eJournals Vox Romanica 69/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2010
691 Kristol De Stefani

Geffrei Gaimar, Estoire des Engleis/History of the English. Edited and translated by Ian Short, Oxford (University Press) 2009, liii + 496 p.

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2010
Arnold  Arens
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relle, lyrique courtoise, poésie épique). Ici aussi, le jeu de miroirs basé sur l’identique et le novateur est particulièrement prégnant, notamment dans les épisodes relatifs aux scènes guerrières et amoureuses. Au terme de la lecture in extenso du recueil, on note un incontestable jeu d’échos et de miroirs dans les textes médiévaux qui laisse parfois supposer un substrat commun et/ ou un entrelacs d’intertextualités. Cette dualité tradition/ nouveauté permettrait ainsi de relire et de classer les œuvres médiévales selon ce nouveau principe de «rémanence». Les différentes significations de ce terme (‘séjour’, ‘redevance’, ‘moyen de subsister’, ‘reliquat’) tissent incontestablement des liens vers les textes antérieurs mais on n’hésitera pas à souligner les ponts, parfois très utiles, que construit Denis Hüe avec des artistes postérieurs en tous genres (musique, arts graphiques, littérature): de Bach à Chostakovitch, de Jérôme Bosch à Philippe Starck ou Magritte, de Diderot à Pascal Quignard, Philippe Djian ou Philippe Geluck. Laurent Bozard ★ Geffrei Gaimar, Estoire des Engleis/ History of the English. Edited and translated by Ian Short, Oxford (University Press) 2009, liii + 496 p. Aus dem Epilog des Werkes ist zu erfahren, dass «Geffrai Gaimar cel livre escri[s]t» (v. 6459). Alles, was wir über den Autor wissen, ist der Estoire des Engleis zu entnehmen. Gaimar schrieb sein Werk auf Veranlassung von Constanze (cf. v. 6436-37), der Ehefrau von Ralf FitzGilbert, «a member of an old established family» 1 des 12. Jahrhunderts in der Grafschaft Lincolnshire. Er war «un lettré (mais plutôt un homme de la cour qu’un membre du clergé)» 2 ; denn das religiöse Leben interessierte ihn wenig. Er beherrschte hinreichend das Englische, um eine Übersetzung des Anglosaxon Chronicle anfertigen zu können. Wenn auch nicht anzunehmen ist, dass er in England geboren wurde, so muss er dort schon längere Zeit gelebt haben, um sich die notwendigen Sprachkenntnisse anzueignen. Nach der These von Short (cf. xxvii-xxix) hat Gaimar eine erste Fassung seines Werkes in den Jahren 1136-37 geschrieben «before any territorial antagonism between the honours of Chester and Richemond» (xxix) gegeben war. Nachdem es zu Feindseligkeiten zwischen diesen beiden Häusern gekommen war, die sich sogar in kriegerischen Auseinandersetzungen entluden (z. B. die Schlacht von Standard [August 1138] und die Schlacht von Lincoln [Februar 1141]), hat er eine überarbeitete Fassung der Estoire vorgelegt. Diese zielte darauf ab, «to appeal to a wider public than that of his (= Gaimar) immediate patrons, and . . . by strategically placing mentions of the families of local notables . . . he was targeting a specifically Lincolnshire audience» (xxix). Das Werk stellt, wie es dessen Titel schon anzeigt, die Geschichte Englands dar, und zwar ab dem Verschwinden von König Artus (542) bis zum Tod von Wilhelm. II. Rufus (1100), dem zweitgeborenen Sohn Wilhelms des Eroberers und dessen Nachfolger als König von England. Die Estoire hat in der von Short vorgelegten Edition einen Umfang von 6532 Achtsilblern, die paarweise gereimt sind; diesen schließt sich dann noch ein metrisch in gleicher Weise angelegter Appendix von 22 Versen an. Hinsichtlich ihrer Darstellungsweise 287 Besprechungen - Comptes rendus 1 Geffrei Gaimar, L’Estoire des Engleis, edited by A. Bell, Oxford 1960 (Anglo-Norman Text Society xiv-xvi): ix. 2 H. U. Gumbrecht/ D. Tillmann-Bartylla (ed.), Grundriss der romanischen Literaturen des Mittelalters, vol. XI «La littérature historiographique des origines à 1500», tome 2 (partie documentaire), Heidelberg 1993, n° 11405: 29. ist die Chronik in zwei deutlich unterschiedene Teile gegliedert. Der erste Teil, der bis zur Thronbesteigung von König Edgar reicht (v. 1-3618), ist die Übersetzung einer einzigen Quelle, des Anglosaxon Chronicle; in diesen Versen bietet Gaimar eine recht nüchterne annalistisch-chronologische Darstellung. Diese wird dann zugunsten einer weniger strukturierten Schilderung in dem zweiten Teil (ab v. 3619) aufgegeben, in dem der Autor ein ganzes Quellengeflecht einschließlich mündlicher Überlieferungen auswertet; und in diesem zweiten Teil wächst auch der künstlerische Wert der Chronik, wobei damit kein Zuwachs an historischer Glaubwürdigkeit verbunden ist. Obwohl Gaimar im Epilog anführt, dass er «purchaça maint esamplaire, livres engleis e par gramaire/ e en romanz e en latin» (v. 6441- 43), ist es nicht möglich, konkrete Quellenbezüge darzulegen 3 . «The remainder of the Estoire is so patently a compilation of various sources that the identification of any one of them is virtually impossible» 4 . Angesichts der Tatsache, dass die Dänen in der Zeit vom 9. bis 11. Jahrhundert wiederholt in England eingefallen sind, überrascht es festzustellen, dass «Gaimar’s pro-Danish sympathies are deliberately, repeatedly, and consistently articulated from the start of his chronicle» (xliii). Hierin zeigt sich «Gaimar’s personal ideology of nonviolent political accomodation between peoples» (xliii). Aus demselben Grunde wird auch die Eroberung Englands durch die Normannen (Schlacht bei Hastings 1066) mehr als Union denn als Unterwerfung eines anderen Volkes dargestellt. Da im Zentrum von Gaimars Diskurs, der durch ein «predominantly secular ethos» (xxxix) charakterisiert ist, der Adel steht, kann es auch nicht verwundern, dass der normannische Adel als vollkommen integriert in die Geschichte der Insel beschrieben und diesem sogar das Verdienst zugesprochen wird, einen kulturellen Wendepunkt in England herbeigeführt zu haben. Der literarische Wert der Estoire kann nicht hoch genug angesetzt werden. Die Chronik ist nämlich «the oldest surviving example of historiography in the French language» (xiii); sie hat somit eine große historische wie auch literarische Bedeutung. Und Gaimar, der ja im ersten Teil der Chronik eine Übersetzung des Anglosaxon Chronicle bietet, muss als «the earliest known translator of English into French» (xiii) bezeichnet werden. Es versteht sich, dass dieses Werk, das eine Pionierleistung darstellt, von außerordentlicher Bedeutung für die sprachwissenschaftliche Forschung ist. Das Vokabular enthält nämlich zahlreiche Wörter, die bereits hier und somit nicht erst in den Werken von Wace zum ersten Male belegt sind; außerdem ist die Chronik eine Fundgrube für Untersuchungen zum Einfluss des Englischen auf das Französische. Auch in ihrem Inhalt ist die Chronik eine Wegbereiterin der kommenden Zeit. Durch die Ausrichtung der Darstellung auf den Adel wird deutlich, dass «(c)ourtly society is beginning to emerge . . ., and Gaimar can claim pride of place in articulating this turning point in medieval culture to the Insular and francophone nobility of his day» (xlviii). Schließlich finden wir in der Chronik «the earliest manifestation of courtly love in French literature» (xli); man denke etwa an die Liebesbeziehung zwischen König Edgar und der ihm sozial unterlegenen Aelfthryth (v. 3619 s.). Die Estoire ist in insgesamt vier Manuskripten überliefert 5 . Dabei ist die Handschrift R, wie bereits M. D. Legge herausstellte, «the best though not the oldest manusript» 6 . Manuskript R enthält auch «the sole surviving copy of the long epilogue» (xx). Dieser «must clearly in some way reflect the original edition of the Estoire» (xxx), während der in den Handschriften D und L enthaltene kürzere Epilog eine separate und spätere Redaktion der Chronik repräsentiert. Bereits im 19. Jahrhundert waren zwei Editionen des Manuskripts R 288 Besprechungen - Comptes rendus 3 Eine detaillierte Quellenanalyse der v. 819-3974 bietet M. Gross, «Geffrei Gaimar. Die Komposition seiner Reimchronik und sein Verhältnis zu den Quellen (v. 819-3974)», RF 16 (1904): 1-136. 4 A. Bell: lxxii. 5 Eine detaillierte Beschreibung und Analyse der Manuskripte findet sich bei I. Short: xviis. 6 Anglo-Norman Literature and its Background, Oxford 1963: 29. vorgelegt worden 7 . Diese Ausgaben, die heute nur noch schwer zugänglich sind, entsprechen aber absolut nicht mehr den modernen Editionsstandards. Eine Neuedition der Estoire auf der Basis der Handschrift R ist also schon seit langem ein dringendes Forschungsdesiderat. Auch die bereits angeführte Textausgabe von A. Bell konnte diesen Mangel nicht ausgleichen. Denn dessen Entscheidung, den Text auf der Grundlage von D zu edieren, muss man als «simply wrong» (xxii) bezeichnen. Immerhin ist es ein großes Verdienst von Bell, im textkritischen Apparat die Lesarten aller Handschriften verzeichnet zu haben. So wird die Mediävistik I. Short, Emeritus für französische Literatur an der Universität London und ehemals langjähriger Sekretär der «Anglo-Norman Text Society», zu großem Dank dafür verpflichtet sein, dass er nunmehr die langjährige Forschungslücke geschlossen hat. Er hat auf der Basis von R eine mustergültige Ausgabe vorgelegt. Die von ihm vorgenommenen Korrekturen des Manuskripts R sind, wie stichpunktartige Überprüfungen ergeben, ausnahmslos überzeugend. Die zurückgewiesenen Lesarten des Manuskripts R werden dann in den Fußnoten verzeichnet, so dass jeder Leser die Korrektur des Herausgebers auf ihre Richtigkeit hin überprüfen kann. Short verzichtet aber darauf, die Lesarten der drei anderen Handschriften im textkritischen Apparat anzuführen. Denn «Bell’s treatment of textual variants is so thorough and, in general, so reliable, I have not thought it necessary to duplicate these data in my edition» (v). In eckige Klammern gesetzte Textteile zeigen die vom Editor vorgenommenen Ergänzungen an. Sehr zu begrüßen ist es, dass Short dem altfranzösischen Text auf der gegenüberliegenden Druckseite eine neuenglische Übersetzung gegenübergestellt; somit ist jedem Leser ein stetiger Vergleich von altfranzösischem Original und Übersetzung möglich. Da ich als Nicht-Muttersprachler den Wert der Übertragung nicht zu beurteilen vermag und dies auch nicht will, beschränke ich mich hier auf die Darlegung der Grundsätze, von denen Short sich hat leiten lassen. Mit Absicht wurde eine wörtliche Übersetzung vermieden; denn es sollten auch der Reichtum von Gaimar’s Vokabular und sein «invariably fluent and sometimes elegant French» (li) zum Ausdruck kommen. Gelegentlich werden in der Übersetzung Jahreszahlen in eckigen Klammern angegeben, mit deren Hilfe dem Leser eine bessere inhaltliche Orientierung gegeben werden soll. Mit wie viel Sachverstand die Übersetzung angefertigt wurde, kann man daran ersehen, dass im Fall von Diskrepanzen zwischen Gaimars Text und einer seiner Quellen der entsprechende Quellentext in eckigen Klammern vor der Übertragung zu lesen ist. Der Edition geht eine sehr informative «Introduction» (ix-liii) voran, in der über den Autor, den literarischen Wert der Estoire, deren Textgeschichte und deren Sprache informiert wird. Es folgt ihr der lange Abschnitt «Notes to the Text» (357-458), in dem substantielle Kommentare zu linguistischen, literarischen und historischen Fragen/ Problemen geboten werden. Eine «Bibliography» (459-80) und ein «Index of proper Names» (481-96) beschließen den Band. Ein Glossar fehlt leider, so dass man diesbezüglich auf das leider nur in selektiver Form erstellte Glossar von A. Bell (dort 279-94) zurückgreifen muss. Der sprach- und literaturwissenschaftlich wie auch historisch wichtige Text der Estoire, der lange Zeit unterbewertet wurde, liegt jetzt endlich in einer gekonnten Edition vor, die dazu noch von einer Textübertragung ins Neuenglische (die letzte neuenglische Übertragung wurde von J. Stevenson 1854 erstellt) begleitet wird. Jetzt ist eine solide Grundlage für die weitere sprach-, literaturwissenschaftliche und historische Forschung gegeben. Denn I. Short’s Arbeit ist ein Meisterwerk. Arnold Arens ★ 289 Besprechungen - Comptes rendus 7 Nähere bibliographische Angaben bei I. Short: 467.