eJournals Vox Romanica 62/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2003
621 Kristol De Stefani

Bernhard Pöll, Spanische Lexikologie. Eine Einführung, Tübingen (Narr) 2002, 169 p. (narr studienbücher)

121
2003
A.  Lukoschek
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345 Besprechungen - Comptes rendus sten Auflage ist die vorliegende um drei Beiträge erweitert worden und umfaßt so insgesamt 21 Aufsätze, zugleich ist deren innere Anordnung geändert worden. Die Beiträge sind thematisch gruppiert, wobei die genereller ausgerichteten an den Anfang gestellt worden sind. In vol. 1 befassen sich somit zunächst drei Arbeiten mit der Geschichte der Erforschung des Andalusischen (23-108), wobei den Forschungen von H. Schuchardt besonderes Augenmerk gewidmet wird. Es schließen sich fünf Aufsätze (111- 221) an, die Problemen der synchronen Beschreibung des Andalusischen gewidmet sind, darunter mit El andaluz: visión de conjunto (121-47) die spanische Übersetzung des entsprechenden LRL-Beitrages des Verfassers (1992). Angesprochen werden in diesen Aufsätzen neben sprachimmanenten auch soziolinguistische und sprachpolitische Phänomene. Der nächste Themenblock (225-322) beschließt den ersten Band und ist mit vier Beiträgen der auch im allgemeinen Teil schon gut vertretenen Phonetik/ Phonologie gewidmet. Am weitesten aus holt Diacronía y sincronía de las hablas andaluzas (225-51), wo sowohl diachrone wie synchrone Aspekte des andalusischen Vokalismus und Konsonantismus behandelt werden. In Vol. 2 sind spezifischere Aufsätze zusammengefaßt, darunter zunächst zwei allgemeinere lexikologische (327-68), die sich mit den lexikalischen Andalusismen im literarischen Werk der Brüder Machado bzw. mit methodischen Problemen der Erforschung der spanischen Ichthyonymie befassen. Der so eingeleiteten Thematik sind in der Folge sieben Detailstudien gewidmet (373-539), vertiefte etymologisch-wortgeschichtlich ausgerichtete Analysen vor allem einzelner Ichthyonyme, aber auch von anderen Wortmaterialien. Beschlossen wird dieser Band durch drei textphilologisch orientierte Beiträge (543-96), deren Interesse neben der Edition mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Texte vor allem in dem teils ausführlichen philologischen Kommentar liegt. An das Ende von vol. 2 ist neben der Bibliographie (597-99) dankenswerterweise eine Reihe von Indices (603-89) gestellt worden, darunter vor allem Wortindices, die die in den Aufsätzen verstreuten lexikalischen Materialien zugänglich machen. Der Autor hat seine hier versammelten Beiträge teilweise in renommierten und allgemein verbreiteten Zeitschriften publiziert (Lingüística Española Actual, RFE, VRom. etc.), teilweise aber auch in weniger leicht zugänglichen Festschriften oder Sammelbänden. Insofern wird man schätzen können, sie hier in bequemer und, es sei hinzugefügt, auch recht preiswerter Form vorliegen zu haben. Weiter ausgreifend ist der erste Band, der für den Dialektologen, der sich mit dem Andalusischen befaßt, grundlegende Darstellungen bietet, spezieller ist der zweite, der für historische Lexikologie/ Etymologie interessante Materialien und Detailstudien beinhaltet. J. Lengert H Bernhard Pöll, Spanische Lexikologie. Eine Einführung, Tübingen (Narr) 2002, 169 p. (narr studienbücher) Die von Bernhard Pöll vorgelegte Einführung in die spanische Lexikologie füllt eine sowohl von Studierenden als auch von Lehrenden der universitären Hispanistik häufig beklagte Lücke, lag doch bisher kein deutschsprachiges Handbuch einführenden Charakters in den Themenbereich der Lexikologie der spanischen Sprache vor, und sind die Informationen in den entsprechenden Kapiteln der gängigen Einführungen doch im wesentlichen derart rudimentär, daß ihre Lektüre einem nicht vorgebildeten studentischen Publikum keinen ausreichenden Überblick vermitteln kann. Des weiteren ließ die Konzeption der narr studienbücher erwarten, daß dem Autor hier der notwendige Raum zur Verfügung gestanden hat, um eines der wohl facettenreichsten 346 Besprechungen - Comptes rendus und am wenigsten von den Nachbardisziplinen abgrenzbaren Felder der Linguistik, eben die Lexikologie, adäquat und rezipientenfreundlich darzustellen. So waren die Erwartungen hoch, und ein erster Blick auf Umfang und typographische Gestaltung des Buches gab zur Freude Anlaß. Das Layout der 169 Seiten ist bewährt leserfreundlich und mit dem Untertitel «Eine Einführung» scheint es Pöll erfreulicherweise auch durchaus Ernst zu nehmen: «Das vorliegende Studienbuch zur spanischen Lexikologie richtet sich primär an Studierende, die bereits sprachwissenschaftliche Grundkenntnisse besitzen, aber mit diesem konkreten Bereich der hispanistischen Sprachwissenschaft bislang nicht konfrontiert waren.» (5) Auf das bei einem derartigen Adressatenkreis beinahe unweigerlich auftretende Dilemma, bei der Aufarbeitung des Stoffes von Fall zu Fall entscheiden zu müssen, «was banal ist und als bekannt vorausgesetzt werden darf und was die potentiellen Rezipienten nicht wissen (können)» (5), weist Pöll in seinem Vorwort selbst hin. Ein Handbuch, das den Untertitel «Eine Einführung» trägt, wird sich an der Auflösung eben jenes Dilemmas und an dem Nutzen, den es einem studentischen Publikum bei der (mehr oder weniger selbständigen) Einarbeitung in ein eher unbekanntes linguistisches Terrain zu leisten vermag, messen lassen müssen. Pölls Spanische Lexikologie gliedert sich in acht Kapitel zuzüglich einer ausführlichen und aktuellen Bibliographie (149-66) und eines deutsch-spanischen Glossars zur lexikologischen Fachterminologie (167-69), das dem Benutzer wertvolle übersetzerische Hilfe leisten kann, enthält es doch neben Internationalismen wie archilexema oder sufijo auch Übersetzungsvorschläge wie parecido familiar für Wittgensteins Familienähnlichkeit. In Kapitel 1, Lexikologie - eine Disziplin mit unscharfen Rändern (11-18), unternimmt der Autor den Versuch, den Gegenstandsbereich der Lexikologie als linguistischer Disziplin - und somit auch seines Handbuches - zu bestimmen. Wie bereits aus der Wahl des Titels für diesen Abschnitt ersichtlich, ist dieses Unterfangen aufgrund der engen Verzahnung der Lexikologie mit ihren Nachbardisziplinen wenn nicht von vorne herein zum Scheitern verurteilt, dann doch zumindest eine Herausforderung, welcher sich der Verfasser eines einführenden Handbuches aber gezwungenermaßen stellen muß, um seinen Lesern eine mehr oder weniger genaue Vorstellung vom Gegenstandsbereich seiner Ausführungen zu vermitteln. Tatsächlich gelingt es Pöll zum Ende des ersten Kapitels, Lexikologie als «Wissenschaft vom Wortschatz und seinen Strukturen» (17) durchaus griffig zu definieren, wobei Wortschatz einerseits als «individueller Sprachbesitz» (17), andererseits als «kollektives Reservoir lexikalischer Einheiten» (17) verstanden wird. Im zweiten Kapitel (19-25), das mit Die Einheiten des Wortschatzes überschrieben ist, geht Pöll dem Wesen eben jener lexikalischen Einheiten auf den Grund. Terminologisch geht er zunächst vom Wortbegriff aus, von dem er sich weder hier noch im Laufe der nächsten Kapitel völlig löst, führt aber auch Termini wie Lexem oder Lexie ein. Hier zeigt sich, daß der Verfasser einen recht weiten Begriff von Wortschatzeinheiten zugrunde legt, widmet er doch Phraseologismen und Sprichwörtern eigene Unterkapitel 1 . Nach der Beschäftigung mit dem Wesen der Grundeinheiten des Wortschatzes geht Pöll in Kapitel 3 Zur Formseite des Wortschatzes: Wörter und ihr innerer Aufbau (26-39) nach einer kurzen Einleitung in die Problematik zunächst auf einige in diesem Zusammenhang zu erwähnende Grundbegriffe wie Morphem, Allomorph etc. ein 2 , bevor er in Kapitel 3.3 (30-38) recht ausführlich die Verfahren der Wortbildung behandelt. Abschließend wird hier noch kurz der Komplex der Wortfamilien (38-39) besprochen. 1 2.2 Komplexe und mehrgliedrige Lexeme: Phraseologie (21-25), 2.3 Satzwertige Phraseologismen und Sprichwörter (25). 2 Kapitel 3.2 Grundbegriffe (28-30). 347 Besprechungen - Comptes rendus In Kapitel 4, Zur diasystematischen Schichtung des Wortschatzes/ Struktur des spanischen Wortschatzes (41-54), widmet sich Pöll zunächst vergleichsweise ausführlich der diachronischen Schichtung des spanischen Wortschatzes (41-49), dann recht kurz der diaphasischen, diastratischen und diamesischen Variation (49-51) und abschließend der Diatopik, wobei hier - was nicht weiter erstaunt - der Wortschatz des Spanischen in Hispanoamerika und dessen Unterschiede zur kastilischen Norm im Vordergrund stehen. Einen breiten Raum nimmt mit Kapitel 5 Die Inhaltsseite des Lexikons (55-90) ein. Nach einem einführenden Teil in die Semasiologie, die Onomasiologie, die Semantik und nach dem Versuch, die Frage «Was ist eigentlich Bedeutung? » 3 zu beantworten (55-59), geht der Autor auf verschiedene Ansätze zur Bedeutungsbeschreibung ein, namentlich auf die strukturalistische (59-64) und die Prototypensemantik (64-69). In dem sich anschließenden Kapitel 5.5 Paradigmatik (69-82) stehen lexikalische Inhaltsrelationen wie Synonymie, Antonymie etc. im Mittelpunkt. Es folgt konsequenterweise ein mit Syntagmatik überschriebenes Kapitel 5.6 (82-90), in welchem Problemfelder wie das der lexikalischen Solidaritäten und der eingeschränkten Kombinatorik lexikalischer Einheiten behandelt werden. In Kapitel 6, Wörter und Wortschätze im Vergleich: Kontrastive Lexikologie (91-107), geht der Verfasser über das «Pflichtprogramm» eines einführenden Handbuches hinaus und widmet sich einem für das studentische Publikum ohne Zweifel hoch interessanten Feld. Im Vordergrund steht hier erwartungsgemäß das Sprachenpaar Spanisch/ Deutsch. Auch die Problematik der berühmt-berüchtigten «falschen Freunde» findet in Kapitel 6.5 (105-7) die ihr gebührende Beachtung. In den letzten beiden Kapiteln wendet sich Pöll anwendungsorientierten Nachbardisziplinen der Lexikologie zu, und zwar zunächst der Terminologie (109-17) und abschließend äußerst ausführlich der Lexikographie bzw. der Metalexikographie (119-48). So erscheint Bernhard Pölls einführendes Handbuch als ein ausführlicher, im wesentlichen gut gegliederter (warum die Kapitel zur Form- und zur Inhaltsseite durch das zur diasystematischen Schichtung voneinander getrennt sind, mag nicht so recht einleuchten) und alle wichtigen Aspekte der Lexikologie behandelnder Leitfaden für den studentischen Leser. Die Tücke steckt leider - wie so oft - im (vermeintlichen) Detail. Die Problematik der unterschiedlichen Determinationsstruktur im Deutschen und Spanischen wird nicht im Kapitel zur Formseite des Wortschatzes, sondern erst in dem zur Kontrastiven Lexikologie behandelt (99). Dies mag - wenn schon nicht aus der didaktischen 4 , dann doch zumindest aus der wissenschaftlichen Perspektive - noch angehen, daß aber die Arbitrarität des sprachlichen Zeichens im Sinne Saussures in einem Handbuch zur Lexikologie erst auf Seite 111, in Kapitel 7.2 Terminus - Wort - Fachwort, Erwähnung findet, ist kaum mehr nachvollziehbar. Abgesehen von diesen Monita, die im wesentlichen die Reihenfolge der dargebotenen Information betreffen, gibt auch die Information selbst an mehreren Stellen Anlaß zur Kritik. Als hochgradig problematisch ist die Art und Weise der Verwendung strukturalistischer Fachterminologie zu werten, insofern Pöll sie offensichtlich nicht im Sinne der gängigen Definitionen verwendet, ohne dies freilich jemals explizit darzustellen. Dieser Umstand dürfte mehr als einmal zu gewissen Konfusionen beim potentiellen Rezipienten führen. Besonders deutlich wird dies bereits in Kapitel 2 (Die Einheiten des Wortschatzes). Wie schon an anderer Stelle erwähnt, löst sich der Autor nicht vom Wortbegriff als «intuitiv er- 3 Titel des Unterkapitels 5.2 (56-59). 4 Schließlich ist realistisch betrachtet kaum davon auszugehen, daß der durchschnittliche studentische Leser, der sich über Wortbildung im Spanischen informieren möchte, gleich das gesamte Werk durcharbeitet. 348 Besprechungen - Comptes rendus kannte[r] Grundeinheit des Wortschatzes» (19), selbst wenn «häufig nicht genau gesagt wird, was damit eigentlich gemeint ist» (19), und «alle gängigen Definitionen von Wort . . . in höchstem Maße problematisch [sind]» (19). Folgt man dem Verfasser, so «stört das in aller Regel aber nicht» (19). Daß dies sehr wohl stört, und der Wortbegriff in den gängigen deutschsprachigen Einführungen in die hispanistische Sprachwissenschaft daher auch sinnvollerweise vermieden wird 5 , zeigt Pöll selbst anhand eines «Mini-Textes», der sich «problemlos» in elf Wörter zerlegen lasse, aber auch ebensogut in sieben, wobei hier «abstrakte Einheiten» berücksichtigt würden, zu denen sich jeweils zwei Wortformen zusammenfassen ließen, und deren wissenschaftliche Bezeichnung Lexem laute, wobei hier ganz offensichtlich nicht auf Lexeme im Sinne André Martinets abgehoben wird, sondern vielmehr auf types im Sinne der Lexikonstatistik (20). An dieser Stelle sind die Ausführungen des Autors wissenschaftlich kaum noch haltbar und für den Leser schwierig nachzuvollziehen. Erschwerend kommt hinzu, daß Pöll den Terminus Lexie im Sinne Pottiers als Synonym zu Lexem einführt, was strenggenommen so nicht stimmt. Zeigt sich der Verfasser im ersten Kapitel noch um wissenschaftliche Genauigkeit bemüht, so erweist sich sein Ansatz zur Definition der Einheiten des Wortschatzes weder wissenschaftlich noch didaktisch als gelungen, was in einem Werk zur Lexikologie naturgemäß nicht ohne Folgen bleiben kann. Besonders deutlich zeigen sich diese in Kapitel 5.5, das sich mit den Phänomenen Polysemie und Homonymie beschäftigt. Das Festhalten am Wortbegriff führt hier zu solch unglücklichen Formulierungen wie: «Der Umstand, dass Homonymie dann vorliegt, wenn die Formseite zweier (oder mehrerer) verschiedener Wörter identisch ist, bildet eines der Abgrenzungskriterien zur Polysemie. . . . pupila ‘Mündel’ und pupila ‘Pupille’ gelten gemeinhin als zwei Wörter . . . » (77) Ein Rückgriff auf Saussure und Martinet und deren Definitionen des signe linguistique bzw. des Monems/ Lexems hätte hier terminologische Klarheit herstellen können, was sowohl dem wissenschaftlichen als auch dem didaktischen Anspruch des Werkes an dieser Stelle weitaus eher entsprochen hätte. Ähnlich verhält es sich mit dem Versuch des Autors, die Frage «Was ist eigentlich Bedeutung? » (56) zu beantworten. Nach einer kurzen Einführung in das Zeichenmodell Ferdinand de Saussures (56s.) führt Pöll das semiotische Dreieck nach Ogden und Richards ein (57). Allerdings unterscheidet sich die hier abgedruckte Graphik in einem entscheidenden Punkt vom Original: die Basislinie des Dreiecks ist durchgezogen, ein Umstand, der die von Ogden und Richards intendierte Aussage förmlich in ihr Gegenteil verkehrt, wird doch dadurch ein direkter Bezug zwischen form und referent suggeriert. Des weiteren legt Pöll Saussures Dichotomie signifiant und signifié auf das semiotische Dreieck, setzt signifiant also mit form, signifié mit meaning gleich. Diese Vereinfachung ist schlichtweg unvertretbar, operieren Saussure und Ogden/ Richards doch auf völlig unterschiedlichen Ebenen sprachlicher Beschreibung. Auch die Klassifikation von -rrojo (in pelirrojo) als Allomorph von rojo (34) ist wissenschaftlich nicht zu halten. Zwar hat Pöll recht, wenn er schreibt, die Funktion der Graphie -rrbestehe in der Sicherung der mehrfach gerollten Aussprache, mit Allomorphie hat dies jedoch nichts zu tun; es handelt sich lediglich um eine orthographische Konvention. Neben diesen handfesten Mißgriffen lassen sich in Pölls Handbuch zahlreiche Schwächen in der Formulierung feststellen, die zu Mißverständnissen seitens der studentischen Leser Anlaß geben könnten. So wird der wenig geschulte Rezipient nach der Lektüre von Kapitel 3 davon ausgehen, daß Neologismus der gelehrte Terminus für Augenblicksbildungen ist («Beispiele hierfür sind die sog. Augenblicksbildungen. . . . In der Regel werden solche Neologismen nicht in das aktuale Lexikon übernommen . . . » 27), und nach dem Stu- 5 Cf. z. B. W. Dietrich/ H. Geckeler, Einführung in die spanische Sprachwissenschaft, Berlin 3 2000: 48; A. Wesch, Grundkurs Sprachwissenschaft Spanisch, Stuttgart etc. 2001: 81. dium von Kapitel 4 könnte er annehmen, daß der sogenannte Quantitätenkollaps in der Öffnung der lateinischen Kurzvokale bestand («[D]ie lateinischen Kurzvokale [wurden] im Zuge des sog. Quantitätenkollapses geöffnet . . . » 43). In Kapitel 5 schließlich kann er lesen, daß die Definitionen von Homophonie und Homonymie letztendlich von der betrachteten Sprache abhängen («Die Definition der Begriffe Homonymie und Homophonie ist von Sprache zu Sprache verschieden.» (77) Hervorh. AL). Bei der Auswahl der erfreulich zahlreichen Beispiele hat Pöll an einer Stelle eine wenig glückliche Hand, nämlich wenn er von der (angeblichen) Homonymie von haya und halla spricht (78). Bekanntermaßen sind diese lexikalischen Einheiten nur in yeísmo-Gebieten homonym, und selbst wenn dies auf den größten Teil der Hispanophonie zutrifft, so verstößt diese Aussprache gegen die nach wie vor im Spanischunterricht an deutschen Schulen und Universitäten gelehrte kastilische Norm. Schlußendlich mißlingt Pöll häufig auch der Spagat zwischen dem, «was banal ist und was als bekannt vorausgesetzt werden darf und was die potentiellen Rezipienten nicht wissen (können)» (5). Einerseits werden einige Termini wie Transposition (32), Lehnübersetzung (48), Isotopie (133) etc. vollkommen unvermittelt und ohne jede Erklärung eingeführt, andererseits fehlen dem Leser häufig Anknüpfungspunkte an «linguistisches Allgemeinwissen», da der Autor - wie bereits ausführlich dargestellt - aus der Tradition des Strukturalismus stammende Termini wie signe linguistique, signifiant, signifié, Lexem, Lexie etc. zwar verwendet, diese aber nicht oder nur unzureichend definiert und sie ganz offensichtlich nicht im eigentlichen strukturalistischen Sinne gebraucht. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Erscheinen eines deutschsprachigen Handbuches zur spanischen Lexikologie uneingeschränkt zu begrüßen ist. Leider wird diese Freude durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen und didaktischen Ungereimtheiten in Pölls Werk getrübt, die seinen Nutzen für den studentischen Rezipienten teilweise empfindlich schmälern. A. Lukoschek H Susanne M. Cadera, Dargestellte Mündlichkeit in Romanen von Mario Vargas Llosa, Genf (Droz) 2002, 319 p. (Kölner romanistische Arbeiten, Neue Folge, Heft 80) In ihrer Dissertation untersucht die Autorin, wie der peruanische Autor Mario Vargas Llosa (*1936) in seinen Romanen mündlichen Ausdruck in literarische Sprache umwandelt. Sie vertritt die These, «dass der Eindruck von Oralität bei Vargas Llosa . . . durch das Zusammenspiel von erzählperspektivischen und -technischen Mitteln und durch die Übernahme spezifischer einzelsprachlicher Merkmale entsteht» (14). Zum Beweis dieser Hypothese analysiert Susanne M. Cadera hauptsächlich zwei Romane von Vargas Llosa: Conversación en La Catedral (1969) und El hablador (1987). Die beiden Werke sind nicht zufällig ausgewählt. Conversación en La Catedral ist ein Roman aus der ersten - experimentalen - Schaffensperiode im Werk des peruanischen Romanciers. Er besteht aus einem Geflecht aus ineinander verschachtelten Dialogen, wobei die Stimme des Erzählers fast ganz abwesend ist. Anhand dieser Gespräche wird die peruanische Gesellschaft zur Zeit der Diktatur Odrías dargestellt. In El hablador versucht Vargas Llosa mit der Figur des indianischen Geschichtenerzählers die Erzählungen einer rein mündlichen Kultur mit Hilfe einer literarischen Sprache wiederzugeben und damit die Umwandlung gesprochener Sprache in schriftliche Literatursprache zu thematisieren. Bevor die Autorin anhand der beiden Romane untersucht, welcher Techniken sich Vargas Llosa bei der Darstellung mündlicher Sprache bedient, setzt sie sich mit den theore- 349 Besprechungen - Comptes rendus