Vox Romanica
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2941-0916
Francke Verlag Tübingen
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2003
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Kristol De StefaniPeter Stotz, Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters, vol. 1: Einleitung, Lexikologische Praxis, Wörter und Sachen, Lehnwortgut, München (Beck) 2002, XXXI + 723 p. (Handbuch der Altertumswissenschaft II.5.1)
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2003
Ricarda Liver
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Besprechungen - Comptes rendus Peter Stotz, Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters, vol. 1: Einleitung, Lexikologische Praxis, Wörter und Sachen, Lehnwortgut, München (Beck) 2002, XXXI + 723 p. (Handbuch der Altertumswissenschaft II.5.1) Niemand wird bestreiten, dass die Rezension eines Handbuches ein mühsames Geschäft ist. Aber unendlich viel mühsamer ist es, ein Handbuch zu verfassen. Mühsam und verdienstvoll, eine Herkulesarbeit und ein Wagnis, besonders in einem Falle wie dem vorliegenden, wo der Gegenstand (das mittelalterliche Latein) sich allen herkömmlichen Definitionen entzieht. Der Zürcher Latinist Peter Stotz hat diese Aufgabe (im Alleingang! ) angepackt und zu Ende geführt (es fehlt nur noch der Registerband, der 2004 erscheinen soll) und damit der Wissenschaft ein lange vermisstes Grundlagenwerk geschenkt. In früheren Jahrgängen dieser Zeitschrift wurden jeweils die bisher erschienenen Bände vorgestellt: vol. 3 in VRom. 57 (1998): 194-96 (F. Möhren), vol. 4 in VRom. 59 (2000): 217s. (R. Liver) und vol. 2 in VRom. 60 (2001): 238s. (R. Liver). Der hier anzuzeigende 1. Band hat insofern eine besondere Bedeutung, als er die allgemeine Einleitung enthält, in der der Autor seine Gesamtkonzeption darlegt und seinen Gegenstand definiert. Der erste Band enthält vier «Bücher»: Im 1. Buch (3-167) folgen auf eine allgemeine Charakterisierung des mittelalterlichen Lateins Abschnitte zum Christenlatein, zum Vulgärlatein, zu den verschiedenen Sprachlandschaften im frühen Mittelalter, zu den weiteren Schicksalen des Lateins im Mittelalter, zu Problemen der Interferenz zwischen Latein und anderen Sprachen, insbesondere den verschiedenen Volkssprachen, zum Latein als gesprochener Sprache und zu Formen der Sprachmischung. Das 2. Buch behandelt unter dem Titel «Lexikologische Praxis» (171-298) die Wörterbücher, die das mittelalterliche Latein beschreiben. Hier finden sich auch Darstellungen von Wörterbüchern aller Disziplinen, die im Studium des lateinischen Mittelalters mitberücksichtigt werden müssen, so unter anderem eine bibliografia ragionata romanistischer Wörterbücher (245-52). Das 3. Buch, «Wörter und Sachen» (301-500), beschreibt das mittellateinische Lexikon in zentralen Sinnbezirken. Das 4. Buch mit dem Titel «Lehnwortgut» (503-723) ist den Beziehungen des mittelalterlichen Lateins zum Griechischen, zu orientalischen und zu germanischen Sprachen gewidmet (zum Ausschluss der Entlehnungen aus romanischen Sprachen cf. §1.16, p. 508). In der Rezension von vol. 2 wurde auf Schwierigkeiten der Abgrenzung hingewiesen, vor allem in den Bereichen «Wörter und Sachen» und «Lehnwortgut» (VRom. 60: 238). Die Einleitungen zu den Büchern 3 und 4 des ersten Bandes, die mit eben diesen Titeln überschrieben sind, geben jetzt Aufschluss über die Verteilung des Materials: Im 3. Buch von vol. 1 werden unter «Wörter und Sachen» die lexikalischen Repräsentanten einzelner Sinnbezirke übersichtsmässig dargestellt. Im 5. Buch (vol. 2), das dem Bedeutungswandel gewidmet ist, werden entsprechende Materialien systematisch unter semantischen Gesichtspunkten abgehandelt. Ganz klar wird aus der Einleitung zu Buch 4, «Lehnwortgut», auch die Verteilung der Lehnphänomene auf die Bücher 4 (vol. 1) und 5 und 6 (vol. 2): im 4. Buch werden die eigentlichen Entlehnungen behandelt, im 5. die Lehnbedeutungen und im 6. die Lehnbildungen. Ich wollte diesen Nachtrag zu meiner letzten Rezension der Besprechung des 1. Bandes vorausschicken, um zu betonen, dass das jetzt überblickbare Gesamtwerk kohärent und einleuchtend strukturiert ist. 205 Besprechungen - Comptes rendus Im Folgenden soll der Einleitungsteil (vol. 1, Buch 1) gewürdigt werden, der die Grundlage des Gesamtwerkes darstellt. Hier definiert der Autor seinen Gegenstand, äussert sich zu grundlegenden Problemen und skizziert eine nach Ländern, Benutzern und Gebrauchsbereichen differenzierte Geschichte der Verwendung des Lateins im Mittelalter. Es ist nicht die Aufgabe einer Rezension, die Fülle der Inhalte des besprochenen Werkes nachzuzeichnen, besonders, wenn es sich um ein Handbuch handelt. Wir beschränken uns im Folgenden darauf, die Stellungnahmen des Autors zu einigen wichtigen und in der Forschung kontroversen Problemen wiederzugeben. Am Anfang der Einleitung distanziert sich Peter Stotz vom weithin verbreiteten Begriff «Mittellatein», den Jacob Grimm geprägt hatte. Zu Recht, denn der Begriff suggeriert einen bestimmten Sprachzustand, der sich historisch zwischen einem älteren und einem neueren Zustand situiert, etwa wie Mittelhochdeutsch zwischen Althochdeutsch und Neuhochdeutsch. Stotz verwendet dagegen konsequent «mittelalterliches Latein» und betont, dass der Begriff nicht als Definition eines bestimmten Sprachzustands, sondern als ein «historisch-sprachsoziologischer (Hilfs-)Begriff» (4) verstanden werden soll. Entsprechend wird auch «Spätlatein» durch «spätantikes Latein», «klassisches Latein» durch «römisches/ antikes Latein» ersetzt (5). So korrekt und begrüssenswert diese Begriffsbestimmungen sind, aus stilistischen Gründen wird man sich dennoch hie und da erlauben, das Adjektiv «mittellateinisch» einem umständlicheren Syntagma vorzuziehen und von «Mittellateinern» zu sprechen, wenn man die Erforscher des mittelalterlichen Lateins meint. In der zeitlichen Abgrenzung seines Gegenstands hält sich Verf., bewusst der Problematik jeglicher Epochengrenzen, an die traditionell dem Mittelalter zugewiesene Zeitspanne von 500 bis 1500 (5-8). Es folgt ein Abriss der Geschichte des Lateins im Mittelalter: die unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Gebieten im Frühmittelalter (9s.), die Sonderstellung Englands und Irlands, wo ein korrekteres Latein gepflegt wird als in den romanischen Ländern (11), die karolingische Reform und ihre Auswirkung auf die Sprachverhältnisse in den einzelnen Ländern (12-19), schliesslich die Erneuerungen der Latinität im Fortgang des Mittelalters, worin die Scholastik eine entscheidende Rolle spielt, und der Beginn des Austausches zwischen lateinischer und aufkommender vulgärsprachlicher Schriftlichkeit (19-23). Am Schluss dieses ersten Teils der Einleitung (23-35) werden zwei wichtige Aspekte der Charakterisierung des mittelalterlichen Lateins diskutiert. §8 (23-29) stellt die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität. Es ist eine Frage, die nur mit einem differenzierten «sowohl als auch» beantwortet werden kann. Kontinuität besteht insofern, als für die mittelalterlichen Lateinbenutzer kein Bruch zwischen Spätantike und Mittelalter bestand. Diskontinuität ergibt sich aus den veränderten sprachlichen und kulturellen Bedingungen, in denen die Träger des Lateingebrauchs im Mittelalter stehen. Stotz formuliert es so: «An die Stelle jener spätantiken Kreise rhetorisch-literarisch Gebildeter, welche an der ununterbrochen tradierten Literatursprache teilhatten, trat nun eine kastenartige Trägerschicht der Sprache: eine Schicht, die man eher gelehrt denn gebildet nennen kann . . . » (25). §9 (29-35) spricht ein nicht minder schwieriges Problem an: «Tote oder lebendige Sprache? » Wenn man als Kriterium für Lebendigkeit einer Sprache postuliert, dass «in ihr eine wechselseitige Beeinflussung von Schrift- und Sprechsprache allgemein möglich ist» (30), kann man das Latein des frühen Mittelalters als lebendige Sprache qualifizieren. Mit der Bewusstwerdung der Volkssprachen ändert sich die Situation. Dennoch gibt es Gründe, dem mittelalterlichen Latein Lebendigkeit zuzugestehen. Im Hochmittelalter entwickelt sich eine neue lateinische Diskussionskultur (31). In der Kirche war das Latein im ganzen Mittelalter in Lesungen und Gesang auch mündlich präsent. Schliesslich lassen sich in der lateinischen Schriftlichkeit des Mittelalters sprachliche Entwicklungen feststellen, z. B. ein deutlicher qualitativer Aufschwung im 11./ 12. Jh. (34). Nicht zuletzt sprechen neue literari- 206 Besprechungen - Comptes rendus sche Formen für die Lebendigkeit des mittelalterlichen Lateins, so vor allem die Entfaltung der rhythmisch-akzentuierenden Dichtung, aber auch Neuerungen in der erzählenden und wissenschaftlichen Prosa (33s.). In der Folge möchte ich zwei Problemkreise aus dem Einleitungsteil herausgreifen, deren Behandlung besonders überzeugt. Der erste betrifft das Latein der Christen, der zweite die echten und vermeintlichen Regionalismen im frühmittelalterlichen Latein. Die §10-20 (35-62) sind dem Latein der Christen gewidmet. Hier wird besonders deutlich, wie wesentlich das Latein des Mittelalters in der Sprache der Spätantike verwurzelt ist. Die Grundlagen des christlichen Lateins, Bibelübersetzungen, Texte der Liturgie, Werke der Kirchenschriftsteller und christliche Dichtung, werden charakterisiert. Auf Schritt und Tritt ist ein massiver Einfluss des Griechischen spürbar. In differenzierter und überzeugender Weise setzt sich Stotz mit der seinerzeit nachdrücklich vertretenen Theorie einer «christlichen Sondersprache», die nach der Anerkennung des Christentums zur «Gemeinsprache» geworden wäre, auseinander. Diese überzogene These der Schrijnen/ Mohrmann- Schule, die ja andererseits Wesentliches zur Erforschung des Christenlateins geleistet hat, wird hier dahingehend korrigiert, dass es sich nicht eigentlich um eine Sondersprache handelt, sondern vielmehr um einen stilistischen Habitus, bedingt durch Textsorte und Adressatenkreis (45). Nicht die Christensprache wird zur allgemeinen Umgangssprache, sondern Züge der letzteren werden von den christlichen Autoren bereitwilliger aufgenommen als von den heidnischen. Das gilt vor allem für morphologische und syntaktische «Christianismen», während im Bereich der Lexik natürlich eine Menge von Neuerungen ihren Ursprung tatsächlich in der christlichen Lebenswelt haben, seien es Entlehnungen aus dem Griechischen, Lehnprägungen oder Bedeutungserneuerungen in lateinisch hergebrachten Begriffen. Die enge Beziehung zwischen der Sprache der Christen und der allgemeinen Umgangssprache, besonders derjenigen der unteren Schichten, kommt noch einmal im Kapitel «Das sogenannte Vulgärlatein» (§21-25, 62-76) zur Sprache, vor allem im Abschnitt «Christenlatein und Vulgärlatein» (§24, 70-73). Texte wie die Vetus Latina, die Peregrinatio Egeriae oder die Mönchsregeln, vor allem diejenige Benedikts, sind Quellen für die bewusste Zuwendung christlicher Autoren zum Umgangssprachlichen 1 . Auch in der Behandlung des zweiten der genannten Problemkreise, der Frage nach der Präsenz von Regionalismen im lateinischen Schrifttum des Mittelalters, erweist sich Stotz als behutsamer und scharfsichtiger Analytiker der Quellen, die zur Verfügung stehen. Die §26-39 (76-114) behandeln «einzelne Sprachlandschaften im frühen Mittelalter». In einem ersten Teil geht es um die letztlich wenig erfolgreichen Versuche der Forschung, im mittelalterlichen Latein regionale Sprachzüge der einzelnen Gebiete aufzuspüren. Unter der Überschrift «Zum Vorkommen und zur Wahrnehmung regionaler Besonderheiten: Wege und Irrwege» wird in den §26-31 (76-87) das Problem allgemein diskutiert, aber wie immer untermauert mit konkreten Beispielen. Die Tatsache, dass das mittelalterliche Latein in erster Linie eine Schriftsprache ist, deren Benutzer sich bemühen, die in die Antike zurückreichende Tradition weiterzuführen, lässt regionalen Besonderheiten a priori wenig Raum. Wo sich solche ausmachen lassen, sind es weniger direkte Einflüsse der 1 Die im Allgemeinen korrekte Rezension des vorliegenden Bandes durch Hans-Albrecht Koch in der NZZ vom 17. Juli 2003 legt die Gewichte schief, wenn gesagt wird, die lateinische Sprache des Mittelalters lasse sich bestimmen als «die in schriftlicher Überlieferung reich dokumentierte lateinische Sprache der Christen, in welche . . . Elemente des Vulgärlateins eingeschmolzen worden sind». Natürlich ist das mittelalterliche Latein eine Sprache der Christen (Heiden gibt es ja nur noch sporadisch), aber das Nachwirken einer klassisch-heidnischen Latinität neben spezifisch christenlateinischen und vulgärlateinischen Elementen darf keineswegs vernachlässigt werden. 207 Besprechungen - Comptes rendus jeweiligen Volkssprache als vielmehr Eigenheiten gewisser Schulen oder Kanzleien. Die «relative Einheitlichkeit und Eigengesetzlichkeit» des mittelalterlichen Lateins (79), die mit dem allgemeinen Beharrungsvermögen der Schriftlichkeit einhergeht, wird zudem verstärkt durch die einigende Wirkung der christlichen Kirche mit ihrem überlieferten Textkanon. Im zweiten Teil des Abschnitts über die einzelnen Sprachlandschaften (§32-39, 87-114) nimmt das Handbuch den Leser auf eine spannende Reise durch das frühmittelalterliche Europa mit, beginnend in Gallien, wo die Besonderheiten des Merowingerlateins beschrieben werden, über Italien, die Zentralalpen und deren nördliches Vorland, hin zur Iberischen Halbinsel und schliesslich zu den Aussenposten England und Irland. Allerhand verschiedene Traditionen und Eigentümlichkeiten begegnen einem da, aber eben nicht oder nur in beschränktem Masse Regionalismen, die von der jeweiligen Volkssprache ausgehen. Ich bin ziemlich ausführlich auf das Kapitel über die Sprachlandschaften eingegangen, um zu illustrieren, dass Peter Stotz mit Geschick übergreifende Zusammenhänge und informative Fakten zu präsentieren und miteinander zu verbinden versteht. Wenn man sich vor Augen hält (und nach der Lektüre dieses Einleitungsbandes muss einem das klar sein), welch auseinanderstrebender, schwer zu fassender Gegenstand das mittelalterliche Latein in seiner Gesamtheit ist, kann man nur staunen, dass ein Forscher im Alleingang dieses umfassende Werk vollendet hat. Die vielfältigen und unterschiedlichen Auswirkungen des sozialen, politischen und kulturellen Kontextes, denen die Erscheinungsformen des mittelalterlichen Lateins in Raum und Zeit unterworfen sind, werden im Handbuch ebenso beachtet wie die zahlreichen linguistischen Kontakte mit anderen Sprachen. An erster Stelle in der Hierarchie der Kontaktsprachen, die auf das mittelalterliche (und schon das antike und spätantike) Latein eingewirkt haben, steht das Griechische, aber auch germanische, keltische und orientalische Sprachen (vor allem Hebräisch und Arabisch) spielen eine Rolle (cf. passim, aber besonders Buch 4). Von besonderer Art ist die Wechselwirkung zwischen den sich verselbständigenden romanischen Sprachen und dem mittelalterlichen Latein (dazu besonders §53-62 des ersten Buches, p. 135-49). All diesen Gesichtspunkten wird unter Berücksichtigung der einschlägigen Fachliteratur Rechnung getragen. Zu den Vorzügen des Werkes gehören nicht nur die immense Masse von Information, die klare Strukturierung und die differenzierte Durchdringung der vielfältigen Fragestellungen, sondern auch, wie schon in früheren Besprechungen bemerkt, die gute Lesbarkeit des Textes. Ein Handbuch, in dem man nicht nur Fakten nachschlägt, sondern mit Genuss ganze Kapitel liest, ist ohne Zweifel eine Seltenheit. Teil der umfassenden Information, die das Handbuch vermittelt, ist auch eine riesige Bibliographie, deren Ausmass erst nach dem Erscheinen des Registerbandes erkennbar sein wird 2 . Auch für eine gezielte Suche nach bestimmten Wörtern oder Begriffen bleibt dieser Schlusspunkt abzuwarten. Die Hauptarbeit des opus magnum ist jedoch mit dem 1. Band, der hier vorgestellt worden ist, vollendet. R. Liver H Leena Löfstedt, Gratiani Decretum, vol. V: Observations et explications, Helsinki (Societas Scientiarium Fennica) 2001, 482 p. (Commentationes Humanarum Litterarum 117) Es klingt wie ein Befreiungsseufzer, wenn L. Löfstedt diesen letzten Band, den Kommentarband zu der textkritischen Edition der altfranzösischen Übersetzung des Gratiani Decretum, mit den Worten einleitet: «Voici enfin le dernier volume de notre édition critique 2 Die einzelnen Bände enthalten jeweils eine Auswahlbibliographie der meistzitierten Titel.
