Transforming cities
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Beispiele zukunftsorientierter nachhaltiger Stadtentwicklung Urbane Wasserwirtschaft | Nicht-fossile Mobilität | Stadtnatur | Blau-grüne Infrastrukturen | Stadtklima 1 · 2020 URBANE SYSTEME IM WANDEL. DAS TECHNISCH-WISSENSCHAFTLICHE FACHMAGAZIN Zwischen Klimawandel und Klimaanpassung www. mannheim2020 .eu # Mannheim2020 9 th European Conference on Sustainable Cities & Towns Mannheim, Germany 30 September - 2 October 2020 Mannheim, where transformation happens! Be part of it! @sustain_cities european.sustainable.cities sustainable-cities-and-towns-4ab0a8110 9 TH EUROPEAN CONFERENCE ON SUSTAINABLE CITIES & TOWNS MANNHEIM I GERMANY I 30 SEPT - 2 OCT 2020 Image: Wirtschaftsförderung / Ben van Skyhawk Register now ESCT-Mannheim2020-ad-transforming-cities.indd 1 14.01.2020 15: 42: 44 1 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES EDITORIAL Liebe Leserin, lieber Leser, auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen: Das Klima verändert sich. Seriöse Wissenschaftler haben daran keinen Zweifel mehr. Messungen über mehrere Jahrzehnte belegen, dass der Klimawandel bereits begonnen hat und dass er menschengemacht ist. Die Ursache, eine ansteigende Menge von Treibhausgasen in der Atmosphäre seit der Industrialisierung, ist bekannt. Ebenfalls klar ist, dass sich die bereits vorhandene Erderwärmung nicht einfach zurückdrehen lässt. Wir werden mit den Auswirkungen des Klimawandels leben müssen. Zwar ist nicht eindeutig absehbar, was künftig wo und wann genau geschehen wird. Lokale Effekte klimatischer Veränderungen lassen sich nur bedingt vorhersagen. Sicher ist jedoch: Wetterextreme werden weiter zunehmen. Hitzeperioden oder Starkniederschläge im Sommer und stürmische regenreiche Winter wird es häufiger geben - mit immer heftigeren Konsequenzen. Deshalb gilt es, sich gegen die möglichen Szenarien zu wappnen. Besonders anfällig für extremes Wetter sind dicht besiedelte Gebiete mit hohem Bebauungsgrad. Weitreichende Versiegelung und über Jahrzehnte angelegte urbane Infrastrukturen sind nicht auf große, abrupt und in kurzer Zeit fallende Regenmengen ausgelegt. Überschwemmte Straßen und Keller sind die Folge. Aber auch heiße Trockenzeiten haben es in sich: Eine kompakte und hoch verdichtete Bauweise in Kombination mit dunklen Verkehrsflächen und wenig Grün führt in innerstädtischen Quartieren schnell zur Überhitzung während heißer Sommertage. Dies hat Einfluss auf die Lebensqualität der Stadtbewohner. Besonders für geschwächte Personen sind „urbane Hitzeinseln“ ein Gesundheitsrisiko. Unter Fachleuten ist diese Problematik längst nicht mehr strittig. In mehreren Städten wird in diversen Projekten untersucht, wie Straßenräume multifunktional gestaltet werden können. Nicht mehr Vorzug allein für den Autoverkehr, sondern ein Miteinander von urbaner Wasserwirtschaft, Stadtgrün, nicht-fossiler Mobilität und Stadtklima stehen auf der Agenda einer zukunftsorientierten nachhaltigen Stadtentwicklung. Spannende Beispiele aus Dresden und Erfurt, Hamburg und München, Frankfurt und Mannheim finden Sie hier in der vorliegenden Ausgabe. Lesen Sie selbst. Ihre Christine Ziegler Redaktionsleitung „Transforming Cities“ Städte zwischen Klimawandel und Klimaanpassung 2 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES INHALT 1 · 2020 FORUM Interview 4 Für mich ist ein Gebäude intelligent, wenn es seine Umgebung versteht Cedrik Neike, CEO Smart Infrastructure, Siemens AG, über Smart Buildings Veranstaltungen 6 Meet the World of Building Greening in Berlin Weltkongress Gebäudegrün 2020: 16. bis 18. Juni 2020 in Berlin 8 IFAT 2020 Branchentreffen der Wasserwirtschaft vom 4. bis 8. Mai 2020 in München 10 Städtischen Wandel gestalten - für lebenswerte Stadtregionen im 21. Jahrhundert REAL CORP 2020: vom 15. bis 18. April 2020 in Aachen PRAXIS + PROJEKTE Energie 12 Mit Holzpellets klimaneutral heizen Holz nutzen, erneuerbar heizen, Klima schützen Klaus W. König Infrastruktur 16 Sicherheit, wenn man sie braucht Aluminium-Dammbalkensystem für einen flexiblen Hochwasserschutz 18 Abwasserbetrieb Warendorf setzt auf stetige technische Optimierung Flexibilität und (Zukunfts-) Sicherheit durch das Ecosystem PLCnext Technology Joel Stratemann Stadtraum 21 Hamburgs neuestes Quartier gestaltet Gemeinschaft durch Stadtnatur Clara Grimes 24 Das Schafsdach von München Vielfacher Nutzen auf einem Dach vereint Gunter Mann 28 Badya City - ressourcenschonend und klimaoptimiert Durch integrierte Stadtplanung Kairo im Westen auf nachhaltige Weise entlasten Jürgen Häpp, Nils Müller, Matthias Dilger 31 Grünes Wohnen in Städten Wohnanlage in Teltow bietet Wohnraum im Einklang mit der Natur Tassilo Soltkahn Seite 6 Seite 21 Seite 24 © BuGG © Josephine Vogelmann, steg Hamburg mbH © BuGG 3 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES INHALT 1 · 2020 THEMA Klimawandel · Klimaanpassung 34 Vernetzte Mobilität im multimodalen Stadtraum Hartmut Topp 39 Schnittstelle Typologie Wo Biodiversität und erneuerbare Energien aufeinandertreffen Sandra Sieber 44 Hitzeinsel Stadt: Wie steigern wir die Resilienz der Bevölkerung? Co-kreative und digitale Tools im Reallabor Mannheim Rebecca Nell, Natalie Pfau- Weller, Laura Kaiser 48 Lebensqualität trotz Sommerhitze? Wie sich Stadtquartiere an die Herausforderungen des Klimawandels anpassen können Heike Hensel, Janneke Westermann 52 Grüne Stadt der Zukunft Klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt Stephan Pauleit, Andrea Skiba, Teresa Zölch, Amelie Bauer, Julia Mittermüller, Sabrina Erlwein, Hannes Harter, Werner Lang, Simone Linke, Andreas Putz, Johannes Rupp, Angela Oels, Patrick Schöpflin, Malte Welling 58 Blau-grüne Infrastrukturen Transformationsstudien urbaner Freiräume am Beispiel von Frankfurt Lotta Steger, Friederike Well, Ferdinand Ludwig 64 Projekt BlueGreenStreets Erhöhung der Ressourceneffizienz urbaner Quartiere durch multifunktionale Straßenraumgestaltung Michael Richter, Wolfgang Dickhaut, Jochen Eckart, Lena Knoop, Tomke Voß 70 Resilienzstärkung urbaner Quartiere Reduzierte Hitzebelastung durch Integration des Wassersektors Elisabeth Czorny, Dirk Schmidt, Kristina Elsner, Maike Beier 75 Urbane Entwässerung neu gedacht Nils-Kristof Kabisch, Sören Hornig, Katrin Bauerfeld, Maike Beier PRODUKTE + LÖSUNGEN Stadtraum 82 Klima-Gründach für maximale Verdunstung Ein Baustein gegen die Aufheizung unserer Städte Roland Appl FOKUS Fachliteratur 84 So geht‘s Fußverkehr in Städten 84 Impressum Seite Seite 34 34 Seite 48 © Topp Seite 58 © Steger © H. Hensel/ IÖR-Media 4 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Interview Herr Neike, was ist für Sie ein intelligentes Gebäude? Schon seit Jahrtausenden leben und arbeiten Menschen in Gebäuden. Früher war es den Gebäuden ziemlich egal, ob sich jemand in ihnen aufhielt oder nicht - sie merkten es nicht. Mit der Digitalisierung hat sich das verändert. Heute kann das Gebäude seine Nutzer kennenlernen und ihnen Feedback geben, ebenso wie den Gebäudebetreibern und den Eigentümern. Für mich ist ein Gebäude intelligent, wenn es nicht bloß passiv dasteht, sondern seine Umgebung versteht, kommuniziert, lernt und sich anpasst. Das ist keine sehr technische Definition. Wir bei Siemens sind überzeugt, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen muss. Bevor man sich auf eine Technologie festlegt, muss man herausfinden, was sie ihren Nutzern bringt und wie sie auf sie einwirkt. Bereits 2020 werden bis zu 50 Milliarden Geräte mit dem Internet der Dinge vernetzt sein. Ein Fünftel davon wird in Gebäuden verbaut sein. Die Datenmengen, die von all diesen Geräten generiert werden, sind schon heute gigantisch. Und sie werden weiter anwachsen. Es ist wichtig, diese Daten zu sammeln, aber damit ist es noch nicht getan. Um intelligente Gebäude zu bekommen, müssen die Daten aufbereitet und analysiert werden. Erst dadurch kann ein Gebäude flexibler, persönlicher und letztlich auch produktiver gestaltet werden. Wo sehen Sie den Nutzen intelligenter Gebäude? Vorteile ergeben sich bereits bei der Planungs- und Bauphase. Dank Digitalisierung können heute digitale Zwillinge von Gebäuden erstellt werden. Das sind präzise digitale Modelle, die es ermöglichen, wesentlich effizienter zu bauen. Ein Smart Building schafft aber auch für den Eigentümer Mehrwert. Zum Beispiel, indem es Feedback gibt, mit dem sich der Gebäudebetrieb optimieren lässt. Oder indem es Störungen frühzeitig meldet, um Ausfälle zu verhindern. Damit tragen intelligente Gebäude dazu bei, Betriebskosten zu senken und Produktivität zu steigern. Was ist mit den Menschen, die in intelligenten Gebäuden leben und arbeiten? Man darf nicht vergessen, dass wir 90 Prozent unserer Zeit in Gebäuden verbringen. Deshalb erwarten wir von Gebäuden, dass sie möglichst komfortabel und sicher, zugleich aber auch möglichst ökologisch sind. Ein intelligentes Gebäude weiß, wann ich da bin und schützt mich vor Gefahren, etwa vor Feuer und Einbruch. Und es bietet mir die ideale Raumtemperatur und die optimale Luftqualität, damit ich mich wohlfühle. Rund 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs entfallen auf Gebäude. Wie können intelligente Gebäude dazu beitragen, diesen Anteil zu verringern? In einem durchschnittlichen Gebäude werden heute bis zu 50 Prozent der Energie verschwendet. Wir beheizen Räume, die nicht beheizt werden müssen. Wir beleuchten Räume, in denen wir kein Licht brauchen. Wir tun viele Dinge, die wir nicht tun sollten. Die gute Nachricht: Laut einer aktuellen Studie ist es möglich, den ökologischen Fußabdruck eines Gebäudes um bis zu 80 Prozent zu verringern, wenn man es digitalisiert und vernetzt. Damit ist das Potenzial intelligenter Gebäude aber noch längst nicht ausgeschöpft. In der neuen Welt werden Gebäude nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch Energie erzeugen und sich als intelligente „Prosumenten“ mit der Außenwelt austauschen. „Für mich ist ein Gebäude intelligent, wenn es seine Umgebung versteht“ Cedrik Neike, CEO Siemens Smart Infrastructure, über Smart Buildings Menschen verbringen einen Großteil ihres Lebens in Gebäuden. Darum sollen diese möglichst sicher und komfortabel sein. Cedrik Neike, CEO von Siemens Smart Infrastructure und Mitglied des Vorstands von Siemens, erläutert, weshalb Gebäude diese Erwartungen besser erfüllen, wenn sie intelligent sind. Und er zeigt auf, welche Rolle Smart Buildings im Energienetz der Zukunft spielen. Intelligente Gebäude als Verbaucher und Erzeuger von Energie. © Siemens AG 5 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Interview Als Prosumenten bekommen Gebäude im Stromnetz eine neue Rolle. Wo sehen Sie das Potenzial? Mit der Digitalisierung werden nicht nur die Gebäude, sondern auch die Stromnetze intelligent. Lassen Sie mich dazu ein Konzept erläutern, das wir derzeit in Kanada erproben, und für das wir von der kanadischen Regierung Forschungszuschüsse erhalten haben. Wir sind daran, Gebäude mit dem Smart Grid zu verbinden, und zwar in Provinzen, in denen Elektroheizungen weit verbreitet sind. Eines unserer Ziele ist es, Energieüberschüsse im Netz in Form von Wärme zu speichern, in den Boilern der Häuser. Wir nutzen die Gebäude sozusagen als Batterien. Aktuell testen wir ein System, mit dem wir Lastspitzen glätten und Energie für Zeiten speichern können, in denen weniger Strom erzeugt wird. In Kanada wollen wir die Gebäude zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenschließen. Wenn wir erfolgreich sind, könnte man dafür auf den Bau von ein bis zwei Kohlekraftwerken verzichten. Ein Gedanke, den ich ziemlich überzeugend finde. Wenn Gebäude Energie produzieren, eröffnet dies Besitzern und Betreibern neue Möglichkeiten. Wie lukrativ ist es, überschüssigen Strom auf dem Markt zu verkaufen? Der Vorteil von erneuerbaren Energien ist, dass man Überschüsse ins Netz zurück speisen kann - und damit zum Wohl der Gemeinschaft beiträgt. Denn auf diese Weise wird das Gebäude zu einem produktiven Element des Energie-Ökosystems. Gemeinsam mit LO3, einem Start-up aus Brooklyn, New York, haben wir mit Hilfe von Blockchain-Technologie ein Inselnetz, ein sogenanntes Microgrid, realisiert. Innerhalb dieses Ökosystems kann ein Gebäudeeigentümer seine überschüssigen Solarkapazitäten an seine Nachbarn verkaufen. Diese wiederum können mit dem sauberen Strom beispielsweise ihre Klimaanlagen betreiben, ohne Energie aus einem weit entfernten Kraftwerk zu beziehen. So entsteht eine Gemeinschaft von Stromhändlern. Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre zusätzlichen Kapazitäten an das Café nebenan verkaufen und bekämen dafür kostenlos Kaffee. Dieses Projekt in Brooklyn hat einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen. In Australien ist bereits ein ähnliches Vorhaben geplant. Wie passen diese Prosumenten in das Konzept einer Smart City, einer intelligenten Stadt? Was hat das Internet aus unseren Computern gemacht? Es hat sie alle miteinander verbunden. Dadurch sind sie intelligenter geworden. Derselbe Prozess wird sich auch mit intelligenten Gebäuden vollziehen. Verbunden mit dem städtischen Strom-, Gas-, Wasser- und Wärmenetz werden sie Teil eines intelligenten Ökosystems, in dem alle Teilnehmer wissen, wie man miteinander interagiert. Deshalb ist der Vergleich mit dem Internet sehr passend. Natürlich wird niemand auf die Idee kommen, eine Smart City von Grund auf neu zu bauen, doch dank intelligenteren Gebäuden wird auch eine Stadt smarter werden. Wir stehen erst am Anfang der digitalen Transformation. Was können die Gebäude der Zukunft leisten? Sicher ist: Die Interaktion zwischen Gebäuden und ihren Nutzern ist ein Trend, der an Bedeutung gewinnen wird. Unser Ziel ist es, dass sie sich dereinst unbewusst vollzieht. Das heißt, dass das Gebäude intuitiv auf Nutzer reagiert, die ihren täglichen Aktivitäten nachgehen, ohne dass eine direkte Schnittstelle zum digitalen Gebäude besteht. Eines Tages werden Gebäude hoffentlich intelligent genug sein, um die Bedürfnisse der Nutzer vorauszusehen. Und damit Bestandteil von Lebensräumen zu sein, die Mensch und Umwelt zu Gute kommen. Weitere Informationen zu Siemens Smart Infrastructure unter: www.siemens.de/ smart-infrastructure Weitere Informationen zum Thema Smart Buildings: unter www.siemens.com/ smarte-gebaude Cedrik Neike, CEO von Siemens Smart Infrastructure und Mitglied des Vorstands von Siemens. © Siemens AG 6 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Veranstaltungen Der allgegenwärtige Klimawandel und die damit verbundenen Klimaanpassungsstrategien, steigende Erwartungen an nachhaltiges Bauen, Regenwasserbewirtschaftung, aber auch der Erhalt der biologischen Vielfalt, Fördermöglichkeiten und Kosten-Nutzen-Betrachtungen werden zwei Tage lang Gegenstand des Kongresses im Berliner Mercure Hotel MOA sein. Einer der Top Referierenden wird der weltweit bekannte Fassadenbegrüner Patrick Blanc aus Frankreich sein. Folgende Themenschwerpunkte werden behandelt: Städtestrategien (Städtedialog, Förderungen, wasser- und klimasensible Stadtentwicklung, urbane Resilienz und Zukunftsstadt) Nachhaltigkeit (Ökologische Gesamtkonzepte, nachhaltige Stadtentwicklung und Wirtschaftlichkeitsbetrachtung) Gesundheit (Klimaanpassungsstrategien, Lebensqualität, Feinstaub- und Stickoxid-Bindung) Biodiversität (Biologische Vielfalt, Pflanzenauswahl, Arten- und Insektenschutz) Markt (Daten, Potenzialanalyse und Gründach- Index) Politik (Wie bewegt Gebäudegrün Deutschland, Europa und die Welt) Regenwasserbewirtschaftung (Blau-Grüne Infrastruktur, Überflutungsvorsorge und Retentionsdächer) Architektur- und Praxisbeispiele (Best Practice, Industrie- und Wohnungsbau, Hochhausbegrünungen, Urban Farming) Technik (Grundlagen, Hightech-Lösungen, Innovationen und Monitoring) Die Ziele der Veranstaltung: Neben Wissenstransfer und Aufzeigen von Best Practice-Beispielen durch Experten geht es um den Erfahrungsaustausch und die Netzwerkbildung zwischen den Teilnehmenden aus Planung, Politik, Städten, Siedlungswasserwirtschaft, Industrie, Immobilienbranche und Verbänden. Der Kongress wird simultan deutsch/ englisch übersetzt. Der dritte Kongresstag widmet sich Exkursionen zu unterschiedlichen Berliner Projekten. Zusammengefasst bietet der größte bisher in Europa durchgeführte Kongress zur Gebäudebegrünung Folgendes: 100 Referenten aus verschiedenen Ländern über 40 Aussteller bei der begleitenden Fachausstellung über 20 Kooperationspartner (Verbände, Organisationen, Institutionen) Wissensvermittlung zur Gebäudebegrünung (Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung) Aufzeigen von Best Practice-Beispielen Meet the World of Building Greening in Berlin Weltkongress Gebäudegrün 2020: 16. bis 18. Juni 2020 in Berlin Nach dem großen Erfolg im Jahre 2017 mit über 800 Teilnehmenden findet der Weltkongress Gebäudegrün 2020 wieder in Berlin statt. Interessierte aus der ganzen Welt werden vom 16.-18. Juni 2020 dabei sein, um auf diesem Kongress mit etwa 100 Vorträgen in fünf parallelen Vortragsreihen die internationale Fachkompetenz zur Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung zu hören und sich mit anderen Teilnehmenden auszutauschen. © BuGG 7 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Veranstaltungen Wissenstransfer durch Fachleute der Branche aus dem In- und Ausland in parallel stattfindenden Vortragsreihen und Diskussionsrunden. Networking. Treffpunkt. Ansprache neuer Zielgruppen Themenübergreifender Erfahrungsaustausch zwischen Investierenden (Städte, Gewerbe- und Wohnungsbau), Planenden (Architektur, Landschaftsarchitektur, Stadtplanung, Siedlungswasserwirtschaft), Verarbeitenden und Vertretenden der Industrie, Politik, Forschung und Verbänden Veranstalter des Kongresses ist der Bundesverband GebäudeGrün e.V. (BuGG), flankiert durch die Welt- und Europa-Verbände (WGIN und EFB) und die beiden Partnerverbände aus Österreich (VfB) und der Schweiz (SFG). Exklusiver Kongresspartner des Weltkongress Gebäudegrün 2020 ist die Nürnberg Messe. Die Schirmherrschaft haben Bundesminister Horst Seehofer (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat), Bundesministerin Svenja Schulze (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) und Senatorin Katrin Lompscher (Berliner Senatsverwaltung Stadtentwicklung und Wohnen). Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen unterstützt zudem bei der fachlichen und organisatorischen Vorbereitung. Darüber hinaus wird der Weltkongress durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gefördert. Details zum Veranstaltungsprogramm, zum Veranstaltungsort sowie die Möglichkeiten zur Anmeldung unter: www.bugg-congress2020.com Ausführende Unternehmen Profis für die Baustelle www.kanalbau.com Dr. Gunter Mann Präsident Bundesverband GebäudeGrün e. V. (BuGG) Kontakt: gunter.mann@bugg.de AUTOR 8 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Veranstaltungen Sauberes Wasser in ausreichender Menge ist ein hohes gesellschaftliches Gut, das es zu sichern und zu schützen gilt. Auch in einem wasserreichen Land mit hohen infrastrukturellen und umwelttechnologischen Standards wie Deutschland müssen dafür vielfältige Herausforderungen gemeistert werden. Dazu zählen nach wie vor Rückstände von Arzneimitteln, Pflanzenschutzmitteln, Bioziden und anderen Chemikalien im Wasserkreislauf. Schon in sehr geringen Konzentrationen - als Mikroverunreinigungen - können diese negative Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit haben. Technische Aufbereitung kostet - deshalb auch an der Quelle ansetzen Es ist technisch möglich, einen Teil dieser anthropogenen Spurenstoffe in den Kläranlagen zu entfernen, zum Beispiel durch Ozonung oder Aktivkohleadsorption. Dazu müssen allerdings bestehende Reinigungsstufen modifiziert oder zusätzliche Reinigungsstufen neu gebaut werden. „Diese Maßnahmen erfordern Investitionen und einen hohen Aufwand an Energie-, Sach- und Personalkosten, die sich auf die Abwassergebühren derjenigen Bürger auswirken, die an solche erweiterte Kläranlagen angeschlossen sind“, betont Prof. Dr. Uli Paetzel. Der Präsident der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) fährt fort: „Die flächendeckende und gewässerunabhängige IFAT 2020: Technologien, um die Verfügbarkeit von sauberem Wasser sicherzustellen. Branchentreffen vom 4. bis 8. Mai 2020 in München mit den aktuellen Themen Mikroverunreinigungen, Trockenperioden, IT-Sicherheit für die Wasserwirtschaft Auf der IFAT 2020 gehören moderne Wasser- und Abwassertechnologien zu den zentralen Ausstellungsinhalten. Neben den „traditionellen“ Leistungen der Aufbereitung, Verteilung und Reinigung gibt es aktuell weitere Herausforderungen - wie zum Beispiel Trockenperioden, Spurenstoffe und Bedrohungen der IT-Infrastruktur -, für die die Branche Lösungen finden muss. © Messe München 9 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Veranstaltungen Einführung einer solchen vierten Reinigungsstufe ist als End-of-Pipe-Lösung nicht sachgerecht und wird von uns nicht unterstützt.“ Wasserressourcen müssen so beschaffen sein, dass daraus mit naturnahen, einfachen Aufbereitungsverfahren Trinkwasser gewonnen werden kann. „Von zentraler Bedeutung für die Sicherheit der Trinkwasserversorgung sind Vorsorgemaßnahmen, die darauf abzielen, dass Mikroverunreinigungen gar nicht erst flächig in den Wasserkreislauf eintreten, sondern bereits am Ursprung eingedämmt werden“, erklärt Prof. Dr. Gerald Linke, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Hierfür engagiert sich auch das Bundesumweltministerium, das in einem sogenannten Stakeholder-Dialog eine Spurenstoff-Strategie entwickeln will. Dabei werden für ausgewählte, als relevant bewertete Mikroverunreinigungen - wie zum Beispiel Röntgenkontrastmittel - Minderungsmaßnahmen erarbeitet, die an den jeweiligen Quellen ansetzen. Dies passiert an Runden Tischen, die die Hersteller der Produkte verantworten, welche die Spurenstoffe verursachen. Kampf dem Mikroplastik Zu den unerwünschten Stoffen in Gewässern zählen auch Plastikpartikel, die auf unterschiedlichem Weg eingetragen werden. Nach DWA-Angaben eliminieren Kläranlagen heute in der Regel die zufließende Mikroplastikfracht zu mehr als 95 Prozent - aber eben nicht vollständig. Folglich muss der Eintrag möglichst schon am Ursprung wirksam vermieden werden. Beispielsweise gibt es auf dem Umwelttechnologiemarkt seit kurzem ein Filtersystem, das Mikroplastik aus dem Ablauf von Kunstrasenplätzen zurückhält. Diese weltweit verbreiteten Sportflächen gelten als bedeutende Quelle für Mikroplastik: 250 bis 300 kg werden jedes Jahr bei einem modernen Kunstrasenplatz ausgetragen. Bei dem neuen System sammeln sich die Partikel im Lauf der Zeit an der Filteroberfläche als sogenannter Filterkuchen an. Dieser wird nach Firmenangaben alle drei bis fünf Jahre abgeschält und entsorgt. Das dabei mitentfernte Filtersubstrat wird wieder aufgefüllt. Sichere Wasserversorgung trotz Trockenphasen Das insgesamt ausreichende Wasserdargebot in Deutschland ist regional ungleich verteilt. Zwar gibt es laut Umweltbundesamt in Deutschland bisher flächendeckend keinen Wasserstress. Allerdings führten die trockenen und heißen Sommer 2018 und 2019 schon zu einigen lokalen Engpässen. „Sollten diejenigen Klimaprognosen Recht behalten, die für die kommenden Jahrzehnte unterschiedlich starke Rückgänge der Wasserverfügbarkeit in fast allen Teilen Deutschlands vorhersagen, braucht es den Schulterschluss von Politik, Landwirtschaft, Industrie und Gesellschaft, um gemeinsam die öffentliche Wasserversorgung zu sichern“, betont der DVGW-Vorstandsvorsitzende Linke. Gemeinsam mit den Versorgern und der Politik entwickelt sein Verein konkrete Initiativen für eine sichere Wasserversorgung im Klimawandel. Dazu zählen eine stärkere Vernetzung der Versorger ebenso wie die Sicherung des Vorranges der Trinkwasserversorgung vor anderen Wassernutzungen. Ein weiterer Ansatz ist, das entnommene Wasser so effizient wie möglich zu verwenden. Ein wichtiges Spielfeld für technologische Innovationen ist hier das Kühl- und Brauchwasser von Kraftwerken und Industrieunternehmen. Um Oberflächengewässer und Grundwasser zu schonen, wird außerdem die in der südeuropäischen Landwirtschaft schon seit langem praktizierte Brauchwasserwiederaufbereitung nun auch für Deutschland diskutiert. IT-Sicherheitsstandard umsetzen Die Trinkwasserversorgung und die Abwasserbeseitigung zählen zur sogenannten kritischen Infrastruktur. Das bedeutet, dass sie besonderen Anforderungen an die IT-Sicherheit unterliegen. Schließlich kann eine Störung, Beeinträchtigung oder gar ein Ausfall durch einen Cyber-Angriff oder einen IT-Sicherheitsvorfall zu erheblichen Versorgungsengpässen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und anderen dramatischen Folgen führen. Vor diesem Hintergrund entwickelten die DWA und der DVGW einen IT-Sicherheitsstandard für die Wasserwirtschaft. Sie standen dabei in engem Austausch mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Im August 2017 hat das BSI diesen Standard offiziell anerkannt. „Neben der Umsetzung von Risikomanagementmaßnahmen haben die Anlagenbetreiber seither viel investiert, um ihre IT-Infrastruktur robuster gegen IT-Angriffe auszugestalten. Hierbei wurde nicht nur die Software, sondern auch die Hardware verbessert, beispielsweise die Prozessleittechnik erneuert und IT-Netze reorganisiert”, berichtet DWA-Präsident Paetzel. Weitere Informationen: www.ifat.de 10 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Veranstaltungen Aktuell gibt es unterschiedliche Trends in der Stadtentwicklung rund um den Globus - aber auch einige Gemeinsamkeiten: Historische Verwaltungsgrenzen bilden längst nicht mehr die tatsächlichen Stadtstrukturen ab, Städte wachsen über diese Grenzen hinweg und bilden teilweise auch staatenübergreifende Stadtregionen und Ballungsräume. In fast allen Fällen erscheint eine zwischen mehreren Regierungen, Gebietskörperschaften und Institutionen auf verschiedenen Ebenen abgestimmte räumliche Entwicklung unabdingbar. Dies gestaltet sich im Regelfall aber schwierig. Städte und Regionen sind ressourcenhungrig und sehen sich oft mit Dichte- und Umweltproblemen sowie diversen Bedrohungen konfrontiert, nichtsdestotrotz sind Nachhaltigkeit, Resilienz, hohe Lebensqualität und schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen zentrale Ziele der Stadtentwicklung. Neue Technologien und Digitalisierung spielen eine wesentliche Rolle in der Entwicklung und im Management von Städten, Stadtregionen und Metropolen. Ohne entsprechende Stadt-, Umwelt- und Mobilitätstechnologien wäre eine nachhaltige städtische Entwicklung, das Aufrechterhalten der Funktionalität und die Erhaltung und Schaffung lebenswerter Stadtumgebungen kaum mehr möglich. Unterschiedliche Herausforderungen Während Städte in Asien, und da besonders in China und Indien aber auch in Japan und Südost-Asien, sowie in Teilen Südamerikas, Afrikas und der Golfregion aktuell und wohl noch für geraume Zeit rasant und unaufhaltsam wachsen, zudem weitere Großstädte, Stadtregionen und Metropolen jenseits der 10-Millionen-Einwohner-Marke und weit darüber hinaus entstehen, wachsen zwar auch viele europäische, nordamerikanische und australische Städ- Städtischen Wandel gestalten - für lebenswerte Stadtregionen im 21. Jahrhundert REAL CORP 2020: vom 15. bis 18. April 2020 in Aachen 25. Internationale Konferenz der Stadt- und Regionalplanung der Informationsgesellschaft GeoMultimedia 2020 · 50 Jahre RWTH Aachen University · 1. Aachener Städtebaukonferenz © CORP Association 11 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FORUM Veranstaltungen te, aber bei weitem nicht so stark wie in den oben genannten Regionen. Einige dieser Städte verlieren sogar Einwohner, dennoch zeigt sich auch hier eine starke Dynamik der räumlichen Entwicklung hin zu Stadtregionen. Geht es in vielen Stadtregionen und Metropolen weltweit darum, die notwendigste Infrastruktur für das pure Überleben der Menschen zu schaffen und aufrecht zu erhalten - Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung als wesentliche Elemente - geht es in anderen Teilen der Welt darum, Veränderungsprozesse so zu gestalten, dass die durchwegs hohe Lebensqualität erhalten und sogar verbessert wird. Während in einigen Teilen der Welt Städte und Metropolen ungebremst wachsen und es hunderte Millionen Menschen in die Städte zieht, lassen sich in zahlreichen europäischen Städten und Agglomerationen gegenwärtig zwei Prozesse beobachten, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen: Reurbanisierung und Regionalisierung. Innenstädte und innenstadtnahe Stadtquartiere werden attraktiver, gerade für Menschen, die die Vorzüge des städtischen Lebens (womöglich wieder neu) entdecken. Diese Rückbesinnung auf die Kernstädte als Wohnstandort hat vielerlei Gründe; sie ist jedoch insbesondere gekoppelt an Veränderungen in der Arbeitswelt bzw. den Trend, Wohnen und Arbeiten sehr viel effektiver miteinander verbinden zu müssen, als dies ein Leben in den suburbanen Ballungsrandzonen in den meisten Fällen erlaubt. Hier sind gut organisierte, mit vielfältigen Funktionen ausgestattete Stadtviertel klar im Vorteil. Gleichzeitig findet eine weitere Regionalisierung des Städtischen statt, was der Tatsache geschuldet ist, dass Städte zunehmend unter Druck geraten. In vielen Innenstädten fehlt bezahlbarer Wohnraum, während gleichzeitig das Umland Leerstände zu verzeichnen hat. Durch falsche Allokationen werden unnötig Pendlerströme erzeugt. Vor diesem Hintergrund sind interkommunale Kooperationen naheliegend, um die notwendige Balance zwischen unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken herzustellen. Zukunft der Städte Der gegenwärtig intensiv geführte Diskurs über „Low Carbon Cities“ oder „Smart Cities“, also die Frage nach der künftigen Entwicklung von Städten unter den Bedingungen des Klimawandels, dem Einsatz energiesparender Technologien und den absehbar zur Neige gehenden fossilen Ressourcen, wirft konkrete Fragen künftigen Städtebaus und künftiger Stadtgestaltung auf, die bislang nur teilweise beantwortet werden können. Auch wenn Städte und Dörfer sich derart wandeln, sie bleiben Orte des (kollektiven) Erinnerns und Erkennens, Orte, an denen Bindungen hergestellt werden. Identität und Heimat - Begriffe, die solche Qualitäten einer Stadt bezeichnen sollen - basieren jedoch nicht allein auf der Vertrautheit einer über lange Zeit in ihren wesentlichen Merkmalen kaum veränderten Lebensumwelt, sondern sind auf spezifische atmosphärische Qualitäten einer Stadt, eines Quartiers bzw. einer Region zurückzuführen. Deshalb ist nicht allein das baukulturelle Erbe mit seinen historischen Gebäuden, Straßen, Freiräumen, Stadtvierteln für die Identität einer Stadt maßgebend, sondern die Fähigkeit, im Rahmen neuen Städtebaus auch neue überzeugende, im besten Fall unverwechselbare Atmosphären zu kreieren. Das gilt in besonderem Maße für Städte, die kaum historische Viertel aufweisen - oder für große Stadt- Landschaften, für die solche kleinräumigen Quartiere kaum als alleinige Imageträger in Frage kommen. Konferenz REAL CORP 2020 Die Konferenz REAL CORP 2020 will vor dem Hintergrund der skizzierten Herausforderungen, die sich in Quartier, Stadt, Stadtregion und entsprechend ausgeprägt auch in Metropolen stellen, Strategien und Konzepte diskutieren, wie der Wandel qualitätsvoll gestaltet werden kann. Dabei stellt sich auch die Frage, wer die eigentlichen Akteure der aktuellen Stadt-, Regions- und Metropolenregionsentwicklung sind und welche Rolle PlanerInnen in den entsprechenden Szenarien spielen können. RWTH Aachen Die renommierte RWTH Aachen, in der im besten Sinne historischen und europäischen Mittelstadt Aachen im deutschen Bundesland Nordrhein- Westfalen mit seiner reichen Bergbau- und Industrietradition und in einer grenzüberschreitenden Stadtregion im Dreiländer-Eck Deutschland-Belgien-Niederlande gelegen, bildet den idealen Ort, um die genannten Entwicklungen und Herausforderungen im Kreise von Expert*innen aus aller Welt zu diskutieren. Weitere Informationen zu den Konferenzthemen unter: www.corp.at. 12 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Energie Die EU-weite Korrektur des Emissionshandels, die zu erwartenden Preisaufschläge bei Heizöl und Erdgas sowie eine ansteigende Holzbauquote werden die Energiepolitik und den Wärmemarkt bei uns verändern. CO 2 -Bepreisung und andere aktuelle Maßnahmen der Energiepolitik sind, in Kombination mit einer klugen Waldpolitik, Eckpfeiler einer zukunftsweisenden Energieversorgung. Die moderne Holzenergie aus Pellets und Hackschnitzeln wird dabei eine zentrale Rolle spielen können und müssen, denn sie kann in großem Maße zur CO 2 -Einsparung beitragen. Aber das natürlich nur, wenn der bislang konstante Zuwachs an Wald in Deutschland auch künftig garantiert ist. CO 2 -Speicher und klimafreundliche Alternative Um es gleich vorwegzunehmen: Die Herstellung von Pellets ist weder heute noch in der Zukunft Anlass, um in Deutschland Holz im Wald einzuschlagen. Das „Ernten“ der Bäume geschieht vor allem zur Gewinnung des Bau- und Werkstoffes Holz, dem „Motor“ unserer nachhaltigen Waldwirtschaft. Das in der Wachstumsphase des Baumes aufgenommene CO 2 ist in Balken, Brettern und Latten gebunden - unter günstigen Umständen viele Jahrzehnte, in Einzelfällen einige hundert Jahre. Bis aus diesen Baumaterialien durch Verwitterung irgendwann Mit Holzpellets klimaneutral heizen Holz nutzen, erneuerbar heizen, Klima schützen Energieversorgung, Erneuerbare Energien, Co 2 -Einsparung, Holzwirtschaft Klaus W. König Holz ist im Vergleich zu fossilen Brennstoffen nahezu klimaneutral. Dennoch wird sein Potenzial für Wärmewende und CO 2 -Einsparung häufig verkannt. Anders als Wasserstoff und synthetische Heizöle hat sich die Holzenergie in einem breiten Anwendungsspektrum bewährt und ist leicht verfügbar, die Technik ist ausgereift. Verbraucher und Öffentlichkeit dürfen die Messlatte hinsichtlich Effizienz, Emissionsverhalten, Komfort, Wirtschaftlichkeit und nachhaltiger Bereitstellung besonders hoch legen. Bild 1: Mit dem Sägenebenprodukt Rinde werden im Sägewerk Turbinen zur Erzeugung von Ökostrom angetrieben. © DEPI 13 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Energie CO 2 frei wird, ist längst schon die übernächste Baumgeneration dabei, Holz bereitzustellen und damit die Kapazität des Waldes mit seiner klimaschützenden Wirkung zu erhalten. Die deutschen Wälder haben die Atmosphäre zuletzt jährlich um mehr als 62-Mio. Tonnen CO 2 entlastet. Das waren rund 7- % der deutschen CO 2 -Emissionen [1]. Und die Holzmenge nimmt weiter zu: Von den über 120 Mio. Kubikmetern, die im deutschen Wald jährlich wachsen, werden etwas mehr als 80-% eingeschlagen, wovon ein Teil als Restholz im Wald verbleibt. Die übrigen 20- % sind Zuwachs an Bäumen oder sie werden zu Totholz [2]. Durch Holzverwendung am Bau werden energieaufwändige Materialien wie Beton oder Stahl sowie fossile Energieträger ersetzt. Mehr Holzbau bedeutet nicht nur mehr CO 2 -Bindung über viele Jahrzehnte in verwendeten Baustoffen, sondern auch mehr Späne und Hackschnitzel. Als idealer Rohstoff für Pellets fallen sie beim Einsägen der Baumstämme in großen Mengen an. Deshalb waren Holzpellets in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt 30-% günstiger als Heizöl und Erdgas. Zusätzliches CO 2 entsteht beim Verbrennen von Holz nicht, denn bliebe es im Wald, würde durch den biologischen Abbau dieselbe Menge freigesetzt. Auf die nutzbare Energie hätte man verzichtet und könnte damit fossile Brennstoffe wie Gas oder Öl nicht ersetzen. Klimagas erhält einen Preis Aktuell wird die Energie- und Klimapolitik in Deutschland verändert. Durch die mit dem Klimaschutzprogramm 2030 angekündigte CO 2 -Bepreisung werden fossile Energieträger wie Heizöl oder Erdgas teurer. Damit sollen deren Folgekosten für Klima, Umwelt und Gesellschaft, wenn auch unvollständig, abgebildet werden. Im Gegensatz zu fossilen Energien stehen Holzpellets für eine weitgehend klimaneutrale Herstellung und sind von der künftigen CO 2 -Bepreisung nicht betroffen. Beim Ersatz einer veralteten Ölheizung durch eine Pelletheizung lassen sich 93- % der zuvor emittierten Treibhausgase einsparen [3]. Der zu erwartende Mehrbedarf an Pellets kann allerdings auch künftig durch den europaweiten Spitzenwert bei Holzvorräten in deutschen Wäldern und die in großer Menge anfallenden Sägenebenprodukte aus heimischer Produktion (aktuell sechs bis sieben Mio. Tonnen pro Jahr) gedeckt werden. CO 2 -BILANZ IN DER BRENNSTOFFPRODUKTION Bei der Verbrennung von Holzpellets wird lediglich die Menge an CO 2 freigesetzt, die das Holz im Lauf seines Wachstums aufgenommen hat. Hinzu kommen pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) nur 22 g CO 2 , die bei Herstellung und Transport der Pellets entstehen. Bei Heizöl sind es 318-g CO 2 pro kWh und bei Erdgas 246 g CO 2 pro kWh - also mehr als das Zehnfache! Mit der Umstellung von einer Ölauf eine Pelletheizung lässt sich daher im Gebäude so viel CO 2 einsparen wie mit keiner anderen Maßnahme im Haushalt. Quelle: DEPI Bild 2: Von den über 120-Mio. m³ Holz, die im deutschen Wald jährlich wachsen, werden etwas mehr als 80-% eingeschlagen, wovon ein Teil als Restholz im Wald verbleibt. Die übrigen 20 % sind der Zuwachs der Bäume oder werden zu Totholz. © DEPI Bild 3: Auf der Basis einer hohen Holzverfügbarkeit und einer daraus resultierenden hohen Restholzmenge in den Sägewerken (6-7 Mio. t/ a) nimmt auch die Produktion von Holzpellets seit Jahren stetig zu. Mit über 2,4 Mio. Tonnen (t) wurde 2018 eine bis dahin noch nie erreichte heimische Pelletmenge produziert. © DEPI 14 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Energie Die Produktion von Holzpellets nimmt seit Jahren stetig zu. Mit über 2,4 Mio. Tonnen wurde 2018 eine bis dahin noch nie erreichte Menge produziert. Bis zum Ende des dritten Quartals 2019 waren es bereits über zwei Mio. Tonnen heimischer Brennstoff. Saubere Holzverbrennung Holz steht im Verruf, bei der Verbrennung die Umgebung mit Feinstaub zu belasten. Und tatsächlich bilden im Kaminofen langsam vor sich hin glimmende Holzscheite ohne ausreichende Luftzufuhr unnötige Rauchgase. Anders der Abbrand im Pelletkaminofen oder in einer modernen Zentralheizung: Der Betrieb ausgereifter Serienprodukte mit automatischer Temperaturkontrolle, Brennstoff- und Luftzufuhr garantiert vollständige Verbrennung, das heißt maximale Energieausbeute bei minimalen Emissionen. Sichtbar wird das an den vom Schornsteinfeger gemessenen Abgaswerten und einem kaum erwähnenswerten Ascherest. Doch es liegt auch an der Beschaffenheit des Brennmaterials. Holzpellets mit dem Zertifikat ENplus, und damit rund 98- % der deutschen Produktion, sind standardisierte Energieträger von gleichbleibend hoher Qualität. So tragen Pelletöfen und -feuerungen nur 0,4- % zum gesamten Staubaufkommen in Deutschland bei. Für saubere Luft sind sie tatsächlich kein Problem, sondern ein Lösungsansatz - das gewährleistet unter anderem die strenge Gesetzgebung zur Luftreinhaltung gemäß der Ersten Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (1. BImSchV) [4]. 94 % der Verbraucher sind zufrieden 2018 erhob das Deutsche Pelletinstitut (DEPI) die Meinung von Pelletheizern per Online-Umfrage. Den 6 600 ausgefüllt eingegangenen Fragebögen zufolge sind die Verbraucher mit ihrer Pelletfeuerung sehr zufrieden (61,4- %) oder zufrieden (32,8- %), insgesamt also 94,2-%. Mit jeweils mehr als 70- % sind die niedrigen Heizkosten (73,1- %) und der Klimaschutz (71,8-%) die wichtigsten Faktoren für die Entscheidung pro Holzpellets. Auch die kurzen Lieferwege des heimischen Brennstoffs sind für mehr als die Hälfte (55,2-%) ein zentrales Argument. Gute Erfahrung wirkt sich aus: 85,9- % der Befragten würden sich wieder eine Pelletheizung anschaffen. Ähnlich viele Nutzer (85,3- %) empfehlen Freunden oder Bekannten den Einbau des klimafreundlichen Heizsystems. 91,8- % sind mit den Umweltaspekten der Anlage sehr oder eher zufrieden. Einen weiteren hohen Zufriedenheitswert erhält die Wirtschaftlichkeit (87,3- %). Bild 4: Holzpellets werden zu 80 % lose per Lkw angeliefert und ins Lager des Kunden eingeblasen, 20 % sind Sackware. © www.enpluspellets.de Bild 5: Pellets werden mit einem speziell ausgelegten Silofahrzeug angeliefert. © DEPI 15 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Energie Einsatzspektrum Pelletheizungen bewähren sich beim Neubau und bei der Heizungserneuerung im Altbau, vom Kaminofen im Wohnzimmer bis zur Prozesswärme in Großanlagen. Mittlerweile knapp 300 000 Anlagen werden in Deutschland als Zentralheizung im Ein- und Zweifamilienhaus genutzt, wo zuvor eine Ölheizung stand. Ein Drittel der Pellets geht aber in größere Feuerungen kommunaler Einrichtungen oder Nahwärmenetze, dient zur Beheizung mehrgeschossiger Wohnbauten oder Hotels und für andere Zwecke, bei denen Wärme benötigt wird. Beispiele dafür sind die Dampferzeugung, die Lebensmittelherstellung, Gärtnereien oder die Beheizung von Schwimmbädern. Sogar ein Fußballbundesligastadion erzeugt seine Wärme mit Holzpellets. Zusammenfassung Die EU-weite Korrektur des Emissionshandels, die zu erwartenden Preisaufschläge bei Heizöl und Erdgas sowie eine ansteigende Holzbauquote werden die Energiepolitik und den Wärmemarkt bei uns verändern. Sägenebenprodukte als einheimischer, regional verfügbarer Rohstoff bzw. Holzpellets als daraus gefertigter moderner Holzbrennstoff werden in den kommenden Jahren ausreichend und zu einem günstigen Preis verfügbar sein, trotz einer allmählich ansteigenden Nachfrage - dank des kontinuierlich zunehmenden Holzvorrates im deutschen Wald. Zusammen mit der zur Verfügung stehenden optimierten Verbrennungstechnik sind Holzpellets eine bereits bewährte Option, erneuerbar zu heizen. Und das in allen Varianten: Im Neubau, bei der Renovierung der Ölheizung oder in größeren Gebäuden und zur Prozesswärme- Dipl.-Ing. Klaus W. König Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser, Fachjournalist kwkoenig@koenig-regenwasser.de AUTOR FÖRDERPROGRAMME FÜR MODERNE HOLZENERGIE Wer beim Heizen auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit moderner Holzenergie setzen will, wird vom Staat seit 1. Januar 2020 noch stärker als bisher unterstützt: Mit der neuen Austauschprämie erhalten Besitzer von Ölheizungen bis zu 45-% Zuschuss für eine neue Pelletheizung, alle anderen profitieren beim Heizen mit Pellets von einem Zuschuss in Höhe von 35- %. Für Einfamilienhausbesitzer bedeutet das bis zu 22 500 EUR MAP-Förderung für eine klimafreundliche Heizung. Details erklärt das DEPI in seinem neuen Infoflyer „Mehr Karma. Mehr Cash.“ und mit dem aktualisierten Fördermittelrechner für Holzkessel und wasserführende Pelletkaminöfen. Darüber hinaus nennt die Förderfibel des DEPI weitere Details zu sämtlichen Förderungen für Pelletfeuerungen durch Bund, Länder und Kommunen. Zu bestellen unter www.depi.de/ shop. Online unter: www.depi.de/ foerderfibel erzeugung. Der Staat hat dies in der Vergangenheit bereits durch einen Zuschuss von rund 25- % der Investitionskosten gefördert. Mit der seit 1. Januar 2020 geltenden neuen Förderung mit Zuschüssen bis zu 45 % wurde dieser Anteil noch einmal kräftig gesteigert. LITERATUR [1] Schmitz, F.: Herausragendes aus der Kohlenstoffinventur 2017. AFZ-Der Wald 14/ 2019. S. 35 [2] Dritte Bundeswaldinventur, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2012. Veröffentlicht auf https: / / bwi. info/ [3] DEPI, errechnet auf Basis von: Umweltbundesamt 2018: Emissionsbilanz erneuerbarer Energieträger [4] 1. BImSchV: Erste Verordnung zur Durchführung des Bundes- Immissionsschutzgesetzes.Verordnung über kleine und mittlere Feuerungsanlagen vom 26. Januar 2010 (BGBl. I S. 38), die zuletzt durch Artikel 2 der Verordnung vom 13. Juni 2019 (BGBl. I S. 804) geändert worden ist. Bild 6: Sägespäne, Holzpellets und Asche. © DEPI / Thilo Lange 16 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Infrastruktur Starkregenereignisse sind für die Bewohner von Fluss- und Küstenregionen ein ernstzunehmendes Problem. Immer häufiger lassen Niederschlagsmassen Wasserpegel rasant ansteigen, und es drohen Überschwemmungen. Experten sind sich einig, dass die zunehmenden Hochwasserereignisse eine Folge der globalen Klimaerwärmung sind: Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasser speichern, das anschließend als Starkregen herunterkommt. Der extreme Niederschlag kann nicht so schnell im Boden versickern oder von der Kanalisation aufgefangen werden und fließt stattdessen in die Oberflächengewässer. Verstärkt wird der Effekt durch zunehmende Flächenversiegelungen, die eine ortsnahe Versickerung zusätzlich behindern. Aber auch die Begradigung von Flussläufen in der Vergangenheit hat ihren Anteil daran, dass sich Überschwemmungen häufen. In Europa stehen heute Hochwasserereignisse an erster Stelle der Schadensstatistik. Experten zufolge richten Flüsse, die über die Ufer treten, jährlich weltweit Schäden von mehr als 90 Milliarden Euro an. Umso wichtiger ist die Prävention in den von Hochwasser bedrohten Städten und Gemeinden. Ein kompetenter Hochwasserschutz garantiert dabei nicht nur zuverlässig die Sicherheit der Anwohner, sondern ist zudem umweltverträglich und fügt sich noch dazu in regenärmeren Zeiten harmonisch in das Stadtbild ein. Schnell aufgebaut Mit seinem mobilen Aluminium-Dammbalkensystem bietet thyssenkrupp Infrastructure eine attraktive und zuverlässige Lösung, die es Wasserwirtschaftsämtern, Kommunen, Deichverbänden, mit Hochwasserschutz beauftragten Planungsbüros und Privatleuten ermöglicht, in Gefahrenzeiten schnell zu reagieren. Dabei ist die Konstruktion so einfach wie sicher und überzeugend: Im Gegensatz zu einer aufwendigen Permanentlösung, die in Innenstadtbereichen, in Hafen- und Industriegebieten sowie an Straßen- und Bahnüberquerungen oft die Sichtfreiheit einschränkt, kommt das Produkt nur dann zum Einsatz, wenn es auch tatsächlich gebraucht wird. Bei Hochwassergefahr werden Dammbalken aus Aluminium mit Sicherheit, wenn man sie braucht Aluminium-Dammbalkensystem für einen flexiblen Hochwasserschutz Klimawandel, Starkregen, Hochwasserschutz, Wasserwirtschaft, Infrastruktur Angesichts zunehmender Hochwasserereignisse kommt dem Schutz besiedelter Fluss- und Küstenregionen verstärkte Bedeutung zu. Präventionsmaßnahmen müssen dabei unterschiedlichen Ansprüchen genügen: Oft sollen sie nicht nur Sicherheit vor Überschwemmung bieten, sondern in gefahrenfreien Zeiten auch noch optisch unauffällig sein. Das Dammbalkensystem von thyssenkrupp Infrastructure stellt hier eine überzeugende und intelligente Lösung dar. Bild 1: Das Dammbalkensystem von thyssenkrupp Infrastructure bietet zuverlässigen Schutz gegen Überschwemmung. © thyssenkrupp Infrastructure Bild 2: Wenn der Wasserpegel steigt, ist die Dammbalkenkonstruktion schnell aufgebaut. © thyssenkrupp Infrastructure 17 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Infrastruktur geringem Personalaufwand auf die installierten Befestigungspunkte montiert und nach Abklingen der Gefahr wieder eingelagert. Dabei besteht das System nur aus wenigen Elementen, die in verschiedenen Schutzhöhen montiert werden können. Sollte die Situation es erfordern, kann die Schutzkonstruktion auch nachträglich noch weiter erhöht werden. Speziell entwickelte Dichtungen aus EPDM-Werkstoff sorgen dabei für Undurchlässigkeit. Um optimal an die Gegebenheiten vor Ort - etwa den Wasserdruck und die Statik - angepasst zu werden, sind die Dammbalken in unterschiedlichen Baulängen und in Breiten von 50, 100 und 150 Millimetern erhältlich. Hochwasserschutz nach dem Baukastenprinzip Neben den Dammbalken sind für die Konstruktion Ankerplatten und Stützen erforderlich: Die Ankerplatten aus Edelstahl werden für die Gründung in Beton eingegossen. Mittels Schraubverbindungen lassen sich die Stützen hieran befestigen. Nun können die Dammbalken eingestapelt und dank stufenlos verstellbarer Spanneinrichtungen gegen Auftrieb gesichert werden. Funktion der Stützen ist es, die durch die Wassermassen wirkenden Aufpralllasten auf die Gründung zu übertragen. Bei Bedarf stehen zusätzliche Rückabstützungen zur Verfügung. Für die Befestigung an bestehenden Bauwerken hat thyssenkrupp Infrastructure eigens Wandanschlussstützen konzipiert. Außerdem sind Hochwasserschutztüren und -tore erhältlich. Alternativ zur Ankerplattengründung hat das Unternehmen exklusiv auch eine Köchergründung im Lieferprogramm. Dabei wird die Stütze in ein installiertes Köcherfundament eingesetzt. Der Vorteil: Es sind keine Anschlussschrauben notwendig. Die Stütze wird lediglich über eine innen liegende Gewindestange arretiert und für einen festen Sitz mit einer Mutter gekontert. „Beim Einbau des Dammbalkensystems ist generell kein Spezialwerkzeug erforderlich. Die einfache Konstruktion erlaubt kurze Reaktionszeiten für einen zuverlässigen Hochwasserschutz. Das ist sehr wichtig, da gerade an der Küste die Vorwarnzeit oft nur wenige Stunden beträgt“, betont Dipl.- Ing. Frank Tapken, Spartenleiter Profil- und Ankertechnik bei der thyssenkrupp Infrastructure. „Allerdings ist die Vormontage der Ankerplatten bzw. der Köcher und der Stützen anspruchsvoll. Hier muss das ausführende Unternehmen sehr genau arbeiten, damit die Dammbalken später auch passen.“ Intelligente Lagerlösungen Da im Ernstfall jeder Handgriff sitzen muss, bietet thyssenkrupp Infrastructure auch durchdachte Lager- und Logistikkonzepte an, in denen die Ausrüstung in hochwasserfreien Zeiten übersichtlich und zweckmäßig sortiert sowie kostengünstig und witterungsgeschützt aufbewahrt werden kann. Zum Portfolio gehören Abrollcontainer, Gitterboxpaletten, Anhänger, Standard-Seecontainer, Rungepaletten und Vor- Ort-Lagersysteme. „Auf Wunsch erarbeiten wir eine optimale Lösung. Dabei berücksichtigen wir zum Beispiel Bereitstellungs- und Alarmierungspläne zur Hochwasserabwehr, aber auch Lager- und Transportmöglichkeiten vor Ort. Außerdem führen wir Schulungen durch, um optimale Voraussetzungen für eine ständige Einsatzbereitschaft und schnelle Installation zu schaffen“, sagt Dipl.-Ing. Boris Schröder, Produktmanager Hochwasserschutz bei der thyssenkrupp Infrastructure. Dank der kurzen Aufbauzeit, der hohen Einsatzsicherheit, dem geringen Instandsetzungs-, Pflege- und Lageraufwand sowie den optischen Vorteilen in hochwasserfreien Zeiten hat sich das TÜVgeprüfte Dammbalkensystem von thyssenkrupp Infrastructure weltweit bereits oft bewährt. Hochwasserschäden konnten hiermit stets zuverlässig verhindert werden. Weitere Informationen: www.thyssenkrupp-infrastructure.com Dipl.-Ing. Frank Tapken Spartenleiter Profil- und Ankertechnik thyssenkrupp Infrastructure GmbH Kontakt: frank.tapken@thyssenkrupp.com KONTAKT Bild 3: Die Schutzhöhe kann flexibel an die Situation vor Ort angepasst werden. © thyssenkrupp Infrastructure 18 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Infrastruktur Die technischen Anlagen des Abwasserbetriebs Warendorf umfassen neben zwei Kläranlagen verschiedene Misch- und Schmutzwasserpumpwerke, die für den Transport und die Reinigung des Abwassers von bis zu 80 000 Einwohnern zuständig sind. Abgesehen von diesen Gewerken gehören auch Sonderbauwerke wie Regenüberläufe, Regenüberlaufbecken und Bodenfilteranlagen zur Infrastruktur der städtischen Einrichtung. Abwasserbetrieb Warendorf setzt auf stetige technische Optimierung Flexibilität und (Zukunfts-)Sicherheit durch das Ecosystem PLCnext Technology Abwasserbehandlung, Automatisierung, PLCnext Control, IT-Sicherheit Joel Stratemann „Stillstand ist Rückschritt“: Gemäß diesem Motto bringt der Abwasserbetrieb Warendorf seine Anlagen kontinuierlich auf den neusten Stand der Technik. Mit dem Ecosystem PLCnext Technology legen die Verantwortlichen nun den Grundstein für einen noch zuverlässigeren und zukunftssicheren Betrieb. Als erstes Projekt ist ein Regenüberlaufbecken im Ortsteil Hoetmar auf Basis einer PLCnext Control automatisiert worden. © Phoenix Contact Bild 1: Das Regenüberlaufbecken in Hoetmar hat ein Volumen von 1 000 Kubikmeter. © Phoenix Contact 19 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Infrastruktur Um die Effizienz der Prozesse zu steigern und gleichzeitig die Menge der benötigten Ressourcen zu senken, wurden die unterschiedlichen Anlagen in der Vergangenheit immer wieder modernisiert und mit neuesten Technologien ausgestattet. Bei den jüngsten Retrofitmaßnahmen ist am dezentralen Regenüberlaufbecken im Warendorfer Ortsteil Hoetmar eine direkte Netzankopplung umgesetzt, der lokale Notstromgenerator ausgetauscht sowie die Automatisierungsebene erneuert worden. Das Gewerk verfügt über zwei Schnecken mit einer maximalen Förderleistung von 6 500 Kubikmeter sowie einem Beckenvolumen von rund 1 000 Kubikmeter. Das Regenüberlaufbecken ist einer kleinen dezentralen Kläranlage vorgelagert (Bild-1). Die Steuerung spricht viele Protokolle Im Rahmen der Modernisierung wurde eine speicherprogrammierbare Steuerung auf Basis der PLCnext Technology von Phoenix Contact in der Automatisierungsebene verbaut. Die vom AXC F 2152 unterstützten Protokolle - wie OPC UA - sowie die integrierten Security-Funktionen haben bei der Entscheidung für den Controller eine wesentliche Rolle gespielt. Die Steuerung bildet jetzt das Kernelement des lokalen Automatisierungskonzepts für das Regenüberlaufbecken in Hoetmar. Als zentrales Bindeglied muss sie eine Vielzahl von Protokollen bedienen. So werden die Daten der Frequenzumrichter sowie von verschiedenen Messgeräten und dem neuen Generator über klassische Feldbussysteme - beispielsweise Modbus RTU und Modbus TCP - eingelesen und verarbeitet. Zusätzliche Schnittstellen wie Profinet oder OPC UA ermöglichen die zukünftige Anbindung von Sensoren und Aktoren mit geringem Aufwand. Über den lokalen Busteilnehmer lassen sich außerdem unterschiedliche Signale aus dem Feld aufnehmen, in der Steuerung verarbeiten und ausgeben (Bild 2). Der in den AXC F 2152 eingebaute OPC UA-Server versorgt die lokale Bedienoberfläche mit Informationen, sodass den Mitarbeitern der Kläranlage alle relevanten Daten auf einen Blick zur Verfügung stehen. Die lokale Visualisierung ist auf der Grundlage des SCADA-Systems Visu+ von Phoenix Contact erstellt worden. Sie zeigt nicht nur den aktuellen Stand der Anlage an, sondern erlaubt den Mitarbeitern auch ein manuelles Steuern der Aggregate (Bild 3). Mit einem Softwaretool lassen sich zahlreiche Aufgaben realisieren Die wichtigen Anlagendaten werden über das OPC UA-Protokoll an das Leitsystem übermittelt. Aus der Leitwarte können die Kläranlagenmitarbeiter dann Aggregate und Prozesse regeln, steuern und überwachen. Sollte die Verbindung abbrechen, werden die historischen Daten nachträglich mit einem Zeitstempel versehen an die Leitwarte gesendet, damit sie nicht verloren gehen. In der Vergangenheit wurden die Daten über das klassische Fernwirkprotokoll IEC 60870-5-104 an das Leitsystem übertragen. Durch seine einfache Implementierung und Flexibilität eröffnet das OPC UA-Protokoll dem Betreiber nun deutliche Vorteile. Aus diesem Grund und wegen seiner Benutzerfreundlichkeit hat sich OPC UA daher beim Abwasserbetrieb Warendorf als Standard etabliert. Die Programmierung der Applikation erfolgt auf Basis des IEC 61131-Standards. Deshalb Neben der PLCnext Control und der Software PLCnext Engineer besteht das Ecosystem PLCnext Technology aus der PLCnext Community und dem PLCnext Store. Der Store stellt Software-Applikationen (Apps) bereit, mit denen sich die PLCnext Control einfach funktional erweitern lässt. Dazu gehören Software-Bibliotheken für eine schnellere Programmierung - wie Waterworx - ebenso wie ausprogrammierte Apps, deren Nutzung keine Programmierkenntnisse erfordert. Mit der App „Pump Station Control“ lassen sich beispielsweise dezentrale Pumpstationen kontinuierlich steuern und überwachen. Die App sammelt die relevanten Mess- und Betriebsdaten, um den Betriebszustand der Pumpen zu diagnostizieren und gegebenenfalls eine vorausschauende Wartung einzuleiten. Durch eine intelligente Niveauregelung kann außerdem ein Trockenlauf der Pumpen verhindert werden. Die intelligente Web-Visualisierung erlaubt eine schnelle Inbetriebnahme der Applikation, die lediglich parametriert werden muss. Zur Anbindung anwendungsspezifischer analoger Messtechnik stehen standardisierte Schnittstellen zur Verfügung. APPS ERLAUBEN DIE SCHNELLE APPLIKATIONSERSTELLUNG Bild 2: Als zentrales Bindeglied unterstützt die PLCnext-Steuerung A XC F 2152 eine Vielzahl von Protokollen. © Phoenix Contact Bild 3: Auf der lokalen Bedienoberfläche werden den Mitarbeitern alle relevanten Informationen zur Verfügung gestellt. © Phoenix Contact 20 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Infrastruktur konnten bereits verwendete Funktionen und Programmteile aus dem Bestandssystem übernommen und schnell an die besonderen Anforderungen des Regenüberlaufbeckens adaptiert werden. Zur Programmerstellung wird die Software PLCnext Engineer von Phoenix Contact eingesetzt. Damit kann der Betreiber das gesamte System ebenfalls konfigurieren, diagnostizieren und visualisieren. Da die Mitarbeiter des Abwasserbetriebs lediglich ein Tool für sämtliche Aktivitäten kennen müssen, reduziert sich die Komplexität ihrer Tätigkeiten erheblich. Die hohe Skalierbarkeit der PLCnext Technology zeigt sich darin, dass die offene Steuerungsplattform auf verschiedenen SPS-Leistungsklassen genutzt werden kann, sich aber trotzdem stets gleich verhält und bedienen lässt. Auf diese Weise verwendet der Betreiber für kleine, dezen- Einstellungen können die Mitarbeiter dabei komfortabel per Browser über eine Konfigurationsseite vornehmen. Neben der Firewall umfasst die neue Steuerungstechnik die schon erwähnte Benutzerverwaltung, mit der sich alle Benutzerrechte individuell anpassen und verändern lassen. Auch hier erfolgt die Konfiguration direkt auf der Steuerung über das Webbased Management. Ergänzend zur Firewall und Benutzerverwaltung stellt die in den AXC F 2152 implementierte VPN- Funktion einen weiteren Mehrwert für den Abwasserbetrieb Warendorf dar. Per Virtual Private Network kann die PLCnext Control nämlich direkt und sicher an die zentrale Infrastruktur angebunden werden. Die Technik erweist sich als einfach bedienbar Wie in sämtlichen industriellen Branchen ändern sich die Anforderungen und Rahmenbedingungen in wasserwirtschaftlichen Anlagen immer schneller. Damit die Prozesse weiterhin optimiert werden können, müssen stetig mehr Daten und Informationen erfasst und verarbeitet werden. Die Grundlage dafür bildet eine flexible und offene Automatisierungstechnik, die selbst zukünftige Standards unterstützt, einfach von den Mitarbeitern zu bedienen ist und sie bei ihrer täglichen Arbeit wirklich unterstützt. Die PLCnext Technology wird diesen Ansprüchen gerecht. Mehr Informationen: www.phoenixcontact.de/ wasser Bild 5: Die einzelnen Anlagenteile werden segmentiert und durch eine vorgelagerte Firewall - den Security Router FL mGuard von Phoenix Contact - geschützt. © Phoenix Contact trale Bauwerke eine Steuerung mit geringer Performance, während komplexe Prozesse mit einem leistungsstarken Controller ausgestattet werden. Sollte sich der Schwierigkeitsgrad der Prozesse zukünftig erhöhen, lässt sich die SPS in bestehenden Applikationen problemlos gegen eine leistungsfähigere Variante austauschen (Bild 4). Lösung setzt das IT-Sicherheitskonzept optimal um Im Zeitalter der Digitalisierung gewinnt die IT-Sicherheit immer mehr an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund hat der Abwasserbetrieb Warendorf ein anlagenweites IT-Sicherheitskonzept entwickelt und in die Praxis umgesetzt. Beispielsweise sind die einzelnen Anlagenteile schon heute segmentiert und durch eine vorgelagerte Firewall - den Security Router FL mGuard von Phoenix Contact - geschützt. Die PLCnext Control AXC F 2152 fügt sich optimal in dieses IT-Sicherheitskonzept ein, denn sie umfasst bereits wesentliche Funktionen wie eine integrierte Firewall oder die Benutzerverwaltung. „Die Modernisierung des Regenüberlaufbeckens und die damit einhergehende neue Automatisierungstechnik schaffen eine optimale Grundlage, um zukünftige Herausforderungen lösen zu können“, fasst Frank Linning, Leiter der Kläranlagen und Sonderbauwerke des Abwasserbetriebs Warendorf, die Retrofit-Aktivitäten zusammen. „Gerade die Aspekte der IT-Security sowie die Vorteile der OPC UA-Kommunikation, die von der PLCnext Technology unterstützt werden, passen perfekt zu unserer Automatisierungsphilosophie (Bild 5).“ Durch die in der Steuerung verbaute Firewall werden deren Verbindungen gezielt eingeschränkt und überwacht. Entsprechende Joel Stratemann B.Sc. Industry Management Infrastructure, Geschäftsbereich Industry Solutions Phoenix Contact Electronics GmbH Kontakt: info@phoenixcontact.de AUTOR Bild 4: Im Schaltschrank des Regenüberlaufbeckens sind neben der PLCnext- Steuerung weitere Komponenten von Phoenix Contact verbaut, beispielsweise eine Security Appliance, ein Switch und Stromversorgungen © Phoenix Contact 21 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Für die Stadt Hamburg bedeutet der Zuzug vor allem, dass für die wachsende Bevölkerung auch zunehmend Wohnungen gebaut werden müssen - und das schnell. Um der steigenden Nachfrage zu begegnen, plant man in Hamburg deshalb nun drei neue Wohngebiete im Süd-Westen der Stadt: Vogelkamp Neugraben, Fischbeker Heidbrook und Fischbeker Reethen. Alle drei Gebiete liegen in dem grün geprägten Bezirk Hamburg-Harburg. Konkret heißt das für die Stadt, dass die bestehenden Siedlungskerne von Neugraben und Fischbek so erweitert werden müssen, dass die Natur- und EU-Vogelschutzgebiete von Moorgürtel und Fischbeker Heide geschont werden. Heute wohnen rund 31 000 Einwohner in Neugraben- Fischbek. Bis ins Jahr 2025/ 26 wird ein Bevölkerungszuwachs von rund 12 000 Menschen erwartet, für die sowohl die guten Verkehrsanbindungen in die Hamburger Innenstadt, als auch die Ruhe der umliegenden Natur und Schutzgebiete attraktiv sind. Einen Wandel dieser Größenordnung auf naturverträgliche Weise zu vollziehen, stellt eine Herausforderung für die städtische Planung dar. Über das EU finanzierte CLEVER Cities-Projekt sucht die Stadt nun nach innovativen Lösungen aus der Natur. Hamburgs neuestes Quartier gestaltet Gemeinschaft durch Stadtnatur Urbanisierung, Städtebau, Stadtökologie, Stadtgrün, Nachhaltigkeit Clara Grimes Die Hansestadt Hamburg erfreut sich einer anhaltenden Beliebtheit und damit einhergehenden wachsenden Einwohnerzahlen. Wie viele Städte in Deutschland und Europa sieht sich die Stadt damit allerdings auch mit einer zunehmend angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt konfrontiert. Bild 1: Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten für Anwohner und Besucher in Neugraben- Fischbek. © Josephine Vogelmann, steg Hamburg mbH 22 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Quartier im Wandel Noch im Frühsommer 2018 konnte man bei einem Spaziergang die kleinen, verschlafenen Dorfkerne von Neugraben und Fischbek durchqueren, vorbei an Schulen und Kirchen, offenen Feldern und einer Reihe temporärer Flüchtlingsunterkünfte. Diese sind heute neuen Straßenzügen mit bereits fertig bezogenen Häusern gewichen: Das Viertel befindet sich sichtbar im Wandel. Solch schnelle Zuwuchsraten durch vor allem junge, ortsfremde Bewohner machen die Gemeinschaft und den Zusammenhalt im Viertel zu einem wichtigen Thema. Die aktive Beteiligung neuer Gruppen an der Mitgestaltung des Stadtteils verspricht viel für die Zukunft der Region. Allerdings stellt das Zusammenwachsen neuer und alter Viertel sowie der aktive Austausch zwischen neu zugezogenen und alteingesessenen Mitbürgern immer auch eine Herausforderung dar. Dies gilt auch für eine ausreichende soziale Beteilung von Schülern und jungen Menschen, die künftig vielleicht selber einmal in Neugraben-Fischbek eigene Haushalte gründen könnten. Das Bezirksamt Harburg hat durch seine erfolgreiche Bewerbung für das EU-Projekt CLEVER Cities einen geeigneten Handlungsrahmen geschaffen, um wichtige Aspekte der zu bewältigenden Herausforderungen und Aufgaben für die Stadtentwicklung mit einem hamburgweiten Projektverbund zu bearbeiten. Teil des Teams sind sowohl relevante Abteilungen der Stadt Hamburg, als auch die Stadterneuerungs- und Stadtentwicklingsgesellschaft Hamburg (STEG), die Hafencity Universität Hamburg, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und die Technische Universität (TU) Hamburg. Gestaltung naturbasierter Lösungen Das ambitionierte Projekt soll bestehende Orte und Dorfkerne in Neugraben-Fischbek durch einen „Korridor“ in Form eines Leitsystems verbinden und dabei neue Erfahrungen der Einwohner mit der Natur ermöglichen. Zu diesem Zweck sollen entlang des Korridors naturbasierte Projekte implementiert und Regenwassermanagementlösungen ausprobiert werden. Dies umfasst auch naturbasierte Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten wie den geplanten Naturerlebnisplatz für Anwohner und Besucher. Teile des Leitsystems sollen gemeinsam mit Anwohnern und Bürgern mitentwickelt werden, wie etwa durch die Initiative „Made in Süderelbe“. Mithilfe neuer Techniken und Apps, wie der „Sensafety“-App der TU Berlin, soll vor allem das Vertrauen in öffentliche Grünflächen als sichere Aufenthaltsorte gestärkt werden. Darüberhinaus werden auch soziale Aspekte bedacht und aufgegriffen. So sollen vor allem sozial benachteiligte Gruppen durch gezielte Einladungen zu informellen Veranstaltungen und Picknicks aktiv eingebunden werden. Eine erste Aktion dieser Art fand bereits diesen Sommer statt - als ein Teil der Anwohner*innen der neuen Wohnhäuser Hochbeete gemeinsam neu bepflanzte. Entlang des CLEVER-Korridors und innerhalb des Projektgebietes ist geplant, in Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Akteuren, Gründächer als sogenannte Trittsteine zu qualifizieren und damit die Verbindungen zwischen den umliegenden Naturschutzgebieten zu stärken. Beispielsweise kann die Einrichtung von Nisthilfen für lokale Vogelarten und das Anbringen von Totholzelementen für Wildbienen „Mit diesen neuen Wohnungsbauprojekten besteht eine große Chance, das Wachstum Hamburgs nachhaltig mitzugestalten sowie die lokale Infrastruktur in Neugraben-Fischbek bedarfsgerecht zu qualifizieren und zu erweitern. Herausforderung für Stadtplanung und -erneuerung ist es hierbei, die Eingriffe in den Naturhaushalt gering zu halten und mithilfe von naturbasierten Lösungen, die im Rahmen des CLEVER Cities-Projekts entwickelt werden, einen positiven Beitrag für Mensch und Natur zu leisten.“ JAN PASTOORS Projektleitung CLEVER Cities, Freie und Hansestadt Hamburg - Bezirksamt Harburg „Damit Grünflächen tatsächlich durch die Einwohner*innen mitbenutzt werden, müssen diese aktiv an der Planung und Gestaltung beteiligt werden. Im Sommer 2019 fand mit Bewohner*innen der öffentlich-rechtlichen Unterkunft ein mehrsprachiger Beteiligungsworkshop statt, in dessen Folge der Bau von Hochbeeten gemeinsam realisiert werden konnte. Die Aktionen haben allen Beteiligten viel Spaß gemacht. Die Bewohner*innen und auch Mitarbeiter*innen erfreuen sich der Kräuter und pflegen diese nun gemeinsam.“ FRAUKE RINSCH Projektleitung, steg Hamburg mbH Bild 2: Gemeinsam werden neue Hochbeete gebaut. © Josephine Vogelmann, steg Hamburg mbH 23 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum und Insekten einen Beitrag zu einer naturbasierten Dachgestaltung in der Siedlung leisten. Auch anhand unterschiedlicher Fassadenbegrünungsprojekte sollen die vielen positiven Effekte naturnaher Lösungen demonstriert und für die Stadtteile genutzt werden. Zudem werden Projekte für ein Regenwassermanagement wichtiger Bestandteil sein, um unter anderem das Thema Klimaanpassung zu veranschaulichen. So findet sich die Idee der Schwammstadt in den Projekten, womit ein praktischer Beitrag zum Schutz überschwemmungsgefährdeter Orte im Gebiet geleistet werden kann. Wissenschaftliche Projektpartner werden die Maßnahmen begleiten, dabei neue Baumethoden und -materialien testen, die Leistung der Regenwasserrückhaltung und die Auswirkungen von naturbasierten Lösungen auf das Wohlbefinden der Anwohner dokumentieren und auswerten. Im Projektgebiet Neugraben- Fischbek werden darüber hinaus Schulhöfe nachhaltig und im Einklang mit der Natur neugestaltet. Höfe die bisher außerhalb der Schulzeiten nicht zugänglich waren, werden zukünftig auch öffentlich begehbar sein. Ein wichtiger Teilaspekt dieser Neugestaltung ist die gezielte Einbeziehung der Schüler*innen. Neben der Beschaffenheit der Schulanlagen sind die Schulen selbst, aufgrund ihrer Rolle für Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildung, ein wichtiges Element von CLEVER Cities. Zusätzlich zu den Gemeinschaftsgärten auf dem Schulhof werden deshalb Projekte zur Regenwasserbewirtschaftung einen weiteren, praktisch erlebbaren Zugang zum Thema ermöglichen. Die Schüler*innen haben dabei nicht nur die Gelegenheit, mehr über Umwelt und Nachhaltigkeit zu lernen, sondern das Erlernte auch an Freunde und Familie weitergeben zu können. Vision Multifunktionale, öffentlich mitgestaltete Grünflächen dienen nicht nur als Basis für eine sozial inklusive und dynamische Nachbarschaft, sondern können künftig potenziell Jobs schaffen. Im CLEVER Cities-Projekt werden die kommerziellen Potenziale der implementierten naturbasierten Maßnahmen ermittelt. Mit Hilfe des HWWI sollen innovative ökonomische Projekte mit wirtschaftlichen Chancen dann weiter unterstützt werden. Dies betrifft beispielsweise Firmen die Lösungen rund um das Thema Stadtnatur umsetzen und sich damit für eine Weitervermarktung qualifizieren. Um weitere Ideen der Bewohner des Projektgebiets im Rahmen des Projektes aufzugreifen wird im Laufe des Jahres 2020 das CLEVER-Mobil, ein mobiles Beteiligungstool, die Stadtteile aufsuchen, um naturbasierte Lösungen zur Stadtentwicklung zu kommunizieren und Anregungen entgegenzunehmen. Der Aspekt der engen Einbindung der Bürger*innnen und weiterer Stakeholder entspricht dabei dem nachhaltigen Grundgedanken von CLEVER Cities. Clara Grimes Officer at ICLEI ICLEI - Local Governments for Sustainability Kontakt: clara.grimes@iclei.org AUTORIN Funke Kunststoffe GmbH 59071 Hamm-Uentrop www.funkegruppe.de info@funkegruppe.de Tel.: 02388 3071-0 Funke Filterschacht ® DN 1000 mit DIBt-Zulassung Z-84.2-19 Niederschlagswasser reinigen auf kleinstem Raum! bel_filterschacht-78x252.indd 1 11.02.20 11: 20 24 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Rückblick Vor 70 Jahren eröffnete der Lebensmittelhersteller Pfanni seine erste Produktionsstätte am Münchner Ostbahnhof. Hier wurden bis 1996 die bekannten Kartoffel-Fertigprodukte hergestellt. Im „Werk 3“ waren Produktion und Verpackung untergebracht und in der Hochphase arbeiteten etwa 1 200 Beschäftigte im Münchner Pfanni-Werk. Die Firma gibt es immer noch, jedoch gehört Pfanni seit den Neunzigerjahren zum Unternehmen Unilever und produziert seine Produkte in Mecklenburg. Das damalige Gelände gehört heute dem Pfanni-Erben Werner Eckart und weiteren Besitzern. Es hat sich weiterentwickelt von Industrieareal über Kunstpark bis hin zum heutigen „Werksviertel“. Plan ist, dass in etwa 10 bis 15 Jahren alles fertig sein soll und das Areal dann 1 500 Wohnungen, eine Schule, zwei Kinder- Das Schafsdach von München Vielfacher Nutzen auf einem Dach vereint Urbanisierung, Dachbegrünung, Urban Farming, Biodiversität, Stadtklima Gunter Mann Täglich wird in Deutschland eine Fläche von etwa 60 Hektar Natur versiegelt. Die Hälfte dieser Flächen verschwindet langfristig aus dem natürlichen Wasserkreislauf. Neben dem Flächenverbrauch zwingen uns Klimawandel, Bevölkerungs- und Städtewachstum zum Umdenken und Handeln. Die „Stadtalm“ auf dem Dach des Werk3 im Werksviertel Mitte in München ist nicht nur ein außergewöhnliches Projekt innerhalb des sich neu entwickelnden Industrieareals. Das Urban Farming-Dach lehrt auch eindrucksvoll das Thema „Nachhaltiges Bauen“ und zeigt, dass „Green Building“ etwas mit Natur zu tun hat. Bild 1: Nikolas Fricke, Beauftragter für Nachhaltigkeit und Forschung, kümmert sich um die Schafe und viele andere Dinge. © BuGG 25 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum tagesstätten, Büros mit 7 000 Arbeitsplätzen, fünf Hotels und 30 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche umfasst. „Werk 3“ wird zum Urban- Farming-Dach Mitten im Werksviertel unmittelbar am Münchner Ostbahnhof steht das „Werk 3“ und damit das heutige neue „Kreativquartier“ mit 22 000 Quadratmetern Fläche auf sechs Etagen: für Büros, Handel, Kunst und Entertainment. Dabei werden alt und neu, ehemaliges Industriegelände und -gebäude und deren großzügige Loftflächen mit moderner Architektur und Design einzigartig miteinander verbunden. Schon von Beginn an spielten bei der Entwicklung des Werksviertels nachhaltige Konzepte und ökologische Grundsätze eine wichtige Rolle. Unter anderem wurde aufgrund der Ökobilanz ein Großteil der alten Werke auf dem Pfanni- Gelände erhalten und kernsaniert und nicht abgerissen und neuaufgebaut. Beim Dach Werk 3 stand eine Photovoltaikanlage zur Energiegewinnung oder eine Dachbegrünung zur Diskussion. Letztendlich hat man sich entschieden, das Dach zu begrünen, nicht nur um ein eigenes Ökosystem zu etablieren, sondern damit auch ein modellhaftes Beispiel mit Lehrcharakter zu schaffen. Die Bauherren wollten durch Dachbegrünung wieder für mehr Natur in der Stadt sorgen, mit der konzipierten „Stadtalm“ Zeichen setzen und andere Städte zur Nachahmung anregen. So entstand im Jahr 2017 mit der Dachgartenalm das besondere Highlight und die Attraktion des Werk 3 mitten in der Stadt in 26 Metern Höhe. Auf etwa 2 500 Quadratmetern Dachfläche wurde ein bisher einzigartiges Urban-Farming-Dach mit Hochbeeten, Kräuterwiese, Obstbäumen, Insektenhotel, Bienenstock, Hasen, Hühnern und einer kleinen Schafherde geschaffen. Zum Start im Oktober 2017 wurden sieben Skudden-Schafe mit dem Lastenaufzug hinauf zum Dachgarten gebracht. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass eine andere Rasse, nämlich Walliser Schwarznasenschafe, für einen dauerhaften Aufenthalt auf der Dachgartenalm besser geeignet sind. Ursprünglich wurde diese Rasse mit etwa 70 bis 80 Zentimeter großen und 70 bis 100 Kilogramm schweren Schafen für die Berge im Oberwallis in der Südschweiz gezüchtet. Sie sind angepasst an das karge Leben in den Bergen, sind genügsam, lebhaft und zutraulich. Dass es der kleinen Herde, die zwischenzeitlich aus elf Tieren bestand, auf dem Dach gefällt, zeigt auch die Geburt von Drillingen im Februar letzten Jahres. Die Schafe sind Teil des neu entstandenen Dach-Ökosystems und wurden auch angeschafft, um die Wildkräuterwiesen zu „mähen“. Betreut werden die Schafe von Nikolas Fricke, dem Beauftragten für Nachhaltigkeit und Forschung im Werksviertel-Mitte. Er ist täglich vor Ort und kümmert sich mit viel Erfahrung und Herzblut um die Tiere. Die Schafwolle wird im Areal, unter anderem im Rahmen der Workshops der Almschule, verarbeitet. Dabei lassen sich alte Handwerkstechniken wie Filzen und Spinnen erleben. „Almschule“ - Urban-Farming-Konzept Für die „Stadtalm“ steht der gesamte Grünkomplex auf dem Dach des Werk 3 zur Verfügung, sie ist Teil der „Almschule“. Mit der Almschule als gemeinsamem Projekt der BayWa Stiftung und der Stiftung Otto Eckart sollen Kindern und Jugendlichen in Workshops die Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz, gesunde Ernährung und Naturwertschätzung nahe gebracht werden. Dabei wird viel Wert auf „Mitmachen“ und „Erleben“ gelegt, so dass die Kinder unter anderem Tiere beobachten, Obst und Gemüse anpflanzen und Wolle spinnen können. Das Programm der Almschule ergänzt den Lernstoff des bayerischen Lehrplans. Vegetations- und Verkehrsflächen Für die Planung des Urban- Farming-Daches wurde das Landschaftsarchitektenbüro Jühling & Bild 2: Die Dauerbewohner auf dem Dach: eine kleine Herde Walliser Schwarznasenschafe. © BuGG Bild 3: Muttertier mit Nachwuchs im Schatten der Technischen Einrichtungen. © BuGG 26 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Partner aus München beauftragt. Die Hauptrollen spielten dabei die Landschaftsarchitektin Stefanie Jühling und der Landschaftsarchitekt Christopher Hanuss. Ihnen oblag die Planung der Dachlandschaft in ihrer Vielseitigkeit. Bauherrenwünsche mussten mit den örtlichen Gegenheiten in Einklang gebracht werden, mit dem Ziel, die Dachgartenalm dauerhaft und nachhaltig zu etablieren. Das komplette Dach auf Werk 3 umfasst knapp 3000 Quadratmeter, der Urban-Farming-Dachgarten hat etwa 2 500 Quadratmeter. Die restliche Dachfläche ist Terrasse mit kleinem Pool des „München Hoch 5“ - einer Location für Events. Die Statik des Daches ist auf 5 KN/ m² ausgelegt, dabei sind neben Gründachaufbau und Schneelast auch zusätzliche Lasten durch Personen, Tiere und Punktlasten (Bäume, Holzhütte) berücksichtigt. Die Dachfläche wurde mit zwei Trichtergefällen ausgebildet, die jeweils ein Gefälle von zwei Prozent haben und in insgesamt 14- Dachabläufe münden. Das Überschusswasser wird in ein Rigolenversickerungssystem unter der Tiefgarage des angrenzenden Knödelplatzes geleitet. Der Abflussbeiwert des Gründachaufbaus beträgt nach den FLL-Dachbegrünungsrichtlinien Cs- =- 0,2, die Wasserrückhaltung liegt je nach Aufbauhöhe bei bis zu 150 Liter pro Quadratmeter. Auf dem Warmdach mit zweilagiger, nach FLL wurzelfester Bitumendachabdichtung folgt bei der „Schafweide“ nachfolgender Gründachaufbau (von unten nach oben): Bautenschutzmatte 6 cm Festkörperdränage FKD 60, verfüllt mit Blähschiefer 2/ 10 Filtervlies 105 20 - 29 cm Intensivsubstrat Saatgutmischung „Damwild/ Schafweide“ Der Gründachaufbau bei der „Kräuterwiese“ sieht ähnlich aus (von unten nach oben): Bautenschutzmatte 6 cm Festkörperdränage FKD 60, verfüllt mit Blähschiefer 2/ 10 Filtervlies 105 20 cm Intensivsubstrat Regiosaatgut, Sondermischung „Blumenwiese“ Unter den Wegflächen wurde folgender Aufbau gewählt (von unten nach oben): PE-Folie 0,2 als Gleitlage 1 cm Festkörperdränage FKD 12 Filtervlies 300 16-31 cm Tragschicht Optipor 10/ 50 Splitt-Bettung und Naturstein (Sellenberger Muschelkalk) bei den Plattenwegen bzw. 8 cm Kies 0/ 22 bei den Kieswegen Bild 5: „Streuobstwiese“ auf dem Dach © BuGG Bild 4: Der Urban Gardening- Bereich mit Hochbeeten. © BuGG 27 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Pflanzenzusammensetzung Auf dem größten Teil der Dachfläche wurde die Rasensaatmischung BSV „Damwild/ Schafweide“ der Bayerischen Futtersaatbau ausgesät. Der überwiegende Anteil (über 60- %) der Saatgutmischung besteht aus verschiedenen Gräserarten (Deutsches Weidelgras, Rotschwingel rubra, Welsches Weidelgras, Wiesenlieschgras, Wiesenrispe, Wiesenschwingel), ergänzt durch Leguminosen (Esparsette, Hornklee, Rotklee, Weißklee) und Kräutern (Chicorée, Fenchel, Kleiner Wiesenknopf, Ringelblume, Spitzwegerich, Wiesenkümmel, Wilde Möhre). Dazu kam in Teilbereichen eine artenreiche Wildblumenwiese aus dem Regiosaatgut „Sondermischung Blumenwiese“ der Firma Rieger Hofmann und ergänzt wurde die Weidevegetation mit verschiedenen Gehölzen wie Felsenbirne, Kiefern und Obstbäumen (Apfel, Birne, Kirsche, Zwetschge). Selbst die Technikaufbauten wurden teilweise noch mit Kletterhortensien begrünt. Bewässerungsstrategie Da das Dach ein Gefälle hat und die Wiesengräser und -kräuter unzureichend über eine Anstaubewässerung mit Wasser zu versorgen gewesen wären, wurde auf ein Bewässerungsvlies gesetzt. Das Tröpfenbewässerungsvlies wurde dabei im Intensivsubstrat in etwa zehn Zentimeter Substrattiefe verlegt. Somit kann das Substrat bei Bedarf feucht und Wasser für die Pflanzenwurzeln verfügbar gehalten werden. Erhöhungen der Biodiversität Mitten auf dem Wiesendach wurde eine Kiesrinne in ein Sumpfbeet umgewandelt, mit Lehmsubstrat und geeigneten Pflanzen, wie Schwertlilien und Bach-Ehrenpreis, ausgestattet. Damit wurde die Struktur- und damit die Artenvielfalt auf dem Gründach noch weiter erhöht. Blitzschutz Erwähnenswert auch die Umsetzung des Blitzschutzes. Der Blitzfang erfolgt mittels Stangen, die Verzweigung des Blitzschutz- V4A-Runddrahts der Stärke 8 mm ist auf dem Filtervlies, also unter dem Substrat verlegt. Die Erdung erfolgt an der Attika. Fazit Die „Dachgartenalm“ als Urban- Farming-Dach auf dem ehemaligen Pfanni-Werksgebäude im Osten Münchens zeigt eindrucksvoll und vorbildlich, was auf einem Dach alles möglich ist. Entscheidend dabei waren die Bauherren, die mit klaren Vorstellungen und Vorgaben ihrem gesellschaftlichen Engagement und ihrer Verantwortung gerecht wurden. Sie wollten und wollen Zeichen setzen für den zukünftigen Städtebau, für Nachhaltigkeit und für Natur in der Stadt. Erfahrene Landschaftsarchitekten haben diesen roten Faden aufgenommen und im Zusammenspiel mit Systemanbietern und Ausführungsbetrieben für eine vorausschauende Planung und fachgerechte Umsetzung gesorgt. Weitere Informationen: www.werksviertel-mitte.de www.almschule.de Dr. Gunter Mann Präsident Bundesverband GebäudeGrün e. V. (BuGG) Kontakt: gunter.mann@bugg.de AUTOR Bild 6: Birnbaum auf dem Dach, im Hintergrund wird gebaut. Dachbegrünung als Ausgleichsfläche. © BuGG OBJEKTSTECKBRIEF Dachgarten Werk 3, Werksviertel Mitte, Altes Pfanni- Gelände, München Baujahr: 2016 Bauherr: OTEC GmbH & Co. KG, München, www.werksviertel-mitte.de Architekt: Steidle Architekten, München, www.steidle-architekten.de Landschaftsarchitekt: Jühling & Partner Landschaftsarchitekten, München, www.juehling.net Größe Dachgarten: 2 500 m² Gründachaufbau: Optigrün- Systemlösungen „Gartendach“ und „Verkehrsdach“ Besonderheiten: Urban-Farming-Dach („Almschule“), unter anderem mit Schafen, www.almschule.de Ausführung Begrünung: Josef Saule GmbH, Augsburg, www. saule-augsburg.de Dachabdichtung: Bitumenbahn, 2-lagig, wurzelfest nach FLL 28 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Wer Badya City von oben betrachtet, dem fällt die Gliederung in sechs Distrikte mit eigenen Zentren ins Auge. Sie sind mit einem feinen grünen Netz an das übergeordnete Stadtzentrum angebunden. Zu sehen gibt es dieses Muster bisher nur im Showroom des ägyptischen Entwicklers und Investors Palm Hills Developments: Dort steht ein 16- m² großes, interaktiv bespielbares Modell der insgesamt 1 260 Hektar umfassenden Stadtentwicklung. Diese ungewöhnliche Modellgröße verdeutlicht auch die für Europäer kaum nachvollziehbare Dimension dieser Planung: Badya City wird etwa 150 000 Einwohner aufnehmen und rund 48 000 Arbeitsplätze bieten. Die integrierte Planung, vom zugrundeliegenden Masterplan im Verhältnis 1 : 1 000 über das städtebauliche Konzept, die Freiraum- und Verkehrsplanung, bis hin zur Architektur für mehr als 3 000 Wohneinheiten zum Vertriebsstart entwickelte ein interdisziplinäres Team des Architekten- und Planerbüros AS+P Albert Speer + Partner GmbH (AS+P). Der Spatenstich in Badya City wurde im September vorigen Jahres vollzogen, und die ersten Bewohner werden voraussichtlich bis 2023 eingezogen sein. Eine Stadt der kurzen Wege Mit mehr als 20 Millionen Einwohnern ist die Metropolregion Kairo in Ägypten der größte Ballungsraum in der arabischen Welt - und dieser wächst stetig weiter. Die Folgen der hohen Bevölkerungsdichte sind Betonwüsten, Verkehrskollapse und informelle Siedlungen entlang des Nils. Badya City - ressourcenschonend und klimaoptimiert Durch integrierte Stadtplanung Kairo im Westen auf nachhaltige Weise entlasten Resiliente Stadt, klimaoptimierte Architektur, Slow Mobility, Sponge City, Linear Parc, Mass Customization Jürgen Häpp, Nils Müller, Matthias Dilger Badya City in Ägypten vereint Vorzüge einer europäischen Stadt, wie Verdichtung und Nutzungsmischung, mit der Chance, im großen Maßstab eine nutzerorientierte, resiliente Infrastruktur zeitgleich mit einer lokal und klimatisch angepassten Architektur zu entwickeln. Insbesondere Badyas polyzentrische Struktur, ein 225 km langes Rad- und Fußwegenetz sowie die kundenindividuelle modulare Massenfertigung verschiedener Wohnungstypologien machen diese Großstadt auf der Fläche einer Mittelstadt so lebenswert wie nachhaltig. Bild 1: Das Kerngebiet von Badya City. © AS+P Albert Speer + Partner GmbH (AS+P), Visualisierung: HHVISION 29 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Dementgegen liegen die neuen strategischen Stadterweiterungsgebiete im Osten und Westen Kairos, wo sie keine potenziellen Agrarflächen verbauen. Dort, etwa 30 Kilometer westlich der Hauptstadt, plant AS+P die gemischt genutzte Entwicklung Badya City als Teil der 6th of October City als eine nutzerorientierte, grüne und ressourcenschonende Stadt der kurzen Wege. Damit sie auch nachhaltig errichtet werden kann, sorgten die Planer bei AS+P für einen zügigen, wirtschaftlichen Entwurfs- und Bauprozess sowie an Kundenwünsche anpassbare Grundrissoptionen. Ein integriertes modulares System und der frühe Einsatz digitaler Werkzeuge wie GIS und BIM trugen hierzu bei. Als ganzheitlich geplante Stadt ist Badya City rund um die Uhr attraktiv und hat neben verschiedenen Wohnbautypologien und Büros vielfältige Nahversorgungs-, Kultur- und Freizeitangebote. Der von sechs Quartieren umgebene städtische Kern hat eine Einkaufszone, eine Universität sowie ein Sportgelände. In dieser polyzentrischen, facettenreichen Struktur lebt jeder Einwohner nah zu einem Zentrum und seinem Nahversorgungsangebot: Einrichtungen für den täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Bedarf sind jeweils in nur 5, 10 oder 15 Minuten zu erreichen. Vielfältige Angebote für emissionsarme Mobilität Die geplante durchschnittliche Bevölkerungsdichte von etwa 125 Personen pro Hektar erlaubt ein effizientes öffentliches Personennahverkehrssystem mit kurzen Wegen zu Haltestellen. Zusätzlich setzen die AS+P-Planer auf positive Anreize und verbesserte Mobilitätsangebote, um das gesamte Verkehrsaufkommen möglichst gering zu halten: Auf insgesamt 225 Kilometern bilden unter anderem in Grünanlagen eingebettete Wege das Rückgrat des für Radfahrer und Fußgänger optimierten Verkehrsnetzes. Es verbindet alle sechs Distrikte und das städtische Zentrum von Badya miteinander. Diese kurzen, verschatteten und ästhetisch gestalteten Wege laden die Stadtbewohner zum Spazieren und Radfahren ein und stellen sicher, dass alltägliche Besorgungen problemlos ohne Auto erledigt werden können. Das begrünte Wegenetz führt auf schnellstem Wege zum Zentrum und verdichtet sich zu diesem hin, um den Verkehr zu entzerren. Diese Wegverbindungen sicherten die Planer von AS+P mithilfe digitaler Werkzeuge wie der Software Space Syntax: So wurden alle Verbindungen visuell dargestellt und überprüft. Ladestellen und Sharing-Angebote für E-Bikes und -Cars sowie autonome Busverkehre sollen den Umstieg auf emissionsarme Mobilität erleichtern. Das Gestaltungsprinzip der „Living Street“ wird Badyas individuelle Stadtteile prägen: Der Mensch soll und darf sich die Straße zurückerobern. Auf der „Living Street“ wird die Straße wieder zur Begegnungszone. In 54 % von Badya Citys Straßen haben nicht mehr Autos Vorrang, sondern die Menschen. Ein Novum in Ägypten. Ausbalanciertes Wassermanagement In Ländern mit Wüstenklima spielt der angemessene Umgang mit der Ressource Wasser eine besondere Rolle. Im Großraum Kairo werden lange Trockenperioden von kurzen, mitunter sintflutartigen Regenphasen abgelöst, die bis zu drei Mal im Jahr auftreten und starke Überschwemmungen verursachen können. Diese plötzlich auftretenden Wassermassen sowie wiederaufbereitetes Wasser wollen die Planer bei AS+P als Chance zur Ressourcengewinnung nutzen: Grünflächen machen etwa 20-Prozent des Plangebiets aus und sind mit einem Netz aus Versickerungsflächen durchzogen, in die das Wasser aus den versiegelten Flächen oberflächig eingeleitet wird und langsam versickern kann. Das ist klimagerechter als unterirdische Rigolen, denen Staub und Sand mehr zusetzen. Bild 2: Darstellung eines Appartmenthauses mit E-Bike- Miet-und-Lade- Station. © AS+P, HHVISION 30 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Weitere „Green buffer“ sind Grünflächen mit eingebetteten Verbindungswegen zum Quartier. Darüber hinaus sorgen wasserdurchlässige Straßenbeläge für eine langsame Versickerung. Die Grünflächen werden in vier Hydrozonen eingeteilt, von sehr geringem bis höherem Wasserbedarf, um den Wasserverbrauch flexibel anzupassen. Nicht mehr Vegetation wird gepflanzt, als durch wiederaufbereitetes Abwasser unterhalten werden kann. Mit dieser resilienten Infrastruktur und einem darauf abgestimmten Begrünungskonzept entwerfen die Planer von AS+P Badya City als so genannte Sponge City, um klimatische Extreme besser auffangen zu können. Die ausgewogene Balance zwischen Trink- und recyceltem Wasser trägt dazu bei, einen schonenden Umgang mit dieser wertvollen Ressource zu ermöglichen. Gesundes Mikroklima verbessert die Lebensqualität Die Freiraumplanung trägt nicht nur wegen des ausgewogenen Umgangs mit dem Wasserhaushalt der Stadt maßgeblich zur Lebensqualität in Badya City bei. Die Freiflächen haben in der gesamten Stadt mehrere Funktionen zu erfüllen: Grünkorridore fördern die Stadtventilation und wirken Hitzeinseln entgegen. Durchdachte Bepflanzungskonzepte erhöhen die Aufenthaltsqualität und bieten Sichtschutz und Privatsphäre und schaffen ebenso schattige öffentlich zugängliche Orte der Begegnung und Raum für soziales Miteinander. Ein besonderer Mix aus Bäumen und Sträuchern sorgt für ein komfortables Mikroklima durch Abkühlung und verbessert die Luftqualität. Davon profitieren die Einwohner: In Badya City leben 95 % der Bevölkerung in einer Entfernung von zwei Minuten zu einem Park, 99 % der Einwohner leben drei Minuten entfernt von einem begrünten Platz. Und auch die Architektur leistet in Badya City ihren besonderen Beitrag zu Stadtklima und Wohnqualität. Verschiedene Gebäudetypologien - von der Stadtvilla, dem Apartment- oder Mehrfamilienhaus bis hin zum Wohnturm - sorgen ebenso für Vielfalt wie unterschiedliche Fassadentypologien mit mit natürlicher Verschattung. Was können wir von Badya City lernen? Städte wie Badya City in Ägypten entstehen auf dem Reißbrett und können von Grund auf neu gedacht werden. Die integrierte Stadtplanung erlaubt eine umfassende Antwort auf die Herausforderungen, die der Klima- und Gesellschaftswandel an die Städte der Zukunft stellt. Diese Erfahrungen führen uns vor Augen, dass wir denselben ganzheitlichen Blick auf das jeweils Mögliche auch hierzulande stets anwenden sollten. Bild 4: Ansicht eines „Linear Parcs“. © AS+P, HHVISION AUTOREN Dipl.-Ing. M. Sc. Jürgen Häpp Architekt und Stadtplaner Assoziierter Partner AS+P Albert Speer + Partner GmbH Kontakt: j.haepp@as-p.de Dipl.-Ing. (FH) Architektur Nils G. B. Müller Projektpartner AS+P Albert Speer + Partner GmbH Kontakt: n.mueller@as-p.de Dipl.-Ing. Matthias Dilger Landschaftsarchitekt und Stadtplaner Assoziierter Partner AS+P Albert Speer + Partner GmbH Kontakt: m.dilger@as-p.de Bild 3: Visualisierung einer „Living Street“ in Badya City. © AS+P, HHVISION 31 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum Immer mehr Menschen leben in Städten - Tendenz steigend. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan nannte unsere Zeit einmal „das Jahrtausend der Städte“. Die Menschheit hat sich also gegen das Leben auf dem Land entschieden und das Wohnen in Städten bietet durchaus Vorteile. Ökonomisch betrachtet sehen Zukunftsforscher zum Beispiel Chancen durch höhere Produktivität, Innovationskraft und sinkende Allgemeinkosten pro Einwohner. Für einzelne Bürger bedeutet Leben in der Stadt insgesamt kürzere Wege, die Nähe zu Arbeitsplätzen, Schulen und Kindergärten, eine gute medizinische Versorgung, praktische Einkaufsmöglichkeiten sowie vielfältige kulturelle Angebote vor Ort. Dem gegenüber stehen jedoch hoher Flächenverbrauch in den Ballungsräumen, knapper Wohnraum, dichter werdender Verkehr und zunehmende Umweltbelastungen - Auswirkungen, die die Urbanisierung mit sich bringt. Damit die Lebensqualität für die Einwohner von Städten nicht sinkt, gilt es also, moderne Städte flexibel und funktional zu entwickeln. Experten aus den Bereichen Architektur, Verkehrsplanung, Sozioökonomie, Raumplanung und Politik müssen deshalb zusammenarbeiten, um zukunftsorientierte und nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. Vor allem auch unter Berücksichtigung des Klimawandels. Begrünung für gesunde Lebensumgebungen Viele urbane Gebiete stehen durch Bevölkerungswachstum, begrenzte Ressourcen und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels verstärkt unter Druck. Städte sind zumeist wärmer als umliegende ländliche Gebiete, etwa durch die Wärmespeicherung in Stein und Beton Grünes Wohnen in Städten Wohnanlage in Teltow bietet Wohnraum im Einklang mit der Natur Urbanisierung, Wohnungsbau, Begrünung, Stadtbäume, Stadtklima Tassilo Soltkahn Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. Für die daraus entstehenden Herausforderungen, wie zunehmendem Flächenverbrauch, dichter werdendem Verkehr und wachsenden Umweltbelastungen, müssen Städtebauer Lösungen finden. Um nachhaltige Lösungen für mehr urbane Lebensqualität zu erarbeiten, ist die fachübergreifende Zusammenarbeit von Experten aus den Bereichen Architektur, Verkehrsplanung, Sozioökonomie, Raumplanung und Politik notwendig. Bild 1: Bauprojekt Wohnanlage Teltow: grüner Innenhof mit Schatten spendenden Bäumen. © Soltkahn AG 32 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum oder die Abwärme aus Industrie und Wohnungen. Ebenso kommen Luft- und Lärmbelastung hinzu, die die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitzewellen verstärken können. Grün- und Wasserflächen beeinflussen hingegen das Klima in Städten positiv. Bäume und Grünflächen sorgen nicht nur für Abkühlung, - der Übergang von flüssigem Wasser zu Wasserdampf verbraucht Wärmeenergie - sondern dämpfen auch den Lärm, reinigen die Luft und speichern bei Starkregen Versickerungswasser und dienen so als Puffer. Auch begrünte Dächer und Fassaden wirken aufgrund von Verschattung und Verdunstung kühlend auf die nähere Umgebung. Diese Begrünungsmöglichkeiten sowie Parks, städtische Wiesen und Spielplätze oder Freizeit- und Kleingartenanlagen bieten somit Möglichkeiten, gesunde und nachhaltige Lebensumgebungen zu schaffen. Wohnungsbau für Jung und Alt Für die Entwicklung neuer Wohngebiete spielt die Integrierung von Grünflächen also eine wichtige Rolle. Suchen Menschen heutzutage neuen Wohnraum, beschäftigen sie sich zunehmend mit Themen wie Nachhaltigkeit, moderne Ausstattungen und kurze Wege. Gleichzeitig wollen sie aber einen Blick ins Grüne haben und an einem Ort leben, der zum Erholen einlädt. Wohnfläche schaffen und gleichzeitig die Natur zu erhalten stand deshalb auch bei der Bebauung eines Grundstücks in Teltow im Mittelpunkt. Teltow im Landkreis Potsdam-Mittelmark gehört aufgrund seiner Kombination aus guter Infrastruktur und Natur zu einer der einwohnerstärksten Kommunen in diesem Landkreis. Die Stadt hat einen großen Bestand an kleineren Häusern und ist ein gewachsener Ort. Aufgrund der Nähe zu Berlin und der guten Anbindung ließen sich in den letzten Jahren viele Menschen in Teltow nieder, was auch zu einer hohen Nachfrage nach Wohnraum führt. Die Herausforderung für die Bebauung des Grundstücks lag darin, einerseits den familiären und „kleinstädtischen“ Charakter des Ortes zu erhalten - also auf dem Grundstück keine großen Wohnblöcke zu errichten, gleichzeitig jedoch möglichst viel Wohnraum zu schaffen. Andererseits galt es, die Belange der Stadt mit den Interessen des Umweltschutzes zu vereinen. Städte benötigen nämlich kreative Lösungen für einen Geschosswohnungsbau, der auch für junge Familien mit Kindern sowie gleichzeitig für ältere Menschen attraktiv ist. Bewohner brauchen direkt in ihrem Wohnumfeld Gelegenheiten, um sich im Grünen aufhalten zu können - sei es, um sich zu bewegen und spazieren zu gehen oder als Platz zum Spielen. Zudem spielen vor allem in Quartieren mit mehrgeschossigen Häusern Grünflächen bei der Abkühlung eine bedeutende Rolle, da sich die Wohnungen in einer mehrtägigen Hitzephase nur langsam von selbst wieder abkühlen. Grüner Innenhof mit altem Baumbestand Auf dem Grundstück in Teltow befand sich in der Vergangenheit eine Villa, die über eine etwa 100 Meter lange Allee zu erreichen war. Das Gebäude wurde vor mehreren Jahren abgerissen, doch die Allee blieb erhalten. Nach dem Wunsch des Bauherren sollte der Baumbestand auch mit dem geplanten Wohnquartier in Einklang gebracht werden. Drei Wohngebäude in dem neuen Quartier im Herzen der Stadt wurden deshalb so angeordnet, dass der Großteil des alten Baumbestandes erhalten blieb. Zudem wurden Neupflanzungen vorgenommen. Die ehemalige Allee befindet sich nun mitten auf dem Grundstück und verbindet die drei Gebäude räumlich miteinander. Umgeben von Grün entstanden die Mehrfamilienhäuser im Jahr 2019 mit insgesamt 44 Wohnungen, vier Ladengeschäften und mehreren Kellergaragen. Um den Charakter der Umgebung zu erhalten, wurde mit Rücksprüngen und Laternengeschossen gearbeitet, sodass sich die Gebäude durch eine ansprechende Gestaltung in die Natur integrieren. Steile, hoch hinausragende Fassaden sind nicht mehr zeitgemäß - Versprünge geben Gebäuden Bild 2: Bauprojekt Wohnanlage Teltow: Wohnfläche schaffen und gleichzeitig die Natur erhalten. © Soltkahn AG 33 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRAXIS + PROJEKTE Stadtraum nicht nur Individualität, sondern sorgen auch für mehr Privatsphäre der Anwohner. Bei den Häusern lassen sich deshalb viele Versprünge finden. Diese sind dabei jedoch keine reinen Wiederholungen, sondern lehnen sich an das jeweilige Raumkonzept an und fügen sich an den abtreppenden Fassaden zusammen. Der grüne Innenhof lässt sich so von nahezu jeder Wohnung einsehen und verschafft Luft zum Atmen. Zudem befinden sich auf dem Grundstück, umgeben von Pflanzen, drei Spielplätze für unterschiedliche Altersgruppen von Kindern und Jugendlichen, sodass insgesamt naturnahes Bauen in der Stadt verwirklicht werden konnte. Moderne und ansprechende Wohngebäude Das erste Haus verfügt über zehn Wohnungen auf drei Etagen sowie mehrere Kellerräume im Untergeschoss. Das Erdgeschoss bietet Platz für vier Ladengeschäfte für die Nahversorgung. Sie sind Teil des modernen Wohnkonzeptes, da reine Wohngebiete nicht mehr zeitgemäß sind. Gibt es für Bewohner die Möglichkeit, beispielsweise Lebensmittel in der Nähe einzukaufen oder ortsnah ihr Fahrrad reparieren zu lassen, sind sie seltener auf Autos angewiesen, was wiederum Emissionen einspart. Zudem beleben Geschäfte das Stadtbild und stellen zugleich auch Treffpunkte für die Bewohner des Quartiers dar. Die Wohnungen haben zwei bis vier Zimmer und Wohnflächen von 30 bis 100 Quadratmeter. Damit bieten sie Platz für alle Generationen. Haus zwei liegt in der Mitte des Grundstücks und öffnet auf einer Seite den Blick auf einen der Spielplätze und auf der anderen Seite die entspannende Sicht auf ein angrenzendes Waldstück. Der Wohnkomplex beherbergt 18 Wohnungen, drei von ihnen erstrecken sich als Maisonette über zwei Etagen. Das dritte Haus verfügt über insgesamt 16 Wohneinheiten. Im Untergeschoss befinden sich darüber hinaus 12 PKW-Stellplätze sowie 16 Kellerräume. Alle einzelnen Etagen der drei Häuser liegen dabei treppenförmig versetzt übereinander und auch die Balkone stehen hervor und bieten so einen interessanten Anblick. Die Terrassengeländer stellen dabei eine Besonderheit dar. Für die Terrassen wurden Betonplatten verlegt, sodass eine ebenmäßige Fläche entsteht. Die Pfosten der Geländer wurden lediglich auf die Platten montiert und das Geländer an der Hauswand verankert. Durch das Aufstellen um die Terrasse herum ist die Konstruktion sehr stabil und eine Verankerung im Dach nicht notwendig. Diese Maßnahme ist sehr einfach, dabei aber wirtschaftlich und funktional. Große Fenster, grau abgesetzte Treppenhausvorsprünge und Säulen durchbrechen zudem die weiße Fassade. Die jeweils oberste, dritte Etage der Wohnhäuser entspricht einem Laternengeschoss und lenkt durch die ansprechende graue Steinfassade den Blick auf sich. Die Fenster mit Dreifachverglasung wie auch die Terrassen und Balkone der Wohnungen ermöglichen einen idealen Lichteinfluss und lassen die Bewohner das Grün des Baumbestandes sowie teilweise die Sicht auf das angrenzende Waldstück genießen. Gründächer als nachhaltiges Konzept Um in Städten Grünflächen zu schaffen, setzen Architekten bei der Planung von Gebäuden auch immer öfter auf Gründächer. Diese bieten nicht nur ökologische, sondern auch bauphysikalische Vorzüge. Zum einen speichern die Pflanzen einen großen Teil des Regenwassers und lassen es anschließend verdunsten. Außerdem filtern sie Staub sowie Schadstoffe und verbessern somit die Luftqualität. Zum anderen funktionieren Gründächer im Winter als Wärmedämmung und schützen Wohnungen im Sommer vor hohen Temperaturen, sodass sich Energiekosten reduzieren lassen und bei hohen Temperaturen ein Kühleffekt entsteht. Mit Asphaltpappe gedeckte Dächer erhitzen sich im Sommer auf 80 bis 100 Grad Celsius, Gründächer hingegen nur auf 25 bis 40 Grad Celsius. Gleichzeitig vermindern die bepflanzten Dächer Schallreflexionen um bis zu drei Dezibel. Die Schalldämmung im Inneren kann um bis zu acht Dezibel verbessert werden. Zudem wirken die Pflanzen als natürlicher Schutzschild für die Dachabdichtung: Die so reduzierte Belastung der Dichtung macht deutlich seltener Dachsanierungen notwendig. Bei dem Projekt in Teltow wurden aufgrund dieser Vorteile mehrere Dachbereiche als Gründächer eingeplant. Bei Haus eins entstanden in allen Geschossen verschieden große Flächen mit Pflanzen, in Haus zwei wurden die bepflanzten Flächen ins dritte Obergeschoss integriert, in Haus drei ins erste sowie ins dritte Obergeschoss. AUTOR Tassilo Soltkahn Architekt und Vorstand Soltkahn AG Kontakt: kontakt@soltkahn.de 34 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Die Vernetzung der Verkehrsmittel, von der aktiven Mobilität (AM) zu Fuß, mit Fahrrad oder Roller über öffentlichen Verkehr (ÖV) mit Bussen und Bahnen bis zum motorisierten Individualverkehr (MIV) mit Auto (und selten mit Motorrad oder Motorroller), erfolgt digital über das Smartphone als persönliche Mobilitätszentrale und analog über Mobilitätshubs, vorzugsweise an Bahnhöfen und Haltestellen des Vernetzte Mobilität im multimodalen Stadtraum Mobilität, Verkehrswende, Multimodalität, CO 2 -Reduzierung, ÖPNV, Stadtraum Hartmut Topp Vernetzte Mobilität - damit wird vieles bezeichnet: von multimodaler und intermodaler Kombination der Verkehrsmittel über Sharing-Konzepte und On-demand-Dienste bis hin zu automatisiertem Autofahren - und virtuelle Mobilität sei noch hinzugefügt. Damit gemeint ist Telearbeit im Homeoffice oder im Co-Working-Space, Online-Fernstudien, Teleshopping mit Lieferdiensten, Video-Konferenzen etc. Die Digitalisierung verändert nicht nur unsere Verkehrswelt und unser Mobilitätsverhalten, sondern - mit weitergehenden Folgen für unsere Mobilität - auch unsere Lebens- und Arbeitswelten. Bild 1: Ungeordnetes Bike-and-Ride am Heidelberger Hauptbahnhof. © Topp 35 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung ÖPNV mit Park-and-Ride und Bike-and-Ride. Neben dem ungeordneten Abstellen der Fahrräder - wie in Heidelberg (Bild 1), wo eine automatische Radstation geplant ist - stehen dafür zunehmend auch Fahrradparkhäuser zur Verfügung: Das größte der Welt mit 12 500 Abstellplätzen steht in den Niederlanden am Utrechter Bahnhof [1]. In Münster gibt es am Bahnhof seit 20 Jahren eine Fahrradstation mit 3 300 Abstellplätzen, die längst nicht mehr ausreichen, was auch hier zu „wildem“ Abstellen führt. Neben Bike-and-Ride ist die Mitnahme von Fahrrad, Roller oder Rollator im ÖV ein wichtiger Beitrag zur Mobilitätsvernetzung. Sharing-Konzepte Sharing-Konzepte wie Bike-Sharing, Car-Sharing, Roller- und E-Scooter-Sharing sowie Ride-Sharing und Ride-Pooling spielen bei der Vernetzung der Mobilität eine zentrale Rolle. Sie sind schon längst nicht mehr nur an Mobilitätspunkten oder Sharing- Stationen verfügbar, sondern „free-floating“ überall im jeweiligen Geschäftsgebiet, geortet über Smartphone-Apps. Das gilt jedenfalls für die Stadt, auf dem Land sieht das anders aus. Die Aufzählung der Sharing-Konzepte macht die zunehmende Vielfalt von Mobilitätsoptionen deutlich. Multimodalität Multimodal statt monomodal meint je nach Situation das geeignete verfügbare Verkehrsmittel oder intermodal mehrere Verkehrsmittel kombiniert statt ein einziges - statt fixiert auf das eigene Auto oder routinemäßig immer ÖV oder immer Fahrrad. Man wählt aus mehreren Optionen, und das Auto, auch als Sharing-Auto oder Taxi, ist eine davon. Alternative Wege und Verkehrsmittel(-kombinationen) werden von der App - nach Zeit, Geld und neuerdings auch nach CO 2 -Ausstoß bewertet - vorgeschlagen; für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, kommt Barrierefreiheit als Bewertungskriterium noch hinzu. Betrachten wir unsere Füße als „eigenes Verkehrsmittel“, dann ist eigentlich jede Ortsveränderung intermodal - außer reinen Fußwegen. Mobilität ist nicht auf physische Ortsveränderungen, gemessen in Kilometern, beschränkt, sondern impliziert ebenso analoge Kontakte und Kommunikation, gefördert durch Dichte und Nutzungsmischung in den Stadtquartieren, und digitale Kontakte ohne Grenzen. Mobilität im Sinne von Kontakt, Teilhabe und Erreichbarkeit ist ein Grundbedürfnis. Aber physische Mobilität in der heutigen autozentrierten Form im „Autoland“ Deutschland steckt in der Sackgasse, was sich vielfach belegen lässt: Umweltbelastungen durch Lärm und Abgase (NO x , Feinstaub), Unfälle mit jährlich über 3 200 Toten (fast 1 000 innerorts), Klimawandel (keine CO 2 - Minderung im Verkehr seit 1990), Flächenansprüche und Dominanz des fließenden und ruhenden Autoverkehrs auf Straßen und Plätzen. Elektromobilität Elektrisch fahren und alles ist gut? Das ist wichtig, aber deutlich zu kurz gesprungen: Was bleibt, sind Unfälle und der enorme Flächenanspruch des KFZ- Verkehrs. Außerdem sind Verkehrsstraßen sowie Busse und Bahnen in den Spitzenzeiten so überlastet, dass man von einem Mobilitätsnotstand sprechen kann, an dem auch E-Mobilität nichts ändert. Vernetzte Mobilität Vernetzte Mobilität, auch als smarte Mobilität bezeichnet, soll unsere Mobilitätsbedürfnisse mit geringsten Nebenwirkungen für Umwelt und Klima möglichst effektiv - Zeit, Flächen und Kosten sparend und sicher - abdecken. Das leistet der Mobilitätsverbund, auch Umweltverbund genannt, aus aktiver Mobilität (AM) und öffentlichem Verkehr (ÖV) plus Car-Sharing und Taxi. Das Berliner Mobilitätsgesetz von 2018 schreibt zum ersten Mal dessen Vorrang vor dem MIV gesetzlich fest. Der Umweltverbund ermöglicht „mobil ohne Auto statt Automobil“. Auch die „Vision Zero“, wonach niemand im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt werden soll, ist im Gesetz verankert. Der nächste Schritt beim Mobilitätsgesetz heißt: „Berlin geht neue Wege im Fußverkehr“. Aktiv mobil zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist Klimaschutz, gesund und urban - Bewegung ist Lifestyle. Autonomes Fahren Automatisch Fahren ist kein Patentrezept, wie oft vermutet oder propagiert wird - aber da muss man genauer hinschauen: Möglichkeiten und Chancen liegen in ländlichen Räumen in der Erweiterung der Einzugsbereiche von ÖV-Haltestellen durch automatische, fahrerlose Kleinbusse, wie schon heute - allerdings mit Begleitperson - beispielsweise in Bad Birnbach, oder auf dem Campus von Universitäten oder Firmen, wie in der Berliner Charité. Auch auf Autobahnen, Schnellstraßen und auf städtischen Magistralen wird automatisches Fahren in absehbarer Zukunft Verkehr sicherer und leistungsfähiger machen. Kritisch zu sehen ist automatisches Fahren jedoch im quirligen Stadtverkehr mit Gehenden und Radfahrenden, die absichtlich oder unabsichtlich selbstfahrende Fahrzeuge jederzeit ausbremsen können. Und eine digitale oder physische „Einzäunung“ von Stadtstraßen entspricht nicht unserem 36 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Verständnis von Stadtraum. Die Debatte um „autonomes“ Fahren ist industrie-politisch und technisch dominiert; aber wichtiger für unsere Mobilität und für unsere Städte ist die stadt- und verkehrsplanerische Sicht [2]. Robotaxis Selbstfahrende Robotaxis als Ersatz für private Autos braucht es in der Stadt eigentlich nicht; sie würden zwar die Anzahl abgestellter Fahrzeuge drastisch verringern, den fließenden Verkehr jedoch durch Leerfahrten erhöhen. Oder anders ausgedrückt: Die durchschnittliche Besetzung eines PKW könnte unter 1 sinken, während wir andererseits versuchen, mit höherer Besetzung durch Ride-Sharing und Ride-Pooling Autofahrten einzusparen. Die Reduzierung des ruhenden Autoverkehrs erreichen wir mit klassischem Car-Sharing auch und das ohne mehr fließenden Autoverkehr - im Gegenteil: Car-Sharer nutzen als Basis ÖV und aktive Mobilität zu Fuß und mit dem Fahrrad - und in letzter Zeit auch vermehrt Tretroller und andere Mikro- Fahrzeuge für den „ersten und letzten Kilometer“ [3]. Damit sind wir bei der multimodalen Vernetzung aller Mobilitätsformen von der aktiven über die motorisierte bis hin zur virtuellen Mobilität - physisch durch Mobilitätshubs und Haltestellen und digital mit Smartphone und App über multimodale Mobilitätsplattformen, die auch für den Fernverkehr angeboten werden (FlixMobility oder BlaBlaCar). Sharing-Konzepte und On-demand-Dienste bezeichnen wir auch als Mobility as a Service (MaaS), und in Richtung Mobilitätsdienstleister wird sich auch die Automobilindustrie weiterentwickeln (müssen), was mit ShareNow (Zusammenschluss von car2go und DriveNow) und anderen bereits läuft. ÖPNV Was macht all das mit unserem heutigen ÖV? Die Grenzen zwischen MIV und ÖPNV weichen mehr und mehr auf in Richtung „öffentliches Auto“ und „individueller ÖPNV“ [4]. Eins aber ist ziemlich sicher: In den großen Städten brauchen wir auch künftig einen leistungsfähigen ÖPNV - selbst wenn physische Anwesenheit teilweise durch virtuelle ersetzt wird, und wenn aktive Mobilität noch mehr zum Lifestyle wird, wie heute schon in Kopenhagen, Groningen, Münster oder Freiburg. Was bleibt und bleiben muss, das sind massentaugliche Schienenverkehre als Rückgrat des Stadt-, Regional- und Fernverkehrs. Deshalb Bild 2: Entspanntes Miteinander in der Begegnungszone Zentralplatz in Biel, Schweiz. © TOPP 37 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung sind - bei aller Kritik an manch anderen Punkten des Klimaschutzpakets der Bundesregierung und an der gegenwärtigen Performance der Deutschen Bahn - die Ziele für den Bahnverkehr 2030 erst einmal zu begrüßen: Verdoppelung der Bahnfahrten, Investitionsoffensive für Strecken, Bahnhöfe und Züge und flächendeckender Deutschland-Takt nach schweizer Vorbild. Und es bleibt zu hoffen, dass diese ehrgeizigen Vorgaben auch weitgehend eingelöst werden können, wozu es nicht nur Geld braucht, sondern vor allem schlankere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie Personalkapazitäten. Entscheidend für die Entwicklung der Mobilität sind politische Weichenstellungen in Richtung Nachhaltigkeit - zum Beispiel bei heute fehlender Kostenwahrheit der verschiedenen Verkehrssysteme. Der Autoverkehr kostet die Kommunen bei volkswirtschaftlicher Vollkostenrechnung das Dreifache des ÖPNV [5] - ebenso bei fehlender ökologisch orientierter Bepreisung des Mobilitätsverhaltens. Ein anderes, kleines, vielleicht aber symbolträchtiges Beispiel für die Dominanz des Autoverkehrs in Deutschland nicht nur auf der Straße, sondern auch in Recht und Verordnungen: Schwarzparken im öffentlichen Raum ohne Parkschein kostet zehn Euro, Schwarzfahren im ÖPNV ohne Ticket kostet 60 Euro und zählt zudem als Straftat. Multimodaler Stadtraum Der Mobilitätsvernetzung entspricht das Miteinander der verschiedenen Verkehrsarten im Straßenraum als Shared Space. Das ist nicht das Rezept für Hauptverkehrsstraßen, aber es geht oft mehr als man denkt; das zeigen zum Beispiel die Verkehrsberuhigten Bereiche Opernplatz oder Hamborner Altmarkt in Duisburg mit jeweils mehr als 12 000- KFZ pro Tag oder die Begegnungszone Zentralplatz im schweizerischen Biel mit ebenfalls um die 12 000-KFZ pro Tag (davon etwa 1 000 Busse) und mit rund 5 000 Fahrräder pro Tag (Bild 2). Man könnte dabei in Anlehnung an multimodale Mobilität auch von multimodaler Verkehrsinfrastruktur oder multimodalem Stadtraum sprechen. Wo Shared Space auf Hauptverkehrsstraßen nicht praktikabel ist, wäre Tempo 30 als Regellimit innerorts mit zu beschildernden Ausnahmen Bild 3: Urbaner Aufenthalt in einer Tübinger Geschäftsstraße mit 12 000 KFZ pro Tag. © TOPP 9: 30 12: 30 14: 00 Entwurf Zinser-Dreieck: Bruun & Möllers 38 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung (Tempo 50-Vorrangstraßen) - wie schon seit 1992 in Graz, Österreich - ein wichtiger Schritt zu mehr Miteinander von Menschen und Autos. Die Stadt Köln hat kürzlich Tempo 30 auf den Ringen eingeführt und gleichzeitig die Benutzungspflicht der Radwege aufgehoben. Über Sicherheit und entspanntes Fahren und Gehen hinaus leistet Tempo 30 (im Verbund mit Tempo 120 auf Autobahnen und Tempo 80 auf zweistreifigen Landstraßen) einen deutlichen Beitrag zur CO 2 -Minderung - sofort und zum „Nulltarif“. City-Maut ? Was noch fehlt, ist das Stichwort „City-Maut“: Um den Einzelhandel nicht zu sehr zu erschrecken, bezeichne ich das als „ultima ratio“, und ich halte es auch nur in großen, wirtschaftsstarken Städten, wie London oder Stockholm, für zielführend; dort allerdings ist die Maut seit Jahren erfolgreich und inzwischen allgemein akzeptiert. Was aber an preispolitischen Maßnahmen auch für kleinere Städte wichtig wäre: höhere Parkgebühren, und insbesondere im öffentlichen Raum höher als in häufig nicht ausgelasteten Parkhäusern und Tiefgaragen. In Rotterdam kostet Parken im Straßenraum vier Euro pro Stunde und in Parkgaragen zwei Euro. Damit könnten ÖPNV-Angebote, wie ein 365-Euro-Ticket, querfinanziert werden. Mehr Urbanität Welche Chancen ergeben sich für städtische Räume durch vernetzte Mobilität? Dank weniger fahrenden und parkenden Autos werden Flächen frei für andere Nutzungen wie Bäume, Bänke (Bild 3), Fahrradwege und -abstellplätze, Geh- und Aufenthaltsflächen. Menschen erzeugen Urbanität oder mit dem Slogan der Bundesstiftung Baukultur: „Menschen prägen Räume, Räume prägen Menschen“. Die lebendige Stadt, lebenswert und nachhaltig, hat mehr Lebensqualität für dort Wohnende und die Stadt Besuchende, und die Aufwertung insbesondere der Innenstadt ist gut für die Wirtschaft insgesamt und für den Tourismus und nicht nur für den Einzelhandel. Fazit Vernetzte Mobilität ist Teil der Verkehrswende - und dazu braucht es neben Digitalisierung und Technik Verhaltensänderungen, und zu allem braucht es dringend politische Setzungen. Vernetzte Mobilität wertet Stadträume auf und trägt zum Klimaschutz bei, ohne Mobilität einzuschränken. PS: Selbstverständlich müssten für Lieferverkehr und Logistik ähnliche Überlegungen angestellt werden, was aber den Rahmen sprengen würde. LITERATUR [1] Teufel, S.: Unterirdisch Parken auf drei Geschossen - Weltgrößte Fahrradgarage in Utrecht. Umrisse - Zeitschrift für Baukultur 19, Nr. 5 / 6 (2019), S. 10 - 17. [2] Rothfuchs, K., Engler, P.: Das öffentliche Interesse muss die Entwicklung bestimmen! Auswirkungen des autonomen Fahrens aus Sicht der Verkehrsplanung - einige Thesen und zahlreiche offene Fragen. Straßenverkehrstechnik 62, Nr. 8 (2018). [3] Hamann, R., Schulz, S.: E-Tretroller: Chance für die Verkehrswende? Transforming Cities 4, Nr. 4 (2019), S. 14 - 18. [4] Topp, H: Öffentliches Auto und privater ÖPNV: Synergien und Konkurrenzen im Mobilitätsverbund. Der Nahverkehr 31, Nr. 6 (2013) S. 11 - 17. [5] Saighani, A., Leonhäuser, D., Sommer, C.: Verfahren zur ökonomischen Bewertung städtischer Verkehrssysteme. Straßenverkehrstechnik 61, Nr. 10, (2017). All you can read Alles zusammen zum Superpreis: Die Papierausgabe in hochwertigem Druck, das ePaper zum Blättern am Bildschirm und auf dem Smartphone, dazu alle bisher erschienenen Ausgaben im elektronischen Archiv - so haben Sie Ihre Fachzeitschrift für den urbanen Wandel immer und überall griffbereit. AboPlus: Print + ePaper + Archiv www.transforming-cities.de/ magazin-abonnieren w Prof. Dr. Hartmut Topp topp.plan: Stadt.Verkehr.Moderation Kontakt: topp.plan@t-online.de AUTOR 39 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Schnittstelle Typologie Wo Biodiversität und erneuerbare Energien aufeinandertreffen Typologie, erneuerbare Energien, Biodiversität, Stadtklima, Klimawandel Sandra Sieber Energiewende und Klimawandel haben dem seit jeher komplexen „Organismus“ Stadt weitere Planungs- und Handlungsebenen hinzugefügt. Die Bewertung einzelner Faktoren und ihres Zusammenwirkens wird dadurch nicht einfacher. Stehen auf der Gebäudeebene - und ansatzweise auch in Bezug auf das Quartier - etablierte Bilanzierungsansätze und Softwarelösungen in den Bereichen Energie und Stadtklima zur Verfügung, bleibt „die Stadt“ eine pauschale Blackbox. Kann die „Typologie“ als klassisches Ordnungselement hier eine vermittelnde Stellung zwischen Pauschalisierung und Einzelfallbetrachtung einnehmen (Bild 1)? Kann sie helfen, Handlungsfelder wie Energieeffizienz, Biodiversität und Stadtklima besser zu verzahnen? Die Stadt als Baukasten Architektur und Freiraumplanung kennen jeweils eigene Typologien und Klassifizierungen der baulichen und freiräumlichen Stadtstrukturen. Ausgehend von dieser Idee der Klassifizierbarkeit hat das Forschungsprojekt „UrbanReNet - Vernetzte regenerative Energiekonzepte im Siedlungs- und Landschaftsraum“ [1] nach einem Ansatz gesucht, die regenerativen Energiepotenziale und die energetischen Bedarfe typologischer Einheiten zu erfassen und damit eine Bilanzierungsmethode bereitzustellen, die eine energetische Bewertung ganzer Stadtquartiere erlauben sollte. Das Projekt hat dabei sowohl die baulichen Strukturen des Stadtraums wie die dazugehörigen bzw. für sich stehenden Freiraumanteile betrachtet. Mit „Freifläche“ oder „Grünfläche“ wurden in dem Projekt also tatsächlich nur Flächen im Sinne der HOAI und des Baugesetzbuches bezeichnet. Bild 1: Die Typologie als klassisches Ordnungselement zwischen der „Blackbox“ Stadt und dem individuellen Einzelgebäude. © Sandra Sieber, 2019 © Peter Linke auf Pixabay THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Typologie Stadt Bei der typologischen Betrachtung des Stadtraums lassen sich grundsätzlich zwei Herangehensweisen unterscheiden: Typologien mit einer überschau- 40 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung baren Anzahl primärer Typen, die durch sekundäre Merkmale weiter spezifiziert/ differenziert werden können und so flexibel sind. Sowie Typologien mit einem weiten Spektrum detaillierter/ spezifizierter Typen, die durch Hinzufügen weiterer Typen flexibel bleiben. Im Projekt UrbanReNet wurde aufbauend auf den Arbeiten von Roth und Everding der erstgenannte Ansatz gewählt und eine eigene Typologie sogenannter „Energetischer Stadtraumtypen“ (kurz EST) daraus entwickelt, die auch für Fachfremde leicht erfassbar ist. Diese Typologie umfasst fünf Stadtraumtypen mit überwiegender Wohnnutzung, drei Stadtraumtypen mit überwiegender Mischnutzung und zwei Stadtraumtypen mit überwiegender Büro- und Gewerbenutzung. Ergänzt werden diese baulichen Typen durch reine Freiraumtypen (grünbestimmte Freiflächen) wie öffentliche Parkanlagen (siehe Kasten). Eine weitere Differenzierung der baulichen Strukturen kann durch die Zuordnung der Baualterklasse, der Geschossigkeit oder des Sanierungszustands erfolgen. So können die 13 Grundtypen entsprechend der örtlichen Gegebenheiten immer wieder durch eine überschaubare Anzahl von „Stellschrauben“ angepasst werden (Bild 2). Die gebäude-bezogenen Stadtraumtypen umfassen dabei immer auch den dazugehörigen Freiflächenanteil, also beispielsweise die Gartenflächen der Reihenhaus- oder Zeilenbebauung bzw. die Außenanlagen der Geschäfts-, Büro- und Verwaltungsgebiete. Beiden - den baulichen wie den freiräumlichen Strukturen - wurden im Projekt energetische Bedarfe und Potenziale zugeordnet (Bild 3). Zur Ermittlung der energetischen Bedarfe und regenerativen Potenziale wurden im Projekt Urban- ReNet umfangreiche baustrukturelle Analysen bestehender (realer) Siedlungen durchgeführt (Ermittlung von Primärdaten) und mit Literaturwerten zu Verbrauchen und energetischen Potenzialen ergänzt, um so typenspezifische Kennwerte pro Stadtraumtyp (Sekundärdaten) bilden zu können. Zu diesen Kennwerten gehören zum Beispiel die Wohnfläche oder die Hüllfläche, solaraktive Dach- und Fassadenflächen (jeweils pro Hektar Nettobauland) oder das energetische Potenzial für Photovoltaik (pro Hektar Nettobauland). Energetische Bilanzierung in der Praxis Ziel des Projekts UrbanReNet war es, mit diesen „energetischen Stadtraumtypen“ schnell und unkompliziert erste valide Verbrauchs- und Potenzialdaten im Quartiersmaßstab ermitteln zu können. Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften, aber auch Planenden aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Freiraumplanung, sollten so eine schnell verfügbare Basis oder Diskussionsgrundlage für nachhaltige Quartierskonzepte und regenerative Entwicklungspotenziale im Quartier erhalten. Dieser Ansatz wurde seit Projektende in mehreren Kommunen angewendet und erprobt. Bereits während der Projektlaufzeit wurde der typologische Bilanzierungsansatz an mehreren kleinen Quar- Die Stadt als Baukasten Stadtstrukturelle Typologie (baulich und freiräumlich) Bildung typologischer Einheiten auf der Basis struktureller Untersuchungen und bestehenden Datengrundlagen Aufbereitung für Anwendung / als Entscheidungsgrundlage Energetische Potenziale (Gebäude/ Freiraum) Energetische Bedarfe (Gebäude/ Freiraum) Energetische Stadtraumtypen mit überwiegender Wohnnutzung EST1 - kleinteilige, freistehende Wohnbebauung niedriger bis mittlerer Geschossigkeit EST2 - Reihenhausbebauung EST3 - Zeilenbebauung niedriger bis mittlerer Geschossigkeit EST4 - großmaßstäbliche Wohnbebauung hoher Geschossigkeit EST5 - Blockrandbebauung Energetische Stadtraumtypen mit überwiegender Mischnutzung EST6 - dörfliche Bebauung EST7 - historische Altstadtbebauung EST8 - Innenstadtbebauung Energetische Stadtraumtypen mit überwiegender Büro- und gewerblicher Nutzung EST9 - Geschäfts-, Büro- und Verwaltungsgebiet EST10 - Gewerbegebiet Grünbestimmte Freiflächen EST11 - Öffentliche Parkanlagen EST12 - Friedhofsanlagen EST13 - Kleingartenanlagen (Quelle: UrbanReNet, 2015) ENERGETISCHE STADTRAUMTYPEN (Projekt UrbanReNet) Bild 2: Die Stadt als Baukasten - Ableitung energetischer Bedarfe und Potenziale auf der Basis von Stadtraumtypen. © Sandra Sieber, 2019 Die Stadt als Baukasten 41 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Solarthermie Fassade PV- Fassade PV-Dach Kühlung durch Verdunstung Kühlung durch Verschattung PV-Nebengebäude krautig Biomasse aus Reststoffen holzig Geothermie in der Biomasse aus der Stadtstrukturelle Typologie (baulich und freiräumlich) Bildung typologischer Einheiten auf der Basis struktureller Untersuchungen und bestehenden Datengrundlagen Ergänzung um stadtklimatische Kennwerte und Wirkfaktoren (Vulnerabilität und Anpassungsmaßnahmen) Ergänzung um Aussagen zur Biodivärsität (Ist-Zustand und Weiterentwicklung) tieren im Gebiet der „InnovationCity Ruhr“ mit ihrem Pilotgebiet in Bottrop erfolgreich getestet (2011 - 2014). Im Projekt „Gartenstadt der Zukunft - Handlungsleitfaden für die Transformation von Zechensiedlungen“ (2014 - 2016) wurden die Stadtbausteine genutzt, um die energetischen Potenziale des Gebäudebestands und der Freiräume von Zechensiedlungen zu ermitteln und darauf aufbauend weitere Entwicklungsszenarien abzuleiten. Das Projekt „Hamburg Lokstedt“ (2016 - 2017) hat den typologischen Bilanzierungsansatz genutzt, um für den Stadtteil „Lokstedt“ mit über 400 Hektar Umfang, erste Ideen zur CO 2 -neutralen Entwicklung zu konzipieren. Im „Forschungscampus Flexible Elektrische Netze“ (FEN) (2015 - 2018) konnte der Ansatz eingesetzt werden, um Aussagen über die Stromnetzentwicklung bei Quartieren mit einem hohen Anteil regenerativer Energieeinspeisung zu treffen [2]. Im Projekt „Gewerbegebiete im Wandel“ (2016 - 2019) wurde die Methodik erstmals in der energetischen Bewertung von Gewerbegebieten (inklusive Freiraumstruktur) angewendet und so für diesen Bereich weiterentwickelt [3]. Die typologische Herangehensweise bei der energetischen Bilanzierung von Stadtquartieren hat in der Praxis aktuell aber auch eine große Schwäche: Weder das EEG noch unsere Netzinfrastruktur sind auf solch einen energetischen Quartiersverbund ausgelegt. Dementsprechend fehlen auch mögliche Geschäftsmodelle in diesem Bereich. Die Methode der „energetischen Stadtraumtypen“ zeigt bestehende Flächenpotenziale zur Nutzung regenerativer Energien auf, die aktuell (ob der wirtschaftlichen bzw. politischen Rahmenbedingungen) nicht vollumfänglich genutzt werden können. Die bestehenden Flächenkonkurrenzen und Akzeptanzprobleme bei der Nutzung von erneuerbaren Energien im Außenbereich sind scheinbar noch nicht dringlich genug, um urbane Flächen stärker zu fokussieren. Die Methode der „energetischen Stadtraumtypen“ kann aber neue Perspektiven eröffnen und liefert damit die Basis für weitere Diskussionen, Visionen und mögliche Zielstellungen. Typologisch weitergedacht - Stadtklima und Biodiversität Parallel zur Anwendung des typologischen Bilanzierungsansatzes, wurde diese Methode auch weiterentwickelt (siehe Bild 4). Im Rahmen des Projekts „KuLaRuhr - Nachhaltige urbane Kulturlandschaft in der Metropole Ruhr“ [4] wurde die Typologie der Freiräume inhaltlich erweitert und die Stadtraumtypen hinsichtlich ihrer stadtklimatischen Vulnerabilität, aber auch möglicher Anpassungsstrategien, untersucht und beschrieben. Dabei konnte an typologische Arbeiten im Bereich der Stadtklimatologie angeknüpft werden, zum Beispiel an die Arbeit von Hobert bzw. Stewart und Oke. [5, 6] Wie im Projekt UrbanReNet, wurden die erarbeiteten Klima- Steckbriefe der Stadtraumtypen wieder möglichst anschaulich aufbereitet, um im Sinne einer zielgruppenorientierten Wissenschaftskommunikation auch Personen außerhalb der Stadtklimatologie zu erreichen (Bild 5). Bei der Ermittlung der stadtklimatischen Kennwerte wurde zwischen übertragbaren Aussagen/ Effekten/ Kennwerten und solchen unterschieden, die exemplarisch einen Sachverhalt beleuchten oder verdeutlichen. Die vom Projekt UrbanReNet übernommene Typologie erwies sich dabei als hoch anschlussfähig für die im Bereich der Stadtklimatologie verwendeten Typen, so dass eine Übertragung von Kennwerten bzw. Zuordnung von Effekten und Aussagen möglich war. Bild 3: Betrachtete energetische Bedarfe und Potenziale im Projekt Urban- ReNet sowie stadtklimatische Leistungen des Freiraums (kursiv). © Sandra Sieber, 2019 Bild 4: Die Stadt als Baukasten - Ableitung stadtklimatischer Defizite und möglicher Anpassungsstrategien sowie Aussagen zur urbanen Biodiversität auf der Basis von Stadtraumtypen. © Sandra Sieber, 2019 Die Stadt als Baukasten 42 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Ermittelt wurden hier unter anderem Kennwerte wie die Ausprägung des Wärmeinseleffekts je Stadtraumtyp oder spezifische Anpassungsstrategien je Stadtraumtyp, zum Beispiel die Potenziale im Bereich der Gebäudekonditionierung, des Lärmschutzes oder der Verbesserung der Luftqualität. Andockpunkte für eine Weiterentwicklung der Typologie wären insbesondere im Bereich der Siedlungswasserwirtschaft bzw. des dezentralen Regenwassermanagements denkbar. Stadtraumtypische Potenziale für die Dach-und Fassadenbegrünung lassen sich bereits jetzt aus den baustrukturellen Kennwerten ableiten. So besteht beispielsweise in der vom Wärmeinseleffekt meist stark betroffenen Blockrandbebauung ein Potenzial für Fassadenbegrünung von fast 14 000 m² Fassadenflächen pro Hektar Nettobauland und auch im Typ der großstädtischen Innenstadtbebauung können es noch bis zu 10 000 m² sein (jeweils abhängig von Geschossigkeit und baulicher Dichte). Die Einbeziehung stadtklimatischer Effekte und Anpassungspotenziale folgt dabei dem Grundgedanken, auch die freiräumlichen bzw. vegetativen Stadtstrukturen hinsichtlich ihrer energetischen Wirkung zu „aktivieren“ (siehe Bilder 3 und 5). Fragen der Energieeffizienz konzentrieren sich heute meist noch allein auf das Gebäude. Die Einwirkung des Stadtraumtyps auf das Gebäude bzw. die Wirkung der baulichen Typologie auf das Stadtklima wird noch zu wenig als Potenzial im Bereich der Klimaanpassung gesehen. Dabei bietet gerade die Anpassung des Freiraums bzw. der Einsatz vegetativer Strukturen fast immer positive Synergieeffekte im Bereich der Aufenthaltsqualität, des Immobilienwertes, aber auch der urbanen Biodiversität. Auch in Bezug auf die Bewertung der urbanen Biodiversität fanden sich Schnittstellen zur Siedlungstypologie: Das „Handbuch Siedlungsökologie“ betrachtet ein breites Spektrum von Stadtraumtypen hinsichtlich ihres Biodiversitätswertes, beschreibt deren Strukturvielfalt (so vorhanden) und gibt Hinweise zum Erhalt oder zur Weiterentwicklung dieser Strukturvielfalt [7]. Die dem „Handbuch Siedlungsökologie“ zugrundeliegenden Untersuchungen konnten nachweisen, dass ältere Einfamilienhausgebiete, aber auch ältere Industriegebiete - durch Nebengebäude, bestimmte Dachformen, altes Mauerwert und vor allem einem eingewachsenen Gehölzbestand - einen hohen Wert für die urbane Arten- und Lebensraumvielfalt (Biodiversität) aufweisen. Hier lassen sich für die Praxis (im Bestand wie bei der Neuplanung) zahlreiche stadtraumtypbezogene Anregungen für die Erhaltung oder Steigerung der urbanen Biodiversität ableiten. Dachbegrünung • • • • Fassadenbegrünung • • Begrünung • Lokaler Regenrückhalt • durch Entsiegelung • • durch Mulden, Rigolen • als Teil der Gestaltung der Außenanlagen • Nutzung des Regenwassers in Außenanlagen oder im Gebäude Windreduktion • • Emissionsschutz (Luftschadstoffe) • Lärmschutz • • durch geschlossene Blockrandbebauung, Lärm- • • • durch Stellung der Bäume und Gebäude zur wechselnden Besonnung und Verschattung im Bereich der Innenhöfe Fig.: Stadtklimatische Bewertung des EST3 Abgas Abgas Wind Luftfeuchte thermische Belastung geringe thermische Belastung Lärm Wind Bild 5: Beispiel eines „Klimasteckbriefs“ auf der Basis von Stadtraumtypen, hier die Zeilenbebauung (EST3). © Sandra Sieber, 2019 43 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Die Typologie als Schnittstelle und Entscheidungshilfe Das Projekt UrbanReNet wollte mit seiner Typologie der „energetischen Stadtraumtypen“ eine Methode bereitstellen, die es auch Fachfremden erlauben soll, den Stadtraum energetisch zu bilanzieren und zu bewerten. Kritisch ließe sich sagen: Dieser Ansatz ist gescheitert - nicht methodisch, sondern mangels Bedarf. Die Nutzung der Typologie in anderen Projekten, unter anderem für die Einordnung stadtklimatischer Effekte oder die Bewertung der urbanen Biodiversität, hat allerdings auch die Stärke des Ansatzes demonstriert: Die Ebene der Typologie ist inter- und transdisziplinär. Sie kann als verbindendes Element zwischen unterschiedlichen Fachdisziplinen fungieren und als bildhaftes Kommunikationsmittel in Diskussions- und Beteiligungsprozessen genutzt werden. Die Ebene der Typologie ist abstrakt genug, um auch größere Stadtgebiete erfassbar und bilanzierbar zu machen. Gleichzeitig ist sie konkret genug, um auch valide Aussagen zu ermöglichen. Die Ebene der Typologie ist in unterschiedliche Richtungen anschlussfähig. Sie ist ein verbindendes Grundgerüst, das mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann. Inhalte (die dann auch in Wechselbeziehung zueinander stehen können) ermöglichen es, Konflikte zwischen Themenbereichen zu benennen (zum Beispiel zwischen Freiraumgestaltung und der Nutzung regenerativer Energien) oder Synergien zu identifizieren (zum Beispiel zwischen der Erhöhung der Biodiversität und dem dezentralen Niederschlagsmanagement). Die Ebene der Typologie kann damit die Stärken der fachlichen Spezialisierung (hohe Detailschärfe) nutzen und ihre Nachteile (fehlende Inter- und Transdisziplinarität) ausgleichen. Sie ersetzt damit keine konkrete Planung, bietet aber Diskussionsgrundlagen und Entscheidungshilfen. Als solch eine Grundlage versteht sich auch das aktuell erschiene Buch „Energetische Stadtraumtypologie - Strukturelle und energetische Kennwerte von Stadträumen“ [8]. Das Buch fasst die stadtstrukturellen und energetischen Kennwerte des Projekts UrbanReNet zusammen und erweitert sie um stadtklimatische und technische Aspekte. Damit stehen für die klassischen Stadtraumtypen Steckbriefe zur Verfügung, die energetische Bedarfe und Potenziale, Bau- und Freiraumstruktur sowie Stadtklima und Biodiversität plakativ und übersichtlich zusammenfassen. Ergänzt werden diese Kennwerte und Übersichten durch Technik- und Dipl.-Ing. (FH) Sandra Sieber Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachgebiet Entwerfen+Freiraumplanung an der TU Darmstadt Kontakt: sieber@freiraum.tu-darmstadt.de AUTORIN Biomasse-Steckbriefe. Diese bieten eine Übersicht der wichtigsten (regenerativen) Energietechniken im Stadtraum und erläutern die Potenziale (und Grenzen) der urbanen Biomassenutzung. Das Buch verfolgt damit die Zielstellung des typologischen Ansatzes: Ausgehend vom fachlichen Schwerpunkt der Lesenden sollen Schnittstellen zu neuen Themenfeldern geschaffen werden. Das Buch möchte damit einen Beitrag in Richtung einer nachhaltigen Stadtentwicklung leisten. Denn Nachhaltigkeit ist immer ein Schnittstellenthema, bedeutet immer Dinge zusammendenken, die so selten oder noch gar nicht zusammengedacht wurden. Das Buch möchte aber auch dazu einladen, den typologischen Ansatz auf andere Themenfelder auszuweiten und damit weitere Schnittstellen zu schaffen. LITERATUR [1] TU Darmstadt, Fachbereich Architektur, Leitung Prof. M. Hegger und Prof. J. Dettmar, gefördert im Rahmen der Initiative Eneff: Stadt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), Laufzeit 2009 bis 2015. [2] Casper, B., Sieber, S.: Vom Baum zum Rhizom. Die Flexibilisierung der Netze durch Gleichstrom. Transforming Cities 2, Nr. 2 (2017), S. 34 - 37. [3] Sieber, S.: Gewerbegebiete im Wandel. Wie Gewerbegebiete in Marl, Remscheid und Frankfurt Biodiversität und Klimaschutz verbinden. Transforming Cities, 4 Nr. 3 (2019), S. 70 - 75. [4] Verbundprojekt im Rahmen des BMBF-Förderschwerpunktes „Nachhaltiges Landmanagement“, Laufzeit 2011 bis 2014, Teilprojekt TP01, Maßnahme 1. [5] Horbert, M.: Klimatologische Aspekte der Stadt- und Landschaftsplanung. Landschaftsentwicklung und Umweltforschung, Nr. 113. Berlin, 2000. [6] Stewart, I., Oke, T., Krayenhoff, S.: Evaluation of the ›local climate zone‹ scheme using temperature observations and model simulations. 2013. [7] ERR Raumplaner ESU, Eigenmann, T., Weiss, A.: Handbuch Siedlungsökologie. Praxisorientierter Beitrag zur ökologischen Aufwertung des Siedlungsraums. Zürich: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2003. [8] Dettmar, J., Drebes, C., Sieber, S. (Hrsg.): Energetische Stadtraumtypologie - Strukturelle und energetische Kennwerte von Stadträumen. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Fraunhofer IRB Verlag, 2020. 44 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Die heißen Sommer 2018 und 2019 haben den Klimawandel und seine Folgen in Deutschland spürbar gemacht. Neben den Folgen für die Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Gesundheit der Menschen führen Hitzeinseln und drückende Luft in dicht bebauten Straßenzügen auch zu einer Minderung der Attraktivität und des Lebenswerts einer Stadt sowie zu dynamischen Anpassungsprozessen wie beispielsweise der Einwanderung von Pflanzen- oder Tierarten und auch höheren Sterberaten in den Sommermonaten. Im Rahmen des Konzepts „Anpassung an den Klimawandel“ und des Forschungsprojektes SMARTilience erarbeitet die baden-württembergische Stadt Mannheim einen Hitzeatlas. In einem Reallabor soll experimentell untersucht werden, was in einem Quartier gegen die steigenden Temperaturen unternommen werden kann. Neben einer co-kreativen Erarbeitung von konkreten Maßnahmen mit den Bewohner*innen im Quartier steht die Nutzung von Geodaten zur Simulation im Vordergrund. Ansteigende Hitzebelastung in Städten Die Sommer in den Jahren 2003, 2018 und 2019 waren in Deutschland die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Jahresmittel der Lufttemperatur ist im Flächenmittel von Deutschland von 1881 bis 2018 statistisch gesichert um 1,5- °C angestiegen [1]. Hitzewellen, Trockenperioden und Hochwasser an Rhein und Neckar führen bereits jetzt zu negativen Folgen im Stadtgebiet [2]. Klimatische Veränderungen machen sich jedoch nicht ausschließlich an den Rekorden bemerkbar, sondern vor allem in langjährigen Durchschnittswerten: In Mannheim hat auch die jährliche Durchschnittstemperatur seit den 1950ern kontinuierlich zugenommen. Lag die jährliche Mitteltemperatur in der Dekade 1950 - 1959 bei etwa 10,2-°C, stieg sie bis zur Dekade 2006 - 2015 um 1,2- °C auf etwa 11,4- °C an [3]. Dabei stieg die Mitteltemperatur allein ab den 1980ern bis 2015 um 1- °C. In Mannheim nahm die Jahresdurchschnittstemperatur um 1,2-°C zu [2]. Deutlich werden die Klimaänderungen auch durch die Auswertung von Eis- und Frosttagen sowie von heißen und von Sommertagen. In Baden- Württemberg reduzierten sich zwischen den Zeiträumen 1961 - 1990 und 1981 - 2010 die Eistage, also Tage mit einer Höchsttemperatur unter dem Gefrierpunkt, um -2,6 auf 23,6 Tage. Die Frosttage, an denen die Temperatur zumindest kurzzeitig unter 0- °C lag, nahmen sogar um -13,3 auf 88,8 Hitzeinsel Stadt: Wie steigern wir die Resilienz der Bevölkerung? Co-kreative und digitale Tools im Reallabor Mannheim Klimaanpassung, Resilienz, Hitzeaktionsplan, Reallabor Rebecca Nell, Natalie Pfau-Weller, Laura Kaiser Hitzeinseln, Hochwasserlagen, zunehmende Starkregenereignisse - keine Einzelphänomene, sondern Szenarien, auf die sich auch deutsche Städte vorbereiten müssen. Die heißen Sommer 2018 und 2019 haben den Klimawandel und seine Folgen in Deutschland spürbar gemacht und nehmen in vielfältiger Weise Einfluss auf das Leben, Wohnen, Arbeiten, auf Mobilität, Ökosysteme und Umwelt. Während in der Forst- und Landwirtschaft Schäden und Ernteausfälle zu verzeichnen sind, beeinflussen die Folgen des Klimawandels auch die menschliche Gesundheit. Hitzeinseln und drückende Luft in dicht bebauten Straßenzügen führen zur Minderung von Attraktivität und Aufenthaltsqualität in Städten und haben erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsraten in den Sommermonaten zur Folge. Steigende Temperaturen führen auch zu dynamischen Anpassungsprozessen - etwa der Einwanderung gesundheitsgefährdender Tier- und Pflanzenarten. Kommunen stehen vor der Herausforderung, die zunehmende Hitzebelastung zu bewältigen. Im Rahmen des Konzepts „Anpassung an den Klimawandel in Mannheim“ und des BMBF-Forschungsprojektes SMARTilience erarbeitet die baden-württembergische Stadt Mannheim einen Hitzeaktionsplan. In einem Reallabor soll experimentell untersucht werden, wie die Resilienz hitzevulnerabler, hilfloser Gruppen gegenüber den steigenden Temperaturen in der Stadt gefördert werden kann. 45 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Tage ab. Die Sommertage hingegen, an denen die Höchsttemperatur über 25-°C liegt, nahmen im selben Zeitraum um +11 auf 42,4 Tage zu. Ebenso gab es durchschnittlich +4,1 mehr heiße Tage mit einer Maximaltemperatur von über 30-°C. Für Mannheim wurde in diesem Zeitraum sogar eine Zunahme von +7,7 Tagen auf 18,4 heiße Tagen gemessen [3]. 2010 wurde eine Stadtklimaanalyse in Mannheim erstellt, die unter anderem die Temperaturen zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Stadtgebiet aufzeigt (vgl. Bild 1). 2019 wurde mit der Fortschreibung der Stadtklimaanalyse begonnen, die in 2020 fertiggestellt wird. Im Rahmen der „Stadtklimaanalyse 2020“ sollen mittels Lufttemperaturmessfahrten, stationären Messstationen und Modellrechnungen die klimaökologischen Grundlagenkarten für das Stadtgebiet von Mannheim aktualisiert werden. Forschungsprojekt SMARTilience entwickelt Toolbox für Städte Im Forschungsprojekt SMARTilience konzipiert das Projektkonsortium, bestehend aus dem Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart (Leitung), Drees & Sommer, Malik, HafenCity Universität Hamburg sowie den Städtepartnern Halle (Saale) und Mannheim, ein Steuerungsmodell für die klimaresiliente Stadtentwicklung und erprobt dieses in den Reallaboren. Der Name „SMARTilience“ setzt sich zusammen aus „smart“ aufgrund der smarten technologiegetriebenen Tools in der Toolbox und „resilience“ - sprich der Widerstandsfähigkeit eines Systems. Ziel des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts ist es, die kommunalen Entscheidungs- und Handlungsträger*innen beim effizienten Klimahandeln zu unterstützen und ihnen Instrumente für eine integrierte Klimafolgenanpassung zur Verfügung zu stellen. Als Produkt soll eine Toolbox entstehen, die Städten und Gemeinden Werkzeuge an die Hand gibt, die je nach Bedarf, Rahmenbedingungen und Voraussetzungen zur Steuerung von Klimaresilienz-Strategien und -Projekten eingesetzt werden können. Verschiedene Aspekte werden dabei adressiert: von der CO 2 -Vermeidung über den Umgang mit Starkregen und Hitzeinseln bis hin zu Hochwasser- und Katastrophenschutz. Die Tools sollen Entscheidungs- und Handlungsträger*innen in Städten und Gemeinden darin unterstützen, Maßnahmen zur Klimaresilienz integriert und ressortübergreifend zu betrachten, spezifische Bedarfe sicht- und kommunizierbar zu machen, politische Barrieren zu überwinden und so Städte und Gemeinden auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten. Bild 1: Lufttemperatur am 31.08.2009 um 22 Uhr (links) und am 01.09.2009 um 5 Uhr (rechts). © Stadtklimaanalyse 2010, Stadt Mannheim, FB Stadtplanung und FB Geoinformation und Vermessung 46 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Im Projekt sind Reallabore „wissenschaftlich konstruierte Räume einer kollaborativen Nachhaltigkeitsforschung mit Interventionscharakter. Unter „Laboren“ werden gemeinsame Forschungswerkstätten verstanden, an deren Beginn eine realweltliche Problem- oder Fragestellung steht und deren Ziel das Generieren von System-, Ziel- und Transformationswissen ist“ [4, 5]. In diesen Reallaboren begeben sich Wissenschaftler*innen in reale Veränderungsprozesse und Praktiker*innen aus Kommunen, Sozial- und Umweltverbänden oder Unternehmen werden von Anfang an in den Forschungsprozess einbezogen. SMARTilience läuft über drei Jahre bis Januar 2022. Die beiden Reallabore finden von März 2020 bis Juli 2021 statt und beschäftigen sich mit Klimafolgenanpassung und Klimaschutz. Geplante Tätigkeiten Mannheims im Rahmen von SMARTilience In Mannheim soll mit SMARTilience die Steuerung von Klimaschutz und Klimafolgenanapassung in Mannheim mit smarten, innovativen Instrumenten vorangebracht werden. Übergeordnetes Ziel ist die klimaresiliente, klimaneutrale Stadt, welches in den strategischen Zielen des Leitbilds „Mannheim 2030“ verankert ist. Klimaschutz und Klimafolgenanpassung sind in Mannheim untrennbar und auf dem Weg zu einer klimaneutralen und -resilienten Stadt unabdingbar. Durch Maßnahmen zum Klimaschutz werden die CO 2 -Emissionen reduziert, für die nicht vermeidbaren Emissionen werden Klimafolgenanpassungsmaßnahmen ergriffen. Der Gemeinderat Mannheims hat im April 2019 das Konzept „Anpassung an den Klimawandel in Mannheim“ beschlossen. Die Stadt macht damit einen großen Schritt, um zum einen Treibhausgase zu vermeiden und zum anderen sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, die schon heute nicht mehr zu vermeiden sind. Die Erarbeitung des Konzepts fand in einem breit angelegten Beteiligungsprozess statt (Bild 3). Das Anpassungskonzept zeigt die Betroffenheit Mannheims vom Klimawandel auf, definiert Anpassungsziele in unterschiedlichen Handlungsfeldern und enthält insgesamt 71 Maßnahmen als Ergebnis des Beteiligungsprozesses, von denen 20 als detaillierte Maßnahmensteckbriefe für die Umsetzung ausformuliert sind. Die Aspekte der Klimafolgenanpassung finden parallel Eingang in formelle und informelle Planungsprozesse wie Bauleitplanung, städtebauliche Wettbewerbsverfahren, die Entwicklung der Konversionsflächen in Mannheim sowie in die Ausarbeitung und Neuausrichtung städtischer Förderprogramme. Aus dem Leitbild „Mannheim 2030“, der übergeordneten Ebene, ergibt sich das ambitionierte Ziel einer klimaneutralen und resilienten Stadt. SMARTilience möchte sich Geodaten zu Nutze machen, um den Weg zur Klimaneutralität und Resilienz innovativ und „smart“ zu beschreiten. Die Stadtklimaanalyse 2010 ist hierfür unter anderem Grundlage. Welche Daten für die Berücksichtigung von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung in den einzelnen Abteilungen der Stadtverwaltung genutzt werden und welche darüber hinaus wünschenswert wären, wird in einer aktuell noch laufenden Umfrage abgefragt. Schon während der Erstellung des Klimafolgenanpassungskonzepts hat sich herausgestellt, dass eine zentrale Bereitstellung der Fachdaten sinnvoll und die Errichtung von Messsensoren zur Echtzeiterfassung von Niederschlägen oder der Temperatur nützlich wären, um die Berücksichtigung von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung in allen Prozessen und Planungen sowie die Auffindbarkeit dieser Fachdaten zu verbessern. Die Klimaschutzleitstelle der Stadt Mannheim wird von den Projektpartnern bei der Umsetzung der Maßnahmen unterstützt. Neben den Geodaten, also dem „womit“ zum Erreichen des übergeordneten Ziels, wird im Reallabor Mannheim auch ein Hitzeaktionsplan erarbeitet. Dieses Instrument dient der Steuerung von Klimafolgenanpassungen in der Stadt, um die hitzebedingten gesundheitlichen Folgen (Morbidität und Mortalität) durch gezielte Maßnahmen zu verringern und so die Resilienz insbesondere hitzevulnerabler, hilfloser Gruppen, zum Beispiel Säuglinge oder alte und pflegebedürftige Menschen, zu fördern. Der Hitzeaktionsplan ist ein Bündel von Maßnahmen das in Kraft tritt, wenn akut eine Hitzewelle droht. Er enthält jedoch auch Maßnahmen, die zur besseren Vorsorge dienen, langfristig geplant und umgesetzt werden. Geodaten bilden die Ausgangsbasis für die Bild 2: Neckarufer Mannheim. © Stadtmarketing Mannheim GmbH, Fotograf: Daniel Lukac 47 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Erarbeitung des Hitzeaktionsplans, beispielsweise zur Identifikation von Quartieren, die sowohl besonders von Hitze betroffen sind, als auch einen hohen Bevölkerungsanteil hitzevulnerabler, hilfloser Gruppen aufweisen. Mitte März findet ein Design Thinking Workshop mit Vertreter*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Stadtverwaltung sowie weiteren betroffenen Akteur*innen statt, um die Bedarfe der Zielgruppe zu analysieren und Lösungsvorschläge für eine Minderung hitzebedingter Morbidität und Mortalität vulnerabler, hilfloser Gruppen in einer akuten Hitzewelle zu erarbeiten. Aus den Ergebnissen können Schlüsse für potenzielle Realexperimente gemeinsam entwickelt werden. Im Reallabor Mannheim wird eine regelmäßig tagende, fachbereichsübergreifende Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die von der Klimaschutzleitstelle und dem Gesundheitsamt definiert wird. Sie wird die geplanten Realexperimente im Rahmen des Hitzeaktionsplans unter Leitung der Klimaschutzleitstelle beaufsichtigen und durchführen. Ziel ist es, den Wissensaustausch über den gesamten Zeitraum aufrecht zu erhalten und gemeinsam den für die Stadt Mannheim passenden Hitzeaktionsplan zu erarbeiten. Entsprechend der Beteiligungskultur der Stadt Mannheim wird in die Realexperimente und die Erarbeitung des Hitzeaktionsplans die Bevölkerung - insbesondere die hitzevulnerablen, hilflosen Gruppen - mit einbezogen, mit dem Ziel, Sensibilisierung, Bewusstseinssteigerung und Hilfe zur Eigenvorsorge zu erzielen. Ausblick Während der Reallaborphase findet ein kontinuierlicher Austausch sowohl innerhalb des Reallabors und der Realexperimente als auch insgesamt im Projektkonsortium statt. Die Ergebnisse aus den Reallaboren in Halle (Saale) und Mannheim finden fortlaufend Eingang in die Überarbeitung und Weiterentwicklung der bereits erwähnten Toolbox. Wissenschaft und Praxis gehen somit Hand in Hand, wenn es um die Verbindung von Klimaschutz und Klimafolgenanpassung in deutschen Kommunen geht. LITERATUR [1] Bundesregierung: Monitoring Bericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe Anpassungsstrategie der Bundesregierung, 2019. [2] Stadt Mannheim: Konzept „Anpassung an den Klimawandel in Mannheim“, 2019. https: / / www.mannheim.de/ sites/ default/ files/ 2019 - 04/ Konzept _ Anpassung%20an%20den%20Klimawandel%20in%20 Mannheim_final.pdf [3] Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (Hrsg.) (2017): Monitoring-Bericht zum Klimaschutzgesetz Baden-Württemberg. Teil I Klimafolgen und Anpassung. Stuttgart, Karlsruhe. [4] WBGU - Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Berlin, 2016. [5] WBGU (Wissenschaftlicher Beirat für Globale Umweltveränderungen): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten 2011. Berlin: WBGU. Verfügbar unter: http: / / w w w.wbgu.de/ hauptgutachten/ hg-2011-Transformation. Bild 3: Bürgerbeteiligung zur Erarbeitung eines Klimafolgenanpassungskonzepts. © INFRASTRUK- TUR & UMWELT, Professor Böhm und Partner Rebecca Nell, M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Urban Data & Resilience Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO Kontakt: rebecca.nell@iao.fraunhofer.de Dr. Natalie Pfau-Weller Wissenschaftliche Mitarbeiterin Urban Governance Innovation Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO Kontakt: natalie.pfau-weller@iao.fraunhofer.de Laura Kaiser Projektkoordinatorin „Klimaresiliente Smart City“ Stadt Mannheim Kontakt: laura.kaiser@mannheim.de AUTORINNEN 48 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Lebensqualität trotz Sommerhitze? Wie sich Stadtquartiere an die Herausforderungen des Klimawandels anpassen können Sommerhitze, Stadtentwicklung, Klimawandel, Anpassung, Resilienz Heike Hensel, Janneke Westermann Die Rekordsommer der vergangenen beiden Jahre haben es deutlich gemacht: Lang anhaltende Hitzewellen könnten in der Zukunft eine der großen Herausforderungen für die Stadtentwicklung sein. Wie kann es gelingen, die Lebensqualität trotz Sommerhitze auch in dicht bebauten Stadtquartieren zu sichern? Dieser Frage geht noch bis September 2020 das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt HeatResilientCity (deutsch: Hitzeangepasste Stadt) nach. In dem Forschungsprojekt wird untersucht, wie sich Wohngebäude und Freiflächen so gestalten lassen, dass das Leben in Städten auch bei längeren Hitzeperioden angenehm bleibt. Als Reallabore dienen ein Plattenbauviertel in Dresden und ein Gründerzeitquartier in Erfurt. Die Bevölkerung wird eng in das Projekt einbezogen. Bild 1: Lebensqualität trotz Sommerhitze? Der Sonnenschutz an Gebäuden hat viele Gesichter. Was hilft am besten an heißen Tagen? © H. Hensel/ IÖR-Media 49 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Fokus: Bevölkerung, Gebäude, Freiflächen Ziel des Projektes HeatResilientCity ist es, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Stadtbewohner*innen zu sichern, indem die Aufenthaltsqualität sowohl in Gebäuden als auch im Freien verbessert wird. Maßnahmen, die in die praktische Umsetzung gehen, werden zum Teil gemeinsam mit Bürger*innen entwickelt. Denn auch das ist ein wichtiges Anliegen des Projektes: Die Maßnahmen zur Anpassung an Sommerhitze sollen von der Bevölkerung akzeptiert sein. Beispielquartiere in Dresden und Erfurt Das Projektteam erforscht geeignete Anpassungsmaßnahmen für Gebäude und Freiflächen in zwei sehr unterschiedlichen Reallaboren: Bei der Erfurter Oststadt handelt es sich um ein typisches Gründerzeitviertel mit dichter Bebauung. Viele Grünflächen in dem Stadtteil sind nicht öffentlich zugänglich, weil sie sich in geschlossenen Innenhöfen befinden. Der Stadtteil Dresden-Gorbitz hingegen ist ein typisches DDR-Plattenbaugebiet der 1980er Jahre. Die lockere offene Bebauung lässt Raum für öffentlich nutzbare Grün- und Freiflächen. Beide Reallabore stehen stellvertretend für viele andere Wohngebiete in Deutschland. Die Erkenntnisse, die das Projektteam aus Wissenschaft, Wohnungswirtschaft und Stadtverwaltungen in Erfurt und Dresden erlangt, können deshalb später auch auf ähnliche Wohnquartiere in anderen Städten übertragen werden. Was sagen die Bürger*innen? In beiden Stadtteilen hat das Projektteam die Anwohnerschaft wissenschaftlich befragt. Dabei ging es zum einen um die Frage, ob die Bürger*innen Sommerhitze überhaupt als Belastung empfinden und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Zum anderen wurden sie gefragt, welche Anpassungsmaßnahmen sie als besonders geeignet einschätzen. In beiden Beispielquartieren gaben rund 60-Prozent der Befragten an, dass sie große Hitze im Sommer in ihrem direkten Wohnumfeld als „sehr belastend“ oder „eher belastend“ empfinden. In ihrer Wohnung empfinden rund 53 Prozent der Befragten in Erfurt die Hitze in den Sommermonaten als „sehr belastend“ oder „eher belastend“, in Dresden-Gorbitz waren es über 60 Prozent. Dort, in den Plattenbaubeständen, nehmen die Menschen die Hitze subjektiv als deutlich belastender wahr als die Bewohner anderer Gebäudetypen wie etwa der Gründerzeitbauten in Erfurt. Gerade in den Plattenbauten spielt auch die Lage der Wohnung eine Rolle - in den oberen Stockwerken fühlen sich die Bewohner*innen stärker durch die Hitze beeinträchtigt. Ob Dresden oder Erfurt: Ein Großteil der Befragten leidet bei langanhaltender Hitze unter Schlafstörungen, Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen. Bei der Frage nach geeigneten Anpassungsmaßnahmen sprachen sich rund 75 Prozent der Befragten in Dresden-Gorbitz für außenliegende Rollläden oder Markisen aus. In der Erfurter Oststadt waren es sogar fast 80 Prozent der Befragten, die diese Art des Sonnenschutzes als sinnvoll erachten. Auch Baumpflanzungen vor dem Haus und eine Dämmung des Daches finden die Zustimmung der Mehrzahl der Befragten. Gebäudeanpassung: Maßnahmen geschickt kombinieren Diese Maßnahmen sind auch aus wissenschaftlicher Sicht geeignet, um Gebäude gegen Sommerhitze zu wappnen. Sowohl in Erfurt als auch in Dresden hat das Projektteam ausgewählte Gebäude detailliert untersucht. Die Forschenden haben in den Häusern das Innenraumklima wie etwa Temperatur und Luftfeuchte gemessen. Hinzu kommen Klimadaten und Messungen im Freiraum. Diese Messwerte dienen dazu, dynamisch-thermische Gebäudesimulationen, das Herzstück der Untersuchungen, realitätsnah zu konfigurieren. Mithilfe dieser Simulationen lassen sich jene Schwachstellen von Gebäuden identifizieren, die sie besonders anfällig gegen Sommerhitze machen. Bild 2: Das Projekt „HeatResilientCity“ (Hitze-angepasste Stadt) untersucht, wie die Umgestaltung von Gebäuden und Freiflächen dabei helfen kann, Sommerhitze in Großstädten gut zu ertragen. © R. Ortlepp/ IÖR-Media Bild 3: Systematische Messungen im Projekt HeatResilientCity zeigen die Folgen langer Hitzeperioden für Wohnräume. © St. Kunze/ HTW Dresden 50 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Im Untersuchungsfall sind dies die Fensterflächen, die geringe Speichermasse der Gebäude und zu wenig Luftaustausch in der Nacht. Die Gebäudesimulationen machen es außerdem möglich, die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen zum Schutz vor Sommerhitze zu testen und - noch wichtiger - zu überprüfen, welche Kombination von Maßnahmen besonders erfolgversprechend ist. Denn die eine Maßnahme, die Wohnungen effektiv vor Überhitzung schützt, gibt es nicht. Vielmehr kommt es auf die geschickte Kombination eines ganzen Maßnahmenbündels an. Eine solche Kombination wird nun in Dresden- Gorbitz auch in der Praxis getestet. Drei Plattenbauten der Wohnungsbauserie WBS 70 wurden 2019 in dem Stadtteil saniert und dabei zugleich Maßnahmen zum Hitzeschutz umgesetzt. Die Gebäude erhielten außenliegende Rollläden, die Wärmespeicherkapazität im Dachbereich wurde erhöht und in einem der Häuser wird die vorhandene Lüftungsanlage erweitert. Wie wirksam diese Maßnahmen tatsächlich sind, wird der Sommer 2020 zeigen. Dann stehen nochmals systematische Messungen in den Häusern an. Sie werden mit den Messwerten aus dem Sommer 2018, vor der Umsetzung der Maßnahmen, verglichen. Schutz vor Sommerhitze im Freien Wenn es darum geht, extreme Sommerhitze für Menschen in Städten erträglicher zu machen, dann spielen auch die Grün- und Freiflächen eines Stadtteils eine große Rolle. Bei Befragungen der Bevölkerung im Projekt HeatResilientCity wurde deshalb auch dieser Aspekt beleuchtet. In Karten ihres Wohngebietes konnten die Befragten markieren, welche Bereiche sie als kühl und welche als heiß empfinden. So wird deutlich, wo im Quartier weitere Anpassungsmaßnahmen erforderlich sind. H EAT R ESILIENT C ITY - HITZE-ANGEPASSTE STADT- UND QUARTIERSENTWICKLUNG IN GROSSSTÄDTEN Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als Vorhaben der „Leitinitiative Zukunftsstadt“ im Themenbereich „Klimaresilienz durch Handeln in Stadt und Region“. Laufzeit: Oktober 2017 bis September 2020 Projektpartner: Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) (Verbundleitung) Institut für Stadtforschung, Planung und Kommunikation der Fachhochschule Erfurt (ISP) Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden, Professur für Bauphysik/ Bauklimatik und Raumlufttechnik sowie Professur für Baukonstruktion Technische Universität Dresden (TUD), Institut für Hydrologie und Meteorologie Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft (EWG) Dresden eG Umweltamt der Landeshauptstadt Dresden Umwelt- und Naturschutzamt der Landeshauptstadt Erfurt Bild 4: Anpassungsbedarf im Freiraum: Sitzbänke in der prallen Sonne laden in heißen Sommern nicht zum Verweilen ein. © R. Vigh/ IÖR-Media 51 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung In der Erfurter Oststadt sind es vor allem zwei öffentliche Plätze, der Leipziger und der Hanseplatz, die die Menschen im Hochsommer als Hitzeinseln wahrnehmen und wo sie längere Aufenthalte vermeiden. Mit sogenannten Interventionen, temporären Anpassungsmaßnahmen, wird das Projektteam im Sommer 2020 mögliche Lösungen für einen besseren Hitzeschutz testen. Geplant ist etwa, die Sitzbänke auf dem Leipziger Platz vorübergehend mit großen Kübelpflanzen zu verschatten und durch Pergolen auf den Rasenflächen schattige Bereiche zu schaffen. Auch die Wegeführung über den Platz soll umgestaltet und die neuen Eingangsbereiche mit Stauden aufgewertet werden. Ein typisches Problem der Gründerzeitbebauung kommt in Erfurt ebenfalls zum Tragen: Viele Grünflächen befinden sich in nicht öffentlich zugänglichen Innenhöfen und stehen deshalb nicht allen für die Erholung an heißen Sommertagen zur Verfügung. Hier braucht es Lösungen, wie diese besser zugänglich gemacht oder andernorts im Viertel neue öffentliche Grünflächen geschaffen werden können. In Dresden-Gorbitz hingegen gibt es viele öffentliche Grün- und Freiflächen. Doch auch in diesem Quartier ließe sich der Schutz vor Sommerhitze aus Sicht der Bürger*innen noch optimieren - zum Beispiel an Haltestellen von Bus und Straßenbahn. Prallt die Sonne ungehindert auf die Unterstände, sind die Wartenden hier häufig sehr hohen Temperaturen ausgesetzt. In Planung ist deshalb, mit einer Pilotmaßnahme die Begrünung und Verschattung einer Haltestelle zu erproben. Zeigen die Messwerte eine Verbesserung und kommt die Maßnahme bei der Bevölkerung gut an, dann ließe sich diese Anpassung auch auf andere Haltestellen im Stadtgebiet übertragen. Andernorts werden im Quartier weitere Flächen entsiegelt. Nicht mehr genutzte Bolz- und Parkplätze werden zu extensiv bewirtschafteten Wiesenflächen und urbanem Wald und leisten so einen Beitrag zur besseren Klimaregulierung im Stadtteil. Was jeder selbst tun kann Noch bis September 2020 werden in Erfurt und Dresden weitere Anpassungsmaßnahmen umgesetzt und ihre Wirksamkeit geprüft. Geeignete Maßnahmen könnten später auch auf andere Städte und Wohnviertel übertragen werden. Darüber hinaus plant das Projektteam Schulungen und weitere Informationsveranstaltungen. Denn nicht immer lässt sich zum Beispiel die Anpassung von Gebäuden in großem Maßstab umsetzen. Bestes Beispiel ist das Untersuchungsgebiet Erfurter Oststadt. Die Eigentümerstruktur in dem Gründerzeitviertel ist sehr Dipl.-Journ. Heike Hensel Pressesprecherin Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V. Dresden Kontakt: h.hensel@ioer.de Dr. Janneke Westermann Wissenschaftliche Projektkoordinatorin im Projekt HeatResilientCity Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V. Dresden Kontakt: j.westermann@ioer.de AUTORINNEN heterogen. Ob und wann einzelne Eigentümer ihre Immobilie an neue klimatische Gegebenheiten anpassen, bleibt offen. Umso wichtiger ist es, dass die Bewohner*innen dafür sensibilisiert werden, was sie selbst tun können, um die Sommerhitze aus der Wohnung zu befördern oder sie gar nicht erst hereinzulassen. Das richtige Lüften zur passenden Tageszeit - nachts mit weit geöffneten Fenstern - ist hier das A und O. Das haben die Untersuchungen im Projekt HeatResilient- City gezeigt. Hier kann also jeder selbst zu seiner Lebensqualität beitragen. Informationsmaterial wird es auch für die Immobilieneigentümer geben - etwa zu rechtlichen Regelungen, technischen und baulichen Möglichkeiten der Anpassung und zu geeigneten Fördertöpfen für solche Anpassungsmaßnahmen. Bild 5: Simulationen zeigen - ganz unabhängig vom Lüftungsverhalten der tatsächlichen Bewohner - wie stark sich Gebäude während langer Hitzeperioden aufheizen können. Anhand der Modelle lässt sich auch die Wirkung verschiedener Maßnahmen und Maßnahmenbündel überprüfen. © C. Schünemann/ IÖR 52 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Städte und städtische Lebensweisen sind eine wesentliche Ursache des Klimawandels, gleichzeitig werden Städte aber zunehmend von den Folgen des Klimawandels und damit vermehrt von Extremereignissen wie Hitzewellen und Starkregen betroffen. Die „grüne Infrastruktur“ der öffentlichen und privaten Freiräume und Gebäude kann wesentlich zur Anpassung von Städten an den Klimawandel, durch die Bereitstellung von Ökosystemleistungen wie Verdunstungskühlung, Verschattung und Regenwasserversickerung, beitragen. Zu ihrer Planung und Integration in die Stadtentwicklung sind konkrete Hinweise zur erforderlichen Quantität und Qualität erforderlich. In wachsenden Ballungsräumen ist gleichzeitig neuer Wohnraum zu schaffen, doch jede Neubebauung oder Vergrößerung bestehender Gebäude führt zu einem Verlust an Freiräumen. Das Projekt „Grüne Stadt der Zukunft“ hat das Ziel integrierte Lösungsansätze zum Umgang mit den Herausforderungen Klimawandel und Nachverdichtung in einer wachsenden Stadt wie München zu entwickeln und zu erproben, wie sich diese in der Stadtplanung umsetzen lassen. Die TU München, mit den Fachbereichen Landschaftsplanung sowie energieeffizientes Planen und Bauen, koordiniert das Projekt und arbeitet mit quantitativen Modellierungsansätzen für die Simulation von Mikroklima, Gebäudeenergiebedarf und Lebenszyklusanalysen. Das Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) beschäftigen sich mit sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Fragestellungen. Die Landeshauptstadt München, vertreten durch das Referat für Stadtplanung und Bauordnung und das Referat für Gesundheit und Umwelt, bringt reelle Praxisbeispiele, sogenannte Reallabore, in die Untersuchungen ein. Grüne Stadt der Zukunft Grüne Stadt der Zukunft Klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt Klimawandel, grüne Infrastruktur, Nachverdichtung, transdisziplinär, Stadtentwicklung, Reallabore Stephan Pauleit, Andrea Skiba, Teresa Zölch, Amelie Bauer, Julia Mittermüller, Sabrina Erlwein, Hannes Harter, Werner Lang, Simone Linke, Andreas Putz, Johannes Rupp, Angela Oels, Patrick Schöpflin, Malte Welling Klimawandel und Bevölkerungszunahme stellen Städte vor besondere Herausforderungen. Wie kann trotz der zunehmenden baulichen Verdichtung eine leistungsfähige grüne Infrastruktur in die Stadtentwicklung integriert werden und welche Rolle spielen dabei Akteure der Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, um Klimaschutz und vor allem Klimawandelanpassung zu ermöglichen? In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt „Grüne Stadt der Zukunft“ gehen wir dieser Fragestellung in Kooperation von Wissenschaft und Praxis nach. © Markus Spiske auf Pixabay THEMA Klimawandel und Klimaanpassung 53 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Die Projektpartner arbeiten also inter- und transdisziplinär zusammen, um den Austausch und die fachliche Integration zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit der Praxis sicherzustellen. In einer sogenannten einjährigen Definitionsphase, die ebenfalls durch das BMBF gefördert wurde, fand dazu eine intensive Abstimmung zwischen den Verbundpartnern statt. Die enge Kooperation mit der Landeshauptstadt München ermöglicht gleichzeitig den starken Bezug des Projekts auf aktuelle Herausforderungen der Stadtplanung, die sich in der Auswahl der Reallabore wiederspiegelt. Die Reallabore sind Münchner Stadtquartiere, die mit dem Zielkonflikt zwischen Grünflächen- und Wohnraumbedarf konfrontiert sind und in denen sich Bebauungsvorhaben in unterschiedlichen Planungsstadien befinden (Bild 1). Sie zeichnen sich außerdem durch eine unterschiedliche Bebauungs- und Einwohnerstruktur aus. Die Untersuchungen in der dreijährigen Forschungs- und Entwicklungsphase des Projekts gliedern sich in fünf verschiedene Arbeitsbereiche: die Bewertung von Instrumenten der Stadtplanung, die Bilanzierung der klimatischen Regulationsleistung grüner Infrastruktur, die Analyse sozialer und ökonomischer Aspekte sowie den Hemmnissen für die Umsetzung grüner Infrastruktur. Aus den gewonnenen Erkenntnissen werden Handlungsempfehlungen für die Planungspraxis entwickelt (Bild 2). Wie nehmen Menschen Hitze in der dichten Stadt wahr? Um herauszufinden, wie Menschen in einer dichten Stadt Hitze wahrnehmen, wurden Kurzbefragungen und Tiefeninterviews in zwei Reallaboren durchgeführt, die sich in ihrer baulichen Dichte und Grünflächenversorgung stark unterscheiden. Daraus geht hervor, dass Hitze im Straßenraum in einem dicht bebauten Stadtquartier als belastender wahrgenommen wird. Zwei Punkte tragen maßgeblich dazu bei: Erstens erhöhen bauliche Dichte, Personendichte und starker Verkehr bei vielen Befragten Stress und dadurch auch die subjektive Hitzebelastung. Zweitens fehlen in dichten Quartieren Rückzugsmöglichkeiten und vorhandene Grün- und Freiflächen sind oft überfüllt. Geringe Aufenthaltsqualität, zum Beispiel durch mangelhafte Sicherheit und Sauberkeit, führen in einem der Reallabore dazu, dass fußläufig erreichbare Grünflächen kaum genutzt werden. Stattdessen weichen viele Bürger*innen auf weiter entfernte, attraktivere Grünflächen in anderen Stadtteilen und im Umland aus. Weniger Dichte führt jedoch im Umkehrschluss nicht automatisch zu weniger Hitzebelastung, wenn die Freiräume sich stark erwärmen können. So wurden etwa im weniger dichten Reallabor gerade sehr weitläufig gestaltete Räume - breite Straßenzüge, der große Quartiersplatz und sogar der Park mit Badesee - bei Hitze als sehr unangenehm beschrieben. Als Ursachen nennen die Befragten fehlende Verschattung und unattraktive Gestaltung. Die Gestaltung der vorhandenen öffentlichen Räume entscheidet also mit darüber, ob sie ihre Funktion für die Hitzeanpassung der Bürger*innen erfüllen können. Deren Bedürfnisse unterscheiden sich dabei je nach räumlichem und sozialem Kontext. Deshalb sollte lokal und kleinräumig erhoben werden, welche konkreten Maßnahmen zu einer Verbesserung der Aufenthaltsqualität beitragen. Neben den bereits genannten Sicherheits- und Instandhaltungsaspekten wurden sehr häufig schattenspendende Bäume und Sitzmöglichkeiten ge- Bestand Neubau Klima-Grüngürtel Bild 1: Untersuchungsgebiete in München mit bearbeitenden Projektpartnern. © T. Trokai Bild 2: Projektaufbau „Grüne Stadt der Zukunft“. © F. Steinhart 54 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung wünscht. Diese erscheinen als sinnvolle und noch dazu leicht umsetzbare Maßnahmen für die Hitzeanpassung auf Quartiersebene. Das Angebot von Grünflächen muss jedoch immer auch gesamtstädtisch betrachtet werden, da die Nutzungsmuster dieser Freiräume in Wechselwirkung zueinander stehen. Wie können klimaangepasste Nachverdichtungsszenarien entwickelt werden? Welche Auswirkungen hat Nachverdichtung auf den Grünbestand und welche Folgen für den Außenraumkomfort und die lebenszyklusbasierte Energie- und Emissionsbilanz der Gebäude ergeben sich daraus? Diese Fragen wurden exemplarisch anhand des Siedlungstyps Zeilenbebauung aus den 1950er und 1960er Jahren untersucht. Diese häufige Bauform in deutschen Städten birgt aufgrund ihres relativ hohen Grünanteils, der Notwendigkeit zur Sanierung und der oftmals einheitlichen Eigentümerstruktur großes Nachverdichtungspotenzial durch Aufstockungen und zusätzliche Bebauung (Bild 3). Der neu geschaffene Wohnraum erfordert jedoch Energie für die Raumheizung und zunehmend auch für die Kühlung an heißen Sommertagen durch Klimaanlagen. Weitere Emissionen sind in einer Lebenszyklusbetrachtung für die Phasen der Herstellung und Entsorgung, der bei den Baumaßnahmen anfallenden Gebäudematerialien, anzusetzen. Auch ohne neue Baukörper muss Bestandsgrün durch das nötige Ausweisen von zusätzlichen Stellplätzen (in der Regel je ein Stellplatz pro Wohneinheit) weichen. Tiefgaragen vermeiden zwar eine oberirdische Versiegelung, ihr Bau führt jedoch zum Verlust des jetzigen Baumbestandes und schränkt die Pflanzung von Großbäumen ein. Eine Reduzierung des Stellplatzschlüssels stellt daher gerade im städtischen Raum mit guter ÖPNV-Anbindung eine wichtige Stellschraube zur Vermeidung von Versiegelung und einen relevanten Parameter für Nachverdichtungsszenarien dar. Insgesamt wurden für die Zeilenbebauung zusammen mit Planern der Stadt München acht Nachverdichtungsszenarien erarbeitet. Neben realistisch möglichen Varianten liefern auch „Worst Case“ und „Best Case“ Konstellationen hilfreiche Anhaltspunkte für die Planung (Bild 4). Eine deutliche Verdichtung durch Aufstockung und zusätzliche Baukörper sowie Entfernung allen Bestandsgrüns einer maximal grünen, verkehrsarmen Alternative gegenüberzustellen, hilft, Stellschrauben zur Gestaltung zu identifizieren und Denkanstöße zu geben. Wie kann sensible Nachverdichtung gelingen? In der Stadtentwicklung gibt es verschiedene planerische Möglichkeiten zur Begrünung von Städten. Wichtige Instrumente zur Umsetzung einer sensiblen Innenentwicklung können Satzungen sein, ein gutes Beispiel ist hierfür die Freiflächengestaltungssatzung in München. Hier nimmt die Stadt Einfluss darauf, wie die Durchgrünung der Quartiere aussehen soll. Aber auch städtebauliche Verträge, Förderprogramme zu Innenhof-, Dach- und Fassadenbegrünungen oder Wettbewerbe sind entscheidende Instrumente, wenn es um die Definition von Stadtgrün geht. Die richtige Besetzung des Preisgerichtes bei Planungswettbewerben kann beispielsweise richtungsweisend sein. Jedoch haben erste Interviews gezeigt, dass Klimamanager*innen bislang nur vereinzelt in einer Jury zu finden sind. Neben diesen Instrumenten sind allgemeine Rahmensetzungen in frühen Planungsphasen entscheidend. In einem internen Workshop mit Mitarbeiter*innen verschiedener Referate der Stadt München bestand hierüber breite Übereinstimmung. Je weiter ein Planungsprozess fortschreitet, desto kleiner werden die „Möglichkeitsfenster“ zur Integration der Klimaanpassung (Bild 5). Im Beispiel des Bebauungsplanverfahrens sind bereits in die Vorbereitungsphase („Phase 0“) Grundlagen und Gutachten etwa zum Stadtklima einzubringen, um die Definition von Planungszielen sowie die Auslobung von Wettbewerben zu beeinflussen. Ferner sollten jedoch auch hier bereits vor dem Beginn des Planungsprozesses Weichen für eine Stärkung Grüner Infrastruktur gestellt werden („Phase -1“). Beispiele sind vorgeschaltete Strukturkonzepte, Flächennutzungsplanänderungen oder Verhandlungen mit Investor*innen. Bild 3: Zeilenbebauung im Untersuchungsgebiet in Moosach. © S. Erlwein 55 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Wichtig ist auch die frühzeitige Einbeziehung verschiedener Fachdisziplinen. Vor allem der Themenbereich Wasser wird häufig zu spät bzw. unvollständig in die Planung einbezogen. Stadtgrün erfordert in Zeiten des Klimawandels auch einen anderen Umgang mit Regenwasser. Auch die Verkehrsplanung muss zukünftig intensiver in die klimagerechte Planung einbezogen werden, um durch nachhaltige Mobilitätskonzepte die genannten Zielkonflikte zwischen dem Grün und der Errichtung von Tiefgaragen und oberirdischen Stellplätzen zu verringern. Wie können die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft einen Beitrag zur grünen Infrastruktur leisten? Auch Akteure außerhalb der Verwaltung verfügen über zahlreiche Handlungsspielräume, um grüne Infrastrukturen in einer wachsenden Stadt zu erhalten und zu verbessern. Beispiele aus der Praxis zeigen, dass Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften, Wohneigentumsgemeinschaften, sowie bürgerschaftliche Initiativen und einzelne Bürger*innen ebenso wie Industrieunternehmen und Gewerbetreibende zu mehr Grün in der Stadt beitragen können. Dach-, Fassaden- und Hofbegrünungen, sowie begrünte Vorzonen im Gebäudeumfeld sind nur einzelne Beispiele, die durch Akteure der Stadtgesellschaft umgesetzt werden können. Zudem können Bürger*innen und Unternehmen kommunale Grünprojekte finanziell unterstützen oder sich in gemeinwohlorientierte Grünmaßnahmen einbringen. In Zeiten des Klimawandels und wachsender Städte gilt es, die genannten Akteure für entsprechende Grünmaßnahmen zu gewinnen. Im Projekt „Grüne Stadt der Zukunft“ werden zur Mobilisierung einzelner Akteursgruppen Zukunftsbilder für die Entwicklung klimaresilienter Quartiere erarbeitet und visualisiert. Diese zeigen Gestaltungsoptionen und Zukunftsperspektiven auf und können zum eigenen Handeln anregen. Für erste Umsetzungen werden zudem Vorschläge zur Aktivierung von Unternehmen und Bürger*innen und für eine alternative Finanzierung von Grünmaßnahmen entwickelt und erprobt. Beispiele für solche Maßnahmen sind Quartiersrundgänge, Mitmachaktionen und Rauminterventionen sowie Fundraising, Fonds und Wettbewerbe. Auch Hemmnisse, die private Hauseigentümer*innen von der Begrünung ihrer Dächer, Fassaden und Höfe und der Inanspruchnahme kommunaler Fördermöglichkeiten abhalten, sind zu überwinden. Beispielsweise spiegelt sich der gesellschaftliche Mehrwert der Grünmaßnahmen nur teilweise in privaten Vorteilen wider. Mangelndes Wissen und Vorurteile über gebäudenahe Begrünungsformen sind verbreitet und es fehlen Positivbeispiele im täglichen Umfeld. Auch manche verbreiteten Schönheitsideale von Urbanität stehen naturnahen Grünmaßnahmen entgegen. In einer Workshopreihe mit privaten Hauseigentümer*innen entwickelt und prüft das Projekt Lösungsansätze, um diese Hemmnisse für eine stärkere Begrünung zu überwinden. Bild 4: Modellierung von möglichen Nachverdichtungsszenarien mit ENVI-met. © S. Erlwein 56 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Schlussfolgerungen Die ersten Ergebnisse des Projektes zeigen die Vielzahl der Aspekte, die berücksichtigt werden müssen, um auf eine klimaresiliente Stadtentwicklung hinzuarbeiten. Klimamodellierungen für die im Projekt entwickelten Nachverdichtungsszenarien werden im weiteren Verlauf des Projekts wichtige Eckdaten zur erforderlichen Quantität und Qualität der grünen Infrastruktur liefern. Bereits jetzt zeigt sich die Schlüsselrolle von Mobilitätskonzepten für die Entwicklung der grünen Infrastruktur, denn wenn ober- und unterirdische Stellplätze keinen Platz für Bäume lassen, kann die Klimawandelanpassung nicht gelingen. Insgesamt stehen Kommunen vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung, um Klimaschutz und Klimaanpassung in die Stadtentwicklung zu integrieren. Sie verfügen nicht nur über die Planungshoheit, sondern können auch durch Satzungen, etwa Freiflächengestaltungssatzungen, und finanzielle Förderung die Entwicklung und den Ausbau von grüner Infrastruktur ermöglichen. Dieses vorhandene Instrumentarium sollte konsequent eingesetzt werden. Ganz besonders gilt es aber, die Kooperation der verschiedenen Fachverwaltungen zu verstärken, etwa um Konflikte zwischen Mobilität und grüner Infrastruktur gar nicht erst entstehen zu lassen, und Synergien mit anderen Anliegen, etwa der nachhaltigen Regewasserbewirtschaftung, auszunutzen. Mindestens genauso entscheidend wird es sein, die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft einzubeziehen. Im weiteren Verlauf des Projekts „Grüne Stadt der Zukunft“ werden wir uns daher noch vertieft damit beschäftigen, wie sich diese Akteure verstärkt für die Entwicklung der grünen Infrastruktur gewinnen lassen, etwa durch partizipative Ansätze und Werkzeuge wie Zukunftsbilder sowie Formate der Aktivierung und Finanzierung. Die aus dem Projekt gewonnen Erkenntnisse liefern eine Grundlage für die zukünftige Stadtentwicklung, weil sie an realen Fallbeispielen getestet wurden. Handlungshilfen wie Checklisten und Leitfäden, die im Rahmen des Projektes entwickelt werden, orientieren sich an praktizierten Vorgängen im Verwaltungs- und Lebensalltag der beteiligten Akteure und haben damit starken Praxisbezug. Mindestens genauso wichtig sind die Lernprozesse in den Reallaboren für die Beteiligten aus Wissenschaft und Praxis. Natürlich gibt es auch bei einem transdisziplinären Ansatz Herausforderungen. Die Planer*innen, die unter Zeitdruck stehen und politische Vorgaben zu erfüllen haben, sind von dem Mehrwert einer Mitarbeit in einem transdisziplinären Projekt, das die Komplexität ihrer Arbeit erhöht, erst einmal zu überzeugen. Für die Forschungspartner bedeutet das Arbeiten in Reallaboren zudem einen hohen Abstimmungsaufwand mit den Praxispartnern sowie zu adressierenden Akteuren, da viele methodische Schritte im Detail mit abgestimmt werden müssen. Zusätzlich kann sich der Forschungsprozess durch Abstimmungsprozesse innerhalb der Stadtverwaltung und politischen Gremien verzögern. Im Gegenzug müssen die Forschungspartner für die Abstimmungsvorgänge bis in die Politik hinein eine Sensibilität entwickeln - insbesondere bei brisanten Fragestellungen wie der Nachverdichtung. Dafür ist Flexibilität erforderlich, die aber mit der zeitlich begrenzten Projektförderung und dem Druck zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Konflikt geraten kann. Ein transdisziplinäres Projekt wie „Grüne Stadt der Zukunft“ erfordert daher von allen Beteiligten die Bereitschaft, sich auf die unterschiedlichen Anforderungen der Partner aus Wissenschaft und Praxis einzustellen. Wir sind zuversichtlich, dass im Erfolgsfall hieraus eine Partnerschaft erwächst, die integrative Ansätze für städtischen Klimaschutz und Klimaanpassung für sich verdichtende Städte entwickelt und auch in die Praxis überführt. Bild 5: Zeitpunkt der Festlegung von Maßnahmen. © LHM, Andreas Putz 57 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Prof. Dr. Stephan Pauleit Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung, TU München Kontakt: pauleit@tum.de Andrea Skiba, M.Sc. Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung, TU München Kontakt: andrea.skiba@tum.de Sabrina Erlwein, M.Sc. Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung, TU München Kontakt: sabrina.erlwein@tum.de Prof. Dr.-Ing. Werner Lang Lehrstuhl für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen, TU München Kontakt: w.lang@tum.de Dr. Simone Linke Lehrstuhl für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen, TU München Kontakt: s.linke@tum.de Hannes Harter, M.Sc. Lehrstuhl für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen, TU München Kontakt: hannes.harter@tum.de Dr. Angela Oels Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) Kontakt: angela.oels@ioew.de Johannes Rupp, Dipl.-Forstwiss., M.Sc. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung Kontakt: johannes.rupp@ioew.de Malte Welling, M.Sc. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) Kontakt: malte.welling@ioew.de Patrick Schöpflin, M.Sc. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) Kontakt: patrick.schoepflin@ioew.de Amelie Bauer, M.A. Institut für Soziologie Ludwig-Maximilians-Universität München Kontakt: amelie.bauer@soziologie.uni-muenchen.de Julia Mittermüller, B.A. Institut für Soziologie Ludwig-Maximilians-Universität München Kontakt: julia.mittermueller@soziologie.uni-muenchen.de Dr. Teresa Zölch Referat für Gesundheit und Umwelt Landeshauptstadt München Kontakt: teresa.zoelch@muenchen.de Andreas Putz, M.Sc. Referat für Stadtplanung und Bauordnung Landeshauptstadt München Kontakt: andreas.putz@muenchen.de AUTOR*INNEN 58 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Grenzen grauer Infrastrukturen Urbane Agglomerationen hängen seit jeher von ihren Infrastrukturen ab. Konventionelle, graue Infrastrukturen sind dem sich zuspitzenden Problem der urbanen Flächenkonkurrenz nicht gewachsen, da sie einseitig konzipiert sind. Sie haben einen negativen Einfluss auf den urbanen Wasserhaushalt und verlagern etwa Überschwemmungen lediglich flussabwärts und sind Verursacher von städtischen Hitzeinseln, verschlechtern die Wasserqualität und haben eine geringe gestalterische Qualität [1]. Um das Potenzial des stark begrenzten Platzes der Stadt bestmöglich auszuschöpfen und einer weiteren Zersiedelung entgegenzuwirken, muss ein Raum mehrere Funktionen erfüllen. Dabei stellt sich nicht nur die Frage nach einer technischen Lösung, sondern auch die nach der Lebensqualität der Bewohner. Blau-grüne Infrastrukturen setzen multifunktional an bislang ungenutzten Synergien von urbanem Wasserzyklus und Vegetation in der Stadt an. Als ein Netzwerk lokaler natürlicher und naturnaher Interventionen unterstützen sie eine Spannbreite von Ökosystemleistungen [1]. So haben sie einen positiven Effekt auf die Luft- und Wasserqualität, können die Kanalisation durch eine lokale Regenwasserbewirtschaftung entlasten, an einer effektiven Überflutungsvorsorge mitwirken, die Biodiversität erhöhen, durch Gebäudebegrünung den Energiebedarf der Häuser senken und den urbanen Wasserzyklus näher an den natürlichen heranbringen [2]. Sie können dezentral bereits existierende, konventionelle Infrastrukturen ergänzen - und auf lange Sicht sogar ersetzen [1]. Blau-grüne Infrastrukturen Transformationsstudien urbaner Freiräume am Beispiel von Frankfurt Mikroklima, Begrünungsstrategien, Wassermanagement, Klimaresilienz, Stadtentwicklung Lotta Steger, Friederike Well, Ferdinand Ludwig In Anbetracht der fortschreitenden Urbanisierung und der bestehenden, nicht klimatisch angepassten Siedlungsstrukturen müssen nachhaltige Transformationsstrategien für die urbane Infrastruktur entwickelt werden. In der vorliegenden Studie werden mithilfe blau-grüner Infrastrukturen integrative Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung aufgezeigt. Ortsspezifische Schlüsselprobleme werden am Beispiel von Frankfurt am Main erfasst, analysiert und synergetisch in einem integrierten Entwurf zusammengeführt. Anhand zweier innerstädtischer Freiräume werden die blau-grünen Infrastrukturen auf ihre Anpassungsfähigkeit und räumliche Wirksamkeit hin geprüft und Handlungsansätze für die lokalen Akteure erarbeitet. Bild 1: Umstrukturierung des Straßenraumes der Heidestraße in Frankfurt am Main. © Steger 59 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Im Fokus der hier vorgestellten Studie steht die Erarbeitung einer urbanen Freiraumtransformation im konkreten Raum, aufbauend auf lokal abhängigen Zielsetzungen wie etwa Klimaresilienz, Überflutungsvorsorge oder Feinstaubbindung. Die Basis einer erfolgreichen Implementierung liegt daher in der Analyse der ortsspezifischen Begebenheiten, um die Planung effizient auf die lokalen Problematiken auszurichten und bestmöglich auf den Bestand zu reagieren. Pilotgebiet Frankfurt am Main Im Rahmen des Forschungsprojektes INTERESS-I, welches integrierte blau-grüne Infrastrukturen entwickelt und testet, werden in Frankfurt am Main zwei Stadtentwicklungsprojekte untersucht [3]. Im Zuge des Klimawandels wird Frankfurt aufgrund der Siedlungsstruktur und seiner geographischen Lage insbesondere hinsichtlich des Temperaturanstiegs besonders hart betroffen sein [4, 5]. In einer Studie aus dem Jahr 2016 wurde bereits mithilfe einer Klimaanalyse auf Stadtebene der Klimaplanatlas 2016 erstellt. Er zeigt die Überwärmungs- und Kaltluftentstehungsgebiete und gibt dadurch Aufschluss über Potenzialflächen und Problemareale [6]. In einer Studie des Grünflächenamtes wurden zudem sogenannte „Grüne Achsen“ für den innerstädtischen Kernbereich erarbeitet, um wichtige Flächen für die Grünversorgung zu sichern [7]. Diese führen von der stark überhitzten und versiegelten Innenstadt zu Grünflächen in der Umgebung Frankfurts. In der vorliegenden Studie wurde die Grüne Achse XI näher betrachtet, an welcher blau-grüne Infrastrukturen implementiert werden sollen. Die Analyse, Synthese und die darauf aufbauenden Entwürfe stehen dabei exemplarisch für mögliche Strategieentwicklungen in anderen Städten. Die räumlichen und gestalterischen Konsequenzen, die spezifischen Anforderungen und die Grenzen blau-grüner Infrastrukturen hängen stark von der gewählten Zielsetzung ab. Um eine Vergleichbarkeit der einzelnen Herausforderungen zu erreichen, wurden diese zunächst separat betrachtet. Anhand der Analyse der lokalen Probleme Frankfurts und der Grünen Achse XI wurden lokale klimatische Kernprobleme erfasst und drei Zielsetzungen definiert: Verbesserung des Mikroklimas, Überflutungsvorsorge und der urbane Trinkwasserschutz. Verbesserung des Mikroklimas Problemlage: Der Klimaplanatlas 2016 zeigt deutlich, dass Frankfurt mit starken Überwärmungsproblemen zu kämpfen hat. In der Innenstadt verursachen die Versiegelung und die Baustruktur einen Urban Heat Island-Effekt und es kann so bis zu zehn Grad wärmer werden als im Umland (Bild 2) [8]. Diese extreme Hitze setzt dabei nicht nur den Menschen zu. 2019 wurden fast 96,9 % der Frankfurter Stadtwaldbäume durch die Trockenheit und Bild 2: Foto und Wärmebildaufnahme der Frankfurter Skyline. © Steger 60 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Hitze geschädigt, außerdem setzen wärmeliebende Schädlinge der Vegetation verstärkt zu [8]. Im Zuge des Klimawandels werden die Hitzetoten pro Jahr in Deutschland von 5 000 auf 15 000 steigen, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden [9]. Insbesondere die Monate Juni, Juli und August sind aufgrund der Hitzetage und Tropennächte von großer Bedeutung [5]. Lösungsansatz: Durch eine Kombination aus Regenwasser- und Grauwassernutzung und der Speicherung können Trockenperioden überbrückt werden. Eine Begrünung von Dach- und Fassadenflächen maximiert auch in stark begrenzten Freiräumen die Vegetationsfläche, kühlt so zusätzlich und kann Feinstaub binden. Mit der Schaffung von schattigen Bereichen und Wasserspielen haben Passanten die Möglichkeit, sich direkt zu erfrischen. Überflutungsvorsorge Problemlage: Wasserknappheit und Hitze in den Sommermonaten sind nicht die einzigen klimatischen Herausforderungen, denen Frankfurt begegnen muss. Mit einer Häufung von Extremwetterereignissen steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Starkregenereignisse. Etwa die Hälfte der Überflutungsversicherungsschäden in Deutschland entsteht durch Extremniederschläge [10]. Diese beliefen sich im Jahr 2016 auf 940 Mio. EUR [11]. Bei einer Überschreitung der Kanalisationskapazität oder einem vollständig fehlenden Regenwassermanagement können Schäden an Bausubstanz und Infrastruktureinrichtungen entstehen. Bei einer Mischkanalisation kann es zusätzlich zur Verunreinigung durch Chemikalien und Fäkalien kommen. Die meisten Starkregenereignisse sind als konvektive Niederschläge in den Monaten April bis September zu verzeichnen [12]. Lösungsansatz: Niederschläge können mittels blau-grüner Infrastrukturen lokal zurückgehalten werden, wodurch resilientere Stadtstrukturen entstehen [1]. Retentionsdächer können Regenwasser zunächst aufnehmen, das sich dann zeitversetzt der Kanalisation oder Wasserretentionsplätzen zuführen lässt. Letztere können multifunktional genutzt werden. Angepasste Straßenquerschnitte und gestaffelte Flutungsstufen leiten die Wassermassen und schaffen gleichzeitig sichere Aufenthaltszonen. Das Regenwasser kann gespeichert und danach zur Bewässerung verwendet werden. Trinkwasserschutz Verbesserung des Mikroklimas + Multifunktionalität des Grüns eingeschränkte Begehbarkeit möglichst geringe Transpiration für hohe Effizienz + + - +- +- +- Überflutungsvorsorge Verbesserung des Mikroklimas + erhöhte direkte Wasserverfügbarkeit für die Vegetation + Nutzung des lokal retentierten Regenwassers mit Zisternen + Wasserelemente als direkte Abkühlung Verbesserung des Mikroklimas Überflutungsvorsorge + Reduktion des Abflusses durch Entsiegelung und Interzeption + Bindung von Feinstaub als lindernder Faktor für erhöhte städtische Kondensationskerne Überflutungsvorsorge Trinkwasserschutz - Flächenkonkurrenz + keine Vermischung von Regenwasser und Abwasser in der Kanalisation + Nutzung des lokal retentierten Regenwassers Trinkwasserschutz Überflutungsvorsorge - Flächenkonkurrenz - Retentionskapazität permanent gefluteter Flächen gering Verbesserung des Mikroklimas Trinkwasserschutz + funktionales Grün möglichst hohe Transpiration für starken Kühlungseffekt im Winter „tote Masse“ - Bewässerung bei Trockenheit „Mit dem Forschungsprojekt INTERESS-I verfolgt das Grünflächenamt die Absicht, die anstehenden aktuellen Planungen im Sinne einer ‚Blau-Grünen Infrastruktur ‘ weiter zu entwickeln. Die sehr heißen und trockenen Sommer in den Jahren 2018 und 2019 haben gezeigt, dass der entstandene Bewässerungsbedarf für das öffentliche Grün mit den städtischen Personal- und Trinkwasserressourcen nicht zu bewältigen ist. Der visionäre Ansatz der Konzeptstudie zeigt, welche Möglichkeiten der ‚blau-grünen Infrastruktur ‘ in einem besonders dicht bebauten Frankfurter Stadtquartier bestehen. So lässt sich abschätzen, welche Möglichkeiten alternativer Bewässerungsformen an einem ‚Hot Spot ‘ in Frage kommen Die Dimension eines künftigen klimaangepassten Stadtumbaus wird klarer. Auf Grundlage der Konzeptstudie und den Ergebnissen einer Bürgerbeteiligung, die mit INTERESS-I im Quartier durchgeführt wurde, soll die Planung weitergeführt werden. Dabei wird es spannend sein, wie welche der neuen Elemente planerisch umgesetzt und vor Ort hergestellt werden können.“ (Grünflächenamt Frankfurt am Main, 67.11 RF) STATEMENT DER STADT FRANKFURT AM MAIN Bild 3: Wechselwirkungen der Zielsetzungen „Verbesserung des Mikroklimas“ , „Überflutungsvorsorge“ und „Trinkwasserschutz“. © Steger 61 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Urbaner Trinkwasserschutz Problemlage: Der hohe häusliche und kleingewerbliche Trinkwasserverbrauch fußt auf drei Problemen: Der fehlenden Integration unterschiedlicher Wasserquellen, dem hohen Verbrauch an sich und der mangelnden Aufbereitung von Abwasser zur lokalen Wiederverwendung [13]. Insbesondere der letztgenannte Aspekt ist frappierend. Aktuell wird Trinkwasser bester Qualität etwa für die Toilettenspülung, die Waschmaschine oder die Bewässerung des Gartens sowie für Teile des kleingewerblichen Bedarfs verwendet, obwohl dafür auch Wasser minderer Qualität vollkommen ausreichend wäre [14]. Vor allem in Industrieländern wird eine Versorgung mit sauberem Trinkwasser als selbstverständlich angesehen. Die Prognosen einer Studie aus dem Jahr 2008 in Bezug auf die Bilanzbetrachtung für die Belieferungsgebiete der Hessenwasser GmbH, zu denen auch der Raum Frankfurt zählt, zeichnen allerdings ein ganz anderes Bild. In den Berechnungen für ein mögliches Trockenjahr 2020 ist eine Deckung des Trinkwasserbedarfs hypothetisch knapp nicht mehr gegeben [15]. Lösungsansatz: Blau-grüne Infrastrukturen können durch die lokale biologische Aufbereitung von Grauwasser einen beachtlichen Teil des täglichen Wasserbedarfs decken. Die dafür verwendeten Pflanzenkläranlagen und Sumpfpflanzendächer stellen zugleich ein Habitat für die städtische Flora dar. Eine Integration von Regenwasser in die Versorgung durch eine lokale Speicherung kann zusätzlich etwa während Hitzeperioden die Bewässerung durch Trinkwasser ersetzen. Dadurch sinkt der Primärwasserverbrauch und natürliche Trinkwasservorkommen werden geschont. Zielkonflikte Aus der Analyse dieser drei Kernprobleme kristallisieren sich deutliche Unterschiede bezüglich der Anforderungen an die Planung heraus. Blau-grüne Infrastrukturen können jedem dieser Probleme begegnen, sich aber gegenseitig behindern oder gar ausschließen. Sie haben teils vollkommen unterschiedliche räumliche Konsequenzen für den Raum. So verursacht beispielsweise der urbane Trinkwasserschutz durch lokales Grauwasserrecycling aufgrund der Hygieneanforderungen starke Einschränkungen in den in Anspruch genommenen Flächen. Andererseits können bei kluger Verknüpfung der blau-grünen Infrastrukturen auch Synergien entstehen. Eine genaue Klärung und Gegenüberstellung der Ziele ist essentiell für eine erfolgreiche Umsetzung (Bild 3). Integrierter Entwurf - Konzeptstudien Vor dem Hintergrund der Kombination der drei Zielsetzungen „Verbesserung des Mikroklimas“, „Überflutungsvorsorge“ und „Trinkwasserschutz“ wurden bekannte Bausteine blau-grünen Infrastrukturen auf ihre Anpassungsfähigkeit und räumliche Wirksamkeit hin geprüft und Visionen für die lokalen Akteure erarbeitet. Eine Anwendung im Raum zeigt mögliche Konflikte, benötigte Kompromisse und Verhältnismäßigkeiten, aber auch ungeahnte Synergien. Die zwei Interventionsorte Heidestraße und Merianplatz stehen dabei exemplarisch für eine Transformation der Grünen Achse XI, durch die sich die blau-grünen Infrastrukturen wie ein roter (oder vielmehr grün-blauer) Faden ziehen und dabei urbane Lebensqualität und eine resiliente Stadtplanung vereinen. Kernaspekte der Entwürfe sind klimaadaptierte Verkehrskonzepte, lokale Grauwassernutzung, eine gezielte Verbesserung des Mikroklimas und die Integration des Regenwassermanagements. Da die Kombination der Zielsetzungen nicht immer synergetischer Natur ist, müssen teilweise Kompromisse abgewogen werden (Bild 3). Heidestraße Die aktuell rein zweckmäßig genutzte Wohnstraße wird durch eine Anpassung der Flächenverteilung der Straße an die tatsächlichen Nutzergruppen umstrukturiert (Bild 4). Die Integration der blau-grünen Infrastrukturen begleiten den Passanten, schaffen Aufenthaltsqualitäten und trennen die Bereiche für Fahrstreifen und Gehweg. Die zuvor zugestellte Straße weicht damit einer grünen Stadtlandschaft (Bild 1). Eine clusterartige Bepflanzung mit Bäumen schafft Schatten und gewährleistet eine gute Luftzirkulation. Urbane Bioswales, die die Heidestraße durchziehen und die durch eine um 0,2 m tiefergelegte Zone verbunden sind, schieben sich in den Straßenraum hinein und forcieren so eine langsame Fahrweise der Autofahrer, zugunsten der Fahrradfahrer und Fußgänger. Sumpfpflanzendächer Bild 4: Transformationsstudie Heidestraße Frankfurt, Starkregenszenario 25l/ m 2 / h. © Steger 62 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung kombinieren Evapotranspiration und Grauwasserrecycling, schaffen so zusammen mit einer extensiven Fassadenbegrünung Habitate auf den Dächern der Stadt und tragen zur Gebäudekühlung im Sommer bei [16]. Durch die geringe Frequentierung und die bestehende Einbahnstraßenregelung bietet die Heidestraße die Möglichkeit, mit den Verkehrsflächen innovativ umzugehen und festgefahrene und als selbstverständlich wahrgenommene Strukturen wie die beidseitigen Parkstreifen kritisch zu betrachten. Ein Auto steht im Durchschnitt 96 % der Zeit, nur eine Stunde am Tag wird es genutzt [17]. Innovative Verkehrskonzepte unter Einbeziehung von Carsharing können den Bedarf an PKWs und damit die für den ruhenden Verkehr benötigten Flächen deutlich reduzieren. Für die 669 Einwohner der Heidestraße werden hier daher nur 14 Parkplätze vorgeschlagen; im Gegenzug wurden Fahrradstellplätze entlang der Gehwege geplant. Dadurch verringert sich auch die Feinstaubbildung, die nicht nur einen negativen Einfluss auf die Gesundheit hat, sondern auch ein Grund für die Bildung städtischer Kondensationskerne ist, die wiederum für Starkregenereignisse verantwortlich sein können [18]. Merianplatz Ganz anders als bei der räumlich stark beschränkten und wenig genutzten Heidestraße gestaltet sich der Entwurf für den Merianplatz. Das ehemalige Merianbad bildet gestalterisch das Zentrum des Entwurfes, von dem sich die blau-grünen Infrastrukturen wie ein Impuls in den Platz und die angrenzende Bergerstraße ziehen und diese räumlich gliedern (Bild 5). Ein Hauptteil der Bestandsbäume wird in die neue Planung integriert, um die bestehenden Schattenbereiche zu erhalten und die Biodiversität zu fördern; diese werden mit Neupflanzungen ergänzt. Urbane Bioswales entlang der Straßen reinigen den Oberflächenabfluss und leiten ihn dann ab. Kern der lokalen Retentionskapazität bilden ein Regenwasserteich und der zweistufig abgesenkte Bereich im Osten des Merianplatzes, zu denen fast der gesamte Dach- und Oberflächenabfluss geleitet wird (Bild 6). Das Grauwasser wird auf Sumpfpflanzendächern vorgereinigt, um dann im freien Gefälle zwei Brunnen zu speisen. In mehreren Stufen wird das bereits weitestgehend aufbereitete Grauwasser mit Regenwasser gemischt, weiter denitrifiziert und anschließend für ein häusliches Recycling in die Gebäude zurückgeleitet. Kommunale Handlungsmöglichkeiten Die erfolgreiche Umsetzung der hier beschriebenen Ansätze ist auf unterschiedliche Art und Weise von einer Vielzahl öffentlicher und privater Akteure abhängig. Die synergetische Lösung der drei angesprochenen Problemfelder ist beispielsweise vom Engagement der Grundstücksbzw. Immobilieneigentümer abhängig. Das aus kommunaler Sicht am einfachsten umzusetzende Ziel ist das der Überflutungsvorsorge, da sich die relevanten Retentionsflächen hauptsächlich im unbebauten öffentlichen Freiraum befinden. Für eine Verbesserung des Mikroklimas müssten Stadt und private Akteure an einem Strang ziehen, um flächendeckend zu agieren. So kann die vorliegende Konzeptstudie nicht 1 : 1 in Verwaltungshandeln umgesetzt werden. Dennoch gibt es einige existierende Beispiele, die einen Anreiz für Privateigentümer geben können. Beispielsweise subventioniert die Stadt Frankfurt mit dem Förderprogrammes „Frankfurt frisch auf“ bereits die Neuanlage von Dach-, Fassaden und Hinterhofbegrünungen mit 50 % [19]. Ein schon in seiner jetzigen Form vielversprechender Ansatz, der noch nicht ausreichend wahrgenommen wird. Der urbane Trinkwasserschutz durch Wasserrecycling erfährt aktuell noch zu wenig Aufmerksamkeit und sollte in Zukunft verstärkt Beachtung finden. Durch die Verknüpfung der bereits vorhandenen Potenziale und der Infrastrukturen können für das urbane Wassermanagement und die städtischen Vegetationsysteme resiliente Städte geschaffen werden. Durch eine nachhaltige Stadtplanung mittels blau-grüner Infrastrukturen können so nicht nur klimatische Herausforderungen gemeistert, sondern auch lebenswerte urbane Freiräume geschaffen werden. Bild 5. Transformationsstudie Merianplatz Frankfurt. © Steger 63 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung LITERATUR [1] Brears, R.C.: Blue and Green Cities: The Role of Blue- Green Infrastructure in Managing Urban Water Resources. Palgrave Macmillan, New York, 2018. [2] Pötz, H.: Groenblauwe netwerken. Handleiding voor veerkrachtige steden = Green-blue grids : manual for resilient cities. Atelier GROENBLAUW, Delft, 2016. [3] Eisenberg, B., Well, F., Ludwig, F.: Integrierte Strategien zur Stärkung blau-grüner Infrastrukturen. Verbesserung des Stadtklimas und der Aufenthaltsqualität als Maßgabe zukunftsfähiger Stadtentwicklung. Transforming Cities 4 Nr. 3 (2019), S. 56 - 59. [4] Umweltamt Stadt Frankfurt am Main: Luft und Stadtklima. URL: https: / / www.frankfurt.de/ sixcms/ detail. php? id=4564 (Stand: 13.08.2019). [5] Deutscher Wetterdienst: Deutscher Klimaatlas. Offenbach URL: https: / / www.dwd.de/ DE/ klimaumwelt/ klimaatlas/ klimaatlas_node.html (Stand: 16.05.2019). [6] Dannert, H.-G.: Das Stadtklima erhalten und verbessern. Der Klimaplanatlas 2016. Umweltamt, Stadt Frankfurt am Main URL: https: / / www.frankfurtgreencity.de/ de/ thema/ klimaplanatlas/ (Stand: 14.08.2019). [7] Wächter, C.: Grüne Achse XI. Masterarbeit, 2012. [8] Grünflächenamt Stadt Frankfurt am Main: Waldzustandsbericht 2019 des Grünflächenamtes für den Stadtwald Frankfurt am Main. URL: https: / / www. frankfurt.de/ sixcms/ media.php/ 738/ Waldzustandsbericht%202019.pdf (Stand: 24.01.2019). [9] World Health Organization: Urbanization and health. URL: https: / / www.who.int/ globalchange/ ecosystems/ urbanization/ en/ (Stand: 10.05.2019). [10] Emde, F. et al.: LAWA-Strategie für ein effektives Starkregenrisikomanagement. Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz, Erfurt, 2018. URL: https: / / www.lawa.de/ documents/ lawa-starkregen_2_1552299106.pdf (Stand: 15.08.2019). [11] ERGO Group: Starkregen. Düsseldorf URL: https: / / www.ergo.com/ de/ Extreme-Wetterereignisse/ Starkregen (Stand: 15.08.2019). [12] Deutscher Wetterdienst: Starkregen. Offenbach. URL: https: / / www.dwd.de/ DE/ service/ lexikon/ begriffe/ S/ Starkregen.html (Stand: 15.08.2019). [13] Marsalek, J., Jiménez-Cisneros, B., Karamouz, M., Malmquist, P., Goldenfum, J., Chocat, B.: Urban Water Cycle Processes and Interactions. UNESCO Publ., Paris, 2008. [14] Mehlhart, G. et al.: Grauwasser-Recycling. Planungsgrundlagen und Betriebshinweise. Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung e. V. - Hinweisblatt H 201, Darmstadt, 2005. [15] Herber, W., Wagner, H., Roth, U.: Der Regionale Wasserbedarfsnachweis der Hessenwasser GmbH & Co.K. gwf-Wasser|Abwasser 149/ 10, (2008) S. 773-779. [16] Pfoser, N.: Der Stellenwert der Fassadenbegrünung in Architektur und Städtebau. Hamburg, 2018. URL: https: / / gebaeudegruen.info/ fileadmin/ website/ downloads/ bug g-vortraege/ fassaden _ hamburg _ 2018/ Nicole_Pfoser.pdf (Stand: 22.01.2020). [17] Verkehrsclub Deutschland e.V.: Carsharing. Auto nutzen statt besitzen. Berlin. URL: https: / / www. vcd.org/ themen/ auto-umwelt/ carsharing/ (Stand: 17.08.2019). [18] Liu, J, Zheng, Y, Li, Z.: Analysis of cloud condensation nuclei properties at a polluted site in southeastern China during the AMF-China Campaign. Journal of Geographical Research: Atmospheses, Volume 116, 2011. doi: https: / / doi.org/ 10.1029/ 2011JD016395 [19] Stadt Frankfurt am Main: Frankfurt frischt auf - 50-% Klimabonus. URL: https: / / frankfurt.de/ sixcms/ detail. php? id=2851&_ffmpar%5b_id_inhalt%5d=33495777 (Stand: 17.08.2019). AUTOR*INNEN Lotta Steger, B.Sc. Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung Technische Universität München Kontakt: lottasteger@web.de Friederike Well, M. Sc. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Professur für Green Technologies in Landscape Architecture Technische Universität München Kontakt: friederike.well@tum.de Prof. Dr.-Ing. Ferdinand Ludwig Professur für Green Technologies in Landscape Architecture Technische Universität München Kontakt: ferdinand.ludwig@tum.de THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Bild 6: Resiliente Vision des Merianplatzes mit Blick auf temporäre Retentionsflächen. © Steger Die vorliegende Konzeptstudie entstand im Rahmen der Bachelor-Thesis von Lotta Steger an der Professur für Green Technologies in Landscape Architecture, TUM. Sie ist Teil des BMBFgeförderten Forschungsprojekts INTERESS-I. 64 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Projekt BlueGreenStreets Erhöhung der Ressourceneffizienz urbaner Quartiere durch multifunktionale Straßenraumgestaltung Starkregen, Klimawandelanpassung, Multifunktionalität, Stadtgrün, Regenwasserbewirtschaftung, Verkehrsplanung Michael Richter, Wolfgang Dickhaut, Jochen Eckart, Lena Knoop, Tomke Voß Im Rahmen des Verbundprojekts BlueGreenStreets wird die Wirksamkeit von Planungsinstrumenten zu grünen städtischen Infrastrukturen, urbaner Wasserwirtschaft, dem Sanierungsmanagement von Straßen und Kanälen, und der Verkehrs- und Freiraumplanung untersucht, evaluiert und weiterentwickelt. Für die Planung und Umsetzung multifunktionaler Straßenräume in urbanen Quartieren werden Planungstools entwickelt und mit Stadtakteuren anhand von Pilotprojekten erprobt. Die Übertragbarkeit auf andere Kommunen wird durch modellhafte Lösungsvorschläge zur multifunktionalen Straßenraumgestaltung gewährleistet. Bild 1: Vision Blue- GreenStreets. © BlueGreen- Streets, bgmr 65 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Herausforderungen und Potenziale multifunktionaler Straßenräume im Klimawandel Bereits heute bestehen Herausforderungen für die Stadtentwicklung wie Verkehrskonflikte, urbaner Hitzestress, Überflutungen durch Starkregenereignisse oder Beeinträchtigungen des Straßengrüns. Diese werden sich in naher Zukunft durch den fortschreitenden Klimawandel und zunehmende Nachverdichtung deutlich verstärken. Die Berücksichtigung der verschiedenen Interessen führt dabei zunehmend zu einer erhöhten Flächenkonkurrenz. Deshalb wird es nötig sein, verschiedene Flächennutzungen zu kombinieren, um Räume effektiv (multifunktional) zu nutzen. Dies gilt insbesondere für Straßenräume, die in innerstädtischen Quartieren wie beispielsweise in Hamburg St. Georg etwa 35 % der Fläche ausmachen [1], aber nur für eine verkehrliche Funktion genutzt werden. In Städten ist der Straßenraum eine der großen potenziellen Flächenreserven für die Freiraumversorgung und Qualifizierung der Aufenthaltsqualitäten im Wohn- und Lebensumfeld der Bewohner*innen. Demnach entsteht in Zukunft der Anspruch, den Straßenraum als „Multitalent“ weiter zu entwickeln. Technische Innovationen (zum Beispiel autonomes Fahren) und gesellschaftlicher Wertewandel (zum Beispiel Verdrängung des MIV aus den Innenstädten, autoarme Stadtquartiere) schaffen größere Spielräume für die multifunktionale Straßenraumnutzung und Gestaltung. Zentrale Raumelemente mit Bedeutung für eine multifunktionale Funktion sind Straßenbaumstandorte, begrünte Mittelstreifen, grüne Wände und Fassaden. Hier treffen verschiedene Interessen wie etwa Verkehrssicherheit, unterirdische Infrastrukturen, Regenwasserbewirtschaftung, Parkraummanagement, Biodiversität, Mikroklima und menschliches Wohlbefinden aufeinander. Durch innovative Ansätze bei Gestaltung und Integration dieser Elemente im Straßenraum können neben wasserwirtschaftlichen und stadtklimatischen Belangen auch die Vitalität des Straßengrüns verbessert und damit wertvolle Ökosystemdienstleistungen erhalten, aufgewertet und neu geschaffen werden. Bisherige Ansätze multifunktionaler Straßenraumgestaltung Erste Ansätze für eine wassersensible, multifunktionale Straßenraumgestaltung wurden in verschiedenen Veröffentlichungen [1, 2, 3, 4, 5, 6] sowie in F+E-Vorhaben wie MURIEL, KURAS, SAMUWA und RISA diskutiert. Diese Untersuchungen der Mitbenutzung von Straßenflächen für den Überflutungsschutz konzentrieren sich meist auf konzeptionelle Überlegungen. Zudem sind vereinzelte Pilotprojekte wie die Notwasserwege im Hochschulstadtteil Lübeck (BBR EXWOST 2015), der Klima-Boulevard Bremen-Findorf (BBR EXWOST 2015) sowie der Wolkenbruch-Boulevard in Kopenhagen [3] dokumentiert. Das Projekt „Multifunktionale Retentionsflächen“ (MURIEL) gibt bereits einige rechtliche und gestalterische Hinweise im Hinblick auf die temporäre Rückhaltung und Notableitung von Starkniederschlägen auf Verkehrsflächen. Die im Bereich der Siedlungswasserwirtschaft diskutierten Ansätze einer multifunktionalen wassersensiblen Straßenraumgestaltung [3, 4, 5] wurden bisher von Seiten des Verkehrswesens nicht aufgenommen. Ein Brückenschlag zwischen den Disziplinen wurde vereinzelt versucht [2, 4, 7]. Dieser bewegt sich jedoch noch überwiegend auf konzeptioneller Ebene und hat noch nicht den für eine multifunktionale Straßenraumgestaltung erforderlichen Detaillierungsgrad erreicht. Die hitzesensible Straßenraumgestaltung mit Potenzialen der Verdunstung, Kühlung, Verschattung und Rückstrahlung spielen in der Praxis bisher kaum eine Rolle. Forschungsvorhaben des BBSR [8] thematisieren unter dem Begriff der Schwammstadt die zunehmende Bedeutung der Oberfläche der Stadt und damit auch des Straßenraums als zentrale Stellschraube für die Anpassung an Hitzewellen. Im Weißbuch Stadtgrün [9] werden die Themen Multifunktionalität, wassersensibler und hitzeangepasster Stadtraum aufgegriffen, sie bleiben aber sehr allgemein. Bisher fehlen konkrete Ansätze, wie die multifunktionale Straßenraumgestaltung gelingen kann. Diese Lücke soll geschlossen und die Anwendbarkeit bisheriger Vorschläge und die weitere vertiefende Forschung zur technischen Ausgestaltung und der Wirksamkeit in BlueGreen- Streets bearbeitet werden. Themen, Methoden und Zielstellungen BlueGreenStreets Als Arbeitsziele in BlueGreenStreets werden angestrebt, die Wirksamkeit von (bestehenden) Planungsinstrumenten und Regelwerken für „grüne, graue und blaue“ städtische Infrastrukturen hinsichtlich Planung und Förderung multifunktionaler Straßenräume zu untersuchen, zu evaluieren und weiterzuentwickeln. Wesentlicher Baustein ist eine integrierende Straßenraumkonzeption sowie Regelentwürfe und Planungshinweise für zukunftsfähige, klima- und wassersensible Straßenräume. Im Sinne der Sicherung der Vitalität von Grünräumen ist ein weiteres Ziel herauszufinden, welche Techniken sich zur Vergrößerung des 66 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Wasserspeichervolumens in Pflanzgruben, Grünflächen und bepflanzten Bauwerken im Straßenraum eignen und gleichzeitig die Vitalität und Wasserverfügbarkeit für Bäume in Trockenzeiten verbessern. Weiterhin soll untersucht werden, welche hydrologischen und mikroklimatischen Wirkungen sich mit unterschiedlichen Systemen und Regelentwürfen auf die unterschiedlichen Straßenraumtypen und deren unmittelbare Umgebung ergeben, insbesondere im Hinblick auf zukünftige Klimawandelauswirkungen in urbanen Gebieten. Verschiedene Themenbereiche wie Planung, Entwurf, Regenwasserbewirtschaftung, Verkehrsplanung, ökonomische Bewertung, Stoffstrommanagement und Mikroklima werden im wissenschaftlichen Projektverbund innerhalb von 12 Fachmodulen bearbeitet. Ausblick/ Beispiele von Pilotprojekten Der Klimawandel ist ein globales Phänomen, welches auf lokaler Ebene spezifische Probleme mit sich bringt. Unterschiedliche Lösungen für den Umgang mit diesen Herausforderungen müssen dementsprechend auf kommunaler Ebene gefunden werden. Somit ist es ein wichtiger Bestandteil des Forschungsprojekts, mit kommunalen Partner*innen zusammen Lösungen zu diskutieren, zu planen und umzusetzen. Ausgewählte Beispiele sind im Folgenden beschrieben. Seit dem Jahr 2019 arbeitet das Forschungsprojekt BlueGreenStreets daran, Straßenräume in zukunftsfähige Multitalente der Stadtquartiere zu transformieren. Dabei werden prozessbegleitend die Erkenntnisse aus anderen projektinternen Forschungsbereichen in den Planungsprozess konkreter Straßenbauprojekte in Berlin, Bochum, Bremen, Hamburg, Neuenhagen bei Berlin und Solingen eingespeist. Pilotprojekt Königstraße mit Umgestaltung einer Fahrspur zur Grün-/ Freifläche Die Straßenplanung der Königstraße im Bezirk Hamburg-Altona wurde nach einem Evaluierungsprozess als BlueGreenStreets-Pilotprojekt festgelegt. Dabei spielten Parameter wie Planungsstand, Entwässerungssituation, Flächenverfügbarkeit sowie die Anforderung an die Aufenthaltsqualität eine Rolle. Die Planung wird vom Landesbetrieb für Straßen, Brücken und Gewässer durchgeführt. Zum Zeitpunkt der Auswahl des Straßenraums als Pilotprojekt lag bereits ein erster Entwurf für die Verkehrsführung vor. Dieser wurde, basierend auf den Projektzielen, gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt. Nach der Auswertung der Verkehrszahlen wurde die Reduzierung der PKW-Fahrspuren in einigen Bereichen von zwei auf eine Spur stadteinwärts als realisierbar eingeschätzt. Es wird angestrebt, die neugewonnene Fläche zu nutzen, um Regenwasser dezentral zu bewirtschaften, das Grünvolumen zu erhöhen und eine komfortable Rad/ -Fußwegführung herzustellen. Ebenfalls wird daran gearbeitet, bestehende Nebenflächen zu entsiegeln und zu begrünen sowie an den Straßenraum angrenzende Flächen sinnvoll in die Planung zu integrieren. Bild 2: Erster gemeinsamer Workshop von kommunalen Partner*innen und dem Verbundprojekt, um konkrete Wege in die Umsetzung blau-grün gestalteter Straßenräume zu diskutieren, Hamburg, September 2019. © HafenCity Universität 67 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Planung und Umsetzung von Baumrigolen im Fachmodul „Vitalisierung technischer Lebensräume“ Innerhalb von Straßenräumen ist vielerorts nach wie vor die Zielstellung, Regenwasser mittels konventioneller Entwässerungssysteme zu „beseitigen“. Folgen für urbane Räume zeigen sich im Zuge von Überflutungen bei hydraulischer Überlastung der Kanalsysteme aber auch bei reduziertem Wasserdargebot für Straßenvegetation in Trockenzeiten. Insbesondere die trockenen Sommer in den Jahren 2018 und 2019 haben noch einmal verdeutlicht, unter welchem Trockenstress die urbane Vegetation in Zukunft leiden könnte, wenn es diesbezüglich zu keinem Umdenken kommt. Die Kombination von Straßenbäumen und Regenwasserbewirtschaftung scheint vielversprechend, da Zwischenspeicherung von Wasser in der Bodenzone von Versickerungsanlagen maßgeblich das Wasserdargebot von Bäumen verbessern kann [10]. Aufbauend auf diesem Ansatz wurde im Zuge verschiedener Forschungsvorhaben die Bewirtschaftung von Regenwasser über Baumrigolen untersucht und mit dem Projekt TREEDRAIN auch pilothaft umgesetzt [11]. International sind solche Systeme bereits zahlreich realisiert [12]. Im europäischen Raum gilt bisher vor allem das „Stockholmer Modell“ [13] als Vorbild. In Bochum beispielsweise wurden bereits einige Baumrigolen nach diesem Prinzip gebaut [14] und weitere sind in Planung. Im Rahmen von BlueGreenStreets werden unter anderem in Hamburg und Leipzig Baumrigolen in Straßenräumen gebaut. Dabei werden insbesondere auch Planung und Bau begleitet und evaluiert. Zusätzlich werden neben dem Unterhaltungsaufwand die Wirkungszusammenhänge zwischen Einleitung von zusätzlichem Regenwasser von Verkehrsund/ oder Dachflächen und der Vitalität der darin gepflanzten Bäume durch Messungen untersucht. Anfang des Jahres 2020 werden in Hamburg die ersten Baumrigolen gebaut (siehe Bild 3). Bei dem Bautyp wird Regenwasser von benachbarten Dachflächen (rund 200 m²) in einen Schacht mit Notüberlauf geleitet, um von dort aus weiter den Baumgruben zugeführt zu werden. In der Baumgrubensohle wird eine dichtende Schicht eingebracht, wodurch etwa 1 000 l Wasser für Trockenzeiten gespeichert werden können. Durch seitliche Versickerung des überschüssigen Wassers soll Überstau des Wurzelraums bzw. Staunässe verhindert werden. Um Aussagen zur Funktionalität hinsichtlich Regenwasserversickerung und Baumvitalität zu treffen, wird ein Monitoring des Wasser- und Bodenlufthaushalts mittels Pegelmessungen in Schacht und Pflanzgrube betrieben und Sensorik für Wasserspannung, Wassergehalt, CO 2 und O 2 eingebaut. Pilotprojekt Solingen mit gezieltem Einstau von Regenwasser im Straßenraum Straßen erfüllen bereits heute bei außergewöhnlichen Starkregen faktisch eine Speicherbzw. Ableitungsfunktion und werden dies in Zukunft vermehrt tun. Das planmäßige Ableiten und Rückhalten von Starkniederschlägen im Straßenraum weckt auf Seiten der Verkehrsplanung jedoch Bedenken im Hinblick auf die Verkehrssicherheit. Die Fachliteratur zur Verkehrssicherheit bezieht sich überwiegend auf Wasserfilmdicken bis zu 1 cm und trifft keine Aussagen zum Gefährdungspotential für die im Rahmen der Notableitung und Rückhaltung relevanten Wassertiefen von 5 bis 20 cm. Im Rahmen einer videobasierten Verkehrskonfliktanalyse wurde das Verhalten der Verkehrsteilnehmer*innen in überfluteten Stadtstraßen analysiert. In der überwiegenden Anzahl der überschwemmten Straßen werden nur leichte Interaktionen zwischen Verkehrsteilnehmer*innen, eine deutliche Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit sowie Alleinunfälle ohne Personenschäden durch liegengebliebene Fahrzeuge beobachtet. Aus der Literaturanalyse und Verkehrskonfliktanalyse wurden Rahmenbedingungen für ein Verkehrssicherheitsaudit überfluteter Straßen abgeleitet. Die Wasserstandshöhe ist auf maximal 15- bis 20 cm zu beschränken, um Alleinunfälle durch Wasserschlag zu vermeiden und eine Gefährdung für Fußgänger*innen auszuschließen. Um die Gefahr von Aquaplaning auszuschließen, soll Bild 3: Schematischer Aufbau der geplanten Baumrigolen in der Hölertwiete in Hamburg- Harburg. © HafenCity Universität, Brusheezy.com 68 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung die Notableitung und Rückhaltung nur auf Straßen mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 30 - 50 km/ h erfolgen. Die Straßenraumsituationen sollten übersichtlich, das heißt, ohne verdeckte Hindernisse sein. Für Solingen wurde ein möglicher Pilotstandort für die schadensarme und kontrollierte temporäre Ableitung und Rückhaltung von Starkniederschlägen im Straßenraum im Bereich Heukämpchenstraße identifiziert. In einer ersten Entwurfswerkstatt wurden mit Vertreter*innen aus dem Forschungsprojekt und verschiedenen Beteiligten aus der Kommune erste Entwürfe für die Straßenraumgestaltung der Heukämpchenstraße erarbeitet. Für die abschließende Auswahl und Umsetzung des Pilotvorhabens werden weitere vertiefte Abstimmungen mit den kommunalen Akteuren in Solingen vorangetrieben. Fazit & Ausblick Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass multifunktionale Straßenraumplanung als Tool zur zukunftsfähigen Stadtentwicklung erkannt wurde, es aber noch offene Fragen und Herausforderungen in der praktischen Umsetzung gibt. Viele Maßnahmen für eine hitze- und wassersensiblen Straßenraumgestaltung sind bereits bekannt, es kommt aber bisher nur vereinzelt zur Anwendung. Besonders im Zuge von Instandsetzungsprojekten im Bestand wird das Thema bislang kaum berücksichtigt. Der derzeitige Bearbeitungsstand des Projekts weist insbesondere Zuständigkeits-, Unterhaltungs- und Finanzierungsfragen als Hemmnisse der Umsetzung aus. Ein wichtiges Arbeitsziel in BGS wird sein, Lösungsansätze wie zum Beispiel alternative Finanzierungs- und Betreibermodelle zu entwickeln. Parallel dazu wird die exemplarische Umsetzung der kommunalen Pilotvorhaben vorangetrieben. Momentan werden verschiedene Ideen und Entwürfe im Rahmen der Planungen konkretisiert und Lösungen für offene Fragen in der Umsetzung erarbeitet. Der kontinuierliche Austausch und die Zusammenarbeit zwischen dem Forschungsprojekt, den kommunalen Realisierungsträgern und den extern mitwirkenden Planungsbüros trägt dabei maßgeblich zum Erfolg bei. Zuspruch erhielt das Projekt auch dadurch, dass bereits weitere Kommunen und Institutionen ihr Interesse bekundeten und dadurch zusätzliche Kooperationspartner*innen gewonnen wurden. Weitere Informationen zum Projekt: www.hcu-hamburg.de/ bluegreenstreets LITERATUR [1] Kruse, E., Rodríguez Castillejos, Z.: Überflutungs- und Hitzevorsorge in Hamburger Stadtquartieren - Wissensdokument. Tutech Verlag, Hamburg, 2017. [2] Benden, J.: Möglichkeiten und Grenzen einer Mitbenutzung von Verkehrsflächen, Promotion RWTH Aachen, 2014. [3] Klimakvarter: Copenhagen Climate Resilient Neighbourhood, 2013. [4] Dörr, A., Schöning, F.: Die „wasserwirtschaftlichen Aufgaben“ einer Straße - Beitrag der Straßenentwässerung bei Starkregen und urbanen Sturzfluten, in: Straße und Autobahn 65/ 4 (2014). [5] ReStra: Hamburger Regelwerke für Planung und Entwurf von Stadtstraßen, 2014. [6] Deutscher Städtetag (Hrsg.): Hochwasservorsorge und Hochwasserrisikomanagement - Positionspapier des Deutschen Städtetages. Deutscher Städtetag Berlin und Köln, 2015. [7] Eckart, J., Blaszczyk, R.: Auswirkungen der temporären Rückhaltung und Ableitung von Starkniederschlägen auf Straßen auf die Verkehrssicherheit, Tagungsband DWA Landesverbandstagung 2017 Baden-Württemberg. [8] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (Hrsg.): Überflutungs- und Hitzevorsorge durch die Stadtentwicklung - Strategien und Maßnahmen zum Regenwassermanagement gegen urbane Sturzfluten und überhitzte Städte. Bonn, 2015. [9] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) (Hrsg.): Grün in der Stadt - Für eine lebenswerte Zukunft. Weißbuch Stadtgrün. (2017) 52 S. [10] Pallasch, M., Post, M., Geisler, D.: Stadtbäume der Zukunft Forschungsprojekt zur Entwicklung von Baum- Rigolen als Lösung für ein ausgeglichenes Stadtklima. GaLaBau, Nr. 8 + 9 (2016), S. 81 - 83. [11] Geisler, D., Pallasch, M., Post, M.: Baumrigolen - Zur naturnahen Bewirtschaftung von Regenwasser und Verbesserung des Stadtklimas. PlanerIn 6 (2016), S. 23 - 25. Bild 4: Planungsworkshop in den Technischen Betrieben im Rahmen des Pilotprojekts Solingen. © Technische Betriebe Solingen Diplom-Geoökologe Michael Richter Wissenschaftlicher Mitarbeiter Fachgebiet Umweltgerechte Stadt-und Infrastrukturplanung HafenCity Universität Hamburg Kontakt: michael.richter@hcu-hamburg.de Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Dickhaut Leitung Fachgebiet Umweltgerechte Stadt-und Infrastrukturplanung HafenCity Universität Hamburg Kontakt: wolfgang.dickhaut@hcu-hamburg.de Prof. Dr. Jochen Eckart Institut für Verkehr und Infrastruktur Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft Kontakt: Jochen.Eckart@hs-karlsruhe.de Lena Knoop, M.Sc. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachgebiet Umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung HafenCity Universität Hamburg Kontakt: lena.knoop@hcu-hamburg.de Tomke Voß, M.Sc. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachgebiet Umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung HafenCity Universität Hamburg Kontakt: tomke.voss@hcu-hamburg.de AUTOR*INNEN [12] Grohmann, D., Menconi, M.E.: Green infrastructures: Tree trenches for stormwater management in urban environments. Conference Paper. 44. Symposium „Actual Tasks on Agricultural Engineering“, Opatija, Croatia, 2016. [13] Embrém, B., Bennerscheidt, C., Stahl, Ö. et al.: Optimierung von Baumstandorten: Stockholmer Lösung: Wurzelräume schaffen und Regenwasser nutzen, Konfliktpotenziale zwischen Baum und Kanal entschärfen. In: wasserwirtschaft wassertechnik (wwt) 7 - 8 (2008), S. 38 - 43. [14] Pacha, T., Schwarte, B.: Regenwasserbewirtschaftung an Baumstandorten - Praxisbeispiel aus Bochum. Abwasser Report 3 (2018), S. 16 - 19. All you can read Alles zusammen zum Superpreis: Die Papierausgabe in hochwertigem Druck, das ePaper zum Blättern am Bildschirm und auf dem Smartphone, dazu alle bisher erschienenen Ausgaben im elektronischen Archiv - so haben Sie Ihre Fachzeitschrift für den urbanen Wandel immer und überall griffbereit. 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Hier setzen die Projekte KlimaWohL und Trans- MiT an: Während KlimaWohL (BMU, FKZ: 67DAS087, 03/ 2016-05/ 2019) klimaangepasstes Bauen modellhaft erprobt hat, legt TransMiT (BMBF, FKZ: 033W105, 04/ 2019-03/ 2022) den Fokus auf integrale Planung und (siedlungs-)wasserwirtschaftliche Fragestellungen. Auswirkungen von städtischer Bebauung und Klimawandel auf das Stadtklima Durch anthropogene Bautätigkeiten und damit einhergehende Versiegelung von Flächen werden in urbanen Quartieren die Boden- und Oberflächeneigenschaften, der Wasserhaushalt und die Luftzusammensetzung nachhaltig verändert. Das typische Stadtklima wird beeinflusst durch den Versiegelungsgrad und Vegetationsanteil, die Baustruktur (Höhe, Dichte, Form und Anordnung der Gebäude), die Wärmespeicherkapazität und Wärmeleitfähigkeit der künstlichen Oberflächen sowie durch Luftschadstoffe und Abwärme [4]. Je größer eine Stadt, umso intensiver ist die Ausbildung einer urbanen Wärmeinsel und damit die Temperaturdifferenz zum unbebauten Umland. Diese ist in Sommernächten besonders stark ausgeprägt und beträgt in Hannover bis zu acht Grad Celsius [5]. Am stärksten ist das Stadtklima während sogenannter autochthoner Wetterlagen ausgebildet, also bei windschwachen Hochdruckwetterlagen mit Dominanz der lokalen Einflüsse. Diese Wetterlagen können sich in Niedersachen durchschnittlich an 15 bis 25 Prozent der Tage im Jahr einstellen [6]. Die negativen Auswirkungen der dichten städtischen Bebauung werden mit fortschreitendem Klimawandel noch häufiger und extremer auftreten. Das IPPC prognostizierte bereits im Jahr 2007 1. eine erhöhte Wärmebelastung (Hitzewellen, erheblicher Anstieg der Zahl der heißen Tage und Tropennächte) 2. Änderung der Niederschlagsverteilung sowie 3. eine Zunahme sommerlicher Trockenwetterperioden [7]. Die prognostizierten Änderungen sind aus der Perspektive von heute bereits deutlich sichtbar (Bild-1): So zeigt der Rückblick auf die an der Messstation des DWD in Hannover-Langenhagen gemessenen Temperaturen, dass es von 2010 - 2019 allein fünf Jahre mit mindestens 10 Hitzetagen (Höchsttemperatur ≥ 30 °C) gegeben hat, während in den 30- Jahren davor (1981 - 2010) der Mittelwert lediglich 6,3 Tage pro Jahr beträgt und in nur sieben Jahren 10 oder mehr Hitzetage auftraten [8]. Im Rahmen eines laufenden Kooperationsprojektes mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) wurden ergänzend zur amtlichen DWD-Messstation drei weitere temporäre Messstationen in Hannover zur Erfassung des Wärmeinseleffekts eingerichtet, Resilienzstärkung urbaner Quartiere Reduzierte Hitzebelastung durch Integration des Wassersektors Bestandsquartiere, Innenstadt, Wärmeinsel, blau-grüne Infrastrukturen, KlimaWohL, TransMiT Elisabeth Czorny, Dirk Schmidt, Kristina Elsner, Maike Beier Urbane Quartiere sind für sommerliche Hitzeperioden besonders anfällig. Darin unterscheiden sie sich erheblich von Quartieren in Stadtrandlage und unbebauten Gebieten. In Innenstädten bilden Wasserflächen und Stadtwälder - sofern vorhanden erhebliche Kühlpotentiale. Ebenso senken künstlich angelegte dezentrale blau-grüne Infrastrukturen die Umgebungstemperatur ab. Im Folgenden werden Ergebnisse und Ansätze aus drei Forschungsprojekten in Hannover vorgestellt. Dabei liegt der Fokus auf den Synergien, die sich aus einer Integration des Wassersektors in die Stadtplanung ergeben. 71 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung wobei gezielt der Innenstadtbereich im Vergleich zur Stadtrandlage erfasst wird. Die Auswertung der Messergebnisse für die Jahre 2018 und 2019 zeigt, dass bei der amtlichen Wetterstation in Langenhagen, die sich außerhalb des hannoverschen Stadtgebiets befindet, 22 bzw. 19 heiße Tage 1 registriert wurden. An der Innenstadtstation waren es mit 27 bzw. 22 erheblich mehr heiße Tage. Dieser Unterschied zwischen außerstädtischen und innerstädtischen Gebieten zeigt sich noch deutlicher bei dem Vergleich der Häufigkeit von Tropennächten 2 . In den Sommern 2018 und 2019 wurden in Langenhagen 4- (2018) bzw. 3 (2019) Tropennächte registriert, an der Innenstadtstation waren es dagegen mit 9-(2018) bzw. 8 (2019) mehr als doppelt so viele. Um die große räumliche Variabilität der Lufttemperatur innerhalb städtischer Strukturen besser erfassen zu können, wurden vom DWD in den Sommern 2018 und 2019 während einer Hitzephase ergänzend zu den festen Messstationen mobile Messungen mit einem Messfahrzeug durchgeführt. Bild- 2 zeigt deutlich die Kühleffekte des hannoverschen Stadtwalds (Eilenriede) und der Leineaue in 1 An einem heißen Tag beträgt das Maximum der Lufttemperatur definitionsgemäß 30 °C oder mehr [9]. 2 In Tropennächten sinkt das Minimum der Lufttemperatur definitionsgemäß nicht unter 20 °C [9]. Verbindung mit dem Maschsee. In den dicht bebauten Stadtgebieten kommt es zu einer deutlichen Aufheizung. In der Fachkarte Klimaanpassung (vgl. Bild 3), die die Landeshauptstadt Hannover 2012 im Rahmen ihrer Anpassungsstrategie an den Klimawandel entwickelt hat, werden diese Effekte aufgegriffen und kritische Innenstadtbereiche ausgewiesen [vgl. 10]. Wirkweise blau-grüner Infrastrukturen zur Abminderung des Wärmeinseleffekts In hochverdichteten Bereichen, in denen keine großen, zentralen Wasserflächen oder Stadtwälder mit ihren Kühleffekten zur Verfügung stehen, kann durch die Implementierung dezentraler blau-grüner Infrastrukturelemente eine Abminderung des Wärmeinseleffekts erreicht werden. Blau-grüne Infrastrukturen, wie beispielsweise Gründächer, begrünte Fassaden und Versickerungsmulden, wurden in der Siedlungswasserwirtschaft mit der Zielstellung der Oberflächenabflussreduktion entwickelt. Gleichzeitig fördern sie - je nach Art der blau-grünen Infrastruktur - die Grundwasserneubildung, die lokale Verdunstung oder beides. Sie können somit neben der Verbesserung des urbanen Wasserhaushaltes dazu beitragen, die innerstädtische Aufheizung durch die Erzeugung von Bild 1: Durchschnittstemperaturen in Hannover- Langenhagen pro Jahr sowie im Sommer ( Juni, Juli, August). Jährliche Anzahl der heißen Tage ( T ≥ 30 °C). Zeitraum: Jan. 1951 - Okt. 2019. [8, S. 13] 72 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Verdunstungskälte und nächtliche Kaltluftproduktion abzumindern [1 - 3]. Während die Verdunstungskühlung freier Wasseroberflächen oder des von Pflanzen aufgenommenen Wassers direkt lokal Abhilfe schafft, führt eine stärkere Grundwasserneubildung zu einer verbesserten Wasserverfügbarkeit in den bodennahen Grundwasserschichten, wovon beispielsweise Stadtbäume profitieren. Weiterhin können Dach- und Fassadenbegrünungen Wärmebelastung innerhalb und außerhalb von Gebäuden senken und Straßenbäume neben der Verdunstungskühlung mittels Schattenwurf zu einer weiteren Abminderung des Hitzestresses beitragen [3]. Eine systematische Modellierung des positiven Einflusses blau-grüner Infrastrukturen anhand des Indikators UTCI 3 ergab, dass künstliche Wasserflächen und Baumrigolen den höchsten positiven Effekt erzielen. Weiterhin beeinflussen Maßnahmen zur Gebäudebegrünung, teilversiegelte Oberflächen und Versickerungselemente, wie beispielsweise Mulden und Mulden-Rigolen-Systeme, den UTCI moderat positiv [2]. Der Einfluss der blau-grünen Infrastrukturen auf das Mikroklima nimmt dabei mit zunehmender Distanz von der blau-grünen Infrastruktur ab [11]. Eine modellhafte Studie für eine idealisierte Stadt zeigt weiterhin, dass viele kleinere Umsetzungen Hitzestress auf Quartiersebene bes- 3 Der universelle thermische Klimaindex (UTCI) ist eine Größe für die Bewertung des menschlichen Befindens, die aus den meteorologischen Parametern Lufttemperatur, Strahlung, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit abgeleitet wird [12]. ser abmindern als einzelne große Elemente [zitiert nach 13]. Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich mit der Implementierung blau-grüner Infrastrukturen in innerstädtischen Bestandsquartieren erhebliche Synergien für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung und die Reduktion der Hitzebelastung ergeben. Anpassungsstrategien der Stadt Hannover Die 2012 infolge der prognostizierten Klimaveränderungen für Hannover erarbeitete Anpassungsstrategie an den Klimawandel [vgl. 10], wurde anfangs von mancher Seite noch als überzogene „Panikmache“ eingestuft. Dass die Prognosen bereits bis heute eingetroffen sein würden, hatte indes kaum jemand erwartet. Zentrales Element der Anpassungsstrategie ist die Fachkarte Klimaanpassung (vgl. Bild 3). Ziel der Fachkarte ist es, eine klimaangepasste Stadtentwicklung zu unterstützen. Sie soll als Entscheidungsunterstützungstool die Grundlage für alle klimarelevanten Planungen bilden und wurde deshalb im Maßstab des Flächennutzungsplans erstellt. Wie oben gezeigt wurde, ist die Vernetzung der verschiedenen Faktoren im innerstädtischen Bereich sektorübergreifend, sodass die Aspekte des Klimawandels den verantwortlichen Bereichen bereits im Vorfeld von Planungen, etwa städtebaulicher Entwicklungsplanung oder Bauleitplanung zur Kenntnis gegeben und in die Planungen integriert werden müssen. Bezugsmaßstab: 1: 30.000 20 21 22 23 24 °C ± 0 0,5 1 1,5 0,25 Kilometer Profilmessfahrt Hannover-Süd, 25.07.2019, 02: 39 - 03: 24 UTC Legende: Lufttemperatur in °C Bild 2: Lufttemperaturmessungen am 27.07.2019 frühmorgens. [8, S. 36] Profilmessfahrt Hannover-Süd, 25.07.2019, 02: 39 - 03: 24 UTC © DWD/ KU1PD/ MME/ sb Bundesamt für Kartographie und Geodäsie 2017 http: / / sg.geodatenzentrum.de/ web_public/ Datenquellen_TopPlus_Open.pdf 73 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung In der Fachkarte (Bild 3) sind die großen Kaltluftliefergebiete und Kaltluftleitbahnen mit Fernwirkung dargestellt. Zudem werden kleinere unter zwei Hektar große Kaltluftentstehungsgebiete, wie begrünte Innenhöfe und öffentliche Stadtplätze, die der Stadtbevölkerung insbesondere an heißen Tage angenehme Aufenthaltsbereiche bieten, als Klimakomfortinseln erfasst. Diese „Oasen“ gilt es weiter auszubauen und in die Planung zu integrieren. In welchen Bereichen dies besonders wirkungsvoll bzw. notwendig ist, ist durch die Ausweisung bioklimatisch höher belasteter Siedlungsflächen zu erkennen. Dabei handelt es sich um dicht bebaute Gebiete mit einer hohen Versiegelung, die während nächtlicher Wärmebelastung nicht mehr durchlüftet werden, weil sie von den nächtlich gebildeten Kaltluftströme nicht oder nicht ausreichend erreicht werden. Die Kennzeichnung von Standorten, wie Kindertagesstätten und Krankenhäuser, ergänzen die Informationen, um die Komponenten der Vulnerablilität. Denn an diesen Orten halten sich potenziell Menschen auf, die empfindlicher auf Hitzebelastung reagieren. Außerdem werden die Gebiete dargestellt, für die gemäß Modellrechnung eine Zunahme der sommerlichen Wärmebelastung bis 2050 prognostiziert wird. Liegen in diesem Gebiet Wohnbereiche mit überdurchschnittlich hoher Einwohnerdichte, besteht dringender Handlungsbedarf, um Entlastung zu schaffen. Wie im Kapitel „Wirkweise blau-grüner Infrastrukturen zur Abminderung des Wärmeinseleffekts“ aufgezeigt, ist für das Herbeiführen dieser Entlastung das dezentrale Regenwassermanagement an der Oberfläche mit Hilfe von blau-grünen Infrastrukturen von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig kann durch den Rückhalt des Regenwassers an der Oberfläche die städtische Kanalisation entlastet werden, sodass großes Synergiepotenzial zwischen der Starkregen- und Überflutungsvorsorge sowie der Abminderung des Wärmeinseleffekts besteht. Die Stadt Hannover hat bereits Ende der 90er Jahre zukunftsweisend mit der Umsetzung dezentraler Regenwasserbewirtschaftungsmaßnahmen begonnen; so gilt das anlässlich der Expo 2000 errichtete Neubaugebiet Kronsberg als eines der Modellquartiere für innovative dezentrale Bewirtschaftung von Niederschlägen. Bei der städtebaulichen Gestaltung dieses Quartiers ist es durch Gründächer und zahlreiche Versickerungselemente gelungen, die Grundwasserneubildungsrate hoch und den oberflächlichen Abfluss aus dem Gebiet sehr gering zu halten. Foglich wurde in 2019 mit dem Bau des Neubaugebiets „Herzkamp“ in Bothfeld mit rund 300 Wohneinheiten begonnen, in dem ganz auf den Anschluss an die Regenwasserkanalisation verzichtet werden kann. Über dezentrale Versickerungsmulden auf den privaten Flächen und straßenbegleitenden Mulden wird das Niederschlagswasser vollständig versickert. Im Fall von Starkregenereignissen erfolgt eine gezielte Weiterleitung in die angrenzenden Grünflächen, die als Notüberlaufflächen dienen [14]. Diese Erfahrungen aus dem Neubau gilt es nun für Bestandsquartiere zu skalieren und - soweit möglich - übertragbare Strategien abzuleiten. Bild 3: Ausschnitt aus der Fachkarte Klimaanpassung der Landeshauptstadt Hannover. [15] Legende Bioklima / Wärmebelastung Kaltluftleitbahnen Kaltluftliefergebiete Klimakomfortinseln Bioklimatisch höher belastete Siedlungsräume Zunahme der sommerlichen Wärmebelastung bis 2050 mäßig hoch sehr hoch Standorte empfindlicher Nutzungen Schule Kindertagesstätte Krankenhaus Seniorenheim Hochwasser / Starkregenereignisse Überschwemmungsgebiet (100jähriges Hochwasser) Weitere lnformationen Wohnbereich mit überdurchschnittlich hoher Einwohnerdichte (> 340 E/ ha) Grenze der Landeshauptstadt Hannover 74 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Ausblick Im Rahmen von TransMiT werden diesbezüglich bis 2021 offene Fragestellungen zur Wasserbilanz und zum Betrieb von blau-grünen Infrastrukturen untersucht. Abschließend erfolgt im dritten Projektjahr die praktische Erprobung abgeleiteter Strategien anhand einer Potenzialanalyse für je ein städtisches Quartier in Hildesheim und Hannover. Die Entwicklung von Finanzierungsinstrumenten für blau-grüne Infrastrukturen wird im Zuge des Forschungsschwerpunkts Institutionalisierung umsetzungsunterstützend bearbeitet. Weitere Informationen zum Forschungsprojekt TransMiT sind zu finden unter: www.transmit-zukunftsstadt.de. Die Autoren danken dem BMBF für die Förderung im Rahmen der Förderinitiative RES: Z / Zukunftsstadt und den Fachbereichen der Stadt Hannover für die Unterstützung bei der Umsetzung und Erprobung in der Praxis. LITERATUR [1] Kruse, E., Rodríguez Castillejos, Z., Dickhaut, W., Dietrich, U. (Hrsg.): Überflutungs- und Hitzevorsorge in Hamburger Stadtquartieren. Wissensdokument. Hamburg: Tutech Verlag, April 2017. Wissensdokument. ISBN 9783946094159. [2] Matzinger, A., Riechel, M., Remy, C., Schwarzmüller, H., Rouault, P., Schmidt, M., Offermann, M., Strehl, C., Nickel, D., Sieker, H., Pallasch, M., Köhler, M., Kaiser, D., Möller, C., Büter, B., Leßmann, D., von Tils, R., Säumel, I., Pille, L., Winkler, A., Bartel, H., Heise, S., Heinzmann, B., Joswig, K., Rehfeld-Klein, M., Reichmann, B: Interdisziplinäre Bewertung von Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung - Ergebnisse des Projektes Kuras [online]. Abwassersysteme: Erzeugnisse Regenwasserbewirtschaftung, 2017 [Zugriff am: 12. Dezember 2019]. Verfügbar unter: http: / / www.kuras-projekt. de/ index.php? id=76 [3] Naturkapital Deutschland - TEEB DE. Ökosystemleistungen in der Stadt. Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen. Berlin, Leipzig, 2016. [4] Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden Württemberg: Städtebauliche Klimafibel - Hinweise für die Bauleitplanung. Stuttgart, 2012. [5] GEO-NET: Analyse der klimaökologischen Funktionen und Prozesse für das Stadtgebiet von Hannover. Hannover, 2016. [6] Mosimann, T., Frey, T., Trute, P.: Schutzgut Klima/ Luft in der Landschaftsplanung, 1999. Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen. [7] IPCC: Vierter Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (AR4). Klimaänderung 2007 Synthesebericht, 2007. [8] DWD: 2. Zwischenbericht. Untersuchung zum Stadtklima der Landeshauptstadt Hannover. Hamburg, 2019. [9] DWD: Tropennacht, Heißer Tag [online] [Zugriff am: 30. Januar 2020]. Verfügbar unter: https: / / www. d wd.de / D E / s er v i ce / l e x ikon / F un c tions / g lo s s ar. html? lv2=102672&lv3=102802 Dipl.-Ing. Elisabeth Czorny Leiterin Bereich Umweltschutz Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover Kontakt: Elisabeth.Czorny@Hannover-Stadt.de Dipl.-Geograph Dirk Schmidt Wissenschaftlicher Sachbearbeiter Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover Kontakt: Dirk.Schmidt@Hannover-Stadt.de Kristina Elsner, M. Sc. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover Kontakt: elsner@isah.uni-hannover.de Dr.-Ing. Maike Beier Leiterin Forschungsfeld Abwasser und Wassermanagement Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover Kontakt: beier@isah.uni-hannover.de AUTOR*INNEN [10] LHH: Leben mit dem Klimawandel - Hannover passt sich an. 2. Auflage. Hannover, 2017. Schriftenreihe kommunaler Umweltschutz. [11] Di, W., Wang, Y., Fan, C., Xia, B.: Thermal environment effects and interactions of reservoirs and forests as urban blue-green infrastructures [online]. Ecological Indicators, 2018, 91, 657-663. ISSN 1470160X. Verfügbar unter: doi: 10.1016/ j.ecolind.2018.04.054 [12] Jendritzky, G., Bröde, P., Fiala, D., Havenith, G., Weihs, P., Batchvarova, E., DeDear, R.: Der Thermische Klimaindex UTCI. Auszug aus dem Klimastatusbericht des DWD, 2009. [13] Gunawardena, K.R., Wells, M.J., Kershaw, V.: Utilising green and bluespace to mitigate urban heat island intensity [online]. The Science of the total environment, 2017, 584-585, 1040-1055. Verfügbar unter: doi: 10.1016/ j.scitotenv.2017.01.158 [14] www.klimawohl.net [15] LHH: Landeshauptstadt Hannover - Fachkarte Klimaanpassung. Hannover, 2013. 75 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Zielstellung Aktuelle Erhebungen zeigen deutlich, dass Niederschlagswasser im urbanen Raum nicht unerheblich mit Schmutzstoffen belastet ist. [1 - 4] Die Höhe und Art der Belastung ist dabei stark abhängig von der jeweiligen Flächennutzung. Insbesondere das Niederschlagswasser, welches von stark befahrenen Straßen oder Industrie- und Gewerbegebieten abfließt, kann erheblich mit Stoffen wie beispielsweise Feststoffen oder Schwermetallen belastet sein, welche vor der Einleitung in das Gewässer entfernt werden müssen. Mit der durch das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) gesetzlich festgelegten Priorisierung der Trennentwässerung, also der getrennten Ableitung und Behandlung von Schmutz- und Niederschlagswasser, ergibt sich daraus die Notwendigkeit, das Niederschlagswasser flächendeckend dezentral beispielsweise über Filter zu reinigen, was einen erheblichen Investitions- und Betriebsaufwand bedeutet. Gleichzeitig sind jedoch gerade in größeren Städten durch die größtenteils noch bestehende Mischkanalisation und die kommunalen Kläranlagen erhebliche Kapazitäten zur zentralen Reinigung des Niederschlagswassers vorhanden, die bei einer ausschließlichen Trennentwässerung ungenutzt bleiben würden. Basierend auf diesen Rahmenbedingungen wurde mit der modifizierten qualitätsbasierten Entwässerung ein neuer und ganzheitlicher Ansatz für das Niederschlagswassermanagement in urbanen Räumen entwickelt. Dieser sieht vor, die vorhandene Infrastruktur - und hier insbesondere die zentrale kommunale Kläranlage - weiterhin zur Niederschlagswasserbehandlung zu nutzen, gleichzeitig jedoch, die in einem Mischsystem bei starken Regenfällen bisher einkalkulierten Abschläge ins Gewässer vollständig zu vermeiden. Erreicht werden soll dies durch 1. flankierende, dezentrale Abkopplungs- und Behandlungsmaßnahmen an der Oberfläche, 2. eine Maximierung der Speicher- und Behandlungskapazitäten der vorhandenen Entwässerungs- und Behandlungsanlagen sowie durch 3. die auf der Niederschlagswasserqualität basierende flexible (! ) Nutzung verschiedener Ableitungswege. Durch die synergetische Nutzung vorhandener Infrastruktur (Misch- und Trennkanalisation und Kläranlage) wird so der Grundstein für eine ressourcen- und umweltschonende Transformation hin zu einer zukunftsorientierten, resilienten und wirtschaftlichen Stadtentwässerung gelegt. Nils-Kristof Kabisch, Sören Hornig, Katrin Bauerfeld, Maike Beier Untersuchungen zeigen, dass Niederschlagswasser im urbanen Raum erheblich mit Schmutzstoffen belastet ist. Es kann nicht einfach ungereinigt in die Vorfluter geleitet werden. Mit einem ganzheitlichen Niederschlagswassermanagement werden neben verschiedenen dezentralen Maßnahmen bestehende Infrastrukturen wie Mischkanalisation und Klärwerke eingebunden, um die Stadtentwässerung schrittweise in ein resilientes und wirtschaftliches System zu transformieren. © Stadtentwässerung Dresden GmbH Urbane Entwässerung Urbane Entwässerung neu gedacht neu gedacht Niederschlagswasserqualität, integrale Planung, modifiziertes Mischsystem, Kanalnetzsteuerung 76 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Verschmutzung von Niederschlagswasser (Niederschlagswasserqualität) In der Vergangenheit wurden, mit dem Fokus auf eine weitergehende Verbesserung des chemischen Zustands der Gewässer, insbesondere die mit der Schmutzwasserableitung verbundenen Punktquellen wie zum Beispiel Kläranlagen oder Mischwasserabschläge bewertet [5 - 7] und mit einer Begrenzung belegt. Diffuse Quellen wie etwa aus der Landwirtschaft oder der Eintrag von Stoffen aus dem urbanen Niederschlagswasserablauf sind zum einen deutlich schwieriger zu erfassen, zum anderen sind Maßnahmen zur Vermeidung oder Reduzierung der Schadstoffeinträge durch ihre Diffusität konzeptionell komplex, in der Umsetzung und im Betrieb mit hohen Kosten verbunden und oft in der Effizienz begrenzt. Gerade deswegen stellt die weitergehende Charakterisierung der Niederschlagswasserverschmutzung in städtischen Gebieten in Art und Menge über das bisher übliche Maß hinaus, eine, für die Planung und Einführung von entsprechenden Maßnahmen, maßgebliche Basisinformation dar. Die Charakterisierung und Klassifizierung von Einzugsgebieten und Schadstoffquellen sind dabei von vielen Randbedingungen abhängig [8]. Typische Randbedingungen sind zum Beispiel Ablagerungen auf undurchlässigen, befestigten Oberflächen, verwendete Baumaterialien für Fassaden und Dächer, Verkehrsintensität, vorhandene Grünflächen, Einfluss von Industrieflächen oder temporäre Bautätigkeiten. [3] Ein Ansatz zur Strukturierung der Einträge ist die Ableitung aus der Oberflächennutzung mit mehreren Hauptgruppen wie zum Beispiel aktivitätsbezogene, landbedeckungsbezogene, verhaltensbezogene und atmosphärische Ablagerungen [9, 2]. Neben klassischen Schmutzstoffen wie Feststoffen, organischen Schmutzstoffen und Nährstoffen befinden sich häufig auch Schwermetalle oder verschiedene Spurenstoffe in erhöhter Konzentration im Niederschlagswasserablauf. Folglich kann in Abhängigkeit der Einzugsgebietscharakteristik die Verschmutzung von Niederschlagswasser stark variieren. Neben den potenziellen Quellen von Schadstoffen haben beispielsweise Entwässerungsart, Häufigkeit der Straßenreinigung, der zeitliche Abstand zum letzten Regenereignis [10] sowie die generellen Wetterbedingungen im Einzugsgebiet einen Einfluss auf Konzentrationen und Frachten an Schadstoffen im Niederschlagswasser. Tabelle-1 zeigt einen Überblick der Niederschlagswasserqualität in Abhängigkeit der Flächennutzung. Auffällig an den Niederschlagswasserqualitäten sind insbesondere die großen Bandbreiten der auftretenden Konzentrationen einiger Parameter, die aus den beschriebenen Einflussfaktoren resultieren. Für die Bewertung der Relevanz der Niederschlagsqualität ist daher nicht alleine die Konzentration zu betrachten, sondern die eingetragene Schmutzstofffracht, die durch die Multiplikation der Konzentration mit der eingeleiteten Wassermenge berechnet wird. Biozide: Neben den klassischen Qualitätsparametern wurden im Niederschlagswasserablauf in den letzten Jahren aber auch eine Vielzahl anthropogener Spurenstoffe nachgewiesen [11 - 13]. Die Gruppe der Biozide hat dabei im städtischen Bereich ei- Tabelle 1: Zusammenfassung der Niederschlagswasserqualität in Abhängigkeit der Flächennutzung [1]. Pollutant Ievels associated with various types of urban land uses EMC concentration and range (mg/ L) Source type TSS T VS BOD COD NH 4 Pb PAH (ng/ L) Escherichia coli (MPN/ 100 mL) Urban open areas 126.3 - 7.9 36.0 0.1 0.061 Residential areas 85.1 8.5 80.0 0.56 0.141 21 - 1104 28 - 124 5 - 17 20 - 120 0.03 - 3.7 0.01 - 0.44 1.0 10 - 10 3 Commercial areas 50.4 9.9 146.2 0.133 18 - 2582 75 - 85 5 - 22 37 - 365 0.31 - 4.6 0.1 - 3.1 1.0 - 3.5 102 - 104 lndustrial areas 50.4 9.9 146.2 0.133 45 - 375 35 - 72 8 - 17 40 - 70 0.2 - 1.1 0.6 - 1.2 10 Highways 194.5 23.9 136.5 0.33 156.9 18 - 86 8 - 32 89 - 209 0.02 - 0.201 365 11 - 5700 2.8 0.01 - 34 - 60 000 10 - 10 3 Roof runoff 12.3 - 216 40 - 88 2.8 - 8.1 57.9 - 80.6 0.4 - 3.8 0.001 - 0.03 10 2 - 10 4 Gully pot Iiquors 15 - 840 185 6.8 - 241 25 - 109 0.7 - 1.39 0.06 - 0.85 10 - 10 3 Values in bold type are for Motorways and italics are for other main roads; urban open areas include green space, parks, sports fields, cemeteries etc. Table compiled from Hall & Ellis (1985), Luker & Montague (1994), Butler & Clark (1995) and Mitchell (2001 ). EMC, event mean concentration; TSS, total suspended solids; BOD, biological oxygen demand; COD, chemical oxygen demand; PAH, polyaromatic hydrocarbons; MPN, most probable number; T VS, total volatile solids. 77 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung nen großen, bisher wenig beachteten Anteil [14 - 16]. Neben der Verwendung zur Reinigung von Gehwegen und Bodenplatten werden biozide Wirkstoffe wie Carbendazim häufig zum Schutz von Fassaden in Fassadenfarben oder Putz eingesetzt [17] und können durch den Kontakt mit Niederschlagswasser aus entsprechend behandelten Fassaden ausgewaschen werden [14 - 16]. Im Niederschlagswasserkanal wurden zum Beispiel durch Wicke et al. [18] Konzentrationen von wenigen μg/ L nachgewiesen, die damit aber bereits geltende Höchstkonzentrationen von Umweltqualitätsnormen überschreiten und somit durchaus signifikant den Zustand von Gewässern beeinflussen. Bekannt ist auch, dass Biozidkonzentrationen im Niederschlagswasser sowohl im Labor als auch unter natürlichen Wetterbedingungen nicht nur über einen längeren Expositionszeitraum sondern auch innerhalb eines individuellen Regenereignisses abnehmen [14, 15]. Gleichzeitig konnte gezeigt werden, dass eine Erschöpfung von Bioziden allein durch Auswaschen auch nach mehreren Tausend Millimetern Beregnung nur Größenordnungen von maximal 30 % erreicht [14] und Biozide damit als Schadstoffquelle über viele Jahre im urbanen Raum berücksichtigt werden müssen. Ein Spülstoß wie er bei vielen abwassertechnisch relevanten Parametern im Kanal auftreten kann, wurde unter bestimmten Voraussetzungen auch für einzelne biozide Wirkstoffe festgestellt. Gewöhnliche Regenereignisse weisen jedoch keine derartige Charakteristik auf [16]. Insgesamt ist festzustellen, dass die aus dem Nutzungsverhalten von Biozidprodukten resultierende Dynamik der Biozidfrachten in der Trennkanalisation sowohl innerhalb eines Regenereignisses als auch über einen längeren Zeitraum bisher weitestgehend unbekannt ist. Mikroplastik: Ein weiterer und aktuell viel diskutierter Parameter ist Mikroplastik. Der Regenwasserabfluss scheint ein naheliegender Eintragspfad von Mikroplastik (Typ B) in die aquatische Umwelt zu sein. Die Bedeutung dieses Eintragspfades wird als hoch eingeschätzt, die tatsächliche Dynamik und Variabilität ist jedoch weitestgehend unbekannt. Erste Untersuchungen zeigen das Auftreten von Mikroplastik in Regenrückhaltebecken [20] und implizieren damit das Auftreten von Mikroplastik im urbanen Niederschlagswasserabfluss. Autoreifen nehmen dabei eine entscheidende Rolle ein. Während des Gebrauchs geben Reifen eine große Bandbreite an Partikeln in der Größe von wenigen Nanometern und einigen hundert Mikrometern ab. Nach Bertling et al. entstehen so jährlich im Durchschnitt mehr als 1 kg zinkhaltiger Reifenabrieb pro Person in Deutschland. [19] Diese Partikel können durch Niederschlag abtransportiert werden und so in die Gewässer, Kanalisation und Abwasserbehandlungsstufen gelangen [21]. Zusätzlich stehen Mikroplastikpartikel aus Reifenabrieb unter Verdacht, organische Schadstoffe durch Sorption zu binden und damit ebenfalls in den Wasserkreislauf zu verlagern [22]. Das Wissen über Einflussfaktoren und Dynamik des Eintrages von Mikroplastik und Transport im Regenwasserabfluss sind folglich ebenfalls wichtige Informationen für die Gestaltung eines auf die weitergehende Reinhaltung der Gewässer angepassten Regenwassermanagements. Die zentrale Abwasserreinigung weist mit der aktuell vorhandenen Verfahrenstechnik sowohl für Biozide als auch Mikroplastik bereits eine konstant gute Reinigungsleistung auf, die durch den weitergehenden Ausbau einer 4. Reinigungsstufe noch weiter gestärkt werden wird. Die dezentralen Behandlungssysteme am Einleitungspunkt der Trennkanalisation oder vorgelagert angeordnet, werden erst nach und nach auf die neuen Anforderungen hin ausgerichtet und die Leistungsfähigkeit wird aktuell im Betrieb noch untersucht und optimiert. Konzept der qualitätsbasierten Entwässerung Die Kanalisation dient der Sammlung und Ableitung von Abwasser in besiedelten Gebieten und ist damit ein essenzieller Beitrag zur Stadthygiene. Gleichzeitig wird durch die gezielte Ableitung städtischer Vernässung und Überflutung vorgebeugt und damit die urbane Infrastruktur geschützt. Um diese existenziellen Aufgaben zu erfüllen, wurden in der Vergangenheit zwei verschiedene Kanalisationsformen eingesetzt: die Misch- und die Trennkanalisation. Da Mischwasserüberläufe aus der Mischkanalisation zu einem zwar zeitlich begrenzten jedoch frachtmäßig nicht unerheblichen Schmutzstoffeintrag in die Gewässer führen [23], ist die Trennkanalisation das bevorzugte System in Deutschland. Dies ist inzwischen gesetzlich im Wasserhaushaltsgesetz (WHG) verankert. Während in Neubaugebieten oder Bereichen mit einer geringen Verdichtung die Trennentwässerung bereits weitgehend flächendeckend umgesetzt ist, ist die Transformation vorhandener Mischkanäle insbesondere in innerstädtischen Bestandsquartieren schwierig. So wurde der Anteil der Mischkanalisation am gesamten Kanalnetz in Deutschland zwischen 2001 und 2016 trotz gesetzlicher Vorgabe nur um 6,5 % von 48 auf 41,5 % reduziert. [24]. Insbesondere in den alten Innenstadtgebieten und damit den Quartieren mit hoher Bevölkerungsdichte ist aufgrund der Gebäudestruktur und weitgehenden Versiegelung der 78 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung Flächen nach wie vor ein erheblicher Anteil Mischkanalisation vorhanden oder, trotz Umstellung, der weiterhin im Schmutzwasserkanal abgeleitete Anteil an Niederschlagswasser erheblich, was zu einer Überlastung dieses auf hydraulische Schwankungen nicht ausgelegten Kanaltyps führt. Mit der modifizierten qualitätsbasierten Entwässerung (vgl. Bild 1) wird eine neue Entwässerungsstrategie für urbane Quartiere aufgezeigt, die unter Beibehaltung der vorhandenen Mischkanalisation die zentrale Reinigung von verschmutztem Niederschlagswasser auf der kommunalen Kläranlage vorsieht, wobei durch die Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten im Kanalnetz und in der Kläranlage sowie durch den flankierenden Einsatz dezentraler Abkopplungs- und Behandlungsmaßnahmen, gleichzeitig dem Ansatz der Trennentwässerung gefolgt wird und Mischwasserabschläge komplett vermieden werden. Ein wesentlicher Aspekt der qualitätsbasierten Entwässerung ist dabei die gezielte Einbindung der kommunalen Kläranlage in die Niederschlagswasserbehandlung für stark verschmutze Teilströme, die, wie zuvor dargestellt, in bestimmten Stadtquartieren anfallen (örtliche Varianz) oder über die Regendauer variieren (zeitliche Varianz, zum Beispiel der sogenannte Spülstoß). Deutschlandweit sind über 200 kommunale Kläranlagen im Einsatz, die eine Ausbaugröße größer 100 000 Einwohnerwerte (EW) aufweisen und damit für die Behandlung von Abwasser aus Großstädten zuständig sind [25]. Diese Kläranlagen sind nach dem technischen Regelwerk bemessen und können damit mit mindestens der 2-fachen Menge des 85 %-Perzentils des Trockenwetterabflusses belastet werden. Die qualitätsbasierte Entwässerung sieht vor, diese Kapazitäten weiterhin zu nutzen und sogar zu erweitern, um insbesondere das stark verschmutzte Niederschlagswasser aus dem Einzugsgebiet über die bestehende Mischkanalisation zur zentralen Behandlung zur kommunalen Kläranlage zu leiten. Insbesondere hinsichtlich der im Niederschlagswasser enthaltenen Schmutzstoffe wie abfiltrierbarer Stoffe (AFS), Schwermetalle aber auch Biozide und Mikroplastik weist die kommunale Kläranlage gute Reinigungsleistungen auf und unterliegt anders als die dezentralen NW-Behandlungsanlagen einer kontinuierlichen Ablaufüberwachung [23, 26, 19, 27]. Bezüglich Mikroplastik konnte beispielsweise festgestellt werden, dass über 99 % des Mikroplastiks im Klärschlamm akkumuliert und damit aus dem Abwasser entfernt wird. [28, 27, 29] Vermehrt kommen auf kommunalen Kläranlagen auch Verfahren zur weitergehenden Elimination von Mikroschadstoffen (beispielsweise Medikamentenreste und Pestizide) sowie Filteranlagen zum Einsatz, sodass die Eliminationsleistung hinsichtlich weiterer im Niederschlagswasser vorkommender Schmutzstoffe zukünftig noch erweitert wird. Weiterhin haben zahlreiche Studien gezeigt, dass eine nach dem technischen Regelwerk bemessene Kläranlage häufig über den Bemessungsabfluss hinaus mit Mischwasser belastet werden kann. [30] So wird beispielsweise die Belebungsstufe der Kläranlage Hildesheim mit bis zu 5 000 m³/ h belastet, was dem 3,2-fachen des 85 %-Perzentils des Trockenwetterabflusses entspricht. Eine weitere Steigerung der hydraulischen Kapazität kann durch angepasste Betriebsstrategien erreicht werden. [31 - 35] Beispielsweise konnte in [31] großtechnisch für die Kläranlagen Schönfeld und Wünschendorf nachgewiesen werden, dass eine Verdopplung der behandelbaren Mischwassermenge durch den Einsatz der Umfahrung der Belebungsstufe möglich ist. Zu beachten ist bei der Zielsetzung einen möglichst großen Anteil des Niederschlagswassers der Kläran- Bild 1: Prinzipskizze der qualitätsbasierten Entwässerung. © ISAH Direkteinleitung Dezentrale NW-Behandlung Kommunale Kläranlage NW-Abkopplung (Nutzung, Speicherung, Versickerung) Urbanes Quartier Vorfluter Zentrale NW-Mitbehandlung Mischwasserabschläge Verschmutztes NW Unverschmutztes NW Mittlere Qualität Grundwasser Schlechte Qualität Festgelegt über Kläranlagenkapazität Qualitätsbasierte Entwässerung 79 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung lage abschlagsfrei zuzuführen, dass auch die Speicherkapazitäten im Kanalnetz bestmöglich etwa durch eine Kanalnetzsteuerung ausgenutzt werden. Ein Beispiel für die Umsetzung einer solchen Steuerung ist die ADESBA-Steuerung im Einzugsgebiet Hildesheim. [36] Die aktuelle Alternative der Niederschlagswasserbehandlung erfolgt weitgehend ortsnah und damit dezentral im Quartier mit entsprechend hohem Investaufwand und geringerer technischer Komplexität. Im Kontext der modifizierten, qualitätsbasierten Entwässerung ist das Ziel, die dezentralen Maßnahmen entsprechend ihrer bisherigen Einsatzbereiche für die schwach verschmutzten Anteile des Niederschlagswassers weiter umzusetzen und in das Gesamtkonzept einzubinden, um so Ableitungsvolumen im Mischkanal für die verschmutzten Anteile freizuhalten. Als dezentrale Reinigungsverfahren werden unter anderem Retentionsbodenfilter (RBF) eingesetzt, die im innerstädtischen Kontext neben der Reinigungsleistung auch noch als blau-grüne Infrastruktur [37] positive Effekte auf die Quartiersqualität haben. Für RBFs im Mischsystem ist bekannt, dass organische Schmutzstoffe in der Regel zu mehr als 80 % und abfiltrierbare Stoffe (AFS) zu mehr als 90 % zurückgehalten werden. In Abhängigkeit der eingesetzten Filtermaterialien können auch Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor sowie Schwermetalle effektiv zurückgehalten werden [38 - 40]. Für den Rückhalt von Bioziden zeigen erste Untersuchungen von RBFs im Quartier [39] oder mit nachgeschalteten Adsorberfiltern [41] ebenfalls Wirkungsgrade von bis zu 80 %. Integrale Stadtplanung Das vorgestellte Konzept der qualitätsbasierten Entwässerung sieht für das un- oder nur leichtverschmutzte Niederschlagswasser die Abkopplung einzelner Gebiete von der Kanalisation vor. Dadurch kann Niederschlagswasser ortsnah versickert oder abgeleitet und die Kanalisation entlastet werden. Weiterhin soll, insbesondere bei Starkregenereignissen, auch die Oberfläche zur temporären Ableitung von Niederschlagswasser genutzt werden. Durch den temporären Verschluss der Kanalisation und der kontrollierten oberflächigen Ableitung des Niederschlagswassers (beispielsweise durch hochfahrbare Wehre), werden eine Überlastung der Kanalisation und damit Mischwasserabschläge vermieden. Das Wasser wird in diesem Fall an der Oberfläche auf geeigneten Flächen gespeichert, direkt in den Vorfluter abgeleitet oder auf Grünflächen versickert. Die Ausgestaltung der Fließwege und Konzepte einer oberflächigen Ableitung sollte dabei direkt an die Maßnahmen und Planungen zur Resilienzstärkung der Städte gegenüber Starkregenereignissen im Rahmen der Überflutungsvorsorge angebunden werden. Voraussetzung für diese Art der Niederschlagswasserbewirtschaftung sind natürlich angepasste Betriebs- und Alarmkonzepte sowie eine hinreichend genaue Kenntnis über das Fließverhalten. Als Querschnittsdisziplin kann hier die Stadtplanung wesentlich zu einem wirkungsvollen urbanen Wassermanagement beitragen. So hat die Flächenvorsorge in Bezug auf Starkregengefahren ein großes Potenzial bei der Minimierung von Risiken, die Kommunen können über die Bauleitplanung steuernd eingreifen und zum Beispiel durch Freihaltung von Flächen oder durch Vorgaben für die detaillierte Planung und Gestaltung von Nutzungen und Bauwerken in Gefahrenbereichen Risiken mindern. Insbesondere die zuvor beschriebene Form der Oberflächennutzung zur (Not-)Abkopplung von Niederschlagswasser erfordert eine kooperative integrale Stadtplanung und eine gute Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen. Ausblick Im Rahmen von TransMiT (www.transmit-zukunftsstadt.de) werden bis 2022 relevante Planungs- und Systemkomponenten des oben beschriebenen Konzepts untersucht und für die Auslegung und Umsetzung in anderen Kommunen praxisorientiert beschrieben. Hierzu gehören unter anderem: Datenverdichtung zur verbesserten oberflächigen Abflussmodellierung, großtechnische Datenaufnahme zur Modellierung von oberflächigen Abflüssen wie die Untersuchung der Oberflächenrauigkeit auf das Abflussverhalten, Entwicklung einer Niederschlagswasserweiche zur flexiblen Steuerung des Entwässerungsweges, modelltechnische Untersuchungen zur Identifizierung von Speicherräumen im Kanal und Ableitung von Steuerungsgrößen unter Berücksichtigung des oberflächigen Abflusses. Großtechnische Versuche auf der Kläranlage Hildesheim zur Flexibilisierung der annehmbaren Mischwassermenge sowie qualitative Messungen von Niederschlagswasser und die beispielhafte Erprobung von Retentionsbodenfiltern runden die Datenerhebung ab. Die Autoren danken dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für die Förderung im Rahmen der Förderinitiative RES: Z / Zukunftsstadt und den Stadtentwässerungen Hildesheim AöR und Braunschweig GmbH für die Unterstützung und Erprobung in der Praxis. 80 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES THEMA Klimawandel und Klimaanpassung LITERATUR [1] Ellis, J. B., Mitchell, G.: Urban diffuse pollution [online]. Key data information approaches for the Water Framework Directive. Water and Environment Journal, 20 (1), (2006), p. 19 - 26. ISSN 1747-6585. Verfügbar unter: doi: 10.1111/ j.1747-6593.2006.00025.x. [2] Lundy, L., Ellis, J. B., Revitt, D. M.: Risk prioritisation of stormwater pollutant sources [online]. Water research, 46 (20), (2012), p. 6589 - 6600. Verfügbar unter: doi: 10.1016/ j.watres.2011.10.039. [3] Sillanpää, N., Koivusalo, H.: Stormwater quality during residential construction activities: influential variables [online]. 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Maike Beier Leiterin Forschungsfeld Abwasser und Wassermanagement Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover Kontakt: beier@isah.uni-hannover.de Sören Hornig, M. Sc. Wissenschaftlicher Mitarbeiter Institut für Siedlungswasserwirtschaft der Technischen Universität Braunschweig Kontakt: so.hornig@tu-braunschweig.de Dr.-Ing. Katrin Bauerfeld Wissenschaftliche Mitarbeiterin Institut für Siedlungswasserwirtschaft der Technischen Universität Braunschweig Kontakt: k.bauerfeld@tu-bs.de AUTOR*INNEN 82 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRODUKTE + LÖSUNGEN Stadtraum Zunehmende Versiegelung und Klimawandel bewirken, dass die Innenstädte durch Wärmestrahlung sehr viel mehr aufgeheizt werden als das Umland und dass die so entstehenden städtischen Wärmeinseln das Wohlbefinden der Menschen beeinträchtigen. Man spricht vom sogenannten Urban Heat Island Effect. Der innovative Systemaufbau „Klima-Gründach“ ist nun auf eine maximale Verdunstung aus- Bild 1: Durch das Zusammenspiel von Bewässerung, Aquafleece und Substrat steht den Pflanzen immer genügend Wasser zur Verfügung, um ihre hohe Verdunstungsleistung zu entfalten. © ZinCo Bild 2: Die Pflanzengemeinschaft „Klima-Gründach“ wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und in Zusammenarbeit mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf entwickelt. © ZinCo Klima-Gründach für maximale Verdunstung Ein Baustein gegen die Aufheizung unserer Städte Dachbegrünung, Klimawandel, Stadtklima, Urbane Hitzeinseln Roland Appl Der innovative Dachbegrünungshersteller ZinCo entwickelte mit dem neuen Systemaufbau „Klima- Gründach“ einen richtungsweisenden Lösungsansatz, um der starken Aufheizung in dicht besiedelten Städten entgegenzuwirken. Das „Klima-Gründach“ weist aufgrund seiner Bauart mit Bewässerung und spezieller Bepflanzung eine extrem hohe Verdunstungsrate auf und sorgt damit für eine aktive Kühlung der Umgebungstemperatur. So können ohnehin vorhandene Dachflächen als zusätzliche Grünflächen direkt genutzt werden und das Stadtklima positiv beeinflussen. 83 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES PRODUKTE + LÖSUNGEN Stadtraum in das darüberliegende Substrat und wird von den Pflanzen aktiv verdunstet. Damit können sie gerade in Trockenzeiten ihre hohe Verdunstungsleistung voll ausschöpfen. Varianten zur Verbesserung des Stadtklimas Ein ausgewachsener, gut mit Wasser versorgter Stadtbaum beispielsweise kann an einem heißen Sommertag zwischen 300 und 500 Liter verdunsten. Eine 100 m² große, klassische extensive Dachbegrünung kommt bei guter Wasserversorgung durchaus in dieselbe Größenordnung; bei lang anhaltender Trockenheit schalten die Pflanzen, meist Sedum-Arten, aber in eine Art „Überlebensmodus“ und die Verdunstungsrate reduziert sich auf Bild 3: Systemaufbau „Klima-Gründach“. © ZinCo etwa ein Zehntel. Mit dem Systemaufbau „Klima-Gründach“ lässt sich die Verdunstungsrate auf etwa 700 bis 1000 Liter pro Tag und 100 m² steigern und auch in Trockenperioden dauerhaft aufrecht erhalten. Und dies nach äußerst kurzer Zeit, denn ein neu gepflanzter Baum braucht - neben dem Platz, auf dem er gepflanzt werden kann - viele Jahre bis er ausgewachsen ist und das Gründach hat nach ein, spätestens nach zwei Vegetationsperioden Flächendeckung erreicht und damit auch seine maximale Verdunstungsleistung. ZinCo GmbH Lise-Meitner-Straße 2 72622 Nürtingen info@zinco-greenroof.com www.zinco.de und www.zinco-greenroof.com gelegt, welche - insbesondere in trockenen, heißen Perioden - aktiv zur Stadtklimatisierung beitragen kann. Erreicht wird diese sehr hohe Verdunstungsleistung durch eine speziell dafür entwickelte Pflanzengemeinschaft in Kombination mit einer bedarfsgerechten Bewässerung, die aus ökologischer Sicht mittels Grauwasser erfolgen sollte. Dies war die Maßgabe bei der Entwicklung der Pflanzengemeinschaft, die im Rahmen eines Forschungsprojektes der Deutschen Bundesstiftung Umwelt DBU und in Zusammenarbeit mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf realisiert wurde. Hier haben sich ausgewählte Euphorbia- und Hemerocallis-Arten (Wolfsmilchgewächse und Taglilien) als besonders geeignet herausgestellt, die jetzt neben Carex buchananii (Fuchsrote Segge) Bestandteil der Pflanzenliste sind. Ausgeklügelter Systemaufbau Kernelement des Systemaufbaus „Klima-Gründach“ ist das neue Aquafleece AF 300 in Kombination zum Beispiel mit Floraset ® FS- 50. Auf diesem Aquafleece werden im Abstand von etwa 50 cm Tropfschläuche mit Klettbändern befestigt. Bleiben natürliche Regenfälle aus, wird über eine automatische Steuerung bewässert. Das Wasser aus den Tropfschläuchen wird durch den zweischichtigen Aufbau des Aquafleeces AF 300 zuerst in der Fläche verteilt. Denn das unterseitige dichte Gewebe des Aquafleeces lässt Wasser erst dann durchtropfen, wenn das oberseitige Vlies flächig wassergesättigt ist. Durch eine pulsierende, also kurzzeitige Bewässerung in geringen Zeitabständen wird erreicht, dass kontinuierlich Wasser zur Verfügung steht. Dieses gelangt durch kapillaren Aufstieg Um die genannten Größenangaben zur Verdunstungsleistung einordnen zu können, ist folgender Richtwert interessant: eine Menge von 300 Litern pro Tag reicht aus, um das Luftvolumen eines Würfels von 100 m x 100 m x 100 m um etwa 3 bis 5- °C abzukühlen, je nach bereits enthaltener Luftfeuchte. Selbstverständlich beeinflussen Faktoren wie zum Beispiel Gebäudehöhen, deren Anordnung in der Topographie, vorherrschende Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten, wie viel vom Kühlungseffekt in den jeweiligen Häuser-Schluchten zu fühlen ist. Generell sorgt eine erhöhte Verdunstung aber immer für eine größere Kühlung im städtischen Raum. Der Systemaufbau „Klima- Gründach“ eignet sich auf allen Dächern von 0° bis 5° Neigung sowie auf Umkehrdächern. So könnten ohnehin vorhandene Dachflächen in kürzester Zeit zusätzlich genutzt werden, um das Stadtklima zu verbessern. 84 1 · 2020 TR ANSFORMING CITIES FOKUS Fachliteratur Impressum Transforming Cities erscheint im 5. Jahrgang Herausgeber Eberhard Buhl, M.A. Verlag Trialog Publishers Verlagsgesellschaft Eberhard Buhl | Christine Ziegler Schliffkopfstr. 22, D-72270 Baiersbronn-Buhlbach Tel. +49 7449 91386.36 · Fax +49 7449 91386.37 office@trialog.de · www.trialog.de Redaktionsleitung Dipl.-Ing. arch. Christine Ziegler VDI (verantwortlich) Tel: +49 7449 91386.43 Fax: +49 7449 91386.37 christine.ziegler@transforming-cities.de Anzeigen Tel. +49 7449 91386.46 Fax +49 7449 91386.37 anzeigen@trialog.de Gültige Anzeigenpreisliste Nr. 5 vom 01.01.2020 Vertrieb und Abonnentenservice Tel. +49 7449 91386.39 Fax +49 7449 91386.37 vertrieb@trialog.de Erscheinungsweise Viermal im Jahr Bezugsbedingungen Die Bestellung des Abonnements gilt zunächst für die Dauer des vereinbarten Zeitraumes (Vertragsdauer). Eine Kündigung des Abonnementvertrages ist zum Ende des Berechnungszeitraumes schriftlich möglich. Erfolgt die Kündigung nicht rechtzeitig, verlängert sich der Vertrag und kann dann zum Ende des neuen Berechnungszeitraumes schriftlich gekündigt werden. Bei Nichtlieferung ohne Verschulden des Verlages, bei Arbeitskampf oder in Fällen höherer Gewalt besteht kein Entschädigungsanspruch. Zustellmängel sind dem Verlag unverzüglich zu melden. Es ist untersagt, die Inhalte digital zu vervielfältigen oder an Dritte weiterzugeben, sofern nicht ausdrücklich vereinbart. Bezugsgebühren JahresAbo Print: gedruckte Ausgabe zum Jahresbezugspreis von EUR 120,- (Inland inkl. MwSt., Ausland exkl. MwSt.), zzgl. Versandkosten (Inland EUR 11,90, Ausland EUR 25,-) JahresAbo ePaper: elektronische Web-Ausgabe zum Jahresbezugspreis von EUR 115,- (Inland inkl. MwSt., Ausland exkl. MwSt.), ohne Versandkosten JahresAbo Plus (Print + ePaper): als gedruckte Ausgabe + elektronische Web-Ausgabe + Archiv zum Jahresbezugspreis von EUR 157,- (Inland inkl. MwSt., Ausland exkl. MwSt.), zzgl. Versandkosten (Inland EUR 11,90 , Ausland EUR 25,-) StudiAbo ePaper: elektronische Web-Ausgabe. Reduzierter Jahresbezugspreis von EUR 76,- (Inland inkl. MwSt., Ausland exkl. MwSt.). Eine aktuelle Studienbescheinigung ist Voraussetzung. Einzelheft Print: gedruckte Ausgabe zum Einzelbezugspreis von EUR 35,- (Inland inkl. MwSt., Ausland exkl. MwSt.), zzgl. Versandkosten (Inland EUR 3,-, Ausland EUR 6,50) Einzelausgabe ePaper: elektronische Web- Ausgabe zum Einzelbezugspreis von EUR 35,- (Inland inkl. MwSt., Ausland exkl. MwSt.), ohne Versandkosten Campus- und Firmenlizenzen auf Anfrage Organ | Medienpartnerschaft VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. - Fachbereich Verkehr und Umfeld Druck QUBUS media GmbH, Hannover Herstellung Trialog, Baiersbronn-Buhlbach, www.trialog.de Titelbild Motion blur rainy street. © Clipdealer Copyright Vervielfältigungen durch Druck und Schrift sowie auf elektronischem Wege, auch auszugsweise, sind verboten und bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Abbildungen übernimmt der Verlag keine Haftung. Eine Publikation der Trialog Publishers Verlagsgesellschaft, Baiersbronn-Buhlbach ISSN 2366-7281 (print) www.trialog.de/ agb Für die Förderung von Nahmobilität mit den Verkehrsmitteln des Umweltverbunds wollen viele Kommunen mehr tun. Dieser Sammelband zum Fußverkehr beleuchtet auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Ergebnisse, ausgehend von geschichtlicher Entwicklung, statistischen Erhebungen sowie empirischen Studien, gute Beispiele aus dem In- und Ausland und gibt Kommunen Anregungen, wie der Fußverkehr konsequent gefördert werden kann. Ähnlich wie es der Radverkehr geschafft hat, soll nun auch der Fußverkehr mehr Beachtung erfahren. Das in Einzelaufsätzen behandelte Spektrum reicht von Verkehrssicherheitsbetrachtungen über Forderungen nach Veränderungen des gesetzlichen Rahmens und einer besseren Verknüpfung von Straßen- und Verkehrsplanung, Stadtgestaltung und Freiraumplanung sowie Informationen über Strategien und Qualitätsstandards bis zu Beteiligungsprozessen, Fördermöglichkeiten und Ressourcen. Die 20 Aufsätze von 32- Autor*innen sind drei Oberkapiteln zugeordnet: A: Grundlagen, B: Meinungen und Positionen und C: Kommunale Praxis. In den Artikeln kommt es untereinander zu Überschneidungen und öfter auch zu Wiederholungen in Teilaspekten. Fast jeder Autor illustriert mit teils farbigen Fotos, Grafiken, Tabellen, usw. und benennt Quellen bzw. weiterführende Literatur. Es wird deutlich, dass das Wissen um Veränderungsmöglichkeiten zwar umfassend vorhanden ist, aber weitestgehend in Deutschland noch viel zu zaghaft und bisher nur in einigen wenigen „Leuchtturmprojekten“ umgesetzt wird. Selbst wenn die Erkenntnisse vorhanden sind, brauchen entsprechende Umsetzungen bei uns viel zu viel Zeit wegen lautstarker Kritik Gestriger und mangelndem Durchsetzungswillen von Politikern. Beispiele zeigen, dass überall dort, wo man die Belange des Fußverkehrs in Verkehrsplänen usw. verankert und mit wirksamen Maßnahmen begonnen hat, die Zustimmung für einen Paradigmenwechsel steigt. Überall wo neue Baugebiete entstehen oder wo in Straßen größere Baumaßnahmen nötig werden, muss künftig automatisch dem Fußverkehr mehr Beachtung geschenkt werden; das gilt auch für ländliche Strukturen, die leider im Buch nicht explizit genannt werden. Stattdessen finden wir mehrere Praxisberichte und Beispiele aus Großstädten. Das Buch sollte „Pflicht“-Lektüre für Anlieger, Entscheider und Planer sein. Und sagt später bitte nicht, ihr hättet es nicht besser gewusst! Dr.-Ing. Rainer Hamann Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH, Edition Difu - Stadt Forschung Praxis, Band 18 Uta Bauer (Hrsg.) 239 Seiten Illustrationen Preis Printexemplar (Broschur): 39,00 Euro auch als eBook, ISBN: 978-3-88118-643-8 ISSN: 1863-7949 Berlin, 2019. So geht‘s Urbane Transformation Am 5. Juni 2020 erscheint die nächste Ausgabe von Transforming Cities mit dem Themenschwerpunkt Planung und Entwicklung resilienter Städte Intelligente Versorgungsnetze Verkehrswende in der Stadt/ Urbane Mobilität Bürgerbeteiligung/ E-Government Digitalisierung/ IT-Sicherheit Mehr Sicherheit - weniger Freiheit?
