eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 3/5

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
61
2000
35 Dronsch Strecker Vogel

Warum lesen Juden das Neue Testament?

61
2000
Tovia Ben-Chorin
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Tovia Ben-Chorin Warum lesen Juden das Neue Testament? Der Titel dieses Artikels, der sich mit der Beziehung der Juden zum Neuen Testament befasst, wurde durch die Redaktion formuliert. Er geht dies ist eine christliche Sicht davon aus, dass die Juden tatsächlich das Neue Testament lesen. Bevor wir uns mit dieser Annahme auseinander setzen, möchten wir vorausschicken, dass Menschen in der Regel nicht die Heiligen Schriften anderer lesen. Es gibt Religionen, die das Lesen Heiliger Schriften nur mit einem autorisierten Kommentar erlauben. Der oder die Lesende darf sich dem Text nur über die zugelassene Deutung nähern. Andere verbieten ihren Gläubigen die Lektüre fremder heiliger Bücher und verpflichten sie dazu, ihren Predigern und Gelehrten zuzuhören, die berechtigt sind, die Tradition dem Volk näher zu bringen. Dahinter steht die Befürchtung, das Lesen fremder heiliger Texte könnte die Gläubigen in eine nicht gewünschte Richtung beeinflussen. In der westlichen Welt steht dem ein interessanter umgekehrter Effekt gegenüber: Viele Menschen fühlen sich von den Religionen des fernen Ostens angezogen und lesen ihre Schriften. Es ist verständlich, dass das Ferne, das Fremde, das Exotische eine besondere Anziehungskraft aufweist. Natürlich bewegen sich auch Juden in dieser Richtung. Sie fühlen sich angezogen, weil sie in den Religionen des Ostens bestimmte Aspekte des Judentums wieder finden, während diese auf der anderen Seite nie etwas mit Judenverfolgungen zu tun hatten. Es gibt keine Verpflichtung zu einer idealen Form der Ruhe, wie sie im Schabbat oder in den Feiertagen gegeben sind, die sowohl nationale 'als auch universale Aspekte aufweisen. Wer sich in diese Richtung bewegt, fühlt sich weniger als Jude, sondern eher als Mensch gefordert. Es gibt keinen Bezug zu Antijudaismus oder Antisemitismus, wenn man sich mit den erwähnten Religionen beschäftigt. Sie sind sich über die Existenz von Juden nicht bewusst, und dieser Umstand ist attraktiv. Die christliche Erwartung, dass Juden das Neue Testament lesen sollten, beruht vor allem auf den Bezeichnungen Altes Testament und Neues Testa- ZNT 5 (3. Jg. 2000) ment, die eine sprachliche Verbindung zwischen den beiden Sammlungen schaffen. Jede christliche Bibel sei sie katholisch oder protestantischenthält die 24 heiligen Bücher des Judentums, von der Genesis bis zur Chronik, 1 also das Alte Testament, das Neue Testament und die Apokryphen. In einer jüdischen Bibel hingegen ist nur das Alte Testament enthalten. Nur ein kleiner Kreis von jüdischen Intellektuellen und Forschern studiert zuweilen auch Bücher aus dem Neuen Testament. Ein weiterer Grund für diese Erwartung liegt im Ausdruck Neues Testament oder Neuer Bund selber, der in Jer 31,30-33 zu finden ist: »Siehe, Tage kommen, spricht der Ewige, da ich mit dem Haus Israel und dem Haus Judah einen neuen Bund schließen werde. Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich ihre Hand hielt, um sie aus dem Land Ägypten heraus zu führen. Da brachen sie meinen Bund und ich habe sie verachtet, spricht der Ewige. [... ] Denn alle werden mich erkennen, von Klein bis Groß, spricht der Ewige, denn ich werde ihre Sünde verzeihen und ihre Verfehlung nicht mehr erwähnen.« Der klassische christliche Zugang zum Verständnis des Begriffs neuer Bund ist beispielsweise im Brockhaus2 zu finden: »Der neue Bund. In einem Abschnitt von grundlegender Bedeutung spricht J eremiah etwas aus, was wie kaum etwas anderes die Einheit der Bibel begründet. Das N.T. befasst sich mit dem Kommen und der Errichtung des neuen Bundes, aber der Gedanke jenes neuen Bundes gehört bereits ins A.T.« Ein Jude, der diesen Text auf hebräisch lesen würde, käme nie auf den Gedanken, dies mit dem christlichen Neuen Testament in Verbindung zu bringen. Erstens kennt er seine Heilige Schrift nicht unter der Bezeichnung Altes Testament, sondern als TaNaKh. 3 Um den Text in Jeremiah und vor allem den Begriff neuer Bund nach dem jüdischen Verständnis zu interpretieren, verwenden wir den Kommentar des Rabbi David Kimchi. 4 »Neuer Bund. Das Neue liegt darin, dass er bestehen bleibt und nicht gebrochen wird, wie es hier mit dem Bund geschah, den Gott mit den Kindern 11 Israels am Sinai schloss. Der Prophet verheißt eine zukünftige neue Torah, die nicht der neuen Torah entspricht, die am Berg Sinai gegeben wurde, indem er sagt: > Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss.< Die Torah ist darin neu, dass er ihnen die Möglichkeit zur Umkehr erneuert. Er führt aus, worin sie besteht: ,Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss [... ], da brachen sie meinen Bund.< Dieser [neue] Bund wird nicht gebrochen werden. ,Denn ich werde meine Torah in ihr Inneres geben und sie auf ihr Herz schreiben,< so dass sie diese nie wieder vergessen werden. Es handelt sich dabei wie der Prophet später ausführt nicht um eine Erneuerung des Bundes, sondern um seine Erhaltung. Es wird nie eine neue Torah geben, sondern immer diejenige, die am Sinai gegeben wurde.« Um diesen Punkt noch klarer zu machen, lohnt es sich, den Midrasch]alkut Schimoni 5 zu zitieren. >»Und alle deine Kinder sind Schüler Gottes; groß ist der Friede deiner Kinder< Qes 54,13): In dieser Welt lernen die Kinder Israels die Torah von [Menschen aus] Fleisch und Blut, daher vergessen sie diese; die Torah wurde durch Mose gegeben, einem [Menschen aus] Fleisch und Blut. So wie ein [Mensch aus] Fleisch und Blut vergeht, vergeht auch seine Lehre.[ ...] In Zukunft werden die Kinder Israel aber von seinem (Gottes) Munde lernen. So wie der Heilige, gepriesen sei er, in Ewigkeit lebt und besteht, gilt dies auch für seine Lehre. Was Israel von ihm lernt, wird es nie vergessen, wie gesagt wurde (Ob 1,17): ,Am Berg Zion aber wird ein Entrinnen sein, ein Ausgeheiligtes ist er geworden; seine Erbteile erbt das Haus Jakobs neu.< Mit Erbteil ist aber die Torah gemeint, wie gesagt wurde (Dt 33,4): >Torah befahl uns Mose, ein Erbteil für die Gemeinde Jakobs.<« 6 Bis zur Zeit der Emanzipation, also bis zur Französischen Revolution 1789, lasen die Juden das Neue Testament überhaupt nicht. Durch die Polemik, der sie durch die Kirche ausgesetzt waren, beschäftigten sich zwar viele Juden mit dem Christentum und wurden mit ihm vertraut. Nachdem das Christentum aus dem Judentum heraus entstanden war und später zu seinem Feind und Verfolger wurde, konnten die Juden die Existenz des Nazareners Jesus nicht ignorieren. Woher nahmen sie ihre Kenntnisse über ihn und das Christentum? 12 Die Epoche des Talmud Eine detaillierte und sehr gute Untersuchung über dieses Thema kann man in einer Sammlung von Artikeln von Jacob Z. Lauterbach (1873-1942) finden, der die rabbinische Literatur erforschte; einer davon heisst]esus im Talmud. 7 Dieser ausgezeichnete Forscher lehrte im Hebrew Union College in Cincinnati (USA). Es ist kein Zufall, dass der Professor für Talmud im Lehrhaus für reformierte Rabbiner diesen wichtigen Artikel schrieb. In diesem Lehrhaus und in allen seinen Zweigen in den USA und in Israel (Cincinnati, New York, Los Angeles, Jerusalem) wird Neues Testament und christliche Philosophie als Teil der Vorbereitung zur Ordinierung als Rabbiner gelehrt. Man kann schließlich nicht verleugnen, dass die Mehrheit des jüdischen Volkes in einer christlichen oder postchristlichen Umgebung lebt. Christliche Ideen und Glaubensvorstellungen sind integrierende Bestandteile der westlichen Kultur, in der viele Juden leben. Dieses Thema werden wir später noch vertiefen. Das Wissen über das Christentum in den talmudischen Quellen stammt ca. aus dem 2. Jahrhundert. Es muss bemerkt werden, dass die meisten Stellen im Talmud, die von Jesus oder vom Christentum handeln, in den meisten Ausgaben durch interne und externe Zensur entfernt wurden. Das Bild von Jesus, das sich nach dem Talmud zeichnen lässt, ist jenes eines Gelehrtenschülers, der die Schule verlassen hatte und sich nicht mehr nach ihren Normen verhielt. Es ist zu erkennen, dass die Erzähler kein genaues Wissen über Jesus, seine Zeit und sein Werk besaßen. Eine talmudische Erzählung, die später im Mittelalter ein Traktat über das LebenJ esu inspirieren sollte, berichtet, Jesus sei mit Josua ben P'rachjah nach Alexandria geflüchtet. 8 Nach ihrer Rückkehr ins Land Israel habe Jesus gesündigt und J osua ben P'rachjah habe ihn mit dem Bann belegt.Jesus habe »einen Ziegelstein aufgerichtet und sich vor ihm verbeugt.« Nachdem ihnJosua zur Umkehr aufgefordert hatte, habe Jesus erwidert: »Ich habe von dir gelernt: ,Keinem, der fehlt und andere zur Verfehlung anleitet, wird die Möglichkeit gegeben, Umkehr zu üben.«< Der Talmud fährt fort: »Wir lernten: Jesus der Nazarener zauberte, hetzte Israel [gegen Gott] auf und verführte es.« Als Magier, Aufwiegler und Verführer wird Jesus auch in einer Barajta 9 erwähnt, die über sein Erhängen berichtet: »Vierzig ZNT 5 (3. Jg. 2000) Tovia Ben-Chorin Rabbiner Dr. h.c. Tovia Ben-Chorin,Jahrgang 1936; Hebräische Universität Jerusalem, Bibel und Jüdische Geschichte F.A. 1960; Hebrew Union College, Cincinnati MAHL und Ordination 1964; Jüdische Liberale Gemeinde Or Chadasch, Zürich, seit 1996. Tage vorher wurde ausgerufen: >Er wird gesteinigt werden, weil er zauberte, aufhetzte und Israel verführte. Jeder, der zu seinen Gunsten aussagen kann, möge kommen und aussagen.< Es fand sich keine Aussage zu seinen Gunsten.« Im Talmud wird die Frage gestellt, warum überhaupt Aussagen zu Gunsten eines Hetzers gesucht wurden. Sie wird beantwortet: »Anders ist es bei Jesus, welcher der Regierung nahe stand.« Diese Antwort reflektiert eine Periode, in der das Christentum bereits Staatsreligion war, also die Zeit nach Konstantin. Wie jeder Hetzer wurde Jesus zur Steinigung und zum anschließenden Erhängen verurteilt, was der Regel für Gesteinigte zur Zeit des zweiten Tempels entsprach. Eine Legende berichtet über den Proselyten Onkelos 10, er habe durch Magie Titus, Bileam und Jesus herbei gerufen, um sich durch sie in der Frage seines Übertritts zum Judentum beraten zu lassen. Während ihm Titus und Bileam abraten, gibt ihm Jesus eine positive Antwort. Er rät ihm: »Suche ihnen (Israel) Gutes zu tun, ihren Schaden meide aber.Jeder, der sie berührt, ist, als berühre er seinen Augapfel.« Obwohl Jesus mit anderen Übeltätern in eine Reihe gestellt wird, sucht er das Wohlergehen der Juden und warnt davor, sie zu verfolgen. Diese Erzählung muss wohl vor dem Hintergrund des vierten Jahrhunderts interpretiert werden, in dem die Juden im Römischen Reich verfolgt wurden. ZNT 5 (3. Jg. 2000) l'ovia Ben-Chorin Warum lesen .,! uden das Neue Testament? In den Erzählungen über Jesus im Talmud wird eine hervorragende Persönlichkeit mit speziellen seelischen Kräften geschildert. Die Judenverfolgungen, die im Römischen Reich beginnen, nachdem das Christentum zur Staatsreligion wurde, schaffen Erzählungen, die dem psychologischen Schutz dienen, um dem steigenden Druck gewachsen zu sein. Es wird nie zum Neuen Testament Stellung genommen, sondern nur zur Persönlichkeit J esu. Das Mittelalter In der jüdischen Geschichtsschreibung wird als Mittelalter die Zeit zwischen den arabischen Eroberungen 632 und dem Tod von Baruch Spinoza (1677) oder Mose Mendelsohn (1786) verstanden. In dieser Zeit wurden Juden sowohl von Christen als auch von Muslims verfolgt. Im Mittelalter war die Identität eines Menschen durch seine Religion bestimmt, so dass der Judenhass bis auf den heutigen Tag auch durch religiöse Inhalte bestimmt war. Die Vorwürfe des Christentums gegen die Juden waren 11: Die Ablehnung Jesu als Messias, der Gottesmord, spirituelle Blindheit, religiöse Überheblichkeit, der rächende Gott der Juden und die Gesetzeshörigkeit, die durch die praktische Ausübung der biblischen Gebote zum Ausdruck kam. Das Judentum warf dem Christentum die Trinitätslehre als Abfall vom Monotheismus vor. Es sei nicht möglich, dass der eine und einzige Gott, von dem die Torah und die Propheten sprachen, der dreifaltige Gott sei, von dem die Christen sprechen. Ebenso wurde die Aufhebung der Gesetze der Torah nicht akzeptiert. Mit dem Islam war die Auseinandersetzung weniger scharf. Die Muslims warfen den Juden vor, sie würden Mohammed nicht als den letzten Propheten Gottes und den Koran nicht als Heilige Schrift akzeptieren. Im Zusammenhang mit dem Monotheismus gab es keinen Streit, es bestanden auch keine Probleme mit Abbildungen Gottes, wie es sie mit dem Christentum gab. Ein Vorwurf der Muslims an die Juden war, sie hätten Inhalte der Torah gefälscht; im Gegensatz dazu akzeptierten die Christen das Alte Testament mit seinen Inhalten. Ihre Vorbehalte betrafen die jüdische Exegese, vor allem bei Abschnitten in den Propheten, die nach christlicher Auffassung das Kommen Jesu 13 ZumThema i1S" nN n: : iiti1 "; ,: : : , : "i? 13 ! Jtvii1" "31 1DN ~ : • .... - •• - T • •• ••• - ••• ! • - - T ; 13": : : , 11"N: : .>K : im: : >; , i"? ! J i17! JD ,1"7! .7 n1,nn1 : • •: T- TT •: -: - TT "! ": " i11i1 C7i! Ji1 ,C"D? i! J "ltDJ N1i1 ': }113 tvi1i; 'i17 -: - T T • T ••: • T T - : 1DNP .'""ll13: : )" i11ir-l n : JT* J"n: : ,-: r ,NJil C7i! Ji11 -T: •: T: -: T -•• •: • T.- T T·! c,N ,c"! lv tv1v~i1 n"3tv rot3 : " 13 ? Jrliin" "31 TT T- T! •- 0 ••• -: • ••• •: -••• : • ilnlD 1: JW i1MlD ,i1„3 il? i! J 1: ,0 i17i! J J"1vD T! " -: T: 0 T: T -: T •: - : : nn: : >i1 i"7! J i17! JD i17DtD ir-i! J1tD "D 7: lN .i1"J T - T T •: -: - T T ! ! - "l • T -: T ! 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Sie wurde von den europäischen Juden in der Weihnachtsnacht gelesen, die auch Nittelnacht genannt wurde. Bei dem Ausdruck könnte es sich um eine Verballhornung der Begriffe Natale Domini oder Dies Natalis also die Geburt Gottes handeln.14 Die Erzählung existiert in verschiedenen Versionen. In groben Zügen lässt sie sich wie folgt zusammenfassen: Maria gebärt Jesus. Sie wird als positive Figur geschildert. Sie wurde aber nicht von ihrem Verlobten Johannes schwanger, sondern durch einen ehebrecherischen Nachbarn - Josef ben Pandera der sie während ihrer Menstruation vergewaltigt. Als den Nachbarn zu Ohren kommt, dass Maria vergewaltigt wurde, flüchtet ihr Mann. So wird Jesus nicht nur als Bastard geboren, sondern ist auch Sohn einer Menstruierenden. 15 Der Knabe Jesus wächst auf und beeindruckt seine Umgebung durch seine Weisheit und durch seine Kenntnisse des jüdischen Schrifttums. Zudem verfügte er über übernatürliche Fähigkeiten. Er schrieb den vierbuchstabigen Gottesnamen im Tempel auf ein Pergament, trennte seine Hüfte auf, fügte dort das Pergamentstück ein und nähte die Hüfte wieder zusammen. So verließ er den Tempel im Besitz des vierbuchstabigen Gottesnamens. Er nahm das Pergament wieder heraus, lernte den Namen und seine Verwendung und war so in der Lage, mit magischen Kräften zu arbeiten. Die Rabbinen belegen ihn mit dem Bann und beauftragen RabbiJehudah, ihn unter Verwendung des vierbuchstabigen Gottesnamens zu vernichten. So entsteht zwischen Rabbi Jehudah und Jesus ein Wettbewerb, wer die größeren Wunder wirken kann. Im Verlauf dieses Wettstreits schweben beide in der Luft; Rabbi Jehudah gelingt es, auf Jesus zu urinieren. Dadurch ZNT 5 (3. Jg. 2000) Tovia Ben-Chorin Warum lesen .Juden das Neue ·restament? wird dieser unrein und fällt zur Erde. Er wird vor das Gericht der Rabbinen gestellt, die ihn zum Tod verurteilen. Jesus, der zur Feier des Pessach nach Jerusalem kommt, wird von den Gerichtsdienern der Rabbinen ergriffen. Er wird gesteinigt, gehenkt und seine Leiche anschließend in einen Kanal geworfen und begraben; nach einer anderen Version wird er sofort begraben. Seine Jünger kommen an sein Grab und finden es leer vor. Sie glauben, er sei in den Himmel aufgefahren. Nach einer Version wurde er aus seinem Grab beim Kanal entfernt und durch einen Gärtner in Jerusalem begraben. Es ist klar, dass diese Erzählung keinen historischen Bezug hat. Es handelt sich bei ihr um eine Sammlung von Reaktionen, die in einer Geschichte zusammen gefasst wurden. Dies geschah zum psychologischen Schutz, da diese Nacht nach einer kabbalistischen Auffassung von spiritueller Unreinheit erfüllt ist, so dass die Torah nicht studiert werden durfte. Daher wurde in dieser Nacht diese Erzählung gelesen oder Karten gespielt. Das Buch wird heute nicht mehr verwendet, während der Brauch des Kartenspiels in bestimmten ultraorthodoxen Kreisen vorzufinden ist. Für wen wurden die Romane, Bühnenstücke und Gedichte über jenen Mann geschrieben? Die oben erwähnte Erzählung, die auf moderne Lesende Abscheu erregend wirkt, kann nur vor dem Hintergrund der Zeit verstanden werden. Daneben gab es aber immer Menschen, die trotz der Verfolgung und des Leidens das klare Denken nicht verlernt hatten. Gleich wie im Christentum gab es auch im Judentum des Mittelalters verschiedene Strömungen. In jeder Religion gibt es Männer und Frauen, die durch ihre Art des Glaubens Hass säen und ihre Mitgläubigen höher stellen als andere, die nicht an ihren Weg glauben. Im Gegensatz dazu bestehen aber stets Gruppen, die nicht nur anderen Religionen tolerant gegenüber stehen, sondern auch ihre positiven Werte erkennen. Ein Beispiel dafür ist der größte jüdische Denker des Mittelalters, Maimonides. 16 Im letzten Band seines Kodex Die starke H and 17 im elften Kapitel der Gesetze über die Könige schreibt er 18 : »Bereits Daniel weissagte über Jesus den Nazarener, der meinte, er sei der Messias und der auf Anordnung des Gerichts getötet wurde, indem er sprach: >Gewalttätige aus deinem Volk werden sich erheben, um eine Vision zu erfüllen und sie werden versagen.< Gibt es ein größeres Versagen als dieses: Alle Propheten 15 sprachen davon, wie der Messias werde Israel erlösen und befreien, die Diaspora einsammeln und die Einhaltung der Gebote stärken. Dieser verursachte aber, dass Israel durch das Schwert vernichtet und sein Überrest vertrieben und erniedrigt wurde. Die Torah wurde ausgewechselt und viele Menschen dazu verführt, andern Gottheiten als dem Ewigen zu dienen. Kein Mensch kann aber die Absichten Gottes erfassen, denn unsere Wege und Gedanken sind nicht die seinen. 19 Alle Worte des Nazareners Jesus und dieses Arabers 20 , der später folgte, dienen ausschließlich dazu, dem messianischen König den Weg zu bahnen und die Welt dafür vorzubereiten, zusammen dem Ewigen zu dienen, so wiegesagt wurde: ,Dann werde ich verwandeln die Lippen der Völker in reine Lippen, so dass sie alle den Namen des Ewigen anrufen und ihm gemeinsam dienen< (Zeph 3,9). Wie geschieht dies? Die Welt ist bereits von den Worten des Messias erfüllt, von der Lehre und von den Geboten.« Mit anderen Worten: Maimonides anerkennt, dass Jesus und sein Einfluss auf viele Völker zur weltweiten Verbreitung des messianischen Glaubens und der damit verbundenen Konzepte von Lehre und Geboten beigetragen haben. Entsprechend fährt er fort: »Diese Inhalte haben Verbreitung bis zu den entferntesten Inseln gefunden und bis zu zahlreichen Völkern[, die zuvor] verschlossenen Herzens [waren]. Sie debattieren über die Inhalte und Gebote der Lehre. Die einen sagen: ,Diese Gebote waren trefflich, gelten aber heute und für weitere Generationen nicht mehr.«< Aus diesem Text geht hervor, dass Maimonides das Neue Testament kannte und vom paulinischen Argument wusste, durch Jesus seien die Gebote erfüllt, so dass sie für spätere Generationen keine Gültigkeit mehr hätten. Maimonides fährt fort: »Die anderen behaupten: ,Es gibt in ihnen verborgene Inhalte und sie dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Der Messias 21 ist bereits gekommen und hat ihre Geheimnisse aufgedeckt.< Wenn der messianische König tatsächlich kommen wird, er Erfolg haben und [dadurch] hoch angesehen wird, so werden sie (die Völker) alle unverzüglich Umkehr üben und erkennen, dass ihre Vorfahren die Lüge vererbten, und dass ihre Propheten und Vorfahren sie irreführten.« 22 Walter Jacobs bemerkt in seinem Werk Christianity Through Jewish Eyes 23: »Im Mittelalter gab es zwar einiges Interesse L von jüdischer Seite] 16 am Christentum, aber es war gefährlich, sich frei über den Glauben des Verfolgers zu äußern.« Diese Meinung ist in der Forschung allgemein akzeptiert. Erst neulich ist in Israel das Buch jener Mann - Juden erzählen über Jesus erschienen. 24 Dieses Werk gibt eine Übersicht mit viel Quellenmaterial über Jesus, von Josef ben Matthias bis zur aktuellen hebräischen Literatur in Israel. Aus dem Mittelalter werden 14 Quellen angeführt, die sich mit Jesus befassen. Trotz aller Verfolgungen vermieden es die Juden nicht, sich mit Jesus zu beschäftigen, und sei es auch nur zum Zweck der Verteidigung. Sie mussten schließlich eine Antwort finden auf die Frage: »Wenn ihr an die Lehre des Ewigen glaubt und seine Gebote einhaltet, warum werdet dann ihr verfolgt, während das Christentum das nach eurer Meinung vom Weg Gottes abweicht die Oberhand hat und Israel bedrängt? « Verschiedene Gelehrte setzten sich mit dem Christentum auseinander. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie dafür das Neue Testament und Sekundärliteratur studierten. Die Masse des Volkes hingegen das wegen dieses Buches zu leiden hatte hielt sich davon fern. Die Neuzeit Eine umfassende und gründliche Untersuchung zu diesem Thema findet sich im Artikel Das J esusbild im Judentum, den mein Vater Schalom ben Chorin s.A. schrieb. 25 Das Buch von Walter Jacobs ergänzt den Zeitraum bis 1974. 26 Die Integration der Juden in die westliche Gesellschaft brachte sie all den Quellen näher, derer sich diese Kultur bedient. Natürlich entdeckte man das Jüdische J esu und wollte ihn ins jüdische Volk reintegrieren. Wer sollte durch alle Forschungsarbeiten, Romane, Bühnenstücke und Gedichte, die über jenen Mann geschrieben wurden, angesprochen werden? Es trifft zu, dass es auch in Israel Kreise und Schriftsteller gibt, die Jesus in den Rahmen der nationalen Geschichte des jüdischen Volkes einbezogen. Geschah dies für das Volk oder um das Volk in den Rahmen der westlichen Kultur zu integrieren? Der Mensch Jesus, Revolutionär, Träumer, die Verkörperung jüdischer Moralität schlechthin, der Archetyp der Zaddikim der chassidischen Bewegung, der Kämpfer gegen das römische Joch: An wen richten sich alle diese Charakterisierungen? Ich gehe davon ZNT 5 (3. Jg. 2000) aus, dass die Schreibenden in ihrem Inneren auch an ihr Volk dachten. Aber das Bewusstsein für und das Interesse an diesem Thema ist einerseits bei einer Minderheit intellektueller Juden zu finden, auf der anderen Seite bei einer breiten und vielschichtigen christlichen Leserschaft. In der neueren Zeit wurde gegen die christliche Welt polemisiert mit dem Argument: »Wie wagt ihr es, den Juden Jesus zu nehmen und ihn zum Feind seines Volkes umzuinterpretieren? Er ist Fleisch von unserem Fleische und gehört zu uns! « Mit dem Entstehen der jüdischen Geschichtsschreibung im Deutschland des 19. Jahrhunderts begann man, die Gestalt Jesu im Rahmen der jüdischen Geschichte zu überprüfen. Jüdischen Denkern fällt es nicht schwer, sich mit den Synoptikern zu arrangieren, sich mit Paulus auseinander zu setzen und in Jesus die Verkörperung reinster jüdischer Moralität zu sehen. Bekannt ist der von Schalom Ben Chorin geprägte Satz: »Der Glaube Jesu einigt uns, der Glaube an Jesus trennt uns.« 27 Dieser Satz folgt den Auffassungen von Martin Buber und Leo Baeck. Ich möchte diesen Artikel mit einigen persönlichen Bemerkungen abschließen. Ich wuchs in einem Haus auf, in dem der jüdisch-christliche Dialog Lebensinhalt war und zum Alltag gehörte. Mir ist klar, dass mein Vater durch seine Beschäftigung mit dem Christentum ein Gebot erfüllte, das von vielen Juden vergessen wird, auch wenn es zur allwöchentlichen Liturgie des Freitagabends beim Eingang des Schabbat gehört: »Erzählt unter den Völkern seine Herrlichkeit, unter allen Nationen seine Wunder! « 28 Drei jüdische Gestalten, die jedem Christen bekannt sind, denen mein Vater eine Trilogie 29 widmete - Jesus, Paulus und Maria bilden eine gedankliche, philosophische und künstlerische Brücke zwischen der christlichen Welt und dem jüdischen Volk. Diese drei Gestalten waren jüdisch. Es gilt, ihre jüdischen Wurzeln offen zu legen und zu betrachten, wie diese im Christentum verarbeitet wurden. Diese Arbeit legt die Basis zum Dialog. Sie ist erforderlich, um dem Ideal näher zu kommen, das Juden am Ende jedes der drei täglichen Gebete aussprechen: » Es werden erkennen und wissen alle Bewohner der Welt, dass sich vor dir beuge jedes Knie, [bei dir] schwöre jede Zunge.« 30 Im Geist unserer Zeit versuchte mein Vater, seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Nur wenn man sich gegenseitig kennen lernt, die Verdächti- ZNT 5 (3. Jg. 2000) gungen und das Unwissen abbaut, kann man den Hass besiegen. Sein Wirken beruhte auf dem Gefühl, als Sohn des jüdischen Volks eine Botschaft an die Deutsch sprechenden Völker - und über sie auch an andere Völker zu haben. Ich glaube aber, dass außerhalb einer dünnen Schicht von jüdischen Intellektuellen ein geringes Interesse am Christentum oder dem Neuen Testament besteht. Das jüdische Volk hat dermaßen schwer um seinen Fortbestand zu kämpfen, dass seine Söhne und Töchter wenig Raum haben, sich um zwischenmenschliche Beziehungen vor religiösem Hintergrund zu kümmern. Anders sieht es aus, wenn konkrete mitmenschliche Hilfe gefordert ist. Wenn Menschen von einem Unglück heimgesucht werden, stehen Juden allgemein und insbesondere der jüdische Staat zuvorderst, um Hilfe anzubieten. Wir dürfen zufrieden sein, dass wir so weit sind, dass der jüdische Staat obwohl er klein ist sich weltweit im Zusammenhang mit Katastrophenhilfe einen guten Ruf geschaffen hat. In Bezug auf die Lektüre des Neuen Testaments oder die rege Teilnahme am interreligiösen Dialog befinden wir uns aber erst am Anfang des Wegs. Der gedankliche und philosophische Weg dazu ist vorgespurt. Für das neue Jahrtausend wird das jüdische Volk lernen müssen, 1000 Jahre der Verfolgung zu verarbeiten. Viele Brüder und Schwestern in unserem Volk werden die Verdächtigungen überwinden müssen, die sie gegenüber jedem Nichtjuden hegen. Es bestehen Ängste, sowohl vor Philoals auch vor Antisemiten. Als die Juden seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs mit der christlichen Welt in Dialog treten wollte, gab es darauf beinahe kein Echo. Wir werden einen lange dauernden Prozess brauchen, bis wir jener stetig an Einfluss gewinnenden christlichen Minderheit antworten können, die das Gespräch sucht. Das Judentum ist ebenso wenig monolithisch, wie es das Christentum ist. Wir müssen aber verstehen, dass es sich hier um zwei völlig verschiedene Formen menschlichen Daseins handelt, die sich existenziell grundlegend unterscheiden. Das Christentum ist eine Weltreligion für viele verschiedene Völker. Im Gegensatz dazu ist das Judentum eine Ausdrucksform für Menschen mit gemeinsamem Schicksal, die über die ganze Welt zerstreut sind. Ein Christ bezeugt als solcher einen bestimmten Glauben, der mit einer 17 zentralen Gestalt verbunden ist, um die alles kreist. Ein bewusster Jude bezeugt, dass er an einer Schicksalsgemeinschaft Teil hat. Dieses Zeugnis kann religiös, national oder kulturell ausgedrückt werden. Alle diese Formen der Identität sind gemeinsam, einzeln oder in beliebigen Kombinationen möglich. Sie beruhen alle auf dem Buch der Bücher, dem Ersten Testament, und auf den verschiedenen religiösen Auslegungen. Das säkulare Judentum Allen bewussten Juden gemeinsam ist die Verwendung der gleichen Quelle, der Lehre Israels, angefangen bei der Genesis bis hin zu den aktuellen Ausdrucksformen der heutigen jüdischen Lebensweise. Die zweite gemeinsame Grundlage ist eine Lebensweise, die vorn jüdischen Kalender geprägt ist. Sie verbindet das Individuum mit dem jüdischen Volk, dem Land Israel, der Lehre Israels und dem Gott Israels. Zum letzten Begriff wird ein säkularer Jude Distanz halten und vielleicht als Atheist betonen, dieser gehöre nicht zum Gewebe seiner Erfahrungen. Die dritte gemeinsame Grundlage ist die Sensibilität für menschliches Leiden: »Denn Fremde wart ihr im Land Ägypten« (Lev 19,34). Je tiefer der Dialog wird, desto tiefer werden seine Wurzeln auch im jüdischen Volk reichen. Dies wird für Juden ein Grund sein, das Neue Testament zu studieren, um so den christlichen Nachbarn besser kennen zu lernen, und den Koran zu lesen, um mehr über seine muslimischen Mitmenschen zu erfahren. (Übersetzung: Raphael Pifko) Anmerkungen 1 Aus jüdischer Sicht das letzte Buch des Alten Testaments (Anm. des Übersetzers). 2 Brockhaus, Kommentar zur Bibel II, Wuppertal 1987, 793. 3 Ein Akronym für Torah (Pentateuch), Newiim (Propheten), K'tuwim (Hagiographen). 4 Aus der französischen Provence (1160-1235). 5 Klassische rabbinische Anthologie, welche das ganze TaNaKh begleitet; Jeremiah 317 zu Jer 31,28. 6 Die Auslegung beruht also auf der Analogie des Aus- 18 drucks Erbteil (Hebräisch: Moraschah) in den zitierten Schriftversen. 7 Jacob Lauterbach, Rabbinic Essays, Cincinnati 1951, 473-570. 8 BT, Sanhedrin 1076. Der ganze Bericht ist anachronistisch; Josua ben P'rachjah lebte im 1. Jh. v.d.Z. In den zensurierten Ausgaben des Talmud (ab Basel 1578- 1580) erscheint dieser Bericht nicht. In der deutschen Übersetzung des Talmud von Lazarus Goldschmidt (Berlin 1934) erscheinen die zensurierten Abschnitte, der vorliegende in Band IX, 119. Von Goldschmidt gibt es auch ein ältere Uebersetzung des Talmud (1897-1935) in neun Bänden, in welcher der Originaltext neben der deutschen Uebersetzung und dem aparatus criticus erscheint. Die jüngere Ausgabe (1926-1936) in zwölf Bänden ist jedoch weiter verbreitet. Weitere Quellen sind im Artikel von Lauterbach (siehe Anm. 7) angeführt. Auch in der modernen Ausgabe des Talmud von A. Steinsaltz sind die zensurierten Stellen enthalten. 9 Apokrypher Text aus der Zeit der Mischnah, die ca. 200 redigiert wurde (Anm. des Übersetzers); BT Sanhedrin 43a). 10 Auch als Akilas bekannt; BT Gittin 56b-57a. Die Forscher sind sich darüber uneinig, wann er genau lebte, er ist ca. dem 3. Jahrhundert zuzuordnen. Er übersetzte als erster den Pentateuch ins Aramäische. Diese Übersetzung wurde von den Rabbinen als autoritativ akzeptiert. 11 Geschichte des jüdischen Volkes (hebräisch), Tel Aviv 1969. 12 Der Zusammenhang zwischen kirchlichem Antijudaismus und dem modernen rassistischen Antisemitismus wird heute durch Protestanten und Katholiken gleichermaßen anerkannt. Darum geschah die Schoah in Europa und nicht in islamischen Ländern. Dies ist eine Indikation für den tiefen und weit verbreiteten Judenhass in Europa. 13 Samuel Kraus, Das LebenJesu nach den jüdischen Quellen, Berlin 1902 (Nachdruck: Hildesheim 1977 und 1994 ); enthält verschiedene Versionen und eine Uebersetzung ins Deutsche. 14 Ein weiterer Zusammenhang könnte mit dem hebräischen Nitleh (Gehenkter) bestehen (Anm. des Übersetzers). 15 Was in der jüdischen Tradition als schwerwiegender Mangel betrachtet wird (Anm. des Übersetzers). 16 Rabbi Mose ben Maimon, im Judentum häufig mit dem Akronym Rambam bezeichnet, 1137-1204. 17 Auch Mischneh Torah (Wiederholung der Torah) genannt. 18 Diese Passage ist nur in wissenschaftlichen Ausgaben zu finden, da sie in den üblichen Ausgaben durch die Zensur entfernt wurde (Anm. des Übersetzers). 19 Hier klingt Jes 55,8 nach (Anm. des Übersetzers). 20 Damit ist Mohammed gemeint, den Maimonides nicht namentlich erwähnt. 21 Damit ist Mohammed gemeint. 22 Jesus und Mohammed werden auch im Briefnach Jemen des Maimonides allerdings nicht namentlich erwähnt ZNT 5 (3. Jg. 2000) (Volksausgabe des Maimonides, Mossad ha-Rav Kook, Jerusalem 1987). Jesus wird jener Mann genannt (182) und Mohammed der Verrückte (184). Maimonides ist der Meinung, der Islam sei für das Judentum gefährlicher als das Christentum. Dieses Thema wird auch bei der Beantwortung einer Anfrage aufgeworfen, ob es erlaubt sei, einem Nichtjuden die Torah beizubringen. Seine Antwort: »Es ist nach dem Gesetz erlaubt, Christen die Gebote und Kommentare beizubringen. All dies ist aber bei Muslims nicht erlaubt, denn sie glauben nicht daran, dass diese Lehre himmlischen Ursprungs ist, so dass sie uns damit bedrängen werden. Die Christen anerkennen aber, dass der uns vorliegende Text der Torah vollständig ist; sie legen die Torah [aus jüdischer Sicht gesehen] nur nicht richtig aus. Es besteht die Möglichkeit, dass sie [ihre Auslegung] revidieren; selbst wenn sie dies nicht tun, entsteht dadurch Israel kein Schaden, da sie in ihrer Lehre die selben Inhalte wie in der unsrigen vorfinden« (Responsa des Maimonides zu den Gesetzen über Könige, Volksausgabe, Jerusalem 1962, 427). Maimonides stellt sich also nicht gegen den Dialog mit christlichen Gesprächspartnern, während er gegen einen solchen mit Muslims ist. Seine Meinung beruht auf dem Umstand, dass im Alten Testament eine gemeinsame Grundlage besteht. Auch wenn über seine Auslegung Meinungsverschiedenheiten zwischen Judentum und Christentum vorhanden sind, ist man sich darüber einig, dass es das Wort Gottes ist. 23 Hebrew Union College Press, 1974, 1. 24 Hebräisch; Yediot Acharonot, Tel-Aviv 1999. 25 Schalom ben Chorin, Das Jesus bild im Judentum, Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 3 (1953) 1- 27. 26 Siehe Anm. 23. 27 Schalom Ben Chorin, Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht. München 1967, S. 12. 28 Ps 96,3. 29 Schalom Ben Chorin, Bruder Jesus; ders., Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht. München 1970; ders., Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht. München 1971. 30 Schlussgebet; Gebetbuch Ausg. Rödelheim S. 65 (Anm. des Übersetzers). ZNT 5 (3. Jg. 2000) lovia Ben-Chorin lf\Jarnm lesen Juden das Neue Testament? In neuer Sprache Das Neue Testament Übertragen von Jörg Zink 576 Seiten; Hardcover DM 39,90 ISBN 3-7831-1795-X Hier kommt die neue Übersetzung des Neuen Testaments von Jörg Zink in preiswerter Ausgabe! Ein genialer Einführungstext von Jörg Zink fasst außerdem die 12 wichtigsten Glaubensaussagen des Alten Testaments zusammen. Die Ausgabe enthält auch die Versangaben sowie ein 1 n ha ltsverzeich n is. 944 Seiten mit 460 Abbildungen, Hardcover mit Schutzschober DM 198,- ISBN 3-7831-1598-1 Die Bibel. CD ROM Mehr als eine Übersetzung. Was Jörg Zink vorlegt, ist eine sprachliche Nachdichtung der Bibel, und das so, dass dem Leser von heute der Zugang zu diesem wichtigsten Dokument der Christen erleichtert wird. Diese reich bebilderte Bibel bringt Fotos aus den Ländern der Bibel und Gemälde aus der christlichen Kunst. Das Neue Testament ist vollständig enthalten, das Alte Testament in Auswahl. KREUZ: Was Menschen bewegt. www.kreuzverlag.de 19