Vox Romanica
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0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
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1992
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Kristol De StefaniEDELGARD E. DUBRUCK (ed.), La Passion lsabeau. Une édition du manuscript Fr. 966 de la Bibliothèque Nationale de Paris avec une introduction et des notes, New York/Bern/ Frankfurt/Paris (Peter Lang) 1990, 234 p. (American University Studies, Series II; Romance Languages and Literature 141)
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1992
C. Wittlin
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Besprechungen - Comptes rendus 273 des italienischen Dialektsystems). Ich würde persönlich lieber noch weiter gehen und die auf fragwürdigen Prämissen beruhenden Einheitsetiketten «rätoromanisch» oder «ladinisch» als Bezeichnungen der Gesamtheit der drei fraglichen Dialektgebiete über Bord werfen 1 . Wenn der Terminus «Rätoromanisch» z.B. in der Bibliographie von M. Iliescu und H. Siller-Runggaldier (Romanica Aenipontana 13 [1985)) weiterhin als Oberbegriff für die drei Dialektgebiete verwendet wird, so trägt dies genau wie die von Pellegrini kritisierten Handbuchdarstellungen zur Zementierung eines Terminus bei, dem die Autoren selbst die Berechtigung absprechen (cf. die von Pellegrini positiv gewertete Skepsis Iliescus in bezug auf die «unita ladina», hier p. 26). Warum Pellegrini selbst seiner kritischen Abrechnung mit der «traditionellen» Position den Titel La genesi del retoromanzo (o ladino) gegeben hat, ohne «cosidetto» oder wenigstens Anführungszeichen beizufügen, ist mir nicht klar. Ebensowenig verstehe ich, was der Autor meint, wenn er von «genesi del nostro linguaggio» (32) spricht. Ein «cisalpino», zu dem sowohl die «traditionell rätoromanisch/ ladinischen Dialekte» wie auch die angrenzenden oberitalienischen Dialekte gehören? Die mehrfach wiederholte Forderung des Autors, es sei streng zwischen Linguistischem und Extralinguistischem zu scheiden, verdient volle Unterstützung. Auf dem Hintergrund einer so definierten Haltung erstaunt dann allerdings die Tatsache, daß Pellegrini sich so schwer tut mit dem Resultat der außerlinguistischen Entwicklung, derzufolge sich die Dolomitenladiner heute als eine von ihren südlichen Nachbarn verschiedene Sprachgruppe verstehen. Es klafft hier eine Lücke zwischen dem theoretisch Geforderten und dem selbst Praktizierten. Dasselbe gilt in bezug auf die Haltung des Wissenschaftlers, der seinen Gegenstand «sine ira et studio» untersuchen soll. Pellegrini betont, daß die Thematik seiner Schrift «con obiettivita scientifica» angegangen werden müsse (1) und daß es nötig sei, «affrontare qualsiasi discussione senza un briciolo di passionalita» (1). Mit diesem Programm verträgt sich der ironisch-polemische Ton, mit dem der wissenschaftliche Gegner Hans Goebl angegangen wird, sehr schlecht. Ich verweise auf die beiden letzten Abschnitte von p. 45, wo Goebl (fälschlich als Göbl zitiert) als selbstherrlicher «arbitro per qualsiasi questione relativa al 'retoromanzo'» qualifiziert wird, ohne daß eine Auseinandersetzung mit den Arbeiten des so Angegriffenen auch nur in einer Andeutung geleistet würde. Konsequenterweise (! ) fehlt Goebl denn auch in der Bibliographie. Während diese «Aussparung» auf ein bewußtes Totschweigen zurückzuführen ist, müssen andere Lücken in der Bibliographie als Unsorgfältigkeit des Autors gewertet werden. Einige Titel, auf die im Text Bezug genommen wird, sucht man vergeblich in der Literaturliste 2 . Gewisse Literaturangaben sind ungenau 3 oder weichen von den sonst praktizierten technischen Normen ab 4. Besonders störend sind die unkorrekte Einfügung deutscher Zitate in den italienischen Text und die oft fehlerhafte Wiedergabe der deutschen Zitate 5. 1 Warum ich die zwar umständliche, der sprachlichen Wirklichkeit jedoch besser Rechnung tragende Lösung bevorzuge, jeweils von Bündnerromanisch (oder Rätoromanisch), Dolomitenladinisch und Friulanisch zu sprechen, habe ich in einem Forschungsbericht auf der Gartner- Tagung in Vill/ Innsbruck 1985 begründet. Cf. Romanica Aenipontana 14 (1987), 54-56. 2 PFISTER 1982 (zit. p. 27); CRAFFONARA 1977 (zit. p. 6). PELLEGRINI 1986 (zit. p. 41) scheint PELLEGRINI 1986b zu meiIJen; ob aber 1986 a, b, c oder d gemeint ist, wird nicht präzisiert. 3 Mit «RrscH, ERNST, Die Räter als sprachliches Problem, 22-36» kann niemand etwas anfangen, der die Publikation nicht anderweitig kennt. 4 Unter DAUSES, AUGUST 1989 sind Vor- und Nachnamen der Herausgeber ERNST und STEFE- NELLI vertauscht. Statt GERHARD (ERNST) steht GERHART. 5 Z.B. p.6.: il marebbano, il badiotto e il gardenese, connessi «der ultramontaner Dialekten»; p.7.: il Bacher riteneva ehe «die ladinische Sprache für dieselbe, die weiland der tuskische Heerführer Rhätus ... gesprochen». Weitere Beispiele p. 13, 26. 274 Besprechungen - Comptes rendus Woher die Karten p. 67-71 stammen, wird nirgends erläutert. Die beiden ersten, schwarzweiß reproduziert wie die übrigen, sind offenbar im Original farbig. Der Leser kann beim Umsetzen der Legenden <werde», «giallo chiaro», «giallo intenso» usw. nur frustriert bleiben. Daß in der Bibliographie nicht alles verzeichnet ist, was ein Leser erwarten würde, der mehr von der bündnerromanischen als von der dolomitenladinischen oder friulanischen Forschung herkommt, darf dem Autor nicht angelastet werden. Immerhin wären etwa zum Thema der verhärteten Diphthonge, das p. 36 behandelt wird, neuere Stellungnahmen zu erwähnen: H. SCHMID, «Zwischen Chur und Chiavenna: die Mitte Romanischbündens», Annalas da la Societa Retorumantscha 98 (1985), 49-107, bes. p. 60-71; W. ErCHEN- HOFER, «Diachronie des betonten Vokalismus im Bündnerromanischen seit dem Vulgärlatein», Romanica Raetica 6 (1989), 161-169. Zur «questione ladina» und deren methodologischen Aspekten wäre JÜRGEN LANG, Sprache im Raum. Zu den theoretischen Grundlagen der Mundartforschung, Tübingen 1982, zu ergänzen. Abschließend soll nochmals betont werden, daß die Schrift Pellegrinis eine willkommene Bilanz der wissenschaftlichen Diskussion zur «questione ladina» darstellt. Die Fülle der Fakten und bibliographischen Hinweise ist beeindruckend, die Argumentation weitgehend überzeugend. Ob das Buch allerdings dazu beitragen wird, alte Animositäten zu glätten oder gar aus der Welt zu schaffen, wage ich zu bezweifeln. R.L. * JOACHIM SCHULZE, Sizilianische Kontrafakturen. Versuch zur Frage der Einheit von Musik und Dichtung in der sizilianischen und sikulo-toskanischen Lyrik des 13. Jahrhunderts, Tübingen (Niemeyer) 1989, X + 260 p. (Beih.ZRPh. 230) Die Frage einer möglicherweise auch gesungenen Vortragspraxis der sizilianischen Lyrik hat in Ermangelung eindeutiger historischer Zeugnisse seit jeher ihre Befürworter und Gegner gefunden. Inzwischen gilt sie mehrheitlich im Sinne einer eben von den Sizilianern definitiv vollzogenen Trennung von Musik und Dichtung als beantwortet, ohne daß sie je Gegenstand einer spezifischen Untersuchung gewesen wäre. Angesichts dieser Forschungslage besteht das Ziel des Verf. darin, die verbreitete These von einem «divorzio tra musica e poesia» (Contini, Roncaglia) durch den bislang noch nicht versuchten Nachweis von sizilianischen Kontrafakturen zu widerlegen bzw. zu schwächen. Zu diesem Zweck greift er methodisch auf F. Gennrich und H. Spanke zurück. Die Studie ist in ihrem Hauptteil in 21, nicht weiter gruppierte Kapitel gegliedert. Die ersten drei Kapitel bilden insofern eine Einheit, als sie in die Thematik einführen: Verf. beschreibt zunächst die Entstehung der These vom «divorzio tra musica e poesia» und lehnt sie als nicht stichhaltig ab (Kap. 1); er skizziert sodann die allgemeine Bedeutung von «Musik als Ehr und Zier» für die hochadlige Selbstdarstellung (Kap. 2) und entwickelt anschließend seine Hypothese anhand eines exemplarischen Vergleichs zweier «Lieder», welcher zugleich der Darlegung seiner von Gennrich übernommenen Kriterien dient (Kap. 3). Die Kapitel 4-20 bilden den empirischen Schwerpunkt der Studie. Hier stellt der Verf. detailliert alle weiteren Fälle vor, in denen metrische und textliche Parallelen zwischen dem italienischen «Lied» und seinem aokz. oder afrz. Muster für die Annahme von Kontrafakturen sprechen. Darüber hinaus untersucht er den musikalischen Einfluß auf die Gliederung der siz. Kanzonenstrophe (Kap. 19). Er beschließt nahezu jedes Kapitel mit einer dem italienischen Gedicht unterlegten Textvorlage und Notierung. Erwähnt sei seine Hypothese zur formalen Entstehung des Sonetts: Dessen <metrisches Etymon> wäre dem- Besprechungen - Comptes rendus 275 nach weder die cobla esparsa noch das strambotto, sondern die siebenzeilige prov. Kanzonenstrophe (Kap. 15). Die rund 20 eruierten Kontrafakturen veranlassen den Verf. nun, nach dem musikalischen Modellcharakter einiger sizilianischer und sikulo-toskanischer Gedichte innerhalb dieser Lyrik zu fragen, zumal er für neue italienische Formen eigene Melodien annimmt (Kap. 21). In seinem Rückblick klassifiziert er die für die sizilianischen Kontrafakturen okzitanischer oder französischer Muster gewonnenen Ergebnisse nach ihren Wahrscheinlichkeitsgraden. Die prinzipiell gegebene Möglichkeit von metrischer Isomorphie schließt er für die frühe Rezeptionsphase zugunsten der Kontrafaktur aus. Überlegungen zum «Nutzen der Kontrafakturforschung» runden das Kapitel ab. Im Anhang untersucht er die Herkunft des sizilianischen Binnenreimes (Kap. 1), plädiert für eine im wesentlichen formal begründete Rückdatierung der Entstehungszeit der Sizilianischen Schule (Kap. 2) und weist auf die musikalische Beeinflussung .zwischen geistlicher und weltlicher Ballata hin (Kap. 3). Eine nach Sachgebieten gegliederte Bibliographie sowie ein Verzeichnis der kontrafizierten provenzalischen und französischen Lieder beschließen die Studie. * Die Studie ist ein kühner Vorstoß in einen weitgehend unerforschten Bereich. Trotz ihres sperrigen Gegenstands ist sie gut lesbar und zügig durchgeführt. Sie liefert, gestützt auf das musikologische Wissen des Verf.s, anschauliche Beispiele für metrische Nachbildungsmöglichkeiten in der italienischen Lyrik. Die eigene Position ist klar herausgearbeitet. Jedoch wagt der Verf. nur vorsichtige Kontrafakturvermutungen, keine dezidierte Behauptung. Die Annahme einer in der frühen italienischsprachigen Lyrik weiterbestehenden Einheit von Musik und Dichtung beruht in erster Linie auf einem Analogieschluß des Verf.s: Warum sollte diese Dichtung «vom sonstigen europäischen Brauch» abweichen (3)? Er unterlegt sie 1. mit Salimbenes Zeugnis über die Sangeskunst Friedrichs II., übersieht dabei aber zum einen den topischen Charakter und dehnt das Phänomen zum anderen in historisch unzulässiger Weise auf die Sizilianer und Sikuler-Toskaner aus; 2. durch intentionale Interpretation von cantare, suo[n] und «musikologischer Belege» aus De Vulgari Eloquentia, deren Grundausrichtung er verkennt; 3. mit in keiner Weise überzeugenden Aussagen von Musikhistorikern und 4. mit dem Aufzeigen möglicher sizilianischer Kontrafakturen. Daß die Sizilianer keine expliziten Hinweise auf Kontrafakturen hinterlassen haben, spricht in der Tat nicht gegen deren Vorhandensein. Gerade ihre geringe Zahl und die Seltenheit ihrer Metren wertet der Verf. als absichtsvolle Nachbildung durch die Dichter selbst zwecks «Übernahme auch der Melodie» (37). Die Auseinandersetzung mit A. Roncaglia durchzieht die Studie wie ein roter Faden. Dabei hat der Verf. mit seiner Behauptung, die These vom divorzio sei unbewiesen, insofern unbeabsichtigt recht, als diese in der Tat mit stilistisch-technischen Analysen allein nicht aufrecht erhalten werden kann. Doch mit demselben Ansatz kann er ebensowenig seine eigene These beweisen! Wiewohl kein Forscher auf jeweils aktuelle Ansätze verpflichtet werden kann und soll, so ist bezüglich moderner wissenschaftlicher Standards doch auf gravierende Mängel der Studie hinzuweisen: Sie präsentiert sich völlig unbekümmert um den theoretischen und methodischen Paradigmenwechsel in der mediävistischen Literaturgeschichtsschreibung; undiskutiert bleibt sie dem Vorrang der Filiationsforschung verhaftet. Selbst neuere, strukturalistisch inspirierte Entwicklungen in der Metrikforschung finden keinen Eingang. Das Begriffsinstrumentarium ist größtenteils überholt. 276 Besprechungen - Comptes rendus Die Heterogenität des Inhaltsverzeichnisses setzt sich in der Kriterienvielfalt der Analyse fort, welche mitunter den Eindruck der Willkür erweckt. Viele Kontrafakturindizien laufen auf den Nachweis von nicht weiter überraschenden intertextuellen Bezügen hinaus. Es erfolgt keine Gattungsdifferenzierung, weder in sozialer noch in thematischer und musikalischer Hinsicht, obwohl diese die Frage einer gesungenen Vortragspraxis unmittelbar tangiert. Neu ist an seiner Hypothese zur Entstehung des Sonetts lediglich die Verszahlangabe der als Muster gewählten canso-Strophe, keinesfalls die bekannte Tatsache der Wiederholbarkeit ihrer Strophenteile. Unklar bleibt, warum er die Hypothese innerhalb seiner Argumentation nicht mit der Frage nach musikalischen Anregungen für neue Strophengliederungen in sizilianischen Kanzonen verbindet (Kap. 19). Die bibliographische Auswertung ist sehr selektiv. So dürfte der Verf. sich z.B. von den musikologischen Aussagen des Lemmas canzane in der Enciclopedia Dantesca gern haben beflügeln lassen, doch hat er die deutlich relativierenden Aussagen der Lemmata melodia und musica (alle drei von R. Monterosso) bezeichnenderweise nicht berücksichtigt. Der Hauptmangel der Studie besteht im gänzlichen Vernachlässigen des für alle an einer Kontrafakturpraxis beteiligten Dichtungen jeweils unterschiedlichen Sitzes im Leben. Die entscheidende Frage nach der Motivation von Melodieübernahmen ist mit «Musik als Ehr und Zier» (Kap. 2) nur unspezifisch beantwortet. Das eventuelle Interesse der Italiener an einem gesungenen und instrumental begleiteten Vortrag ihrer Gedichte wäre weniger auf ihre Vorbilder, als vielmehr auf ihre eigene historisch-soziale und kulturelle Situation zurückzuführen. Stattdessen gebraucht der Verf. die Bezeichnung sizilianisch «im weitesten Sinne» (143), so daß entgegen etablierter Überzeugung das Sirventes in das «sizilianische» Gattungsspektrum gelangt (Kap. 18). Auch geht es nicht an, für die Italiener das höfische milieu oral des 12. Jhs. anzunehmen (229), zumal schon die Trobadorlyrik den Vorrang des Textes vor der Melodie bezeugt und nicht ausschließlich auditiv rezipiert wurde. Innerhalb seines Argumentationsrahmens hat der Verf. gefunden, was er finden wollte. Da grundlegende Fragen jedoch offen bleiben, kann er die These vom divorzio tra musica e poesia nicht schwächen. Seine Studie bleibt eine empirische Fleißarbeit, deren drei Hypothesen dringend einer rezeptionsästhetischen und literatursoziologischen Überprüfung bedürfen. Grazia Lindt * CHARLES DAHLBERG, The Literature of Unlikeness, Hannover/ London (University Press of New England) 1988, 207 p. • · Der knapp 200 Seiten starke Band beschäftigt sich mit Literatur aus einer Zeitspanne von über tausend Jahren (Augustin bis Malory), in Latein und mehreren Volkssprachen, aus völlig verschiedenen Gattungen'. Behandelte Autoren sind u. a. der des Beowulf, Chretien de Troyes, Chaucer und Alain de Lille. Der gemeinsame Nenner dieser auf den ersten Blick disparat wirkenden Auswahl ist das Augustinische Konzept der «unlikeness», der inneren und äußeren «dissimilitudo», welche den Menschen von Gott, nach dessen Bild er geschaffen ist, trennt. Die Formel «regio dissimilitudinis» mit dem Sinne «fernab von Gott» hat in der mittelalterlichen Literatur bis in die Neuzeit großen Widerhall gefunden und ist vor allem im 12. Jahrhundert immer wieder zitiert worden. Das vorliegende Werk verfolgt die Wendung und wofür sie steht in einem weitgefächerten Textkorpus. Explizit folgt C. D. den Ideen D. W. Robertsons, der in den 50er Jahren postulierte, daß mittelalterliche Literatur sich im Spannungsfeld der positiven «caritas», der Liebe zu Gott, und der negativen «cupiditas», der Sinnlichkeit, bewege. Das erste Kapitel, The Land of Unlikeness (16-25), untersucht die Formel bei Augustin
