Kolloquium Parkbauten
kpb
2510-7763
expert verlag Tübingen
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2026
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Technische Akademie EsslingenBetriebskonzepte für moderne Quartiersmobilität – Integrierte Services: Ladeinfrastruktur, bedarfsgerechte Mobilitäts-Angebote, digitales Management
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Stefan Seitz
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12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 295 Betriebskonzepte für moderne Quartiersmobilität - Integrierte Services: Ladeinfrastruktur, bedarfsgerechte Mobilitäts-Angebote, digitales Management Stefan Seitz 15Min (Operation) GmbH Mitglied des Exec. Board Swavia Holding AG 1. Einleitung Städte stehen vor tiefgreifenden Herausforderungen: wachsender Verkehr, Flächenknappheit, Emissionen, Verödung der Innenstädte Rückgang von Einzelhandel und der Wunsch nach hoher Lebensqualität. Der motorisierte Individualverkehr beansprucht bis zu 50 % des öffentlichen Raums - überwiegend stehend. Die Idee der 15-Minuten-Stadt stellt ein modernes Stadtentwicklungsmodell dar, das darauf ausgerichtet ist, alle wesentlichen Funktionen des täglichen Lebens innerhalb eines kurzen Zeitradius erreichbar zu machen - idealerweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad in maximal 15 Minuten. Die Bürgerinnen und Bürger sollen ihre wichtigsten Bedürfnisse wie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Gesundheit, Freizeit und Verwaltung ohne lange Wege und ohne Abhängigkeit vom eigenen Auto erfüllen können. Dadurch entsteht eine kompakte, polyzentrisch organisierte Stadtstruktur mit einer Vielzahl kleinerer, vollwertiger „Stadt der kurzen Wege“-Quartiere. 15Min Hubs-sind dabei eines der wesentlichen Umsetzungsinstrumente dieses Leitbilds. Sie bündeln Mobilitätsangebote, Ladeinfrastruktur, Logistik, Nahversorgung und Bürgerdienste an strategisch geeigneten Punkten im Quartier und machen diese leicht zugänglich. Durch diese räumliche Konzentration und digitale Vernetzung werden alltägliche Wege signifikant verkürzt und gleichzeitig Verkehr vermieden, der sonst durch Verlagerung in den zentralen Stadtraum entstehen würde. Die 15Min Hubs ermöglichen somit eine sinnvolle, realitätsnahe Anwendung des Konzepts der 15-Minuten-Stadt - insbesondere in Bestandsquartieren, in denen Strukturen nicht von Grund auf neu geplant werden können. Bild 1: 15Min Hub - Zentrale Module 296 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Betriebskonzepte für moderne Quartiersmobilität 2. Funktionsprinzip der 15Min Hubs - Ausführliche Darstellung Das Konzept der 15Min Hubs basiert auf der Annahme, dass Mobilität, Versorgung und öffentliche Dienstleistungen in einer Stadt effizienter, nachhaltiger und bürgernäher organisiert werden können, wenn sie räumlich konzentriert und digital vernetzt angeboten werden. Der 15Min Hub setzt genau hier an: Er ist ein multifunktionaler Mobilitäts- und Serviceknoten, der unterschiedliche Nutzungen und Dienstleistungen an einem zentral gelegenen Ort im Quartier zusammenführt. Dies ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, wichtige Alltagsziele wie den Weg zur Mobilität, zu Versorgungsangeboten oder zu kommunalen Serviceeinrichtungen innerhalb weniger Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Der Auf bau eines 15Min Hubs ist dabei modular und flexibel. Je nach Standortbedingungen können bestehende Parkbauten umgenutzt oder Neubauten mit entsprechender Infrastruktur konzipiert werden. Im Zentrum steht stets die Integration verschiedener Mobilitätsformen wie Carsharing oder Bikesharing die den Besitz eines eigenen Autos überflüssig machen können, wenn sie denn stationär immer verfügbar sind. Die Kombination mit einer leistungsfähigen Ladeinfrastruktur ermöglicht zudem einen unkomplizierten Zugang zur Elektromobilität - insbesondere für Menschen, die keinen eigenen Stellplatz mit Lademöglichkeit besitzen. Diese Funktionen werden ergänzt durch Logistikelemente wie Mikrodepots zur gebündelten Zustellung von Paketen in das Quartier. Die bisher übliche Anfahrt zahlreicher Paketfahrzeuge entfällt weitgehend, wodurch Lärm und Verkehrsbelastung sinken. Schließlich beinhalten 15Min Hubs auch Bürgerdienste und weitere Alltagsangebote: Von kommunalen Servicepoints über medizinische Grundversorgung bis hin zu Abholstationen des Einzelhandels. All diese Funktionen verdichten sich auf einer Fläche, die bislang überwiegend zum Abstellen von Fahrzeugen genutzt wurde. Dadurch entsteht eine erhebliche Steigerung der Flächeneffizienz: Wo früher ein einzelnes Auto stand, kann heute Mobilität für zehn Menschen organisiert werden. Die Umnutzung bestehender Parkhäuser ermöglicht diese Transformation besonders ressourcenschonend, da keine neuen Flächen versiegelt werden müssen. Die städtebauliche Vision des 15Min Hubs geht sogar über reine Funktionalität hinaus: Er wird als sozialer Ort verstanden, der Aufenthaltsqualität bietet und den öffentlichen Raum zurück in die Hände der Menschen legt. 3. Digitalisierung & Betriebsoptimierung - Rolle und Wirkungsweise Die Digitalisierung bildet das Rückgrat des Betriebs eines 15Min Hubs. Durch den Einsatz digitaler Technologien wird der Hub zu einem intelligent gesteuerten System, das Ressourcen effizient verwaltet und den Nutzerinnen und Nutzern ein nahtloses, attraktives Erlebnis bietet. Dazu gehört zunächst die Erfassung von Daten über Belegung, Energiebedarf, Verkehrsmengen oder Logistikvolumen in Echtzeit. Sensorik, kamerabasierte Lösungen oder IoT-Geräte liefern eine belastbare Datenbasis, die den Betrieb kontinuierlich optimiert. Für die Nutzenden bedeutet dies vor allem Komfort: Ladepunkte, Sharing-Fahrzeuge oder Serviceangebote können über eine zentrale digitale Plattform gebucht, bezahlt und genutzt werden. Die Verwendung von Auto- Check-In-Verfahren, Kennzeichenerkennung oder digitalen Zugangsmedien sorgt dafür, dass der Zugang zu Mobilitätsangeboten so einfach wie möglich gestaltet ist. Gleichzeitig steigert die digitale Integration die Intermodalität - also den nahtlosen Übergang zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln. Die Wegeketten werden damit effizienter und angenehmer. Die Digitalisierung hat darüber hinaus eine erhebliche Bedeutung für die Energieoptimierung. Der 15Min Hub kann eine Vielzahl elektrischer Fahrzeuge gleichzeitig versorgen. Um Netzstabilität sicherzustellen, werden Lastmanagementsysteme eingesetzt, die Ladeprozesse über den Tagesverlauf steuern. Lokale Erzeugung, zum Beispiel durch Photovoltaik auf dem Dach von Parkbauten, kann integriert werden. Der Hub wird somit Teil der Energiewende im urbanen Raum. Durch Automatisierung werden zudem Betriebskosten gesenkt. Routineprozesse wie Wartung, Öffnungen oder Zugangsmanagement erfolgen digital unterstützt. Das Zusammenspiel all dieser Funktionen macht den 15Min Hub zu einer wirtschaftlich tragfähigen Transformation klassischer Parkbauten. 4. Wirkungen für Städte und Bürgerinnen und Bürger - Nachhaltige und soziale Effekte Die Einführung von 15Min Hubs bringt spürbare, messbare und gesellschaftlich relevante Effekte für den urbanen Raum. Im Mittelpunkt steht die deutliche Reduktion des motorisierten Individualverkehrs. Wenn Mobilitätsdienste und Versorgungsangebote im Quartier verfügbar sind, erübrigen sich viele bisher mit dem Auto zurückgelegte Wege. Dadurch können Verkehrsströme um mindestens 30 Prozent reduziert werden. Diese Verkehrsvermeidung verbessert die Sicherheit, insbesondere für vulnerable Gruppen wie Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Mit dem Rückgang des Verkehrs sinken Emissionen und Lärm, die Luftqualität verbessert sich nachhaltig und das Stadtklima profitiert von der Entsiegelung und Begrünung freigewordener Flächen. Durch die Möglichkeit, bisher als Parkplätze genutzte Bereiche in Aufenthalts- oder Sportflächen umzuwandeln, entsteht eine 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 297 Betriebskonzepte für moderne Quartiersmobilität neue Urbanität, die Lebensqualität und soziale Begegnung fördert. Auch wirtschaftlich entfalten 15Min Hubs positive Effekte: Einzelhandel, Dienstleistungen und Gewerbe profitieren von höherer Aufenthaltsqualität und der fußläufigen Erreichbarkeit. Wohnneubauprojekte werden entlastet, weil weniger Stellplätze gebaut werden müssen - das senkt Baukosten und damit langfristig auch Mietpreise. Gleichzeitig schafft die Bündelung von Logistikprozessen eine neue Effizienz, die Verkehrsbelastung und damit kommunale Infrastrukturkosten reduziert. Schließlich haben 15Min Hubs eine starke soziale Wirkung. Der Zugang zu Mobilität wird von einem Besitzmodell auf ein Nutzungskonzept umgestellt - unabhängig vom Einkommen. Dadurch entsteht Mobilitätsgerechtigkeit. Alle Menschen erhalten Zugang zu wichtigen städtischen Angeboten, auch ohne eigenes Fahrzeug. 5. Governance & Erfolgsfaktoren - Zusammenarbeit als Schlüssel Damit der 15Min Hub sein volles Potenzial entfalten kann, ist ein abgestimmtes Governance-Modell entscheidend. Der Hub muss sowohl als Infrastrukturals auch als wirtschaftlich zu betreibende Serviceplattform funktionieren. Dafür müssen Zuständigkeiten klar geregelt sein. Kommunen übernehmen dabei die strategische Steuerung, definieren Mobilitätsziele, regeln Flächennutzungen und setzen normative Rahmenbedingungen. Des Weiteren stellen die Kommunen die nahtlose Einbindung des öffentlichen Nahverkehrs bereit. Betreiber stellen die Wirtschaftlichkeit, technische Leistungsfähigkeit und Nutzerorientierung sicher. Sharing- und Logistikunternehmen integrieren ihre Dienste. Und nicht zuletzt sind Nutzerinnen und Nutzer als Mitgestalter gefragt: Sie liefern kontinuierlich Feedback und sichern durch Nutzungserfolg die Skalierbarkeit des Modells. Ein erfolgreicher 15Min Hub ist das Ergebnis eines kooperativen Verständnisses: Er ist keine rein technische Infrastruktur, sondern ein sozialer Ort, dessen Betrieb von kontinuierlichem Dialog lebt. Vertrauen und Transparenz sind wesentliche Voraussetzungen. Dazu gehören anbieterneutrale Datenplattformen, klare Verantwortlichkeiten, verständliche Nutzungsbedingungen und nachvollziehbare Preisgestaltung. Wenn frühzeitig eine gesellschaftliche Identifikation mit dem Hub erreicht wird, steigen Akzeptanz und Nutzung deutlich. 6. Ausblick - Transformation bestehender Parkbauten Der 15Min Hub ist nicht nur ein städtebauliches Konzept, sondern eine Schlüsseltechnologie für die Verkehrswende. In der nächsten Entwicklungsphase urbaner Mobilität werden Stationen dieser Art zu-zentralen Bausteinen vernetzter Mobilitätsstrategien. Bestehende Parkbauten, die vielerorts ihre ursprüngliche Funktion verlieren, erhalten so eine neue Perspektive und können zu Orten des Wandels werden - zur Infrastruktur für soziale Mobilität, nachhaltige Energie und städtische Versorgung. Die Vision für das Jahr 2035 ist eine Stadt, in der der öffentliche Raum wieder den Menschen gehört, in der Mobilität klimaverträglich organisiert wird und in dem Wege kurz und sicher sind. Die Einführung von 15Min Hubs markiert einen entscheidenden Schritt in diese Richtung. Sie stärken die Resilienz städtischer Systeme, schaffen eine gerechtere Verteilung von Mobilitätschancen und unterstützen den ökologischen Umbau der Stadt. Damit ist der 15Min Hub weit mehr als ein Mobilitätsprojekt. Er steht für ein neues urbanes Selbstverständnis: Städte werden-wieder Orte der Nähe, nicht der Distanzen. 7. Schlussfolgerung - Zusammenfassung und Bedeutung für die Stadt von morgen Die Einführung von 15Min Hubs ist ein wesentlicher Baustein für eine moderne, nachhaltige und sozial gerechte Stadtentwicklung. Sie stellen eine Antwort auf mehrere zentrale Herausforderungen urbaner Räume dar: den hohen Verkehrsanteil des motorisierten Individualverkehrs, die wachsenden Emissions- und Lärmbelastungen, den Bedarf nach energieeffizienten Infrastrukturen und die Forderung nach einer Stadt, die allen Menschen unabhängig von Alter, Einkommen oder Mobilitätsfähigkeit Teilhabe ermöglicht. 15Min Hubs setzen genau dort an, wo klassische Verkehrspolitik an ihre Grenzen stößt. Sie ersetzen nicht die vorhandenen Angebote, sondern vernetzen und verdichten sie sinnvoll, um Wege zu verkürzen und Mobilität effizienter verfügbar zu machen. Durch die Bündelung von Mobilitäts-, Logistik- und Serviceangeboten an einem gut zugänglichen Ort im 298 12. Kolloquium Parkbauten - Februar 2026 Betriebskonzepte für moderne Quartiersmobilität Quartier entsteht ein System, das Mobilität nicht nur ermöglicht, sondern sie neu organisiert: Statt Verkehr zu erzeugen, werden Wege vermieden. Es ist somit ein Paradigmenwechsel vom Prinzip „Parken am Ziel“ hin zu „Erreichen im System“. Diese Veränderung hat weitreichende ökologische und soziale Auswirkungen. Die Reduktion des Autoverkehrs führt nachweislich zu mehr Sicherheit im Straßenraum, einer besseren Luftqualität sowie zu einer deutlichen Lärmverminderung - Faktoren, die die Lebensqualität in dicht besiedelten Gegenden entscheidend prägen. Gleichzeitig gewinnen Städte wertvolle Flächen zurück, die heute vorwiegend von parkenden Fahrzeugen blockiert werden. Diese Flächen können für Grünräume, Freizeitangebote oder öffentliche Begegnungsorte genutzt werden und schaffen damit eine neue städtische Identität. Auch hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit lassen sich klare Vorteile erkennen. Die Transformation bestehender Parkhäuser in multifunktionale Hubs reduziert finanzielle Risiken für Kommunen und Immobilienbetreiber. Durch die hybride Nutzung entstehen zusätzliche Einnahmequellen, während gleichzeitig der Infrastrukturbedarf für Pkw reduziert wird. Dies entlastet private Haushalte, Bauträger und den öffentlichen Haushalt gleichermaßen. Die wachsende Elektromobilität erhält gleichzeitig einen urban kompatiblen Zugang: Ladeinfrastruktur wird intelligent und flächeneffizient in bestehende Immobilien integriert, wodurch Netzausbaukosten begrenzt bleiben. Nicht zuletzt leisten 15Min Hubs einen wichtigen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit. Mobilität wird zu einem Gemeingut, auf das jede Bürgerin und jeder Bürger unabhängig vom Besitz eines eigenen Autos zugreifen kann. Es entstehen Räume der Begegnung, die soziale Integration fördern und neue Formen von Urbanität ermöglichen. Der Mensch rückt wieder in das Zentrum der Stadtgestaltung - nicht das Fahrzeug. Zusammengefasst können 15Min Hubs als ein Schlüsselinstrument der Verkehrswende betrachtet werden. Sie verbinden ökologische Ziele mit wirtschaftlicher Effizienz und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie sind eine Weiterentwicklung der Stadt vom Ort der Bewegung hin zum Ort der Nähe. Die langfristige Vision lautet daher: Städte, die nah, leise, gesund und lebensfroh sind - Orte, in denen Mobilität kein Selbstzweck ist, sondern ein Service für Menschen. Die Umsetzung dieses Leitbildes verlangt Mut, Kooperation und eine klare strategische Prioritätensetzung. Die Erfahrungen zeigen jedoch: Wo 15Min Hubs entstehen, gewinnen am Ende alle - die Stadt, die Wirtschaft und vor allem die Menschen, die in ihr leben.
