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Transforming Cities
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2025
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URBANE SYSTEME IM WANDEL. DAS TECHNISCH-WISSENSCHAFTLICHE FACHMAGAZIN 3 · 2025 Umwelt Klimawandelanpassung | Hitzemanagement | Prinzip Schwammstadt | Biodiversität | Kreislaufwirtschaft | Extremwetterereignisse All you can read Alles zusammen zum Superpreis: Die Papierausgabe in hochwertigem Druck, das ePaper zum Blättern am Bildschirm und auf dem Smartphone, dazu alle bisher erschienenen Ausgaben im elektronischen Archiv - so haben Sie Ihre Fachzeitschrift für den urbanen Wandel immer und überall griffbereit. AboPlus: Print + ePaper + Archiv abo@narr.de expert verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG expert verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Foto von Jon Tyson auf Unsplash U. Sandten-Ma © Lukas Wehner P. Sorg © Lukas Wehner Liebe Leser: innen, wir waren auch dieses Jahr wieder über die vielen Einsendungen zu unserem „Urlaubsheft“ mit dem Schwerpunkt Umwelt überrascht. Bestätigt wurde dagegen leider unsere Befürchtung, dass die realen Ereignisse den Themen eine neue Dringlichkeit verleihen werden. Die Trockenheit wurde dieses Jahr laut DWD zwar durch den sehr nassen Juli [1] abgemildert, allerdings ist das mit Blick auf die Entwicklung des Klimas kein Grund zur Erleichterung. So lag die Mitteltemperatur des diesjährigen deutschen Sommers laut DWD bei 18.3 Grad Celsius - das entspricht einem Plus von 0,7 Grad Celsius gegenüber dem Durchschnittswert der Referenzperiode 1991-2020, die für das Klima-Monitoring kürzerer Zeiträume herangezogen wird. In Zeiten, in denen auf großer Bühne die Probleme kleingeredet werden, müssen sich die verantwortungsvollen Akteure noch mehr ins Zeug legen, um zumindest die Auswirkungen auf die Bevölkerung zu reduzieren. Bei allem Getöse auf globaler Ebene lohnt es sich, die vielen innovativen Ideen von lokalen Gruppen, Zusammenschlüssen und Projektenträgern genauer zu betrachten. So finden Sie in diesem Heft Beispiele, wie globalen Krisen auf kommunaler Ebene und mit bürgerschaftlichem Engagement begegnet werden kann. Wie bei vielen Krisen und Herausforderungen sind es letztendlich die Städte und Kommunen, die pragmatische und praxisorientierte Lösungen finden müssen. Idealerweise schaffen Bund- und Länder die entsprechenden Rahmenbedingungen, was vor allem in Zeiten knapper Kassen oft Wunschdenken bleiben wird. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sich die Akteure vernetzen und Erfahrungen austauschen. Wir verstehen unsere Zeitschrift auch in diesem Sinne als Forum. Die kommende Ausgabe 4, die am 8. Dezember erscheint, befasst sich zum Jahresende wieder mit den weiteren Großthemen Digitalisierung und Sicherheit. Der Redaktionsschluss ist bereits verstrichen, aber wir freuen uns dennoch über Initiativ-Einsendungen oder Anregungen. Herzliche Grüße Ihre Redaktion Im Kleinen große Herausforderungen angehen Ulrich Sandten-Ma Redaktionsleitung Patrick Sorg Redaktion [1] Im Vergleich zur neueren Referenzperiode 1991 bis 2020. EDITORIAL 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES 1 DOI: 10.24053/ TC-2025-0050 Seite 4 Seite 22 © iStock.com/ schulzie Seite 28 © Jürgen Fälchle - Fotolia.com. © Jürgen Pollak Seite 28 © iStock.com/ schulzie Seite 4 Seite 22 © Jürgen Fälchle - Fotolia.com. © Jürgen Pollak Praxis + Projekte Lösungen 4 Wie Städte dem Sommerfieber trotzen können Gregor Grassl Konzepte für Pflegeeinrichtungen 8 GREEN: Cool & Care Nachhaltige Konzepte für Pflegeeinrichtungen Rosina Schachl, Thomas Dandekar Gewerbegebiete 12 Gewerbegebiete im Hitzestress Aktuelle Herausforderungen und Anpassungsstrategien auch aus der Perspektive von Beschäftigten Kerstin Conrad, Lisa Haag, Jost Buscher partizipativer Klimaschutz 18 Fassadenbegrünung neu gedacht Impuls für kostengünstige, partizipative Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen mit integrierter Bildungsarbeit an Schulen Swenja Rosenwinkel, Nicole Wozny Klimaanpassung 22 Wie sich Cochem-Zell dem Klimawandel stellt Tanja Sprenger Regenwassermanagement 25 Blau-Grüne Infrastrukturen erfolgreich umsetzen Peri-urbane Mobilitätsräume als Potenziale für die Klimawandelanpassung erkennen und transformieren Mario Stefan, Katharina Mauß, Eva Schwab RegenKompass 28 Gemeinsam auf dem Weg zur Schwammstadt Wie kann die Bevölkerung motiviert werden, ihren Beitrag zur Schwammstadt zu leisten? Christine Linnartz, Mona Steinhauer INHALT 3 · 2025 2 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES © iStock.com/ simplytheyu Seite 33 © ElisaRiva/ Pixabay Seite 58 © iStock.com/ Petmal Seite 63 Seite 63 © iStock.com/ Petmal Seite 58 © ElisaRiva/ Pixabay Seite 33 © iStock.com/ simplytheyu Thema Umwelt 33 Trinkbrunnen - Wasser ist (k)ein Luxusgut. Analysen und Empfehlungen zu Trinkbrunnen im urbanen öffentlichen Raum Lotta Steger 38 Nutzung von Regenwasser für den Hitzeschutz in der Schwammstadt Stephan Köster, Anna Thoms, Greta Hadler, Maike Beier 46 Hitzeaktionsplanung in Deutschland und Frankreich Erfahrungen aus der kommunalen und nationalen Hitzevorsorge zum Schutz vulnerabler Gruppen Moritz Ochsmann, Rebecca Vogel, Teresa Ziegler 53 Städte in der Polykrise. Zielkonflikte sektoraler Resilienzen am Beispiel Wien Mark Scherner, Thomas Thaler, Michael Friesenecker 58 Naturbasierte Lösungen klein gedacht Förderung bürgerschaftlicher naturbasierter Lösungen für Klimaanpassung und Biodiversität Nicole Wozny, Niklas Müller 63 Wassersensible Klimaanpassung in der Stadtentwicklung Interdisziplinäre Wege unter besonderer Berücksichtigung von Biodiversität und Lebensqualität in unseren Städten Felizia Kuhlke, Nora Scholpp 68 Temporäre Maßnahmen gegen Hitze im urbanen Raum Eine praxisbezogene Untersuchung möglicher Beiträge, Grenzen und Gestaltungsansätze Clara Müller, Markus Groth, Markus Quante 74 Potenzialanalyse: Klimaangepasste Sanierung im Denk! mal Einbeck Wege zur klimaangepassten Sanierung historischer Gebäude Stefanie Hörnlein, Andrea Lück, Rebecca Spaunhorst, Alena Ronnenberg 81 Nachhaltigkeits- und Klimachecks Einsatz in der kommunalen Praxis Pia Redenius, Svenja Puls, Luca Elena Gromball Forum Forschungstrends 88 Forschungstrends zur Kreislaufwirtschaft im Bauwesen Eine systematische Entwicklungsanalyse Gonzalo F. Olivera Rodríguez, Sebastian Röser, Tim Singer 96 Impressum INHALT 3 · 2025 3 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES Wie Städte dem Sommerfieber trotzen können Hitze, Klimaanpassung, Begrünung, Stadtentwicklung, Praxisbeispiele Gregor Grassl Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Schon früh hatten Meteorologinnen und Meteorologen im Voraus vor Hitzewellen gewarnt. Zu Recht, wie sich zeigte. Besonders spürbar waren die hohen Temperaturen in den eng bebauten Innenstädten. Versiegelte Flächen und fehlender Schatten verstärkten die Hitze zusätzlich. Zahlreiche Städte und Kommunen arbeiten bereits an Lösungen, um sich besser gegen die zunehmenden heißen Tage zu wappnen. Orte wie Düren, Dormagen, Rastatt und der Landkreis Cochem- Zell zeigen beispielhaft, wie sich entsprechende Maßnahmen erfolgreich umsetzen lassen. Beton brechen und Schatten säen Die sommerliche Hitze in deutschen Städten hat sich längst zu einer ernstzunehmenden Belastung entwickelt. Asphaltflächen speichern Wärme, die Luf t zirkulation ist eingeschränkt, und die Temperaturen steigen auf gesundheitlich bedenkliche Werte. Der Klimawandel verschärft die negati ven Ent wicklungen: Immer häufiger treten extreme Hitzewellen auf, die nicht nur die Lebensqualität der Menschen beeinträchtigen, sondern auch die städtische Infrastruktur an ihre Grenzen bringen. Die gute Nachricht: Städte und Kommunen können handeln. Das erfolgt beispielsweise dadurch, Dächer und Fassaden gezielt zu begrünen, Flächen zu entsiegeln und schattige Aufenthaltsorte zu schaffen. Mit durchdachten Konzepten und Strategien haben Städte die Chance, die Hitze zu mildern, das Mikroklima zu verbessern und den öffentlichen Raum wieder lebenswerter zu machen. Von der Theorie zur Umsetzung: Düren, Dormagen, Rastatt Wie das in der Praxis gelingen kann, zeigen bereits verschiedene Beispiele aus den Städten Düren, Dormagen und Rastatt. Drees & Sommer, ein auf Bau, Immobilien 4 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 Jeder kann etwas bewegen Die Erfahrungen aus den Städten und Gemeinden zeigen: Es bewegt sich bereits einiges in Sachen Klimaanpassung. Damit auch andere Kommunen wirksam auf die zunehmende Hitzebelastung in den Sommermonaten reagieren können, gibt es wichtige Empfehlungen, die die Expertinnen und Experten von Drees & Sommer auf Basis ihrer Arbeit aus diesen und weiteren Klimaanpassungsprojekten formuliert haben: 1. Schattenspender bereitstellen Eine der wirkungsvollsten und zugleich kostengünstigsten Maßnahmen, um die Hitze in Städten zu mindern, ist das Schaffen von Schatten durch Bäume oder bauliche Verschattungselemente. Selbst einfache Lösungen wie überdachte Haltes tellen oder schattige Sitzgelegenheiten tragen dazu bei, die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum deutlich zu verbessern und die Menschen bei hohen Temperaturen zu entlasten. Bäume übernehmen dabei eine zentrale Funktion: Sie spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen durch die Verdunstung von Wasser aktiv die Umgebungsluft. Gleichzeitig binden sie Kohlendioxid und Schadstoffe, produzieren Sauerstoff und verbessern so nachhaltig die Luftqualität. In der Stadt Rastatt beispielsweise tragen rund 1.000 neu gepflanzte Bäume dazu bei, die Stadt im Sommer spürbar abzukühlen. 2. Fassaden begrünen, Böden entsiegeln Es macht sich nicht nur bewährt, Bäume im Kampf gegen die Hitze zu pflanzen, sondern auch bestehende versiegelte Böden aufzubrechen. Das verbessert das Mikroklima spürbar. Der Grund liegt darin, dass der Asphalt sich stark aufheizt und kein Regenwasser versickern lässt. Eine gute Alternative für die geteerten Böden stellen beispielsweise Kiesflächen oder Rasengittersteine dar, wie man sie etwa in Biergärten oder auf Parkplätzen findet. Die Materialien speichern weniger Wärme, lassen Wasser durch und kosten oft weniger als herkömmlicher Asphalt. Gezielte Begrünung - und damit ist nicht nur das Pflanzen neuer Bäume gedacht - wirkt direkt gegen die Hitze. Grünstreifen und bepflanzte Fassaden senken beispielsweise die Umgebungstemperatur, filtern Schadstoffe aus der Luft und schaffen angenehme Aufenthaltsorte. Weil solche Maßnahmen oft zeitintensiv sind, setzen vereinzelte Städte zusätzlich auf kurzfristige Lösungen. In und Infrastruktur spezialisiertes Beratungsunternehmen, hat für sie bereits jeweils ein eigenes Klimaanpassungskonzept entwickelt. In Dormagen lag der Fokus darauf, dichte Betonflächen aufzubrechen und die Größe sowie die Menge an Versickerungsflächen auszubauen, insbesondere auf Schulhöfen und öffentlichen Plätzen. Der Kreis Düren setzte zusätzlich darauf, ehemalige Tagebauflächen großzügig zu renaturieren. Dazu pflanzte die Stadt rund 30 0.0 0 0 klimaresistente Bäume. i Infolge eines Temperaturanstiegs von rund drei Grad seit 1960 und häufigerer Hitzeperioden hat Rastatt wiederum zehn prioritäre Maßnahmen zur Klimaanpassung definiert, die sie innerhalb von fünf Jahren umsetzen will. Aufbauend auf ihrer langjährigen Klimaschutzstrategie - Rastatt war 1994 eine der ersten Städte mit einem Klimaschutzkonzept - verfolgt die Stadt weiterhin das Ziel, im Jahr 2035 klimaneutral zu sein. Klimaanpassung in Cochem-Zell Aktuell arbeitet das Team von Drees & Sommer im Landkreis Cochem-Zell, knapp eine Stunde vom Ahrtal entfernt, an einem K limaanpassungskonzept. Die Region liegt direkt an der Mosel und spürt die Folgen des Klimawandels schon seit Jahren. In der vom Expertenteam durchgeführten Betroffenheitsanalyse der Region zeigte sich schon früh: In Cochem-Zell nimmt die Häufigkeit von Extremwetterereignissen wie Hitze, Trockenheit und daraus resultierend Waldbränden künftig deutlich zu. Die Durchschnittstemperatur in der Region ist um bis zu 1,8 Grad gestiegen, frostige Nächte werden zur Ausnahme, und 2024 verzeichnete das Weinanbaugebiet Mosel die geringste Ernte seit Jahrzehnten. ii Bild 1: Fassadenbegrünung am Gebäude OWP12 bei Drees & Sommer in Stuttgart © Jürgen Pollak PRAXIS + PROJEKTE Lösungen 5 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 Eine gute Alternative stellen auch bestehende Systeme dar: Fußbodenheizungen können im Sommer leicht als Kühlflächen dienen. Dabei kühlt ein Wasserkreislauf nachts ab und transportiert die Wärme aus dem Innenraum nach außen. Deckenflächen lassen sich ebenfalls zur Kühlung einsetzen. Auf Quartiersebene bieten Low- Energy-Netze eine besonders effiziente Lösung. Sie ermöglichen sowohl das Heizen als auch das Kühlen mit demselben System. Im Sommer kühlt das Wasser die Gebäude und speichert dabei Wärme. Im Winter nutzt das System die gespeicherte Wärme zum Heizen. So kann sich die Energiebilanz im Sommer im besten Fall sogar verbessern. 5. Hoch hinaus statt breit gefächert bauen Um Städte widerstandsfähiger gegen Hitze zu machen, lohnt sich oft der Blick nach oben: Vertikale Bauweisen bieten große Vorteile für das Stadtklima. Hochhäuser werfen Schatten aufeinander und verhindern so, dass sich Wohnungen übermäßig aufheizen. Damit der Effekt greift, dürfen die Fensterflächen höchstens 40 Prozent der Fassade einnehmen. Gebäude mit großflächiger Verglasung hingegen treiben den Energieverbrauch in die Höhe, sowohl im Sommer als auch im Winter. Das liegt daran, dass Glas schlecht dämmt und Hitze sowie Kälte ungehindert passieren lässt. Ein weiterer Pluspunkt von Hochhäusern: Die Bauten wirbeln die Luft auf und erzeugen Aufwinde. Diese Strömungen verbessern die Belüftung ganzer Stadtviertel. Richtig platziert, kühlen sie die Umgebung spürbar ab. Das lässt sich mit einem Fluss vergleichen, der nicht nur durch sein Wasser, sondern auch durch seine Bewegung frische Luft in die Stadt bringt. 4. Intelligent kühlen Um es im Sommer möglichst kühl in den eigenen vier Wänden zu haben, setzen viele Menschen auf Klimaanlagen. Was dabei kaum einer weiß: Klimaanlagen wie Splitgeräte etwa arbeiten genau dann, wenn die Hitze am stärksten ist. Während sie Innenräume kühlen, blasen sie gleichzeitig warme Luft nach draußen. Damit heizen sie die Umgebung zusätzlich auf. Es entsteht ein Teufelskreis: Je mehr gekühlt wird, desto mehr Abwärme entsteht und desto stärker steigen die Temperaturen im Aufenthaltsgebiet. Ef fek tiver und nachhaltiger kühlen hingegen Gebäude mit Low-Tech-Systemen. Sie nutzen die Speichermasse im Baukörper, um nachts mit kühler Außenluft Wärme abzuführen. Tagsüber bleiben Fenster und Türen geschlossen, damit die Hitze draußen bleibt. Funktioniert dieses Prinzip wegen zu hoher Nachttemperaturen nicht mehr, müssen Planer Gebäude energetisch sanieren und an den Klimawandel anpassen. Auch Geothermie, also die Wärmegewinnung durch Bohrungen im Boden, lässt sich im Übrigen nicht nur zum Heizen, sondern ebenso zum Kühlen einsetzen. Dormagen installierte die Stadt zum Beispiel Trinkwasserbrunnen an belebten Orten. Sie helfen den Menschen, sich bei Hitze zu erfrischen, und beugen gesundheitlichen Problemen vor. 3. Helle Materialien und mehr Grünflächen kühlen Städte effektiv Neben zusätzlichen Grünflächen helfen helle, reflektierende Materialien dabei, Städte an heißen Tagen spürbar abzukühlen. Sie reflektieren die kurzwellige Sonneneinstrahlung, anstatt sie aufzunehmen, und verhindern so, dass sich Oberflächen stark aufheizen. Fachleute bezeichnen das als Albedo-Effekt. Besonders in dicht bebauten Stadtgebieten mit großen Dachflächen zeigt dieser seine volle Wirkung. Helle Betonflächen, Pflasterbeläge aus Naturstein oder Beton sowie schottergebundene Decken eignen sich besonders gut. Wer raue, poröse Materialien mit hellen Farben kombiniert, senkt die Oberflächentemperatur zusätzlich und erhöht gleichzeitig die thermische Speicherkapazität. Auch im Nachhinein lässt sich der Effekt nutzen, indem eine helle Beschichtung bestehende Oberflächen aufhellt und so zur Hitzeminderung beitragen kann. Bild 2: Begrünung in Städten. Federico Rostagno © gettyimages.com PRAXIS + PROJEKTE Lösungen 6 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 tere Schritte vor und planen deren Umsetzung. iii Am 15. Mai 2025 startete ein neues Förderfenster im Rahmen des KAnG. Es unterstützte gezielt die Entwicklung und Umsetzung kommunaler Klimaanpassungskonzepte. Städte und Gemeinden konnten bis zum 15. August 2025 Förderanträge einreichen und damit ihre lokalen Strategien stärken. ENDNOTEN i https: / / www.dreso.com/ de/ unternehmen-2/ presse/ presseinformationen/ details/ hot-spot-stadtentwicklungdrees-sommer-begleitet-klimaanpassungskonzepte-in-dueren-unddormagen-1 ii https: / / www.dreso.com/ de/ unternehmen-2/ presse/ presseinformationen/ details/ klimafit-in-die-zukunft-dreessommer-unterstuetzt-den-landkreis-cochem-zell-bei-der-anpassung-an-extremwetter iii https: / / www.umweltbundesamt. de/ presse/ pressemitteilungen/ mehrheit-der-deutschen-staedtegemeinden-stellt Eingangsabbildung: Hitze in Städten © AI generated Klimawandel auf politischer Ebene Angesichts der zunehmenden Klimarisiken siedelt sich das Thema Klimawandel und -schutz auch immer stärker auf Bundesebene an. Seit Juli 2024 schafft das Klimaanpassungsgesetz (K AnG) klare Vorgaben: Es verpflichtet die Bundesländer, eigene Strategien zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln. Gleichzeitig fordert es die Kommunen auf, entsprechende Konzepte zu erarbeiten und aktiv umzusetzen. V iele Kommunen reagieren bereits: Laut einer Umfrage im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) haben über 40 Prozent konkrete Maßnahmen zur Klimaanpassung bereits realisiert. Fast ebenso viele bereiten derzeit wei- AUTOR: INNEN Gregor Grassl, Associate Partner und Leiter für grüne Stadtentwicklung beim auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierten Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE mit Hauptsitz in Stuttgart. Anzeige So gut kann Regenwassermanagement aussehen! Als wirkungsvolle Maßnahme gegen die Folgen von Starkregenereignissen haben Sie das Wasser mit diesem funktionalen Systemaufbau als kontrolliertem Zwischenspeicher komfortabel im Griff - und das versteckt unter einem tollen Gründach. Regenwasserbremse für die Kanalisationsnetze in unseren Städten! Wasserrückhalt dank Retentions-Gründach! Tel: 07022 9060-600 www.zinco.de/ systeme/ retentions-gruendach PRAXIS + PROJEKTE Lösungen DOI: 10.24053/ TC-2025-0051 GREEN: Cool & Care Nachhaltige Konzepte für Pflegeeinrichtungen Begrünung, Pflegeeinrichtungen, Nachhaltigkeit, Smart City, Ressourcenmanagement, Klimaanpassung Rosina Schachl, Thomas Dandekar In Anbetracht der demografischen Veränderungen und der steigenden Durchschnittstemperaturen gewinnen nachhaltige Pflegekonzepte zunehmend an Bedeutung. Das Projekt „GREEN: Cool & Care“ (2019-2022), unter der Leitung von Prof. Azra Korjenic, widmete sich beispielsweise der Entwicklung und Erprobung klimaneutraler und nachhaltiger Konzepte für Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen (Korjenic et al., 2022) Das beispielhafte Projekt testete innovative Begrünungsmaßnahmen sowie intelligente Gebäudetechnik im Haus der Barmherzigkeit und dem Pflegewohnhaus Donaustadt in Wien. Die Herausforderung bestand darin, die Lebensqualität und Gesundheit der Bewohnerinnen zu verbessern und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck der Einrichtungen zu minimieren. Besonders berücksichtigt wurde dabei die erhöhte Vulnerabilität älterer Menschen gegenüber Hitzebelastungen, die durch den Klimawandel zunehmend verstärkt werden (Korjenic et al., 2022). Zu den umgesetzten Begrünungskonzepten gehörten vertikale Begrünungen in Form von Pflanzenwänden und Fassadenbegrünungen, die eine natürliche Kühlung gewährleisten und grüne Oasen auch auf begrenztem Raum schaffen. Horizontale Begrünungen, wie barrierefreie Gartenanlagen, Terrassen und begrünte Balkone, boten Bewegungs- und Begegnungsräume für die Bewohnerinnen. Zusätzlich wurden bewegliche Pflanzen aufgestellt. So können die Bewohner flexibel gärtnern, selbstständig sein und gemeinsam die Pflanzen pflegen (Korjenic et al., 2022). Die Entwicklung und Umsetzung der Begrünungskonzepte erfolgte durch einen interdisziplinären Ansatz, 8 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0052 zeitdatenanalyse zu optimieren (Ma et al., 2013). Eine umfassendere Integration in Smart- City- Konzepte und der Einsatz von IoT-Technologien können dazu beitragen, den ökologischen Fußabdruck weiter zu reduzieren (Madakam et al., 2022). Dabei müssen jedoch Datenschutz und Datensicherheit besonders beachtet werden (Madakam et al., 2022). Eine weitere vielversprechende Strategie zur Reduzierung der Überhitzung von Pflegeeinrichtungen ist die bewusste Erhöhung der Albedo städtischer Oberflächen. Die Albedo bezeichnet den Anteil der reflektierten Sonnenstrahlung an der Gesamtstrahlung und spielt eine entscheidende Rolle bei der Temperaturregulierung im urbanen Raum (IG Lebenszyklus Bau, 2023). Durch den gezielten Einsatz von Materialien mit hoher Reflexionsfähigkeit, wie helle Dachflächen, reflektierende Fassadenelemente oder entsprechend gestaltete Freiflächen, kann die lokale Temperatur signifikant gesenkt werden. Studien zeigen, dass die Kombination aus hochreflektierenden Oberflächen und Begrünungselementen den sommerlichen Kühlenergiebedarf von Gebäuden um 20 -30 % senken kann (Akbari und Kolokotsa, 2016). Im Bereich des Ressourcenmanagements können neue Bewässerungssysteme, Regen- und Grauwassernutzung sowie wassersparende Konzepte den Wasserverbrauch nachhaltig senken (Santos & Taveira-Pinto, 2013). Rec ycling, Kompostierung und Mehr wegkonzepte können die A bfallmenge minimieren und eine Kreislaufwirtschaft fördern (DKG, 2022). Der Einsatz erneuerbarer Energien wie Photovoltaik, Wärmepumpen oder Kraft-Wärme-Kopplung kann die Emissionen und Betriebskosten weiter senken (DKG, 2022). Studien und Praxisbeispiele deuten darauf hin, dass energieeffiziente Sanierungen und die Nutzung erneuerbarer Energien die Betriebskosten deutlich reduzieren können (DKG, 2022). Evaluation und Ausblick: Obwohl diese Maßnahmen zunächst Investitionen erfordern, können sie sich langfristig durch Einsparungen bei Energie-, Wasser- und Abfallentsorgung amortisieren. Der genaue Umfang der Kosteneinsparungen hängt von Faktoren wie Standort, Größe der Einrichtung und spezifischen Maßnahmen ab. Förderprogramme und innovative Finanzierungsmodelle können die Umsetzung erleichtern. Die Integration von P flege robotern kann zukünftig neue Möglichkeiten eröffnen. Mobile Serviceroboter unterstützen ältere Menschen in vielfältigen Bereichen: Sie erinnern an Medikamente oder Termine, helfen bei Haushaltsaufgaben, überwachen die Sicherheit und erkennen Stürze, bieten Gesundheitsmonitoring bei dem Fachleute aus Technik, Pflege, Sozialwissenschaft und Planung gemeinsam mit Bewohnerinnen, Angehörigen und Mitarbeitenden Lösungen erarbeiteten (Korjenic et al., 2022). Im ps ychologischen Bereich wirkt sich die Präsenz von Grünflächen nachweislich positiv auf das Wohlbefinden der Bewohnerinnen aus. Es ist bereits bekannt, dass der Zugang zu Gärten und Pflanzen die Stimmung hebt, die Schlafqualität und Konzentrationsfähigkeit verbessert sowie Gefühle von Erholung und innerer Ruhe fördert (Rappe, 2005). Auch depressive Verstimmungen und Angstzustände können durch den Aufenthalt im Grünen gelindert werden. Darüber hinaus fördern grüne Umgebungen soziale Interaktionen und stärken das Gefühl von Autonomie und Identität. Pflegepersonal bestätigt, dass Pflanzen und Gärten besonders bei Menschen mit Demenz positive emotionale Reaktionen und Sinnesanregungen her vorrufen können (Rappe, 2005). Pflanzen verbessern die Luftqualität, filtern Schadstoffe und erhöhen den Sauerstoffgehalt. Begrünte Flächen senken die Umgebungstemperatur um bis zu 2 °C, fungieren als natürliche Klimaanlagen und reduzieren Lärm. Studien im Rahmen des Projekts unterstützen die Annahme, dass Bewohnerinnen in naturnahen Einrichtungen aktiver, sozialer und gesünder sind als in konventionellen Pflegeheimen (Korjenic et al., 2022). Unabhängig von diesem Projekt wurden weitere technische Innovationen zur Steigerung der Nachhaltigkeit betrachtet. Building Management Systeme (BMS) können in Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden, um Energie-, Wasser- und Temperaturflüsse zentral zu steuern und so Betriebskosten sowie Ressourcenverbrauch durch Echt- PRAXIS + PROJEKTE Konzepte für Pflegeeinrichtungen 9 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0052 Klimaanpassungsstrategien in Pflegeeinrichtungen. In: Klimaneutralität, Nachhaltigkeit und Lebensqualität in der Pflege. Wien: TU Wien Verlag. Deutsche Krankenhausgesellschaft, 2022. Klimaschutzmaßnahmen im Krankenhaus. DKI Factsheets. Available at: https: / / www.dkgev.de/ fileadmin/ default/ Mediapool/ 1_DKG/ 1.7_Presse/ 1.7.1_ Pressemitteilungen/ 2022/ 2022-07-19_ DKI_Factsheets_Klimaschutzmassnahmen.pdf [Accessed 21 May 2025]. DeutscheKrankenhausgesellschaft,2022. Status quo, Maßnahmen und Investitionskosten: Klimaschutz in deutschen Krankenhäusern. Available at: https: / / www.dkgev.de/ fileadmin/ default/ Mediapool/ 1_DKG/ 1.7_Presse/ 1.7.1_Pressemitteilungen/ 2022/ 2022-07-19_ DKI-Gutachten_Klimaschutz_in_ deutschen_Krankenha__usern.pdf [Accessed 21 May 2025]. Santos, C. & Taveira-Pinto, F., 2013. Analysis of different criteria to size rainwater storage tanks using detailed methods. Resources, Conservation and Recycling, 71, pp.1-6. Available at: https: / / doi. org/ 10.1016/ j.resconrec.2012.11.004 [Accessed 21 May 2025]. Eingangsabbildung: PBZ St. Pölten Balkon im 2. Stock 2022 / © TU Wien (Korjenic, 2022) haben großes Potential, das Mikroklima zu verbessern, die Lebensqualität zu steigern. Durch die Kombination te chnis cher und sozialer Innovationen können nachhaltige, klimaresiliente Wohn- und Pflegeheime, die zugleich Gesundheit und Wohlbefinden von Bewohnerinnen und Personal fördern, entstehen. LITERATUR Akbari, H. & Kolokotsa, D., 2016. Three decades of urban heat islands and mitigation technologies research. Energy and Buildings, 133, pp.834-842. IG Lebenszyklus Bau, 2023. Reflexionsstrahlung (Albedo-Effekt) im Gebäudesektor: Ein Positionspapier. Wien. Santamouris, M. et al., 2018. Passive and active cooling for the outdoor built environment - Analysis and assessment of the cooling potential of mitigation technologies using performance data from 220 large scale projects. Solar Energy, 154, pp.14-33. Asgharian, P., Panchea, A.M. & Ferland, F., 2022. A review on the use of mobile service robots in elderly care. Robotics, 11(6), p.127. https: / / doi.org/ 10.3390/ robotics11060127 Pichler, B., Dressel, G. & Reitinger, E., 2022. Wenn Wohn- und Pflegeheime grüner werden. Die Wirkungen von Pflanzen im Kontext personenzentrierter Pflege und Betreuung. Halbmayer, K. et al., 2021. Green: Cool care - research and development of greening measures in nursing homes in Austria. Technical and social interconnections. Sustainability, 13(20). Ma, Z., Cooper, P., Daly, D. & Ledo, L., 2013. Building management systems and energy efficiency in buildings: A review. Renewable and Sustainable Energy Reviews, 25, pp.409-419. https: / / doi. org/ 10.1016/ j.rser.2013.04.060 Madakam, S., Ramaswamy, R. & Tripathi, S., 2022. IoT-based smart building management systems: A review. Journal of King Saud University - Computer and Information Sciences, 34(7), pp.4552- 4566. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.jksuci.2018.09.014 Rappe, E., 2005. The influence of a green environment and horticultural activities on the subjective well-being of the elderly living in long-term care. University of Helsinki, Department of Applied Biology, Publication 24. Korjenic, A., Dressel, V., Schiffleitner, A., Nöbauer, I. & Pichler, B., 2022. GREEN: Cool & Care - Begrünungsmaßnahmen als personenzentrierte und kognitive Unterstützung. Spezifische Modelle wie der Care-Obot dienen als Assistenzsystem für alltägliche Aufgaben, während Robovie auf menschliche Kommunikation spezialisiert ist. Studien zeigen eine überwiegend positive Bewertung durch ältere Menschen und Pflegekräfte, besonders hinsichtlich der Förderung von Selbstständigkeit und der Entlastung des Pflegepersonals. Die Akzeptanz wird dabei von Benutzerfreundlichkeit, Funktionsumfang und kulturellen Faktoren beeinflusst. Herausforderungen bestehen noch in technischen Einschränkungen, Datenschutz und ethischen Fragen. Weitere Forschungen untersuchen, ob Roboter soziale Interaktion fördern und Einsamkeit bei älteren Menschen reduzieren können (Asgharian et al., 2022). Ziel ist eine Pflege, die Mensch und Umwelt gleichermaßen in den Mittelpunkt stellt. Fazit: Innovative Begrünung und smarte Technik in Pflegeeinrichtungen AUTOR: INNEN Rosina Schachl, B Sc, Masterstudentin an der Julius Maximilian Universität im Bereich Biologie, Urlaubstraße 4 97076 Würzburg rosina.schachl@gmail.com Thomas Dandekar, Prof., Dr., Leiter Bioinformatik, Biozentrum, Julius Maximilian Universität, Am Hubland, 97074 Würzburg. PRAXIS + PROJEKTE Konzepte für Pflegeeinrichtungen 10 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0052 praxisnaher Einstieg in das quantitative Risikomanagement uvk.de Gewerbegebiete im Hitzestress Aktuelle Herausforderungen und Anpassungsstrategien auch aus der Perspektive von Beschäftigten Hitzeinseln, Arbeitsumfeld, Stadtgesundheit, Begrünung, Extremwetterereignisse, Klimaanpassung, Bestandsgebiete Kerstin Conrad, Lisa Haag, Jost Buscher Gewerbegebiete sind zentrale Standorte wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit in Kommunen, geraten jedoch durch die Klimakrise zunehmend unter Druck. Besonders Bestandsareale und dort Beschäftigte sind von Hitze betroffen, finden in der kommunalen Hitzevorsorge aber kaum Beachtung. Der Beitrag beleuchtet aktuelle Diskurse zur Klimaanpassung in Gewerbegebieten und stellt eine transformative Forschung vor, die temporäre Begrünung als Ausgangspunkt für eine partizipative Kommunikation mit Beschäftigten nutzt, um neue Wege der klimaresilienten Gestaltung und Sensibilisierung aufzuzeigen. 1. Klimawandel: Druck auf bestehende Gewerbegebiete Ein Großteil der Wirtschaftsaktivitäten in Deutschland entfällt auf Gewerbegebiete, die mit Arbeitsplatzschaffung und kommunalen (Gewerbe-)Steuereinnahmen verknüpft sind (Beständig, 2015, S. 3). Gleichzeitig gelten viele Gewerbegebiete als ‚vergessene Stadträume‘, die in Forschung und Praxis lange vernachlässigt wurden und vielfältige Problemlagen aufweisen: Dazu zählen Nutzungs- und Nachbarschaftskonflikte, brachliegende Flächen und Leerstände, mangelhafte Infrastrukturen und Verkehrsprobleme ebenso wie eine geringe städtebauliche Qualität (BBSR, 2019, S. 8; BBSR, 2020, S. 73; Schack et al., 2024, S. 133). Insbesondere ihre Sensitivität gegenüber den Folgen des Klimawandels rückt jedoch zunehmend in den Fokus (Abromeit et al., 2021, S. 6). Aufgrund ihrer Lage (Nähe zu Gewässern, Hanglagen etc.) und hoher Versiegelungsgrade sind Gewerbegebiete häufig von Starkregenereignissen und Überflutungen betroffen (Abromeit et al., 2021, S. 10; Beständig, 2015, S. 12). Eine oft dichte Bebauung und fehlende Grünstruk turen begünstigen zudem, dass Gewerbegebiete im Sommer zu regel- 12 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0053 haltigen Gestaltung von Gewerbeflächen bislang begrenzt ist, sind in den vergangenen Jahren vermehrt praxisorientierte Leitfäden entstanden, bspw. durch Forschungseinrichtungen, Landesministerien oder unternehmerische Interessenvertretungen wie Industrie- und Handelskammern. Die Mehrzahl dieser Dokumente präsentieren auch Lösungen für die Anpassung von bestehenden Gewerbegebieten. Im Rahmen des Forschungsprojekts NAWISWF (Nachhaltige Wirtschaftsflächen für Südwestfalen, gefördert durch EFRE/ JTF-Programm NRW 2021- 2027) wurden diese ausgewertet und zentrale Ansätze zum Umgang mit Hitze destilliert sowie thematische Querbezüge aufgezeigt. 2.1 Flächenbezogene Maßnahmen Der naturnahen Gestaltung von F irmengeländen kommt eine zentrale Rolle bei der Minderung sommerlicher Hitzeinseln zu (Bodensee-Stiftung, 2022, S. 2). Dies kann durch das Anlegen von Wasserflächen und das Schaffen von Grünflächen erfolgen ( Wissenschaftsladen Bonn e.V., 2019, S. 17; Abromeit et al., 2021, S. 13, 65). Auf diesen Flächen wird durch die Verdunstung Wärmeenergie verbraucht, sodass trockene Stadtluft gekühlt und die Luftfeuchtigkeit erhöht wird (IHK Potsdam, 2023, S. 18). Ebenfalls fördern diese Flächen durch visuelle Eindrücke, Gerüche und Geräusche das Wohlbefinden von Beschäftigten bei Hitzestress (WFG Kreis Unna, 2020, S. 43; Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH, 2022, S. 30). Darüber hinaus können Bäume neben der Verdunstungskälte auch durch Verschattung eine kühlende Wirkung entfalten (Wissenschaftsladen Bonn e. V., 2019, S. 8). In bestehenden Strukturen sind allerdings häufig Entsiegelungsmaßnahmen eine notwendige Voraussetzung. In Gewerbegebieten werden dafür vor allem die weitläufigen und teils untergenutzten Park- und Lagerflächen ins Auge gefasst ( VDI Zentrum Ressourceneffizienz GmbH, 2018, S. 50; Business Metropole Ruhr GmbH, 2019, S. 41). Diese zumeist dunklen Oberflächen können sich in den Sommermonaten auf über 50 Grad Celsius aufheizen (Abromeit et al., 2021, S. 11). Deren Umwandlung zu begrünten oder teilweise entsiegelten Flächen, zum Beispiel durch den Einsatz von Rasengittersteinen, stellt daher eine wichtige Anpassungsmaßnahme dar. 2.2 Gebäudebezogene Maßnahmen Eine weitere Möglichkeit, dem Hitzeinseleffekt entgegenzutreten, ist der vermehrte Einsatz von Gebäudebegrünung. Sowohl Dachals auch Fassadenbegrünungen können durch ihre natürlich bedingte, ausgleichende Wirkung das Mikroklima vor allem in Hitzeperioden verbessern (BfN, 2015, S. 19,25; Abromeit et al., 2021, S. 13,61-63; Roost et al., 2021, S. 74). Weiterhin von Vorteil ist, dass die Begrünung des Gebäudes gleichzeitig eine Dämmfunktion nach innen aufweist und somit die Erwärmung im Gebäude reduziert (HLNUG, 2021, S. 6-8; Sieber & Valentin, 2023, S. 6). Zur Reduzierung der Hitzeentwicklung in Gewerbeimmobilien werden weitere objektbezogene Maßnahmen empfohlen wie Sonnen- und Hitzeschutz und helle Fassaden, um die Einstrahlung und damit verbundene Aufwärmung im Gebäude zu reduzieren (Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH, 2022, S . 30; HMW V W, 2024, S. 45). Sonnenstandregulierte Photovoltaikanlagen werden hierfür als ein besonderes, multifunktionales Beispiel genannt (IHK Hanau, 2022, S. 4). Überdies kommen der Stellung und Ausrichtung der Gebäude eine zweifache Bedeutung rechten Hitze-Hotspots werden können (Abromeit et al., 2021, S. 11). Die Folgen solcher Extremwetterereignisse sind erheblich: Neben ökonomischen Schäden, wie Sachschäden an Gebäuden, treten insbesondere auch humanitäre Schäden wie gesundheitliche Beeinträchtigungen und eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Beschäftigten in den Vordergrund (Abromeit et al., 2021, S. 12; HLNUG, 2021, S. 6,13). Studien belegen, dass die Hitzebelastung für Arbeitnehmer*innen in Europa seit 2020 besonders stark ansteigt (Flouris et al., 2024, S. 17). Auch in Deutschland berichten viele Beschäftigte von gesundheitlichen Beschwerden. Produktivitätsverluste und Arbeitsunfälle bringen erhebliche wirtschaftliche Folgen mit sich (Storm u. Nürnberg, 2024, S. 41ff.; Eiserbeck, 2024, S. 13). Bes tandsgebiete rücken im Zuge des wachsenden Bewusstseins über Klimaveränderungen, der Notwendigkeit zum Flächensparen und veränderter städtebaulicher Leitbilder wieder stärker in den Fokus kommunaler Planung (BBSR, 2019, S. 8; BBSR, 2021, S. 6). Dabei steigen auch die Anforderungen an Gewerbegebiete, nicht nur funktional gestaltet zu sein, sondern eine attraktive und gesundheitsfördernde Arbeitsumgebung zu bieten (Wagner-Endres et al., 2018, S. 23ff.). Dieser Beitrag fokussiert daher die Herausforderung zunehmender Hitze in Gewerbegebieten und zeigt ausgehend von planerisch gemeinhin diskutierten Klimaanpassungsstrategien auch Ergebnisse einer lokalen Intervention mit temporärer Begrünung und einer begleitenden Beschäftigtenbefragung auf. 2. Strategien gegen Hitze in Gewerbegebieten Obwohl die wissenschaf tliche Auseinandersetzung mit der nach- PRAXIS + PROJEKTE Gewerbegebiete 13 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0053 tige Anknüpfungspunkte zu anderen Nachhaltigkeitsaspekten auf. Insbesondere der Ausbau von grün-blauer Infrastruktur in Kombination mit Entsiegelungsmaßnahmen er weis t sich als überaus wichtig für die Starkregenvorsorge. Als vorteilhaft stellt sich hierbei auch die reduzierte Abwassergebühr für Unternehmen dar (IHK Potsdam, 2023, S. 12). Ähnliches gilt für die geringeren energetischen und damit finanziellen Auf wendungen für die Kühlung von Gebäuden und Maschinen, sofern entsprechende Begrünungsmaßnahmen realisiert wurden (Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH, 2022, S. 31). Weitere Vorteile sind die optische Aufwertung bestehender Strukturen im Gewerbegebiet, die verbesserte Adressbildung für ansässige Unternehmen sowie zusätzliche Beiträge zum Klima- und Umweltschutz. Darüber hinaus tragen ent sprechende Maßnahmen zur Steigerung der Arbeits- und Aufenthaltsqualität sowie zum Erhalt und zur Förderung der Gesundheit der Beschäftigten bei. Letzteres wird im Folgenden anhand eines Fallbeispiels näher ausgeführt. 2.3 Synergien zu anderen Nachhaltigkeitsaspekten Die dargeleg ten Maßnahmen zur Hitzevorsorge in Gewerbegebieten er füllen dabei nicht nur den Zweck, das Mikro- oder Innenraumklima erträglicher zu machen, sondern weisen vielfälim Kontext Hitze zu. Zum einen können intelligente Gebäude stellungen von vornherein für den S chat tenwur f eingeplant werden (IHK Potsdam, 2023, S. 18-19), sodass zum Beispiel Aufenthalts- oder Arbeitsbereiche für Beschäftige zu bestimmten Tages zeiten im S ommer verschattet sind. Zum anderen sollten vor allem Frischluftschneisen zur Kaltluftversorgung des Gewerbegebiets möglichst von Bebauung freigehalten werden (Wissenschaftsladen Bonn e. V., 2017, S. 9; WFG Kreis Unna, 2020, S. 14). Auch wenn diese Vorschläge vorrangig auf die Neuplanung abzielen, sollte die Bedeutung von Frischluf t ver sorgung bei etwaigen Sanierungs-, Umbau- oder Verdichtungsmaßnahmen in bestehenden Strukturen berücksichtigt werden. Zur konkreten Ausgestaltung bie te t si c h demzu folge e ine Vielfalt an Maßnahmen an (Tabelle 1). Bild 1: Hitzeinseln in der Stadt Dortmund; Gewerbegebiet Dorstfeld-West, Grafik: ILS; Datengrundlage: Landsat 8 image courtesy of the U.S. Geological Survey Tabelle 1: Exemplarische Umsetzungsmöglichkeiten zur Reduzierung des Hitzestresses im Gewerbegebiet (Eigene Darstellung) PRAXIS + PROJEKTE Gewerbegebiete 14 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0053 mer ’ geladen. Fachliche Impulse zu Hitzestress und Starkregen informierten über städtische Maßnahmen auf Gebietsebene sowie aktuelle wissenschaftliche und praxisrelevante Erkenntnisse. Der Austausch vor Ort förderte die Vernetzung und vertiefte die Auseinandersetzung mit klimabezogenen Herausforderungen im Gewerbegebiet. Im Rahmen ‚Grüner Mittagspausen’ wurde mithilfe verschiedener Informationsmaterialien für das Thema Hitzebelastung im Arbeitsumfeld sensibilisiert und die Beschäftigten vor Ort durch Kartierung aktiv in die Identifikation von kühlenden Orten und Wegen einbezogen. Darüber hinaus wurden in einer Beschäftigtenbefragung die wahrgenommene Hitzebelastung, die Nutzung des Außenraums sowie gewünschte Maßnahmen im Arbeitsumfeld abgefragt. 3.2 Beschäftigtenbefragung und -beteiligung Obgleich die quantitativen Ergebnisse auf einer vergleichsweise geringen Stichprobe (n = 41) basieren und primär Arbeitnehmende im Büro erfassen, lassen sich durch Kopplung der verschiedenen Erhebungsmethoden (Vor-Ort-Kartierung, Gespräche und Befragung) erste empirische Erkenntnisse ableiten: Im Einklang mit aktuellen Studien berichten die Befragten, bei Hitze tendenziell eine geringere Produktivität, Motivation und Konzentrationsfähigkeit wahrzunehmen. Trotz bereits vorhandener Maßnahmen und Angebote zur Hitzeanpassung seitens der Unternehmen fühlen sich nahezu 70 % der Befragten ungenügend über die Auswirkungen von Hitze am Arbeitsplatz informiert, knapp die Hälfte (44 %) wünscht sich eine verstärkte Aufklärung und weiterführende Informationsmaterialien (Bild 3). Aus einer stadtplanerischen Perspektive erscheinen insbesondere die Ergebnisse zur Nutzung und Wahrnehmung der Außenräume relevant. Die Mehrheit der Befragten gibt an, Pausen nur selten außerhalb des Unternehmensgeländes zu verbringen und weist eine geringe Ortskenntnis 3. Transformativer Forschungsansatz im Gewerbegebiet Im Rahmen des ILS-Forschungsprojek te s C ATC H 4 D (C limate Adaptation through Thermographic Campaign and Heatmapping, www.catch4d.de, gefördert von ICLEI Europe und google.org) wurde am Beispiel des Dortmunder Gewerbegebiets Dorstfeld-West ein Bestandsgebiet und dessen Außenbereiche als städtisches Arbeitsumfeld im Kontext von Hitzestress untersucht. Das 120 Hektar große, innenstadtnahe Areal ist ein klassisches Gewerbegebiet (1950er Jahre) mit großer Branchenvielfalt und heterogenen Flächen- und Eigentumsstrukturen (Stadtraumkonzept GmbH et al., 2015, S. 18f.; EPC, 2023, S. 13). Trotz bereits umgesetzter kommunaler Projekte zur Klimaanpassung (u. a. Klimaschutzteilkonzept, Gebietsmanagement) liegen aufgrund hoher Versiegelungsgrade und geringer Grünanteile in weiten Teilen des Gebiets nach wie vor starke Hitzebelastungen vor (Bild 1). 3.1 ‚Grünes Zimmer‘ als temporäre Intervention Als temporäre Intervention wurde ein ‚Mobiles grünes Zimmer ®’ für zwei Wochen im August 2024 auf einem privaten Parkplatz im Gewerbegebiet aufgestellt: Eine freistehende Grünwand mit Sitzgelegenheiten und Spalierdach als schattenspendender, kühlender Bereich (Bild 2). Dort bildete es als ‚Urban Living Lab’ im Sinne transformativer Forschung den Ausgangspunkt für diverse Aktivitäten für und mit lokalen Akteur*innen. Die Aktivitäten zielten darauf ab, Beschäftigte sowie auch die Umsetzungsebene für betriebliche Klimaanpassungsmaßnahmen im Gewerbegebiet zu erreichen. In Kooperation mit dem Gewerbegebietsmanagement wurde zu einem Unternehmer*innenfrühstück ins ‚Grüne Zim- Bild 2: Das ‚Grüne Zimmer ‘ im Gewerbegebiet Dorstfeld West, Foto: ILS Bild 3: Auswertung Beschäftigtenbefragung: Unternehmensseitige Maßnahmen zur Reduktion der Hitzebelastung, Grafik: ILS PRAXIS + PROJEKTE Gewerbegebiete 15 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0053 LITERATUR Abromeit, H., Christian, T., Ernst, H., Fuchs, M., Greiving, S., Keulen, J., Schmitt, J. P. & Vielhauer, L. S. (2021). Handlungsleitfaden zur Entwicklung von klimawandelangepassten Industrie- und Gewerbegebieten. https: / / eldorado.tu-dortmund.de/ bitstreams/ 38cf9461-3507-47cc-a175- 77ade53b0c00/ download BBSR- Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. (2019). Nachhaltige Weiterentwicklung von Gewerbegebieten. 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Abschlussbericht 2019. https: / / www. umsicht.fraunhofer.de/ content/ dam/ umsicht/ de/ dokumente/ referenzen/ ressourceneffiziente-gewerbegebiete/ zwei Wochen zahlreiche Beschäftigte und Unternehmer*innen vor Ort erreicht und zudem vernetzt werden. Das ‚Grüne Zimmer’ diente dabei als anschauliches Beispiel, um die Wirkung einer naturnahen Flächengestaltung sowie schattiger, kühlender Aufenthaltsorte im Freien aufzuzeigen. Wie in Kapitel 2 des Beitrags aufgezeigt, existiert eine Vielzahl an praxisorientierten Leitfäden, die Lösungsansätze und Maßnahmen präsentieren. Um Klimaanpassungsmaßnahmen anzustoßen, ist jedoch die Mitwirkung privater Eigentümer*innen und Unternehmer*innen entscheidend. Ihre gezielte Ansprache, Aufklärung und Aktivierung gelten als zentrale Voraussetzungen jeder planerischen Intervention. Als besonders hilfreich erweisen sich Multiplikatoren wie das Gebietsmanagement, das Unternehmen untereinander vernetzt und den Zugang zum Gebiet erleichtert. Auch wenn die Ansprache der Beschäftigten eine Herausforderung darstellte, gibt die Studie interessante Einblicke auch für s tadtplanerische Maßnahmen durch die Erhebung der Nutzung von Außenräumen durch die Beschäf tig ten. So können bestehende Bewegungsräume von Beschäftigten als strategische Ansatzpunkte für gezielte hitzesensible Aufwertungsmaßnahmen dienen, um nicht nur zur Schaffung einer gesunden Arbeitsumgebung beizutragen, sondern auch, um bestehende Gebiete zu beleben und stärker in den städtischen Kontext zu integrieren. Insgesamt zeigt sich, dass Gewerbegebiete insbesondere im Bestand ein zentrales und bis dato unterbeleuchtetes Forschungs- und Handlungsfeld sind, um gesamtstädtisch klimaresiliente und integrierte Räume zu entwickeln. auf, bspw. sind vorhandene Grünflächen im direkten Umfeld nicht bekannt (Bild 4). Etwa ein Drittel hingegen nutzt die Pausen regelmäßig für Aufenthalte im Freien und sucht gezielt grüne Wege für Spaziergänge auf (Bild 5). Sowohl die Kartierungen als auch die qualitativen Erhebungen zeigen, dass im näheren Umfeld potenziell nutzbare Erholungsräume und ein Wegenetz an Spazierwegen vorhanden sind. Die geäußerten Wünsche zur Gestaltung des Außenraums betreffen neben einer stärkeren Begrünung der Unternehmensflächen vor allem die Attraktivierung der Wegeverbindungen in die umgebenden Grünflächen. 4. Reflexion, Diskussion und Fazit Die dargelegten Erkenntnisse verdeutlichen die Relevanz, bestehende Gewerbegebiete stärker in den Fokus kommunaler Klimaanpassung zu rücken - nicht nur wegen ihrer wirtschaftlichen und flächenhaften Bedeutung, sondern auch aufgrund ihrer Auswirkungen als städtische Hitzeinseln. Das vorges tellte Projek t in Dorstfeld-West zeigt einen innovativen Ansatz zur Ansprache von Akteur*innen vor Ort, um für das Themenfeld Hitzebelastung im Arbeitsumfeld zu sensibilisieren. Durch die temporäre Begrünungsmaßnahme konnten innerhalb von Bild 5: Zitat einer/ s Beschäftigten im Gewerbegebiet Dorstfeld-West, Grafik: ILS Bild 4: Zitat einer/ s Beschäftigten im Gewerbegebiet Dorstfeld-West, Grafik: ILS PRAXIS + PROJEKTE Gewerbegebiete 16 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0053 www.ressource-deutschland.de/ fileadmin/ user_upload/ 1_Themen/ h_ Publikationen/ Kurzanalysen/ VDI_ZRE_Kurzanalyse_Nr._22_Ressourceneffizienzpotenziale_von_Gewerbegebieten_bf_01.pdf Wagner-Endres, S, Wolf, U, Zwicker- Schwarm, D. (2018). Neue Konzepte für Wirtschaftsflächen. Herausforderungen und Trends am Beispiel des Stadtentwicklungsplanes Wirtschaft in Berlin (Difu-Impulse, Band 4/ 2018). https: / / repository.difu.de/ bitstreams/ 8ea971a5-6840-4d56a04a-70d79100f8b2/ download WFG Kreis Unna - Wirtschaftsförderung für den Kreis Unna. (2020). 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I., AUTOR: INNEN Kerstin Conrad, Dr.-Ing., Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Mobilität und Raum, ILS-Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Dortmund, kerstin.conrad@ils-forschung.de https: / / orcid.org/ 0009-0006-7935-147X Lisa Haag, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Raumbezogene Planung und Städtebau, ILS-Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Dortmund, lisa.haag@ils-forschung.de, https: / / orcid.org/ 0009-0003-8978-949X Jost Buscher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Stadt- und Regionalplanung, Technische Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung, jost.buscher@tu-dortmund.de, https: / / orcid.org/ 0009-0008-0742-7441 PRAXIS + PROJEKTE Gewerbegebiete 17 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0053 Fassadenbegrünung neu gedacht Impuls für kostengünstige, partizipative Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen mit integrierter Bildungsarbeit an Schulen Fassadenbegrünung, Klimaschutz, Klimaanpassung, Whole Institution Approach, Bildung für nachhaltige Entwicklung Swenja Rosenwinkel, Nicole Wozny Trotz des bekannten Potenzials hinkt die Umsetzung von Fassadenbegrünungen in deutschen Städten hinterher. Das Projekt Fassadenbegrünung und Biomasseverwertung für Klimaschutz an Schulen (FaBiKli) kombiniert erstmals die Umsetzung von Fassadenbegrünungen mit Bildungsarbeit an Schulen in Berlin und demonstriert das Potenzial der Vervielfältigung im öffentlichen Gebäudebestand einerseits durch die Nutzung eines kostengünstigen, gebäudeschonenden Systems und andererseits durch das partizipative, im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gestaltete Projektdesign. 1. Einleitung Städtische Räume stehen angesichts der fortschreitenden Klima- und Biodiversitätskrise vor tiefgreifenden Transformationsaufgaben. Hitzeextreme, zunehmende Versiegelung, Schadstoffbelastung sowie fehlende innerstädtische Freiräume zur Entwicklung neuer Grünflächen stellen Kommunen vor die Frage, wie Flächen intelligenter, multifunktionaler und gerechter genutzt werden können. Gleichzeitig wächst der Druck klimaresiliente Infrastrukturen zu schaffen, insbesondere im urbanen Bestand, wo Raum knapp, Nutzungskonflikte hoch und bauliche Veränderungen aufwendig sind. Auch Schulen sind als öffentliche Einrichtungen und zentrale Orte gesellschaftlicher Entwicklung besonders gefordert, aktiv zur ökologischen und sozialen Transformation der Städte beizutragen. Ihre bauliche Präsenz, ihre Funktion als Lern- und Lebensorte und ihr Vorbildcharakter machen sie zu idealen Ausgangspunkten für sichtbare und wirkungsvolle Maßnahmen im Bereich Klimaschutz und Klimaanpassung. Fassadenbegrünungen bieten ein im öffentlichen Gebäudebestand bislang weitgehend ungenutztes Potenzial: Sie tragen zur 18 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0054 kostengünstigen, wartungsarmen und gebäudeschonenden Begrünungssystems unmittelbar reduziert. Zum anderen werden in Kooperation mit Verwaltung, Planung und Bildungspraxis weitergehende institutionelle und strukturelle Hemmnisse identifiziert und systematisch aufgearbeitet. Ziel ist es, sowohl auf technischer als auch auf organisatorischer Ebene Voraussetzungen für eine flächendeckende Vervielfältigung von Fassadenbegrünungen, insbesondere an Schulen, zu schaffen. 2.1 Abbau von Kosten durch low-tech System und partizipative Pflege Das im FaBiKli-Projekt von der Technischen Universität Berlin entwickelte Begrünungssystem (siehe Bild 1) basiert auf einem bodengebundenen System, das an Seilen rankende Kletterpflanzen nutzt. Die Auswahl der Materialien folgt einem ressourcenschonenden und kostengünstigen Prinzip: Wiederverwendete IBC-Container dienen als Pflanzgefäße, kompostierbare Hanfseile ersetzen energieintensives Edelstahl, Substrate enthalten recycelte Bestandteile und zur Bewässerung wird mit einem Regendieb gewonnenes Regenwasser verwendet, unterstützt durch eine solarbetriebene Pumpe. Die verwendeten Materialien tragen somit durch ihre Wiederverwendung und ihre lokale Beschaffung zu einer verbesserten Ökobilanz des Fassadenbegrünungssystems bei. Die Kosten für das Material lagen bei unter 6.000 €, deutlich unterhalb marktüblicher Systeme. Ein wesentliches Merkmal des Systems ist die Möglichkeit zum Herablassen der Bepflanzung vom Boden aus: Die Rankseile können durch einen einfach zu bedienenden Seilzugmechanismus vom Boden aus abgesenkt werden, wodurch Pflegeschnitte vom Boden aus oder sogar eine vollständige Ernte der Pflanzen möglich ist. Dadurch entfällt der Einsatz teurer Hebetechnik, was Personal- und Betriebskosten reduziert. Im FaBiKli-Projekt wur- Minderung urbaner Hitzeinseln bei, verbessern das Mikroklima, binden Feinstaub und fördern Biodiversität. Ihr Nutzen reicht dabei weit über ökologische Effekte hinaus - sie stärken auch Gesundheit, Aufenthaltsqualität und Umweltbewusstsein in der Stadtbevölkerung. Gerade im Bestand sind vertikale Grünstrukturen ein wichtiger Hebel, um vorhandene Flächen effizient und nachhaltig zu aktivieren [1]. Das vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) e.V. und der Technischen Universität Berlin durchgeführte und vom Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) und dem Umwelt- und Naturschutzamt des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf geförderte Projekt „Fassadenbegrünung und Biomasseverwertung für Klimaschutz an Schulen“ (FaBi- Kli) hat dieses Potenzial erstmals empirisch an drei Berliner Schulen untersucht und innovative Handlungsoptionen für Kommunen, Planende und Bildungsakteur*innen aufgezeigt [2], die hier zusammengefasst dargestellt werden. 2. Wie können Fassadenbegrünungen vervielfältigt werden? Die Umsetzung von Fassadenbegrünungen im öffentlichen Gebäudebestand scheitert in der Praxis häufig an einer Kombination aus wirtschaftlichen, technischen und prozessualen Hürden. Zu den häufigsten Hemmnissen zählen hohe Investitionskosten für innovative Systeme, unübersichtliche oder langwierige Genehmigungsprozesse, wiederkehrende Aufwendungen für Pflege und Wartung sowie die Sorge vor Schäden an der Gebäudefassade oder einer Zunahme an Insekten [3]. Das Projekt FaBiKli setzt hier auf zwei ineinandergreifende Lösungsansätze: Zum einen werden Barrieren durch die Anwendung eines besonders Bild 1: FaBiKli-Fassadenbegrünungssystem: Hopfenaufwuchs an Hanf-Rankseilen an einer Schule in Berlin (© Thomas Nehls 2025). PRAXIS + PROJEKTE partizipativer Klimaschutz 19 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0054 somit potenziell einzelne Genehmigungsschritte überflüssig machen könnte. Durch die Einbindung von Schüler*innen und Lehrkräften wird die Verantwortung für Pflege und Ernte zwar zunächst übergeben, jedoch ist für eine langfristige Sicherstellung der Pflege die Einbindung weiterer Akteur*innen, wie etwa Hausmeister*innen oder für die Grünpflege zuständige Institutionen, erforderlich. So wird sichergestellt, dass das notwendige Know-how nicht ausschließlich an einzelne Personen innerhalb des Lehrkörpers gebunden ist. Aus dem FaBiKli-Projekt lassen sich einige Empfehlungen zur Überwindung typischer Umsetzungsbarrieren ableiten. Es braucht klare Regelungen innerhalb der öffentlichen Verwaltung: Wer ist Ansprechpartner*in für Begrünungsprojekte an Schulen? Welche Vorgaben gelten? Welche Pflichten und Chancen ergeben sich, etwa im Bereich der Pflege? Eine gute Koordination innerhalb und zwischen Behörden ist zentrale Voraussetzung für eine gelingende Umsetzung. Außerdem sollte die gesamte Schulgemeinschaft frühzeitig strukturell eingebunden werden. Durch gemeinsam gestaltete Planungs- und Pflanzworkshops lassen sich Akteursrollen definieren, Pflegeaufgaben institutionalisieren und Mitverantwortung stärken. 2.3 Welche Relevanz hat die in die Bildungsarbeit integrierte Umsetzung? Die Stärke des FaBiKli-Projekts liegt in der engen Verknüpfung von praktischem Klimaschutz und Bildung. Die Begrünung wird nicht als Fremdkörper „an“ die Schule gebracht, sondern im Sinne eines Whole Institution Approach als Bildungserlebnis integrativ und partizipativ gestaltet. Diese Art von ganzheitlich nachhaltiger Transformation der Bildungseinrichtunzeigen, dass vor allem mangelnde Zuständigkeiten, Unsicherheiten in der Genehmigungspraxis sowie fehlendes Wissen über statische, brandschutzrechtliche und pflegetechnische Anforderungen hemmend auf die Umsetzung wirken. Trotz grundsätzlicher Offenheit gegenüber Begrünungsmaßnahmen berichten viele Akteur*innen von Unsicherheiten bezüglich rechtlicher Vorgaben, der Einschätzung möglicher Schäden an der Substanz sowie der Frage, wer für Pflege und Wartung verantwortlich ist. Entscheidungsprozesse im Schulbereich, besonders bei Bestandsgebäuden, erfordern zudem die Zustimmung mehrerer Stellen, etwa der kommunalen Bauaufsicht, des Gebäudemanagements oder dem Schulträger. Das führt oft zu erheblichen Verzögerungen oder zur Einschränkung von Gestaltungsmöglichkeiten. Neu gedacht wird Fassadenbegrünung im FaBiKli-Projekt durch die Entwicklung eines gebäudeschonenden, modularen Systems, das nicht in die Bausubstanz eingreift, standardisierte Komponenten nutzt und den aufgrund dieser Systemeigenschaft Nutzpflanzen als Rankpflanzen gewählt und diese jährlich zusammen mit den Hanfseilen im Herbst geerntet, wobei neue Seile für das nachfolgende Jahr angebracht wurden. Neben Hopfen als schnell wachsender, hitzetoleranter Dauerpflanze wurde auch die essbare Feuerbohne gepflanzt, da sich diese in das schulische Bildungsprogramm didaktisch gut einbinden lässt. Die leichte Systembedienung lässt sich nach einer Einführung von Schüler*innen und Lehrkräften bewerkstelligen. Langfristig kann die partizipative Pflege sowohl die Akzeptanz vor Ort erhöhen als auch laufende Betriebskosten senken. 2.2 Abbau von Prozessbarrieren Im Rahmen von Fokusgruppengesprächen und Interviews mit Vertreter*innen aus Brandschutz, Statik, Facility Management und Schulleitungen wurden im FaBiKli- Projekt zentrale prozessuale Barrieren bei der Umsetzung von Fassadenbegrünungen im Schulkontext identifiziert [4]. Die Ergebnisse Bild 2: Angenommene Wirkungslogik angewandt auf das FaBiKli-Projekt (aus [2]). Die umgesetzten Fassadenbegrünungen und begleitenden Bildungsangebote (Output) fördern die Akzeptanz, Handlungsu. Gestaltungskompetenz der involvierten Akteur*innen (Outcome) und führen somit zu vermehrten Umsetzungen von Fassadenbegrünungen für mehr Klimaschutz und -anpassung (Impact). Diese vermehrte Umsetzung fördert ihrerseits die Akzeptanz und damit wiederum die vermehrte Umsetzung. PRAXIS + PROJEKTE partizipativer Klimaschutz 20 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0054 damit nicht nur in der Gegenwart - es fördert auch die Akzeptanz und somit die vermehrte Umsetzung von Fassadenbegrünungen in der Zukunft [2] (Bild 2). 3. Fazit und Ausblick Die Ergebnisse des FaBiKli-Projekts zeigen, dass Fassadenbegrünung an Schulen keine technische, sondern eine institutionelle Herausforderung ist. Das vorgestellte System ermöglicht eine partizipative, kostengünstige und ökologisch wirksame Umsetzung im Bestand und bietet zugleich ein starkes Bildungsangebot für die Schüler*innen. Um die Verbreitung solcher Systeme zu fördern, braucht es eine klar unterstützende Rolle der Kommunen: Neben Förderprogrammen und Genehmigungserleichterungen sollten sie auch Beratung und begleitende Bildungsbausteine strukturell ermöglichen. Insbesondere im Kontext bildungspolitischer Zielsetzungen wie BNE bieten Begrünungsmaßnahmen eine ideale Schnittstelle zwischen Bildung, Klimaresilienz und sozialem Lernen. Es sind weitere Umsetzungen an Schulen in Berlin geplant. Das FaBiKli-Modell dient als Blaupause für engagierte Kommunen, Schulen und Initiativen und somit als Einladung zur Nachahmung, Weiterentwicklung und Skalierung auf dem Weg zu einer klimaangepassten, gerechten und gemeinschaftlich gestalteten Stadt der Zukunft. LITERATUR [1] Mann, G. (2024): Nachträgliche Begrünung bestehender Gebäude: Forschungsprojekt BestandsGebäudeGrün, Quartier Fachmagazin Für Urbanen Wohnungsbau, Ausgabe 1, 2024. [2] Rosenwinkel, Swenja, Wozny, Nicole, Dahm, Yannick, Hankel, Hanna, Günther, Maike und Nehls, Thomas (2024): Fassadenbegrünungen an Schulen: Potenzial für Klimaschutz, Klimaanpassung und Bildungsarbeit, Unabhängiges Institut für Umweltfragen (UfU) e.V. (Hrsg.) [3] Hoffmann, Karin, Schröder, Sebastian, Nehls, Thomas, Pitha, Ulrike, Pucher, Bernhard, Zluwa, Irene, Gantar, Damjana, Erjavec, Ina, Kozamernik, Jana, Breu, Sandra, Koblar, Simon, Kühle, Lukas, Macher, Marlies, Prenner, Flora, Roesch, Emil, Schnepf, Doris, Yeh, Chung-Kee (2023): Vertical Green 2.0 - The Good, the Bad and the Science. 10.14279/ depositonce-16619. [4] Hankel, Hanna (2025): Grünes Lernen - Implementierungsbarrieren integrativer Fassadenbegrünung an Berliner Schulen, Masterarbeit, Technische Universität Berlin. [5] UN (2015): Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development, UN. General Assembly (70th sess.: 2015-2016), https: / / digitallibrary.un.org/ record/ 1654217? ln=en&v=pdf [6] Deutscher Bundestag (2017): Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) Nationale Umsetzung: Strukturelle Verankerung und rechtliche Anbindung, https: / / www.bundestag.de/ resource/ blob/ 405040/ 7d7 1661c12f308f89f7e0872c33f0fa8/ wd-8-042-17-pdf-data.pdf [7] Yannick Luca Dahm, Thomas Nehls, Productive urban green façades - Biomass and bioenergy, Urban Forestry & Urban Greening, Volume 112, 2025, https: / / doi.org/ 10.1016/ j. ufug.2025.128951. [8] Günther, Maike (2024): Evaluation der Bildungsarbeit des Projektes „FaBiKli“- Fassadenbegrünung und Biomasseverwertung für Klimaschutz an Schulen, Masterarbeit, Berliner Hochschule für Technik. Eingangsabbildung : © JennyKurth2023 gen ist als Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) mit der Agenda 2030 [5] gefordert und auf nationaler Ebene mit dem Nationalen Aktionsplan BNE [6] strukturell umzusetzen. Schüler*innen und Lehrkräfte sind von Beginn an in Planung, Umsetzung und Pflege eingebunden. Die Fassadenbegrünung dient als lebendiges Lernobjekt, an dem Aspekte wie Wasserkreislauf, CO 2 -Bindung und Ernährung direkt verständlich werden. Forschung im kleinen Maßstab, etwa Temperaturmessungen an begrünten und unbegrünten Bereichen, Keimungsversuche, das Messen der Wuchshöhen unterschiedlicher samenfester Bohnensorten oder Beobachtungen der lokalen Insektenvielfalt, vermittelt Grundlagen des Klimaschutzes, der Klimaanpassung und Biodiversitätsförderung anschaulich und alltagsnah. Das FaBiKli-Projekt verknüpft den Biomasseaufwuchs der Fassadenbegrünung im Sinne einer Kreislaufwirtschaft mit der Biomasseverwertung. Die Kompostierung im Schulgarten und direkte Verarbeitung geernteter Pflanzen fördern systemisches Denken und Selbstwirksamkeitserleben. Die Schüler*innen unterstützen außerdem mit der Ernte der Pflanzen die Vorbereitungen der wissenschaftlichen Auswertung der Biomasse zur Analyse des energetischen Nutzungspotenzials (Ergebnisse veröffentlicht in [7]), indem sie unterschiedliche Pflanzenbestandteile voneinander trennen und wiegen. Die begleitende Evaluation des Projekts zeigt, dass insbesondere das Interesse an „Pflanzen in der Stadt“ gestiegen ist [8]. In einem Umfeld, in dem viele junge Menschen sich ohnmächtig gegenüber der Klimakrise fühlen, vermittelt die aktive Teilhabe an einem sichtbaren, wachsenden Projekt konkrete Handlungsoptionen und Zukunftszuversicht. Die Wirkung des FaBiKli-Projekts liegt AUTOR: INNEN Swenja Rosenwinkel, Dr., Projektleiterin Unabhängiges Institut für Umweltfragen -UfU e.V., Fachgebiet Transformative Bildung und Klimaschutz swenja.rosenwinkel @ufu.de Nicole Wozny, M.Sc., Projektleiterin Unabhängiges Institut für Umweltfragen -UfU e.V., Fachgebiet Umweltrecht und Partizipation PRAXIS + PROJEKTE partizipativer Klimaschutz 21 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0054 Wie sich Cochem-Zell dem Klimawandel stellt Hitze, Trockenheit, Ernteausfall, Extremwetter, Regen, Ahrtal, Anpassung Tanja Sprenger Der Sommer 2021 hat eindrücklich gezeigt, welche verheerenden Folgen Extremwetterereignisse in Deutschland haben können. Im Ahrtal fielen innerhalb kurzer Zeit rund 200 Liter Regen pro Quadratmeter. Das bekamen sowohl die Menschen als auch die Infrastruktur und Natur vor Ort zu spüren. Der Landkreis Cochem-Zell, knapp eine Autostunde vom Ahrtal entfernt, entwickelt deshalb gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Drees & Sommer und dem österreichischen Unternehmen alpS ein Klimaanpassungskonzept. Erste Studien der Expert: innen zeigen bereits: Der Landkreis muss sich auf häufiger auftretende Wetterextreme einstellen. Das Ausmaß des Klimawandels macht sich in der Region bereits bemerkbar. Die Temperaturen sind in den vergangenen Jahren um bis zu 1,8 Grad gestiegen, Nächte mit Frost werden seltener, Trockenperioden dauern länger. Im Jahr 2024 fiel die Weinernte an der Mosel so gering aus wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Klimaanpassungskonzept soll hier greifen und die Region künftig besser für den Umgang mit Extremwetter vorbereiten. Bis Oktober 2026 entsteht das Konzept, das die vorhandenen Strukturen im Kreisgebiet durchleuchtet, Lücken aufzeigt und konkrete Schritte zur Anpassung an die veränderten klimatischen Gegebenheiten ableitet. Regionale Topografie als Risikofaktor Zwischen Osteifel, Hunsrück und dem engen Moseltal gelegen, weist der Landkreis Cochem-Zell 22 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0055 sowohl kurzals auch langfristig die Resilienz der Region stärken. Ein besonderer Fokus dabei liegt auf naturbasier ten A nsät zen: Dächer und Fassaden begrünen, klimaresiliente Bäume pflanzen, Land nachhaltig nutzen und Rückhalteflächen zurückgewinnen. Sie verbessern das Mikroklima und die Lebensqualität, fördern die Artenvielfalt und schützen die Ökosysteme. Insbesondere kleinere G e meinden in der Region arbeiten bereits an Starkregenkonzepten, um Überflutungsrisiken besser zu beherrschen. Dass Handlungsbedarf besteht, zeigte sich zuletzt beim Hochwasser 2023, als bestehende Schutzmauern teilweise an ihre Grenzen stießen. Sich beteiligen, um Akzeptanz zu schaffen Ein zentrales Element des Projekts stellt das aktive Einbeziehen der Bürgerinnen und Bürger vor Ort dar. Um die Maßnahmen zum Klimaschutz wirksam und nachhaltig umzusetzen, setzt das Projekt deshalb auf einen partizipativen Ansatz: In Workshops, digitalen Dialogformaten sowie bei öffentlichen Veranstaltungen wird nicht nur fundiertes Wissen rund um Klimaschutzstrategien vermittelt, sondern auch das Erfahrungswissen der Teilnehmenden einbezogen. Dadurch entsteht ein konstruktiver Austausch auf Augenhöhe. Die verschiedenen Formate fördern nicht nur das Verständnis für notwendige Veränderungen im Landkreis Cochem-Zell, sondern stärken auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. So entstehen praxisnahe und lokal tragfähige Lösungen, die auf die Bedürfnisse und Potenziale der Menschen in der Region abgestimmt sind. Rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen nutzen Mit dem Inkrafttreten des Klimaanpassungsgesetzes (K AnG) im Juli 2024 wurde erstmals ein verbindlicher rechtlicher Rahmen für die Klimaanpassung in Deutschland geschaffen. Das Gesetz markiert einen wichtigen Meilenstein, da es Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen in die Pflicht nimmt, sich systematisch auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Insbesondere die Länder sind nun verpflichtet, eigene Klimaanpassungsstrategien zu entwickeln und zugleich die Kommunen aktiv beim Planen und Umeine komplexe naturräumliche Struktur auf, die ihn besonders anfällig für klimatische Extremwetterereignisse macht. Zwar schlängelt sich die Mosel dort idyllisch durch die Täler, birgt auf der anderen Seite aber auch große Gefahr. Bei Starkregen steigt der Wasserstand des Flusses innerhalb kürzester Zeit stark an, was die Wahrscheinlichkeit von übertretenden Ufern und daraus resultierenden überschwemmten Flächen erhöht. Insbesondere die dicht besiedelten Talabschnitte und die bisher nicht stark über die Ufer tretenden kleineren Gewässer, die bei starken Regenfällen stark anschwellen, stellen eine Gefahr dar. Zu Beginn des Klimaanpassungsprojekts untersuchte ein interdisziplinäres Team von Drees & Sommer und alpS die klimatischen Veränderungen im Kreisgebiet und analysierte, wie diese sich auf zentrale Lebens- und Wirtschaftsbereiche auswirken. Dabei erfassten die Expert: innen sowohl bestehende als auch potenzielle zukünftige Risiken. Die Analysen machen deutlich: In allen Naturräumen steigen die Temperaturen spürbar. Auch extreme Wetterereignisse wie Starkregen treten häufiger auf, während sich gleichzeitig die Trockenphasen verlängern. Die prognostizierten Entwicklungen wirken sich nicht nur auf die bauliche Infrastruktur aus, sondern beeinflussen auch die Gesundheit der Menschen vor Ort und setzen natürliche Ökosysteme zunehmend unter Druck. Vom Analysieren zum Handeln Das K limaanpas sung skonzept basiert auf einer systematischen Bewertung der bestehenden Infrastruktur, vorhandenen Kapazitäten und den regionalen Strukturen vor Ort. Ziel ist es, konkrete Maßnahmen zu entwickeln, die Bild 1: Hochwasser im Landkreis Cochem- Zell. © unser-klimacochem-zell e. V. PRAXIS + PROJEKTE Klimaanpassung 23 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0055 lagen aus. Daraus ergibt sich ein akuter Handlungsbedarf. Insbesondere auf kommunaler Ebene, wo die konkreten Maßnahmen jetzt umgesetzt werden. Eingangsabbildung: © Jürgen Fälchle - Fotolia.com. Zukunftsaufgabe der Regionalentwicklung Die zunehmende Häufigkeit und Intensität klimatischer Extremwetterereignisse, wie Hitzewellen, Starkregen, Überschwemmungen oder langanhaltende Trockenperioden, führt mit Nachdruck vor Augen: Sich an den Klimawandel anzupassen, ist längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr. Vielmehr gehört es heute zu den zentralen Heraus forderungen einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Stadt- und Regionalentwicklung. Die Folgen des Klimawandels sind bereits spürbar und wirken sich unmittelbar auf die Lebensqualität der Menschen, die Infrastruktur, die Wirtschaft und die natürlichen Lebensgrundsetzen konkreter Maßnahmen zu unterstützen. Parallel zum gesetzlichen Rahmen öffnen neue Förderprogramme gezielt Handlungsspielräume für Städte, Gemeinden und Landkreise. Sie bieten finanzielle Anreize, um die oftmals begrenzten Ressourcen vor Ort gezielt für den Aufbau klimaresilienter Strukturen zu nutzen und unterstützen. Eines der Förderfenster wurde dabei vom Bundesumweltministerium im Zeitraum vom 15. Mai bis 15. August 2025 bereitgestellt. Das Programm ermöglichte es Kommunen, Fördermittel sowohl für das konzeptionelle Planen als auch für das konkrete Umsetzen von Maßnahmen im Bereich Klimaanpassung zu beantragen. AUTOR: INNEN Tanja Sprenger, Leading Consultant bei Drees & Sommer Anzeige Buchtipp Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Die Schattenseiten des Massentourismus Venedig, Barcelona und Mallorca! Immer mehr Destinationen leiden unter Overtourism - der massiv auf Gesellschaft und Natur wirkt. Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger gehen dem Phänomen auf den Grund. Sie beleuchten Auslöser und Treiber und zeigen die Tragfähigkeit einer Destination auf. Management- und Governance-Ansätze erörtern sie und regen einen Paradigmenwechsel in der Tourismuswissenschaft an. Das Buch richtet sich an Studierende und Forschende aus den Bereichen Tourismus und Geographie sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Andreas Kagermeier, Eva Erdmenger Overtourism 2., überarbeitete und erweiterte Au age 2025, 336 Seiten €[D] 27,90 ISBN 978-3-8252-6260-0 (print) ISBN 978-3-8385-6260-5 (eBook) DOI 10.36198/ 9783838562605 PRAXIS + PROJEKTE Klimaanpassung Blau-Grüne Infrastrukturen erfolgreich umsetzen Peri-urbane Mobilitätsräume als Potenziale für die Klimawandelanpassung erkennen und transformieren Urban Water Management, Peri-Urbane Mobilitätsräume, Klimawandeladaptation und -mitigation, Erfolgsfaktoren der Umsetzung, Klein- und Mittelstädte, multifunktionale und multicodierte Freiräume Mario Stefan, Katharina Mauß, Eva Schwab Das Forschungsprojekt PeriSponge erarbeitete effizient gestaltete, multifunktionale und multicodierte Lösungen für das Regenwassermanagement entlang von peri-urbanen Verkehrsflächen, um deren klimatische, ökologische und soziale Funktionen zu verbessern. Der Artikel stellt Erkenntnisse aus dem Projekt vor, mit speziellem Fokus auf die erkannten Hemmnisse und Erfolgsfaktoren. Das Projekt PeriSponge wurde im Rahmen des Programmes Stadt der Zukunf t der Ös terreichi schen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) vom Klima- und Energiefonds gefördert. Das Projektteam unter der Leitung der TU Graz, Institut für Städtebau, setzte sich aus Forschung und Fachplanung zusammen: Institut für Siedlungswasser wirtschaft und Landschaftswasserbau, TU Graz; bgmr Landschaftsarchitekten GmbH; GRÜNSTATTGRAU Forschungs- und Innovations GmbH; Verkehrplus GmbH; Maria Baumgartner, Ingenieurbüro für Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur. Blau- Grüne Infrastruk turen sind entscheidend für die Gestaltung lebenswerter Städte und Gemeinden und tragen durch Kühlung, Regenwasserrückhalt 25 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0056 Bild 1: Schemaschnitt zur Aufwertung des Straßenraumes durch Blau-Grüne Infrastrukturen, © Institut für Städtebau, TU Graz terien orientieren; z. B. den Straßenraum als öffentlichen Raum für alle zu gestalten oder die Versiegelung auf ein festgelegtes Maß zu limitieren und Entsiegelungsmaßnahmen in gewissem Umfang zu treffen. Solch ein Ziel schafft ein Fundament für koordiniertes Handeln in allen Fachbereichen und Orientierung für die notwendigen Schritte. So können die unterschiedlichen Maßnahmen zur Zielerreichung strategisch in Planungsinstrumente eingebettet werden. Sonst besteht die Gefahr, dass kleinmaßstäbliche Umgestaltungen aus dem strategischen Blick geraten. Auch hilft es zeitlichen Herausforderungen gut zu begegnen, wenn Planungsphasen und Projektzeitläufe aktiv aufeinander abgestimmt und koordiniert werden. Mit einem klaren Ziel kann auch von politischer Seite konsistent argumentiert und damit Akzeptanz geschaffen werden. Pilotprojekte können z. B. helfen, erste Hemmnisse zu überwinden, zu lernen und eine Vorreiterrolle einzunehmen. Im Folgenden sind die wichtigsten Lernerfahrungen aus den Fallstudien im Projekt PeriSponge zusammengefasst: 1) Schnelles Handeln zählt - auch im Kleinen Bereits punktuelle Maßnahmen wie die Errichtung von Retentionsmulden, Einzelbäumen, Fassadenbegrünung oder die Entsiegelung wenig benutzter Flächen verdienen Unterstützung. Kleine Schritte können nämlich den Einstieg in komplexere Transformationsprozesse erleichtern und Erfahrung bringen. Außerdem werden bereits sichtbare Erfolge während laufender Beteiligungs- oder Planungsprozesse geschaffen, was zusätzlich motiviert. Jede Umsetzung signalisiert Handlungsbereitschaft, Anschauungsbeispiele und erhöht Akzeptanz für weitere Maßnahmen. 2) Bewährtes nutzen Bewährte Materialien und Umsetzungspartner: innen (Fachfirmen, Lieferanten) beizubehalten, wenn vorhanden, punktet in Sachen Verlässlichkeit und Planungssicherheit und bringt meist wirtschaftliche Vorteile. Einfache, kostengünstige und naturnahe un d B io di v er s it ät s förd e r un g wesentlich zur Anpassung an den Klimawandel bei. Zusätzlich schaffen sie öffentliche Räume, d i e z u r L e b e n s q u a l i t ä t d e r Bewohner: innen beitragen. Ein besonderes Potenzial für mehr Blau-Grüne Infrastrukturen liegt in der Verkehr sinfras truk tur, die beispielsweise Straßen, Kfz- Stellplätze, Bahnhöfe und dergleichen einschließt. Blau-Grüne Infrastrukturen sind nicht nur in dicht bebauten Zentren wichtig, sie sind auch gute Möglichkeiten, Siedlungsränder und peri-urbane Gebiete, im Bereich der Stadt- Umland-Verflechtungen, klimafit zu machen. Im Zuge des Forschungsprojektes wurden drei österreichische kommunale praxisnahe Fallstudien in Feldbach, Feldkirch und Wels durchgeführt, um Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten im Planungsalltag der Gemeinden zu erörtern. Eine Prämisse für den blaugrünen Transformationsprozess ist, ein gemeinsames, klares Ziel in der Gemeinde festzulegen. Das Ziel kann sich sowohl an qualitativen als auch an quantitativen Kri- PRAXIS + PROJEKTE Regenwassermanagement 26 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0056 effekte von Bäumen, Leistungsfähigkeit von wasserdurchlässigen Belägen). Hier helfen Erfahrungswerte aus anderen Kommunen, Visualisierungen und begleitende Evaluierungen. Der Handlungsleitfaden „Zukunftsfähige Mobilitätsräume“, der im Zuge dieses Projektes entstanden ist, beinhaltet auch eine überblicksmäßige sechsphasige Checkliste mit Handlungsempfehlungen, um die Einbindung von Blau-Grünen-Infrastrukturen (BGI) in der öffentlichen Raumplanung zu unterstützen. Eingangsabbildung: © iStock.com/ 4u4me sind, in klassischen Beteiligungsformaten aber oft unterrepräsentiert bleiben, wie etwa Kinder, Jugendliche, ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität. Durch niederschwellige Formate, kreative Zugänge oder Anknüpfung an ohnehin stattfindende Veranstaltungen können diese Gruppen leichter erreicht werden. Eine gute Prozessbegleitung, Dokumentation und transparente Kommunikation schaffen Glaubwürdigkeit und erhöhen die Chance auf eine breite Akzeptanz bei der Umsetzung. 5) Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg Aktiv, transparent und zielgerichtet - intern innerhalb der Gemeinde und nach außen gegenüber der Bevölkerung. S olch eine Kommunikation unterstützt niederschwellige, gut begleitete Bewusstseinsbildung über alle Gruppen, um die Notwendigkeit von neuen Gestaltungsansätzen zu kommunizieren. Wichtig ist hier die Aufarbeitung fundierter Daten und belastbarem Zahlenmaterial als Argumentationsgrundlage (zum Beispiel in Bezug auf Kühl- Lösungen die effektiv zum Regenwassermanagement beitragen, dürfen nicht fehlen, genauso wie innovative Lösungen. Kommunale Bauhöfe und ihre Erfahrungen spielen hier eine wichtige Rolle. Letztlich stellen neue Anforderungen in Planung und Umsetzung auch die ausführenden Betriebe und Planer: innen selbst vor Herausforderungen, da viele Regelwerke nicht auf Besonderheiten Blau-Grüner Infrastrukturen ausgelegt sind. Zu Beginn sollte man deshalb auf einfache, umsetzbare Lösungen, fachliche Begleitung bei der Umsetzung und die Einbeziehung einer ökologischen Bauaufsicht setzen. 3) Mut zum Ausprobieren Es zahlt sich aus, im Kleinen zu testen, was im Großen funktionieren könnte. Temporäre Projekte und kleine Piloten können evaluiert werden und umfassendere Projekte verbessern oder leichter ins Rollen bringen. Wichtig ist auch, dieses Wissen zu teilen. Gemeinden profitieren stark vom Austausch untereinander. Konkrete Möglichkeiten, wie bei knappem Gemeindebudget oder innerhalb bestehender gesetzlicher Rahmenbedingungen z. B. bei Schneeräumung mit versickerungsfähigen Belägen oder dem S alzeintrag in Baumstandorte oder der Geschwindigkeitsreduktion auf einer Landesstraße umgegangen werden kann, bringt alle weiter. 4) Gesellschaft aktiv einbinden Menschen wollen verstehen, mitreden und mitgestalten, besonders wenn es um Veränderungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld geht. Es reicht nicht aus, nur die lautesten Stimmen zu hören, sondern man muss besonders Bevölkerungsgruppen Aufmerksamkeit schenken, welche von Veränderungen stark betroffen Bild 2: Handlungsleitfaden „Zukunftsfähige Mobilitätsräume“ , © Institut für Städtebau, TU Graz AUTOR: INNEN Mario Stefan, Dipl.Ing, Univ.Ass am Institut für Städtebau, Fakultät für Architektur, Technische Universität Graz, Rechbauerstraße 12/ II, 8010 Graz stefan@tugraz.at Katharina Mauß, Dipl. Ing., Prokuristin GRÜNSTATTGRAU Forschungs- und Innovationslabor, Favoritenstraße 50, 1040 Wien katharina.mauss@ gruenstattgrau.at Eva Schwab, Ass.Prof. DI Dr., Projektleitung, Stellv. Institutsleiterin am Institut für Städtebau, Fakultät für Architektur, Technische Universität Graz, Rechbauerstraße 12/ II, 8010 Graz eva.schwab@tugraz.at PRAXIS + PROJEKTE Regenwassermanagement 27 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0056 Gemeinsam auf dem Weg zur Schwammstadt Wie kann die Bevölkerung motiviert werden, ihren Beitrag zur Schwammstadt zu leisten? Schwammstadt, Eigenvorsorge, Klimaanpassung Christine Linnartz, Mona Steinhauer Das Schwammstadt-Prinzip hat sich in der Fachwelt als Lösung für die erforderliche klimaresiliente Transformation der Städte etabliert. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung vereinnahmen in letzter Zeit zunehmend globale Krisenthemen wie Pandemie, Kriege und wirtschaftliche Unsicherheiten die mediale Aufmerksamkeit. Die Themen Überflutungsvorsorge und Regenwassernutzung rücken immer weiter in den Hintergrund. Umso wichtiger ist es, die Bevölkerung weiterhin zu sensibilisieren und zum Handeln zu motivieren. Denn Vorsorge ist meist günstiger als Nachsorge. Dieser Artikel stellt die Strategie der StEB Köln vor, das Thema Regenwasser-Nutzung und Eigenvorsorge mit Hilfe der Stabsstelle RegenKompass innovativ in der Bevölkerung zu platzieren. In den letzten Jahren sind die Folgen des Klimawandels deutlich erlebbar geworden. Zum einen durch die Zunahme der Häufigkeit und der Intensität von Starkregenereignissen, zum anderen durch langanhaltende Trocken- und Hitzeperioden in den vergangenen S ommern. Dement spre chend wächst der Druck auf die Städte Maßnahmen zur Klimaanpassung zu ergreifen. Zwar treten derzeit eher Dürreperioden als Starkregenereignisse auf, doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Häufigkeit von Starkregenereignissen in den letzten Jahren zugenommen hat (s. Bild 28 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0057 ten gesenkt und die Umwelt entlastet. Ausgangslage Das letzte große Starkregenereignis in der Region liegt mit dem Juli 2021 bereits vier Jahre zurück, was dazu führt, dass die Bevölkerung die Gefahr von Überflutungen durch Starkregen oft unterschätzt. Bei Hochwasser spricht man von der Hochwasser-Demenz - ist das letzte Hochwasser ein paar Jahre her, rückt der Schutz in den Hintergrund. Dieses Prinzip greift auch bei Starkregen. Genau deshalb ist es wichtig, die Gefahr im Bewusstsein der Bevölkerung präsent zu halten. Aber nicht nur die Verbesserung der Überflutungsvorsorge wird in Zeiten des Klimawandels unumgänglich. Auch ein veränderter Umgang mit Regenwasser im Allgemeinen wird immer wichtiger: 95 % der am Kanal angeschlossenen Flächen in Köln entwässern im Mischsystem, d.h. das Regenwasser wird zusammen mit dem Abwasser in der Kanalisation gesammelt und zur Kläranlage geleitet, was keinen nachhaltigen Umgang mit der Ressource Regenwasser darstellt. Vielerorts sieht man, dass z. B. die Bäume Trockenstress haben, da ihnen Wasser fehlt. Besser wäre es, Regenwasser vor Ort zu nutzen, also z. B. gezielt zu versickern, um das Grundwasser anzureichern, oder zu sammeln, um es in Trockenzeiten für die Bewässerung des urbanen Grüns zu nutzen. Aber auch dieses Thema ist noch nicht so präsent in den Köpfen der Menschen, wie es sein sollte. Und auch die urbane Hitzeinsel stellt eine ernsthafte Gefahr für die Bevölkerung dar: Während Hitzeperioden heizt sich die Stadt viel mehr als das Umland auf und kühlt auch nachts nicht ab. Hitze ist besonders für Alte, Schwangere, Kranke und Kinder gefährlich und führt jedes Jahr zu Toten. Hier helfen die Entsiegelung und Begrünung von Flächen. Um die Anpassung von Köln an die Folgen des Klimawandels und insbesondere einen nachhaltigen Umgang mit Regenwasser zu fördern, haben die Stadtentwässerungsbetriebe (StEB) Köln 2024 den RegenKompass gegründet. Diese Stabsstelle agiert los gelöst von den StEB Köln und hat das Ziel, die erste Anlaufstelle zu werden, wenn es um das Thema Regenwasser geht. Dieses teilt sich dann in die Bereiche Überflutungsvorsorge und Nutzung von Regenwasser auf. Ziel ist eine wasserbewusste 1) und die Wahrscheinlichkeit von extremen Starkregen in Zukunft steigen wird. Der Klimawandel macht sich neben steigenden Temperaturen durch Veränderungen im Wasserhaushalt bemerkbar: Sinkende Pegelstände in Flüssen, steigende Meeresspiegel, Überschwemmungen durch Starkregen oder langanhaltende Trockenperioden sind einige Auswirkungen. Diese Entwicklungen machen deutlich, dass ein Umdenken im Umgang mit Regenwasser dringend notwendig ist. In vielen Städten sind Flächen wie Plätze, Gärten und Wege versiegelt, sodass Regenwasser nicht in den Boden eindringen kann und den Pflanzen fehlt. Stattdessen wird es häufig direkt in die Kanalisation geleitet. Daraus ergeben sich gleich mehrere Probleme. In Trockenzeiten müssen Pflanzen mühsam bewässert werden, während bei Starkregen das Wasser auf den versiegelten Flächen keine Abflussmöglichkeit findet und ganze Straßenzüge überfluten kann. Angesichts dieser Entwicklung muss der Fokus verstärkt auf der Versickerung, Speicherung und Nutzung von Regenwasser liegen. Es gilt, Strategien zu entwickeln, die nicht nur kurzfristig vor Überflutungen schützen, sondern auch eine nachhaltige Nutzung von Regenwasser ermöglichen. Ziel sollte es sein, Städte mit naturbasierten Lösungen an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Dazu gehören etwa die Schaffung von Versickerungsflächen, die Installation von Regenrückhaltemöglichkeiten und die Förderung der Regenwassernutzung in privaten und öffentlichen Gebäuden. Solche Maßnahmen tragen nicht nur zur Vermeidung von Überschwemmungen bei, sondern ermöglichen auch eine ressourcenschonende Nutzung von Regenwasser. So werden Ressourcen gespart, Kos- Bild 1: Anzahl von Starkregenereignissen pro Jahr in NRW Dauerstufe 1 Stunde bei dem die Warnstufe 3 für Unwetter überschritten wurde. W3: 25 - 40 mm in 1 Stunde; Quelle: DWD CatRaRE Daten ( Juli 2025) PRAXIS + PROJEKTE RegenKompass 29 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0057 reichen, wurde ein Pilotprojekt in Rodenkirchen entwickelt, wo mit innovativen Maßnahmen auf den Themenkomplex aufmerksam gemacht wurde (mehr dazu in Heft Nr. 3/ 24). Die meisten Aktionen wurden nun durchgeführt und es kann ein Fazit gezogen werden. Um die Aufmerksamkeit der Bewohnerschaft zu erreichen, wurden durch Sprayaktionen im öffentlichen Raum aufgezeigt, wie hoch das Wasser im Starkregenfall auf den öffentlichen Flächen stehen kann. Das wurde genutzt, um auf Veranstaltungen hinzuweisen. Zunächst gab es eine allgemeine Informationsveranstaltung, die dazu diente, die kleinteiligen Aktionen anzukündigen. Eine weitere Spray-Aktion diente erneut dazu, Aufmerksamkeit zu wecken. Betrof fene Straßenzüge wurden dann durch Flyer über die Notwendigkeit des Selbstschutzes informiert und den Anliegenden wurden konkrete Beratungstermine angeboten. Es wurden insgesamt 500 Flyer in vier Stadtteilen verteilt. Daraus ergaben sich sechs Beratungstermine an einem zentralen Ort im Bezirk. Auch kleine Grünflächen können in Summe viel bewegen. So unterstützt der RegenKompass den Gedanken der artenreichen und klimaangepassten Gärten. Da es wichtig ist auch kleine Erfolge zu feiern, wurde im Frühjahr 2025 ein Gartenwettbewerb gestartet. Rodenkirchener*innen können sich mit ihrem naturnahen und wassersensiblen Garten bewerben. Hier wurden ebenfalls 500 Flyer an Haushalte verteilt, die einen besonders nachhaltigen und vielfältigen Garten haben. Es winkt eine Auszeichnung sowie ein Gartenpaket. Vorbildliche Gärten sollen so mehr Aufmerksamkeit erhalten und ein Umdenken bei Schottergartenbesitzer*innen auslösen. Der Wettbewerb soll im kommenden Jahr in Kooperation der RegenKompass in Zukunft als Vermittler auf. Überflutungsvorsorge Auch das Thema Überflutungsvorsorge hat bei den StEB Köln eine lange Tradition, die nun der Regen- Kompass weiterführt. Auch hier gibt es einen Leitfaden („Wassersensibel Planen und Bauen“), der seit Jahren Laien, aber auch Profis darüber informiert, wie man sich und das Eigenheim vor Überflutung schützen kann. In Kooperation mit den Bürgervereinen in Köln werden regelmäßig Informationsabende organisiert, wo ebenfalls zum Thema Überflutungsschutz und Regenwassernutzung informiert wird. Hier stellt der Bürger verein einen Raum, lädt ein und die Expert*innen der StEB Köln und des RegenKompass‘ halten einen Vortrag und gehen auf individuelle Fragen ein. Darüber hinaus hausiert eine Wanderausstellung mit informativen Roll-ups in zentralen Orten wie Stadtteil-Rathäusern, der VHS oder Shoppingcentren. Bei einem Gewinnspiel können die Bürger*innen, welche die Ausstellung aufmerksam gelesen haben, eine Kleinigkeit gewinnen. Auch auf Straßenfesten sind die StEB Köln seit jeher mit einem Stand vertreten. Meist richten sich die Stände mit ihrem Angebot an Kinder. Mit Hilfe eines einfachen Modells wird gezeigt, wie wichtig es ist, dass Flächen unversiegelt bleiben, auch laden verschiedene Quiz zum Nachdenken und Raten ein. Darüber hinaus gibt es Angebote für Erwachsene: Z. B. wurden verschiedene Ideen für die Schwammstadt abgefragt und grafisch festgehalten. Trotz der umfassenden Aktivitäten, wird meist nur ein bestimmtes Klientel erreicht - oft sind es die gutsituierten, alteingesessenen Eigenheim-Besitzer*innen. Um auch andere Menschen zu er- und klimaresiliente Stadtentwicklung voranzutreiben. Was macht der RegenKompass? Die neue Stabstelle „RegenKompass“ hat zwei Standbeine: Zum einen sollen die Bemühungen der StEB Köln zum Überflutungsschut z weitergeführ t werden. Zum anderen sollen aber auch durch innovative Methoden die Themen Entsiegelung und Regenwassernutzung forciert werden. Dabei sind verschiedene Zielgruppen im Blick: Die Kölner Bevölkerung, professionelle Immobilien-Eigentümer*innen, aber auch Handwerksbetriebe der Sanitär-Innung und der Dachdecker-Innung, sowie Garten- und L andschaf t sbau- Betriebe und Architekt*innen. Seit Jahren besteht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit z. B. mit den Innungen, sodass der RegenKompass auf ein gutes Fundament aufbauen und neue Aktionen, Formate und Ideen ergänzen kann. So soll eine zentrale Anlauf- und Informationsstelle rund ums Thema Regenwasser entstehen. Der RegenKompass soll durch verschiedene öffentlichkeitswirksame Maßnahmen ein möglichst breites Publikum erreichen. Für die verschiedenen Themenbereiche bedeutet das im Detail: Schwammstadt allgemein Das Thema Schwammstadt wird schon seit vielen Jahren von den StEB Köln vorangetrieben. Zum einen informieren die StEB Köln durch ihren Leitfaden „Wasserbewusste Freiraumgestaltung“, was alles möglich ist. Zum anderen gehen sie auch mit gutem Beispiel voran und gestalten in Kooperation mit den Fachämtern der Stadt Köln Plätze in Köln wasserbewusst um. Die konkrete Planung verbleibt bei den StEB Köln. Der Umbau zur Schwammstadt ist allerdings sehr abstimmungsintensiv. Hier tritt PRAXIS + PROJEKTE RegenKompass 30 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0057 verboten, dieses Verbot wird allerdings oft missachtet. Gemeinsam mit der Stadt Köln wird untersucht, wie man das Verbot Ressourcenschonend durchsetzen kann: Hier soll erst einmal in einem Pilotraum untersucht werden, wie aufwändig es ist, Schottergärten zu identifizieren und mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Am Ende soll das Vorgehen auf die ganze Stadt ausgeweitet werden. Mit diesen Strategien will der RegenKompass für Klimaanpassung werben Da Köln nur begrenzt über Flächen im städtischen Raum verfügt, gilt es auch private Eigentümer*innen sowie lang fristig auch Investor*innen und Ge werbetreibende mit ins Boot zu holen. Private Flächen bieten ein enormes Potenzial, um lokal R e genwas s er zurück zuhalten und so Köln langfristig zu einer Schwammstadt umzubauen. Hier gilt: Alle müssen mit anpacken! Der RegenKompass verfolg t daher das Ziel Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen. Kölner*innen sollen mit unterschiedlichen und innovativen Aktionen erreicht werden. Die Bevölkerung soll gezielt sensibilisiert und motiviert werden, sich selbst vor Wassergefahren zu schützen und Regenwasser zu nutzen. Profis aus der Baubranche sollen gezielt informiert werden und als Multiplikator*innen für das Thema dienen. Zur richtigen Zeit das richtige Angebot Untersuchungen zeigen, dass Menschen insbesondere nach extremen Wetterereignissen ein erhöhtes Bewusstsein für Risiken entwickeln und eher bereit sind, entsprechende Schutzmaßnahmen umzusetzen. Dieser Effekt ist jedoch meist nur von kurzer Dauer. Die StEB Köln verfolgt daher das Ziel, dieses Bewusstsein dauerhaft zu stärken und die Bevölkerung dafür zu gewinnen, Regenwasser als Risiko und Ressource kontinuierlich mitzudenken. Ein vielversprechender Ansatz ist es, Menschen in einem passenden Moment zu erreichen - etwa dann, wenn sie ohnehin Investitionen in ihre Immobilie planen. Ein Eigentümerwechsel eröffnet die Gelegenheit, Maßnahmen wie Starkregenschutz, Flächenentsiegelung oder Regenwassernutzung direkt in geplante Umbauten zu integrieren und sich so frühzeitig auf Wetterextreme vorzubereiten. Aber auch bestehende Grundstücke bieten Potenzial: Eigentümer*innen können ihre Außenbereiche nachträglich entsiegeln und damit einen wichtigen Beitrag zu einer wassersensibleren Gestaltung leisten. Zusammenarbeit mit etablierten Institutionen Der RegenKompass übernimmt Aufgaben, die bisher von den StEB Köln „nebenbei“ bearbeitet wurden, wie die Informationsabende zum Thema Starkregenvorsorge, welche in Kooperation mit Bürger vereinen monatlich durchgeführ t werden. Ein weiteres Kooperationsprojekt ist die Wanderausstellung, bei der Roll-ups in Bürgerämtern, der VHS oder Shoppingcentern stehen (s. o.). Digitale Inhalte Die Nut zung digitaler Medien nimmt kontinuierlich zu. Vor diesem Hintergrund wurde eine Website eingerichtet, die praxisnahe Handlungsempfehlungen, weiterführende Informationen sowie relevante Ansprechpartner*innen bereitstellt. Ergänzend dazu werden über Instagram zielgruppengerechte Inhalte auf humorvolle Art verbreitet. Diese Plattform ermöglicht eine zeitnahe Reaktion auf aktuelle Entwicklungen und mit dem Umwelt- und Verbraucherschutzamt der Stadt Köln stattfinden und auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet werden. Die zahlreichen Aktionen in Rodenkirchen sollen Anfang nächsten Jahres in einer Abschlussveranstaltung münden. Geplant sind unter schiedliche Stände mit Mitmach-Aktionen an denen die Bürger*innen einen ersten Beitrag zur Klimaanpassung im Veedel leisten können und sich noch einmal über die zahlreichen Möglichkeiten informieren können. Es ist wichtig Bewohner eines Veedels auch untereinander zu verknüpfen. So kann man vom Nachbarn lernen und Maßnahmen adaptieren. Ein anderer Umgang mit Regenwasser Ein anderer Umgang mit Wasser rückte in den letzten Jahren immer mehr in den Vordergrund. Hierunter fällt nicht nur die Regenwassernutzung, sondern auch die Entsiegelung von Flächen und das gezielte Versickern von Regenwasser. Ziel ist, das Regenwasser dort zu nutzen, wo es anfällt und nicht in den Kanal einzuleiten. Auch zu diesem Thema hat die StEB Köln bereits einen Leitfaden veröffentlicht („Mehr Grün für ein besseres Klima“), hier sind die Zielgruppen ebenfalls Bürger*innen, aber auch Profis aus der Baubranche. Hier startet der RegenKompass erstmal mit einer Analyse des aktuellen Zustands: Wie viel Fläche in Köln ist versiegelt? Wie viel Fläche kommt jedes Jahr dazu? Wie viel Fläche wird entsiegelt? Ziel ist, sich erstmal einen guten Überblick zu verschaffen und quantifizierbare Zahlen zu generieren. Ein weiteres Projekt sind die Schottergärten: Diese sind nicht nur aus ökologischer Sicht, sondern auch aus klimatischer Sicht fatal für urbane Räume. Laut §8 BauONRW sind Schottergärten PRAXIS + PROJEKTE RegenKompass 31 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0057 Nur gemeinsam kann die Mammutaufgabe Klimaanpassung erreicht werden. Wie soll es langfristig mit dem RegenKompass weitergehen? L ang fristig sind weitere Maßnahmen geplant. So wird der RegenKompass über bestehende Fördermöglichkeiten informieren und aktiv zusätzliche Finanzierungsmittel akquirieren. Darüber hinaus sollen gezielt Gewerbetreibende und Investor*innen eingebunden werden, um deren Potenzial für wassersensible Stadtentwicklung zu nutzewn. Ergänzend ist die Entwicklung eines Schulungskonzepts für städtische Mitarbeitende vorgesehen, um fachliches Wissen zu stärken und die Umsetzung entsprechender Maßnahmen zu fördern. Ziel ist es, die Transformation Kölns zur klimaangepassten Schwammstadt systematisch voranzutreiben. Eingangsabbildung: © iStock.com/ schulzie fördert den digitalen Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern. Wie werden Professionelle erreicht? Neben der Bevölkerung gibt es noch viele weitere Stakeholder, die relevant für die Klimaanpassung sind: Z. B. Investoren, Handwerksbetriebe oder Garten- und Landschaftsbaubetriebe. Insbesondere mit den Handwerksbetrieben besteht über die Innungen Sanitär - Heizung - Klima und Dachdecker eine langjährige Partnerschaft: Gemeinsam werden Beratungen durchgeführt oder sich gegenseitig bei Veranstaltungen unterstützt. Dies soll in den nächsten Jahren noch intensiviert werden, denn die Handwerksbetriebe sind ein wichtiger Multiplikator in Richtung Bevölkerung. Die Vernetzung innerhalb und außerhalb der StEB Köln steht im besonderen Fokus der neuen Stabstelle. Die Bekanntmachung der Marke „RegenKompass “ ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg. AUTOR: INNEN Christine Linnartz, M.A., Urbane Kultur, Gesellschaft und Raum, Projektleitung RegenKompass, StEB Köln, Ostmerheimerstr. 555, 51109 Köln christine.linnartz@steb-koeln.de Mona Steinhauer, M.Sc., Raumplanung, Projektleitung RegenKompass, StEB Köln, Ostmerheimerstr. 555, 51109 Köln mona.steinhauer@steb-koeln.de Anzeige Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG \ Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Spionagerisiken frühzeitig erkennen und abwehren Insider-Spionage ist ein drängendes Phänomen unserer Zeit, für das bisher keine hinreichende Erklärung existiert. Frank C. Danesy präsentiert mit einem Fünf-Faktoren-Modell einen multidisziplinären Ansatz, der eine Analyse der Insider-Spionage ermöglicht und Wege zur Früherkennung und Prävention aufzeigt. Fallbeispiele veranschaulichen die praktische Anwendung. Frank C. Danesy Insider-Spionage 1. Au age 2025, 334 Seiten €[D] 34,90 ISBN 978-3-8252-6479-6 (print) ISBN 978-3-8385-6479-1 (eBook) DOI 10.36198/ 9783838564791 PRAXIS + PROJEKTE RegenKompass Trinkbrunnen - Wasser ist (k)ein Luxusgut. Analysen und Empfehlungen zu Trinkbrunnen im urbanen öffentlichen Raum Trinkbrunnen, Klimawandelanpassung, Hitzemanagement, Vulnerable Gruppen, Wasser, Öffentlicher Raum Lotta Steger Die zunehmenden Hitzewellen treffen vor allem den urbanen Raum erheblich und fordern jährlich tausende Hitzetote. Trinkbrunnen sind ein wichtiger Baustein in den Klimaanpassungskonzepten von Städten. Sie erfüllen nicht nur eine technische Funktion zur Prävention und Linderung hitzebedingter Krankheiten, sondern können auch einen Beitrag zur Umweltgerechtigkeit und Reduktion von Plastikmüll leisten. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Status quo der Umsetzung in deutschen Großstädten und gibt Handlungsempfehlungen an Kommunen. Zunehmende Hitze im Sommer Sommerliche Höchsttemperaturen sind keine spärlich auftretende Wettererscheinung mehr. Mit den sich ändernden klimatischen Rahmenbedingungen muss zwangsläufig ein Umgang gefunden werden. Zudem trifft die Hitze nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen - Personen mit Vorerkrankungen, sozioökonomisch Benachteiligte oder wohnungslose Menschen leiden besonders darunter (vgl. BMG 2023b). 33 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 Bild 1: Gebaute & geplante Trinkbrunnen / Siedlungsfläche den sich außerhalb geschlossener Räume oder Gebäude.“ (DVGW 2021: 8) Hitze und Gesundheit Die klimawandelbedingt zunehmenden Hitzewellen stellen eine starke Belastung für das Gesundheitswesen dar (vgl. Straff et al 2007: 7) und fordern bereits jetzt jährlich tausende Hitzetote (vgl. BMG o.J.). Eine gute Hydrierung gilt als wichtiger Faktor in der Prävention und Linderung hitzebedingter Krankheiten (vgl. Becker & Stewart 2011: 1325). Trinkbrunnen schaffen durch uneingeschränkte Verfügbarkeit einen niederschwelligen Zugang zu Wasser. Sie zielen auf den Aufenthalt im Freien ab und sind daher komplementär zur Wasserversorgung der Privathaushalte zu verstehen. Beitrag zur Umweltgerechtigkeit Das Konzept der Umweltgerechtigkeit widmet sich dem Umstand, dass Umweltbelastungen (z. B. Hitze) sowie die Kapazitäten, mit diesen umzugehen, ungleich verteilt sind und sozial Schlechtergestellte besonders hart treffen (vgl. UBA 2023). Ein Trinkbrunnen im öffentlichen Raum ist grundsätzlich für alle Bevölkerungsgruppen zugängig, allerdings profitieren sozial benachteiligte Gruppen überdurchschnittlich stark. Reduktion von Plastikmüll Aktuell werden jährlich mehrere hundert Millionen Euro für die Entsorgung von Einwegplastik im öffentlichen Raum ausgegeben (vgl. Huber 2023). Durch den Zugang zu Trinkwasser im öffentlichen Raum entsteht gleichzeitig eine kostengünstige und verpackungsfreie Alternative zum Wasser aus der Flasche. Aktuelle Lage in deutschen Großstädten Für die Erhebung des Status quo wurden alle 80 deutschen Großstädte (>100.000 EW ) angefragt. Insgesamt haben 52 Städte an der Umfrage von Januar - März 2023 teilgenommen. Trinkbrunnenbestand Die 52 Großstädte zählen zusammengenommen rund 600 Trinkbrunnen. Die Versorgung divergiert von Stadt zu Stadt teils stark (s. Bild 1). Einige wenige Städte haben die Maßnahme Trinkbrunnen im öffentlichen Raum bereits zum jetzigen Zeitpunkt großflächiger ausgerollt - darunter Stuttgart, Karlsruhe, Augsburg und Berlin. Zwölf Städte haben hingegen zum Zeitpunkt der Umfrage noch keinen einzigen Trinkbrunnen. Die Analyse des Status quo zeichnet ein Bild, welches von einer isoliert kommunalen Betrachtungsweise geprägt ist: Korrelationen Mitigationmaßnahmen, wie die langfristige Senkung von CO 2 -Emissionen, sind essenziell, reichen angesichts der bereits jetzt hohen thermischen Belastung aber nicht aus. Es bedarf daher auch kurzbis mittelfristiger Adaptionsmaßnahmen, um die Funktion des urbanen öffentlichen Raums als Aufenthaltsort im Sommer zu sichern und einen Beitrag zur Umweltgerechtigkeit zu leisten (vgl. UBA 2023). Ein Ansatz, welcher nicht zuletzt aufgrund der Verankerung in der EU-Trinkwasserrichtlinie an Aufmerksamkeit gewinnt, ist die kostenlose Bereitstellung von Trinkwasser im öffentlichen Raum. Trinkbrunnen als Maßnahme und ihre Wirkungsbereiche Trinkbrunnen sind „Trinkwasserentnahmestellen, die im öffentlichen Raum Trinkwasser für die Öffentlichkeit bereitstellen, ohne dass das Trinkwasser behandelt wird bzw. ihm Stoffe zugesetzt werden; sie sind an das Versorgungsnetz oder an eine Trinkwasser-Installation angeschlossen und befin- THEMA Umwelt 34 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 hinsichtlich geographischer Lage, thermischer Belastung oder Bundeslandzugehörigkeit lassen sich weder bei den gebauten noch den geplanten Trinkbrunnen nachweisen. Standortkriterien und Zielgruppen Im Widerspruch zu den zahlreichen Standortkriterien, die bestimmte Nutzungsgruppen bevorzugen (z. B. Einkaufsstraßen), bleiben die Zielgruppen oft undifferenziert. Es zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Standortwahl und dem Anspruch, spezifische (oder alle) Personen zu erreichen. Dies legt den Schluss nahe, dass diese zwei Aspekte bisher noch nicht ausreichend zusammengedacht werden. Geplanter Ausbau Über 96 % der befragten Städte gaben an, ihre Trinkbrunnen zwischen 2023-2025 auszubauen. Im Schnitt planten sie, ihren Bestand in dieser Zeit um über 55 % aufzustocken. Auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den Städten. Der geplante Ausbau in fast allen Städten zeigt, dass die Maßnahme in der Planungsrealität der Kommunen angekommen ist. Empfehlungen für die Umsetzung Der städteübergreifend fortgeschrittenen Sensibilisierung für Trinkbrunnen als relevante Maßnahme zur Klimawandelanpassung und dem geplanten Ausbau stehen oft eine geringe Praxiserfahrung und damit einhergehende Unsicherheiten gegenüber. Folgende Handlungsempfehlungen sollen Kommunen dabei helfen, die Umsetzung von Trinkbrunnen zielgerichtet und ressourcenoptimiert anzugehen: Phasenplan & klare Zielgrößen Grundlage für die Implementierung einer Maßnahme ist die Definition einer messbaren Zielgröße. Jedoch herrscht in vielen Städten noch Unklarheit darüber, wie viele Trinkbrunnen einen zufriedenstellenden Zustand herstellen. Der folgende Vorschlag eines an die 15-Minuten-Stadt angelehnten Phasenplans (s. Bild 2) bietet einen konkreten Aufschlag und soll damit eine Anregung zum Diskurs geben. Mit einem zeitlich gestaffelten Ansatz wird der Planungsrealität der Stadtverwaltungen Rechnung getragen. 1. Pilotphase Sie richtet sich an Städte ohne oder mit geringer Erfahrung mit Trinkbrunnen. Ziel der Pilotphase ist, frühzeitig effiziente und effektive Strukturen zu etablieren. Dafür sollten alle relevanten lokalen Akteur: innen zusammenarbeiten - allen voran der Bild 2: Phasen der Umsetzung THEMA Umwelt 35 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 Wasserversorger, das zuständige Gesundheitsamt sowie die tangierten Abteilungen der Verwaltung und der Öffentlichkeitsarbeit. Im Zentrum stehen dabei neben der technischen Evaluierung (Art der möglichen Trinkbrunnen, Infrastruktur) insbesondere der Aufbau einer Kompetenzstelle mit eindeutigen Zuständigkeiten, die Erarbeitung eines Betriebs- und Kostenmodells sowie einer Strategie für die langfristige, integrative Umsetzung. Der Bau einzelner Trinkbrunnen an Standorten mit hoher Frequentierung wie Rathausplätzen oder Hauptbahnhöfen dient dazu, erste Erfahrungswerte zu generieren, eine Sensibilisierung der Bevölkerung anzustoßen (nach Möglichkeit in Kombination mit Öffentlichkeitsarbeit und Partizipation) und kann gleichzeitig als erstes politisches Statement genutzt werden. 2. Ausbau an wichtigen Standorten Anschließend an die ersten Umsetzungen und gemäß sich gegebenenfalls daraus erschließenden nötige Adaptionen ist eine räumlich differenzierte Ausweitung der Maßnahme angedacht. Die Priorisierung der Standorte sollte dabei entlang eines Abwägungsprozesses von allgemeiner Frequentierung, vulnerabler Gruppen und Hitzeexposition erfolgen. Zudem ist eine Einbettung in ein Maßnahmenpaket zur Klimawandelanpassung sinnvoll. Auch bereits geplante Umbaumaßnahmen wie bei Stadtteilentwicklungen sollen in den Entscheidungsprozess einfließen. Als Standorte denkbar wären ÖPNV- Knotenpunkte, große Quartiersplätze oder Parks. 3. Flächendeckendes Versorgungsnetz Die Versorgung aller Bürger: innen mit Trinkwasser setzt eine flächendeckende Versorgung voraus - unabhängig von einer zentralen Lage. Hier kommt das Konzept der 15-Minuten-Stadt zum Tragen: Als realistische Zielgröße kann ein Trinkbrunnen alle 15 Gehminuten eine erste Orientierung bieten, wobei der Vorschlag nicht als striktes Raster zu verstehen ist, sondern als städteübergreifende gemeinsame Basis eines Zielzustandes. Bei 1,2 m/ s Gehgeschwindigkeit würde dies einen Radius von 1,08 km und ein grobes Versorgungsgebiet von 3,6 km 2 je Trinkbrunnen ergeben. Ein weiterer Grund spricht für eine flächendeckende Versorgung: Eine potenzielle Einpreisung von Trinkbrunnen in den Wasserpreis wäre eher gerechtfertigt, wenn auch die Anschlussnehmer: innen in den Randgebieten versorgt würden. 4. Räumliche Ausdifferenzierung Nachdem mit einem groben Netz eine flächendeckende Versorgung gebildet wurde, empfiehlt sich eine weitere, differenzierte Verdichtung der Versorgung nach Frequentierung, nutzungsabhängigem Bedarf, Präsenz vulnerabler Gruppen und thermischer Belastung. Eine Zwischenevaluation der bisherigen Umsetzung bildet dafür eine geeignete Entscheidungsgrundlage. Städte wie Wien zeigen, dass sogar engmaschige Versorgungsnetze von fünf Minuten keineswegs eine Utopie darstellen, sondern als langfristiges Ziel realistisch diskutiert werden können. Monitoring Ein fortlaufendes Monitoring bildet das Rückgrat einer Evaluierung. Zentral ist dabei die Wahl konkret messbarer Indikatoren. Diese sollten abhängig von der Zielsetzung gewählt werden. Beispiel: Flächendeckende Versorgung: Prozent der innerhalb von 15 Gehminuten mit Trinkbrunnen versorgten Siedlungsfläche [%]. Einbettung in Maßnahmenpakete Trinkbrunnen gehören primär zu den mittelfristigen Adaptations-Maßnahmen. Um den Hitzestress lang fristig zu verringern, müssen auch Mitigationmaßnahmen implementier t werden. Hierzu zählen beispielweise die aktuell viel diskutierten Entsiegelungen und Begrünungen, Kaltluftschneisen sowie Bestrebungen zur Senkung des CO 2 -Ausstoßes. Unterschiedliche Maßnahmen sollten aufeinander abgestimmt sein, um Synergien zu nutzen. Finanzierung Es gibt bereits in einigen Bundesländern Fördermöglichkeiten, die vielen Städten bislang unbekannt waren. Eine Ausweitung der Förderungen - idealerweise nach einheitlichen Kriterien auf Bundesebene - wäre sinnvoll. Kommunikation & Sensibilisierung Eine Maßnahme ist nutzlos, wenn sie nicht gesehen und angenommen wird. Daher ist es essenziell, die Bevölkerung zu sensibilisieren und die Maßnahme möglichst niederschwellig zugänglich zu machen - beispielsweise durch Partizipationsprozesse zur Ausstattung und Standortwahl oder Online-Karten mit Trinkbrunnenstandorten. Anmerkung Der vorliegende Artikel wurde auf Basis der Diplomarbeit „Wasser ist (k)ein Luxusgut. Analysen und Empfehlungen zu Trinkbrunnen im urbanen öffentlichen Raum“ verfasst. THEMA Umwelt 36 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0058 fehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Bonn. S. 7, 20-23. ttps: / / www.bmuv.de/ fileadmin/ Daten_BMU/ Download_PDF/ Klimaschutz/ hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf [abgerufen am 17.1.2023] UBA (2023). Umweltgerechtigkeit - Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. Umweltbundesamt. https: / / www.umweltbundesamt.de/ themen/ gesundheit/ umwelteinfluesse-aufdenmenschen/ umweltgerechtigkeit-umweltgesundheit-soziale-lage#umweltgerechtigkeitumwelt-gesundheit-und-soziale-lage [abgerufen am 6.7.2023] Eingangsabbildung: © iStock.com/ simplytheyu LITERATUR Becker, J. A. & Stewart, L. K. (2011). Heat- Related Illness. American Family Physician, 83(11), S. 1325-1330. https: / / www. aafp.org/ dam/ brand/ aafp/ pubs/ afp/ issues/ 2011/ 0601/ p1325.pdf [abgerufen am 16.1.2023] BMG (2023b). Hitze Service. Fakten und Grundlagen. Bundesministerium für Gesundheit. https: / / hitzeservice.de/ faktenund-grundlagen/ [abgerufen am 5.7.2023] BMG (o.J.). E86: Volumenmangel. Bundesministerium für Gesundheit. https: / / gesund.bund.de/ icd-code-suche/ e86 [abgerufen am 9.7.2023] DVGW. (2021). Technischer Hinweis - Merkblatt DVGW W 274 (M). Deutscher Verein des Gas - und Wasserfaches e.V., Bonn. S. 1-23 Huber, E. (2023). Bundestagsbeschluss-Hersteller sollen für Plastik-Entsorgung zahlen tagesschau.de. https: / / www.tagesschau.de/ inland/ einwegplastik-abgabe-bundestag-101. html [abgerufen am 1.8.2023] Straff, W., Mücke, H., Baeker, R., Baldermann, C., Braubach, A., Litvinovitch, J., Matzarakis, A., Petzold, G., Rexroth, U., Schroth, S. & Stutzinger-Schwarz, N. (2017). Handlungsemp- AUTOR: INNEN Lotta Steger, Dipl.-Ing., TU Wien, Karlsplatz 13, 1040 Wien lotta.steger@tuwien.ac.at Anzeige Buchtipp UVK Verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Im Buch wird die Frage erörtert, wie sich die moderne, globale Gegenwartsgesellschaft und damit auch das Alltagsleben von Individuen sowie institutionalisierter Politik, Wirtschaft und Bildung bei zunehmender Entkopplung von Intelligenz und individuellem Bewusstsein verändert und weiter verändern wird. Dabei wird die sich beschleunigende technologische Entwicklung nicht einfach nur als Ursache gesehen, sondern es wird der Druck der multiplen Gegenwartskrisen auf soziale Systeme und ihre weitere Entwicklung berücksichtigt. Frank H. Witt Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft 1. Au age 2025, 222 Seiten €[D] 24,90 ISBN 978-3-381-13071-9 (print) ISBN 978-3-381-13072-6 (eBook) DOI 10.24053/ 9783381130726 THEMA Umwelt Nutzung von Regenwasser für den Hitzeschutz in der Schwammstadt Stadtkühlung, Regenwassernutzung, städtische Überhitzung, Schwammstadt Stephan Köster, Anna Thoms, Greta Hadler, Maike Beier Hitzeereignisse stellen ein zentrales Klimarisiko für Städte dar. Verdunstungskühlung gilt als sehr wirksam, setzt jedoch eine verlässliche Wasserverfügbarkeit voraus. Das Stadt(t)Wasserkonzept des ISAH nutzt qualitätsgesichertes Regenwasser zur Kühlung, aktiviert neue urbane Wasserspeicher und entlastet die Trinkwasserversorgung. Der Beitrag verdeutlicht, wie zukünftig zusätzlich erforderliche Wasserdienstleitungen unter Annäherung an eine natürliche Wasserbilanz zuverlässig wahrgenommen werden können. Hintergrund: Städtischer Hitzeschutz dringend geboten Der Klimawandel verstärkt bereits heute spürbar die städtische Überhitzung und lässt künftig noch intensivere Hitzeereignisse erwarten. Hitze zählt zu den gefährlichsten Klimarisiken. In Deutschland registrierte das Umweltbundesamt im „Hitze-Sommer“ 2018 rund 8.700, 2019 etwa 6.900 und 2020 ca. 3.700 hitzebedingte Todesfälle (an der Heiden et al., 2025). Hitze betrifft nicht nur vulnerable Gruppen, sondern die gesamte Stadtbevölkerung. Trotzdem steht der Hitzeschutz in vielen Städten noch am Anfang. Stadtgestaltung und Architektur tragen eine zentrale Verantwortung, um wirksame Maßnahmen zur Stadtkühlung zu planen und umzusetzen - von der Flächengestaltung bis zur Wasserinfrastruktur. Czorny et al. (2020) zeigen beispielhaft für Hannover, wie die Integration des Wassersektors bei der Stadt- 38 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 verfügbaren Quellen werden integriert, um wetterbedingte Verbrauchsschwankungen realistisch abzubilden. Im vorliegenden Beitrag werden die Chancen und Potentiale aufgezeigt, die sich bei Hitzeereignissen durch die Bereitstellung von qualitätsgesichertem Stadt(t)Wasser im Hinblick auf die Stadtkühlung ergeben. Die diskutierten Leitfragen sind hierbei: ƒ Welche Maßnahmen(-kombinationen) sind bei möglichst effizienter Wassernutzung hinsichtlich ihrer Kühlungsleistung besonders wirksam? ƒ Wie können Maßnahmen der Stadtkühlung infrastrukturell so integriert werden, dass qualitätsgesichertes Stadt(t)Wasser auch bei längeren Dürre- und Hitzeperioden in ausreichender Menge für eine zuverlässige Kühlwirkung bereitgestellt werden kann? Einzelelemente der wasserbasierten Stadtkühlung Direkte Verdunstungskühlung Vernebelungsanlagen kühlen durch die Verdunstung feinster Wassertröpfchen (< 0,1 mm), die der Umgebung latente Wärme entziehen. Dies führt innerhalb weniger Minuten zu einer spürbaren Absenkung der Lufttemperatur im direkten Umfeld. Die Kühlwirkung ist an den Betrieb der Anlage gekoppelt und klingt nach Abschaltung sehr rasch ab. Die Einrichtung eines automatisierten Betriebs ab einer bestimmten Temperaturgrenze - z. B. 30 °C - ist möglich. Besonders in stark versiegelten, dicht bebauten Bereichen können sie lokal sehr wirksam zur Hitzeminderung beitragen. Der Kühlungseffekt hängt stark von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind ab (Huang et al., 2025; Zheng et al., 2019). Für die Berechnung der Kühlleistung wurden folgenden Annahmen getroffen: Für den täglichen Verbrauch wird ein 6-stündiger Betrieb an Hitzetagen angenommen. Eine Düse deckt 1,44 m² ab. Es ergibt sich daraus eine Kühlleistung von 0,57 kW/ m 2 . Die Flächenspülung versiegelter Oberflächen nutzt ebenfalls die Verdunstung zur Kühlung und gilt als effektiv. Die Spülung kann manuell (z. B. per Tankwagen) oder automatisiert bzw. zeitlich gesteuert erfolgen. Ähnlich der Vernebelung lässt sich damit eine bedarfsorientierte Kühlung erreichen. Im Modell wird die im Versuch von Solcerova (2018) eingesetzte Wassermenge von 12 l/ d*m2 übernommen. Es ergibt sich daraus eine Kühlleistung von 0,34 kW/ m 2 (Solcerova et al., 2018). Offene Wasserflächen steigern nicht nur die Aufenthaltsqualität in Städten, sondern tragen durch ihre hohe Wärmekapazität und Verdunstung an der Oberfläche auch zur Kühlung bei. Da in vielen Replanung die Resilienz urbaner Quartiere im Sommer stärken kann (Czorny et al., 2020). Stadtkühlung kann grundsätzlich auch wasserfrei erfolgen, z. B. durch helle Oberflächen oder Beschattung. Dennoch sind Ansätze mit Verdunstungskühlung besonders effektiv (An et al., 2015), z. B. durch Sprühelemente, Brunnen oder nächtliches Abspülen von Flächen sowie durch die Sicherstellung der Verdunstungsleistung des städtischen Grüns. Voraussetzung für wasserbasierte Maßnahmen ist eine ausreichende Wasserverfügbarkeit. Das Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover (ISAH) arbeitet seit Jahren an siedlungswasserwirtschaftlichen Konzepten für klimaresiliente Städte. Grundsätzliches Vorgehen der Szenarienanalyse zur Einordnung der BGI-Potentiale ist in Beier et al. (2022) beschrieben. Wesentlicher Ansatz ist hier die Entwicklung einer klimaangepassten Stadtentwässerung, die ohne Einbußen beim Entwässerungskomfort eine umfassende Regenwassernutzung ermöglicht. Hierzu wurde am ISAH bereits viel Ent wicklungsarbeit zur qualitätsbasier ten Trennentwässerung (qbTE) geleistet. Diese trennt gezielt reinigungsbedürftige Teilströme (häusliches Schmutzwasser, schmutziges Regenwasser stark befahrener Straßen) von unverschmutzten bzw. nur gering verschmutztem Wasser (Kabisch et al., 2021). Damit werden die Voraussetzungen für die Umsetzung des Stadt(t)Wasser-Konzepts geschaffen (Köster, 2021; Köster & Beier, 2021), das den zweiten, nutzbaren Wasserteilstrom dezentral speichert und qualitätsgesichert als alternative Wasserquelle bereitstellt. Um die zugehörige Infrastruktur vorausschauend zu planen, sind präzise Abschätzungen zukünftiger Wasserbedarfe und erforderlicher Speicherkapazitäten not wendig , die saisonale Wetter- und Bedarfsschwankungen berücksichtigen. Dies wird unterstützt durch eine smarte, datenbasierte Bewirtschaftung. Insbesondere KI-Algorithmen können zunehmend flexibel integriert werden. Auf Basis realer Wetter- und Betriebsdaten lassen sich mit P y thon-Skripten verbesserte Trainingsdaten erzeugen (Merkmalsextraktion, Aggregation, synthetische Datenaugmentation). Ziel ist eine robuste Datengrundlage für prädiktive Modelle zur Betriebsunterstützung. Zur Modellierung kann z. B. die Open-Source- Bibliothek TensorFlow genutzt werden. So entsteht ein lernfähiges Modell, das den Wasserbedarf und den Stadt(t)Wasser verbrauch präzise prognostiziert und sich durch Rückkopplung im Betrieb kontinuierlich verbessert. Externe Einflussgrößen wie Temperatur- und Niederschlagsprognosen aus frei THEMA Umwelt 39 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 Grünflächen ergänzen durch Evapotranspiration, Verschattung und unversiegelte Flächen/ Versickerung die städtische Kühlung. Sie fördern Frischluftbildung und stärken die lokale Wasserbilanz. Voraussetzung für maximale Wirkung sind angepasste Bepflanzung und effizientes Wassermanagement. Es wird angenommen, dass 90 % des Wassers aus Bewässerung und Regen verdunsten. Es ergeben sich daraus Kühlleistungen zwischen 0,05-0,13 kW/ m 2 Vegetationsfläche. Herleitung der Kühlleistung Im Folgenden wird die Kühlleistung der zuvor beschriebenen Einzelelemente zur Stadtkühlung vorgestellt. Die Kühlleistung verdunstungsbasierter Maßnahmen unterliegt mehreren standort- und witterungsabhängigen Einflussfaktoren wie Lufttemperatur und -feuchtigkeit, Strahlungsintensität sowie Windgeschwindigkeit. Dennoch ist unter Annahme typischer Randbedingungen eine Abschätzung der thermischen Wirkung möglich. Die Kühlleistung wird als abgeführte thermische Energie in kW abgeschätzt und basiert auf folgendem Berechnungsansatz: 𝐾𝐾𝐾𝐾 = 𝑚𝑚𝑚𝑚̇ ∗ ∆𝐻𝐻𝐻𝐻 𝑣𝑣𝑣𝑣 (𝑇𝑇𝑇𝑇) 𝐾𝐾𝐾𝐾[𝑊𝑊𝑊𝑊] = 𝐾𝐾𝐾𝐾üℎ𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑚𝑚𝑚𝑚̇ �𝑘𝑘𝑘𝑘𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑙𝑙𝑙𝑙 � = 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 ∆𝐻𝐻𝐻𝐻 𝑣𝑣𝑣𝑣 �𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀 𝑘𝑘𝑘𝑘𝑙𝑙𝑙𝑙� = 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙ℎ𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑎𝑎𝑎𝑎𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑊𝑊𝑊𝑊𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑎𝑎𝑎𝑎ℎä𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣 Tabelle 1 fasst die Ergebnisse hinsichtlich Kühlleistung und Wasserverbrauch der einzelnen, Elemente zusammen und gibt Hinweise zu ihren Einsatzmöggionen Deutschlands die jährliche Verdunstung den Niederschlag übersteigt, ist davon auszugehen, dass flachen Stadt-Gewässern regelmäßig Wasser zugeführt werden muss (DWA - Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, 2018). Ein gezielter Eingriff in den Prozess oder eine Bewirtschaftung ist nicht möglich. Nachts kann es zur Wärmeabgabe kommen, wenn sich die Luft schneller abkühlt als das Wasser. Tagsüber ergibt sich eine Kühlleistung von 0,14 kW/ m 2 Wasseroberfläche. Indirekte Verdunstungskühlung über Vegetation Bei der Abschätzung der Kühlleistung von Pflanzen und Grünanlagen ist zu beachten, dass diese auf einem funktionsfähigen vegetativen System basiert. Sollten Grünanlagen und Stadtbäume bspw. extremer Hitze und/ oder längerer Trockenheit ausgesetzt sein, wird die Verdunstungsleistung reduziert. Die angegebenen Werte basieren auf optimalen Bedingungen hinsichtlich Wasserverfügbarkeit und Vitalität der Vegetation. Die genannten Werte sind daher als Maximalabschätzungen zu interpretieren. Stadtbäume tragen durch Transpiration und Schattenwurf zur Abkühlung bei. Sie sind ferner CO 2 - Senken und bieten ökologische wie gestalterische Vorteile. Ihr Kühlpotenzial hängt von Art, Alter und Vitalität des Baums ab. Der Pflege- und Bewässerungsaufwand besonders bei Jungbäumen ist hoch. Hier werden innovative Ansätze verfolgt, wie bspw. durch den Einsatz von KI Bewässerungslogistiken optimiert werden können (z. B. im Projekt BlueGreenCity KI -Entwicklung eine KI-Tools für die Pflege-, Kontroll- und Bewässerungsplanung kommunaler grüner Infrastruktur unter Verwendung alternativer Wasserressourcen). Es ergeben sich daraus Kühlleistungen zwischen 0,14-1,88 kW/ m 2 . Tabelle 1: Übersicht einzelner Kühlelemente inkl. spezifischer Wasserverbräuche, realistischen Verdunstungsraten und Kühlleistungen pro Quadratmeter Grundfläche ( Verdampfungsenthalpie bezogen auf 25°C) basierend auf Erfahrungswerten aus der Literatur ∆𝐻𝐻𝐻𝐻 𝑣𝑣𝑣𝑣 �𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀 𝑘𝑘𝑘𝑘𝑙𝑙𝑙𝑙� = 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙ℎ𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑎𝑎𝑎𝑎𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑊𝑊𝑊𝑊𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑎𝑎𝑎𝑎ℎä𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑣𝑙𝑙𝑙𝑙 𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉 𝑇𝑇𝑇𝑇𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑎𝑎𝑎𝑎𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑉𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑙𝑉𝑉𝑉𝑉 𝑇𝑇𝑇𝑇 THEMA Umwelt 40 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 (vgl. Bild 1) definiert. Wind- und Bebauungseinflüsse bleiben bei der Untersuchung unberücksichtigt. Zur Berechnung der Kühlleistungen und des dafür nötigen Wassers sowie erforderlicher Stadt(t) Wasser-Qualitäten werden für die Sommertage mit moderater Wärme (< 30 °C) gemittelte Wasserverbrauchswerte, für Hitzetage (> 30 °C) hingegen Maximalwerte aus Tabelle 1 herangezogen. Es wird ferner von einer ausreichenden Wasserverfügbarkeit zum Funktionserhalt der blau-grünen-Elemente auch während Hitzeperioden ausgegangen. Die Ergebnisse der Berechnungen bzgl. Wasserverbrauch, Kühlleistung, Speichergröße sind in Bild 2 aufgenommen und grafisch markiert. Darüber hinaus werden die dadurch inkludierten Kapazitäten für eine Starkregenvorsorge abgeschätzt. Wie zu ersehen ist, ist eine Stadtkühlung mittels Kälteinsel durch Einzelmaßnahmen oder Maßnahmenkombinationen einfach und effektiv möglich. Modellfall 3 mit einer Kombination aus den 3 Einzelmaßnahmen Vernebelung, Rasenfläche und Stadtbaum ist am effektivsten und vereint kurzzeitige punktuelle mit kontinuierlicher flächiger Kühlung. Die blau-grünen Infrastrukturelemente in den Molichkeiten. Während im BMBF-Projekt TransMiT/ RES: Z-Maßnahme für das System des geschlossenen Hinterhofes die Potentiale von blau-grünen Gestaltungselementen auf ihre Kühlleistung im Reallabor untersucht wurden (Beier et al. 2022), werden die Potentiale für urbane Plätze nachfolgend in einer Modellierungsanalyse dargestellt. Modellbetrachtung für Kälteinseln Eine flächendeckende Abkühlung ganzer Stadtgebiete ist unrealistisch. Stattdessen bieten „Kälteinseln“ lokal begrenzte Bereiche mit verbesserter thermischer Aufenthaltsqualität, in denen sich Menschen bei Hitze temporär abkühlen können. Die Wirkung solcher Kälteinseln - mittels Einzelelementen oder Kombinationen - wird an 5 Modellfällen untersucht. Dabei werden Kühlleistung an einem Hitzetag, erforderliches Speichervolumen zur Bedarfsdeckung und die benötigte Wasserqualität inklusive Aufbereitung betrachtet. Als Untersuchungsraum dient ein 500 m² großer öffentlicher Platz. Als Referenzfall wird eine vollständig versiegelte Platzfläche gewählt. Für die Platzfläche werden 5 Modellfälle mit jeweils unterschiedlichen Gestaltungen und Kühl-Ausstattungen Bild 1: Überblick der Modellfälle mit Flächenanteilen der Kühlmaßnahmen (in %), ISAH Referenz: vollversiegelte Fläche Modellfall 1: Stadtbaum und Rasen (50 %) Modellfall 2: offenes Wasser und Rasen (je 30 %) Modellfall 3: Stadtbaum, Vernebelung (30 %) und Rasen (10 %) Modellfall 4: Flächenspülung (100 %, 1-5 mm verteilt) Modellfall 5: Vernebelung (100 %) Bild 2: Kühlleistung [kW] und Wasserverbrauch [m³] ausgewählter Kühlelemente für einen 500 m² großen öffentlichen Platz an einem Hitzetag (> 30 °C) sowie Kühlleistung [kW], Speichervolumen [m3] und abgeschätzte Retentionsleistung [%] bei Starkregen für einen Sommermonat (30 Tage, 4 Hitzetage), ISAH THEMA Umwelt 41 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 Anforderungen (z. B. zur Vernebelung) zu unterscheiden. Je nach Aufbereitungsgrad wird das Wasser in verschiedene Qualitätsstufen eingeteilt, vgl.(Köster & Beier, 2021). Folgende Stadt(t)Wasser-Qualitäten sind für die hier betrachteten Modellfälle relevant: ƒ Basis: unbehandeltes Stadt(t)Wasser ƒ Basis+: membranfiltriertes Stadt(t)Wasser ƒ Des+: Basis+ mit Desinfektion Folgende Speichersysteme wurden betrachtet: ƒ Bodenspeicher bestehend aus porösen Materialien oder Speicherelementen wie Kies- oder Kunststoffrigolen ermöglichen eine gezielte Versickerung oder kontrollierte Einleitung in den Boden. Das Wasser reichert entweder das Grundwasser an oder verbleibt in den oberen Bodenschichten, wo es über Kapillarwirkung und Wurzeln pflanzenverfügbar bleibt. ƒ Regenwasserkanäle im Trennsystem (qbTE) können in Trockenphasen als Zwischenspeicher genutzt werden. ƒ Zisternen können ober- oder unterirdisch installiert werden und sind in verschiedenen Formen und Größen verfügbar. Während Regenwasser mit Basis-Qualität überwiegend in Regenwasserkanälen, offenen Wasserflächen, den Bodenspeichern oder auch im Grundwasser gespeichert wird, erfolgt die Speicherung des aufbereiteten Stadt(t)Wassers der Qualitätsstufen Basis+ und Des+ gezielt in Zisternen. Zusätzlich verdeutlichen die im Rahmen der vorliegenden Untersuchungen durchgeführten Berechnungen, dass bei der Umsetzung einer umfassenden Regenwassernutzung im urbanen Raum deutlich größere Speichervolumina erforderlich sind als im Fall einer ausschließlich auf die Starkregenvorsorge ausgerichteten Strategie. City Water Hubs - Aufbereitungseinheiten Im Rahmen des Stadt(t)Wasser-konzepts leisten dezentrale, modular konfigurierte „City Water Hubs“ (CWH) die Aufbereitung des gesammelten Regenwassers. Da dieses überwiegend von unbelasteten oder nur gering belasteten Oberflächen stammt (qbTE), kann von einer vergleichsweise hohen „Rohwasserqualität “ ausgegangen werden. Der Aufbereitungsfokus liegt damit vorrangig auf der Entfernung suspendierter Feststoffe und der Reduktion hygienisch relevanter Parameter. Die Aufbereitung des Stadt(t)Wassers erfolgt nutzungsspezifisch und bedarfsgerecht. Zentrale Komponenten des Aufbereitungsprozesses sind eine vorzugsweise schwerkraftgetriebene Membranfiltration (Ultrafiltration) dellfällen 1 und 2 liefern zwar geringere, aber über längere Zeit konstante Kühlung. Die Vernebelungsanlage im Modellfall 5 erzielt die höchste Kühlleistung, benötigt aber bis zu 10 m³ Wasser pro Tag bei platzweitem Einsatz. Die Flächenspülung in Modellfall 4 erreicht mit deutlich weniger technischem Aufwand über die Hälfte der Kühlleistung der Vernebelungsleistung. Die hier ermittelten Wasserverbräuche lassen sich noch weiter optimieren (z. B. temperatur- oder personensensitive Steuerung). Insgesamt bietet Modellfall 3 zwar nicht die höchste Kühlleistung über 30 Tage, aber das effizienteste Verhältnis von Wasserverbrauch zu Kühlwirkung. Technische Umsetzung und infrastrukturelle Einbindung Die Integration einer zusätzlichen Wasserversorgungskomponente wie die des Stadt(t)Wassers stellt eine große Herausforderung insbesondere in urbanen Bestandsgebieten dar. Infrastrukturkomponenten, die benötigt werden, sind ausreichende und interagierende Wasserspeicher, die Option einer Aufbereitung zur Herstellung nutzungsabhängiger Stadt(t)Wasser-Qualitäten sowie dezentrale und einfach zu handhabende Verteilungslogistiken. Urbane Wasserspeicher Die Entwicklung der klimanagepassten Stadt war bislang stark von den Erfordernissen einer verstärkten Starkregenvorsorge geprägt. Für eine Versorgung mit Stadt(t)Wasser ist zwischen Wasserspeichern zur Sammlung von Regenwasser auch im Sinne der Starkregenvorsorge und solchen zur Speicherung von aufbereitetem Wasser mit gezielt definierten Qualitätsparametern für spezielle Anwendungen mit erhöhten Bild 3: City Water Hub (CWH) als Pilotanlage im Einsatz auf dem Campus der Leibniz Universität, ISAH THEMA Umwelt 42 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 einem großen Stadtbaum, ca. 10 % Rasenfläche und einer Vernebelungsanlage auf etwa 30 % der Fläche. Die Wasserversorgung erfolgt vollständig über lokal gesammeltes Regenwasser. Die Vernebelungsanlage benötigt 0,5 m³/ h und ist für 6 Stunden täglichen Betrieb an heißen Tagen ausgelegt, was einem Tagesverbrauch von 3 m³ entspricht. Bei 3 Hitzetagen pro Sommermonat ergibt sich ein monatlicher Bedarf von 9 m³ und 27 m³ für 3 Monate. Zusätzlich werden für die Baum und Rasenpflege 6 m³ (Rasen) und 2 m³ (Bäume) eingeplant, sodass sich insgesamt ein Wasserbedarf von 35 m³ und eine Verdunstungsmenge von 27 m³ ergibt. Es wird ein Regenwasserspeicher von 45 m³ empfohlen, um längere Trockenperioden zu überbrücken, inklusive 30 % Sicherheitsreserve. Alternativ kann ein Mindestvolumen von 15 m³ bei Platzmangel vorgesehen werden, was eine Versorgung für mindestens einen regenfreien Monat sichert (Vernebelung: 9 m³ plus Bewässerung: 3 m³ mit 20 % Reserve). Das unbelastete Regenwasser von der Platzoberfläche und umliegenden Dächern wird in einer vorgelagerten Speichervorrichtung (Zisterne, Regenwasserkanal, Bodenspeicher) gesammelt. Die Platzfläche, die ausschließlich für Fußgängerverkehre genutzt wird, bietet rechnerisch ausreichendes Potenzial zur Sammlung des benötigten Regenwassers. Bei einer Abschätzung von 200 mm Niederschlag in den 3 Sommermonaten ergibt sich folgendes Rückhaltepotenzial: zur Abtrennung suspendierter Feststoffe bzw. feiner Partikel, verbunden mit einem sehr geringen Energiebedarf und minimalem Betriebsmitteleinsatz, sowie eine UV-Desinfektion des feststofffreien Wassers zur sicheren Inaktivierung mikrobiologischer Verunreinigungen. Ergänzend kann eine Aktivkohlefiltration zur Entfernung organischer Spurenstoffe eingesetzt werden. Der modulare Aufbau gestattet es, dass die Aufbereitung flexibel an unterschiedliche Eingangswasserqualitäten und -mengen angepasst werden kann. Das Stadt(t)Wasser wird in Abhängigkeit der durchlaufenen Aufbereitungsmodulen in unterschiedliche Qualitätsstufen erzeugt: Basis, Basis+, Des+. Die CWHs sind ferner als gestalterisch integrierbare Infrastrukturelemente konzipiert. Ihre Einbindung in öffentliche Räume - etwa in Innenhöfen oder auf Quartiersplätze oder in Grünanlagen - ermöglicht eine funktionale und zugleich sichtbare Verbindung von Wassermanagement und Stadtgestaltung. Die Nutzung von Photovoltaikmodulen zur Energieversorgung unterstützt eine (über den Jahresverlauf durchgängige) autarke Betriebsweise. Bild 3 zeigt eine Demonstrationsanlage in einem Innenhof der Leibniz Universität Hannover. Die Platzgröße liegt bei 210 m². Dort kann u. a. ein vorhandenes Bewässerungssystem zur Versorgung der dortigen Grünanlagen genutzt werden. Zur Stadt(t)Wassergewinnung können ferner ausreichend umliegende Dachflächen eingebunden werden. Die erwartbaren Niederschlagsmengen werden durch standortbezogene Langzeitdaten sowie insbesondere durch aktuelle Daten einer lokal installierten Wetterstation (inkl. Echtzeitmessung von Niederschlagsintensität und Temperatur) abgeschätzt. In der Pilotanlage erfolgt die Entfernung suspendierter Feststoffe über einen Polypropylen Wickelfilter mit einer Porenweite von 5 µm (Pureplus PPW 10). Zur Desinfektion ist eine UV-Bestrahlungseinheit (Wagner GREEN UVC GUV 211) als Modul integriert. Zusätzlich wird die Wirkung einer Stufe mit granulierter Aktivkohle untersucht. Zur Prozessüberwachung ist das System mit einer Temperaturmessung und Wasserstandserfassung ausgestattet. Zur Überprüfung der Qualitäten nach Aufbereitung finden regelmäßige Probennahmen mit Untersuchung einer Vielzahl von (hygienischen) Wasserqualitätsparametern statt. An der cloudbasierten Integration weiterer Online-Messtechnik wird aktuell gearbeitet. Beispiel für infrastrukturelle Einbindung Der Modellfall 3 wird aufgrund seiner hohen Wirksamkeit als Ausgangspunkt genutzt, um Rahmenbedingungen und infrastrukturelle Anforderungen zu konkretisieren. Die Platzfläche umfasst 500 m², mit Bild 4: Darstellung der Platzkühlung mit Stadt(t)Wasser für Modellfall 3, ISAH THEMA Umwelt 43 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 oder Straßenreinigungsfahrzeugen mit aufbereitetem Wasser. Zusammenfassung und Ausblick Urbane Räume sind zunehmend von Hitze und Überhitzung betroffen. Wasser als Ressource für Verdunstungskühlung wird dabei immer wichtiger, um Kühlung und Aufenthaltsqualität zu sichern sowie gesundheitliche Belastungen zu verringern. Kühlung beginnt bei lokalen „Kälteinseln“ und entfaltet ihr Potenzial durch die Integration blau-grüner Infrastruktur auf Quartiersebene. Kälteinseln eignen sich besonders für hitzebelastete Orte wie Schulhöfe, Plätze oder Haltestellen. Die Akzeptanz solcher Plätze steigt, wenn sie Kühl-, Erholungs- und Spielangebote bieten (Sousa-Silva & Zanocco, 2024). Die vorgelegten Ergebnisse belegen, dass Kälteinseln am wirksamsten sind, wenn Maßnahmen gezielt kombiniert werden, wodurch Synergien und Redundanzen entstehen. Effektive Stadtkühlung erfordert mehr als punktuelle Eingriffe; sie ist eine Frage der wasserwirtschaftlichen Infrastrukturentwicklung. Es ist ratsam, Kühlung als integrierten Prozess von Quartiersentwicklung und wasserwirtschaftlicher Infrastruktur zu denken. Verschiedene Vorstellungen einer klimaresilienten Stadt existieren, doch das Schwammstadt-Prinzip überzeugt besonders, da es Wasser in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung stellt und zentrale Ziele der Klimaanpassung fördert. Wichtig ist, dass für konsequenten Hitzeschutz größere Wasserspeicher nötig sind als für Retentionsräume der Starkregenvorsorge. Diese Tatsache sollte frühzeitig bei der Infrastrukturplanung berücksichtigt werden. Ein Vorteil: Konsequenter Hitzeschutz unterstützt zugleich die Starkregenvorsorge. Zusammenfassend brauchen Städte schnelle, effiziente Kühlung, idealerweise ohne Trinkwasser. Das vorgestellte Stadt(t)Wasser-Konzept zeigt konkret, wie Regenwasser als Ressource für Kühlung genutzt und die Trinkwasserversorgung entlastet werden kann und dies unter Einhaltung aller gebotenen Qualitätsanforderungen. DANKSAGUNG Dieser Beitrag entstand im BMFTR-finanzierten Projekt „Technische Ausgestaltung und digital-gestützte Bewirtschaftung von 3 qualitätsgesicherten Wasserkreisläufen zur Sicherstellung der städtischen Wasserversorgung als Beitrag zur Entwicklung klimaangepasster Städte aqua3“ (02WAZ1740A). Weitere Entwicklungen, besonders mit KI-Methoden, erfolgen im BMUKN-geförderten Projekt BlueGreenCity- KI (67KIA4032B). 500 𝑚𝑚𝑚𝑚 2 ∗ 0,2 𝑚𝑚𝑚𝑚 ∗ 0,8 ∗ 0,9 = 72 𝑚𝑚𝑚𝑚 3 Dabei wurde ein Abflussbeiwert von 0,8 für den befestigten Platz sowie ein Systemwirkungsgrad von 0,9 zur Berücksichtigung von Verlusten und Ineffizienzen angesetzt. Mögliche Interzeptionsverluste werden durch den Stadtbaum nicht explizit berücksichtigt. Somit können potenziell 72 m³ Regenwasser in besagten Zeitraum gesammelt und zur Nutzung bereitgestellt werden. Aufgrund der Aerosolbildung durch die Vernebelung und die Rasensprengung wird aufbereitetes Stadt(t)Wasser benötigt. Die dezentrale Aufbereitungseinheit C WH entnimmt dem Speicher Regenwasser und bereitet es zu Stadt(t)Wasser auf. Die Aufbereitung erfolgt mit Ultrafiltration, Aktivkohlefiltration und UV-Desinfektion. Der CWH wird im beschriebenen Fall auf einen Mindestdurchsatz von 0,5 m³/ h ausgelegt. Die gewählte durchschnittliche Leistung des CWH liegt bei 1 m³/ h, um ausreichend Wasser für die Vernebelung bereitzustellen. Zweckmäßig ist ein Speicher für aufbereitetes Stadt(t)Wasser von 1 m³, der z. B. in CWH „Sitzmöbeln“ (vgl. Bild 4) integriert werden kann. Die Bewässerung der Rasenfläche mit UV-desinfizierten Stadt(t)Wasser (Rasensprengung) wird vorzugsweise in den Morgen- und Abendstunden stattfinden, wenn keine Vernebelung erfolgt. Der Stadt-Baum kann mit unbehandeltem Regenwasser wurzelnah und direkt aus dem Regenwasserspeicher bewässert werden. Die Wasserverteilung erfolgt über ein lokales, sensorgestütztes System, das eine bedarfsgerechte Versorgung ermöglicht. Die Steuerung kann zeitgesteuert oder sensorbasiert erfolgen, wobei Luftfeuchte, Temperatur und Solarstrahlung das Ein- und Ausschalten regeln. Aus dem oberirdischen Stadt(t) Wasser-Speicher wird mittels Hochdruckpumpe das aufbereitete Wasser zu den Vernebelungseinheiten gefördert. Bei einem 6-stündigen Dauerbetrieb benötigt die Verneblungsanlage etwa 2,5-3 kWh/ Tag, was mit einer 3 m² großen PV-Fläche und Energiespeicherung autark gedeckt werden kann. PV-Module verschatten die Anlage und sichern so die Stromversorgung des CWHs überproportional. Die Fläche dient gleichzeitig zum Auffangen unbelasteten Regenwassers. Weitere Kühlmaßnahmen wie temporäre Flächenflutung mit Stadtbaumbewässerung können über den C WH gezielt umgesetzt werden. An weniger heißen Tagen sichert die Infrastruktur vorrangig die Wasserversorgung für Grünelemente wie Stadtbäume, Rasenflächen und angrenzender Vegetation. Eine Zapfstelle am CWH ermöglicht zudem das Befüllen von Bewässerungs- THEMA Umwelt 44 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0059 LITERATUR an der Heiden, D. M., Buchien, S., & Winklmayr, C. (2025). DAS: Weiterentwicklung und Harmonisierung des Indikators zur hitzebedingten Übersterblichkeit in Deutschland. An, K. J., Lam, Y. F., Hao, S., Morakinyo, T. E., & Furumai, H. (2015). Multi-purpose rainwater harvesting for water resource recovery and the cooling effect. Water Res, 86, 116-121. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.watres.2015.07.040 Beier, M., Gerstendörfer, J., Mendzigall, K., Pavlik, D., Trute, P., & von Tils, R. (2022). 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Assessing public attitudes towards urban green spaces as a heat adaptation strategy: AUTOR: INNEN Stephan Köster, Prof. Dr.-Ing, Geschäftsführender Leiter und Universitätsprofessor des Institutes für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover koester@isah.uni-hannover.de ORCID: 0000-0001-8014-2399 Anna Thoms, M.Sc., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover thoms@isah.uni-hannover.de ORCID: 0009-0005-0503-0924 Greta Hadler, M.Sc., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover hadler@isah.uni-hannover.de ORCID: 0000-0002-9628-2043 Maike Beier, Dr.-Ing., Leiterin Forschungsfeld Abwasser und Wassermanagement, Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Leibniz Universität Hannover, beier@isah.uni-hannover.de ORCID: 0000-0001-7868-4172 Insights from Germany. 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Dieser Beitrag fasst die Erfahrungen deutscher Großstädte bei der Konzeption und Umsetzung von HAPs zusammen und blickt nach Frankreich, das bereits seit 20 Jahren über eine etablierte nationale Hitzeaktionsplanung verfügt. Die Ergebnisse zeigen Strategien, Warnsysteme und Maßnahmen im Umgang mit Hitzewellen auf, welche zum Schutz der Bevölkerung beitragen können 1. Hitzeschutz in Städten: Das Projekt „Plan°C“ Die Folgen des Klimawandels stellen Städte vor wachsende Herausforderungen. Acht der zehn heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen traten in den letzten 30 Jahren auf. Besonders in dicht bebauten Innenstädten verstärken ein höherer Versiegelungsgrad, dichte Bebauung und anthropogene Wärmeerzeugung den urbanen Hitzeinseleffekt, sodass in Innenstädten insbesondere nachts bis zu zehn Grad höhere Temperaturen als im Umland auftreten können (Ahlhelm et al., 2016). 46 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 bieten. Das Akronym verweist nicht nur die Hitzethematik (°C), sondern auch auf den französischen „Plan Canicule“. Ein wesentlicher Aspekt des Projekts war neben dem Wissenstransfer zwischen deutschen Kommunen die Nutzung des wertvollen langjährigen Praxiswissens aus Frankreich, das die Diskussion in Deutschland um neue Ansatzpunkte ergänzt. In dem Projekt wurde untersucht, wie sich kommunale HAPs in Struktur, Inhalt und Umfang unterscheiden und vor welchen Chancen und Herausforderungen die Kommunen stehen. Durch die Bereitstellung übertragbarer Ergebnisse trägt das Projekt maßgeblich dazu bei, die Erstellung von Hitzeaktionsplänen auf kommunaler Ebene in Deutschland zu beschleunigen und in die Breite zu tragen und somit den Gesundheitsschutz der Bevölkerung effektiv zu verbessern. 2. Hitzeaktionsplanung in Deutschland und Europa Der Hitzesommer 2003 war eine Zäsur für Europa: Schätzungsweise 70.000 bis 80.000 hitzebedingte Todesfälle wurden europaweit verzeichnet, über 8.000 davon in Deutschland und mehr als 15.000 in Frankreich (Augustin et al., 2023; Kemen et al., 2020; Sáez Reale, 2023). Als Reaktion auf diese Katastrophe begannen erste europäische Städte und Länder, umfassende Strategien zur Hitzevorsorge zu entwickeln. Im Jahr 2008 veröffentlichte das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erste Leitlinien für HAPs, die bis heute als Empfehlung zur nationalen bis kommunalen Hitzeaktionsplanung dienen (Martinez et al., 2022; Straff et al., 2017). Sie umfassen acht Kernelemente (HAP-KE), die kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen über vier Zeithorizonte strukturieren (Bild 1). Die zunehmende Hitzebelastung stellt ein steigendes Gesundheitsrisiko für unsere Bevölkerung dar. Zwischen 2018 und 2023 wurden in Deutschland über 20.000 Todesfälle auf die heißen Sommer zurückgeführt ( Winklmayr et al. 2023). Längere Hitzeperioden und Tropennächte führen bei der Bevölkerung zu gravierenden gesundheitlichen Problemen wie Dehydrierung, Hitzschlag und der Verschlimmerung chronischer Erkrankungen. Besonders gefährdet sind vulnerable Bevölkerungsgruppen, deren Anpassungsfähigkeit durch Alter, sozioökonomischen Status, geringe soziale Teilhabe oder Isolation und Vorerkrankungen eingeschränkt ist (Hertel et al. 2024, Matzarakis & Zielo 2017). Hitzeaktionspläne (HAPs) sind ein zentrales Instrument der kommunalen Hitzevorsorge. Sie bündeln kurz-, mittel- und langfristige Präventions- und Interventionsmaßnahmen, um die Bevölkerung vor Ort zu schützen. Während Länder wie Frankreich schon seit vielen Jahren auf verpflichtende Hitzeschutzstrategien wie Hitzeaktionsplanung setzen, ist die Erstellung und Umsetzung von HAPs in Deutschland bislang eine freiwillige Aufgabe und daher sehr heterogen und dynamisch. Hier setzt das Projekt „Plan°C“ an, das vom Deutschen Institut für Urbanistik im Verbund mit den Projektstädten Düsseldorf und Karlsruhe umgesetzt wurde. Kernziel des Projekts war es, die Handlungsempfehlungen der Bund/ Länder-Ad-hoc-Arbeitsgruppe für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen (Straff et al., 2017) in den beiden besonders hitzebelasteten Städten Düsseldorf und Karlsruhe umzusetzen. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren wurden Erfahrungen aus der kommunalen Praxis gebündelt, die konkrete Einblicke in die deutsche HAP-Landschaft Bild 1: Schema der von der WHO vorgesehenen Zeithorizonte für die Umsetzung der Kernelemente eines HAP, (eigene Darstellung nach Straff et al., 2017) THEMA Umwelt 47 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 ergänzt werden. Daher spielen Gesundheitsthemen und insbesondere Kommunikation und Aufklärung auch in Deutschland eine zunehmende Rolle. Im Juni 2023 kündigte der damalige Bundesgesundheitsminister Lauterbach erstmals einen „Hitzeschutzplan für Gesundheit “ für Deutschland an. Ein daraufhin veröffentlichter Entwurf (BMG, 2023) thematisiert schwerpunktmäßig Kommunikations- und Sensibilisierungsmaßnahmen, ist aber nicht rechtlich bindend und wenig konkret. Im Januar 2024 und März 2025 wurde dieser durch „Roadmaps“ zur weiteren Umsetzung, Verstetigung und Weiterentwicklung ergänzt. Die erste Roadmap (BMG, 2024) betonte bereits, dass im föderalen System Deutschlands kein durchgreifendes Organisationsrecht des Bundes existiert, Hitzeschutz aber dennoch auf Bundesebene verbindlich verankert werden soll. Geplant sind die Nutzung des DWD-Hitzewarnsystems, die Entwicklung eines Monitorings sowie bundesweite Kampagnen zur Sensibilisierung und Aufklärung. Offene Fragen zu Inhalt und rechtlichen Verankerung werden aktuell im Projekt „Möglichkeiten der Ausgestaltung und einer Umsetzung eines nationalen Hitzeaktionsplans für Deutschland (NatHAP)“ bearbeitet. Trotz dieser Initiativen und dem zunehmenden kommunalen Engagement stehen deutsche Kommunen weiterhin vor einigen Herausforderungen. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick nach Frankreich, wo es bereits seit über 20 Jahren eine nationale Hitzeaktionsplanung gibt. 3. Lernen von Frankreich Der französische PNC (Ministère des Solidarités et de la Santé France, letzte Version 2017), die zugehörigen Gesundheitsempfehlungen des Nationalen Hitzeaktionsplans („Blauer Plan“) (Haut Conseils de la Santé Publique France, 2014) sowie die regionalen und kommunalen Planungen zur konkreten Umsetzung sind eng aufeinander abgestimmte Instrumente der französischen Hitzeaktionsplanung. Im Sinne eines Health-in-All-Policies-Ansatzes ist der PNC darüber hinaus ressortübergreifend auch mit weiteren thematisch verwandten Konzepten verzahnt, insbesondere im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz („Plan ORSEC“), so dass auch in extremen Wetterlagen ein abgestimmtes Vorgehen möglich ist. Seit seiner Etablierung im Jahr 2004 ist der PNC an das nationale Hitzewarnsystem von Météo France gekoppelt, das vier Warnstufen vorsieht. Jede Stufe löst verbindlich spezifische Maßnahmen auf allen Ebenen der Verwaltung aus - von national bis kommunal. Zur Koordination auf kommunaler Ebene wird mindestens ein*e Hitzebeauftragte*r (référent canicule) Frankreich übernimmt seit 2003 eine Vorreiterrolle in der europäischen Hitzeaktionsplanung: Bereits im Jahr 2004 führte die Regierung als Reaktion auf die nationale Gesundheitskatastrophe des Sommers 2003 und den daraus resultierenden hohen öffentlichen Druck einen landesweiten „Plan National Canicule“ (PNC) ein, mit einer gesetzlichen Verpflichtung zur kommunalen Hitzeaktionsplanung auf allen Verwaltungsebenen. Bis heute ist Frankreich das einzige Land in Europa, das eine derartige umfassende Pflicht zur Hitzeaktionsplanung festgeschrieben hat. Andere europäische Länder wie die Schweiz, Österreich, Spanien, Italien, Griechenland, die Niederlande und Großbritannien verfügen ebenfalls seit etwa 2004 über nationale HAPs, deren Umsetzung jedoch meist auf freiwilliger Basis erfolgt. Obwohl auf nationaler Ebene oft keine gesetzliche HAP-Verpflichtung besteht, haben einige subnationale Einheiten (z.B. Genf, Lombardei) verpflichtende Regelungen eingeführt, die sich aber oft auf spezifische Sektoren beschränken. In Deutschland startete der Deutsche Wetterdienst (DWD) 2005 mit einem Hitzewarnsystem (HWS). Im Jahr 2017 veröffentlichte die Bund/ Länder- Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Anpassung an die Folgen des Klimawandels (GAK)“ die „Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit “, basierend auf den WHO-Leitlinien von 2008. Die Hitzeschutzanpassung erfolgt in Deutschland nach dem Subsidiaritätsprinzip, doch eine gesetzliche Pflicht zur Hitzeaktionsplanung besteht bis heute nicht. Ebenso fehlen einheitliche Mindeststandards sowie eine gesicherte Finanzierung. Entsprechend heterogen und dynamisch - auch in Abhängigkeit von politischem Willen, Betroffenheit und Ressourcen - ist die HAP-Landschaft ausgeprägt. Erste kommunale HAPs erschienen 2021 und 2022, beispielsweise in Köln, Mannheim, Offenbach und Worms. Viele weitere Kommunen haben seitdem Pläne entwickelt oder sind dabei, diese zu erstellen. Ende 2024 gab es rund 30 veröffentlichte HAPs in deutschen Kommunen, und über ein Dutzend weitere kommunale Pläne waren in Bearbeitung; ein halbes Jahr später finden sich bereits über 40 kommunale HAPs. Zudem haben einige Bundesländer wie Brandenburg, Hessen, Rheinlandpfalz und das Saarland HAP-Konzepte, und auch Thüringen erarbeitet zurzeit einen HAP. Der Fokus beim Hitzeschutz lag in Deutschland lange primär auf planerischen Maßnahmen wie blaugrüne Infrastruktur. Ihre Wirksamkeit für den gesundheitsbezogenen Hitzeschutz ist jedoch begrenzt und muss durch verhaltensbezogene Maßnahmen THEMA Umwelt 48 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 sundheitsrisiko erheblich steigert. Ignoranz bezieht sich dabei auf das Missachten der Gefahr und/ oder unzureichende hitzebezogene Gesundheitskompetenz, während Isolation mangelndes Sozialkapital und geringe Teilhabe beschreibt. Folglich zielen die Maßnahmen in Frankreich vor allem auf die Stärkung der hitzespezifischen Gesundheitskompetenz und gesellschaftlichen Solidarität ab. Neben der Vernetzung und Koordination aller für den Gesundheitsschutz relevanten Akteure fokussieren sich viele HAP-Kernaufgaben auf Maßnahmen wie Informationskampagnen und Unterstützungsangebote wie Telefondienste sowie die Bereitstellung kühler Räume. ƒ Nationale Informationskampagnen vermitteln einfach verständliche Verhaltenshinweise über Plakatkampagnen, Radio- und TV-Beiträge. Darüber hinaus werden zielgruppenspezifische Materialien und direkte Anspracheformate entwickelt und die Akteure des Gesundheits- und Sozialsektors wie Ärzt*innen, Pflegepersonal und soziale Einrichtungen gezielt als Multiplikatoren einbezogen. Auch über Bildungsangebote soll die hitzebebenannt. Eine Vielzahl von städtischen Akteuren wie Sozial- und Gesundheitsbehörden, Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, Bildungseinrichtungen sowie zahlreiche Partner wie Wohlfahrtsverbände oder gemeinnützige Vereine sind verbindlich in die Hitzeaktionsplanung eingebunden und setzen eigenständig Maßnahmen um. Auch die Finanzierung ist gesetzlich geregelt und die Hitzeaktionsplanung so fest im kommunalen Haushalt integriert. Diese Verbindlichkeit fördert nicht nur die ressortübergreifende Zusammenarbeit, sondern verankert Hitzeschutz auch fest im kommunalen Tagesgeschäft. Planerische Maßnahmen wie blau-grüne Infrastruktur werden in Frankreich anders als in Deutschland erst seit einigen Jahren stärker in die Hitzeaktionsplanung integriert - beispielsweise über Programme wie „Ma ville plus fraîche“. Der französische Ansatz ist stark sozial-präventiv ausgerichtet. So ist ein zentrales Merkmal das Verständnis von Hitze nicht allein als meteorologische, sondern als soziale Herausforderung. Dies bedeutet, dass nicht allein die Exposition relevant ist, sondern die Kombination mit den Faktoren „Ignoranz und Isolation“ das Ge- Maßnahmen zur Information und Sensibilisierung Kühle Räume und Hitzereduzierung in Innenräumen Maßnahmen in Settings (Arbeit, Verwaltung, Gesundheit) Ansprache und Kommunikation durch Schlüsselakteur: innen Unterstützungsangebote für Risikogruppen Koordination, Monitoring und Evaluation 1 Oktober November Dezember Januar Februar März April Mai Juni Juli Juli mber Außerhalb der Warnsaison (16.09 - 30.04) Bewerben von Informationsmaterial Aushang von Plakaten im öffentlichen Raum Information über digitale Kommunikationskanäle Veröffentlichung von Pressemitteilungen Durchführen von Infoveranstaltungen/ -aktionen Bewerben des Trinkwasserangebots Persönliche Beratung von Risikogruppen im Rahmen von ohnehin stattfindenden Konsultationen Erarbeiten von Informationsmaterial für die Allgemeinbevölkerung Erarbeiten von zielgruppenspezifischen Informationskampagnen Verteilen des Informationsmaterials an Multiplikator: innen Buchung von Plakatflächen, Werbespots und anderen Kommunikationskanälen Vorbereitung von Pressemitteilungen und Social Media Posts Vorbereitung von Infoveranstaltungen und -aktionen Schulung von Mitarbeitenden für das Hitzetelefon Septe Während der Warnsaison (01.05-15.09) Einrichten kühler Räume Sicherstellen der barrierefreien Zugänglichkeit, z.B. durch Fahrdienste Prüfen der Funktionsfähigkeit von baulich-technischen Vorrichtungen und Trinkwasserspendern Sensibilisierung zu hitzeangepasstem Nutzungsverhalten Hitzeangepasste Planung von (Groß-)Veranstaltungen Beschaffung von hitzeangepasster Dienstkleidung, Kühlwesten etc. Vorausschauende Planung von Personalkapazitäten in Sozial- und Gesundheitseinrichtungen Regelung der Flexibilisierung der Terminvergabe bei Hitze Durchführen von Erste-Hilfe-Schulungen zu hitzebedingten Erkrankungen Durchführen von Fortbildungen zur Sensibilisierung von Akteur: innen, die mit den Risikogruppen in Kontakt stehen wie Sozialarbeiter: innen, Pädagog: innen etc. Akquise von ehrenamtlichen Hitzepat: innen Beschaffung von Material zum Hitzeschutz wie Trinkflaschen oder Sonnenhüte Konzeption von Bildungsangeboten für (Klein-)Kinder und Jugendliche Einrichten und Bewerben eines Hitzeregisters mit daran angeschlossener Betreuung hochvulnerabler sozial isolierter Personen Nachbesprechung und Monitoring des vergangenen Sommers Vorbesprechung der kommenden Warnsaison mit allen Beteiligten Überarbeitung der Planungen Umsetzen von Hitzepatenschaften Umsetzen von organisatorischen Maßnahmen Durchführen von Bildungsangeboten für (Klein-)Kinder und Jugendliche Absage oder Verlegen von Veranstaltungen Anpassen der Arbeitszeiten Flexibilisierung von Terminvergaben Anpassen der Personalkapazitäten Bei Hitzewarnstufe 1 & 2 Umsetzen der Hitzewarnkaskade Umsetzen des Hitzetelefons Öffnen der kühlen Räume Angebot von Fahrdiensten Umsetzen organisatorischer Maßnahmen Proaktive Ansprache von Risikogruppen in sozialen Einrichtungen Umsetzen von Hitzepatenschaften Aufsuchende Sozialarbeit zur Ausgabe Trinkflaschen, Sonnenhüten etc. Umsetzen des Hitzeregisters Ressort & Umsetzung Ressort & Umsetzung Ressort & Umsetzung Bild 2: HAP-Kalender für Kommunen (Entwurf: T. Ziegler) THEMA Umwelt 49 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 lung und eine ressortübergreifende Verankerung auf allen Verwaltungsebenen sowie die Einbindung von nicht-verwaltungsgebundenen Akteuren und der Zivilgesellschaft. 4. Empfehlungen für deutsche Kommunen Auch wenn verbindliche Standards in Deutschland bislang fehlen, herrscht unter denjenigen Kommunen, die sich bereits intensiv mit Hitzeaktionsplanung auseinandergesetzt haben, weitestgehend ein gemeinsames Verständnis darüber, was einen Hitzeaktionsplan auszeichnet und welche Maßnahmen er enthalten sollte. Jedoch zeigt sich die Bandbreite und Vielfalt möglicher Maßnahmen - für einen Hitzeaktionsplan kann und soll es kein „One-size-fits-all“ - Lösung geben. Von Öffentlichkeit und Politik wird Hitzeschutz meist mit Maßnahmen aus dem Bereich der blaugrünen Infrastruktur gleichgesetzt. Aus Sicht der Hitzeaktionsplanung sind diese jedoch nicht prioritär. Auch werden diese langfristigen Maßnahmen in vielen Kommunen bereits als Teil von Klimaanpassungskonzepten behandelt- auch weil es Synergien mit anderen Bereichen der Klimaanpassung gibt, wie etwa der Starkregenvorsorge. Dagegen finden die kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zum gesundheitlichen Hitzeschutz, wie Sensibilisierung und Unterstützung vulnerabler Gruppen, im öffentlichen Diskurs nur wenig statt. Ein Grund dafür ist, dass sich deren positive Auswirkungen nicht unmittelbar greifbar, zeitlich verzögert und nur schwer quantifizierbar zeigen. Kommunale Erfahrungen, insbesondere die Erkenntnisse aus Frankreich (siehe 3.), zeigen jedoch, dass viele dieser Maßnahmen aber einen positiven Effekt für den Gesundheitsschutz insbesondere vulnerabler Gruppen haben. Unter den sogenannten Frontrunner-Kommunen im Projekt „Plan°C“ herrscht Einigkeit darüber, dass der Fokus eines HAPs nicht nur auf Kommunikation und Sensibilisierung, sondern auch auf der Unterstützung vulnerabler Gruppen liegen sollte. Allerdings können einige Maßnahmen Folgekosten nach sich ziehen, die in Zeiten angespannter kommunaler Haushalte nicht mit finanziellen oder personellen Ressourcen hinterlegt werden (können). Aus diesem Grund setzen viele Kommunen auf kurzfristige und niederschwellige Kommunikationsmaßnahmen für die nicht zwingend große Budgets erforderlich sind. So kann gewährleistet werden, dass auch bei geringem finanziellen Handlungsspielraum Maßnahmen umgesetzt werden. Jedoch kann mit Informationsmaßnahmen allein kein umfassender Gesundheitsschutz im Sinne der Hitzeaktionsplanung gewährleistet werden. Es reicht nicht, nur Wissen über das zogene Gesundheitskompetenz gestärkt werden, zum Beispiel über die Schulung von Grundschulkindern als „Präventionsbotschafter“, die ihr Wissen in Familie und Nachbarschaft weitertragen. ƒ Kommunen stellen öffentlich zugängliche kühle Räume möglichst ohne Konsumzwang und stadtteilgenaue Karten kühler Orte bereit. Sie kooperieren dabei mit öffentlichen und privaten Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen oder Cafés mit kühlen Räumen. Vor allem letztere nutzen positive Synergieeffekte: klimatisierte Seniorenrestaurants mit hitzeangepasstem Speiseplan bieten nicht nur einen Rückzugsort, sondern fördern als Treffpunkte in der Nachbarschaft zugleich die soziale Teilhabe. ƒ Der soziale Ansatz spiegelt sich auch in einem ganzjährig verfügbaren kommunalen Telefonangebot wieder. Hierüber werden vor allem Menschen mit geringem Sozialkapital und Einsamkeit identifiziert, regelmäßig kontaktiert und bei Bedarf an passende Hilfsangebote vermittelt, wie beispielsweise (ehrenamtliche) Besuchs- oder Einkaufsdienste. Der Telefonservice wird von Sozialarbeitenden und Psycholog*innen übernommen, um einen geschützten Raum zu bieten, Vertrauen aufzubauen und machen so auch versteckte soziale Problemlagen sichtbar, die den Hitzeschutz erschweren, etwa eine prekäre Wohnsituation. Entsprechend des Health-in-All-Policies-Ansatzes wird der Telefonservice mit dem französischen „Autonomieplan“ (Ministère des Solidarités et de la Santé France, 2015) verzahnt, der auf die Förderung der Selbstständigkeit im Alter abzielt. ƒ Monitoring und Evaluation sind ebenfalls verpflichtende Elemente der französischen Hitzeaktionsplanung: Hitzeschutzmaßnahmen aller Verwaltungsebenen werden dokumentiert und regelmäßig evaluiert. Daten zu hitzebedingten Todes- und Krankheitsfällen werden systematisch erfasst und an übergeordnete Stellen gemeldet. Auf nationaler Ebene werden die Ergebnisse ausgewertet und die Strategien und Maßnahmen an neue wissenschaftliche Erkenntnisse und klimatische Entwicklungen angepasst. Die französische Erfahrung zeigt, dass es vielfältige Maßnahmen braucht, damit gesundheitlicher Hitzevorsorge effektiv und nachhaltig gelingen kann. Dazu zählen ein starker Fokus auf die soziale und gesundheitliche Dimension mit leicht zugänglichen Informationen und konkreten Unterstützungsangeboten. Weitere Gelingensfaktoren sind verbindliche Zuständigkeiten und eine klare Rechtsgrundlage, gesicherte Ressourcen, kontinuierliche Weiterentwick- THEMA Umwelt 50 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 dem DWD-Hitzewarnsystem bietet der Kalender die Festlegung von zuständigen Ressorts in der Kommune, wodurch veranschaulicht wird, dass die notwendigen Kompetenzen für diese Querschnittsaufgabe in unterschiedlichsten Fachbereichen liegen. Für die Koordination all dieser Maßnahmen ist es unerlässlich, nicht nur ämterübergreifend zusammenzuarbeiten, sondern auch den Kontakt zu Multiplikatoren außerhalb der Stadtverwaltung zu suchen. Die oftmals kritisierte Versäulung der kommunalen Verwaltung zu überwinden, lässt sich in der Praxis nur mit viel Geduld und Kommunikation umsetzen. Der Blick auf diejenigen Kommunen, die bereits in die Umsetzung ihrer HAPs gegangen sind, zeigt, dass dafür eine umfassende Koordinationsstruktur erforderlich ist. Das untenstehende Bild 3, welches ebenfalls im Rahmen von „Plan°C“ entwickelt wurde, zeigt dafür schematisch die Umsetzungsstruktur eines HAP innerhalb der kommunalen Verwaltung. Insgesamt stellt die Koordination - vor allem angesichts der in den meisten Städten knappen Personalressourcen im Bereich der Hitzeaktionsplanung - eine der größten Herausforderungen für eine erfolgreiche Umsetzung des HAP dar. Um auch in Zeiten von personellen und finanziellen Engpässen den gesundheitlichen Hitzeschutz der Bevölkerung zu gewährleisten, gilt es da anzusetzen, wo bereits Strukturen vorhanden sind, und nur punktuell dort Aufgabengebiete zu erweitern, wo bislang keine Verantwortlichkeiten vorhanden sind. Denn in letzter Konsequenz geht es darum, die bestehenden Strukturen um das Handlungsfeld gesundheitlicher Hitzeschutz zu erweitern. Hitzeaktionsplanung sollte daher weniger als zusätzliche Aufgabe verstanden richtige Verhalten zu vermitteln. Für nachhaltigen und effektiven Hitzeschutz müssen Unterstützungsleistungen wie Nachbarschaftshilfe und aufsuchende Sozialarbeit gefördert sowie der niedrigschwellige Zugang zu kühlen Räumen ermöglicht oder gegebenenfalls erleichtert werden - auch, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und so von den damit verbundenen Mitnahmeeffekten zu profitieren. Auch sagt die bloße Anzahl von veröffentlichten HAPs nichts über den tatsächlichen Stand der Umsetzung von Maßnahmen für den gesundheitlichen Hitzeschutz aus. Teilweise sind diese HAPs nur Absichtserklärungen und müssen in einem weiteren Schritt zunächst konkretisiert und dann mit entsprechenden Ressourcen hinterlegt werden. Insgesamt zeigt sich, dass auch die Kommunen, die in der Hitzeaktionsplanung bereits fortgeschritten sind, bei der Umsetzung von Maßnahmen noch relativ am Anfang stehen. Auch wird deutlich, welche Maßnahmen im Rahmen der deutschen Ver waltungsstrukturen überhaupt als umsetzbar angesehen werden. Dazu zählen unter anderem Karten kühler Orte, die mittlerweile fast flächendeckend verfügbar sind, sowie sogenannte Hitzetelefone als Beratungsangebote. Um die Vielschichtigkeit der Hitzeaktionsplanung zu veranschaulichen, wurde im Projekt „Plan°C“ ein Jahreskalender nach französischem Vorbild entworfen (Bild 2). Er zeigt - entgegen der häufigen Annahme, die Hitzeaktionsplanung sei primär eine Aufgabe für den Sommer - die grundlegenden Vorbereitungen, die im Herbst, Winter und Frühjahr getroffen werden müssen, und dient so der Jahresplanung für die kommunale Hitzevorsorge. Neben der zeitlichen Einordnung und der Kopplung von Maßnahmen mit Bild 3: HAP-Koordination in der Kommune (Entwurf: T. Ziegler) THEMA Umwelt 51 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 Hertel, D., Pößneck, J., Kabisch, S. & Schlink, U. (2024). Hitzestress in Stadtquartieren - Methodik und empirische Belege unter Nutzung des Planetary-Health-Ansatzes. In S. Kabisch, D. Rink & E. 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Frankreich bietet ein praxisnahes Vorbild: Gesetzlich verankerte Strukturen, verpflichtende Maßnahmen und ressortübergreifende Kooperationen ermöglichen dort eine koordinierte, alltagsnahe Umsetzung, unterstützt durch gezielte Kommunikationsmaßnahmen und niederschwellige Hilfsangebote. In Deutschland steckt die Hitzeaktionsplanung trotz wachsender Dynamik vielerorts noch in den Anfängen. Zahlreiche Kommunen verfügen bereits über HAPs, doch fehlt es häufig an Ressourcen, Koordination und rechtlicher Verbindlichkeit. Eine wesentliche Erkenntnis des Projekts „Plan°C“ ist dabei: Hitzeschutz muss als Querschnittsthema im kommunalen Alltag und in den Lebenswelten der Bevölkerung verankert werden, damit gesundheitliche Vorsorge gelingen kann. LITERATUR Ahlhelm, I., Frerichs, S., Hinzen, A., Noky, B., Simon, A., Riegel, C., Trum, A., Altenburg, A., Janssen, G. & Rubel, C. (2016). Praxishilfe - Klimaanpassung in der räumlichen Planung: Raum- und fachplanerische Handlungsoptionen zur Anpassung der Siedlungs- und Infrastrukturen an den Klimawandel. Umweltbundesamt (UBA). Augustin, J., Burkart, K., Endlicher, W., Herrmann, A., Jochner- Oette, S., Koppe, C., Menzel, A., Mücke, H. G. & Sauerborn, R. (2023). Klimawandel und Gesundheit. In G. P. Brasseur, D. Jacob & S. Schuck-Zöller (Hrsg.), Klimawandel in Deutschland: Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven (S. 171-190). Springer. Bundesministerium für Gesundheit. (2023). Hitzeschutzplan für Gesundheit des BMG. https: / / www.bundesgesundheitsministerium.de/ fileadmin/ Dateien/ 3_Downloads/ H/ Hitzeschutzplan/ 230727_BMG_Hitzeschutzplan.pdf Bundesministerium für Gesundheit.(2024). 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AUTOR: INNEN Moritz Ochsmann, Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter/ Deutsches Institut für Urbanistik, Gereonstraße 18-32, 50670 Köln ochsmann@difu.de Rebecca Vogel, M.Sc., Landeshauptstadt Düsseldorf, Gesundheitsamt, 53/ 5 Gesundheitskoordination, Kölner Straße 180, 40227 Düsseldorf rebecca.vogel@duesseldorf.de Teresa Ziegler, M.Sc., Stadt Karlsruhe, Umwelt- und Arbeitsschutz, Fachbereich Klima | Hitzeaktionsplan, Markgrafenstr. 14, 76131 Karlsruhe teresa.ziegler@ua.karlsruhe.de THEMA Umwelt 52 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0060 Städte in der Polykrise. Zielkonflikte sektoraler Resilienzen am Beispiel Wien Polykrise, Resilienzkonflikte, Urbane Klimawandelanpassung, Leistbares Wohnen, Wien Mark Scherner, Thomas Thaler, Michael Friesenecker In Zeiten der Polykrise ist urbane Resilienz eine planerische Herausforderung. Globale Krisen haben lokale Auswirkungen auf städtische Systeme. In der Stadtplanung werden diese Risiken unterschiedlich wahrgenommen. Die Auseinandersetzung mit Krisenfolgen macht Resilienz in der Planungspraxis relevant. Resilienz kann jedoch zu neuen Problemen führen, wie etwa zu Resilienskonflikten speziell zwischen sektoralen Resilienzen. Resilienzkonflikte zeigen sich an lokalen Fallbeispielen wie Wien. Wir fordern sektorale Resilienzen in der Stadtplanung besser zu koordinieren. Polykrise und urbane Resilienz Die Klimakrise führt global zu Umweltkatastrophen. Menschen fliehen vor Dürren und Überschwemmungen. Massenmigration aus dem globalen Süden in den globalen Norden ist unter anderem ein Auslöser nationalistischer Politik. Dem kann ein Rückgang internationaler Koordination auch in Klimaangelegenheiten folgen. Das kann wiederum die Klimakrise verstärken. Partikuläre Krisen sind also Auslöser und Folge von weiteren Krisen in der Polykrise und damit entscheidend für urbane Gerechtigkeitsfragen (Friesenecker et al., 2025). Städte sind Teil eines globalen Systems. In einer stark vernetzten Welt haben globale Krisen ständig lokale Auswirkungen auf Städte. Aber auch einzelne Städte können von Krisen getroffen werden. Wir verstehen Krise als partikulär. Das heißt: Krisen geben spezifische Schocks ab. Die Klimakrise führt etwa zum globalen Anstieg von Hitzetagen (Friesenecker et al., 2025). Die Finanzkrise 2008 leitete 53 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0061 gerechtigkeiten zu stärken, die sie eigentlich überwinden wollten. In diesem Beitrag werden wir diskutieren, wie sich Städte an Krisen anpassen, wie es zu Zielkonflikten und der Reproduktion von Ungerechtigkeit zwischen partikulären Resilienzen kommen kann und wie auch diese Zielkonflikte koordiniert werden können. Sektorale Prioritäten in der Resilienzplanung Globale Systeme der Polykrise zeigen sich auch in der Stadt als urbanes System. So treffen in Zeiten der Polykrise regelmäßig Schocks auf urbane Räume. Städte versuchen sich lokal an die globalen Folgen von extremen Naturereignissen, wie Hitze, Hochwasser, Dürre, Wassermangel; Terrorismus und Cyber-Angriffen; wirtschaftlicher Schrumpfung; Preisanstiegen und Verdrängung auf dem Wohnung smark t; oder die Beschädigung von Infrastrukturen anzupassen, also Resilienz aufzubauen. In Folge von solchen Krisen verlieren städtische Systeme Teile ihrer sektoralen Funktionen, etwa die öffentliche Daseinsvorsorge. Je nach Resistenz, also der Fähigkeit Schocks zu widerstehen, sind die Schäden an der öffentlichen Infrastruktur stärker oder schwächer. Und je nach Widerherstellungszeit brauchen Sektoren der Stadtplanung länger oder kürzer, um Krisen zu überwinden. Je nach Resistenz und Wiederherstellungszeit lässt sich urbane Resilienz bestimmen (siehe Kasten). Es wird aufgrund der Vielzahl potenzieller Krisen, der Vielfalt von Städten sowie der unterschiedlichen Auslegungen von Resilienz nie resiliente Städte per se geben. Folgen wir jedoch der Annahme, dass partikuläre Krisen Teil der Polykrise sind, dann treffen vielseitige Krisen auf ganz unterschiedliche Städte. Daraus folgen differenzierte Prioritäten sektoraler Resilienz. Auch diese Prioritäten zeigen sich in der Zeitlichkeit und den Sektoren von Stadtpolitik. Idealtypisch kann man sagen, dass einige Städte den Hochwasserschutz priorisieren, wenn sie in der Vergangenheit von extremen Fluten getroffen wurden. Andere Städte setzen Wert auf Wohnungspolitik, um die aktuelle Gentrifizierung an ihren Wohnungsmärkten zu überwinden. Wieder andere bereiten sich auf zukünftige Hitzewellen vor, indem sie der Freiraumplanung Mittel zur Verringerung des Mikroklimas zur Verfügung stellen. In der Planungspraxis lassen sich jedoch innerhalb von einer Stadt verschiedene partikuläre Krisen und sektorale Resilienzen beobachten. Zielkonflikte zwischen Resilienzen in den Sektoren der Stadtplanung sind ein planungspraktisches Problem. weltweit die Finanzialisierung von Wohnungsmärkten als Spekulationsobjekt ein (Haase und Schmidt, 2024). Die COVID-19-Pandemie ab 2019 führte in Städten weltweit zu sozialer Isolation, steigender Arbeitslosigkeit und Inflation. Russlands Krieg gegen die Ukraine verstärkte 2022 diese Inflation durch Energiepreissteigerungen in Europa. In Zeiten der Polykrise sind also auch in Städten einzelne Krisen Auslöser und Folge weiterer Krisen. Die gerechte Stadt muss eigentlich alle Krisen gleichzeitig lösen. In der Praxis schaffen Städte das selten. Sie müssen daher abwägen, an welche Krisen sie sich anpassen, also Resilienz aufbauen (Kabisch, Rink und Banzhaf, 2024). Setzen sie sich das Ziel Resilienz gegenüber einer Krise aufzubauen, sollten die externen Effekte dieser Lösung berücksichtigt werden: Ist die Problemlösung Startpunkt eines neuen Problems, ist das Ziel kohärent mit anderen Planungszielen? Städte müssen also Zielkonflikte zwischen partikulären Krisen und sektoralen Resilienzen ausverhandeln, um nicht mit der Lösung für einen Sektor ein Problem für andere Sektoren zu schaffen - und dadurch Un- 1. Niedrige Resilienz: Kann eine Stadt nach einer Krise, etwa nach einer extremen Hitzeperiode, nicht wieder zurück zum Status quo finden - und muss nach und nach hitzegeschädigte Häuser aufgeben - ist das ein Zeichen von schwacher Resistenz und einer langen Widerherstellungszeit. Das zeichnet niedrige Resilienz aus. In Folge von niedriger Resilienz nehmen sozialräumliche Ungerechtigkeiten zu. 2. Hohe Resilienz: Schafft es eine Stadt nach einer Krise in kurzer Zeit den Status quo - Häuser bewohnbar machen - wieder zu erreichen, beweist sie damit eine starke Resistenz in einer kurzen Wiederherstellungszeit. Hier trägt Resilienz zur Nachhaltigkeit bei. Wird eine Krise überwunden und der Ausgangszustand wiederhergestellt, ist die Resilienz zwar hoch, aber vormalige sozialräumliche Ungerechtigkeiten bleiben erhalten. 3. Transformation: Nachhaltigkeit folgt jedoch erst aus der Kombination von Kontinuität mit Transformation. Schaffen es Städte über den Status quo hinaus und verringern zum Beispiel zukünftige Hitzerisiken in sozioökonomisch schwachen Wohnquartieren und Freiräumen, erhalten sie nicht nur die Kontinuität von Systemfunktionen, sie transformieren das geschockte System und bauen Ungerechtigkeiten ab. Dazu braucht es oft Koordination zwischen Sektoren der Stadtplanung. STÄRKEN VON RESILIENZ THEMA Umwelt 54 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0061 Die klimaangepasste Stadt VERSUS Die leistbare Stadt In der Planungspraxis treten einzelne Krisen gleichzeitig auf und stehen miteinander in Wechselwirkung. Die Klimakrise führt in den meisten Europäischen Großstädten zu einem rasanten Anstieg der Hitzetage - so auch in Wien. Hier soll es laut aktuellen Prognosen ab den 2050er Jahren über 100 Hitzetage pro Jahr geben. Durch die Finanzkrise geraten parallel städtische Wohnungsmärkte extrem unter Druck. Gewinnorientierte Investoren und auch private Spekulanten treiben die Preise für Wohnraum auf privaten Miet- und Eigentumsmärkten in Agglomerationsräumen wie Wien nach oben. Wie auch andere Großstädte hat sich Wien der Klimawandelanpassung im öffentlichen Raum verschrieben. Sie begrünen ehemals betonierte und von Parkstreifen blockierte Straßen. Sie fördern Grundeigentümer bei der Begrünung ihrer privaten Liegenschaften. Sie renovieren ihre urbanen Parks und schützen ihre Grüngürtel. Ziel ist das sommerliche Mikroklima in der Stadt zu senken, um auf zukünftige Hitzewellen vorbereitet zu sein. Über Klimafunktionskarten werden besonders heiße Stadtteile bei der Klimawandelanpassung priorisiert. Das sind oft dicht bebaute Viertel mit teilweise einkommensschwachen Haushalten, sie zu fördern ist eine Frage der sozialräumlichen Gerechtigkeit (Friesenecker et al., 2025). Die Aufwertung des öffentlichen Raums führt jedoch an privaten Mietwohnungsmärkten zu Zielkonflikten, etwa direkter Verdrängung aus Wohnungen und ganzen Stadtteilen durch Räumungen und Preissteigerungen oder indirekter Verdrängung, bei der sich Mieter ganze neue Stadtteile mit höherem Grünraumanteil nicht mehr leisten können (Haase und Schmidt, 2024). Beispiele für diese sogenannte Grüne Gentrifizierung in Europa sind Barcelona, Edinburgh, Kopenhagen und Nantes. Die Wohnungsmärkte dieser Städte sind weder resistent gegenüber der Finanznoch der Klimakrise. Gerade einkommensschwache Haushalte sind hiervon betroffen. Sie sind in schlecht ausgestattete Stadtteile gezogen, um niedrige Mietpreie angeboten zu bekommen. Werden Klimaanpassungen in ihre Miete eingepreist, führt hohe Klimaresilienz nicht zu Gerechtigkeit, sondern reproduziert Ungerechtigkeit in unregulierten Wohnungsmarktsegmenten (Haase und Schmidt, 2024). Um auf diesen doppelten Schock von Finanz- und K limakrise zu reagieren, können St ädte ganz unterschiedliche Planungsinstrumente wählen. Anders als viele andere europäische Städte Resilienzkonflikte in der nachhaltigen Stadtentwicklung Wie oben ausgeführt, gibt es nicht die universell resiliente Stadt, sondern nur Städte, die planen, sich sektoral an die Folgen partikulärer Krisen anzupassen - vor, während oder nachdem sie von Schocks getroffen wurden. Das zeigt: auf die Risikowahrnehmung vielfältiger partikulärer Krisen müssen mehrere sektorale Resilienzen in der Planungspraxis gleichzeitig folgen. Wenn Städte die Polykrise wahrnehmen, und sich einer nachhaltigen Stadtentwicklung verschrieben haben, müssen sie also zwischen sektoralen Resilienzen abwägen, um nicht die Resilienz gegenüber einer Krise zur Krise eines anderen Sektors werden zu lassen. Dazu ein Beispiel aus Wien: Seit den frühen 2010er Jahren hebt der grünraumplanerische Sektor der Wiener Stadtverwaltung das Thema der Hitzeresilienz und der Klimawandelanpassung immer höher auf die planerische Agenda. Mit dem Urban Heat Island Strategieplan, der 2015 rausgekommen ist, wurde erstmals stadtweit erhoben, welche Risiken durch urbane Hitze entstehen und welche freiraumplanerischen Maßnahmen umgesetzt werden sollten. Diese Begrünungsmaßnahmen im öffentlichen Raum wurden in den letzten 10 Jahren immer stärker gefördert, zuletzt durch die Förderschiene der Stadt für die 23 Wiener Bezirke Lebenswerte Klimamusterstadt im Umfang von 100 Millionen Euro. Daraus sollten Baumpflanzungen, Parkerweiterungen, Sitzgelegenheiten, Beschattungen und Trinkwasserbrunnen finanziert werden. Mit dem Wien Plan 2035 wurde nun im Jahr 2025 festgesetzt, dass besonders dicht bebaute und von einkommensschwächeren Haushalten bewohnte Stadtviertel prioritär an das Klima angepasst werden sollen - Anzeichen von hoher Resilienz und an Gerechtigkeit orientierter Transformation. Gleichzeitig führen diese Investitionen zu Bedenken am Wiener Wohnungsmarkt: Könnten die Investitionen in die klimaresiliente Stadterneuerung zu Lageverbesserungen und damit zu Preissteigerungen am Wohnungsmarkt beitragen? Könnten gerade die, für die der öffentliche Raum eine wertvolle Erweiterung ihrer beengten Wohnverhältnisse ist, durch die bessere Lage unter Druck gesetzt werden? Der grünraumplanerische Sektor ist für die Abwägung mit diesem Zielkonflikt nicht zuständig und der wohnungspolitische Sektor wurde bei den Investitionen nicht mit einbezogen. Wir werden uns im Folgenden auf diesen Resilienzkonflikt zwischen Klimawandelanpassung und Wohnungspolitik für leistbares Wohnen konzentrieren und aufzeigen, wie dieser koordiniert wird. THEMA Umwelt 55 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0061 Die resiliente Stadt ist Teil der globalen Polykrise. Die Beispiele der Klima- und Finanzkrise zeigen, dass sich die Konfliktfelder urbaner Resilienz über städtische, regionale, nationale und internationale Ebenen erstrecken. Auch die Zuständigkeiten für urbane Resilienz liegen nicht immer innerhalb des Systems Stadt. Das zeigt der Wiener Fall, der in nationale Gesetze zur Wohnungsmarktpolitik eingebettet ist. Urbane Resilienz ist ein sektorales Planungskonzept: Sie erarbeitet sich Resilienz gegenüber Schock i) oder Schock ii). Sie ist kein holistisches Konzept. Damit ist die resiliente Stadt per se obsolet und verwischt Resilienzkonflikte. Resilienz ist die Fähigkeit einer Stadt nach einer partikulären Krise ihre zentralen Funktionen in einem spezifischen Sektor wiederherzustellen oder zu transformieren. Bei der Wiederherstellung werden Ungerechtigkeiten reproduziert, in der Transformation werden Ungerechtigkeiten überwunden. Letzteres erfordert die Koordination zwischen Planungssektoren. Die resiliente Stadt ist kein statischer Zustand, sondern eine prozessuale Norm bzw. Maßstab. In der Polykrise befinden sich Städte immer vor, in oder nach einem Schock. Im Wissen um die Allgegenwärtigkeit von globalen Krisen mit lokalen Auswirkungen, steht das Lernen über partikuläre Krisen, sektorale Resilienz und die Koordination von Resilienzkonflikten im Fokus nachhaltiger Stadtentwicklung. In Anbetracht der Polykrise fordert das Konzept der Resilienz Städten ab normativ und parteilich zu sein. Sie sollen das Richtige aus vergangenen Krisen lernen und zukünftige Krisen richtig antizipieren, um in möglichst kurzer Zeit Schocks wieder auszugleichen oder zur Transformation eines Bereichs zu nutzen. Damit wird die Dynamik nach der Krise zentrales Thema der Stadtentwicklung: Soll das System Stadt inklusive seiner Ungerechtigkeit in einem Sektor erhalten werden? Oder soll die nächste Krise genutzt werden, um die Transformation zwischen Sektoren hin zu mehr Gerechtigkeit anzustreben? Resilienzkonflikte und Zielkonflikte zwischen Gerechtigkeitsansprüchen in stadtplanerischen Sektoren entstehen überall dort, wo die Koordination zwischen den Politikfeldern keine Priorität hat oder wo Städte keine Zuständigkeit für Regularien haben. Daher braucht es eine Stadtplanung, die ihre Sektoren dazu anregt, sich an zukünftige Krisen anzupassen. Dabei sollten sektorale Resilienzkonflikte antizipiert werden. Dort, wo mehrere Sektoren tangiert werden, braucht es Koordination von sektoraler Resilienz, um Gerechtigkeit nach Krisen zu stärken. ist Wien eingebettet in ein stark regulierendes Mietrecht auf nationaler Ebene und investiert auf städtischer Ebene in den Erhalt und Bau von städtischen und genossenschaftlichen Wohnungen. Preisanstiege auf dem privaten Mietwohnungsmarkt sind zwar für überdurchschnittliche Grünlagen legitim, dabei handelt es sich aber um Wohnungen im direktenUmfeld zusehrgroßen Grünflächen, wiedem Wiener Prater. Der große Bestand städtischer und genossenschaftlicher Wohnungen ist weitestgehend von Spekulation ausgeschlossen. Verdrängungen durch grüne Lageverbesserungen sind in diesem Segment nicht möglich. Hier profitiert Wien von einem historischen Erbe der Dekommodifizierung, in dem leistbares Wohnen schon vor derFinanz-undderKlimakrisepriorisiertwurde.Durch das Erbe des Roten Wiens der 1920er Jahre, gemeinnützige Bauvereinigungen und das stark regulierende Mietrecht werden heutige Resilienzkonflikte für weite Teile des Wohnungsmarktes vorgebeug t: Dicht bebaute und einkommensschwächere Stadtteile können begrünt werden, ohne dass Verdrängung eine dominante Rolle spielt. In Koordination der Sektoren für Begrünung und Wohnungspolitik können genau die Gruppen in der Klimawandelanpassung priorisiert werden, die auf den öffentlichen Raum und ein kühleres Mikroklima angewiesen sind. Weite Teile der Stadt lassen sich so gerecht transformieren. Aber auch in Wien lässt sich der Resilienzkonflikt zwischen klimaangepasster Stadt und leistbarer Stadt beobachten: Dort, wo private Grundeigentümer, besonders spekulierende Wohnungsunternehmen, illegale Preissteigerungen durch öffentliches und privates Grün rechtfertigen, weil sie wissen, dass entweder ihre einkommensstarke Käuferschaft ein grünes Umfeld erfragt, oder, dass einkommensschwache und bildungsferne Haushalte ihre Rechte nicht kennen. Um diese Ungerechtigkeit zu vermeiden, müsste das Mietrecht gestärkt und um Strafen erweitert werden. Ein Ruf, der von der Wiener Wohnungspolitik an die nationale Ebene gerichtet wird. Ausblick: Koordination sektoraler Resilienz Die resiliente Stadt in der Polykrise ist systemisch schwierig abzugrenzen, setzt sektorale Prioritäten, ist prozesshaft, normativ und parteilich (Kabisch, Rink und Banzhaf, 2024). Resilienzkonflikte führen zu sozialräumlicher Ungerechtigkeit. Durch eine stärkere Priorisierung von Koordination zwischen Sektoren der Stadtplanung kann Gerechtigkeit in der Planung für Resilienz mehr Rechnung getragen werden (Friesenecker et al., 2025). THEMA Umwelt 56 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0061 LITERATUR Friesenecker, M. et al. (2025) ‘Socially equitable climate risk management of urban heat ’, npj Urban Sustainability, 5(1), S. 1-16. Verfügbar unter: https: / / doi.org/ 10.1038/ s42949- 025-00202-2. Haase, A. und Schmidt, A. (2024) ‘Impulse für eine kritische DebattezurresilientenStadtentwicklungamBeispieldergrünen Gentrifizierung’, in Kabisch, S., Rink, D. und Banzhaf, E. (Hrsg.) Die Resiliente Stadt: Konzepte, Konflikte, Lösungen. Berlin, Heidelberg: Springer. S. 39-53. Verfügbar unter: https: / / link. springer.com/ chapter/ 10.1007/ 978-3-662-66916-7_3. Kabisch, S., Rink, D. und Banzhaf, E. (2024) Die Resiliente Stadt: Konzepte, Konflikte, Lösungen. Berlin, Heidelberg: Springer. Verfügbar unter: https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-66916-7. Eingangsabbildung: © iStock.com/ lbrix AUTOR: INNEN Mark Scherner, BA MA, Institut für Landschaftsplanung, BOKU University; SIMH- 01/ 10, Peter-Jordan-Straße 65/ I, 1180 Wien mark.scherner@boku.ac.at https: / / orcid.org/ 0000-0003-0371-8395 Thomas Thaler, Priv.-Doz. MMag. Ph.D., Institut für Landschaftsplanung, BOKU University; SIMH-01/ 10, Peter-Jordan-Straße 65/ I, 1180 Wien thomas.thaler@boku.ac.at https: / / orcid.org/ 0000-0003-3869-3722 Michael Friesenecker, Mag.rer.nat. Dr. phil., Institut für Landschaftsplanung, BOKU University, SIMH-01/ 10, Peter-Jordan-Straße 65/ I, 1180 Wien michael.friesenecker@boku.ac.at https: / / orcid.org/ 0000-0002-9654-6213 Anzeige Buchtipp Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de Ideal für Studierende des Öffentlichen Wirtschaftsrechts Öffentliche Aufträge sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Vergabe solcher Aufträge ist allerdings an zahlreiche Regeln und Vorschriften gebunden. Ralf Schnieders stellt in seinem Buch 16 Fälle zum Vergaberecht vor - jeweils mit Fallbeschreibung und Falllösung. Auf die Methodik der Fallbearbeitung geht er zu Beginn des Buches zudem ein und bereitet so ideal auf die Prüfung vor. Das Buch richtet sich an Studierende des Wirtschaftsrechts, des Öffentlichen Wirtschaftsrechts, des Public Managments und der Wirtschaftswissenschaften. Ralf Schnieders Vergaberecht: Fälle und Lösungen 1. Au age 2025, 228 Seiten €[D] 24,90 ISBN 978-3-8252-6295-2 (print) ISBN 978-3-8385-6295-7 (eBook) DOI 10.36198/ 9783838562957 THEMA Umwelt Naturbasierte Lösungen klein gedacht Förderung bürgerschaftlicher naturbasierter Lösungen für Klimaanpassung und Biodiversität Naturbasierte Lösungen, Klimaanpassung, Partizipation, Biodiversität, Schwammstadt, Do it Yourself Nicole Wozny, Niklas Müller Mittels naturbasierter Lösungen kann der Klima- und Biodiversitätskrise und weiteren gesellschaftlichen Herausforderungen begegnet werden. Finanzielle und personelle Engpässe, begrenzte innerstädtische Flächen und divergierende Flächennutzungsansprüche erschweren die kommunale Umsetzung großflächiger naturbasierter Lösungen. Vor diesem Hintergrund besitzt die eigenständige Umsetzung niedrigschwelliger naturbasierter Lösungen auf kleinem Raum durch Stadtbewohner*innen ein entlastendes Potenzial. Um solch ein Engagement langfristig zu stärken, können Kommunen unterstützende Rahmenbedingungen schaffen. Die Auswirkungen des Klimawandels machen sich bereits weltweit bemerkbar, beispielsweise durch häufigere und intensivere Hitzewellen, Dürren und Starkregenereignisse. Der Klimawandel, die Biodiversitätskrise und ihre komplexen Wechselwirkungen bedrohen nicht nur natürliche Ökosysteme, sondern auch Menschen und Infrastruktursysteme. Städte sind besonders anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Ein hoher Versiegelungsgrad, dichte Bebauung und Emissionen in Verbindung mit einem geringen Maß an Frischluftschneisen, Versickerungsflächen und kühlender Infrastruktur tragen 58 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0062 sätzliche Herausforderungen in der Umsetzung naturbasierter Lösungen. Dies soll in der Folge jedoch nicht bedeuten, dass im Falle knapper Ressourcen oder Flächennutzungskonflikten kein Potenzial zur Umsetzung naturbasierter Lösungen gegeben ist. Denn naturbasierte Lösungen können auch im kleinen Rahmen mittels einzelner Maßnahmen realisiert werden, sei es durch einfache selbstklimmende Fassadenbegrünungssysteme, die Entsiegelung und Begrünung vereinzelter Parkplätze oder der Fokus auf einzelne Bäume. Dies soll nicht suggerieren, naturbasierte Lösungen auf kleinem Raum als Ersatz zu sehen, sondern vielmehr als Ergänzung zu großflächigen Vorhaben, besonders in innerstädtischen Bereichen mit begrenztem Flächenumwandlungspotenzial oder bei angespannten Haushaltslagen. Solche kleinen naturbasierten Lösungen können, wenn in einer Vielzahl über das Stadtgebiet verteilt, im Verbund eine Wirkung erzielen und somit auch zu den oben genannten Ökosystemdienstleistungen beitragen. Unter dem Begriff der urbanen Umweltakupunktur wird die Umsetzung derart kleiner naturbasierter Lösungen als gezielte grün-blaue Mikro-Eingriffe auf kleinen vernachlässigten Flächen verstanden, beispielsweise auf Plätzen, Höfen, Straßenabschnitten und Spielplätzen. Diese können als kostengünstigere und leichter zu akzeptierende Alternativen zu großflächigen Vorhaben gesehen werden. Dem Gedanken der Akupunktur folgend, soll eine Vielzahl kleiner Interventionspunkte über das Stadtgebiet verteilt der Regeneration der Stadt als ganzem „Organismus“ zugutekommen. Dadurch können beispielsweise die Grünversorgung, die Biodiversität, das Mikroklima oder das Wohlbefinden der Stadtbewohner*innen gefördert werden [3]. Derartige Mikrointerventionen können von Kommunen geplant und umgesetzt werden, wie die Beispiele der grünen Gullys in Berlin, d.h. begrünter Versickerungsflächen um Straßenabläufe, die Bepflanzung innerstädtischer Plätze mit Pflanzkübeln in zahlreichen Städten oder das Anlegen von Pocketparks in Düsseldorf zeigen. Dies erfolgt oftmals unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung, indem Bürger*innen über geplante Maßnahmen informiert werden, Stellung nehmen können oder sich an der Umsetzung im Rahmen von Mitmachaktionen beteiligen können. Naturbasierte Lösungen auf kleinen Raum, die zudem auch niedrigschwellig sind, bieten sich darüber hinaus dafür an, eigenständig von Bürger*innen oder lokaler Zivilgesellschaft initiiert, geplant und umgesetzt zu werden. Das bereits in zahlreichen Städten beobachtete Engagement um das urbane zum städtischen Wärmeinseleffekt bei, d. h. zu höheren städtischen Lufttemperaturen als im Umland. Im Gegensatz zu klassischer grauer Infrastruktur, werden naturbasierte Lösungen als ein nachhaltiger Pfad gesehen, um diesen Herausforderungen zu begegnen und die Widerstandsfähigkeit von Städten zu erhöhen. Naturbasierte Lösungen beschreiben Maßnahmen, die von der Natur inspiriert sind, gesellschaftliche Herausforderungen mit mehrfachem Nutzen adressieren, einschließlich der Förderung der Biodiversität, und die durch eine hohe Wirksamkeit und Effizienz gekennzeichnet sind [1]. Beispiele naturbasierter Lösungen umfassen Gründächer, Fassadenbegrünungen, Parks, Stadtwälder, Straßenbegrünung, Wasserflächen inklusive renaturierter Fließgewässer und Auen, bepflanzte Versickerungsmulden, Rigolen etc. Diese Beispiele zeigen, dass naturbasierte Lösungen in der Ausgestaltung nicht in jedem Fall etwas Neuartiges darstellen. Vielmehr gilt es den multifunktionalen Charakter naturbasierter Lösungen hervorzuheben, der es erlaubt neben innovativen Lösungen auch teils altbewährte Lösungen mit einer neuen Brille hinsichtlich Nutzen und Kontext umzusetzen. Zur Klimaresilienz tragen naturbasierte Lösungen mittels Kühlungseffekten, der Regulierung des Mikroklimas und des Wasserhaushalts, eines verbesserten Wasserrückhalts, Uferschutzes durch die Schaffung natürlicher Barrieren und Überflutungsflächen, der Steigerung der Biodiversität, der Verbesserung der Wasserqualität, oder der Verringerung von Erosion bei. Daneben können naturbasierte Lösungen weitere positive Nutzen bieten, wie die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit, die Steigerung des Wohlbefindens von Menschen durch physische und psychische gesundheitsfördernde Effekte, aber auch die Kohlenstoffbindung [2]. Durch letzteres tragen sie somit auch zum natürlichen Klimaschutz bei. Niedrigschwellige naturbasierte Lösungen auf kleinem Raum Der Diskurs um naturbasierte Lösungen konzentriert sich oftmals auf großangelegte, systematische Vorhaben auf kommunaler Ebene, denn Biomasse und Wasser benötigen Raum, um eine signifikante Wirkung zu entfalten. Solche großflächigen Vorhaben sind allerdings oftmals mit langen Planungshorizonten, hohen Investitionssummen und Fachexpertise verbunden. In vielen Kommunen mangelt es jedoch häufig an personellen und finanziellen Kapazitäten, um solche Prozesse anzustoßen und zu begleiten. Gleichzeitig stellen die begrenzte Flächenverfügbarkeit und die Abwägung verschiedener Flächennutzungsansprüche Städte vor zu- THEMA Umwelt 59 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0062 öffentlichen Raum bringt dabei neben ökologischen auch soziale und gesundheitliche Vorteile mit sich. Städte mit ausgeprägter grün-blauer Infrastruktur steigern sowohl die Lebensqualität als auch die Aufenthaltsqualität, indem sie Räume für Entspannung, Erholung, Freizeitaktivitäten und Naturerfahrung bieten, einen ästhetischen Wert haben, Lärm reduzieren und die Luftqualität verbessern. Damit beeinflussen sie unmittelbar das Wohlbefinden und die Gesundheit von Stadtbewohner*innen. Darüber hinaus bietet das gemeinschaftliche Engagement in der Nachbarschaft Raum für Begegnungen, Erfahrungsaustausch, Selbstwirksamkeit, die Bewahrung einer Kultur im öffentlichen Raum und somit für das nachbarschaftliche Zusammenwachsen sowie die Teilhabe an der Gestaltung der eigenen Nachbarschaft. Diese Multifunktionalität naturbasierter Lösungen und ihrer eigenverantwortlichen Umsetzung kann somit auch zu einer umweltgerechteren Stadt beitragen, in der Umweltbelastungen und -ressourcen fairer verteilt sind. In diesem Sinne eröffnet das Engagement mittels niedrigschwelliger naturbasierter Lösungen einen Möglichkeitsraum, in dem gemeinschaftlich verhandelt werden kann, wie geteilte Orte genutzt und lebenswerter gestaltet werden [4]. Bürger*innen und Zivilgesellschaft für Gehwegregentonnen Ein relativ neues Engagement, das sich im Bereich der niedrigschwelligen naturbasierten Lösungen zur Klimaanpassung beobachten lässt, ist das Aufstellen von Regentonnen auf Gehwegen im Sinne der Schwammstadt. Das Prinzip ist einfach: 500 - 1.000 Liter fassende Regentonnen werden straßenseitig mittels Regensammlern an die Fallrohre an Gebäudefassaden angeschlossen und können sodann durch Bürger*innen mittels Gießkannen oder Wasserschläuchen zur Bewässerung des Stadtgrüns vor der eigenen Haustür genutzt werden. In Berlin konnten bereits mehrere solcher Gehwegregentonnen erfolgreich angebracht werden. Dabei werden sie häufig mit weiteren niedrigschwelligen naturbasierten Lösungen kombiniert, wie Baumscheibenbegrünungen oder begrünten Parklets. Das Engagement geht auf die zivilgesellschaftliche Initiative Die Wassertanke zurück, die sich seit mehreren Jahren für das Aufstellen von Regentonnen auf Gehwegen einsetzt und interessierte Bürger*innen bei der Planung und Umsetzung unterstützt. Auf ihrer Webseite (www.wassertanke.org) werden außerdem hilfreiche Informationen zum Aufstellen von Regentonnen zur Verfügung gestellt. Die vermehrten Anfragen zum Aufstellen der Regentonnen seitens der Bürgerschaft haben 2024 Stadtgärtnern ist das wohl prominenteste Beispiel einer von Bürger*innen vorangetriebenen und niedrigschwelligen Eigeninitiative für mehr Stadtgrün und essbare Städte im öffentlichen Raum. Im Sinne einer Klimaanpassung gibt es zahlreiche weitere niedrigschwellige naturbasierte Lösungen, die Stadtbewohner*innen eigenständig im öffentlichen oder privaten Raum umsetzen können. Eine erste Übersicht bieten die DIY-Anleitungen, die im Rahmen des Projekts „Klimaanpassung selbstgemacht - Deine grüne Nachbarschaft “ des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen entstanden sind (www. klimaanpassung-selbstgemacht.de/ diy-anleitungen). Beispiele umfassen Verdunstungsbeete, Wildblumenwiesen, Regenbänke, einfache Gründächer und Fassadenbegrünungen, Baumscheibenbegrünungen oder Tiny Forests. Aufgrund begrenzter Freiräume in innerstädtischen Bereichen bieten öffentliche Flächen als Gemeingut Möglichkeitsräume für das Engagement von Bürger*innen für mehr Stadtgrün. Gerade kleine, zerstreute Flächen ohne infrastrukturtechnisch relevante Bedeutung liegen oftmals nicht im Augenmerk der öffentlichen Verwaltung. Sie bieten somit das Potenzial größer angelegte Maßnahmen der öffentlichen Hand durch bürger- und zivilgesellschaftliche Aufwertungen zu ergänzen, die es mit Blick auf die Klima- und Biodiversitätskrisen dringend braucht. Das Aktivwerden seitens der Bürgerschaft mittels niedrigschwelliger naturbasierter Lösungen im Bild 1: An ein Fallrohr eines Mehrfamilienhauses angeschlossene Regentonne auf einem Gehweg in Berlin (Foto: Nicole Wozny, 2025) THEMA Umwelt 60 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0062 zu machen oder entsprechende Genehmigungsverfahren zu vereinfachen. Eine Entbürokratisierung und Erleichterung bürgerschaftlichen Engagements lässt sich beispielsweise in Ulm beobachten. Im innerstädtischen Bereich, welcher durch wenig Straßengrün gekennzeichnet ist, haben Bürger*innen vermehrt bei der Stadt nach Erlaubnis zum Aufstellen von Pflanzkübeln auf den Gehwegen vor ihren Häusern gefragt. Während dafür früher drei städtischen Fachbereiche um Erlaubnis gebeten werden mussten, hat die Stadt die Überbürokratisierung dieses Vorgehens erkannt und eine neue Regelung eingeführt. So dürfen die Ulmer Stadtbewohner*innen mittlerweile Pflanzkübel in einem Bereich von 0,5 m vor dem Gebäude im öffentlichen Raum genehmigungsfrei aufstellen, wenn eine restliche Gehwegbreite von 1,50 m erhalten bleibt und das Parken und der Verkehr nicht beeinträchtigt werden [5]. Ein anderes positives Beispiel ermöglichender Rahmenbedingungen ist das Begrünen von Baumscheiben in Berlin. In den Berliner Bezirken verhalten sich die Regelungen hierzu unterschiedlich. Während manche Straßen- und Grünflächenämter die Begrünung genehmigungsfrei erlauben, müssen Bürger*innen in anderen Bezirken nach Erlaubnis fragen. Trotz dieser Unterschiede sind alle relevanten Informationen zum Begrünen von Baumscheiben auf den Webseiten aller Bezirke übersichtlich aufbereitet. Dort finden Bürger*innen Informationen dazu, was bei der Begrünung von Baumscheiben erlaubt ist und was nicht, welche Pflanzenwahl ratsam ist, wie und bei wem ggf. ein Genehmigungsantrag zu stellen ist bzw. ob die Begrünung genehmigungsfrei ist, wie Straßenbäume richtig zu gießen sind, etc. [6]. Weitere Rahmenbedingungen zur Förderung und Unterstützung des bürger- und zivilgesellschaftlichen Engagements zur Umsetzung naturbasierter Lösungen umfassen Sammel-Haftpflicht- und Unfallversicherungen für ehrenamtliche Tätigkeiten, sodass im Falle von Unfällen oder ähnlichem Versicherungsschutz für Bürger*innen besteht. Eine weitere Möglichkeit ist (kommunale) Fördermittel zur Verfügung zu stellen oder zumindest auf sie hinzuweisen, auf die sich Bürger*innen oder zivilgesellschaftliche Akteur*innen zur Finanzierung ihrer vorgesehenen naturbasierten Lösungen bewerben können, beispielsweise auch in Kooperation mit etwaig bestehenden Freiwilligenagenturen. Beispiele umfassen Aktions- und Verfügungsfonds, Quartiers- oder Nachbarschaftsfonds, Fördermittel für Sachausgaben ehrenamtlichen Engagements oder Mittel von Bürgerstiftungen. Zuletzt können Kommunaldazu geführt, dass die Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt ermöglichende Rahmenbedingungen für Gehwegregentonnen etabliert hat. Dadurch wird die Umsetzung für die Bürgerschaft sowie die Berliner Straßen- und Grünflächenämter vereinheitlicht und vereinfacht. So werden Regentonnen auf Gehwegen als erlaubnispflichtige Sondernutzung nach Berliner Straßengesetz eingeordnet, allerdings entfällt mit Ausnahme einer einmaligen Verwaltungsgebühr die Sondernutzungsgebühr. Des Weiteren wurden konkrete Anforderungen an die Regentonnen und deren Erlaubnis geknüpft und zunächst ein zeitlich befristeter Genehmigungszeitraum vorgeschrieben, um in den ersten Jahren Erfahrungen im Umgang mit den Tonnen sammeln zu können. Daraufhin hat das Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg Bürger*innen als erstes die Antragstellung mittels eines einheitlichen Antragsformulars ermöglicht. Engagement für naturbasierte Lösungen fördern Das Beispiel der Gehwegregentonnen zeigt, wie Kommunalverwaltungen die bürger- und zivilgesellschaftliche Eigeninitiative für naturbasierte Lösungen im öffentlichen (und privaten) Raum stärken können. In Zeiten personeller und finanzieller Engpässe und vor dem Hintergrund eines steigenden Handlungsdrucks hinsichtlich des Klimawandels und Artensterbens haben zahlreiche Kommunen bereits das entlastende Potenzial eines solchen Engagements erkannt. Wenn derlei Engagement auch in Einzelfällen zu Problemen führen kann, sollte es dennoch als Ressource für Klimaanpassung, Biodiversität und gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen und entsprechend gefördert werden, besonders dort, wo bestehende Hürden ein Engagement einschränken. In diesem Sinne gilt es seitens der Kommunalverwaltungen ermöglichende Rahmenbedingungen für eigeninitiierte naturbasierte Lösungen im öffentlichen Raum zu schaffen und Stadtbewohner*innen durch das Aufzeigen von Best Practice Beispielen Umsetzungstipps an die Hand zu geben, um auf diese Weise auch langfristig Konflikte zu vermeiden. Unterstüt zende Rahmenbedingungen können umfassen klare Ansprechpersonen für Bürger*innenanfragen zur Umsetzung naturbasierter Lösungen im öffentlichen Raum festzulegen, eindeutige Regeln und Vorgaben zur Umsetzung konkreter naturbasierter Lösungen festzulegen und beispielsweise über die Kommunalwebseite zu veröffentlichen, bestimmte naturbasierte Lösungen im öffentlichen Raum erlaubnis-/ genehmigungsfrei THEMA Umwelt 61 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0062 LITERATUR [1] Sowińska Świerkosz, B. und García, J. (2022): What are Nature based solutions (NBS)? Setting core ideas for concept clarification. In: Nature Based Solutions, Volume 2, 2022. [2] European Environment Agency, Castellari, S., Zandersen, M., Davis, M., Veerkamp, C., Förster, J., Marttunen, M., Mysiak, M., Vandewalle, M., Medri, S. und Picatoste, J. (2021): Naturebased solutions in Europe policy, knowledge and practice for climate change adaptation and disaster risk reduction. Publications Office. [3] Starzewská-Sikorská, A., Vojvodíková, B., Mathey, J., Tabasso, M., Trzaski, L., Gorgori, J., Hemingway, J., Wirth, P., Galej- Ciwis, K., Masala, E., Tichá, I., Tylcer, J., Krzyžak, J., Curato, V., Abate, J.M., Bachmann, C., Beryt, A., Kormaniková, J., Kupka, J., Brázdová, A., Fraire, S., Melis, G., Vojvodík, E. und Fava, U., 2022. Handbook SALUTE4CE - Handbook on Urban Environmental Acupuncture. Ostrava: Technical University of Ostrava, Faculty of Civil Engineering. [4] Wozny, N., Müller, N. und Weinhold, T. (2025): Handbuch für mehr Stadtgrün im öffentlichen Raum - Naturbasierte Lösungen selbst in der eigenen Nachbarschaft umsetzen. Unabhängiges Institut für Umweltfragen, Berlin. [5] Steck, S. (2024): Eigenverantwortliche Bepflanzung in Zeiten des Klimawandels. Präsentation, Ulm. [6] BerlinOnline GmbH (2025): Baumscheibe bepflanzen. Verfügbar unter: https: / / www.berlin.de/ special/ sharing/ urban-gardening/ 7868478-7854814-baumscheibe-bepflanzen.html [Zugriff am 30. Juli 2025]. Eingangsabbildung: © ElisaRiva/ Pixabay verwaltungen auch die Vernetzung von interessierten Bürger*innen und das Aufzeigen konkreter Engagementmöglichkeiten vorantreiben, sei es durch Öffentlichkeitsarbeit oder wie im Beispiel von Halle (Saale) durch die Schaffung einer Plattform für ehrenamtliches Engagement zu Klimathemen, auf der Bürger*innen sich sowohl über langfristige Engagementmöglichkeiten als auch über Einzelaktionen, wie das Pflanzen eines Tiny Forests, informieren können. Für die Schaffung oder das Aufzeigen solcher Rahmenbedingungen lassen sich bei Bedarf verschiedene Möglichkeitsfenster nutzen, sei es die Aufstellung eines kommunalen Klimaanpassungskonzepts, thematisch verwandte Informationsveranstaltungen, jährlich stattfindende Freiwilligentage, der Zuzug neuer Menschen, etc. Auch wenn sich solche Rahmenbedingungen nicht immer schnell oder einfach realisieren lassen, ist zuletzt auch das Wohlwollen und die Offenheit für ein solches Engagement hilfreich, um Bürger*innen und Zivilgesellschaft nicht zu demotivieren. Da Engagement im öffentlichen Raum oder das Umsetzen neuer Lösungen für Unsicherheiten oder erste Ablehnungshaltungen sorgen kann, empfiehlt es sich offen miteinander zu sprechen und von allen Seiten Geduld für Akzeptanz- und Änderungsprozesse mitzubringen. Diese Erfahrung hat sich in dem oben genannten Projekt „Klimaanpassung selbstgemacht“ gezeigt, in dem niedrigschwellige naturbasierte Lösungen im öffentlichen Raum in Halle (Saale) und Cottbus partizipativ umgesetzt wurden. Im Rahmen des Projekts ist auch das „Handbuch für mehr Stadtgrün im öffentlichen Raum - Naturbasierte Lösungen selbst in der eigenen Nachbarschaft umsetzen“ entstanden, welches Stadtbewohner*innen Empfehlungen für die Planung, Umsetzung und Pflege niedrigschwelliger naturbasierter Lösungen gibt. AUTOR: INNEN Nicole Wozny, Projektleiterin, Unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V., Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin info@ufu.de Niklas Müller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V., Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin info@ufu.de THEMA Umwelt 62 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0062 Wassersensible Klimaanpassung in der Stadtentwicklung Interdisziplinäre Wege unter besonderer Berücksichtigung von Biodiversität und Lebensqualität in unseren Städten Grüne Räume, wassersensible Stadtentwicklung, Verschattung, kühle Orte, Prinzip Schwammstadt, Biodiversität Felizia Kuhlke, Nora Scholpp Der Beitrag stellt Praxisbeispiele der Zukunftsinitiative Klima.Werk vor, die wassersensible Stadtentwicklung interdisziplinär umsetzen. Anhand von technischen, gestalterischen und partizipativen Lösungen wird gezeigt, wie das Prinzip der Schwammstadt Klimaanpassung, die Förderung von Biodiversität und die Steigerung der urbanen Lebensqualität erfolgreich miteinander verknüpft. Einleitung Die Umsetzung wassersensibler Stadtentwicklung erfordert die Verbindung der Themenbereiche „Anpassung an den Klimawandel“, „Ausgleich der Wasserführung“, „Stärkung der Biodiversität “ und „Entwicklung attraktiver Stadträume“. In diesem Sinne zahlen neben technischen Aspekten auch die Entwicklung von grünen Räumen, kühlen Orten, Aspekte der Verschattung und der Biodiversität auf die Verbesserung der Lebensqualität ein. Im Folgenden werden ausgesuchte Projekte aus dem Netzwerk Zukunftsinitiative Klima.Werk von der Emschergenossenschaft/ Lippeverband vorgestellt, die die genannten Themen interdisziplinär verbinden. 63 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 mespeicherung der versiegelten Flächen entgegen und sorgt für angenehmere Temperaturen (Beispiel 1 Baumrigolen). Zeitgleich mit den Folgen des Klimawandels werden wir mit Verlusten der biologischen Vielfalt konfrontiert. Erhalt und Förderung von biologischer Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern dient dem Erhalt menschlicher Lebensgrundlagen. Vereinfacht gesagt: Ohne Insekten keine Pflanzenbestäubung - und keine Nahrung für höher entwickelte Arten bis hin zum Menschen. Neben positiven Wirkungen auf Luftqualität, Klimaschutz und Biodiversität, bestehen Zusammenhänge zwischen städtischem Grün und Gesundheit und dem Wohlbefinden der menschlichen Stadtbewohner (Beispiel 2 Kiesbeet am Emscherhaus). Zudem sind städtische Grünflächen Lebensgrundlage und Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten: Aufgrund der vielfältigen Standortbedingungen auf den oft kleinen Flächen ist die Biodiversität im urbanen Raum häufig höher als in umliegenden landwirtschaftlich geprägten Regionen. Ein kleinräumiges Mosaik mit Struktur- und Lebensraumreichtum sorgt für Artenvielfalt in der Stadt im Kontrast zu teils monotonen und „ausgeräumten“ Landschaften im landwirtschaftlich genutzten Umland. (Beispiel 3 Kläranlage Alte Emscher) Aufgrund der begrenzten Flächenverfügbarkeit innerhalb der Stadt gilt es Synergien zu nutzen. Dies kann erreicht werden, indem Flächen und Gebäude im Bestand zeitgleich für Maßnahmen der wassersensiblen Stadtentwicklung und für die Förderung der biologischen Vielfalt genutzt werden. Eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Erfolg spielt die Akzeptanz von Maßnahmen. Neben „klassischen“ Ökosystemdienstleistungen zählen somit auch kulturelle Ökosystemdienstleistungen wie die aktive Beteiligung der Zivilgesellschaft. (Beispiel 4 Gießkannenheld: innen und Beispiel 5 Mini.Wald) Beispiel 1: Baumrigolen an der Wasserstraße in Bochum Baumrigolen sind ein unterirdischer Speicherkörper für Regenwasser unter Straßenbäumen und ein relativ neues Element der Schwammstadt. Bei richtiger Planung und unter Berücksichtigung der technischen Eigenschaften in Verbindung mit der Berücksichtigung der Naturgesetze, können sie zahlreiche Vorteile aufweisen. Dazu zählen die Entlastung der Kanalisation, die bessere Versorgung der Stadtbäume in Dürrezeiten, die Förderung der Grundwasserneubildung und die Verbesserung des Stadtklimas durch Kühlung und Verdunstung. In Bochum wurde im Zuge der Kanalsanierung an der Wasserstraße ein System Kontext und Einordnung der Praxisbeispiele Die Folgen des Klimawandels werden zunehmend durch extreme Wetterereignisse für die Bevölkerung spürbar. Insbesondere im urbanen Raum werden Starkregen- und Dürreereignisse zunehmend als wiederkehrende Phänomene wahrgenommen. Unerwartet hohe Grundwasserspiegel wie in den Jahren 2023 und 2024, Wasser an unerwarteten Stellen und Plätzen, Starkregenereignisse wie 2021, unter Wassermangel und Hitze leidende Städte wie in den Jahren 2018 und 2022 zwingen die Politik, die Landesvertreter und die Kommunen zu handeln. Die Städte sind in diesem Zusammenhang besonders vulnerabel, weil sie einen hohen Versiegelungsgrad aufweisen. Kurze und heftige Abflussspitzen entstehen und führen zu spontanen, kleinräumigen Überflutungen, weil die Entwässerungssysteme nicht auf die großen Niederschlagsmengen ausgelegt sind. Aber auch die innerstädtische Hitzeentwicklung wird durch die Versiegelung und die Wärmespeicherung von Plätzen und Gebäuden verstärkt. Der Klimawandel ist unumkehrbar. Längst müssen wir uns nicht mehr nur mit Klimaschutz befassen, sondern auch mit Klimafolgenanpassung. Das Netzwerk der Zukunftsinitiative Klima.Werk, initiativ von den Emscherkommunen und der Emschergenossenschaft entwickelt, wurde gegründet, um Lösungen für die Folgen des Klimawandels gemeinsam, integral, agil und auf Augenhöhe zu erarbeiten. Erfolge und die Notwendigkeit sprechen für sich und lassen das Netzwerk durch die Beteiligung weiterer Lippekommunen und Aktiven aus anderen Regionen Deutschlands weiterwachsen. Die im folgenden Text hergeleiteten Praxisbeispiele sind Produkte unserer Netzwerkarbeit. Wasser nimmt bei allen Fragen und Themen der Klimafolgenanpassung eine zentrale Rolle ein: Ein Zuviel wirkt ebenso negativ, bedrohlich und zerstörend auf Natur und Wohlbefinden des Menschen wie ein Zuwenig. Da Wetterextreme uns auf Dauer begleiten werden, sind Anpassungsstrategien notwendig. Im urbanen Raum kommen hier die wassersensible Stadtentwicklung und das Prinzip Schwammstadt ins Spiel - Stadtstrukturen, die Wasser in nassen Zeiten speichern und zurückhalten, um es in trockenen Zeiten dosiert an die Umgebung abzugeben und es so für die Stadtnatur verfügbar zu machen. Der natürliche Wasserkreislauf, der in der Stadt anthropogen überformt ist und zu hohen und steilen Abflussspitzen nach Niederschlägen führt, wird gestärkt. Im Optimalfall kann alles Wasser vor Ort zurückgehalten werden und nach und nach über Vegetation, durch Evapotranspiration oder über offene Wasserflächen direkt verdunsten und an die Umgebung abgegeben werden. Die Verdunstungskühlung wirkt der Wär- THEMA Umwelt 64 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 Innenstadt. Insgesamt sind die Flächen im Bereich der Hauptverwaltung fast vollständig überbaut oder befestigt. Die 250 m² Freiflächen um die Gebäude waren aufgrund des Denkmalschutzes als Schottergarten gestaltet. 2023 wurden sie unter Berücksichtigung dieser Besonderheit am Beispiel einer Ruderalfläche (lat. rudus „Klumpen“, „Kies“, „Schotter“ ) neugestaltet und begrünt. Neben der ökologischen Aufwertung und Reduzierung des Niederschlagabflusses wird die Verdunstungsrate erhöht und ein Beitrag zur Reduzierung der dort vorhandenen Hitzebelastung geleistet. In die Schotterfläche wurde eine vielgestaltige, dynamische und dauerhafte Staudengemeinschaft gepflanzt. In Anlehnung an natürliche Pflanzengesellschaften ergänzen sich Arten mit unterschiedlichen ästhetischen Merkmalen, Lebensformen, Wuchshöhen, Blühzeiten und Ausbreitungsstrategien zu einem sich weitgehend selbst regulierenden System, mit einer hohen Wirkung auf die Biodiversität. Neben ihrer unmittelbaren Wirkung auf das Mikroklima dient die Fläche als Musterbeispiel für eine extensive Gestaltung von Freiflächen an öffentlichen und privaten Gebäuden, die heute aufgrund des vermeintlich geringen Pflegeaufwandes vernetzter Baumrigolen installiert. Ein wesentlicher Bestandteil für den erfolgreichen Einsatz der Baumrigolen sind die unterirdischen Speicherkörper mit einem Gemisch aus Grobschlag und Baumsubstrat, in die die Wurzeln des Straßenbaumes einwachsen können. Das gespeicherte Wasser hilft den Bäumen bei Hitzeperioden und wird über ein Drainagesystem gleichmäßig verteilt. Bei großen Mengen gelangt es über eine Filteranlage in die Kaskaden des Regenrückhalte- und Verdunstungsbeckens und von dort gedrosselt in den Marbach. Erfahrungswerte bei technischen Anlagen in Verbindung mit Stadtgrün zeigen, dass es neben einer guten Zusammenarbeit in der Planung und im Bau von Baumrigolen, vor allem auch auf die weitere Pflege ankommt, wie beispielsweise die Steuerung von Streusalzeinsätzen im Winter, damit die Maßnahme gut funktioniert. Beispiel 2: Kiesbeet am Emscherhaus in Essen Die Hauptverwaltung von Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV, Emscherhaus) befindet sich im stadtklimatisch hochbelasteten Südviertel der Stadt Essen südlich des Hauptbahnhofes und der Bild 1: Verortung des Systems vernetzter Baumrigolen an der Wasserstraße in Bochum und Baumrigole © Zukunftsinitiative Klima.Werk/ EGLV Bild 2: Blühaspekt des umgestalteten Beetes © Klaus Baumers/ EGLV THEMA Umwelt 65 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 tere Essener Bürger zum Gießen der Stadtbäume zu mobilisieren. Dieser ehrenamtliche Initiativkreis, die Ehrenamt Agentur Essen e.V. und die Zukunftsinitiative Klima.Werk riefen das Projekt schließlich im selben Jahr ins Leben. Stadtbäume leiden zunehmend unter Klimawandelfolgen wie Hitze, Dürre, Stürmen und Starkregen. Sie mit Hilfe von bürgerschaftlichem Engagement zu gießen ist oft die einzige Möglichkeit, ihre Vitalität zu stärken und sie zu erhalten. Die aktive Beteiligung führt zur Steigerung der Akzeptanz und Mitwirkungsbereitschaft der Bürger: innen für eine klimaresiliente Region. Bevölkerung und Politik werden für wassersensible und klimaresiliente Stadtentwicklung sensibilisiert. Vorteile entstehen durch die Entlastung der Kanalisation, die Stärkung des natürlichen Wasserkreislaufs mittels ortsnaher Versickerung und die Speicherung von Treibhausgasen durch den Erhalt der Bäume. Das Besondere am Projekt ist, dass alltägliche, praktische Handlungsansätze im Mittelpunkt stehen. Jede: r wird mit einfachen Mitteln handlungsfähig gegenüber den komplexen Herausforderungen des Klimawandels. Bislang wurden ca. 750 Wassertanks an Regenfallrohre angeschlossen und werden durch mehr als 2500 Ehrenamtliche oder des Gebäudeschutzes als „Schottergärten“ gestaltet werden. Eine Infotafel regt zum Nachmachen an und weist auf die positiven Effekte auf Kleinklima, Wasserhaushalt und Biodiversität hin. Beispiel 3: Kläranlage Alte Emscher wird zur Klimaoase Die Kläranlage Alte Emscher liegt im hoch verdichteten und klimatisch belasteten Industrieballungsraum von Duisburg Bruckhausen. Hier wurde 2021 eine 8700 m² große Fläche in eine klimaaktive Frischluftinsel entwickelt. Ausgehend von einem wenig ökologischen Landschaftsrasen wurde im Rahmen des Projekts der Boden aufbereitet, eine heimische Saatgutmischung ausgebracht sowie 25 hochstämmige heimische Bäume wie Vogelbeere, Vogelkirsche, Speierling, Walnuss und Sommerkirsche auf der Fläche und entlang des Hauptkanals Alsum gepflanzt. Es entstand ein wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen - ein Biodiversitätshotspot inmitten der Stadt. Das Projekt wurde mit Mitteln des NRW-Förderprogramms „Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft “ umgesetzt. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitung konnte festgestellt werden, dass sich die Artenvielfalt im Gegensatz zur Ursprungsfläche signifikant erhöht hat. Die Fläche wird heute extensiv gepflegt, also seltener gemäht. Dies stärkt den natürlichen Wasserkreislauf, erhöht die Verdunstung und mildert Hitzeinseln. Die neue Grünfläche verbessert zudem das Mikroklima, schafft eine Frischluftschneise für angrenzende Stadtteile und setzt ein Zeichen gegen den dramatischen Rückgang von Insekten, der vor allem durch Lebensraumverlust verursacht wird. So wird das Emschergebiet klimaresilienter und ökologisch vielfältiger. Beispiel 4: Gießkannenheld: innen - Gemeinsam für unsere Stadtbäume 2021 schlossen sich engagierte Bürger mit der Ehrenamt A gentur Essen zusammen, um mit der Schenkung von 1000-Liter-Regenwassertanks wei- Bild 3: Blühwiese © Matthias Hower/ EGLV Bild 4: Jede: r wird handlungsfähig gegenüber dem Klimawandel, Gießen von öffentlichen Bäumen © Sven Lorenz (oben) Tank an einer KiTa © Rupert Oberhäuser (unten) THEMA Umwelt 66 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 zur Stadtbaumbewässerung genutzt. Das Projekt begeistert die Menschen so sehr, dass es auf umliegende Städte, wie Gelsenkirchen und Bochum, ausgeweitet wurde. Beispiel 5: Mini.Wald Einen weiteren Schritt zur Anpassung der Städte an den Klimawandel bietet ein Mini.Wald. In Anlehnung an das Konzept der „Kleinen Wälder“ bietet der Mini. Wald die Chance, klimaresiliente Stadtentwicklung auf bestehenden kleineren Frei- und Brachflächen für Mensch und Natur umzusetzen. Die Bürger spiegeln den Wunsch einen Mini.Wald in ihrer Umgebung zu etablieren teils direkt an die Stadtverwaltungen, teils durch eigens hierfür gegründete Initiativen und gemeinnützige Vereine. Bislang wurden bereits in Essen, Recklinghausen, Bochum und Herten Mini. Wälder realisiert. Neben dem Pflanzen von heimischen Baum- und Straucharten auf engsten Raum (3-5 Pflanzen/ m²) stand der enge Austausch mit der Bevölkerung und den Akteuren vor Ort, wie Quartiersmanagement, Schulen und Kitas, sowie die gemeinsamen Pflanzaktionen im Zentrum der Projekte. Weitere positive Effekte entstehen u. a. durch die Steigerung der Biodiversität, die Verbesserung des Wasserhaushaltes und des Wasserrückhaltes sowie in der Aufwertung der Aufenthaltsqualität. So entstehen neue grüne und kühle Orte durch Verschattung und Evapotranspiration in klimatisch hoch belasteten Stadtteilen. Die Einbindung der Menschen vor Ort ist entscheidend für die Identifikation mit dem Projekt sowie für die Akzeptanz und den Fortbestand des Mini.Waldes. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Petmal Bild 5: Gemeinsame Pflanzaktion des Mini.Waldes in Recklinghausen mit Beteiligten der Stadt Recklinghausen, der Grundschule Recklinghausen Hochlarmark und der Zukunftsinitiative Klima.Werk © Daniel Maiß Bild 6: Mini.Wald in Essen ca. 1,5 Jahre nach der Pflanzung © Felizia Kuhlke / EGLV AUTOR: INNEN Felizia Kuhlke, ZI - Zukunftsinitiative Klima. Werk, EMSCHERGENOSSENSCHAFT / LIPPEVERBAND Kronprinzenstraße 24, 45128 Essen kuhlke.felizia@eglv.de Nora Scholpp, ZI - Zukunftsinitiative Klima. Werk, EMSCHERGENOSSENSCHAFT / LIPPEVERBAND Kronprinzenstraße 24, 45128 Essen scholpp.nora@eglv.de www.eglv.de, www.klima-werk.de THEMA Umwelt 67 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0063 Temporäre Maßnahmen gegen Hitze im urbanen Raum Eine praxisbezogene Untersuchung möglicher Beiträge, Grenzen und Gestaltungsansätze Hitze, Klimaanpassung, Klimawandel, menschliche Gesundheit, Stadt, öffentlicher Raum Clara Müller, Markus Groth, Markus Quante Der Klimawandel erhöht den Handlungsdruck auf Städte, Maßnahmen zum Schutz der menschlichen Gesundheit vor erhöhter Hitzebelastung zu ergreifen. Dieser Artikel diskutiert vor diesem Hintergrund temporäre Ansätze als relativ leicht zu realisierende Anpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum. Neben den Ergebnissen einer umfassenden Literaturrecherche, werden Erfahrungen aus bereits umgesetzten Maßnahmen einbezogen. Darauf aufbauend werden Erkenntnisse über mögliche Grenzen und Beiträge dieser Hitzeanpassungsmaßnahmen sowie Gestaltungsansätze für ihre praktische Planung und Umsetzung abgeleitet. Die globale Erwärmung und ihre weitreichenden negativen Auswirkungen sind bereits heute spürbar und werden auch in Zukunft weiter zunehmen (IPCC, 2022; Janson et al., 2023). Die Hitzebelastung ist jedoch nicht überall gleich hoch, insbesondere Städte sind von einer starken und zunehmenden Hitzebelastung betroffen (Wolf et al., 2021). Aufgrund der besonderen Beschaffenheit von Städten - ihrem hohen Versiegelungsgrad, der zusätzlichen Wärmefreisetzung und einer vergleichsweise geringeren Begrünung - verstärkt der sogenannte städtische Wärmeinseleffekt die erhöhte Hitzebelastung im urbanen Raum (Deutscher Städtetag, 2023; Umweltbundesamt, 2023). Städte sind nicht nur verhält- 68 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 lyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) codiert und anschließend analysiert. Ergänzend dazu wurde weiteres Praxiswissen unter Nutzung eines standardisierten Fragebogens herangezogen. Zusätzlich zu den bereits interviewten Stadtverwaltungsmitarbeitenden aus den Städten Köln, Minden und Ludwigsburg nahmen Mitarbeitende aus elf weiteren deutschen Städten an der Befragung teil, die an der Planung und Umsetzung temporärer Hitzeanpassungsmaßnahmen im öffentlichen urbanen Raum beteiligt waren (n=14). Der Fragebogen basiert überwiegend auf den Erkenntnissen aus den Interviews. Ergänzend wurden bereits durchgeführte Studien zu allgemeinen Hitzeanpassungsmaßnahmen herangezogen (vgl. Kaiser, Kind, Dudda und Sander, 2021; Baldin und Sinning, 2020; Duschinger, p.K., 25. & 26.11.2024; Studie des Projektes Hitzeservice.interaktiv, in Vorbereitung). Temporäre Maßnahmen gegen Hitze Temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen unterscheiden sich hauptsächlich hinsichtlich ihrer von vornherein festgelegten zeitlichen Begrenzung von anderen Hitzeanpassungsmaßnahmen. Als temporäre Maßnahmen werden jene bezeichnet, die für einen begrenzten Zeitraum im öffentlichen Raum aufgebaut oder aufzufinden sind, wie zum Beispiel mobile Sprühnebelduschen, die in den Sommermonaten aufgestellt werden. Maßnahmen, die das gesamte Jahr aufgebaut sind, aber nur für einen begrenzten Zeitraum in Benutzung sind, wie zum Beispiel fest verbaute Sprühnebelduschen, die nur in den Sommermonaten eingeschaltet werden, zählen nicht als temporäre Maßnahmen. Basierend auf den erhobenen Daten lassen sich verschiedene Ansätze erkennen, mithilfe derer temporäre Maßnahmen Abkühlung erzeugen können. Es gibt jene Maßnahmen, die durch feinen Wassernebel Verdunstungskälte erzeugen. Andere Maßnahmen erzeugen Schatten durch technische Elemente, wie Sonnensegel oder -schirme. Des Weiteren gibt es Maßnahmen, die Pflanzen verwenden, um Schatten zu erzeugen bzw. durch Verdunstungskälte für Abkühlung zu sorgen. Eingesetzt werden auch Maßnahmen, die zwei oder sogar alle drei Ansätze kombinieren. In der Stadt Köln wurde zum Beispiel 2022 mithilfe eines perforierten Schlauchs feiner Wassernebel erzeugt, um einen stark versiegelten Platz abzukühlen (Stadtverwaltung Köln, p.K., 16.10.2024). Auch in der Stadt Ludwigsburg stand ein stark versiegelter Platz im Fokus. Im Rahmen eines Förderprojektes in den Jahren 2022 und 2023 sowie auch nach Ablauf der Projektförderung im Jahr 2024 wurde ein Teilbereich nismäßig stark von der erhöhten Hitzebelastung betroffen, sie sind zudem vornehmlich verantwortlich für die Umsetzung entsprechender Maßnahmen, um mit diesen Belastungen umzugehen (Kaiser, Kind, Dudda & Sander, 2021). Dadurch steigt der Handlungsdruck für Städte, um zeitnah entsprechende Hitzeanpassungsmaßnahmen zu ergreifen (Baldin & Sinning, 2022). Verschiedene Ansätze können verfolgt werden, die darauf abzielen, die negativen gesundheitlichen Folgen bei Hitzewellen zu reduzieren und die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu verbessern. Forschungsgegenstand Ein möglicher räumlicher Ansatzpunkt für Hitzeanpassungsmaßnahmen ist der öffentlich zugängliche Freiraum in der Stadt. Temporäre Maßnahmen können dort während erhöhter Hitzebelastung eingesetzt werden, um den öffentlichen Raum an die sich verstärkenden Betroffenheiten in Städten anzupassen. Bei temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum handelt es sich um einen in der Praxis bislang nur selten verwendeten und wissenschaftlich kaum betrachteten Ansatz. Die Umsetzung derartiger Maßnahmen durch Stadtverwaltungen stellt den hier betrachteten Forschungsgegenstand dar, womit der Fokus auf den Handlungsmöglichkeiten der Städte liegt. Forschungsziel war die Auseinandersetzung mit möglichen Beiträgen und Grenzen derartiger Maßnahmen sowie Gestaltungsansätzen für ihre Planung und Umsetzung. Methodik: Praxiswissen aus Stadtverwaltungen Aufgrund der vergleichsweise geringen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen werden ergänzend Erfahrungen aus bereits umgesetzten Maßnahmen einbezogen. Dafür wurden zunächst die in den vier Städten Köln, Minden, Ludwigsburg und Wien umgesetzten temporären Maßnahmen näher betrachtet. Das umfassende Verständnis über die Maßnahmen wurde durch jeweils ein semi-strukturiertes qualitatives Expert*innen-Interview mit einer an der Planung und Umsetzung der Maßnahme beteiligten Person aus der Stadtverwaltung erzielt und mithilfe von grauer Literatur vervollständigt. Um eine Vergleichbarkeit zwischen den Maßnahmen zu gewährleisten, lag allen Interviews ein Leitfaden zugrunde, der Fragen zum Grundverständnis der Maßnahme, zum Beitrag und den Reaktionen der Bürger*innen, zu Erfolgsfaktoren und Hemmnissen sowie zu Grenzen abdeckt. Die Interviews wurden basierend auf der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsana- THEMA Umwelt 69 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 und das Aufzeigen von Alternativen zu einem hitzebelasteten öffentlichen Raum könnten die Sensibilisierung in der Bevölkerung für Hitze sowie für die damit verbundenen Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten erhöhen. Als Konsequenz sind individuelle Verhaltensänderungen denkbar, die auch dafür sorgen könnten, dass die gesundheitlichen Folgen reduziert werden. Bewusstseinsbildung in der Politik und Verwaltung Neben großen Auswirkungen auf die Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung wurden auch Auswirkungen auf die Bewusstseinsbildung in der Kommunalpolitik und der Stadtverwaltung identifiziert. Als Konsequenz für eine erhöhte Bewusstseinsbildung in der Politik und der Verwaltung ist ein höherer Stellenwert von Hitzeanpassung in der Diskussion, die Aufnahme derartiger oder vergleichbarer Maßnahmen in städtische Konzepte sowie die Umsetzung weiterer Maßnahmen denkbar. Im Vergleich zeigte sich dies bei den untersuchten Maßnahmen jedoch weniger ausgeprägt. Ein Grund dafür könnte sein, dass es sich dabei eher um längere Prozesse handelt. Empfehlung: Integration in Planungsvorgaben Insgesamt konnten eindeutige Beiträge von temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen im öffentlichen Raum für die Hitzeanpassung in Städten identifiziert werden. Die identifizierten Beiträge stehen jedoch im starken Kontrast zu ihrer sowohl wissenschaftlich als auch in der Planungspraxis noch geringen Berücksichtigung. Durch eine Verbesserung des Wissens hierzu könnte die Bekanntheit dieser und somit auch die Umsetzung durch Stadtverwaltungen in den Städten erhöht werden. Eine Aufnahme derartiger Maßnahmen als Option in Planungsvorgaben würde eine Erweiterung des Möglichkeitsraums von Stadtverwaltungen darstellen, der weitere Wege der Klimaanpassung eröffnet. Die Grenzen von temporären Maßnahmen Die praktischen Erfahrungen lassen aber auch Grenzen von temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen erkennen, da inhärente designbedingte Beschränkungen der Maßnahmen die Wirkung dieser reduzieren können. Das Wissen darüber kann bei der Einordnung derartiger Maßnahmen sowie im praktischen Umgang mit ihnen helfen. Grenzen hinsichtlich der Abkühlungswirkung In erster Linie lassen sich Grenzen hinsichtlich der Abkühlungswirkungen erkennen, da diese insbesondere sehr kleinräumig sind und oft nur kurzfrisdes Rathaushofs mithilfe von Bäumen in Kübeln, Sitzbänken und Verschattungselementen temporär zu einem schattigen Ort mit einer hohen Aufenthaltsqualität umgestaltet (Stadtverwaltung Ludwigsburg, p.K., 17.10.2024). Im Sommer 2023 sorgten in der Stadt Minden zwei mobile vertikale Gärten für Abkühlung an einem stark versiegelten Standort (Stadtverwaltung Minden, p.K., 15.10.2024). Aufgestellt wurden dort Bänke mit bepflanzten Wänden und einem Sonnensegel (Stadtverwaltung Minden, p.K., 15.10.2024). In der Stadt Wien werden jährlich eigens dafür entwickelte Anlagen an Hydranten angeschlossen, die auf Knopfdruck Wassernebel erzeugen und dadurch an mehr als hundert Hotspots für Abkühlung sorgen (Magistrat Wien, MA 49, p.K., 09.10.2024). Der Beitrag von temporären Maßnahmen Basierend auf dem erhobenen Praxiswissen lassen sich verschiedene Ansätze erkennen, wie die untersuchten Maßnahmen einen Beitrag zur Hitzeanpassung in Städten leisten können. Dabei bezieht sich der Beitrag auf die von den Maßnahmen ausgehenden direkten oder indirekten Auswirkungen, die dafür sorgen können, dass der Aufenthalt im öffentlichen Raum während und trotz erhöhter Hitzebelastungen angenehmer wird bzw. die gesundheitlichen Folgen für die Menschen reduziert werden. Senkung der Temperatur Die Senkung der Temperatur konnte als eine große Auswirkung der untersuchten Maßnahmen herausgearbeitet werden. Auch wenn nur vier der untersuchten Maßnahmen Temperaturmessungen durchgeführt haben, so zeigen diese eindeutig eine Senkung der Temperatur im Umfeld der Maßnahme. Eine quantitative, mikrometeorologisch abgesicherte Erfassung der Temperatursenkung durch Maßnahmen wäre mit einem hohen messtechnischen Aufwand verbunden und wurde daher nur in den wenigsten Fällen durchgeführt. Neben der messbaren Senkung der Temperatur wurden außerdem positive Auswirkungen auf das subjektive Temperaturempfinden erarbeitet. Durch die tatsächliche oder gefühlte Reduzierung der erhöhten Hitzebelastung könnten derartige Maßnahmen für einen angenehmeren Aufenthalt in der Stadt sorgen sowie die gesundheitlichen Folgen reduzieren. Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung Als eine weitere Auswirkung der untersuchten Maßnahmen zeigt sich die Erhöhung der Aufenthaltsqualität, die für einen angenehmeren Aufenthalt in der Stadt während erhöhter Hitzebelastung sorgen könnte. Die Präsenz der Maßnahmen in der Stadt THEMA Umwelt 70 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 Gestaltungsansätze für Stadtverwaltungen Im Rahmen der Untersuchung konnten zudem einige Faktoren erarbeitet werden, die den Prozess, die zeitliche Komponente sowie den Umfang der Maßnahme beeinflussen können und somit Einfluss darauf haben, ob und in welchem Umfang die temporären Maßnahmen zur Hitzeanpassung in Städten beitragen können. Diese Gestaltungsansätze liefern Anregungen, wie Stadtverwaltungen die Planung und Umsetzung derartiger Maßnahmen gestalten können, damit diese ohne Abstriche zur Hitzeanpassung beitragen können. Die Gestaltungsansätze basieren auf Erfolgsfaktoren, die die Planung und Umsetzung erleichtern oder fördern und somit hilfreich sein können, sowie auf Hemmnissen. Das Wissen über die Hemmnisse kann dabei helfen, rechtzeitig Lösungsmöglichkeiten einzuplanen. Wahl eines geeigneten Standortes Standortbezogene Faktoren sind bei den untersuchten Maßnahmen sehr häufig aufgetaucht und als einflussreich identifiziert worden. Am häufigsten wurde das Problem, einen geeigneten Standort zu finden, als Hemmnis identifiziert. Zwei der Befragten gaben sogar an, dass dieser Aspekt einer der Hauptgründe dafür sei, dass ihre Maßnahme bisher nicht erneut umgesetzt wurde. Standortbezogene Faktoren sollten daher unbedingt bei der Gestaltung beachtet werden. Aufgrund der kleinräumigen Wirkung spielt der Standort eine besonders wichtige Rolle für den Beitrag zur Hitzeanpassung, so dass dies frühzeitig in den Planungsprozess einbezogen werden sollte. Die Eignung eines Standortes ist dabei stark von den jeweiligen Maßnahmen sowie von den individuellen Gegebenheiten abhängig. Es empfiehlt sich generell ein Standort mit einer großen Hitzebelastung, bei dem der Kühlungsbedarf bereits bekannt ist, da dies die Akzeptanz steigern könnte. Außerdem empfiehlt sich ein Standort, der bereits stark von der Öffentlichkeit genutzt wird oder das Potential hat, stärker genutzt zu werden, da dadurch besonders zur Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung beigetragen werden könnte. Strukturen und Arbeitsweisen innerhalb Verwaltung Neben dem Ort, an dem die Maßnahmen umgesetzt werden sollen, spielt auch die Ebene, in der die Maßnahmen geplant und die Umsetzung koordiniert werden, eine große Rolle: die Stadtverwaltung. Einige Faktoren, wie zum Beispiel die individuelle Motivation und die Rahmenbedingungen, sind nur begrenzt von den Verwaltungsmitarbeitenden beeinflussbar. Etwas mehr als die Hälfte der befragten Personen identifizierte Motivation und Wille innerhalb der Vertig sowie zum Teil vergleichsweise gering wirken. Auch wenn bei den untersuchten Maßnahmen kein Einfluss auf die stadtweite Temperatur und teilweise nur ein geringer Abkühlungseffekt identifiziert werden konnte, wurde in der Auseinandersetzung mit den Beiträgen herausgearbeitet, dass sie durchaus die Temperatur im nahen Umfeld der Maßnahme subjektiv und objektiv senken können. Da es sich um temporäre Maßnahmen handelt, können diese zwangsläufig nur für eine begrenzte Zeit für Abkühlung sorgen. Grenzen im Gesamtkontext der Hitzeanpassung Neben den Grenzen bezüglich der Abkühlungswirkung lassen sich auch Restriktionen im Gesamtkontext der Hitzeanpassung identifizieren. So handelt es sich bei temporären Hitzeanpassungsmaßnahmen um keine Universallösungen, die für jeden Standort geeignet sind. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass standortbezogene Hemmnisse bei den untersuchten Maßnahmen sehr häufig auftauchten und als einflussreich identifiziert wurden. Außerdem stellen sie keine alleinige Lösung dar, sie sollten demzufolge nicht als einzige Hitzeanpassungsmaßnahme eingesetzt werden. Begründen lässt sich dies unter anderem damit, dass temporäre Maßnahmen nur einen kleinen Beitrag zur Hitzeanpassung leisten können. In einigen Fällen wird der Beitrag sogar als zu klein und die Maßnahme nur als Übergangslösung betrachtet. Andererseits werden temporäre Maßnahmen jedoch gerade aufgrund ihrer guten Eignung als Übergangslösung gezielt als solche eingesetzt. Empfehlung: Wissen über Grenzen als Chance Auch wenn einige Grenzen identifiziert wurden, können temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen dennoch einen Beitrag zur Hitzeanpassung in Städten leisten. Das Wissen über die Grenzen sollte als Chance gesehen werden, um proaktiv einen zielführenden Einsatz zu ermöglichen. Um Missverständnisse seitens der Politik, der Bevölkerung oder anderer Abteilungen der Verwaltung durch eine zu hohe oder unrealistische Erwartungshaltung insbesondere in Bezug auf die Abkühlungswirkung zu vermeiden, sollten die Grenzen frühzeitig und aktiv kommuniziert werden. Außerdem sollten die Maßnahmen in Kombination mit weiteren Maßnahmen umgesetzt und in ein Gesamtkonzept eingebunden werden. Neben einer angemessenen Erwartungshaltung kann dies dazu führen, dass die Entscheidung für eine temporäre Maßnahme im Umgang mit dem Klimawandel nicht als unzureichende Lösung angesehen wird. THEMA Umwelt 71 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 zess hilfreich. Der Verweis auf städtische Konzepte und Strategien sowie deren Umgang mit dem Klimawandel bzw. Hitze könnte die Unterstützung durch die Kommunalpolitik fördern. Auch die Integration von Maßnahmen in Förderprogramme und das damit signalisierte Interesse des Bundes oder des Landes am Thema könnte die Unterstützung durch die Kommunalpolitik erhöhen. Unterhaltung, Instandhaltung und Überwinterung Auch die tatsächliche Umsetzung der Maßnahmen sollte möglichst frühzeitig bei der Planung beachtet werden, wie die Instandhaltung und Unterhaltung der Maßnahmen. Probleme dabei tauchten bei etwa einem Drittel der Befragten auf. Falls notwendig, sollte auch die Überwinterung der Maßnahmen bedacht werden. Die Überwinterung stellt insbesondere für Maßnahmen mit Pflanzen eine große Herausforderung dar. Diese Aspekte sollten in Abhängigkeit von der jeweiligen Maßnahme und den Gegebenheiten der Stadt unter Zuhilfenahme der vorhandenen Infrastruktur und möglicherweise in Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern oder den städtischen Eigenbetrieben geklärt werden. Gestaltungsansätze mit vergleichsweise geringer Relevanz Bei einigen wenigen der untersuchten Maßnahmen spielten rechtliche Aspekte bei der Planung und Umsetzung eine hindernde Rolle, keiner der Befragten gab rechtliche Erfolgsfaktoren an. Aufgrund der bislang oftmals kaum vorhandenen Rechtsgrundlage für die Umsetzung von temporären Maßnahmen sowie von Hitzeanpassungsmaßnahmen gilt es, hier die Voraussetzungen für eine rechtssichere Umsetzung zu schaffen. Auch die Beteiligung der Öffentlichkeit spielte bislang nur bei einigen wenigen der untersuchten Maßnahmen eine Rolle. Dabei könnte die Öffentlichkeit im Rahmen der Erarbeitung eines geeigneten Standorts, der Ausgestaltung der Maßnahme sowie ihrer Evaluierung hervorragend einbezogen werden. Fazit Auch wenn im Rahmen der Untersuchung einige Grenzen, insbesondere hinsichtlich der Abkühlungswirkung, identifiziert wurden, können temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen eindeutig zur Hitzeanpassung in Städten beitragen, indem sie die gesundheitlichen Folgen für die Menschen reduzieren und für einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt sorgen. Zudem wurden Faktoren abgeleitet, die den Prozess, die zeitliche Komponente sowie den Umfang der Maßnahme beeinflussen können und somit Einwaltung als Erfolgsfaktor, damit stellt dieser Aspekt den zweithäufigsten Erfolgsfaktor dar. Auch wenn die individuelle Motivation nicht beeinflusst werden kann, kann das Wissen um den Einfluss jedoch bei der Wahl interner Projektpartner*innen berücksichtigt werden. Eine ebenfalls sehr wichtige Rolle spielen die Personalressourcen und das vorhandene theoretische sowie praktische Wissen. Das Bewusstsein über die Bedeutung dieser wesentlichen Einflussfaktoren kann dazu genutzt werden, gezielt Unterstützung einzuholen, aktiv relevantes Wissen aufzubauen oder im Vorfeld die Verfügbarkeit entsprechender personeller Ressourcen sicherzustellen. Auch die finanziellen Ressourcen spielen eine wichtige Rolle. Eine der befragten Personen sah die fehlenden finanziellen Ressourcen als einen der Hauptgründe dafür, dass die Maßnahme bisher nicht erneut umgesetzt wurde. Eine frühzeitige Kostenkalkulation, die Suche nach Förderbzw. Drittmitteln und die Unterstützung durch die Kommunalpolitik sind hilfreich, um die Maßnahmen generell und im angestrebten Umfang zu gewährleisten. Darüber hinaus gibt es noch einige Arbeitsweisen, die maßgeblich von den Mitarbeitenden beeinflusst werden können und somit wichtige Gestaltungsansätze darstellen. Durch eine gute und enge Abstimmung mit internen sowie externen Akteur*innen könnten zum Beispiel zeitliche Verzögerungen vermieden werden. Eine enge Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteur*innen sowie ein konkreter Ablaufplan sind grundsätzlich wichtig, insbesondere bei einer kurzen Umsetzungsdauer der Maßnahmen. Die Bereitschaft zu Kompromissen wiederum könnte es ermöglichen, Nutzungskonflikte beim Standort zu lösen. Außerdem könnten durch eine klare und direkte Kommunikation der Planung, insbesondere der Grenzen, mit der Öffentlichkeit, der Kommunalpolitik aber auch mit den Kolleg*innen, Widerstände und Bedenken reduziert und Erwartungen frühzeitig eingeordnet werden. Befürwortung durch die Kommunalpolitik Neben der Verwaltung kann aufgrund der Strukturen in der Stadt auch die Kommunalpolitik einen großen Einfluss auf die Planung und Umsetzung der Maßnahmen haben. Insbesondere der Stellenwert des Themas in der Politik und die Vorlage eines politischen Beschlusses zeigen die Befürwortung der Maßnahmen durch die Kommunalpolitik. Dieser Aspekt wurde von zwei Dritteln der Befragten und somit als häufigster Erfolgsfaktor genannt. Um die Interessen der Kommunalpolitik einzubeziehen und diese von der Planung zu überzeugen, ist ihre frühzeitige Beteiligung und Einbindung in den gesamten Pro- THEMA Umwelt 72 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz (6. Auflage). Juventa Verlag. Umweltbundesamt. (2023). Monitoringbericht 2023 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel: Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe Anpassungsstrategie der Bundesregierung. www.umweltbundesamt.de/ publikationen/ monitoringbericht-2023 Wolf, M., Ölmez, C., Schönthaler, K., Porst, L., Voß, M., Linsenmeier, M., Kahlenborn, W., Dorsch, L. & Dudda, L. (2021). Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 für Deutschland: Teilbericht 5: Risiken und Anpassung in den Clustern Wirtschaft und Gesundheit. Climate Change: Bd. 24. Umweltbundesamt. https: / / www.umweltbundesamt.de/ publikationen/ KWRA-Teil-5-Wirtschaft-Gesundheit PERSÖNLICHE KOMMUNIKATION Duschinger, p.K., 25. & 26.11.2024: E-Mail-Kommunikation mit S. Duschinger am 25. & 26.11.2024 zur Studie des Projektes Hitzeservice.interaktiv, in Vorbereitung. Magistrat Wien, MA 49, p.K., 09.10.2024: Interview mit einer Person aus dem Magistrat Wien, aus der Magistratsabteilung 49 Klima, Forst- und Landwirtschaftsbetrieb aus der Abteilung Bereichsleitung für Klimaangelegenheiten. Das Interview wurde am 09.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Stadtverwaltung Köln, p.K., 16.10.2024: Interview mit einer Person aus der Stadtverwaltung Köln, aus der Abteilung Umweltplanung und -vorsorge. Das Interview wurde am 16.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Stadtverwaltung Ludwigsburg, p.K., 17.10.2024: Interview mit einer Person aus der Stadtverwaltung Ludwigsburg, aus dem Referat für Stadtentwicklung, Klima und Internationales. Das Interview wurde am 17.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Stadtverwaltung Minden, p.K., 15.10.2024: Interview mit einer Person aus der Stadtverwaltung Minden, aus dem Bereich Stadtplanung und Umwelt. Das Interview wurde am 15.10.2024 durch Clara Müller durchgeführt. Eingangsabbildung: © iStock.com/ Xurzon fluss darauf haben, ob und in welchem Umfang die temporären Maßnahmen zur Hitzeanpassung beitragen können. Diese Gestaltungsansätze können Stadtverwaltungen als Hilfestellung bei ihrer Planung und Umsetzung dienen. Auch wenn die Kurzfristigkeit und Kleinräumigkeit der Maßnahmen sowie die Abkühlungswirkung und somit auch der Beitrag für die Hitzeanpassung durchaus kritisch betrachtet werden kann, so bieten temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen eine schnelle Möglichkeit, für Abkühlung in der Stadt zu sorgen, wenn die Nutzung umfassender und dauerhafter Maßnahmen (noch) nicht möglich ist. Temporäre Hitzeanpassungsmaßnahmen stellen eine Antwort auf die klimawandelbedingte erhöhte Hitzebelastung und die damit verbundenen veränderten Bedürfnisse dar, zeigen alternative Gestaltungsmöglichkeiten des öffentlichen urbanen Raums auf und können für einen angepassten Umgang mit der erhöhten Hitzebelastung sorgen. LITERATUR Baldin, M.-L. & Sinning, H. (2020). Perspektiven kommunaler Akteure auf Klimaanpassung an Hitze: Ergebnisbericht der Akteurs- und Governanceanalyse sowie Handlungsempfehlungen für Kommunen. ISP-Schriftenreihe. Vorab-Onlinepublikation. https: / / doi.org/ 10.22032/ DBT.49154 Baldin, M.-L. & Sinning, H. (2022). Hitzeresiliente Städte: Warum gelingt die Umsetzung nicht? disP - The Planning Review, 58(1), 4-20. https: / / doi.org/ 10.1080/ 02513625.2022. 2091848 Deutscher Städtetag. (2023). Damit Hitze nicht krank macht: wie Städte cool bleiben: Diskussionspapier des Deutschen Städtetages. Beschlossen vom Hauptausschuss am 26. Januar 2023 in Chemnitz. Deutscher Städtetag. https: / / www. staedtetag.de/ files/ dst/ docs/ Publikationen/ Positionspapiere/ 2023/ P89332_Staedtetag_Diskussionspapier_Hitzevorsorge_in_den_Staedten_12052023.pdf IPCC (Hrsg.). (2022). Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability: Contribution of Working Group II to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Pörtner, H.-O.; Roberts, D. C.; Tignor, M.M Poloczanska, E. S.; Mintenbeck, K.; Alegría, A.; Craig, M.; Langsdorf, S. Löschke, S.; Möller, V.; Okem, A.; Rama, B. (eds.)]. Cambridge University Press. https: / / doi. org/ 10.1017/ 9781009325844 Janson, D., Kaiser, T., Kind, C., Hannemann, L., Nickl, J. & Grewe, H. A. (2023). Analyse von Hitzeaktionsplänen und gesundheitlichen Anpassungsmaßnahmen an Hitzeextremen in Deutschland: Abschlussbericht. Umwelt und Gesundheit. Umweltbundesamt. https: / / www.umweltbundesamt.de/ sites/ default/ files/ medien/ 11850/ publikationen/ hap-de_ endbericht_bf_230321_lb.pdf Kaiser, T., Kind, C., Dudda, L. & Sander, K. (2021). Klimawandel, Hitze und Gesundheit: Stand der gesundheitlichen Hitzevorsorge in Deutschland und Unterstützungsbedarf der Bundesländer und Kommunen. Umwelt und Mensch - Informationsdienst (UMID), 2021(1), 27-37. https: / / www. umweltbundesamt.de/ sites/ default/ files/ medien/ 4031/ publikationen/ umid_01-2021-beitrag_3_hitze.pdf AUTOR: INNEN Clara Müller, M. Sc. Nachhaltigkeitswissenschaften, Leuphana Universität Lüneburg clarawmueller@gmail.com Markus Groth, Dr., Climate Service Center Germany (GERICS), Helmholtz-Zentrum Hereon markus.groth@hereon.de Markus Quante, Prof. Dr., Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät Nachhaltigkeit markus.quante@leuphana.de THEMA Umwelt 73 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0064 Potenzialanalyse: Klimaangepasste Sanierung im Denk! mal Einbeck Nachhaltige Abwassersysteme im Fokus: Wege zur klimaangepassten Sanierung historischer Gebäude Klimaresilienz, Grauwasserrecycling, Nachhaltige Sanierung, Smart City Einbeck, Denkmalgerechte Modernisierung, Innovative Abwassersysteme Andrea Lück, Stefanie Hörnlein, Rebecca Spaunhorst, Alena Ronnenberg In einer Potenzialanalyse für das Denk! mal-Gebäude in Einbeck, Teil der Smart City-Initiative, wurden klimaresiliente Sanierungsoptionen mit innovativen technischen Lösungen untersucht. Die Analyse erfasste zukünftige klimatische Herausforderungen und Ansätze für nachhaltige Abwassersysteme, insbesondere Grau- und Regenwasserrecycling. Detailbetrachtungen zeigten die technische Umsetzbarkeit und Potenziale ressourcenorientierter Wassernutzungen. Eine klimaangepasste Sanierung ist nachhaltig möglich und sollte auf Grauwasserrecycling und intelligentem Regenwassermanagement aufbauen. Als nächstes wird eine Machbarkeitsstudie empfohlen. Hintergrund: Smart City Einbeck Artensterben, Digitalisierung, Klimawandel, Überalterung der Gesellschaft, gefährdete Demokratie: Die Heterogenität der Herausforderungen unserer Welt werden durch eine Gemeinsamkeit verbunden sie sind nicht von einer Person oder einer Disziplin allein zu bewältigen. Es handelt sich um sogenannte lebensweltliche Probleme, die einen transdisziplinären Ansatz mit Unterstützung jener Personen erfordern, die von den Auswirkungen betroffen sind. Dieser transdiszi- 74 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 wurden praktische Lösungen untersucht, die für Kommunen und Eigentümer: innen realisierbar sind. Durch die sinnvolle Nutzung der grauen Energie, die in diesen historischen Gebäuden steckt, soll nicht nur die Lebensdauer dieser Strukturen verlängert, sondern auch ein nachhaltiger Beitrag zur Energieeffizienz geleistet werden. Die gewonnenen Erkenntnisse daraus sollen direkt auf andere Objekte übertragbar sein. Damit soll der bestehende Sanierungsstau überwunden werden. Dabei geht es nicht um das Zeigen des größtmöglichen Spektrums smarter Möglichkeiten, sondern vielmehr um die modellhafte Entwicklung einer zukunftsweisenden und intelligenten Lösung, zwischen einem Baudenkmal und den Bedürfnissen der Nutzer: innen aufzuzeigen. Fokus: Smart Water Einbeck Die Stadt Einbeck saniert in der Knochenhauerstraße 2-4 ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus-Ensemble. In diesem Zusammenhang entstand die Idee, das klimaangepasste und -schonende Vorgehen ebenfalls auf den Themenkomplex Wasser zu beziehen. Die Betrachtung des Stoffstroms bzw. der Ressource Wasser kann verschiedene Teilgebiete in Planung, Bau und Betrieb einer Immobilie umfassen. Daher wurden mit der Stadt Einbeck folgende plinäre Ansatz bildet das Fundament der Smart-City- Welt, die eine lebenswerte Zukunft mittels digitaler Unterstützung sicherstellen soll. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen schuf die Förderinitiative „Smart Cities“, die in drei Förderstaffeln 73 ausgewählte Kommunen mit finanziellen Ressourcen ausstattet, um ein unkonventionelles Herangehen an Probleme zu erproben und den übrigen 11.000 Kommunen die entstehenden Lösungen bereitzustellen. Ziel der Projekte ist es, die „Digitalisierung strategisch im Sinne einer integrierten, nachhaltigen und gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung“ zu gestalten. Sektorenübergreifende, digitale Strategien für das Stadtleben der Zukunft werden in den Modellprojekten der Smart Cities entwickelt und erprobt. Die Modellprojekte der dritten Förderstaffel (Start 2021) stehen unter dem Motto „Gemeinsam aus der Krise: Raum für Zukunft“ (BMI, 2021). Die Maßnahme „Denk! Mal“ ist eines der vier Kernthemen im Smart-City-Projekt Einbeck. „Wenn man auf die Übersichtskarte von Deutschland schaut, kann man sagen, dass Einbeck mittendrin liegt. Die hübsche Fachwerkstadt Einbeck liegt, idyllisch eingebettet in sanfte Hügel im Herzen des Landes, zwischen den Mittelgebirgszügen Weserbergland, Harz und Solling. Sie streckt sich weit in die Fläche und man mag es kaum glauben: Mit mehr als 231 Quadratkilometern ist unser Einbeck die flächengrößte Stadt Südniedersachsens! (Deutsche Fachwerkstraße, 2023)“ Mit gut 150 Bürger: innenhäusern spät-gotischer Bauweise aus dem 16. Jahrhundert und mehr als 800 denkmalgeschützten Hausstellen allein in der Kernstadt bestehen reichlich historische Baudenkmale in Einbeck. Längst nicht alle dieser Objekte sind in gutem Zustand und noch weniger von ihnen befinden sich technologisch auf dem neuesten Stand. Das betrachtete Objekt, das Einbecker Denk! Mal in der Knochenhauerstraße 2-4, war zur Zeit seiner Errichtung der Kern des Quartiers Kernstadt. Anhand dieses Smart-City-Objekts wird das Ziel verfolgt, ein Fachwerkhaus durch eine technisch moderne Sanierung zum Vorzeigeprojekt für den Denkmalschutz zu entwickeln. Es soll die Hürden verdeutlichen, die Kommunen und Eigentümer: innen beim Umgang mit entstehenden Kosten und der Integration regenerativer Technologien in denkmalgeschützten Gebäuden haben (Quelle: Stadt Einbeck (2025)). Von denkmalgerechten Photovoltaikanlagen bis hin zu modernen, nachhaltigen Speicher- und Heizsystemen (bspw. einem Eisspeicher), einer optimierten Gebäudeleittechnik Bild 1: Quelle: Stadt Einbeck Bild 2: Quelle: Stadt Einbeck THEMA Umwelt 75 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 werden (Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz (2024). Dies zeigt, dass Starkregen nahezu überall auftreten kann - unabhängig von Geländeform oder geografischer Lage. Auch in Einbeck wurden im genannten Zeitraum insgesamt 13 relevante Ereignisse dokumentiert (siehe Bild 4). Diese traten sowohl im Stadtgebiet als auch im Umland auf. Die gemessenen Regenmengen reichten von 33 bis 107 Millimetern, bei Starkregenindizes zwischen 4 (intensiver Starkregen) und 10 (extremer Starkregen). Das entspricht statistischen Wiederkehrraten von etwa 12 Jahren bis hin zu stärkeren Niederschlagsereignissen, die nur alle 100 Jahre oder seltener auftreten (Quelle: DWA (2016), Daten anhand KOSTRA-DWD-2020, DWD (2025) und DIN 1986-100). Die Daten basieren auf statistischen Berechnungen und dienen vorrangig als Grundlage für den Vergleich und die Planung. Sie sind ein wichtiges Hilfsmittel, um Risiken besser einzuschätzen und Maßnahmen zur Klimaanpassung gezielt zu entwickeln. Für die Konzeption eines geeigneten Regenwassermanagements in der Knochenhauerstraße ist es entscheidend, die sogenannte Regenspende zu ermitteln. Sie bildet die Grundlage für die Dimensionierung von Speichervolumina, um Regenwasser bei Starkregenereignissen kontrolliert zurückzuhalten und gedrosselt in das Kanalsystem einzuleiten. Zur Berechnung wurden die Daten des Kostra-Atlas des DWD sowie die Vorgaben der DIN 1986-100 herangezogen (Quellen: KOSTR A-DWD-2020, DWD (2025) und DIN 1986-100). Zusätzlich wurde eine zukunftsorientierte Variante auf Basis eines hundertjährigen Starkregenereignisses berücksichtigt, um steigenden Anforderungen durch die Klimawandel- Betrachtungsbereiche für das Projekt „Smart Water Einbeck“ definiert: ƒ Pufferung von Regenwasser und Starkregenvorsorge ƒ Nutzung von Wasser für Maßnahmen der Klimawandeladaption und der Hitzeprävention ƒ Einsatz von Regenwasser und/ oder Grauwasser zur urbanen Kühlung und folglich Abminderung von Hitzeinseln ƒ Nutzung von Grauwasser als Trinkwassersubstitut zur Schonung der Grundwasserreserven und zur Minimierung von Wasserstress ƒ Rückgewinnung der Abwärme aus dem Grauwasser zur Energienutzung in der Knochenhauerstraße 2-4 und folglich Einsatz einer regenerativen Wärmequelle. Die Ergebnisse der Smart-Water-Potenzialstudie für die Knochenhauerstraße 2-4 und seiner Umgebung werden nachfolgend vorgestellt. Management von Regenwasserressourcen und Starkregenvorsorge Mit sich rasant zuspitzenden Klimawandelfolgen wird es immer wichtiger, Städte und Gemeinden an die sich verändernden Bedingungen anzupassen. Zentrale Aspekte sind die Starkregenvorsorge und ein intelligentes Regenwassermanagement. Im Projekt Smart Water Einbeck wurde im ersten Schritt untersucht, welche Starkregenereignisse konkret im Stadtgebiet Einbeck mit welcher Intensität gemessen wurden. Auf Grundlage dieser Analyse konnten mögliche Handlungsansätze für ein angepasstes Regenwassermanagement entwickelt werden. Für die Analyse wurden Starkregenereignisse des Zeitraums 2001 bis 2022 betrachtet, die mithilfe von Radardaten vom Deutschen Wetterdienst (DWD) erfasst wurden. Landesweit konnten dabei über 700 Ereignisse mit einer statistischen Wiederkehrwahrscheinlichkeit von 100 Jahren oder mehr identifiziert Bild 3: Quelle: Stadt Einbeck Bild 4: Quelle: Darstellung: AichHörnchen Consulting, Daten: DWD opendata (2024). THEMA Umwelt 76 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 - zu berücksichtigen, um ein vollständiges Bild der Abflusssituation zu erhalten. Wasser als Ressource zur Klimawandeladaption und Hitzeprävention Ein weiterer bedeutender Aspekt der Anpassung an den Klimawandel ist der Umgang mit steigenden Temperaturen. Besonders in dicht bebauten Gebieten kommt es zur Bildung sogenannter urbaner Hitzeinseln, bei denen sich die städtische Umgebung deutlich stärker aufheizt als das angrenzende Umland. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gibt es unterschiedliche technische Lösungen, bei denen etwa Regen-, Trink- oder Grauwasser zur Kühlung und Verbesserung des Mikroklimas genutzt werden können. Zur Einschätzung zukünftiger klimatischer Entwicklungen bieten die Modellrechnungen des Weltklimarats (IPCC) eine valide Prognosegrundlage. Diese sogenannten „Shared Socioeconomic Pathways“ (SSP) beschreiben unterschiedliche mögliche Zukunftsszenarien, die sich durch gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen unterscheiden. Dabei reichen die Szenarien von einem nachhaltigen, ressourcenschonenden Weg (SSP1) bis hin zu einer stark auf fossilen Energien beruhenden Entwicklung (SSP5) (Quelle: Keywan Riahi et al. (2017)). Zur Einordnung der bisherigen Temperaturentwicklung der Region um Einbeck wurden historische Temperaturdaten ausgewertet. Daten regionaler Wetterstationen zeigen seit den 1990er-Jahren einen deutlichen Temperaturanstieg, besonders im Frühling und Sommer - teils bis zu 2 K im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961-1990. Auch Herbst und Winter weisen eine abgeschwächte Erwärmung auf (Quelle: Wetter- Kontor (2024)). Zur Abschätzung künftiger Entwicklungen wurde für Einbeck eine Klimaprojektion auf Basis des RCP-8.5-Szenarios erstellt. Dieses „business as usual“-Szenario, das keine zusätzlichen Maßnahmen zum Klimaschutz vorsieht, zeigt für 2031-2060 einen Temperaturanstieg von etwa 2 K. Besonders betroffen folgen zu entsprechen. Die angesetzte Dauerstufe war für alle Betrachtungen ein 5-Minuten-Regen in Anlehnung an die Planungspraxis. Die daraus abgeleiteten Volumenschätzungen geben erste Anhaltspunkte, wie groß ein Regenwasserspeicher für das betrachtete Objekt ausfallen müsste, wenn ein statistisch berechnetes Starkregenereignis in Gänze gesammelt und damit gepuffert werden soll. Die Regenspende (Liter pro Sekunde und Hektar) bezieht sich in diesem Fall auf die wirksame Dachfläche der Gebäude Knochenhauerstraße 2 bis 4. Für die Starkregenvorsorge ist die Drosselung des Regenwasserabflusses in das Kanalsystem von höherer Relevanz, sodass auch ein geringeres Speicher- und damit Puffervolumen denkbar ist. Bewusst wurde der Vergleich zu den Warnstufen des DWD hergestellt, die auf längeren Regenereignissen (60 Minuten) basieren (Quelle: DWD (2025)). Dies verdeutlicht die Diskrepanz zwischen meteorologischen Prognosen und Planungsvorgaben. Es zeigt die Bedeutung der Prognosen für Regenereignisse für die angepasste Auslegung technischer Systeme. Mögliche künftige Anpassungen technischer Regelwerke durch Fachverbände sind zu beachten. Für die Umsetzung vor Ort ist grundsätzlich die Abstimmung mit dem zuständigen Entwässerungsbetrieb zielführend. Dabei ist insbesondere zu klären, wie viel Wasser das bestehende Kanalsystem aufnehmen kann, wann es an seine Kapazitätsgrenze stößt und welches Rückhaltevolumen auf dem Grundstück selbst vorgesehen werden muss. Ein innovativer Ansatz im Denk! Mal-Musterhaus ist die Kombination der Regenwasserspeicherung mit dem geplanten Eisspeicher am Standort. Solche kombinierten Systeme bieten Potenzial zur Mehrfachnutzung und wurden bereits in Pilotumsetzungen erprobt. Abschließend ist wichtig: Die Berechnungen beziehen sich ausschließlich auf die Dachflächen. Für eine spätere Detailplanung ist die gesamte versiegelte Grundstücksfläche - etwa ein betonierter Innenhof Bild 5: Quelle: Darstellung: AichHörnchen Consulting. THEMA Umwelt 77 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 gen in Einbeck in den letzten Jahrzehnten im Mittel stabil geblieben - mit einer gleichmäßigen Verteilung über das Jahr. Besonders im Sommer stand gemäß den Aufzeichnungen bis dato ausreichend Regenwasser für die Versorgung begrünter Flächen zur Verfügung (Quelle: Wetter-Kontor (2024)). Für die konkrete Planung in der Knochenhauerstraße wurde exemplarisch die Wasserbilanz berechnet: Anhand wirksamer Dachfläche, Niederschlagsaufzeichnungen und angenommener Bewässerungsbedarfe für eine begrünte Fassade lässt sich ableiten, dass Regenwassermenge und Bewässerungsbedarf gut übereinstimmen (siehe Bild 6). Zusätzlich könnten auch angrenzende Fassaden oder öffentliche Flächen wie der Hallenplan in das Regenwasserkonzept einbezogen werden, um den Hitzestress im Quartier weiter zu reduzieren. Nutzung von Grauwasser als Trinkwassersubstitut im Denk! Mal-Musterhaus Ein zukunftsweisender Ansatz in der nachhaltigen Stadtentwicklung ist die Nutzung der im Abwasser enthaltenen Ressourcen - insbesondere über sogenannte ressourcenorientierte Sanitärsysteme (ROSS). Diese Systeme zielen auf eine frühzeitige Getrennthaltung von Abwasserteilstromen am Ort der Entstehung ab, um einzelne Bestandteile wie Wasser, Wärme oder Nährstoffe gezielt und effizient zurückzugewinnen (Quelle: Weiterbildendes Studium Wasser und Umwelt, Bauhaus-Universität Weimar (2009)). Abwasser enthält verschiedene Fraktionen (siehe Bild 7): ƒ Grauwasser (aus Bad oder Küche ohne Toilette) ist weniger belastet und kann in leicht und stark belastetes Grauwasser differenziert werden. ƒ Schwarzwasser entsteht, wenn Urin, Fäzes und Spülwasser gemeinsam über eine Spültoilette abgeleitet werden. ƒ Gelbwasser (Urin und Spülwasser) und Braunwasser (Fäzes und Spülwasser) können durch Getrennthaltung in sogenannten No-Mix-Spültoiletten gefasst werden. Im Projekt Denk! Mal-Musterhaus in der Knochenhauerstraße 2-4 liegt der Fokus auf der Gewinnung und Aufbereitung von Grauwasser. Zwei Ressourcen lassen sich daraus zurückgewinnen: ƒ Wasser - als Substitut für Trinkwasser in Form von Nichttrinkwasser, z. B. für die Toilettenspülung oder urbane Kühlung. ƒ Wärme - die über Wärmetauscher aus dem warmen Grauwasser extrahiert werden kann. Aufbereitungstechnologien für Grauwasser sind heute technisch erprobt und werden bereits erfolgist die Innenstadt, darunter die Knochenhauerstraße 2-4. Aufgrund der dichten Bebauung und des Mangels an kühlender Vegetation oder Wasserflächen ist hier mit einer zusätzlichen Verstärkung des urbanen Hitzeinsel-Effekts zu rechnen. Das unterstreicht die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Verbesserung des Mikroklimas in die Stadtentwicklung zu integrieren - etwa durch Begrünung, Verschattung, Regenwassernutzung oder technische Kühlungslösungen. Eine wirkungsvolle Strategie zur Klimawandelanpassung ist der Einsatz grüner und blau-grüner Infrastruktur. Dabei handelt es sich um ein Zusammenspiel von Begrünung (z. B. Bäume, Flächengrün, Fassaden- und Dachbegrünungen) und Wassermanagement (z. B. Offene Wasserflächen, Regenwassernutzung oder Verdunstungskühlung). Solche Infrastrukturen mildern die Folgen von Hitze und Starkregen und verbessern das Mikroklima (Quelle: bba (2021)). Diese Systeme wirken auf verschiedene Weise positiv auf das Stadtklima: Vegetation verschattet Flächen, kühlt durch Verdunstung (Evapotranspiration), verändert Luftströmungen und reduziert die Aufheizung von Oberflächen. Auch Wasserinstallationen (bspw. Fontänen oder Sprühnebelanlagen) tragen zur Abkühlung der Umgebungsluft bei - insbesondere durch die feine Verteilung des Wassers, die die Verdunstung und damit verbundene Wärmeabfuhr verstärkt (Quelle: Hartz (2012), Stadt Zürich (2023)). Für das Projektgebiet in der Knochenhauerstraße 2-4 bietet sich der Einsatz dieser Maßnahmen an. Beispielsweise könnte im Innenhof des Denk! Mal-Musterhauses eine Fassadenbegrünung mit Regenwassernutzung installiert werden. Eine Ausweitung solcher Maßnahmen auf umliegende öffentliche Plätze - wie etwa den stark versiegelten „Hallenplan“ - ist ebenfalls sinnvoll. Ergänzt werden sollte dies durch ein Grünflächenkonzept mit Integration zusätzlicher Stadtbäume. Wesentliche Grundlage dieser Maßnahmen ist die Verfügbarkeit von Regenwasser. Laut den Daten regionaler Wetterstationen sind die Niederschlagsmen- Bild 6: Quelle: Darstellung: AichHörnchen Consulting. THEMA Umwelt 78 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 Kostenbetrachtung Für die Integration der Systeme ist eine frühzeitige Planung entscheidend, da insbesondere die Getrennthaltung von Grauwasser- und Schwarzwasser ausschlaggebend ist. Im Neubau und bei Kernsanierungen bietet sich die doppelte Leitungsführung an. Für das Denk! Mal-Gebäude würde dies eine Grauwasserableitung mit einem größeren Durchmesser zur Rückgewinnung und eine Ableitung des Schwarzwassers in einem etwas kleineren Durchmesser für die Zuführung zum zentralen Entwässerungssystem bedeuten. Die Zusatzkosten umfassen bei einer ohnehin durchzuführenden Sanierung der Wände und Böden lediglich die Einbringung zusätzlicher Rohrleitungen und wiesen in der Schätzung moderate Mehrkosten auf. Diese stehen einer dauerhaften Einsparung von Energie und Trinkwasser gegenüber - sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich ein sinnvoller Beitrag zur Gebäudeeffizienz. Fazit: Smart City trifft Smart Water - Wasser als Schlüsselelement der zukunftsfähigen Stadtentwicklung Die Herausforderungen unserer Zeit - von Klimawandel über Ressourcenverknappung bis hin zur gesellschaftlichen Transformation - verlangen nach sektorübergreifenden und integrativen Lösungen. Der Smart-City-Ansatz verkörpert genau diesen Weg, indem er Technik, Mensch und Raum vernetzt und eine lebenswerte Zukunft aktiv mitgestaltet. Wasser spielt dabei eine zentrale Rolle - nicht nur als lebenswichtige Ressource, sondern als multifunktionales Medium im Sinne ökologischer, sozialer und technischer Nachhaltigkeit. Am Beispiel des Denk! Mal-Projekts in Einbeck zeigt sich eindrucksvoll, wie Smart Water als Teil der Smart City wirken kann: Regen- und Grauwasser werden nicht mehr nur als Abfallprodukt, sondern als Ressource verstanden - zur Kühlung urbaner Räume, zur Trinkwassereinsparung und zur Energiegewinnung. Gleichzeitig wird Wasser zum Instrument der Klimaanpassung, insbesondere durch gezielte Starkregenvorsorge und Maßnahmen zur Hitzeprävention. Die Kombination technischer Innovation mit reich in vielen Gebäuden eingesetzt (Quelle: Nolde (2014)). Gleiches gilt für die Wärmerückgewinnung, die sich wirtschaftlich betreiben lässt, sofern eine kontinuierliche Abnahme am Standort gegeben ist - was für die geplante Büro- und Wohnnutzung in der Knochenhauerstraße zutrifft. Die Nutzungspotenziale im Projektgebiet wurden auf Basis des aktuellen Kriterienkatalogs der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ab-geleitet (Quelle: DGNB System (2023)): ƒ Der jährliche Wasserverbrauch im Objekt beträgt ca. 185 m³. ƒ Etwa 78 % dieses Bedarfs, also rund 146 m³, könnten durch aufbereitetes Grauwasser ersetzt werden. Diese Werte zeigen das erhebliche Potenzial und unterstreichen die ökologische wie wirtschaftliche Sinnhaftigkeit eines Grauwassersystems in diesem konkreten Projekt. Abwärme-Rückgewinnung aus Grauwasser zur Energienutzung Ein weiterer wichtiger Aspekt nachhaltiger Gebäudetechnik ist die Rückgewinnung von Wärme aus Grauwasser, die vor allem bei der Nutzung von Wasser zum Duschen und Baden, Wäsche waschen oder Geschirrspülen entsteht. Diese Wärme, die normalerweise ungenutzt in die Kanalisation abfließt, kann durch Wärmetauscher oder Wärmepumpen energetisch erschlossen und dem Gebäude wieder zugeführt werden. Der Wärmebedarf von Büronutzungen in Deutschland variiert je nach Baualter stark. Durchschnittlich wird von einem Bedarf in Höhe von 70 kWh/ m²*a ausgegangen (Quelle: Enwipo (2017)). Bei einer geplanten Bürofläche von 92,9 m² im Objekt ergibt sich ein Gesamtwärmebedarf von etwa 6.503 kWh/ Jahr. Davon entfallen rund 10 % auf die Warmwasserbereitung. Demnach könnten 34 % dieses Bedarfs mit einer Wärmepumpe bzw. 23 % mit einem Wärmetauscher (bei 148 kWh) gedeckt werden. Auch für den Wohnbereich ist das Potenzial beachtlich: Bei einer geplanten Wohnfläche von 171,4 m² und einem spezifischen Warmwasserwärmebedarf von 10 kWh/ m²*a ergibt sich ein Bedarf von 1.714 kWh/ Jahr. 100 % dieses Bedarfs könnten durch eine Wärmepumpe gedeckt werden. Mit einem Wärmetauscher wären 38-76 % erreichbar - je nach Auslegung. Die Unterschiede resultieren aus den unterschiedlichen Wirkungsgraden der beiden Systeme. Ein wichtiger Vorteil: Die geplante Eisspeicheranlage mit Wärmepumpe und Wärmespeicher im Gebäude kann optimal durch die Rückgewinnung von Wärme aus Grauwasser ergänzt werden - ein klarer Synergieeffekt innerhalb des Energiekonzepts. Bild 7: Quelle: Aichhörnchen Cosulting (2023). THEMA Umwelt 79 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 wasser/ hochwasser_kustenschutz/ starkregen/ starkregen-233672.html DWA (2016): Merkblatt DWA-M 119: Risikomanagement in der kommunalen Überflutungsvorsorge für Entwässerungssysteme bei Starkregen DWD opendata (2024): Heavy precipitation events Version 2024.01 exceeding DWD warning level 3 for severe weather based on RADKLIM-RW Version 2017.002. Verfügbar unter: 10.5676/ DWD/ CatRaRE_W3_Eta_v2024.01 Keywan Riahi et al. (2017): ‘ The Shared Socioeconomic Pathways and their energy, land use, and greenhouse gas emissions implications: An overview ’, Global Environmental Change, 42, pp. 153-168. doi: 10.1016/ j.gloenvcha.2016.05.009 bba bau beratung architektur (2021): Begrünungen bauphysikalisch bewerten. Verfügbar unter: https: / / www.bbaonline.de/ news/ begruenungen-dach-fassade-bauphysikalisch-bewerten/ Hartz, Andrea (Hrg.) (2012): Städtische Freiraumplanung als Handlungsfeld für Adaptionsmaß-nahmen. Abschlussbericht des Saarbrücker Modellprojekts im Rahmen des ExWoSt-Forschungsprogramms „Urbane Strategien zum Klimawandel - Kommunale Strategien und Potenziale. Saarbrücken: Landeshauptstadt Saarbrücken, Amt für Grünanlagen, Forsten und Landwirtschaft, Dezember 2012 Stadt Zürich (2023): Fachplanung Hitzeminderung. Verfügbar unter: https: / / www.stadt-zuerich.ch/ de/ umwelt-undenergie/ klima/ klimaanpassung/ hitze/ fachplanung-hitzeminderung.html Enwipo (2017): Energiebedarf von Bürogebäuden ermitteln. Verfügbar unter: https: / / www.enwipo.de/ 2017/ 03/ 07/ energiebedarf-von-buerogebaeuden-ermitteln/ ? utm_ source=chatgpt.com Weiterbildendes Studium Wasser und Umwelt, Bauhaus- Universität Weimar (2009) Neuartige Sanitärsysteme: Begriffe, Stoffströme, Behandlung von Schwarz-, Braun-, Gelb-, Grau- und Regenwasser, Stoffliche Nutzung. 1. Aufl. Kromsdorf: Bauhaus-Universitätsverlag als Imprint von VDG Weimar. DWD (2025): Starkregen. Verfügbar unter: https: / / www.dwd. de/ DE/ service/ lexikon/ begriffe/ S/ Starkregen.html WetterKontor (2024): Wetter in Deutschland, Mittelwert aus Seesen, Bevern und Alfeld. Verfüg-bar unter: https: / / www. wetterkontor.de/ Nolde, Erwin (2014): Greywater Recycling in Buildings. In Water efficiency in buildings, heraus-gegeben von Kemi Adeyeye, 1999: 169-89. Chichester, West Sussex: Wiley, 2014. Eingangsabbildung: © iStock.com/ kulkann denkmalgerechter Sanierung belegt, dass sich ökologisches und kulturelles Erbe nicht ausschließen, sondern im Gegenteil synergetisch wirken können. Smart Water ist damit weit mehr als ein technischer Baustein - es ist ein verbindendes Element, das ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Ziele im urbanen Raum miteinander verknüpft. Wasser adressiert grundlegende Bedürfnisse wie Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität - Themen, die angesichts von Klimawandel, demografischem Wandel und gesellschaftlicher Polarisierung zentrale Bestandteile einer zukunftsfähigen Stadtplanung sind. Die Einbecker Projekte machen deutlich: Der Weg zur intelligenten Stadt führt nicht allein über Digitalisierung oder Technologie. Es geht um das Zusammendenken von Mensch, Raum und Ressourcen - und Wasser ist dabei einer der zentralen Schlüssel zur Resilienz, Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung in der Stadt von morgen. Im Kontext der Smarty-City -Projekte ist die Maßnahme „Denk! Mal“ mittlerweile Inspirationsstätte für andere Fachwerkstädte, es ist Vorbild für viele andere Gebäude in Einbecks historischer Kernstadt, es ist Fallstudienobjekt für Studiengänge in den Bereichen Denkmalschutz, Architektur, Bau- und Umweltingenieurwesen, Innovationsmanagement sowie Stadt- und Regionalplanung. Es ist nicht mehr das Musterhaus, der leuchtende Stern am Firmament der historisch-modernen Gebäude. Es ist der Anfang eines Sternenhimmels voll solcher Objekte. Jedes individuell und jedes noch besser als das davor. LITERATUR Deutsche Fachwerkstraße (2023): Oldtimer, Fachwerk, Bier und noch viel mehr hat Einbeck zu bieten. Verfügbar unter: https: / / www.deutsche-fachwerkstrasse.de/ Regionalstrecken_Staedte/ Von-der-Elbe-zum-Harz/ Einbeck.html Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) (2021): Modellprojekte Smart Cities 2021 Gemeinsam aus der Krise - Raum für Zukunft. Verfügbar unter: https: / / www.smart-city-dialog.de/ system/ files/ media/ 921/ 1694164967/ BMI-SmartCities_Modellprojekte2021_FINAL_bf.pdf Stadt Einbeck (2025): Smart City. Verfügbar unter: https: / / www. einbeck.de/ portal/ seiten/ smart-city-900000231-30110. html KOSTRA-DWD-2020 (2023): Rasterfeld Nr. 122142. Verfügbar unter: https: / / www.openko.de/ kostra-dwd-2020-rasterfeld-nr-122142/ Kostra-Atlas des DWDs DIN 1986-100. Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke - Teil 100: Bestimmungen in Verbindung mit DIN EN 752 und DIN EN 12056 DGNB-System (2023): Kriterienkatalog Gebäude Neubau, Version 2023. Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz (2024): Starkregen. Verfügbar unter: https: / / www.umwelt.niedersachsen.de/ startseite/ themen/ AUTOR: INNEN Andrea Lück, Dr.-Ing., freiberufliche Wirtschaftsingenieurin andrea.lueck@posteo.de Stefanie Hörnlein, freiberufliche Umweltingenieurin stefanie.hoernlein@posteo.de Rebecca Spaunhorst, Smart-City Koordinatorin, Stadt Einbeck rspaunhorst@einbeck.de Alena Ronnenberg, Gebäude- und Liegenschaftsmanagement, Stadt Einbeck aronnenberg@einbeck.de THEMA Umwelt 80 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0065 Nachhaltigkeits- und Klimachecks Einsatz in der kommunalen Praxis Nachhaltigkeit; Nachhaltigkeitscheck; Nachhaltigkeitsprüfung; Klimacheck; Klimawirkungsprüfung; Kommunalpolitik; Kommunale Nachhaltigkeit Pia Redenius, Svenja Puls, Luca Elena Gromball Immer mehr Kommunen setzen Nachhaltigkeits- und Klimachecks ein, um politische Entscheidungen auf ihre langfristigen Auswirkungen zu prüfen. Doch welche Ansätze gibt es - und wie lässt sich ein eigener Check entwickeln? Der Artikel gibt einen Überblick über bestehende Instrumente, beleuchtet Mehrwerte und Herausforderungen und bietet praxisnahe Tipps zur Umsetzung. Schritt für Schritt wird erläutert, wie die Einführung gelingen kann. Zudem werden verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten aufgezeigt. Praxisbeispiele und zwei bewährte Ansätze liefern wertvolle Orientierung - für Kommunen, die ein passgenaues Verfahren für ihre lokalen Gegebenheiten, Ziele und Arbeitsweisen entwickeln möchten. 1. Einleitung Die nachhaltige Transformation unserer Gesellschaft wird maßgeblich auf kommunaler Ebene gelebt und gestaltet. Insbesondere in Kommunen, in denen es wenig finanziellen und personellen Handlungsspielraum für große neue Projekte im Bereich Nachhaltigkeit und Klimaschutz gibt, liegt der Gedanke nahe, die Vorhaben, die man ohnehin umsetzen möchte, stärker auf ihre Nachhaltigkeitsbzw. Klimawirkung zu hinterfragen. Daher interessieren sich viele Ver- 81 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 auf vorhandenen Publikationen zu Nachhaltigkeits- und Klimachecks, den aufgeführten Praxisbeispielen, Telefonaten mit Anwender*innen sowie auf einem digitalen Austauschtreffen mit Vertreter*innen aus niedersächsischen Kommunalver waltungen im November 2024 wurden aktuelle Erkenntnisse zum Thema Nachhaltigkeitschecks zusammengetragen. 2. Was sind Klima- und Nachhaltigkeitschecks? Nachhaltigkeitschecks, auch Nachhaltigkeitsprüfungen oder Nachhaltigkeitseinschätzungen genannt, existieren bereits sowohl auf Bundes- und Länderebene als auch in den Kommunen. Dabei werden sie auf unterschiedliche Weise für die Bewertung hinsichtlich der Nachhaltigkeit von politischen Vorhaben genutzt. In Kommunen wird der Nachhaltigkeitscheck zunehmend als Instrument verwendet, mit dem die möglichen Auswirkungen eines Vorhabens auf eine nachhaltige Entwicklung eingeschätzt werden können. Dabei kann dieses Instrument sowohl für Beschlussvorlagen als auch für die frühzeitige zukunftsfähige Ausrichtung von größeren Planungsvorhaben eingesetzt werden [4]. So können bereits in frühen Phasen eines Vorhabens alternative, nachhaltige Vorgehensweisen mitgedacht werden. Beschlussvorlagen werden vor der Weitergabe in die Politik auf potenzielle Auswirkungen hin bewertet, sodass Kommunalpolitiker*innen in ihren Entscheidungen neben finanziellen Auswirkungen auch mögliche langfristige soziale, kulturelle und ökologische Effekte berücksichtigen und als Abwägungsgrundlage nutzen können. Der Nachhaltigkeitscheck ist dementsprechend ein Steuerungsinstrument für Verwaltungen, um Nachhaltigkeit systematisch in Verwaltungs- und Politikabläufe zu integrieren. In den meisten Fällen handelt es sich bei dem Check um eine qualitative Bewertung von verschiedenen Themenfeldern und Kriterien, die sich beispielsweise an einer lokalen Nachhaltigkeitsstrategie oder den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (engl.: Sustainable Development Goals, SDGs) orientieren. Bei Klimachecks liegt der Fokus auf der Bewertung der Klimarelevanz eines politischen Vorhabens, um so einerseits klimafreundliche und andererseits besonders emmissionsintensive Maßnahmen zu identifizieren [5]. Dabei werden Kriterien aus dem Klimaschutz- und Klimaanpassungsbereich genutzt, wie z. B. die Menge der bei dem Vorhaben ausgestoßenen Treibhausgas-Emissionen. Diese Kriterien können sich beispielsweise an einer lokalen Klimaschutzstrategie orientieren. Der Aufbau und Ablauf von Klimachecks ähnelt in den meisten Fällen denen von Nachhaltigkeitschecks. Für Nachhaltigkeits- und waltungsmitarbeitende und Politiker*innen für das Instrument der Nachhaltigkeitsbzw. Klimachecks für kommunale Vorhaben und Beschlussvorlagen. Mit dem Forschungsprojekt „Nachhaltigkeitsstrategie Niedersachsen“ begleitet die Leuphana Universität Lüneburg unter anderem das Projekt “Kommunale Nachhaltigkeit in kleinen und mittleren Kommunen in Niedersachsen” (KommNN), das seit 2019 durch die Kommunale Umwelt-AktioN (UAN) durchgeführt wird. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit wurde der Bedarf nach einer aktuellen Übersicht zum Thema Nachhaltigkeitschecks für Ratsvorlagen in Niedersachsen identifiziert. In diesem Text soll zunächst das vorhandene Wissen zu Mehrwerten und Herausforderungen der Instrumente Nachhaltigkeits- und Klimachecks zusammengetragen und ein beispielhaftes Vorgehen für die Einführung und Nutzung in einer Kommune skizziert werden. Aufbauend auf einer ersten Recherche im Rahmen der Erstellung von Kurzgutachten im Laufe des Projektes zur Begleitung der Nachhaltigkeitsstrategie Niedersachsen [1; 2], der Abschlussarbeit „Nachhaltigkeitsprüfungen in kleinen und mittleren Kommunen“ [3], sowie Gesprächen mit Expert*innen, konnte die Liste der Kommunen, die bereits eine Form des Nachhaltigkeits- oder Klimachecks anwenden, bei der aktuellen Recherche er weitert werden. Der Fokus lag dabei auf einer Übersicht für den Status quo in Niedersachsen. Darüber hinaus wurden weitere Beispiele aus anderen Bundesländern aufgenommen. Basierend Bild 1: Nachhaltigkeits- und Klimachecks in Niedersachsen THEMA Umwelt 82 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 Beschlussvorlagen im Bürgerinformationssystem führen. 4. Mehrwerte & Herausforderungen Nachhaltigkeitschecks können als ein Bestandteil eines kommunalen Nachhaltigkeitsmanagements in Kommunen etabliert werden [12]. Je nach Verwaltung und Nutzung des Instruments können vielfältige Mehrwerte geschaffen werden, wie z. B. die Sensibilisierung von Mitarbeitenden für nachhaltige Entwicklung. Gleichzeitig gibt es auch einige Hürden und Fallstricke, die im Prozess auftauchen können, und die es bei der Konzeption und Einführung im Hinterkopf zu behalten gilt. Nachhaltigkeitschecks bieten Kommunen eine wertvolle Unterstützung, um Entscheidungen bewusster und systematischer im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu treffen. Sie ermöglichen die Etablierung eines klar definierten Vorgehens zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in den alltäglichen Verwaltungs- und Politikbetrieb. Dadurch können kommunale Vorhaben stärker an der lokalen Nachhaltigkeitsstrategie oder dem Leitbild ausgerichtet werden, was zu einer erhöhten Verbindlichkeit und einem einheitlicheren Handeln führt. Zudem schaffen Nachhaltigkeitschecks eine fundierte Grundlage für differenziertere und vielseitigere Diskussionen in kommunalen Gremien wie dem Rat. Ein bedeutender Mehrwert liegt in der Förderung eines Kulturwandels innerhalb der Verwaltung: Nachhaltigkeit wird nicht mehr als zusätzlicher Aspekt, sondern als integraler Bestandteil der täglichen Arbeit verstanden. Dies führt zu einer Sensibilisierung für langfristige Auswirkungen und die Prinzipien einer nachhaltigen Kommunalentwicklung. Durch die systematische Bewertung werden potenzielle Synergien wie auch Zielkonflikte zwischen verschiedenen Vorhaben sichtbar gemacht, was einen Blick über den „fachlichen Tellerrand“ hinaus ermöglicht. Nachhaltigkeitschecks übernehmen dabei eine Frühwarnfunktion, indem sie auf mögliche langfristige und unbeabsichtigte Folgen hinweisen, bevor Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig stärken Klimachecks werden viele unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet. Um die Lesbarkeit zu vereinfachen, verwenden wir vornehmlich (Nachhaltigkeits-) Checks. 3. Nachhaltigkeitschecks in der Umsetzung Instrumente des kommunalen Nachhaltigkeitsmanagements werden in zahlreichen Kommunen angewendet. In einer Erhebung der Bertelsmann Stiftung zur Halbzeitbilanz der Agenda auf kommunaler Ebene (2023) gaben 26 % an, neben anderen Instrumenten auch Nachhaltigkeitsprüfungen anzuwenden. Weitere 26 % gaben an, die Einführung zu planen [6]. In einer Erhebung des Umweltbundesamtes gaben sogar 46 % der Kommunen an mit Klimachecks zu arbeiten. In Niedersachsen gaben 29 Kommunen an mit Klimachecks zu arbeiten [7]. In einer Befragung speziell von niedersächsischen Kommunen gaben 19 % der befragten Kommunen an, bereits mit Nachhaltigkeits- oder Klimachecks zu arbeiten. Weitere 16 % planen die Einführung. Besonders verbreitet sind die Checks in Landkreisen. Zudem planen 23 % der Städte über 15.000 Einwohnende eine Einführung, weitere 20 % haben bereits Checks etabliert [8]. Insgesamt weisen diese Daten eine klare kommunale Relevanz bzw. ein Interesse an Nachhaltigkeits- und Klimachecks aus. Da die Erhebung anonymisiert durchgeführt wurde, lassen sich keine Rückschlüsse auf die durchführenden Kommunen ziehen. Im Folgenden ist eine Auswahl von Nachhaltigkeits- und Klimachecks in Deutschland abgebildet, dabei wird Niedersachsen als Beispiel-Bundesland fokussiert betrachtet. Die Übersicht stellt nur eine Auswahl von Kommunen dar, die diese Checks durchführen. Die Auswahl erfolgte durch eine Online-Recherche und bildet daher lediglich einsehbare Checks ab. Neben dem Kommunaltyp ist zusätzlich aufgeführt, woran sich der genutzte Nachhaltigkeitscheck in seinen Kriterien orientiert (z. B. den SDGs). Für die einfache Navigation zu den einzelnen Checks sind die Namen der Kommunen jeweils mit einem Link unterlegt, welche zu den entsprechenden kommunalen Websites, zu dem Check direkt oder zu beispielhaften Nachhaltigkeitschecks Klimachecks • Allensbach • Augsburg • Bad Berleburg • Bad Säckingen • Blaustein • Bottrop • Crailsheim • Eisenach • Friedrichshafen • Heidelberg • Landau in der Pfalz • Lippe • Lüdenscheid • Norderstedt • Saalfeld • Solingen • Stadtroda • Aachen • Bayreuth • Bochum • Dresden • Erlangen • Essen • Freiburg • Hagen • Jena • Ludwigsburg • Offenbach • Rietberg • Trier • Weimar • Worms Tabelle 1: Weitere Beispielhafte Nachhaltigkeits- & Klimachecks in Deutschland THEMA Umwelt 83 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 bestimmten Fachbereich kommen In der Regel wird der Check dann in der Verwaltung ausgearbeitet und mit verschiedenen Feedbackschleifen auf den Weg zur Implementierung gebracht. Im Folgenden werden verschiedene Schritte aufgezeigt, wie die Einführung und Konzeption des Checks ablaufen und gelingen kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dies in Kommunen individuelle Prozesse sind, die nicht linear und in der dargestellten Reihenfolge verlaufen müssen. Folglich zeigt diese Übersicht Ansatzpunkte und wichtige Fragen auf, die im Prozess hilfreich sein können. Nach der Etablierung des Nachhaltigkeitschecks kann dieser langfristig durch gezielte Maßnahmen weiterentwickelt werden. Öffentlichkeitsarbeit, beispielsweise über die kommunale Website, trägt dazu bei, Transparenz herzustellen und so die Akzeptanz von Vorhaben bei Bürger*innen zu fördern. Ergänzend ermöglicht ein Monitoring der Bewertungen und Wirkungen des Nachhaltigkeitschecks, kontinuierlich Verbesserungspotenziale zu identifizieren. 6. Durchführung des Nachhaltigkeitschecks In diesem Abschnitt wird ein exemplarischer Ablauf für den Nachhaltigkeitscheck in einer Kommune dargestellt. Dies kann je nach Kommune variieren und dient daher an dieser Stelle der Orientierung. Eine der zentralen Fragen in der Prozessgestaltung zum Check ist, welche Mitarbeitenden in der Verwaltung diesen durchführen. Ob zentral beim Nachhaltigkeits- oder Klimaschutzpersonal (z. B. in Osnabrück, Lüdenscheid), dezentral in den Fachbereichen verortet (z. B. in Rietberg, Bottrop) - beide Varianten haben Vor- und Nachteile, die in der Publikation „Prüfung und Bewertung kommunaler Beschlussvorlagen auf Klimarelevanz “ der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen [13] zusammengefasst sind. Einige Kommunen bieten bei sie die Vorbildfunktion der Kommune als aktive Gestalterin einer nachhaltigen Zukunft. Trotz dieser vielfältigen Mehrwerte sind auch einige Herausforderungen mit der Einführung und Anwendung von Nachhaltigkeitschecks verbunden. In vielen Kommunen fehlen die nötigen personellen und zeitlichen Ressourcen, um einen solchen Check zu entwickeln, einzuführen und regelmäßig im Verwaltungsalltag anzuwenden. Hinzu kommt die Sorge vor einem erhöhten Arbeitsaufwand, der in ohnehin überlasteten Strukturen nur schwer zu bewältigen ist. Auch die Ergebnisse eines qualitativen Checks können stark subjektiv geprägt sein, wodurch die Aussagekraft eingeschränkt wird. Es besteht die Gefahr, dass einzelne Nachhaltigkeitsaspekte übersehen oder bewusst weggelassen werden, insbesondere bei unklaren Zielkonflikten oder uneinheitlichen Bewertungsmaßstäben. Ein weiteres Problem liegt im bislang geringen Erfahrungsschatz: Nur wenige Kommunen haben belastbare Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Instruments veröffentlicht. Innerhalb von Verwaltung und Politik kann dies zu Skepsis gegenüber dem Nutzen und Aufwand des Verfahrens führen. Zudem besteht die Gefahr, dass der Check lediglich formal abgearbeitet wird - ohne dass Nachhaltigkeit tatsächlich berücksichtigt wird (Stichwort: Greenwashing). Auch mit widersprüchlichen Ergebnissen muss umgegangen werden: Manche Entscheidungen werden trotz negativer Nachhaltigkeitsbewertung getroffen, sei es aus rechtlichen, politischen oder praktischen Gründen. Nicht zuletzt besteht die Herausforderung, die Ergebnisse des Checks auch tatsächlich in den politischen Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen. 5. Einführung des Nachhaltigkeitschecks Der Impuls, einen Nachhaltigkeitscheck einzuführen, kann von der Verwaltungsspitze, dem Rat oder einem Bild 2: Einführung des Nachhaltigkeitschecks THEMA Umwelt 84 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 (meist der aktuelle Status quo) klar definiert werden. Es sollte kommuniziert werden, wenn indirekte, abstrakte oder sehr langfristige Wirkungen in die Bewertung aufgenommen werden. ƒ Darüber ob der Mehraufwand des Nachhaltigkeits- und Klimachecks auf lange Sicht gerechtfertigt ist, entscheidet nicht zuletzt der Umgang mit den Ergebnissen: Müssen ergänzende Maßnahmen zur Minderung negativer Einflüsse umgesetzt werden? An welchem Punkt im Prozess werden die Bewertungen und die Alternativvorschläge berücksichtigt? Wenn das Ergebnis des Checks zunächst verwaltungsintern genutzt wird, um das geplante Vorhaben weiterzuentwickeln, kann das Berührungsängste mit dem Instrument verringern. 7. Gute Beispiele Um abschließend einen tieferen Blick in die Praxis zu werfen, werden im Folgenden zwei Beispiele vorgestellt, die aus Sicht der Autorinnen als empfehlenswert eingestuft werden. Die Auswahlkriterien für diese Beispiele beziehen sich u. a. auf Aufbau und Prozessgestaltung. Ein gut durchdachter Nachhaltigkeitscheck sollte im Aufbau und Inhalt das Leitbild nachhaltiger dezentraler Verortung des Checks bei Bedarf die Beratung bzw. Unterstützung der Fachabteilungen durch Klimaschutz- und Nachhaltigkeitspersonal an (z. B. in Rietberg, Friedrichshafen). Weitere Charakteristika wirken sich zudem auf den Ablauf eines Nachhaltigkeitschecks aus: ƒ Um die Akzeptanz des Checks bei der Einführung zu erhöhen, setzen einige Kommunen bei der Anwendung durch die Fachbereiche im ersten Schritt auf Freiwilligkeit (z. B. Buxtehude, Norderstedt). ƒ Für sehr große Projekte mit vielen Teilaspekten kann ein Nachhaltigkeitscheck an seine Grenzen stoßen, da er die Komplexität des Vorhabens nicht mehr abbilden kann (z. B. Verabschiedung des Haushalts). ƒ Vor der Durchführung sollte klargestellt werden, ob ein Projekt oder Konzept als solches bewertet werden oder ob ein Check den Vergleich der Nachhaltigkeit verschiedener Ausführungsvarianten unterstützen soll. Im zweiten Fall können bei Bedarf die verschiedenen Varianten einzeln eingeschätzt und am Ende miteinander verglichen werden. ƒ Für die Anwendung des Checks auf ein bestimmtes Vorhaben sollten ebenfalls der Umfang des Vorhabens, der Zeithorizont sowie der Vergleichszustand Bild 3: Durchführung des Nachhaltigkeitschecks THEMA Umwelt 85 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 Alternativvorschläge, enthält klickbare Hinweise und wird durch einen Leitfaden ergänzt. Der Check ist bundesweit nutzbar, individuell anpassbar und wurde mit Praxiskommunen entwickelt sowie in einer Pilotphase erprobt. Es entstehen keine Entwicklungsaufwände, was insbesondere kleinere Verwaltungen entlastet - bei Bedarf stehen digitale Schulungen oder Vor-Ort-Angebote zur Verfügung. Eine farbcodierte Zusammenfassung erleichtert die schnelle Ergebnisübersicht. 8. Fazit und Ausblick Kommunen haben je nach Ausgangssituation individuelle Anforderungen an einen Nachhaltigkeitscheck. Wir empfehlen, bestehende Ressourcen (z. B. Tools, Vorlagen) zu nutzen und direkt mit einer oder mehreren Anwenderkommunen in Kontakt zu treten, um von ihren Erfahrungen zu lernen. Im Rechercheprozess wurde häufiger gespiegelt, dass vielerorts nicht genau bekannt ist, ob der Check die gewünschte Wirkung entfaltet (z. B. nachhaltigere Ausrichtung von kommunalen Vorhaben als bisher). Insgesamt ist an dieser Stelle noch einmal anzumerken, dass ein Nachhaltigkeitscheck nicht als „Allheilmittel“ für eine nachhaltige Entwicklung dienen kann, sondern idealerweise eines von mehreren Instrumenten ist, um nachhaltige Entwicklung systematisch in den Handlungen von Verwaltung und Politik zu verankern. Dieser Artikel ist eine Kurzversion der Handreichung „Nachhaltigkeitschecks umsetzen: Kommunale Vorhaben auf Klima und Nachhaltigkeit prüfen “. Diese Handreichung beinhaltet einen B aukas ten Nachhaltigkeit scheck s sowie sehr viele der hier benannten Beispiele. Wir empfehlen diese Handreichung zu betrachten, um mögliche Ausgestaltung kommunaler Nachhaltigkeitschecks besser nachvollziehen zu können. LITERATUR [1] Redenius, P.; Gromball, L. E. & Heinrichs, H. (2023). Nachhaltigkeitsprüfungen in Kommunen (Kurzgutachten). Schriftenreihe Nachhaltigkeit, Politik, Gesellschaft (ISSN 2942-6669), 4. [2] Gromball, L. E.; Redenius, P. & Heinrichs, H. (2024). Nachhaltigkeitsprüfungen in kleinen und mittleren Kommunen (Kurzgutachten). Schriftenreihe Nachhaltigkeit, Politik, Gesellschaft (ISSN ISSN 2942-6669), 6. [3] Gromball, L. E. (2023). Nachhaltigkeitsprüfungen in kleinen und mittleren Kommunen (Bachelorarbeit). Leuphana Universität Lüneburg. [4] Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz (2023). Der Thüringer Nachhaltigkeits-Check für Kommunen. Ein Leitfaden zur Anwendung. Entwicklung sinnvoll abbilden und dabei kompakt und pragmatisch gestaltet sein, um auch in kleineren Verwaltungsapparaten zeitlich umsetzbar zu sein. Bei der Auswahl der beiden Beispiele wurden zudem eine Verknüpfung des Checks mit einer kommunalen Nachhaltigkeitsstrategie, einem Leitbild oder den SDGs positiv bewertet. Darüber hinaus erscheinen Platz für Begründungen der Bewertung sowie für Alternativ vorschläge sinnvoll, da sie eine differenzierte Bewertung von Vorhaben anregen und so eine fundiertere Diskussionsgrundlage ermöglichen. Prägnante und leicht verständliche ergänzende Informationen und Beispiele zu verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekten direkt im Check oder in begleitenden Informationsdokumenten vermeidet Unsicherheiten bei der Anwendung. Um mit ein paar Blicken die Aussagen des Checks erfassen und Nachbesserungsbedarfe erkennen zu können, sind leicht verständliche sowie übersichtlich und grafisch dargestellte Ergebnisse für interne und externe Adressat*innen hilfreich. Im besten Fall wird der Check als Excel-/ Word-Dokument oder als Online-Tool/ Website auch für andere Kommunen zur Verfügung gestellt und ist einfach anpassbar. Abschließend wurde bei der Auswahl der guten Beispiele auch darauf geachtet, ob der Check bereits von mehreren Kommunen genutzt oder mit Pilotkommunen unterschiedlicher Größenordnungen erprobt wurde. Die Beispiele des Landes Thüringen und des Landes Baden-Württemberg erfüllen diese Kriterien und werden im Folgenden dargestellt. Der digitale Nachhaltigkeitscheck des Landes Thüringen unterstützt Kommunen dabei, ihre Nachhaltigkeitsstrategie einfach und flexibel zu bewerten. Der Ablauf umfasst Voreinschätzung, Check, Zusammenfassung und Ergebnisdarstellung. Bewertet wird in zehn Themenfeldern anhand der SDGs und der BNK, ohne Entwicklungsaufwand für die Verwaltung. Das Tool bietet Freitextfelder, Alternativ vorschläge und ermöglicht das Ausblenden irrelevanter Fragen. Ergebnisse werden übersichtlich als Kreisdiagramm und Text dargestellt. Es ist bundesweit nutzbar, kann mit Ratsinformationssystemen verknüpft und durch einen Leitfaden begleitet werden. Gemeinsam mit Kommunen erprobt, eignet sich das Instrument für unterschiedliche Erfahrungsstände und erlaubt einen schnellen oder vertieften Check je nach Bedarf. Der Nachhaltigkeitscheck Baden-Württembergs für Kommunen basiert auf der Landesnachhaltigkeitsstrategie sowie den SDGs und bietet eine kompakte, aber fundierte Bewertungssystematik. Die Excel-Vorlage ermöglicht Kurzbegründungen und THEMA Umwelt 86 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 [5] Deutsches Institut für Urbanistik (2021). Mach dein Projekt zum Klimacheck für Ratsbeschlüsse. Difu Klimahacks, 9. [6] Haubner, O.; Peters, O.; Scheller, H. & Ruddek, A. (2023). Der Stand der Umsetzung der Agenda 2030 in den deutschen Kommunen: Handlungsempfehlungen und Halbzeitbilanz. Bertelsmann Stiftung und Deutsches Institut für Urbanistik. [7] Sieck, L. (2024). Wo steht Deutschland im kommunalen Klimaschutz? . CLIMATE CHANGE 41/ 2024. Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau. [8] Redenius, P.& Heinrichs, H. (2024). Kommunales Nachhaltigkeitsbarometer Niedersachsen 2024: Eine Erhebung zum Stand von Nachhaltigkeit in niedersächsischen Kommunen. Schriftenreihe Nachhaltigkeit, Politik, Gesellschaft (ISSN 2942-6669), 7. [9] Haubner, O. & Kuhn, S. (2020). Instrumente für kommunales Nachhaltigkeitsmanagement. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. [10] Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen GmbH (2020). Prüfung und Bewertung kommunaler Beschlussvorlagen auf Klimarelevanz: Ergebnis der Fachtagung „Meine Kommune im Klimanotstand - was nun? “. Design der Abbildungen: Leonie Sophie Werner, www.leoniesophiewerner.de Eingangsabbildung: © Leuphana/ Alfred Brandl AUTOR: INNEN Pia Redenius (M.Sc.), Leuphana Universität Lüneburg pia.redenius@leuphana.de ORCID: 0009-0003-9113-9998 leuphana.de/ institute/ insugo/ personen/ pia-redenius Svenja Puls, RENN.nord & Kommunale Umwelt-AktioN UAN e. V. svenja.puls@wunstorf.de Luca Elena Gromball, Studentin M. Sc., Interdisziplinäres Nachhaltigkeitsmanagement lucaelenagromball@gmail.com Die zugehörige Praxis-Handreichung (DOI: 10.48548/ pubdata-1560) wurde vom RENN e. V. - unter Beteiligung der Kommunalen Umwelt-AktioN UAN e. V. sowie des Instituts für Nachhaltigkeitssteuerung/ Leuphana Universität Lüneburg - herausgegeben. THEMA Umwelt 87 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0066 Forschungstrends zur Kreislaufwirtschaft im Bauwesen Eine systematische Entwicklungsanalyse Circular Economy (Kreislaufwirtschaft), Bauwesen, Ressourceneffizienz, Nachhaltiges Bauen, Literaturübersicht, Zitationsanalyse Gonzalo F. Olivera Rodríguez, Sebastian Röser, Tim Singer Die Studie untersucht den aktuellen Forschungsstand zur Circular Economy im Bauwesen auf Basis der Literaturübersicht von Gasparri et al. (2023). Mittels iterativer Zitationsanalyse („forward citation chasing“) wurden 37 Publikationen aus den Jahren 2024 und 2025 ausgewertet und den sieben Circular Economy-Handlungsfeldern sowie 26 Themenschwerpunkten zugeordnet. Die Ergebnisse zeigen Fortschritte bei Bewertungsmethoden, politischen Rahmenbedingungen, Digitalisierung und Materialverfolgung. Gleichzeitig werden einige Themenfelder, wie Geschäftsmodelle, Kennzahlensystemen, Kooperationen und Lieferketten, in der jüngeren Forschung nur wenig behandelt. Ergänzend treten neue Themen wie Datensicherheit, Standardisierung digitaler Prozesse und Materialpässe hervor. Die Studie betont die Relevanz interdisziplinärer Forschung und einer engeren Verzahnung von Wissenschaft, Praxis und Regulierung für eine wirksame Umsetzung der Circular Economy im Bauwesen. 1. Circular Economy im Bauwesen: Forschung im Wandel seit Gasparri et al. (2023) Die Transformation im Bauwesen hin zu einer nachhaltigeren und ressourcenschonenderen Praxis ist angesichts wachsender ökologischer Herausforderungen dringlicher denn je. Als zukunftsweisender Ansatz wird die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy, CE) zunehmend für ihr Potenzial anerkannt, den ökologischen Fußabdruck des Bausektors zu minimieren. Die Bauwirtschaft zählt weiterhin zu den ressourcenintensivsten Branchen weltweit. Sie ist für rund 40 % des globalen Energieverbrauchs verantwortlich und verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen, insbesondere während der Bau- und Nutzungsphasen von Gebäuden [1]. Vor diesem Hintergrund hat das Konzept der CE in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen, was auch zu einer Zunahme an vertiefender Forschung in diesem Bereich geführt hat. Gasparri et al. (2023) präsentieren in ihrer Studie eine systematische Übersicht über den aktuellen Forschungsstand im Bereich CE. In ihrer umfassenden Literaturrecherche wurde systematisch der Stand der Forschung zur Implementierung der CE im Bausektor bis zum Jahr 2022 erfasst und zentrale Wissenslücken ( Themenschwerpunkte) identifiziert. Diese Themenschwerpunkte wurden entlang von sieben zentralen Handlungsfeldern strukturiert (siehe Tabelle 1) [2]. Damit bietet die Studie von Gasparri eine umfangreiche, ganzheitliche und systematisch strukturierte Basis für die folgende Ausarbeitung. Basierend auf den Erkenntnissen von Gasparri et al. verfolgt die vorliegende Untersuchung das Ziel, die Entwicklung des Forschungsdiskurses seit 2023 zu erfassen und kritisch zu beleuchten. Im Mittelpunkt stehen dabei die folgende beiden Fragestellung: 1. Welche Themenschwerpunkte haben sich in den einzelnen ursprünglich definierten Dimensionen herausgebildet? 2. Sind neue Bereiche hinzugekommen und welche Bereiche wurden kaum oder gar nicht behandelt? Zur systematischen Bearbeitung dieser Fragestellung wird ein methodischer Ansatz gewählt, der auf einer sogenannten vorwärtsgerichteten Zitationsanalyse (forward citation chasing) basiert. Ausgangspunkt ist die Studie von Gasparri et al. (2023), die von nachfolgenden Veröffentlichungen zitiert werden. Ziel ist es, auf Grundlage aktueller Literatur ein Bild über den Stand der Forschung zu den Themenschwerpunkte zu gewinnen und 88 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0067 FORUM Forschungstrends für diese eine konsistente inhaltliche Analyse gewährleistet werden konnte. Die inhaltliche Auswertung erfolgte auf Basis einer strukturierten Excel-Tabelle, in der für jeden Beitrag zentrale Forschungsfragen sowie behandelte CE-Handlungsfelder und zugehörige Themenschwerpunkte dokumentiert wurden. Die Systematik orientiert sich an dem von Gasparri et al. (2023) entwickelten Kategoriensystem. Zunächst wurden sämtliche Inhalte einem der sieben Handlungsfelder zugeordnet, anschließend erfolgte eine feinere Einordnung entlang von 26 spezifischen T hemens chwerpunk ten. E ine Mehrfachzuordnung war möglich, sofern ein Beitrag mehrere Bereiche behandelte. Der Ablauf der zitationsbasierten Literatursuche ist in Bild 1 visualisiert. Dargestellt ist die Anzahl der identifizierten sowie der als relevant eingeschätzten Beiträge über insgesamt vier Iterationen des „forward citation chasing“. Die erste Auswahlrunde umfasst alle direkten Zitationen des Artikels von Gasparri et al. (2023), während die weiteren Runden jeweils auf den Zitationen der zuvor ausgewählten Arbeiten basieren. Mit zunehmender Zitationsgeneration nahm die Zahl der relevanten Arbeiten deutlich ab. 3. Stand der Wissenschaft: Die sieben Handlungsfelder nach Gasparri et al. Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen erfordert ein s y s temisches Zus ammenspiel verschiedener Handlungsfelder, wie es Gasparri et al. herausgearbeitet haben (Tabelle 1). Dabei stehen insbesondere wirtschaftliche Handlungsfelder, wie die Ent w i c k lung innov a ti v er G e schäftsmodelle, die Etablierung zirkulärer Marktstrukturen sowie die Bewertung von Kosten-Nutzen-Effekten über den Lebenszyklus hinweg, im Fokus. Darüber hinaus werden umweltbezogene Handlungsfelder, etwa in Form neuer Abfallmanagementstrategien, der ganzheitlichen Betrachtung von Umweltauswirkungen und der Integration von Nachhaltigkeitsprinzipien durch Gasparri et al. genannt. Auch staatliche Inter ventionen wie finanzielle Anreize oder rechtliche Rahmenbedingungen spielen eine zentrale Rolle. Darüber hinaus betonen Gasparri et al. die Notwendigkeit einer besseren Koordination innerhalb sektoraler und gesellschaf tlicher Handlung s felder. Beispielsweise durch verbesserte Zusammenarbeit, stärkere Beteiligung relevanter Akteure und die Berücksichtigung sozialer Vorteile. Schließlich sind technologische Handlungsfelder wie Digitalisiedaraus neue Themenschwerpunkte für zukünftige wissenschaftliche Arbeiten abzuleiten. 2. Zitationsbasierte Literaturanalyse zur CE im Bauwesen Zur Identifikation relevanter aktueller Fachliteratur wurde eine Zitationsverfolgung in Form eines iterativen, vorwärts gerichteten Vorgehens (forward citation chasing) durchgeführt. Ausgangspunkt war der systematische Artikel von Gasparri et al. (2023), der zentrale Handlungsfelder zur CE im Bausektor identifiziert und sieben Forschungsdimensionen systematisiert: ökonomisch, ökologisch, gesellschaftlich, technologisch, sektorbezogen, methodisch sowie politisch/ regulatorisch. Im ersten Schritt wurden über die Literaturdatenbank Google Scholar alle Beiträge ermittelt, die den Artikel von Gasparri et al. zitieren. Zum Zeitpunkt der Recherche am 07. Mai 2025 ergab dies 35 Treffer. Diese wurden durch Sichtung des Titels und Abstracts auf ihre Relevanz hin überprüft. Als relevant galten Beiträge, die sich thematisch mit Aspekten der CE im Bauwesen befassten und sich entweder einem der genannten Themenfelder zuordnen ließen oder neue thematische Perspektiven aufzeigten. Neben begutachteten Fachartikeln wurden auch thematisch relevante Bücher berücksichtigt, um ein breiteres und praxisnäheres Bild der aktuellen Forschungslage zu erhalten. Nach der ersten Sichtung verblieben 12 relevante Arbeiten, die in einer zweiten Iteration erneut auf Zitationen hin überprüft wurden. Durch dieses fortlaufend-iterative Vorgehen entstand eine Datenbasis von insgesamt 37 Studien aus dem Zeitraum Januar 2024 bis Mai 2025. Es wurden ausschließlich Artikel in deutscher oder englischer Sprache berücksichtigt, da nur Bild 1: Ergebnisse der iterativen Literaturauswahl (eigene Darstellung) FORUM Forschungstrends 89 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0067 Der Tabelle 2 lässt sich entnehmen, dass sich die Veröffentlichungen im Zeitraum 2024-2025 auf deutlich mehr Fachzeitschriften und Herausgeber verteilen als im Untersuchungszeitraum nach Gasparri. Während die Literatur in diesem Zeitraum stark von wenigen, thematisch fokussierten Journals dominiert wird, zeigt sich in den Jahren 2024 -2025 eine zunehmende Diversifizierung der publizierenden Verlage. Besonders hervorzuheben ist das Journal of Cleaner Production, das bereits 2022 mit 14 Beiträgen führend die meisten Beiträge mit Themenbezug veröffentlicht und zwischen 2023 und 2024 um vier weitere Studien ergänzt wird. Neben den in beiden Betracht un g s ze i trä um e n re l e v a nte n Fachzeitschriften wie Building and Environment, Sustainability sowie Sustainable Production and Consumption treten im Zeitraum 2024-2025 auch neue Publikationsformate auf. Dazu zählen Konferenzbeiträge (z. B. CE: the pathway towards a sustainable development) sowie Buchteile (z. B. Climate Neutrality Through Smart Eco-Innovation and Environmental Sustainability). Außerdem werden weitere Journale eingebunden, die sich stärker mit interdisziplinären und gesellschaftspolitischen Perspektiven der CE befassen Hierzu zählen beispielsweise das Journal of Environmental Management, Environmental Impact Assessment Review oder Urban Research & Practice. Eine weitere Entwicklung ist die Verstärkung der Publikationstätigkeit in offenen, interdisziplinären Zeitschriften wie Sustainability, Applied Sciences oder Cleaner Environmental Systems. Dies deutet auf einen wachsenden Untersuchungsumfang und Relevanz des Themas CE in verschiedenen wissenschaftlichen und Themenschwerpunkt nach Gasparri. 4. Ergebnisse und Diskussion 4.1 Entwicklung der veröffentlichten Literatur Tabelle 2 zeigt die Verteilung der analysierten Studien nach Verlag und Veröffentlichungszeitraum. Berücksichtig t werden sowohl die von Gasparri et al. (2023) untersuchten Publikationen aus den Jahren 2016 bis 2022 als auch die Studien der jüngeren Forschung aus den Jahren 2024 bis 2025, die im Rahmen dieser Arbeit analysiert werden. rung, Materialverfolgung und zirkuläres Design entscheidend, um technische Voraussetzungen für geschlossene Stoffkreisläufe zu schaffen [2]. Nur durch eine ganzheitliche Betrachtung und systemische Integration aller Handlungsfelder kann ein trag fähiges Lösungskon ze pt z ur U m s e t z un g d e r Kreislaufwirtschaft im Bauwesen gelingen. Hierfür ist eine interdisziplinäre Herangehensweise und koordinierte Strategien über alle Akteursebenen hinweg notwendig [3]. Tabelle 1 zeigt eine Übersicht der Handlungsfelder Tabelle 1: Dimensionen und Subdimensionen zur Kategorisierung der Artikel nach Gasparri et al. (eigene Darstellung Vgl. Gasparri et al. (2023)) [2] 90 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0067 FORUM Forschungstrends dass auch andere Schwerpunkte mittlerweile verstärkt in den Fokus geraten sind. Die Bereiche Umweltauswirkungen, Abfallmanagement, Nachhaltigkeit, soziale Vorteile, Digitalisierung sowie Material und Produkt werden in mehr als 5 % der neueren Studien behandelt. Besonders bemerkenswert ist dabei die Zunahme in den Bereichen Nachhaltigkeit und sozialen Vorteilen, die in der Gasparri-Analyse nur in weniger als 3 % der Studien vorkommen. Diese Entwicklung deutet auf ein wachsendes Interesse an ganzheitlichen und sozialökologischen Aspekten der CE hin, was auf eine inhaltliche Ausweitung des Forschungsfeldes schließen lässt. Gleichzeitig zeigt die Analyse auch deutliche Lücken. So werden einige Themenschwerpunkte seit der Veröffentlichung von Gasparri kaum behandelt. Dazu zählen unter anderem Märkte, Ansätze, Schlüsselkennzahlen, Rahmenwerke, Zusammenarbeit, Lieferketten sowie Logistik. Diese Themen werden in weniger als 2 % der untersuchten Studien behandelt. Besonders auffällig ist dabei die geringe Beachtung von Zusammenarbeit und Kennzahlensystemen, obwohl sie für die Umsetzung zirkulärer Geschäftsmodelle und eine effektive Erfolgskontrolle essenziell sind [3]. Die Vernachlässigung dieser operativen und koordinativen Aspekte kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass viele Studien weiterhin auf technische oder produk t spezif is che Lösungen fokussiert sind, ohne dabei systemische, organisatorische oder interdisziplinäre Perspek tiven ausreichend zu berücksichtigen. Insgesamt zeig t die Gegenübers tellung , dass einige der ur sprünglich benannten T he menfelder inzwischen zumindest teilweise adressiert werden. Hierzu zählen insbesondere in den methodischen, technologischen und sek toralen Handlungsfeldern. Obwohl in verschiedenen Bereichen bereits Fortschritte erzielt wurden, deutet die Analyse darauf hin, dass in den ökonomischen, gesellschaftlichen und interdisziplinären Dimensionen der CE weiterhin Forschungsbedarf bestehen könnte. Eine wirksame und langfristig tragfähige Implementierung zirkulärer Prinzipien im Bauwesen setzt voraus, dass Disziplinen hin. Insgesamt lässt sich feststellen, dass CE im Bauwesen zunehmend über ihren technischen Ursprung hinaus in gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Diskurse eingebunden wird. Entsprechend lässt sich die Notwendigkeit ableiten das Thema interdisziplinär und ganzheitlich zu betrachten. 4.2 Entwicklung der Themenschwerpunkte im Vergleich zur Analyse von Gasparri Bild 2 zeigt die Gegenüberstellung der Themenschwerpunkte. Laut Gasparri besteht besonders hoher Forschungsbedarf in den Bereichen Geschäftsmodelle, Gesetze und Regulierungen, Bewertungsmethoden, Design sowie Daten und Bestandsverzeichnisse [2]. Die Auswertung der jüngeren Literatur zeigt, dass einige dieser Felder inzwischen intensiver untersucht werden. Beispielsweise werden Bewertungsmethoden in 7 % und Gesetze und Regulierungen in 6 % der analysierten Studien thematisiert. Damit zählen sie auch in der aktuellen Forschung zu den relevanteren Schwerpunkten. Der Bereich Design wird mit knapp unter 6 % ebenfalls häufig aufgegriffen, wenn auch leicht unter dem von Gasparri identifizierten Bedarf. Daten und Bestandsverzeichnisse finden sich in rund 4 % der Studien. Dabei handelt es sich um einen moderaten Fortschritt. Auffällig ist hingegen, dass Geschäftsmodelle, trotz ihrer Schlüsselrolle für die Implementierung zirkulärer Praktiken, in weniger als 3 % der neueren Studien behandelt werden. Dies lässt sich sowohl als Hinweis auf einen weiteren Bedarf an Forschung als auch als Ausdruck eines rückläufigen Forschungsinteresses an diesem Themenfeld interpretieren. Neben den von Gasparri priorisier ten Themen zeig t sich, Bild 2: Entwicklung der Forschungsarbeit nach Themenschwerpunkten (eigene Darstellung) FORUM Forschungstrends 91 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0067 4.3 Geringfügig behandelte Themenschwerpunkte Ein möglicher Grund dafür, dass bestimmte Themenschwerpunkte bislang wenig untersucht wurden, kann in deren methodischen Komplexität und dem hohen Bedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit liegen. Themen wie Zusammenarbeit, Logistik oder Lieferketten erfordern sektorübergreifende Betrachtungen und prak tische A nwendung snähe. Dadurch beding t werden entsprechende wissenschaf tliche Untersuchungen erschwert. Darüber hinaus sind Bereiche wie Schlüsselkennzahlen oder Rahmenwerke schwer standardisierbar und empirisch schwieriger zu fassen, was sie für kurzfristige Forschungsvorhaben weniger attraktiv macht. Eine weitere denkbare Ursache für geringfügige Untersuchungen in einiger Themenbereichen ist, dass bestimmte Themen in der wissenschaftlichen Debatte an Relevanz verloren haben. Gründe hierfür könnten eine bereits ausreichende Forschung sein, oder dass sich Untersuchungen im Kontext zu diesen Themen nur schwer in der Praxis umsetzen lassen. Dennoch sollten auch weniger präsente Themen nicht vernachlässigt werden, da sie häufig strukturelle Voraussetzungen für die erfolgreiche Implementierung zirkulärer Strategien darstellen. 4.4 Ergänzende Themenschwerpunkte Neben der systematischen Zuordnung der Inhalte zu den von Gasparri et al. (2023) definierten Themenschwerpunkten können im Rahmen der durchgeführten Analyse weitere relevante Themen identifiziert werden, die in der ursprünglichen Studie nicht genannt werden. Die Tatsache, dass diese Themen in der Forschung vor Gasparri keine Rolle spielen, deutet abnehmende wissenschaftliche oder praktische Relevanz hindeuten kann. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, die aktuelle Bedeutung dieser bislang weniger beachteten Themenfelder zunächst systematisch zu prüfen. Erst wenn ihre Relevanz im gegenwärtigen Forschungs- und Anwendungskontex t nachvollziehbar belegt ist, lassen sich fundierte und zielgerichtete Forschungsvorhaben ableiten, die zur Weiterentwicklung der CE im Bauwesen beitragen können. relevante Themenfelder nicht isolier t , sondern ganzheitlich und im Zusammenspiel betrachtet werden [40]. Bereiche, die bislang nur am Rande behandelt werden, könnten daher potenziell wert volle Ansatzpunkte für zukünftige Forschungsaktivitäten darstellen. Ferner ist zu berücksichtigen, dass die schwache Präsenz einzelner Themen in der jüngeren Forschung nicht zwingend ein Indikator für Vernachlässigung sein muss, sondern auch auf eine Tabelle 2: Gegenüberstellung der relevanten Literatur nach Verlagen (eigene Darstellung) FORUM Forschungstrends 92 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0067 Forschung nur wenig Beachtung erhalten. Darüber hinaus lassen sich neue thematische Entwicklungen beobachten, insbesondere die zunehmende Relevanz von Nachhaltigkeit, sozialen Vorteilen und interdisziplinären Fragestellungen, die in der ursprünglichen Analyse von Gasparri nur wenig Beachtung finden. Die Untersuchung zeigt, dass sich die Forschung zur CE im Bauwesen seit 2023 sowohl thematisch verbreitert als auch stärker ausdifferenziert hat. Die zunehmende Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit, sozialen Vorteilen und digitalen Technologien weist auf eine thematische Verschiebung hin. Demnach befasst sich die jüngere Forschung mit ganzheitlicheren, praxisnäheren und systematischeren Fragestellungen. Besonders methodische und technologische Themenfelder wie Bewertungsmethoden, regulatorische R ahmenbedin gungen, Digitalisierung und Materialverfolgung haben an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Gleichzeitig werden einige der in Gasparris Ausarbeitung als zentrale Handlungsfelder definierte Themen in der jüngeren Forschung kaum behandelt. Hier zu z ählen beispiels weis e die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle, interoperabler Datenverzeichnisse, verlässlicher Bewer tung skennz ahlen sowie sektorübergreifender Kooperations- und Logistik struk turen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass einige bislang unbehandelte Themenfelder in der jüngeren Forschung weniger berücksichtigt werden, weil sie in der praktischen Umsetzung an Relevanz verloren haben oder durch neue Schwerpunkte verdrängt werden. Ungeachtet dessen sollte geprüft werden, ob es sich hierbei um tatsächlichen Bedeutungsverlust handelt oder ob diese Themen mausfälle oder Cybersecurity [1]. Auch die Einbindung und Weiterentwicklung von Materialpässen wird in der jüngeren Forschung als relevantes Thema erkannt. Materialpässe spielen eine Schlüsselrolle für die Rückverfolgbarkeit, Wieder verwendung und Rec yclingfähigkeit von Baustoffen in der aktuellen Forschung [6]. Diese zusätzlichen Themenfelder erweitern das bestehende Rahmenwerk von Gasparri und verdeutlichen, dass sich mit dem Fortschreiten von Forschung und Praxis neue Fragestellungen ergeben, die für eine erfolgreiche Umsetzung der CE im Bauwesen berücksichtigt werden müssen. 5. Fazit und Ausblick Die vorliegende Untersuchung analysiert den aktuellen Stand der Forschung zur CE im Bauwesen auf Grundlage der systematischen Literaturübersicht von Gasparri et al. (2023). Ergänzend wurden 37 wissenschaftliche Publikationen aus den Jahren 2024 und 2025 systematisch ausgewertet und den sieben von Gasparri def inier ten Handlung s feldern sowie 26 zugehörigen Themenschwerpunkten zugeordnet. Ziel war es, die Entwicklung wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der CE im Bauwesen zu erfassen, bestehenden Forschungsbedar f auf zuzeigen und neue Tendenzen in der Forschung zu identifizieren. Die Analyse verdeutlicht, dass einige der von Gasparri priorisierten Themenschwerpunkte inzwischen verstärkt behandelt werden. Hierzu zählen beispielsweise die Themenschwerpunkte Bewertungsmethoden, gesetzliche Rahmenbedingungen, Digitalisierung und Materialverfolgung. Zugleich zeigt sich, dass zentrale Handlungsfelder wie Geschäftsmodelle, Datenverzeichnisse und Kooperationsstrukturen in der jüngeren darauf hin, dass es sich bei den Themen um neue Aspekte handelt, die erst durch die jüngere Forschung und den Fortschritt in diesem Bereich zum Vorschein gebracht werden. Demnach spiegeln diese Themen neuen Erkenntnisse sowie aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen im Kontext der CE im Bauwesen wider. Dabei stehen die Themen Digitalisierung, Datenmanagement und technische Umsetzung im Fokus. Im Staatlichen Handlungsfeld wird der Aspekt „Datensicherheit und Datenschutz“ als zusätzliches relevantes Forschungsthema erkannt. Insbesondere im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung von Planungs- und Bauprozessen stellt sich die Frage, wie sensible Daten in zirkulären Wer t schöpfung ss y s temen ge schützt und rechtlich abgesichert werden können [1]. Dieses Thema bleibt in der Studie von Gasparri unberücksichtigt. Auch innerhalb des methodischen Handlungsfeldes werden zwei neue Themenschwerpunkte identifiziert. Es besteht ein dringender Bedarf an Standardisierung und Interoperabilität von CErelevanten Daten, Systemen und Prozessen. Nur durch einheitliche Schnittstellen und Formate kann eine sektorübergreifende Zusammenarbeit effektiv gestaltet werden [2]. Darüber hinaus wird die Ressourcenoptimierung als methodischer Themenschwerpunkt herausgearbeitet. Hier besteht Forschungsbedarf hinsichtlich der Integration ressourceneffizienter Planungs- und Entscheidungsstrategien in bestehende CE-Modelle [1]. Im technologischen Handlungsfeld werden ebenfalls zwei zentrale neue Themenschwerpunkte aufgezeigt. Dies betrifft die Risikobewertung der Digitalisierung, insbesondere in Hinblick auf technologische Abhängigkeiten, Syste- FORUM Forschungstrends 93 3 · 2025 TR ANSFORMING CITIES DOI: 10.24053/ TC-2025-0067 ruction Waste Minimization Under Circular Economy: Stakeholder Perspectives“, Sustainability, Mai 2025, doi: 10.3390/ su17094129. [15] J. Wu, X. Ye, und H. Cui, „Recycled Materials in Construction: Trends, Status, and Future of Research“, Sustainability, Bd. 17, März 2025, doi: 10.3390/ su17062636. [16] C. 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KG Dischingerweg 5 72070 Tübingen Tel. +49 7071 97 97 0 info@narr.de www.narr.de Redaktionsleitung Dipl. Phys. Ulrich Sandten-Ma Tel. +49 7071 97 556 56 redaktion@transforming-cities.de Redaktion Patrick Sorg, M.A. Tel. +49 7071 97 556 57 redaktion@transforming-cities.de Anzeigen Stefanie Richter Tel. +49 (0)171 203 46 63 richter@narr.de Gültig ist die Anzeigenpreisliste Nr. 11 vom 01.03.2025 Vertrieb und Abonnentenservice Tel. +49 89 85853 881 abo-service@narr.de Erscheinungsweise 4 x im Jahr Bezugsbedingungen Die Bestellung des Abonnements gilt zunächst für die Dauer des vereinbarten Zeitraumes (Vertragsdauer). Eine Kündigung des Abonnementvertrages ist mit einer Frist von vier Wochen zum Ende des Berechnungszeitraumes schriftlich möglich. Erfolgt die Kündigung nicht rechtzeitig, verlängert sich der Vertrag und kann dann zum Ende des neuen Berechnungszeitraumes schriftlich gekündigt werden. 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ISSN 2366-7281 eISSN 2366-3723 www.narr.de/ agb Anzeige www.narr.digital Wissenschaftliches Publizieren bedeutet die eigenen Forschungsergebnisse sichtbar machen. Unsere eLibrary bietet Ihnen neben den regulären ePublikationen auch Zugriff auf alle unsere Open Access- Publikationen! Unsere etablierten Zeitschriften stehen nach einem Embargo von höchstens zwei Jahren Open Access. Für Buchpublikationen ermöglichen wir unseren Autor: innen diese Form des Publizierens entweder von Anfang an über den goldenen Weg oder nachträglich für bereits erschienene Werke über den grünen Weg. vernarrt in Open Access expert verlag - Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG deagreez - stock.adobe.com Sie haben bislang durch Ihre Beiträge zum Gelingen unserer Zeitschrift „Transforming Cities“ beigetragen. Seit Januar 2024 erscheint diese Zeitschrift im expert verlag, der seit über 40 Jahren Fachliteratur mit engem Praxisbezug veröffentlicht. 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