eJournals Schmierstoff + Schmierung7/2

Schmierstoff + Schmierung
sus
2699-3244
2941-0967
expert verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/sus72/sus72.pdf0824
2026
72

Spritzgießmaschinen im Wandel

0824
2026
Elisabeth Götze
Markttrends, Elektrifizierung und steigende Anforderungen an Schmierstoffe in der Kunststoffverarbeitung
sus720020
Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 20 FacHartikEl FacHartikEl Spritzgießmaschinen im Wandel Elisabeth Götze, Rope Technology Aachen, SKF Group Markttrends, Elektrifizierung und steigende Anforderungen an Schmierstoffe in der Kunststoffverarbeitung Die industrielle Kunststoffverarbeitung gehört zu den bedeutendsten Produktionssektoren der globalen Fertigungsindustrie. Kunststoffe sind heute aus nahezu allen technischen Anwendungen nicht mehr wegzudenken - von einfachen Verpackungen über hochpräzise medizinische Bauteile bis hin zu komplexen Strukturkomponenten im Fahrzeugbau, in der Elektronik oder in der Energietechnik. Innerhalb der verschiedenen Kunststoffverarbeitungsverfahren hat sich das Spritzgießen als dominierende Technologie etabliert. Das Verfahren ermöglicht die wirtschaftliche Serienfertigung komplexer Bauteile mit hoher Maßhaltigkeit und reproduzierbarer Qualität. Weltweit werden jährlich Milliarden Kunststoffteile im Spritzgießverfahren produziert. Typische Produkte reichen von Verpackungen und Konsumgütern über technische Bauteile bis hin zu sicherheitsrelevanten Komponenten in Fahrzeugen oder medizintechnischen Anwendungen. Durch seine hohe Automatisierbarkeit, kurze Zykluszeiten und große Materialvielfalt hat sich das Spritzgießen zu einem Schlüsselverfahren moderner Industrieproduktion entwickelt. Gleichzeitig befindet sich die Branche in einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Neue Ma- Elisabeth Götze Elisabeth Götze, ist Regionalleiterin Schmierstoffe bei der UNITI Bundesverband EnergieMittelstand e. V. Sie verfügt über rund 20 Jahre Erfahrung in der Mineralölbranche mit einem besonderen Fokus auf Industrie- und Spezialschmierstoffe. Zuvor war sie Abteilungsleiterin Schmierstoffe beim VSI Verband Schmierstoff-Industrie e. V., der zum 1. Oktober 2025 im Zuge der Verbandsfusion in die UNITI integriert wurde. Sie absolvierte ihr Bachelorstudium in Vertriebsmanagement und Marketing an der Hochschule Schmalkalden sowie ein weiterführendes Studium zum Korrosions- Expert an der Montanuniversität Leoben, Fakultät Werkstofftechnik und Analytische Chemie. Vor ihrer Tätigkeit im Verband war sie über 15 Jahre bei einem Spezialschmierstoffhersteller in verschiedenen Führungspositionen tätig und erwarb dort umfassende Expertise in den Bereichen Formen- und Trennmittel, Korrosionsschutz und Industrieschmierstoffe. MEDIENTIPP Gerhard Puhlmann Wirtschaftsethik und Corporate Governance 1. Auflage 2026, 264 Seiten ISBN print 978-3-381-15461-6 ISBN eBook 978-3-381-15462-3 DOI 10.24053/ 9783381154623 Ladenpreis print €[D] 34,90 Ladenpreis eBook €[D] 27,99 Unternehmen agieren in globalen Märkten, in denen Innovationen, ökologische Herausforderungen, gesellschaftliche Erwartungen und eine zunehmende Regulierung aufeinandertreffen. Zugleich verschärfen geopolitische Konflikte und Kriege die Risiken vor allem für die direkt betroffenen Menschen, aber auch für die weltweite Wirtschaft. Gleichzeitig wachsen die Forderungen an ein verantwortungsvolles Handeln von Unternehmen. Entscheidungen, die sich allein an Effizienz oder kurzfristigen Erfolgskennzahlen orientieren, gelten als nicht mehr ausreichend. Dieses Buch zeigt, dass Wirtschaft, Ethik und Corporate Governance untrennbar miteinander verbunden sind. Denn sie bilden das Fundament einer modernen, zukunftsfähigen Unternehmensführung. Wer verstehen will, wie Unternehmen heute geführt werden sollten, muss alle drei Perspektiven berücksichtigen. Gerhard Puhlmann Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmanagement 1. Auflage 2026, 296 Seiten ISBN print 978-3-381-16111-9 ISBN eBook 978-3-381-16112-6 DOI 10.24053/ 9783381161126 Ladenpreis print €[D] 34,90 Ladenpreis eBook €[D] 27,99 Das Buch „Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmanagement“ zeigt im ersten Teil, wie sich Nachhaltigkeit historisch entwickelt hat, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen sie umfasst, welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten und wie globale Herausforderungen die Anforderungen im internationalen Vergleich verändern. Im zweiten Teil steht das Nachhaltigkeitsmanagement in Unternehmen selbst im Mittelpunkt, dessen strategische Verankerung, die operative Umsetzung, die Messung und Berichterstattung, nationale und internationale Entwicklungen sowie Erwartungen für die Zukunft. Fallstudien, Aufgaben und ergänzende Erklärvideos ermöglichen eine praxisnahe Vertiefung der theoretischen Grundlagen. UVK Verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 22 Fachartikel | Spritzgießmaschinen im Wandel schinenkonzepte, steigende Anforderungen an Energieeffizienz sowie zunehmende Digitalisierung verändern die technischen Rahmenbedingungen moderner Spritzgießanlagen. Parallel dazu verschieben sich die globalen Marktstrukturen im Maschinenbau deutlich. Während europäische Hersteller lange Zeit eine technologische Führungsrolle einnahmen, gewinnen asiatische Anbieter zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklungen betreffen nicht nur Maschinenhersteller und Kunststoffverarbeiter. Auch die Schmierstoffindustrie steht vor neuen Herausforderungen. Moderne Spritzgießmaschinen stellen steigende Anforderungen an Schmierstoffe, Fluidmanagement und Systemsauberkeit. Schmierstoffe entwickeln sich damit zunehmend von einem klassischen Betriebsstoff zu einem integralen Bestandteil moderner Maschinenkonzepte. (Bild: Maschine? ) Globaler Markt für Kunststoffverarbeitungsmaschinen Der weltweite Markt für Kunststoffverarbeitungsmaschinen wächst weiterhin stabil. Marktforschungsanalysen gehen davon aus, dass das globale Marktvolumen von rund 31 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf etwa 40 Milliarden US-Dollar bis zum Ende dieses Jahrzehnts steigen wird. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 4,5 % (Quelle: Mordor Intelligence, Global Market Insights). Innerhalb dieses Marktes nimmt das Spritzgießen weiterhin den größten Anteil ein, gefolgt von Verfahren wie Extrusion, Blasformen und Thermoformen. Aufgrund seiner hohen Produktivität, guten Automatisierbarkeit und der Möglichkeit, komplexe Bauteilgeometrien wirtschaftlich herzustellen, bleibt das Spritzgießverfahren die dominierende Technologie der industriellen Kunststoffverarbeitung. Regional zeigt sich jedoch eine deutliche Verschiebung der Marktanteile. Der asiatisch-pazifische Raum entwickelt sich zunehmend zum dominierenden Zentrum der Kunststoffverarbeitung. Haupttreiber sind insbesondere die Automobilindustrie, Verpackungsanwendungen sowie Konsumgüter. Besonders die dynamische Entwicklung der Elektromobilität führt zu einer steigenden Nachfrage nach Kunststoffkomponenten für Batteriesysteme, Leistungselektronik, Sensorik und thermische Managementsysteme. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Geschäftszahlen der Maschinenhersteller wider. Während einige europäische Anbieter zuletzt mit konjunkturellen Schwankungen konfrontiert waren, konnten mehrere asiatische Hersteller deutliche Wachstumsraten erzielen. Für europäische Maschinenbauer bedeutet dies eine zunehmende Differenzierung über Technologie, Prozessintegration, Automatisierung und Energieeffizienz. Funktionsprinzip des Spritzgießverfahrens Das Spritzgießverfahren basiert auf dem Prinzip, thermoplastische Kunststoffe aufzuschmelzen und unter hohem Druck in eine Form zu injizieren. Dort erstarrt das Material und bildet das gewünschte Bauteil.Eine moderne Spritzgießmaschine besteht im Wesentlichen aus zwei zentralen Baugruppen: der Spritzeinheit und der Schließeinheit. Die Spritzeinheit übernimmt die Plastifizierung des Kunststoffmaterials. Kunststoffgranulat gelangt über einen Einfülltrichter in einen beheizten Zylinder, in dem sich eine rotierende Schnecke befindet. Diese transportiert das Material nach vorne, plastifiziert es durch Reibung und Wärme und baut gleichzeitig Druck auf. Die aufgeschmolzene Kunststoffmasse wird anschließend über die Düse in das geschlossene Werkzeug eingespritzt. Die Schließeinheit hält das Werkzeug während des Einspritzvorgangs sicher geschlossen und erzeugt die notwendige Schließkraft, um den Einspritzdruck aufzunehmen. Der Produktionszyklus umfasst dabei mehrere Prozessphasen: Schließen des Werkzeugs, Plastifizieren des Kunststoffs, Einspritzen der Schmelze, Nachdruckphase zur Bauteilverdichtung, Abkühlung und Erstarrung sowie Öffnen des Werkzeugs und Auswerfen des Bauteils. (Bild: Funktionsteile? ) Industriezweige und Anwendungen Spritzgussteile finden heute in nahezu allen Industriezweigen Anwendung. Besonders bedeutend ist das Verfahren in der Automobilindustrie. Kunststoffkomponenten werden sowohl im Innenraum als auch im Motorraum eingesetzt, beispielsweise für Armaturenbrettstrukturen, Lüftungssysteme, Gehäuse für Steuergeräte oder Steckverbinder. Mit der zunehmenden Elektrifizierung des Antriebsstrangs wächst zusätzlich der Bedarf an Kunststoffteilen für Batteriegehäuse, Sensorträger, Stecksysteme und Komponenten des Thermomanagements. Auch die Elektro- und Elektronikindustrie nutzt das Spritzgießverfahren intensiv. Gehäuse für elektronische Geräte, Steckverbinder, Isolatoren und zahlreiche Mikrokomponenten werden im Spritzgießverfahren gefertigt. In diesem Bereich sind enge Toleranzen, geringe Formabweichungen und eine hohe Reproduzierbarkeit entscheidend. In der Medizintechnik werden beispielsweise Einwegspritzen, Diagnosegeräte oder chirurgische Instrumente aus Kunststoff hergestellt. Diese Anwendungen stellen besonders hohe Anforderungen an Prozessstabilität, Materialreinheit und dokumentierbare Produktionsbedingungen. Darüber hinaus spielt das Spritzgießen eine zentrale Rolle in der Verpackungsindustrie sowie bei Kon- 23 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 Fachartikel-|-Spritzgießmaschinen im Wandel sumgütern, Haushaltsgeräten und technischen Industriegütern. Das Verfahren bleibt damit in zahlreichen Zukunftsbranchen fest verankert und profitiert von Trends wie Miniaturisierung, Funktionsintegration und Leichtbau. Antriebskonzepte moderner Spritzgießmaschinen Moderne Spritzgießmaschinen lassen sich grundsätzlich in drei Kategorien einteilen: hydraulische Maschinen, vollelektrische Maschinen und Hybridspritzgießmaschinen. Hydraulische Maschinen nutzen Hydraulikpumpen und Zylinder, um die verschiedenen Bewegungen innerhalb der Maschine zu erzeugen. Dieses Konzept ist robust, bewährt und vor allem bei hohen Schließkräften sowie großen Werkzeugen weiterhin weit verbreitet. Elektrische Maschinen verwenden dagegen Servomotoren und mechanische Antriebssysteme wie Kugelgewindetriebe oder Rollengewindetriebe. Sie zeichnen sich durch hohe Präzision, gute Regelbarkeit, niedrige Geräuschemissionen und einen im Vergleich oft geringeren Energieverbrauch aus. Insbesondere in der Elektronik-, Präzisions- und Medizintechnik haben sich vollelektrische Konzepte etabliert. Hybridmaschinen kombinieren beide Technologien. Häufig wird eine elektrische Spritzeinheit mit einer hydraulischen Schließeinheit kombiniert. Damit lassen sich die Präzisionsvorteile elektrischer Antriebe mit den Kraftreserven hydraulischer Systeme verbinden. (Bild-Funktionen des Spritzgussprozesses? ) Tribologische Belastungen im Spritzgießprozess Spritzgießmaschinen arbeiten unter besonders anspruchsvollen tribologischen Betriebsbedingungen. Während des Spritzgießzyklus wirken hohe mechanische Kräfte, starke Temperaturgradienten und dynamische Lastwechsel auf zahlreiche Maschinenkomponenten. Gleichzeitig müssen die Anlagen häufig im Dauerbetrieb mit sehr kurzen Zykluszeiten arbeiten. In industriellen Anwendungen können moderne Spritzgießmaschinen mehrere tausend Produktionszyklen pro Tag durchführen. Diese Kombination aus hohen Belastungen und kontinuierlichem Betrieb stellt erhebliche Anforderungen an die tribologischen Systeme innerhalb der Maschine. Während des Einspritzvorgangs wird die plastifizierte Kunststoffschmelze mit hohem Druck in das Werkzeug injiziert. Der Einspritzdruck kann mehrere hundert Megapascal erreichen, während die Schließeinheit Kräfte von mehreren hundert bis zu mehreren tausend Kilonewton auf bringen muss, um das Werkzeug sicher geschlossen zu halten. Diese Kräfte werden über mechanische Strukturen wie Kniehebelmechaniken, Führungen oder Spindelantriebe übertragen. An den Kontaktflächen dieser Bauteile entstehen hohe Flächenpressungen, die unter ungünstigen Bedingungen zu Misch- oder Grenzreibungszuständen führen können. Zusätzlich treten erhebliche thermische Belastungen auf. Die Kunststoffschmelze erreicht je nach Polymer häufig Temperaturen zwischen 200 und 300 °C. Auch wenn diese Temperaturen nicht unmittelbar auf alle Maschinenkomponenten übertragen werden, entstehen in der Umgebung der Plastifizier- und Einspritzeinheit erhebliche Wärmeeinträge. Reibungsverluste in mechanischen Komponenten sowie hydraulische Verluste im Fluid führen zusätzlich zu lokalen Temperaturerhöhungen. Unter diesen Bedingungen müssen Schmierstoffe eine stabile Schmierfilmbildung gewährleisten, um direkten metallischen Kontakt zwischen den Bauteiloberflächen zu vermeiden. Ein tragfähiger Schmierfilm reduziert nicht nur Reibung, sondern verhindert auch Verschleißmechanismen wie adhäsiven und abrasiven Verschleiß, Mikropitting oder Oberflächenermüdung. Gleichzeitig müssen Schmierstoffe oxidationsstabil sein, thermische Beanspruchung verkraften und gegenüber Prozessmedien sowie Kunststoffadditiven beständig bleiben. Eine sorgfältige Abstimmung zwischen Maschinenkonstruktion, Schmierstoffauswahl und Wartungsstrategie ist daher eine wesentliche Voraussetzung für den wirtschaftlichen Betrieb moderner Spritzgießanlagen. Schmierstellen moderner Spritzgießmaschinen Die tribologischen Systeme innerhalb moderner Spritzgießmaschinen sind vielfältig und umfassen eine große Zahl bewegter Komponenten, die unter sehr unterschiedlichen Betriebsbedingungen arbeiten. Je nach Maschinenkonzept - hydraulisch, elektrisch oder hybrid - variieren Anzahl, Position und Belastung der einzelnen Schmierstellen erheblich. Grundsätzlich lassen sich die Schmierstellen den Bereichen Schließeinheit, Spritzeinheit, Antriebssysteme sowie Werkzeug- und Peripheriesysteme zuordnen. Eine der wichtigsten tribologischen Baugruppen ist die Schließeinheit. Sie sorgt dafür, dass das Spritzgießwerkzeug während des Einspritzvorgangs mit ausreichender Kraft geschlossen bleibt, um dem hohen Druck der Kunststoffschmelze standzuhalten. Abhängig vom Maschinentyp können hier Schließkräfte von mehreren hundert bis zu mehreren tausend Kilonewton auftreten. Besonders verbreitet sind Kniehebelmechaniken, die hohe Kräfte bei gleichzeitig kompakter Bauweise ermöglichen. Innerhalb dieser Mechanik befinden sich zahlreiche Gelenke, Bolzen, Lagerstellen und Führungen. Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 24 Fachartikel | Spritzgießmaschinen im Wandel Während der Produktionszyklen werden diese Komponenten ständig beschleunigt, belastet und wieder entlastet. Die Schmierstoffe müssen daher hohe Druckbelastungen aufnehmen können und gleichzeitig eine zuverlässige Schmierfilmbildung gewährleisten. Häufig kommen hier Hochleistungsschmierfette mit EP-Additivierung und guten Haftungseigenschaften zum Einsatz. Neben den Gelenkstellen der Kniehebelmechanik spielen auch die Linearführungen der Schließeinheit eine zentrale Rolle. Diese Führungen sorgen für eine präzise Bewegung der Werkzeugplatten und müssen gleichzeitig hohe Lasten aufnehmen. Eine gleichmäßige Schmierung ist hier entscheidend, um Stick-Slip- Effekte, erhöhten Reibwiderstand und Verschleiß zu vermeiden. Ein weiterer zentraler tribologischer Bereich befindet sich in der Spritzeinheit. Hier wird das Kunststoffgranulat plastifiziert und anschließend in das Werkzeug eingespritzt. Die Schnecke innerhalb des Plastifizierzylinders ist während des Betriebs hohen thermischen und mechanischen Belastungen ausgesetzt. Auch wenn die Schnecke selbst meist nicht direkt geschmiert wird, spielen angrenzende Lager- und Antriebssysteme eine wichtige Rolle für die tribologische Stabilität der Einheit. Mit der zunehmenden Elektrifizierung moderner Spritzgießmaschinen haben sich zusätzliche tribologische Anforderungen ergeben. In vollelektrischen Maschinen werden viele Bewegungen durch Kugelgewindetriebe oder Rollengewindetriebe erzeugt. Diese mechanischen Antriebssysteme ermöglichen hochpräzise Bewegungen der Spritzeinheit und der Werkzeugplatten, arbeiten aber gleichzeitig unter hohen dynamischen Belastungen mit schnellen Beschleunigungs- und Bremsvorgängen. Kugelgewindetriebe benötigen Schmierstoffe mit niedrigen Reibungskoeffizienten, hoher Druckaufnahmefähigkeit und guter Alterungsbeständigkeit. Gleichzeitig muss die Schmierung zuverlässig genug sein, um Verschleiß und Mikropitting an den Kontaktflächen zwischen Kugeln und Lauf bahnen zu verhindern. Ähnliches gilt für Linearführungen elektrischer Maschinen, die eine präzise Positionierung von Werkzeug und Spritzeinheit sicherstellen und gleichzeitig hohe Kräfte aufnehmen müssen. Auch Elektromotoren und Getriebe der Antriebssysteme stellen wichtige tribologische Systeme dar. Lagerstellen innerhalb der Motoren müssen häufig über lange Zeiträume hinweg zuverlässig geschmiert werden. Hier kommen häufig Hochleistungsschmierfette mit hoher thermischer Stabilität und langer Gebrauchsdauer zum Einsatz. Neben den zentralen Maschinenbaugruppen müssen auch zahlreiche Komponenten der Werkzeugmechanik geschmiert werden. Dazu zählen Werkzeugführungen, Auswerfermechanismen sowie bewegliche Elemente innerhalb der Formwerkzeuge. Während des Produktionsprozesses öffnen und schließen sich die Werkzeuge in sehr kurzen Zeitintervallen, wodurch diese Bauteile stark belastet werden. Geeignete Schmierstoffe sorgen dafür, dass diese Bewegungen reibungsarm erfolgen und gleichzeitig ein zuverlässiger Verschleißschutz gewährleistet wird. Ergänzend kommen im Bereich der Werkzeugtechnik häufig spezielle Trenn- und Prozessmedien zum Einsatz, die das Entformen erleichtern, Oberflächen schützen und hohe Schusszahlen unterstützen. Schmierstoffe nach Maschinentyp Die Anforderungen an Schmierstoffe variieren erheblich je nach Maschinentyp und Antriebskonzept. Während hydraulische Maschinen stark auf die Eigenschaften des Hydrauliköls angewiesen sind, benötigen elektrische Maschinen eine Vielzahl mechanischer Schmierstoffe für ihre Antriebssysteme. In hydraulischen Spritzgießmaschinen steht das Hydrauliköl im Mittelpunkt. Es übernimmt gleichzeitig mehrere Funktionen: die Übertragung mechanischer Energie, die Schmierung bewegter Komponenten, die Wärmeabfuhr aus dem System sowie den Schutz vor Korrosion und Verschleiß. Moderne Hydrauliköle müssen daher eine hohe thermische Stabilität besitzen und zugleich stabile Viskositätseigenschaften über einen breiten Temperaturbereich aufweisen. Additivpakete sorgen für Verschleißschutz, Oxidationsstabilität, Korrosionsschutz und gute Luftabscheidung. Gleichzeitig ist eine hohe Filtrierbarkeit entscheidend, um Partikelverunreinigungen aus dem System zu entfernen. Elektrische Spritzgießmaschinen stellen andere Anforderungen. Da hier viele Bewegungen durch mechanische Antriebssysteme erzeugt werden, spielen Schmierfette und Spezialschmierstoffe eine besonders wichtige Rolle. Kugelgewindetriebe, Linearführungen und Lager benötigen Schmierstoffe, die hohe Druckbelastungen aufnehmen können und zugleich geringe Reibwerte ermöglichen. Gleichzeitig müssen diese Schmierstoffe alterungsbeständig sein, da Wartungsintervalle in modernen Produktionsanlagen möglichst lang gehalten werden sollen. Hybridmaschinen kombinieren hydraulische und elektrische Antriebssysteme und vereinen damit die Anforderungen beider Technologien. Neben Hydraulikölen werden hier zahlreiche Schmierfette und Spezialschmierstoffe für mechanische Komponenten eingesetzt. Die tribologischen Systeme solcher Maschinen sind daher besonders komplex und erfordern ein umfassendes Schmierstoffmanagement. Priorisierung der Schmierung in der Wartungsstrategie Von Spritzgussanlagen wird erwartet, dass sie unter extremen Betriebsbedingungen zuverlässig arbeiten. MEDIENTIPP Walter Holweger, Joachim Schulz Wechselwirkung von Additiven mit Metalloberflächen Tribologie - Schmierung, Reibung, Verschleiß 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2022, 249 Seiten ISBN print 978-3-8169-3543-8 ISBN eBook 978-3-8169-8543-3 DOI 10.24053/ 9783816985433 Ladenpreis print €[D] 88,00 Ladenpreis eBook €[D] 70,40 + kritische Auswertung vorhandener Literatur und bestehender Modelle + hilft Probleme des Arbeitsalltags besser zu verstehen + Grundlage zu weiteren Arbeiten und Diskussionen In der Ausbildung von Maschinenbauer: innen und Fertigungstechniker: innen wird auf die Schmierstoffe nur so weit eingegangen, als diese existieren und einen Einfluss auf die Tribosysteme haben. Eine tiefergehende Beschäftigung findet mit Hinweis auf die komplexen chemischen Zusammenhänge nicht statt. Das vorliegende Buch bringt Licht in die „dunkle“ Seite der Tribologie und erklärt die Funktion des „Zwischenstoffs“. Dazu wird die bestehende Literatur kritisch ausgewertet. Ergänzend werden Modelle vorgestellt. Die Monografie verhilft den Lesenden zu einem besseren Verständnis der Wechselwirkungen auf der Metalloberfläche und in der Randschicht von Bauteilen. expert verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 26 Fachartikel | Spritzgießmaschinen im Wandel Während des Produktionsprozesses wirken hohe mechanische Kräfte, wechselnde Temperaturbedingungen und kurze Zykluszeiten auf die Maschinenkomponenten ein. Gleichzeitig müssen die Anlagen über viele Jahre hinweg zuverlässig produzieren. Unter diesen Bedingungen gewinnt die Priorisierung der Schmierung innerhalb der Wartungsstrategie zunehmend an Bedeutung. Eine gezielte Auswahl und Überwachung von Schmierstoffen kann wesentlich dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit der Maschinen zu erhalten und ungeplante Stillstände zu vermeiden. Durch eine optimierte Schmierstoffstrategie lassen sich mehrere wirtschaftliche Vorteile erzielen. Dazu zählen unter anderem kürzere Anlaufzeiten nach Wartungsarbeiten, geringere Reibungsverluste innerhalb der Maschine sowie optimierte Zykluszeiten im Produktionsprozess. Gleichzeitig können Verschleißprozesse reduziert und Wartungsintervalle verlängert werden. Ein systematisches Schmierstoffmanagement umfasst dabei nicht nur die Auswahl geeigneter Schmierstoffe, sondern auch deren regelmäßige Überwachung sowie eine saubere Handhabung während Wartungsarbeiten. Gerade in hochautomatisierten Produktionsanlagen kann eine konsequente Schmierstrategie entscheidend dazu beitragen, die Gesamtbetriebskosten zu senken und die Anlagenverfügbarkeit zu erhöhen. Fluidmanagement und Ölreinheit Mit steigender Leistungsdichte moderner Spritzgießmaschinen gewinnt ein systematisches Fluidmanagement zunehmend an Bedeutung. Hydrauliksysteme moderner Anlagen arbeiten mit hohen Drücken, engen Spaltmaßen und hohen Dynamiken. Bereits geringste Verunreinigungen oder Veränderungen der Ölqualität können daher erhebliche Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit der Komponenten haben. Hydrauliköl übernimmt in Spritzgießmaschinen mehrere zentrale Aufgaben gleichzeitig: Es dient als Energieträger zur Übertragung mechanischer Leistung, gewährleistet die Schmierung bewegter Bauteile innerhalb von Pumpen, Ventilen und Zylindern, transportiert Wärme aus dem System und schützt Komponenten vor Korrosion und Verschleiß. Damit ist das Hydrauliköl ein zentrales Funktionsmedium der Maschine, dessen Zustand direkten Einfluss auf Effizienz, Prozessstabilität und Anlagenlebensdauer hat.Ein entscheidender Faktor für die Leistungsfähigkeit hydraulischer Systeme ist die Reinheit des Hydrauliköls. Moderne Hydraulikkomponenten verfügen über sehr kleine Toleranzen und empfindliche Steuerkanten. Partikelverunreinigungen können daher bereits bei sehr niedrigen Konzentrationen zu Schäden führen. Typische Schadensmechanismen sind abrasiver Verschleiß an Pumpenelementen, Erosion von Ventilsteuerkanten oder Blockaden feiner Steuerbohrungen. Besonders kritisch sind metallische Partikel sowie abrasive Feststoffe, die während des Betriebs entstehen oder von außen eingetragen werden können, etwa bei Wartungsarbeiten oder beim Ölwechsel. Um solche Schäden zu vermeiden, ist eine konsequente Filtration des Hydrauliköls erforderlich. Moderne Spritzgießmaschinen werden daher häufig mit mehrstufigen Filtersystemen ausgestattet. Diese bestehen typischerweise aus Druckfiltern, Rücklauffiltern und teilweise zusätzlichen Nebenstromfiltern. Während Druckfilter empfindliche Komponenten wie Ventile oder Servosysteme schützen, sorgen Rücklauffilter dafür, dass Partikel bereits beim Rückfluss des Öls in den Tank entfernt werden. Neben der klassischen Filtration gewinnt auch die Nebenstromfiltration zunehmend an Bedeutung. Dabei wird ein Teilstrom des Hydrauliköls kontinuierlich durch ein hochfeines Filtersystem geleitet. Dieses Verfahren ermöglicht eine besonders effektive Reinigung des Öls und trägt dazu bei, langfristig niedrige Partikelkonzentrationen im System zu gewährleisten. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Fluidmanagements ist die Kontrolle der Luft- und Wasseranteile im Hydrauliköl. Lufteinschlüsse können zu Kavitation in Hydraulikpumpen führen und damit zu erhöhter Geräuschentwicklung, Leistungseinbußen und mechanischen Schäden. Wasser im Hydrauliköl kann dagegen Korrosionsprozesse fördern, die Schmierfähigkeit des Öls reduzieren und die Lebensdauer von Additiven verkürzen. Moderne Hydrauliköle verfügen daher über optimierte Eigenschaften zur schnellen Luftabscheidung sowie zur kontrollierten Wassertrennung. Gleichzeitig ist eine regelmäßige Überwachung des Wassergehalts im Öl Bestandteil eines effektiven Fluidmanagements. Ein weiterer zentraler Bestandteil eines professionellen Fluidmanagements ist die regelmäßige Analyse des Ölzustands. Durch Ölzustandsanalysen lassen sich wichtige Parameter wie Viskosität, Oxidationszustand, Additivabbau, Partikelgehalt und Wasseranteil überwachen. Diese Daten ermöglichen eine frühzeitige Erkennung von Verschleißprozessen oder beginnender Ölalterung. In vielen modernen Produktionsanlagen wird das Fluidmanagement daher zunehmend digital unterstützt. Sensorbasierte Überwachungssysteme können beispielsweise kontinuierlich den Partikelgehalt oder die Feuchtigkeit im Hydrauliköl messen. Solche Systeme ermöglichen eine zustandsbasierte Wartung und tragen dazu bei, ungeplante Maschinenstillstände zu vermeiden. Auch organisatorische Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle für ein erfolgreiches Fluidmanagement. Dazu gehören unter anderem saubere Befüllprozesse, der Einsatz geeigneter Filtereinrichtungen 27 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 Fachartikel-|-Spritzgießmaschinen im Wandel beim Ölwechsel sowie eine sorgfältige Lagerung von Schmierstoffen. Selbst kleinste Verunreinigungen, die beim Nachfüllen von Öl in das System gelangen, können langfristig die Lebensdauer empfindlicher Hydraulikkomponenten beeinträchtigen. Ein professionelles Fluidmanagement umfasst daher den gesamten Lebenszyklus des Hydrauliköls - von der Lagerung über die Befüllung und Filtration bis hin zur regelmäßigen Zustandsüberwachung. Durch diese Maßnahmen lassen sich Verschleißprozesse reduzieren, Wartungsintervalle verlängern und die Betriebssicherheit von Spritzgießmaschinen nachhaltig verbessern. Gerade in Produktionsumgebungen mit hohen Maschinenlaufzeiten und kurzen Zykluszeiten trägt ein optimiertes Fluidmanagement entscheidend dazu bei, die Anlagenverfügbarkeit zu erhöhen und die Gesamtbetriebskosten zu senken. Zukunftsperspektiven im Spritzguss Die Zukunft der Spritzgusstechnologie wird durch mehrere Trends geprägt. Dazu zählen insbesondere die zunehmende Elektrifizierung der Maschinen, die Integration digitaler Produktionssysteme sowie neue Werkstoffkonzepte. Auch die Digitalisierung wird die Kunststoffverarbeitung nachhaltig verändern. Sensorbasierte Systeme ermöglichen eine kontinuierliche Überwachung von Maschinenzuständen und Schmierstoffen. Dadurch werden zustandsorientierte Wartungsstrategien und eine präzisere Prozessführung weiter an Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus gewinnen nachhaltige Werkstoffe und Recyclingkunststoffe zunehmend an Bedeutung. Damit steigen auch die Anforderungen an Prozessführung, Materialhandhabung und tribologische Auslegung von Maschinen und Werkzeugen. Zusammenfassung Der Kunststoff-Spritzguss bleibt eines der wichtigsten industriellen Fertigungsverfahren weltweit. Gleichzeitig befindet sich die Branche in einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Elektrische und hybride Maschinenkonzepte, steigende Anforderungen an Energieeffizienz sowie neue Anwendungen in Zukunftsindustrien verändern die technischen Rahmenbedingungen der Kunststoffverarbeitung. Damit steigen auch die Anforderungen an Schmierstoffe. Moderne Schmierstofflösungen müssen heute eine Vielzahl von Eigenschaften gleichzeitig erfüllen. Die Leistungsfähigkeit moderner Spritzgießmaschinen hängt daher nicht nur von mechanischer Konstruktion und Antriebstechnik ab - auch Schmierstoffe sind ein entscheidender Faktor für Effizienz, Prozessstabilität und Anlagenverfügbarkeit. »« Eingangsabbildung: © bird_ saranyoo - stock.adobe.com