Vox Romanica
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2941-0916
Francke Verlag Tübingen
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Kristol De StefaniUlrich Mölk (ed.), Herrschaft, Ideologie und Geschichtskonzeption in Alexanderdichtungen des Mittelalters, Göttingen (Wallstein) 2002, 424 p. (Literatur und Kulturräume im Mittelalter 2)
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Hiram Kümper
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Marie André’s «Éve dans Marie: L’énigme de la procréation» argues that the Virgin Mary engendered Eve, her own creator. In «Rivages d’oubli, lac de mémoire: lire Rousseau sous l’éclairage d’Ovide», Jacques Berchtold demonstrates the importance of Ovidian elegies to Jean-Jacques Rousseau’s La Nouvelle Héloïse. Michel Burger’s contribution, titled «Le mariage de saint Alexis», compares and contrasts the presentation of Saint Alexis’s marriage in the Vita and the Chanson, in an effort to resituate the composition of the latter text, placing it in the middle of the eleventh century. Brigitte Cazelles considers courtly literary works as «entremés», or as reflections of the complexity of the cosmos, in her «L’œuvre courtois comme ‹entremés›». Pierre-Marie Joris’s «Urgent moyen âge: Les Grands Lyriques provençaux de Charles- Albert Cingria, ou ‹l’admiration de l’admiration›» explains and defends the purpose of this unpublished work. In his «Le diable emprisonné au moyen âge: réflexions sur un motif de conte», Philippe Ménard examines the various treatments of the entombed demon motif in numerous medieval texts, including Gerbert de Montreuil’s Continuation du Conte du Graal and the Lancelot en prose. The centrality of the tale of Œdipus to stories problematizing incest and parricide (as well as its influence on L’Histoire ancienne) is the focus of Sylviane Messerli’s «Œdipe en Judas: la figure d’Œdipe dans l’Histoire ancienne jusqu’à César». Emmanuelle Métry, in «‹La vie est courte, l’art est long, l’occasion fugitive . . .› Quelques considérations sur l’acquisition pour la Bibliotheca Bodmeriana de deux manuscrits de l’ancienne collection Beck», discusses the acquisition of Les Vœux du paon and Guillaume de Conches’s Dragmaticon, explaining at the same time their importance to the Bodmer collection. In «François Villon à l’école de la lettre pervertie: le début du Testament ou la satire impossible», a reexamination of Le Testament leads Jean-Claude Mühlethaler to reject the notion that Villon’s attack against Thibaut d’Aussigny is an attempt at satire. It is the influence of uncited sources and the reason for their omission that concerns Marylène Possomaï-Perez in «La légende thébaine dans l’Ovide Moralisé: un exemple de contamination des sources». Jean-Yves Tilliette’s «Un art de lire» traces the literary invention of reading as an art form and considers literature as a provider of guidelines for how to read. The brief commentary offered for each of these essays is by no means adequate to convey their richness or the value of this volume. The contributors merit congratulations no less than does the distinguished honorand, Charles Méla. Amy L. Ingram ★ Ulrich Mölk (ed.), Herrschaft, Ideologie und Geschichtskonzeption in Alexanderdichtungen des Mittelalters, Göttingen (Wallstein) 2002, 424 p. (Literatur und Kulturräume im Mittelalter 2) Vor einiger Zeit ist nun auch der zweite Band zur mittelalterlichen Alexanderdichtung aus dem Kreis des Göttinger Sonderforschungsbereichs 529 Internationalität nationaler Literaturen 1 erschienen. Sein unmittelbarer Vorgänger 2 hat für die Bearbeitung des Alexanderstoffes, wohl eine der herausragenden literarischen Karrieren des Mittelalters, bereits viel 295 Besprechungen - Comptes rendus 1 U. Schöning (ed.), Internationalität nationaler Kulturen. Beiträge zum Ersten Symposium des Göttinger Sonderforschungsbereichs 529, Göttingen 2000. 2 J. Cölln/ S. Friede/ H. Wulfram (ed.), Alexanderdichtung im Mittelalter. Kulturelle Selbstbestimmung im Kontext literarischer Beziehungen, Göttingen 2000. Vorarbeit leisten können. Ging es den Beiträgern dort noch primär um die «kulturelle Selbstbestimmung» durch literarische Ausdrucksformen, wird nun nach der politischen Ideologie hinter der jeweiligen Bearbeitung des klassischen Stoffes gefragt. Dass der Blick dabei «diesmal etwas gezielter als im ersten Band ‹großen› Werken gewidmet» werden soll (7), wird der Romanist zu danken wissen. Gehört Alberic de Pisançon als Schöpfer der ältesten volkssprachlichen Alexanderdichtung und als unmittelbare literarische Vorlage der deutschsprachigen Alexanderbearbeitung noch zum guten Ton der hiesigen Germanistik, werden andere Bearbeitungen des Stoffes nur allzu gerne eher vernachlässigt. Der Blick schweift diesmal also bewusst ab von den ansonsten im deutschsprachigen Raum so bevorzugt und (mit gutem Recht) eingehend behandelten Arbeiten des Ulrich von Etzenbach und - allen voran - Rudolf von Ems. Das heißt nicht, dass diese beiden bedeutenden Autoren nicht zu ihrem Recht kämen: Gleich zwei Beiträge - S. Schmitts Frage nach der Funktion von Heilsgeschichte als Herrschaftslegitimation (290-331) und J. Cöllns Beitrag zur literarischen Konstruktion von Wertesystemen (332-57) - widmen sich Rudolfs «Alexander»; R. Finck (358-411) dagegen geht am Beispiel des in nur wenigen Handschriften überlieferten elften Buches, des sogenannten «Alexander-Anhanges» Ulrichs von Etzenbach (um 1280) Machtdiskursen des ausgehenden 13. Jahrhunderts im Umfeld Ottokars II. von Böhmen nach, die sich im Spannungsfeld zwischen monarchischem Machtanspruch und kommunaler Autonomie entwickelten. Der kürzere Beitrag von R. Schlechtweg-Jahn (267-89) vermag diese Frage nach Machtdiskursen überblicksartig in die Breite der deutschsprachigen Alexanderüberlieferung einzuordnen. Mit der komparatistisch angelegten Studie von D. Buschinger (162-77) ist die Verbindung zwischen Germanistik und Romanistik am Wegekreuz der Rezeptionsforschung geschlagen. Durch Vergleich am Beispiel der Tyrus-Episode kann sie plausibel nachweisen, dass Albérics Text sowohl der ältesten deutschsprachigen Bearbeitung des Alexanders durch den Pfaffen Lambrecht 3 als auch dem zwölfsilbigen «Roman d’Alexandre» des Alexandre de Paris (um 1185) zur Vorlage diente. Im Grundsatz ist das nichts Unbekanntes, jedoch wird durch ihre Deutung Curtius Rufus als Vorlage der Rahmenhandlung (P. Meyer) entbehrlich. Der perspektivische Ausblick der Verfasserin auf die Ähnlichkeit des Vorauer «Alexander» mit der Bearbeitung durch Thomas von Kent lässt auf Kommendes gespannt sein. Im Hinblick auf die leitende Frage nach zugrundeliegenden Herrschaftsideologien zeigt Buschinger exemplarisch, wie die französische Alexanderdichtung bemüht war, auch Episoden, die in der lateinischen Fassung des Stoffes klar der superbia des Makedonenkönigs entspringen, in das positive Herrscherbild, das Alexander verkörpert, zu integrieren. Dieses Bild zeichnet präzise R. Boemkes Beitrag (106-28) nach, das sich aufspannt zwischen der geburtseigenen noblesse Alexanders mit allen ihr eigenen Tugenden und der - richtig angewandten - largesse, der materiellen Versorgung seiner Vasallen und als dessen Gegenentwurf die avarice des Perserkönig Dareius fungiert. Der Rechtsbruch der Perser und der damit zum Rachefeldzug stilisierte «Gegenschlag» der Griechen sind denn auch ein zentrales Grundmotiv der französischen Alexanderüberlieferung. Dem kastilianischen «Libro de Alexandre» (erste Hälfte des 13. Jh.), der vor allem den «Alexandreis» Walters von Châtillon, aber auch die «Historia de preliis» und den «Roman d’Alexandre» verarbeitet, wenden sich die Beiträge von K. Börst (178-213) und S. Friede (214-41) zu. Instruktiv beschreibt letztere den zunächst einmal nicht besonders naheliegenden Zusammenhang zwischen zeitgenössischen Herrschaftsauffassungen und der Beschreibung des Königszeltes im «Libro». Ausgehend von Beobachtungen zur Szenenabfolge über die Anspielungen auf göttliche Strafgerichte kommt die Verfasserin zu der These, 296 Besprechungen - Comptes rendus 3 Zumindest gilt ihr Befund für die nicht auf uns gekommene Vorauer Fassung, die um 1150 entstand und dem Original vermutlich sehr nahe steht. dass die Zeltbeschreibung für den zeitgenössischen Leser als Schlüsselszene zur Umdeutung Alexanders von einem durch seine eigene superbia gefallenen zu einem seiner aufrichtigen Reue wegen dennoch von Gott auserwählten Herrscher zu deuten sei, ähnlich dem Schicksal Noahs in der Genesis. Sie kann damit auch zeigen, wie in der spanischen Bearbeitung das Element der superbia gegenüber der französischen Bearbeitung wieder stärker betont wird. Die anschließende, kodikologisch-philologische Untersuchung C. Killermanns (242-66) weist am Beispiel des katalanischen Klosters Santa Maria de Ripoll die Verwendung des «Alexandreis» Walters von Châtillon im Schulunterricht nach und bringt eine Reihe von Interlinearkommentierungen und Glossierungen zur Vorstellung. Der Befund wird dadurch umso erstaunlicher, als im kastilianischen Sprachraum, der Heimat des «Libro de Alexandre», Hinweise auf eine ähnliche Verwendung fehlen. Killermanns Beitrag zeigt in exemplarischer Weise den Wert, den die Handschriftenkunde für die Literaturwissenschaften entfalten kann. Ebenfalls aus anderer disziplinärer Richtung rührt der linguistische Beitrag von S. Pape (129-61), der akribisch das Wortfeld superbia durch die Breite der französischen Alexanderüberlieferung des 12. bis 14. Jahrhunderts untersucht. Die ersten drei Beiträge des Bandes sind lateinischen Fassungen des Alexanderstoffes gewidmet. Für die Altromanistik sind dabei besonders die Beiträge von H. Wulfram (40- 76) und Herausgeber U. Mölk (13-39) zu erwähnen. Ersterem ist es um die Darstellung der translatio des persischen auf das makedonische Weltreich bestellt, wie sie Curtius Rufus behandelt und Walter von Châtillon später rezipierte. Mölk hingegen untersucht die sozial- und staatstheoretischen Überlegungen Guido Pisanus’ und deren Verhältnis sowohl zur christlichen als auch zur stoischen Gedankenwelt. Einem bislang noch unedierten Text des «Pantheon» Gottfrieds von Viterbo wendet sich F. Rädle (77-105) zu, der geistreiche Kritik an der Auffassung Alexanders von der Verbindung zwischen königlicher Macht und höfischem Leben übt. Diese collatio cum Dindimo wird dabei vom Verfasser in einer sauberen, textkritischen Edition aus der Handschrift M. ch. F. 23 der UB Würzburg und einer deutschen Übersetzung mitgeliefert. Insgesamt betrachtet also bietet auch der zweite Alexander-Band des Göttingen SFB 529 wie sein Vorgänger «spannende Querlektüren» 4 , die eine Annäherung an die über die Maßen verzahnte Überlieferungssituation erst ermöglichen können. Die Breite ist dabei vorbildlich. Sicherlich hätte auch beispielsweise die bislang kaum beachtete mittelniederländische Bearbeitung 5 oder die bereits im ersten Band zumindest gestreifte tschechische Umarbeitung des Stoffes noch Betrachtung finden können, um das Bild zu komplettieren. Dennoch liegt mit den Beiträgen aus den beiden Göttinger Bänden zur Alexanderdichtung die momentan wohl umfassendste Darstellung der Überlieferungssituation mit Blick auf die Stoffbearbeitung vor. Der Sonderforschungsbereich hat seine Arbeit am Alexanderstoff damit beschlossen. Es bleibt aber, gerade im Hinblick auf die verschiedentlichen Ausblicke, die die Beiträger in ihren Arbeiten eröffnen, mit dem Herausgeber zu hoffen, dass dies «nicht das Ende ihres wissenschaftlichen Interesses an mittelalterlichen Alexanderdichtungen» (11) sei. Hiram Kümper ★ 297 Besprechungen - Comptes rendus 4 Cf. die Rezension zu Cölln/ Friede/ Wulfram (wie N2) von H. Lähnemann, Arcadia 36 (2001): 215-18. 5 S. S. Hoogstra (ed.), Proza-bewerkingen van het Leven van Alexander den Groote in het Middelnederlandsch, s’Gravenhage 1898.
