Vox Romanica
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Francke Verlag Tübingen
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Kristol De StefaniSusanne Dürr, Die Öffnung der Welt. Sujetbildung und Sujetbefragung in Cervantes’ «Novelas ejemplares», Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2010, 303 p. (Text und Kontext 30)
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Andreas Schor
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Susanne Dürr, Die Öffnung der Welt. Sujetbildung und Sujetbefragung in Cervantes’ «Novelas ejemplares», Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2010, 303 p. (Text und Kontext 30) In ihrer 2006 als Habilitationsschrift an der Universität Passau angenommenen Untersuchung geht Susanne Dürr von folgenden Grundthesen aus: In den Novelas ejemplares von Cervantes wird mit den Möglichkeiten, «wie Subjekte in einem aufbrechenden, mit der Wirklichkeit nicht mehr kompatiblen Denksystem handeln können» (24), experimentiert und vor allem gespielt. Dazu untersucht sie eine Novelle nach der anderen, wobei sie immer Querverbindungen zwischen den Texten herstellt und auf Anschlussstellen zu anderen Texten verweist und so zeigt, dass die Novellen rhizomatisch vernetzt sind. Das methodologische Instrumentarium zur Untersuchung der Texte liefert ihr der Sujetbegriff des baltischen Literaturtheoretikers Jurij M. Lotman: Dessen Subjektbegriff umfasst «eine Welt im Text, die aus zwei disjunkten Teilräumen besteht» (25). Zwischen diesen Teilräumen (z. B. zwischen «oben» und «unten») besteht eine Grenze, die grundsätzlich unüberschreitbar ist und mit der die «so etablierte Ordnung garantiert wird» (25). Überschreitet nun eine Figur diese Grenze und stellt die bestehende Ordnung in Frage, so wird der Text «sujethaft». In der Folge gibt es zwei Möglichkeiten: Die Figur wird aus dem ihr nicht angestammten Raum entfernt und die Ordnung damit wiederhergestellt oder die Ordnungsstörung bleibt bestehen. In diesem Fall ist der Text nicht nur «sujet-, sondern auch ereignishaft und verändert die bestehende textinterne Ordnung» (25).Andreas Mahler 1 bildet aufgrund der Rückbindung des Sujets an die Wirklichkeitserfahrung bzw. das Weltbild vier Kategorien von Texten: 1. sujethafter und ereignisloser Text, der mit dem herrschenden Weltbild konvergiert; 2. sujethafter und ereignisloser Text, der divergent zu einem sich schon wandelnden Weltbild ist; 3. sujet- und ereignishafter Text, der von einem noch herrschenden Weltbild divergiert; 4. sujet- und ereignishafter Text, der dadurch mit einem nunmehr etablierten neuen Weltbild konvergiert. Wendet man nun diese Kategorien auf die Novelas ejemplares von Cervantes an, so zeigt sich, dass die ersten drei weitgehend der Kategorie 1 entsprechen. Sie sind dem von Susanne Dürr so bezeichneten «Restitutionsmodell» noch am engsten verbunden. In der Novela de la fuerza de la sangre, der Novela de la ilustre fregona und der Novela de la gitanilla gerät jeweils eine weibliche Figur der Oberschicht unverschuldet vom Raum A (Oberschicht) nach Raum B (Unterschicht) und von dort unverzüglich in den Enklavenraum C, wo sie eine erhebliche Zeit auf die Rückversetzung in den Raum A (durch Heirat mit einem männlichen Angehörigen der Oberschicht) warten muss. Damit ist das mittelalterliche Weltbild von der gottgegebenen Sozialordnung scheinbar wiederhergestellt. Susanne Dürr weist aber darauf hin, dass «Erfahrungen, die das barocke Individuum mit der Wirklichkeit macht, mit der Ereignisbannung durch das Restitutionssujet im Text nicht mehr kompatibel sein dürften» (37). Das einzige Indiz für eine Krise des Sujets findet sich auf der Ebene der Narration bzw. des Textes: Der Erzähler ironisiert das Sujet in seiner Unglaubwürdigkeit, und im Text finden sich Taktiken («Verlagerung des Sujets in die Hypodiegese», «Überlagerung des Sujets durch andere Handlungsstränge» (37)), mit denen auf die zunehmende Bedeutungslosigkeit des Sujets hingewiesen wird. Die folgenden Novellen öffnen nun dieses Restitutionsmodell immer weiter, indem der Fokus immer mehr auf den Enklavenraum C (das Gaunermilieu von Sevilla, den Flandernfeldzug, die Kolonien) gelegt wird. Er nimmt immer mehr Raum ein, so dass die Restitutionshandlung immer mehr in den Hintergrund rückt, bis sie im Licenciado Vidriera, in Rinconete y Cortadillo, im Casamiento engañoso und im Coloquio de los perros gar nicht mehr 381 Besprechungen - Comptes rendus 1 Andreas Mahler, «Welt Modell Theater - Sujetbildung und Sujetwandel im englischen Drama der Frühen Neuzeit», Poetica 30 (1998): 1-45. vorkommt. Damit wird der Raum in den Vordergrund gestellt, «der aufgrund seiner karnavalesken Eigenschaften im Zeichen gänzlicher licencia steht, in dem also die Figuren von den Vorgaben der offiziellen ernsthaften Welt suspendiert sind» (284). Die Novelas ejemplares zeigen, dass das mittelalterliche Weltbild mit seiner von Gott gefügten Ordnung nicht mehr zur Erklärung der Wirklichkeit taugt. Diese ist komplexer geworden: «Zwischen den nun nicht mehr als selbstverständlich, weil gottgegeben hinzunehmenden Autoritäten Gott, König und Vater und dem bedrohlichen Anderen, das sich im Gewande des Usurpators, des Falschgläubigen oder aber der Frau zeigen mag» (19), gibt es Subjekte, die nach Lösungswegen «für die Dilemmata einer inkommensurablen Welt suchen müssen» (19). Der Erzähler oder der Autor erzählt nicht mehr eine vorbestimmte Geschichte und tritt nicht mehr als «Chronist einer allwaltenden providentiellen Ordnung» (285) auf. Er erzählt vielmehr Geschichten, die dort enden, wo er will, und ist nicht mehr Garant für deren Wahrhaftigkeit. Diese Geschichten bestätigen nicht mehr immer aufs Neue die gottgegebene Weltordnung, «sondern präsentieren sich als kreatives Spiel zur Unterhaltung des Lesers» (285). Damit ermöglichen sie auch Experimente mit neuen Formen des Denkens und der Modellierung der Welt. Susanne Dürr gelingt es, mit ihrem Ansatz diese Entwicklung vom mittelalterlichen Weltbild zur Darstellung einer komplexer gewordenen Wirklichkeit, die in den Novelas ejemplares durchgespielt wird, überzeugend aufzuzeichnen. Die oben beschriebenen Kategorien von Mahler werden allerdings nach ihrer Vorstellung nicht mehr explizit erwähnt, nur die Begriffe «sujethaft» und «ereignishaft» tauchen hin und wieder auf. Wollen wir sie an dieser Stelle wieder aufnehmen, müsste man feststellen, dass sich Cervantes’ Novellen immer mehr Richtung Kategorie 4 bewegen. Allerdings bleibt die Frage, inwiefern das neue Weltbild im frühneuzeitlichen Spanien schon etabliert ist. Tatsächlich dürfte es so sein, dass das noch herrschende, aus dem Mittelalter übernommene Weltbild immer mehr von der Wirklichkeit, die von den Individuen erlebt wird, abweicht. Die Bibliographie am Ende des Buchs ist nach Primärliteratur und Sekundärliteratur gegliedert. In letzterer Kategorie finden sich sowohl Untersuchungen zu den Novelas ejemplares und zu Cervantes als auch allgemeinere Werke zu Literaturtheorie, Kulturgeschichte usw. Vielleicht hätte man zur besseren Übersicht diese beide Arten von Sekundärliteratur trennen können. Mit ihrer überzeugenden Untersuchung spornt Susanne Dürr die Leser dazu an, Cervantes‘ Novelas ejemplares wieder einmal zu lesen und dabei dem von ihr gewählten Interpretationsansatz besondere Beachtung zu schenken. Andreas Schor ★ Amparo Alcina/ Esperanza Valero/ Elena Rambla (ed.), Terminología y Sociedad del conocimiento, Bern (Peter Lang) 2011, 408 p. Este libro ofrece un panorama multidisciplinar del estado actual de la terminología, disciplina que cobra cada vez más importancia en nuestra época de información, globalización y multilingüismo, llamada «Sociedad del conocimiento». Expone de modo sinóptico los fundamentos teóricos más relevantes que permiten entender el desarrollo actual de la terminología y su estrecho enlace con los avances tecnológicos que están marcando la ingeniería lingüística. Asimismo explora algunas de las herramientas y aplicaciones más novedosas en esta disciplina en pleno desarrollo. El libro se presenta como un manual, dirigido especialmente a estudiantes de postgrado en el ámbito de la terminología, las tecnologías del lenguaje y la traducción. Recoge quince contribuciones, elaboradas por autores de reconocido 382 Besprechungen - Comptes rendus
