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ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
znt2855/znt2855.pdf1215
2025
2855 Dronsch Strecker Vogel
Heft 55 · 28. Jahrgang Das Neue Testament in Universität, Kirche, Schule und Gesellschaft Jan Heilmann, Susanne Luther, Michael Sommer (Hrsg.) 55 URSPRUNGS- PARADIGMEN Zeitschrift für Neues Testament ZNT - Zeitschrift für Neues Testament Herausgegeben von Jan Heilmann Susanne Luther Michael Sommer in Verbindung mit Stefan Alkier Kristina Dronsch Ute E. Eisen Werner Kahl David Moffitt Tobias Nicklas Heidrun Mader Hanna Roose Angela Standhartinger Christian Strecker Manuel Vogel Anschrift der Redaktion Susanne Luther Georg-August-Universität Theologische Fakultät Platz der Göttinger Sieben 2 37073 Göttingen Manuskripte Zuschriften, Beiträge und Rezensionsexemplare werden an die Adresse der Redaktion erbeten. Eine Verpflichtung zur Besprechung unverlangt eingesandter Bücher besteht nicht. Jan Heilmann / Susanne Luther / Michael Sommer (Hrsg.) ZNT---Zeitschrift für Neues Testament 28. Jahrgang, Heft 55 Themenheft: Ursprungsparadigmen Die ZNT erscheint halbjährlich Bezugspreise: www.meta.narr.de/ zeitschriften/ journals_preisliste.pdf Anzeigen Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Telefon: +49(0) 70 71 97 97 10 anzeigen@narr.de © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Überset‐ zungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 1435-2249 ISBN 978-3-381-14051-0 (Print) ISBN 978-3-381-14052-7 (ePDF) ISBN 978-3-381-14053-4 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Inhalt Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Wolfgang Grünstäudl Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht. Ein Werkstattbericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Zum Thema Sandra Huebenthal Einleitung weiter denken. Das Neue Testament als Familienalbum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Jan Heilmann Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung . . . . . . . 47 Robyn Faith Walsh Jenseits der Gemeinde. Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien . . . . . . . . . . . . 69 Kontroverse Michael Sommer Geschichte in Geschichten. Einführung in die Kontoverse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Udo Schnelle Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Markus Vinzent Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft . . . . . . . 101 Hermeneutik Michael Sommer Geschichte und die Schulbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Buchreport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, Geschichte ist kein Kassettenrekorder. Sie spult sich nicht einfach objektiv vor unseren Augen ab, sondern muss stets neu erzählt, interpretiert und gedeutet werden. Genau darum soll es in der vorliegenden Ausgabe der ZNT gehen, die sich der Pluralität von Ursprungsparadigmen des frühen Christentums und der Begrenztheit historischer Rekonstruktionen beschäftigt. Geschichtsdeutungen, auch jene, die sich auf die ersten Generationen von Jesusanhänger: innen beziehen, besitzen keine universelle Geltung; sie lassen sich nicht reproduzieren, sondern werden in konkrete Situationen hineinge‐ sprochen. Sie müssen immer wieder neu auf ihre Sinnhaftigkeit hinterfragt werden. Gerade wenn wir uns mit den Anfängen des frühen Christentums intensiver beschäftigen, so wird die Notwendigkeit einer ständigen geschichts‐ hermeneutischen Reflexion aus mehrfachen Gründen notwendig. Denn bereits die Quellenlage verdeutlicht, dass uns allerhöchstens kleine Ausschnitte jener Anfangszeit übermittelt sind. Die Anfänge des Christentums sind uns nur gebrochen über unterschiedliche, unzusammenhängende Quellen übermittelt, die uns allerhöchstens Einblicke in Ausschnitten in die Anfangstage der Bewegung der Jesusanhänger: innen erlauben. Die gebrochene Quellenlage gestattet es zwar, gewisse Bilder, Ideen und Hypothesen zu formen, jedoch muss stets klar betont bleiben, dass dabei doch mehr im Dunkel der Vergangenheit verborgen bleibt als das uns Überlie‐ ferte aussagen kann. Die Quellenlage selbst konfrontiert uns damit, dass die Ursprünge des frühen Christentums nicht objektiv übermittelt, sondern nur in (Re)konstruktionen greifbar sind. Diese Einsicht ist nicht nur für Historiker: innen oder Theolog: innen relevant, sondern hat weitreichende Konsequenzen für Schule, Gemeindearbeit und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Geschichte insgesamt. Wer histori‐ sche Narrative reflektiert, trainiert ein kritisches Bewusstsein und immunisiert sich gegen Fundamentalismus und einseitige Wahrheitsansprüche. Denn Ge‐ schichte ist nicht nur eine Ansammlung von Fakten, sondern eine Konstruktion, die von verschiedenen Interessen und Perspektiven geprägt ist. Gerade im Schulunterricht bietet die Auseinandersetzung mit Geschichtshermeneutik eine entscheidende Chance zur Demokratiebildung. Schüler: innen lernen, dass es nicht „die eine Wahrheit“ gibt, sondern dass verschiedene Erzählungen und Modelle miteinander in Dialog treten können. Will Schule ihrem Auftrag zur De‐ mokratieförderung und zur Meinungspluralität ernst nehmen, so benötigt nicht nur der Religionsunterricht eine Offenheit für verschiedene Interpretationen, sondern auch eine gesunde Skepsis gegenüber vermeintlich absoluten Wahr‐ heiten. Besonders im digitalen Zeitalter, in dem aggressive Wahrheitspolitiken, Fake News und ideologisch motivierte Verzerrungen historischer Ereignisse Hochkonjunktur haben und vermeintliche „Enthüllungen“ oft populistischer Rhetorik dienen, kann die Bedeutung eines geschulten Bewusstseins für die Konstruktion von Geschichte und ihre Grenzen nicht oft genug betont werden. Ob in politischen Debatten, in theologischen Auseinandersetzungen oder in der alltäglichen Mediennutzung - die Fähigkeit, Narrative zu hinterfragen, schützt vor Manipulation und stärkt eine mündige Gesellschaft. Ein starres, unveränderliches Geschichtsbild, das eine einzige Interpretation als heilige Wahrheit setzt, kann schnell zu dogmatischen Verhärtungen, fun‐ damentalistischen Engführungen und natürlich auch zur Abwertung anderer Sichtweisen führen. Wer das akzeptiert, kann Theologie als lebendigen, offenen Diskurs betreiben und einen wichtigen Schritt zur Förderung von Dialogbereit‐ schaft und Wissenschaftsoffenheit gehen. Die aktuelle Ausgabe der ZNT widmet sich daher der Frage, wie das frühe Christentum gedacht werden kann und welche methodischen Wege es gibt, Geschichte zu erzählen. Sie zeigt auf, warum Geschichtsobjektivismus eine Illusion ist und wie sich narrative Konstruktionen kritisch reflektieren lassen. Damit leistet sie einen Beitrag zur Prävention von Fundamentalismus, zur Stärkung demokratischer Diskurse und zur Förderung einer offenen Theologie. Denn nur wer versteht, dass Geschichte kein unverrückbares Monument ist, sondern ein lebendiger Diskurs, kann sich mit ihr wirklich auseinandersetzen - und aus ihr lernen. Michael Sommer Jan Heilmann Susanne Luther 8 Editorial 1 Darauf habe ich hingewiesen in Wolfgang Grünstäudl, Was ist neu am childist criticism? , in: ZNT-48 (2021), 101-115, bes. 101-103, mit weiterer Literatur. 2 Martin Hengel, Aufgaben der neutestamentlichen Wissenschaft, in: NTS 40 (1994), 321-357, hier: -329. 3 Knut Backhaus, Aufgegeben? Historische Kritik als Kapitulation und Kapital von Theologie, in: ZThK-114 (2017), 260-288, hier: 282. Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht Ein Werkstattbericht Wolfgang Grünstäudl „Innovation“ ist innerhalb der neutestamentlichen Exegese ein ambivalent besetzter Begriff. So sehr die neutestamentliche Exegese wie jede andere Wissenschaft nach Erkenntnisgewinn, d. h. nach neuen Einsichten, strebt, so sehr nagt an ihr der beständige Zweifel, inwiefern angesichts eines radikal begrenzten Materialobjekts - 27 später kanonisch gewordene antike Schriften - überhaupt noch tatsächlich neue Erkenntnisse im Bereich des Neuen Testa‐ ments zu gewinnen seien. 1 Die Strategien, mit dieser Ambivalenz umzugehen, sind ebenso pluriform wie die Exegese selbst: Wer in Zeiträumen und histo‐ rischen Kontexten denkt, kann mit Martin Hengel das Zeitalter des Neuen Testaments „gegenüber der alttestamentlichen Wissenschaft und Judaistik bis in die Anfänge der hellenistischen Zeit, d. h. bis ins 4. oder 3. Jh. v. Chr. (…), [und] gegenüber der Patristik (…) bis ins 3. Jh. n. Chr.“ 2 ausdehnen, oder aber mit Knut Backhaus die „natürlichen Grenzen des Fachs zwischen (…) 200 v. Chr. und 200 n. Chr.“ 3 verorten. In jedem Fall ist der Rahmen, in welchem Neues zum Neuen Testament zu vermuten ist, deutlich erweitert. Das gilt umso mehr dort, wo die Rezeptionsgeschichte nicht als bloße Nachgeschichte der neutestamentlichen Texte, sondern vielmehr als deren Existenzweise gesehen wird. Wie sehr das Neue Testament nicht jenseits seiner Rezeption existiert, wird vielleicht nirgends so deutlich wie angesichts der materialen Qualität Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 4 Vgl. hierzu nur grundlegend David C. Parker, The Living Text of the Gospels, Cambridge 1997, sowie die ebenso bereits klassische Einführung von Brent Nongbri, God’s Library. The Archaeology of the Earliest Christian Manuscripts, New Haven/ London 2018. 5 Vgl. zuletzt nur Ulrike U. Kaiser, Neutestamentliche Exegese kompakt. Eine Einführung in die wichtigsten Methoden und Hilfsmittel (UTB 5984), Tübingen 2022; Aaron Schart, Einführung in die Methode der biblischen Exegese (UTB 6242), Göttingen 2024 (mit ntl. und atl. Perspektive), sowie die methodischen Abschnitte in Andreas Lindemann/ Jens Schröter/ Konradt Schwarz, Arbeitsbuch zum Neuen Testament (UTB 52), Tübingen 15 2024. und Pluralität der Manuskripte. 4 Noch einmal andere Entdeckungs- und Dis‐ kursräume eröffnen sich natürlich durch die fortwährende Erschließung neuer methodischer und hermeneutischer Zugänge, was sich nicht zuletzt im Eifer, mit dem in dichter Abfolge neue Methodenbücher zum Neuen Testament vorgelegt werden, eindrücklich widerspiegelt. 5 Aus Sicht der Exegesegeschichte, jener hybriden Disziplin an der Grenze von Bibel- und Geschichtswissenschaft, für die noch kein Methodenbuch existiert, ist wiederum vor allem interessant, wie sich „Neues“ und „Fortschritt“ in der neutestamentlichen Exegese messen lässt und wie die Vorstellung vom „Neuen“ und seiner Herstellung bzw. Entdeckung selbst diskursiv erzeugt wurde. Welche Wege die Exegesegeschichte beschreitet und welche Einsichten sie dabei gewinnt, soll im Folgenden anhand eines knappen Werkstattberichts erörtert werden: Vorgestellt wird ein Forschungsprojekt, das an der Universität Münster beheimatet ist, ein exegetisches Netzwerk, das Innovationsmaschinen in den Blick nimmt und demnächst erste Ergebnisse einer flankierenden Tagung veröffentlichen wird. Basierend auf einer organisationssoziologischen Bestim‐ mung des Begriffs „Innovation“ soll im Anschluss an die durch die Projekte eröffneten Perspektiven versucht werden, einige Erfolgsfaktoren exegetischer Innovationen näher zu beleuchten und dabei weiterführende exegesegeschicht‐ liche Zugänge aufzuzeigen. 1 Was ist „Innovation“? Jeder analytische Ansatz bedarf einer möglichst präzisen Klärung der verwen‐ deten Begriffe. Umso notwendiger ist dies dort, wo sich die wissenschaftliche Verwendung von Begriffen nahelegt, die alltagssprachlich weite Verbreitung finden und deren Bedeutung oft unbesehen vorausgesetzt wird. Im Kontext des Projekts „Innovationsprozesse in der katholischen neutestamentlichen Exegese am Beispiel von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 10 Wolfgang Grünstäudl 6 Projektziel ist eine monographische Aufarbeitung der Frühphase des HThKNT (1944- 1961), samt einer Kartographierung des relevanten Nachlass-Bestands. Zu den bisheri‐ gen Vorarbeiten vgl. Wolfgang Grünstäudl, Weihnachten, Krieg und Exegese. Notizen zu Heinrich Vogels’ Brief an Karl Hermann Schelkle vom 19. Dezember 1944, in: Matthias Adrian/ Rainer Kampling (Hg.), Freiheit in Grenzen? Forschung und Konflikte neutestamentlicher Exegese der ‚Katholischen Tübinger Schule‘ im 19. Jahrhundert (Contubernium 89), Stuttgart 2021, 159-180; ders., „…nicht gewalttätig polternd, so doch klar…“. Karl Hermann Schelkles Zusage einer Mitarbeit an Herders neutestament‐ lichem Kommentar, in: Elzbieta Adamiak/ Judith Distelrath/ Bettina Reichmann (Hg.), Glaubenswege. Aufgeklärt - kritisch - zeitgemäß, FS Wolfgang Pauly, Darmstadt 2020, 173-194. 7 Die Abgrenzung ergibt sich dadurch, dass zwar der erste Teilband bereits 1953 erschien - Rudolf Schnackenburg, Die Johannesbriefe (HThKNT XIII/ 3), Freiburg i. Br./ Basel/ Wien 1953 - jedoch erst der acht Jahre später folgende zweite Teilband Karl Hermann Schelkle, Die Petrusbriefe. Der Judasbrief (HThKNT XIII/ 2), Freiburg i. Br./ Basel/ Wien 5 1980 (1961), den Durchbruch brachte. Zu den zum Teil äußerst euphorischen Reaktionen auf das Erscheinen eines weiteren Bandes des Kommentars vgl. Grünstäudl, Nicht gewalttätig polternd (s.-Anm.-6),-190. Testament (1944-1961)“ 6 stellte sich deshalb in der Planungsphase bereits sehr früh die Frage nach einem reflektierten und verantwortbaren Gebrauch des Terminus „Innovation“. Das Projekt untersucht die Frühphase von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Testament (HThKNT) zwischen den ersten Einladungsschreiben des Gründungsherausgebers Alfred Wikenhauser im November 1944 und dem Erscheinen des zweiten Teilbandes, der Kommentie‐ rung der Petrusbriefe und des Judasbriefes durch Karl Hermann Schelkle (1908- 1988) am Vorabend des Zweiten Vatikanums. 7 In dieser formativen Phase des HThKNT wurde ausweislich der noch vorhandenen Archivalien, insbesondere der Korrespondenz zwischen beteiligten Autoren, Herausgebern und Verlag, in angeregten bis kontroversen sowie zum Teil äußerst kleinteiligen Debatten erörtert, wie katholische neutestamentliche Exegese auf der Höhe der Zeit zu betreiben sei. So legte etwa der seitens des Herder-Verlags verantwortliche Lektor Robert Scherer (1904-1997) im Zusammenhang der Planungen des HThKNT im September 1944 ein dreiseitiges Memorandum unter dem Titel „In welchem Sinne Exegese eine theologische Wissenschaft ist“ vor, das er an Wikenhauser versandte und in dem unter anderem festgehalten wird: Es genügt nicht, daß der Exeget formal einen Text in seiner Bedeutung klarlegt. Er muß vielmehr aus dem zur Zeit der Komposition dieses Textes schon lebendigen Glaubensbewußtsein, das bis heute lebendig geblieben ist, diesen Text auslegen, indem er denselben aus der Gesamtheit der übrigen Texte der Heiligen Schrift wertet und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 11 8 Robert Scherer, In welchem Sinne Exegese eine theologische Wissenschaft ist, 29.9.1944 (UAF-C-103/ 28), [2], Hervorhebungen im Original unterstrichen. 9 Scherer, Theologische Wissenschaft (s. Anm. 8), [3], Hervorhebungen im Original unterstrichen. 10 Im kurzen Begleitschreiben Scherer an Wikenhauser, 29.9.1944 (UAF C 103/ 28), nennt Scherer das Memorandum einen „Nachtrag zu unserem Plan eines exegetisch-theolo‐ gischen Kommentars zum Neuen Testament“. im Lichte des lebendigen Glaubensbewußtseins der Kirche deutet. Die Lösung dieser Aufgabe erst macht den Exegeten zum Theologen. 8 Und weiter: Falsch wäre es aber zu behaupten, der Exeget habe sich nicht um das geschicht‐ lich-übergeschichtliche Glaubensbewusstsein der Kirche zu kümmern. Er muß dies tun und zwar, ich wiederhole es, nicht bloß, indem er dieses als negative Richtschnur für seine kritische Forschung hinnimmt, sondern indem er die denkerische Leistung der Synthese von historischem Text und geschichtlich-übergeschichtlichem Glaubensbe‐ wußtsein vollzieht, aus der heraus der Text seine wahre theologische Bedeutung erlangt. Es ist schwer, auf ein Vorbild dieser Art hinzuweisen, da unsere neuere Exegese noch zu stark im Banne der durch die protestantische Exegese aufgekommenen kritischen Methode ist. Die ältere Exegese war noch bewußt theologisch eingestellt, nur fehlten ihr die Mittel der modernen Wissenschaften. Was wir heute brauchen, ist die Synthese von beiden. 9 Bemerkenswert an diesen Ausführungen ist nicht nur die pointierte Diskussion der theologischen Valenz neutestamentlicher Exegese innerhalb eines Papiers zur Publikationsstrategie des Verlags, 10 sondern insbesondere die Feststellung, die „neuere Exegese“ (katholischer Provenienz), deren Rückgriff auf die metho‐ dischen „Mittel der modernen Wissenschaften“ positiv gewertet wird, sei „noch zu stark im Banne der durch die protestantische Exegese aufgekommenen kritischen Methode“. Aus Sicht der katholischen Exegeten stellte sich hingegen zur Mitte des 20. Jahrhunderts viel eher die Frage, wie Ergebnisse protestantischer Forschung, insbesondere die Arbeitsweisen und Resultate der Formgeschichte, in den öf‐ fentlichen katholischen Wissenschaftsdiskurs eingespeist werden sollten, ohne wissenschaftspolitische Restriktionen seitens kirchlicher, d. h. insbesondere römischer, Behörden zu riskieren. Die 1943 erschienene und viel beachtete Enzyklika Pius’ XII. Divino afflante Spiritu stellte dabei eine wesentliche Weg‐ marke dar, wenngleich entsprechende Initiativen der Exegeten wesentlich weiter zurückreichten. Auch der Plan eines „theologischen neutestamentlichen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 12 Wolfgang Grünstäudl 11 Schmid an Blinzler, 19.5.1944, Archiv des Bistums Passau, NL-Blinzler Nr.-20. 12 Schmid an Blinzler, 27.12.1943, Archiv des Bistums Passau, NL-Blinzler Nr.-20. 13 Die Ergebnisse der Tagung werden demnächst in der Reihe History of Biblical Exegesis (Mohr Siebeck) erscheinen. Kommentars“ war durch Herder bereits im Februar 1943 an Friedrich Wilhelm Maier (1883-1957) herangetragen worden. Zudem war das Verhältnis zwischen Exegese und Lehramt durch das römische Schreiben noch bei weitem nicht entspannt oder gar endgültig geklärt. Illustrativ ist eine Bemerkung des Münch‐ ner Neutestamentlers Josef Schmid in einem Brief vom 16. Mai 1944 an seinen Passauer Kollegen (und früheren Schüler) Josef Blinzler-(1910-1970): Was sagst Du zur neuen Bibelenzyklika, die in der ZAszM abgedruckt ist. Manches klingt verdammt ‚modern‘. (…) Ich bleibe aber einstweilen bei meinem Standpunkt: timeo Danaos, auch wenn sie liebliche Worte gebrauchen. 11 Je nach Perspektive konnte das Neue und Moderne in der Exegese somit in der Vergangenheit liegen und „noch zu stark“ nachwirken (Scherer) oder aber als noch Ausstehendes vorsichtig (aus Rom) erhofft werden (Schmid). Noch komplexer wird der Befund, wenn man berücksichtigt, dass auch für „moderne“, nach einer weiteren Öffnung ihres Fachs strebenden Exegeten wie Josef Schmid in manchen Punkten eine Grenze der interkonfessionellen Kooperation spürbar wird. So schreibt Schmid an Blinzler kurz nach Weihnachten-1943: Neulich war ein Student da, der in Tübingen studiert. Die kath. Theologen haben dort die ausdrückliche Erlaubnis im NT Kittel zu hören. Eine solch generelle Erlaubnis finde sogar ich etwas bedenklich. 12 Wie aber sollte man nun im Zusammenhang mit diesen exegesegeschichtlichen Transformationsprozessen von „Innovation“ sprechen? Da es nahe liegt, diese Frage im interdisziplinären Austausch zu klären, brachte die das Projekt flankie‐ rende Tagung „Innovation. Erkundungen zu einer exegesegeschichtlichen Ka‐ tegorie“, die im Mai 2023 in Münster stattfand, 13 exegesegeschichtlich arbeitende katholische Neutestamentler (Ingo Broer, Wolfgang Grünstäudl, Christoph Heil, Thomas J. Kraus) nicht nur mit ihren evangelischen Kolleg: innen (Eve-Marie Becker, Lukas Bormann, Brandon Massey) ins Gespräch, sondern vor allem mit Vertretern der Nachbardisziplinen Orientalistik (Ludger Hiepel) und Neu‐ ere Kirchengeschichte (Markus Pfister). Ganz besonders bedeutsam war aber der Austausch mit der Wissenschafts- und Organisationssoziologie (Markus Gamper, Thomas Heinze), die auf lange Erfahrung im Bereich der Innovations‐ forschung zurückblicken kann. In seinem Grundsatzreferat machte Thomas Heinze deutlich, dass in der Perspektive soziologischer Innovationsforschung Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 13 14 Helga Rusche wurde 1943 mit einer Arbeit zur pietistischen Bibelrezeption bei Dibelius in Heidelberg promoviert. Zur Biographie vgl. Johannes M. Nützel, Art. Rusche, Helga, in: Friedrich W.-Bautz (Hg.), BBKL-XXXVI (2015), 1144-1146. „Neuerung“ und „Innovation“ keineswegs schlicht dasselbe meinen, sondern sorgfältig voneinander zu unterscheiden sind. Als Innovationen zu gelten haben, so Heinze, nur die diejenigen Neuerungen, die sich im beobachteten Kontext (z. B. dem Markt, der scientific community) durchgesetzt und etabliert haben. Kurz: Innovation bezeichnet eine erfolgreiche Neuerung. Wird diese vermeintlich kleine begriffliche Nuancierung im Kontext der Exegesegeschichte übernommen, führt dies zu mindestens zwei gewichtigen Konsequenzen: Erstens trägt die Unterscheidung von „Neuerung“ und „Innova‐ tion“ dazu bei, angesichts der alltagssprachlich (und auch wissenschaftspolitisch - man denke nur an die Usancen der Antragsprosa! ) inflationären Verwendung der Zuschreibungen „Innovation“ und „innovativ“ ein Kriterium einzuführen, das dem Begriff „Innovation“ wieder Kontur verleiht. Nicht alles und jedes, das „neu“ ist, ist bereits „innovativ“. Zugleich rücken, zweitens, jene Faktoren, die zum Erfolg einer Neuerung und damit zu ihrer Etablierung als Innovation beitragen, in den Mittelpunkt. Diese Faktoren werden dabei selbst wiederum zum Gegenstand exegesegeschichtlichen Interesses, so dass es nicht wunder nimmt, wenn in der weiteren Tagungsdiskussion die Kurzformel „Innovation ist eine erfolgreiche Neuerung“ bei gleichzeitiger Berücksichtigung alternativer Innovationskonzepte - etwa Innovation als „kreative Devianz“ im Anschluss an Robert K. Merton (so Markus Thurau) oder Innovation als diffundierende Größe nach Everett M. Rogers (so Christoph Heil) - gerne aufgegriffen und in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen durchdekliniert wurde. Deutlich wurden dabei insbesondere Erfolgsfaktoren, die nicht im engeren Sinne unter fachlicher Qualität zu subsumieren sind. Wissenschaftliche Exzel‐ lenz mag eine notwendige Bedingung exegetischer Innovationen sein, eine hinreichende Bedingung ist sie mit Sicherheit nicht. Bereits die Antwort auf die elementare Frage, wie lange ein: e Exeget: in lebt, entscheidet nicht unwe‐ sentlich darüber, wie sehr das „Neue“ in der Forschung dieser Person zur anerkannten Innovation heranreift. Ein besonders drastisches Beispiel in dieser Hinsicht bieten die Biographien von Rudolf Bultmann (1884-1976) und Martin Dibelius (1883-1947). Beide Exegeten, deren Namen zusammen mit dem von Karl Ludwig Schmidt-(1891-1956) untrennbar mit der Entstehung der Formge‐ schichte verbunden sind, konnten ihr Fach durch Exzellenz und Kreativität über Jahrzehnte hinweg prägen. Welche ambitionierten Arbeitsprogramme sie dabei verfolgten, verdeutlicht eine Mitteilung Martin Dibelius’ an seine Schülerin Helga Rusche-(1913-1996) 14 aus dem Jahr-1943: Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 14 Wolfgang Grünstäudl 15 Gemeint ist ein Beitrag zu Friedrich Nietzsche. 16 Dibelius an Rusche, 11.5.1943, UA Heidelberg, Heid. Hs. 3814, III. B., [9]. Es handelt sich hierbei um eine 64-seitige Sammlung maschinenschriftlicher Briefexzerpte, die zum Teil von Hand (vmtl. von Helga Rusche selbst) ergänzt wurden. Der zitierte Abschnitt ist im Original zum Teil von Hand unterstrichen, die Orthographie wurde angepasst. 17 Dibelius an Rusche, 7.10.1947, UA-Heidelberg, Heid.-Hs.-3814, III.-B., [64]. Bei dieser Arbeit 15 und bei mancherlei Besprechungen mit dem feinen, stillen Eltester wegen der ZNW - ist mir ein Arbeitsplan für Hauptsachen in den nächsten Jahren aufgegangen. Ich brauche für die beiden Paulusbücher 3-Jahre für die urchristliche Lit. Geschichte (Vertrag liegt vor) 3-Jahre für „Nomos und Pneuma“ (Entstehung der chr. Ethik; mein Lieblingsziel)-3-Jahre Evtl. für die Religionsgeschichte der ausgehenden Antike, mit der mich Christel Schröder und Verlag Reinhardt jetzt behängen wollen: 3-Jahre. Wenn ich etwa die Edition des Hermas für die Berliner Kirchenväter machen soll: -1-Jahr. Wenn ich etwa die Apostelgeschichte im „Handbuch“ übernehme: 2-Jahre. Das sind 15 Jahre! 60 + 15 = 75. Man hat kein Recht, mit längerer Lebensdauer, geschweige Arbeitsfähigkeit zu rechnen. Also: ich bin besetzt! 16 Nur vier Jahre später, im November 1947, war Martin Dibelius tot und keines der in der Liste genannten Werke abgeschlossen. Die letzte, im Briefwechsel mit Rusche erhaltene Referenz auf eine eigene Publikation Dibelius’ betrifft eine Wiederauflage seines Jesus-Buches: „‚Jesus‘ 2. Aufl. grau und hässl[ich] broschiert - ist erschienen… Ich bringe vieles nicht mehr zustande, was ich gerne möchte.“ 17 Es ist müßig zu spekulieren, in welcher Weise sich die exe‐ getische Forschung der Nachkriegszeit verändert hätte, wären Dibelius wie Rudolf Bultmann weitere 30 Lebens- und Schaffensjahre geschenkt gewesen. Fakt ist jedoch, dass Bultmann für die Aufbrüche der katholischen Exegese in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanum als Gesprächspartner in Zustimmung und Abgrenzung erhalten blieb, während Dibelius, dessen Heidelberger Grab von Josef Schmid, einem der einflussreichs‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 15 18 Vgl. Rudolf Pesch, Josef Schmid, in: Cilliers Breytenbach/ Rudolf Hoppe (Hg.), Neutes‐ tamentliche Wissenschaft nach 1945. Hauptvertreter der deutschsprachigen Exegese in der Darstellung ihrer Schüler, Neukirchen-Vluyn 2008, 399-406, 401: „Als Mitglied der ‚Studiorum Novi Testamentum Societas‘ war er ein Freund vieler evangelischer Theologen. Einen hat er bewundert: In Heidelberg besuchte er öfter das Grab von Martin Dibelius (1883-1947), dessen Werk er sehr schätzte.“ Oder Rudolf Pesch, Josef Schmid wird 80 Jahre, in: Paul Hoffmann (Hg.) in Zusammenarbeit mit Norbert Brox/ Wilhelm Pesch, Orientierung an Jesus. Zur Theologie der Synoptiker, FS Josef Schmid, Freiburg/ Basel/ Wien 1973, 7-12, 11: „In Heidelberg besuchte er das Grab von Martin Dibelius, des von ihm am meisten verehrten evangelischen Kollegen. Handschriftliche Gebete und Gedichte dieses großen Forschers hat er als Leihgabe längere Zeit aufbewahrt und immer wieder betrachtet.“ 19 Vgl. jetzt Maren R. Niehoff/ Francesco Zanella (Hg.), Das frühe Reallexikon für Antike und Christentum (RAC) und der Nationalsozialismus, Paderborn 2025, sowie Hannah M.-Kreß, Das RAC und der zeitgenössische protestantische Antisemitismus, in: Kirche und Israel-39 (2024), 26-46. 20 Vgl. umfassend Lukas Bormann/ Arie W. Zwiep (Hg.), Auf dem Weg zu einer Biographie Gerhard Kittels (1888-1948), HABE-3, Tübingen 2022. ten katholischen Neutestamentler dieser Zeit, mehrfach besucht wurde, 18 nicht mehr als Diskutant zur Verfügung stand. 2 Und welche Rolle spielen Netzwerke bei der Entstehung von Innovation? Damit ist bereits ein weiterer möglicher Erfolgsfaktor von exegetischen Innova‐ tionen angesprochen: Die Präsenz und Aktivität von wissenschaftlichen Netz‐ werken. Während es auf den ersten Blick unmittelbar plausibel erscheint, dass Netzwerke von Forschenden einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung von „Neuem“ und somit zur Generierung von Innovationen leisten, zeichneten die Tagungsbeiträge hierzu ein ambivalentes Bild. So stellten Hannah Kreß und Lu‐ kas Bormann Ergebnisse ihrer Forschungen zu wissenschaftlichen Netzwerken im Umfeld des Reallexikons für Antike und Christentum vor 19 und machten dabei deutlich, dass die unbestrittenen Innovationsleistungen dieses Sammelwerks zum Teil auch durch effiziente Kooperation mit dem zum Teil zeitgleich entste‐ henden Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament erreicht wurden (etwa durch Übernahme eines bestimmten Lemmas in beiden Werken durch ein und denselben Bearbeiter). Heute würde man in diesem Fall von „Synergieeffekten“ sprechen. Intensiv diskutiert wurde in diesem Zusammenhang, inwiefern der Begriff „Innovation“ dort angebracht ist, wo eine Position propagiert wird, die eher einen Rückschritt darstellt bzw. aus inhaltlichen Gründen abzulehnen ist, wie im Fall der sattsam bekannten Haltung Gerhard Kittels zum Judentum. 20 Die Leistungen der Herausgeber des ThWNT sind auf dem Hintergrund der Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 16 Wolfgang Grünstäudl 21 Vgl. zur Einführung Markus Gamper/ Linda Reschke/ Marten Düring (Hg.), Knoten und Kanten III. Soziale Netzwerkanalyse in Geschichts- und Politikforschung, Bielefeld 2015. 22 Ronald S. Burt, Structural Holes and Good Ideas, in: AJS 110 (2004), 349-399, hier: 349. oben vorgestellten Definition von „Innovation“ zweifellos als „innovativ“ zu bezeichnen, was aber gerade nicht ausschließt, die Defizite dieses Projektes klar zu benennen und insbesondere die Faktoren kritisch zu analysieren, die zum Erfolg gerade dieses neuartigen Projektes beitrugen. In einem interdisziplinären Beitrag untersuchten Wolfgang Grünstäudl und Markus Gamper am Beispiel des HThKNT die Möglichkeit, Exegesegeschichte und Netzwerkanalyse miteinander ins Gespräch zu bringen. Die ursprünglich in den Sozialwissenschaften beheimatete Netzwerkanalyse ist mittlerweile in den Geschichtswissenschaften als Methode etabliert und stellt der exegesege‐ schichtlichen Forschung potentiell hilfreiche Analysewerkzeuge zur Verfügung. So hilft die (visualisierbare) Erhebung von Scharnierstellen und Verbindungs‐ linien („Knoten“ und „Kanten“) dabei, strukturelle Muster zu entdecken, wäh‐ rend das Wissen um die „Platzierung“ von Innovationspotentialen in sozialen Strukturen die historische Suche nach besonders relevantem Quellenmaterial fokussieren kann. 21 Geradezu ikonisch wurde in diesem Zusammenhang Ro‐ nald S. Burts Diktum „that people who stand near the holes in a social structure are at higher risk of having good ideas.“ 22 Angesprochen sind damit nicht zuletzt die sogenannten „broker“, jene Personen, die in sozialen Netzwerken (oder an deren äußerer Grenze) Brückenpositionen besetzen und so Ideen von einem Netzwerk(-bereich) in ein anderes bzw. in einen anderen transferieren. Ein eindrückliches Beispiel für eine solche Broker-Figur stellt der nun bereits mehrfach genannte Josef Schmid dar, der nicht umsonst im Rahmen der Münsteraner Innovationstagung Gegenstand von nicht weniger als drei Vorträ‐ gen (Heil, Kraus, Juan Hernández Jr.) war. Schmid war zu keinem Zeitpunkt Herausgeber oder Autor des HThKNT - und würde daher in eng gefassten Visu‐ alisierungen dieses Netzwerks und seiner juristisch-organisatorischen Struktur überhaupt nicht sichtbar werden -, prägte dieses Projekt aber dennoch wie kein Zweiter durch intensiven Austausch mit den meist deutlich jüngeren Autoren. Um die unverwechselbare Art und Weise zu illustrieren, in der Schmid als Ideengeber und Berater exegetische Innovationsprozesse im Rahmen des HThKNT begleitete und moderierte, soll im Folgenden ein Brief Schmids an den Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 17 23 Einige der folgenden Beobachtungen durfte ich auf Einladung von Christoph Heil am 15. November 2024 an der Universität Graz vorstellen. Allen Teilnehmenden des Workshops, insbesondere Michaela Sohn-Kronthaler und ihrem Team des Instituts für Kirchengeschichte und kirchliche Zeitgeschichte danke ich herzlich für hilfreiche Rückfragen und Hinweise. HThKNT-Autor Karl Hermann Schelkle in (angepasster) Transkription samt einigen kursorischen Anmerkungen vorgestellt werden. 23 - München, 19.-12.-60 - Sehr verehrter Herr Kollege! Weil ich meine Schreibmaschine offenbar zu grob behandelt habe, muß sie augenblicklich repariert werden und muß ich Ihnen zumuten, meine Handschrift zu entziffern. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren freundlichen Brief vom 7.12. Unser Vögtle ist, wie ich hoffe, jetzt auf dem Wege, sein seelisches Gleichgewicht wieder zu finden, daß durch einen Angriff eines Inquisitors stark gelitten hat. Nach Neujahr soll angeblich der Bd.-5 des Lexikon mit dem etwas „gemilderten“ Artikel J. Christus erscheinen. Sie werden sich dann selbst von seiner Tragbarkeit überzeugen können. Wir leben nun einmal nicht mehr in der Karolingerzeit oder in der der Neandertaler. Inzwischen wird Herr Vögtle, wie ich annehme, die Verträge über Ihr Manuskript übersandt haben. Ich habe natürlich nicht viel an Einzelheiten notiert, sondern ihm meinen Gesamteindruck mitgeteilt. Daß Sie, wie Sie schreiben, am Text des Kommentars nichts mehr zu ändern gedenken, finde ich ganz in Ordnung. Aber in Anmerkungen werden Sie ja noch allerlei beifügen, vielleicht auch einige der von Ihnen gesammelten patrist. Texte. Manche sind es ja wohl nicht wert, ausgegraben zu werden[.] Der Name Oikumenes wird ja wohl ganz verschwinden. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 18 Wolfgang Grünstäudl Ich weiß noch nicht recht, was ich Ihnen an Literatur nennen könnte. Es könnte sich dabei doch wohl nur um Speziallit. handeln, da die Kommentare ja alle z.-St. bei dem fleißigen Holzmeister genannt sind. Ich weiß nicht, ob er Ihnen die Mühe, Stegmüller Repertorium bibl. medii aevi nochmals duz durchzulesen, ganz ersparen wird. Wert für uns haben diese Kompilationen für mich keinen Wert. Daß die Glossa ordinaria, „das exeget. Lehrb. des MA“ nicht von W. Strabo stammt, wie man noch bei Holzmeister lesen kann, sondern von Anselm von Laon und Mitarbeitern, ist jetzt keine Neuigkeit mehr vgl. etwa Lex./ ThuK unter Glossen, wo vor allem der zitierte Aufsatz von Miss Smalley wichtig ist. In einer noch nicht gedruckten Diss. hat ein Schüler von mir, P. Anselm Schulz, Nachfolge und Nachahmung im NT, gezeigt, dass 1 Petr 2 21 ff . der griech. μίμησις- Begriff vorliegt, ein Grund mehr, den Brief nicht von histor. Petrus verfaßt sein zu lassen[.] Glauben Sie übrigens, der geschtl. Petrus (oder vielmehr Simon) habe sich selber als Petrus bezeichnet? Das war doch zunächst nur Übersetzung des semit. Kephas, das Beiname war. Was ich mir bei Ihrem Kommentar noch besonders erweitert wünsche, ist eine Darstellung und Beurteilung der Hypothese von Perdelwitz bis Boismard, daß im 1 Petr eine Taufpredigt w[..] enthalten sei, und ein Kapitel über die Theologie des 1 Petr. Sollte ich einmal noch Ihre Lit.-Zusammenfassung in die Hand bekommen, will ich sehen, ob ich dazu etwas zu ergänzen finde, was nicht bei Holzmeister und im Elenchus bibl. der Biblica steht. Der Aufsatz von Wifstrand, Stylistic Problems in the Epistles of James and Peter (Studia Theologica I, Lund 1948) wird Ihnen nicht entgangen sein. Es ist herzlich wenig, was ich Ihnen hier schreiben kann. Daß ich mich über die Maßen freue, daß endlich wieder ein Band dieses Kommentars erscheint, meine ich Ihnen schon gesagt zu haben. Natürlich bin ich auch der Meinung, daß es eine Rangordnung der Wichtigkeiten gibt. Wenn Sie gerade an Ihren Kommentar die letzte Hand anlegen, werden ich und andere Ihr evt. Nichterscheinen in Beuron wohl verstehen. München kann nachdem, was sich am letzten Samstag ereignet hat, keine ungetrübten frohen Weihnachten feiern. Ihnen darf ich eine gesegnetes Weihnachtsfest wünschen und alle guten Wünsche aussprechen für das kommende Jahr[.] Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener J Schmid - Da ich nicht weiß, ob Vögtle Ihr Ms., das ich ihm schon zurückgegeben habe, noch hat, sende ich die mir übersandten Ergänzungen am besten Ihnen selbst. Der Exkurs ist sachlich wie grundsätzlich höchst wertvoll. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 19 24 Hoffmann (Hg.), Orientierung an Jesus (s. Anm. 18), 12. Die Bildunterschrift des Fragments lautet „Brief von Professor J.-Schmid, München, 20.-4.-1969“. 25 Rudolf Hoppe, Anton Vögtle, in: Breytenbach/ Hoppe (Hg.), Neutestamentliche Wissen‐ schaft nach 1945 (s.-Anm.-18), 461-476, 472. Weil ich meine Schreibmaschine Seine beinahe unleserliche Handschrift war so sehr ein Markenzeichen Schmids, dass sogar auf den ersten Seiten seiner ihm zum 60. Geburtstag dargebrachten Festschrift eine Handschriftenprobe prangt. 24 Ob die kurze Sequenz aus einem Brief Schmids, in der er in jovialem Ton einen Sonntagsausflug beschreibt, bei dem ihn seine Haushälterin, die er seine „Perle“ zu nennen pflegte, im Auto aus München auf das Land chauffierte, auch dann gewählt worden wäre, wenn alle Herausgeber der Festschrift in der Lage gewesen wären, den Text zu lesen, mag bezweifelt werden. In jedem Fall verrät im vorliegenden Brief Schmids selbstironische Notiz über die defekte Schreibmaschine ein zweites Markenzeichen des Neutestamentlers - seinen Humor. Unser Vögtle Von Alfred Wikenhauser, seinem Lehrer und Vorgänger auf der neutestament‐ lichen Professur in Freiburg, hatte Anton Vögtle (1910-1996) die Agenden des HThKNT-Herausgebers übernommen. Deshalb ist er der finale Adressat des Kommentar-Manuskripts, das der Autor Karl Hermann Schelkle an Schmid - of‐ fenbar mit der Bitte um sein Urteil - gesandt hatte. Ehe sich die Kommunikation diesem Manuskript zuwendet, erwähnt Schmid aber noch die Schwierigkeiten, die sich Vögtle mit der Bearbeitung des Lemmas „Jesus Christus“ im neu erscheinenden Lexikon für Theologie und Kirche eingehandelt hatte: „Vögtles Text hat dem damaligen, sehr einflussreichen Vertreter des Fachs Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München [sc. Michael Schmaus] derart missfallen, dass er eine Neubearbeitung forderte und für den Fall der Nichterfüllung seiner Bedingungen mit der Verhinderung des Erscheinens des Lexikons - via Rom - drohte. Nur auf Drängen des Mithe‐ rausgebers Karl Rahner ließ sich Vögtle davon abhalten, seinen Beitrag ganz zurückzuziehen.“ 25 Zur Lösung des Konflikts gehörte auch eine Modifikation des ursprünglichen Entwurfs (Schmid spricht von einem „etwas ‚gemilderten‘ Artikel“). am Text des Kommentars nichts mehr zu ändern gedenken Schelkle, der bereits 1944 angefragt worden war, die Kommentierung der beiden Petrusbriefe und des Judasbriefs zu übernehmen, dürfte erleichtert gewesen sein, dass Schmid zu seiner Textauslegung keine größeren Ergänzungs- oder Änderungswünsche äußerte („finde ich ganz in Ordnung“), sondern (zunächst) Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 20 Wolfgang Grünstäudl 26 Mit Verweis auf Urban Holzmeister, Epistula prima S. Petri Apostoli (Cursus Scripturae Sacrae-III/ 13/ 1), Paris 1937, als hilfreiche Ressource. 27 Mittlerweile liegt Friedrich Stegmüller/ Klaus Reinhardt (Hg.), Repertorium Biblicum Medii Aevi, 11 Bde., Madrid 1950-1981, auch in Form einer digitalen, durchsuchbaren Datenbank vor: https: / / www.repbib.uni-trier.de/ cgi-bin/ rebihome.tcl. 28 Vgl. Josef Schmid, Art. Glossen, in: Stefan Haering (Hg.), LThK-IV, 968-970. 29 Aufgegriffen sind diese Hinweise in Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), X mit Anm.-1f. 30 Bei diesem Satz scheint die Syntax durch eine Wiederholung des Gedankens durchei‐ nander geraten zu sein. 31 Die Dissertation wurde nicht veröffentlicht, erschien aber später als Publikation für einen weiteren Kreis: Anselm Schulz, Unter dem Anspruch Gottes. Das neutestament‐ liche Zeugnis von der Nachahmung, München 1967. 32 Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), 15. auf mögliche Ergänzungen in den Fußnoten abhebt. Es beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit dabei die gesamte Auslegungstradition im Blick ist - von den antiken und mittelalterlichen Kommentaren 26 über die frühneuzeitliche Exegese 27 bis hin zur Glossa ordinaria, zu der Schmid den aktuellen Forschungs‐ stand referiert und en passant den Hinweis auf eine eigene Publikation („vgl. etwa Lex./ ThuK unter Glossen“ 28 ) einstreut. 29 Gleichzeitig werden Zweifel spür‐ bar, ob der Rückgriff auf die Auslegungsgeschichte tatsächlich ertragreich sein kann („wohl nicht wert, ausgegraben zu werden“, „haben diese Kompilationen für mich keinen Wert“ 30 ). In einer noch nicht gedruckten Diss. Von Antike und Mittelalter springt der Gedanke zur jüngsten Forschung. Nicht ohne Stolz kann der Doktorvater Schmid auf eine in München entstandene Dissertation 31 verweisen und deren noch nicht veröffentlichten Ergebnisse mit Schelkle teilen, wobei allerdings sein klares Votum für eine pseudepigraphe Abfassung des 1Petr („ein Grund mehr, den Brief nicht vom histor. Petrus verfaßt sein zu lassen“) vom immer vorsichtigen Schelkle so nicht übernommen werden wird: „Es scheint der Exegese unmöglich zu sein, die Fragen um die Verfasserschaft des Briefes eindeutig zu klären und zwingend zu beantworten.“ 32 Nach einer kurzen - beinahe rhetorischen - Rückfrage zum Namen des his‐ torischen Petrus folgt dann doch noch ein Arbeitsauftrag: Schmid wünscht sich eine Auseinandersetzung mit der These einer in 1Petr integrierten baptismalen Homilie sowie „ein Kapitel über die Theologie des 1Petr“. Beide Anregungen sind im dann veröffentlichten Kommentar aufgegriffen. Im Abschnitt zur „Tra‐ ditions- und Formgeschichte“ des 1Petr behandelt Schelkle unter der Überschrift Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 21 33 Vgl. R. Perdelwitz, Die Mysterienreligion und das Problem des 1. Petrusbriefes. Ein li‐ terarischer und religionsgeschichtlicher Versuch, Gießen, 1911; Marie-Émile Boismard, Une liturgie baptismale dans la Prima Petri I, in: RB 63.2 (1956), 182-208; Marie-Émile Boismard, Une liturgie baptismale dans la Prima Petri-II, in: RB-64.2 (1957), 161-183. 34 Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), 5. 35 Vgl. v.-a. Schelkle, Petrusbriefe (s.-Anm.-7), 110-113. 36 Interessant ist zudem, dass sich alle Hinweise Schmids nur auf den traditionell als theologisch bedeutsam eingestuften 1Petr beziehen, die von Schelkle im selben Kom‐ mentarband ebenfalls besprochenen 2Petr und Jud jedoch keinerlei Beachtung finden. „Liturgisch-kultische Überlieferung“ knapp Richard Perdelwitz’ These und ihre Rezeption, 33 kommt allerdings zu einem eher distanzierten Urteil: Sind mithin auch viele dieser Aufstellungen in den Einzelheiten hypothetisch geblie‐ ben, so haben sie doch erhoben, daß in 1Petr in reichem Maße liturgisch-kultische Überlieferung eingegangen ist. Das strukturierende und tragende Interesse des Briefes gehört aber der Paränese. 34 Zur Theologie des 1Petr findet sich zwar kein eigenes „Kapitel“, aber doch zwei einschlägige Exkurse (zu „Christologische Formeln in 1Petr“ und „Die Passionstheologie in 1Petr“). 35 In jedem Fall wird deutlich, welches Gewicht Schelkle den Hinweisen Schmids beimaß - und welchen Einblick die erhaltene Korrespondenz in das Werden einer „neuen Exegese“ erlaubt. 36 Natürlich bin ich auch der Meinung, daß es eine Rangordnung der Wichtigkeiten gibt. Auf die inhaltlichen und bibliographischen Hinweise („Es ist herzlich wenig, was ich Ihnen hier schreiben kann.“) lässt Schmid nicht nur den Jubel über einen weiteren HThKNT-Band folgen, sondern erteilt Schelkle auch die Abso‐ lution für ein allfälliges Nichterscheinen bei der nächsten Biennaltagung der deutschen katholischen Neutestamentler (1961 in Beuron). Ein Hinweis auf das Tagesgeschehen, in diesem Fall auf das tragische Flugzeugunglück vom 17. Dezember 1960, bei dem eine US-amerikanische Militärmaschine auf eine Münchner Straßenbahn stürzte, beschließt den Brief. Aus exegesegeschichtlicher Sicht zeitigte diese interdisziplinäre Spurensuche, für die der vorgestellte Brief des „brokers“ Josef Schmid nur als ein erstes Beispiel dienen sollte, insbesondere zwei Erkenntnisse: Einerseits ist die Netz‐ werkanalyse - genauso wie die Exegese und die Geschichtswissenschaften - ein in sich vielfältiger Diskurs. Interdisziplinäre Kooperation und Theorietransfer funktionieren deshalb nur dann unfallfrei, wenn seitens der Exegesegeschichte geklärt wird, mit welchem Ansatz der Netzwerkanalyse konkret die Zusammen‐ arbeit gesucht wird. Selbst dann ist aber zu berücksichtigen, dass termini Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 22 Wolfgang Grünstäudl 37 Konkret „673 managers who ran the supply chain in 2001 for one of America’s largest electronic companies“ (Burt, Structural Holes (s.-Anm.-22, 359)). technici der Netzwerkanalyse ihre eigene Begriffsgeschichte besitzen und mitunter in unterschiedlichen Zusammenhängen unterschiedlich gebraucht werden können. Zweitens verrät sich die sozialwissenschaftliche Herkunft der Netzwerkanalyse überall dort, wo ihre analytischen Zugriffe und ihre Beschreibungssprache vollständige Befunde voraussetzen. Eine der wichtigsten Studien zur sozialen Netzwerkanalyse (und Innovationsforschung), diejenige von Burns zu „structural holes“, beruht zum Beispiel auf der Befragung aller Mitarbeitenden einer bestimmten Managementebene eines US-amerikanischen Konzerns. 37 Diese Form der Vollständigkeit (und zeitlichen Nähe) findet sich in den Geschichtswissenschaften nur sehr selten. Viel häufiger sind Quellenbe‐ funde (stark) fragmentarisch und erinnern Historiker: innen mitunter drastisch daran, dass diese nach einem Diktum von Martha Howell und Walter Prevenier „Gefangene ihrer Quellen“ sind, die nur so weit sehen, als ihnen ihre Quellen Einblick gewähren. Das gilt nicht zuletzt auch für den HThKNT: Zwar ist einiges an Korrespondenz zwischen Verlag, Herausgebern und Autoren noch vorhan‐ den und erlaubt die Beschreibung von strukturellen Phänomenen innerhalb des Netzwerks deutschsprachiger katholischer Neutestamentler zur Mitte des 20. Jahrhunderts, doch sind die Lücken zum Teil äußerst schmerzhaft. So gilt etwa der Nachlass von Rudolf Schnackenburg (1914-2002) als verschollen, wo‐ durch sich die wissenschaftspolitische Aktivität eines besonders einflussreichen und engagierten Vertreters seiner Disziplin nur aus fragmentarischen Spuren in Fremdnachlässen und Tertiärquellen erschließen lässt. Gleichermaßen sind die Dokumente, die beim Bombardement des Verlagshauses Herder in Freiburg im Breisgau (27. November 1944) Opfer der Flammen wurden, nicht zu ersetzen. Diese leicht zu vermehrenden Beispiele zeigen, dass ein netzwerkanalytischer Zugriff auf exegesegeschichtliche Fragestellungen immer im Blick zu behalten hat, dass sich nur beschreiben und visualisieren lässt, was in den Quellen geboten wird. 3. Zusammenfassung Was ist Innovation? Weder diese Frage selbst noch ihre Beantwortung ist in exegesegeschichtlicher Perspektive banal. Der vorliegende Werkstattbericht aus einem laufenden Projekt zur Frühzeit von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Testament konnte aber zeigen, dass ein verstärkter Austausch nicht nur an der Grenze von Exegese und Geschichtswissenschaft, sondern auch zwi‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 Innovation in exegesegeschichtlicher Sicht 23 schen Bibelwissenschaften und Netzwerkanalyse, Organisationssoziologie und Innovationsforschung wünschenswert und lohnend ist. Dieser kann dazu bei‐ tragen, Exegese nicht nur als geschichtsbezogene Wissenschaft zu verstehen, die sich Vergangenem widmet, sondern auch als Wissenschaft mit einer Geschichte, deren stetiges Streben nach Neuem wie das tatsächliche Implementieren von Innovationen ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägt. Wolfgang Grünstäudl, Jahrgang 1977, studierte Katho‐ lische Theologie und Religionspädagogik in Wien und Regensburg und wurde 2012 in Regensburg promoviert. Nach beruflichen Stationen im Schuldienst war er 2008 bis 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz-Landau und von 2013 bis 2022 Akademischer Rat bzw. Oberrat an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2022 ist er Professor für Theologie des Neuen Testaments und Biblische Didaktik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind das Lukasevangelium, die Katho‐ lischen Briefe, Exegesegeschichte sowie Grundfragen neutestamentlicher Theologie und Hermeneutik. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0001 24 Wolfgang Grünstäudl 1 Zu dieser Zeit war noch nicht einmal der erste der sechs Bände von Herders Theologi‐ schem Kommentar zum Alten Testament zu Jesaja (2003-2022) von Willem Beuken und Ulrich Berges erschienen. Der Band, der Jes 58 erhält, erschien 2022. Kanonische und synchrone Jesaja-Exegese sind eine Erscheinung der letzten-20 Jahre. Zum Thema Einleitung weiter denken Das Neue Testament als Familienalbum Sandra Huebenthal Ein alter Witz unter Bibelwissenschaftlern ist, dass vor den Augen eines deutschen Exegeten der biblische Text augenblicklich in seine Schichten zerfällt. Schon als Studentin hat mich die Frage umgetrieben, was danach passiert. Wenn ich den Witz selbst erzähle, mache ich nach dem ersten Teil eine kurze Pause, um dann fortzufahren: „Das Problem ist nur - wie bekommt man ihn wieder zusammen? “ In meiner Ausbildung habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass es der Exegese gar nicht darum ging, den Text „wieder zusammenzubekommen“, sondern dass die Aufgabe mit der Rekonstruktion seines Entstehungsprozesses abgeschlossen schien. Ich erinnere mich gut an mein blankes Entsetzen als ich in den frühen 2000ern einen Besinnungstag zu Jes 58 - Ein Fasten, das Gott gefällt - vorbereiten wollte und in der gut sortierten exegetischen Bibliothek meiner Alma Mater keinen einzigen Kommentar finden konnte, der mir etwas anderes geboten hätte als Theorien zu Wachstum, Entstehung und religionsge‐ schichtlichen Hintergründen des Jesaja-Buches. 1 Der zurate gezogene Professor - ein Spezialist genau für Jesaja - konnte mir auch nicht weiterhelfen. Er zuckte die Schultern und sagte: „Das ist Ihre Aufgabe, da müssen Sie sich etwas einfallen lassen.“ Der Besinnungstag fand statt und war eine intensive Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 2 Das Deuteronomium-Projekt von Norbert Lohfink und Georg Braulik dürfte der letzte große Versuch gewesen sein, alles Wissen über ein biblisches Buch zu erfassen und auszuwerten. In Zeiten von KI könnten solche Datenbanken eine Renaissance erleben und Data Mining könnte sich mitunter als letzte Möglichkeit erweisen, um künftig überhaupt noch den Überblick zu behalten und einen Status Quaestionis aufzuarbeiten. Auseinandersetzung mit dem Jesajatext und mit unseren eigenen Fragen, doch exegetische Literatur hat nur wenig zum Gelingen dieses Tages beigetragen. Die Ausgangsfrage hat mich indes weiter begleitet: „Wollen wir den Text denn überhaupt wieder zusammenbekommen? “ Die Erfahrung mit den Jesa‐ jakommentaren hat sich an einigen anderen Stellen wiederholt. In vielen historisch-kritischen Ansätzen und Methodenbüchern wird die Auslegung des vorliegenden Endtexts nicht (mehr) als Teil des Arbeitsauftrags gesehen und entsprechend an die Homiletik oder Praktische Theologie delegiert. Man kann das durchaus positiv als Teil der theologischen Arbeitsteilung sehen und als rationale Entscheidung verstehen. Spezialisierung und Expertise beruhen zu einem großen Teil auf Arbeitsteilung und die Möglichkeit hochspezialisierter Forschung befördert neue Erkenntnisse und Arbeitsmethoden, die ihrerseits die gesamte Theologie weiterbringen können. Zumindest in der Theorie. Die Praxis in der Wissenschaft und noch mehr der Alltag in der Praxis sehen anders aus. Die wissenschaftlichen Ergebnisse spezialisierter exegetischer Forschung kommen nicht nur in den seltensten Fällen bei den Multiplikatoren vor Ort - Lehrern und Pfarrern, aber auch Journalisten und (Kirchen-)Politikern - an. Auch innerhalb der Theologie gibt es kaum Austausch. In anderen Fachkulturen - der Dogmatik, Moraltheologie, Religionspädagogik oder auch der Kirchengeschichte - werden die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft kaum rezipiert und selbst untereinander fehlen uns häufig die Berührungspunkte. Wer Paulusforschung betreibt, interessiert sich nur selten für Johannes. Wer die synoptische Frage erforscht, kümmert sich gewöhnlich nicht um Pseudepigraphie und wer sich auf den historischen Jesus konzentriert, lässt oft die Kanonfrage links liegen. Dies geschieht nicht aus mangelndem Interesse, sondern eher aus Gründen der Zeitökonomie. Die exegetischen Fachdiskurse haben sich so stark ausdifferenziert, dass kaum Zeit bleibt, die Entwicklung auf anderen Gebieten sinnvoll mitzuverfolgen. Oft ist es schon eine Herausforderung, die Fachliteratur im eigenen Forschungsgebiet zu rezipieren. In manchen Teilgebieten der Bibelwissenschaft wäre das ein Fulltime-Job und so ist es nicht verwunderlich, dass selbst Markusexperten nicht (mehr) alle Markus-Kommentare lesen können, die erscheinen. 2 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 26 Sandra Huebenthal 3 Die Visualisierung entspricht dem Selbstverständnis des Faches, doch die Praxis sieht häufig anders aus. Die Testleser dieses Beitrags, die an unterschiedlichen Orten studiert haben, kamen unabhängig voneinander zu der Einschätzung, dass der Kreis für die Theologie nur in etwa so groß sein dürfte wie der der Literaturwissenschaft und dass die Einleitung so stark vom historischen Zugang dominiert ist, dass in der Praxis kaum Platz für die Theologie ist. Womöglich muss man das Selbstverständnis auf der Basis der Praxis korrigieren und formulieren: Theologen arbeiten in der Einleitungswis‐ senschaft mit historischer und literaturhistorischer Methodik an Entstehungsfragen zu neutestamentlichen Texten. 1. Einleitungswissenschaft: Die letzte Bastion historisch-kritischer Exegese? Was hat das mit Einleitung und neutestamentlicher Einleitungswissenschaft zu tun? Eine ganze Menge, denn selbstverständlich bleibt auch die Einleitungswis‐ senschaft nicht von diesen Entwicklungen verschont. Auch dieses Fach ist in den allgemeinen Trend zur Spezifizierung und Arbeitsteilung mit hineingezogen und auch Einleitung hat das Problem der fehlenden Schnittstelle von Theorie und Praxis. Einleitungswissenschaft ist von ihrer Anlage und Aufgabenbeschreibung her ein hybrides Fach. Sie versteht sich als Schnittstelle von Theologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft, an der in einem theologischen Setting historisch und literaturwissenschaftlich gearbeitet wird: 3 Abb. 1: Einleitungswissenschaft als Disziplin an der Schnittstelle von Theologie, Ge‐ schichte und Literaturwissenschaft Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 27 4 So Udo Schnelle in Anschluss an die Einleitung von Werner Georg Kümmel: „Nicht die wissenschaftliche Methode, sondern der Kanonbegriff begründet den theologischen Charakter der Einleitungswissenschaft“. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testa‐ ment. Göttingen- 10 2024, 26. Bei Werner G. Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, Heidelberg 21 1983, 6, heißt es „Nicht durch ihre wissenschaftliche Methode, sondern nur durch die besondere Art ihres Gegenstandes ist darum die ‚Einleitung in das Neue Testament‘ eine theologische Disziplin.“ 5 Die hier vorgestellten Überlegungen beziehen sich nur auf die neutestamentliche Ein‐ leitungswissenschaft. Für Aussagen über die alttestamentliche Einleitungswissenschaft fehlt mir die nötige Feldkompetenz. 6 Es geht hier um die Zeit nach der 21. und letzten Auflage der Einleitung in das Neue Testament von Werner Georg Kümmel 1983, die „über viele Jahre das Buch zur Einleitung in das Neue Testament“ war. Ciliers Breytenbach, Historisch-kritische Einleitung in das Neue Testament? Randbemerkungen zu einer hybriden Disziplin, in: Michael Labahn (Hg.), Spurensuche zur Einleitung in das Neue Testament. Eine Festschrift im Dialog mit Udo Schnelle (FRLANT-271) Göttingen-2017, 17-29, hier: -23. Nicht die Methoden sind in der Einleitungswissenschaft theologisch, sondern der Rahmen und mitunter die Fragestellungen. 4 Neutestamentliche Einleitung ist ferner arbeitsteilig organisiert: Die allgemeine Einleitung beschäftigt sich mit der Entstehung des Kanons und die spezielle Einleitung mit der Entstehung der 27 Bücher des neutestamentlichen Kanons. Hinzu kommen die neutestament‐ liche Zeitgeschichte und die handschriftliche Überlieferung. Im Grunde hat die neutestamentliche Einleitungswissenschaft also vier Teilgebiete, 5 die inzwi‐ schen häufig auch unabhängig und getrennt voneinander arbeiten. Das Problem der Ausdifferenzierung und der fehlenden Vernetzung stellt sich damit auch für die Einleitungswissenschaft. Hinzu kommt, dass die Einleitungswissenschaft neue Impulse aus den benachbarten Disziplinen nur zögerlich aufnimmt. Die Methodenexplosion in der neutestamentlichen Exegese seit den 1960er Jahren scheint weitgehend spurlos an der Einleitung vorbeigegangen zu sein. Ein Blick auf die Einleitungswerke der letzten gut 40 Jahre lässt vermuten, dass die Einleitungswissenschaft das letzte Refugium historisch-kritischer Exegese ist. 6 Wenn die Einleitung tatsächlich die letzte Bastion der historisch-kritischen Exegese ist, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass sie dasselbe Problem hat, wie es der alte Witz für die Exegese angenommen hat: Dass der Text zwar augenblicklich in seine Schichten zerfällt, man aber seine liebe Mühe hat, ihn wieder zusammenzubekommen und dass der Endtext eigentlich keine Rolle spielt. Anders formuliert: Spezielle Einleitungswissenschaft ist so stark auf die Entstehung der Texte fokussiert, dass die Rezeption und der kanonische Status fast schon zwangsläufig unter den Tisch fallen. Ein Blick auf die aktuellen Einleitungswerke zeigt das. Neutestamentliche Einleitungswissenschaft hat die Aufgabe, die Bücher, die später zum Neuen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 28 Sandra Huebenthal 7 Gerd Theißen, Das Neue Testament, München- 3 2006,-21. 8 Gravitationszentrum der Einleitung ist die Evangelienforschung. Hier haben sich die grundlegenden Fragen und Methoden entwickelt: Historische Rückfrage, synoptische Frage, Fragen zu Genre und vor allem zur Traditions- und Überlieferungsprozessen Testament zusammengewachsen sind, in ihrem Entstehungsprozess zu untersu‐ chen. Der Kanon ist dabei die Vorgabe, 27 zum Teil sehr unterschiedliche Texte, die zwischen Ende der 40er Jahre des ersten bis in die Mitte des zweiten Jahrhun‐ derts im Mittelmeerraum entstanden sind, in Bezug auf ihre Entstehung, ihre Herkunftskontexte und ihre Pragmatik zu erforschen. Bei vielen der aktuellen Einleitungsbücher stellt man jedoch überrascht fest, dass nicht 27 kanonische Bücher vorgestellt und erforscht werden, sondern 28, also eines mehr. Die hypothetisch erschlossene Logienquelle Q hat in vielen Einleitungsbüchern mittlerweile einen festen Platz und damit einen quasi-kanonischen Status erhalten. Das ist ein Indiz dafür, wie sich die spezielle Einleitungswissenschaft - womöglich unbewusst - von der kanonischen Vorgabe entfernt hat und vor allem historisch arbeitet. Das mag durchaus an den Wurzeln der Einleitungswissenschaft in der historisch-kritischen Exegese liegen. Zur Logienquelle Q hat der evangelische Neutestamentler Gerd Theißen einmal festgehalten: „Die Logienquelle ist ein Lieblingskind der Wissenschaft, das seine von der kirchlichen Tradition verschwiegene Existenz allein ihrem Scharfsinn verdankt.“ 7 Ohne die histo‐ risch-kritische Wissenschaft, so könnte man meinen, säßen wir theologisch noch immer auf den Bäumen. Mit dem historischen Jesus gegen die Übermacht des Dogmas, mit der Vernunft gegen den naiven Obrigkeitsgehorsam - so verstand sich die historisch-kritische Exegese als theologische Avantgarde innerhalb der Kirche, und so nimmt sich historisch-kritische Exegese mitunter noch immer wahr. Und damit nicht genug: Dass die Quelle Q eine Hypothese ist und bleibt, kommt in der Feststellung Theißens nicht vor. Das Narrativ von der Kirche, die kontroverse Meinungen und notwendige Aufbrüche unterdrückt, funktioniert jedoch konfessionsübergreifend noch immer. Wer die Geschichte der historischen Jesusforschung ein wenig kennt, kann die Punkte verbinden: Einleitungswissenschaft und historische Jesusforschung sind im Grunde Geschwister. Auch historische Jesusforschung hat als institu‐ tionen- und dogmenkritisches Unternehmen begonnen und die Methoden, die entwickelt wurden, um die „historische Rückfrage“ zu untersuchen, sind Methoden historisch-kritischer Exegese geworden. Es ist kein Zufall, dass die Evangelien und allen voran die Synoptikerforschung der archimedische Punkt der Einleitungswissenschaft sind und Fragen und Methoden für anderen neutes‐ tamentlichen Schriften sich von hier herleiten. 8 Die Verbindung zur historischen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 29 und deren Erforschung. Aus der historischen Rückfrage stammen Literar-, Form-, Traditions-, und Redaktionskritik, die noch immer zum Standardmethodenrepertoire der historisch-kritischen Exegese gehören. Dabei greifen Hypothesen und Methoden Hand in Hand: Weil die Evangelien als Traditionsliteratur gelten, die aus einzelnen Überlieferungsstücken gewachsen ist, gibt es passende Methoden, die eher die Evan‐ gelientraditionen und ihr Wachstum als die Evangelien selbst erforschen. Die litera‐ turwissenschaftliche Analyse von Evangelien ist seit kaum einer Generation erst in die Exegese gekommen und spielt in der Einleitung, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Hier geht es eher um die Genres oder Untergattungen der einzelnen Traditionen und Perikopen, selten um den Gesamtentwurf, und noch immer wird der literarische Charakter der Texte sträflich vernachlässigt, wenn die Texte als Fenster in ihren Wachstumsprozess oder ihre Gemeindesituation verstanden werden. Auch wenn dieses Verfahren bei der neutestamentlichen Briefliteratur mittlerweile kritisch gesehen wird, ist Mirror-Reading bei den Evangelien noch immer gang und gäbe, und die Erzählfiguren, die sich nicht dagegen wehren können, werden wider Willen zum Spiegel der Situation der Adressaten oder der Gemeinde. 9 Das heißt nicht, dass historische Fragen grundsätzlich unwichtig oder problematisch wären. Es ist historisch nicht beliebig, dass Jesus existiert hat und mit Petr Pokorný und Ulrich Heckel gesprochen, liegt die theologische Relevanz der historischen Bibel‐ wissenschaft „in ihrem Beitrag zur Erinnerung an Jesus, der den heutigen Möglichkeiten entspricht. Sie ist das Instrument der Rückbindung des Glaubens an die Person Jesu und zugleich ein Instrument zur Kontrolle seines Bekenntnisses.“ Es geht also auch darum, Beliebigkeiten einzuhegen. Weiter heißt es: „Weil das Auftreten Jesu ein einmaliges geschichtliches Ereignis war, sind die Methoden der historischen Bibelwissenschaft nicht zufällig oder sachfremd, sondern ein angemessenes Mittel zur Interpretation seiner Botschaft.“ Petr Pokorný/ Ulrich Heckel, Einleitung in das Neue Testament. Seine Literatur und Theologie im Überblick, Tübingen 2007, 27. Der Teufel steckt dabei, wie so häufig, im Detail: Die Herangehensweise ist historisch, das Ziel theologisch. Jesusforschung und zur „historischen Rückfrage“ - die keine typisch historische Arbeitsweise ist, sondern nur in der historisch-kritischen Exegese beheimatet ist, überhaupt nur für Jesus gestellt wird und deren Methoden und Kriterien nur hier begegnen und nirgends sonst in der Geschichtswissenschaft - erklärt das jetzige Erscheinungsbild von Einleitungswissenschaft und den Fokus auf die historischen Fragestellungen als eine Art Korrektiv für Theologie und Kirche. 9 Daran ist nichts zu bemängeln. Der Impuls ist vollkommen richtig und nachvollziehbar. Gegenseitige Kontrolle hat sich als wirkungsvolles Instrument in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erwiesen und gehört zum Selbstver‐ ständnis westlicher Identität. Dabei bleibt es wichtig, neben der Kontrolle und Korrektivfunktion auch weiterhin Verbundenheit zu spüren und miteinander im Gespräch zu bleiben. Damit sei nicht nur angedeutet, dass es zwischen den unterschiedlichen theologischen Disziplinen und zwischen Theologie und Kirche, aber auch zwischen Theologie und Welt Schnittstellenprobleme gibt, sondern auch eine Art von „Kanonvergessenheit“ in der speziellen Einleitung. So verständlich die wissenschaftliche Begeisterung für Q - und damit die Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 30 Sandra Huebenthal 10 Zu den Meisterstücken der Einleitungswissenschaft gehören die synoptische Frage und der Lösungsvorschlag „Zwei-Quellen-Theorie“, der sich allein schon dadurch termino‐ logisch von allen anderen Vorschlägen absetzt, dass er im Gegensatz zu ihnen nicht „Hypothese“, sondern „Theorie“ genannt wird und damit eine größere wissenschaftliche Plausibilität für sich reklamiert. Stefan Alkier, Neues Testament, Tübingen 2010, 127, hält völlig zu Recht fest, dass wenn man Ockhams Rasiermesser zur Hand nimmt, Mark-Without-Q wissenschaftstheoretisch plausibler ist. In vielen neueren Werken taucht Mark-Without-Q nicht auf oder wird ohne größere Diskussion verworfen. Zur kritischen Diskussion vgl. die Beiträge des Themenhefts Synoptische Hypothesen, ZNT-43/ 44-(2019). 11 Schnelle, Einleitung (s. Anm. 4), 30: „Die historische Dimension der Einleitungswis‐ senschaft ergibt sich notwendigerweise aus dem Charakter der zu untersuchenden Literatur. Auch die theologische Ausrichtung der Einleitungswissenschaft leitet sich aus dem Selbstzeugnis der ntl. Schriften ab. Sie beanspruchen, das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus gültig und verbindlich auszusagen. Der Kanonsbegriff bündelt und fixiert lediglich nachträglich einen Anspruch, der den ntl. Schriften bereits innewohnt. Man kann deshalb auf ihn verzichten, ohne das Sachanliegen der ntl. Schriften preiszugeben und die theologische Dimension der Einleitungswissenschaft zu negieren.“ Hervorhebung S.-H. 12 Vgl. hierzu die Diskussion in Labahn, Spurensuche (s. Anm. 6), insb. die Beiträge von Breytenbach (s. Anm. 6) und Friedrich W. Horn, Kanonsgeschichte und Einleitung in das Neue Testament am Beispiel des 1. Petrusbriefs. Die Aufgabe einer Einleitung in das Neue Testament, in: Labahn, Spurensuche (s.-Anm.-6), 331-346. Zwei-Quellen-Hypothese ist -, 10 es bleibt irritierend, wenn in einer Einleitung in das Neue Testament, die die neutestamentlichen Bücher vorstellen soll, eine hypothetisch erschlossene Schrift mit quasi kanonischem Status auftaucht - und an der Spitze der Evangelien noch vor dem Markusevangelium behandelt wird. An dieser Stelle fragt sich auch: Was heißt denn eigentlich genau „neutesta‐ mentlich“? Welchen hermeneutischen Rahmen gibt der kanonische Status der Texte vor, an dem auch die Einleitungswissenschaft nicht vorbeikommt, wenn sie sich als Disziplin an der Schnittstelle von Theologie und Geschichte versteht? Anders gefragt: Was heißt der kanonische Status für die einzelnen Schriften und für den produktionsorientierten Blick auf diese Schriften, der Aufgabe der Einleitungswissenschaft ist? Er kann und darf nicht nur historisch sein, sondern braucht mehr. Dieses Mehr besteht nicht einfach in der Annahme, der kanonische Anspruch habe den neutestamentlichen Texten von Anfang an innegewohnt, wie es Udo Schnelle in seiner Einleitung in das Neue Testament formuliert hat 11 und wie es zu Recht kritisch in der Festschrift im Gespräch mit Udo Schnelle diskutiert wurde. 12 Dennoch ist die Beobachtung nicht einfach als unpassend abzuwerten - im Gegenteil. Sie deutet auf etwas hin, wofür die Einleitungswissenschaft mit ihrem historisch-kritischen Fokus kein Vokabular und kein Erforschungsinst‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 31 rumentarium hat: Die Regeln von identitätsbildenden und sozialen Prozessen, Gruppendynamiken die zur Aushandlung von Identitäten führen und über einen Zeitraum von mehreren Generationen fundierende Erfahrungen in un‐ terschiedliche Speichermedien überführen, kanonisieren und als fundierende, normative und formative Medien/ Quellen verstehen: Gründungsgeschichten, identitätskonkrete formative Texte - kurz: Kanon und kulturelles Gedächtnis. Historischer und literaturwissenschaftlicher Forschung allein fehlen Voka‐ bular, Metatheorie und Methoden zur Erforschung und Beschreibung dieser Prozesse. Dazu braucht es die Unterstützung aus anderen Disziplinen, die sich mit solchen Phänomenen auskennen, weil sie sie erforschen, wie Soziologie, Kulturwissenschaft, Medientheorie und Oralitätsforschung. 2. Ein frühchristliches Familienalbum - oder: Den Kanon als Vorgabe mitdenken Wie könnte ein produktionsorientierter Blick auf die neutestamentlichen Texte aussehen, der ihren kanonischen Status als hermeneutische Vorgabe mit reflek‐ tiert? In der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft beschäftigen wir uns mit den Texten, weil sie kanonisch sind, sprich: Sie sind für uns als Christen fund‐ ierende und identitätskonkrete Texte, Gründungsurkunde unseres christlichen Glaubens. Der kanonische Status der Texte, mit denen wir arbeiten, macht die Einleitungswissenschaft zu einem emischen Unternehmen, d.-h. wir betrachten die Texte nicht neutral, sondern als zentral für unsere eigene christliche Identi‐ tät. Der emische Blick macht die Einleitung nicht unwissenschaftlich, sondern ist notwendige Voraussetzung und muss als Vorverständnis bewusst bleiben. Er ist gewissermaßen die theologische Seite der Einleitungswissenschaft. Das zeigt sich auch aus ökumenischer Perspektive, wenn man die kanonische Reihenfolge (und im Alten Testament den Umfang) mitdenkt. Der kanonische Status der neutestamentlichen Texte droht bei der typischen Arbeitsteilung in der Einleitungswissenschaft in die allgemeine Einleitung dele‐ giert zu werden und damit bei der speziellen Einleitung in Vergessenheit zu geraten. Es kann helfen, sich immer wieder daran zu erinnern, dass wir es nicht mit irgendwelchen antiken Texten zu tun haben und dass der Unterschied zwischen kanonischen und nicht-kanonischen Texten darin liegt, dass die einen für christliche Identität noch heute verbindlich sind, die anderen nicht. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 32 Sandra Huebenthal 13 Die Vorstellung vom Familienalbum ist auch ein Gegenentwurf zum klassischen „Die Bibel als Bibliothek“-Bild. Eine Bibliothek besteht aus verschiedenen, zwar thematisch sortierten aber sonst voneinander unabhängigen Büchern. Das Familienalbum nicht. 14 So formuliert es auch Udo Schnelle im Rückgriff auf Christian F. Baur: „Jede Schrift des Neuen Testaments steht in einem bestimmten historischen Zusammenhang und muss aus diesem heraus erklärt werden.“ Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-4), 24. 15 Vgl. Sandra Huebenthal, „Frozen Moments“ - Early Christianity through the Lens of Social Memory Theory, in: Simon Butticaz/ Enrico Norelli (Hg.), Memory and Memories in Early Christianity (WUNT I/ 398), Tübingen 2018, 17-43; ferner: Sandra Huebenthal, Gedächtnistheorie und Neues Testament, Tübingen-2022, 99-113. 16 Das gilt nicht nur für das, was abgebildet wird, sondern auch für das, was nicht zu sehen ist. Oft ist der Umgang mit „Lücken“ wie nicht berücksichtigten Ereignissen oder fehlenden (ehemaligen) Familienmitgliedern ebenso interessant wie die vorhandenen Bilder. Und bei den „fehlenden Bildern“ stellt sich im Familienalbum ebenso wie bei neutestamentlichen Traditionen die Frage, ob sie unbekannt waren, keine Bilder vorlagen oder die Bilder bewusst weggelassen wurden. Man denke nur an die Frage der „fehlenden“ Erscheinungsgeschichten oder des Vater Unsers im Markusevangelium. Die Metapher oder Vorstellung, mit der ich arbeite, um diesen Zusammen‐ hang präsent zu halten, ist das Bild vom frühchristlichen Familienalbum.  13 Die Kanonisierung im Neuen Testament hat die 27 Schriften zu Einzelbildern oder Momentaufnahmen im frühchristlichen Familienalbum gemacht, das begründ‐ ender Teil auch heutiger christlicher Identität(en) ist. Bei diesen Einzelbildern handelt es sich um identitätsstiftende und identitätskonkrete Texte, die in spezifische, historisch-konkrete Situationen gehören und ebenso spezifische historisch konkrete soziale Prozesse reflektieren. 14 Wie jedes andere Familien‐ album enthalten auch sie Momentaufnahmen aus dem Leben einer spezifischen Erinnerungsgemeinschaft, zumeist einer Familie, die aus einem größeren Pool von Aufnahmen ausgewählt wurden, und im Rückblick gestaltet sind. Im Familienalbum inszeniert sich die Familie und wählt aus, was sie zeigen möchte. Familienalben bieten nicht nur Erinnerungen, sondern erzählen die Familien‐ identität im Medium Bild. Dieser Teil ist immer mitzuberücksichtigen, wenn man die Texte untersucht. Er fehlt in den speziellen Einleitungen zumeist, weil er sich nur ganz schlecht historisch-kritisch und literaturgeschichtlich denken lässt. Wie ich andernorts ausgeführt habe, lassen sich die Texte des Neuen Tes‐ taments als Momentaufnahmen frühchristlicher Identitätsbildung verstehen, die im Familienalbum Neues Testament präsentiert werden. 15 Auch in diesem Familienalbum befindet sich nur ein Teil aller Momentaufnahmen und auch dieses Album wurde später gestaltet. Wie jedes andere Familienalbum zeigt auch das Neue Testament, was die Familienmitglieder wahrnehmen und nicht mehr vergessen sollen. 16 Familienalben geben Auskunft darüber, wie Familien sich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 33 17 Vgl. Sandra Huebenthal, Gedächtnis trifft Einleitung. Ein neuer Blick auf alte Fragen, in: NTS-70 (2024), 131-148, hier: -131-133. verstehen und inszenieren. Das ist für die Familie selbst genauso interessant wie für Verwandte, Freunde und diejenigen, die in die Familie einheiraten oder als Nachgeborene durch den Blick ins Familienalbum etwas über die Familiengeschichte erfahren. Wenn sich die neutestamentliche Einleitungswissenschaft des Bildes vom frühchristlichen Familienalbum bedient, lassen sich typische Fragen der Einlei‐ tung gut auf dieses Bild übertragen und so auch für ein breiteres Publikum erschließen. Sie werden dadurch in gewissem Sinne intuitiv und helfen bei der Selbstvergewisserung und Rollenklärung für die konkrete Arbeit: 17 1. Die Frage nach dem Unterschied zwischen Einzeltext und Sammlung wird zur Frage danach, ob ich einzelne Aufnahmen im Album betrachten und verstehen möchte oder das Gesamtbild. 2. Die Frage nach den Kompositionsprinzipien des Kanons - also im weitesten Sinne nach der Kanonhermeneutik - wird zur Frage, ob ich einzelne Bilder für sich betrachten oder den Aufbau und die Anordnung der Bilder im Album verstehen will. 3. Die Frage nach der Textgeschichte bzw. der Entstehung der einzelnen neutestamentlichen Bücher wird zur Frage danach, ob ich die einzelnen Bilder auf mich wirken lassen oder die Geschichte, die zu den Aufnahmen geführt hat, verstehen will. 4. Die Unterscheidung zwischen historischer Rückfrage und frühchristlicher Identitätsgeschichte wird besser verständlich als Frage, ob ich durch die Bilder im Album die Familiengeschichte rekonstruieren oder erfahren möchte, wie sie die Familie selbst versteht. 5. Die in der Einleitungswissenschaft oft nicht bedachte Unterscheidung von emischer oder etischer Perspektive wird durch die Frage besser verständlich, ob ich die einzelnen Bilder von unserer jetzigen Familienidentität her verstehen und bewerten will oder aufgrund meines Wissens über Famili‐ enbilder und Familienalben insgesamt. 6. Die Frage nach dem Verhältnis von neutestamentlichen Schriften und außerkanonischer Literatur wird zur Frage, ob ich dieses Familienalbum anschauen möchte oder mich einzelne Bilder im Vergleich zu anderen Bildern aus einer bestimmten Zeit, die nicht im Album sind, vielleicht noch mehr interessieren. 7. Der Unterschied zwischen kanonischer Lektüre und historischer Kontex‐ tualisierung lässt sich schließlich reformulieren als Frage, ob ich das Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 34 Sandra Huebenthal 18 Vgl. Werner H. Kelber, Modalities of Communication, Cognition, and Physiology of Perception. Orality, Rhetoric, Scribality, in: Semeia 65 (1994), 193-216; Paul A. Soukup, A Media Ecology of Theology. Communicating Faith throughout the Christian Tradition, Waco,-TX-2022, 17-32. Album und seine Bilder aus sich selbst heraus verstehen kann oder ob ich Zusatzinformationen zu Fotographie, Kompositionstechnik, Familienalben und Kontexten brauche. Der Fragenkatalog ist nicht erschöpfend, doch er vermittelt einen guten ersten Eindruck davon, welches hermeneutische Potential in der Vorstellung vom frühchristlichen Familienalbum steckt. Das Bild hilft auch noch in einem weite‐ ren Punkt: Indem es daran erinnert, dass Familienalben als Medien des sozialen Gedächtnisses an der Schnittstelle zur Oralität zu verorten sind, lenkt es den Blick weg vom Medium Text und der Fixierung auf Schriftlichkeit. Wenn wir das Neue Testament als Familienalbum betrachten, wird auch klar, dass wir es beim Entstehungsmilieu der Texte mit oralen Kulturen zu tun haben - ein weiterer Punkt, der in der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft unterbelichtet bleiben kann, weil das Vokabular und die Metatheorie fehlen. 18 3. Kulturwissenschaft als neue Schnittstelle neben Theologie, Geschichte, Literaturwissenschaft Wie lässt sich das Bild vom frühchristlichen Familienalbum in der speziellen Einleitungswissenschaft umsetzen? Müssen die Einleitungswerke jetzt neu ge‐ schrieben werden? Das nun nicht. Es geht nicht darum, die neutestamentliche Einleitungswis‐ senschaft zu revolutionieren und alle bislang geleistete Arbeit als fehlerhaft und überholt auszusortieren, sondern einen komplementären Zugang zu eröffnen, der an manchen Stellen die klassischen Fragen ergänzt und manchmal als Bestätigung und manchmal als Korrektiv wirkt. Die W-Fragen, die in der Speziellen Einleitung zum Standard gehören: Wer schrieb welchen Text wann und wo für wen zu welchem Zweck bleiben erhalten und werden mit ande‐ ren Partnerdisziplinen und Theorien weiterbearbeitet. Während die klassische Einleitungswissenschaft mit den Partnerdisziplinen Geschichte, insbesondere Zeit- und Literaturgeschichte, aber auch Gattungsgeschichte und Archäologie arbeitet, sind die Partnerdisziplinen dieses Zugangs die Kulturwissenschaft, insbesondere kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie, Medientheorie, Ora‐ litätsforschung und Soziologie. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 35 Abb. 2: Historische und kulturwissenschaftliche Schnittstellen und ihre Partnerdiszipli‐ nen/ Partnerwissenschaften Der Zugang erweitert das klassische Methoden- und Theorienrepertoire der Einleitungswissenschaft, indem er eine weitere Schnittstelle hinzufügt: die Kulturwissenschaft. Einleitung ist dann nicht mehr nur eine Wissenschaft an der Schnittstelle von Theologie und Geschichte oder Theologie, Geschichte und Li‐ teraturwissenschaft, sondern - genau wie die Exegese auch - eine Wissenschaft mit Schnittstellen zu Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft. Abb. 3: Einleitungswissenschaft als Disziplin mit Schnittstellen zu Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 36 Sandra Huebenthal 19 Das lässt sich für das Alte Testament so nicht sagen. Vor allem der Iconic Turn ist durch die Arbeiten von Othmar Keels, Silvia Schroers, Christoph Uehlingers und Thomas Staublis in alle Bereiche der Exegese eingegangen, so z. B. in Thomas Staubli, Begleiter durch das Erste Testament, Ostfildern 5 2014; als eigenes Kapitel ist es auch in die dritte Auflage eines Methodenbuchs aufgenommen worden: Siegfried Kreuzer/ Dieter Vieweger u.-a., Proseminar Altes Testament, Stuttgart-2019, 173-186. Das Hinzutreten der Kulturwissenschaft wertet auch die literaturwissenschaft‐ liche Schnittstelle auf. In der klassischen Einleitungswissenschaft wird der literaturwissenschaftliche Anteil stark literaturhistorisch gedacht: Es geht zu‐ meist um Formen, Gattungen und ihre Entwicklung. Der literarische Charakter neutestamentlicher Texte wird in der Einleitungswissenschaft selten ernst genommen: Sie bleiben Quellen. Das ist verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass Einleitungswissenschaft zumeist historisch-kritisch betrieben wird. An diesem Punkt zeigt sich, dass es auch zwischen Einleitungswissenschaft und Exegese einen Disconnect gibt. Während es in der Exegese im Zuge des Linguistic Turn und der Cultural Turns seit den 1960er Jahren eine regel‐ rechte Methodenexplosion gegeben hat und der Fokus immer stärker auch auf interdisziplinärem Arbeiten liegt, sind die Turns an der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft scheinbar spurlos vorübergegangen. 19 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 37 Abb. 4: Überblick deutschsprachige Einleitungen seit 1983 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 38 Sandra Huebenthal 20 Es ist eine Fußnote wert, dass Einleitungswerke bislang ausschließlich von männlichen Kollegen verfasst wurden, und selbst beim Sammelband von Martin Ebner/ Stefan Schreiber ist mit Marlies Gielen nur eine Kollegin vertreten. Auch die Spurensu‐ che-Festschrift für Udo Schnelle ist komplett aus männlicher Feder. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Einleitung sei fest in männlicher Hand - oder die Kolleginnen interessierten sich nicht sonderlich für Einleitungswissenschaft. Erst wenn man Me‐ thodenbücher zur Hand nimmt, ändert sich die Sachlage. 21 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-4), 28f. 22 So z. B. Andreas Lindemann/ Jens Schröter/ Konrad Schwarz, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübingen 15 2024; Bernd Kollmann, Neues Testament Kompakt, Stutt‐ gart-2014 oder Alkier, Neues Testament (s.-Anm.-10) (ohne spezielle Einleitung). 23 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-4). 24 Ingo Broer/ Hans-Ulrich Weidemann, Einleitung in das Neue Testament, Würz‐ burg- 4 2016. 25 Martin Ebner/ Stefan Schreiber (Hg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 3 2020. 26 Wilfried Eisele, Kurzgefasste Einleitung in das Neue Testament. Ein Lehr- und Studi‐ enbuch, Freiburg-i.-Br.-2021. 27 Karl-Wilhelm Niebuhr (Hg.), Grundinformation Neues Testament, Göttingen- 3 2008. 28 Kollmann, Neues Testament Kompakt (s.-Anm.-22). 29 Ferdinand R. Prostmeier, Kleine Einführung in die synoptischen Evangelien, Frei‐ burg-i-Br.-2006. Ein Blick auf die Einleitungswerke, die in der letzten Generation entstanden sind, belegt das. Sie sind durch die Bank von historisch-kritisch arbeitenden Exegeten verfasst, zumeist aus evangelischer Feder und in mitunter langer Tradition. 20 Zudem sind die klassischen Einleitungswerke aufgrund ihrer his‐ torisch-kritischen Tradition in der Regel deutschsprachig - insgesamt ist die Einleitungswissenschaft in ihrer aktuellen Ausformung ein sehr deutsches Phänomen. Udo Schnelle merkt in seiner Einleitung in der Einführung völlig zu Recht an, dass die Textbooks im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, anders aufgestellt sind. 21 Sie sind eher Arbeitsbücher zum Neuen Testament, die Einführung, Bibelkunde, Methodik, Zeitgeschichte, Einleitung und mitunter auch Kanongeschichte verbinden. Diesen Weg gehen inzwischen auch einige der deutschen Werke, 22 die oft stärker enzyklopädischen Charakter haben und weniger Arbeitsbücher als Nachschlagewerke sind. Doch auch die speziellen Einleitungen - als Standard haben sich Werke von Udo Schnelle, 23 Ingo Broer/ Hans-Ulrich Weidemann 24 und der von Martin Ebner und Stefan Schreiber herausgegebene Sammelband 25 durchgesetzt - werden von Auflage zu Auflage umfangreicher. Kleinere Einleitungen wie die von Wilfried Eisele, 26 Karl-Wilhelm Niebuhr et al., 27 Bernd Kollmann 28 oder Ferdinand Prostmeier 29 sind kompakter auf notwendiges Wissen angelegt, um in modularisierten Zeiten durch die Prüfungen zu kommen und ein Basiswissen als Sicherheitsnetz zu haben. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 39 30 Hans Conzelmann/ Andreas Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, Tübin‐ gen-1975. 31 Mittlerweile hat sich das verändert. Die aktuelle 15. Auflage stellt auf knapp 140 Seiten die Methodenschritte Textkritik-Textanalyse-Verarbeitung von Quellen und Überliefe‐ rungen-Gattungen-Ziel: eigene Auslegung vor und bindet narrative Methoden in die Textanalyse ein, sodass die Auslegung am Ende ein historisches Unternehmen bleibt. Das Ziel einer Synthese und Gesamtinterpretation ist auch hier Aufgabe des Anwen‐ ders, d.-h. des Lesers des Arbeitsbuchs. Die Durchsicht der Einleitungswerke, die derzeit auf dem Markt sind, bestätigt den Eindruck, dass die Einleitungswissenschaft die letzte Bastion historisch-kritischer Exegese geblieben ist, die bislang allen methodischen Stürmen trotzen konnte. Wie sehr sie das aber auch in die Defensive gebracht hat, wird deutlich, wenn man sich die Einleitungen/ Vorworte dieser Bücher durchliest. Trotz allen Scharfsinns und aller amtskirchenkritischen Avantgarde ist die Einleitung irgendwie in die Krise geraten und wird von theologischen Fakultäten, Modulkatalogen und Lehrplänen mehr und mehr beschnitten. Die Stundentafel für Einleitung wird kleiner und eine Reaktion darauf ist, dass die Lehrbücher - unter dem Lamento, dass die Exegese sich an der Universität fachfremden Kriterien beugen müsse und fachfremde Logiken an das Fach herangetragen würden - entweder immer kompakter werden oder sich als gesamtneutestamentliche Arbeitsbücher präsentieren und strategische Partner‐ schaften mit Bibelkunde, neutestamentlicher Zeitgeschichte, Hermeneutik und Methodenlehre eingehen. Die aktuelle Krise ist nichts Neues, schon in der Einleitung der ersten Ausgabe des Arbeitsbuchs zum Neuen Testament 1975 schreiben Hans Conzelmann und Andreas Lindemann: Biblische Exegese, zumal des Neuen Testaments, scheint gegenwärtig weniger „ge‐ fragt“ zu sein. Das mag zum einen daran liegen, daß das Interesse an Geschichte [sic! ] überhaupt geringer geworden ist. Es liegt zum erheblichen Teil aber auch daran, daß die Methoden der Exegese sich inzwischen so weit verfeinert und spezialisiert haben, daß sie nur noch „Eingeweihten“ verständlich scheinen. Die Vielfalt der Methoden und vor allem der Ergebnisse erweckt beim Studenten den Eindruck, neutestamentliche Exegese trage weniger zum Verstehen als zur allgemeinen Verunsicherung bei. 30 Auch hier wird deutlich: Der Fokus ist historisch, und daran hat sich in der letzten Generation wenig geändert. Die Methoden, die in der ersten Auflage des Arbeitsbuchs vorgestellt werden, sind dementsprechend ausschließlich his‐ torisch-kritisch: Formgeschichte, Redaktionsgeschichte, Literarkritik. 31 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 40 Sandra Huebenthal 32 Der Knackpunkt ist die Anschlussfähigkeit an das eigene Leben und die eigenen Erfahrungen. Studierende suchen nach Relevanz und einer existenziellen Dimension. Eine Einleitung, zu der sie keinen Zugang finden und die „die unvermeidlich trockenen und technischen Informationen (…), die nun einmal zum Geschäft der neutestamentli‐ chen Einleitungswissenschaft gehören“ (Franz-Joseph Schierse, Einleitung in das Neue Testament, Düsseldorf 5 1991, 10) liefert, bleibt ein ungeliebtes Nachschlagewerk, das verhindert, dass man sich die Texte zu eigen macht. Auf diesem Wege werden sie nicht zu besseren Vermittlern des Glaubens. 33 Vgl. dazu: Werner H. Kelber, Die frühe Jesustradition im Kontext der Kommunikations‐ geschichte, in: ZNT-43/ 44 (2019), 79-134. Dass sich die Zeiten geändert haben, ist offensichtlich, und die historische Kritik allein kann keine Antworten geben. So wichtig Arbeitsteilung und Spe‐ zialisierung sind, so sehr braucht es auch die Kooperation, um zu ganzheitlichen Ergebnissen zu kommen. Man könnte auch sagen: Mit dem Fokus auf einen produktionsorientiert-historisch-etischen Blick ist der Einleitung mitunter das Bewusstsein dafür verloren gegangen, dass sie innerhalb der christlichen Com‐ munity am christlichen Familienalbum forscht und ihr Arbeitsgegenstand iden‐ titätsstiftende Texte als Diskussionsbeiträge auf den Weg zu frühchristlichen Identitäten sind. Das ist genau die Lücke, die eine Einleitung zum Familienalbum Neues Testament, die auch etwas stärker auf Wissenschaftskommunikation setzt, schließen könnte. 32 4. Die konkrete Umsetzung Wie könnte diese Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum an der Schnittstelle von Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft konkret aussehen? Zunächst bietet sie über die kulturwissenschaftliche Gedächt‐ nistheorie ein Modell, wie sich Gedächtnis, Erinnerung und Identitätsaushand‐ lung in unterschiedlicher Weise über mehrere Generationen entwickeln, und welche typischen Probleme, Strategien und Medien auftauchen (können). Me‐ dientheorie, Oralitätsforschung und Soziologie liefern weitere Erkenntnisse darüber, wie sich Gruppen, Prozesse und Medien verändern, wenn die Erinne‐ rungsgemeinschaft wächst und sich zeitlich und örtlich immer weiter von ihrem Ursprungskontext, ihren fundierenden Ereignissen und Erfahrungen entfernt. 33 Die kulturwissenschaftliche Schnittstelle steuert das Wissen um Generati‐ onen und Krisen im kollektiven Gedächtnis bei, weiß dass Traditionsbrüche zumeist Verschriftlichungsschübe bedingen und dass sich an der Grenze des le‐ bendigen Dreigenerationengedächtnisses die Notwendigkeit ergibt, Erinnerun‐ gen in stabile, zeitüberdauernde Formen zu bringen, damit sie nicht im Floating Gap verschwinden. Sie steuert ebenfalls das Wissen bei, dass Anonymität und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 41 34 Zur Einführung vgl. Huebenthal, Gedächtnistheorie (s. Anm. 15). Zur Diskussion des Ansatzes vgl. die Rezensionen von Alan Kirk (NovTest 65 [2023], 275-282) und Gerd Häfner (ThRev-120 [2024]). Pseudepigraphie Strategien von Identitätsbildungsprozessen zu bestimmten Zeiten sind und viel mit der Epochenenschwelle (Generational Gap) zu tun haben, die sich nach etwa 40 Jahren auftut, und dass sie ein Weg sind, Traditionen zu schaffen, die man noch nicht hat. Sie kann ebenfalls helfen zu verstehen, wie sich die Alltagskommunikation des sozialen Gedächtnisses von der stilisierten Kommunikation des kollektiven Gedächtnisses unterscheidet und wie sich das methodisch für die Analyse von Briefliteratur verwenden lässt, um Pseudepi‐ graphie als Strategie und zeitlich begrenztes Phänomen besser einzuordnen und zu verstehen. 34 So kann sie auch Evangelienüberschriften oder Traditionsketten als Medien und Strategien verstehen, die ihrerseits in bestimmte Generationen gehören und bestimmte Zwecke verfolgen. Sie kann schließlich auch über die Veränderung von Gruppengröße und Gruppenzusammensetzung Inkultu‐ rationsprozesse mit zeitgeschichtlichen Gegebenheiten verbinden und damit unterschiedliche Entwicklungen theoriegestützt erklären. Sie geht damit über die Anwendung historischer Plausibilitäten hinaus, die manchmal mehr mit der Vorstellungskraft des Forschers als dem Sachverhalt zu tun haben. Wenn sie gemeinsam mit nicht-kanonischen Formen und Medien gedacht, untersucht und visualisiert wird, kann sie helfen, die Spezifika neutestamentlicher Texte noch besser zu verstehen. Die kulturwissenschaftliche Schnittstelle steuert also einige neue Erkennt‐ nisse bei, die mit den anderen Schnittstellen verbunden werden müssen. Das macht die alten Einleitungswerke nicht obsolet, sondern, ganz im Gegenteil, baut auf ihnen auf und ergänzt sie. Die Tabelle zeigt, wie sich die unterschied‐ lichen Schnittstellen und ihre Perspektiven ergänzen und gemeinsam das Ver‐ ständnis der neutestamentlichen Texte als Momentaufnahmen aus konkreten Generationen und Kontexten fördern. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 42 Sandra Huebenthal 35 Vgl. Huebenthal, Gedächtnistheorie (s. Anm. 15), 97; Huebenthal, Gedächtnis (s.-Anm.-17), 12. Abb. 5: Unterschiedliche Frageperspektiven der unterschiedlichen Schnittstellen in einer Zusammenschau Dass die Tabelle leer ist, zeigt, dass die Arbeit noch am Anfang steht. Es ist jedoch zu erwarten, dass sie für interessante neue Erkenntnisse, Perspektiven und Synergieeffekte sorgen wird. Wie viel eine Zusammenschau ändert, zeigt bereits das Übereinanderlegen von Erkenntnissen aus der historisch-kritischen speziellen Einleitungswissenschaft und der kulturwissenschaftlichen Gedächtnis‐ theorie: 35 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 43 Abb. 6: Neutestamentliche Generation und Textgruppen in der Zusammenschau Eine Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum an der Schnittstelle von Theologie, Geschichte, Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft ist noch nicht geschrieben, aber wir haben eine Idee gewonnen, wie sie aufgebaut sein könnte: Nach einer Einführung in das Familienalbum als bekanntes All‐ tagsmedium würde sie in einem ersten Teil die Geschichte der ersten fünf bis sechs Generationen von Jesusnachfolgern als Geschichte von Identitätssuche erzählen und die typischen Fragestellungen und Herausforderungen einer jeden Generation mit dem Wissen über neutestamentliche Zeitgeschichte, Medien und literarische Formen verbinden. Nach dieser Übersicht, die den kanonischen Rahmen als identitätsstiftendes Charakteristikum in Erinnerung ruft, würden in einem zweiten Teil die Einzel‐ bilder aus den verschiedenen Generationen betrachtet und dabei besonderes Augenmerk auf ihre Gemeinsamkeiten gelegt. Anders als in den speziellen Einleitungen des klassischen Typs würden die Einzelbilder weder in kanoni‐ scher Reihenfolge noch in Werkgruppen (Evangelien, Paulusbriefe, Katholische Briefe) betrachtet, sondern in ihrer Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen frühchristlichen Generationen. Hier würden medientheoretisches Wissen, Er‐ kenntnisse aus der speziellen Einleitung und Erkenntnisse der literaturwissen‐ schaftlichen und kulturwissenschaftlichen Schnittstellen zusammenfließen. In einem dritten Teil würde man schließlich erfahren, was der kanonische Blick - also die Zusammenschau der Bilder im frühchristlichen Familienalbum - für die einzelnen Bilder, aber auch für christliche Identität insgesamt austrägt, und was sich verändert, wenn die Texte im kanonischen Kontext stehen. Wie Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 44 Sandra Huebenthal verändert beispielsweise der kanonische Blick die Einzelbilder von Jesus in den vier Evangelien? Wie verändern die Deuteropaulinen die Erinnerungsfigur Paulus? Was steuern paulinische, synoptische und johanneische Texte nebst Ka‐ tholischen Briefen zu christlicher Identität bei? Welche historischen, literatur- und mediengeschichtlichen Rückfragen ergeben sich daraus und wie sind sie an der Schnittstelle von Theologie, Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft mit gemeinsamer Methodik zu untersuchen? Die Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum würde etischen und emischen Blick wieder verbinden und so helfen, die Probleme, die durch eine allzu große Segmentierung und Spezialisierung entstanden sind, zu überwinden. Es geht um Zusammendenken und Komplementarität, die neue Perspektiven und Methoden mit sich bringt und daher auch neue und andere Ergebnisse liefert. Dass sie nicht alle Erkenntnisse einleitungswissenschaftlichen Forschens und alle vorausliegenden methodischen und hermeneutischen Diskussionen in einem Interface abbilden kann, ist selbstredend. Für den vertieften Blick gibt es die bewährten Einleitungen, Theologien des Neuen Testaments, Zeitgeschichten und Methodenbücher. Einleitung in das Neue Testament als Familienalbum würde Einleitung weiter denken und einen frischen Zugang zum Neuen Testament bieten, der die neutestamentlichen Schriften wieder zusammenbringt und als Identitätstexte ernst nimmt. Über das Bild vom Familienalbum wäre es auch für Christen ohne theologische Vorbildung anschlussfähig und könnte zudem auch Nichtchristen das frühchristliche Familienalbum als kulturellen Text erschließen. Sandra Huebenthal studierte Katholische Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Ge‐ orgen/ Frankfurt sowie am Milltown Institute in Dublin. Nach Lehrvertretungen in Basel und St Andrews ist sie seit 2015 Professorin für Exegese und Biblische Theologie an der Universität Passau und Gastprofessorin an der Hussitischen Theologischen Fakultät der Karls-Universität in Prag. Ihre For‐ schungsschwerpunkte sind Kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie und frühchristliche Identitätskonstruktion, Biblische Methodik und Hermeneutik sowie kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Einleitungswissenschaft. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0002 Einleitung weiter denken 45 1 Holger Strutwolf, Art. Bibeltext/ Textkritik (NT), in WiBiLex 2024 (https: / / bibelwissen schaft.de/ stichwort/ 49996/ ; letzter Zugriff am 20.1.2025). 2 DWDS-Verlaufskurve für „Grundtext“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deut‐ schen Sprache, https: / / www.dwds.de/ r/ plot/ ? view=1&corpus=dta%2Bdwds&norm=dat e%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=10&prune=0&window=3&wba se=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A1999&q1=Grundtext (letzter Zugriff am 23.1.2025); DWDS-Verlaufskurve für „Urtext“, erstellt durch das Digitale Wörter‐ buch der deutschen Sprache, https: / / www.dwds.de/ r/ plot/ ? view=1&corpus=dta%2B dwds&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=10&prune=0& window=3&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A1999&q1=Urtext (letz‐ ter Zugriff am 23.1.2025). Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung Jan Heilmann Die traditionelle Aufgabe der Textkritik ist es, den Urtext zu rekonstruieren - oder präziser formuliert: die älteste erreichbare Textstufe des griechi‐ schen Neuen Testaments aus der auf uns gekommenen Überlieferung zu erschließen. 1 Das Ziel der Rekonstruktion des Urtextes ist im wahrsten Sinne des Wortes das grundlegendste Paradigma in der ntl. Wissenschaft - es leitet die Methodik, die den Gegenstand des Fachs konstituiert. Der Begriff des Urtextes entsteht mit dem Beginn der Romantik und löst über den Verlauf des 19. Jh. den Begriff des Grundtextes ab, wie eine Frequenzanalyse der beiden Lexeme im DWDS anschaulich zeigt. 2 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 3 Vgl. Art. „Grundtext, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Huma‐ nities, Version 01/ 23 (https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB? lemid=G31297; letzter Zugriff am 25.01.2025). 4 Johann Wolfgang Goethe, Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust, hg.-u.-kommentiert v.-Erich Trunz, München- 16 1996, 44. 5 Gottfried Herder, VI. Homer, ein Günstling der Zeit, in: Die Horen 9 (1795), 53-88, hier-62. Hervorhebung im Original. Abb. 1: DWDS-Verlaufskurve für „Grundtext · Urtext Als Grundtext wird seit dem 16. Jh v. a. der Text bezeichnet, der einer Überset‐ zung zugrunde lag, also das „Original“, das z. B. nicht richtig übersetzt worden wäre oder das aus Interesse konsultiert wird, um sich einem Text nicht nur über die Übersetzung zu nähern; 3 in letzterem Sinne auch Goethes Faust, den es drängt „den Grundtext aufzuschlagen | Mit redlichem Gefühl einmal | Das heilige Original | In mein geliebtes Deutsch zu übertragen“ (Vv. 1220-1123). 4 Das Lexem Urtext ist dagegen erstmals-1795 in einem Beitrag Herders mit dem Titel „Homer, ein Günstling der Zeit“ belegt. Ausgehend von seinem Modell zur Entstehung der homerischen Epen im Kontext mündlicher Performanz formuliert er dort „wer also an einen Urtext Homers, wie er aus seinem Munde floß, glauben kann, der glaubt viel“ 5 und fasst damit seine Argumentation gegen die Auffassung zusammen, es habe einen Urtext gegeben, der auf einen Dichter Homer zurückginge. Im Gegensatz zum Grundtext wird hier deutlich, dass Herder „Urtext“ hier nicht primär in Relation zu Übersetzungen verwendet, sondern in Relation zur griechischen Textüberlieferung, freilich im negativ abgrenzenden Sinne als eine ideale Größe, die es nie gegeben hätte. Im 19. Jh. wird das Lexem dann sowohl synonym zum Grundtext als „ursprachliche“ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 48 Jan Heilmann 6 Vgl. Art. „Urtext, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23, (https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB? lemid=U14790; letzter Zugriff am 25.01.2025). 7 Vgl. Oliver Primavesi/ Anna Kathrin Bleuler, Einleitung. Lachmanns Programm einer historischen Textkritik und seine Wirkung, in: Anna Kathrin Bleuler/ Oliver Primavesi (Hg.), Lachmanns Erbe. Editionsmethoden in klassischer Philologie und germanisti‐ scher Mediävistik, Berlin-2022, 9-107, hier-9-16. 8 Vgl. Primavesi/ Bleuler, Lachmanns Programm (s. Anm. 7), 11-14, mit Verweis auf Sebastiano Timpanaro, The Genesis of Lachmann’s Method, hg. u. übers. v. Glenn W.-Most, Chicago/ London 2005 und Warnung vor der älteren deutschen Übersetzung von 1971, und auf Giovanni Fiesoli, La genesi del Lachmannismo (Millenio Medie‐ vale-19), Florenz-2000. 9 Primavesi/ Bleuler, Lachmanns Programm (s.-Anm.-7), 13. Vorlage der Übersetzung verwendet als auch, analog zur Verwendung bei Herder, in den Diskurs der entstehenden Textkritik aufgenommen. 6 1. Das Urtextparadigma und die Textkritik des 19.-Jahrhunderts Zentral für die Ausbildung der klassischen textkritischen Methode sind die Arbeiten von Karl Lachmann in der ersten Hälfte des 19. Jh. Auch wenn häufig von der „Lachmannschen Methode“ gesprochen wird, um das klassische textkritische Verfahren der Rekonstruktion eines Archetyps auf der Basis der stemmatologischen Methode zu beschreiben, gibt es von Lachmann selbst keine systematische Beschreibung seines textkritischen Ansatzes. Vielmehr hat sich der systematisch-methodische Ansatz der klassischen Textkritik erst in der Rezeption Lachmanns entwickelt. 7 Die neuere Forschung hat gezeigt, dass Lachmann die sog. „Lachmann’sche Methode“ im strengen Sinne selbst gar nicht angewendet hat und er deshalb auch nicht als Erfinder derselben gelten kann. 8 Unbestritten stammt von Lachmann aber „die programmatische Forderung nach einer konsequent historisch verfahrenden Textkritik,“ einer „strenghistori‐ sche[n] Kritik,“ wie er selbst formuliert. 9 Sein textkritisches Programm geht aus seiner Editionstechnik und vereinzelten Ausführungen in den Vorworten seiner Editionen und seinen Schriften hervor. Lachmanns Programm enthält aber eindeutig die Zielstellung der Rekonstruktion eines Archetyps, von dem alle anderen Handschriften abstammen. Allerdings lässt Lachmann große methodi‐ sche Vorsicht walten in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem Archetyp und den ursprünglichen und verlorenen Autographen der jeweiligen zu edierenden antiken Texte. Das wird z. B. deutlich im Vorwort zu seiner Ausgabe von Lukrez, in der er das Ziel definiert, den Archetyp aus dem 4./ 5. Jh. als älteste erreichbare Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 49 10 Karl Lachmann, In T. Lucretii Cari. De Rerum Natura. Libros Commentarius, Berlin 4 1882, 4-14. 11 Vgl. Karl Lachmann, Rechenschaft über seine Ausgabe des Neuen Testaments, in: ThStKr 3, (1830), 817-845, insb. 818-820. Zur Relativierung der Leistung Lachmanns in Bezug auf die neutestamentliche Textkritik, der eigentlich nur eine Forderung Richard Bentleys aufnahm, die dann erst mit Tischendorf verwirklicht wurde, vgl. Kurt Aland/ Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik, Stuttgart 2 1989, 21; Primavesi/ Bleuler, Lachmanns Programm (s.-Anm.-7), 27-41. 12 … ea librorum apostolicorum ratio, quae secundo saeculo vel maxime in usu erat, ple‐ rumque probabiliter restitui potest (Constantin von Tischendorf, Novum Testamentum Graece. Editio octava critica maior, Bd.-1, Leipzig-1896,-VII). 13 … ipsis primis rei Christianae temporibus a sincera apostolorum scriptura multifariam discessum sit … Tischendorf, Novum Testamentum Graece (s.-Anm.-12),-VII. Textfassung zu rekonstruieren. 10 Auch in seinem Rechenschaftsbericht über die Rekonstruktion des NT wird dies deutlich. Dieser Rechenschaftsbericht von 1830 ist sowohl dem Kampf gegen den textus receptus gewidmet als auch gegen Versuche, sich dem ursprünglichen Wortlaut der Autographen mittels philologischer Verbesserungen des Textes anzunähern. Auf der Grundlage sei‐ ner Skepsis gegenüber Versuchen, zu den Autographen vorzudringen, definiert er als methodisch sicheres Ziel, den ältesten erreichbaren Text im 4./ 5. Jh. zu rekonstruieren. 11 Optimistischer äußert sich Constantin von Tischendorf im Vorwort zum ers‐ ten Band der Editio octava critica maior von 1869. Er geht davon aus, dass auf der Grundlage der erhaltenen ältesten Textzeugen „jene Textform der apostolischen Bücher, die im zweiten Jahrhundert besonders in Gebrauch war, meistens mit Wahrscheinlichkeit wiederhergestellt werden“ 12 könnte. Dass diese jedoch für ihn nicht den ursprünglichen Text der Autographen repräsentiere wird deutlich, wenn er formuliert, „dass schon in den allerersten Zeiten des Christentums vielfach von der ursprünglichen Schrift der Apostel abgewichen wurde.“ 13 Wenn Tischendorf in diesem Zusammenhang formuliert, dass diese anzunehmenden Textveränderungen aber nicht mit Unredlichkeit (improbitas) oder List (dolus) verbunden gewesen sein wird, denkt er mutmaßlich an Schreibversehen und Korrekturen, nicht aber an (größere) redaktionelle Eingriffe in den Text. Brooke F.-Westcott und Fenton J.-A.-Hort gehen mit ihrer Ausgabe von-1881 noch einen Schritt weiter, die beansprucht, eine größtmögliche Annäherung an den Text der Autographen darzustellen. Dies wird schon aus dem Titel „The New Testament in the Original Greek“ deutlich. Das Ziel der Edition sei, „exactly the original words of the New Testament“ zu präsentieren, unter Verweis auf den methodischen Vorbehalt „so far as they can now be determinded Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 50 Jan Heilmann 14 Beide Zitate Brooke F. Westcott/ Fenton J. A. Hort (Hg.), The New Testament in the Original Greek, New York-1882,-1. 15 Vgl. Westcott/ Hort, New Testament (s.-Anm.-14), 66-70. 16 Vgl. Westcott/ Hort, New Testament, (s.-Anm.-14), 39-65. 17 Vgl. Westcott/ Hort, New Testament, (s.-Anm.-14), 271-290. 18 Vgl. z. B. Udo Schnelle, Einführung in die neutestamentliche Exegese, Göttingen 7 2008, 34 f.; Wilhelm Egger/ Peter Wick, Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbständig auslegen, Freiburg 7 2011, 68-79. S. aber Stefan Schreiber, Der Text des Neuen Testaments, in: Martin Ebner/ Stefan Schreiber (Hg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 3 2020, 54-69, die das unten zu besprechende Modell des Ausgangstextes über‐ nehmen; Sönke Finnern/ Jan Rüggemeier, Methoden der neutestamentlichen Exegese. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, Tübingen 2016, 14, weisen auf die differenzierten Positionen in den Editionswissenschaften hin und konstatieren: „Innerhalb der Exegese zeigt sich hingegen ein weitgehend ungebrochenes Interesse am Urtext“, ohne dies weiter zu kommentieren. 19 Vgl. Eldon Jay Epp, The Multivalence of the Term „Original Text“ in New Testament Textual Criticism, in: HTR-92 (1999), 248-254. from surviving documents“. 14 In ihrer methodischen Reflexion unterscheiden sie zwischen einer „relativen“ und „absoluten“ Ursprünglichkeit und betonen, dass die textkritische Methode nur zu approximativen Antworten führen könne, deren Sicherheitsgrad je nach dokumentarischer Beweislage stark variiere. Eine absolute Sicherheit wäre nur dann möglich, wenn das Autographon selbst erhalten sei. Die Textkritik könne daher nur durch die Beseitigung von Fehlern den relativen Ursprung des Textes herstellen. Denn grundsätzlich könnten alle Handschriften an einer Stelle korrupt sein durch Fehler, die auf frühe Kopisten zurückgingen. 15 Trotz dieser methodischen Zurückhaltung sind sie wegen der guten Bezeugung des ntl. Textes, die durch Reinheitsmetaphorik hervorgeho‐ ben wird, und der Überzeugung der Leistungsfähigkeit ihrer genealogischen Methode 16 zuletzt aber sehr optimistisch, dass ihr rekonstruierter Text sich dem ursprünglichen Text der Apostel weitgehend annähert. 17 Diese differenzierten Positionen machen das breite Spektrum der Verhältnis‐ bestimmung des rekonstruierten Textes und der Autographen im 19. Jh. deutlich. Daneben gibt es aber gerade in der älteren textkritischen Handbuchliteratur die Tendenz, relativ unreflektiert die Rekonstruktion des Urtextes als Ziel der Textkritik zu definieren. (Auch in der ntl. Methoden- und Einleitungsliteratur wird zuweilen noch die Rekonstruktion des Urtextes als Ziel der Textkritik angegeben.) 18 In zahlreichen Handbüchern wird das Problem des Verhältnisses zwischen rekonstruiertem Text und Autographen allerdings gar nicht thema‐ tisiert. Diese Tendenz zieht sich bis in das 20. Jh. durch. 19 Im klassischen textkritischen Handbuch von Kurt und Barbara Aland findet sich lediglich die Einschätzung, dass die größere Fülle an auswertbaren Handschriften es möglich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 51 20 Aland/ Aland, Text (s.-Anm.-11), 34. 21 Gleiches gilt schon für Bruce M. Metzger, The Text of the New Testament. Its Trans‐ mission, Corruption, and Restauration, Oxford 2 1968, der das Ziel der Rekonstruktion eines original text voraussetzt. 22 Vgl. ECM-IV,1, 11*. 23 Vgl. Gerd Mink, Problems of a Highly Contaminated Tradition: The New Testament. Stemmata of Variants as a Source of a Genealogy for Witnesses, in: Pieter van Reenen/ August den Hollander/ Margot van Mulken (Hg.), Studies in Stemmatology II. Amsterdam/ Philadelphia 2004,-13-85. 24 Mink, Problems (s.-Anm.-23), 25. gemacht habe, „daß wir heute im neuen Text dem Urtext des Neuen Testaments sehr viel näher gekommen sind“, 20 eine Definition, was unter „Urtext“ zu verstehen ist, fehlt jedoch. 21 2. Vom Urtext zum Ausgangstext („initial text“) - ein Paradigmenwechsel in der neutestamentlichen Textkritik? In den vergangenen Jahrzehnten hat es eine intensive Diskussion um die Kategorie des Urtextes/ original text gegeben. Diese Diskussion zeichnet sich durch eine Abkehr vom Urtext aus, der durch den Ausgangstext/ initial text als Ziel der Textkritik ersetzt wird. Diesem Ziel ist auch das große Editionsprojekt der Editio Critica Maior verpflichtet. 22 Die Kategorie des Ausgangstextes wurde maßgeblich von Gerd Mink im Zuge der Entwicklung der Coherence-Based Genealogical Method (CBGM) geprägt. 23 Mink definiert den Ausgangstext als hypothetischen Text, der am Beginn der handschriftlichen Überlieferung gestanden hat. Im Rahmen der CBMG fungiert er als hypothetischer Textzeuge A, von dem sich die erhaltene Überlieferung ableitet und die für jede Stelle mit Varianten als lokales Stemma dargestellt wird. Dabei betont Mink: The initial text is not identical with the original, the text of the author. Between the autograph and the initial text considerable changes may have taken place which may not have left a single trace in the surviving textual tradition. Even if this is not the case, differences between the original and the initial text must be taken into account. 24 D. h. Mink konzediert, dass zwischen den Autographen und dem Ausgangstext durchaus substantielle Veränderungen am Text vorgenommen worden sein könnten, die in der erhaltenen Überlieferung keine Spuren hinterlassen haben. Der Ausgangstext repräsentiert damit die älteste rekonstruierbare Textform und nicht notwendigerweise den Text des Autors. Mink diskutiert drei mögliche Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 52 Jan Heilmann 25 Vgl. Mink, Problems (s.-Anm.-23), 25-27. 26 Vgl. Michael William Holmes, From „Original Text“ to „Initial Text“. The Traditional Goal of New Testament Textual Criticism in Contemporary Discussion, in: Bart D. Ehr‐ man/ Michael William Holmes (Hg.), The Text of the New Testament in Contemporary Research. Essays on the Status Quaestionis (NTTSD-42), Leiden-2013, 637-688. 27 Holmes, „Original Text“ (s.-Anm.-26), 659. S.-v.-a.-Anm.-85. 28 Holger Strutwolf, Original Text and Textual History, in: Klaus Wachtel/ Michael William Holmes (Hg.), The Textual History of the Greek New Testament. Changing Views in Contemporary Research (SBLTCS-8), Leiden-2011, 41. Szenarien für das Verhältnis von Autographen und Ausgangstext: Die einfachste Arbeitshypothese wäre die a) weitgehende Identität von Autograph und Aus‐ gangstext, wobei lediglich mit unvermeidlichen Schreibfehlern zu rechnen sei. Eine zweite Möglichkeit bestünde b) in der Annahme einer Redaktion zwischen dem Autographen und dem Ausgangstext, bei dem etwa mehrere Schriften zu einem Werk zusammengefügt worden sein könnten. Als dritte Option erwägt Mink c) die Existenz mehrerer Ausgangstexte, die sogar auf verschiedene Auto‐ graphen zurückgingen, etwa wenn ein Autor mehrere Versionen seines Werkes herausgegeben habe. 25 In der weiteren Diskussion wird deutlich, dass sich die Mehrheit der ntl. Textkritik für die erste Hypothese entscheidet und von einer weitgehenden Identität des Ausgangstextes mit den Autographen ausgeht. So kritisiert Michael Holmes zwar die Idee eines idealen Originals und weist die Möglichkeit zurück, den Urtext vollständig im Sinne der Autographen zu rekonstruieren. Das Ziel der Textkritik sollte stattdessen die Rekonstruktion des earliest transmitted text (Ausgangstext) sein, der als empirisch fundiertes und methodisch reflek‐ tiertes Konzept aufzufassen sei, das die Realitäten antiker Buchproduktion und -distribution berücksichtige. 26 Sein Beispiel verdeutlicht dann aber, dass er dabei zuletzt doch an das konkrete Schriftstück denkt, das - im Falle der Briefliteratur - an die jeweilige Gemeinde geschickt wurde: „it is logical and appropriate to speak of the text of that specific material object (the letter in the form in which it was sent to Rome) as the ‚earliest transmitted text‘ of the letter Paul sent to Rome.“ 27 Auch Holger Strutwolf geht davon aus, dass der in Münster rekonstruierte Ausgangstext überwiegend „a valid and stable hypothesis about the original text“ 28 sei. Solange es keine Hinweise auf einen radikalen Bruch in der Textüberlieferung zwischen den Autographen und dem Ausgangstext gäbe, sei der auf der Basis der ntl. Handschriftenüberlieferung rekonstruierte Archetyp die beste Hypothese über den Urtext. In diesem Zusammenhang betont er explizit das theologische und historische Interesse: „we want to know what Paul really wrote to the Romans and what was the original form of the Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 53 29 Strutwolf, Original Text (s.-Anm.-28), 41 30 Vgl. Strutwolf, Original Text (s.-Anm.-28), 41. 31 Barbara Aland, Die Münsteraner Arbeit am Text des Neuen Testaments und ihr Beitrag für die frühe Überlieferung des 2. Jahrhunderts. Eine methodologische Betrachtung, in: William L. Petersen (Hg.), Gospel Traditions in the Second Century. Origins, Recensions, Text, and Transmission (CJAn 3), Notre Dame/ London 1989, 55-70, hier: 68. Siehe aber genau die gegenteilige Formulierung in Barbara Aland, Neutestamentliche Textforschung, eine philologische, historische und theologische Aufgabe, in: Friedrich Wilhelm Horn (Hg.), Bilanz und Perspektiven gegenwärtiger Auslegung des Neuen Testaments, Berlin-1995, 7-29, hier: -26. Gospel of Luke.” 29 Auch wenn es mit Schwierigkeiten behaftet sei, solle daher das Ziel der Textkritik darin bestehen, soweit zu den Wurzeln zurückzugehen wie möglich. 30 Vergleicht man diese Positionen mit den differenzierten textkritischen Positi‐ onen im 19. Jh. wird deutlich, dass hier keinesfalls von einem Paradigmenwech‐ sel gesprochen werden kann. Vielmehr grenzt man sich von einer einseitigen Position zum Urtext ab, die v. a. in Handbüchern zu finden ist. Man ist zudem (ähnlich wie Westcott/ Hort) sehr viel optimistischer in Bezug auf die Repräsen‐ tation des rekonstruierbaren Textes als es z. B. Lachmann und Tischendorf waren, die als frühe Vertreter einer Ausgangstexthypothese zu sehen sind, und zwar eines Ausgangstextes, der nicht mit den Autographen übereinstimmt. Die Diskussion um die Frage nach der Rekonstruktion eines Urtextes oder Ausgangstextes erscheint aus dieser Perspektive eine müßige Diskussion um die Semantik der wissenschaftlichen Metasprache. Nicht geändert hat sich in der konkreten textkritischen Arbeit an der Rekonstruktion des Textes des NT für die gängigen historisch-kritischen Ausgaben die Suche nach dem einen Ursprung der Textüberlieferung und die daraus resultierende Logik der binären Unterscheidung zwischen der einen primären, d. h. ältesten, Lesart und der daraus erwachsenden sekundären Lesarten. An dieser Stelle ist jedoch noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass Mink durchaus mit den Möglichkeiten rechnet, dass man auf der Grundlage des materiellen Befundes und mit den Methoden der CBMG gerade nicht zum Text der Autographen, d. h. der Einzelschriften zurückkommt, sondern am Beginn der Textüberlieferung b) redaktionell überarbeitete Sammlungen oder c) verschiedene Versionen der Texte stehen könnten. Und schon Barbara Aland hatte 1989 noch völlig zu Recht formuliert, „daß unsere Handschriften auf eine sehr frühe Ausgabe oder autorisierte Abschrift […] zurückgehen.“ 31 Denn der materielle Befund weist genau darauf hin. Am Anfang der Handschriftentransmission stehen edierte und redaktionell überarbeitete Sammlungseinheiten Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 54 Jan Heilmann 32 Vgl. grundlegend David Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments. Eine Un‐ tersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel (NTOA 31), Freiburg (Schweiz) 1996. Auch wenn Trobischs Position in Bezug auf die Sammlungseinheit Praxapostolos kontrovers diskutiert wird (vgl. Wolfgang Grünstäudl, Was lange währt… Die Katho‐ lischen Briefe und die Formung des neutestamentlichen Kanons, in: EC 7 (2016), 71-94; Wolfgang Grünstäudl, Geschätzt und bezweifelt. Der zweite Petrusbrief im kanongeschichtlichen Paradigmenstreit, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Der Text des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (TANZ 61), Tübingen 2018, 57-88), ist der Befund für die Vierevangeliensammlung und die Paulusbriefsammlung eindeutig. Vgl. Jan Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte, in: Jan Heilmann/ Matthias Kling‐ hardt (Hg.), Text (s. o.), 21-56. Entgegen seiner eigenen vorsichtigen Schlussfolgerung belegt die Auswertung von Michael Dormandy, How the Books Became the Bible. The Evidence for Canon Formation from Work-Combinations in Manuscripts, in: TC 23 (2018), 1-39, eindrücklich die frühe Existenz der drei Teilsammlungen. Keine der auf‐ geführten Handschriften belegen eine frühe Einzelzirkulation der neutestamentlichen Schriften. 33 Vgl. zur weiteren Entwicklung der Diskussion um Parkers Modell H. A. G. Houghton (Hg.), Liturgy and the Living Text of the New Testament, Piscataway, NJ 2018. Für diesen Hinweis danke ich Markus Vinzent. 34 Vgl. David C. Parker, The Living Text of the Gospels. Cambridge/ New York 1997, 49-174. (Vierevangeliensammlung, 14-Briefe-Apostolos und „Praxapostolos“).  32 Daraus ergibt sich für die aktuellen textkritischen Editionsprojekte mit der leitenden Hypothese, der rekonstruierte Ausgangstext sei die beste Hypothese über den Text der von den jeweiligen Verfassern verantworteten Individualschriften, eine unauflösbare Spannung. Darauf wird unten zurückzukommen sein. 3. Das Paradigma des „living text“ und die New Philology In der textkritischen Diskussion ist daneben aber auch noch eine andere Perspektive auf die Textgeschichte zu finden. Diese wird prominent vertreten durch David Parker, der das Modell eines „lebendigen Textes“ prägt und die Rekonstruierbarkeit eines Urtextes in Frage stellt. 33 Ausgangspunkt seines Modells sind klassische textkritische Phänomene wie z. B. die Varianz des Markusschlusses, Varianten im Vater Unser und in den letzten drei Kapiteln des Lukasevangeliums, die pericope adulterae ( Joh 7,53-8,11) und die Textphä‐ nomene, die üblicherweise als „westlich“ bezeichnet werden. 34 Aus diesen Phä‐ nomenen größerer Textabweichungen, die die Handschriften zeigen, schließt Parker, dass die Textüberlieferung der Evangelien von einer erheblichen Freiheit und Dynamik geprägt ist. Er versteht die Varianz nicht als Abweichung von einem ursprünglichen Text, sondern als Ausdruck eines lebendigen Überliefe‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 55 35 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 209f. 36 Parker, Living text (s.-Anm.-34), 208. 37 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 189-196. 38 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 74.185-190. 39 Vgl. David C. Parker, Codex Bezae. An Early Christian Manuscript and its Text, Cambridge/ New York-1992. 40 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 186f. 41 Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 204. rungsprozesses. Für Parker sind die Handschriften daher nicht nur Träger einer dahinterliegenden Tradition, sondern sie konstituieren diese Tradition selbst. 35 In der Suche nach dem Urtext sieht Parker das gleiche problematische Erkenntnisinteresse, das in dem nicht erreichbaren Vorhaben steckt, hinter den vier Evangelien die ipsissima vox zu erschließen. 36 Parker versteht die Evangelien als Teil eines dynamischen Traditionsstroms aus mündlicher und schriftlicher Überlieferung, die sich gegenseitig beeinflusste. Die Idee eines fixierbaren, definitiven Textes, die hinter dem klassischen Ziel der Rekonstruk‐ tion eines einzigen Urtextes stehe, sei dagegen durch die medialen Bedingungen des Buchdrucks geprägt. 37 Er sieht darin angesichts der antiken medialen Bedingungen des chirographischen Zeitalters einen Anachronismus. Parker betont, dass die materiellen Bedingungen der antiken Schreibkultur konstitutiv sind für das Verständnis der Abweichungen in den Handschriften. In der Antike sei jede Handschrift ein Unikat und notwendigerweise unvollkommen gewesen. 38 Dies zeige sich etwa besonders deutlich am Codex Bezae, der auf jedem Folio einzigartige Lesarten aufweise. 39 Zudem zeige die Wahl des Kodex, dass das frühe Christentum Wert auf den Textvergleich gelegt habe, der wiederum Varianz in der Textüberlieferung erzeugt hätte. Große textkritisch identifizierbare Textabweichungen sind für Parker daher nicht Ausdruck einer mangelhaften Überlieferung, sondern der normalen Bedingungen chirographi‐ scher Textproduktion. 40 Daher formuliert er programmatisch: „The fact that the recovery of the original text is a task that remains beyond all of us sets a question mark against any claim that we can in any sense ‘possess’ the text - literally or metaphorically.“ 41 Parkers Position korrespondiert mit einer Tendenz in den Editionswissen‐ schaften, die mit dem Stichwort New Philology verknüpft ist und sich unter dem Einfluss des Poststrukturalismus entwickelt hat. Die New Philology ist maßgeblich von dem französischen Linguisten Bernard Cerquiglini geprägt Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 56 Jan Heilmann 42 Vgl. Bernard Cerquiglini, Éloge de la variante, in: Langages 69 (1983), 25-35; Bernard Cerquiglini, Éloge de la variante. Histoire critique de la philologie, Paris-1989. 43 Vgl. Stephen G. Nichols, Introduction. Philology in a Manuscript Culture, in: Specu‐ lum 65 (1990), 1-10; Joachim Bumke, Der unfeste Text. Überlegungen zur Überliefe‐ rungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert, in: Jan-Dirk Mül‐ ler (Hg.), ‚Aufführung‘ und ‚Schrift‘ in Mittelalter und Früher Neuzeit. Stuttgart 1996, 118-129; Karl Stackmann, Neue Philologie, in: Joachim Heinzle (Hg.), Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Frankfurt am Main, Leipzig 1999, 398-427; Susan Yager, New Philology, in: Albrecht Classen (Hg.), Handbook of Medieval Studies. Terms - Methods - Trends. Berlin-2010, 999-1006. 44 https: / / www.homermultitext.org/ (letzter Zugriff am 13.05.2025). Vgl. Casey Dué/ Mary Ebbott, The Homer Multitext within the History of Access to Homeric Epic, in: Monica Berti (Hg.), Digital Classical Philology, Berlin-2019, 239-256. 45 Vgl. Bumke, Text (s. Anm. 43), 122-126; Stackmann, Neue Philologie (s. Anm. 43), 399-405. 46 Vgl. Stackmann, Neue Philologie (s.-Anm.-43), 405-409. worden 42 und v. a. prominent in der Mediävistik vertreten, 43 von dort aus aber auch auf die Editionsphilologie der Antike übertragen worden. Ein bekanntes al‐ tertumswissenschaftliches Editionsprojekt ist „The Homer Multitext project“. 44 Die New Philology formuliert eine grundlegende Kritik am Paradigma eines rekonstruierbaren Urtextes und den darauf basierenden editorischen Methoden. An die Stelle der Vorstellung eines fixierten, autoritativen Textes tritt die These, dass Varianz das zentrale Merkmal mittelalterlicher Textualität darstelle. Die in der Überlieferung beobachtbare Vielfalt der Textfassungen wird nicht mehr als Abweichung von einem idealen Original interpretiert, sondern als Ausdruck einer Schriftkultur, die durch permanente Umformung und produktive Aneig‐ nung gekennzeichnet ist. Die New Philology argumentiert, dass die traditionelle Textkritik anachronistisch moderne Konzepte wie Werkeinheit und Autorschaft auf die mittelalterliche Literatur übertragen und damit deren spezifische mediale und kulturelle Bedingungen verfehlt habe. 45 Methodisch resultiert daraus die Forderung, die mittelalterliche Handschrift in ihrer Gesamtheit als Zeugnis einer dynamischen Textkultur ernst zu nehmen. Das bedeutet, nicht nur den Text selbst, sondern auch Layout, Illuminationen, Marginalien und andere paratextuelle Elemente in ihrer Bedeutung für die Sinn‐ konstitution zu berücksichtigen. 46 Diese als „manuscript matrix“ bezeichnete komplexe Interaktion verschiedener Repräsentationssysteme in der Handschrift - vom Text über die individuelle Schreiberhand bis zu Illuminationen, Rubriken und Glossen - erfordere neue editorische Konzepte, die nicht mehr auf die Rekonstruktion eines Urtextes zielten. Vielmehr müssten die Repräsentations‐ systeme die dynamischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Elementen der Handschriftenseite und die dadurch entstehenden Bedeutungsebenen erfas‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 57 47 Vgl. Bumke, Text (s.-Anm.-43), 126-128. 48 Vgl. Nichols, Introduction (s. Anm. 43), 7 f; Stackmann, Neue Philologie (s. Anm. 43), 418 f.; Yager, New Philology (s. Anm. 43), 999.1006, die zusätzlich auf die Ironie hinweist, dass die frühen Vertreter der New Philology große Hoffnungen in die computationell gestützte Erschließung gesteckt haben, aber gerade Neo-Lachmann’sche stemmatische Ansätze durch kladistische Analyseansätzen ebenfalls einen neuen Schub durch com‐ putationelle Analysemöglichkeiten erhalten haben. 49 Vgl. Stackmann, Neue Philologie (s.-Anm.-43), 423f. sen können. 47 Die Vertreter der New Philology sehen in den Möglichkeiten der digitalen Erfassung und Präsentation zurecht einen vielversprechenden Weg, um der Komplexität mittelalterlicher Handschriften gerecht zu werden. Die computergestützte Erschließung erlaubt es, verschiedene Textfassungen parallel zu dokumentieren, Varianten in ihren größeren Zusammenhängen darzustellen und die visuellen sowie paratextuellen Elemente der Handschriften umfassend zu berücksichtigen. 48 Die New Philology hat mit ihrer Kritik am Konzept des einen rekonstru‐ ierbaren Urtextes und ihrer Aufwertung der Handschriften als eigenständige Zeugnisse mittelalterlicher Textkultur wichtige Impulse für ein differenzierteres Verständnis mittelalterlicher Textualität geliefert. 49 Ihr Ansatz erweist sich be‐ sonders dort als fruchtbar, wo die Überlieferung von einer stetigen Umformung der Texte in unterschiedlichen Gebrauchskontexten geprägt ist. Allerdings lässt sich das Paradigma der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Überlieferungszeu‐ gen nicht unbesehen auf jede vormoderne Überlieferungssituation übertragen. Die spezifischen Produktions- und Überlieferungsbedingungen des jeweiligen Genres, der jeweiligen Epoche und des jeweiligen kulturellen Kontextes müssen berücksichtigt werden. Für die Überlieferung antiker und spätantiker Texte, die unter anderen medialen und kulturellen Bedingungen entstanden sind als im Mittelalter, können, ggf. zusätzlich differenziert nach Genre, daher durchaus andere editorische Konzepte angemessen sein. 4. Paradigmenkritik am textkritischen und überlieferungsgeschichtlichen Befund Nach der Gegenüberstellung des Paradigmas der Rekonstruktion des Ausgangs‐ textes, das in der konkreten Umsetzung im Rahmen der ECM faktisch ur‐ text-einzelschrift-orientiert bleibt, und dem Ansatz der New Philology analogen Paradigmas des living text sind im Folgenden beide Paradigmen vor dem Hintergrund des textkritischen und überlieferungsgeschichtlichen Befundes zu diskutieren. Dabei ist zunächst zu fragen, ob der materielle Befund und die medialen und kulturellen Bedingungen der Antike eine Übertragung der Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 58 Jan Heilmann 50 Vgl. Parker, Living Text (s. Anm. 34), 203-213; David C. Parker, Is „Living Text“ Compatible with „Initial Text“? Editing the Gospel of John, in: Wachtel/ Holmes (Hg.), Textual History (s.-Anm.-28), 16-18. 51 Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 204. 52 Vgl. Adolf Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt, Tübingen- 4 1923. 53 Dies wird in der neutestamentlichen Wissenschaft mittlerweile breit vertreten, auch wenn das Gemeindeparadigma nach wie vor (und in Spannung zur Einsicht in die literarische Kompetenz der Autoren der neutestamentlichen Texte) in der Kommentar‐ literatur dominiert. Perspektive der New Philology auf die Überlieferungsgeschichte der ntl. Texte zulassen und das Paradigma des living text als Alternative zum Urtextbzw. Ausgangstextparadigma tragfähig ist. Das Paradigma des living text setzt einen spezifischen Produktions- und Ge‐ brauchskontext der ntl. Texte in frühchristlichen Gemeinden voraus, in dem sie nicht als Autorenliteratur, sondern gleichsam als Gemeindeliteratur entstanden sind, abgeschrieben und - auch durch den Einfluss mündlicher Tradition oder durch liturgische Einflüsse - umgestaltet wurden. 50 Parker postuliert sogar ganz explizit: „The texts did not have an existence independent of scribal activity, and their use in the churches.“ 51 Bei diesem Kontextualisierungsmodell der frühchristlichen Schriften in den Gemeinden handelt es sich um ein gängiges Paradigma der Einleitungsliteratur, das in der jüngsten Zeit in mehrfacher Hinsicht in der Forschung unter Druck geraten ist. a) So hat Robyn Walsh grundlegend das Gemeindeparadigma als ein von der deutschen Romantik geprägtes Deutungsmuster dekonstruiert. Die Vorstellung von Gemeinden als Produktionsort der frühchristlichen Schriften gehe auf eine romantische Idee des „Volkes“ als Schöpfer von Literatur zurück und sei (auch in einer antikatholischen Stoßrichtung, besonders im Protestantismus) unreflek‐ tiert in die ntl. Forschung übernommen worden (exemplarisch hervorzuheben wäre die vor allem von Adolf Deissmann einflussreich vertretene Unterschei‐ dung zwischen griechisch-römischer Hochliteratur und Volksliteratur, zu der die frühchristliche Literatur gezählt hätte). 52 Walsh kritisiert, dass die ntl. For‐ schung einen Sonderfall konstruiert, indem sie das Gemeindemodell exklusiv für frühchristliche Schriften verwendet, während die Altertumswissenschaften bei vergleichbarer antiker Literatur von gebildeten Autoren und deren literarischen Netzwerken als Entstehungskontext ausgehen. Die Annahme einer idealisier‐ tem einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebil‐ deter Autoren zu verstehen, 53 die in literarischen Netzwerken agierten. Diese Autoren seien eigenständig handelnde (und man müsste ergänzen: räumlich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 59 54 Vgl. Robyn Faith Walsh, The Origins of Early Christian Literature. Contextualizing the New Testament within Greco-Roman Literary Culture. Cambridge/ New York 2021. S. auch schon Stanley Stowers, The Concept of „Community“ and the History of Early Christianity, in: Method and Theory in the Study of Religion-23 (2011), 238-256. 55 Vgl. Jan Heilmann, Lesen in Antike und frühem Christentum. Kulturgeschichtliche, philologische sowie kognitionswissenschaftliche Perspektiven und deren Bedeutung für die neutestamentliche Exegese (TANZ 66), Tübingen 2021; Jan Heilmann, Art. Lesen, in: -WiBiLex (erstellt: August 2019), https: / / bibelwissenschaft.de/ stichwort/ 5195 9/ (letzter Zugriff am-13.05.2025). 56 Vgl. zu letzterem Jan Heilmann, Ancient Literary Culture and Meals in the Greco-Ro‐ man World. The Role of Reading During Ancient Symposia and its Relevance for the New Testament, in: JTS-73 (2022), 104-125. 57 Vgl. Heilmann, Lesen (s.-Anm.-55), 95-214; 291-310. 58 Vgl. Jan Heilmann, Reading Early New Testament Manuscripts. Scriptio continua, „Re‐ ading Aids“, and Other Characteristic Features, in: Anna Krauß/ Jonas Leipziger/ Frie‐ derike Schücking-Jungblut (Hg.), Material Aspects of Reading in Ancient and Me‐ dieval Cultures. Materiality, Presence and Performance (Materiale Textkulturen 26), Berlin/ Boston 2020, 177-196; Jan Heilmann, The Function of ‘Reading Aids’ in Early New Testament Manuscripts, in: Studia Patristica-125 (2021), 239-248. mobile) Akteure mit komplexen Motiven gewesen und nicht lediglich Sprach‐ rohre ihrer jeweiligen Gemeinden. Die literarische Qualität der Texte setze eine entsprechende Ausbildung voraus, die über die Kompetenzen einfacher Schreiber hinausgehe. Walsh plädiert dafür, die frühchristlichen Schriften im Kontext der antiken Literaturproduktion und Buchkultur zu verorten, statt sie als Ausdruck kollektiver Gemeindeerfahrungen zu interpretieren. 54 b) In dieses Forschungsergebnis von Walsh fügen sich die Ergebnisse meiner eigenen Forschung zum Lesen in Antike und frühem Christentum komplemen‐ tär. 55 Diese hat gezeigt: Die Vorstellung eines vermeintlichen Wortgottesdienstes als anvisierter sozialer Ort der Rezeption frühchristlicher Schriften ist genauso zurückzuweisen wie die These, dass das frühchristliche Gemeinschaftsmahl als Lesekontext anzunehmen wäre. 56 Dies zeigt eine breit aufgestellte Unter‐ suchung antiker Leseterminologie 57 und der materiellen Hinterlassenschaften der antiken und frühchristlichen Lesekultur, sowie die Dekonstruktion der These, scriptio continua sei als vermeintlich defizitäres Schriftsystem nur durch vokalisierendes Lesen zu dekodieren gewesen. 58 Zudem ist auch die These in Frage zu stellen, dass es sich bei Büchern um Luxusprodukte gehandelt habe, die sich nur die obersten Eliten in der Antike hätten leisten können. Die überlieferten Marktpreise aus der frühen Kaiserzeit deuten auf das Gegenteil hin: Antike Bücher waren Handwerksprodukte, erschwinglich für verschieden‐ ste Gruppen, die oberhalb des Existenzminimums lebten. Die Gesamtevidenz deutet vielmehr darauf hin, individuelle Lektüre, die in breiteren Schichten der antiken Gesellschaften (und eben auch solchen, in denen sich das frühe Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 60 Jan Heilmann 59 Vgl. Helmut Krasser, „sine fine lecturias“. Zu Leseszenen und literarischen Wahrneh‐ mungsgewohnheiten zwischen Cicero und Gellius (unveröffentlichte Habilitations‐ schrift), Tübingen 1996; Helmut Krasser, Lesekultur als Voraussetzung für die Rezeption von Geschichtsschreibung in der Hohen Kaiserzeit, in: Martin Zimmermann (Hg.), Geschichtsschreibung und politischer Wandel im 3. Jh. n. Chr. Kolloquium zu Ehren von Karl-Ernst Petzold ( Juni 1998) anlässlich seines 80. Geburtstags (Hist.E 127), Stuttgart-1999, 57-69. 60 Vgl. Jan Heilmann, New Perspectives on the „Living Voice“ in the Fragments of Papias of Hierapolis. Challenging the Concept of Oral Tradition in Early Christianity, in Begutachtung zur Publikation in Studia Patristica. 61 Vgl. Holt N. Parker, Books and Reading Latin Poetry, in: William A. Johnson/ Holt N. Parker (Hg.), Ancient Literacies. The Culture of Reading in Greece and Rome, Oxford-2009, 186-229. 62 Vgl. Monika Amsler, The Babylonian Talmud and Late Antique Book Culture. Cam‐ bridge-2023. Christentum etablierte) vorauszusetzen ist, als primären Rezeptionskontext der frühchristlichen Schriften anzunehmen, und zwar in einer Zeit, in der sich im Römischen Reich ein breiteres anonymes Lesepublikum etablierte. 59 c) Eine weitere fundamentale Kritik am Paradigma des „living text“ ergibt sich aus der Dekonstruktion der Vorstellung von mündlicher Tradition als relevanter Faktor bei der Überlieferung frühchristlicher Texte. Die Analyse des Motivs der ipsissima vox, das im Diskurs um mündliche Tradition unter Verweis auf Papias üblicherweise angeführt wird, zeigt, dass die übliche Interpretation dieses Mo‐ tivs als Beleg für eine mündliche Tradition und eine generelle Skepsis gegenüber schriftlicher Überlieferung nicht haltbar ist. Vielmehr verweist die ipsissima vox auf den direkten Unterrichtskontext und die Bedeutung der persönlichen Interaktion im Bildungsprozess. Bereits die Memorierung und Rezitation von Texten, die oft als Beleg für eine mündliche Überlieferungskultur angeführt werden, basierten fundamental auf schriftlichen Hilfsmitteln. Dies belegen nicht nur die Aussagen antiker Autoren wie Quintilian zur Überlegenheit der visuellen und haptischen Vorzüge der Schriftlichkeit für die kognitiven Prozesse beim Memorieren (vgl. insb. Instutio oratoria 11,2,28-34), sondern auch die dokumentierte Praxis der Rhapsoden, die für ihre Rezitationen auf umfangreiche schriftliche Vorlagen zurückgriffen (vgl. Xenophon memorabilia 10). Die These einer rein mündlichen Komposition „im Kurzzeitgedächtnis“ verkennt die mate‐ riellen Bedingungen der antiken Schreib- und Lesekultur. 60 Diese grundlegende Infragestellung der These mündlicher Überlieferung wird auch durch neuere Forschungen zur römischen Poesie 61 und zum Babylonischen Talmud 62 bestätigt, die jeweils die fundamentale Textbasiertheit der vermeintlich mündlichen Überlieferungsprozesse nachweisen konnten. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 61 63 Vgl. G. Funaioli, Art. Recitationes, in: PRE 1,A1 (1914), 435-446; Krasser, „sine fine lecturias“ (s. Anm. 59), 177-182; Heilmann, Lesen (s. Anm. 55), 271-289. Weiterführend Katharina Schickert, Der Schutz literarischer Urheberschaft im Rom der klassischen Antike, Tübingen-2005. 64 Strutwolf, Original Text (s.-Anm.-28), 41. d) Das living text-Paradigma verkennt sodann antike Produktions- und Distri‐ butionsmechanismen und entspricht damit einer primitivistischen Perspektive auf den antiken Buchmarkt, die davon geprägt ist, die Zirkulation von Büchern über private Netzwerke überzubetonen und in der recitatio fälschlicherweise den eigentlichen Publikationsakt von Büchern zu verstehen sowie die Strukturen des antiken (kommerziellen) Buchmarktes zu vernachlässigen. Dagegen ist zu betonen: Bei der recitatio handelt es sich um das Vorlesen eines Textes vor einem begrenzten und bekannten Publikum vor dem eigentlichen Akt der Publikation, um Rückmeldungen für den weiteren Redaktionsprozess zu erhalten. Die antiken Quellen lassen eindeutig erkennen, dass die Herausgabe eines Buches in materieller Form, häufig über Buchhändler, den eigentlichen Akt der Publikation darstellte und somit ein autorenseitiges Verständnis für einen final autorisierten, publizierten Text in der Antike existierte. 63 Aus dieser Perspektive erscheint zunächst das Paradigma des Ausgangstextes zur Rekonstruktion und Analyse der ntl. Überlieferung angemessener zu sein. Allerdings ist die derzeit die Rekonstruktion der kritischen Ausgaben leitende Hypothese, dass der rekonstruierte Ausgangstext, die beste Hypothese über den Text der Autographen (also doch wiederum den „Urtext“) darstellt ebenfalls nicht zu halten: und zwar angesichts des textkritischen Befundes und des überlieferungsgeschichtlichen Befundes, der zwingend edierte Sammlungen als Grundlage der Textüberlieferung voraussetzt (s. o.). An dieser Stelle ist noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass Strutwolf diese These mit dem Vorbehalt versehen hatte, „as long as we have no evidence that suggests a radical break in the textual transmission between the author’s text and the initial text of our tradition“. 64 Gute Gründe, einen solchen Bruch in der Textüberlieferung anzunehmen, liegen jedoch vor. Die Evidenz für diesen Bruch in der Textüberlieferung liefern maßgeblich redaktionelle Varianten, also solche Textabweichungen in den Handschriften, die nicht auf Abschreibfehler oder unbewusste kleine Veränderungen am Text zurückgehen, sondern solche, die mit einer klaren Intention entstanden sind. Auffällig ist nun, dass diese Varianten nicht völlig willkürlich und verstreut über die unterschiedlichen Texte verteilt sind, sondern in einer gewissen Regel‐ haftigkeit in den Handschriften vorkommen. Dies ist im Übrigen ein weiteres Argument gegen die These eines „living text“, bei dem der Variantenbefund in Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 62 Jan Heilmann 65 Dazu auch Chris S. Stevens, History of the Pauline Corpus in Texts, Transmissions and Trajectories. A Textual Analysis of Manuscripts from the Second to the Fifth Century (TENT 14), Leiden/ Boston 2020, insb. 185-211. Diesen Hinweis verdanke ich Markus Vinzent. 66 Vgl. Ulrich Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (ANTF 25), Berlin/ New York 1995, passim; Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanoni‐ schen Evangelien (TANZ 60), Tübingen 2 2020, 31-123 sowie die Apparatangaben in Bd 2; demnächst Markus Vinzent/ Mark G. Bilby/ Jack Bull/ K. Lance Lotharp. Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsamm‐ lung. Unter Mitarbeit von Günter Röhser Band I: Untersuchung, passim; Band II, 1/ 2: Rekonstruktion - Übersetzung (TANZ-72-1/ 2), Tübingen-2025 (im Druck). 67 Vgl. Kurt Aland, Die Entstehung des Corpus Paulinum, in: Kurt Aland, Neutesta‐ mentliche Entwürfe (TB 63), München 1979, 302-350; rezipiert z. B. von Angela Standhartinger, Reading between Two Worlds. Philippians and the Formation of Pauline Letter Collections, in: Jaimie Gunderson/ Anthony Keddie/ Douglas Boin (Hg.), The Social Worlds of Ancient Jews and Christians. Essays in Honor of L. Michael White (NovTSup-189), Leiden Boston-2023, 105-130. 68 Vgl. dazu Jan Heilmann, Kanonischer Text und historischer Paulus. Zur Überlieferungs‐ geschichte der Paulusbriefe, in: ThLZ-149 (2024), 876-878. den Handschriften sehr viel diverser sein müsste. 65 Die redaktionellen Varianten können angesichts der relativen Konstanz der Verteilung nicht an vielen Orten von vielen Schreibern zu unterschiedlichen Zeiten in die Textüberlieferung gekommen sein. Gemeint sind hier solche Varianten, die mehrheitlich in den Textzeugen und Versionen vorkommen, die früher als „westlich“ klassifiziert worden sind. Spannend ist nun daran, dass diese vorwiegend in „westlichen“ Handschriften des (kanonischen) NT vorkommenden Lesarten im Lukasevan‐ gelium und in der Paulusbriefsammlung in einem auffälligen Korrespondenz‐ verhältnis stehen zur metatextuellen Bezeugung des für Marcion bezeugten NT, das aus zehn Paulusbriefen und einem anonymen und bekanntlich dem LkEv sehr ähnlichen Evangelium bestand. 66 Diese Korrespondenz kann in Bezug auf die Paulusbriefe z. B. nicht im Rah‐ men des weit verbreiteten dynamischen Zirkulations- und Wachstumsmodell zur Beschreibung der Entstehung der Paulusbriefsammlung von Kurt Aland erklärt werden, 67 das noch aus anderen Gründen zurückzuweisen ist. 68 Die Korrespondenz setzt vielmehr zwingend eine Überlieferung in größeren Samm‐ lungszusammenhängen auch vor der Entstehung des Textes der in den Hand‐ schriften überlieferten Sammlungen voraus. So ging Adolf von Harnack davon aus, dass die für Marcion bezeugte Briefsammlung bereits im letzten Viertel des 1.-Jahrhunderts entstanden sei, gefolgt von einer-13bzw.-14-Briefe-Sammlung kurz danach. Während in die zehn ursprünglichen Briefe nur geringfügig redaktionell eingegriffen worden sei, habe Marcion diese 10-Briefe-Sammlung Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 63 69 Vgl. Adolf von Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstantinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der alt‐ kirchlichen Literaturgeschichte. Leipzig-1926, 6-27. 70 Vgl. Schmid, Apostolos (s.-Anm.-66). 71 Vgl. zur These einer Zusammenfügung von Sieben- und Drei-Briefe-Sammlung Vin‐ zent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung Bd.-1 (s.-Anm.-66), insb. 650.687f.786. 72 Vinzent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung Bd. 1 (s. Anm. 66), 640-691, schlägt insb. auf der Grundlage des Rezeptionsbefundes in der frühen patristischen Literatur, also gestützt durch externe Evidenz, eine zweistufige Redaktionsprozess vor. 73 Vgl. dazu mit konkreten Textbeispielen Heilmann, Text (s. Anm. 68), 878-884. S. außer‐ dem Alexander Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspekti‐ ven aus dem paratextuellen Befund (TANZ 63), Tübingen 2020; Tobias Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (TANZ 67), Tübingen 2022. Zur Priorität der für Marcion bezeugten 10-Briefe-Sammlung gegenüber der kanonischen 14-Briefe-Samm‐ lung vgl. z. B. auch Jason BeDuhn, The First New Testament. Marcion's Scriptural Canon. Salem, Oregon 2013, 213-228; Markus Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views towards Sexual Immorality, in: Markus Vinzent (Hg.), Marcion of Sinope as Religious seiner Theologie entsprechend überarbeitet und gekürzt. Diese marcionitische Fassung habe sich dann auch in katholischen Kreisen verbreitet und die Texte der 14-Briefe-Sammlung beeinflusst. 69 Diese These wurde von Ulrich Schmid in seiner maßgeblichen Studie zum für Marcion bezeugten Apostolos grundlegend in Frage gestellt. Schmid argumentierte, dass die meisten Marcion vorgeworfe‐ nen Textveränderungen nicht auf ihn zurückgehen könnten, sondern auf eine sehr frühe, vormarcionitische Textüberarbeitung an der Wende vom 1. zum 2. Jh. zu datieren seien. Aus dieser vormarcionitischen Textform sei dann unter Hinzuziehung weiterer Handschriften der sogenannte „westliche Text“ entstan‐ den. 70 Beide Erklärungsmodelle sind jedoch nicht in der Lage, die Korrespondenz der Varianten mit dem für Marcion bezeugten Text zufriedenstellend und ohne extern plausibilisierbare Zwischenstufen zu erklären Das folgende Modell zur Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung erklärt die Korrespondenz der Varianten mit dem für Marcion bezeugten Text plausibler und einfacher: Marcion hat den kanonischen Text der zehn Paulusbriefe nicht tendenziös bearbeitet und gekürzt, sondern lediglich eine bereits existierende 10-Briefe-Sammlung verwendet bzw. eine vorkanonischen Sieben-Briefe-Sammlung und Drei-Briefe-Sammlung zusammengesetzt. 71 Bei der späteren kanonischen Überarbeitung zur 13/ 14-Briefe-Sammlung wurde der Text dieser ursprünglichen Sammlung redaktionell grundlegend überarbeitet und vor allem erweitert. 72 Die textuellen Differenzen, die in der patristischen Polemik als bewusste häretische Manipulationen Marcions interpretiert wur‐ den, sind somit auf die spätere Redaktion zurückzuführen, nicht auf Eingriffe Marcions in den Text. 73 Dass Analoges für das kanonische Lukasevangelium in Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 64 Jan Heilmann Entrepreneur (StPatr 99), Leuven/ Paris/ Bristol 2018, 157-175; Markus Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert, Freiburg i. B. 2019, 251-283; Vinzent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung, Bd-1/ 2 (s.-Anm.-66). 74 Vgl. Klinghardt, Evangelium (s. Anm. 66). Siehe auch Jason BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon. Salem 2013; Markus Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (StPatr.S 2), Leuven 2014; Pier Angelo Gramaglia, Marcione e il Vangelo (di Luca). Un confronto con Matthias Klinghardt, Turin-2017. 75 Vgl. exemplarisch zu den Varianten im JohEv Jan Heilmann/ Peter Wick, Varianten in der Textüberlieferung des Johannesevangeliums. Zur Frage nach deren redaktionsge‐ schichtlicher und narrativer Relevanz, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Text (s.-Anm.-32), 147-170. 76 Vgl. Heilmann, Kanonischer Text (s. Anm. 68), 880; anders Klinghardt, Evangelium (s.-Anm.-66), 90. 77 Vgl. zum pseudepigraphen Charakter und zur Datierung in die 2. Hälfte des 2. Jh. Rein‐ hard M. Hübner, Thesen zur Echtheit und Datierung der sieben Briefe des Ignatius von Antiochien, in: ZAC 1 (1997), 44-72; Thomas Lechner, Ignatius adversus Valentinianos? seinem Verhältnis zum für Marcion bezeugten Evangelium anzunehmen ist, hat Matthias Klinghardt ausführlich gezeigt. 74 Für die Erklärung des Vorkommens von für Marcion bezeugten Les‐ arten in Handschriften der kanonischen Vierevangeliensammlung und der 14-Briefe-Sammlung ist ein Blick auf die antike Editionspraxis erhellend: Antike Autoren brachten vor der Publikation Überarbeitungsnotizen interlinear oder am Rand an. Die so entstehende Mastercopy mit Korrekturen letzter Hand diente als Grundlage für die Publikation. Eine solche konkrete Textfassung einer Ausgabe kann (entsprechend Minks zweiter Option zum Verhältnis von Ausgangstext und „Autograph“) als historisch plausible Hypothese über die Handschriftentransmission verstanden werden. Diese redigierte „Mastercopy“ enthielt an manchen Stellen zwei Lesarten nebeneinander - die Korrektur und die ursprüngliche Lesart; in einem (kleineren) Teil der Handschriftent‐ ransmission, insb. in den sog. „westlichen“ sind dann die korrigierten Text‐ fassungen zurück in den Text „gerutscht“. Dadurch ist erklärbar, warum die auffälligen, üblicherweise als „westlich“ charakterisierten Lesarten nicht nur im Lukasevangelium und in den Paulusbriefen, die auch für Marcion bezeugt sind, vorkommen, sondern auch in den übrigen Evangelien 75 und Briefen der Paulusbriefsammlung. 76 Die Entwicklung von einer kürzeren zu einer erweiterten Briefsammlung entspricht im Übrigen dem in der Antike üblichen Verlauf, wie sich etwa am Beispiel der Ignatiusbriefe zeigt. Deren Überlieferungsgeschichte belegt explizit mehrere Editionsstufen und einen kontinuierlichen Wachstumsprozess, wobei am Anfang vermutlich eine in der syrischen Überlieferung bezeugte Drei-Briefe-Sammlung stand, während die gängige Sieben-Briefe-Sammlung 77 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 65 Chronologische und theologiegeschichtliche Studien zu den Briefen des Ignatius von Antiochien (SVigChr 47), Leiden 1999; Thomas Lechner, Ignatios von Antiochia und die Zweite Sophistik, in: Thomas Johann Bauer/ Peter von Möllendorff (Hg.), Die Briefe des Ignatios von Antiochia. Motive, Strategien, Kontexte (Millennium-Studien/ Millennium Studies-72), Berlin/ Boston-2018, 19-68. 78 Vgl. Markus Vinzent, Writing the History of Early Christianity. From Reception to Retrospection. Cambridge/ New York 2019, 266-464; Markus Vinzent, Ignatius of Antioch on Judaism and Christianity, in: Claudia Kampmann/ Ulrich Volp/ Martin Wall‐ raff/ Julia Winnebeck (Hg.), Kirchengeschichte. Historisches Spezialgebiet und/ oder theologische Disziplin (Theologie - Kultur - Hermeneutik 28), Leipzig 2020, 61-80; Markus Vinzent, Ignatius of Antioch through the Centuries, in: CrSt 42 (2021), 291- 314, der die weitgehend in Vergessenheit geratene These William Curetons aus dem 19. Jh. aufnimmt. Weiterführend Jack Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison, erscheint in: Studia Patristica Supplements, Leuven-2025. 79 Vgl. weiterführend Matthias Klinghardt, Die Schrift und die hellen Gründe der textkri‐ tischen Vernunft. Zur Textgeschichte der neutestamentlichen Handschriftenüberliefe‐ rung, in: ZNT-39/ 40 (2017), 87-104. 80 Vgl. dazu den umfassenden Rekonstruktionsversuch Vinzent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung, Bd.-1/ 2 (s.-Anm.-66), der ausgiebig zu diskutieren sein wird. 81 Die Teilrekonstruktionen sind allerdings so substantiell, dass sie valide Schlussfolge‐ rungen im Hinblick auf redaktionsgeschichtliche Untersuchungen ermöglicht. bereits eine stark überarbeitete Fassung darstellt und außerdem noch eine redak‐ tionell umfangreich Edition der Briefe aus dem vierten Jahrhundert belegt ist. 78 Im Falle der Ignatiusbriefe sind auf der Grundlage der erhaltenen Handschriften also mindestens drei unterschiedliche Ausgangstexte unterschiedlicher Ausga‐ ben rekonstruierbar. Das Paradigma des Urtextes ist dagegen sowohl für die ntl. Texte als auch für die Ignatiusbriefe methodisch unzureichend, da es die historisch nachweisbaren Editions- und Redaktionsstufen nicht angemessen berücksichtigen kann und zudem ein grundsätzlich unsicheres Verhältnis zwi‐ schen den auf der Grundlage der Handschriften rekonstruierbaren Ausgangs‐ texten und den tatsächlichen Autographen bestehen bleibt. Für die ntl.-Textkritik hat diese Einsicht zur Folge, dass anstatt des hybriden Textkonstrukts der kritischen Ausgaben, die z. T. Varianten der für Marcion bezeugten ntl. Texte in den Obertext aufnehmen und damit einen Mischtext der beiden Ausgaben darstellen, eigentlich nur der Text der 14-Briefe-Samm‐ lung bzw. die Vierevangeliensammlung sicher rekonstruiert werden kann. 79 Die 10-Briefe-Sammlung 80 bzw. das für Marcion bezeugte Evangelium können zum Teil rekonstruiert werden. 81 Wie hoch z. B. der Übereinstimmungsgrad des Textes der 10-Briefe-Sammlung mit den Autographen der historischen Paulusbriefe, also dem „Urtext“ ist, bleibt aus Mangel an Zeugnissen schwer einzuschätzen. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 66 Jan Heilmann 82 Vgl. dazu als ersten weiterführenden Impuls Günter Röhser, Kanonische Ausgabe und neutestamentliche Theologie. Mögliche Konsequenzen einer textgeschichtlichen These, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Text (s.-Anm.-32), 259-284. Das Paradigma des Urtextes erweist sich angesichts der komplexen Überlie‐ ferungsgeschichte ntl. Schriften als methodisch unzureichend, da es weder die historisch nachweisbaren Editions- und Redaktionsstufen angemessen be‐ rücksichtigen kann noch das grundsätzlich unsichere Verhältnis zwischen rekonstruierbaren Ausgangstexten und tatsächlichen Autographen reflektiert. Wenn die Textkritik nur einen Text des 2. Jh. zur Verfügung stellen kann, steht die ntl. Wissenschaft vor der fundamentalen Herausforderung, über ihren Gegenstand neu nachzudenken und zu reflektieren, welche methodischen Konsequenzen sich daraus für die Einleitungsfragen sowie die Auslegung und die theologische Arbeit mit diesen Texten ergeben. 82 Jan Heilmann, *1984, Dr. theol., studierte Ev. Theologie, Geschichte und Germanistik in Bochum und Wien. Nach Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bochum, Münster und Dresden war er von 2020-2023 Professor für Neues Testament mit dem Schwerpunkt griechisch-rö‐ mische Kultur an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU München. 2023 nahm er einen Ruf auf die Pro‐ fessur für Biblische Theologie am Institut für Evangelische Theologie an der TU Dresden an. In seiner Forschung beschäftigt er sich u. a. mit dem Johannesevangelium, der antiken Mahlkultur, der neutestamentlichen Text- und Kanongeschichte sowie den Kulturtechniken Lesen und Schreiben in Antike und frühem Christentum. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 67 1 Mein Dank gilt der Cambridge University Press für die Erlaubnis, bestimmte Argumen‐ tationslinien aus meiner Monographie The Origins of Early Christian Literature. Con‐ textualizing the New Testament within Greco-Roman Literary Culture, Cambridge-2021, für diesen Beitrag zu reproduzieren. Mein tiefer Dank gilt ebenso Jan Heilmann für seine unerschütterliche Geduld, Kollegialität und, im vorliegenden Fall, Übersetzungshilfe. Jenseits der Gemeinde Eine Neubewertung der Entstehungskontexte der Evangelien Robyn Faith Walsh Während Schriftsteller ihre Werke im Allgemeinen mit bestimmten Zielgruppen als implizite Rezipienten verfassen, beschreiben sich griechische und römische Autoren regelmäßig als Akteure innerhalb literarischer Netzwerke Gleichge‐ sinnter - ein kompetitives Feld gebildeter Gleichrangiger und assoziierter Spezialisten, die literarische Bildung förderten, Interpretation betrieben und ihre Werke zirkulieren ließen. 1 Diese Netzwerke konnten gebildete Personen mit verschiedenen sozialen Hintergründen umfassen. Jedes Mitglied besaß die notwendige Ausbildung und die Voraussetzungen zur Produktion oder Veröffentlichung verschiedener Textgattungen. Jeder Einzelne war zudem an bestimmte Erwartungen und Konventionen der Ausbildung, des Lesens, der Komposition und des literarischen Austauschs gebunden. Während man dazu in der Lage war, innovative Texte zu produzieren, war man dennoch den Vorgaben von Genre sowie der Notwendigkeit des Zitierens und Anspielens auf bereits bekannte Literatur verpflichtet, um Kenntnis von und Auseinandersetzung mit anderen Werken ihres literarischen Feldes zu demonstrieren. Die Hypothese dieses Beitrags lautet: Es ist naheliegend, dass die Evange‐ lienautoren ähnlich ausgebildet und sozial positioniert waren und innerhalb von Kreisen gleichgesinnter kultureller Eliten arbeiteten. In ihrem kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext sind die Autoren der Evangelien nicht die „Gründerväter“ einer religiösen Tradition - zumindest im historischen Moment der Entstehung. Sie sind rationale Akteure, die Literatur über einen Lehrer Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 2 Vgl. Stanley K. Stowers, Kinds of Myths, Meals, and Power. Paul and Corinthians, in: Ron Cameron/ Merrill P. Miller (Hg.), Redescribing Paul and the Corinthians, Atlanta 2011, 105-114, hier 105: „incomparable uniqueness“. 3 Vgl. Jennifer Eyl, Signs, Wonders, and Gifts. Divination in the Letters of Paul, New York-2019. 4 Matthew D.-C.-Larsen, Gospels Before the Book, New York-2018, 11. und Wundertäter namens Jesus produzierten. Dieser konkrete Stoff bot zahl‐ reiche Möglichkeiten, literarische Techniken und Motive im Austausch mit anderen Schriften (und Schriftstellern) des Milieus einzusetzen - einschließlich Diskursen über Götter, Praktiken und Texte des frühen Judentums, Philosophie, Politik und Paradoxographie. Kurz gesagt repräsentieren die Evangelien die strategischen Entscheidungen gebildeter griechisch-römischer Schriftsteller, die innerhalb eines umgrenzten Feldes literarischer Produktion arbeiteten. Es ist dieses soziale Netzwerk literarisch gebildeter Kulturproduzenten, das im Folgenden zu betrachten ist, und zwar mit dem Ziel, Erklärungsmodelle zu entwickeln, die den tatsächlichen sozialen Verflechtungen und Kompetenzen dieser Fachkreise entsprechen. Die rhetorische Gestaltung, die Themen und die narrative Struktur der Evangelien zeigen, dass die Evangelien Produkte spezifischer literarischer Tra‐ ditionen der Kaiserzeit sind. Sie weisen keine unvergleichlichen Alleinstellungs‐ merkmale auf. 2 Es ist sicherlich keine besondere Innovation zu konstatieren, dass die Evangelien keine Gattung sui generis im 1./ 2. Jh. darstellen und dass die Verfasser, anders als die ältere Formgeschichte behauptet, als „Jäger und Sammler“ von Traditionen und nicht als eigenständige Autoren zu verstehen wären. Allerdings hat diese Einsicht die Forschung nicht davon abgehalten, die Evangelien - und ihre Verfasser - weitgehend so zu behandeln, als seien sie außergewöhnlich. Wir wissen zum Beispiel, dass die Evangelienverfasser stark von den Mittelplatonikern, Stoikern und anderen populären Philosophien der Zeit beeinflusst waren. Dennoch werden philosophische Terminologie oder Anspielungen (z. B. eidos, pneuma, logos, pistis) noch immer mit Lexemen übersetzt, die in der westlichen, insbesondere protestantischen christlichen Tradition geprägt wurden (z. B. „Geist“). 3 Wir wissen, dass die Zuschreibung der Urheberschaft an göttliche Kräfte oder die Anonymität des Autors in dieser Zeit übliche rhetorische Praktiken sind, aber wenn dies in den Evangelien vorkommt, wird diese Strategie mit dem Paradigma mündlicher Tradition, dem Gedächtnis oder einer „kollektiven Autorschaft“ in Verbindung gebracht. 4 Wir wissen, dass griechische und römische Autoren routinemäßig phantasievolle paradoxogra‐ phische oder topographische Beschreibungen ihrer Themen anbieten, um Wis‐ sen aus erster Hand zu suggerieren; bei den Evangelien werden diese Verweise Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 70 Robyn Faith Walsh 5 Als rhetorischer Topos gilt der Zugang zu Augenzeugenberichten als den schriftlichen Berichten vergangener Ereignisse überlegen. Im Phaidros deutet Sokrates an, dass Schrift eine besondere Eigenschaft hat, ähnlich einem Gemälde, das „lebende Wesen (hōs zōnta)“ zeigt, die „[unterschiedslos] immer nur ein und dasselbe sagen (sēmainei monon tauton aei)“ und keine Macht haben, sich selbst zu schützen (oute boēthēsai dynatos hautō) (Platon, Phaidros 275D-E). Polybios erklärt unter Berufung auf Heraklit, dass sowohl Hören als auch Sehen Wissen vermitteln, aber von beiden „die Augen viel genauere Zeugen sind als die Ohren (ophthalmoi gar tōn ōtōn akribesteros martyres)“ (Polybios-12,27,1). 6 Einige bemerkenswerte Ausnahmen: Ilaria Ramelli, The Ancient Novel and the New Testament. Possible contacts, in: Ancient Narrative 5 (2007), 41-68; Slawomir Poloczek, Pusty grób Kalliroe i Chrystusa, U schyłku starożytności, in: Studia źródłoznawcze 13 (2014), 9-32; Eric Foster-Whiddon, John as Divine Romance. Reading the Fourth Gospel with the Ancient Novel, unveröffentlichte Dissertation, University of St. Andrews, 2024. 7 Stowers, Myths (s.-Anm.-2), 106. (routinemäßig) in gewissem Maße wörtlich genommen (z. B. der Kontakt mit „Augenzeugen“ im Vorwort des Lukas). 5 In der Forschungsdiskussion werden seit langem Parallelen zwischen den kanonischen Evangelien und Werken der antiken Literatur, wie z. B. dem griechischen Roman oder der Satyrica, diskutiert, darunter die gemeinsamen Topoi der rituellen Salbung, Kreuzigung, eines Verschwindens vom Kreuz, des Gemeinschaftsmahls, einer (implizierten) Auferstehung und das Motiv des leeren Grabes. Dennoch sind ausführliche komparatistische Analysen zwischen diesen antiken Korpora äußerst selten. 6 Die verengte Perspektive der neutestamentlichen Forschung ist größtenteils eine Folge der nachträglichen Stilisierung der Evangelien zu sakrosankten Zeugnissen der christlichen Ursprungsgeschichte in der Rezeptionsgeschichte. Stanley K. Stowers hat diese Tendenz beschrieben als eine neutestamentliche Dominanz „by the internal perspectives of Christian theology“ oder „academic Christian theological modernism.“ 7 In zirkulärer Logik erscheinen die sogenann‐ ten frühen Christen uns ähnlich, gerade weil das Christentum die westliche Politik, Philosophie und Ethik so nachhaltig geprägt hat. Dieser interpreta‐ tive Anachronismus löst die neutestamentlichen Schriften von ihrem sozialge‐ schichtlichen und kulturgeschichtlichen Kontext, um späteren theologischen Bedürfnissen zu dienen. Infolgedessen perpetuieren wir einen noch immer existierenden Mythos der raschen Institutionalisierung, den Zusammenhalt und die unvergleichlichen Ursprünge - den „Urknall“ - der Jesusbewegung. Solche Interpretationen werden verstärkt, wenn einem Werk literarische Raffinesse fehlt, was Assoziationen zu nicht-literarischen Ausdrucksformen oder sozialen Praktiken (z. B. mündliche Tradition und „Gemeinden“) oder zu obskuren bzw. spezialisierten Schriftformen (z. B. hypomnēmata) nahelegt. Es besteht die Gefahr, dass diese Arten von Assoziationen Kategorienfehler Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 71 8 Candida Moss, God’s Ghostwriters. Enslaved Christians and the Making of the Bible, New York-2024. 9 Vgl. Richard Last, The Social Relationships of Gospel Writers. New Insights from Inscriptions Commending Greek Historiographers, JSNT 37 (2015), 223-252 und Andrew M. Riggsby, Caesar in Gaul and Rome. War in Words, Austin 2006, 134: „One of the most striking things about the commentarius, in contrast to most literary genres of antiquity, is its wide range of authorship. Known writers are spread broadly in time, space, and social status.“ implizieren. Sie entspringen modernen Annahmen über soziale Zugehörigkeit und Ökonomie, die keine Entsprechung in der antiken Welt haben. Die Be‐ hauptung, dass Literalität in der Antike direkt mit der Klassenzugehörigkeit zusammenhängt, ist selbst anachronistisch: Höhere Bildung und Kenntnis der paideia korrespondierten nicht notwendigerweise mit dem ökonomischen oder sozialen Status, wie häufig insinuiert wird. Wie die satirischen Deipnosophisten oder Trimalchio in der Satyrica zeigen, garantierte die Teilnahme an der dominanten literarischen Kultur nicht, dass jemand lesen und schreiben konnte. Ebenso benötigte man nicht unbedingt Reichtum, hohen Stand oder sogar Freiheit, um ein literarischer Kulturproduzent zu sein, wie im Fall des ehemals versklavten Epiktet. 8 Auch bestimmte Schreibgattungen (z. B. commentarii) sind keine zuverlässigen Indikatoren für die Bildung, relative Fertigkeit oder die gesellschaftlich privilegierte Stellung eines Autors. 9 Daher überschreiten Forschende die Grenzen des wissenschaftlich Belegbaren, wenn sie die Evange‐ lien als Ergebnis kollektiver Autorschaft, als bloße Gedächtnisstützen oder als Werke bildungsferner oder gesellschaftlich randständiger Verfasser deuten. Am Gemeindeparadigma orientierte Interpretationen nehmen allzu oft die Beschrei‐ bungen der Evangelien von bescheidenen, analphabetischen Massen, ländlichen Nicht-Eliten und imperialen Widerständlern als repräsentativ für den prototy‐ pischen „frühen Christen“. Dass die Evangelienverfasser tatsächlich römische literarische Eliten sein könnten, die über übernatürliche Interessen, fremde und ländliche Landschaften und Völker schrieben, scheint im Widerspruch dazu zu stehen, wie wir uns die Anhänger Jesu seit Jahrtausenden vorgestellt haben. Doch diese idealisierte Version der frühchristlichen Geschichte verwechselt in sozialromantischer Perspektive den Gegenstand der Evangelien mit ihren Autoren. In ähnlicher Weise tragen bestimmte rhetorische Herangehensweisen in den Evangelien dazu bei, sie als außergewöhnlich erscheinen zu lassen. Die Evangelien erzählen, dass Jesus durch seine Geburt, seine Lehren und sein Wunderwirken als Sohn Gottes göttlich legitimiert ist - eine machtvolle Gestalt, selbst wenn er sozial benachteiligt erscheint. Er wird abwechselnd als Rätselsteller und Vermittler esoterischen Wissens oder als ethischer Leh‐ rer und Wundertäter dargestellt. Anders als die angesehenen Staatsmänner, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 72 Robyn Faith Walsh Dichter und Philosophen, die üblicherweise in antiken Biographien porträtiert wurden, offenbaren Jesu außergewöhnlicher Scharfsinn und übernatürliche Kräfte seine Autorität und seinen Status. In ihrer Kombination vermitteln diese Merkmale, dass Jesus eine unvergleichliche Gestalt ist, und legen nahe, dass die Evangeliengattung eine innovative Abkehr von früheren literarischen Formen darstellt. Doch vergleicht man den Jesus der Evangelien mit der populären Literatur des 1.-Jh.-n.-Chr., so zeigen sich deutliche Parallelen zu den Kynikern, Äsop, den Helden des griechischen Romans oder geistreichen Außenseitern in der biographischen Tradition. Darüber hinaus vermitteln viele der von den Evangelienverfassern verwendeten Topoi zwar Jesu besondere Stellung, tun dies aber durch vertraute literarische Anspielungen - das leere Grab beispielsweise findet sich im Roman und zahlreichen paradoxographischen Fragmenten als Hinweis auf übernatürlichen Status. Selbst strategische Auslassungen wie die Anonymität sind gängige Kunstgriffe unter kaiserzeitlichen Schriftstellern und können ohne Verbindungen zu Gedächtnistraditionen oder gemeinschaftlicher Autorschaft verstanden werden. Die Evangelien vermitteln freilich Vorstellungen von bestimmten sozialen Formationen - einschließlich Gemeinschaften von Schülerinnen und Schülern oder die ekklēsia. Wenn man selbstverständlich annimmt, dass diese Gruppen mit der sozialen Welt des Autors korrespondieren, dann ist es kaum verwun‐ derlich, dass die Forschung der Idee einer frühen „christlichen Gemeinden“ so viel Aufmerksamkeit widmet. Traditionelle Ansätze zu den synoptischen Evangelien sind hier aufschlussreich. Das explosive Wachstum des frühen Christentums bei Lukas wird oft als deskriptiv, nicht als apologetisch angesehen. Matthäus fehlt derselbe Fokus auf Institutionalisierung und schnelles Wachs‐ tum, aber sein anhaltendes Interesse an Gruppendynamik und einem idealen Israel wird als Beleg für seine gelebten Bestrebungen angesehen. Das Markus‐ evangelium bietet in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Ausnahme, insofern sein störrischer Jesus häufiger missverstanden als verehrt wird. Sein Bericht bietet wenig in Bezug auf Gemeinde und schnelle Institutionalisierung - dies ist schließlich das Evangelium, das ursprünglich mit zwei Frauen endete, die vom leeren Grab Jesu fliehen, verwirrt und verängstigt, und „niemandem etwas sagen“ (oudeni ouden eipan; Mk 16,8). Die Tatsache, dass selbst bei Markus beständig Konzepte von Gemeinde und frühchristlichen sozialen Formationen in den Text hineingelesen werden (z. B. die „community of the new ages“ bzw. die markinische Gemeinde), offenbart die methodischen Schwächen dieses Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 73 10 Vgl. Howard C. Kee, Community of the New Age. Studies in Mark’s Gospel, Macon 2000. Dwight N. Peterson illustriert diese Verwirrung gut am Beispiel des Markusevangeli‐ ums: „Mark’s community has not yielded a controlled field of interpretation. The reason for this is that virtually every scholar who discovers a Markan community behind the Gospel - that is, the community for which the Gospel was written, and which is supposed to serve as a control for a reading of Mark - discovers a different Markan community“; Dwight N. Peterson, The Origins of Mark. The Markan Community in Current Debate, Leiden-2000, 152. 11 William E.-Arnal, The Collection and Synthesis of ‚Tradition‘ and the Second-Century Invention of Christianity, Method and Theory in the Study of Religion 23 (2011), 193-215, hier-199. Rekonstruktionsansatzes. 10 Nicht jedes Thema, das von einem Autor behandelt wird, repräsentiert etwas Konkretes über seine persönliche soziale Realität, sondern demonstriert vielmehr seine literarische Sozialisation, seine Interessen und seine narrative Vorstellungskraft. Dass die synoptischen Evangelien auch Ähnlichkeiten in ihrem Inhalt und ihrer Thematik aufweisen, kann, wo sie sich nicht ohnehin aus literarischer Abhängigkeit ergeben, ebenso leicht auf Wett‐ bewerb oder Kontakt zwischen den Autoren hindeuten wie auf gemeinsame Traditionen, die von verschiedenen Gruppen von Christen bewahrt wurden. Schließlich haben die synoptischen Evangelien, als sie gemeinsam (in ihrer kanonischen Form) in Umlauf gebracht wurden, retrospektiv betrachtet dazu beigetragen, eine zusammenhängende und legitimierende Geschichte für das Christentum zu konstruieren. Die Berichte der Apostelgeschichte über Heil‐ ungen, Auferstehungen, wundersame Massenbekehrungen und durch Engel unterstützte Gefängnisausbrüche bekräftigten diese bemerkenswerte Darstel‐ lung der Ursprünge und Entwicklung des Christentums. Die Erzählungen der Apostelgeschichte von Heilungen, Auferstehungen, wundersamen Massenbe‐ kehrungen und engelgeleiteten Gefängnisausbrüchen komplementieren dieses beeindruckende Entstehungsnarrativ des Christentums. Wundersame Anfänge und machtvolle Gestalten vermitteln den Anspruch, ernst genommen zu wer‐ den. Bei der Beanspruchung einer traditionsreichen Vergangenheit genügen nur „ehrwürdige Wurzeln“. 11 Die Darstellung des Paulus in der Apostelgeschichte als wunderwirkender Apostel für die Heiden und autoritativer Gründer zahlreicher früher Jesus-Gemeinden verstärkte die Vorstellung, dass das frühe Christentum institutionell gefestigt und weit verbreitet gewesen wäre. Paulus als Leitfigur und Märtyrer sollte bei späteren Autoren wie den Verfassern der Pastoralbriefe, der Paulusakten, bei Markion und Irenäus fortwirken - trotz der Tatsache, dass Paulus’ eigene Briefe offenbaren, dass sein Wirken auf weitaus umstrittenerem Boden stand. Im 1Kor versucht Paulus beispielsweise, ein Gefühl der Einheit unter seinen Adressaten hervorzurufen, indem er eine Rhetorik etablierter Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 74 Robyn Faith Walsh 12 Wie der Soziologe Rogers Brubaker warnt: „We must […] take vernacular categories and participant’s understandings seriously, for they are partly constitutive of our objects of study. But we should not uncritically adopt the engaged categories of ethnopolitical practice as our categories of social analysis.“ Rogers Brubaker, Ethnicity Without Groups, Cambridge-2004, 10. Hervorhebung im Original. 13 Willi Braun, Schooled Intelligence, Social Interests, and the Sayings Gospel-Q, Vortrag beim Westar Seminar on Christian Origins, Santa Rosa Oktober 2007, 55. Zitiert nach Arnal, ‚Tradition‘ (s.-Anm.-11), 201. 14 Die Phrase „invented tradition“ oder „the invention of tradition“ stammt aus der Arbeit von Eric Hobsbawm, die weiter unten diskutiert wird. Vgl. Eric Hobsbawm, Introduction. Inventing Traditions, in: Eric Hobsbawm/ Terence Ranger (Hg.), The Invention of Tradition, Cambridge 2010, 1. Ich beziehe mich in diesem Abschnitt in einem etwas engeren Sinne auf Hobsbawm. 15 Bart Ehrman, The New Testament. A Historical Introduction to Early Christian Wri‐ tings, Oxford- 6 2016. Gruppen bemüht. 12 Daraus folgt jedoch nicht, dass diese vermeintliche Gruppe tatsächlich geschlossen war. Dennoch bleiben die in den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte (und anderen Schriften des frühen Christentums) dargestell‐ ten „Gemeinden“ und anderen Gemeinschaften das Modell für das Verständnis frühchristlicher sozialer Netzwerke im ersten Jahrhundert. Die kanonisch zusammengestellten „christlichen“ Schriften erzählen eine Ursprungsgeschichte der Jesusbewegung - ein „sofort gealtertes“ Christentum - und schaffen damit ein Fundament, von dem aus Kontinuität beansprucht werden kann. 13 Mit anderen Worten: Schriften wie die Evangelien, die Apostel‐ geschichte und die Paulusbriefe haben in ihrer Kombination eine Tradition erfunden. 14 Nach einem langen Prozess der Konsensbildung gelten die Schriften des NT als maßgebliche Darstellung des Lebens Jesu, der Jesusbewegung, der Mission des Paulus und der Gründung der frühen Kirche. Wir sind uns der historiographischen Probleme der Evangelien bewusst; nur wenige Gelehrte bestreiten, dass es sich um Dokumente handelt, die mindestens ein oder zwei Generationen nach dem Tod Jesu verfasst wurden. Dennoch platziert eines der am weitesten verbreiteten Lehrbücher im englischsprachigen Raum seine Diskussion der Evangelien vor den Briefen des Paulus und suggeriert damit, dass sie trotz ihrer chronologischen Einordnung nach dem Jüdischen Krieg eine zuverlässige historische Darstellung bieten. 15 Die Theorie der mündlichen Überlieferung hat dazu beigetragen, eine selbst‐ referenzielle Rechtfertigung für diesen Ansatz zu schaffen: Wenn die Evange‐ lienverfasser die oralen Volkstraditionen der frühen Christen aufgezeichnet hätten, müssten zumindest einige dieser Details oder Aussprüche „authentisch“ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 75 16 Natürlich ist dies die zentrale Aufgabe von Organisationen wie The Jesus Seminar, die versuchen zu identifizieren, welche dieser Aussprüche oder Passagen mit größter Wahrscheinlichkeit authentisch sind. 17 Die Frage, was die Kategorie „Romantik“ umfasst, ist komplex. Es ist allgemein anerkannt, dass sie philosophische und theologische Denkrichtungen bezeichnet, die nach der Arbeit von Friedrich Schlegel entstanden, allerdings findet man gelegent‐ lich Sekundärliteratur, die die deutschen intellektuellen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts als Periode romantischen Denkens bezeichnet und die Idealisten (z. B. Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Wilhelm Friedrich Hegel) unter dem romantischen Banner subsumiert. In gewissem Maße ist dies eine irreführende Bezeichnung, die den Grad nicht würdigt, in dem die eigentliche Romantik als Gegenbewegung zu post-kantianischen idealistischen Ansichten entsteht, dennoch erkennt der Begriff den Komplex politischer, sozialer und intellektueller Veränderungen an, der die romantische Ära nach den amerikanischen, französischen und sogenannten kopernikanischen Revolutionen charakterisierte. Zugegebenermaßen habe ich den Be‐ griff verwendet, um eine Vielzahl von Anti-Aufklärungs-Positionen in Deutschland zu umfassen. Bemerkenswert ist, dass sich dieser Beitrag im Interesse der Besonderheit auf die deutsche Romantik konzentriert, da diese Bewegung das Feld der Neutestamentli‐ chen Wissenschaft/ der Alten Kirchengeschichte direkter beeinflusst hat. Es gibt jedoch sein. 16 In ähnlicher Weise gilt: Wenn die prägendste Gruppe für den Evangeli‐ enverfasser seine Gemeinde von Mitchristen wäre, dann würde der Inhalt dieser Schriften nicht übermäßig durch „äußere“ literarische Einflüsse oder Konkur‐ renz verfälscht. Eine Strategie, die diese These stützt, ist die Vermutung, dass die Evangelienverfasser bestimmte Erzählungen oder Lehren aufnehmen, um der religiösen Gemeinschaft zu dienen, für die sie vermutlich schreiben. Diese Ansätze interpretieren die Evangelien als besondere Art von Sozialgeschichte, die mehr mit gegenwärtigen Interessen als mit den üblichen Prozessen der Schriftsteller dieser Zeit zu tun hat. Die Vereinigung dieser Texte zu einem konzeptionellen Ganzen hat auch bewirkt, dass aus einem ansonsten amorphen Anfang eine narrative Kohärenz und eine historische Entwicklungslinie konstruiert wurden. Durch eine Betrach‐ tungsweise, die den eigenen Ursprungsmythos des Christentums fortschreibt, verstehen wir die Evangelien nicht mehr ohne Weiteres als „normale“ antike Literatur, die von gebildeten, elitären Mitgliedern der griechisch-römischen Gesellschaft verfasst wurde. Die theologischen und ideologischen Ziele nach‐ folgender Generationen haben dazu beigetragen, dass wir diese Werke als Bestätigung von Gemeinde, Zusammenhalt, Bekehrung und Stabilität lesen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie kam die neutestamentliche Wissenschaft (verglichen mit der klassischen Philologie) zu so eigentümlichen Schlussfolgerungen über die Evangelien und verwandte Werke? Von besonderem Einfluss war die deutsche Romantik. 17 Seit der Romantik haben WissenschaftlerInnen, die versuchten, die sozialen Wurzeln der Jesusbe‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 76 Robyn Faith Walsh sicherlich starke Verbindungen zwischen den Themen und Methoden, die ich hier diskutiere, und anderen romantischen Bewegungen, insbesondere in Großbritannien und in der Arbeit von Denkern wie Blake und seinem Marriage of Heaven and Hell, „Introduction“ zu Songs of Experience und dem Vorwort zu Milton. Dies ist ein Thema, zu dem ich in Zukunft zurückkehren möchte. 18 Novalis, Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, Bd. 3: Das philosophische Werk II, hg. v. Richard. Samuel/ Hans-Joachim Mähl/ Gerhard Schulz, Stuttgart 1968, 548. 19 James C. Livingston, Modern Christian Thought, Bd. 1: The Enlightenment and the Nineteenth Century, Minneapolis- 2 2006, 193. 20 Johann Adam Möhler, Die Einheit in der Kirche, oder das Princip des Katholicismus. Dargestellt im Geiste der Kirchenväter der drei ersten Jahrhunderte, Tübingen 1825, 43; Livingston, Modern Christian Thought (s. Anm. 19), 193. Die Vorstellung eines „sensus communis“ war sowohl im Aufklärungsdenken als auch im deutschen romantischen Denken weit verbreitet und beständig. Vgl. Gerald E. P. Gillespie/ Manfred Engel/ Ber‐ nard Dieterie (Hg.), Romantic Prose Fiction, Philadelphia-2008, 517. wegung zu verstehen, die Evangelienverfasser häufig wie einen romantischen „Dichter“ behandelt, der die spontanen und wundersamen Ursprünge eines geeinten Volkes chronologisch festhält. Im Kern des politischen Romantizis‐ mus und des deutschen Idealismus stand die Vorstellung, dass Menschen und menschliche Kultur nicht außerhalb einer Gemeinschaft oder eines Staates existieren können. Der frühe romantische Dichter Novalis (1772-1801) argu‐ mentierte etwa: Um Mensch zu werden und zu bleiben, bedarf er eines Staats. Der Staat hat natürlich Rechte und Pflichten, wie der einzelne Mensch. Ein Mensch, ohne Staat ist ein Wilder. Alle Kultur entspringt aus den Verhältnissen eines Menschen mit dem Staate. 18 Diese Auffassung wurde auch im Werk der romantischen Denker Friedrich Schlegel (1772-1829) und Johann Adam Möhler (1796-1838) vertreten, die behaupteten, dass das „authentic Christian consciousness belongs not only to the solitary homo religiosus […] [it] is fundamentally collective and commu‐ nal, the sensus communis of the faithful.“ 19 Möhler verschmilzt explizit das „christliche […] Bewußtsein mit dem immerwährenden Bewußtsein dieser [der Kirche].“ 20 Darüber hinaus vertrat er die Ansicht, dass ein göttlicher Geist oder gemeinschaftlicher Geist seinen Mitgliedern Offenbarung vermittelt und diese Gemeinschaft zusammenhält. Im Falle der Evangelienverfasser waren ihre Chroniken über Jesu Leben und Tod Weisungen des Heiligen Geistes, die die heilige Tradition der Kirche verkörperten und gleichzeitig die Interessen und Bedürfnisse ihrer christlichen Mitgläubigen repräsentierten. Möhler erläutert: „vielmehr finden wir Dies erst, wenn wir das an sich untrügliche Wort truglos in Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 77 21 Johann Adam Möhler, Symbolik, oder, Darstellung der Dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten nach ihren öffentlichen Bekenntnißschriften, Regens‐ burg-1871, 354. 22 Diese verlorene Entwicklungslinie kann in nicht geringem Maße auf die Weltkriege und die aktive Distanzierung vieler Gelehrter von den nationalistischen Unternehmungen deutscher Institutionen und Denker zurückgeführt werden. Für Weiteres über die Auswirkungen der Weltkriege auf die Analysen der deutschen Romantik, vgl. George S. Williamson, The Longing for Myth in Germany. Religion and Aesthetic Culture from Romanticism to Nietzsche, Chicago 2004. Vgl. auch Walsh, Origins (s. Anm. 1), 50-103. 23 Zufälligerweise sollten Herders proto-nationalistische Positionen „fateful consequen‐ ces for the twentieth century“ haben; Livingston, Modern Christian Thought (s. Anm. 19), 73. Am Ende seines Lebens lehnte Herder jedoch den Nationalismus angeblich ab. Vgl. Isaiah Berlin, Three Critics of the Enlightenment. Vico, Hamann, Herder, Princeton-2013, 224f. uns aufgenommen haben. Bei dieser Aufnahme ist die menschliche Thätigkeit schlechthin nothewendig“. 21 Das Konzept „Gemeinde“ wird für das frühe Christentum allzu oft als norma‐ tiv betrachtet. Dies soll nicht bedeuten, dass jede Erwähnung von „Gemeinde“ in der Forschung in direktem oder selbstbewusstem Bezug zu den Romantikern steht. Doch signalisiert die Verwendung dieses oft unzureichend definierten Begriffs ein Problem konzeptueller Klarheit, das das Fach weiterhin belastet: Nämlich die Tendenz, ahistorische romantische Ideologien über den Autor heraufzubeschwören. Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Johann Adam Möhler trugen wesentlich zu der Vorstellung bei, dass Gemeinden die vermutete soziale Umgebung „des Dichters“ oder in diesem Fall des frühchristlichen Autors wären. Eine genaue Lektüre ihrer Werke offenbart eine deutliche Entwicklungslinie von romantischen Methodologien der Literaturbetrachtung zur Formkritik (Formgeschichte) und Redaktionskritik (Redaktionsgeschichte), die bis heute die Herangehensweisen an das NT prägen. Das Fach hat allerdings seine Wurzeln in der Romantik aus den Augen verloren und Bezugnahmen auf dieses Erbe geschehen nicht nur weitgehend unbewusst, sondern auch persistent. 22 Als Schüler Kants und lutherischer Theologe gilt Herder allgemein als Urhe‐ ber des Begriffs des Volksgeistes - des Geistes des deutschen Volkes und der Na‐ tion. 23 Seine wichtigsten Beiträge zum nach-aufklärerischen und theologischen Denken lagen in seiner Kritik der Sprache und Geschichte. Da er die Sprache als „foundation of human consciousness“ betrachtete - und nicht, gegen Hamann, hauptsächlich göttlichen Ursprungs oder, gegen Rousseau, eine menschliche Erfindung -, nahm seine Konstruktion des Kreises von Sprache und Denken in vielerlei Hinsicht Wittgensteins „Sprachspiel“ vorweg und betrachtete Sprache Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 78 Robyn Faith Walsh 24 Livingston, Modern Christian Thought (s.-Anm.-19), 74. 25 Herders Schüler Goethe würde diese Theorie als einen Fall beschreiben, in dem die Natur sich von „einem unbekannten Zentrum“ zu „einer unbekannten Grenze“ hin entwickelt. Johann Wolfgang von Goethe, Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bde., Band-13: Naturwissenschaftliche Schriften-1, hg.-v.-Erich Trunz, München-1981, 35. 26 Johann Gottfried Herder, Sämmtliche Werke, 33 Bde., hg. v. Bernhard Suphan, Ber‐ lin-1877-1913, Bd.-5, 502; Bd.-32: 146. 27 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-24, 48-49. 28 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-24, 43. 29 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-24, 48. 30 Berlin, Three Critics (s.-Anm.-23), 240. als „a series of developing revelations“ des Menschengeschlechts. 24 Um es klar zu sagen: Dies bedeutet nicht, dass er der Meinung war, Sprache signalisiere eine Progression der Geschichte an sich. Vielmehr war jede Epoche der Geschichte - jeder kulturelle Moment - ihr eigener einzigartiger Ausdruck dessen, was Herder als Humanität bezeichnete. 25 Herders Sprachauffassung hatte besondere Implikationen für seine Religionstheorien. Jede Religion ist in eine bestimmte Kultur eingebettet und für diesen Kontext einzigartig: Wer bemerkt hat, was es für eine unaussprechliche Sache mit der Eigenheit eines Menschen sei […] wie anders und eigen Ihm alle Dinge werden nachdem sie sein Auge siehet seine Seele mißt sein Herz empfindet […]. So weit die Hitze von der Kälte, und ein Pol vom andern absteht, so verschieden sind auch die Religionen. 26 Für Herder ist jede Religion, ähnlich wie jede einzelne Nation und Kultur, autonom: „Jede Nation blüht wie ein Baum auf eigner Wurzel.“ Gleichwohl hält er, während er betont, dass jede religiöse Tradition ihre eigene einzigartige und wertvolle Ausprägung einer bestimmten Kultur darstellt, das Christentum dennoch für „nichts als der reine Himmelsthau, für alle Nationen.“ 27 In seinem Ersten Dialog über Nationalreligion (1802) konstruiert Herder ein Gespräch zwischen zwei Freunden, in dem ein Freund den anderen fragt: „Wirst du es mir verübeln […], wenn ich dennoch das Christenthum für die Religion aller Religionen, aller Völker halte? “ Dies führt zu einer ausführlichen Erörterung der Sprache als jener Dimension, die „Völker genetisch unterscheidet“, 28 und weiter dahin, dass derjenige, der „sich seiner Nation und Sprache schämt“, nicht nur die Religion seines Volkes zerrissen hat, sondern auch das Band, „das ihn an die Nation knüpfet“. 29 In Anlehnung an Hamann setzt Herder linguistische Versteinerung mit einem Tal voller Totengebeine gleich, „which only ‚a prophet‘ [such as Socrates, St Paul, Luther, and perhaps himself] could cover with flesh.“ 30 Für Herder war die poetische Sprache der biblischen Texte die gemeinsame Muttersprache des Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 79 31 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-24, 43. 32 Herder, Sämmtliche Werke (s. Anm. 26), Bd. 31, 104: „Gott muß sich also den Menschen ganz menschlich, ganz nach ihrer Art und Sprache, ganz nach ihrer Schwachheit und Eingeschränktheit der Begriffe erklären.“ 33 Livingston, Modern Christian Thought (s.-Anm.-19), 77. 34 Johann Gottfried Herder, Vom Geist der ebräischen Poesie. Eine Anleitung für die Liebhaber derselben, und der ältesten Geschichte des menschlichen Geistes, 2 Bde., Leipzig-1825, 4-5. 35 Herders Begeisterung für die hebräischen Dichter (die Naturmenschen) sollte nicht mit seinen Ansichten über das Judentum des 18. und frühen 19. Jahrhunderts verwechselt werden. Obwohl er den historischen, nationalen Charakter und die Sprache des hebräischen Volkes, wie sie in den Schriften dargestellt sind, aufgriff, bestand er auch darauf, dass Epochen konzeptionell getrennt bleiben und dass im Wesentlichen der moderne Jude wenig Beziehung zur antiken hebräischen Poesie und zum Gesetz hatte. Vgl. Andreas Gerdmar, Roots of Theological Anti-Semitism. German Biblical Interpretation and the Jews, from Herder and Semler to Kittel and Bultmann, Leiden 2009,-59. 36 Die Aussage „wilder Völker“ und ihre Ableitungen findet sich in Herders Vom Geist der ebräischen Poesie durchgängig (s.-Anm.-34); vgl. z.-B. 2, 276, 306. 37 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-5, 164. Volkes, und in dieser Poesie fand sich der Beleg für „das ist unsre eigenste unsre Religionssprache.“ 31 Dennoch konnte man nicht leugnen, dass menschliche Hände an der Abfassung der Bibel beteiligt waren. Herder erkennt an, dass der Text Gottes Worte und Absichten widerspiegelt, wenn auch angepasst an die Schwächen und Grenzen des menschlichen Verstehens. 32 Daher reflektiert die biblische Poesie notwendigerweise die besonderen sprachlichen und kulturellen Merkmale des Volkes, von dem und für das sie verfasst wurde: Der Autor ist ein Vermittler sich entfaltender göttlicher Offenbarung, die in eine für Gottes Volk zugängliche Sprache übersetzt wird, nicht ein autonomer oder rationaler Akteur. 33 Durch das Studium der Poesie und anderer Schriften biblischer Auto‐ ren, so Herders Idee, könne man die „Denkart und Empfindung“ des Volkes erkennen. 34 Vielleicht findet sich Herders beste Illustration des Zusammenhangs zwi‐ schen Natur und Sprache in seinem Werk „Vom Geist der ebräischen Poe‐ sie“-(1782-1783). 35 Hier setzt er die von den hebräischen Dichtern verwendeten sinnlichen Metaphern mit der reinen und kindlichen Natur ihrer „wilden“ Völ‐ ker gleich. 36 „Wild“ ist hier nicht abwertend gemeint (obwohl er unvermeidlich einen herabsetzenden Beiklang impliziert), sondern spiegelt die Einfachheit des Volkes und seine Naturnähe wider. Herder erklärt: „[ J]e wilder, d. i. je lebendiger, je freiwirkender ein Volk ist […] desto wilder, d. i. Desto lebendiger, freier, sinnlicher, lyrisch handelnder müssen auch, wenn es Lieder hat, seine Lieder sein! “ 37 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 80 Robyn Faith Walsh 38 Herder, Poesie (s.-Anm.-34), 2; Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-11, 224. 39 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-11, 293. 40 Herder, Poesie (s. Anm. 34), 9. Ebenso wie Herder die Sprache der Hebräer für einfacher und näher an einem reinen Naturzustand hielt, betrachtete er die kognitiven Funktionen und die Moral dieses Volkes als ähnlich kindlich. Vgl. Herder, Poesie (s.-Anm.-34), 81. 41 Herder, Sämmtliche Werke (s.-Anm.-26), Bd.-32, 204. Dies ist der Rahmen, mit dem Herder seine Untersuchung beginnt. Er beginnt mit einer Würdigung der Musik, die seiner Vorstellung nach die hebräischen Dichter begleitete: Das Geklapper der alten Cymbeln und Pauken, kurz die ganze Janitscharenmusik wilder Völker, die man den orientalischen Parallelismus zu nennen beliebt hat, ist mir dabei im Ohr, und ich sehe noch immer den David vor der Bundeslade tanzen, oder den Propheten Spielmann rufen dass er ihn begeistre. 38 Entsprechend postuliert er, dass die erste Stufe der hebräischen Poesie haupt‐ sächlich mündlich gewesen wäre. Sie sei der unvermittelte Ausdruck des Geistes unter dem Volk und die „die simpelsten Vorstellungsarten der menschlichen Seele.“ 39 Die von diesen Dichtern verwendete Sprache war „die lebendige Sprache Kanaans […], und auch hier nur von ihren schönsten reinesten Zeiten, ehe sie mit der Chaldaischen Griechischen […] vermischt ward“ 40 Laut Herder wurden diese mündlichen Traditionen schließlich als Volkspo‐ esie aufgezeichnet und durchliefen dabei den Prozess der Umwandlung in Literatur. Obwohl die hebräische Poesie in der Sprache ihres Volkes verankert war, war Herder auch bewusst, dass sie durch „Das Gewebe des Buchs nach späterer Denkart“ ging - das heißt, sie durchlief die Hände von Redaktoren. 41 Natürlich hätte dies zu einer gewissen Abwertung der „reineren“ Formen der ursprünglichen Poesie geführt. Dennoch könnte ein Exeget Elemente der vortextuellen mündlichen/ volkstümlichen Traditionen der durch den Text re‐ präsentierten „Nation“ durch analytische Detailarbeit wiedergewinnen. Herders Modell mündlicher Tradition als Grundlage der Literaturentwicklung würde später romantische Folkloristen wie Wilhelm und Jacob Grimm beeinflussen. Seine Methoden haben auch die spätere Formkritik und Redaktionskritik in der neutestamentlichen Wissenschaft geprägt, besonders die Religionsgeschichtli‐ che Schule. Herders theoretische Rekonstruktionen beeinflussten noch unmittelbarer die Arbeit anderer Denker des 19. Jh. wie Johann Adam Möhler. Möhler gehörte zur katholisch-theologischen Erneuerungsbewegung des frühen 19.-Jh. Beeinflusst von Herders Auffassung von Gesellschaft und Religion als organische Formen, entwickelte Möhler eine Theologie, die den Geist von seinem Ausdruck in Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 81 42 J. A. Möhler, Einheit (s.-Anm.-20), 51f. 43 Livingston, Modern Christian Thought (s.-Anm.-19), 193. 44 Möhler, Einheit (s.-Anm.-20), vi. 45 Möhler, Einheit (s.-Anm.-20), 56. 46 Livingston, Modern Christian Thought (s.-Anm.-19), 193. den mündlichen Lehren Jesu bis in Möhlers Gegenwart verfolgte. Er setzte die Gegenwart des Geistes mit einem Traditionsverständnis gleich, in dem keine Unterscheidung zwischen geschriebener Schrift und dem mündlichen oder „lebendigen“ Evangelium besteht, das von den Aposteln an die frühen Christen weitergegeben wurde. Die heiligen Schriften wurden daher nicht als etwas von dem lebendigen Evangelium verschiedenes aufgefaßt, oder das lebendige Evangelium, die mündliche Tradition als etwas verschiedenes von den schriftlichen Evangelien, als eine von diesen verschie‐ dene Quelle: wie beide das Wort und die Lehre des Geistes waren, wie beides von den Aposteln den Gläubigen übergeben worden, so wurden beide Arten des Wortes als schlechthin zusammengehörig angeschaut, als durchaus untrennbar. 42 Daher verstand er die kanonischen Evangelien als Aufzeichnung der mündli‐ chen Lehren Christi oder als „the first written document of that tradition.“ 43 Aufbauend auf Herders Konzept von Gesellschaft und Religion als naturwüch‐ sigen, organisch sich entwickelnden Gebilden betonte Möhler in seinem Werk „Die Einheit in der Kirche“ (1825) die Gegenwart des Geistes innerhalb der christlichen Gemeinschaft und erklärte: „Die Kirche ist […] der Körper des von innen heraus sich bildenden Geistes der Gläubigen.“ 44 Darüber hinaus identifizierte er die Evangelien als den „verkörperten Aus‐ druck“ und „das erste Glied“ des Geistes am Beginn des Christentums. 45 Der Begriff des „verkörperten Ausdrucks“ wurde für die Forschung zu frühchristli‐ chen Texten, die sich mit der Wiedergewinnung der Lehren, Erfahrungen und anderen Überlieferungen imaginierter christlicher Gemeinschaften befasste, zunehmend zentral. James Livingston erklärt: Möhler’s ecclesiology is […] influenced by the Romantic conception of an organic, evolving, living tradition and a united and unbroken community consciousness that is guided by the Divine Spirit, in and through which alone the individual person can understand and appropriate the mysteries of Christian life and belief. 46 In der Auseinandersetzung mit seinen protestantischen Gesprächspartnern sah Möhler - wie Herder - die Evangelien jedoch nicht als unfehlbar an. Vielmehr betrachtete er sie als Aufzeichnung des in der menschlichen Geschichte wirken‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 82 Robyn Faith Walsh 47 Rudolf Bultmann, Interpreting Faith for the Modern Era (The Making of Modern Theology-2), New York-1988, 97. 48 Bultmann, Interpreting Faith (s. Anm. 47), 97. 49 Rudolf Bultmann, Primitive Christianity as a Syncretistic Phenomenon, in: Rudolf Bultmann, Primitive Christianity. In its Contemporary Setting, übers. v. Reginald H.-Fuller, London-1956, 209-213. 50 Rudolf Bultmann, The New Approach to the Synoptic Problem, JR 6 (1926), 337-362, hier 341. den Geistes, vermittelt durch die selektiven Entscheidungen der Evangelienver‐ fasser, welche mündlichen und schriftlichen Stoffe sie bewahren wollten. Möhler und Herder repräsentieren jeweils Linien romantischen Denkens in Deutschland, die in der späteren Form- und Redaktionskritik wiederzufinden sind. Für die (älteren) Formgeschichte besaßen frühchristliche Gemeinschaften mündliche Erzählungen und eine kleine Sammlung schriftlicher Texte, die Jesu Lehren zusammen mit Elementen der kollektiven Interpretationen und Ergänzungen der Gemeinschaft bewahrten. In dieser Geschichtskonstruktion fehlte die Vorstellung eines autonomen Autors. Autorschaft wurde grundsätz‐ lich gemeinschaftlich gedacht. Einige Gelehrte verbanden später die Vorstellung eines gemeinschaftlichen Geistes mit der postulierten Volksliteratur christlicher Gemeinschaften und interpretierten den Evangelienverfasser dadurch lediglich als Redaktor kollektiv überlieferter und im Konsens anerkannter Stoffe. Rudolf Bultmann schlug etwa vor, dass man durch kritische Untersuchung […] zeigen könne, dass die gesamte Überlieferung über Jesus, die in den drei synoptischen Evangelien erscheint, aus einer Reihe von Schichten besteht, die im Großen und Ganzen klar unterschieden werden können. 47 Er behauptete, es könne leicht bewiesen werden, dass viele Aussprüche in der Gemeinde selbst entstanden sind, andere wurden von der Gemeinde modi‐ fiziert. Man müsse lediglich Inhalte, die der aramäischen Tradition der ältesten palästinensischen Gemeinde zuzuschreiben seien, von Inhalten trennen, die der offenkundig unterschiedlichen hellenistischen christlichen Gemeinde der späteren Evangelienverfasser und ihrer Mitchristen zuzuordnen seien. 48 Diese hellenistische Form des Christentums wurde als durchdrungen von Platonis‐ mus, Stoizismus, Pneumatologie und anderen Elementen gesehen, die es für sein nicht-jüdisches Publikum ansprechend machten. 49 Solche hermeneutischen Weichenstellungen sollten auch einen maßgebli‐ chen Einfluss auf die Interpretation von Q haben. Bultmann postulierte, dass die angenommene Logienquelle „eine Primärquelle ist, aus der wir ein Bild der ursprünglichen Gemeinde rekonstruieren können, in der die Logien [die Sprüche] entstanden sind.“ 50 Die Bedeutung dieser hermeneutischen Wende lag Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 83 51 Stanley K. Stowers, The Concept of „Community“ and the History of Early Christianity, in: Method and History in the Study of Religion-23 (2011), 238. 52 Stowers, Community (s.-Anm.-51), 245f. darin, dass fortan die Gruppe anstelle des autonomen Autors als primärer Akteur im Schaffensprozess angesehen wurde. In der Forschungsliteratur verschwand die Vorstellung eines eigenständigen Evangelienverfassers nahezu vollständig zugunsten von Konzepten wie dem repräsentativen Schreiber oder Redaktor. Die kollektive Autorschaft wurde zum interpretativen Paradigma. Die Redaktionskritik führte in dieses Schema die Vorstellung eines Redak‐ tors ein, der verschiedene Überreste aus der christlichen Vergangenheit zu einem Text zusammenstellt, der nicht nur Elemente einer „authentischeren“ christlichen Vergangenheit widerspiegelt, sondern auch den Sitz im Leben des Redaktors. Dieser Ansatz führte dazu, dass Forscher die theologische Position des Redaktors untersuchten: Wie das Denken des Redaktors ein gemeinschaft‐ liches Produkt war, das gleichzeitig die einzigartigen Perspektiven und die theologische Ausrichtung der Gruppe bekräftigte und differenzierte. Die Ent‐ scheidungen des Redaktors, welche Geschichten über Jesu Leben aufzunehmen seien, wurden ebenfalls als repräsentativ für die Interessen der jeweiligen Gemeinschaft gedeutet. Erneut wurde somit der Verfasser lediglich als Sprach‐ rohr einer fragmentierten Kollektivität verstanden. Z. T. wird die Gemein‐ schaft-Autor-Perspektive in Verbindung mit der Idee gebracht, dass Autoren in bestimmte soziale oder kulturelle Kontexte (Sitze im Leben) eingebettet sind oder dass ihre Schriften sozial konstruierte Produkte darstellten. Gleichwohl findet man selten Studien, die nicht die vermutete christliche Gemeinschaft des Autors als den unmittelbarsten prägenden und relevanten sozialen Rahmen betrachtet. Diese christliche Gemeinschaft, auf wundersame Weise kohärent und einheitlich in „Denken und Praxis“, wird theoretisch anstelle anderer sozialer Kontexte oder Umgebungen konstruiert. 51 In den letzten Jahren sind in sozialgeschichtlicher Perspektive Einsichten zur sozialen Organisation der frühchristlichen Gemeinschaften in die Diskussion eingebracht - ob sie egalitär, sektiererisch, patriarchalisch, wirtschaftlich oder sozial „geschichtet“ waren -, aber die „Gemeinde“ ist der Ausgangspunkt der Analyse geblieben. Dies ist ein äußerst einschränkender - jedoch beständiger - Ansatz für die frühchristliche Literatur, der es ermöglicht hat, dass „normative theologische Konzepte als deskriptive und erklärende soziale Konzepte auftreten.“ 52 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 84 Robyn Faith Walsh Robyn Faith Walsh ist Associate Professor für Neues Testament und Frühes Christentum und Gabelli Senior Scholar an der Universität von Miami (USA). Sie promo‐ vierte an der Brown University in Religionen des antiken Mittelmeerraums mit Schwerpunkt auf dem frühen Chris‐ tentum, dem antiken Judentum und der römischen Archä‐ ologie. Professor Walsh lehrte am Wheaton College und am College of the Holy Cross und erhielt Lehrzertifikate und eine pädagogische Ausbildung an der Brown University und der Harvard University. Ihre erste Monographie, The Origins of Early Christian Literature: Contextualizing the New Testament within Greco-Roman Literary Culture, wurde kürzlich bei Cambridge University Press veröffentlicht. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0004 Jenseits der Gemeinde 85 Kontroverse Geschichte in Geschichten Einführung in die Kontoverse Michael Sommer Die Ursprünge des Christentums zu erforschen, heißt, sich auf ein spannendes, aber ebenso auf ein höchst kontroverses Terrain zu begeben. In der Kontroverse dieser Ausgabe der ZNT stehen sich zwei Dialogpartner gegenüber, die in ihren methodischen Ansätzen, die Ursprünge des frühen Christentums historisch zu fassen und zu beschreiben, nicht gegensätzlicher sein könnten. Und dennoch ist es beiden gelungen, ein hochintellektuelles und sehr respektvolles Gespräch miteinander zu führen, das den Lesenden den Kern der Intention der Ausgabe ein Stück weit näherbringt. Udo Schnelle und Markus Vinzent liefern sich eine Debatte darüber, wie das frühe Christentum gedacht werden kann - als allmähliche Entwicklung oder als radikale Neuschöpfung. Udo Schnelle setzt auf den klassischen historisch-kriti‐ schen Ansatz. Seine Einleitung ins Neue Testament ist im deutschen Sprachraum mit gutem Recht als Standardwerk zu bezeichnen. Übersetzungen davon prägten und prägen den internationalen Sprachraum. Im Aufschlag der Kontroverse stellt Udo Schnelle seinen Ansatz vor, wonach die neutestamentlichen Schriften Ausdruck einer organischen Traditionsbildung, in der sich christliche Identität über Jahrzehnte hinweg in Wechselwirkung mit jüdischen und griechisch-rö‐ mischen Einflüssen herausbildete. Ganz anders sieht es Markus Vinzent. Er stellt die klassische Perspektive auf den Kopf und behauptet, dass die neutes‐ tamentlichen Schriften - insbesondere die Evangelien - erst viel später als Reaktion auf markionitische Theologie entstanden. Das Christentum, so seine These, war ursprünglich nicht das Ergebnis einer allmählichen Entwicklung, sondern eine theologische Diskursebene, in der sich konkurrierende Ideen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0005 rasant veränderten. Für Vinzent braucht es eine radikale Neuausrichtung der Forschung. Diese Kontroverse bringt die zentrale Frage auf den Punkt: Entwickelte sich das Christentum kontinuierlich aus bestehenden Traditionen (Schnelle), oder war es das Produkt eines theologischen Konflikts, der ganz neue Ideen hervorbrachte (Vinzent)? Die ZNT widmet sich dieser spannenden Debatte und zeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, über die Ursprünge des Christentums nachzudenken. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0005 88 Michael Sommer 1 Vgl. dazu nach wie vor: Kurt Aland/ Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart 2 1989; Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts, Manuscripts and Christian Origins, Grand Rapids 2006; David C. Parker, New Testament Manuscripts and their Texts, Cambridge 2008; Tommy Wassermann/ Peter J. Gurry, A New Approach to Textual Criticism, Stuttgart 2017. Jede Theorie zur Einleitungswissenschaft ist auf quellenbasierte kritische Textrekonstruktionen angewiesen (einschließlich der damit verbundenen Hypothesen); sei es bei den einzelnen Schriften, die ins Neue Testament aufgenommen wurden, sei es bei außerkanonischen Schriften oder einzelnen Kirchen‐ vätern, die relevante Informationen zum Thema überliefern. Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft Udo Schnelle Historische Phänomene können ohne ihren Ort und ihre Zeit nicht verstanden und angemessen interpretiert werden. Deshalb ist es die erste Aufgabe der Theologie, die Schriften ihres Basisdokumentes in ihrer historischen Situie‐ rung zu erfassen. Gegenstand der ntl. Einleitungswissenschaft sind primär die einzelnen Schriften des Neuen Testaments, nicht aber das Folgephänomen ‚Neues Testament‘. Beides hängt natürlich zusammen und interagiert, muss aber zugleich aus historischer Perspektive unterschieden werden. Von den einzelnen neutestamentlichen Schriften besitzen wir keine Originale mehr, wohl aber sehr frühe und zahlreiche Abschriften, die eine ‒ für die antike Überlieferung ‒ zu‐ verlässige Textrekonstruktion und Textinterpretation ermöglichen. 1 Dabei sind allein die Standards der Geschichtswissenschaften anzuwenden, wie sie sich seit der Mitte des 19. Jh. herausgebildet haben: Eine allgemein zugängliche, nach‐ vollziehbare und nachprüfbare, d. h. an der Vernunft orientierte Argumentation und Beurteilung, Quellenkunde, Quellengeschichte und Quellenkritik, kritische Prüfung von Verfasser- und Situationsangaben, Bestimmung des vermutlichen historischen Ortes, Erhebung der sprachlichen und literarischen Struktur sowie der Form und der Entstehungsgeschichte eines Textes, religionsgeschichtliche Einordnung, Ermittlung der theologischen Aussageabsichten eines Dokumen‐ tes, Einordnung in übergeordnete historische, soziologische und institutionelle Kontexte. Diese Methodenschritte sind nie allein wissenschaftlich ‚neutrale‘ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 2 Vgl. Johann Gustav Droysen, Historik, hg. v. Peter Leyh, Stuttgart/ Bad Cannstatt 1977 (= 1857/ 1882), 69, der über geschichtliche Sachverhalte sagt: „Sie sind nur historisch, weil wir sie historisch auffassen, nicht an sich und objektiv, sondern in unserer Betrachtung und durch sie. Wir müssen sie sozusagen transponieren.“ 3 Droysen, Historik (s.-Anm.-2), 69. 4 Zur Begründung vgl. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 10 2024, 79-219. Ältestes textliches Zeugnis großer Abschnitte der Paulusbriefe ist P 46 (um 200-n.-Chr.). Vorgänge, sondern immer auch Interpretationen und Konstruktionen, in die sich unausweichlich die Interpretierenden mit ihrer Lebensgeschichte, ihrer Weltsicht und ihren Bewertungen einbringen und einschreiben. Geschichte ist auch nicht einfach identisch mit Vergangenheit, denn sie hat immer zuerst den Charakter einer gegenwärtigen Stellungnahme, wie man Vergangenes sehen könnte. Deshalb gibt es keine ‚Fakten‘ im ‚objektiven‘ Sinn, vielmehr innerhalb historischer Konstruktionen bauen Deutungen auf Deutungen auf. 2 Es gilt: „es wird Geschichte, aber es ist nicht Geschichte.“ 3 Interpretation von Ereignissen und Texten ist immer beides: Das Finden und das Einlegen von Sinn! Dies bedeutet aber nicht Willkür, denn der Bezug auf das Geschehene wird damit keinesfalls aufgegeben, sondern die Bedingungen seiner Realisierung werden reflektiert. Nicht die Welt, das Leben und das in der Vergangenheit Geschehene sind eine Konstruktion, wohl aber unsere Anschauungen über sie. Gelungene Konstruktion ist dabei immer an Realitätsvorgaben und Methoden gebunden; die Sachgehalte von Quellen müssen in einen sinn- und bedeutungsvollen Zu‐ sammenhang gebracht werden und innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses diskutier- und rezipierbar bleiben. Es müssen Plausibilitäts-Modelle entwickelt werden, die historische Vorgänge mit einer Vielzahl von Argumenten beschrei‐ ben und Menschen damit überzeugen. Dabei ist aufgrund der Quellenlage beim Neuen Testament keine Einigkeit zu erwarten und es verwundert nicht, dass innerhalb der aktuellen (wie auch der älteren) Einleitungswissenschaft unterschiedliche bis entgegengesetzte Positionen vertreten werden, die vor allem drei Schriftengruppen betreffen. 1. Theorien zur Datierung und zu den Abhängigkeitsverhältnissen der ntl. Schriften a) Eine relative Einigkeit herrscht erstaunlicherweise nach wie vor bezüglich der Abfassungszeit der sieben unbestritten echten Paulusbriefe zwischen ca. 50-62 n. Chr. 4 Diese Briefe sind zugleich situationsbedingte und grundsätzliche, normative Schreiben, die nicht irgendetwas zur Disposition stellen, sondern Paulus betreibt mit seinen Briefen eine aktive und erfolgreiche Werkpolitik Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 90 Udo Schnelle 5 Vgl. Friedrich Wilhelm Horn, Wollte Paulus ‚kanonisch‘ wirken? , in: Eve-Marie Becker/ Stefan Scholz (Hg.), Kanon in Konstruktion und Dekonstruktion, Berlin 2011, 400-422. 6 Zur Begründung vgl. Udo Schnelle, Die ersten 100 Jahre des Christentums, Göttin‐ gen- 3 2019, 509‒526. 7 Vgl. zuletzt Jacob Thiessen, Einleitung in das Neue Testament, Leipzig-2024, 224‒287. 8 Hier nicht zu wiederholende Einzelbegründungen für alle in diesem Aufsatz von mir vertretenen Thesen finden sich mit ausführlicher Argumentation in: Schnelle, Einleitung in das Neue Testament (s.-Anm.-4), 423‒507. 9 Vgl. David Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments (NTOA 31), Freiburg/ Göt‐ tingen-1996. (vgl. 2Kor 10,10): Er verleiht bewusst seinem Wirken und ‚seinem‘ Evangelium einen autoritativen Status (vgl. Gal 1,6‒9). 5 Die Autoritätsfrage wird somit nicht sekundär und spät von einem Kanonsbegriff an die Texte herangetra‐ gen, vielmehr stellen sie die Texte selbst! Dass Paulus mit seinem Anspruch Erfolg hatte, zeigen die Deuteropaulinen und die Apostelgeschichte als Pau‐ lusbiographie mit langer Einleitung. Die Hälfte aller kanonischen Schriften ist unmittelbar oder mittelbar mit dem Völkerapostel verbunden, die andere Hälfte reagiert versteckt oder offen auf Paulus. 6 Eine andere Konstruktion ergibt sich, wenn einzelne oder die gesamten Deuteropaulinen dem Apostel zugeschrieben werden, wie dies in Teilen der englischsprachigen und auch der deutschsprachigen Exegese geschieht. 7 Dagegen sprechen allerdings nach wie vor beim Kolosser- und Epheserbrief die umfassende präsentische Eschatologie (von der Zukunft wird in der Vergangenheit gesprochen) und das Apostelbild; beim 2Thess das eschatologische Konzept und bei den Pastoralbriefen das Amts- und Glaubensverständnis. 8 b) Die synoptischen Evangelien sind die nächste Schriftengruppe, bei der verschiedene Erklärungsmodelle möglich sind. Trotz zahlreicher neuer Theo‐ rien dominiert hier weiterhin mit guten Gründen die Zwei-Quellen-Theorie. Sie erklärt nach wie vor die meisten Phänomene mit dem geringsten Schwie‐ rigkeitsgrad! Die Existenz der Logienquelle lässt sich an den Texten ebenso plausibel machen und für die unabhängige Rezeption des Markusevangeliums durch Matthäus und Lukas spricht vor allem die Perikopenreihenfolge. Sollte Lukas Matthäus oder umgekehrt Matthäus Lukas gekannt und rezipiert haben, dann ergibt z. B. die Zerschlagung der Bergpredigt durch Lukas ebenso wenig Sinn wie das Auslassen zahlreicher lukanischer Sondergut-Texte (z. B Lk 10,25‒ 36; 15,8‒32) durch Matthäus. Nicht überzeugend sind auch die Versuche, die Evangelien als Resultat einer bewussten Herausgeberentscheidung zu verste‐ hen, 9 sie ins 2. Jh. zu datieren und Markion zur Schlüsselgestalt frühchristlicher Theologie- und Literaturgeschichte zu stilisieren. Gegen die Hypothese einer Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 91 10 Ulrich Schmid, Die Buchwerdung des Neuen Testaments, in: WuD 27 (2003), 217-232, hier: -231. 11 Vgl. dazu Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kano‐ nischen Evangelien I.II (TANZ-60), Tübingen- 2 2020. 12 Vgl. Matthias Klinghardt, Überlieferungsgeschichte der kanonischen Überlieferungen, in: ZNT 43/ 44 (2019), 41: „Das überlieferungsgeschichtliche Modell, das sich unter Berücksichtigung der Mcn-Priorität ergibt, geht in vier Überlieferungsschritten von Mcn zu Mk zu Mt zu Joh zu Lk: Mcn repräsentiert die älteste, Lk die jüngste Stufe der Überlieferung. … Die Überlieferung der kanonischen Evangelien ist aus einer Wurzel hervorgegangen, die für alle späteren Stadien als gemeinsamer Bezugspunkt dient, gleichsam als Baum, um den sich die weitere Überlieferung rankt.“ 13 Zu der Frage, wer Markion war und wozu er - möglicherweise - gemacht wurde, vgl. Judith M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic, Cambridge 2015. Auf jeden Fall war Markion ein überzeugter Pauliner, der den anhaltenden Einfluss des Völkerapostels auch im 2.-Jh. bezeugt. 14 So fallen schon die Rekonstruktionen der für Markion vermuteten Textvorlagen nicht zufällig völlig unterschiedlich aus; vgl. Ulrich Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (ANTT 25), Berlin 1995; Dieter T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (NTT 49), Leiden 2015; Klinghardt, Das älteste Evangelium II (s.-Anm.-11), 533-1317. 15 Hauptquelle für Markion ist Tertullians Schrift Adversus Marcionem (um 203 n. Chr.), die textgeschichtlich vor allem durch den Codex Montepessulanus (11. Jh.) bezeugt ist. Weshalb diese Konstellation authentischer sein soll als die ntl. Textüberlieferung, erschließt sich mir nicht! Im Prinzip arbeitet auch das ‚retrospektive‘ Modell wie alle bewussten Veröffentlichung der Evangelien spricht vor allem, dass es in der altkirchlichen Überlieferung „keine gesicherten Nachrichten über eine kirchen‐ amtliche Propagierung oder gar Durchsetzung eines Bibelkanons im zweiten und dritten Jahrhundert gibt.“ 10 Niemand weiß davon, vor allem nicht Justin, der um 150 in Rom über alle Entwicklungen bestens informiert war. Auch die These, vor Markion sei kein Evangelium nachzuweisen 11 und dass dieser ein altes Evangelium bezeuge, das wiederum die Vorlage aller kanonischen Evangelien bilde, 12 überzeugt nicht. Methodisch ist hier vor allem zu kritisieren, dass das gesamte Modell nicht auf separat vorhandenen, sondern konstruierten Texten beruht und Personen eine Schlüsselstellung zugeschrieben wird, über die wir entweder gar nichts (Herausgeber-Hypothese) oder nur durch tendenziöse Nachrichten anderer etwas wissen (Markion). 13 Es handelt sich dabei um ‒ nicht kontrollierbare ‒ Konstruktionen 2. oder sogar 3. Grades, bei denen auf der Grundlage umstrittener Präferierungen einzelner Textzeugen die hypothetische Bearbeitung und Rezeption zuvor postulierter, aber nicht wirklich (auch nicht als einzelne Abschrift) materiell vorhandener Quellen angenommen wird! 14 Die von M. Vinzent aufgestellte Forderung der Materialität als Ausgangspunkt aller Überlegungen liegt bei Markion gerade nicht vor, weil wir keine Originalüber‐ lieferungen haben, die Kirchenväter tendenziös berichten 15 und jede aktuelle Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 92 Udo Schnelle anderen auch: Man schließt auf der Basis jüngerer Text- und Überlieferungszeugen auf ältere geschichtliche Abläufe. 16 Vgl. zuletzt Armin D. Baum, Einleitung in das Neue Testament I, Gießen 2017, 914; Thiessen, Einleitung (s.-Anm.-7), 47 (Mt: -Anfang der 40er-Jahre; Lk: -57‒60; Mk: -64‒68). 17 Nachweis bei Klaus Wengst, Schriften des Urchristentums-II, Darmstadt-1984, 24-32. 18 Vgl. hier zuletzt Eve-Marie Becker/ Helen K. Bond/ Catrin H. Williams (Hg.), John’s Transformation of Mark, London 2021. Zur Textüberlieferung vgl. Lonnie D. Bell, The Early Textual Transmission of John. Stability and Fluidity in Its Second and Third Century Greek Manuscripts (NTT 54), Leiden 2018 (betont die Stabilität der frühen Textüberlieferung). P 52 als ältestes Textzeugnis wird heute zumeist um 150 n. Chr. da‐ tiert; vgl. David C. Parker, New Testament Manuscripts and their Texts, Cambridge 2008, 324. 19 Einzelnachweise bei Jörg Ulrich, Justin. Apologien (KfA 4/ 5), Freiburg 2019, 24, der feststellt: „Dass er die Evangelien … gekannt hat und auch von ihrer gottesdienstlichen Verwendung wusste, steht außer Frage. Gleichfalls benutzt er die Johannesoffenbarung (Dialog-81,4) und die Briefe des Paulus.“ 20 Plinius der Jüngere, Epistulae X 96,9: „Nicht nur über Städte, sondern auch über Dörfer und das flache Land hat sich die Seuche dieses Aberglaubens ausgebreitet.“ Die Textrekonstruktion natürlich die Interessen des jeweiligen Exegeten abbildet. Neben der Spätdatierung gibt es aber auch Tendenzen in der aktuellen Einlei‐ tungswissenschaft, die Evangelien sehr früh anzusetzen; also die Synoptiker in die späten 60er Jahre oder noch früher. 16 Abgesehen von der berechtigten Kritik an der Papias-Überlieferung und zahlreichen Einzelargumenten spricht vor allem dagegen, dass die Synoptiker bei zahlreichen Themen eine Perspektive einnehmen (z. B. Parusieverzögerung, Ämter, Rechtsregeln, Reich und Arm, Verhältnis zu den Römern), die deutlich in eine Zeit nach-70 weist. Nach wie vor ist bei der Datierung der Synoptiker der Bezug von Mk 13,2 auf die gerade zurückliegende Tempelzerstörung plausibel (Mk also kurz nach 70). Die Didache meint mit ‚dem Evangelium‘ in Kap. 8,2; 11,3; 15,3.4 eindeutig das Matthäusevangelium, so dass diese um 110 n. Chr. entstandene Schrift die einsetzende Autorität des einen, um 90 abgefassten Großevangeliums bezeugt. 17 Matthäus rezipierte ebenso wie Lukas das Markusevangelium, das auch dem um 100‒110 n. Chr. abgefassten Johannesevangelium bekannt war. 18 Als erste sichere Bezeugung des Lukasevangeliums muss Markion gelten; die Apostelgeschichte wird zumeist zu Beginn des 2. Jh. datiert. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, 19 er setzt auch selbstverständlich ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus (vgl. bereits Mk 13,14/ Mt 24,15: Vorlesen der Evangelien). Diese werkinternen Angaben sind durch plausible historische Erwägungen zu ergänzen. Für das Ende des 1. Jh. n. Chr. bezeugen die Apostelgeschichte, 1Petr 1,1, die johanneische Literatur und davon unab‐ hängig auch rückblickend der um 110 n. Chr. abgefasste Briefwechsel zwischen dem Statthalter Plinius und Kaiser Trajan 20 eine erhebliche Ausbreitung des Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 93 Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich vollzog sich wahrscheinlich sehr viel schneller als vielfach bisher angenommen. Darauf verweist z. B. das Ende 2024 veröffentlichte ‚Frankfurter Silberamulett‘; ein Grabfund aus der römischen Stadt Nida (heute: Frankfurt a. M.), das um 250 n. Chr. zu datieren ist und nun das älteste Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen darstellt. Es enthält (auf einer Silberfolie) einen rein christlichen Text in lateinischer Sprache einschließlich eines Zitates aus Phil 2,10f. 21 So die These von Markus Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert, Freiburg-2022, 103. 22 Gegen Markus Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahr‐ hundert, Freiburg 2019, 288, der einfach behauptet: „Der historische Jesus von Nazareth, weder sein Leben, noch seine Taten, auch nicht seine später behauptete Auferstehung scheinen für die Bewegung im 1. Jh. eine größere Rolle gespielt zu haben, zumindest nicht außerhalb der Lektüre des Paulus und pharisäischer Kreise.“ 23 Richard A. Burridge, What Are the Gospels? , Grand Rapids 2 2004, 340; vgl. auch Helen K. Bond, The First Biography of Jesus, Grand Rapids 2020, 5: „Mark’s bios, therefore, takes its place not only within an emerging and still-embryonic Christian ‚book culture‘, but also as an attempt to formulate a distinctive Christian identity based on the countercultural way of life (and death) of its founding figure.“ werdenden Christentums in weiten Teilen Kleinasiens, die eine schon länger anhaltende Vorgeschichte zwingend voraussetzt. Hinzu kommen die Gemein‐ den in Griechenland und in Rom, was bereits die Paulusbriefe bestätigen. Diese anhaltenden Missionserfolge sind nur erklärbar, wenn die Gemeinden in Kleinasien, Griechenland und Italien über diesen Jesus Christus im fernen Palästina auch Informationen, d. h. Einzel-Überlieferungen, Apostel-Briefe, Sammlungen (vgl. Lk 1,1), und ganze Evangelien besaßen, also ihre eigenen ‚heiligen‘ Schriften hatten, wozu sicherlich auch die überlieferten Evangelien als stabile schriftliche Überlieferungsträger zählten. Allein die Annahme von unbestimmten mündlichen Traditionen reicht dafür nicht aus, 21 denn mit den Paulusbriefen war die schriftliche Überlieferung bereits ein dominierendes Medium (vgl. 2Kor 10,10) im entstehenden Christentum. Dass 40 Jahre nach dem Tod Jesu und damit zu Beginn der 3. Generation mit dem Markusevangelium eine erste Geschichte des Lebens und Sterbens des Gottessohnes Jesus Chris‐ tus erschien und die zwei Großevangelien mit unterschiedlicher Ausrichtung folgten, ist ein völlig natürlicher und zugleich notwendiger Vorgang, der sich aus den Anforderungen der reichsweit expandierenden frühchristlichen Gemeinden ergab. 22 Hauptziel aller Evangelien ist die Klärung der Identität des Jesus von Nazareth als Christus, die ihrerseits zur Identitätsbildung der Gemeinde führen soll. Mit den Evangelien erhielt die neue Bewegung ihre eigene Basis-Geschichte, deren Funktion darin bestand, „to move out from the Jewish tradition of stories and anecdotes to use a Greek genre of continuous biographical narrative.“ 23 Die Evangelien definieren den Standort der frühen Christen im Hinblick auf das Judentum und die pagane Umwelt; sie bestimmen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 94 Udo Schnelle 24 Vgl. hier zuletzt Udo Schnelle, Das Johannesevangelium als autonome Erzählung, in: Udo Schnelle, Die Entstehung des frühen Christentums. Neue Studien, Leipzig 2024, 98‒137. 25 Auch die Rekonstruktion von-Q erfolgt auf der Basis vorliegender Texte! und plausibilisieren das Gottes- und Christusbild und formulieren einen eigenen ethischen Kodex. c) Bei den weiteren Schriften besteht eine relativ große Einigkeit beim Johannesevangelium; es wird zumeist um 100‒110 n. Chr. datiert und in Ephesus lokalisiert. 24 Bei den Johannesbriefen wird eine Platzierung nach, vor oder gleichzeitig mit dem Evangelium erwogen. Immer mehr setzt sich die Einstufung der Johannesoffenbarung als einer bewusst gestalteten theolo‐ gisch-politischen Schrift durch, die entweder Bezüge auf Domitian oder Hadrian enthält. Der Jakobusbrief wird vereinzelt als authentisch angesehen und früh datiert (zwischen 45‒50), mehrheitlich hingegen gegen Ende des 1. Jh. (so auch der Hebräerbrief). Der Judas- und der 2Petrusbrief gelten schon seit langem als jüngste Schriften des Neuen Testaments, wobei allerdings der 2Petr nun teilweise nach-150 angesetzt wird. Das hier in seinen Grundzügen vorgestellte ‚mittlere‘ Modell hat gegenüber extremen Spät- oder Frühdatierungen drei große Vorteile: 1.) Es erklärt auf der Basis der vorliegenden Textzeugnisse 25 die meisten Phänomene mit dem geringsten Schwierigkeitsgrad und 2.) weist deshalb die größte Nachprüfbarkeit und Plausibilität auf; zumal es 3.) seit Ende des 19. Jh. ununterbrochen einer kritischen Prüfung unterzogen wird und dabei natürlich auch Veränderungen erfährt. 2. Einleitung in ihren Kontexten: Geschichte des frühen Christentums, Bildung und Kanon In jeden Entwurf der Entstehung der neutestamentlichen Schriften fließen aber weitere historische und hermeneutische Faktoren ein, von denen wiederum drei Bereiche von grundlegender Bedeutung sind: a) Jeder Exeget/ jede Exegetin hat eine bestimmte Sicht der Geschichte des frühen Christentums; sowohl im Hinblick auf die innere Dynamik und Entwicklung als auch mit Blick auf die jüdische bzw. griechisch-römische Umwelt. Zuallererst ist hier die Frage nach den getrennten oder (über lange Zeit) gemeinsamen Wegen von entstehendem Christentum und Judentum im Kontext römischer Religionspolitik zu nennen. Wer diesen Trennungsprozess mit Paulus einsetzen sieht, entwirft natürlich ein anderes Modell als derjenige, der für eine Zeit bis weit in das 2. Jh. hinein schon die Frage für unangemessen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 95 26 Vgl. Udo Schnelle, Der Galaterbrief als Dokument einer beginnenden Trennung, in: Schnelle, Entstehung (s.-Anm.-24), 65‒97. 27 Vgl. dazu Udo Schnelle, Die getrennten Wege von Römern, Juden und Christen, Tübingen-2019. 28 Bestätigt durch 11QTa 64,19f und Justin, Dialog 90,1, wo Tryphon sagt: „Beweisen musst du uns jedoch, ob er gekreuzigt werden und eines so schmachvollen und ehrlosen, im Gesetz verfluchten Todes sterben musste; denn so etwas können wir uns nicht einmal denken.“ 29 Vinzent, Offener Anfang (s. Anm. 22), 288, spricht im Hinblick auf den Plinius-Trajan Briefwechsel von „lokalen Verunglimpfungsfällen“. 30 Vgl. Udo Schnelle, Das frühe Christentum und die Bildung, in: NTS 61 (2015), 113‒143; Thomas Söding, Das Christentum als Bildungsreligion, Freiburg 2016; Samuel Vollenweider, Bildungsfreunde oder Bildungsverächter? , in: Peter Gemeinhardt (Hg.), Was ist Bildung in der Vormoderne, Tübingen 2019, 283‒304; Benjamin Schließer, Innovation und Distinktion im frühen Christentum, in: EC 13 (2022), 393‒432; Udo Schnelle, Das frühe Christentum als Bildungsreligion, in: Schnelle, Entstehung (s. Anm. 24), 138‒171. hält. Für die Annahme, dass das frühe Christentum als eine charismatisch-in‐ tellektuelle Bewegung relativ früh (ab Paulus) 26 eine eigenständige Identität, eine neue Theologie und selbständige Organisationsformen innerhalb der es umgebenden Religions- und Kulturwelten entwickelte und ausbaute und so eine Trennung vom Judentum einleitete, 27 sprechen vor allem drei Beobachtungen: 1) Die christologisch-staurologische Ausrichtung der Theologie (vgl. 1Kor 1,23; Gal 2,19; Röm 6,6; Mk 8,34; 15,39), die für Juden aufgrund von Dtn 21,23LXX unannehmbar war. 28 2) Deshalb verwundert es nicht, dass es keine einzige genuin jüdische Stimme gibt, die das entstehende Christentum als legitime Form des Judentums akzeptierte. 3) Auch die Römer unterschieden seit den 60er Jahren des 1. Jh. zwischen Juden und Christen, d. h. sie wussten um den gemeinsamen Ursprung, nahmen aber ebenso die Trennungsprozesse wahr und werteten die Christen als eigenständige Bewegung! Ein weiteres Beispiel sind die frühen Verfolgungen: Wer die neronische Verfolgung für unhistorisch hält und die späteren Verfolgungen unter Domitian und Trajan zu sozialge‐ schichtlich erklärbaren Kleinstereignissen herabstuft, 29 entwirft natürlich ein anderes Bild von der Formierungs- und Ausbreitungsgeschichte des frühen Christentums als derjenige, der die Quellenaussagen für zutreffend einstuft. b) Ein wesentliches Element des Trennungsprozesses vom Judentum war die Literaturproduktion des frühen Christentums. Keine Gestalt der Antike wurde so schnell und umfassend literalisiert und denkerisch durchdrungen wie Jesus Christus! Bereits in den ersten 60 Jahren seines Bestehens schuf das frühe Christentum so viele Schriften und neue Gattungen wie keine andere Religion in ihrer Entstehungsphase. Hier zeigt sich eine deutliche Forschungs‐ wende: 30 Die frühen Christen waren keine weltabgewandte Kleinstgruppe, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 96 Udo Schnelle 31 Vgl. Jan Heilmann, Lesen in Antike und frühem Christentum (TANT 66), Tübingen 2021, 538: „Das Christentum war von früher Zeit an auch eine Buch-, aber vor allem eine Lesereligion. … Aus der Einsicht, dass die neutestamentlichen Schriften nicht nur für einen einmaligen Kommunikationsakt, sondern auch für die dauerhafte Lektüre eines größeren Lesepublikums gedacht waren, folgt, über das Lesen als eine, in seiner theologischen Relevanz nicht zu unterschätzenden Art und Weise, wie Menschen sich Gott und Gottes Handeln in der Welt im frühen Christentum erschließen konnten, aber auch in der Gegenwart erschließen können, nachzudenken.“ die nur einfache Konventikel-Literatur verfasste. Im Gegenteil, sie traten als eine kreative literarische und denkerische Bewegung auf, die mündliche und schriftliche Überlieferungen in Literatur überführte und neue Gattungen schuf (Apostelbrief, Evangelium). In den Gemeinden wurde niveauvolle Literatur (LXX, Apostelbriefe, Evangelien) vorgelesen und gelesen 31 und es wurden anspruchsvolle theologische, philosophische und ethische Themen behandelt und diskutiert. Der Römerbrief kann es denkerisch mit jedem philosophischen Traktat der Antike aufnehmen und 1Kor 13 ist Weltliteratur! Als Buch- und Lesereligion weist das frühe Christentum deshalb eindeutig die Konturen einer eigenständigen Bildungsreligion auf und die bewusste Textproduktion und -ver‐ breitung setzte schon früh ein (Lk 1,1; Paulus) und war kein Spätphänomen. All diese Befunde sprechen eindeutig gegen die These, zentrale Schriften des Neuen Testaments seien als rein innerjüdische Literatur aufzufassen. c) Der Kanon ist auch eine Reaktion auf die anhaltende Literaturproduktion im frühen Christentum, zuallererst aber ein natürlicher Formierungs- und Selektionsprozess, der zur notwendigen und folgerichtigen Selbstdefinition der neuen Bewegung gehörte. Die Intention der sich durchsetzenden Anordnung ist offenkundig: Auf die viergestaltige Darstellung der Jesus-Christus-Geschichte folgt die Apostelgeschichte als Übergang und Lektüreanweisung für die Paulus‐ briefe, die durch die Schriften der anderen Apostel ergänzt werden; die Lektüre mündet schließlich in den eschatologischen Ausblick der Offenbarung. Damit widerstand die Alte Kirche sowohl der Versuchung der Reduktion (Markion, Tatian) als auch der Gefahr einer Inflation (Gnosis) maßgeblicher Schriften. Die Anzahl und die Reihenfolge der Schriften im Kanon ist allerdings nicht das Werk der ntl. Autoren, sondern hier zeigt sich das spätere Theologieverständnis anderer. Deshalb ist der Kanon gegenüber den einzelnen Schriften eine sekun‐ däre Meta-Ebene, die weder den besonderen historischen Standort noch das spezifische theologische Profil einer ntl. Schrift wirklich erfassen kann und auch nicht die entscheidende Frage beantwortet, welchen Beitrag ein Autor für die frühchristliche Identitätsbildung liefert. Literaturhistorisch arbeitende Modelle überschreiten daher die Kanongrenzen und betrachten ihren Gegenstand in einem offenen Prozess, bei dem alle vergleichbaren Phänomene herangezogen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 97 32 Vgl. dazu Cilliers Breytenbach, Historisch-kritische Einleitung in das Neue Testament? Randbemerkungen zu einer hybriden Disziplin, in: Michael Labahn (Hg.) Spurensuche zur Einleitung in das Neue Testament. FS Udo Schnelle (FRLANT 271), Göttingen 2017, 17-29. werden müssen. Als natürliches und historisch wie theologisch überaus sachge‐ mäßes Ergebnis eines jahrhundertlangen Formierungs- und Selektionsprozesses ist der ntl. Kanon aber zugleich eine geschichtliche Realität, die den Umfang des zu behandelnden Stoffes bestimmt. Diesem Spannungsverhältnis zwischen einem historisch-theologisch grundsätzlich offenen Feld und normativen bzw. rezeptionsgeschichtlichen Ansprüchen kann sich keine Einleitung entziehen. Es zeigt sich: Die Geschichte des frühen Christentums mit ihren zahlrei‐ chen Trennungs- und Formierungsprozessen spiegelt sich unmittelbar in den ntl. Schriften wider und bestimmt natürlich wesentlich deren Verständnis und jede Konzeption von Einleitung in das Neue Testament. Deshalb müssen die auf diesem Gebiet einfließenden Vorentscheidungen auch kenntlich gemacht und begründet werden; vor allem, welche modernen Anforderungen an antike Texte hinsichtlich der Textproduktion, der Textrezeption, des Textnachweises und des Textinhaltes gestellt werden. 3. Einleitung als kritisch-konstruktive Disziplin Neutestamentliche Einleitungswissenschaft arbeitet nie voraussetzungslos, sie ist immer eingebunden in persönliche Standpunkte und gesellschaftliche Ent‐ wicklungen und kommt ohne plausible Modelle nicht aus. Dabei ist herme‐ neutische, historische und theologische Kompetenz gefordert, um Einflüsse und Anforderungen von außen sachgemäß aufzunehmen und ihnen zugleich zu widerstehen, wenn sie ideologische Formen annehmen. Früher wurden die methodischen Standards von kirchlichen bzw. dogmatischen Ansprüchen infrage gestellt. Heute üben gesellschaftspolitisch relevante Trends mit moral‐ ischem Unterton einen nicht zu übersehenden Einfluss auf den Diskurs aus: Dekonstruktion, Pluralität, Hybridität, Diversität, Parteinahme für die (schein‐ bar) Unterdrückten, Ideologieverdacht (vorwiegend bei anderen), Reduzierung normativer Ansprüche. Auch hier gilt es, historisch-kritisch zu bleiben, auch ge‐ genüber sich selbst, denn jede De-Konstruktion ist auch eine Konstruktion! Eine ‚rein‘ historische Einleitung ohne die Einbindung theologisch-dogmatischer und hermeneutischer Fragen kann es nicht geben, 32 zugleich ist es aber von entscheidender Bedeutung, die expliziten und impliziten Voraussetzungen der eigenen Konstruktion nachvollziehbar offenzulegen. Letztlich entscheidet die Schwarmintelligenz der Studierenden, Lehrenden und Forschenden darüber, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 98 Udo Schnelle welches Modell am meisten überzeugt und sich durchsetzt. Ein Irrtum kann dabei nicht ausgeschlossen werden, aber er ist sehr unwahrscheinlich! Udo Schnelle, geb. 1952, studierte Theologie in Göttingen; dort auch Promotion und Habilitation. Er war von 1986-1992 Professor für Neues Testament in Erlangen, von 1992-2017 in Halle. Er ist Autor zahlreicher Fach- und Lehrbücher, darunter auch: Einleitung in das Neue Testament, 10. Auflage, Göttingen 2024. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 99 1 Markus Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert, Freiburg i. B. 2019, 52. So auch in der englischen Fassung Markus Vinzent, Resetting the Origins of Christianity. A New Theory of Sources and Beginnings, Cambridge 2023, 46. Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft Markus Vinzent Bezüglich der „historiographischen … Überlegungen zur Konstruktivität jeder geschichtlichen Darstellung“, was natürlich auch für die neutestamentliche Ein‐ leitungswissenschaft gilt, hatte ich bereits in „Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert“ auf „die anregenden, geschichtstheoreti‐ schen Überlegungen“ meines Gesprächspartners für den vorliegenden Beitrag hingewiesen, 1 die mich mitinspiriert haben. Es war deshalb eine glückliche Entscheidung der Redaktion dieser Zeitschrift, uns beide zusammenzubringen, und uns zu diesem Thema zu einer kontroversen Auseinandersetzung einzula‐ den. Doch bevor es um Differenzen in unseren Positionen geht, die ich gerne bedenken will, möchte ich zunächst auf die Gemeinsamkeit hinweisen, vor allem auch auf meine Hochschätzung Herrn Schnelle gegenüber, dem ich für seine vielfältigen Forschungen gerade zur Methodik und dann zu Wirken und Werk des Paulus, von denen ich in besonderem Maße über die vergangenen Jahre profitiert habe, außerordentlich danke. Um mit den Gemeinsamkeiten zu beginnen, auf die Herr Schnelle im Voraustausch mit Blick auf meine nachfolgenden Thesen hingewiesen hat: Er schrieb mir, dass auch er „den konstruktiven Charakter der Einleitungswissenschaft betonen“ wird und fügte hinzu, dass „natürlich auch jede Form von De-konstruktion eine Konstruktion ist. Auch alte Erklärungsmuster können nach wie vor plausibel sein! “ Dem kann ich nur beipflichten, öfter bin ich bei meinen eigenen Untersuchungen, etwa zu den Briefcorpora des Ignatius von Antiochien, darauf gestoßen, dass gerade ältere Forschungen (z. B. die von William Cureton), die aus verschie‐ denen Gründen marginalisiert oder übersehen wurden, uns auch heute noch wichtige Anregungen für eine Korrektur unserer inzwischen liebgewonnenen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 2 Brent Nongbri, Pauline Letter Manuscripts, in: Mark Harding/ Alanna Nobbs (Hg.), All Things to All Cultures. Paul among Jews, Greeks, and Romans, Grand Rapids 2013, 84-103, hier: -85 3 „To talk about the surviving manuscripts of Paul’s letters is to talk about collections of Paul’s letters,“ Brent Nongbri, The Manuscript Tradition, in: Ryan S. Schnellen‐ berg/ Heidi Wendt (Hg.), T&T Clark Handbook to the Historical Paul, London/ New York / Dublin 2022, 55-67. 4 Julia Seeberger/ Sabine Schmolinsky/ Markus Vinzent, Beyond the Timeline. Resetting Historiography, Berlin/ Boston 2024; Markus Vinzent, Writing the History of Early Christianity. From Reception to Retrospection, Cambridge-2019. Deutungsmuster zur Entstehung des frühen Christentums bieten können. Wenn Herr Schnelle meint, dass wir uns beide erst ab „These 7“ der untenstehenden Thesen „grundlegend unterscheiden“, setzen wir offenkundig nicht ab ovo bei verschiedenen Prämissen an, was das Gespräch erleichtert. In Betrachtung seiner Ausführungen hier zur „Einleitung“ als „Basiswissenschaft“ kann ich weitergehen als er: So, wie er diese „Einleitung“ versteht, kann man es tun und wird es in der NT-Wissenschaft getan: Sie setzt „primär“ bei den „einzelnen Schriften des Neuen Testaments“ an und begreift die Sammlung des „Neuen Tes‐ taments“ als „Folgephänomen“. Warum ich kontrovers hierzu die Gegenposition stelle, von Sammlungen und nicht von einzelnen Schriften auszugehen, hängt - gerade mit Blick auf Paulus, auf den ich mich konzentriere - damit zusammen, dass unsere frühesten Zeugnisse, Papyri und Handschriften, fast ausnahmslos (aus) Kodizes stammen, und zwar frühestens „aus dem dritten Jh.“, 2 vor allem keine Einzelbriefe bieten, sondern Zeugen von Paulusbriefsammlungen sind. 3 Von einzelnen Schriften auszugehen, heißt demnach, das Pferd von hinten aufzuzäumen, also nicht von der Basis auszugehen, sondern von redaktionell bearbeiteten Produkten. Meine methodologischen Überlegungen Es folgen grundlegende Thesen, die nachfolgend anhand von wenigen Beispie‐ len näher erläutert werden. 1. Dem retrospektiven Ansatz gemäß, den ich an anderer Stelle ausführli‐ cher reflektiert habe, 4 beginnt jede methodologische Überlegung mit der Erkenntnis, dass Anfang und Ansatz eines Forschungsprojektes eine, wenn nicht die ausschlaggebende Weichenstellung für die zu machenden Beobachtungen sind. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 102 Markus Vinzent 5 Ich schlage deshalb in einer demnächst erscheinenden Untersuchung eine autobiogra‐ phische Historiographie vor, die ich wie folgt einleite: „Die Herausforderung (die Geschichte des frühen Christentums zu schreiben) ist weniger der Mangel an Evidenz, was ein natürliches Problem jeglicher Geschichtsschreibung zu Themen der Spätantike und Antike darstellt, sie besteht vielmehr aufgrund der ideologischen Tendenzen und (anti-)religiösen Neigungen; d. h. diejenigen, die Geschichte schreiben, bilden das Haupthindernis, nicht das Thema, über das sie schreiben. Die erste Herausforderung besteht folglich in der kritischen Selbstkonfrontation“ („The challenge does not come with the sparsity of evidence - a natural problem with most history writing of late antique or antique subject matters; it comes rather with ideological tendencies or (anti-)religious inclinations. This said, the writer of this history is the prime obstacle, not the topic they are writing about. Hence, the first challenge is critical self-confrontation“), Markus Vinzent, Early Christianity and the Challenge of Writing History, Cambridge 2025. Das Zwillingswerk zu dieser methodologischen Reflexion stellt ein autobiographisch gefärbter Roman dar, Markus Vinzent, Nicht alle Tage, Göttingen-2025. 2. Zu diesem Ansatz gehören die kritische Reflexion über die eigenen Voraus‐ setzungen und eine mögliche Transparenz der expliziten und wichtiger noch impliziten Annahmen. 5 3. Voraussetzungen für das, was an Rekonstruktion zu unternehmen versucht wird, ist die eigene Geschichte und die Tradition, aus der heraus diese Arbeit geschieht, sie wird in der Forschungsgeschichte dargelegt. Ebenso gehört zu diesen Voraussetzungen der gegenwärtige intellektuelle Diskurs, deren Teil sie ist und über welche sich die Forschung so gut als möglich gewahr werden muss, auch die projektive Zukunft, mit der sie Geschichte, Tradition, Diskurs und soziale Zukunft gestalten will. 4. Im Sinne einer offenen, fairen, multikulturellen und interreligiösen Zu‐ kunft auf unserer kleinen Erde besteht das Ziel der Untersuchung darin, Voraussetzungen für historisch oder traditionell gewachsene Erklärungs‐ muster zu erkennen und darzulegen, sie auf ihre rationale Verlässlichkeit hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu (de-)konstruieren, um das Ge‐ spräch über Disziplinen, Konfessionen, Religionen und jegliche Weltan‐ schauungen hinaus zu ermöglichen. 5. Gegenüber historisch oder traditionell gewachsenen Erklärungsmustern und ererbten Konstrukten gilt nicht weniger als gegenüber den eigenen hypothetischen Vorstellungen eine grundlegende Skepsis, die das Ziel hat, eine transparente Konstruktion von Erläuterungen zu bieten, die nachvollziehbar, korrekturfähig oder falsifizierbar sein soll. 6. Mit Blick auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand beginnt dieser dekonstruktiv-konstruktive Ansatz bei der Infragestellung aller überkom‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 103 6 Meine folgenden Beispiele, die Paulus betreffen, basieren auf meinen Forschungen zur Rekonstruktion der paulinischen 10-Briefe-Sammlung, die von den Häresiologen dem Markion von Sinope zugeschrieben wurden. Markus Vinzent, Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung. Bd. 1: Untersuchung, Tübingen 2025; Markus Vinzent, Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung, Bd. 2/ 3: Rekonstruk‐ tion - Übersetzung, Tübingen 2025; Markus Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2.-Jahrhundert, Freiburg-i.-Br.-2025. 7 So sein Hinweis in seiner Email an mich vom-14.05.2024. menen Datierungen und Lokalisierungen von Zeugnissen, mit denen wir uns beschäftigen, es sei denn, sie lassen sich historisch verorten. 7. Solche Verortung (zeitlich und lokal) beginnt bei der im gegenwärtigen Diskurs zentral verhandelten Materialität, also bei Handschriften, Papyri und Zeugnissen aller Art und der von ihnen bezeugten Sammlungen als älteste erreichbare Schicht der Bezeugung für neutestamentliche Schriften, nicht bei kritischen Editionen, Archiven oder Datenbanken, auch wenn die Benutzung/ Herstellung solcher wegen der Breite des Untersuchungs‐ gegenstandes unerlässlich ist. 8. Das bedeutet nicht, dass Zeugnisse nur so alt sein können, wie ihr erstes, für uns greifbares in Erscheinungtreten anzeigt. Jegliche Annahme über deren größeres Alter über dieses Erscheinen hinweg, muss jedoch als Hypothese betrachtet werden, die desto stärkere Begründungslast besitzt, je weiter zeitlich zurück sie das Zeugnis über sein Erscheinen hinaus historisch verorten will. 9. Um diese methodischen Überlegungen an unserem Beobachtungsgegen‐ stand zu konkretisieren: Die Untersuchung beginnt nicht im chronologi‐ schen Zeitstrahl mit dem historischen Paulus, seinen Briefen (oder mit den einzelnen Evangelien, der Apostelgeschichte und anderen frühchristlichen Schriftstücken), auch nicht mit diversen außerkanonischen Schriften und Zeugnissen, sie beginnt mit den beiden ältesten Sammlungsverbünden, die historisch in Erscheinung treten, dem größeren Verbund, der Irenäus und seinem Werk Adversus haereses zugrunde zu liegen scheint, und dem „Neuen Testament“, das die patristischen Autoren dem Markion von Sinope zuschreiben. 6 Wie angedeutet und meinem retrospektiven Ansatz folgend (Thesen 1-3; 9) setze ich nicht, wie U. Schnelle bei „den vermuteten Anfängen ein“ und versuche nicht, wie er, „die Entwicklung in ihren Grundzügen nachzuzeichnen (Datierung und Abhängigkeitsverhältnisse der ntl. Schriften).“ 7 Ich gehe also nicht chronologisch vor, sondern nähere mich dem Untersuchungsgegenstand Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 104 Markus Vinzent 8 Vgl. meine Ausführungen hierzu in Vinzent, Writing the History (s.-Anm.-4), 5-21. 9 Bruno Latour, Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts, Beverly Hills-1979. 10 Bruno Latour, On the Modern Cult of the Factish Gods, Durham 2010, 61; Vgl. auch Bruno Latour, Why has Critique Run Out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern, in: Critical Inquiry 30/ 2 (2004), 224-248; Bruno Latour, Progress or Entang‐ lement? Two Models for the Long Term Evolution of Human Civilization, in: H. Tien/ C. Lo, Challenges of Civilization in the 21 st Century, Taiwan 2001, 311-334; Bruno La‐ tour, Pandora’s Hope. Essays on the Reality of Science Studies, Cambridge/ London 1999. Vgl. jedoch Karl Popper, der sich bereits nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Problem auseinandersetzte, dass die Wissenschaft oft irrt und dass die Pseudowissenschaft zufällig auf die Wahrheit stößt, so dass es schwierig ist, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu unterscheiden, vgl. Karl R. Popper, Conjectures and Refutations. The Growth of Scientific Knowledge, London-1969, 33. 11 „The latter [d. h. das Subjekt] receives its autonomy by giving the autonomy it does not possess to entities hat come to life thanks to this conferral,“ Latour, Cult (s. Anm. 10), 62. aus der Gegenwart heraus, aus einem (retro-)modernen Diskurs des 21. Jh., dessen Teil ich als Patristiker bin. Nicht zuletzt aufgrund der sozialen und politisch-kulturellen Entwicklungen des 21. Jh., angefangen mit 9/ 11, Verschwörungstheorien und Fake-News wurde der postmoderne und dekonstruktive Ansatz des letzten Viertels des 20. Jh. von einer erneuten Suche nach Evidenz und „harten Fakten“ abgelöst. 8 Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Entwicklung, die das Denken Bruno Latours aufweist. Während er im Jahr 1979 „Fakten“ als soziale Konstrukte begriff, 9 musste er später feststellen, dass seine Position politisch missbraucht wurde, weshalb er seinen Ansatz fortentwickelte und diejenigen Aufgeklärten kritisierte, die den Fakten kein Eigenleben zumessen. 10 Mehr noch, er gibt weder die Vorstellung von „Fakten“ auf noch die des handelnden Subjekts und hebt hervor, dass jedes Subjekt „seine Autonomie dadurch erhält, indem es seine Autonomie, die es nicht besitzt, denjenigen Dingen gibt, die dadurch zum Leben geweckt werden, dank dieser Gabe.“ 11 Beides folglich, Subjekt und Objekt, sind Ko-kreationen von Autonomie, sie sind weder zufällig noch inexistent. Historische Konstruktionen wie Dekonstruktionen sind folglich sowohl von den Geschichtsschreibenden wie von deren Geschichten bestimmt, sowohl von denen, die Beobachten, wie von dem, was beobachtet wird. Wenn ich Retrospektion in Ergänzung zu Rezeption, Anachronologie kom‐ plementär zu Chronologie vorgeschlagen und jeweils Ersteres stark zu machen versucht habe, hängt dies mit der bisherigen Dominanz des jeweils Letzteren zusammen. Auch wenn in den vielfachen rezeptionsgeschichtlichen Methodolo‐ gien und Untersuchungen die Bedeutung der Leserschaft hervorgehoben wurde, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 105 12 Vgl. Peter Pilhofer, Presbyteron Kreitton. Der Altersbeweis der jüdischen und christli‐ chen Apologeten und seine Vorgeschichte (WUNT-II/ 39), Tübingen-1990. 13 Vgl. Bernard Knox, The Oldest Dead White European Males and Other Reflections on the Classics, New York u. a. 1993. Für eine differenzierte Kritik an der Bezeichnung „alte, weiße Männer“, vgl. Sophie Passmann, Alte weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch, Köln 2019. Dennoch kritisiert sie die unbewusste Nutzung von Privilegien, die mit den Merkmalen alt, weiß und männlich einhergehen. Siehe auch für eine Verteidigung der „alten, weißen Männer“ Nena Brockhaus/ Franca Lehfeldt, Alte weise Männer. Hommage an eine bedrohte Spezies, München 2023; Norbert Bolz, Der alte weisse Mann. Sündenbock der Nation, München-2023. so zeigen doch die vielfältigen rezeptionsgeschichtlichen Studien und Reihen, dass in Begriff und Konzept von „Rezeption“ ein implizites Gefälle existiert zwischen dem Anfang und dem, was folgt, zwischen etwas Kanonischem und dem Apokryphen. Rezeption gibt dem Vorangegangenen, der Quelle, größeres Gewicht als dem, der aus ihr empfängt, dem alten Prinzip folgend, presbyteron kreitton. 12 Es ist, als wenn die Anfänge den Grundstock bildeten und die sich daraus entwickelnde Geschichte den ersten Stock eines Gebäudes bewohne, während ihre Interpreten in den Hochhausetagen darüber schwebten. Kein Wunder darum, dass unsere vielfältigen rezeptionsgeschichtlichen Reihen fast ausschließlich solche von „alten, weißen Männern“ sind 13 (etwa von Homer, Xenophon, Plato, Aristoteles, Vitruv, Philo, Romulus, die Bibel, Petrus, Paulus, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 106 Markus Vinzent 14 Christina-Panagiota Manolea, Brill’s Companion to the Reception of Homer from the Hellenistic Age to Late Antiquity, Leiden/ Boston 2022; Mark Humphries, Romulus and Peter. Remembering and Reconfiguring Rome’s Foundation in Late Antiquity, in: Robert Dijkstra (Hg.), The Early Reception and Appropriation of the Apostle Peter (60-800 CE). The Anchors of the Fisherman (Euhormos: Greco-Roman Studies in Anchoring Innovation 1), Leiden/ Boston 2020, 172-187; Richard Sorabji (Hg.), Aristotle Re-Interpreted. New Findings on Seven Hundred Years of the Ancient commentators, London 2016; Nicholas de Lange/ Julia G. Krivoruchko/ Cameron Boyd-Taylor, Jewish Reception of Greek Bible Versions. Studies in Their Use in Late Antiquity and the Middle Ages (TSMJ 23), Tübingen 2009; Benjamin A. Edsall, The Reception of Paul and Early Christian Initiation History and Hermeneutics, Cambridge 2019; Jens Schröter/ Simon Butticaz/ Andreas Dettwiler, Receptions of Paul in Early Christianity. The Person of Paul and His Writing Through the Eyes of His Early Interpreters (BZNW 234), Berlin/ Boston 2018; Wolfgang Grünstäudl/ Tobias Nicklas, Searching for Evidence. The History of Reception of the Epistles of Jude and 2 Peter, in: Eric F. Mason/ Troy W. Martin (Hg.), Reading 1-2 Peter and Jude. A Resource for Students, Atlanta 2014, 215-228; John Riches, Paul and Reception History, in: Matthew V. Novenson/ R. Barry Matlock (Hg.), The Oxford Handbook of Pauline Studies, Oxford 2014, 688-702; Karl Shuve, The Patristic Reception of Luke and Acts. Scholarship, Theology, and Moral Exhortation in the Homilies of Origen and Chrysostom, in: Sean A. Adam/ Michael Pahl, Issues in Luke-Acts. Selected Essays, Piscataway 2012; Marie-Anne Vannier, La reception d’Augustin par Eckhard, in : Nicole Bériou u. a. (Hg.), Les réceptions des Pères de l’Église au Moyen Âge. Le devenir de la tradition ecclésiale, Münster-2013. 15 Es gibt natürlich einige wenige Ausnahmen (meist Monographien, keine Reihen), vgl. z. B. Amy C. Smith/ Sadie Pickup (Hg.), Brill’s Companion to Aphrodite, Leiden/ Bos‐ ton 2010; Agnethe Siquans/ Markus Vinzent (Hg.), Biblische Frauenfiguren in der Spätantike (Die Bibel und die Frauen 5/ 2), Stuttgart 2022; Thea S. Thorsen/ Stephen Harrison (Hg.), Roman Receptions of Sappho (Classical Presences), Oxford 2019; Dawn LaValle Norman/ Alex Petkas (Hg.), Hypatia of Alexandria. Her Context and Legacy (STAC-119), Tübingen-2020. Augustinus …), 14 und sich kaum ähnliche Reihen zu Frauen finden. 15 Mit Rezep‐ tion ist nicht nur eine typische Auswahl verbunden, mit ihr verknüpft sich auch der romantische Gedanke der chronologischen Kontinuität von Geschichte. Retrospektion geht hingegen davon aus, dass die Geschichtsschreibenden sich aus dem Heute wendend, Schritt für Schritt, oder besser - wie die Archä‐ ologie - Schnitt für Schnitt von der heutigen, oberen Schicht in von ihnen gewählte, tiefere, frühere Schichten graben. Dieses Vorgehen setzt Diskontinui‐ täten voraus. Retrospektiv ist anzunehmen, dass auf jeder möglichen Schicht sich die Geschichte in ganz andere Richtungen hätte entwickeln können, und dass der tatsächliche Ausgang kein notwendiges Ergebnis darstellt, dessen Gründe die Geschichtsschreibung zu eruieren hat. Vielmehr ist es ihre kritische Aufgabenstellung, auf Kontingenzen der Geschichte hinzuweisen und neben Wirkmächtigem, etwa des Kanonischen, gerade das durch dieses Marginalisierte bzw. Verhinderte herauszuarbeiten. Mit diesen wenigen Skizzen soll es hier ein Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 107 16 Weiterführende Gedanken finden sich in Vinzent, Writing the History (s. Anm. 4) Seeberger/ Schmolinsky/ Vinzent, Beyond the Timeline (s. Anm. 4); Vinzent, Early Christianity (s.-Anm.-3). 17 Udo Schnelle, The First One Hundred Years of Christianity. An Introduction to Its History, Literature, and Development, Grand Rapids 2020; Udo Schnelle, Die ersten 100-Jahre des Christentums, Göttingen- 3 2019 18 Das älteste Zeugnis, wenn ich nichts übersehen habe, das Hurtado aufführt, ist ein chi-rho in P.Mur. 164a, das in die Zeit des sog. Bar Kokhba Krieges datiert wird (132-135 n. Chr.), Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts. Manuscripts and Christian Origins, Grand Rapids 2006, 137. Vgl. Markus Vinzent, Earliest ‚Christian‘ Art is Jewish Art, in: Uzi Leibner/ Catherine Hezser, Jewish Art in its Late Antique Context (TSAJ-163), Tübingen-2016. 19 Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen- 10 2024, 471. Bewenden haben, doch sie sollen andeuten, warum ich vom gegenwärtigen Diskurs ausgehe, intensiv forschungsgeschichtlich frage, wie wir zu den uns be‐ stimmenden Erklärungsmustern gekommen sind, die heute vorherrschen, und kritisch rückfrage, ob sie in ihren Ausgangsfragen und Positionsbegründungen verlässlich oder nicht vielmehr korrigierenswert sind. 16 Darum meine Beschäftigung mit Forschungsansätzen nicht nur des 21., 20. und bestenfalls noch 19. Jh., auf die sich die meisten Forschungsgeschichten heute beschränken, sondern auch der Frühmoderne, der Reformation, des Mittelalters und der Patristik. Als Forschender zu Meister Eckhart und seiner Zeit - über den ich kaum weniger publiziert habe als zum frühen Christentum - ist mir nur zu bewusst, dass der Großteil der Zeugnisse für die Zeit der Patristik aus dem Mittelalter stammt, ein Grund, der mich vom anfänglichen Patristiker zu einem Forscher auch des Mittelalters machte. Und als Patristiker steht mir nur zu gut vor Augen, dass die größte Anzahl neutestamentlicher Zeugnisse patristischer und mittelalterlicher Natur sind. Will man die Zeit des Neuen Testaments, wie U. Schnelle auf „die ersten 100 Jahre des Christentums. 30-130 n. Chr.“ beschränken, 17 besitzen wir nicht einen einzigen materiellen Zeugen - keinen Papyrus, keine Handschrift, keine Inschrift, keine ikonographische Dar‐ stellung. 18 Alles, was wir besitzen, gewinnen wir aus Zeugen und Zeugnissen, die jenseits dieser Schwelle, also frühestens aus der Zeit der Patristik, stammen, inklusive all der Zeugnisse für Schriften, die U. Schnelle (und mit ihm fast die gesamte neutestamentliche Wissenschaft) in „die ersten hundert Jahre des Christentums“ setzen möchte. Mit dem chronologischen und rezeptionsgeschichtlich orientierten Ansatz verbindet sich, wie angedeutet, auch der der Kanonizität. In U. Schnelles „Einleitung in das Neue Testament“ (5. Aufl.) werden alle kanonischen Schrif‐ ten in den von ihm gewählten Zeitraum der ersten hundert Jahre, also vor 130 n. Chr. datiert, wobei bis auf 2Petr, den er „um 110 n. Chr.“, 19 und Joh, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 108 Markus Vinzent 20 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 521. 21 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 219-240. 22 Schnelle, 100 Jahre (s.-Anm.-17), 219-222. 23 Schnelle, 100 Jahre (s.-Anm.-17), 220. 24 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 285. 25 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 406. 26 Ulrich Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einord‐ nung der marcionitischen Paulusbriefausgabe, Berlin-1995, 294. das er auf „zwischen 100 und 110 n. Chr.“ 20 ansetzt, alle anderen Schriften vor oder um 100 n. Chr. geschrieben sein sollen. Der einzige nichtkanonische Text, der in seiner „Einleitung in das Neue Testament“ behandelt wird, ist die „Logienquelle“ 21 - seine Einleitung ist folglich nicht nur eine solche kanonischer Texte, doch aus der Limitierung auf die außerkanonische Logienquelle entsteht der Eindruck, dass außer diesem einen nichtkanonischen Text sich keine anderen frühchristlichen Texte aus dieser Zeit erhalten haben und das, was erhalten ist, spätere Texte darstellen. Den Eindruck stützt sein Exkurs, der „alternative Modelle zur Jesusinterpretation und zur frühesten Geschichte des Christentums“ behandelt. 22 Auch wenn ich mit ihm im Ergebnis übereinstimme, dass die von ihm behandelten Texte, insbesondere das Thomasevangelium in der Form, in der es uns in den frühesten Textzeugen überliefert ist, frühes‐ tens in die Mitte des 2. Jh. zu datieren ist, 23 wäre ich skeptisch gegenüber der Demarkationsgrenze des magischen Jahres 100 (oder 110), die zwischen Kanonischem und Apokryphem trennt. Was Markions „Neues Testament“ mit seiner Präfatio, seinem Evangelium und der paulinischen 10-Briefe Sammlung betrifft, wiederholt Schnelle das Urteil der Häresiologen, wonach Markion sein Evangelium „durch Streichungen und Korrekturen des Lukasevangeliums gewonnen habe.“ 24 Bezüglich Paulus schließt er sich dem Urteil von U. Schmid an, dass es bereits eine „vormarcionitische“ 10-Briefe Sammlung gegeben haben muss. 25 Schmid hatte dies aus der Beobachtung begründet, dass es eine „14-Kapi‐ tel-Form“ von Röm „im Bereich ntl. Textüberlieferung gibt, jedoch keine einzige Spur von den sicher marcionitischen großen Auslassungen in diesem Brief (Röm 2,3-11; 4; große Teile von 9-11).“ 26 Hier ist aber für Schmid der Wunsch die Mutter/ der Vater des Gedankens - oder, anders gesagt, das Argument ist zirkulär. Voraussetzung ist, wie von ihm deutlich gemacht, die Annahme - die er mit den Häresiologen teilt -, dass Markion Textteile auslässt, streicht oder korrigiert. Dass es eine lange Forschungstradition gibt, die seit der Aufklärung dieser Behauptung der Häresiologen entgegentritt und mit guten Gründen die Bearbeitungsrichtung, wie kurz angedeutet werden wird, umkehrt, bleibt bei Schnelle unberücksichtigt. Die diesbezüglichen Forschungen von Jason BeDuhn Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 109 27 Jason D. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon, Salem 2013; Jason D. BeDuhn, The New Marcion. Rethinking the „Arch-Heretic“, in: Forum Westar’s Academic Journal 4/ 2 (2015), 163-179; Jason D. BeDuhn, New Studies of Marcion’s Evangelion, in: ZAC 21/ 1 (2017), 8-24. Vgl. jetzt auch Matthias Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Der Text des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (TANZ 61), Tübingen 2018, 223-258; Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien, Bd. 1: Untersuchung (TANZ 60/ 1), Tübingen 2 2020; Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien, Bd. 2: Rekon‐ struktion - Übersetzung - Varianten (TANZ 60/ 2), Tübingen 2 2020; Jan Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte, in: Heilmann/ Klinghardt (Hg.), Text (s.-o.), 21-56. 28 So sein Hinweis in seiner Email an mich vom-14.05.2024. 29 Nachweise in Markus Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (StPatr.S 2), Leuven 2014. Auch wenn Markion Zeit seines Lebens nicht als Häretiker betrachtet wurde, auch nicht aus der kirchlichen Gemeinde ausgeschlossen war (einen wiederholten Ausschluss des Markion behauptet Tertulllian lediglich für die Zeit des römischen Bischofs Eleutherus, der jedoch zwanzig Jahre nach Markions Tod wirkte), und Markioniten noch im 3. Jh. in Rom in sakramentaler Gemeinschaft mit der römischen Gemeinde standen, ist dennoch lesenswert Sebastian Moll, The Arch-Heretic oder Matthias Klinghardt begegnen weder in Schnelles „Einleitung in das Neue Testament“ noch in „Die ersten 100-Jahre des Christentums“. 27 Dies führt uns zu meiner These 7, von der an Herr Schnelle den Dissenz anmeldet. Sein Einwand zu meiner These lautet: Ihre Forderung nach „Materialität“ kann ich gut nachvollziehen, meine aber, dass sie z. B. bei Markion gerade nicht vorliegt, weil wir keine Originalüberlieferungen haben, die Kirchenväter tendenziös berichten und jede aktuelle Textrekonstruktion natürlich die Interessen des jeweiligen Exegeten wiedergibt. 28 Wenn man „Materialität“ physisch fasst, ist dem Einwand natürlich zuzustim‐ men, doch dann gilt er ebenfalls, wie zuvor ausgeführt, für alle Schriften des kanonischen Neuen Testaments. Fasst man ihn weiter, dann zählen hierzu auch die ausdrücklichen Hinweise der Häresiologen und Kirchenväter. Und diesbe‐ züglich fällt auf, dass überhaupt die erste Kommentierung einer Paulusbrief‐ sammlung im frühen Christentum keine solche der kanonischen Briefsammlung ist, sondern der paulinischen 10-Briefe-Sammlung, die in Markions „Neuem Testament“ zu finden war. Mehr noch, Tertullian kommentiert über diese hinaus auch Markions Präfatio, die Antithesen, und sein Evangelium. Er und nach ihm eine Reihe von Zeugen, weisen dieses „Neue Testament“ dem Reeder von Sinope zu, der nach dem sog. Bar Kokhba Krieg als erster und ältester christlicher Lehrer nach Rom ging und dort eine Schule eröffnete. 29 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 110 Markus Vinzent Marcion (WUNT II/ 250), 2010; Judith M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic. God and Scripture in the Second Century, Cambridge-2015. 30 Vermutlich, weil der Philemonbrief nicht aufgeführt wird, wohl aber dem Irenäus nicht unbekannt war, da er sich ausdrücklich mit Markion beschäftigt. 31 Adolf von Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche, Berlin 1924, 78*; Schmidt, Marcion (s.-Anm.-26), I/ 318. Überhaupt kennen die Zeugen und Zeugnisse, die wir besitzen, lediglich zwei Sammlungen paulinischer Briefe: Diese, dem Markion zugeschriebene 10-Briefe-Sammlung und eine weitere, die sich im ausgehenden 2. Jh. aus den Büchern III-V von Irenäus, „Adversus haereses“, herauslesen lässt und die vermutlich 14 Briefe umfasst. 30 In diesen Büchern argumentiert und zitiert Irenäus aus Texten, die eine erheblich erweiterte Sammlung gegenüber Mark‐ ions „Neuem Testament“ nahelegt, nämlich eine von vier Evangelien, der Apostelgeschichte, vermutlich 14 paulinischen Briefen, katholischen Briefen und der Apokalypse des Johannes. Irenäus schreibt um das Jahr 177 n. Chr. in Lyon, stammt jedoch aus Syrien, bezeichnet Polykarp von Smyrna als seinen Lehrer und hat Kontakte nach Rom. Das bedeutet, dass Markions 10-Briefe-Sammlung für die Zeit um 140 n. Chr. bezeugt ist, die 14-Briefe-Sammlung des Irenäus für die Zeit um 177-n.-Chr. Es ist und bleibt zunächst offen, wann, wo und von wem irgendeines der in diesen beiden Sammlungen enthaltenen Schriftstücke abgefasst wurde, wie diese Briefe zu Sammlungen vereinigt wurden, und ob sie und, falls ja, wer sie wie redaktionell für diese Sammlungen bearbeitet hat, es sei denn, es lassen sich weitere äußere Zeugnisse oder innere Gründe für nähere historische Bestim‐ mungen anführen. Meine philologische Rekonstruktion des griechischen Texts hat ergeben, dass aufgrund des Rückverweises in Gal 5,21 (auf 1Kor 15,50), der für Markions 10-Briefe-Sammlung bezeugt ist (so auch Harnack und Schmid, 31 auch wenn sie die Implikationen nicht gesehen haben) Markion sich mindestens zwei älterer Quellsammlungen bedient hat: Einer, die sieben Briefe umfasste und wohl in der kanonischen Ordnung gereiht war (in der 1Kor vor Gal steht) und einer, die drei Deuteropaulinen beinhaltete. Denn diese drei Briefe stehen in Markions Sammlung zusammen (weisen auch viele sprachliche und inhaltliche Merkmale auf, die sie mit den kanonischen Ergänzungen der sieben Briefe gemeinsam haben), während sie in der kanonischen Briefsammlung jeweils durch einen der sieben Briefe getrennt stehen - vielleicht hätte ein Bearbeiter der 14-Briefe-Sammlung vier Briefe weglassen können, doch wie hätte er gerade die drei Briefe gruppieren können, die sich als Deuteropaulinen herausstellten? Dem schließt sich zudem die Überlegung an: Wieso hatte dieser Bearbeiter Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 111 32 Zu dieser Formel vgl. Teresa Morgan, Being ‚in Christ‘ in the Letters of Paul (WUNT II/ 449), Tübingen-2020. genau die vier Briefe ignoriert, die heute als Pseudopaulinen gelten? Nach der geltenden Meinung liegt mit den 14 Briefen eine kanonische Sammlung vor, die zu über ein Viertel Pseudopaulinisches enthält, während die 10-Briefe-Samm‐ lung nur paulinische Briefe besitzt. Wäre es folglich nicht wahrscheinlicher, dass auch der Textbestand der 10-Briefe-Sammlung näher bei Paulus anzusetzen wäre als der der Sammlung mit 4 pseudopaulinischen Briefen? Dass die Frage zu bejahen ist, soll nur durch zwei Beispiele - es gibt, wie meine Rekonstruktion zeigen wird, eine Fülle solcher Beispiele - angedeutet werden. Ein Brief der Pseudopaulinen ist an Titus gerichtet, was wenig wundert, weil Titus in der 10-Briefe-Sammlung in Gal 2,3 begegnet. Jedoch ist Timo‐ theus der Adressat von zwei der vier oder (wenn man Hebr ausblenden will) drei Pseudopaulinen. Von Timotheus ist aber in der 10-Briefe-Sammlung nie die Rede. Wer einer Sammlung zwei pseudopaulinische Briefe an diesen Adressaten hinzustellt, der wird sich bemühen, den Namen des Timotheus häufig in die bestehenden zehn Briefe einzustreuen - Timotheus avanciert zum verlässlichen Mitarbeiter und sogar Mitautor des Paulus, gestützt durch die Apostelgeschichte, die Teil des später kanonischen Neuen Testaments ist. Auch hier wäre es wenig verständlich, wieso ein Bearbeiter einer 14-Briefe-Sammlung Timotheus an all diesen Stellen gestrichen hätte, nur weil er 1/ 2Tim ignoriert, dann aber Titus beibehält trotz Auslassens von Tit. Teresa Morgan hat in einer Monographie gezeigt, dass es in der Antike und vor Paulus drei Verwendungsarten von en + Person im Dativ gibt: Instrumental (vermittels …) und autoritativ (auf Geheiß/ im Namen von …), dass aber bei Paulus es einen innovativen und einzigartigen Gebrauch gibt, den sie als „encheiristisch“ (also im ontologisch-soteriologischen Sinne von „aufgehoben in der Hand Christi“) bezeichnet. 32 Nun begegnen, wie sie zeigt, im kanonischen Paulus der 14 Briefe alle drei Verwendungen. Hingegen zeigt meine Rekon‐ struktion, dass in Markions 10-Briefe-Sammlung ausschließlich der einzigartige paulinische Gebrauch (Gal 2,4; 2Kor 2,17; 3,14; 5,17; 1Thess 4,15; Laod 2,10.13; Phil 1,13) zu finden ist. Wie hätte ein Bearbeiter der 14 Briefe das typisch Paulinische extrahieren und jeden anderen Gebrauch eliminieren können? Phi‐ lologisch und historisch ist nur die umgekehrte Bearbeitungsrichtung denkbar. Die 10-Briefe-Sammlung des Markion wurde nicht nur pseudopaulinisiert, sie wurde auch sprachlich verwässert. Der Schluss: Die Paulusforschung heute ruht auf der paulusfernsten Sammlung. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 112 Markus Vinzent © Bernhard Raspels Markus Vinzent studierte Philosophie, Theologie, Juda‐ istik und Vorderasiatische Archäologie in Eichstätt, Paris, München und Heidelberg. Er war Professor für die Ge‐ schichte der Theologie (1996-1999 Uni Köln; 1999-2010 Uni Birmingham; 2010-2022 King’s College London), Gast‐ professor der Korea University Seoul (2009-2016) und Fellow an verschiedenen Institutionen, darunter seit 2011 am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Er ist einer der Direktoren der International Conference on Patristic Studies Oxford, Editor-in-chief von Studia Patristica und Eckhart: Texts and Studies. Jüngst publizierte er Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jh. (2022), Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. (2025); er ist Mitautor von Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung (3 Bde) (2025). Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 113 Hermeneutik Geschichte und die Schulbücher Michael Sommer Einleitung - Geschichte, Toleranz als Bildungsauftrag und Ursprungsparadigmen des Frühen Christentums Vielleicht sehen manche der Lesenden der Zeitschrift für Neues Testament noch klassisches Fernsehen jenseits der mannigfaltigen Angebote diverser Streamingdienstleister. Ich zähle zu jenen Menschen, die gerne Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu festen Sendezeiten betrachten und sich hie und da von einer Dokumentation unterhalten lassen. Gerade zur Oster- und Weihnachtszeit lasse ich es mir als neutestamentlicher Theologe nicht nehmen, in einer freien Minute durch die Programme zu zappen und nach For‐ maten im Bildungsfernsehen zu suchen, welche durch szenische Nachstellungen in bewegten Bildern historische Fakten über die Weihnachtsgeschichte, die Passion oder die Jesusbewegung nach Ostern vermitteln wollen. Als historisch denkender und forschender Theologe verfolge ich die Bilder mit großer Span‐ nung und achte auf Ungenauigkeiten, Fehler und methodische Engführungen, weil ich dieses Material zu gerne für den geschichtshermeneutischen Teil meiner Einführungen verwende. Solche Dokumentationen eigenen sich hervorragend, um gemeinsam mit Studierenden kritisch gegenüber den Fernsehbildern über Geschichtsobjektivismus, Grenzen von geschichtlichen Rekonstruktionen und über Geschichts„wahrheit“ nachzudenken. Zudem erkunden wir im Anschluss gemeinsam, wo denn Modelle des frühen Christentums in der breiten Öffent‐ lichkeit vorkommen und ob Modelle, die im Moment en vogue in der Wissen‐ schaft sind, bereits die Grenzen der Universität verlassen und öffentliches Bewusstsein formen. Modelle des frühen Christentums sind Teil des öffentlichen Bewusstseins - ich denke, das ist der große Tenor dieses Bandes der ZNT. Das Christentum hat unsere Kulturkreise so stark geprägt, dass ein Großteil der Menschen eine Idee über Jesus von Nazareth, über seine Jünger, über Paulus Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 1 Vgl. dazu mit einer gewissen Vorsicht vor eurozentristischer Lektüre frühchristlicher Texte Michael Sommer, Wie westlich ist das frühe Christentum? Modelle frühchristli‐ cher Diversität und die Entwicklung diversitätssensibler Kleingruppenmodelle in der empirischen Soziologie, in: -ZNT-52 (2024), 71-90. 2 Vgl. dazu Burkard Porzelt, Grundlinien biblischer Didaktik, Bad Heilbrunn 2012, 32-38. 3 Zur Aufgabe der Toleranzförderung durch interreligiöses Lernen vgl. Georg Hilger/ Ste‐ phan Leimgruber/ Hans-Georg Ziebertz, Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für Studium, Ausbildung und Beruf, München-2001, 433. 4 https: / / www.gesetze-bayern.de/ Content/ Document/ BayVerf-131 (letzter Zugriff am 13.03.2025). und die Verbreitung der ersten Christen hat. Schon alleine deshalb lohnt es sich für Theologinnen und Theologen, die mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle zwischen Theologie und Öffentlichkeit stehen, sei es im kirchlichen Dienst oder als Lehrerinnen und Lehrer in Schulen und Bildungseinrichtungen, über die Diversität der Ursprungsparadigmen des frühen Christentums, über die Gren‐ zen von Geschichtsmodellen, über die Gefahren eines Geschichtsobjektivismus und über die Möglichkeit, Geschichte im Diskurs zu begreifen, nachzudenken. 1 Doch das ist nur ein Grund, warum wir geschichtliches Denken und Modelle des frühen Christentums als einen integralen Bestandteil des Religionsunter‐ richts fest in den Lehrplänen der Bundesländer verankert finden. Wenn Sie Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anbieten, werden Sie sowohl aus evangelischer als auch aus katholischer Perspektive mit Geschichtsbildern arbeiten müssen, und dies nicht nur, um über die Ursprünge einer unsere Kulturkreise formenden Glaubensbewegung nachzudenken. 2 Vielmehr sind in den Schulbüchern Geschichtsmodelle fest mit dem - und das betone ich mit Nachdruck - in seiner Bedeutung hochzuschätzenden und hochzuachtenden Bildungsauftrag zur Toleranz und Demokratie verkettet. 3 Schon allein drei Auszüge aus den Schulgesetzen der Länder Bayern, Nordrhein-Westfallen und Baden-Württemberg verdeutlichen, dass Bildung dem Grundgesetz verpflichtet ist und einen enorm wichtigen Beitrag zu einer toleranten, demokratischen und gleichberechtigten Gesellschaft leisten muss (! ! ! ) und kann: Bayern (Art. 131 BayEUG): Die Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk sowie zur Völkerverständigung zu erziehen. 4 NRW (§ 2 SchulG NRW): Die Schule ist ein Raum religiöser wie weltanschaulicher Freiheit. Sie wahrt Offenheit und Toleranz gegenüber den unterschiedlichen religiö‐ sen, weltanschaulichen und politischen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Sie achtet den Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. Sie vermeidet alles, was die Empfindungen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 116 Michael Sommer 5 https: / / bass.schule.nrw/ 6043.htm#1-1p1 (letzter Zugriff am-13.03.2025). 6 https: / / www.landesrecht-bw.de/ bsbw/ document/ jlr-SchulGBW1983pP1 (letzter Zu‐ griff am-13.03.2025). 7 https: / / kultus.hessen.de/ sites/ kultus.hessen.de/ files/ 2021-06/ lprealkath.rel_.pdf (letz‐ ter Zugriff am-13.03.2025). anders Denkender verletzen könnte. Schülerinnen und Schüler dürfen nicht einseitig beeinflusst werden. 5 Baden-Württemberg (§ 1 SchulG BW): Der Auftrag der Schule bestimmt sich aus der durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Landes Baden-Württemberg gesetzten Ordnung, insbesondere daraus, dass jeder junge Mensch ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung hat und dass er zur Wahrnehmung von Verantwortung, Rechten und Pflichten in Staat und Gesellschaft sowie in der ihn umgebenden Gemeinschaft vorbereitet werden muss. 6 Natürlich gilt dies umso mehr für den Religionsunterricht. So ist es nach dem Lehrplan für Katholische Religionslehre für Realschulen des Landes Hessen eine der Hauptaufgaben des Religionsunterrichts aller Jahrgangsstufen, Schü‐ lerinnen und Schüler als Teil des übergeordneten Toleranz- und Demokratieför‐ derungsauftrags interreligiöse und weltanschauungsplurale Kompetenzen zu vermitteln. Er führt diesen Gegenstand als dritten Punkt in der einleitenden Präambel unter „Begegnung mit anderen Religionen und Weltdeutungen“ vor. Das Spannende und für das Thema dieser Ausgabe der ZNT unmittelbar Relevante ist, dass der Lehrplan diesen für die Probleme der Gegenwart so wichtigen Auftrag mit einem Geschichtsbild verknüpft: Die Geschichte belegt, dass Menschen grundsätzlich religiös sind. In jeder Kultur gab und gibt es religiöse Phänomene. Die Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Wirklichkeit wird in diesem Begegnungsfeld mit ihren Erscheinungsformen und Ausdrucksweisen thematisiert und nach Voraussetzungen für ein friedliches Zusam‐ menleben innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft befragt. Mehr als früher müssen sich schon die Schülerinnen und Schüler auseinander setzen mit Menschen, die eine materialistische Weltanschauung haben, mit atheistischen und nichtreligiösen Menschen. Das II. Vatikanische Konzil fordert die Gläubigen auf, „dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die soziokulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern. 7 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 117 8 Vgl. dazu Karlo Meyer, Grundlagen interreligiösen Lernens, Göttingen 2019, 13-21. 9 Zur Geschichtshermeneutik in der Bibelwissenschaft vgl. ausführlicher Stefan Al‐ kier/ Christos Karakolis/ Tobias Nicklas, Sola Scriptura Ökumenisch (Biblische Argu‐ mente in öffentlichen Debatten-1), Paderborn-2021. Die Begründung verschränkt Herausforderungen in den pluralistischen Gesell‐ schaften einer globalisierten Welt wie z. B. das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen mit geschichtlichem Denken. Mehr noch: Interreligiöser Dialog und Dialog auf Augenhöhe mit verschiedenen Weltan‐ schauungen sind ein fester Bestandteil und eine stetige Aufgabe des christlichen Glaubens und einer christlichen Handlungspraxis. Geschichte wird in dem kurzen, jedoch theologisch hoch aufgeladenen Text geradezu zu einem Lernort für interreligiöse Kompetenz stilisiert, der als Etappe des Bildungsauftrags zur Toleranz einen festen Platz in den öffentlichen Schulen haben muss. 8 Dies alleine sensibilisiert für die Brisanz des Themas dieses Heftes, denn Ursprungs‐ paradigmen des frühen Christentums sind dementsprechend mehr als bloße Geschichtsmodelle über die Ursprünge einer Glaubensgemeinschaft. Sie sind Fundament und Ausgangspunkt für eine Theologie der Toleranz, des Dialogs und der Begegnung. Der Platz der Geschichte in den Bildungsdiskursen zeigt, dass Geschichte nicht eine graue Masse der Vergangenheit ist, sondern in eine Gegenwart hineinerzählt wird, in der sie wichtig ist, in der sie etwas bewirken und verändern kann, in der sie aber auch mahnen muss, dass sich Fehler der Menschheitsgeschichte nicht wiederholen. 9 Schon alleine deshalb ist es notwendig, sich im Rahmen einer-ZNT-Ausgabe mit den Geschichtsmodellen von Schulbüchern, mit ihren Stärken, ihren Inhal‐ ten, ihrer Aufgabe und ihren Schwachstellen kritisch auseinanderzusetzen. Wenn wir den Tenor der Ausgabe im Hinterkopf behalten und insbesondere mit offenem Auge die Kontroverse gelesen haben, so dürfte klar sein, dass Geschichte im Diskurs geschrieben wird. Geschichte ist, und das gilt auch für die Ursprungsgeschichten des frühen Christentums und seine Relationen zum Frühjudentum und zum Islam, mehr als objektive Gewissheit; sie ist ein Konstrukt, das auf der Grundlage von Quellen narrativ verhandelt und nur durch einen intersubjektiven Austausch Wahrheit beanspruchen kann. Mit anderen Worten: Es gibt mehr als eine Möglichkeit, die Geschichte des frühen Christentums zu erzählen. Und es ist die Aufgabe der Wissenschaft, die verschiedenen Geschichtsnarrative in ein kritisches Zueinander zu bringen. Geschichte lebt aus diesen Kontroversen und benötigt diese Spannungen. Mit diesen Gedanken soll ein kritischer Dialog mit gängigen Geschichtsbildern zum Verhältnis von „Frühem Christentum“ und „Frühjudentum“, wie er häufig in Schulbüchern angeboten wird, eröffnet werden. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 118 Michael Sommer 10 Einen Überblick über die Schulbuchforschung gibt Eckhardt Fuchs/ Inga Niehaus/ Almut Stoletzki, Das Schulbuch in der Forschung. Analysen und Empfehlungen für die Bildungspraxis, (EE-4), Paderborn-2014. 11 Vgl. weiterführend Friedrich Schweitzer, Elementarisierung und Bibeldidaktik, in: Mirijam Zimmermann/ Ruben Zimmermann, Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2013, 409-414. 12 Fuchs/ Niehaus/ Stoletzki, Schulbuch (s.-Anm.-10), 5-13. 13 Vgl. dazu Fuchs/ Niehaus/ Stoletzki, Schulbuch (s.-Anm.-10), 11. Geschichte im Modell und die Aufgabe der Schulbücher Unsere Reise in die Geschichtsmodelle im Religionsunterricht beginnt beim Nachdenken und Reflektieren über jene Dinge, die den Alltag in Bildungsfor‐ maten wohl am meisten prägen: die Schulbücher. 10 Ich möchte mit ihnen gemeinsam den Zweck von Lehr-/ Lernmaterialien im everyday life von Reli‐ gionslehrerinnen und -lehrern reflektieren. Welche Rolle spielen sie für die Unterrichtsvorbereitung? Wie kritisch gehen wir mit den Lehr-/ Lernmaterialien um? Wie vermitteln sie Geschichte und wie beeinflussen sie unser Denken, unser Geschichtsbewusstsein und unser Handeln? Warum müssen wir über Schulbücher nachdenken? Viele der wirklich sehr guten Bildungsformate arbeiten nicht nur mit Ge‐ schichtsmodellen, sondern stehen vor dem großen, den Praxisanforderungen geschuldeten Problem der Elementarisierung. 11 Herausgebende der Schulbücher müssen zwischen vermittelbarer Pragmatik und wissenschaftlicher Differenzie‐ rung abwägen und können in vielen Punkten kaum der Komplexität universitä‐ rer Diskussionen gerecht werden. Ein Schulbuch zu gestalten, es zu konzipieren und letztendlich herauszugeben, bedeutet nicht nur, sich über die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, ihren intellektuellen Stand und ihre Interessen Gedanken zu machen, sondern gleichzeitig auch die dafür notwendige Schere der Reduktion anzusetzen. 12 Es ist unmöglich, wissenschaftlicher Komplexität innerhalb eines Schulbuches gerecht zu werden, wenn Platz für viele Themen darin bestehen bleiben will. Dieser didaktisch-pragmatischen Tatsache ist es geschuldet, dass sich oftmals nicht die aktuellsten Modelle eines Faches in den Schulbüchern wiederfinden. Und oftmals haben auch einfache Modelle den Vorrang gegenüber komplexeren, einfach wegen der Aufgabe, durch Komple‐ xitätsreduktion elementare Zugänge für Schülerinnen und Schüler zu schaffen. An dieser Tatsache lässt sich wahrscheinlich kaum etwas ändern. Deswegen ist ein universitäres Studium, Weiterbildung und ein kritischer Blick von Lehrkräften gefragt. Ideale Studierende sollten am Ende ihres Studiums einen Überblick über die einzelnen theologischen Fächer besitzen und prinzipiell die historische Genese theologischen Denkens überblicken können. 13 Sie sollten Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 119 14 Zur Medienvielfalt vgl. Fuchs/ Niehaus/ Stoletzkie, Schulbuch (s.-Anm.-10), 12-14. 15 Vgl. dazu Fuchs/ Niehaus/ Stoletzki, Schulbuch (s.-Anm.-10), 55f. die Kompetenz besitzen, theologische Positionen in die Theologiegeschichte einordnen zu können. Das sollte sie befähigen, kritisch mit Lehr-/ Lernmateri‐ alien ins Gericht zu gehen. Sie sollten aktuelle Handbuchtraditionen darin genauso identifizieren können, wie veraltete Denkparadigmen und Modelle. Und natürlich sollten sie auch Alternativen kennen und anbieten können, um gegebenenfalls das Schulbuch beiseite zu legen, um eigene Lerneinheiten zu entwickeln bzw. um Inhalte, die im Schulbuch unterkomplex dargestellt sind, komplexer darzustellen. Deshalb ist es notwendig, zunächst den Aufbau von Schulbüchern zu betrachten und für unser Thema zu erschließen, welche Rolle Geschichte darin spielt und wie Geschichtsmodelle vermittelt werden. Dies soll ein erster Schritt einer Metareflexion sein, der uns dabei behilflich sein wird, im zweiten Schritt Ursprungsparadigmen des frühen Christentums, wie sie häufig in Schulbüchern angeboten werden, ausfindig zu machen und in den Kontext dieser-ZNT-Ausgabe einzuarbeiten. Natürlich sind Schulbücher als tragende Säule des Bildungssystems nicht mehr aus dem Schulalltag wegzudenken. Sie sind strukturierte Hilfsmittel für den Unterricht, vermitteln Wissen an Schülerinnen und Schüler und helfen Lehrkräften bei der Vorbereitung. Wie E. Fuchs, I. Niehaus und A. Stoletzki herausgearbeitet haben, ist die Genese der Schulbuchtradition dahingehend verlaufen, dass sie darüber hinaus Schülerinnen und Schüler beim selbstständi‐ gen Lernen unterstützen sollten. Sie sind medial so angelegt, dass sie nicht nur Wissen für die Nachbereitung speichern, sondern beim Erwerb elementarer Kompetenzen unterstützen, eigenständige Interessen und kritische Positionie‐ rung fördern. Schülerinnen und Schüler sollen bei der Auseinandersetzung mit den Medien entscheiden, ob sie an gewissen Inhalten Gefallen finden oder nicht. Deshalb sind sie so angelegt, dass sie durch ihre Darstellungsformen Lernen erleichtern und Interesse wecken sollen. Sie kombinieren daher verschiedene didaktische Zugänge, Methoden und Ansätze, arbeiten mit erläuternden Texten, Graphiken, Bildern und interaktiven Aufgabenstellungen. 14 Als entscheidenden Schritt zur Elementarisierung sichern sie komplexe Inhalte in Merksätzen, formulieren Wiederholungsfragen und Zusammenfassungen, die das Gelernte festigen und vertiefen sollen. Mit anderen Worten: Schulbücher arbeiten mit verständlichen Modellen, die mit verschiedenen Medien - Text und Bild - so klar wie nur möglich dargestellt werden sollen. 15 Eine solche Anlage beherbergt in sich bereits eine gewisse Unschärfe, denn der Einsatz von Bildmedien, seien es Kunstwerke, Karikaturen oder vereinfachte Grafiken, ist einerseits Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 120 Michael Sommer 16 Zur Wechselwirkung zwischen Öffentlichkeit und Schulbüchern vgl. Fuchs/ Nie‐ haus/ Stoletzki, Schulbuch (s.-Anm.-10), 15f. bereits interpretationsoffen. Anderseits lenken gerade vereinfachte Bilder sehr stark und leiten dazu an, komplexe Zusammenhänge auszuklammern. Dazu reservieren Schulbücher oft nur eine Doppelseite für eine Themenstellung. Text wird i. d. R. nur als Textbaustein neben Bildelementen präsentiert. Dies führt notgedrungen zu einer Reduktion. Zudem läuft reduzierter Text Gefahr, inten‐ tional unterkomplex zu sein. Gerade wenn das Layout eines Schulbuchs Text und Bild in ein starkes Zueinander bringt, wird evtl. gefördert, die Einfachheit eines Bildes auf einen Text zu übertragen. Erinnern wir uns zurück an das kurze Zitat aus dem Lehrplan, so leuchtet es ein, dass Schulbücher im Religionsunterricht häufig auf zentrale geschichtliche Epochen der Christentumsgeschichte zurückgreifen, und diese als Modellvor‐ stellung aufbereiten und anbieten. Keines der Schulbücher für den Religionsun‐ terricht kommt ohne die großen Geschichtsmodelle des Faches aus. Umgekehrt bedeutet dies, dass die von den Religionsbüchern angebotenen Geschichtsmo‐ delle das Geschichtsbewusstsein und Geschichtsverständnis von Schülerinnen und Schülern maßgeblich prägen, insofern sie nicht nur Fakten, sondern durch Geschichte auch Perspektiven und Haltungen vermitteln. 16 Allein durch den begrenzten Raum und den Zwang zur didaktischen Reduktion werden dadurch einzelne Geschichtsmodelle bzw. -etappen einer Wertung unterzogen. Dementsprechend behandeln Schulbücher im katholischen und evangelischen Religionsunterricht die Frühgeschichte des Judentums, die Lebenswelt Jesu, die Entstehung des Christentums oder die Offenbarung des Korans und bereiten sie für ihre jeweilige konfessionelle Perspektive auf. Natürlich klingt an dieser Stelle die Frage nach „Geschichtswahrheit“ an, denn den Schulbüchern bleibt kaum Platz, mehrere Modelle geschichtlicher Epochen parallel anzubieten, geschweige denn sie in einen Dialog zu bringen. Die von ihnen angebotenen Zugänge laufen Gefahr, als die einzige Möglichkeit vermittelt zu werden, z. B. Ursprünge des frühen Christentums oder Verhältnisse zwischen Christentum und Judentum zu denken. Anhand eines ausgewählten Beispiels werden wir zudem erkennen, wie Schulbücher häufig theologische Positionen, wohl auch konfessionelle Sicht‐ weisen durch Geschichtsmodelle stützen. Am Beispiel eines katholischen Schul‐ buchs sticht es sehr deutlich ins Auge, dass theologische Paradigmenwechsel, die nachhaltig von Bedeutung sind, dazu führten, dass katholische Schulbücher mit Geschichtsmodellen arbeiten, die wissenschaftlich bereits als veraltet gelten. Insbesondere die Darstellung des frühen Christentums ist davon besonders be‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 121 troffen, insofern die frühe Bewegung in vielen Schulbüchern als eine homogene Gruppierung und ihre Verbreitung als Geschichte mit einer linearen Entwick‐ lung beschrieben wird, wohingegen moderne historische und theologische Forschung diese simplen Bilder durch komplexere Modelle ersetzt haben. Und in unserem Falle werden wir die theologischen Gründe dafür näher beleuchten. Die Aufgabe der Schulbücher, komplexe historische Zusammenhänge einfach und verständlich darzustellen, führt nicht zu einer didaktischen Reduktion und sinnvollen Elementarisierung, sondern zu einer problematischen Vereinfa‐ chung, von der insbesondere eine Gefahr ausgehen kann, wenn vereinfachte Geschichte als einzige Wahrheit missverstanden werden kann. Spätestens an dieser Stelle sind reflektierte Lehrerinnen und Lehrer gefordert, die mit Schü‐ lerinnen und Schülern nicht nur Geschichte als eine Geschichte aus zusammen‐ hängenden Fakten behandeln, sondern in Formen einer Geschichtshermeneutik einführen. Dies ist umso notwendiger, gerade weil bei religiösen Themen die Gefahr besteht, dass die Darstellung nicht nur von historischen Fakten, sondern auch von kirchlichen Traditionen oder dogmatischen Vorstellungen geprägt ist. Die Darstellung des frühen Christentums in Schulbüchern ist nicht nur eine Frage der historischen Forschung, sondern auch von theologischen Traditionen und gesellschaftlichen Diskursen geprägt und eine unterkomplexe Geschichte des frühen Christentums kann Gefahr laufen, fundamentalistische Ideen zu stützen. Lektüregänge Bei unserer Lektüre beschränken wir uns auf das Unterrichtswerk „Leben gestalten 1 - Katholischer Religionsunterricht für Realschulen und differenzie‐ rende Schulformen 5. und 6. Jahrgangsstufe“. Das Buch eignet sich, da es vom Klettverlag so konzipiert und herausgegeben wird, dass es für alle Bundeslän‐ der für den Religionsunterricht akkreditiert ist. Es lässt sich also durchaus repräsentativ lesen und verstehen. Es setzt einen besonderen Schwerpunkt auf die Entwicklung religiöser Kompetenzen und legt ein besonderes Augenmerk auf interreligiöses Lernen. Schülerinnen und Schüler sollen sich mit gelebtem Glauben unterschiedlicher Religionen auseinandersetzen und ein Bewusstsein für die Differenzen, aber auch die Gemeinsamkeiten und Vernetzungen der großen Religionsgemeinschaften sowie für die Notwendigkeit eines interreli‐ giösen Dialogs entwickeln. Es möchte also dem in den Lehrplänen verankerten Auftrag gerecht werden und es überrascht nicht, dass das Schulbuch dafür eine historische Perspektive einnimmt und in elementarisierter Form Geschichtsmo‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 122 Michael Sommer 17 Zur Figur des Abraham ausführlicher vgl. Daniel Maier, Abraham. Facetten einer Vaterfigur, (ThS-19), Zürich-2023, 9-12. 18 Markus Tomberg (Hg.), Leben gestalten, Stuttgart-2020, 40. delle über die Ursprungsparadigmen des Frühen Christentums rezipiert und didaktisch aufbereitet. Das Ölbaummodell und der Parting-of-the-Ways - Ein Blick ins Schulbuch Leben gestalten-1 Das zweite Kapitel von Leben gestalten 1 betrachtet verschiedene Möglichkeiten einer Gotteserfahrung. Es beleuchtet die Suche nach Gott als eines der großen Fragen der Menschheitsgeschichte und mündet in eine längere Einheit über die Figur Abrahams. Dies ist kein Zufall, weil das Thema natürlich eine Brücke zum interreligiösen Lernauftrag des Schulbuches baut. Abraham, der „Urvater des Glaubens“, hat natürlich einen zentralen Platz in den Traditionen der drei großen Weltreligionen, Judentum, Christentum und Islam. Gen 12-25 erzählt von seiner Berufung, von seiner Verheißung auf Nachkommenschaft und Gottes Bundeschluss mit ihm. In den kanonisch gewordenen Schriften ist Abraham angefangen von den synoptischen Evangelien bis in die Briefliteratur hinein eine zentrale Figur und spielt insbesondere in der paulinischen Rechtfertigungs‐ theologie eine entscheidende Rolle. Der Islam verehrt Abraham als einen der wichtigsten Propheten. Der Koran beschreibt ihn als Freund Gottes und als Vor‐ bild für den Gottesglauben. Deshalb ist Abraham als gemeinsame Bezugsperson in den drei großen Weltreligionen eine Brücke zum interreligiösen Dialog. Er verkörpert grundlegende Werte wie Glauben, Gehorsam und Vertrauen in Gott, die alle drei Traditionen verbinden. 17 Auf S. 40f. lenkt deshalb das Schulbuch zum eigentlichen Thema über, der Beziehung von Judentum, Christentum und Islam. Auf der linken Seite der doppelseitig angelegten Lehr-/ Lerneinheit wird das Thema durch das Medium Text eröffnet. Ein kurzer einführender Baustein erläutert durch einen Einzeiler, dass Abraham in den drei Weltreligionen beheimatet ist: Avram - Abraham - Ibrahim: Stammvater des Glaubens für Juden, Christen und Muslime. Nicht nur das Christentum kennt die Geschichte Abrahams, sondern auch das Judentum und der Islam. Man nennt diese drei Religionen deshalb die „Religionen Abrahams“ 18 Dann folgen drei Textabschnitte, die die Rolle Abrahams in den jeweiligen Re‐ ligionen beleuchten sollen. Zunächst lässt das Schulbuch eine jüdische Stimme zu Wort kommen, danach folgen Ausschnitte aus dem Koran (Sure 6,76-80) und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 123 19 Vgl. Tomberg, Leben gestalten (s.-Anm.-18), 41 20 Vgl. Tomberg, Leben gestalten (s.-Anm.-18), 41. dem Galaterbrief des Paulus (Gal 6,76-80). Für das Thema der ZNT entscheidend ist allerdings die rechte Seite der Doppelseite. Dort soll mit einem Bild ein historisches Modell eingeführt werden, das die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und bleibende Trennlinien der drei Religionen Abrahams erklären soll. Zu sehen ist das Bild eines Ölbaums. Man erkennt eine breite, fest im Boden verankerte Wurzel, aus der ein dicker, geradezu mächtiger Stamm herauswächst. Betrachtet man den Stamm, so entdeckt man zentral im Bild eine erste Gabelung. Zwei Äste wachsen in unterschiedliche Richtungen, der eine nach links, der andere nach rechts. Diese Astgabelung ist in der Bildmitte so angelegt, dass die Betrachtenden es als wichtigstes Element in der Darstellung erkennen. Folgen Schülerinnen und Schüler dem linken Ast zum linken, oberen Bildende, stoßen sie auf eine weitere Astgabel. Zwei weitere Äste trennen sich und wachsen in unterschiedliche Richtungen. 19 Am unteren Ende der Seite finden Schülerinnen und Schüler eine Aufgabe, um das Bild auf die Geschichte der Religionen zu transferieren. Sie werden dazu angeleitet, das Bild als ein Geschichtsmodell zu begreifen, welches die bleibende Verbundenheit der Religionen sowie ihre gemeinsamen Traditionen (es gibt schließlich eine gemeinsame Wurzel des Ölbaums), aber auch die Trennungs‐ punkte der Religionen verdeutlicht. 20 Das Bild wird als eine Vereinfachung der Genese der Religionsgemeinschaften eingeführt, wobei das historische Narrativ dahinter von klaren, singulären Trennungspunkten ausgeht. Die Religionen Judentum, Christentum und Islam erscheinen hierdurch natürlich als in sich geschlossene, in ihrer historischen Genese klar definierte und konturierte monolithische Blöcke, die sich voneinander klar und deutlich abgrenzen lassen. Bleibende Beziehungen stützen sich nur auf eine Wurzel, die hinter (bzw. im Bild unter ihnen) liegt. In ihrer aktuellen Gestalt sind sie jedoch separiert voneinander, mehr noch: sie waren es ab dem klaren Punkt einer Trennung. Andere, komplexere Alternativen, die Genese und die Trennung sowie die bleibenden Beziehungen von Religionsgemeinschaften zu denken, bietet das Schulbuch nicht an, und das obwohl m. E. die 5. und 6. Jahrgangsstufe, gerade in unserer globalisierten Gegenwart, in der Lage ist, komplexere Modelle über Gruppen zu verstehen und auf Religionen zu übertragen. Das Schulbuch bleibt beim Ölbaum als Geschichtsmodell stehen. Darüber hinaus setzt sich das Bild im weiteren Verlauf des Schulbuchs fort. Es wird zu einem roten Faden des geschichtlichen Denkens, denn das Folgekapitel, wo insbesondere das Judentum sowie das historische und gegenwärtige Verhältnis zwischen Judentum und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 124 Michael Sommer 21 Vgl. dazu Tobias Nicklas, Jews and Christians? Second Century ‚Christian‘ Perspectives on ‚The Parting of the Ways‘, Tübingen-2014, 1-17. Christentum im Zentrum stehen, trägt den Titel „Das Judentum: Wurzel des Christentums“. Der Ölbaum in der Theologiegeschichte des 20.-Jahrhunderts Der Ölbaum inmitten von Leben gestalten 1 ist natürlich kein willkürliches Bild, das die Herausgebenden zur didaktischen Aufbereitung eines historischen Modells herangezogen haben. Es besitzt in der Theologiegeschichte des 20. Jahr‐ hunderts eine äußerst wichtige Stelle und verkörpert zur gleichen Zeit einen für die moderne, interreligiöse und interkulturelle Theologie wichtigen Meilenstein des Umdenkens innerhalb der christlichen Religionsgemeinschaften. Von daher ist das Bild ohne jeden Zweifel zu würdigen, da die Theologiegeschichte, die es symbolisiert, einen Paradigmenwechsel einleitete, der auch heute noch universitäres und nicht-universitäres Denken prägt und trägt. Gleichzeitig zeigt sich, dass Leben gestalten 1 ein katholisches Schulbuch ist und Geschichtsbilder in Schulbüchern natürlich eine konfessionelle Schlagseite besitzen (siehe oben). Das von Leben gestalten 1 angebotene Modell ist natürlich eine sehr einfache Übernahme des historischen Modells, welches die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen (Nostra Aetate) anbietet und das in den 1970er Jahren zu einer historischen Blaupause für katholische Neutestamentler wurde. Im 20. Jahrhundert hatte der Ölbaum als zentrales Symbol Eingang in die Anfangstage des christlichen-jüdischen Dialog gefunden, wo er verwendet wurde, um das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum historisch und theologisch neu zu denken. 21 Nachdem die gesellschaftliche Aufarbeitung der Shoah tief in theologische Diskurse eingedrungen war, entwickelten sich verschiedene Ansätze einer interreligiösen Theologie, die die Restformen einer Substitutionstheologie überwanden und die bleibende Bedeutung des Juden‐ tums für christliches Leben, Denken und Handeln anerkannten. Der Ölbaum als Metapher für eine bleibende Verwurzelung des Christentums im Judentum bot sich dafür an. Besonders durch das Konzilsdokument Nostra Aetate (1965) der katholischen Kirche wurde erstmals offiziell anerkannt, dass der Bund Gottes mit Israel fortbesteht. In diesem Zusammenhang wurde das Ölbaummodell als Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 125 22 Vgl. zur Forschungsgeschichte ausführlicher Annette Yoshiko Reed/ Adam H. Becker, Introduction. Traditional Models and New Directions, in: Anette Yoshiko Reed/ Adam H. Becker, The Ways That Never Parted. Jews and Christians in Late Antiquity and the Early Middle Ages, Minneapolis-2007, 1-34. 23 https: / / www.vatican.va/ archive/ hist_councils/ ii_vatican_council/ documents/ vat-ii_de cl_19651028_nostra-aetate_ge.html (letzter Zugriff am-01.03.2025). Symbol dafür genutzt, dass das Christentum historisch zwar aus dem Judentum hervorgegangen ist, aber das Judentum nicht überflüssig macht. 22 NA-4 So anerkennt die Kirche Christi, dass nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. Sie bekennt, dass alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach (6) in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und dass in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft sind (7). Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat (8). Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß „ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“ (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. 23 Nach Nostra Aetate 4 wird das Verhältnis von Judentum und Christentum durch eine historische Perspektive grundgelegt. Das Geschichtsbild nach Nostra Aetate 4 erkennt die enge Verwobenheit beider Traditionen an, indem es hervorhebt, dass Jesus und die ersten Christen Juden waren und das Christen‐ tum aus dem Judentum hervorging. Gleichzeitig wird jedoch die trennscharfe theologische Differenz betont, da das Christentum aus christlicher Sicht als die Erfüllung der göttlichen Verheißungen verstanden wird, ohne das Judentum zu ersetzen. Nostra Aetate wendet sich ab von der Substitutionstheologie und von christlichem Antijudaismus, der jahrhundertelang kirchliche Traditionen und theologisches Denken prägte. NA-4 Die Kirche […] verurteilt jede Form von Antisemitismus und erkennt die bleibende Erwählung Israels an. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 126 Michael Sommer 24 Zur Bedeutung und zur Geschichte von Mußners Traktat vgl. Michael Theobald, Geleitwort zu F. Mußner, Traktat über die Juden, Göttingen 2 2009, 1-10. 25 Mußner, Traktat (s.-Anm.-24), 11. Obwohl der Text nicht explizit den Holocaust thematisiert, ist der Text von Nostra Aetate nur als Teil eines wesentlich größeren gesellschaftlichen Dis‐ kurses zu verstehen, in dem die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und die unbeschreiblichen Schrecken der Shoah langsam aufgearbeitet wurden. Nostra Aetate 4 prägte nicht nur Theologie, sondern insbesondere auch die Bibelwissenschaften. So übernahm Franz Mußner, der als einer der ersten katholischen Theologen in seinem Traktat über die Juden, die bleibende und eigenständige Heilsbedeutung biblisch-theologisch reflektierte, verwendet be‐ wusst den Sprachgebrauch von Nostra Aetate-4. 24 In seinem Vorwort zur ersten Auflage seines zentralen Werkes „Traktat über die Juden“, das ins Französi‐ sche, Englische und Spanische übersetzt wurde und dadurch die Theologie maßgeblich beeinflusste, steht Mußner sowohl zur historischen Verantwortung, dass der christlich-jüdische Dialog die Aufarbeitung des Holocausts und die Anerkennung der eigenen Schuld mit einschließt, als auch zum Einfluss von Nostra Aetate 4 auf die historisch denkende Bibelwissenschaft. Das Traktat beginnt mit schweren, die Theologie nach wie vor bewegenden Sätzen: „Auschwitz“ nennen wir hier als Sammelname für alle Konzentrationslager, in denen Juden ums Leben gekommen sind. Das Furchtbare, das dort geschehen ist, ist nach dem zweiten Weltkrieg in der Welt bekannt geworden. Die Menschheit schreckte auf und die Christenheit schreckte mit auf. Man besann sich, Christen legten sich die Frage vor: Sind wir etwa mitschuldig an der Katastrophe geworden, die über die Juden gekommen ist? Nicht bloß durch unser Schweigen, sondern auch durch unser bisheriges Reden? Jeder, der die Nazi-Zeit miterlebt hat, weiß, wie hilflos man im Grunde dem „Judenproblem“ gegenüberstand. Beinahe das einzige, was man im Religionsunterricht über die Juden hörte […] war der Satz: Die Juden haben Jesus umgebracht. Dieser Satz war fast der einzige Inhalt einer „christlichen Theologie des Judentums“. 25 Mußners Einschätzung von Nostra Aetate 4 unterstreicht den Paradigmenwech‐ sel innerhalb der Theologiegeschichte. Bereits im Vorwort ist zu sehen, dass Mußner das Geschichtsbild von Nostra Aetate übernimmt und natürlich damit auch das Bild des Ölbaums: Nach dem Krieg aber schreckte man auf und begann sich zu besinnen. Endlich setzte das Umdenken ein. Es dauerte aber auch jetzt noch ziemlich lange, bis diese Früchte greifbar vorlagen. Die große Frucht im katholischen Bereich ist zweifelslos Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 127 26 Mußner, Traktat (s.-Anm.-24), 12. 27 Vgl. dazu Mußner, Traktat (s.-Anm.-24), 388-398. der Abschnitt über die Juden in der Konzilserklärung „Nostra Aetate“. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, Nr.-4. 26 Danach zitiert Mußner den Konzilstext wörtlich und übernimmt den Ölbaum, der sein Denken und seine Lektüre des Neuen Testaments im Rest des Buches prägen wird. Sein Buch endet mit einer Kurzkommentierung von NA-28. 27 Natürlich rezipierte auch die evangelische Theologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unabhängig davon das Bild des Ölbaums. Allerdings verkörpert es sehr deutlich, wenn wir auf die katholischen Hintergründe des Schulbuchs Leben gestalten 1 blicken, wie stark Geschichtsbilder und konfessionelle Prägung in Schulbuchtraditionen ineinander verzahnt sind. Der interreligiöse Ansatz von Leben gestalten 1 ist natürlich vom Zweiten Vatikanischen Konzil getragen, weshalb ein Geschichtsmodell angeboten wird, dass die Theologie von NA 4 reflektiert und weiterträgt. Kritik und die Geschichte komplexerer Parting-of-the-Ways-Modelle Während das Schulbuch noch mit Geschichtsmodellen der 1970er arbeitet und diese didaktisch aufbereitet als Geschichtswahrheit anbietet, wird das Ölbaum-Modell in der gegenwärtigen Forschung kaum mehr vertreten. Kom‐ plexere Parting-of-the-Ways-Modelle entstanden vor allem als Gegenentwurf zum Ölbaummodell in den 1990er Jahren. Auch wenn das Forschungsfeld selbst divers und äußerst komplex ist, so verbindet viele Forschungspositionen, dass sie anstelle einer klaren und abrupt erfolgten Trennung von Judentum und Christentum, wie sie der Ölbaum symbolisch darstellt, von einem langandau‐ ernden Trennungsprozess ausgehen. Dieser prozesshafte Verlauf hatte in ver‐ schiedenen Regionen des Mittelmeerraums unterschiedliche Gestalt und wurde oft durch politische und soziale Ereignisse getriggert. Folgt man moderneren Ansätzen, so hatte eine Trennung auf lokaler Ebene nicht unbedingt theolo‐ gische Auslöser, sondern konnte teils durch das kulturelle Umfeld und/ oder Krisensituationen geschuldet sein. Ebenso gehen komplexere Parting-Modelle, die am Grundsatz des Modells der getrennten Wege rütteln, von durchlässigen Grenzlinien christlicher und jüdischer Communities aus. Verbindungslinien, gegenseitige Beeinflussung und bleibender Kontakt sind Grundpfeiler moderner Partingbzw. sogar besser non-Parting Paradigmen. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 128 Michael Sommer 28 Vgl. dazu weiterführend Becker/ Reed, Introduction (s.-Anm.-22), 1-34. 29 Daniel Boyarin, Border Lines. The Partition of Judaeo-Christianity, Pennsylvania 2004, 2. 30 Vgl. dazu Boyarin, Border Lines (s.-Anm.-29), 89-150. Ein wichtiger Einschnitt innerhalb der Forschungsgeschichte und die Brü‐ cke zu modernen non-Parting-Modellen war sicherlich der Sammelband The Ways That Never Parted von Adam H. Becker und Annette Yoshiko Reed. 28 In ihrer Einleitung geben sie nicht nur einen informativen Rückblick über die Forschungsgeschichte, sondern stellen die Vorstellung eines klaren Bruchs zwischen Judentum und Christentum in Frage. Die Einzelbeiträge sammeln Ma‐ terial zur Erhärtung der These zusammen und zeigen, dass jüdisch-christliche Wechselwirkungen weit über die Spätantike hinaus andauerten. Der Band argu‐ mentiert, dass die Vorstellung einer Trennung eine Projektion der Paradigmen des frühen 20. Jahrhunderts ist, die mit klaren und deutlich fassbaren Kategorien arbeiten wollten. Gleichzeitig unterstreicht er, dass historische Realitäten oft komplexer gewesen sind als sie von Kategorien und Modellen dargestellt werden können. Doch nicht nur die Forschung zum frühen Christentum trug zu komplexeren Modellen bei. Auch die Judaistik entwickelte im 20. Jahrhundert Modelle historischen Denkens, die komplexere Parting-of-the-Ways-Modelle beförderten. Daniel Boyarin zählt hier sicherlich zu den einflussreichsten Forschern. In seinem Werk Border Lines kommt er zum Schluss, dass die Kategorien „Judentum“ und „Christentum“ nicht genuin existierten, sondern erst im Nachhinein der Religionsgeschichte entstanden und in die Ursprünge transportiert wurden. Boyarin schreibt: How and why that border was written and who wrote it are the questions that drive this book. Once I am no longer prepared to think in terms of preexistent different entities - religions, if you will -, that came (gradually or suddenly) to enact their difference in a „parting of the ways“, I need to ask who it was in antiquity who desired to make such a difference, how did they accomplish (or seek to accomplish) that making, and what was it that drove them? 29 Boyarins Ansatz hebt anhand des Beispiels der Logos-Theologie hervor, dass rabbinisches Judentum und frühes Christentum in ähnlichen intellektuellen und theologischen Diskursen verstrickt waren. Beide Bewegungen setzten sich mit der Rolle der Torah, der Messiaserwartung und dem Verhältnis zur griechischen Philosophie auseinander. 30 In diesem Sinne plädiert Boyarin für eine Sichtweise, die weniger auf festen Identitätskategorien beruht, sondern die wechselseitige Beeinflussung beider Traditionen betont. Natürlich entwickelten sich im 20. Jahrhundert auch Methoden, um mit Quellen umzugehen und aus Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 129 31 Vgl. dazu Nicklas, Jews (s.-Anm.-21), 1-17. ihnen Geschichte zu konstruieren. So arbeitet die Monographie von Tobias Nicklas mit einer Quellenhermeneutik, die sich in der jüngeren Forschung ver‐ breitet hat. Nicklas zeigt in seiner immer noch lesenswerten Monographie „Jews and Christians“, dass viele der uns überlieferten frühchristlichen Texte nur eine Momentaufnahme historischer Realitäten überliefern. Er verhärtet damit die These, dass die Vergangenheit stets komplexer gewesen ist, als sie geschichtliche Rekonstruktionen einholen können. Zudem zeigt er an zahlreichen Beispielen, dass viele der frühchristlichen Texte, die in der Forschungsgeschichte häufig als antijüdisch interpretiert und im Ölbaum-Paradigma als Indiz für eine vollzogene Trennung gelesen wurden, eigentlich innerchristliche Debatten über jüdische Identitätsmerkmale abbilden und so auf eine Gemeinderealität hinweisen, in der Judentum und Christentum praktisch noch ungetrennt gewesen sind. 31 Blicken wir von diesem Punkt aus zurück auf das Bild im Schulbuch Leben gestalten 1, so fallen bereits hier massive Unterschiede auf. Das Schulbuch geht von klar identifizierbaren Trennungspunkten aus. Folgt man diesem Geschichtsmodell, so haben sich die Religionsgemeinschaften an einem Punkt in der Geschichte getrennt und dieser Trennungspunkt sei repräsentativ für die gesamte Religionsgemeinschaft. Dies wird in moderneren Parting-Konzep‐ ten aufgegeben. Modernere Ansätze arbeiten mit komplexeren Vorstellungen von sozialen Strukturen der Religionsgemeinschaften als das Ölbaum-Modell. Während in letzteren die großen Religionsgemeinschaften als monolithische, homogene Gemeinschaften erscheinen, die klar definierbar sind, arbeiten jün‐ gere Parting-of-the-Ways-Modelle mit der Vorstellung einer enormen Diversi‐ tät, die in den Religionsgemeinschaften herrschte. Christentum ist demnach in seinen Anfangstagen nur ein Umbrella Term gewesen. In sich war die Religionsgemeinschaft in viele verschiedene Strömungen und Gruppierungen zersplittert, so dass schon alleine deshalb keine klare Trennlinie zu den anderen Religionsgemeinschaften beschrieben werden kann. Das „Frühe Christentum“ verhielt sich zueinander alles andere als homogen. Wenn man es genau nimmt, entwickelten sich Parting-of-the-Ways-Modelle parallel mit komplexen Model‐ len zur Entwicklung und Verbreitung des frühen Christentums. Beides ist jedoch nicht in den gegenwärtigen Schulbüchern. Zusammenfassung Schulbücher sind eine zentrale Säule des Bildungssystems. Ein Klassenzimmer ohne sie lässt sich kaum vorstellen. Doch unser Beispiel vom Ölbaummodell Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 130 Michael Sommer 32 Zur Schulbuchtradition vgl. ausführlicher Fuchs/ Niehaus/ Stoletzki, Schulbuch (s.-Anm.-10), 16f. konfrontiert uns mit einem großen Problem, das nicht nur im Religionsunter‐ richt, sondern im Grunde fächerübergreifend im Lernort Schule begegnet. Häufig sind Schulbücher nicht aktuell. Sie werden über viele Jahre hinweg als Lehr-/ Lernmaterialien eingesetzt und spiegeln deshalb nicht den Stand der aktu‐ ellen Forschung wider. Lehrkräfte erfahren gerade in ihren ersten Berufsjahren, in denen sie sich an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Berufsalltag befinden, eine gewisse Ambivalenz, dass sie mit Paradigmen arbeiten müssen, die sie in den Hörsälen der Universitäten als Stand der älteren Forschung kennenlernten. Sicherlich liegt dies unter anderem daran, dass der Prozess der Schulbuchzulassung langwierig und kompliziert ist. Von der Konzeption bis zur Zulassung müssen Lehr-/ Lernmaterialien mehrere Instanzen durchlaufen, bevor sie endgültig genehmigt werden. Zudem sind sie eng an die Lehrpläne gebunden, die ebenso nicht stetig aktualisiert und an den neuesten Stand der Forschung angepasst werden. Selbst wenn sich Forschungstrends in der Fachcommunity etablieren und neue Denkparadigmen zu wissenschaftlichen Standards werden, kann es Jahre dauern, bis sie in offizielle Lehrmittel aufge‐ nommen werden. 32 Dieses Problem fordert ambitionierte Lehrerinnen und Lehrer heraus. Sie sind gefragt, Lehr-/ Lernmaterialien kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls didaktische Einheiten zu gestalten, die dem neueren Stand der Wissenschaften gerecht werden. Ebenso sind Hochschullehrerinnen und -lehrer angehalten, regelmäßig über Fortbildungsangebote den Kontakt zur theologischen Praxis zu suchen, um eine Achse zwischen Schule und Hochschule aufrecht zu erhalten. Dieses Heft der Zeitschrift für Neues Testament ist ein Versuch, die Notwendig‐ keit dieser Balance zu verdeutlichen. Komplexere Modelle der Trennung von Religionsgemeinschaften lassen sich mit ein wenig Kreativität leicht umsetzen. Und dennoch hat der Ölbaum in den Schulbüchern immer noch Daseinsbe‐ rechtigung. Zwar verkörpert er kein aktuell gültiges Geschichtsmodell mehr, al‐ lerdings steht er für eine Entwicklung der Theologie, die aus keinem modernen, aufgeklärten Zugang zu den großen Fragen der Theologie mehr wegzudenken ist. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 Geschichte und die Schulbücher 131 Michael Sommer studierte Katholische Theologie an der Uni Regensburg, wo er 2013 mit einer Arbeit zur Johannesoffenbarung promoviert und 2020 mit einer Un‐ tersuchung über Witwen im frühen Christentum habilitiert wurde. Von 2014 bis 2020 war er Juniorprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; er lehrte und forschte als Lehrstuhl- und Professurvertreter in München, Duisburg-Essen und Regensburg und hatte Gastprofessuren an in Hildesheim und Hannover. Seit 2023 ist er Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Goethe-Universität Frankfurt a.M. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0008 132 Michael Sommer Buchreport Thomas Tops Matt Jackson-McCabe Jewish Christianity: The Making of the Christianity-Judaism Divide New Haven/ London, Yale University Press, 2020 (The Anchor Yale Bible Reference Library) XII+313-S.-ISBN 9780300180138 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0009 1 Vgl. Matt Jackson-McCabe (Hg.), Jewish Christianity Reconsidered. Rethinking Ancient Groups and Texts, Minneapolis 2007; F. Stanley Jones, The Rediscovery of Jewish Christianity. From Toland to Baur (History of Biblical Studies 5), Atlanta 2012; Annette Yoshiko Reed (Hg.), Jewish-Christianity and the History of Judaism. Collected Essays (TSAJ-171), Tübingen-2018. Das Konzept des „Judenchristentums“ kann viele Bedeutungen haben und war in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher Debatten. 1 In seiner Monographie analysiert Jackson-McCabe Schlüsselpunkte der Geschichte dieses Konzepts und zeigt, dass es sich um ein modernes Interpretationskonstrukt mit einem christlich-apologetischen Hintergrund handelt. Seine Hauptthese ist, dass das Konzept davon ausgeht, dass es von Anfang an ein Christentum gab, das sich zunächst in ein Judentum kleidete, von dem es sich später abspaltete. Das Konzept kann also weder den Ursprung des Christentums noch die Tren‐ nung zwischen Christentum und Judentum erklären, sondern setzt sie bereits voraus. Stattdessen verbirgt es, dass das „Christentum“ und die „Kluft zwischen Christentum und Judentum“ selbst Konstruktionen sind, die einem bestimmten Zweck dienen. Das erste Kapitel ist John Toland gewidmet, der 1718 den Begriff „Judenchris‐ tentum“ einführte und ihn auf die als Nazoräer bekannte Gruppe anwandte, die nach Tolands Ansicht die ursprüngliche und wahre Form des Christentums vertrat. Er stellte dieser jüdischen Form des Christentums ein Heidenchristen‐ tum gegenüber, dessen Mitglieder weniger an die jüdischen Gesetze gebunden waren. J.-M. kritisiert Toland dafür, dass er eine neue Taxonomie des Christen‐ tums und nicht eine des Judentums eingeführt hat. Toland geht unkritisch davon aus, dass es so etwas wie ein wahres Christentum gibt, das sich von der Art und Weise, wie es kulturell und sozial durch Praktiken geprägt ist, unterscheiden lässt. Sein Christentum ist eine ontologische Realität, die sich in Jesus und den Aposteln verkörpert hat. J.-M. spricht daher vom Inkarnationsmodell, das er als „eine humanistische Wiedergewinnung des Inkarnationsmythos des Christentums“-(36) betrachtet. Das zweite Kapitel befasst sich mit der einflussreichen Verwendung des Begriffs durch F. C. Baur und Thomas Morgan. Das Konzept wurde für die Apostel zu einem negativen Nenner als eine verdorbene Form des Christen‐ tums im Vergleich zum wahren und ursprünglichen Christentum von Jesus und Paulus. Aufgrund ihrer jüdischen Sensibilität konnten die Apostel nicht zwischen der transzendenten christlichen Botschaft Jesu und den jüdischen Konzepten, in denen er sie formuliert hatte, unterscheiden. Nur Paulus war in der Lage, die Religion Jesu zu begreifen. So wurde das „Judenchristentum“ das Gegenstück zum paulinischen Christentum. Da die Apostel als Repräsentanten Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0009 134 Thomas Tops des „Judenchristentums“ die erste Okklusion des transzendenten Christentums durch ihre jüdischen Formen waren, nennt J.-M. dies das okklusionistische Modell. Wie das Inkarnationsmodell beruht auch das okklusionistische Modell auf christlicher Apologetik und nicht auf historischer Forschung. Wie Toland verfolgten auch Baur und Morgan eine bestimmte humanistische Agenda. Ihre eigenen humanistischen Werte (z. B. Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Nächs‐ tenliebe) wurden zur Essenz der von Jesus begonnenen Bewegung, während die Ansichten ihrer Rivalen - angefangen bei den Aposteln - als Entartung des vermeintlichen Originals betrachtet wurden. Das dritte Kapitel befasst sich mit den Baur-Kritikern (z. B. Albrecht Ritschl, Joseph Lightfoot), die die Modelle von Toland und Baur zu neuen und komple‐ xeren Taxonomien des Judenchristentums kombinierten. Erstens rekuperierten sie die Apostel, die sich ebenso wie Paulus darüber im Klaren waren, dass sich das Christentum wesentlich vom Judentum unterscheidet. Zweitens korrigier‐ ten sie Baurs Ansicht, dass der Kanon durch ein anti-paulinisches Judentum verdorben sei. Insgesamt wollten sie die Apostel und die mit ihnen verbundenen Schriften als „autoritative Ausdrucksformen eines authentischen, ursprüngli‐ chen Christentums“ (78) wiederherstellen. Sie unterschieden zwischen einem apostolischen und einem nichtapostolischen „Judenchristentum“ und brachten sie mit den Nazoräern bzw. den Ebioniten in Verbindung. Für diese Gelehrten war das „Judenchristentum“ keine wichtige Kraft in der Kirche des zweiten Jahrhunderts. Allein das Heidenchristentum bestimmte die Entwicklung des katholischen Christentums. Ihre Taxonomie kämpfte mit der Schwierigkeit zu bestimmen, welche Formen des Judentums (un)akzeptabel waren und das Judenchristentum (un)apostolisch machten. Dies führte zu noch komplexeren Taxonomien. Einige kamen zu dem Schluss, dass „Judenchristentum“ überhaupt nicht für die Apostel und den Kanon verwendet werden sollte. Das vierte Kapitel konzentriert sich auf die zentralen Entwicklungen des Konzepts in der Zeit nach dem Holocaust, mit besonderem Augenmerk auf das Paradigma der parting of the ways. Das „Judenchristentum“ wandelte sich allmählich von einer Phrase der christlichen Apologetik zu einer neutralen Phrase der Sozialgeschichte. Die Ideen des okklusionistischen Modells traten in den Hintergrund; das Inkarnationsmodell blieb jedoch in den Ansichten von Marcel Simon und Jean Daniélou einflussreich. Simon definierte das Ju‐ denchristentum in Anlehnung an Ritschl mit Bezug auf die Einhaltung der Tora. Er versteht Judentum und Christentum als konkurrierende Brüder, die zusammen aufgewachsen sind und sich allmählich getrennt haben, und sieht in der Existenz des „Judenchristentums“ einen Beleg dafür, dass Judentum und Christentum miteinander in Kontakt geblieben sind und sich gegenseitig Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0009 Buchreport 135 beeinflusst haben. Daniélou betrachtete in Anlehnung an Ritschl das „Juden‐ christentum“ als „Ausdruck des Christentums in den Denkformen des Spätju‐ dentums“ (101). Verschiedene Synonyme von „jüdisch“ wurden verwendet, um die verschiedenen Arten zu unterscheiden, in denen das Christentum als jüdisch bezeichnet werden kann. Die christlichen apologetischen Annahmen blieben jedoch bestehen. Das Judentum der frühen Jesus-Bewegung wurde immer noch als „ein zufälliges Attribut betrachtet, das zu einem elementareren Christentum hinzukommt, von dem angenommen wird, dass es darunter liegt“ (101). Die schwierige Herausforderung, dieses Judentum zu isolieren, veranlasste einige, die Nützlichkeit der Kategorie „Judenchristentum“ anzuzweifeln. Das fünfte Kapitel ist einem Paradigmenwechsel in der Forschung über die christlichen Ursprünge gewidmet: Die Identitäten von Christentum und Judentum werden nicht mehr als stabil und ontologisch gegeben, sondern als sozial konstruiert und fließend angesehen. Die Frage ist dann nicht mehr so sehr, wie das „Judenchristentum“ zu definieren ist, sondern vielmehr, ob die Kategorie noch nützlich ist, um den Ursprung und die Entwicklung des Christentums zu erklären. Daniel Boyarin bezweifelt zum Beispiel, dass Christentum und Juden‐ tum im zweiten Jahrhundert klar voneinander zu unterscheiden waren, und schlägt stattdessen vor, Judentum und Christentum in der Spätantike als Punkte auf einem Kontinuum zu betrachten. Die Kategorie des „Judenchristentums“ hebt den Gegensatz zwischen Judentum und Christentum auf. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine eindeutig erkennbaren christlichen oder jüdischen Gruppen gab. Sie alle fallen unter Boyarins Kategorie des „Judenchristentums“. Andere Wissenschaftler (z. B. Annette Yoshiko Reed, Petri Luomanen) verwen‐ den weiterhin die Kategorie „Judenchristentum“, weil sie darauf aufmerksam machen, dass sich unsere modernen Konzepte von Judentum und Christentum in einigen antiken Gemeinschaften überschnitten und dass sich die Wege von Judentum und Christentum nie getrennt haben. Wie J.-M. jedoch zu Recht anmerkt, erklärt auch dieser dekonstruktive Gebrauch des „Judenchristentums“ nicht die Existenz des Christentums, sondern setzt sie weiterhin voraus. Die verschiedenen Segmente des Kontinuums zwischen Judentum und Christentum als hybride Kombinationen der beiden zu bezeichnen, bedeutet, sie weiterhin durch eine christliche Brille zu interpretieren. Man geht davon aus, dass das Christentum „von Anfang an da war, zunächst mit dem Judentum verbunden, um sich dann irgendwann allmählich von ihm zu lösen“ (141). J.-M. fordert ein kritisches Bewusstsein dafür, dass Gelehrte die Begriffe Christsein und Jüdischsein für rhetorische Zwecke verwenden. Im sechsten Kapitel schließlich argumentiert J.-M., dass die sozial konstru‐ ierte Natur der Identität des Christentums impliziert, dass sich die Untersuchung Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0009 136 Thomas Tops 2 Vgl. Jones, Rediscovery (s. Anm. 1); F. Stanley Jones, Jewish Christianity and the Judeo-Christian Tradition in Toland and Baur, in: Emmanuel Nathan/ Anya Topolski (Hg.), Is There A Judeo-Christian Tradition? A European Perspective (Perspectives on Jewish Texts and Contexts 4), Berlin 2016, 17-30; Peter C. Hodgson, F.C. Baur’s Interpre‐ tation of Christianity’s Relationship to Judaism, in: Nathan/ Topolski, Judeo-Christian Tradition (s.-Anm.-2), 31-52. seines Ursprungs und seiner Beziehung zum Judentum darauf konzentrieren sollte, wie die frühen Jesusanhänger ihre Identität in Bezug auf die Judäer formulierten. Anhand einer Diskussion der Ignatiusbriefe, des Martyriums des Polykarp und des Irenäus von Lyon zeigt er, dass es Jesusgruppen gab, die sich als eine neue Identität, ein Christentum, artikulierten, das sich von den Judäern und anderen Kulturen unterschied. Andere Jesus-Anhänger betrachteten sich in erster Linie noch als Judäer. Begriffe wie „Judenchristentum“ oder „christliches Judentum“ verschleiern die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen. Als Beispiel für die letztgenannte Gruppe führt J.-M. die Clemens-Homilien an, in denen sich die Jesus-Anhänger nicht von den Judäern unterscheiden. In den Homilien ist die Lehre Jesu identisch mit derjenigen des Mose; man braucht nur das eine oder das andere, um nach dem Willen Gottes zu leben. Die Frömmigkeit der Judäer unterscheidet sich qualitativ von der der anderen Völker. Ihre Kultur ist ein direkter Spiegel der „ursprünglichen, von Gott geschaffenen menschlichen Natur“ (159). Die Homilien wollen denjenigen den Weg weisen, die sich von ihrer menschlichen Natur verirrt haben. Anstatt ein „Judenchristentum“ zu vertreten, können die Homilien besser als „ein Judentum, das heidnische Konvertiten sucht“ (165) bezeichnet werden. J.-M. stellt fest, dass in den frühchristlichen Berichten über Ebioniten und Nazoräer analoge taxonomische Strukturen am Werk sind. Meiner Einschätzung nach ist die Monographie gut geschrieben und ihre Argumentation leicht nachvollziehbar. Die Monographie ist ein wichtiger Beitrag zu unserem Wissen über die Ge‐ schichte des Konzepts des „Judenchristentums“ und ist ein Muss für Forscher des frühen Christentums. Obwohl ich von der Hauptthese überzeugt bin, sind einige kritische Überlegungen angebracht: Erstens ist es nicht immer einfach, die Originalität von J.-M.s Analysen zu erkennen. Über die Verwendung des Begriffs „Judenchristentum“ bei Toland und Baur ist bereits viel geschrieben worden. 2 Die wissenschaftliche Literatur wird in den Endnoten erwähnt. Diese Zitierweise setzt voraus, dass der Leser sich wirklich bemühen muss, um zu erkennen, welche Thesen ursprünglich vom Autor stammen und welche nicht. Zweitens werden enorme Anstrengungen un‐ ternommen, um das „Judenchristentum“ als modernes Interpretationskonstrukt zu entlarven. Gleichzeitig erkennt J.-M. an, dass „die Umschreibung von Daten Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0009 Buchreport 137 in unseren eigenen Begriffen, um unsere eigenen analytischen Punkte über die Daten zu machen, eine Routine ist“ (126). Die Nützlichkeit einer Kategorie in Bezug auf ihren jeweiligen Zweck ist für ihn das ultimative Kriterium für die Bewertung moderner Kategorien wie „Judenchristentum“ (138 f.). Ich hätte jedoch gerne mehr darüber gelesen, was mit diesem Kriterium gemeint ist. Mehr hermeneutische Reflexion über die unvermeidliche Rolle moderner Konzepte im Prozess des Verstehens wäre für den Leser hilfreich. Drittens hebt J.-M. die Bedeutung der humanistischen Agenda von Toland, Baur und Morgan hervor, um ihre Taxonomien zu erklären. Aber welche Agenda hatten Gelehrte wie Boyarin und Reed? Sind ihre Taxonomien frei von ideologischen Vorurteilen? Trotz dieser drei Kritikpunkte möchte ich J.-M. für seine Monographie danken und loben, da ich glaube, dass diese Art von metahistorischen Studien der historischen Forschung über den Ursprung und die Entwicklung des Chris‐ tentums sehr zugute kommt, da sie sie selbstkritischer macht. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0009 138 Thomas Tops www.narr.digital Diese Ausgabe der ZNT nimmt die großen Erzählungen über die Anfänge des Christentums in den Blick. Sie vereint unterschiedliche Perspektiven und Zugänge, das frühe Christentum zu denken, und zeigt, dass unser Wissen über diese Zeit weder neutral noch vollständig ist. Was wir heute darüber sagen können, beruht auf Modellen, die sich auf der Grundlage von Interpretationen fragmentarischer Quellen mutig - aber immer auch hypothetisch - dem annähern, was einmal gewesen sein könnte. Gerade in Schule und Kirche ist es wichtig, das offen zu thematisieren. Geschichte ist kein fertiges Puzzle mit klaren Kanten, sondern ein Gespräch, ja sogar ein Streit darüber, wie wir Vergangenes denken können und was für uns heute bedeutsam ist. Wird diese Offenheit verdrängt, erstarrt Geschichte zur scheinbar unumstößlichen Wahrheit. Dies öffnet Tür und Tor für Engführungen und für Ausgrenzung anderer Perspektiven und letztlich auch für eine Instrumentalisierung von Geschichte. Dagegen will dieses Heft ermutigen, mit dem hypothetischen Charakter von Geschichte produktiv und kritisch zugleich umzugehen. Mit Beiträgen von Wolfgang Grünstäudl, Jan Heilmann, Sandra Huebenthal, Udo Schnelle, Michael Sommer, Thomas Tops, Markus Vinzent, Robyn Faith Walsh. ISBN 978-3-381-14051-0