Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
1993
521
Kristol De StefaniSUSANNE LEISCHNER, Die Stellung des attributiven Adjektivs im Französischen, Tübingen (Narr) 1990, 281 p. (Romanica Monacensia 31)
121
1993
Peter Wunderli
vox5210368
368 Besprechungen - Comptes rendus Zurück zu den modernen tours. Melis definiert sie jetzt in Abgrenzung zu aktiven und passiven Konstruktionen: Der tour neutralisiert gewissermaßen den Gegensatz zwischen dem Element, das den Prozeß auslöst (argument externe) und jenem, das den Prozeß begrenzt (argument interne). So wird nicht die Kontrolle über den Prozeß (wie im Aktiv) oder das Ende eines Prozesses (wie beim Passiv) herausgestellt, sondern der Verlauf des Prozesses. Bei der Reflexivkonstruktion wird damit lediglich die Perspektive auf den Prozeß verschoben und der Wert der beiden vorhandenen Kategorien ausgenutzt. Eine autonome voix kann die Reflexivkonstruktion daher nicht genannt werden. Melis spricht hier noch nicht alle Probleme der Reflexivkonstruktion an wichtig wäre z.B., die Formalisierung an den traditionell idiosynkratischen Fällen durchzuspielen -, aber er hat ein solides Fundament für weiterführende Diskussionen geliefert. So könnte eine auf der Prototypentheorie basierende Typisierung womöglich für den ebenfalls zwischen Lexikon und Syntax angesiedelten Bereich der Phraseologie sinnvoll sein. Martina Nicklaus * SUSANNE LEISCHNER, Die Stellung des attributiven Adjektivs im Französischen, Tübingen (Narr) 1990, 281 p. (Romanica Monacensia 31) Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Münchner Dissertation, die von Georg Bossong betreut wurde. Das von der Verfasserin bearbeitete Thema hat im Rahmen der Romanistik nicht gerade Seltenheitswert, und wollte man eine erschöpfende Bibliographie (nur zum Französischen) vorlegen, dann käme weit mehr zusammen als die spärlichen 17 Titel, die uns Leischner liefert 1 . Trotz der keineswegs desolaten Forschungslage glaubt Verf., in diesem Bereich noch Neues zu sagen zu haben - und dies gelingt ihr in der Tat, wenn auch nicht ganz in dem Umfang, wie sie selbst glaubt. Leischner wirft der bisherigen Forschung u.a. vor, sie habe zwar erkannt, daß die Adjektivstellung durch weit mehr als nur einen Faktor beeinflußt werde, doch habe sie dann gleichwohl immer einen dieser Faktoren verabsolutiert. Dies ist weitgehend (wenngleich mit gewissen Einschränkungen) richtig: Wir haben hier eine ganz ähnliche Situation wie beim Konjunktiv 2. Für Verf. ist die Adjektivstellung ein äußerst komplexes Positionsprinzip, in das eine Fülle von Faktoren eingeht, die ihrerseits wiederum (zumindest zum Teil) voneinander abhängen (9). Ihr Ziel ist es, eine abstrakte Theorie zu entwickeln, die diese Faktorenvielfalt möglichst umfassend integriert. Ein derartiges Vorhaben ist gezwungenermaßen auf einer sehr hohen Akstraktionsebene angesiedelt. Wenn die Theorie einer empirische Überprüfung zugänglich sein soll - und genau das ist das Ziel Leischners -, dann muß sie in einem zweiten Schritt konkretisiert, d.h. auf ein weniger hohes Abstraktionsniveau zurückgeführt werden. An diese Arbeitsschritte soll dann die Entwicklung eines empirischen Prüfverfahrens angeschlossen werden, das die Abbildung des Faktorengeflechts bzw. der darauf beruhenden Regeln auf den Rechner erlaubt. Mit dessen Hilfe sollen die Adjektivstellungen in einem gegebenen Korpus errechnet und die Ergebnisse anschließend mit der tatsächlichen Positionierung verglichen werden (9s.). Auf diese Weise sollen sowohl monokausale Erklärungen (12s.) als auch ad hoc-Erklärungen (15) vermieden werden. 1 Cf. hierfür auch unten. 2 Cf. hierfür z.B. P. WuNDERLI, Modus und Tempus, Tübingen 1976: lss. und m., Die Teilaktualisierung des Verbalgeschehens (Subjonctif) im Mitte/ französischen, Tübingen 1970: lüss. Besprechungen - Comptes rendus 369 Mit dem algorithmischen Ansatz und dem Rechnereinsatz betritt Leischner bezüglich der Adjektivposition im Französischen in der Tat Neuland. Dies gilt nicht für den multifaktoriellen Ansatz. Hier liegt ein eindeutiges Defizit der Arbeit vor, fehlen in der Bibliographie doch die neueren Arbeiten von Wilmet, Martin und Wunderli, die genau in diese Richtung gehen 3 ; ihre Berücksichtigung hätte der Verfasserin nicht nur einiges an Arbeit ersparen können, sie wäre mit Sicherheit auch noch zu einem adäquateren (semantischen) Modell gekommen 4• - Was den theoretischen Ansatz angeht, so soll er nach dem Willen der Verf. in erster Linie semantischer Natur sein; morphosyntaktische Faktoren werden deswegen aber nicht einfach unter den Tisch gekehrt, sondern in einer Art Hilfsfunktion mit integriert; dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Schwerpunkt auf der semantischen Analyse liegt. Diese greift einerseits auf die bestehende Literatur, andererseits auch auf ein eigenes Korpus (Korpus 1) zurück, das auch als Grundlage für die Entwicklung des Algorithmus dient. Dieser wird dann anhand einer zweiten Datensammlung (Korpus 2) auf seine Validität hin überprüft (18ss.). Dabei ist sich Leischner durchaus der Tatsache bewußt, daß immer ein gewisser Fehlerbereich zu erwarten ist und man von einem Algorithmus nie eine vollständige Übereinstimmung der prognostizierten Positionierungen mit den faktisch auftretenden erwarten darf. Einmal bedingt die Algorithmisierung immer einen gewissen Verlust von Nuancen; dann ist auch die Grenze zwischen grammatischem und stilistischem Bereich fließend; und schließlich mußten auch die nach Position mit unterschiedlichen (lexikalisierten) Bedeutungen ausgestatteten Adjektive unberücksichtigt bleiben, da sie nur um den Preis von Zirkelabschlüssen in die Analyse hätten eingebracht werden können (14). Nach diesen einführenden Überlegungen wendet sich Verf. der Sichtung der bestehenden Literatur zu (20ss.). Dabei bezieht sie sich v.a. auf die Arbeiten von Forsgren, Reiner, Blinkenberg, Sciarone, Hutchinson und Waugh 5 ; überdies kommen noch weitere Autoren zum Zuge, u.a. auch solche, die die Verfasserin nur aus zweiter Hand rezipiert (Damourette/ Pichon, Lerch, Kainz 6). Diskutiert werden v.a. die folgenden Aspekte der Adjektivpositionierung: subjektives / vs./ objektives Urteil; Qualifizierung bzw. Charakterisierung / vs./ Determinierung bzw. Spezifizierung; Abschwächung der Adjektivbedeutung bei Anteposition (AP); Bedeutungsveränderung bei AP; Korrelation zwischen bestimmten Adjektivgruppen und Positionierung; Einfluß der Bedeutungsstruktur des Nomens auf die Adjektivposition; Wirkung des Affekts; «epithete de nature>/ ; Kohäsionsgrad zwischen Adjektiv und Nomen. - Im Anschluß an diesen Überblick werden dann die Pflöcke für die eigene semantische Theorie eingerammt (35ss.). Für Leischner ist bei jedem Adjektiv prinzipiell sowohl Anteposition (AP) als auch Postposition (PP) möglich, wenn auch die 3 Cf. M. WrLMET, «Anteposition et postposition de l'epithete qualificative en fran9ais contemporain», TL 7 (1980), 179-201; m., «La place de l'epithete en fra9ais contemporain. Etude grammaticale et stylistique», RLaR 45 (1981), 17-73; R. MARTIN, «Le vague et la semantique de l'adjectif. Reflexion sur l'adjectif antepose en fran9ais», Quaderni di semantica 7 (1986), 243-63; P. WuNDERLI, «La place de l'adjectif: Norme et infraction a la norme», TL 14/ 15 (1987), 221-35. - Cf. jetzt auch M. WrLMET, «Sur l'anteposition de l'epithete qualificative en fran9ais. Apologue linguistique», RLiR 57 (1993), 5-25, eine Studie, die Verf. noch nicht kennen konnte. 4 Cf. auch unten. 5 Für die genauen bibliographischen Angaben cf. LEISCHNER 1990: 279s. 6 Cf. LEISCHNER 1990: 29ss., 37. - Auch dies ist v.a. im Falle von Damourette/ Pichon außerordentlich bedenklich bezüglich der Aufarbeitung der bestehenden Literatur. 7 Eigenartigerweise ist bei Leischner immer nur von «epithete de nature» oder redundanter Information die Rede; der sonst (u.a. auch in der hispanistischen Literatur) gängige Ausdruck Explikativität taucht nirgends auf. Auch dies wieder ein Indiz für die ungenügende Literaturrezeption. 370 Besprechungen - Comptes rendus beiden Stellungen in jedem Fall einen sehr unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsgrad haben können. Diese grundsätzliche Stellungnahme ist sicher zu begrüßen, denn ihre Richtigkeit ist empirisch mit Leichtigkeit nachzuweisen. Richtig ist sicher auch die Feststellung, daß man nicht einfach jedes Adjektiv auf AP oder PP fixieren und entsprechend im Lexikon indizieren kann: dies schließt allerdings noch nicht aus, daß man jedes Adjektiv bezüglich seiner Normalposition indiziert, d.h. bezüglich der Stellung, die es einnimmt, wenn keine Zusatzfaktoren wie Emphase, Kontrast, Explikativität, Figurativität, Determination durch Adverbien usw. wirksam werden (WuNDERLI 1987). Richtig ist weiter auch, daß die Positionswahl nicht arbiträrer Natur ist, sondern durchaus eine jeweils spezifische Funktion hat. Überdies soll der gegenseitigen Beeinflussung des Semantismus von Adjektiv und Nomen bei syntagmatischer Verknüpfung die nötige Aufmerksamkeit geschenkt werden, da die Kontextualisierung nicht ohne Einfluß auf die Semstruktur der in Kontakt tretenden Einheiten bleibt (wobei sich das Nomen als stabiler als das Adjektiv erweist) 8 • Dazu kommt noch, daß sich das Adjektiv in AP bedeutend labiler erweist als in PP. Leischner stellt deshalb die beiden folgenden, durchaus plausiblen Thesen auf: 1. Wenn ein Sprecher eine starke Bedeutungsmodifikation erreichen will, setzt er das Adjektiv vorzugsweise in AP. 2. Ist ein Nomen bzw. ein Kontext besonders stark bedeutungsmodifizierend, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß das Adjektiv in AP erscheint. Das 4. Kapitel (45ss.) liefert dann einen Überblick über die von Verf. als positionsrelevant angesehenen Faktoren. Es sind dies: die semantische Definitheit der Adjektive (Adj. von hoher «semantischer Dichte» neigen zu PP, solche von geringer «semantischer Dichte» zur AP); die semantische Nähe von Adjektiv und Nomen bzw. Verb (deverbale und denominale Adjektive neigen zur PP; sie widersetzen sich einer semantischen Abschwächung und damit der AP); die semantische Komplexität des Nomens (Nomina von hoher «semantischer Dichte» lösen leicht eine Bedeutungsveränderung beim Adj. aus und drängen es so gewissermaßen in die AP; am komplexesten wären die Eigennamen (EN), ferner die Fachtermini 9 ); der wertende Charakter der Adjektive (Adjektive, die leicht zur Bewertung neigen oder sogar per se wertend sind, tendieren zur AP); der semantische Kontext bzw. die Kontrastsetzung (im Kontext kontrastierend eingesetzte Adjektive tendieren zur PP); 8 Allerdings ist G. BLANKE, Einführung in die semantische Analyse, München 1973, nicht gerade die ideale Berufungsinstanz für die Diskussion semantischer Probleme v.a. wenn es sich um das einzig zitierte Werk zur Semantik handelt: In einer Dissertation kann man schon einen etwas umfassenderen Literaturüberblick erwarten als gerade nur ein einziges Handbuch v.a. wenn man in Anspruch nimmt, eine semantische Theorie der Adjektivstellung entwerfen zu wollen. 9 Was die EN angeht, so muß dies zumindest als zweifelhaft gelten. G. KLEIBER (Problemes de reference: Descriptions definies et noms propres, Metz 1981) hat gezeigt, daß die «Bedeutung» von EN mit 'x etre appele / NI' wiedergegeben werden kann (KLEIBER 1981: 397ss.). Das ist aber eine äußerst einfache semantische Struktur; die Komplexität scheint hier vielmehr auf der Referenzebene zu lie,gen. Auch sonst scheinen semantischer und referentieller Bereich bei Leischner nicht immer sauber getrennt zu sein. - Auch bei den Fachtermini müßte man sich fragen, ob die Komplexität nicht semantischer, sondern referentieller Natur ist. Besprechungen - Comptes rendus 371 die Emphase (nur bei ernphasefähigen Adjektiven 10 ; Tendenz zur AP). - Dies gilt allerdings nur bei Adj., die normalerweise zur PP tendieren (Adj.P); LEISCHNER (58) hat selbst erkannt, daß Adj.a (zur Voranstellung tendierende Adj.) sich in der Regel genau umgekehrt verhalten, zieht daraus aber keine Konsequenzen; - «redundante Information» hinsichtlich des Nomens oder Kontextes (gemeint sind die epithetes de nature bzw. das, was normalerweise als «Explikativität» bezeichnet wird; Tendenz v.a. bei «Redundanz» zu einem Nornen zur AP 11); - Figurativität (übertragene Bedeutung; würde eine Verschiebung PP> AP bewirken). Obwohl ich im Detail mit der Einordnung bzw. Interpretation einzelner dieser Faktoren nicht einverstanden bin, kann doch nicht bestritten werden, daß es sich durchwegs um semantische Faktoren handelt, die in der beschriebenen Weise auf die Adjektivstellung Einfluß nehmen. Dazu kommen nun noch einige rnorphosyntaktische Faktoren, die bei Leischner im anschließenden Kapitel abgehandelt werden (62ss.): die Länge bzw. Silbenzahl von Adjektiv und Nornen (Tendenz zu masses croissantes, d.h. Voranstellung des kürzeren Elementes); die «morphologische Struktur» der Nomina (gemeint sind lexikalisierte Norninalsyntagrnen vorn Typus N de N, Na N usw.; würden AP des Adj. favorisieren); die Natur des das Norninalsyntagrna einleitenden «Deterrninators»; indefiniter Artikel/ definiter Artikel/ Demonstrativum (mit un deutlich weniger AP als mit le oder gar dem Demonstrativum 12); - Determination des Adj. durch ein Adv. (Tendenz zur PP). Damit liegt nun das ganze Inventar der für die Adjektivstellung berücksichtigten Faktoren vor. Ab dem Kapitel 6 (67ss.) wird die Arbeit nun bedeutend technischer; da für den Linguisten über weite Strecken nur noch mittelbar von Relevanz, werde ich mich kürzer fassen. Zuerst wird einmal die Konstitution der beiden Korpora kurz präsentiert und daran anschließend die Datenverwaltung vorgestellt, die im Prinzip auf dBase III beruht, aber durch eigene Zusatzprogramme ergänzt wird. - Kapitel 7 (73ss.) befaßt sich dann mit der Festlegung der positionsrelevanten Faktoren. Während dies im Bereich der Morphosyntax relativ einfach ist, erweist sich der semantische Bereich insofern als problematisch, als man es hier in der Regel nicht mit diskreten Größen, sondern mit Kontinua zu tun hat. Dies macht eine «Diskretisierung», d.h. kontrollierbare, linguistisch motivierte Klassenbildung nötig. Wie das funktioniert, soll kurz an zwei Beispielen gezeigt werden. Für den Faktor SEMA (semantische Definitheit des Adjektivs) nimmt Verf. 4 Klassen an, denen die Indices 0, 1, 2 und 3 zugewiesen werden: 0 = Adj. mit sehr geringer semantischer Definitheit; 1 = Restklasse; 2 = Adj. mit verhältnismäßig hoher semantischer Definitheit (objektiv beobachtbare Eigenschaften wie chaud, froid, lourd etc., qualifizierend verwen- 10 Hier müßte man sich fragen, ob im Prinzip nicht jedes Adj. emphasefähig ist (dies gilt unter bestimmten Voraussetzungen selbst für Einheiten, die dem Fachvokabular entstammen); wir hätten dann nur eine größere oder geringere Affinität zur Emphase. 11 Auch hier geht es weniger um die Semantik, als vielmehr um «Kenntnis von Welt», d.h. um Information über den Referenzbereich: in la froide Siberie ist 'kalt' keinesfalls ein semantisches Merkmal von Siberie, in le bon Roi Rene 'gut' keinesfalls ein Sem von Rene. Aus diesem Grunde scheint es mir auch wenig angemessen, von «Redundanz» zu sprechen; der traditionelle Terminus Explikativität ist sicher treffender. 12 Hier schlägt Leischner geschickt und durchaus zutreffend die Brücke zu den Textfunktionen des Artikels (Weinrich) und schafft damit eine Verbindung zum semantischen Bereich (cf. oben, «redundante Information»). 372 Besprechungen- Comptes rendus dete Relationsadjektive); 3 = Adj. mit sehr hoher semantischer Definitheit (relational eingesetzte Relationsadj., physikalisch etc. meßbare Eigenschaften wie rouge, carre etc.). Für den Faktor ABLA (semantische Nähe des Adjektivs zu einem Nomen oder Verb [Ableitung Adj.]) werden 3 Faktoren mit den Indices 1, 2 und 3 ermittelt: 1= Adj., die nicht von einem N/ Verb abgeleitet sind; 2= abgeleitete Adj., die sich semantisch bereits deutlich von der Basis entfernt haben (z.B. Bildungen auf eux, -[a]ble usw.); 3= abgeleitete Adj., die semantisch ihrer Basis noch sehr nahe stehen. In ähnlicher Weise wird auch für die übrigen Faktoren vorgegangen; SEMN (semantische Komplexität des Nomens), WERTA (Wertung und Emphasefähigkeit in der Adjektivbedeutung), KONTEXT (Redundanz, Kontrast und Emphase [jeweils +/ -] aufgrund kontextueller Faktoren), SYNT (semantische Beziehungen zwischen Adj. und N [Redundanz, Figurativität, Kontrastierung des Adj. bei EN], jeweils +/ -), ADV (Determinierung des Adj. durch verschiedene Adverbialklassen), DET (syntagmeneinleitender Determinator [Artikel]), LNOM/ LADJ (Längenunterschied zwischen N und Adj.), STRN (morphologische Struktur des Nomens [+/ lexikalisierte Nominalsyntagmen]). Daran schließt dann eine exemplarische Darstellung für die Faktorenbelegung an (83ss.). Die beiden folgenden Kapitel (9 und 10) sind der Entwicklung des Algorithmus gewidmet. Zuerst werden einige grundsätzliche Fragen diskutiert (92ss.). Mit guten Gründen verzichtet Leischner auf eine statistische Fundierung und entscheidet sich für eine logische Formel auf der Basis von booleschen Operatoren (v, A und-). Es soll je eine Formel für die Vor- und Nachstellung entwickelt werden. In der Anwendung bedeutet dies dann, daß entweder eine, beide oder keine der Formeln zutreffen kann (95): Im ersten Fall liegt eine gültige Vorhersage vor; im zweiten haben wir einen Widerspruch, der eine Sonderbehandlung nötig macht und u.U. über eine Hierarchisierung der Regeln aufgefangen werden kann; im dritten Fall schließlich greift keine der beiden Regeln, so daß eine pragmatische Entscheidung nötig wird (Verf. entscheidet sich dafür, alle diese Fälle der [höherfrequentigen] Nachstellung zuzuschlagen). Leischner betont auch hier nochmals, daß eine logische Formel immer bis zu einem gewissen Grade «mangelhafte» Resultate liefern muß, sei es, daß die Klassifikationen zu grobschlächtig sind, sei es, daß nicht alle relevanten Faktoren berücksichtigt wurden, die stilistischen Elemente zuviel Gewicht haben, zuviele indifferente Adjektive auftreten usw. - Im Anschluß daran werden dann die beiden Formeln V (AP) und N (PP) entwickelt. Die Formel für die Voranstellung umfaßt5 Regeln, diejenige für die Nachstellung deren 10. Dies ist auch ein von Leischner nicht bestrittenes Mißverhältnis, zumal ja die Nachstellung als statistischer «Normalfall» zu gelten hat und deshalb eigentlich einen weniger aufwendigen Regelapparat erfordern sollte. Auf die Details der Formelentwicklung soll hier nicht eingegangen werden; ich reproduziere hier nur exemplarisch die Gesamtformel für die Voranstellung (114) 13 : (SEMA= 0) A (ABLA::::::2) V (SEMN=3) A (KONTEXT* k) A (SYNT * k) V (SEMA:::::: 1) A (ABLA::::::2) A (WERTA 2:2) " (KONTEXT= a) V (SEMA= 1) A (ABLA::::::2) " (STRN= 1) A (LNOM- LADJ 2: 1) V (SEMA= 1) A (WERTA= 1) A (SEMN= 1) " (LNOM 2:2) A (LADJ = 1) 13 Für die die Nachstellung beschreibende Gesamtformel cf. Leischner 1990: 125. (V 1) (V2) (V3) (V 4) (V5) Besprechungen -Comptes rendus 373 Dieser Gesamtalgorithmus erfordert natürlich einen kurzen Kommentar, denn so dürfte kaum jemand viel mit ihm anfangen können. Die 5 Regeln (V 1 bis V 5) sind in der Reihenfolge ihres Gewichtes bzw. ihrer Häufigkeit angeordnet. Sie haben überdies nicht additiven, sondern disjunktiven Charakter, d.h. wenn V 1 nicht greift, kommt V 2 zum Zuge, wenn V 2 nicht greift, ist V 3 an der Reihe usw. Entformalisiert bedeuten die fünf Regeln folgendes: V 1: Voranstellung, wenn das Adjektiv von geringer semantischer Definitheit ist und wenn es nicht von einem Nomen oder Verb abgeleitet ist oder (trotz Ableitung) sich semantisch schon weitgehend verselbständigt hat; V 2: Voranstellung, wenn das Nomen von extrem hoher semantischer Komplexität ist, kein kontrastiver Kontext vorliegt und das Adjektiv auch nicht kontrastierend bei EN eingesetzt wird; V 3: Voranstellung, wenn das Adj. zu der Klasse mit geringer semantischer Definitheit oder zur «Restklasse» gehört, es nicht abgeleitet ist oder sich (trotz Ableitung) semantisch bereits weitgehend verselbständigt hat und ein emphastischer Kontext vorliegt; V 4: Voranstellung, wenn das Adj. zur «Restklasse» gehört, keine Ableitung oder eine semantisch bereits verselbständigte Ableitung vorliegt, das Nomen ein lexikalisiertes (Präpositional-)Syntagma ist und die Länge des Nomens diejenige des Adj. um mindestens eine Silbe übertrifft; V 5: Voranstellung, wenn das Adj. der «Restklasse» angehört, allgemein qualifizierenden (nicht explizit wertenden) Charakter hat, das Nomen der (nominalen) «Restklasse» angehört, zwei oder mehr Silben hat und mit einem einsilbigen Adj. kombiniert wird. Natürlich ist die Umformulierung in natürliche Sprache auf Anhieb leichter verständlich die formalisierte Version des (Teil-)Algorithmus ist jedoch für eine rechnergestützte Analyse unverzichtbar. Im Anschluß an die Entwicklung des Algorithmus wird dieser dann am ersten Korpus getestet. Dabei ergeben sich für die Voranstellung 91,44% richtige Voraussagen, für die Nachstellung 96,14%, was zweifellos nicht schlecht ist. Erstaunlich ist hierbei auf den ersten Blick, daß bei Beschränkung auf V 1 (SEMA = 0 und ABLA ::::; 2) für AP die Trefferquote nur 2,25% höher liegt. Beschränkt man sich für die Nachstellung auf die korrespondierenden Werte dieser beiden Hauptfaktoren (N 1: SEMA 2:: 2; N 2: ABLA = 3), kommt man ebenfalls auf eine fast identische Trefferquote. Da diese Werte aber die semantische und morphologische Grundstruktur der Adjektive beschreiben, liefert uns Leischner mit ihrem Algorithmus geradezu den Beweis dafür, daß der Vorschlag in WuN- DERLI 1987, die Adjektive aufgrund ihres «Normalverhaltens» in zwei Gruppen aufzuteilen und entsprechend zu indizieren (Adj. a und Adj.P), nicht nur möglich ist, sondern in hohem Maße der empirischen Realität gerecht wird. - In einem zweiten Testlauf wird dann der Algorithmus auf Korpus 2 angewendet. Für die Voranstellungsformel ergibt sich eine Trefferquote von 86,50%, für die Nachstellungsformel von 94,81%. Dies ist immer noch relativ gut. Die Testergebnisse zeigen aber auch gleichzeitig, daß der Algorithmus für AP bedeutend schwächer ist, was darauf zurückgeführt werden muß, daß sich die emotionalen und stilistischen Faktoren, die hier eine wichtige Rolle spielen, nur schlecht über eine logische (und damit stark vereinfachende) Formel erfassen lassen. - Ermittelt man schließlich noch die Trefferquote bei Anwendung des Gesamtalgorithmus, dann ergibt sich für Korpus 1 ein Wert von 93,81%, für Korpus 2 ein solcher von 90,01% -zufriedenstellende Werte also, wenn sie auch durch weitere Verfeinerungen noch verbesserungsfähig sind. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Ausblick auf die Verhältnisse bei Mehrfachdetermination (1 Subst. -2 und mehrere Adj.,/ mehrere Subst.; 149ss.) und einer Zusammenfassung der Ergebnisse (154ss.). Darauf folgen dann noch mehrere Anhänge: A: Statistik für 374 Besprechungen - Comptes rendus die Korpora 1 und 2 (159ss.); B: Verwendetes Datenmaterial (166ss.); C: Verwendete Programme (237ss.) 14 , sowie die knappe Bibliographie (279s.). Kommen wir zu einer abschließenden Bewertung dieser Arbeit, wobei ich mich auf die Aspekte Layout, Bibliographie und Inhalt beschränken will: - Layout: Die Arbeit wirkt vom Äußeren her recht gepflegt, ist aber von einem «klassischen» Layout weit entfernt; die Verfasserin ist viel zu verliebt in die Schriftenvielfalt ihres Computers und verwendet v.a. zu viele große und fette Schriften für die Titel. Zudem ist eine unterschiedliche Absatzgliederung (mit und ohne Durchschuß) unschön und verwirrend. Ärgerlich sind zahlreiche Fehler beim Zeilen- und Seitenumbruch: falsche Worttrennungen, Hurenkinder und Schusterjungen sind viel zu häufig, und ebenso stimmen verschiedentlich auch die Wortabstände nicht. - Bibliographie: Auf die Mängel in diesem Bereich wurde bereits mehrmals hingewiesen (Arbeiten zur Adjektivstellung, Semantik). Es geht sicher nicht darum, alles aufzulisten, was irgendwie mit dem Thema zu tun hat. Was Verf. uns hier an Literaturrecherchen zumutet, liegt aber bestenfalls auf dem Niveau einer Magisterarbeit. Trotzdem kommt sie zu brauchbaren Ergebnissen. - Inhalt: Die Erstellung des Algorithmus überzeugt weitgehend, und die erzielten Ergebnisse sind so, daß man an ihnen in Zukunft nicht einfach wird vorbeigehen können. Allerdings sind sie auch so gelagert, daß sie eindeutig für eine Klassifikation bzw. Indizierung der Adjektive nach Adj.a und Adj.P sprechen, wie ich es selbst vorgeschlagen habe. Dies hätte erhebliche Vorteile. Einmal würde es erlauben, gewisse Regeln exakter zu fassen, v.a. dort, wo sich die Adjektive je nach Klassenzugehörigkeit positionell gegenläufig verhalten (z.B. Emphase, mise en relief, Registerwechsel, cf. WuN- DERLI 1987: 231). Dann würde der Gesamtalgorithmus durch die Herausnahme der Regeln V 1 und N 1/ 2 erheblich entlastet. Diese Maßnahme hätte gleichzeitig noch einen weiteren, sehr wichtigen Effekt: Durch das massive Übergewicht dieser Regeln (um die 90%) werden die übrigen Regeln in ihrer Bedeutung minimiert und v.a. die Unterschiede zwischen ihnen weitgehend verwischt. Lagert man dagegen die auf der semantischen und morphologischen Grundstruktur der Adjektive beruhenden Gegebenheiten durch die Klassenbildung und Indizierung aus dem Algorithmus aus, steht das ganze Spektrum (100%) für die Gewichtung der «Zusatzfaktoren» zur Verfügung. Um dabei zu verläßlichen Ergebnissen zu kommen, müßte allerdings mit erheblich größeren Korpora gearbeitet werden. In dieser Richtung sehe ich durchaus vielversprechende Zukunftsperspektiven für Leischners Ansatz. P. W. * BETTINA LORENZ, Die Konkurrenz zwischen dem futur simple und dem futur periphrastique im gesprochenen Französisch der Gegenwart, Münster (Kleinheinrich) 1989, 233 + 43 p. (Münstersche Beiträge zur romanischen Philologie 2) Il lavoro di B. Lorenz consiste in un'analisi empirica dell'uso del futuro semplice e del futuro perifrastico (nonche del presente) in contesti di futuro deittico, in un corpus di francese parlato contemporaneo. La ricerca e rnirata sul problema dello stato attuale del rapporto fra le due forme di futuro nel francese e della loro eventuale specializzazione semantica; il retroterra teorico e storico, come pure la comparazione con altre lingue romanze, non sono affrontati. 14 Datenmaterial und Programme können übrigens bei Verf. käuflich erworben werden.
