Vox Romanica
vox
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2941-0916
Francke Verlag Tübingen
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2000
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Kristol De StefaniStammt bündnerromanisch beca aus BOCA?
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2000
Wolfgang Eichenhofer
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Stammt bündnerromanisch bé c´¿ aus B CA ? In Italica et Romanica erschien ein Artikel von Th. Krefeld 1 über die mögliche Herkunft der br. 2 Negationspartikel bé c´¿, búk¿ usw. aus lateinisch b ca. Der Artikel bringt u.a. eine Übersicht über das Inventar der br. Negationspartikeln: buc, buca, ca in der Surselva, betg, betga, bek, beka, ek, eka, eg(a) in Mittelbünden, bi` im Münstertal, brich, bricha im Engadin (p. 23s.). Bezüglich surselvisch buc, buca folgt in Anlehnung an Huonder 1901: 526 die Feststellung, diese Formen enthalten sekundäres, aus *-élabialisiertes -ú-, eine Labialisierung, die vor allem nicht betonte Silben erfasse. Als Beispiel dient *pekáu, das surselv. pukáu Sünde lautet (p. 25s.). Anzumerken ist, dass buc, buca satzphonetisch nicht nur unbetont auftritt, und die Labialisierung auch nebentoniges -èerfassen kann, wie dies *pèkadáglia beweist, welches im Surselvischen als pùkadáglia, bùkadáglia Niedertracht vorliegt. Italienisch bagat(t)ella Lappalie , so wird p. 27 erläutert, gehe wahrscheinlich auf b ca zurück, und b ca sei auch als Etymon für die surmeir. Negationspartikel bé c´¿ anzunehmen. Das Prättigauer Wort Wieggi Johannisbeere sei gemäss p. 28 wohl aus surmeir. bé c´¿herzuleiten, was mit folgenden phonetischen Argumenten untermauert wird: a) Lat. pkönne sich zu br. ventwickeln, wofür das Beispiel pø arte > br. vart Seite angeführt wird 3 ; b) Eine Palatalisierung von -azu br. -ései ausserhalb des Oberengadins und ausser in Bravuogn, Latsch und Stugl möglich, wenn -anach br. c´stehe oder vor -rj-. Argumente gegen die Herleitung von bé c´¿ aus b ca sind leicht beizubringen. Halten wir uns zunächst an die Dame Phonétique. i) Wenn wir uns die Reflexe von laurib ca ansehen, das in Romanischbünden als Lehnwort aus oberitalienisch orbaga Lorbeer vorliegt, so weist das Münstertalische, das Surmeirische und die Val Schons den Typ ¿rbái ´¿auf, nur Filisur weicht mit ¿rbé˛i ´¿, Bivio mit urbé· g´¿ab. In der Tumleastga finden wir ¿rbéi ´¿, im Plàn und in der unteren Surselva bis in die Val Lumnezia ¿rbág¿ 4 . Verglichen mit den oben genannten Varianten der Negationspartikel (buc, betg, bi c´ usw.) wird ersichtlich, dass weder ca in lateinischen Wörtern noch -ága in nichtlateinischen Wörtern br. Reflexe ergeben kann wie buc, betg, bi c´ usw.: ca, 1 Krefeld 1997. 2 Zu den Abkürzungen cf. DRG, Registerband, Cuoira 1998: 7ss. 3 pa˘ rte konnte sich nur in der Kombination d + pa˘ rte zu br. VART entwickeln, cf. HWR, vol. 2: 985 sowie vol. 1: 244 s. davart über < d + pa˘ rte. 4 DRG 1: 368s. 117 Stammt bündnerromanisch bé c´¿ aus b ca? -ága ergibt im Münstertal nicht -i c´, cf. aber die dortige Negationspartikel bi c´. ca, -ága lautet im unteren Albulatal und in Sursés nicht -é c´¿, in der Tumleastga und im Plàn nicht -é c´¿, -ék¿, die Negationspartikel ist dort aber bé c´¿ respektive (b)éka. Zum Vergleich können noch die Reflexe von l cum und p cat herangezogen werden (sie lauten lak, lái ´, pág¿, pái ´¿ usw.), die -éals Tonvokal nur in Zernez, im Oberengadin, in Bivio und in der Tumleastga aufweisen 5 . Auffällig ist weiterhin, dass das -cvon ca im Br. allgemein zu -gsonorisiert oder -güber - g´zu -i ´abgeschwächt ist, bé c´¿, (b)ék¿dagegen - abgesehen von ég¿, búg¿im Plàn und in der Surselva - keine Sonorisierung des Mediopalatalbzw. Velarkonsonanten aufweist. Die p. 28 von Krefeld vorgebrachten fünf Argumente bezüglich der Palatalisierung von -azu -é-, die die Etymologie b ca > bé c´¿ plausibel machen sollen, lassen sich alle mühelos entkräften: ii) Die Palatalisierung von -ázu -énach romanischem c´ist, falls sie eintritt, durch c´bedingt. b ca ergäbe aber keinen br. Reflex mit c´-, dem ein betontes -áfolgen würde. iii) riu und seine Entwicklung zu br. -é˛r kann ebenfalls kein Beleg für eine überall in Romanischbünden auftretende Palatalisierung von -ázu -ésein, da riu über *-ái ´ru, *-ái ´rzu -é˛r gelangt. Hier liegt gar keine Palatalisierung vor, sondern die Monophthongierung eines sekundären, durch Metathese entstandenen Diphthongs 6 . iv) Die Latscher Form te· r - gegenüber surselv. und mittelbündn. ta(r) stehen - ist für das br. Gebiet, das jedes -áin lateinisch offener Silbe zu -épalatalisiert, normal: Latsch gehört zusammen mit Stugl zu Bravuogn und ist nicht identisch mit Lantsch 7 . v) Surselv. trer ziehen - gegenüber engad. trar - ist über *trái ´ere aus *tragere entstanden 8 . Diese Entwicklung ist vergleichbar mit derjenigen von riu über *-ái ´ru, *-ái ´rzu -é˛r, cf. oben iii). vi) Surselv. grev und engad. greiv schwer (< *greøve < graøve) können auch nicht als Beispiele für -á- > -éausserhalb des angestammten Gebiets stehen, da diese Formen in Anlehnung an die Reflexe von leøve, br. lef, léi ´f leicht 9 , entstanden sind. Auch Argumente gegen eine Übernahme von mittelbünd. bé c´¿ oder allenfalls *bé g´¿, *béi ´¿ als Wieggi in das Prättigau finden sich unschwer. Verweilen wir noch einen Moment bei der Dame Phonétique. vii) Betrachtet man br.Wörter mit anlautendem b-,die das BündneroderWalserdeutsche entlehnt hat, findet man zum Beispiel br. biert zweirädriger Karren , das 5 DRG 10: 307 s. lai; HLB: Nr. 10. 6 Cf. zuletzt HLB: Nr. 20. 7 Das p. 24 von Krefeld gemäss DRG 2: 501 angeführte Beispiel el na vot betg decr tge tga ‘l fo er will nicht sagen, was er tut kann nicht aus Lantsch stammen, cf. Lantsch (C23) mit zó˛i ´r für br. dir sagen (DRG 5: 252). 8 HWR, vol. 2: 933 s. trer. 9 DRG 7: 790 und zu lef, léi ´f HWR, vol. 1: 433 s. lev. 118 Wolfgang Eichenhofer in Davos und Klosters Biert 10 lautet, oder br. bütsch Kuss , das ins Bdt. als Butsch Eingang gefunden hat 11 . Eine Übernahme des romanischen bé c´(¿) und eine Spirantisierung des bzu verst in deutschem Munde ist also kaum zu erwarten. viii) Auch eine Diphthongierung des romanischen -éin bé c´(¿) zu -í¿in Wieggi ist wenig wahrscheinlich, cf. br. migla > Migel Brosame in Küblis 12 , br. micha Schildbrot > Migge n Brötchen in Davos 13 , br. spitg, spech Rahmmus, Schmalzmus > Spigg in Obersaxen und Tschappina 14 sowie Spetsch in Schuders 15 , schließlich sutselv. piklá(r) Ähren lesen , das in Nufenen spig(g)le n lautet 16 . ix) Dass der romanische Mediopalatal - c´in bé c´¿ nicht unbedingt deutsches -g ˚ ergibt, zeigt obiges Spetsch < br. spitg, spech (viii). Eine Entlehnung der im Plàn belegten Form bék¿ ins Prättigau, die am ehesten das -g ˚ in Wieggi stützen könnte, scheidet aus geographischen Gründen aus, womit wir bei der Dame Géographie angelangt sind. Im Bündnerromanischen wird die Beere im Allgemeinen durch cocca und cocla < *coøcca, *coøccula bezeichnet 17 . b ca hat, wie wir gesehen haben, in Romanischbünden keine erbwörtlichen Reflexe, die bé c´¿ usw. lauten; surselv. bacca ist aus italienisch bacca entlehnt 18 . Romanischbünden dürfte somit (entgegen Krefeld 1997: 27) nicht als Gebiet zu betrachten sein, in dem die Grammatikalisierung von b ca eine Einschränkung der appellativischen Verwendung des Wortes bewirkte. Wäre nun bé c´¿ tatsächlich aus dem Albulatal in das Prättigau übernommen, stellte sich ein anderes Problem: Die Variante zum walserischen Wort Wieggi, nämlich Wiegge n , ebenfalls mit der Bedeutung Johannisbeere , ist auch für Gressoney (Piemont) bezeugt 19 . Es dürfte sicher sein, dass Wieggi und Wiegge n gemeinsamer, wenn auch unklarer Herkunft sind 20 . Träfe Krefelds These einer Entlehnung der Prättigauer Variante Wieggi aus surmeir. bé c´¿ zu, dann müsste Wiegge n in Gressoney anderer Herkunft sein, weil dieses Wort aus geographischen Gründen nicht aus dem Albulatal entlehnt sein kann. Anders gesagt: Die Dame Géographie im Verein mit der Dame Phonétique führt uns zu folgendem Schluss: Die als Titel dieses Beitrags stehende Frage - Stammt bündnerromanisch bé c´¿aus b ca? - darf freiweg mit Nein beantwortet werden. Zürich Wolfgang Eichenhofer 10 SchwId. 4: 1627. 11 SchwId. 4: 1934, weiter br. butsch, putsch wattierte Kindermütze bzw. wattierter Hausschuh mit dem Reflex Butsch, Pin Langwies, op. cit.: 1935. 12 SchwId. 4: 106. 13 SchwId. 4: 123. 14 SchwId. 10: 59; zu Spieg im Rheinwald cf. sutselv. spiec, HWR, vol. 2: 819 s. spitg Rahmmus . 15 SchwId. 10: 631. 16 SchwId. 10: 59; HWR, vol. 2: 817 s. spiglar. 17 DRG 4: 8s. 18 DRG 2: 9. 19 SchwId. 15: 1027. 20 Loc.cit. 119 Stammt bündnerromanisch bé c´¿ aus b ca? Bibliographie DRG = Diczionari Rumantsch Grischun, Cuoira 1938ss. HLB = W. Eichenhofer, Historische Lautlehre des Bünderromanischen, Tübingen/ Basel 1999 Holtus, G./ Kramer, J./ Schweickard, W. (ed.) 1997: Italica et Romanica. Festschrift für Max Pfister zum 65. Geburtstag, vol. 1, Tübingen Huonder, J. 1901: «Der Vokalismus der Mundart von Disentis», RF 11: 431-566 HWR = R. Bernardi et al., Handwörterbuch des Rätoromanischen, 2 vol., Zürich 1994 Krefeld, Th. 1997: «Dame Phonétique, Dame Sémantique et les autres. Bemerkungen zur bündnerromanischen Negation», in: Holtus/ Kramer/ Schweickard 1997: 23-29 SchwId. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Frauenfeld 1881ss.
