ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
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Dronsch Strecker VogelElisabeth Schüssler: Fiorenza, Jesus - Miriams Kind, Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie, aus dem Engl. v. Melanie Graffam-Minkus und Bärbel Mayer-Schärtel, Gütersloh 1997, Verlag Chr. Kaiser, 68,- DM
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Stefan Alkier
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Elisabeth Schüssler Fiorenza, Jesus - Miriams Kind, Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie, aus dem Engl. v. Melanie Graffam-Minkus und Bärbel Mayer-Schärte! , Gütersloh 1997, Verlag Chr. Kaiser, 68,- DM, im Original: Jesus - Miriam's Child, Sophia's Prophet. Critical Issues in Feminist Christology, New York 1995, The Continuum Publishing Company Elisabeth Schüssler Fiorenza, Professorin für Neues Testament in Harvard, gehört zu den versiertesten Vertreterinnen feministischer Exegese und Theologie. Ihre Arbeiten haben dazu beigetragen, feministische Exegese im universitären Rahmen zu etablieren. Darüber hin- 78 Elisabeth Schüssler Fiorenza Jesus- Miriams Kind, Sophias Prophet Kritische Anfragen feministischer Christologie Chr.Kaiser Gütersloher Verlagshaus aus hat sie durch eine große Leser- Innenschaft eine erhebliche Breitenwirkung über die Universität hinaus erzielt. Ihr Buch Jesus - Miriams Kind, Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie legt auf beides großen Wert. Sie betont gleichermaßen ihren wissenschaftlichen Anspruch wie die Relevanz ihrer Ausführungen für alle Menschen. Diese Zielrichtung ist zugleich ihr Programm: eine feministische Befreiungstheologie zum »Wohlergehen[.] für jede Frau und jeden Mann ohne Ausnahme« (281). Sie schätzt ihr Projekt ein als »vielfältig, inklusiv und offen, aber zugleich engagiert und verbindlich« (280). Der Ausgangspunkt ihrer Ausführungen besteht in der wichtigen Einsicht, daß jeder Diskurs in einem kulturellen Kontext stattfindet, der als »Denkrahmen« (17) den jeweiligen Diskurs trägt. Daß dies auch für den christologischen Diskurs gilt, führt Schüssler Fiorenza sowohl bei ihrer Kritik traditioneller ( = männlicher) als auch feministischer Aussagen zur Christologie vor. Diese Einsicht führt sie dazu, mit einer Offenlegung ihrer eigenen theologischpolitischen Position zu beginnen, um den Leserlnnen zu ermöglichen, ihre weiteren positiven wie kritischen Ausführungen zum Thema innerhalb ihrer positionellen Vorgaben zu lesen. Ihren Denkrahmen stellt sie als »kritische feministische Befreiungstheologie« (35) vor. Exegetisch kann man das »kritisch« als Bekenntnis zur traditionellen, westeuropäischen historisch-kritischen-Methode lesen. Systematisch-theologisch zielt es darauf, den biologistischen Patriarchatsbegriff unter Bezugnahme auf die philosophische gender-Diskussion und unter terminologischer aber unsachgemäßer Verwendung des nicht erläuterten Konzepts der Dekonstruktion (Schüssler Fiorenza verwendet diesen Begriff wie viele Zeitgenossinnen unsachgemäß reduziert, nahezu umgangssprachlich im Sinne von ,Destruktion<: von Spuren einer Lektüre Jacques Derridas oder Paul de Mans findet sich bei Schüssler Fiorenza nichts) durch den soziopolitischen Begriff des Kyriarchats zu ersetzen. Der von Schüssler Fiorenza eingeführte Neologismus »Kyriarchat« meint »die Herrschaft des Kaisers/ Herren/ Meisters / Vaters/ Mannes über seine Untergebenen«. »Durch diese Begriffsbildung möchte ich darauf hinweisen, daß nicht alle Männer unterschiedslos alle Frauen beherrschen und ausbeuten, sowie daß privilegierte westliche, gebildete, besitzende, euro-amerikanische Männer die Ausbeutung von Frauen und von anderen ,Unpersonen< gerechtfertigt und von ihr profitiert haben.« (34f.) Daß die Autorin die Ausbeutung von Frauen durch Frauen und die Ausbeutung von Männern durch Frauen nicht in ihren soziopolitischen Begriff des Kyriarchats aufnimmt und damit in dem von ihr sonst durchgehend kritisierten »vorkonstruierten Rahmen des Geschlechtersystems« (124) verharrt, stellt innerhalb ihres »Denkrahmens« einen Selbstwiderspruch dar. Als Gegenmodell zum Kyriarchat entwirft Schüssler Fiorenza »die Vorstellung der Frauen-Ekklesia als kritische, radikal-demokratische Praxis und Vision einer radikalen Demokratie in Gesellschaft und religiösen Institutionen« (51). ZNT 2 (1998) Schüssler Fiorenzas »Frauen-Kirche« meint aber »nicht eine Frauenkirche, die Männer ausschließt.« »Vielmehr stellt die > Wirklichkeit< und Vision der Frauen-Ekklesia ein hermeneutisch, diskursiv-konstruiertes Konzept dar«. Damit »soll ein kritisch-demokratischer Ort bezeichnet werden, von dem aus Feministinnen« mit kleinem, ausgrenzendem »i«, »sprechen können, um hegemonial-theologische ,Alltagsdiskurse, zu verändern.« »Ekklesia als eine Versammlung gleichgestellter Bürgerlnnen namhaft zu machen, heißt, eine alternative Wirklichkeit mit Gerechtigkeit und Wohlergehen für alle, ohne Ausnahme, anzuvisieren.« (55) Schüssler Fiorenzas These ist es nun, daß die gesamte traditionelle Christologie, beginnend mit den frühesten christlichen Traditionen im kyriarchalen Denkrahmen entwickelt wurde und das mit Ausnahme ihres eigenen Konzepts auch nahezu alle feministischen Christologien innerhalb dieses Konzepts gefangen bleiben, da sie zumindest implizit dem Mannsein Jesu Bedeutung zukommen lassen und damit kyriarchale Ideologie übernehmen. So kritisiert Schüssler Fiorenza, »daß sie Jesus als Held-Retter-Figur verstehen, der der etablierten Ordnung dadurch widersteht, daß er dem Willen des Vaters gehorcht.« (131, vgl. 79; 83; 97). Die Orientierung an dem herausragenden Mann Jesus führt dann nach Schüssler Fiorenza unweigerlich zum Antijudaismus, da das Mannsein Jesu auf Kosten anderer jüdischer Männer positiv bewertet wird (vgl. 138f.; 114; 135; 231). Das Hauptargument der ÜBER- Blicks-These von der kyriarchalen Verdorbenheit des traditionellen und des feministischen christologischen Diskurses ist es, daß die Opposition männlich/ weiblich als bedeutungsstiftender Rahmen Festschreibungen von Herr-schaft erzeugt: » Indem der vorgefertigte ZNT 2 (1998) Denkrahmen das Geschlechtersystem männlich/ weiblich und maskulin/ feminin als universal und selbstverständlich hinstellt, verschleiert und mystifiziert dieser Denkrahmen die Realität, daß allein schon der Begriff oder die Vorstellung von zwei Geschlechtern ein soziokulturelles Konstrukt ist, das der Aufrechterhaltung von Herrschaftsstrukturen dient, aber auf keinen Fall eine biologische ,Gegebenheit< darstellt oder ein angeborenes Wesen repräsentiert. Dieser vorgefertigte Denkrahmen verstellt uns den Blick dafür, daß vor noch gar nicht so langer Zeit auch rassische und nationale Unterschiede als natürliche, biologische und g': •ttgegebene Tatsachen angesehen wurden wie es heute noch manchmal geschieht.« (65f.) Die Schreibweise G''tt wählt Schüssler Fiorenza, um »darauf aufmerksam zu machen, daß wir in unserer Sprache nur in einer unangemessenen Weise von G': ·tt sprechen können« (17, Anm. 3) Elisabeth Schüssler Fiorenzas Kritische Anfragen feministischer Christologie sind daher zugleich kritische Anfragen an feministische Christologien. Diese Ausrichtung des Buches hat für die Leserschaft den positiven Effekt, einen kenntnisreichen und problemorientierten Überblick nicht nur über die Probleme zu bekommen, die die Autorin in der traditionellen männlichen Rede von Jesus als dem Christus sieht, sondern zugleich in die diesbezüglichen feministischen Debatten eingeführt zu werden. Ihre Lektüreanweisung im deutschen Vorwort, ihr Buch sei »weder ein zusätzliches Werk über den historischen Jesus noch ein systematischer Entwurf feministischer Christologie« (9) erweist sich aber als Understatement, denn ihr Schreibverfahren ist zwar tatsächlich »engagiert und verbindlich« aber kaum »vielfältig, inklusiv und offen« (280): in ihre Kritik an traditionelle und feministische Diskurse über Jesus Christus in Exegese und Theologie allgemein ist als durchgehender Faden ihre eigene Sichtweise des historischen Jesus, der ganz der traditionellen Denkweise der Verfallstheorie verpflichteten Theorie der Verfälschung des Ursprungs und der daraus folgenden systematischtheologischen Konsequen.zen eingeflochten. Der von Schüssler Fiorenza konstruierte Ursprung ist die »frühchristliche Sophialogie« (217), ein Ableger »frühjüdischer Weisheitstheologie« (202). Da die Exklusivität Jesu Christi Schüssler Fiorenza zufolge kyriarchalen Denkmustern verpflichtet ist, konstruiert sie den reinen Ursprung der Sophialogie gemeinsam um Johannes den Täufer und den historischen Jesus, die sie kurzerhand beide zu Propheten »ihrer gnädigen Sophia-G''tt« erklärt. Dieser »Sophialogie« (212) kommt die soteriologische Kraft zu, nicht Jesus Christus. Die Bewegung um Johannes und Jesus ist die in das Frühchristentum projizierte Frauen-Ekklesia: eine radikal demokratische Ekklesia der Frauenweisheit nordamerikanischer Prägung (vgl. z.B. 140). Mittels literarkritischer Hypothesen »gräbt« Schüssler Fiorenza diesen »reinen Ursprung« frei: »Ich möchte [...] argumentieren, daß für die Q- Leute diese prophetische Tradition eine offene, fortdauernde Tradition darstellt. Jesus von Nazareth, den sie als herausragenden Propheten der Sophia verstanden, schließt diese Tradition nicht ab, sondern belebt sie. Als Kind von Sophia-G': •tt steht Jesus in einer langen Folge von Prophet-Innen, die die Kinder Israels sammeln wollen zu ihrer gnädigen Sophia- G': •tt. Wie einige der anderen Propetinnen, Frauen und Männer, die ihnen vorausgingen, wurden Johannes der Täufer und Jesus als Gesandte der göttlichen Weisheit verfolgt und getötet.« (214) 79 Der Buchrücken faßt dann die Verfallstheorie Schüssler Fiorenzas treffend zusammen: »Die Weisheit der Frauen, durch Jesus als Propheten in das Neue Testament eingedrungen, verschwand bald hinter der männlichen Sprache theologischer Reflexion.« Im Buch heißt das: »Die Einführung der Vater-Sohn- Sprache in die frühchristliche Sophialogie ist aufs engste mit einer theologischen Exklusivität verbunden, die die Offenbarung auf wenige Erwählte beschränkt und die Grenzen der Gemeinde-Identität zwischen Eingeweihten und Außenstehenden zieht. Wie die offenbarende Auferstehungsformel versucht sie die Autorität der Mächtigen zu stützen, die zu Mittlern der Offenbarung G''·ttes erwählt wurden.« (217f.) Die theologische Funktion der Christologie übernimmt bei Schüssler Fiorenza die Sophialogie. Der historische Jesus wird zur Funktion der Sophialogie. Die Soteriologie übernimmt die Frauen-Ekklesia. Damit bürdet Schüssler Fiorenza der Frauenkirche eine für Menschen untragbare, niederdrückende und ganz und gar nicht befreiende Last auf, nämlich das Heil »für jede Frau und jeden Mann ohne Ausnahme« (281) zu leisten. Jesus, Miriams Kind, Sophias Prophet ist bei Schüssler Fiorenza in keinster Weise mehr der Christus. Christologie wird bei dieser Argumentation eliminiert und bestenfalls zur ,Christologie,. Konsequenterweise schließt das Buch dann auch mit einem Kapitel, daß sich der Mariologie als Kehrseite der »Christologie« widmet. Die Schreibweise Schüssler Fiorenzas ist die der auktorialen Erzählerin, eine Neuauflage »der großen Erzählungen« Q.-F. Lyotard, Das postmoderne Wissen, 1986, 54) vom reinen Anfang und den aufgedeckten Verfälschungen, die über den Ort außerhalb der Erzählung ihre Allwissenheit als ÜBER-Blick le- 80 g1t1m1ert. Ihr Meisterinnendiskurs lädt über weite Strecken nicht zu einer gemeinsamen Diskussion ein, sondern verweist »jede Frau und jeden Mann ohne Ausnahme« (281), die nicht das historisch-kritische feministisch-befreiungstheologische Konzept der Autorin befürworten, dem Bereich des kyriarchalen Herrschaftsdenkens zu und nicht selten wird Andersdenkenden zugleich die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Die uneingestandene Metatheorie, die ihre Geschichtskonstruktion erzeugt, ist weder eine kritische feministische Befreiungstheologie, noch eine semiotisch und kulturtheoretisch sensibilisierte gender-Theorie und schon gar nicht eine Denkfigur, die man als Dekonstruktion bezeichnen könnte. Das alles wäre weiterführend und vielleicht sogar befreiend, wie der ebenso informative wie anregende Abschnitt Feminist and Womanist Criticism, in: The Bible and Culture Collective, The Postmodern Bible, 1995, 225-271, oder der kurze aber neue Perspektiven eröffnende Aufsatz Feminist Thoeries and Exegesis von Tina Pippin, in: S. Alkier, R. Brucker (Hg.), Exegese und Methodendiskussion, TANZ 23, 1998, 271-280 (dort weitere interessante Literatur zum Thema) zeigen. Die Metatheorie, die die Geschichtskonstruktion und damit die Christologie Schüssler Fiorenzas erzeugt, ist vielmer eine Variante der stereotypen, ermüdenden, patriarchalen Theorie vom reinen Ursprung und seinem Verfall, wie sie im abendländischen Denken immer wieder bemüht wurde und ihre bis heute wirksame Ausprägung im Rahmen historisch-kritischer Exegese im 19.Jahrhundert fand. Befreiend finde ich das nicht. HOMOSEXUALifÄT .... ALS SCHOPFUNGS„ E~FAHRUNG Martin Steinhäuser Homosexualität als Schöpfungserfahrung Ein Beitrag zur theologischen Urteilsbegründung 482 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag. DM 98,- / öS 715,- / sFr 89,- ISBN 3-7918-2141-5 Seit Jahren sorgt der Streit in der Kirche über ihre Einstellung zu Homosexuellen und zur Homosexualität für Schlagzeilen. Immer mehr Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter kommen aus ihrer Deckung und bekennen offen, schwul zu sein und so auch leben zu wollen. Damit kommt die Kirche bis heute nicht klar, und auch die wissenschaftliche Theologie hat noch keine konsensfähigen Positionen erarbeitet. In diesem Streit führt Martin Steinhäusers Untersuchung einen entscheidenden Schritt weiter. Er reflektiert nicht nur kritischdifferenziert den aktuellen Erkenntnisstand, sondern legt auch von einem erfahrungs- und schöpfungstheologischen Ansatz her den Grund für eine »Theologie der Homosexualität«, die es bisher nicht gab. Quell Verlag Stuttgart ZNT 2 (1998)
