Vox Romanica
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0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
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1993
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Kristol De StefaniPETER WUNDERLI, Principes de diachronie. Contribution à l’exégèse du «Cours de linguistique générale» de Ferdinand de Saussure, Frankfurt/Bern/New York/Paris (Lang) 1990, IX + 163 p. (SRL 24)
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1993
R. Engler
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Besprechungen - Comptes rendus 293 Diezstiftung sind fast alle verloren. Die wenigen, die erhalten sind, richten sich meistenteils an Hermann Suchier, den Nachfolger Schuchardts auf dem Hallenser Lehrstuhl. Der Suchier-Nachlaß liegt in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Wir sind dem Herausgeber dankbar für seine Nachforschungen, die ein so nuanciertes, objektives Bild haben entstehen lassen. S. Heinimann * PETER WuNDERLI, Principes de diachronie. Contribution a l'exegese du «Cours de linguistique generale» de Ferdinand de Saussure, Frankfurt/ Bern/ New York/ Paris (Lang) 1990, IX + 163 p. (SRL 24) Principes de diachronie gibt aufeinander abgestimmt und daher zum Teil gekürzt 1 zwei frühere Schriften W.s wieder: Saussure et la diachronie 2 und in französischer Übersetzung - Saussure, Wartburg und die Panchronie 3 • Damit ist W.s Sicht der saussureschen Diachronie an einem Ort vereint, was angenehm und der Diskussion nützlich ist: dem neu erwachten Interesse an der diachronen Fragestellung soll auch in Hinsicht auf den Genfer Meister Genüge getan und Mißverständnissen der Kritik, die in der sogenannten Vulgata des CLG angelegt sind, begegnet werden (Preface, p. V-VII) 4 . In den vier Kapiteln seines Buches 5 behandelt W. nacheinander den Status der Diachronie als Zweig der Sprachwissenschaft 6, die Prinzipien der historischen Entwicklung, die von Saussure im CLG beachteten Typen der historischen Entwicklung und die wichtigsten Techniken der Analyse und Präsentation (6). Den Status der Diachronie (1.) führt er auf eine methodische Scheidung zurück. Synchronie und Diachronie würden nicht zwei Objekte, sondern zwei Vorgehen der Sprachwissenschaft 7 bezeichnen, und diese betreffe 1 Cf. N2 und 3. 2 A. JoLY (ed.), La linguistique genetique: histoire et idees, Lille, 1988: 143-99. Es entsprechen p.143--46 der lntroduction (1-6), p.146-59 dem Kapitel 1, La dichotomie <synchronie/ diachronie> (7-34), p.159-70) Kapitel 2, Principes de diachronie (35-38), p.170-94 Kapitel 3, Typologie des changements diachroniques (59-110), p.198-99 der Conclusion (198s.).In Linguistique genetique ist Saussure et la diachronie zugleich Gesamttitel einer Sektion von Vorträgen, die 1982 an einer Table ronde der Equipe de Recherche en Psychomecanique du Langage in Lille gehalten wurden. Neben Wunderli sprachen R. ENGLER, L'apport de Geneve, p. 115--41 (jetzt auch CFS 42 [1988], 127-66: Diachronie: L'apport de Geneve) und C. BuRIDANT, Rapport oral sur les exposes de R. Engler et P. Wunderli, p. 101-14 (cf. vom selben BuRIDANT Saussure et la diachronie, TraLiLi 22/ 1 [1984], 19-51). 3 ZRPh. 92 (1976), 1-34 und WuNDERLI, Saussure-Studien, Tübingen 1981: 121--46 (1.7. Synchronie, Diachronie, Panchronie). Hier entsprechen ZRPh. 92: 11-30 (Saussure-Studien p.128--43) Principes p.111--41: 4. Methodologie et types d'analyse. 4 Ein weiterer Grund der Wiederaufnahme ist für W. der fehlerhafte Druck in Linguistique genetique. 5 Cf. N2 und 3. 6 Zur Bedeutung der Diachronie für Saussure hebt W. mit Recht hervor, daß Saussures eigene Publikationen alle der Diachronie angehören. Auch ist mehr als ein Drittel des CLG ihr gewidmet. Fraglicher scheint mir die Behauptung (6), die prospektive Diachronie sei dabei auf Kosten der retrospektiven Diachronie bevorzugt: im CLG betreibt Saussure weder die eine noch die andere, sondern entwickelt deren Theorie.Die Publikationen gründen sich auf Rekonstruktion. 7 Wenn Saussure von der Dichotomie Synchronie/ Diachronie rede, beziehe er sich auch immer auf die Sprachwissenschaft, nicht auf die Sprache. Cf. aber N28. 294 Besprechungen - Comptes rendus die von der Kritik heftig (und damit auf falscher Basis) angegriffene Antinomie. Als Objekt sei die Sprache für Saussure durchaus eins und situiere sich auf einem Niveau des ständigen Werdens 8: den Zustand gebe es nicht. Synchronie und Diachronie sind also methodische Konstrukte 9 , wobei Saussure auf diesem Niveau der Synchronie nun freilich den Vorzug gebe 10 : die Bestimmung der Werte könne nur hier geschehen, und erst auf deren Grundlage seien die evolutiven Fakten ermittelbar. Im übrigen anerkenne Saussure deutlich die gegenseitige Bedingtheit der beiden Bereiche, das «Ineinandergreifen» der Methoden 11• Das Kapitel der Prinzipien historischer Entwicklung (2.) 12 schreibt Saussures Auffassung des sprachlichen Wandels fest: Er kennt weder Prämeditation noch Intention und ist weder vom Ausgangsnoch vom Endsystem bestimmt (2.1.), er hat aber seine Wirkung auf das System (2.2.) und führt über das Spiel von Analyse, Vergleich und Klassifikation zur Reinterpretation 13 der Einheiten und Bezüge (2.3.), er beginnt in der parate und endet in der Sanktion durch die langue (2.4.), er ist blind 14 und nimmt keine Rücksicht auf die Strukturen, die er zerstört (2.5.). Endlich folgen Bemerkungen über zwei nicht direkt zu den Prinzipien gehörende Phänomene: die diachrone Identität 15 (2.6.) und das diachrone Gesetz 16. Insgesamt stellt W. «unüberwindbare Widersprüche>> fest, «die der Adhärenz an die junggrammatischen Prinzipien entspringen». Effektiv vereinbart sich Saussures eigene Darstellung der Analogie 17 nicht mit 2.1., und selbst die Blindheit des phonetischen Wandels hat nach heutigen Erkenntnissen ihre Grenzen in effektiven Bedürfnissen der Korn- 8 Terminologisch sei dabei festzuhalten, daß Diachronie und diachronisch sich ausschließlich auf den Bereich der internen Linguistik beziehen, während es scheine, histoire und historique gehörten der externen an. 9 Und die diachronen Aspekte stehen wie in der Systematisierung Coserius aber ohne terminologische Spezifizierung neben diatopischen, diastratischen und diaphasischen. Womit auch der tiefe Grund des Wandels gegeben wäre: «Saussure voit 1a raison profonde de l'instabilite des langues dans leur differenciation interne, qui, par le detour de l'acte de parole ou les differents sub-systemes entrent en contact, constitue une sorte de moteur transformateur» (23s.). 10 «Sur le plan methodique, la priorite de la synchronie est pour Saussure hors de doute» (32) und um das damit entstehende Paradox zu lösen - «La priorite de la synchronie est affirmee pour la conscience des sujets parlants. Or cette conscience est un filtre, voire une approche ,methodique>; eile n'a rien a faire avec l'objet Langue en tant que tel. Nous pouvons donc generaliser nos constatations precedentes et dire que la langue en tant qu'objet est bien un devenir permanent, mais qu'au niveau operatoire de son saisissement, c'est l'aspect synchronique qui s'impose: pour le sujet parlant de fafon absolue, pour le linguiste en tout cas du point de vue strategique» (32s.). 11 Hier hätte W. auch durchaus bestimmter auf das saussuresche carre linguistique oder quadrilatere der synchronen und diachronen Achsen hinweisen können; cf. ]ABERGS Rezension Wartburgs in VRom. 7 (1943/ 44),277-86. 12 Wie das Buch selbst Principes de diachronie betitelt, cf. N2. 13 Reajustement bei Sechehaye, reorganisaci6n del sistema bei Coseriu. 14 Gemeint ist hier vor allem der phonetische Wandel, dann aber auch die Agglutination und der semantische Wandel. Nicht dazu gehören die Analogie und die Reinterpretation. 15 Sie ist essentiell ein Bezug der provenance, was auf einen Zirkel herausläuft. Über die identite diachronique hat W. aber seither am «International Symposium on Ferdinand de Saussure and Today's Linguistic Theory» (Tokyo 2.-4. April 1992) gehandelt. 16 Die diachronen Gesetze Saussures stehen für W. unter junggrammatischem Einfluß. 17 Nach Saussure ist die Analogie an sich ein synchrones Phänomen, kein Wandel; zum Wandel kommt es nur, falls (und wenn) die neue analogische Form in die Langue rezipiert wird oder die alte Form entfällt. Besprechungen - Comptes rendus 295 munikation. Auch übe das Ausgangssystem zumindest eine begrenzende oder richtungsweisende Funktion auf den Wandel aus, der somit nicht im vollen Sinne unabhängig ist. Beachtenswert ist in diesem Kapitel W.s Interpretation des Spiels von langue und parole mit der Unterscheidung von valeurs de base und kontextuellen valeurs d'emploi (im Sinne der signifies de puissance und d'effet Guillaumes): Sie erlaubt es, den semantischen und funktionellen Wandel als Einfluß der Aktualisationswerte auf die Basiswerte zu erklären. Als Typen diachroner Entwicklung (3.) werden Lautwandel (3.1.), Analogie (3.2.), Reinterpretation (3.3.), Volksetymologie (3.4.), Agglutination (3.5.) und semantischer Wandel (3.6.) besprochen 18 . Hauptphänomene sind wieder nach dem Muster der Junggrammatiker - Lautwandel und Analogie, die Saussure in einer wenig befriedigenden Dichotomisierung einander gegenüberstellt, wobei der funktionelle (morphologische und syntaktische) Wandel auf den Lautwandel zurückgeführt wird, während Reinterpretation, Volksetymologie und Agglutination zur Analogie gezo{len würden. Dem semantischen Wandel ist trotz Breal kein eigenes Kapitel gewidmet 9, die einzelnen Hinweise darauf werden von W. in 3.6. gesammelt 20 . Die Behandlung der hauptsächlichen Techniken und Typen der Analyse (4.) beginnt mit einer, soweit ich sehe, im Artikel von 1976 noch nicht enthaltenen Vorbemerkung, wonach die Wahl der einen oder der anderen dieser Techniken eine theoretische Entscheidung impliziere, welche die der Analyse unterliegenden Fakten nicht beeinflusse: also die entschiedene These einer Ablösung des Studienobjekts von der Methode. Das steht im Einklang mit W.s Auffassung, daß Synchronie/ Diachronie eine methodische und nicht eine gegenständliche Scheidung darstellt, und ist also dahin zu deuten, daß das Objekt langue historisch bleibt, ob es nun panchron, diachron oder synchron untersucht wird. Das Kapitel ist unterteilt in 4.1.: Diskussion der Dichotomie vor Wartburg, 4.2. (115-20): Wartburgs Kritik an ihr, [4.3.] 21 (121-28): Analyse der Komponenten der Wartburgschen Panchronie (oder <lnterferentiellen Linguistik>), [4.4.] (128-44): Nachweis, daß Saussure die von Wartburg eingebrachten Probleme bereits gesehen hatte. Die genannten Komponenten sind 1) die Segmentation der Makrodiachronie in Mikrodiachronien: Sie spielt sich zwischen Synchronien ab und hebt die Dichotomie nicht auf, 2) der Vergleich verschiedener Synchronien: Er führt nicht zur Synthese von Diachronie und Synchronie (Panchronie), sondern zu einem komparativ-kontrastiven Strukturalismus, 3) die Frage nach der Auswirkung einer jeden Veränderung auf das Sprachganze: Sie betrifft die Relation zwischen historischer Evolution (Diachronie der sprachlichen Elemente) und betroffenen Synchronien; die ganze Analyse beweist 4) die fehlende Homogeneität der Wartburgschen Panchronie: Sie vereinigt «drei oder vier» deutlich verschiedene Phänomene 22 : die Serie der Mikrodiachronien, den strukturellen Komparatismus, die strukturelle Diachronie und die Interdependenz zwischen System und partikulärer Entwicklung. Die Präsenz der Komponenten bei Saussure belegen 1) Saussures Konzeption des etat de langue, der eine ständig in kleinere Schnitte zerlegbare Konvention darstellt, 2) Beispiele von Strukturen 18 Eine andere Typologie leitet W. (59s.) aus den Legendes germaniques ab: Variation des Namens (signifiant), der Position (valeur), des Charakters (signifie) und der Funktion (emplois). Im CLG sei fast ausschließlich vom signifiant die Rede. 19 Auch ein Einfluß der Junggrammatiker. 20 Wobei W. der Meinung Ausdruck gibt, Semantik sei für Saussure noch vorwiegend diachron. 21 Irrtümlich nochmals als 4.2. (bzw. 4.2.1.-4.2.4.) gezählt, und in der Folge steht 4.3. (4.3.1.-4.3.4.) für 4.4. 22 Drei sind es in der vorhergehenden Analyse, vier in der Zusammenfassung und im Nachweis bei Saussure. 296 Besprechungen - Comptes rendus wie mouton! mutton-sheep, lauer/ mieten-vermieten, eher/ lieb-teuer, Singular-Plural/ + Dual, 3 ) die rectangles evolutifs (quadrilateres oder carres linguistiques) Saussures und verschiedene von den Editoren teils unglücklich veränderte Quellenzitate, 4) die wieder reichlich in Zitaten aufgewiesene Zentralität gerade dieser These im CLG. So ist die Sprache für Saussure, kommt W. zum Schluß, «un devenir permanent, caracterise par une resystematisation ininterromgue des unites heritees des etats anterieurs, et ceci a tous les niveaux hierarchiques» (144) 3• Principes de diachronie ist ein spannendes Buch, klar und didaktisch aufgebaut und voll ausgezeichneter Analysen, die immer von Zitaten untermauert sind und so auch kontrollierbar bleiben. Es bedingt, wie jede Interpretation, eine persönliche Auswahl und Ordnung der Elemente. An dieser kann die Diskussion ansetzen. Der wichtigste Punkt, an dem ich von W. divergiere, betrifft die Einschätzung von Synchronie und Diachronie als Methoden oder Objekte. W. bestimmt sie als Methoden und schließt sich dabei an Coserius Konzeption der historischen Sprache an. Er wendet sich damit gegen Interpretationen, die die Scheidung auf dem Niveau des Objekts (oder auch auf dem des Objekts ) ansetzen (26 N21). Godel (SM, p.137, 184) spricht von ordres de faits und verknüpft die Frage mit dem Problem der Identitäten. Im respektiven Text, N9 (CLGIE 3295s.), sind diese von Gesichtspunkten abhängig gemacht, und der Gesichtspunkt schafft das Objekt 24• Damit ist die Scheidung vom methodischen Erfassen auf das Niveau des Erfaßten ausgeweitet, während eine dritte Ebene der untersuchten Materie konstituiert werden muß, die in ihrer Heterogenität und Polymorphie nicht als Ganzes erfaßt werden kann. Sie, heißt es, enthalte in «schwer entwirrbarer Verflechtung 25 » Synchrones und Diachrones, ist aber weder synchron noch diachron (bzw. <historisch> ) 26 : Synchronie und Diachronie sind Gesichtspunkte und daraus geschaffene <Objekte>. Im Grunde genommen liegt ein Mißverständnis der Terminologie vor, das aber die ganze Radikalität des saussureschen Gedankens zu verwischen droht: Objekt ist bei Saussure der konstituierte, bei W. ein unterliegender natürlicher (in Saussures Worten gegebener) <Gegenstand>. Wo dann auf diesen verschiedenen Ebenen die Prioritäten zwischen Synchronie und Diachronie liegen, ist eine weitere, von W. und mir verschieden beantwortete Frage. W. meint, im Methodischen sei die Synchronie prioritär, und ich würde ihm dabei beipflichten.Das Methodische umfaßt dann aber auch die Objekte 27• Die für das eine Objekt W's postulierte Priorität des Geschichtlichen würde für die Materie gelten 28 • Aber in CLGIE 144 wird (N26) l'histoire 23 Die Conclusion (5.) enthält eine weitere, zusammenfassende Würdigung Saussures, mit einem vermittelnden sowohl die Editoren wie die Kritiker entlastenden - Hinweis auf die Bedingungen der Zeit, die das volle Verständnis seines Werks erschwert hätten. 24 «... c'est le point de vue qui FAIT Ja chose» (CLG/ E 131: 3295 a, 4 ) nach Gleichstellung von objet und chose in 3295 a, 3: «En linguistique, nous nions en principe qu'il y ait des objets donnes, qu'il ait des choses <qui continuent d'exister quand on passe d'un ordre d'idees a un autre> et qu'on puisse se permettre de considerer des <choses, dans plusieurs ordres, comme si elles etaient <donnees par elles-memes»>. 25 «... un enchevetrement difficile a debrouiller» zitiert AMACKER (Linguistique saussurienne, Geneve 1975: 51) CLG/ E 144: II R 9. 26 «... Ja langue est <autre chose encore que cette relation> avec le temps. II semble que ce soit une chose tres simple que de faire Ja distinction entre / l'histoire de la langue et la langue elle-meme, entre ce qui a ete et ce qui est, mais <le rapport entre ces deux choses est si profond qu'on peut a peine faire Ja distinction>: il y a 1a un cöte double» (CLG/ E 14 4: II R 8s.). 27 R. ENGLER, «Diachronie: l'apport de Geneve», CFS 42 (1988): 1 49, 156. 28 CLGIE 3283, p. 15: «... tout dans Ja langue est histoire»; cf. W 25 und R. ENGLER 1988: 130. Der Satz ist aus Nl.1, also 1891 zu datieren. Da stellt sich natürlich das Problem der Entwicklung oder nicht in Saussures Gedanken. Besprechungen - Comptes rendus 297 de la langue der langue e/le-meme entgegengestellt 29. Ist also die <Natur der Sprache> doch zuerst einmal ihr synchrones Funktionieren? Eine weitere Reflexion betrifft die <unüberwindbaren Widersprüche> der Prinzipien und die Ordnung der Typen. Die <Widersprüche> scheinen mir daraus zu resultieren, daß im sprachgeschichtlichen Teil des CLG die traditionelle Klassifizierung der Phänomene den Vorrang vor der Scheidung in Synchronie/ Diachronie erhält 30. Saussures von der Scheidung beeinflußte Konzeption in den Vordergrund zu stellen, hieße, statt vom globalen Gegensatz Wandel-Zustand auszugehen, deren wichtigste gegensätzliche Kriterien auf die Phänomene anzuwenden, und das sind Sukzessivität, Unbewußtheit und Partikularität einerseits, Koexistenz, Bewußtsein und Systemhaftigkeit andererseits 31• Das ergibt Grenzen, die innerhalb der traditionellen Definitionen der einzelnen Phänomene des Wandels verlaufen 32, und die Diachronie wird neu eingegrenzt: sie umfaßt den Lautwandel aber jene Phänomene der Limitierung des Lautwandels durch das System, die W. erwähnt (oben p. 294s.), müßten synchronen Kräften zugeschrieben werden 33 -, den semantischen Wandel 34, die formalen und semantischen Veränderungen in der Agglutination 35, den Eintritt neuer Formen in die langue und das Verschwinden früherer. Von der Analogie gehört nur das eben zuletzt genannte Phänomen zur Diachronie; ihr ganzes Prinzip ist synchron 36; desgleichen sind die Phänomene der Interpretation (Reinterpretation, Resystematisierung und Volksetymologie 37) zur Synchronie zu zählen. 29 Das Argument, nur die linguistique, nicht die langue kenne bei Saussure das Attribut des Synchronen oder Diachronen, wird von den Texten nicht bestätigt. Cf. zumindest CLGIE 1647 lanfcue statique und langue evolutive. 0 Man darf nicht vergessen, daß der CLG auf Einführungskursen beruht, die gerade im historischen Bereich nicht zu stark von der opinio communis abweichen durften. Die Einführung eines synchronenBereichs und der Hinweis auf dessen Extension wie im Phänomen der Analogie war schon viel. Entsprechend hat hier auch die Vulgata die alte Ordnung beibehalten. Wird dann die Entsprechung zu den Junggrammatikern noch betont wie W. es tut (cf. oben p. 294 und Nl6, 19) -, so gehen die untergründigen Modifikationen notgedrungenerweise unter oder erhalten den Status von Widersprüchen. 31 CLG/ E 1660s.: D 252: «La linguistique statique se trouvera s'occuper de rapports logiqucs et psychologiques <entre termes> coexistants <tels qu'ils sont> apers; us par Ja meme conscience collective (dont du reste Ja conscience individuelle peut donner l'image) et formant un systeme. La linguistique evolutive s'occupera de rapports entre termes successifs se remplas;ant les uns les autres, non soumis a une meme conscience, et ne formant pas entre eux de systeme.» 32 Auch das wäre ein Argument zu Gunsten der Komplementarität von Synchronie und Diachronie. 33 Z.B. der latenten oder statischen Analogie, die Formen wie agonti (in ständiger Analyse und Verifikation der Untereinheiten im System) durch die Zeiten hindurch bewahrt hätte (CLGIE 2326/ 2625). 34 Wobei ich doch darauf hinweisen möchte, daß Saussure auch die Basis einer synchronen Semantik gelegt hat; cf. R. ENGLER, «Röle et place d'une semantique dans une linguistique saussurienne», CFS 28 (1973), 35-52. 35 Daß die einzelnen Elemente der Agglutination nicht durch Zufall (wie W. aussetzt), sondern durch die Rede nebeneinander gestellt werden, gehört wieder zur Synchronie. Der zufällige Anteil liegt in der neuen Sinngebung und Verschmelzung, außerdem in der Aufnahme der neu konstruierten Einheit als solche in die langue. 36 Was ja auch von W. nicht bestritten wird (cf. N17). 37 Hier sollte die formale Veränderung (trotz CLG/ E 2639: I R 3.2) nicht zur Definition gezählt werden, da Saussure ausdrücklich auch eine latente Volksetymologie in Betracht zieht, die nur in der Bedeutung zum Ausdruck kommt (CLG/ E 2647s.). 298 Besprechungen - Comptes rendus Zur Trennung der Phänomene des Wandels (die also teils partikulär und <diachron>, aber teils auch systemhaft und damit <synchroner> Natur wären) scheint mir W. endlich zu wenig Gewicht auf die doch sehr einleuchtenden Kriterien Saussures zu legen: Der Lautwandel ersetzt eine Form durch die andere, während die Analogie eine neue Form neben die frühere stellt 3 8; die Analogie schafft diese neue Form in Interpretation der systematischen Umgebung (sie <vergißt> die frühere), während die Volksetymologie eben diese mit Hilfe des Systems interpretiert (sie memoriell präsent hält); die Analogie ist ein procede (ein plötzlicher willentlicher Akt), die Agglutination ein processus (ein langsamer, nicht bewußter Vorgang). Wie W. es aber zu den Techniken der Analyse festhält (oben p.296), sind diese Typen methodische Begriffe, die die <Materie> interpretieren, nicht repräsentieren 39 . Für eine eventuelle Neuauflage möchte ich abschließend auf einige Druckfehler und Inkonsequenzen hinweisen: Auf p.36 und 39 wird CLGIE 1447/ 1449 einmal nach D[egallier], das andere Mal nach C[onstantin] wiedergegeben (Zitate 45 und 49). Inhaltlich besteht kein Unterschied, aber die formale Differenz muß für den Leser, der mit den Subtilitäten der kritischen Ausgabe nicht vertraut ist, befremdlich sein; p.77 Zeile 7 steht phnenomene, p.80 Z.5 ce statt de, p.84 Z.11 modele, p.102 Z.8 en statt eu; p.105 Z. 1 aposeme ist als signifiant, nicht als signifie zu deuten; p.115 Z.13s.ist aus dem Deutschen falsch übersetzt: es handelt sich nicht um imparfait, parfait und futur du subjonctif, sondern um Konjunktiv Imperfekt, Konjunktiv Perfekt und Futurum Exactum (entsprechend p.166 Z.12 nicht parfait und futur du subjonctif, sondern Perfekt Konjunktiv und Futurum exactum 40 ; p. 121-36 haben eine falsche Paragraphenzählung (cf. N20); p.136 Z.14 steht defaur, p.137 Z. 2 von unten (Zitat 173) fehlt ne (si on ne prend garde). R. Engler * AUGUST DAUSES, Sprachwandel durch Analogie. Zu den Gründen des sprachlichen Wandels, Stuttgart (Steiner) 1991, 96 p. In questo volumetto A. Dauses ritorna sul problema del mutamento linguistico per sostenere la tesi fondamentale ehe i mutamenti linguistici non trovano le loro cause in ragioni immanenti al sistema linguistico stesso, bensl vanno riportati alle abitudini socialmente consolidantisi dei parlanti: «keine real gesprochene Sprache [hat] bei annähernder Konstanz der gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen irgendwelche nennenswerten Vorteile oder Nachteile» (15), cosicche e vano cercare la spiegazione degli sviluppi linguistici in fattori quali l'economia del sistema, la semplificazione, la simmetria delle strutture. II ruolo centrale e invece, secondo l'autore, quello dell'analogia, ehe qui e vista come un principio unificante di una gamma assai ampia e anche eterogenea di fenomeni: «Analogie 38 Daß hier in der Mikrodiachronie Probleme entstehen können (Principes, p. 79), gebe ich allerdings zu, 39 So weist Saussure darauf hin, daß die Zuweisung eines Phänomens zur Analogie oder zur Agglutination mit Schwierigkeiten verbunden ist und nur mit präzisen historischen Kenntnissen gelöst werden kann (CLGIE 2706ss.). Und weitere Probleme würden sich zwischen Lautwandel und geographischer Ausbreitung der Formen stellen. 40 Hier irrt der Rezensent. Das Attribut «du subjonctif» bezieht sich jeweils nicht nur auf futur, sondern auch auf imparfait und parfait. Was das Futurum exactum angeht, so ist davon auszugehen, daß es als Tempusmetapher auch die Funktion eines Konjunktivs des Futurums hatte (cf. die sog. spanische -re-Form). (P.W.)
