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Schmierstoff + Schmierung
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Diana Schneider über Lebensmittelschmierstoffe: Wenn Technik unter Produktsicherheitsvorbehalt steht

0824
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Diana Schneider
Elisabeth Götze
sus720031
31 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 20 MInuten MIt … Diana Schneider über Lebensmittelschmierstoffe: Wenn Technik unter Produktsicherheitsvorbehalt steht Hydrauliköle, Getriebeöle, Kompressorenöle oder Schmierfette sind in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie unverzichtbare Betriebsmittel. Gleichzeitig stehen sie wie kaum ein anderer Schmierstoff bereich im Spannungsfeld aus technischer Performance, Lebensmittelsicherheit, Auditfähigkeit und internationaler Regulierung. Wir sprechen mit Diana Schneider von ExxonMobil über H1-Schmierstoffe, MOSH/ MOAH, Kosher- und Halal-Anforderungen, Formulierungsgrenzen und die Frage, warum Monitoring in Lebensmittelbetrieben längst zum entscheidenden Sicherheitsfaktor geworden ist. E Götze: Frau Schneider, Hydrauliköle gelten in der Lebensmitteltechnik häufig als „unsichtbarer Risikofaktor“. Warum rücken sie aktuell stärker in den Fokus? D. Schneider: Hydrauliköle gehören in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie zu den unverzichtbaren Betriebsmitteln. Sie übernehmen zentrale Funktionen in Pressen, Formanlagen, Fördertechnik, Abfüllanlagen und Verpackungslinien. Ohne sie wären Präzision, Zuverlässigkeit und Prozesssicherheit in vielen Anlagen kaum denkbar. Gleichzeitig können sie - etwa durch Leckagen, Wartungsfehler oder unsaubere Umfüllprozesse - unbeabsichtigt in Kontakt mit Lebensmitteln oder lebensmittelnahen Bereichen kommen. Gerade offene Produktionsbereiche sind besonders sensibel: Fleisch-, Milch- und Backwarenverarbeitung, Abfülllinien, Verpackungsanlagen oder Anwendungen, bei denen hydraulische Komponenten oberhalb oder in unmittelbarer Nähe des Produkts verbaut sind. Hinzu kommt, dass Lebensmittelbetriebe sehr intensiv reinigen - häufig mit Wasser, Hochdruck, Reinigungschemie und kurzen Stillstandsfenstern. Das ist für Hydrauliksysteme, Dichtungen und Schmierstoffe technisch extrem anspruchsvoll. Der entscheidende Punkt ist: Schmierstoffe und insbesondere Hydrauliköle, Schmierfette etc. dürfen in solchen Umgebungen nicht mehr nur als technisches Betriebsmittel betrachtet werden. Sie sind Teil eines umfassenden Lebensmittelsicherheitskonzepts. Welche regulatorischen Anforderungen sind dafür maßgeblich? Der zentrale internationale Standard bleibt NSF H1. Die National Sanitation Foundation International, kurz: NFS. ist eine unabhängige, weltweit anerkannte Zertifizierungsorganisation, die u. a. Schmierstoffe für den Einsatz in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie bewertet und registriert. H1-Schmierstoffe sind für Anwendungen vorgesehen, bei denen ein gelegentlicher, technisch unvermeidbarer Lebensmittelkontakt nicht ausgeschlossen Diana Schneider Technology Solution Professional - Finished Lubricants Technology | ESSO Deutschland GmbH Elisabeth Götze Elisabeth Götze, ist Regionalleiterin Schmierstoffe bei der UNITI Bundesverband EnergieMittelstand e. V. Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 32 20 Minuten mit … | Diana Schneider über Lebensmittelschmierstoffe werden kann. Wichtig ist aber: H1 bedeutet nicht, dass ein Schmierstoff absichtlich mit Lebensmitteln in Kontakt kommen darf. Ziel ist immer, Kontaminationen zu vermeiden. H1 beschreibt den Sicherheitsrahmen für den Fall, dass es trotz geeigneter Maßnahmen zu einem unbeabsichtigten Kontakt kommt. Die NSF-Registrierung bewertet dabei insbesondere Formulierung und Kennzeichnung eines Produkts. Daneben gibt es weitere Kategorien wie H2, H3 oder 3H, die klar unterschieden werden müssen. H2 betrifft Schmierstoffe ohne Lebensmittelkontakt, H3 wird für bestimmte lösliche Öle verwendet, während 3H-Produkte für direkten Lebensmittelkontakt geeignet sein können. Diese Differenzierung ist in der Praxis sehr wichtig, weil „NSF-registriert“ nicht automatisch „H1“ bedeutet. NSF verweist zudem darauf, dass ISO 21469 über die reine Produktbewertung hinausgeht und Hygieneanforderungen an Formulierung, Herstellung und Verwendung von Schmierstoffen adressiert, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen können. Die Norm ist international anerkannt und laut NSF in Brasilien bereits gesetzlich vorgeschrieben. In Lebensmittelbetrieben bildet das HACCP- Konzept (Hazard Analysis and Critical Control Points) den zentralen Bewertungsrahmen für die Lebensmittelsicherheit. Schmierstoffe - darunter Hydrauliköle, Getriebeöle, Kompressorenöle und Fette - werden im Rahmen der Gefahrenanalyse systematisch als potenzielle chemische Gefahrenquelle eingeordnet, insbesondere bei produktnahen Anwendungen. Entscheidend ist dabei nicht allein die H1-Registrierung eines Schmierstoffs, sondern die ganzheitliche Bewertung seines Einsatzes im Prozess: Anlagenlayout, potenzielle Leckagepfade, Reinigungs- und Wartungsprozesse sowie Kennzeichnung und Dokumentation müssen strukturiert analysiert und kontinuierlich überwacht werden. Abhängig vom jeweiligen Risikoprofil werden Schmierstellen als kritische Kontrollpunkte (CCP) oder operative Lenkungspunkte (OPRP) klassifiziert. Damit wird deutlich: Schmierstoffe sind kein isoliertes Produktmerkmal, sondern integraler Bestandteil eines belastbaren Lebensmittelsicherheits- und HACCP-Systems. Wie hat sich die Praxis in den Betrieben verändert? Deutlich. Früher mussten Anbieter das Thema Lebensmittelschmierstoffe oft aktiv ansprechen. Heute ist es Bestandteil nahezu jedes Audits. Lebensmittelhersteller müssen entlang der gesamten Wertschöpfungskette nachweisen können, dass Risiken erkannt, bewertet und beherrscht werden - vom Rohstoff über die Verarbeitung bis zu Verpackung, Lagerung und Transport. Das betrifft nicht nur große internationale Marken. Auch kleinere Betriebe, etwa Saftabfüllungen, Bäckereien oder regionale Verarbeiter, stehen zunehmend unter Auditdruck. Gerade dort ist der Beratungsbedarf häufig hoch, weil die Anforderungen komplexer werden und Ressourcen begrenzt sind. Ein aktuelles Reizthema ist MOSH/ MOAH. Wie ordnen Sie die Diskussion ein? MOSH/ MOAH ist fachlich wichtig, aber in der Praxis nicht immer einfach zu bewerten. Zunächst muss man unterscheiden: Die aktuelle Diskussion und Regulierung richtet sich primär auf Lebensmittelbefunde - nicht direkt auf Schmierstoffe. Schmierstoffe können jedoch als mögliche Eintragsquelle betrachtet werden, wenn sie in der Ursachenanalyse identifiziert werden. Wir bevorzugen auch die Einordnung 33 Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 20 Minuten mit …-|-Diana Schneider über Lebensmittelschmierstoffe zu MOSH/ MOAH, dass der regulatorische Fokus nicht auf einem pauschalen Verbot MOSH-haltiger Schmierstoffe liegt, sondern auf MOAH-Gehalten, Eintragsrelevanz sowie Lieferketten- und Prozesskontrolle. Für H1-Schmierstoffe bleibt entscheidend: Sie unterliegen bereits strengen Anforderungen an zulässige Grundöle und Additive. Viele moderne H1- Schmierstoffe basieren auf PAO oder hochreinen Weißölen. Bei PAO ist wichtig zu verstehen, dass diese synthetischen Grundöle zwar analytisch im MOSH-Fenster unterhalb des Grenzbereiches erscheinen können, aber strukturell und toxikologisch nicht mit mineralölbasierten MOSH/ MOAH-Fraktionen gleichgesetzt werden sollten. Wir weisen explizit in unseren Unterlagen darauf hin, dass PAO, d. h. synthetische Basisöle keine aromatischen Moleküle enthalten und daher chemisch sowie biologisch von MOAH abzugrenzen sind. Gleichzeitig können PAO in bestehenden Analysen als MOSH detektiert werden. Das ist eine der großen Herausforderungen: Die verfügbaren MOSH/ MOAH-Analysemethoden wurden für Lebensmittel und Lebensmittelkontaktmaterialien entwickelt - nicht für Schmierstoffe als nahezu reine Kohlenwasserstoffmatrix mit Additivierung. Deshalb sind isolierte Zahlenwerte ohne methodische Einordnung problematisch. Für die Praxis heißt das: MOSH/ MOAH-Befunde sollten Auslöser für Ursachenanalyse sein, aber nicht automatisch als Compliance-Verstoß interpretiert werden. Wo liegen die größten Zielkonflikte bei der Formulierung von Lebensmittelschmierstoffen? Die Formulierung ist ein Balanceakt. Auf der einen Seite stehen hohe technische Anforderungen: Verschleißschutz, Oxidationsstabilität, Luftabscheidevermögen, Filterbarkeit, Alterungsbeständigkeit, Dichtungsverträglichkeit und lange Standzeiten. Auf der anderen Seite sind die regulatorisch zulässigen Rohstoffe und Additive enger begrenzt als bei klassischen Industrieschmierstoffen. Ein Beispiel sind Additive, die technisch sehr wirksam sein können, regulatorisch aber zunehmend unter Druck geraten. Wenn ein Stoff aus Konformitätsgründen ersetzt werden muss, lässt sich seine Funktion nicht immer eins zu eins substituieren. Man kann nicht einfach „mehr“ eines anderen Additivs einsetzen. Moderne Formulierung bedeutet vielmehr, Grundölqualität, Additivchemie und Anwendung sehr präzise aufeinander abzustimmen. PAO-basierte Produkte bieten hier viele Vorteile: hohe Oxidationsstabilität, gute Alterungsbeständigkeit, niedrige Flüchtigkeit und oft gute Energieeffizienz. PAG-Produkte können in bestimmten Hochtemperatur- oder Getriebeanwendungen ebenfalls sehr leistungsfähig sein und lange Lebensdauern ermöglichen. Sie stellen aber höhere Anforderungen an Verträglichkeit, Umölung, Dichtungsmaterialien und insbesondere an den Umgang mit Wasser. In Lebensmittelbetrieben, in denen täglich nass gereinigt wird, ist das ein entscheidender Punkt. Auch synthetische Ester sind hervorragende Schmierstoffe, können aber in feucht-warmen Umgebungen hydrolyseempfindlich sein. Genau deshalb muss jede Anwendung technisch und hygienisch sauber bewertet werden. Welche Rolle spielen Kosher und Halal? Eine zunehmend große. Für global agierende Lebensmittelhersteller sind Kosher- und Halal-Zertifizierungen oft nicht mehr optional, sondern Voraussetzung für bestimmte Märkte oder Kundengruppen. Dabei geht es nicht nur um die Formulierung des Schmierstoffs, sondern auch um Rohstoffe, Additive, Produktionsprozesse, Lagerung, Kennzeichnung und Auditierung. Kosher-Zertifizierungen werden beispielsweise durch Rabbiner beziehungsweise entsprechende Zertifizierungsstellen erteilt. Dafür werden Produktion, Lager, Kennzeichnung und eingesetzte Rohstoffe betrachtet. Bei Halal ist die Situation noch komplexer, weil Anforderungen je nach Land und Zertifizierungsstelle unterschiedlich ausgelegt werden können. Malaysia gilt in vielen Bereichen als besonders streng; wer dortige Anforderungen erfüllt, hat häufig eine gute Grundlage für andere Märkte. Das zeigt: Lebensmittelschmierstoffe sind längst ein globales Spezialthema. Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um kulturelle, religiöse, regulatorische und lieferkettenbezogene Anforderungen. Wo entstehen in der Praxis die größten Kontaminationsrisiken? Selten ist allein das Produkt das Problem. Häufig entstehen Risiken aus dem System: falsche Schmierstoffauswahl, Mischverwendungen von H1- und Nicht-H1- Produkten, unzureichende Kennzeichnung, alte Anlagen, verschlissene Dichtungen, aggressive Reinigung, unsaubere Umfüllprozesse oder fehlendes Monitoring. Ein Klassiker ist die Reinigung. Lebensmittelbetriebe müssen hygienisch arbeiten, gleichzeitig können Wasser, Reinigungschemie und Hochdruckreinigung Schmierstellen, Dichtungen und Hydraulikkomponenten stark belasten. Wenn dann kein systematisches Monitoring erfolgt, werden Probleme oft erst sichtbar, wenn bereits Leckagen, Schaumbildung, Wassergehalt, Verschleiß oder Funktionsstörungen auftreten. Deshalb ist Ölzustandsüberwachung so wichtig. Sie hilft, Veränderungen früh zu erkennen - etwa Wasser, Partikel, Additivabbau oder Viskositätsänderungen. In Verbindung mit Wartungsplänen, klarer Kennzeichnung, Mitarbeiterschulung und hygienegerechtem Anlagendesign entsteht daraus ein wirksames Kontaminationsmanagement. Schmierstoff + Schmierung · 7. Jahrgang · 2/ 2026 34 20 Minuten mit … | Diana Schneider über Lebensmittelschmierstoffe Wie wichtig ist Anlagendesign? Sehr wichtig. Moderne Anlagen berücksichtigen hygienegerechtes Design deutlich stärker als früher. Hydraulikkomponenten sollten möglichst nicht direkt über offenen Produkten angeordnet sein. Wo das nicht vermeidbar ist, braucht es technische Schutzmaßnahmen wie Tropfschutz, Abschirmungen, definierte Leckageführung oder gut zugängliche Wartungspunkte. In älteren Anlagen ist das schwieriger. Dort muss man pragmatisch arbeiten: Risikoanalyse, passende Schmierstoffstrategie, klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Inspektion. Manchmal kann ein sehr modernes Produkt in einer alten Anlage auch neue Effekte sichtbar machen, weil vorherige Schwächen durch alte Schmierstoffsysteme gewissermaßen „kaschiert“ wurden. Deshalb gehört zur Umstellung immer eine technische Begleitung. Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit in diesem Segment? Nachhaltigkeit spielt eine Rolle, aber in der Lebensmittelindustrie steht Produktsicherheit klar an erster Stelle. Ein Schmierstoff kann nur dann nachhaltig sein, wenn er auch sicher, stabil und anwendungsgerecht ist. Biobasierte oder biologisch abbaubare Lösungen sind interessant, aber nicht automatisch die bessere Wahl. Gerade in feuchten, warmen oder reinigungsintensiven Umgebungen müssen Hydrolysestabilität, Korrosionsschutz, Dichtungsverträglichkeit und Lebensdauer sehr genau bewertet werden. Ein wichtiger Nachhaltigkeitshebel liegt deshalb oft in längeren Ölstandzeiten, höherer Anlagenverfügbarkeit, weniger ungeplanten Stillständen und möglicher Energieeffizienz. Hochleistungs-Hydrauliköle oder synthetische Getriebeöle können hier einen Beitrag leisten, wenn sie Reibung reduzieren, Systemwirkungsgrade verbessern und Wartungsintervalle verlängern. Was wird den Markt künftig prägen? Die Anforderungen werden weiter steigen - auch ohne dass immer sofort neue Gesetze hinzukommen. Audits, Kundenanforderungen, internationale Zertifizierungen, MOSH/ MOAH-Diskussionen, Kosher/ Halal, Transparenz entlang der Lieferkette und Dokumentationspflichten verändern den Markt bereits heute. Der größte Handlungsbedarf liegt aus meiner Sicht in drei Bereichen: erstens in klarer technischer Beratung, zweitens in belastbarer Dokumentation und drittens in einer risikobasierten Bewertung statt pauschaler Schwarz-Weiß-Betrachtungen. Nicht jeder Befund ist automatisch ein Risiko, aber jedes Risiko muss verstanden und beherrscht werden. Die größte Chance liegt darin, Schmierstoffe als integralen Bestandteil der Lebensmittelsicherheit zu begreifen. Sie sind nicht nur Hilfsstoffe im Hintergrund, sondern entscheidende Enabler für sichere, stabile und effiziente Produktionsprozesse. Frau Schneider-- Wenn Sie ein Fazit ziehen: Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Erfolgsfaktor für sichere und leistungsfähige Schmierstoffkonzepte in der Lebensmittelindustrie? Lebensmittelschmierstoffe müssen heute mehr leisten als reine Funktion: Sie vereinen technische Performance, regulatorische Konformität, Auditfähigkeit und Produktsicherheit in einem ganzheitlichen System. In der Lebensmitteltechnik stehen sie damit unter besonderem Produktsicherheitsvorbehalt. Zwischen H1, HACCP, ISO 21469, MOSH/ MOAH sowie Kosher- und Halal-Anforderungen wird deutlich: Die Branche braucht mehr Systemverständnis, konsequentes Monitoring und anwendungsnahe Beratung. Denn erst im Zusammenspiel von Produkt, Prozess und Anwendung entsteht echte Lebensmittelsicherheit. »« Eingangsabbildung: © istock.com/ Comeback Images