eJournals Schmierstoff + Schmierung7/1

Schmierstoff + Schmierung
sus
2699-3244
expert verlag Tübingen
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2026
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SDPA-Einstufung und ChemVerbotsV

0427
2026
Stephan Baumgärtel
Hinter den beiden Begriffen verbergen sich erhebliche Konsequenzen für die Schmierstoffunternehmen. Als zentraler Bestandteil moderner Schmierstoffformulierungen könnten SDPAs ab 2027 oder 2028 einer verschärften Gefahrenklassifizierung unterliegen. Damit geriete ein zentraler Bestandteil moderner Motoröle unter massiven regulatorischen Druck. Ein kurzer Überblick mit Fokus auf die potenziellen nationalen Folgen für Schmierstoffhandel und -distribution.
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5 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 FacHartikEl SDPA-Einstufung und ChemVerbotsV Dr. Stephan Baumgärtel Hinter den beiden Begriffen verbergen sich erhebliche Konsequenzen für die Schmierstoffunternehmen. Als zentraler Bestandteil moderner Schmierstoffformulierungen könnten SDPAs ab 2027 oder 2028 einer verschärften Gefahrenklassifizierung unterliegen. Damit geriete ein zentraler Bestandteil moderner Motoröle unter massiven regulatorischen Druck. Ein kurzer Überblick mit Fokus auf die potenziellen nationalen Folgen für Schmierstoffhandel und -distribution. Die Europäische Union steht vor einer regulatorischen Entscheidung mit weitreichenden Folgen für die globale Schmierstoffindustrie. Sogenannte „Substituierte DiPhenylAmine“ (SDPA), seit Jahrzehnten als Antioxidantien genutzte Additive und zentrale Bestandteile moderner Schmierstoffformulierungen, könnten ab 2027 oder 2028 einer deutlich verschärften Gefahreneinstufung unterliegen. Damit geraten wichtige Komponenten zur Verbesserung der Alterungsbeständigkeit in Motorölen und anderen Schmierstoffen unter massiven regulatorischen Druck. Ohne diese Antioxidantien wären Schmierstoffe deutlich kurzlebiger oder sogar völlig unbrauchbar. Häufig wird dies als vor allem europäisches Thema wahrgenommen. Tatsächlich dürften die praktischen Auswirkungen in Deutschland jedoch deutlich früher und spürbarer eintreten - insbesondere durch das Zusammenspiel mit der nationalen Chemikalien- Verbotsverordnung (ChemVerbotsV). Für Hersteller, Dr. Stephan Baumgärtel Nach dem Studium der Chemie war Dr. Baumgärtel in verschiedenen Positionen in Frankreich, Deutschland und England in Forschung und Entwicklung von Schmierstoffen für einen internationalen Konzern tätig, bevor er die Position des Abteilungsleiters Schmierstoffe beim VSI übernommen hat. Seit 2010 ist er Geschäftsführer des VSI. Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 6 Fachartikel | SDPA-Einstufung und ChemVerbotsV Händler und Anwender von Schmierstoffen zeichnen sich tiefgreifende Veränderungen entlang der gesamten Vertriebskette ab. ChemVerbotsV verstärkt EU-Regulierung Die ChemVerbotsV regelt in Deutschland den Verkauf, die Abgabe und den Umgang mit besonders gefährlichen Stoffen und Gemischen. Sie greift automatisch, sobald Produkte z. B. als reproduktionstoxisch der Kategorien 1A oder 1B eingestuft sind, d. h. die menschliche Gesundheit durch Kontakt mit diesen Stoffen beeinträchtigt werden könnte. Sollte die geplante Einstufung von SDPA als „Reproduktionstoxisch, Kategorie 1B“ („CMR 1B“) erfolgen, hätte dies unmittelbare nationale Konsequenzen - unabhängig davon, ob ein später erfolgendes EU-weites Abgabeverbot an Verbraucher ausgesprochen wird. Schmierstoffe oder Additivpakete mit einem SDPA-Gehalt von ≥ 0,3 Prozent würden damit in Deutschland unter die strengen Abgaberegeln der ChemVerbotsV fallen. Für viele Produkte bedeutet dies faktisch das Ende des freien Verkaufs an private Endkunden. Auswirkungen auf den Schmierstoffhandel Von einer nationalen Anwendung der Chemikalien- Verbotsverordnung im Zuge einer möglichen Neueinstufung von SDPA wäre insbesondere der Schmierstoffhandel betroffen - vor allem dort, wo entsprechende Produkte bislang breit und niedrigschwellig verfügbar sind. Dazu zählen Autohäuser und Werkstätten, Tankstellen, der Kfz-Teilehandel, Baumärkte, der Onlinehandel sowie Großhändler mit direktem Endkundengeschäft. Mit einer Einstufung als reproduktionstoxisch der Kategorie 1B würden für zahlreiche Schmierstoffe automatisch die Abgabevorschriften der ChemVerbotsV greifen. Diese sehen unter anderem Abgabeverbote an Verbraucher vor, sofern keine Ausnahmeregelungen bestehen, sowie verpflichtende Sachkundenachweise für das abgebende Personal - etwa in Autohäusern, Werkstätten oder Tankstellen. Hinzu kommen umfangreiche Dokumentations- und Meldepflichten, Einschränkungen bei der Selbstbedienung sowie verbindliche Beratungspflichten beim Verkauf. Für viele Händler würde dies einen erheblichen organisatorischen und wirtschaftlichen Mehraufwand bedeuten, der insbesondere bei geringem Produktumschlag kaum darstellbar ist. In der Praxis ist daher davon auszugehen, dass zahlreiche Verkaufsstellen den Vertrieb betroffener Schmierstoffe einstellen würden, anstatt in Schulungen, Dokumentationssysteme und angepasste Prozesse zu investieren. In der Folge zeichnet sich eine Fragmentierung der Produktverfügbarkeit ab. Wahrscheinlich ist eine Zweiteilung des Marktes in einen „professionellen“ Bereich (Werkstätten etc.) und den privaten Endkundenmarkt. Während Werkstätten, Industrie und Flottenbetreiber weiterhin - wenn auch unter strengeren Auflagen - über spezialisierte Vertriebswege beliefert werden könnten, würden viele klassische Motoröle und Schmierstoffe mit SDPA-Gehalten oberhalb der relevanten Schwellenwerte für private Verbraucher faktisch nicht mehr verfügbar sein. Für Endkunden hätte dies unmittelbare Auswirkungen auf Ölwechsel, Nachfüllungen und Wartungsarbeiten, die nur noch mit speziell reformulierten Produkten durchgeführt werden könnten - vorausgesetzt, diese stehen rechtzeitig in ausreichender Menge zur Verfügung und erfüllen die technischen Anforderungen. Neben der Abgabeproblematik ist zudem mit verschärften Anforderungen an Lagerung und Transport zu rechnen. Schmierstoffe mit höheren SDPA-Gehalten könnten unter zusätzliche Gefahrgutvorschriften fallen, was Anpassungen von Lagerkonzepten, getrennte Lagerhaltung, neue Kennzeichnungs- und Verpackungsvorgaben sowie steigende Transportkosten nach sich ziehen würde. Gerade kleinere und mittelständische Handelsunternehmen wären von diesen zusätzlichen Anforderungen überproportional betroffen. Auch Autohäuser, Werkstätten und Servicebetriebe geraten mittelbar unter Druck, selbst wenn sich die ChemVerbotsV formal auf die Abgabe an Verbraucher konzentriert. Eine eingeschränkte Marktverfügbarkeit gängiger Motoröle führt zu Unsicherheiten bei der Produktauswahl im Rahmen von Wartungen, bei der Einhaltung von OEM-Freigaben und Gewährleistungsanforderungen sowie bei Haftungsfragen im Falle von Substitutionen. Hinzu kommt der organisa- Bedeutung von SDPA für moderne Schmierstoffe SDPA gehören zu den leistungsfähigsten Antioxidantien in der Schmierstoffchemie. Sie unterbrechen radikalische Oxidationsketten bei hohen Temperaturen, verlängern die Ölstandzeit, stabilisieren die Viskosität und ermöglichen verlängerte Ölwechselintervalle. Aus diesem Grund sind C4-, C8- und C9-SDPA heute in rund 90 bis 95 Prozent aller Motoröle weltweit enthalten - sowohl im Automotiveals auch im Industriebereich. Ihre Bedeutung reicht weit über Pkw-Anwendungen hinaus: Marine-, Bahn-, Luftfahrt- und Industrieschmierstoffe sind gleichermaßen auf die hohe thermische Stabilität und Systemverträglichkeit dieser Antioxidantien angewiesen. Der globale Verbrauch geht in die Zehntausende Tonnen pro Jahr, bei einer weltweiten Diphenylamin-Produktion von rund 580.000 Tonnen. MEDIENTIPP Walter Holweger, Joachim Schulz Wechselwirkung von Additiven mit Metalloberflächen Tribologie - Schmierung, Reibung, Verschleiß 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2022, 249 Seiten ISBN print 978-3-8169-3543-8 ISBN eBook 978-3-8169-8543-3 DOI 10.24053/ 9783816985433 Ladenpreis print €[D] 88,00 Ladenpreis eBook €[D] 70,40 + kritische Auswertung vorhandener Literatur und bestehender Modelle + hilft Probleme des Arbeitsalltags besser zu verstehen + Grundlage zu weiteren Arbeiten und Diskussionen In der Ausbildung von Maschinenbauer: innen und Fertigungstechniker: innen wird auf die Schmierstoffe nur so weit eingegangen, als diese existieren und einen Einfluss auf die Tribosysteme haben. Eine tiefergehende Beschäftigung findet mit Hinweis auf die komplexen chemischen Zusammenhänge nicht statt. Das vorliegende Buch bringt Licht in die „dunkle“ Seite der Tribologie und erklärt die Funktion des „Zwischenstoffs“. Dazu wird die bestehende Literatur kritisch ausgewertet. Ergänzend werden Modelle vorgestellt. Die Monografie verhilft den Lesenden zu einem besseren Verständnis der Wechselwirkungen auf der Metalloberfläche und in der Randschicht von Bauteilen. expert verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 8 Fachartikel | SDPA-Einstufung und ChemVerbotsV torische Aufwand, mehrere Produktlinien parallel vorzuhalten. Besteht keine technisch gleichwertige Alternative, steigt zudem das Risiko, dass Schmierstoffe eingesetzt werden, die nicht optimal auf moderne Motoren abgestimmt sind - mit möglichen Folgen für Motorhaltbarkeit, Emissionen und Wartungskosten. Vor diesem Hintergrund kommt der nationalen Umsetzung besondere Bedeutung zu. Der deutsche Markt nimmt innerhalb Europas eine Schlüsselrolle ein, und eine konsequente Anwendung der ChemVerbotsV hätte über Deutschland hinaus Signalwirkung für andere Mitgliedstaaten mit vergleichbaren nationalen Regelwerken. Deutschland würde damit faktisch zum Testfeld für die praktische Umsetzung der SDPA-Regulierung - mit potenziell richtungsweisenden Auswirkungen auf Handel, Distribution und Produktverfügbarkeit im gesamten europäischen Schmierstoffmarkt. Die Umsetzung der durch Chem- VerbotsV erzwungenen Maßnahmen wären auch das Technische und industrielle Konsequenzen Ein Verbot oder eine starke Einschränkung von SDPA würde die Schmierstoffindustrie vor eine der größten Umbruchphasen der vergangenen Jahrzehnte stellen. Nahezu alle betroffenen Produkte müssten reformuliert und anschließend über zeit- und kostenintensive OEM-Freigabeprogramme neu qualifiziert werden. Besonders kritisch ist die Tatsache, dass bislang keine „Drop-in“-Alternativen existieren, die das Leistungsprofil von SDPA vollständig abdecken. Versuche mit gehinderten Phenolen, anderen alkylierten Diphenylaminen oder hybriden Antioxidantien zeigen bislang Defizite bei Hochtemperaturstabilität, beim Oxidationsschutz oder in der Langzeitverträglichkeit - insbesondere in Kombination mit modernen Abgasnachbehandlungssystemen. Industrieverbände wie der europäische Automobilherstellerverband ACEA warnen zudem vor funktionalen Risiken. SDPA sind entscheidend, um anspruchsvolle Oxidationstests wie den CEC L-109 zu bestehen, der als Schlüsselprüfung für moderne Heavy-Duty-Motoröle gilt. Ein Wegfall dieser Antioxidantien könnte zu beschleunigtem Ölabbau, höherem Verschleiß, steigenden Wartungskosten und letztlich zu erhöhtem Kraftstoffverbrauch und CO₂-Emissionen führen. MEDIENTIPP Frank H. Witt Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft 1. Auflage 2025, 222 Seiten ISBN print 978-3-381-13071-9 ISBN eBook 978-3-381-13072-6 DOI 10.24053/ 9783381130726 Ladenpreis print €[D] 24,90 Ladenpreis eBook €[D] 19,99 + analysiert die moderne, globale Gegenwartsgesellschaft + berücksichtigt die multiplen Gegenwartskrisen + zeigt Szenarien für eine Krisenbewältigung auf Sicht von einem Jahrzehnt auf Im Buch wird die Frage erörtert, wie sich die moderne, globale Gegenwartsgesellschaft und damit auch das Alltagsleben von Individuen sowie institutionalisierter Politik, Wirtschaft und Bildung bei zunehmender Entkopplung von Intelligenz und individuellem Bewusstsein verändert und weiter verändern wird. Dabei wird die sich beschleunigende technologische Entwicklung nicht einfach nur als Ursache gesehen, sondern es wird der Druck der multiplen Gegenwartskrisen auf soziale Systeme und ihre weitere Entwicklung berücksichtigt. www.uvk.de Anzeige 9 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 Fachartikel-|-SDPA-Einstufung und ChemVerbotsV Ende des harmonisierten Marktes in der EU, zumindest für die meisten Motoröle. Fazit Die geplante EU-Neueinstufung von SDPA und ihre möglichen Folgen durch die Chemikalien-Verbotsverordnung werfen für den deutschen Schmierstoffmarkt eine Reihe offener Fragen auf. Sollten SDPA tatsächlich als CMR 1B eingestuft werden, könnten sich die Auswirkungen insbesondere im Handel frühzeitig bemerkbar machen - etwa durch eingeschränkte Abgabemöglichkeiten an private Endkunden, erhöhte Dokumentationspflichten oder eine Verlagerung des Vertriebs hin zu professionellen und industriellen Anwendern. Gleichzeitig ist absehbar, dass nicht alle betroffenen Produkte kurzfristig durch technisch gleichwertige Alternativen ersetzt werden können, da Reformulierungen, Prüfprogramme und OEM-Freigaben Zeit benötigen. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich unterschiedliche Handlungsoptionen ab. Einige Marktteilnehmer dürften frühzeitig beginnen, SDPA-Gehalte zu überprüfen, Produktportfolios zu segmentieren oder alternative Rezepturen zu erproben. Andere könnten abwarten, bis regulatorische Entscheidungen final vorliegen, um Fehlinvestitionen zu vermeiden. Beide Ansätze bergen Chancen und Risiken: Ein vorschnelles Handeln kann zu unnötigem Aufwand führen, ein zu langes Zögern hingegen zu Lieferengpässen oder Marktverlusten, falls nationale Regelungen kurzfristig greifen. Für Händler stellt sich weniger die Frage einer vollständigen Neuausrichtung als vielmehr die der Vorbereitung. Transparenz über betroffene Produkte, Kenntnis der eigenen Rolle in der Lieferkette und ein realistischer Blick auf die Anforderungen der Chem- VerbotsV können helfen, spätere operative Brüche zu vermeiden. Hersteller wiederum stehen vor der Herausforderung, technische Entwicklung, regulatorische Bewertung und Markterwartungen miteinander zu synchronisieren. Ob und wann konkreter Handlungsbedarf besteht, hängt letztlich vom weiteren Verlauf des EU- Verfahrens und von der nationalen Auslegung ab. Klar ist jedoch: Die SDPA-Diskussion ist kein kurzfristiges Einzelthema, sondern Teil einer längerfristigen regulatorischen Entwicklung. Unternehmen, die sich frühzeitig mit möglichen Szenarien befassen, schaffen sich Handlungsspielräume - unabhängig davon, wie schnell und wie weitreichend die Regulierung am Ende umgesetzt wird. »« Eingangsabbildung: © bidala - stock.adobe.com „STARK BEI FROST. STABIL IM EINSATZ.“ EIN PARTNER FÜR ALLE SPEZIAL-SCHMIERFETTE Profitieren Sie von unserer Forschungs- und Entwicklungskompetenz bei den anspruchsvollsten Anwendungen der Industrie. Rhenus Lub. www.rhenuslub.de Anzeige