eJournals Vox Romanica 68/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2009
681 Kristol De Stefani

Eugenio Coseriu, Lateinisch – Romanisch. Vorlesungen und Abhandlungen zum sogenannten Vulgärlatein und zur Entstehung der romanischen Sprachen. Bearbeitet und herausgegeben von Hansbert Bertsch, Tübingen (Narr) 2008, xx + 484 p.

121
2009
Julia  Alletsgruber
vox6810230
Soweit wir sehen können, fehlt eine Auseinandersetzung mit den Sprachenartikeln der Kantonsverfassung von 2003. Zwar ist die Verfassung ein normativer Text und die Aufgabe des Forschungsprojektes war es, die tatsächlichen Verhältnisse festzuhalten. Dennoch hätte der normative Text den Blick auf die Wirklichkeit kritisch schärfen können. Die grosse Menge von Tabellen im Text wird leider nur schlecht erschlossen: es gibt keine Tabellentitel. Hinzu kommt, dass die Formatierung der Tabellen nicht in allen Kapiteln gleich ist. Einzelne Tabellen im Kapitel über die italienischen Gebiete hätten so nicht publiziert werden dürfen (etwa p. 163 unten oder p. 169). Prozentangaben erscheinen manchmal mit Kommata, manchmal mit Punkten. Einzelne Tabellen sind in ihrer Informationsfülle schlicht nicht lesbar (etwa p. 45-49 oder p. 50s.). Im ausführlichen achten Kapitel werden teilweise Prozentzahlenvergleiche in den Text integriert, was der Lesbarkeit schadet (etwa p. 267). Die grosse Fülle der Informationen im gesamten Text hätte durch ein Sachregister erschlossen werden können - darauf wurde leider verzichtet. Druckfehler sind zwar kaum zu finden, ein recht peinlicher erscheint aber auf der Karte 9 im Anhang, wo der Sprachname «Italiensich» zu finden ist (der im übrigen aus der Internetquelle stammt, von der die Karte heruntergeladen wurde). Insgesamt aber legen die Autoren ein Werk vor, das die Bündner Dreisprachigkeit in einer umfassenden Art und Weise darlegt und der weiteren Forschung äusserst nützliche Dienste leisten kann. Iwar Werlen Linguistique romane générale - Allgemeine romanische Sprachwissenschaft Eugenio Coseriu, Lateinisch - Romanisch. Vorlesungen und Abhandlungen zum sogenannten Vulgärlatein und zur Entstehung der romanischen Sprachen. Bearbeitet und herausgegeben von Hansbert Bertsch, Tübingen (Narr) 2008, xx + 484 p. Der vorliegende Band zum Vulgärlatein eröffnet eine Schriftenreihe des Gunter Narr Verlags, die dem Tübinger Eugenio Coseriu-Archiv dazu dienen soll, sowohl Schriften aus dem Nachlass des Forschers als auch sonstige in Verbindung mit dem Archiv entstehende und entstandene Arbeiten zu publizieren. Mit dem Vulgärlatein wurde für den ersten Band gleich ein Thema gewählt, mit dem sich Coseriu seit den fünfziger Jahren immer wieder intensiv und aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzte. Hansbert Bertsch, der Herausgeber, dem wir diese Bearbeitung und Zusammenstellung - und zum Teil auch Übersetzung - veröffentlichter Texte und Manuskripte verdanken, ist als Schüler Coserius mit dessen Arbeiten bestens vertraut. In seiner Einleitung (xiii-xx) weist Bertsch darauf hin, wie wegweisend vor allem das in der Vorlesung Apuntes de la evolución de la lengua enthaltene und 1954 veröffentlichte Kapitel zum Vulgärlatein für die romanische Sprachwissenschaft war. Coserius Arbeiten zum sogenannten Vulgärlatein und zur Entstehung der romanischen Sprachen sind auch heute noch keineswegs überholt, wodurch ein Sammelband mit seinen wichtigsten Schriften eigentlich keiner besonderen Rechtfertigung bedarf, aber auch die wieder intensiver gewordene Beschäftigung mit den oben genannten Themen in einer Reihe von Publikationen 1 in den letzten Jahren ließ ein solches Unternehmen wünschenswert erscheinen. Wie bereits der Titel verrät, geht es in dieser umfassenden Darstellung nicht nur um das sogenannte Vulgärlatein, sondern vor allem auch um die Entstehung der romanischen Spra- 230 Besprechungen - Comptes rendus 1 LRL 2, um nur ein Beispiel zu nennen. chen. Zunächst aber wird in dem Kapitel Latein: Seine Stellung als indogermanische Sprache - Wesentliche Strukturmerkmale und Grundzüge seiner Entwicklung (1-26) auf das Lateinische im Allgemeinen eingegangen. Dieser aus dem Jahre 1952 stammende Text beginnt mit der heutigen Verbreitung der romanischen Sprachen und gibt dann einen kurzen aber prägnanten historischen Überblick über die Anfänge und die Entwicklung des Lateins. Auch die wichtigsten Merkmale und Eigenschaften dieser Sprache werden angesprochen, sowie die konstituierenden Elemente: ererbte indogermanische Wörter, Entlehnungen aus dem Substrat und Adstrat (mediterrane Sprachen, Etruskisch, Griechisch, italische Sprachen und Keltisch), lateinische Ableitungen, Zusammensetzungen und Neuschöpfungen; aristokratische vs volkssprachliche Elemente. Es erscheint in der Tat sehr sinnvoll, wenn nicht gar notwendig für das Verständnis der nachfolgenden Kapitel, diesen Text vorauszuschicken. Außerdem unterstreicht er die Notwendigkeit, romanische und lateinische Sprachwissenschaft nicht von einander zu trennen, wenn es um die Entstehung der romanischen Sprachen geht - ein Prinzip, das Coseriu immer am Herzen gelegen hatte. Es folgt ein unveröffentlichter Text zum Vulgärlatein (27-39) aus dem Jahre 1951-52, der bereits alle Kernpunkte dessen enthält, was in den folgenden Kapiteln genauer angesprochen wird (Literatursprache vs Umgangssprache, Fixierung des klassischen Lateins vs Kontinuität der mündlichen Überlieferung, innere Differenzierung der Sprache nach regionalen, sozialen und stilistischen Aspekten, Sprache nicht als kompakter und homogener Organismus, sondern als Nebeneinander verschiedener Sprachebenen und als chronologische Entwicklung). Das folgende Kapitel, Das sogenannte Vulgärlatein und die ersten Differenzierungen in der Romania (40-105) 2 , versteht sich, laut Untertitel, als Eine kurze Einführung in die romanische Sprachwissenschaft. Es beginnt mit einem kurzen Überblick über die verschiedenen Auffassungen des Begriffs «Vulgärlatein» seit Friedrich Diez. Hier kritisiert Coseriu vor allem die Vorstellung, das Vulgärlatein sei eine andere, vom Latein zu unterscheidende Sprache. Im Anschluss definiert er seine eigene Auffassung des Begriffs. Dazu betont er zunächst, dass das Lateinische nie ganz einheitlich war, sondern zu jeder Zeit diatopische, diastratische und diaphasische Unterschiede aufwies (so kann man laut Coseriu etwa zwischen einem literarischen Latein, einem gesprochenen literarischen Latein, einem bäuerlichen Latein, einem Latein der mittleren Schichten und einem von den Italikern, also den Völkern außerhalb Latiums, gesprochenen Latein unterscheiden). Wie in jeder historischen Sprache gab es auch im Lateinischen Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Während sich das klassische Latein nun zu einem bestimmten Zeitpunkt (bzw. im Zeitraum zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und ca. 50 n. Chr., also etwa dem Ende der Herrschaft Augustus’) fixierte und danach keine weitere Neuerungen mehr aufnahm, entwickelte sich das mündlich überlieferte Latein in allen Bereichen der Sprache weiter. Die Unterschiede zum klassischen Latein finden sich sowohl im Wortschatz als auch in der Phonetik, der Morphologie und der Syntax. Das den romanischen Sprachen zugrunde liegende Latein ist nun eben diese, Vulgärlatein genannte, mündlich überlieferte Gemeinsprache des römischen Imperiums, die sich ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. rasant weiterentwickelte. Somit besteht auch ein chronologischer Unterschied zwischen klassischem Latein und Vulgärlatein, da letzteres zwar auch archaische und klassische Elemente enthält, es aber erst nach dem ersten nachchristlichen Jahrhundert die Ausprägung erfuhr, die den romanischen Sprachen zugrunde liegt. Diese Sprache wies nun zwar bereits beträchtliche diatopische, diastratische und diaphasische Unterschiede in den verschiedenen Teilen des 231 Besprechungen - Comptes rendus 2 E. Coseriu, El llamado latín vulgar y las primeras diferenciaciones romances. Breve introducción a la lingüística románica, Montevideo 1954. Imperiums auf, war aber dennoch bis zu einem gewissen Grad noch allgemein verständlich. Ab dem 6./ 7. Jahrhundert kann man dann jedoch nicht mehr von einer gemeinsamen lateinischen Sprache, sondern von romanischen Varietäten sprechen. Was nun die Ausgliederung der Romania und die innere Differenzierung der romanischen Sprachen betrifft, so führt Coseriu eine Reihe von Gründen an. Es handelt sich dabei um innere (die Tatsache, dass das Latein nie ganz einheitlich war) und äußere Faktoren (die Bedingungen, unter denen sich die Romanisierung der Provinzen vollzog). Bei letzteren handelt es sich um die verschiedenen Zeiten, zu denen die Provinzen romanisiert wurden, die Substrate, die das Latein in den verschiedenen Provinzen überlagerte, der unterschiedliche Rhythmus und die unterschiedliche Intensität der Romanisierung in den verschiedenen Gebieten, die Unterschiede in der Bevölkerungsdichte in den eroberten Gebieten, die sozialen und ethnischen Unterschiede zwischen den Kolonisten verschiedener Provinzen (die nicht alle aus derselben sozialen Schicht stammten und nicht alle Latiner waren), und schließlich die verschiedenen Romanisierungsströme, die von verschiedenen Zentren ausgingen und nicht alle dieselbe Reichweite hatten. Alle diese Faktoren müssen berücksichtigt werden, wenn sie auch nicht in allen romanischen Sprachen dieselbe Bedeutung und dieselben Auswirkungen hatten. Den Kernteil des Bandes bildet das Kapitel Das Vulgärlatein und die Entstehung der romanischen Sprachen (106-328). Es basiert auf den Bonner und Tübinger Vorlesungen (1961/ 62 und 1965) und ist, nach einigen Vorbemerkungen zur Terminologie (106-8), in denen sich hilfreiche Erklärungen zu von Coseriu verwendeten Begriffen wie historische und funktionelle Sprache, Architektur der Sprache, System, Norm und Struktur finden, in zehn Unterkapitel aufgeteilt. Im ersten, «Vulgärlatein» (108-14), kommt er nochmals auf die Definition des Begriffs und auf das Verhältnis zwischen Latinität und Romanität zu sprechen. Im zweiten Unterkapitel («Latein - eine ‹historische› Sprache», 115-29) geht Coseriu zunächst auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen klassischem und Vulgärlatein ein. Er betont sodann, wie bereits in früheren Schriften, dass es sich beim Vulgärlatein nicht um eine einheitliche funktionelle Sprache handelt, sondern um einen Komplex verschiedener Traditionen (klassisches geschriebenes Latein, klassisches gesprochenes Latein, Latein der mittleren Schichten, von der Landbevölkerung in Latium gesprochenes Latein, von den Italikern gesprochenes Latein, Provinzlatein und «Romanisches Latein», d. h. das aufgrund der romanischen Sprachen rekonstruierte Latein), der von den romanischen Sprachen fortgesetzt wird. Darauf weist Coseriu im folgenden und auch in späteren Texten immer wieder hin. Zudem muss zwischen dem Vulgärlatein der Romanisten und jenem der Latinisten unterschieden werden. Für letztere sind all jene Formen «vulgär», welche zum einen in den Texten belegt und zum anderen nicht klassisch sind, während das von den romanischen Sprachen fortgesetzte Vulgärlatein zahlreiche klassische Elemente enthält, sowie viele nicht in den Texten belegte Elemente, aber keine nicht klassischen, in den Texten belegte Elemente, die nicht von den romanischen Sprachen fortgesetzt werden. Was die Epoche des Vulgärlateins anbelangt, so betont Coseriu, dass dieses erst nach der Fixierung des klassischen Lateins auftritt; vor dieser Periode kann man zwar von einem umgangssprachlichen Latein sprechen, aber noch nicht von dem in den romanischen Sprachen fortgesetzten Vulgärlatein. In letzterem finden sich zwar Formen, die bereits im archaischen Latein vorkamen. Dass sie später aber massiv auftraten und klassische Formen ersetzen konnten, erklärt sich ausschließlich aus den historischen Bedingungen der nachaugustäischen Zeit (allen voran die Tatsache, dass das Zentrum, Rom, immer mehr an Bedeutung verlor zu Gunsten der Provinzen), und die eine sehr rasche Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung des Vulgärlateins ermöglichten. Das bedeutet nicht, wie uns Coseriu in einem Beispiel vor Augen führt, dass Formen wie formosus und bellus, die in den romanischen Sprachen fortgesetzt wurden, jünger sind als pulcher, welches nicht bewahrt wurde (sie können sogar älter 232 Besprechungen - Comptes rendus sein), sondern nur, dass das Ausscheiden von pulcher zu Gunsten von formosus bzw. bellus eine jüngere sprachliche Entwicklung ist. Das dritte Unterkapitel ist dem Literarischen Latein (129-37) gewidmet. Hier wird nochmals auf seine typischen Charakteristika (erstarrtes Sprachsystem, eine Sprache schriftlicher Überlieferung) eingegangen, sowie auf die Tatsache, dass diese Form des Lateins zwar in der Spätantike und im Mittelalter weiterverwendet wird, aber keine allgemeinen systematischen Neuerungen mehr aufnimmt und keine eigene Norm besitzt. Im vierten Unterkapitel, Weitere Präzisierungen (137-47), erklärt Coseriu das bisher gesagte noch einmal an anschaulichen Beispielen und auch anhand der Arealnormen Bartolis 3 . Es folgt eine Darstellung und Kritik anderer Theorien zu diesem Thema im fünften Unterkapitel, Andere Auffassungen des «Vulgärlateins» (147-67). Coseriu wählt fünf für die verschiedenen Theorien repräsentative Typen 4 , die er auf sehr klare und verständliche Weise erklärt und bewertet. Es werden auch bei jeder Theorie die annehmbaren Ansätze hervorgehoben. Im sechsten Unterkapitel geht Coseriu auf das Problem der Rekonstruktion ein (167-77). Es geht dabei nicht darum, ein Urromanisch zu rekonstruieren, da ja die Grundsprache, das Latein, bekannt ist; eine solche Rekonstruktion wäre auch problematisch, da die vergleichende Methode das nicht ermöglicht und eine Bestätigung der rekonstruierten Formen durch die Texte auch nicht als Bestätigung der rekonstruierten Sprachen gilt. Vielmehr gilt es, bestimmte sprachliche Formen zu rekonstruieren, was für die gesamte Grundlegung der romanischen Sprachwissenschaft unabdingbar ist. Das siebte Unterkapitel beschäftigt sich mit dem Einfluss des klassischen Lateins und der schriftlichen Überlieferung (177-98), denn zweifelsohne bildet das Vulgärlatein die Grundlage der romanischen Sprachen, doch muss man auch all den Latinismen, gelehrten Entlehnungen und, in gewissem Maße, auch grammatikalischen Verfahren und Instrumenten (Morphemen) Rechnung tragen, die alle romanischen Sprachen - mit Ausnahme des Rumänischen, das keine mittelalterlichen und humanistischen Latinismen kennt - aufweisen. Coseriu spricht hierbei in Anlehnung an das Spanische von «Kultismen». Das jahrhundertelange Nebeneinander von Lateinisch und Romanisch begünstigte natürlich Entlehnungen - und zwar in beide Richtungen -, zumal diese beiden Sprachen im Bewusstsein der Sprecher lange Zeit nicht als zwei verschiedene Sprachen angesehen wurden, sondern lediglich als zwei Sprachstufen derselben Sprache. Für Coseriu ist der Einfluss der Literatursprache, also des Lateins, auf die romanischen Sprachen auf jeden Fall zu beachten, und zwar in Wortschatz, Wortbildung und Grammatik, auch wenn man nicht immer mit Sicherheit feststellen kann, ob es sich bei einer Form um einen Kultismus handelt oder nicht. Die Folgen dieses Einflusses kann man auf den Gebieten der Phonetik, der Grammatik und des Wortschatzes beobachten. Das Unterkapitel 8 beschäftigt sich mit dem Sprachwandel: «Vulgärlateinische» Grundlage der romanischen Sprachen (198-247). Coseriu gibt hier als erstes einen Überblick über seine Theorie des Sprachwandels 5 , um dann auf den Fall des Vulgärlateins im speziellen einzugehen. Im Unterkapitel 9, Die historischen Bedingungen der Entstehung und Entwicklung 233 Besprechungen - Comptes rendus 3 M. Bartoli, Introduzione alla neolinguistica, Florenz 1925. 4 C. H. Grandgent, Introduction to Vulgar Latin, Boston 1907; M. Krˇ epinsky´, «Romanica II. La naissance des langues romanes et l’existence d’une période de leur évolution commune (latin vulgaire, période romane)», in: R. Kontzi (ed.), Zur Entstehung der romanischen Sprachen, Darmstadt 1978: 301-65; H. F. Muller, A Chronology of Vulgar Latin, Halle/ S. 1929; A. Meillet, Esquisse d’une histoire de la langue latine, Paris 2 1931; R. A. Hall, «The Reconstruction of Proto-Romance», Language 26 (1950): 6-27. 5 E. Coseriu, Synchronie, Diachronie und Geschichte. Das Problem des Sprachwandels, München 1974. des sogenannten Vulgärlateins (247-72), werden anschließend die Faktoren untersucht, die die besondere Art der Sprachveränderungen und ihre beschleunigte Entwicklung zur Zeit des Vulgärlateins ermöglichten. Es handelt sich hierbei laut Coseriu zum einen um die zunehmende Dekadenz der römischen Sprachtradition, den Verfall der lateinischen Kultur und das Fehlen eines Zentrums, zum anderen um historische Bedingungen wie den jeweiligen Substrateinfluss, den mündlichen Charakter des Vulgärlateins, den osko-umbrischen Einfluss, den griechischen Einfluss, das Christentum und nicht zuletzt den germanischen Einfluss. Im letzten Abschnitt dieses großen Kapitels, Charakterisierung des «Vulgärlateins»: allgemeine Isoglossen (272-323), wird der Typus der romanischen Systems sehr genau untersucht und beschrieben, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll, da dies den Rahmen dieser Besprechung sprengen würde. Erwähnt sei noch die nützliche Platzierung der Bibliographie zur Vorlesung von 1965 im Anschluss an dieses Kapitel (324-28), die aber auch in die Gesamtbibliographie integriert wurde. Im Kapitel Latein und Griechisch im sogenannten Vulgärlatein (329-39) erhält der Leser einen Einblick in dieses Forschungsprojekt Coserius 6 , mit dem er sich seit 1961 auseinandersetzte, und das vor allem von W. Dietrich weitergeführt wurde. Es soll den griechischen Einfluss auf das Vulgärlatein anhand von griechisch-romanischen Parallelismen in Wortschatz (vor allem in Form von Bedeutungsentlehnungen), Syntax und im Gebrauch des bestimmten Artikels unter Beweis stellen und hat letzten Endes die Ausarbeitung der Romania Graeca zum Ziel, wozu allerdings nach wie vor noch viele Untersuchungen nötig sind. Es folgen zwei Texte zur Erforschung des Verhältnisses zwischen Vulgärlatein und Rumänisch in der Frühgeschichte der romanischen Philologie: im ersten Artikel, Vulgärlatein und Rumänisch in der deutschen Tradition (340-45) 7 , geht Coseriu auf die Entdeckung der Latinität des Rumänischen und seiner Bedeutung für die Auffassung dessen, was «Vulgärlatein» ist, ein; der Aufsatz Griselini, das Rumänische und das Vulgärlatein (346-51) 8 stellt diesen Gelehrten des 18. Jahrhunderts und seinen Vergleich des Italienischen und des Rumänischen vor, durch den er zu der Theorie der lateinischen Volkssprache als Grundlage der romanischen Sprachen gelangt. In Das Vulgärlatein der Romanisten (352-58), einem im Jahre 2005 posthum veröffentlichten Genter Vortrag 9 , greift Coseriu seine bereits 1952 geäußerte und in den Vorlesungen von 1961/ 1965 ausführlich begründete (cf. supra) Auffassung des Begriffs wieder auf: das Vulgärlatein als gesamtes Diasystem des gesprochenen Lateins einer bestimmten Epoche, das sich in den romanischen Sprachen fortsetzt. Der beim ersten Kongress Latin vulgaire-latin tardif (1987) vorgetragene Beitrag Das Vulgärlatein und der romanische Sprachtypus (359-67) 10 fasst zum Abschluss dieses Bands die bereits in den Vorlesungen zum Vulgärlatein von 1961/ 1965 behandelten typologischen Unterschiede zwischen dem Latein und den romanischen Sprachen zusammen. Coseriu definiert hierfür zunächst den Begriff des Sprachtypus und zeigt anschließend, dass es sich bei 234 Besprechungen - Comptes rendus 6 E. Coseriu, «Griechisch und Romanisch», LRL 7 (1998): 121-34. 7 E. Coseriu, «Vulgärlatein und Rumänisch in der deutschen Tradition», in: S. Horl, Homenaje Rodolfo Grossmann, Frankfurt/ Main 1977: 337-46. 8 E. Coseriu, «Griselini, das Rumänische und das Vulgärlatein», in: Stimmen der Romania. Festschrift Elwert, Wiesbaden 1980: 537-49. 9 E. Coseriu, «Le latin vulgaire des romanistes», in: R. Van Deyck/ R. Sornicola/ J. Kabatek (ed.), La variabilité en langue. Les quatre variations, Gent 2005: 17-25. 10 E. Coseriu, «Le latin vulgaire et le type linguistique roman», in: Herman (Hg.), LVLT I (1987): 53-64. den romanischen Sprachen um einen neuen Sprachtypus handelt, was auch Grund für ihre bemerkenswerte Einheit ist. Am Ende des Bandes befinden sich eine sehr ausführliche Bibliographie sowie Namens-, Wort- und Sachindices, dank derer diese Kompilation von Vorlesungen, Vorträgen und Aufsätzen tatsächlich - wie vom Herausgeber angekündigt - zu einem Arbeitsinstrument sowohl für Studenten als auch für Fachleute wird. Nach eingehender Lektüre kann man nur bestätigen, dass dieser Band nicht nur für die Fachgeschichte von Bedeutung ist, sondern dass die Arbeiten Coserius auch nach wie vor von großer Aktualität sind. Gerade der eingangs dargestellte Überblick über Entwicklung und Merkmale der lateinischen Sprache und die Ausgliederung der Romania, aber auch die allgemeinen Überlegungen zu Sprachwandel und Sprachtypologie, machen das vorliegende Buch zu einer ausgezeichneten Einführung in die romanische Sprachwissenschaft, und es bleibt zu hoffen, dass dieser Band dazu anregt, sich mit den Schriften dieses Autors zu beschäftigen. Man wartet also mit Spannung auf weitere Veröffentlichungen Coseriu’scher Texte in den nächsten Jahren, wie etwa seine Aufsätze zur lateinischen und romanischen Koordination 11 und zum romanischen Futur 12 , oder aber auch die im Anschluss an die Vulgärlateinvorlesung gehaltene Vorlesung zur Entstehung der romanischen Sprachen (1967). Julia Alletsgruber ★ Marieke Van Acker/ Rika Van Deyck/ Marc Van Uytfanghe (ed.), Latin écrit - Roman oral? De la dichotomisation à la continuité, Turnhout (Brepols) 2008, 296 p. Die Untersuchung der Übergangsperiode vom Lateinischen zum Romanischen ist nach wie vor lohnenswert, zumal mit dem Fokus auf der Problematik «Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit», da es sich hierbei um einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Entstehungsgeschichte der romanischen Sprachen handelt. Die Zielsetzung des Sammelbandes, der in der ambitionierten Reihe des Corpus Christianorum (Lingua Patrum) erschienen ist, richtet sich auf die Betonung der Kontinuität und Variabilität beim Entstehungsprozess der romanischen Sprachen: «L’objectif principal de ce recueil est de proposer des pistes pour réintégrer dans le domaine de l’émergence des langues romanes les notions de continuité et de variabilité. Ce sont là des caractéristiques fondamentales de notre conception moderne de la langue, mais qui n’ont pas toujours été présentes dans les attitudes historiques envers la langue, d’où la forte tendance à la dichotomisation, caractéristique dominante du domaine de recherche qui se consacre à l’essor des langues romanes» (5). Die thematische Breite des behandelten Sujets, in seiner interdisziplinären Ausrichtung, ist in vier Abteilungen gegliedert: I. Réalités langagières et conceptualisations, II. Variabilité et codes écrits, III. Sur la ligne de faîte entre l’oral et l’écrit, IV. Évolution et continuité. Quelques aspects morpho-syntaxiques et lexicaux. Der erste Beitrag, in Form einer längeren Rezension, übt entschiedene Kritik am Vorgehen der generativistischen Schule bei der Analyse des vorliegenden Themenkomplexes. Michel Banniard weist anhand der Ergebnisse von Salvis Formazione della struttura di 235 Besprechungen - Comptes rendus 11 E. Coseriu, «Lateinische und Romanische Koordination», in: E. Coseriu, Sprache - Strukturen und Funktionen, Tübingen 1970: 89-110. 12 E. Coseriu, «Über das romanische Futur», in: E. Coseriu, Sprache - Strukturen und Funktionen, Tübingen 1970: 53-70.