eJournals Kolloquium Straßenbau in der Praxis 4/1

Kolloquium Straßenbau in der Praxis
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expert Verlag Tübingen
0217
2025
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DGNB-Zertifizierung für die Transportinfrastruktur – Der Weg zum nachhaltigeren Handeln

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2025
Marieke Tiede
Das DGNB-Zertifikat für nachhaltige Verkehrsinfrastruktur wurde im Rahmen eines Pilotprojekts von der DGNB in Zusammenarbeit mit dem HOCHTIEF PPP Projekt ViA6West entwickelt und erstmals verliehen. Das Nachhaltigkeitszertifikat ermöglicht die Messbarkeit und den Vergleich der Nachhaltigkeit von Infrastrukturprojekten in Planung, Bau und Betrieb. In Anlehnung an das DGNB-Zertifikat für Quartiere und unter Hinzunahme weiterer, für den Tiefbau relevanter, Aspekte entstand ein umfassender Kriterienkatalog, der die ökologische, ökonomische, funktionale und technische Qualität sowie die Prozessqualität berücksichtigt. Das Ziel des Zertifikats ist die Förderung des nachhaltigen Handelns, das Vorantreiben innovativer Lösungen und die langfristig ökologische und wirtschaftlich tragfähige Gestaltung zukünftiger Projekte. Das Zertifikat bietet Investoren und der Gesellschaft eine transparente Bewertung und stärkt zugleich die Akzeptanz von Infrastrukturprojekten. Damit setzt es einen neuen Standard für nachhaltige Entwicklung und motiviert zur Realisierung weiterer umweltfreundlicher Verkehrsinfrastrukturprojekte.
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4. Kolloquium Straßenbau in der Praxis - Februar 2025 171 DGNB-Zertifizierung für die Transportinfrastruktur - Der Weg zum nachhaltigeren Handeln Marieke Tiede, M. Sc. HOCHTIEF PPP Solutions GmbH, Essen Zusammenfassung Das DGNB-Zertifikat für nachhaltige Verkehrsinfrastruktur wurde im Rahmen eines Pilotprojekts von der DGNB in Zusammenarbeit mit dem HOCHTIEF PPP Projekt ViA6West entwickelt und erstmals verliehen. Das Nachhaltigkeitszertifikat ermöglicht die Messbarkeit und den Vergleich der Nachhaltigkeit von Infrastrukturprojekten in Planung, Bau und Betrieb. In Anlehnung an das DGNB-Zertifikat für Quartiere und unter Hinzunahme weiterer, für den Tief bau relevanter, Aspekte entstand ein umfassender Kriterienkatalog, der die ökologische, ökonomische, funktionale und technische Qualität sowie die Prozessqualität berücksichtigt. Das Ziel des Zertifikats ist die Förderung des nachhaltigen Handelns, das Vorantreiben innovativer Lösungen und die langfristig ökologische und wirtschaftlich tragfähige Gestaltung zukünftiger Projekte. Das Zertifikat bietet Investoren und der Gesellschaft eine transparente Bewertung und stärkt zugleich die Akzeptanz von Infrastrukturprojekten. Damit setzt es einen neuen Standard für nachhaltige Entwicklung und motiviert zur Realisierung weiterer umweltfreundlicher Verkehrsinfrastrukturprojekte. 1. Einleitung Am 27.4.2023 verlieh Johannes Kreißig, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), dem ÖPP-Projekt ViA6West (BAB A6 Wiesloch/ Rauenberg - Weinsberger Kreuz) das erste DGNB- Zertifikat für nachhaltige Verkehrsinfrastrukturprojekte. Damit endete ein zweijähriges Pilotprojekt, das anfangs auf einer vagen Idee basierte: Wie könnte ein eigenständiges Zertifikat für die Infrastrukturprojekte entwickelt und eingesetzt werden, um Anwender zu nachhaltigerem Handeln zu bewegen? Den Anstoß für dieses Pilotprojekt gaben Ankündigung großer Investmenthäuser, in absehbarer Zeit nur noch in nachhaltige Projekte investieren zu wollen. Für Projektentwickler, wie HOCHTIEF, war es daher naheliegend sich Gedanken darüber zu machen, wie ein Nachweis über die Nachhaltigkeit von Projekten aussieht bzw. aussehen könnte. Schon lange werden Zertifizierungssysteme zur Untersuchung und Bewertung der Nachhaltigkeit von Projekten besprochen, entwickelt und angewendet. In Deutschland haben sich für Gebäude seit 2007 das System der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) [1] und seit 2009 das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) [2] des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen weitestgehend etabliert. Für den Bereich der Transportinfrastruktur, insbesondere für Straßen, gibt es international bereits einige Beispiele. Hierzu zählen das Greenroads System [3], das vor rund 15 Jahren an der University of Washington entwickelt wurde, und das System CEEQUAL, das sowohl für Gebäude als auch für andere Infrastrukturen in Großbritannien entwickelt wurde und dort häufige Anwendung erfährt. Diese und weitere Zertifizierungsverfahren bzw. -systeme wurden von HOCHTIEF auf die Eignung bei Transportinfrastrukturprojekten bereits 2018 in Zusammenarbeit mit der Hochschule Biberach untersucht [4]. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten, dass die betrachteten Systeme nicht oder noch nicht zur Anwendung gebracht werden sollten. 2019 wurde jedoch die Notwendigkeit einer Zertifizierung deutlich, nachdem bekannt wurde, dass zum einen wichtige Investoren nicht mehr in umweltunfreundliche Projekte investieren und zum anderen die EU begann ein Taxonomie-System zu entwickeln, um Kapitalströme stärker in nachhaltige Projekte zu leiten [5]. Aus den vorhergegangenen Analysen wurde so schnell deutlich, dass aktuell kein passendes Zertifikat für Verkehrsinfrastrukturprojekte vorlag, das für diesen Fall angewendet werden konnte. Währenddessen führten Untersuchungen der DGNB zu dem gleichen Ergebnis, wodurch die Entscheidung reifte, auf bauend auf das bestehende System der DGNB und angelehnt an Ausarbeitungen und Überlegungen für das Zertifikat für Quartiere, ein eigenes Zertifikat für Transportinfrastrukturprojekte zu entwickeln. Die ersten konkreten Ansätze wurden in einer von der DGNB begleiteten Abschlussarbeit erarbeitet. Diese Abschlussarbeit diente als Grundlage des Kriterienkatalogs. Für die Zertifizierung wurde ein Beirat, der aus einer Expertengruppe besteht, gegründet. Im Dezember 2021 fiel die Entscheidung, die erarbeiteten Ansätze an einem oder mehreren Pilotprojekten zu testen. Als geeignetes Projekt wurde das ÖPP-Projekt ViA6West (BAB A6 Wiesloch/ Rauenberg - Weinsberger Kreuz) unter anderem aufgrund der Vertragsdauer von 30 Jahren und der umfänglichen Lebenszyklusbetrachtung von Planung, Bau, Erhaltung und Betrieb durch einen Vertragspartner ausgewählt. Dies wies den Vorteil auf, dass viele relevante Unterlagen, die für eine Zertifizierung erforderlich waren, bereits an einer Stelle zur Verfügung standen. Die Verantwortlichen waren sich von Beginn an des Risikos bewusst, dass auf Grund noch nichtexistierender Bench- 172 4. Kolloquium Straßenbau in der Praxis - Februar 2025 DGNB-Zertifizierung für die Transportinfrastruktur - Der Weg zum nachhaltigeren Handeln marks das Erreichen einer bestimmten Zertifizierungsstufe ungewiss war. Gleichwohl wurde die Herausforderung gleichzeitig Kriterien, passende Parameter und die dazugehörigen Skalierungen zu entwickeln proaktiv angegangen. 2. Prozess Während die DGNB in der Entwicklung der Pilotzertifizierung Ihre Kompetenzen der nachhaltigen Zertifizierungsprozesse einbrachte, unterstütze die HOCHTIEF PPP Solutions GmbH mit ihrer umfassenden Expertise in der Projektentwicklung, Konstruktion und dem Betrieb von Infrastrukturen sowie ihrer Erfahrung in der praktischen Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen. Zur Erstellung der erforderlichen Gutachten und zur Sicherstellung der notwendigen Qualitätsstandards für die Entwicklung einer ganzeinheitlichen Nachhaltigkeitszertifizierung für die Verkehrsinfrastruktur, wurde ein interdisziplinäres Projektteam zusammengestellt, das aus Expertinnen und Experten aller relevanten Fachbereiche bestand. Dementsprechend wurden neben den Spezialisten für Nachhaltigkeitszertifizierungen der DGNB seitens HOCHTIEF Spezialisten für Nachhaltigkeit im Transportinfrastrukturbereich, der Bautechnik, für BIM-Anwendungen, HOCHTIEF DGNB-Auditoren für Quartiere und Expertinnen und Experten für Ökobilanzierungen sowie der Geschäftsführer des betrachteten Projektes, in diesem Projektteam eingesetzt. Darüber hinaus wurden bei spezifischen Fragestellungen weitere Expertenmeinungen herangezogen. Weiterhin gab es ein separates Ausarbeitungsteam, das sich explizit mit der Erarbeitung innovativer Lösungen für die Methoden- und Benchmarkentwicklung befasste. Sämtliche Ausarbeitungen wurden stets in der erweiterten Expertengruppe geprüft und unter regelmäßiger Abstimmung mit dem Beirat, koordiniert durch die DGNB, final entschieden. Im Rahmen einer Masterarbeit der DGNB wurde ein erster Versuch zur Überführung der Nachhaltigkeitskriterien für Quartiere auf Straßenbauprojekte durchgeführt. Auf dieser Basis sowie auf Grundlage einer Sammlung weiterer Kriterien, die sich aus den Expertenuntersuchungen ergaben, wurden in Workshops mit der DGNB, der HOCHTIEF PPP Solutions GmbH und weiteren Beteiligten die Kriterien charakterisiert und in ein Bewertungssystem überführt. Dieses diente als Ausgangslage, um es an die individuellen Anforderungen des Tief baus anzupassen. Dafür wurden spezifische Indikatoren sowie Methoden zur Generierung von Benchmarks ausgearbeitet. Dabei stand stets die Entwicklung von zielführenden Anreizen für die Bewertung zukünftiger Projekte im Fokus. Um den Realisierungsgrad eines Kriteriums für die zu untersuchenden Projekte zu bewerten und vergleichbare Ergebnisse zu erzielen, wurden einheitliche Methoden entwickelt, welche gleichermaßen von anderen Projekten umgesetzt werden können. Diese wurden in verschiedenen Varianten getestet und in einer übergeordneten Spezialistenrunde unter Einbezug des Beirats final abgestimmt. Dabei diente das Pilotprojekt ViA6West, als praxisnahes Beispiel für die Datenverfügbarkeit. Die ausgearbeiteten Methoden wurden kontinuierlich anhand der vorliegenden Daten überprüft, was parallel zur Entwicklung eine direkte Nachweisführung ermöglichte. Durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Stakeholder entstand eine sinnvolle und durchdachte Zusammenstellung von Kriterien in einem Kriterienkatalog sowie Indikatoren und Methoden, welche eine ganzeinheitliche Bewertung der Nachhaltigkeit zukünftiger Verkehrsinfrastrukturprojekte ermöglichen sowie Anreize für nachhaltiges Handeln in zukünftigen Projekten schaffen. 3. Kriterienkatalog Entgegen anfänglicher Erwartungen Außenstehender, umfasste der erarbeitete Kriterienkatalog weitaus mehr als die reine ökologische Betrachtung eines Projektes. Stattdessen erfolgte basierend auf den fünf Qualitäten der DGNB-Zertifizierung im Hochbau (Ökologische Qualität, Ökonomische Qualität, Funktionale und Soziokulturelle Qualität, Technische Qualität und Prozessqualität), wird eine vollumfängliche Nachhaltigkeitsanalyse des Gesamtprojektes. Der Kriterienkatalog ist in drei Ebenen gegliedert: 1. Qualitäten: Die fünf zentralen Themenblöcke eines Transportinfrastrukturprojekts, 2. Kriterien: Detaillierte Unterbereiche, die die Qualitäten konkretisieren. 3. Indikatoren: Messbare Anforderungen, die zur Erfüllung der Kriterien eingehalten werden müssen. Für Transportinfrastrukturprojekte entstand so ein strukturierter Katalog mit fünf Themenfeldern, über 20 Kriterien und mehr als 90 Indikatoren. Die ökologische Qualität eines Projekts wird umfassend durch eine Ökobilanz bewertet, die zahlreiche Aspekte der Umweltverträglichkeit einbezieht. Diese Ökobilanz vergleicht verschiedene Bau- und Betriebsvarianten des Projekts, um die umweltschonendste Option zu ermitteln. Ein besonderer Fokus liegt auf dem sparsamen Einsatz begrenzter Ressourcen, der Reduktion und Vermeidung gefährlicher Stoffe und der Minimierung von Eingriffen in die Tier- und Pflanzenwelt. Umweltkonzepte, die den Schutz lokaler Ökosysteme fördern, werden ebenso berücksichtigt, um sicherzustellen, dass das Projekt im Einklang mit den Zielen für den Umweltschutz steht. Die ökonomische Qualität hingegen geht über reine Kostenbetrachtungen hinaus und integriert eine Lebenszyklusbetrachtung der finanziellen Ressourcen. Hierbei wird die langfristige Wirtschaftlichkeit eines Projekts analysiert, unter anderem durch die Einschätzung der Haltbarkeit und Robustheit der Bauwerke. Diese Kriterien unterstützen die Planung einer kosteneffizienten Nutzung über den gesamten Lebenszyklus hinweg und fördern wirtschaftliche Stabilität, indem sie Kosten über die Bau- und Betriebszeit des Projekts hinweg optimieren. Bei der funktionalen und soziokulturellen Qualität wird der Schwerpunkt auf die Sicherheit und den Erhaltungszustand der Infrastruktur und ihrer angrenzenden Anlagen gelegt. Funktionalität umfasst Aspekte wie die Zugänglichkeit, Nutzbarkeit und den Komfort der Infra- 4. Kolloquium Straßenbau in der Praxis - Februar 2025 173 DGNB-Zertifizierung für die Transportinfrastruktur - Der Weg zum nachhaltigeren Handeln struktur für alle Nutzer. Die soziokulturellen Einflüsse beziehen sich außerdem auf die optische Gestaltung und ästhetische Wirkung auf das Umfeld, sowie auf andere Einwirkungen auf die Gesellschaft. Projekte hoher funktionaler und soziokultureller Qualität gewährleisten eine harmonische Integration der Infrastruktur in dessen soziales und kulturelles Umfeld. Die technische Qualität bewertet, wie innovative und nachhaltige Techniken in der Planung, dem Bau und Betrieb eines Projekts angewendet werden. Hier liegt der Fokus darauf, die Resilienz des Projektes zu steigern, gleichzeitig jedoch eine zukunftsorientierte Infrastruktur zu schaffen, die flexibel auf neue Entwicklungen reagieren kann. Technische Standards werden bewertet, um sicherzustellen, dass sie höchsten Qualitätsansprüchen genügen und auch langfristig nachhaltig genutzt werden können. Schließlich umfasst die Prozessqualität die gesamte Planung, Ausführung und Implementierung des Projekts. Hierzu gehört die aktive Einbindung von Stakeholdern, um Transparenz und Akzeptanz zu fördern. Ebenso werden die Effizienz des Bauprozesses und die Güte der Umsetzung bewertet, einschließlich der Dokumentation und Qualitätssicherung während der Bauphase. Die Prozessqualität stellt sicher, dass das Projekt nicht nur effizient realisiert wird, sondern auch langfristig gewartet und betrieben werden kann, um seine Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen und eine hohe Nutzerzufriedenheit sicherzustellen. Die beschriebenen Qualitäten, Kriterien und Indikatoren wurden allgemeingültig ausgearbeitet, damit diese universell für alle Transportinfrastrukturprojekte anwendbar sind und ermöglichen die einheitlichen Bewertungsmaßstäbe eine projektübergreifende Vergleichbarkeit geschaffen wird. Dennoch sind nicht stets alle Indikatoren in jedem Fall relevant, da ihre Anwendbarkeit stark von der geografischen Lage sowie der jeweiligen Planungs-, Bau- oder Betriebsphase abhängt. 4. Gewichtung Da unterschiedliche Projekte die Nachhaltigkeitskriterien sowie die einzelnen Qualitäten unterschiedlich gut umsetzen können und das DGNB-Zertifikat zur unkomplizierten Einstufung von Transportinfrastrukturprojekten dienen soll, ist eine Klassifizierung anhand von Erfüllungsgraden erforderlich. Um sicherzustellen, dass die DGNB-Zertifizierung den Zielen der Gesellschaft dient und nicht von den subjektiven Meinungen der eingebundenen Spezialisten abhängt, wurden für die Festlegung der Gewichtung der einzelnen Kriterien untereinander das externe Beratungsunternehmen Durth Roos Consulting GmbH herangezogen. Sie setzte den analytisch hierarchischen Prozess (AHP) nach Saaty ein, um für die neue DGNB-Systemvariante anhand einer Experten-Befragung die derzeitige gesellschaftliche Gewichtung der Nachhaltigkeitskriterien untereinander zu bestimmen. Zu der Befragung wurden die drei Teilnehmergruppen Nachhaltigkeitsexperten, (Tief-)Bauexperten und Interessierte an nachhaltiger Infrastruktur eingeladen. Es nahmen 107 Spezialisten teil, wobei anhand von Konsistenzwerten 11 Fragebögen ausgeschlossen wurden, da diese nicht als widerspruchsfrei einzustufen waren. Auf der Grundlage der 96 übrigen Antworten, in denen die Teilnehmer die Kriterien in Relation zueinander einstuften, konnte eine Gruppenpräferenz für die Bewertung aller Kriterien erstellt werden. Im Rahmen der Auswertung der Gewichtung wurde unteranderem deutlich, dass die Teilnehmenden ein besonderes Gewicht auf die Gewinnung und Wiederverwendung der Materialien, die finanzielle Lebenszyklusbetrachtung, die äußeren Umwelteinflüsse sowie die Qualifikation des planenden Unternehmens legten. Die aggregierten Rückläufe der Befragung ermöglichten die Erstellung einer prozentualen Gewichtung sämtlicher Kriterien, die direkt in das Zertifizierungssystem integriert wurde. 5. Resultate Die Ausarbeitung einer neuen Variante der DGNB-Nachhaltigkeitszertifizierung für nachhaltige Transportinfrastrukturprojekte hat nicht nur ein vollumfängliches Instrument zur Klassifizierung von Straßen- und Schienenprojekten hervorgebracht, sondern auch wertvolle neue Erkenntnisse identifiziert, auf welche folgend genauer eingegangen wird. 5.1 Verhaltensänderung Das Streben nach einem DGNB-Zertifikat motiviert zur Suche nach nachhaltigeren Lösungen. Dies wurde in der Testphase des neuen Zertifikats deutlich. Am Beispiel der A6 wurde erkennbar, dass alle Beteiligten darum bemüht waren neue und weitere Maßnahmen zu entdecken und zu entwickeln, um einen möglichst hohen DGNB-Standard zu erzielen. Die Installation einer Photovoltaik-Anlage und ihre Auslegung über den eigenen Bedarf hinaus sowie die Errichtung von drei öffentlich zugänglichen E- Ladestationen für Pkws sind nur zwei Beispiele hieraus. 5.2 Akzeptanz Straßenbauprojekte haben zurzeit einen schlechten Ruf und stehen häufig in der Kritik sie gelten allgemein als zu teuer und als klima- und umweltschädlich. Ihr volkswirtschaftlicher Nutzen und ihre Notwendigkeit werden dabei oft in Abrede gestellt. Dabei durchlaufen neue Infrastrukturprojekte sowie Erhaltungs- oder Ausbaumaßnahmen komplexe Verfahren, um deren Notwendigkeit zu prüfen. Wenn diese Verfahren zum Ergebnis kommen, dass die Verkehrsinfrastruktur notwendig ist, dann sollte diese so nachhaltig wie möglich geplant, gebaut, erhalten und betrieben werden. Ein geeignetes Zertifizierungssystem wie das neu entworfene und hier beschriebene DGNB-Zertifikat bietet hierbei die Chance, ähnlich wie das BNB-System für Gebäude der öffentlichen Hand, zu einer nachhaltigen Umsetzung in allen Phasen zu motivieren. Gleichzeitig ermöglicht es der Gesellschaft, transparent nachzuvollziehen, ob und wo dies gelungen ist bzw. gelingt. 174 4. Kolloquium Straßenbau in der Praxis - Februar 2025 DGNB-Zertifizierung für die Transportinfrastruktur - Der Weg zum nachhaltigeren Handeln 5.3 Wirtschaftliche Vorteile Privates Kapital sucht verstärkt nach Invesitionsmöglichkeiten in nachhaltige Projekte. Erste Effekte zeigen sich bereits durch die Einführung der EU-Taxonomie und die Aussagen großer Kapitalanleger. So wurde auch das Pilotprojekt Via6West auf der BAB 6 zwischen Wiesloch/ Rauenberg und dem Weinberger Kreuz im Rahmen einer Öffentlich Privaten Partnerschaft realisiert. Das bedeutet, dass zur Finanzierung der Projekte auch privates Kapital genutzt wird. Dabei fallen die Renditeanforderungen der externen Kapitalgeber an nachhaltige Projekte geringer aus als für nicht nachhaltige. In der Konsequenz werden diese Projekte dadurch wirtschaftlicher bzw. im direkten Wettbewerb günstiger für denjenigen, der die Kosten für die Bereitstellung der Infrastruktur final trägt, nämlich den Nutzer und den Steuerzahler. Fazit Am Ende des Entwicklungsprozesses wurde eine vollumfängliche Systematik für ein neues DGNB-Nachhaltigkeitszertifikat für die Bewertung nachhaltiger Transportinfrastrukturprojekte geschaffen. Der Lohn für die Mühen bestand darin, dass eine vergleichbare Basis für Infrastrukturprojekte geschaffen wurde, um zukünftige Projekte mit dessen Hilfe transparent zu vergleichen. Zudem haben die Beteiligten wertvolle Expertise darüber gewonnen, wie das Zertifikat erlangt werden kann, was dafür erforderlich ist, was funktioniert und noch viel wertvoller, was nicht funktioniert. Trotz der Zuversicht, dass die fortschreitende Digitalisierung unserer Arbeitswelt die Bereitstellung nahezu aller Daten, welche für eine Zertifizierung herangezogen werden müssen, sehr vereinfachen wird und der Einsatz künstlicher Intelligenz Auswertungsprozesse vereinfachen wird, wird der Aufwand für die Nachweisführung zum Erlangen des neuen Zertifikates nicht ohne wesentlichen Aufwand vonstattengehen. Die ersten für Transportinfrastrukturprojekte ernannten Auditoren können daher dafür Sorge tragen, den notwendigen Know-How- Transfer zu organisieren und umzusetzen. Die HOCH- TIEF PPP Solutions GmbH sieht im eigenen Unternehmen bereits eine Vielzahl von Adaptionsmöglichkeiten des erlangten Wissens und hat bereits die Arbeit für weitere Zertifizierungen aufgenommen. Welchen Stellenwert das neue Zertifikat haben wird, hängt im Wesentlichen davon ab, wie weit dessen Anwendung Unterstützer finden wird und welche Konsequenzen dessen Anwendung in kommerzieller Hinsicht haben wird. Ebenfalls ist ein noch größeres Bewusstsein der Auftraggebenden und der Gesellschaft für die Einwirkungen und Auswirkungen unserer Infrastrukturen notwendig, damit diese in Zukunft noch verstärkter nachhaltig optimiert werden können. Daher der Apell: „Jetzt mit gutem Vorbild voran gehen! “ Literatur [1] Über die DGNB | DGNB [2] schueco_factsheet_bnb.pdf [3] Greenroads Home [4] Masterthesis Sallas [5] EU taxonomy for sustainable activities - European Commission