eJournals Vox Romanica 69/1

Vox Romanica
vox
0042-899X
2941-0916
Francke Verlag Tübingen
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/121
2010
691 Kristol De Stefani

Andreas Blum, Etymologische Erklärungen in alfonsinischen Texten, Tübingen (Niemeyer) 2007, xiii + 561 p. (Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie 340)

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Andreas Blum, Etymologische Erklärungen in alfonsinischen Texten, Tübingen (Niemeyer) 2007, xiii + 561 p. (Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie 340) Die hier anzuzeigende Dissertation der Universität Erlangen-Nürnberg ist die Frucht einer sehr grossen Arbeitsleistung. Der Autor arbeitet mit einem Korpus von 1079 Textstellen. Diese stammen aus der Primera Crónica General (214), aus den Teilen I und II der General Estoria (685) und aus den Siete Partidas (180). In einem Anhang (447-549) sind die Texte in der Reihenfolge ihres Auftretens in den untersuchten Werken abgedruckt. Auf eine elektronische Version des Anhangs kann auch über das Internet zugegriffen werden. Schliesslich kann eine CD-Rom mit den entsprechenden Dateien gegen eine Schutzgebühr beim Autor angefordert werden. Ein weiterer Anhang (551-61) enthält (in alfabetischer Reihenfolge) ein Verzeichnis der Namen und Wörter, die in den untersuchten Texten behandelt werden. Bei den Namen handelt es sich vor allem um Toponyme und Anthroponyme. In den historiografischen Werken bilden die Namen sogar eine Mehrheit von etwa 80 %. In den Siete Partidas hingegen werden fast nur Appellative etymologisch erklärt. Mit dieser Materialbasis lässt der Autor alles bisher über alfonsinische Texterklärungen Publizierte weit hinter sich. Er referiert übrigens über die bisherigen Studien zu seinem Forschungsgegenstand in einem eigenen Kapitel (113-48), ebenso ausführlich wie kritisch. Im Hinblick auf die Analyse seines umfangreichen Materials definiert der Autor, was er unter Etymologie und etymologischer Texterklärung versteht. «Unter Etymologie eines Wortes sollen jegliche marginale oder zentrale Gesichtspunkte seiner Entstehung oder Entwicklung von einer beliebigen zurückliegenden Entwicklungsstufe aus zu einer anderen verstanden werden. . . . Die Angabe oder Erläuterung einer Etymologie ist eine etymologische Erklärung» (30). Bevor man zur Anwendung dieser Definition in der Analyse der gesammelten Texte gelangt, muss man sich allerdings noch durch drei Kapitel mit insgesamt mehr als hundert Seiten durchlesen. Das erste davon trägt den Titel «Die vorwissenschaftliche Etymologie der Antike und des lateinischen Mittelalters und die Unterschiede zur modernen Etymologie» (31-69). Darin breitet der Autor ein umfangreiches Wissen aus, das aber nur zum Teil - vor allem bei Isidor von Sevilla - in direkte Beziehung zu den alfonsinischen etymologischen Erklärungen gesetzt werden kann. Man hätte sich hier eine stärkere Fokussierung auf das eigentliche Thema der Arbeit gewünscht, vor allem da der Autor selbst die Meinung vertritt, dass es keine Hinweise darauf gebe, «dass sich diejenigen Gelehrten, die für die etymologischen Erklärungen in den alfonsinischen Texten verantwortlich waren, mit den theoretischen Teilen der antiken oder mittelalterlichen Texte zur Etymologie auseinandergesetzt hatten» (425). Auch im folgenden Kapitel («Wortvorstellung und Worterklärungen in den untersuchten alfonsinischen Texten», 71-111), hätte man eine gewisse Straffung gewünscht. Bei seiner Lektüre fragt man sich gelegentlich, wie viel denn der Vergleich zwischen der modernen Konzeption des sprachlichen Zeichens mit der alfonsinischen Wortvorstellung zum besseren Verständnis der untersuchten Texte wirklich beiträgt. Allerdings enthält das Kapitel auch wertvolle Überlegungen zum Verhältnis zwischen Wort und Sache, zur Verwendung der Ausdrücke cosa, nombre und palabra in den untersuchten Texten und zur Abgrenzung der «etymologischen Erklärungen» von anderen Arten der alfonsinischen Worterklärungen. Sicher richtig ist folgende Feststellung des Autors: «Wir glauben nicht, dass die alfonsinischen Gelehrten eine klare theoretische und in der Praxis anwendbare Vorstellung von Wortinhalt im modernen Sinne hatten» (87). Das dritte der erwähnten Kapitel (113-48) enthält das bereits angedeutete ausführliche Referat über die bisherige Forschung zu den alfonsinischen Texterklärungen. 372 Besprechungen - Comptes rendus Die folgenden beiden Kapitel sind der eigentlichen Analyse des gesammelten Materials gewidmet: «Formale Betrachtung der alfonsinischen etymologischen Erklärungen» (149-249) und «Inhaltliche Betrachtung der alfonsinischen etymologischen Erklärungen» (251-376). Zu Beginn des ersten dieser beiden Kapitel stellt der Autor die Analysekriterien vor: «Unseres Erachtens können in den alfonsinischen Texten die folgenden Elemente bei der etymologischen Erklärung eines Explicandums explizit genannt werden: Explicandumsvorläufer Benennungsproduktsbedeutung Benennungselement(e) Benennungselementsbedeutung(en) Benennungsgrund (149-50). Der Vollständigkeit halber muss auch die Bedeutung des Explicandums erwähnt werden. So kann der Autor denn sagen: Bei unserer Analyse etymologischer Erklärungen haben wir bis zu sieben unterschiedliche Bestandteile unterschieden: Explicandum, Bedeutung, Explicandumsvorläufer, Benennungsproduktsbedeutung, Benennungselement, Benennungselementsbedeutung und Benennungsgrund. Von diesen Bestandteilen sind das Explicandum und die Bedeutung nicht auf etymologische Erklärungen beschränkt. Besteht eine Worterklärung nur aus Explicandum und Bedeutung, handelt es sich (in unserer Terminologie) um eine Bedeutungserklärung. Das Auftreten mindestens eines der Bestandteile Benennungsproduktsbedeutung, Benennungselement, Benennungselementsbedeutung und Benennungsgrund ist für uns theoretisch ein ausreichendes Kriterium, um eine Worterklärung als etymologische Erklärung zu begreifen (169) Dazu noch folgende Ergänzung: Alfonsinische etymologische Erklärungen, die neben Explicandum (und Bedeutung) nur einen Explicandumsvorläufer anführen, sind mit unserer Interpretation des vorwissenschaftlichen Etymologisierens nicht vereinbar . . . Aus dem Explicandumsvorläufer kann man so gut wie gar keine Informationen über ein dem Explicandum zugrundeliegendes Wort ableiten (182). Mit diesem Instrumentarium werden ausgewählte Texte sehr detailliert und sorgfältig nach Form (Kapitel 7) und Inhalt (Kapitel 8) analysiert. Dabei gelangt ein Schema zur Anwendung, das den genannten Analysekriterien Rechnung trägt. Freilich ist es nicht nötig, dass bei einem zu analysierenden Text alle Bestandteile auftreten. Das kommt sogar nur in sehr wenigen Fällen vor. Bei der formalen Analyse in Kapitel 7 gilt die Aufmerksamkeit auch den Formulierungsstrategien, etwa durch Angabe und Verbindung der Bestandteile, zum Beispiel: tanto quiere dezir como, haber nombre, tomar nombre de, dar nombre de, poner nombre, por razon de etc. Zu den formalen Elementen gehört auch die Angabe der Zugehörigkeit der Bestandteile zu einer historischen Sprache. In diesem Zusammenhang ist die Variation bei der Bezeichnungen für das Kastilische interessant: lenguage castellano, lenguage de Castiella, espannol, lenguage de Espanna, nuestro lenguage, romance, romanç, ladino, (nuestro) latin (234-47). Interessant ist auch die Feststellung, dass in den historiografischen Texten vor allem castellano auftritt, in den Siete Partidas vor allem romançe (433). Nach dem oben erwähnten Titel des 8. Kapitels erwartet man darin eine Untersuchung der inhaltlichen Probleme der alfonsinischen etymologischen Erklärungen. «Inhaltlich» ist hier aber sehr weit gefasst. So enthält das Kapitel einen Abschnitt von fast vierzig Seiten, in dem die «Etymologische Herleitung der Wortform» untersucht wird (262-99). Es geht dabei um das Verhältnis zwischen dem Explicandum und den zu seiner Erklärung angenommenen Benennungselementen. Im Übrigen enthält das Kapitel eine klare Scheidung zwischen Appellativa und Eigennamen. In Bezug auf die Herleitung der Bedeutung werden 373 Besprechungen - Comptes rendus die beiden Gruppen getrennt behandelt. Hier einige Hinweise auf die Bedeutungsherleitung von Appellativen: Nach Hinweisen auf die «Angabe von Benennungselementsbedeutung(en)» und die «Angabe und Art des Benennungsgrundes» wird auf die «Übernahme und Anwendung antiker Benennungsprinzipien» hingewiesen. Genannt werden Benennungen ex officio vel actu, a numero, a colore, a forma/ figura oder ab aspectu, a tempore, ex origine, a contrario, a voce, a loco, per efficientiam und per effectum, per id quod continetur und per id quod continet, a parte totum und a toto pars, per inventorem und per inventum, a similitudine (rerum ipsarum inter se). Nach der Lektüre der zwei umfangreichen Anwendungskapitel mag man sich - leicht erschöpft - fragen: Ist es nötig, die alfonsinischen Texte so stark zu sezieren, so erbarmungslos zu schematisieren? Der Autor gibt auf diese Frage eine Antwort, die durch die Deutung des Materials in den Schlusskapiteln gestützt wird. Um die einzelnen alfonsinischen Erklärungen im Detail vergleichen zu können, und zwar sowohl untereinander als auch mit lateinischen Erklärungen, werden sie nach einem Schema analysiert, in dem formelhafte Ausdrücke und von uns als «Bestandteile etymologischer Erklärungen» bezeichnete Informationen so gut wie möglich voneinander getrennt werden (435). Hier ist die Rede vom Vergleich auch mit lateinischen Erklärungen. Das Werk bietet allerdings keine Grundlagen für einen systematischen Vergleich der alfonsinischen Erklärungen mit ihren lateinischen Vorlagen. Der Autor bekennt sich auch ausdrücklich zu einer «textimmanenten Untersuchung», die nicht primär nach den Quellen fragt, sondern danach, was man aus dem herauslesen kann, was die alfonsinischen Autoren «uns an ‹eigenem› Text hinterlassen haben» (71). Der Autor hat aber sehr wohl die kastilischen Erklärungen mit ihren lateinischen Grundlagen verglichen. Dazu enthalten seine Interpretationen viele Hinweise, wobei mit Abstand am häufigsten Isidor von Sevilla erwähnt wird. Aufs Ganze gesehen kann der Autor offenbar auf gesicherter Grundlage behaupten, dass der allergrösste Teil der von ihm untersuchten Erklärungen aus den Quellentexten übersetzt ist. Nur in wenigen Fällen und unter bestimmten Bedingungen kann man annehmen, dass es sich um «original alfonsinische Erklärungen» handelt (396-409). Solche kommen übrigens nur in der Primera Crónica General und in den Siete Partidas vor. In der General Estoria scheinen sie ganz zu fehlen. Der Gegensatz zwischen Primera Crónica General und Siete Partidas auf der einen, General Estoria auf der anderen Seite zeigt sich noch in anderer Beziehung. Die erstgenannten Werke haben die Tendenz, die zu übersetzenden Erklärungen zu kürzen und in der Übersetzung nicht-kastilische Ausdrücke zu vermeiden, währenddem die General Estoria zu ausführlicheren Erklärungen, allenfalls sogar zu Ergänzungen der Vorlage neigt. Offenbar wird dabei das Ziel verfolgt, «möglichst viel Wissen zu sammeln und dieses detailliert in der Volkssprache wiederzugeben» (432). Interessant ist die Feststellung, dass in den nachalfonsinischen Teilen der Primera Crónica General weitgehend das Modell der General Estoria zur Anwendung gelangt (432). Der Autor formuliert übrigens eine interessante Hypothese in Bezug auf die beiden verschiedenen Erklärungsmodelle von Primera Crónica General und General Estoria: In den meisten Teilen der Primera Crónica General wird das Ziel verfolgt, das zu erklärende Wort nur mit Hilfe des Kastilischen zu motivieren, d. h. ohne dass lateinische Wörter genannt werden müssen.Auf diese Weise sollte u. E. die Funktionalität des Kastilischen für die Überlieferung von Etymologien und damit für die Bewahrung von Wissen allgemein bewiesen werden. Die Konzeption der Primera Crónica General steht in Zusammenhang mit den Bestrebungen Alfonsos, seinen Anspruch auf den Titel des deutschen Königs, mit dem das Anrecht auf die Kaiserwürde verbunden war, durchzusetzen. Es sollte demonstriert werden, dass das Kastilische, die Sprache des künftigen Kaisers, dem Latein, der Sprache der früheren Kaiser, in nichts nachstand (434). 374 Besprechungen - Comptes rendus In der General Estoria ist hingegen die Tendenz auszumachen, möglichst das gesamte etymologische Wissen der Vorlage zu bewahren. Zu diesem Zweck werden etymologische Erklärungen formuliert, die insgesamt aufwendiger sind als diejenigen der Quellen, denn zusätzlich zum fremdsprachlichen Benennungselement muss auch noch eine Übersetzung (Benennungselementsbedeutung) ins Kastilische angegeben werden (396). Durch die Absicht, «möglichst viel Wissen zu sammeln und dieses detailliert in der Volkssprache wiederzugeben» (432) soll das Kastilische als Sprache der Wissenschaft ausgewiesen werden. Die beiden Modelle legen Zeugnis ab von der Bedeutung der etymologischen Texterklärungen im Rahmen der Entstehung der kastilischen Schriftprosa im 13. Jahrhundert, von der ich vor mehr als einem halben Jahrhundert in meiner eigenen Dissertation gehandelt habe. Gerold Hilty ★ Marie-Christine Varol Bornes, Le judéo-espagnol vernaculaire d’Istanbul. Étude linguistique, Berne (Peter Lang) 2008, 578 p. (Sephardica 4) Dans Le judéo-espagnol vernaculaire d’Istanbul, qui constitue l’un des trois volumes de la thèse de l’auteure, soutenue en 1992, Marie-Christine Varol Bornes nous livre les fruits d’environ dix-sept ans de recherches sur le terrain. Arrivée à Istanbul en 1975 (22), elle dut d’abord gagner la confiance des locuteurs, réticents dans un premier temps à participer à une enquête linguistique, avant de pouvoir procéder à l’enregistrement d’entretiens, qui furent pour la plupart effectués entre 1979 et 1992 à Istanbul 1 et entre 1984 et 1986 en France (46-50). Au total, quatre-vingts personnes, dont quarante s’exprimaient principalement en judéo-espagnol, furent enregistrées. Sur la base des riches matériaux récoltés, l’auteure établit un corpus de référence concernant principalement quinze locuteurs nés entre 1893 et 1955, sur lequel se fonde la majeure partie de son étude (50-60). L’intégralité du travail s’articule autour de la notion d’expressivité, comprise dans un sens large, qui s’avère féconde pour l’analyse des faits linguistiques relevés. C’est à juste titre qu’une place centrale est accordée aux phénomènes de contact de langues reflétant les nombreuses influences - ladino (variété calque du judéo-espagnol employée dans les traductions de la Bible et de textes liturgiques), italien, grec, français, turc, hébreu, araméen, espagnol péninsulaire moderne et, en moindre mesure, anglais et arménien - auxquelles était exposé le judéo-espagnol d’Istanbul sous des formes diverses au cours de son histoire, dont les grandes lignes sont retracées au chapitre 1 (Le judéo-espagnol et les langues de contact, 69-88). Il est à souligner en particulier que le traitement des phénomènes liés au contact de langues ne se limite pas à l’inventorisation d’emprunts lexicaux obvies, mais englobe également les formes à morphologie mixte (123; 133; 151; 158; 163; 179-206 etc.), les calques syntaxiques (235-63) et lexicaux (327-28; 346-47), ainsi que les fonctions stylistiques de l’alternance de codes (440-61). La partie principale du livre (89-462) adopte un plan classique en passant en revue successivement des phénomènes relevant de la phonétique, de la morphologie, de la syntaxe, du lexique et de la stylistique. Le chapitre 2 (L’expressivité au niveau phonétique, 89-110) présente l’inventaire des phonèmes du judéo-espagnol d’Istanbul sous forme d’un tableau (89) et met en relief un certain nombre de phénomènes de phonétique historique, dont le maintien du f initial 375 Besprechungen - Comptes rendus 1 D’après M.-C. Varol, Manuel de judéo-espagnol. Langue et culture, Paris 7 1998, les entretiens enregistrés en Turquie furent effectués entre 1974 et 1986 (cité ci-après comme Varol 1998).