Vox Romanica
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0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
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Kristol De StefaniThesaurus Proverbiorum Medii Aevi (TPMA). Lexikon der Sprichwörter des romanischgermanischen Mittelalters. Begründet von Samuel Singer. Herausgegeben vom Kuratorium Singer der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, vol. 3: Erbe - freuen – vol. 9: niesen - Schädlichkeit, Berlin/New York (de Gruyter) 1996-99, 496 + 496 + 476 + 475 + 492 + 483 + 475 p.
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R. Schenda
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Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi (TPMA). Lexikon der Sprichwörter des romanischgermanischen Mittelalters. Begründet von Samuel Singer. Herausgegeben vom Kuratorium Singer der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, vol. 3: Erbe freuen - vol. 9: niesen - Schädlichkeit, Berlin/ New York (de Gruyter) 1996-99, 496 + 496 + 476 + 475 + 492 + 483 + 475 p. Seit der Besprechung der ersten Bände dieses gewaltigen Unternehmens innerhalb der enzyklopädischen Literatur des 20. Jahrhunderts (cf. VRom. 55 [1996]: 255-58) hat der TPMA erfreulich rasche Fortschritte gemacht. Neun reichhaltige Bände liegen nunmehr (zum Jahresende 1999) vor und geben jedem philologischen Kärrner, aber auch den kulturhistorisch denkenden Hilfsarbeitern genügend zu tun. Der Rezensent hat die nicht einfache Aufgabe, die Leistungen der Herausgeberteams zu würdigen, einen gewissen Blick über sieben neue Gaben des Singerschen Sprichwort-Geistes zu gewährleisten und hie und da dem saftigen Weisheits-Braten ein paar Senfkörner der Kritik beizustreuen. Jedenfalls kann er schon jetzt den mutmaßlichen Frequenzensieger des Gesamtwerkes benennen: Es ist gewiß nicht der Mann (vol. 8: 94-108, 173 Belege), nicht das Kind (vol. 7: 10-48 mit 621 Sprüchen) und auch nicht der ungewöhnlich oft gepriesene Freund (vol. 4: 1-68, 1157 Belege), ja nicht einmal Gott (vol. 5: 135-209, 1443 Aussagen), sondern in der Tat die Frau (vol. 3: 328-455; cf. dazu noch Hure oder Jungfrau) mit 1818 Sprichwörtern und Redensarten, die das Mittelalter ihr gewidmet hat. Diese Freude (vol. 3: 467-96) über das Thema Nummer Eins der Männerwelt sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Geld, das oftmals fehlt (vol. 4: 329-63) 600, dem blinden, wechselhaften und zerbrechlichen Glück (vol. 5: 62-110) 747, dem Geben (vol. 4: 178-235) 857 und dem Adjektiv gut (vol. 5: 243-93) gar 965 Sprüche gewidmet sind. Der TPMA ist schon jetzt ein Spiegel der wirtschaftshistorischen Gegebenheiten und Probleme des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Das Haus (vol. 5: 440-57) und seine Tiere beansprucht beispielsweise hohe Aufmerksamkeit: Der Esel (vol. 3: 57-85) wird nicht nur gescholten, sondern auch gehörig gewürdigt; die Sprichwörter und Redensarten um Pferd/ Gaul/ Roß (vol. 9: 93-123) oder Rind/ Kuh/ Ochse/ Stier (vol. 9: 310-41) nehmen breite Räume ein; freilich gehören zu den Alltäglichkeiten der Stube auch die Fliegen (vol. 3: 292- 98), und die Maus springt gar nicht faul in den Kammern herum (vol. 8: 152-60), denn «Hus mus verdirbet niht» (Nr. 77). Die wichtigste Rolle auf dem Hofe spielt allerdings der Hund (vol. 6: 216-92), für welchen der TPMA 1179 Sprüche anbietet; der Katze (vol. 6: 441-65) wird hingegen nicht halb so viel Bedeutung beigemessen. Für den Haushalt sind vor allem Kleider (vol. 7: 62-82, 342 Belege), dann aber auch Gefässe (vol. 4: 262-92, 536 Texte) oder Kerzen (vol. 7: 2-6) wichtig. Die Sorge um das alltägliche Wetter läßt sich an den belegreichen Lemmata Regen (vol. 9: 227-37) oder Kälte (vol. 6: 403-06) ablesen. Der TPMA weist 145 Sprichwörter und Redensarten über den Markt (vol. 8: 109-18; cf. dazu noch Kauf, vol. 6: 465-71) nach. Grundsätzlich läßt sich festhalten, dass Geistesbeschäftigungen mit dem Materiellen wesentlicher sind als die mit dem Gedanken (vol. 4: 241-53, 219 Beispiele), dem Geist (vol. 4: 309-12: nur 48) oder dem Komplex Gelehrsamkeit (vol. 4: 366-69: nur 52 Belege). Soziale Konfliktsituationen lassen sich an der Frequenz bestimmter, auf problematische Verhältnisse, Vorkommnisse oder Figuren bezogene Personen ablesen: Rund 400 Belege über den Kampf (vol. 6: 409-34) ergeben ein scharfes Bild mittelalterlicher Streitkultur. Der Artikel über Herren und Herrschaften (vol. 6: 28-65, 689 Belege) reflektiert mancherlei Kontraste zwischen den dominierenden und den subalternen gesellschaftlichen Klassen; viele dieser Verhaltensregeln finden sich in der Frühen Neuzeit teils in den Fürstenspiegeln, teils in den Ratgebern für Dienstboten wieder; die Kritik am Hofe (vol. 6: 140-47) nimmt so manche Weisheit Antonio Guevaras oder Giambattista Basiles vorweg. Der ferne Kaiser findet 232 Besprechungen - Comptes rendus allerdings relativ wenig Beachtung (vol. 6: 400-02); der König (vol. 7: 124-40, 249 Aussagen) ist dem Volke näher. Böse Nachbarn (vol. 8: 296-307) sind allemal ein Ärgernis gewesen. Gewinn (vol. 4: 470-91, 308 Belege! ) und Reichtum (vol. 9: 241-61) kontrastieren mit ihren satten Belegen mit jenen der Armut im ersten Band des TPMA. Der Frage des gerechten Lohns in seinem Wechselverhältnis zur Arbeit (vol. 8: 32-40) ist mancherlei kluge Überlegung gewidmet. Mönch (vol. 8: 224-30), Pfaffe (vol. 9: 68-81) und Richter (vol. 9: 289-304; cf. auch Jurist, vol. 6: 392-95) sind Repräsentanten der Institutionen Kirche und Justiz, die im Rampenlicht der öffentlichen Kritik stehen. Schwer zu beurteilen ist die ungemein hohe Frequenz von Narren (vol. 8: 348-411 mit 1124 Belegen), Toren, Verrückten und anderen Vertretern der Dummheit; es ist offenbar ein verbreitetes menschliches Bedürfnis, sich selbst als homo sapiens von den Unwissenden abzugrenzen. Der Mensch (vol. 8: 182-202), dem sein Leben (vol. 7: 295-319, 358 Belege) kurz und hinfällig und mit mancherlei Leid (vol. 7: 346-65) erfüllt zu sein scheint, beobachtet das Kleine (vol. 7: 83-98, 220) eher als das Große (vol. 5: 222-30, nur 70 Aussagen); er betrachtet zunächst einmal sich selbst mit kritischen Augen und schaut, nicht zuletzt mit Tadel und Spott, auf Finger (vol. 3: 253-61), Hand (vol. 5: 370-92) und Fuss (vol. 4: 135-45), Mund (vol. 8: 262-83), Nase (vol. 8: 412-21) und Ohr (vol. 9: 34-44 mit 161 Belegen). Besondere Hochachtung genießt das Herz (vol. 6: 65-79), denn «Li cuers d’un home vaut cent livres d’or mier» (67, Nr. 16). Die Galle (vol. 4: 149-51) wird nur im Zusammenhang mit Honig, nicht mit dem entsprechenden schwarzen oder gelben Humor, sprich Körpsersaft (und der Melancholie sowie dem cholerischen Temperament) diskutiert. Das Stichwort Niere (die doch Sitz des Lebens ist) bleibt ganz ohne Beispiele, und der Verweis auf Weise gibt weitere Rätsel auf. Krankheit (vol. 7: 171-87, 156 Belege) gilt als ein belastendes Problem, findet jedoch auch Verständnis: «Maladie nen est pas hunte» (178, Nr. 36). Wer sich mit der Geschichte der Ernährungsgewohnheiten beschäftigt, wird mit Artikeln wie Essen (vol. 3: 5-114), Fisch (vol. 3: 261-73), Fleisch (vol. 3: 284-89), Getreide (vol. 4: 449-56), Honig (vol. 6: 171-84), Käse (vol. 6: 437-39), Mehl (vol. 8: 169-71) oder Milch (vol. 8: 212-14) gut gespeist.Auf der anderen Seite steht der bedrohliche Hunger (vol. 6: 294-306), der freilich auch als des Essens beste Würze gilt (300). Sprichwörter sind allemal Wächter über die alltägliche Moral: Geiz (vol. 4: 312-28 mit 279 Beispielen), Neid (vol. 8: 447-60 mit 243 Belegen) und Lügen (vol. 8: 55-79, 379 Belege) werden hundertfach geächtet und gebrandmarkt, «car on mant tant que l’on ne seit cu(i) croire» (Nr. 21-23), und dem Mund wird vielfach zum Schweigen geraten. Mass, Mässigkeit und Masshalten werden ebensooft empfohlen (vol. 8: 124-41, 317 Belege). Der Hochmut und die Hoffart (vol. 6: 124-37) finden keinerlei Anerkennung; die Superbia kommt nicht nur vor dem Fall, sie ist «radix omnium malorum» (131, Nr. 108). Dem Können des Einzelnen (vol. 7: 140-53, 231 Belege) wird hingegen uneingeschränkte Bewunderung gezollt. Lernen ist wichtig (vol. 7: 370-81), Lesen (vol. 7: 381-84) nicht immer nützlich. Der allerhöchste moralische Wert wird ohne Zweifel der Liebe (vol. 7: 398-486 mit 1630 Belegen) zugemessen: «Et boine amor toute rien vaint» (414, Nr. 176). Nicht alle Stichwörter (doch werden auch sie immerhin aufgeführt) finden eine hinreichende Erklärung: Was mit dem «Olivier courant» (vol. 9: 47s.) anzufangen sei, bleibt ein hübsches Rätsel; der Neffe des Charlemagne scheint in solchen Reden eine Art von Schwankfigur zu sein. «Maria in Ravenna suchen» (vol. 9: 211ss.; auch bei G. B. Basile, Das Märchen von den Märchen. Das Pentamerone, ed. R. Schenda, München [im Erscheinen]) hat doch wohl damit zu tun, dass die ältesten Kirchen dieser Stadt (S.Apollinare Nuovo und in Classe, S. Francesco, S. Giovanni, S. Vitale etc.), nicht der heiligen Jungfrau geweiht sind. Bei der Gans (vol. 4: 151-60) findet man leider keinen klärenden Beleg zum Perrault-Problem der «mère l’oye». Die Übersetzung von gemein mit vilain oder umgekehrt von vilain mit gemeiner Mann (vol. 4: 370s.) halte ich für übereilt oder zumindest für allzu verallge- 233 Besprechungen - Comptes rendus meinernd: Der Gemeinde-Mann ist in der frühen Neuzeit ein keineswegs abschätzig bewerteter Dorf-Bürger, ein angesehenes Mitglied der Mittelschicht. Vielleicht liegt es an der relativ geringen Zahl von italienischen Belegen, dass sich zu einigen populären Vorstellungen keinerlei Redensarten finden - so vermisst man März/ April-Sprüche oder Martins-Zitate, die sich auf gehörnte Ehemänner beziehen. Beim schwach besetzten Mut (vol. 8: 287s.) sucht man ein Sprichwort mit fegato vergeblich; die Leber selbst (vol. 7: 319) ist seltsamerweise nur mit einer Aussage vertreten. An vielen Stellen hätte sich der Kulturwissenschaftler in der Tat Hinweise auf den einen oder anderen Spezialaufsatz zum Thema gewünscht; die Enzyklopädie des Märchens ließe sich an vielen Stellen mit parallelen Lemmata (sei es Hase oder Hund, Haut oder Haar, nicht zu reden von Herrschaft) heranziehen. Zum Thema Hahnrei (bei Horn, Hörner, vol. 6: 195- 200) liest man z. B. mit Gewinn Alison Sinclair, The Deceived Husband. A Kleinian Approach to the Literature of Infidelity, Oxford 1993. Die neuesten Materialien zum Thema Glück findet man bei Sibylle Appuhn-Radtke, « Fortuna stabilis - das dauerhafte Glück. Zur Bildgenese einer Wunschvorstellung», in: Marianne Sammer (ed.), Leitmotive. Kulturgeschichtliche Studien zur Traditionsbildung, Festschrift für Dietz-Rüdiger Moser zum 60. Geburtstag, Kallmünz 1999: 349-73. Zum Hosenstreit zwischen Frau und Mann (vol. 6: 202ss.) empfiehlt sich jetzt die Lektüre von Sigrid Metken, Der Kampf um die Hose, Geschlechterstreit um die Macht im Haus. Die Geschichte eines Symbols, Frankfurt etc. 1996. Das Problem des Lei(t)kaufs (vol. 6: 471 N7) wurde zuletzt abgehandelt von M. Schumacher, «Der wynkouff ist gedruncken schon . . . ‹Weinkauf› und ‹Lei(t)kauf› zwischen Rechtssprachgeographie,Mentalitätsgeschichte und historischer Metaphorologie»,Germanistische Linguistik 147s. (1999): 411-25. Der vergängliche Löffel aus Brot (vol. 8: 31) findet z. B. manch gute Erklärung bei W. Maaz, «Brotlöffel, haariges Herz und wundersame Empfängnis, Bemerkungen zu Egbert von Lüttich und Giraldus Cambrensis», in: G. Bernt/ F. Rädle/ G. Silagi (ed.), Tradition und Wertung. Festschrift für Franz Brunhölzl zum 65. Geburtstag, Sigmaringen 1989: 107-18. Doch läßt sich solcher Beckmesserei leicht entgegenhalten, dass eine derartige Ausweitung der Aufgaben die Wände des Thesaurus gesprengt hätte - wo sollte man schließlich beim Lachen (vol. 7: 240-53 mit 189 Belegen) mit dem Zitieren anfangen oder aufhören? Doch Kurz und gut (vol. 7: 231, Nr. 6-8) - es bleibt letztlich nur ein Gefühl der Hochachtung und auch der Dankbarkeit für dieses dicke Dokument, das für so manche historischen Studien guten Rat weiß, nützliche Lehren (vol. 7: 324-37) liefert und kräftige Hilfestellungen anbietet. Schon jetzt ist der TPMA eine der großen wissenschaftlichen Leistungen des zwanzigsten Jahrhunderts, und er wird im neuen Säkulum für die Mentalitätenforschung unentbehrlich bleiben. R. Schenda † H Carlo Tagliavini, Einführung in die romanische Philologie. Aus dem Italienischen übertragen von Reinhard Meisterfeld und Uwe Petersen, 2. überarbeitete Aufl., Tübingen/ Basel (Francke) 1998, xxvii + 601 p. (UTB für Wissenschaft. Grosse Reihe) Nachdem 1985 Gröbers Grundriss in einem photomechanischen Nachdruck bei De Gruyter erschienen ist, legt nun der Francke Verlag, ein Vierteljahrhundert nach der ersten Ausgabe, die zweite, überarbeitete Auflage der von Meisterfeld und Petersen besorgten deutschen Übersetzung von Tagliavinis Origini delle lingue neolatine vor. Altbewährte Handbücher erfreuen sich offensichtlich grosser Beliebtheit, zumindest bei den Herausgebern, im selben Mass, ist man zu bemerken versucht, als die Disziplin der Romanischen Philologie selbst in einer Krise steckt, wie die Häufung diesbezüglicher Artikel in deutschen 234 Besprechungen - Comptes rendus
