eJournals Schmierstoff + Schmierung 6/2

Schmierstoff + Schmierung
sus
2699-3244
expert verlag Tübingen
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2025
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CO₂-Fußabdruck biobasierter Polyalphaolefine

0630
2025
Oskar Vögler
Der CO2-Fußabdruck von Produkten (PCF) gewinnt in der Schmierstoffindustrie zunehmend an Relevanz – nicht nur als Instrument der Nachhaltigkeitskommunikation, sondern als entscheidende Grundlage für regulatorische Konformität, Lieferantenevaluierungen und Marktpositionierung. Neue Anforderungen wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die EU Green Claims Initiative sowie klimabezogene Beschaffungskriterien großer Kunden machen eine belastbare PCF-Datenbasis zu einem strategischen Muss
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19 Schmierstoff + Schmierung · 6. Jahrgang · 2/ 2025 FacHartikEl CO₂-Fußabdruck biobasierter Polyalphaolefine Methodik, Bewertung und Handlungsoptionen für Schmierstoffhersteller Oskar Vögler, Carbon Minds GmbH Der CO 2 -Fußabdruck von Produkten (PCF) gewinnt in der Schmierstoffindustrie zunehmend an Relevanz - nicht nur als Instrument der Nachhaltigkeitskommunikation, sondern als entscheidende Grundlage für regulatorische Konformität, Lieferantenevaluierungen und Marktpositionierung. Neue Anforderungen wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die EU Green Claims Initiative sowie klimabezogene Beschaffungskriterien großer Kunden machen eine belastbare PCF-Datenbasis zu einem strategischen Muss PCF-Bilanzierung als industrieweiter Standard In der Schmierstoff branche etabliert sich zunehmend ein methodisches Grundgerüst für PCF-Berechnungen. Die gemeinsam von UEIL (Union of the European Lubricants Industry) und ATIEL (Association Technique de l’Industrie Européenne des Lubrifiants) entwickelte PCF-Methodik folgt dem ISO 14067 Standard und bildet damit einen klaren Rahmen für Cradle-to- Gate-Bilanzen - also für die Erfassung aller Emissionen von der Rohstoffgewinnung bis zum Verlassen des Werkstors. Der überwiegende Anteil der Emissionen des PCFs eines Schmierstoffes stammt aus der Oskar Vögler Nach dem Studium des Energieingenieurwesens an der RWTH Aachen ist Oskar Vögler seit 2020 bei der Carbon Minds GmbH tätig. Dort betreut er Projekte im Bereich Life Cycle Assessment (LCA), Product Carbon Footprint (PCF) und Nachhaltigkeitsstrategien für die chemische Industrie. Seit April 2024 verantwortet er als Projektmanager den Bereich Schmierstoffe und unterstützt Unternehmen umfassend bei der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen entlang der Wertschöpfungskette. Schmierstoff + Schmierung · 6. Jahrgang · 2/ 2025 20 Fachartikel | CO₂-Fußabdruck biobasierter Polyalphaolefine vorgelagerten Wertschöpfungskette, insbesondere der Produktion und Bereitstellung von Basisölen. Um den PCF eines Schmierstoffs gezielt zu senken, müssen daher genau hier alternative Wertschöpfungspfade betrachtet werden. Eine vielversprechende Lösung liegt in der Substitution fossiler Rohstoffe durch biobasierte Ausgangsstoffe. Insbesondere biobasierte Polyalphaolefine (PAOs) rücken dabei in den Fokus. Sie verbinden hohe technische Leistungsfähigkeit mit guten Recycling-Eigenschaften - und bieten darüber hinaus ein signifikantes Potenzial zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Für Unternehmen, die auf leistungsstarke, klimafreundliche Formulierungen setzen wollen, sind sie eine vielversprechende Option. Entscheidend für das Ergebnis ist jedoch die Wahl der Methodik - insbesondere im Umgang mit biogenen Kohlenstoffflüssen. Vergleich fossiler und biobasierter PAOs: Was zeigt die Modellierung? Eine aktuelle Modellierung von Carbon Minds vergleicht den CO₂-Fußabdruck eines konventionellen PAOs auf Erdölbasis mit dem eines biobasierten PAOs, das aus Lignozellulose über Ethanol und Bio-Ethylen zu PAO weiterverarbeitet wird (siehe Abbildung). Dabei zeigt sich: Während das fossile PAO eine gleichmäßige Verteilung der Emissionen auf Feedstock- Bereitstellung, Energieeinsatz und direkte Emissionen aufweist, verschiebt sich dieses Bild bei der biobasierten Alternative. Durch den biogenen Rohstoff entfallen große Teile der fossil bedingten direkten Emissionen, während der Energieeinsatz entlang der komplexeren Wertschöpfungskette leicht ansteigt. Die biogenen direkten Emissionen werden durch die vorangegangene Aufnahme von CO₂ aus der Atmosphäre kompensiert. Das Ergebnis: signifikant niedrigere PCF-Werte. kg CO 2 -eq. / kg PAO feedstock supply energy supply direct emissions biogenic credit net-total net-biogenic impact fossil emissions bio-derived PAO avg. PAO benchmark 0/ 0 +1/ -1 Abb. 1 Cradle-to-Gate-PCF fossiler vs. biobasierter PAO. Der biogene Pfad senkt direkte Emissionen deutlich - je nach Methodik bis unter null. Bilanzierungsansätze im Vergleich: +1/ -1 oder 0/ 0? Die Interpretation der Ergebnisse hängt maßgeblich vom gewählten Bilanzierungsansatz für biogenen Kohlenstoff ab. Der PEF-Ansatz der Europäischen Kommission folgt dem sogenannten 0/ 0-Modell, bei dem biogene CO 2 -Flüsse - also sowohl Aufnahme als auch Abgabe - nicht berücksichtigt werden. In diesem konservativen Szenario zeigt die Modellierung dennoch klare Vorteile für das biobasierte PAO: Der Cradle-to-Gate-PCF sinkt gegenüber der fossilen Referenz um rund 25 Prozent allein durch den veränderten Rohstoffpfad. Die ISO 14067 sowie die darauf basierende UEIL/ ATIEL-Methodik verfolgen hingegen den differenzierteren +1/ -1-Ansatz. Hier wird der atmosphärische CO₂-Entzug durch die Pflanze als negative Emission bilanziert, während die spätere Freisetzung - etwa durch Verbrennung - entsprechend positiv verbucht wird. In der Modellierung führt dies zu einem nettonegativen Cradle-to-Gate-PCF für das biobasierte PAO. Unabhängig vom Ansatz gilt: Transparenz in der Methodik, Konsistenz innerhalb des Portfolios und Nachvollziehbarkeit der Daten sind entscheidend, um PCF-Werte glaubwürdig zu kommunizieren und strategisch zu nutzen. Fazit und Handlungsempfehlung PCF-Bilanzen ermöglichen es Schmierstoffherstellern, regulatorische Anforderungen zu erfüllen, Kundenanforderungen glaubwürdig zu beantworten und ihre Marktposition zu stärken. Wo sich daraus strategischer Handlungsbedarf ergibt, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen: Zunächst sollte internes Wissen aufgebaut werden, um die Bedeutung von CO₂-Fußabdrücken für das eigene Geschäft einzuordnen. Im nächsten Schritt ist eine konsistente Methodik zu definieren, auf deren Grundlage produktbezogene PCFs berechnet und kommuniziert werden können. So entsteht eine belastbare Grundlage für die gezielte Weiterentwicklung des Portfolios - sowohl aus Klimasicht als auch zur Positionierung im Markt für nachhaltige Schmierstoffe. »« Eingangsabbildung: © Fresh - stock.adobe.com