ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
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2000
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Dronsch Strecker VogelEinheit und Vielfalt des frühen Christentums
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2000
François Vouga
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Frarn~ois Vouga Einheit und Vielfalt des frühen Christentums Die Anfange des frühen Christentums sind nur als Zusammenhang von verschiedenen Ereignissen und von vielfältigen Entwicklungen zu denken. Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß die Wirklichkeit sicher komplexer gewesen ist, als es sich die historischen Rekonstruktionen vorstellen können. Eine erste These verweist auf die Evidenz der Vielfalt, die die Geschichte des Christentums von Anfang an gekennzeichnet hat. Eine zweite These zeigt die 1. Vom neutestamentlichen Gesichtspunkt her ist es klar: Der Tod und die Auferstehung sind das Ereignis, von dem aus die Geschichte J esu zu verstehen ist. Diese christologische Aussage geht mit einer historischen einher: Ostern und die Erscheinungen des Auferstandenen bilden den Anfang des Christentums. Diese These ist nicht nur von Rudolf Bultmann 1 programmatisch vertreten worden, sondern bereits von einem der ältesten Texte des Frühchristentums: Nach theologische Notwendigkeit dieser Vielfalt, die daraus folgt, daß der Pluralismus zum Wesen, zur K8 TROV der traditionellen Formel, die Paulus in I Kor 15,3-5 oder I Kor 15,3-7 zitiert, gründen das Evangelium Identität und deshalb auch zur Einheit des Christentums gehört. Eine dritte These behauptet, daß die Apostelgeschichte selbstverständlich und genauso wie alle anderen frühchristlichen Schriften als Quelle für eine sachgemäße Darstellung der Geschichte des frühen Christentums verwendet werden muß. Die vierte und letzte These hebt hervor, daß eine treue historische Rekonstruktion insofern viel Phantasie verlangt, als der Historiker immer versucht ist, sein ideologisches Verständnis dessen, was die Wirklichkeit sein könnte, und seine Vorurteile als Maß der vergangenen Geschichte zu betrachten. 1. Die notwendige Pluralität der Anfänge Die Idee, daß eine Bewegung wie das Frühchristentum einen klaren, isolierbaren und beschreibbaren Anfang haben konnte, ist reine Naivität. Sie wäre allerdings nur dann reine Naivität, wenn jedes ideologische Interesse dabei fehlen würde. Das Interesse besteht darin, eine einfältige, einheitliche und orthodoxe Definition des Christentums durch den Verweis auf einen eindeutigen Anfang begründen zu können. Eine kurze Reflexion genügt, um zu verstehen, daß das Christentum keinen Anfang haben konnte. Oder präziser: daß es nur zahlreiche, parallele und voneinander unabhängige Anfänge haben konnte. ZNT 6 (3. Jg. 2000) und das Christentum darauf, daß Jesus auferstanden ist und sich von Petrus, den Zwölfen, den 500 Brüdern, von Jakobus und den Aposteln hat sehen lassen. Diese Kette von Zeugen impliziert zwar eine Pluralität, und Ludger Schenke 2 hat wahrscheinlich mit Recht beobachtet, daß sie wahrscheinlich einen Anfang in Galiläa hatte, wo Petrus, die Zwölf und die 500 Brüder den Auferstandenen gesehen haben, und einen anderen, parallelen und gleichzeitigen, in Jerusalem, wo er Jakobus und den Aposteln erschienen ist. Aber diese Pluralität bildet die Grundlage für eine gewisse Einheit und eine bestimmte Definition des Wesens des christlichen Glaubens. 2. Die nächstliegende Frage ist aber dann: Hat alles an Ostern angefangen? Bilden die Erscheinungen des Auferstandenen eine creatio ex nihilo? Der erste Name, der genannt wird, ist schon an sich eine klare Beantwortung der Frage: Petrus ist als eine der Hauptfiguren bekannt, die in Galiläa Schüler J esu gewesen sind. Gehörten schon die Wanderpredigt und die Tischgemeinschaften, die in den Evangelien erzählt werden, zu den Anfängen des Christentums? Wenn wir dem zustimmen, dann haben wir schon zwei zeitlich getrennte Anfänge des Frühchristentums. Wenn wir an unserer ersten Definition, nach welcher die Geschichte des Christentums erst an Ostern anfängt, festhalten, dann erwarten uns neue Fragen. Auf das Problem hat Burton Mack 3 am klarsten hingewiesen: Wenn 47 die Träger-Gruppe der Jesus-Traditionen in Galiläa nicht zum Christentum gehörte, weil sie die Worte Jesu und nicht das Kerygma des Todes und der Auferstehung überliefert hat, stammen die wichtigsten Quellen der Predigt Jesu, u. a. die sogenannte Logienquelle, aus einem nicht-christlichen Milieu? Zugespitzt formuliert: Sind die engsten Genossen des historischen] esus außerhalb des Christentums geblieben? 3. Wenn man annehmen kann, daß die Anfänge des Christentums zum Teil klar, zum Teil diffus gewesen sind, und daß sie sich weder als ein einziges, entscheidendes Ereignis noch als eine einheitliche Entwicklung darstellen lassen, was einen Konsens zwischen Roman Heiligenthal und mir zu sein scheint, dann stellt sich die Frage, ob es tatsächlich in der Geschichte des frühen Christentums einen Ort und einen Zeitpunkt gibt, in dem die theologische oder die institutionelle Einheit sichtbar wäre, die Herder voraussetzt, wenn er von einer »festen apostolischen Sage« spricht. 4 In der kirchenhistorischen Geschichtsschreibung wird die einzige Möglichkeit eines solchen Moments im Treffen des Paulus mit den sogenannten Säulen in Jerusalem, das in Gai 2,1-10 und in Apg 15 erzählt wird, gefunden. Doch zum einen ist es erstaunlich, daß die Rezeption der Konferenz in Jerusalem und ihrer Ergebnisse im Neuen Testament auf diese beiden Texte von Gai 2,1-10 und Apg 15 beschränkt ist. Selbst Paulus scheint nicht mehr mit der Gültigkeit der ehemaligen Anerkennung rechnen zu dürfen, wenn er zum letzten Mal nach Jerusalem reist, um die Kollekte dorthin zu bringen (Röm 15,14-29). Die gegenseitige Anerkennung, die nach Gai 2,6- 10 durch den berühmten Handschlag symbolisiert wird, scheint nur Jakobus, Petrus, Johannes, Paulus und Barnabas einigermaßen verbunden zu haben, aber sie verpflichtet weder die Gemeinde in Jerusalem und die falschen Brüder, denen ein großer Einfluß dort von Paulus selbst zugestanden wird (Gai 2,2-5), noch andere Missionsunternehmen, wie zum Beispiel die Hellenisten, die in Korinth nach II Kor 10,1-13,10 auftauchen und die daran nicht beteiligt sind. Zum anderen bildet die gegenseitige Anerkennung der Säulen, des Paulus und des Barnabas keinen »Konsens« in dem Sinne, daß die Basis für die Formulierung eines normativen Evangeliums dadurch gegeben worden wäre. Offensichtlich hat 48 die Einheit in Jerusalem die Form des Dialoges, und nicht die Form des Konsenses angenommen. Die Konsequenzen dieser Beobachtungen führen zu einer ersten These, die folgendermaßen lautet: These 1: Wie jede historische Bewegungen folgt die Entstehung des Frühchristentums aus einer Folge von einzelnen Ereignissen und Begegnungen, die uns zum Teil unbekannt sind und unbekannt bleiben werden. Der Glaube kann bekennen, daß alle diese Ereignisse und Begegnungen zur Einheit eines Heilsplanes Gottes gehören. Der Historiker kann nur eine Vielfalt von Fakten und Entwicklungen feststellen, die unabhängig voneinander zu erklären sind. Ohne die Vielfalt dieser verschiedenen Ereignisse und Begegnungen lassen sich die Anfänge, die im Neuen Testament dokumentiert sind, nicht verstehen. 2. Die überflüssige Suche nach Einheitlichkeit Die Suche nach einem klar abgrenzbaren Anfang des frühen Christentums erweist sich als eine Notwendigkeit für die christliche Theologie, sobald sie es unternimmt, das Evangelium als Orthodoxie zu definieren oder es mit einer Institution verbindlich zu identifizieren. 1. Das paulinische Verständnis des Evangeliums, nach welchem Gott niemanden »aus dem Gesetz«, das heißt wegen seiner Eigenschaften und seiner Zugehörigkeit zum Bund, sondern jeden Menschen, der sein Vertrauen in das Vertrauen, das in Jesus war, setzt, rechtfertigt (»aus dem Glauben an und von Christus gerechtfertigt«, Gal2,14b-21), begründet einen pluralistischen Universalismus und einen universalistischen Pluralismus, die auf der Anerkennung der Subjektivität jeder einzelnen Person basieren. 5 Das Programm dieses pluralistischen Universalismus besteht in dem Bekenntnis, daß in Christus alle eins sind, so daß es weder Griechen noch Juden, weder Sklaven noch Freie, nicht Mann und Frau gibt (Gai 3,28). Die Bedeutung dieses Satzes ist, daß jeder von Gott und in der christlichen Gemeinde als Person unabhängig von seinen Eigenschaften anerkannt wird, und daß deswegen jeder mit seinen Eigenschaften von Gott und in der Gemeinde als Person bedingungslos an- ZNT 6 (3. Jg. 2000) Franr,; ois Vouga Geboren 1948 in N euchatel; 1973-1974 Assistent von Christophe Senft in Lausanne; 1975-1982 Gemeindepastor in Avully und Chancy (Genf); 1982- 1985 Maitre assistant in Montpellier; 1985 These de doctorat und venia legendi im Fach Neues Testament in Genf; 1984-1985 Gastprofessor in Neuchatei; 1985-1986 Professor in Montpellier, 1986 an der Kirchlichen Hochschule Bethel. Seit 1988 regelmäßige Gastprofessuren in Rom; 1998 Ehrendoktor der Universität Neuchatei; 1999 Gastprofessur in Quebec. erkannt wird. 6 Dieses »Evangelium Gottes« ist deswegen pluralistisch, weil es als Überzeugungssystem so strukturiert ist, daß die Pluralität Bestandteil seiner Einheit ist. Daraus folgt, daß Einheit und Vielfalt keine konträren Größen sind, die sich gegenseitig bedrohen und begrenzen, sondern umgekehrt, daß sie sich gegenseitig verstärken. Die Einheit ist um so stärker, als sich divergierende Interpretationen des Evangeliums gegenseitig anerkennen, und die Vielfalt ist um so größer, als die Einheit durch die gegenseitige Anerkennung jedes Einzelnen gegeben ist. 7 2. Die paulinischen Briefe entwickeln nicht nur ein Verständnis der Auferstehung und des Todes J esu, das ein Programm des pluralistischen U niversalismus oder des universalistischen Pluralismus begründet (Gal 3,18). Zum einen bildet die christologische und ekklesiologische Metapher des Leibes, wie sie in I Kor 12,1-31 entwickelt ist, die konkrete Anwendung dieses Programmes zur Interpretation und Gestaltung des alltäglichen Lebens in den christlichen Gemeinden. Die doppelte Idee des Leibes, wie sie in der hellenistisch-römischen Welt verwendet ist, nach welcher die Gesellschaft trotz aller sozialen Ungleichheiten eine organische Einheit bildet, so daß die arbeitenden Schichten der ZNT 6 (3. Jg. 2000) Fran~ois Vouga ,; i; ; iii10i·~ iiud Vk~lfait des frühen Christentums Bevölkerung den privilegierten Klassen loyal und solidarisch bleiben sollen, wird christologisch und pneumatologisch in ihr Gegenteil umgekehrt: Jede Person ist in der Gemeinde Trägerin einer unersetzlichen Begabung des heiligen Geistes, und die Vielfalt ist eine Notwendigkeit für die organische Einheit des Leibes, so daß sich die Glieder gegenseitig als gleichberechtigt anerkennen müssen und daß die bescheidenen besonders beachtet werden sollen. Zum anderen findet das paulinische Programm des universalistischen und pluralistischen Evangeliums seine Entsprechung in der Organisation der paulinischen Mission und in der liberalen Haltung des Paulus gegenüber der Theologie seiner Mitarbeiter. Die paulinische Mission bildet eine offene Gesellschaft. 8 Wie jede offene Gesellschaft muß sie sich gegen ihre Feinde verteidigen. Wer sind die Feinde der offenen Gesellschaft der paulinischen Mission, die Paulus »Feinde Christi«, »Feinde des Kreuzes«, »Falsche Apostel« oder »falsche Brüder« nennt? Im Galaterbrief betrachten sie die Beschneidung und die Zugehörigkeit zum Bund als die Bedingungen der Zugehörigkeit zum Evangelium.9 Im 2. Korintherbrief lästern sie über die Kollekte, die die gegenseitige Anerkennung der Kirchen der heidenchrist! ichen Mission und der Gemeinden in Judäa symbolisieren soll. In beiden Fällen sind die Feinde Christi Leute, die den pluralistischen Universalismus des Evangeliums oder den universalistischen Pluralismus verhindern wollen. 3. Der pluralistische Universalismus oder der universalistische Pluralismus erscheinen immer da als eine Gefahr, wo sich historische Institutionen, Lehrer, Apostel oder Christen mit der Wahrheit selbst identifizieren. Andere Ereignisse, Personen oder Institutionen als das Kreuz und die Auferstehung J esu werden sakralisiert, so daß eine Grenze zwischen Orthodoxie und Heterodoxie innerhalb des Christentums doch konstruiert wird, wo das »Kreuz« jede andere Abgrenzung als die Taufe (Gal 3,26-29 10) zuvor aufgehoben hatte. Die historisch willkürlichen Entscheidungen, einen fiktionalen Anfang des frühen Christentums festzulegen, um eine »Einheit« und eine maßgebliche Definition des wahren Christentums durch die Auswahl einer privilegierten Entwicklungslinie und durch den Ausschluß der anderen zu begründen, müssen als ideologische (eher als dogmati- 49 sehe) Machtprozesse berachtet werden 11 , die weder historisch noch neutestamentlich begründet werden können. Die Ablehnung des Pluralismus, die aus der Suche nach Einheit resultiert, führt zur Zersplitterung des Christentums, wie es der erste Ideologe der Einheit, Ignatius von Antiochen, selbst feststellen mußte. 12 Die Konsequenzen dieser Beobachtungen führen zu einer zweiten These, die folgendermaßen lautet: These 2: Die ursprüngliche Vielfalt des frühen Christentums, die die historische Arbeit feststellen muß, stellt weder die anfängliche Einheit noch die Deutlichkeit der Identität des Christentums in Frage. Der Grund dafür besteht in der Paradoxie, daß der pluralistische Universalismus und der universalistische Pluralismus der frühchristlichen Gemeinden aus der apostolischen Selbstdefinition des Christentums folgt. Die Pluralität und die Vielfalt gehören also zum Wesen und zur Identität des Christentums, so daß sie als Bestandteil seiner Einheit zu verstehen sind. Als Konsequenz muß gedacht werden, daß die sachgemäße Form der Einheit der Christen die Form des Dialogs und nicht die Form des Konsenses ist. 3. Die Apostelgeschichte als Quelle für die Geschichte des Frühchristentums Die These einer einheitlichen Entstehungsgeschichte des frühen Christentums beruft sich auf die Autorität der Apostelgeschichte. Die Idee, die Einheit der sogenannten »Urgemeinde« und des sogenannten »Urchristentums« auf dem lukanischen Zeugnis zu begründen, ist wiederum reine Naivität. 1. Die Erzählabsicht der Apostelgeschichte besteht offensichtlich nicht darin, eine Geschichte des frühen Christentums zu schreiben. Die Erzählabsicht des Historikers ist im Programm seines Werkes explizit erklärt. Es geht darum, die Kontinuität der apostolischen Mission zwischen Jerusalem und Rom plausibel zu machen. Diese Kontinuität hat legitimierende Funktion und beschäftigt sich nur mit der westlichen, europäischen Entwicklungslinie des Christentums. Die Verbreitung des christlichen Weges bis nach Rom muß legitimiert werden, und die Apostelgeschichte er- 50 zählt nur die Etappen, die zu einer von den Aposteln autorisierten Predigt in Rom führen. Die Geschichte der Gemeinden in Jerusalem interessiert den Verfasser nur bis zum Augenblick, in dem die Heidenmission vonJakobus und durch die Versammlung der Apostel und der Ältesten der »Urgemeinde« abgesegnet worden ist. Weder die Entstehung des Christentums in Ägypten noch die Entstehung eines johanneischen Christentums, die durch das Evangelium, die drei Briefe und die Offenbarung innerhalb des Neuen Testaments gut belegt sind, finden Platz im historischen Abriß des Verfassers. Lukas verliert auch sehr schnell die Spur der petrinischen Mission. Sein Thema ist nämlich ein anderes: Die diskontinuierliche Kontinuität des Christentums von Jerusalem bis nach Samarien, Antiochien, Ephesus, Korinth und Rom. 2. Darüber hinaus muß die Apostelgeschichte nicht nur von ihrer Erzählabsicht, sondern auch von ihrer Gattung her verstanden werden. Die einschlägigen Arbeiten von Eckhard Plümacher 13 zeigen, daß sich Lukas nicht nur als Historiker hat verstehen können, sondern daß der historische Charakter seiner Geschichtsschreibung mit der Akzeptanz seitens der hellenistisch-römischen Welt rechnen konnte. Vorausgesetzt ist in diesem Urteil die Existenz der Gattung der rhetorisch-historischen Monographie, die einmal durch das Anliegen bestimmt ist, Thesen zu vertreten und zu begründen, die des weiteren für ein breites Publikum veröffentlicht wird, und die sich zuletzt von den Gattungen der historisch-kritischen Geschichtsschreibung deutlich unterscheidet. Daraus folgt: Die doppelte Feststellung, wonach die Komposition der Apostelgeschichte einerseits durch bestimmte theologische Thesen geleitet ist und wonach sie andererseits die Geschichte der frühchristlichen Mission nach Westen so darstellt, daß diese Thesen belegt und begründet werden können, widerspricht dem Anspruch des lukanischen Buches, ein historisches Werk zu sein, keinesfalls. Daher ist der Apostelgeschichte ein historischer Gehalt nicht abzusprechen, auch wenn eine Rekonstruktion der Geschichte des frühen Christentums oft unabhängig von der Apostelgeschichte und manchmal gegen ihren Text unternommen werden muß. Dadurch nimmt man aber gerade den Text, die Gattung und die Erzählabsicht des lukanischen Geschichtswerks wahr und ernst. ZNT 6 (3. Jg. 2000) 3. Die alte, klassische Idee, daß eine Geschichte des frühen Christentums zum Teil gegen den Text der Apostelgeschichte geschrieben werden muß, folgt aus der Tatsache, daß bestimmte historische Angaben der Apostelgeschichte und der paulinischen Briefe nicht nur konträr, sondern auch widersprüchlich (kontradiktorisch) sind. Die Informationen in Gal 2, 1-10 und in Apg 15 sind konträr, wenn Paulus die Abwesenheit des Titus erwähnt, während ihn Lukas überhaupt ignoriert. Solche konträren Aussagen können auf einer höheren Ebene miteinander vereinbart werden und lassen sich durch die Verschiedenheit der jeweiligen Gesichtspunkte erklären. Kontradiktorische Informationen hingegen schließen sich gegenseitig aus. Paulus kann nicht unmittelbar nach seiner Berufung nach Jerusalem gegangen sein, um die Zwölf zu sehen (Apg 9) und gleichzeitig drei Jahre bis zu seiner Reise nach Jerusalem gewartet haben, um Petrus und Jakobus kennenzulernen, ohne die anderen Aposteln gesehen zu haben (Gal 1,17-18). Aus dem Vergleich zwischen den eigenen Berichten des Paulus und der Erzählung der Apostelgeschichte folgt, daß Lukas Ereignisse verschweigt, einschiebt oder so verändert, daß sie in sein Geschichtsbild hineinpassen. Die Konsequenzen dieser Beobachtungen führen zu einer dritten These, die folgendermaßen lautet: These 3: Die Apostelgeschichte soll als Quelle für die Rekonstruktion des frühen Christentums genau so ernst und sorgfältig wie die anderen frühchristlichen, kanonischen und nicht-kanonischen Texte verwendet werden. Dabei soll sie historischkritisch interpretiert werden, wenn sie als historisches Dokument verwendet wird. Das bedeutet unter anderem, daß die Beurteilung und die Verwendung der Informationen, die sie vermittelt, ihre Gattung als rhetorische Monographie, ihre theologische Erzählabsicht und die Implikationen ihrer Gattung und ihrer Erzählabsicht berücksichtigen muß. Daraus folgt auch, daß die Feststellung, daß eine Rekonstruktion der Geschichte des frühen Christentums dem Texte der Apostelgeschichte entspricht oder widerspricht, nichts über Plausibilität und Wahrscheinlicheit aussagt. ZNT 6 (3. Jg. 2000) 4. Die hermeneutischen Modelle: deterministisches Chaos, Baum, Besen und Busch Verschiedene Metaphern werden verwendet, um die Dialektik zwischen der Einheit und der Vielfalt des frühen Christentums zu beschreiben. Dem Modell des deterministischen Chaos, das ich vorgeschlagen habe 1 4, zieht Roman Heiligenthal das Bild des Baumes vor. Ich denke, daß diese Vorstellungen noch differenziert werden müssen. 1. Der Begriff des deterministischen Chaos 15 hat ihre Wurzeln im philosophischen Denken des Mathematikers Henri Poincare 16 und ist im Bereich der Naturwissenschaften weiterentwickelt worden. Er bezeichnet Systeme, die durch Ursachen und Voraussetzungen determiniert sind, die aber gleichzeitig Änderungen erfahren, die unvorhersehbar bleiben. Das deterministische Chaos unterscheidet sich insofern von einem aleatorischen System, als die wahrnehmbaren Veränderungen, die dort geschehen, auf Oszillationen und Wechselwirkungen zurückzuführen sind, deren Komponenten meßbar und berechenbar sind. Es unterscheidet sich andererseits von einem determinierten System, weil diese Wechselwirkungen komplex sind, sie verschiedene Entwicklungen provozieren können und die Ergebnisse, zu denen sie führen können, innerhalb von bestimmten Grenzen offen bleiben. Das Modell des deterministischen Chaos scheint mir deswegen angemessen die Geschichte des frühen Christentums zu interpretieren, weil gewisse Voraussetzungen gegeben sind, die als Konstanten betrachtet werden können, während die Wechselwirkung zwischen den Handlungen der einzelnen Figuren und der Gesamtentwicklung der frühchristlichen Bewegung durch keine wiederholbare und kalkulierbare Regelmäßigkeit bestimmt ist. 2. Das Modell des deterministischen Chaos und das Bild des Baumes stellen keine Alternative dar, weil jeder Baum aus einem System des deterministischen Chaos besteht. 17 Das Wachstum jedes einzelnen Baumes bleibt unberechenbar und die Chancen, zwei identische Bäume zu finden, sind äußerst gering. Als Interpretament für die Geschichte des frühen Christentums scheint mir das Bild des Baumes dennoch unglücklich, weil es zwei Momente der Diskontinuität voraussetzt, die ich in der Entstehungsgeschichte der ersten Gemeinden nicht finden kann. 51 Das erste Moment ist der Übergang zwischen dem chaotischen Netz der Wurzeln zur Einheit des Stammes. Wann und wie soll diese Vereinheitlichung stattgefunden haben? Wenn ich Roman Heiligenthal recht verstehe, ist sie in der Entstehung einer gemeinsamen Tradition in Jerusalem zu lokalisieren. Aber gerade hier muß Paulus nochmals erwähnt werden, weil sein Brief an die Galater das einzige einigermaßen zeitgenössische Zeugnis der sogenannten Jerusalemer Urgemeinde ist, und weil das paulinische Christentum dazu explizit nicht gehörte (Gal 1,10-12). Hat das paulinische Gottesevangelium einen zweiten Stamm des Baumes gebildet, und die johanneische Schule einen dritten? Das zweite Moment ist der Übergang zur Verästelung. Was hat dazu geführt und inwiefern ist die Pluralität, die in den Anfängen unzulässig war, mittlerweile legitim geworden? Hier besteht die Lösung des Problems in seiner bloßen Verschiebung. Aber die Verschiebung wirft andere Fragen auf. Wenn der Baum sich verästelt, wo bleibt das Wahrheitskriterium? Die Antwort kann nur lauten: in der Kontinuität mit dem Stamm. Die Vorstellung einer Pluralität und eines Konfliktes der Interpretationen (P. Ricoeur), die sich als Auslegungen eines Gründungsereignisses verstehen und unter der Autorität dieses gründenden Ereignisses stehen, ist konsequent zugunsten einer institutionellen Kontinuität, die sich als Orthodoxie von den anderen Richtungen auszeichnet, abgelehnt worden. 3. Wenn auch jeder Baum ein System bildet, das als deterministisches Chaos gekennzeichnet werden kann, so nimmt doch nicht jedes deterministische Chaos die Form eines Baumes an. Andere Modelle können erfunden werden, um die Beobachtungen des Historikers und die Komplexität der Wirklichkeit zu deuten und zu verstehen. Ein erstes alternatives Modell ist das Modell des Besens. Die alten Besen der Bauernhöfe sind dadurch gekennzeichnet, daß zahlreiche Holzäste oder Strohstücke so miteinander verbunden sind, daß jede Entwicklungslinie ihren Ursprung und ihr Ende hat, aber daß sie so zusammengehalten werden, daß sie fast parallel sind und sich gegenseitig verstärken. Die Implikationen dieses Modells sind, daß jede Entwicklungslinie ihren Ursprung, ihre Geschichte und ihre Identität hat, aber daß sie durch ein gemeinsames Bekenntnis (die Verbindung des Glaubens mit der Bezugsperson Jesus Christus), durch eine gemeinsame theologische 52 Anthropologie (die bedingungslose Anerkennung des Anderen als Subjekt unabhängig von seinen Eigenschaften), durch eine gemeinsame Praxis (die Tischgemeinschaft) und durch die Überzeugung der Legitimität ihrer Vielfalt zu einer übergeordneten Größe gehören. Ein zweites alternatives Modell ist das Modell des Busches. Auch hier sind die Parallelitäten wichtiger als die genetische Zusammengehörigkeit. Die Wurzeln entwickeln sich unabhängig voneinander im selben Boden, und verschiedene Stämme, die untereinander verwandt sind, differenzieren sich in vielfältige Verästelungen. Die Identität ist gegeben einerseits durch die geographische Nähe und andererseits durch die Gemeinsamkeit der Art. Die Implikationen dieses Modells sind, daß die Einheit des Christentums durch gemeinsame Voraussetzungen (den alttestamentlichen Boden, den bekennenden Monotheismus oder die Monolatrie, die Universalisierung des Erwählungsgedankens, die Aufhebung der Abgrenzungsgebote und -mechanismen) und eine Selbstdefinition, die durch das Selbstverständnis und durch das Verständnis des Verhältnisses zu Gott, zu sich selbst und zum Anderen bestimmt ist. Die Konsequenzen dieser Beobachtungen führen zu einer vierten These, die folgendermaßen lautet: These 4: Das interpretative Modell des deterministischen Chaos scheint mir deshalb angemessen die Geschichte des frühen Christentums zu interpretieren, da es sowohl die beiden Momente der Vorherbestimmung und der Freiheit als auch die verschiedenen Dimensionen der persönlichen, der sozialen, der institutionellen Geschichte sowie der Weltgeschichte integrieren und miteinander verbinden kann. Der Zusammenhang der Singularitäten, der Oszillationen, der Wechselwirkungen und der Reaktionsketten, die den wahrnehmbaren Teil der Geschichte als deterministisches Chaos prägen, kann mit Hilfe von verschiedenen Metaphern dargestellt werden. Noch einmal läßt sich die Feststellung des Dirigenten Ernest Ansermet 18 bestätigen, daß es ohne Phantasie keine gute Interpretation geben kann. ZNT 6 (3. Jg. 2000) Anmerkungen 1 R. Buhmann, Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 1948-1953. 2 L. Schenke, Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990. 3 B.L. Mack, The Lost Gospel. The Book of Q and Christian Origins, San Francisco 1993. 4 J.G. Herder, Vom Erlöser der Menschen. Nach unsern drei ersten Evangelien, 1796. Cf. dazu W. Sehmithals, Einleitung in die drei ersten Evangelien, Berlin - New York 1985. 5 A. Badiou, Saint Paul. La fondation de l'universalisme, Les essais du College international de Philosophie, Paris 1997. 6 F. Vouga, An die Galater (HNT 10), Tübingen 1998. 7 F. Vouga, Das Problem der Selbstdefinition und der theologischen Einheit des frühen Christentums, in: U. Mell u. U.B. Müller (Hgg.), Das Urchristentum in seiner literarischen Geschichte, FS Jürgen Becker, Berlin 1999, 487-515. 8 K. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 6 1980. 9 J.L. Martyn, Galatians (AcB 33A), New York 1997. 10 R. Buhmann, Der Arier- Paragraph im Raum der Kirche, Theologische Blätter 12 (Dezember 1933), Sp. 356-369. 11 F. Vouga, Das Osterkerygma und das Problem der Anfänge des Christentums, in: J. Ernst u. S. Leimgruber (Hgg.), Surrexit Dominus vere. Die Gegenwart des Auferstandenen in seiner Kirche, FS Degenhardt, Paderborn 1995, 107-116. 12 Ignatius von Antiochien, Phld 7, 1-2. 13 E. Plümacher, Neues Testament und hellenistische Form. Zur literarischen Gattung der lukanischen Schriften, Theologia Viatorum 14 (1979), 109-123; ders., Terateia. Fiktion und Wunder in der hellenistisch-römischen Geschichtsschreibung und in der Apostelgeschichte, ZNW 89 (1998), 66-90; ders., Cicero und Lukas. Bemerkungen zu Stil und Zweck der historischen Monographie, in: J. Verheyden (Hg.), The Unity of Luke-Acts, (BEThL CXLII), Leuven 1999, 759-775. 14 F. Vouga, Geschichte des frühen Christentums, Tübingen 1994. 15 Cf. D. Ruelle, Zufall und Chaos, Berlin u.a. 1992. 16 H. Poincare, La science et l'hypothese, Bibliotheque de Philosophie scientifique, Paris 1902. 17 B.B. Mandelbrot, Die fraktale Geometrie der Natur, Basel u.a. 1991. 18 E. Ansermet u. J.-C. Piguet, Entretiens sur la musique, Langages, N euchatel 1963, 178. ZNT 6 (3. Jg. 2000) f,·a111: rois Vouga E: : ir1irn1t m"cl Vielfolt des frifüen Christentums Tübinger Bibelatlas Herausgegeben von Siegfried Mittmann und Götz Schmitt auf der Grundlage des »Tübinger Atlas des Vorderen Orients« (TAVO) 27,7 x 49,3 cm, 29 Kartenblätter, 96 Seiten Register, Fadenheftung, Gebunden ISBN 3-438-06022-1 DM 128,00/ öS 934,00/ € 65,44 (In Zusammenarbeit mit dem Reichert-Verlag) In 29 hochwertigen Landkarten und ausführlichen Registern dokumentiert der Tübinger Bibelatlas in einzigartiger Weise die historische Geographie der biblischen Länder. Der Atlas ist in erster Linie für den wissenschaftlichen Gebrauch konzipiert; er macht nicht zuletzt aufgrund des attraktiven Preises das wertvolle Studienmaterial zugleich auch für einen weiteren Kreis von Interessierten zugänglich. BB Deutsche Bibelgesellschaft Postfach 81 03 40 • 70520 Stuttgart www.bibelgesellschaft.de 53
