Vox Romanica
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Francke Verlag Tübingen
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Kristol De StefaniAndré Martinet (1908 – 1999)
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Yvonne Stork
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André Martinet (1908 - 1999) Am 16. Juli 1999 ist André Martinet, einer der bedeutendsten Linguisten dieses Jahrhunderts, im Alter von 91 Jahren verstorben. Er hat ein sehr umfangreiches Werk auf den Gebieten Romanistik, Germanistik, Indoeuropäistik und allgemeine Sprachwissenschaft hinterlassen. Vor allem im Bereich der Phonetik und Phonologie hat er Herausragendes geleistet; seine Arbeiten zur diachronen Phonologie sind es auch, die in der romanistischen Sprachwissenschaft die nachhaltigste Wirkung gezeitigt haben. Viele seiner Werke, in erster Linie die beiden Monographien Économie des changements phonétiques. Traité de phonologie diachronique (1955) und Éléments de linguistique générale (1960), haben lebhafte Debatten ausgelöst und eine enorme Resonanz gefunden. Davon künden nicht zuletzt eine Vielzahl von Rezensionen sowie die hohe Zahl der Übersetzungen in andere Sprachen 1 . Neben inhaltlichen Gründen ist der extrem präzise und dabei gefällige Stil Martinets für den außerordentlich großen Erfolg seiner Publikationen verantwortlich. Martinet wird gemeinhin als Vertreter des Prager Strukturalismus angesehen. Er selbst lehnte diese Zuordnung nicht ab, stand ihr jedoch skeptisch gegenüber. Zwar fühlte er sich v. a. in den 30er Jahren dem Prager Linguistenzirkel sehr eng verbunden, in späteren Jahren jedoch traten allmählich besonders in bezug auf Roman Jakobson unüberbrückbare Differenzen zutage. Martinet bezeichnete sich selbst als funktionellen Strukturalisten. Strukturen sind nach Martinet keine theoretischen Hilfskonstruktionen, sondern existieren tatsächlich in der Sprache und in den Köpfen der Sprecher. Martinet sah sich eher als Funktionalist denn als Strukturalist. Seine These lautet, daß eine funktionelle Sprachbetrachtung dem dynamischen Charakter der Sprache eher Rechnung trägt. Weil der Funktionalis- 1 Für Économie des changements phonétiques führen Henriette und Gérard Walter 48 Besprechungen auf, für Éléments de linguistique générale 39 zu den französischen Ausgaben und 60 zu den Übersetzungen in insgesamt 17 verschiedene Sprachen (Henriette Walter/ G. Walter, avec la collaboration de Brigitte Barré et Florence Rouiller, précédée d’une notice biographique par Jeanne Martinet, Bibliographie d’André Martinet et comptes rendus de ses œuvres, Louvain/ Paris 1988). - Das Werk von Henriette und Gérard Walter, eine Hommage der Universität René Descartes und der Société Internationale de Linguistique Fonctionnelle an André Martinet zu seinem 80. Geburtstag, verzeichnet die bis 1987 erschienenen Schriften André Martinets sowie einige Arbeiten aus dem Jahr 1988. Aufgeführt werden neben 27 Büchern (darunter vier Herausgeberschaften) 305 Aufsätze, des weiteren 108 Rezensionen, 19 Interviews, 23 Vorwörter, 9 Diskussionsbeiträge, eine Übersetzung, vier Festschriften sowie sämtliche Rezensionen zu Martinets Arbeiten. mus zudem ständig Berührung mit der beobachtbaren Gegenwart habe, könne er ein Korrektiv für den seiner Ansicht nach zur Unbeweglichkeit neigenden Strukturalismus sein. Die primäre Funktion der Sprache besteht nach Martinet in der Gewährleistung von Kommunikation. Die verschiedenen sprachlichen Einheiten tragen auf unterschiedliche Weise zur Kommunikation bei. In diesem Zusammenhang ist das Prinzip der pertinence - so seine Übersetzung für den von Bühler und Trubetzkoy übernommenen Terminus Relevanz - von entscheidender Bedeutung, da dieses Martinet zufolge ermöglicht, die verschiedenen sprachlichen Einheiten entsprechend der Rolle, die sie in der Kommunikation spielen, zu klassifizieren. Anders als etwa bei Bloomfield oder Hjelmslev geht es bei Martinet nicht nur um eine Beschreibung, sondern auch um eine Erklärung sprachlicher Phänomene. Über die Funktion einer Einheit bzw. einer Struktur soll die Erklärung konkreter Sprachwandelphänomene gelingen. Für Martinets Auffassung vom Sprachwandel ist seine Aussage «une langue change parce qu’elle fonctionne» bezeichnend 2 . Eine funktionelle Synchronie ist für ihn automatisch auch eine dynamische Synchronie. In anderer Hinsicht zeichnet sich im Laufe der Jahre eine nicht unbedeutende Änderung ab. Während Martinet in seinen frühesten Schriften, unter dem Einfluß anderer diachronischer Strukturalisten, v. a. Trubetzkoys, von einer Tendenz zur Harmonie spricht und einem teleologischen Denken verpflichtet ist, rückt er bald davon ab und arbeitet verstärkt mit dem Ökonomieprinzip. Diesem attestiert er eine absolute Schlüsselposition in der Sprache. Es handelt sich dabei um ein übergeordnetes Prinzip, das jederzeit in der Sprache wirksam ist. Ökonomie ist für Martinet weit mehr als nur Sparsamkeit, sie schließt vielmehr auch Redundanz mit ein. Definiert wird die Ökonomie bei Martinet als ständige Suche nach dem Gleichgewicht zwischen zwei kontradiktorischen Kräften, nämlich den kommunikativen Bedürfnissen der Sprecher und Hörer einerseits und der Tendenz zur artikulatorischen sowie memoriellen Trägheit andererseits. Zwischen diesen beiden Kräften besteht für Martinet eine permanente Antinomie, in der das zentrale Movens für den Sprachwandel zu sehen ist. Martinet begrüßte die interdisziplinäre Forschung, stellte aber immer wieder den autonomen Charakter der Linguistik heraus. Hehre Theoriebildung war ihm fremd, sein Vorgehen beschrieb er als empirisch-deduktiv. Eine Theorie sei zwar nötig, «but it must, at the same time, be founded on experience resulting from observation and be the framework for observation» 3 . In der Literatur zu Martinet fällt bei der Charakterisierung seines Ansatzes immer wieder das Stichwort Realismus - eine Einschätzung, die er selbst teilte. Trotz gewisser Sympathien für 390 Yvonne Stork 2 A. Martinet, Mémoires d’un linguiste. Vivre les langues. Entretiens avec Georges Kassai et avec la collaboration de J EANNE M ARTINET , Paris 1993: 290. 3 Martinet in einem Interview mit H. Parret, erschienen in: H. Parret (ed.), Discussing Language, The Hague/ Paris 1974: 221-47 (240). den v. a. von Jan W. F. Mulder und Sándor G. J. Hervey vertretenen axiomatischen Funktionalismus von St. Andrews, mit dem er Anfang der 70er Jahre in Kontakt kam, betonte er, es sei wichtig, zuerst die realen Probleme anzugehen, bevor man sich erkenntnistheoretischen Fragen zuwende. Er befürwortete eine sich aus der Beschreibung und Beobachtung der Sprache ergebende Axiomatik. André Martinet wurde am 12. April 1908 in St.-Albans-des-Villards (Savoyen) geboren. Beide Eltern stammten aus Savoyen; sie waren dort als Grundschullehrer tätig. Für seinen linguistischen Werdegang von großer Bedeutung war die Tatsache, daß die Bevölkerung in Savoyen im allgemeinen zweisprachig war. War man unter seinesgleichen, wurde patois gesprochen, ansonsten ein lokal gefärbtes Französisch. Martinet verstand selbstverständlich das Savoyer patois, sprach aber - als Lehrerkind, das zudem in seiner frühen Kindheit mehrmals innerhalb von Savoyen umgezogen war - Französisch. Da die anderen Kinder mit ihm nicht patois, sondern Französisch sprachen, war er in einer gewissen Außenseiterposition. Im Alter von 11 Jahren zog er mit seiner Familie nach Paris. Er studierte an der Sorbonne, der École pratique des Hautes Études und dem Collège de France zunächst Anglistik und Germanistik; später, nach Ablegung der Agrégation in Englisch (1930), beschäftigte er sich zunehmend mit allgemeiner Sprachwissenschaft. 1931/ 32 studierte er an der Universität Berlin. Im Jahr 1932 begann er einen Briefwechsel mit Trubetzkoy und nahm auf diese Weise direkten Kontakt zur Prager Schule auf. 1934 heiratete er die Dänin Karen Mikkelsen-Sørensen. Er promovierte 1937 mit La gémination consonantique d’origine expressive dans les langues germaniques als thèse principale und La phonologie du mot en danois als thèse complémentaire. Noch im selben Jahr wurde Martinet zum «Directeur d’études de phonologie» an der École pratique des Hautes Études ernannt. In den 30er Jahren beschäftigte er sich vornehmlich mit der diachronischen Phonologie. 1939 veröffentlichte er den Aufsatz «Rôle de la corrélation dans la phonologie diachronique», der im Ansatz bereits viele Gedanken enthielt, die Martinet - in klarerer Form - in Économie des changements phonétiques weiterentwickeln sollte. In den 40er Jahren rückte zunehmend auch die synchronische Phonologie ins Zentrum seines Interesses. Im zweiten Weltkrieg geriet Martinet in Gefangenschaft und wurde in einem Lager für Offiziere interniert. Auch in dieser Extremsituation blieb er der Linguistik verbunden und realisierte unter 409 Offizieren eine Umfrage zur Aussprache des zeitgenössischen Französisch, aus der später ein Werk zur phonologischen Beschreibung des modernen Französisch hervorging 4 . Im Oktober 1941 kam er mit Hilfe seiner Frau aus der Gefangenschaft frei. Aufgrund der Umstände seiner Befreiung erscholl von einigen Seiten der - unberechtigte - Vorwurf, Martinet sei ein Kollaborateur gewesen, worauf sich die Aufnahme in den Kreis der Pariser Kollegen nicht gerade herzlich gestaltete. 391 André Martinet (1908-1999) 4 La prononciation du français contemporain. Témoignages recueillis en 1941 dans un camp d’officiers prisonniers (1945). 1946 ging Martinet nach New York, da ihm die Leitung der dort ansässigen International Auxiliary Language Association anvertraut wurde. 1947 heiratete er seine zweite Frau, die Ethnologin Jeanne Allard, die er in Paris kennengelernt hatte. Sie wurde seine engste Mitarbeiterin. Von 1947 bis 1960 fungierte er als Herausgeber der Zeitschrift Word, zunächst zusammen mit Morris Swadesh, später mit Joseph Greenberg, Uriel Weinreich und Louis Heller. Im Jahr 1947 übernahm er den Lehrstuhl für allgemeine und vergleichende Linguistik an der Columbia University. Martinet unterrichtete synchrone und diachrone Linguistik, konzentrierte sich aber, auch um Überschneidungen mit der damals in den USA tonangebenden Linguistik Bloomfields zu vermeiden, auf die Diachronie. Er entwickelte seine in den 30er Jahren begonnenen Überlegungen zur Rolle der Ökonomie und zur Dynamik der Sprache weiter. 1952 präsentierte er in «Function, structure and sound change» zum ersten Mal eine Gesamtdarstellung seiner Theorie der diachronen Phonologie. Gemeinsam mit Roman Jakobson, mit dem ihn zunächst eine enge Freundschaft verband, vertrat er die europäische Fraktion an der Columbia University. Zwischen den beiden kam es jedoch, wesentlich bedingt durch Martinets kategorische Ablehnung des Binarismus und seine Kritik an Jakobsons Universalienkonzeption, zum Bruch. Im Jahr 1955 kehrte Martinet nach Frankreich zurück und wurde auf den Lehrstuhl für allgemeine Linguistik an der Sorbonne berufen. Im selben Jahr erschien die Économie des changements phonétiques. Dieser bedeutende, aus funktionellstrukturalistischer Perspektive konzipierte methodische Beitrag zur diachronen Phonologie besteht aus einem theoretischen Teil mit Einzelkapiteln zu Schlüsselthemen wie fonction, structure und économie, und einem zweiten Teil mit acht, mehrheitlich bereits zuvor publizierten Einzelanalysen. Phonetische und phonologische Veränderungen sollen Martinet zufolge nicht nur beschrieben, sondern auch interpretiert werden. Die zentrale Rolle bei der Erklärung des Sprachwandels sieht er in dem bereits erwähnten Ökonomieprinzip. Hervorgehoben wird die Antinomie zwischen dem Streben nach einem möglichst symmetrischen phonologischen System einerseits und der Asymmetrie der Artikulationsorgane andererseits. 1957 wurde für Martinet an der École pratique des Hautes Études die «Direction d’études de linguistique structurale» geschaffen. Die Phonologie blieb eines seiner Hauptarbeitsgebiete, doch er begann, sich verstärkt der Syntax zu widmen. Zudem verfaßte er Arbeiten zur Morphologie, zur Wortbildung und zum Lexikon. Der Begriff der Funktion spielte weiterhin eine zentrale Rolle. Im Jahr 1960 veröffentlichte Martinet die Éléments de linguistique générale, eine Einführung in die allgemeine Sprachwissenschaft aus funktionell-strukturalistischer Perspektive. Sie ist geprägt von seiner Auffassung der Sprache als zweifach gegliedertes Instrument der Kommunikation 5 . Neben der phonologischen und der monematischen Analy- 392 Yvonne Stork 5 Die These von der double articulation vertrat Martinet bereits in seinem 1949 veröffentlichten Aufsatz «La double articulation», aber sie erlangte erst durch das Erscheinen der Éléments de linguistique générale allgemeine Bekanntheit. se, bei der Martinet nach dem Kriterium der syntaktischen Autonomie autonome, funktionale und abhängige Moneme unterscheidet, ist der Sprachwandel ein wichtiges Thema des Buches. 1965 gründete Martinet als Forum für den linguistischen Funktionalismus die Zeitschrift La linguistique. 1976 war er beteiligt an der - vom axiomatischen Funktionalismus beeinflußten - Gründung der Société internationale de linguistique fonctionnelle (SILF), deren Organ La linguistique von da an war. Im Jahr 1977 ging Martinet in den Ruhestand; er blieb aber weiterhin in der Lehre und in der Forschung aktiv. Nach den Éléments de linguistique générale veröffentlichte er noch mehrere Bücher, darunter verschiedene Sammelbände mit bereits zuvor - zum Teil verstreut - publizierten Aufsätzen, die von den Kritikern zwar im allgemeinen positiv, aber merklich verhaltener aufgenommen wurden als die Économie des changements phonétiques und die Éléments de linguistique générale. Einiges wiederhole sich, und es mangele ihnen an Originalität; so lauteten die Vorwürfe. Darüber hinaus publizierte Martinet seit Mitte der 70er Jahre einige ausschließlich der Syntax gewidmete Bücher, wie die Grammaire fonctionnelle du français (1979) und die stärker theoretisch ausgerichtete Syntaxe générale (1985). Insgesamt wurden seine Arbeiten zum Gebiet der Phonetik und Phonologie deutlich positiver rezipiert als diejenigen zur Syntax. Martinet, der sich selbst eine «sauvagerie naturelle» (Martinet 1993: 70) attestierte, war keiner, der Konfrontationen scheute. Einerseits sah er sich in verschiedenen Phasen seines Lebens in der Außenseiterposition - als Kind in Savoyen, als französischer Linguist in Amerika, später dann als Heimkehrer in Frankreich - und zudem mußte er sich als Phonetiker und Phonologe gerade innerhalb der französischen Universitätslandschaft verschiedentlich anhören, daß er nur Phonologe sei 6 . Andererseits aber nahm er sehr engagiert am wissenschaftlichen Geschehen seiner Zeit teil und zog wichtige Fäden. Von ihm initiierte und herausgegebene Sammelbände (Le langage [1968]; La linguistique, Guide alphabétique [1969]) zeichnen sich durch eine ausgeprägte Kohärenz aus. Durch Vorwörter, etwa zur französischen Übersetzung der Principes de phonologie von Nicolas S. Troubetzkoy (1949), zum Essai pour une histoire structurale du phonétisme français von Alphonse Juilland/ André G. Haudricourt (1949), zu Languages in Contact von Uriel Weinreich (1953) oder zur 1976 erschienenen französischen Übersetzung von Otto Jespersens Language, its Nature, Development and Origin (1976) bezog er unmittelbar Position zu zentralen linguistischen Arbeiten seiner Zeit. Mit seinem 1946 erschienenen Artikel «Au sujet des fondements de la théorie linguistique de Louis Hjelmslev», in dem er sich ausführlich mit Hjelmslevs 1943 in dänisch erschienenem Werk Omkring sprogtheoriens grundlaeggelse auseinandersetzte, machte er die glossematische Theorie nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern bekannt. Das Vermitteln von Grundlagenwissen hatte bei ihm ebenfalls einen hohen Stellenwert. 393 André Martinet (1908-1999) 6 In seinen Memoiren zitiert er exemplarisch seinen Kollegen Lejeune, der mit Blick auf ihn gesagt habe: « . . . il n’y a que les . . . imbéciles pour faire de la phonétique» (Martinet 1993: 94). Das zeigt sich besonders in den Éléments de linguistique générale, daneben in anderen einführenden Werken wie der Initiation pratique à l’anglais (1947) und dem Manuel pratique d’allemand (1965). Auch die Lehre war ihm ein sehr wichtiges Anliegen. Vor allem in seinen Seminaren an der École pratique des Hautes Études bildete er viele Forscher aus, deren Arbeiten sich mit den verschiedensten Sprachen beschäftigen. Bedeutende Schüler sind Uriel Weinreich, Emilio Alarcos Llorach, André Haudricourt und Alphonse Juilland. Um Martinet herum bildete sich eine funktionalistische Schule, ohne daß diese offiziell als solche bezeichnet wurde. Einige seiner New Yorker und Pariser Schüler bzw. Studenten organisierten 1974 in Groningen ein internationales Kolloquium zur funktionellen Linguistik, das seitdem jährlich an verschiedenen Orten stattfindet. Martinet beeinflußte zudem die Schaffung einer funktionellen Semiologie; wichtige Vertreter sind Luis Prieto, Georges Mounin und Henriette Walter. Seine größte Wirkung entfaltete Martinet zwischen Mitte der 50er und Ende der 60er Jahre. Die herausragende Rolle, die er im europäischen Strukturalismus spielte, zeigt sich daran, daß er ausgewählt wurde, in dem von A. L. Kroeber herausgegebenen Sammelband Anthropology today das Kapitel über Structural linguistics zu verfassen (1953). In den letzten Jahren klang Martinet leicht resigniert: «Il a fallu que le structuralisme passe de mode pour qu’on s’intéresse de nouveau aux changements linguistiques. C’est en vain que ses hérauts qu’étaient les premiers phonologues ont signalé que structure n’impliquait pas nécessairement immobilisme» 7 . Er neigte dazu, seine Position isolierter zu sehen, als sie tatsächlich war. Schließlich wurde die zuerst in der Phonologie zu findende Verbindung von Strukturalismus und Diachronie in der Folge auch in anderen Bereichen der Linguistik hergestellt; man denke nur an Coserius programmatischen Aufsatz aus den 60er Jahren, «Pour une sémantique diachronique structurale» 8 . Gegenüber neueren Disziplinen wie Soziolinguistik und Pragmatik zeigte sich Martinet skeptisch. Er vertrat die Auffassung, daß die Inhalte dieser beiden Disziplinen von einem funktionellen Strukturalismus, so wie er ihn konzipierte, bereits abgedeckt würden. Im allgemeinen war Martinet - bei aller Freude an der Auseinandersetzung, ja teilweise Streitlust - anderen Ansätzen gegenüber aufgeschlossen. Starke Kritik äußerte er an Guillaume sowie an dem sich von der Linguistik distanzierenden und seinerAnsicht nach theorielastigen philosophischen Strukturalismus. Besonders harsch - und unversöhnlich - fiel seine Kritik an Bloomfield und am Generativismus aus. Er warf ihnen linguistischen Imperialismus vor 9 und konnte es nur schwer verwinden, daß einige in- und ausländische Funktionalisten zu den Generativisten überliefen. Für sein Werk wurde Martinet mehrfach mit Preisen, wie dem Prix Volney (1938 und 1956) und dem Prix Honoré Chevalier (1946), sowie - gerade außerhalb 394 Yvonne Stork 7 «Changements linguistiques ou fonctionnement du langage? », La Linguistique 26/ 2 (1990): 153-58 (153). 8 TraLiLi. 2/ 1 (1964): 139-86. 9 «Pour une linguistique des langues», Foundations of Language 13 (1973): 339-64 (339). Frankreichs - mit Ehrungen bedacht: er war Ritter der Ehrenlegion, Ehrendoktor an mehreren europäischen und außereuropäischen Universitäten, Mitglied diverser Akademien wie der königlichen Akademie von Dänemark oder der Akademie der Wissenschaften von Oslo, Ehrenmitglied verschiedener Gesellschaften wie der Società italiana di linguistica oder der Linguistic Society of America sowie Ehrenpräsident der International Linguistic Association und der Société internationale de linguistique fonctionnelle. Düsseldorf Yvonne Stork 395 André Martinet (1908-1999)
