit des Verfahrens 8.3 nach TR-IH in Abhängigkeit vom Chloridgehalt [9] Literatur [1] Technische Regel „Instandhaltung von Betonbauwerken“ (TR Instandhaltung) des Deutschen Instituts für Bautechnik, Berlin, 2020. [2] Richtlinie „Schutz und Instandsetzung von Betonbauteilen“ - Instandsetzungsrichtlinie des Deutschen Ausschusses für Stahlbeton, Ausgabe 2001. [3] Merkblatt B 12 „Korrosionsmonitoring von Stahl- und Spannbetonbauwerken“ der Deutschen Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung DGZfP, Berlin, 2018. [4] Merkblatt B 3 “Merkblatt für Elektrochemische Potentialmessungen zur Detektion von Bewehrungsstahlkorrosion“ der Deutschen Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung DGZfP, Berlin, 2021. [5] Sodeikat, Ch.: Feuchtesensoren in der Bauwerksüberwachung. Beton- und Stahlbetonbau 105 (2010), Heft 12, S. 770 - 777. [6] Mayer, T.F.; Schießl, P.; Schießl-Pecka, A.: Lebensdauermanagement für das Parkhaus der Allianz- Arena in München. Beton, Heft 9, 2009. [7] Sodeikat, Ch.; Dauberschmidt, Ch.; Schießl, P.; Gehlen, Ch., Kapteina; G.: Korrosionsmonitoring von Stahlbetonbauwerken für Public Private Partnership Projekte. Beton- und Stahlbetonbau 101 (2006), Heft 12, S. 932 - 942. [8] Gehlen, Ch.; Kapteina, G.; Schießl-Pecka, A.; Mayer, T.F.: Life cycle management demonstrated on the example of a parking garage. Concrete in Australia 40 (2014), Heft 4, S. 42-49. [9] WunderleBeck, J.; Mayer, T. F.; Zausinger, C.; Gehlen, C. (2022) Korrosionsmonitoring zum Wirksamkeitsnachweis des Instandsetzungsverfahrens 8.3 (W-Cl). Beton und Stahlbetonbau. https: / / doi. org/ 10.1002/ best.202200081 [10] DBV-Merkblatt „Parkhäuser und Tiefgaragen“, 3. überarbeitete Ausgabe, Fassung Januar 2018, Aktualisierter Nachdruck September 2022. Deutscher Beton- und Bautechnik-Verein e.V. (DBV), Berlin, 2022.