Schmierstoff + Schmierung
sus
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expert verlag Tübingen
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2026
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Mikroplastik in Schmierstoffen – Technische Funktion, industrielle Anwendung und europäische Regulierung
0427
2026
Elisabeth Götze
Stephan Baumgärtel
Die europäische Debatte um Mikroplastik und dessen potenzielle Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit hat in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen.
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Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 12 FacHartikEl FacHartikEl Mikroplastik in Schmierstoffen - Technische Funktion, industrielle Anwendung und europäische Regulierung Elisabeth Götze, Dr. Stephan Baumgärtel Die europäische Debatte um Mikroplastik und dessen potenzielle Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit hat in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen. Was in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Konsumgütern wie etwa Kosmetik verknüpft wird, betrifft zunehmend auch technisch hochspezialisierte Industriebereiche. Für die Schmierstoffindustrie ist diese Entwicklung von besonderer Relevanz, da synthetische Polymere hier seit Jahrzehnten als gezielt entwickelte funktionelle Komponenten eingesetzt werden. Ihre chemische Struktur, physikalische Form und tribologische Wirkweise sind präzise auf an- Elisabeth Götze Elisabeth Götze, 37, ist Regionalleiterin Schmierstoffe bei der UNITI Bundesverband EnergieMittelstand e. V. Sie verfügt über rund 20 Jahre Erfahrung in der Mineralölbranche mit einem besonderen Fokus auf Industrie- und Spezialschmierstoffe. Zuvor war sie Abteilungsleiterin Schmierstoffe beim VSI Verband Schmierstoff-Industrie e. V., der zum 1. Oktober 2025 im Zuge der Verbandsfusion in die UNITI integriert wurde. Sie absolvierte ihr Bachelorstudium in Vertriebsmanagement und Marketing an der Hochschule Schmalkalden sowie ein weiterführendes Studium zum KorrosionsExpert an der Montanuniversität Leoben, Fakultät Werkstofftechnik und Analytische Chemie. Vor ihrer Tätigkeit im Verband war sie über 15 Jahre bei einem Spezialschmierstoffhersteller in verschiedenen Führungspositionen tätig und erwarb dort umfassende Expertise in den Bereichen Formen- und Trennmittel, Korrosionsschutz und Industrieschmierstoffe. Dr. Stephan Baumgärtel Nach dem Studium der Chemie war Dr. Baumgärtel in verschiedenen Positionen in Frankreich, Deutschland und England in Forschung und Entwicklung von Schmierstoffen für einen internationalen Konzern tätig, bevor er die Position des Abteilungsleiters Schmierstoffe beim VSI übernommen hat. Seit 2010 ist er Geschäftsführer des VSI. 13 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 Fachartikel-|-Mikroplastik in Schmierstoffen spruchsvolle Anwendungsfelder wie Wälz- und Gleitlager, Getriebe, Führungsbahnen, industrielle Antriebssysteme oder Zentralschmieranlagen abgestimmt. Vor diesem Hintergrund ist eine sachlich differenzierte, chemisch fundierte Betrachtung von Mikroplastik zwingend erforderlich. Unter synthetischen Polymermikropartikeln - im fachlichen und regulatorischen Kontext häufig als Mikroplastik bezeichnet - versteht die europäische Gesetzgebung feste, nicht lösliche, aus synthetischen Polymeren bestehende Partikel mit einer Größe kleiner als 5 Millimeter. Chemisch handelt es sich bei den Mikroplastikpolymeren um hochmolekulare Werkstoffe, die aufgrund ihrer Zusammensetzung gegenüber chemischem, thermischem und biologischem Abbau äußerst widerstandsfähig sind. Erfasst werden durch die Regulierung ausschließlich feste Partikel. Wasserlösliche oder flüssige Polymere oder solche, die vollständig im Grundöl oder in der Fettmatrix gelöst sind - etwa Viskositätsindex-Verbesserer auf Polymerbasis oder polyharnstoff basierte Verdickersysteme in Schmierfetten - fallen nicht unter diese Definition. Diese Abgrenzung ist notwendig, da gelöste Polymere und feste Polymerpartikel sowohl stofflich als auch hinsichtlich ihres Emissions- und Umweltverhaltens grundlegend unterschiedlich sind. In der Schmierstofftechnik werden feste Polymermikropartikel gezielt eingesetzt. Ein Beispiel ist Polytetrafluorethylen (PTFE). PTFE ist ein vollständig fluoriertes Polymer, dessen Kohlenstoff-Fluor-Bindungen eine außergewöhnliche thermische und chemische Stabilität sowie eine extrem niedrige Affinität zu anderen Oberflächen bewirken. Diese Eigenschaften führen zu einem sehr geringen Reibkoeffizienten und machen PTFE zu einem der effektivsten bekannten Festschmierstoffe. In Schmierstoffen wird PTFE in fein dispergierter Partikelform eingesetzt, wobei Partikelgröße, Oberflächenbeschaffenheit und Dispergiergrad gezielt eingestellt werden, um reproduzierbare tribologische Effekte zu erzielen. Unter realen Betriebsbedingungen dominieren in vielen Maschinen Grenz- und Mischreibungszustände, da ein stabiler hydrodynamischer Schmierfilm nicht dauerhaft gewährleistet ist. Dies gilt beispielsweise für hoch belastete Wälz- und Gleitlager, Zahnradkontakte mit wechselnden Lasten oder oszillierende Bewegungen in Führungsbahnen. In solchen Systemen übernehmen PTFE-Partikel eine schützende Funktion, indem sie sich in mikroskopische Oberflächenrauheiten einlagern und unter Druck und Temperatur sogenannte Transferfilme ausbilden. Diese wirken als physikalische Barriere zwischen MEDIENTIPP Paul Gümpel, Alexandra Bauer, Torsten Bogatzky, Lazar Boskovic, Benedikt Henkel, Arnulf Hörtnagl, Matthias Sorg, Jörg Straub Rostfreie Stähle Grundwissen, Konstruktions- und Verarbeitungshinweise 6., überarbeitete und erweiterte Auflage 2025, 342 Seiten ISBN print 978-3-8169-3540-7 ISBN eBook 978-3-8169-8540-2 DOI 10.24053/ 9783816985402 Ladenpreis print €[D] 68,00 Ladenpreis eBook €[D] 54,99 + aktuell, anschaulich und übersichtlich + Grundlagenbuch auf dem Gebiet der nichtrostenden Stähle + auch als Nachschlagewerk geeignet Das Buch gibt einen Überblick über die metallkundlichen Grundlagen auf dem Gebiet der nichtrostenden Stähle und über das Einsatzverhalten dieser Werkstoffe. Es werden die notwendigen Hinweise für die Konstruktion und Verarbeitung von nichtrostenden Stählen gegeben. Einen Schwerpunkt stellt hierbei das Korrosionsverhalten dieser Werkstoffe dar. www.verlag.expert Anzeige Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 1/ 2026 14 Fachartikel | Mikroplastik in Schmierstoffen metallischen Kontaktpartnern, reduzieren adhäsive Wechselwirkungen, stabilisieren den Reibwert und senken den Verschleiß deutlich. Zusätzlich tragen PTFE-haltige Schmierstoffe zur Dämpfung von Schwingungen und Geräuschen bei, was insbesondere in Präzisionsanwendungen, elektromechanischen Antrieben oder geräuschsensitiven Baugruppen von hoher Bedeutung ist. Aufgrund ihrer chemischen Stabilität kommen solche Systeme auch in aggressiven oder thermisch hoch belasteten Umgebungen zum Einsatz, etwa in der Prozess- oder Chemieindustrie. Neben PTFE werden in Schmierstoffen auch Polyamid- und Polyethylen-Partikel eingesetzt, deren Wirkmechanismus weniger tribologisch, sondern primär rheologisch und strukturmechanisch geprägt ist. In Schmierfetten und pastösen Systemen beeinflussen diese Partikel gezielt die innere Struktur der Matrix und erhöhen die mechanische Stabilität, verbessern die Scherstabilität und tragen zur kontrollierten Einstellung des Fließverhaltens bei. Praktisch relevant ist dies beispielsweise bei Schmierfetten für zentrale Schmieranlagen, bei denen sowohl eine gute Pumpbarkeit bei niedrigen Temperaturen als auch eine ausreichende Standfestigkeit unter Last erforderlich ist. Auch in Dämpfungs- und Montagefetten ermöglichen Mikropartikel definierte viskoelastische Eigenschaften, die für reproduzierbare Montagekräfte, Schwingungsdämpfung oder Geräuschreduktion entscheidend sind. Einige Mikropartikel stehen jedoch im Verdacht, negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu haben. Daher wird durch die Verordnung (EU) 2023/ 2055, die am 17. Oktober 2023 in Kraft getreten ist, die Verwendung synthetischer Polymermikropartikel streng geregelt, um den Eintrag persistenter Polymerpartikel in die Umwelt zu reduzieren bzw. zu vermeiden. Konsumentenprodukte, die synthetische Mikropartikel mit absehbarem Eintrag in die Umwelt enthalten (z. B. Kosmetika), sind verboten. Gleichzeitig erkennt die EU an, dass bestimmte Mikropartikel in industriellen Anwendungen technisch derzeit unverzichtbar sind. Entsprechend gelten Ausnahmen und Übergangsregelungen für Industrieanwendungen, geschlossene technische Systeme oder fest eingebundene Partikel, da hier kein relevanter Umwelteintrag zu erwarten ist. Diese Ausnahmen sind jedoch an klar definierte Informations- und Transparenzpflichten geknüpft. Ab Oktober 2025 müssen Lieferanten von Schmierstoffen, die synthetische Polymermikropartikel enthalten, Angaben zur Identität, Menge und Verwendung dieser Stoffe machen und Hinweise zur sachgerechten Anwendung und Entsorgung bereitstellen, um eine Umweltfreisetzung zu vermeiden. Diese Informationen sind im Sicherheitsdatenblatt und auf dem Etikett zu anzugeben. Die European Chemicals Agency (ECHA) stellt die notwendigen IT-Werkzeuge zur Meldung von Mikroplastikverwendung gemäß REACH seit Januar 2026 zur Verfügung. Ab 2027 folgen dann weitergehende Meldepflichten, insbesondere zu Verwendungszwecken und eingesetzten Mengen. Damit steigen die Anforderungen an chemische Rückverfolgbarkeit, Dokumentation und Kommunikation entlang der gesamten Wertschöpfungskette erheblich. Damit ist klar: Es gibt für industrielle Anwendungen in geschlossenen Systemen kein Verwendungsverbot für Mikroplastik. Wo nötig, können Schmierstoffe, welche Mikroplastikpartikel enthalten, weiter unter Auflagen verwendet werden. Unabhängig von der Regelung für Mikroplastik gilt ein mögliches Verwendungsverbot für PTFE-Partikel, welche neben der hier zitierten Verordnung in Zukunft noch durch die PFAS-Regulierung für per- und polyfluorierte Stoffe reguliert werden. Wann und in welchem Umfang die PFAS/ PTFE-Regulierung in Kraft tritt, ist aber derzeit noch offen. Eine fachlich fundierte Einordnung dieser Anforderungen für die Schmierstoff branche bietet das Informationspapier der UEIL (www.ueil.org). Es erläutert die regulatorischen Hintergründe, grenzt flüssige Polymersysteme klar von festen Mikroplastikpartikeln ab, beschreibt typische Einsatzfelder polymerer Partikel in Schmierstoffen und konkretisiert die kommenden Informations- und Berichtspflichten. Dieses Papier dient ausdrücklich der Sensibilisierung und fachlichen Orientierung und versteht sich als praxisnahe Interpretation der aktuellen Rechtslage, nicht als rechtliche Beratung. Für die Schmierstoffindustrie stellt die Mikroplastik-Regulierung damit nicht nur eine Compliance- Aufgabe dar, sondern auch einen Impuls, polymerchemische Systeme noch stärker hinsichtlich Funktion, Emissionspotenzial und Nachhaltigkeit zu bewerten. Vor diesem Hintergrund arbeitet die UNITI im Facharbeitskreis „PFAS & Mikroplastics“ an einer „UNITI informiert“-Broschüre, die regulatorische Entwicklungen, technische Hintergründe und branchenspezifische Fragestellungen strukturiert zusammenführt. »« Eingangsabbildung: © Arsenii - stock.adobe.com
