eJournals Vox Romanica 64/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2005
641 Kristol De Stefani

Temistocle Franceschi, La struttura fonologica dell’italiano e le sue radici latine, Alessandria (Dell’Orso) 2004, 143 p.

121
2005
Peter Wunderli
vox6410246
ti stabilito dalla Paolino (Milano 1996), integrando però, come richiede la misura del verso, il segno di dieresi su Europa al v. 6 («per Ëuropa trasformossi in toro»), nonostante con eu protonico la dieresi sia più rara che con au (Menichetti, p. 272): in effetti una dialefe tra trasformossi e in sembra particolarmente difficile da accettare. Forse sarebbe però stato meglio apporre il segno di dieresi sulla u anziché sulla E, seguendo le norme di Menichetti (309s.). VIII. I rimanti della rima D, sdorma : conforma : norma, sono anche in Par. 3: 98-100-102, dove ovviamente sdorma - hapax assoluto di Sennuccio, come rileva Piccini nel commento - è sostituito da dorma. Del resto Petrarca nella proposta usa forma e orma (oltre a dorma), anch’essi danteschi. X. Per un esempio ancora duecentesco della metafora equestre di Amore che appare al v. 1 di questo sonetto si veda il sonetto anonimo del codice Vat. Latino 3793 Fin amor di fin cor ven di valenza, v. 11: «chi sente forza d’amoroso sprone». XI. Nel v. 5 «e molte genti mi farai nemiche» forse c’è l’eco, oltre che di Inf. 1, 51 «e molte genti fé già viver grame», come ricorda Piccini in nota, anche di Par. 25, 90 «de l’anime che Dio s’ha fatte amiche», con rovesciamento del rimante, che si aggancia, in Dante come in Sennuccio, a antiche (in Dante v. 88, qui v. 2). Per quanto riguarda il v. 11, «nacquer di neve ch’ardono il cor lasso», sono giuste le citazioni da Guido delle Colonne e da Peire Vidal (avrei anticipato qui anche Giacomo da Lentini «e freda neve rendere chiarore» usato in margine al v. 16 di Sennuccio: «che della neve nacque ardente foco»). Sarebbe stato certo inutile squadernare qui il relativamente ampio dossier di esempi sul tema, ma forse si poteva citare un altro luogo di Peire Vidal, Anc no mori, v. 30-31: « . . . quar de la freja nieu / nais lo cristals, don hom trai fuec arden», oltre a quello ricordato in nota, «trac de neu freida fuec clar» (Pus tornatz sui em Proensa, v. 26). Per curiosità si può anche ricordare che quest’ultimo verso è citato (per meglio dire, tradotto) da Guittone nella lettera XXI: «traggo foco chiaro de fredda neve». Paolo Gresti ★ Temistocle Franceschi, La struttura fonologica dell’italiano e le sue radici latine, Alessandria (Dell’Orso) 2004, 143 p. Die neueste Publikation von Temistocle Franceschi ist ein schwieriges, schwer einzuordnendes (dünnes) Buch, das oft Zustimmung, aber auch ebenso oft Widerspruch hervorruft. Der Titel verspricht so etwas wie eine historische Phonologie des Italienischen, und das ist es zum Teil auch - aber keineswegs durchgängig. Über weite Strecken ist es auch eine Einführung in die Phonologie (und die Phonetik), noch mehr als eine historische Phonologie ist es eine historische Phonetik (im Sinne von Bourciez et al.), und überdies behandelt es auch zahlreiche Themen, die in den Bereich der Phonetik bzw. Phonologie des heutigen Italienisch und seiner Varietäten gehören. Es ist also ein mixtum compositum, und dies lässt eine Reihe von Konflikten zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen erwarten. Weiter fällt schon beim ersten Durchblättern auf, dass das Buch keine Makrostruktur hat. Wir haben es vielmehr mit 43 locker aneinander gereihten Kapiteln zu tun, die in ihrer Gesamtheit zwar nicht unorganisch, aber eben gleichwohl eher assoziativ als strukturiert verbunden sind. Über die Genese der Publikation schweigt sich der Autor aus. Es scheint sich aber im wesentlichen um eine Art Bilanz seiner jahrzehntelangen Lehr- und Forschungstätigkeit zu handeln, die über weite Strecken anderweitig schon Gesagtes wieder aufnimmt, es pointiert zuspitzt und in einer Art Gesamtschau neu kontextualisert. Die Duplizität Lehre/ Forschung 246 Besprechungen - Comptes rendus dürfte auch die Diskrepanz zwischen eher elementaren Einführungsteilen und hochwissenschaftlichen Diskussionen (sowohl im Bereich der theoretischen Phonologie als auch in demjenigen der historischen Phonetik/ Phonologie) erklären, die manchmal doch reichlich überrascht. Trotz dieser strukturellen Mängel liegt hier eine kluge, hochinteressante Arbeit vor, die viele eigene, von den gängigen Lehrmeinungen abweichende Positionen und Thesen vertritt. Man muss nicht allem beipflichten - anregend und diskussionswürdig sind die Ausführungen immer. Die grundlegenden, in den verschiedenstens Kontexten immer wieder aufgegriffenen Thesen sind: - die romanischen Veränderungen sind meist schon in den verschiedenen Schichten des römischen Latein angelegt; - die neolinguistische Theorie von zentralen und marginalen Gebieten wird immer wieder bestätigt dergestalt, dass die zentralen Bereiche einen jüngeren, die randständigen einen älteren Entwicklungsstand repräsentieren; - vom 4. bis zum 13. Jh. ist immer wieder ein starker Einfluss Mailands auf die Sprache in der Toskana festzustellen, der seinen Ursprung in der Bedeutung der ambrosianischen Kirche hat. Und in der Tat: An Illustrationsmaterial für diese Thesen fehlt es in der Arbeit nicht! Die ersten Kapitel haben die Funktion einer Art Einleitung; in ihnen werden zahlreiche terminologische Festlegungen getroffen, es werden historische Hintergrundinformationen geliefert, die phonetischen und phonologischen Grundlagen werden skizziert und ein eigenes Transkriptionssystem präsentiert. Gleichzeitig werden aber auch schon immer wieder (historische) Problemfälle z. T. tiefschürfend diskutiert. Ob diese Verquickung von allgemeiner Einleitung und Problemerörterung glücklich ist, bleibe dahingestellt. Das 1. Kap. (11s.) ist mit «Romanico e romanzo» überschrieben. Mit romanzo bezeichnet Franceschi das, was man normalerweise Westromanisch, mit romanico das, was man Ostromanisch nennt. Dazu kommen noch viele andere terminologische Festlegungen; die wichtigste ist die Ablehnung von Galloromanisch und Galloitalienisch, die (in wohl kaum haltbarer Weise) damit begründet wird, dass in Norditalien nie Kelten gesiedelt hätten. Verf. verwendet dafür vielmehr die Bezeichnung italoromanzo. Zentrum dieses Sprachraums wäre Mailand; Strahlungsmotor wäre in erster Linie die ambrosianische Kirche gewesen. Doch recht überraschend werden diese Ausführungen dann mit einer Attacke gegen die weit verbreitete Lehrmeinung verbunden, die it. Pluralformen gingen auf die Akkusative ö s bzw. ñ s zurück; vielmehr hätte man es mit Fortsetzern der lat. Nominativformen zu tun. Über die Terminologieregelungen mag man denken, wie man will; auf jeden Fall erleichtern die Festlegungen auf nicht etablierte Termini die Lektüre nicht gerade. Was die Vermischung von zwei vollkommen disparaten Argumentationsbereichen angeht, so bleibt sie mir unverständlich. Kap. 2 (16s.) ist mit «Italiano ‹comune› e italiano toscano» überschrieben. Wie in Italien üblich, versteht F. unter lingua die Sprache der literarischen Tradition, wobei diese lingua aber in jeder Region (v. a. was die phonologische Struktur betrifft) unterschiedliche Ausprägungen erfahren würde. Allerdings wäre die Basis immer die phonologische Struktur des Toskanischen bzw. Florentinischen. F. definiert die Basis der Literatursprache (d. h. das Toskanische) als «parlata romanica intrisa di romanzo»; die norditalienische Komponente wäre in erster Linie durch das Mailändische geprägt, das sowohl konservativ als auch innovativ auf das Toskanische eingewirkt hätte und immer noch einwirken würde. Diese Ausführungen werden dann in Kap. 3 («Romanico e italoromanzo», 19s.) nochmals aufgenommen und präzisiert. Erste Spuren eines norditalienischen Einflusses ließen sich bereits im 3. Jh. feststellen, und ab dem 4. Jh. würde er sich deutlich verstärken; er wür- 247 Besprechungen - Comptes rendus de im wesentlichen von der ambrosianischen Kirche getragen. Als Beispiel hierfür wird auf babbo (statt padre) zurückgegriffen, das nach F. nicht toskanisch sein kann, weil es auch in Graubünden existiert 1 . Vielmehr würde es sich um einen über Mailand vermittelten Graezismus (/ *babbá/ ) handeln. Die Bezeichnung ‘Vater’ ist für F. gleichzeitig Anlass, auf die Prinzipien der Neolinguistik zurückzukommen und sie anhand der Trias padre - babbo - papà (fr.) zu illustrieren; daran schließt dann auch noch ein Exkurs in den Bereich der Kindersprache an, der sich hier zwar organisch einbringen lässt, aber von der Systematik her fehl am Platze ist. Die Thematik «Romanico e italoromanzo» wird im 4. Kap. (24s.) gleich nochmals dupliziert, dieses Mal anhand von dugento und ille/ ipse. Es wird zuerst ausgeführt, dass Mailand stark unter frz. Einfluss gestanden habe; v. a. die Zisterzienser hätten im 12. Jh. eine entscheidende Rolle gespielt. Ab dem 13. Jh. gehe dann aber der oberitalienische Einfluss auf die Toskana rasch zurück. So wäre dugento im 13. Jh. noch aus dem Oberit. ins Toskanische übernommen worden, figliolo dagegen im 14. Jh. nicht mehr. Auch die Artikel- und Pronominalformen il, i, gli, egli (gegen tosk. lo, li, ello, elli) wären Importe aus Oberitalien; dazu kommt dann noch eine Reihe von Beispielen, die zeigen, dass die Toskana in ähnlicher Weise auch Einflüssen aus dem südlichen Teil des romanico ausgesetzt ist; sie hat (was F. nirgends deutlich genug sagt) eindeutig eine Übergangs- und Mittlerfunktion. Der Übergang zu Kap. 5 (27s.) stellt eine (werkstrukturell allerdings nirgends ausgewiesene) Zäsur dar: Es folgen jetzt nämlich eine Reihe von eher prinzipiell und theoretisch orientierten Kapiteln, die dann in zunehmendem Maße wieder von historischen Überlegungen durchdrungen werden. Ab Kap. 12 stehen dann (hist.) Phonetik und Phonologie wieder eindeutig im Vordergrund. Kap. 5 ist überschrieben mit «Valori dei simboli grafici usati», d. h. wir haben es mit der (reichlich späten) Präsentation des eigenen Transkriptionssystems zu tun. Das API-System wird abgelehnt, da es zu ungenau und deshalb für die romanischen Sprachen (v. a. im phonetischen Bereich) ungeeignet sei; vielmehr will sich F. an die romanistische Tradition anlehnen, die er aber auch wieder nicht unmodifiziert übernimmt: Für die stimmhaften Sibilanten verwendet er z. B. griechische Zeichen, und auch die Wiedergabe der Affrikaten (bei F. assibilate) entspricht nicht der romanistischen Tradition (die ohnehin in sich nicht homogen ist). Man fragt sich, ob dieser «Alleingang» wirklich nötig und sinnvoll war; mit Sicherheit erleichtert er die Lektüre nicht. Auch Kap. 6 (30s.) ist schlecht plaziert und kommt viel zu spät; es ist mit «Fonema e variante combinatoria» überschrieben und soll eine Art phonologische Grundlegung liefern. Leider enthält es eine Reihe von unglücklichen Formulierungen, die einen nicht sachkundigen Leser leicht in die Irre führen können. Natürlich weiß F., dass Phoneme nicht bedeutungstragend, sondern nur bedeutungsdifferenzierend sind; gleichwohl heißt es p. 30, die Phoneme seien die «elementi minimi di rilevanza semantica», und p. 31 lesen wir, die Phone (phonetischen Realisierungen der Phoneme) würden in «modo semanticamente univoco» wahrgenommen - zu der Annahme, Phoneme seien bedeutungstragend ist es da nur noch ein Wimpernschlag! Nichts auszusetzen gibt es dagegen an der Darstellung der Positionsvarianten. Kap. 7 (33s.) ist dem gewidmet, was F. microlessi und macrolessi nennt. Die microlessi entspricht der Vokabel, d. h. der Einheit wie sie im Lexikon erscheint; die macrolessi dagegen wäre die Artikulationseinheit im Text bzw. der Rede. F. spricht auch von parola fonetica und nähert sich damit dem an, was in der frz. Phonologie bzw. Intonologie mot phonique ge- 248 Besprechungen - Comptes rendus 1 Hier eine weitere terminologische Eigenwilligkeit des Verf.: er lehnt das Adj. grigionese ab (man sage ja schließlich auch nicht toscanese) und verwendet dafür grigione (was aber wohl kaum Chancen hat, sich durchzusetzen). nannt wird. Allerdings betrifft seine Fragestellung kaum den suprasegmentalen Bereich, sondern ist in der Regel auf die Kontakt- und Kombinationsphänomene im segmentalen Bereich fixiert. Zu dieser (nicht ungefährlichen) Einengung des Blickwinkels kommt noch hinzu, dass nirgends darauf hingewiesen wird, dass die Gliederung auf der Ebene der macrolessi äußerst variabel ist und von Faktoren wie Stilebene, Textsorte, Sprechtempo, Emphase usw. abhängig ist. Problematisch ist auch die Behauptung, historisch sei im italoromanzo die fonologia macrolettica im wesentlichen identisch gewesen mit der fonologia microlettica, während heute die erstere dominiere. Woher weiß man denn das? Ist dieser Eindruck nicht dadurch bedingt, dass wir für das Mittelalter nur schriftliche Zeugnisse haben? Und ist es nicht so, dass gerade die mittelalterlichen Handschriften oft deutliche Tendenzen zu einer makrolektischen Verschriftung zeigen und weit davon entfernt sind, die «traditionellen» Wortgrenzen zu respektieren? Um eine derart wichtige Frage zu beantworten, genügt eine einfache Behauptung sicher nicht; hier wäre eine ausführliche, sicher komplexe und schwierige Beweisführung nötig. Im folgenden 8. Kap. geht es im wesentlichen um die Silbe, aber auch um die Konsonantennexus und die Geminaten (35s.). Auch hier werden gleich wieder Bedenken wach. Wie auch an anderen Stellen immer wieder deutlich wird, betrachtet F. die Silbe als linguistische Einheit - in Wirklichkeit ist sie ohne linguistische Funktion und rein artikulatorischer (motorischer) Natur 2 . Zudem ist die p. 35 gegebene «Silbendefinition» (c)v(c) keine Definition, sondern bestenfalls eine Beschreibung, die überdies die Existenz von rein sonantischen Silben außer Acht lässt 3 . Gut ist hier die Darstellung der Regeln der italienischen Silbengliederung, gut ist die Behandlung von kurzen und langen Konsonanten (lange Konsonanten = Geminaten), der Konsonantennexus und der Geminate als Sonderfall des Nexus, gut auch die Weigerung, die Geminaten als eigenständige Phoneme zu betrachten. Aber an einer Stelle kommt F. aufgrund seiner unglücklichen Silbendefinition in Schwierigkeiten, nämlich bei der Behandlung der Gruppen Okklusive + r/ l: Seine Silbendefinition steht im Widerspruch zu den Verfahren der Silbengliederung, was ihn dazu zwingt, Gruppen wie dr, gr usw. als einheitliche Konsonanten zu betrachten. Hätte er die Silbendefinition von Saussure zugrunde gelegt, die die Silbengrenzen über den Wechsel von einer Implosionszu einer Explosionsbewegung (und umgekehrt) definiert, hätte er sich diesen Murks ersparen können 4 . Kap. 9 ist mit «Accento dinamico e aspetti prosodici del dire» (37s.) überschrieben; es handelt sich um eines der problematischsten Kapitel der Publikation, und dies v. a. deshalb, weil F. der modernen Intonationsforschung überhaupt nicht Rechnung trägt 5 . So wird der Akzent nur über Intensität und Dauer definiert, die Tonhöhe wird in keinster Weise berücksichtigt; Ton und Intonation werden in absoluter Weise vom Akzent isoliert; dem Insistenzakzent (emphatischen Akzent) wird nirgends Rechnung getragen; Verf. kommt nirgends auf die Idee, dass gerade in einer Sprache, die keine feste Akzentposition kennt, nicht der Akzent, sondern vielmehr das Akzentschema (sowohl auf der Ebene der microlessi als auch auf derjenigen der macrolessi) die entscheidende Größe ist; der Begriff der Intonationskontur fehlt und wird bestenfalls p. 38s. vage angedeutet. So bleibt alles zu unspezifisch und zu vage; Recht hat F. dagegen, wenn er es ablehnt, für die betonten und unbetonten Positionen zwei unterschiedliche Vokalsysteme zu postulieren. 249 Besprechungen - Comptes rendus 2 Cf. P. Wunderli et al., Französische Intonationsforschung,Tübingen 1978: passim (Index s. Silbe). 3 Es handelt sich hierbei um Fälle wie dt. / fatR/ ; dieser Typus existiert auch in (ober-)italienischen Varietäten, wenn er auch eher selten ist. 4 Cf. F. de Saussure, Cours de linguistique générale, Paris 3 1931: 77s. 5 Cf. hierzu Wunderli 1978; P. Wunderli, «Dialettologia e ricerca sull’intonazione», in: G. Holtus/ M. Metzeltin/ M. Pfister (ed.), La dialettologia italiana oggi. Studi offerti a Manlio Cortelazzo, Tübingen 1989: 17-36. Nicht zu überzeugen vermag auch Kap. 10 «Toni e cadenze: sincronìa e diacronìa» (39s.). Nach F. wäre die Intonation sehr variabel und würde von Sprachgemeinschaft zu Sprachgemeinschaft wechseln (gemeint sind wohl dialektale, lokolektale usw. Unterschiede). Dies kann so pauschal nicht stehen bleiben. Einmal muss betont werden, dass diese Unterschiede im Bereich der suprasegmentalen Phonologie viel geringer sind als in demjenigen der segmentalen. Dann muss herausgestellt werden, dass die Konstanten v. a. im Affektbereich sehr groß sind und die einschlägigen Muster eine gewisse Tendenz zur Universalität aufweisen (was diatopisch, diastratisch, diaphasisch und sogar individuell bedingte Variationen noch nicht ausschließt). Das soll nicht heißen, dass es nicht dialekttypische Kadenzen (wie z. B. die Schwächung der Auslautvokale im Süden) gäbe; diese werden aber durch generelle Muster überlagert und gehören letztlich in den Bereich der segmentalen Phonologie. Trotz vieler guter Einzelbeobachtungen erweist sich hier das Vorgehen des Verf. erneut als nicht analytisch und nicht abstraktiv genug. Weniger problematisch ist Kap. 11 «Accenti primari e secondari microe macrolettici» (42s.). Das Deutsche wäre durch einen fallenden Akzent gekennzeichnet, die romanischen Sprachen dagegen durch einen steigenden. Das gilt in dieser absoluten Form aber nur (weitestgehend) für das Französische, während die übrigen romanischen Sprachen aufgrund der variablen Akzentposition in dieser Hinsicht nur schwer und bestenfalls tendenziell einzuordnen sind. Richtig ist natürlich, dass man in der macrolessi oft eine Schwächung oder gar Tilgung von mikrolexischen Akzenten findet. Hier wäre unbedingt auf das Französische zu verweisen gewesen, wo dieses Phänomen gewissermaßen verabsolutiert wurde 6 . Mit Kap. 12 beginnt der Teil der Arbeit, den man als Hauptanliegen des Verf. betrachten kann und der auch seine eigentliche Stärke ist: die Kombinatorik im Bereich der segmentalen Phonologie. Hier werden nun nacheinander praktisch alle charakteristischen Phänome und Problemfälle der (sowohl diachronischen als auch synchronischen) italienischen Phonosyntax abgehandelt. In «Uscite consonantiche in italiano» (46s.) wird das Verhalten von einsilbigen Elementen wie per, in, non, con sowohl im Toskanischen als auch im italoromanzo überzeugend dargestellt, und das Gleiche gilt auch für neuere Entlehnungen wie nord, film, sport. Kap. 13 ist mit «Isocronia sillabica e fonemi vocalici brevi» überschrieben (49s.). F. hält zuerst einmal fest, dass die Vokalquantität in der Regel kontextabhängig ist und durch die Quantität des nachfolgenden Konsonanten gesteuert wird. Aufgrund der Tendenz zum Isosyllabismus hat dies zur Folge, dass die Vokale in offener Silbe länger sind als die in geschlossener. Allerdings gibt es auch essentiell kurze (unbetonte) Vokale, die im Inneren der macrolessi dann den nachfolgenden Konsonanten längen. Die Folgen dieser Gegebenheiten werden dann in den anschließenden Kapiteln weiter untersucht. In Kap. 14 geht es um das «Raddoppiamento consonantico indotto da vocale breve» (51s.), und zwar sowohl im Rahmen der macrolessi als auch in demjenigen der Wortbildung. Die überzeugende Darstellung illustriert material- und kenntnisreich den Längungseffekt von kurzen Auslautvokalen auf den nachfolgenden Anlautkonsonanten. Das Phänomen überlebt in der südlichen Toskana in der Wortbildung bis in die Gegenwart, während sonst Neubildungen heute ohne raddoppiamento erfolgen. Aus diesen Gegebenheiten zieht F. dann den Schluss, dass es neben dem «normalen» Vokalsystem ein System von essentiell kurzen Vokalen gebe, so dass das Italienische ein System von 14 Vokalen kenne. Ich habe allerdings so meine Zweifel, ob dies wirklich nötig und sinnvoll ist, zumal F. ja kurz vorher die Annahme eines eigenen Systems der unbetonten Vokale abgelehnt hat. Eine Positionsregel bzw. entsprechende Akzentschemata würden das Gleiche leisten und eine Systemdoppelung erübrigen. 250 Besprechungen - Comptes rendus 6 Schließlich wird ja p. 44s. auf die frz. Endbetonung verwiesen. Kap. 15 ist dann den «Fonemi vocalici dell’italiano» gewidmet (54s.) und ist nicht gerade ein Muster von Konsequenz. Einmal stellt F. hier nun doch ein System von betonten einem System von unbetonten Vokalen gegenüber. Dann behandelt er Halbvokale und Halbkonsonanten als eigene Phoneme, obwohl sie doch eindeutig positionsbedingt sind (asilbischer Charakter bzw. Randposition in der Silbe). Und schließlich: Was soll die Unterscheidung von Halbvokalen und Halbkonsonanten? Nach F. wären die Halbkonsonanten stärker und kürzer, die Halbvokale schwächer und länger (54). Ob sich das empirisch nachweisen lässt, ist mehr als fraglich, und selbst wenn, dann handelt es sich um rein phonetische, phonologisch irrelevante Kriterien. Umso mehr muss erstaunen, dass F. an gleicher Stelle dann doch wieder sieht, dass die Halbkonsonanten und Halbvokale nichts weiter als asilbische Varianten der Phoneme / i/ und / u/ sind . . . Hier drängt sich schon die Frage nach dem Phonembegriff des Verf. auf: Liegt hier nicht eine Vermischung der Ebenen von System und Norm vor? Kap. 16 («Diacronia: evoluzione del vocalisme latino lungo anteriore», 57s.) setzt die Thematik der vorhergehenden Kapitel fort. Nach F. gibt es die Unterscheidung von offenen und geschlossenen Vokalen nicht erst im Vulgärlatein, sondern schon in der klassischen Entwicklungsphase, und zwar aufgrund der Tatsache, dass es neben / fi / auch / ⁄ / ( ai), neben / ô / auch / { / ( av) gibt. æ wäre nie Aussprache, sondern immer nur Graphie für / ⁄ / gewesen, was als durchaus plausibel gelten kann. Gestützt wäre diese Doppelung im Bereiche von e durch die Verhältnisse im Griechischen worden. Das Kapitel 17 («Il problema del ted. Kaiser», 60s.) stellt eine Art Einschub in Verlängerung von Kap. 16 dar. In überzeugender Weise legt Verf. dar, dass dt. Kaiser nicht über das Lat. vermittelt wurde, sondern auf die Westgoten zurückgeht, die gr. κα σαρ gewissermaßen buchstabengetreu übernommen hätten. Kap. 18 schließt dann an Kap. 16 an und behandelt die «Evoluzione del vocalismo latino lungo posteriore - il vocalismo breve» (61s.). Anders als bei æ findet bei av / { / die Entwicklung keine Stütze im Griechischen. Zudem wird der offene Langvokal in der Provinz oft sehr spät, z. T. sogar überhaupt nicht übernommen. Kap. 19 (64s.) thematisiert die diachronische Ausrichtung schon im Titel und ist mit «Dal veterosistema al neosistema: neotimbri e neoquantità» überschrieben. F. hält fest, dass im römischen «System» (? ) die langen Vokale in der Regel geschlossener als die kurzen realisiert werden; der Quantitätsunterschied ist daher von einem Qualitätsunterschied gedoppelt. Dies ist alles richtig, aber keine spezifische Eigenschaft des Lat., sondern vielmehr ein allgemeines artikulatorisches Prinzip. Gut an diesem Kapitel ist v. a., dass Verf. sich mit Entschiedenheit gegen das verbreitete Geschwätz von einem «Quantitätenkollaps» bei der Entwicklung vom lateinischen zum romanischen Vokalsystem wendet. Vielmehr haben wir es mit einem Relevanzwechsel (Quantität → Qualität) bzw. mit einer Rephonologisierung der Qualität zu tun, eine Entwicklung, bei der das Christentum und seine Ausbreitung eine zentrale Rolle spielen. Das Neosystem ist so dadurch charakterisiert, dass in der Regel die offene Silbe einen langen, die geschlossene Silbe einen kurzen Vokal aufweist, d. h. die Quantität kontextabhängig wird. Weniger überzeugend sind die weiteren Schlüsse in diesem Kapitel, v. a. dass der Zerfall des Kasussystems eine Folge des Quantitätenverlusts und des Verlusts der Auslautkonsonanten sei. Dabei wird übersehen, dass die Präpositionen schon lange eigentlich über ihre (semantische) Präzisierungsrolle in die Funktion der fest mit ihnen verbundenen Kasus eingerückt waren und diese damit überflüssig gemacht hatten. Wenn man eine Abhängigkeit zwischen lautlichem und morpho-syntaktischem Bereich herstellen will, dann würde ich sie eher in umgekehrter Richtung sehen: die phonetisch-phonologischen Entwicklungen konnten nur so ablaufen wie sie abgelaufen sind, weil die morpho-syntaktische Funktionsfähigkeit der Sprache bereits in trockenen Tüchern war! 251 Besprechungen - Comptes rendus Kap. 20 (67s.) ist der «Metafonesi latina e sarda - metafonesi romanica e romanza» gewidmet. Die im Lat. bei è und õ alten Umlauterscheinungen leben auf Sardinien weiter (Typus [l ⁄ pre] vs. [l fipri]), während sie in anderen Gebieten wegen der Phonologisierung von / fi / untergegangen sind. Diese Thematik wird in Kap. 21 «Vocalismo ‹bisantino› e metafonesi salentina» (69s.) fortgeführt: die Umlautphänomene im Salentino gleichen weitgehend denjenigen auf Sardinien. An diese Feststellung schließt dann reichlich assoziativ die Behandlung des Vokalsystems in Sizilien, Kalabrien und im südlichen Apulien an: Unter byzantinischem Einfluss (Ostkirche) finden wir hier ein Vokalsystem mit nur 5 Einheiten vor, da die Differenzierung (offen/ geschlossen) für den mittleren Öffnungsgrad entfällt. Auf Sizilien wird für die unbetonten Vokale die Zahl der Öffnungsgrade (abweichend vom Griechischen) sogar auf deren zwei reduziert. Mit Kap. 22, «Il latino cristiano - illu, dici» (74s.) findet wieder ein gewisser Perspektivenwechsel statt. Das Neosystem würde sich mit dem Durchbruch des Christentums im 3. Jh. durchsetzen; dieses «christliche» Latein würde sich bis zu Karl dem Großen halten und dann durch das romanico/ romanzo abgelöst. Dabei wären die Wurzeln des romanzo (im Einklang mit den Regeln der Neolinguistik) älter als diejenigen des romanico. Wesentlichstes Element dieser Entwicklung wäre der Verlust der Auslautkonsonanten, was bei -m und -s zu einer Längung des vorhergehenden Vokals führen würde. Diese Punkte sind einleuchtend, nicht aber die «zäsurierende» Sicht des Verf. auf die Entwicklung: wir haben es keineswegs mit Brüchen zu tun, sondern vielmehr mit kontinuierlichen Übergängen, die sich jeder exakten Datierung entziehen, wenn man nicht auf sachfremde Kriterien zurückgreift! Kap. 23 (78s.) ist der «Origine della brevità neofinale romanica» gewidmet und wiederholt über weite Strecken schon in Kap. 22 Gesagtes. Die konsonantischen Auslaute würden in der macrolessi an den Anlautkonsonanten der folgenden Silbe assimiliert oder aber ausfallen. Bei -m und -s würde dies zu einer Längung des vorhergehenden Vokals führen, bei anderen Auslautkonsonanten dagegen würde der Vokal kurz bleiben. Eine Erklärung dieses unterschiedlichen Verhaltens fehlt jedoch. Vor allem ist es aber nicht angemessen, von einer «funzione semantica . . . della sillaba» (Auslautsilbe) zu sprechen: Was semantische Funktion hat, ist das Morphem, die Silbe dagegen ist in semantischer Hinsicht funktionslos; dies gilt auch, wenn Morphem und Silbe zufälligerweise deckungsgleich sind. Die Thematik wird in Kap. 24 «Geminazione di consonante finale» (81s.) weitergeführt. Der in einsilbigen Wörtern wie non, un, in usw. erhaltene Auslautkonsonant würde vor vokalischem Anlaut geminiert, um die (kurze) Silbenquantität zu erhalten (cf. z. B. im Rahmen der Wortbildung innalzare, innamorare). Von diesen allgemeinen Gegebenheiten weichen cum und per ab: Bei cum fällt -m schon sehr früh, was zu einem Verhalten wie bei den mehrsilbigen Lexien führt; bei per findet sich im Toskanischen nie ein systematischer Verlust von -r und nie eine Geminierung. In Kap. 25 (84s.) werden «Brevità neofinale toscana e italoromanza» verglichen. In der Toskana findet sich sporadisch eine Ausdehnung des kurzen Auslautvokals auf mehrsilbige Wörter, doch handelt es sich immer um aus der Poebene importierte Lexien 7 . In einem Raum, der vom Piemont bis zur Emilia reicht, hat die Vokalquantität besonders große Bedeutung, da hier die Geminaten reduziert werden und die Differenzierungsfunktion auf die Vokalquantität übergeht. Im italoromanzo werden nun (anders als im Französischen) alle betonten Auslautvokale kurz. F. vertritt die Hypothese, die Generalisierung der betonten kurzen Auslautvokale im italoromanzo sei eine Übertreibung der Gegebenheiten im christlichen Rom, was dann zu den neobrevi finali führe. 252 Besprechungen - Comptes rendus 7 Also auch hier eine Beeinflussung des romanico durch das italoromanzo. In Kap. 26 (88s.) geht es um die «accentuazione franceseggiante» von Wörtern und v. a. Namen wie Gesù, Mosè usw., die ihre Endbetonung nicht direkt aus dem Griechischen, sondern aus dem Französischen bezogen hätten. Überraschenderweise ist Cristo davon nicht betroffen und bleibt bei seiner alten kirchenlat. Betonung. Auch in Kap. 27 «ogn $ e ogni neutro latino e neoneutro» (91s.) geht es weiter um Akzentprobleme und ihre Folgen, diesmal hinsichtlich des «Neutrum». Ob man Formen wie le corna aus heutiger Sicht allerdings noch als Neutra bezeichnen darf, bleibt fraglich 8 . Interessant sind auf jeden Fall die Ausführungen zu den historisch auf das Neutrum zurückgehenden Artikelformen l ö und l e˘ , die F. wegen des Kurzvokals auf oxytone Sequenzen zurückführt: l ö *ill ö c illu(d) hoc, l e˘ *illæc illa hœc. Ein eigentliches «neoneutro» (auf den Singular beschränkt) gäbe es in den Marche, in Teilen von Umbrien und Lazio, in Kampanien sowie in Teilen der Basilicata und von Apulien, wo einem Artikel lu m. ein Artikel lo n. gegenübersteht. Das Neutrum findet sich v. a. für «mass nouns», die als solche nicht pluralisierbar sind (lo grano, lo sale); in Opposition zum Maskulinum bezeichnet das Neutrum ferner das Material, das Maskulinum das Produkt (lo legno, lu lignu; lo ferro, lu fierru; etc.). Die (neutralen) Substantive wären in diesen Fällen durch eine Übernahme des kurzen Endvokals an den Artikel angepasst worden. Die Frage, ob man im It. allgemein heute noch von einem Neutrum sprechen könne, wird in Kap. 28 aufgerollt. Sie wird für den Sg. verneint, da die entsprechenden lat. Formen je nachdem zu den Maskulina oder Feminina übergegangen seien. Bei den Pluralformen wie le corna, le paia sowie bei den Wörtern mit genusdifferenzierter Doppelbedeutung (frutti/ frutta, muri/ mura etc.) sieht F. Reste eines alten Neutrums. Dies ist historisch sicher richtig, aber wie sind diese Formen synchronisch zu bewerten? F. drückt sich lange um eine klare Stellungnahme, erklärt dann aber schließlich p. 97 doch, «che la nostra lingua . . . ignora in effetti di possedere un genere neutro». Mit Kap. 29 wird eine neue Thematik eröffnet: «Vocali asillabe e semiconsonanti - iato e dittongo» (97s.). Ein Diphthong liegt nach F. vor, wenn ein im Hiat stehender Vokal seine Silbenqualität verliert. Echte Diphthonge lägen aber nur mit [w] und [y] vor. Es folgt dann die Unterscheidung von steigenden und fallenden Diphthongen sowie die bereits kritisierte Trennung von Halbvokalen und Halbkonsonanten. Diese Thematik wird dann in Kap. 30 «Dittongo improprio e uscita -ii» (100s.) fortgeführt. Die Vokalverbindungen ao, ae, uo, ea wären «uneigentliche» Diphthonge. Diese Ausgrenzung begründet F. damit, dass in diesem Fall die Dauer einer «normalen» Silbe überschritten werde, was bei Verbindungen mit [w] und [y] nicht der Fall sei. Ein Nachweis für diese Behauptung fehlt jedoch, und selbst wenn er gelänge, wäre die Begründung rein phonetischer und nicht phonologischer Natur. Beim Kontakt von zwei gleichen Vokalen (in der macrolessi) bestünde die Tendenz, einen einzigen langen Vokal zu artikulieren; auch dies ist wieder eine rein phonetische Begründung. Das ganze Kapitel muss so als problematisch bezeichnet werden. Kap. 31 (102s.) wird dann an den Beispielen von Neapel und Norditalien gezeigt, dass die Vokalverbindungen in jeder Region anders behandelt werden. Kap. 32 (105s.) ist der Diphthongierung in einsilbigen Wörtern gewidmet und Kap. 33 (107s.) behandelt die bedingten Diphthongierungen. Kap. 34 (111s.) bringt wieder einen Themenwechsel. F. wendet sich jetzt den nichtvokalischen Phonemen zu und gibt p. 112 zuerst einmal ein tabellarisches Inventar, zu dem er ausführt, es enthalte nur Konsonanten, da das It. keine Sonanten kenne. Diese Behauptung ist mehr als fragwürdig und steht auch zu den Ausführungen des Verf. in Kap. 35 im 253 Besprechungen - Comptes rendus 8 Cf. auch das Rumänische, wo die entsprechenden Formen meist als «ambigen» bezeichnet werden. Widerspruch, wo ausdrücklich von Sonanten die Rede ist. Zudem ist das Inventar p. 112 kein «System», denn es berücksichtigt neben den Phonemen auch Phonemvarianten. Kap. 35 (113s.) ist mit «Sonanti e consonanti» überschrieben (! ) und ordnet die Nasale, Liquidae und Vibranten dieser Kategorie zu. Dies ist richtig, aber es ist falsch zu behaupten, die Vibranten würden keine Okklusion kennen: sie kennen keine dauernde Okklusion, aber sehr wohl eine intermittierende und sind in diesem Sinne - ähnlich wie die Nasale und Laterale - als «Teilokklusive» zu betrachten. Kap. 36 (114s.) ist den «Aspirate, affricate, assibilate» gewidmet, ein Kapitel, in dem Verf. z. T. wieder eigene und eigenwillige Wege beschreitet. Er geht davon aus, dass die stimmlosen Okklusiven phonetisch zur Affrikate neigen würden, indem gegen Ende der Artikulation der Verschluss gelockert würde. Das ist aber nur eine «Neigung» und keine Regel, und überdies ist das Phänomen phonologisch irrelevant. Den traditionell als / ts/ , / t á / , / dz/ und / d í / transkribierten Lautungen wird dann der Status von Affrikaten abgesprochen; es würde sich vielmehr um assibilate handeln. Warum wird nicht wirklich deutlich, doch dürfte der Grund wohl darin liegen, dass okklusive und frikative Komponente nicht wirklich homorgan sind. F. stellt sich hier erneut gegen die Tradition, und zudem argumentiert er noch einmal rein phonetisch und nicht phonologisch. Auch die Behauptung, die assibilate seien untrennbar und würden immer ein einziges Phonem darstellen, ist willkürlich und unbewiesen - und in dieser absoluten Form auch falsch. Hier wäre F. besser der differenzierten Argumentation von Martinet gefolgt! Das Thema wird in Kap. 36, «Lenizione fonica e grafema ambiguo toscano s» (188s.) weitergeführt. Es geht hier um die Lenisierung und Sonorisierung (gegebenenfalls auch Spirantisierung) von intervok. / s/ / z/ , / s j / / í / . Die beiden Phänomene fänden sich im romanico nur im Toskanischen und wären erneut aus dem Oberitalienischen (unter dem Einfluss der Kirche) um ca. 1000 übernommen. Der Rest des romanico würde nur / s/ kennen, das allerdings vor stimmhaften Konsonanten aufgrund einer Assimilation stimmhaft werden könnte, was phonologisch aber irrelevant ist. Kap. 38 (121s.) ist der «Lenizione spirantizzante delle assibilate palatali» und insbesondere dem Phonem / í / im Oberitalienischen gewidmet, Kap. 39 (124s.) der Doppelfunktion (stimmhaft/ stimmlos) der Graphie / z/ (der von F. verwendete Ausdruck Graphem ist hier wohl unangemessen). In Kap. 40 (129s. «Lenizione intervocalica delle esplosive») geht es um toskanische Entwicklungen wie / k/ [ ] [h] («gorgia»), / t/ [ θ ] und / p/ [ ]. Die Phänomene träten erst in der Renaissance auf und wären mit der Lenisierung/ Sonorisierung im romanesco verwandt, führten aber im Toskanischen nicht zu einer Sonorisierung, was auf die prinzipielle Beibehaltung des Gegensatzes stimmhaft/ stimmlos im toskanischen System zurückzuführen wäre . In Kap. 41 (131s. «Rafforzamento delle continue in postura forte») geht es um die «Konsonantenverhärtung» nach Konsonant und im (absoluten) Auslaut. Das Phänomen findet sich nur in (halb-)gelehrten Wörtern wie nursia Norcia, mansus mancio, ilva Elba, (con)servare serbare etc. und hätte eine Parallele im Spanischen. Kap. 42 (135s.) schließlich ist der «Distribuzione microlettica delle consonanti nell’italiano» gewidmet. F. unterscheidet zwischen einer starken, einer «halbstarken», einer «halbschwachen» und einer schwachen Position. Hier fragt man sich vor allem, was die beiden mittleren Positionen sollen. Ihre Differenzierung ist theoretisch nicht begründet, und selbst wenn sie sich begründen ließe, könnte die Rechtfertigung höchstens phonetischer, keinesfalls aber phonologischer Natur sein. Das letzte Kapitel (43: 137s.) trägt den Titel «Dalla microlessi alla macrolessi: il zio, lo Hegel) und befasst sich (u. a.) mit einer Reihe von Unregelmäßigkeiten in der Artikelsetzung, die F. darin begründet sieht, dass in der macrolessi die Artikel il und un vor einem Konsonanten stehen können, wo sie innerhalb der microlessi nicht möglich sind. 254 Besprechungen - Comptes rendus Ich könnte diese Besprechung nun so beenden, wie dies Franceschi in seinem Büchlein tut: Punkt, fertig. Ich will mich jedoch nicht um eine Schlussbilanz drücken. Wir haben es hier mit einer Publikation zu tun, die eine Fülle von interessanten und diskussionswürdigen Beobachtungen, Thesen usw. enthält, die aber gleichzeitig auch nur allzu oft Widerspruch hervorruft. Dies hängt u. a. damit zusammen, dass Verf. einen fast manischen Hang zur Ablehnung aller traditionellen Lehrmeinungen entwickelt (die sicher z. T. Kritik verdienen) und so den negativen Geist eindeutig übertreibt. Dazu kommen dann noch einige prinzipielle Mängel, die wir im Laufe unserer Darstellung bereits erwähnt haben: keine saubere Trennung von Phonetik (historischer Phonetik) und Phonologie, v. a. in den Einzelargumentationen; keine saubere Trennung von Synchronie und Diachronie; ein ungenügender Informationsstand hinsichtlich der modernen Intonologie; eine häufige Verwechslung von Silbe und (einsilbigem) Morphem; eine unzureichende Differenzierung von bedeutungstragenden und bedeutungsdifferenzierenden Einheiten; usw. Bei allem Interesse, das die Arbeit verdient, bleibt so als Fazit: Mit Vorsicht zu genießen. Peter Wunderli ★ Yvonne Tressel, Sermoni subalpini. Studi lessicali con un’introduzione alle particolarità grafiche, morfologiche e geolinguistiche, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2004, 646 p. (Beiträge zur Romanistik 8) Die Sermoni subalpini gehören sicher nicht zu den am schlechtesten untersuchten romanischen Texten: Neben der Erstausgabe von Foerster 1879 existieren diejenigen von Ugolini 1942 und Lazzeri 1954 1 sowie als letzte diejenige von Babilas 1968, die auch der Untersuchung der Verfasserin zugrunde liegt. Babilas untersucht (neben der Zehn-Engelchor- Lehre) v. a. Inhalt und Struktur der Texte, während Danesi 1976 sich v. a. den sprachlichen Aspekten widmet 2 . Daneben existiert auch noch eine Fülle von Teil- und Detailuntersuchungen. Trotzdem gelingt es der Verf. mit dieser bei Max Pfister angefertigten Dissertation Neuland zu betreten, indem sie die Sprache der Sermoni in lexikologischer Sicht systematisch auswertet und die Ergebnisse geolinguistisch interpretiert, was abschließend zu einer präzisen (wenn auch nicht unproblematischen) Lokalisierung der Predigten führt. Außerordentlich hilfreich bei diesem Unternehmen war für sie natürlich der großartige Materialfundus des LEI. Die Arbeit beginnt mit einem kurzen Vorwort (9), das die üblichen Danksagungen enthält. Es folgt dann eine Einleitung (11-25), in der ein geraffter Abriss über die Geschichte der romanischen Sprachen (insbesondere in Frankreich und Oberitalien) und ein Überblick über die ältesten Texte in diesem Raum gegeben werden. Es folgt dann eine Skizze zur Entwicklung der Predigtsprache und eine knappe Darstellung der Struktur der Sermoni; ebenso werden der Forschungsstand, das Untersuchungsziel und die verwendete Methode kurz vorgestellt. 255 Besprechungen - Comptes rendus 1 Die Angaben bei Tressel 2004: 20 decken sich nur teilweise mit denjenigen in der Bibliographie (p. 633 und 636). - Die Bibliographie ist auch sonst oft recht inkonsequent, v. a. was die Zuordnung zu den einzelnen Teilen angeht. 2 Cf. W. Foerster, Galloitalische Predigten, Bonn 1879 (RSt. 4); F. A. Ugolini, Testi antichi italiani,Torino 1942; G. Lazzeri, «Edizione critico-interpretativa dei Sermoni subalpini» in: Antologia dei primi secoli della letteratura italiana, Milano 1954 ( 1 1942): 193-300; W. Babilas, Untersuchungen zu den Sermoni subalpini, mit einem Exkurs über die Zehn-Engelchor-Lehre, München 1968 (kritische Ausgabe 217-344); M. Danesi, La lingua dei Sermoni subalpini, Torino 1976.