Schmierstoff + Schmierung
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20 Minuten mit ... Karl Lötsch: Wasserstoff als Wachstumsmotor – Chancen und Anforderungen für die Industrie von morgen
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Karl Lötsch
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Schmierstoff + Schmierung · 6. Jahrgang · 2/ 2025 22 20 MInuten MIt … Karl Lötsch: Wasserstoff als Wachstumsmotor - Chancen und Anforderungen für die Industrie von morgen Das Hydrogen and Innovation Center Chemnitz (HIC) ist eines von zwei durch die Bundesregierung bewilligten nationalen Wasserstoffzentren und ein zentraler Baustein zur Umsetzung der deutschen Wasserstoffstrategie. In enger Verbindung mit dem Innovationscluster HZwo unterstützt das HIC insbesondere mittelständische Unternehmen dabei, Komponenten und Technologien entlang der gesamten Wasserstoffwertschöpfungskette zu entwickeln - von der Elektrolyse bis zur Anwendung in Industrie und Mobilität. Neben digitaler Entwicklungsarbeit entstehen in Chemnitz derzeit eine moderne Labor- und Versuchsinfrastruktur, deren erste Stufen ab 2027 in Betrieb gehen sollen. Im Gespräch mit Karl Lötsch, Geschäftsführer des HIC und Sprecher des HZwo-Clusters, sprach Elisabeth Götze über die Aufgaben des Zentrums, seine Zielsetzung und darüber, welche Rolle das Thema Wasserstoff in Verbindung mit Schmierstoffen künftig spielen kann. Das Zentrum fokussiert sich auf die Komponenten, aus denen Elektrolyse- und Brennstoffzellensysteme bestehen: Ventile, Dichtungen, Sensoren, Kompressoren, Werkstoffe. Das Ziel ist es, eine Plattform zu schaffen, auf der Unternehmen mit wenig Vorwissen ihre Produkte unter realistischen Bedingungen entwickeln, testen und zertifizieren lassen können - ohne selbst Millionenbeträge in Labore und Fachpersonal investieren zu müssen. Das HIC unterstützt nicht nur im physischen Auf bau, sondern auch digital - etwa durch Simulationen, digitale Zwillinge oder virtuelle Prüfverfahren. Damit soll einerseits die technologische Wettbewerbsfähigkeit der Region gesichert und andererseits konkret zur Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie beigetragen werden - mit marktfähigen Produkten und echter Wertschöpfung vor Ort. Elisabeth Götze: Herr Lötsch, beginnen wir mit einer technischen Grundlage. Was macht Wasserstoff als Energieträger so besonders - und wo liegt der Unterschied zu klassischen fossilen Kraftstoffen? Karl Lötsch: Wasserstoff ist kein Rohstoff wie Erdöl oder Erdgas, sondern ein reiner Energieträger - mit dem großen Vorteil, dass er emissionsfrei sein kann, wenn er mittels Elektrolyse und mit Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird. In seiner reinen Form ist er farb- und geruchslos, besitzt jedoch eine sehr hohe Energiedichte pro Kilogramm. Als Gas kann er gespeichert und transportiert werden. Dafür eignet er sich hervorragend, um überschüssigen grünen Strom - zum Beispiel aus Wind oder Sonne - in speicherbare und transportierbare Energie umzuwandeln. Im Gegensatz zu Strom lässt sich Wasserstoff über eine lange Zeit und in großen Mengen lagern und über weite Strecken transportieren. Technisch kann er sowohl direkt in Brennern oder Motoren verbrannt als auch in Brennstoffzellen chemisch zur Stromerzeugung verwendet werden. Gerade für in- Karl Lötsch Karl Lötsch ist seit 2017 Geschäftsführer des HZwo e.V., ein Netzwerk und Kompetenzzentrum für Wasserstoff aus Chemnitz mit bundesweit über 150 Mitgliedern aus Industrie und Forschung. Seit 2024 ist er zudem Geschäftsführer der HIC gGmbH - Hydrogen Innovation Center, welche ab 2025 das nationale Innovations- und Technologiezentrum für Wasserstoff in Chemnitz aufbauen wird. Mit seiner langjährigen Expertise im Netzwerk- und Projektmanagement fördert er die Entwicklung von Wasserstofftechnologien und die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung, um die Wertschöpfung durch Wasserstofftechnologien bei den Zulieferern, Maschinen- und Anlagenbauern voranzutreiben. 23 Schmierstoff + Schmierung · 6. Jahrgang · 2/ 2025 20 Minuten mit …-|-Karl Lötsch: Wasserstoff als Wachstumsmotor dustrielle Anwendungen, den Schwerlastverkehr oder die maritime Mobilität ist das ein klarer Vorteil gegenüber der batterieelektrischen Lösung. Wasserstoff wird oft als komplizierter Energieträger beschrieben, etwa wegen Transportproblemen oder Sicherheitsfragen. Ist das gerechtfertigt? Nicht grundsätzlich. Die vorhandene Gasinfrastruktur - besonders in Deutschland - ist vielfach bereits wasserstofftauglich, weil früher sogenanntes Stadtgas mit hohem Wasserstoffanteil transportiert wurde. Die eigentliche Herausforderung liegt weniger in den Leitungen selbst, sondern in den Mess- und Regelstationen entlang des Netzes. Diese müssen ertüchtigt oder erneuert werden. Was die Sicherheit betrifft, so ist Wasserstoff als leichtestes Element flüchtiger als Erdgas - was im Leckagefall sogar ein Vorteil sein kann. Dennoch gilt: Wasserstoff erfordert eine sehr hohe Reinheit, insbesondere für sensible Anwendungen wie Brennstoffzellen. Die hohe Reinheit des Wasserstoffs ist ein wichtiger technischer wie wirtschaftlicher Aspekt, insbesondere beim Transport. Lassen Sie uns auf den für uns besonders spannenden Bereich eingehen - Wasserstoffverbrennungsmotoren. Anders als in Brennstoffzellen wird hier Wasserstoff thermisch genutzt, was mit deutlich höheren Temperaturen und mechanischen Belastungen einhergeht. Gerade unter diesen Bedingungen spielt der Schmierstoff eine zentrale Rolle für die Bauteilstandzeit, Funktionssicherheit und Emissionskontrolle. Welche technischen Herausforderungen sehen Sie beim Betrieb von Wasserstoff-Verbrennungsmotoren im Hinblick auf Schmierung, Werkstoffbeanspruchung und die Rolle moderner Schmierstofflösungen? Das ist in der Tat ein sehr spannender und technisch anspruchsvoller Bereich, der aktuell stark an Bedeutung gewinnt - insbesondere dort, wo elektrische Antriebe an ihre physikalischen und wirtschaftlichen Grenzen stoßen, also zum Beispiel im Schwerlastverkehr, in Land- und Baumaschinen oder im maritimen Bereich. Wasserstoff-Verbrennungsmotoren bieten hier eine attraktive Alternative, weil sie sich auf bestehenden Motorenkonzepten auf bauen lassen und gleichzeitig CO₂-neutral betrieben werden können - sofern der Wasserstoff grün erzeugt wurde. Allerdings bringt der Einsatz von Wasserstoff als Kraftstoff ganz eigene Herausforderungen mit sich, insbesondere in Bezug auf die Schmierung. Wasserstoff besitzt im Gegensatz zu fossilen Kraftstoffen keinerlei Schmierwirkung. Das bedeutet, dass alle bewegten Bauteile im Motor - also Kolbenringe, Ventile, Lagerstellen, Einspritzkomponenten usw. - vollständig auf die Schutzwirkung des Schmierstoffs angewiesen sind. Zusätzlich entstehen bei der Wasserstoffverbrennung sehr hohe Flammentemperaturen, die über denen klassischer Ottomotoren liegen. Diese führen nicht nur zu einer verstärkten Bildung von Stickoxiden (NOx), sondern auch zu einer erhöhten thermischen Belastung des Schmieröls. Gleichzeitig entsteht als einziges Verbrennungsprodukt reinstes Wasser - und dieses kann unter bestimmten Bedingungen in das Öl gelangen, was zu Wasseranreicherung, Viskositätsverlust, Ölalterung und Korrosionsgefahr führt. Aus all dem ergibt sich ein sehr anspruchsvolles Anforderungsprofil an moderne Schmierstoffe: hohe thermische und oxidative Stabilität, ein robuster Additivschutz gegen Korrosion und Verschleiß, geringe Reaktivität gegenüber Wasserstoff selbst und maximale Materialverträglichkeit - insbesondere mit polymeren Dichtungen oder Bauteilen in Kraftstoffsystemen. Aus Erkenntnissen diverser Hochschulen, Universitäten, Institute und Unternehmen hat man festgestellt, dass klassische Mineralöle hier schnell an ihre Grenzen stoßen. Deutlich besser geeignet sind synthetische Grundöle - insbesondere auf PAO-Basis (Poly-Alpha-Olefin) -, weil sie extrem rein, chemisch stabil und gleichzeitig hoch leistungsfähig sind. Sie bieten nicht nur einen hervorragenden Viskositätsindex, sondern zeigen auch unter kritischen Bedingungen eine geringe Neigung zur Additivzersetzung oder Schaumbildung. In diesem Zusammenhang wurde auch die Entwicklung biobasierter oder CO₂-neutral hergestellter Grundöle mit großem Interesse beobachtet. Das wäre aus Nachhaltigkeitssicht natürlich sehr attraktiv, aber es bleibt abzuwarten, inwieweit solche Öle den hohen technischen Anforderungen im Wasserstoffbetrieb langfristig gerecht werden können. In jedem Fall ist es essenziell, dass Schmierstofflösungen gemeinsam mit der Motorentechnik entwickelt und getestet werden - zum Beispiel im Rahmen realitätsnaher Laborsimulationen oder Dauerlauferprobungen. Genau hier wäre auch eine Aufgabe für das HIC, meint Elisabeth Götze: Unternehmen die Möglichkeit zu geben, ihre Schmierstoffsysteme unter praxisnahen Bedingungen an Komponenten wie Einspritzventilen, Dichtungen oder Turboladern zu testen - auch unter Wasserstoffatmosphäre. Denn nur so lassen sich verlässliche Aussagen zur Lebensdauer, Performance und chemischen Beständigkeit treffen. Kurz gesagt: Der Einsatz von Wasserstoff in Verbrennungsmotoren erfordert ein völlig neues Denken beim Thema Schmierung. Moderne Schmierstofftechnologien - gerade im Bereich der PAO- und Hybridöle - könnten ein Schlüssel sein, um diese Antriebstechnologie zuverlässig, effizient und nachhaltig in den Markt zu bringen. Wir würden es begrüßen, diesen Weg gemeinsam mit dem HIC und Partnern aus der Schmierstoffindustrie zu gestalten. Schmierstoff + Schmierung · 6. Jahrgang · 2/ 2025 24 20 Minuten mit … | Karl Lötsch: Wasserstoff als Wachstumsmotor Abschließend - Herr Lötsch, wie sehen Sie die realistische Zeitschiene zur breiten industriellen Einführung von Wasserstoff und was sind aus Ihrer Sicht die größten Chancen und Risiken? Die entscheidende Frage ist: Sind unsere Unternehmen bereit, wenn der Markt da ist - oder kaufen wir dann wieder Technologie aus Fernost? In China wird mit enormem Tempo an der Industrialisierung von Wasserstofftechnologien gearbeitet. In Europa - insbesondere in Deutschland - haben wir das Knowhow, aber die Umsetzung stockt an politischen Rahmenbedingungen und Finanzierung. Die größte Chance liegt in der technologischen Souveränität: Mittelständische Unternehmen können mit neuen Produkten in der Wasserstoffwertschöpfungskette enorm profitieren - von Verdichtern über Sensorik bis hin zu Werkstoffen und natürlich Schmierstoffen. Das Risiko besteht darin, dass wir mit dem Markhochlauf mit eigenen Technologien zu langsam sind - und dadurch technologische Wertschöpfung abwandert. Unsere Aufgabe mit dem HIC ist es, den Mittelstand zu befähigen, ohne selbst Millionenbeträge in Infrastruktur und Know-how investieren zu müssen. Durch Simulation, digitale Zwillinge und anwendungsnahe Labore wollen wir schnelle Entwicklung und Marktzugang ermöglichen. Gerade in der Antriebstechnik sehen wir ein enormes Potenzial. Wenn uns das gelingt, kann Wasserstoff ein echter Wirtschafts- und Innovationsmotor für den Standort Deutschland werden. Fazit: Wasserstoff ist weit mehr als ein Symbol der Energiewende - er markiert den technologischen Wendepunkt hin zu einer dekarbonisierten Industriegesellschaft. Die Kombination aus emissionsfreier Energieerzeugung und anspruchsvoller Antriebstechnik stellt hohe Anforderungen an Materialien, Komponenten - auch insbesondere an Schmierstoffe. Maßgeschneiderte Lösungen sind gefragt, welche die Effizienz, Zuverlässigkeit und Langlebigkeit wasserstoff betriebener Systeme sicherstellen. Digitale Entwicklungswerkzeuge, simulationsgestützte Prüfverfahren und enge industrieübergreifende Kooperationen - wie sie durch das HIC in Chemnitz aktiv gefördert werden - bieten die Chance, sich frühzeitig in diesen zukunftsweisenden Technologiebereich einzubringen. Wer jetzt investiert, gestaltet aktiv mit - an der Mobilität und Produktion von morgen. »« Eingangsabbildung: © istock.com/ Comeback Images Buchtipp UVK Verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Mithilfe von Strategie, Taktik und Psychologie richtig verhandeln Die Everest-Methode®von Jörg Pfützenreuter und Thomas D. Veitengruber ist bei Konzernen und Mittelständlern gefragt. Seit Jahren coachen sie Ein- und Verkäufer: innen gleichermaßen und lassen die eine Seite in die Karten der anderen schauen. Denn am Ende entscheidet die strategische, taktische und psychologische Raf nesse, wer als Sieger: in vom Verhandlungstisch aufsteht. Ein Buch für alle, die im Einkauf oder Vertrieb arbeiten und ihr Verhandlungsgeschick um den alles entscheidenden Gipfelmeter voranbringen wollen. Es eignet sich auch für Studierende der Betriebswirtschaftslehre. 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