ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
61
2001
47
Dronsch Strecker VogelWerner Kahl - New Testament Miracle Stories in their Religious-Historical Setting. A Religionsgeschichtliche Comparison from a Structural Perspective (FRLANT 163). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1994, 259 S., DM 88,-, ISBN 3-525-53845-6
61
2001
Kurt Erlemann
znt470067
Buchreport ZNT 7 (4. Jg. 2001) 67 Werner Kahl New Testament Miracle Stories in their Religious-Historical Setting. A Religionsgeschichtliche Comparison from a Structural Perspective (FRLANT 163). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1994, 259 S., DM 88,- ISBN 3-525-53845-6 Ein im deutschen Sprachraum leider zu wenig beachtetes Wunderbuch ist die Monographie von Werner Kahl, »New Testament Miracle Stories in their Religious Historical Setting«. Die an der Emory University, Atlanta, geschriebene Dissertation stellt einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der ntl. Wundergeschichten dar. Denn sie unterzieht die formgeschichtliche Diskussion, namentlich repräsentiert von Martin Dibelius, Rudolf Bultmann oder Gerd Theißen, einer kritischen Revision. Kahl moniert vor allem einen »Mangel an methodischer Klarheit hinsichtlich des religionsgeschichtlichen Vergleichs« (238) und damit der formkritisch exakten Klassifizierung der Wundererzählungen. Die Kriterien der Stoffaufteilung seien nicht stringent, sie bezögen sich teilweise auf das Thema der Erzählung, auf die Art der Notlage, das Ziel der Erzählung oder auf formale Kriterien (174). Auch eine rein thematische Unterteilung der Wunderstoffe, wie sie Gerd Theißen unternimmt, hat ihre Schwächen, so Kahl, der dies u.a. am Beispiel der »Fernheilungswunder« deutlich macht. 1 Es ist das Hauptanliegen Kahls, die Frage der Klassifizierung und der religionsgeschichtlichen Vergleichbarkeit der Texte auf eine solide strukturalistische und semiotische Basis zu stellen. Anders gesagt, Kahl fragt nach der Tiefenstruktur (Morphologie) der (Heilungs-)Wunder als methodischer Basis der genannten Fragestellungen. Die Beschränkung auf die Berichte über Heilungs- und Erweckungswunder ist dabei arbeitsökonomisch bedingt. Vom strukturalistisch-semiotischen Ansatz von Propp, Dundes und Greimas herkommend untersucht Kahl die narrative Tiefenstruktur der Heilungswundererzählungen und erkennt in der Bewegung von einem anfänglichen, vorgegebenen Mangel (»initial lack«) zu dessen Überwindung (»liquidation of lack«) vermittels eines dafür befähigten Trägers göttlicher Macht (»bearer of numinous power«) die all diesen Erzählungen zugrunde liegende Struktur. Der »Mangel« bezieht sich dabei auf jedwede Form von (fehlender) Gesundheit. Die »Bausteine« (Motifeme) der narrativen Tiefenstruktur kann Kahl auf die Beschreibung des Mangels (lack), der Bereitschaft des Wundertäters (preparedness), der Durchführung des Wunders (performance) und dessen Feststellung am Ende (sanction) beschränken (160). Die Reihenfolge der vier Motifeme liege fest, nicht aber die Art ihrer jeweiligen sprachlich-narrativen Realisation in Form von »Motifen« und »Allomotifen«. So könnten die Identifikation des Wundertäters, die Art der Heilung, die Art der Reaktion etc. vielfältig variieren. Einzelne Motifeme könnten sogar ganz entfallen (vgl. Lk 22,49-51; Mk 6,5a als rudimentäre Wundergeschichte). 2 Ursache der Variationen sei zum einen die Kreativität des Autors, zum anderen seine Einbindung in einen bestimmten kulturellen Kontext. Aufgrund der Variationen kommt Kahl zur Unterscheidung zweier Grundtypen: Der eine Typ fokussiere die Bereitschaft de Wundertäters, der andere die Aktivität der Bittsteller. Um nicht die Mängel der klassischen Formgeschichte zu wiederholen, vergleicht Kahl nicht einzelne Motive (Allomotife) ntl. Wunderberichte mit solchen des außerntl. Bereichs. Statt dessen betrachtet Kahl die »innernarrative« Funktion der einzelnen Grundbausteine (Motifeme) als angemessenes und kontollierbares Kriterium formkritischer Klassifikation und religionsgeschichtlichen Vergleichens. Die methodische Leitfrage lautet: »What happens with respect to the innernarrative function of a miracle story when the focus is on this or that motifeme? « (181). Die Beobachtung, welches Motifem besonders ausgeführt wird und welches nicht sowie die Frage, wie die Motifeme in Gestalt von »Allomotifen« realisiert werden, lässt nach Kahl auf die Autorintention bzw. die Funktion der 68 ZNT 7 (4. Jg. 2001) Buchreport Erzählung schließen. »The function of a miracle story can usually be identified by noting on which motifeme a story is focused« (173). Was die Analyse freilich verkompliziert, ist das häufige Ineinander mehrerer Motifem-Sequenzen (z.B. in Mk 9,14-29), was eine Hierarchisi erung der einzelnen Funktionen und Sequenzen impliziert (vgl. die gängige formkritische Bezeichnung »Apoph thegma« als Beispiel für ein solches Ineinander; 207ff.). Als Textbasis für den religionsgeschichtlichen Vergleich wählt Kahl ca. 150 antike Wundergeschichten, die im Palästina des 1. Jh. bekannt gewesen sein könnten (vgl. die Auflistung auf S. 57ff.). In all diesen Texten erkennt Kahl dieselbe narrative Grundbewegung von »initial lack« zu »liquidation of lack«, evoziert durch den Träger numinoser Macht. Kahl unterzieht seine Textbasis einer ausführlichen Analyse, um die Bandbreite möglicher Realisationen auszuloten und um zu Aussagen über die Funktion der Erzählungen zu kommen. Außerdem entwickelt Kahl auf diesem methodischen Weg ein (kultur-)spezifisches Profil jüdischer, heidnischer und frühchristlicher Wundergeschichten (216ff.). So zeichnen sich nach Kahl atl.-jüdische Wundergeschichten dadurch aus, dass regelmäßig der Wundertäter Gott um ein wunderhaftes Eingreifen bittet bzw. bitten muss. Menschliche Wundertäter gebe es keine, was mit einem in dieser Beziehung exklusiven Gottesbild zusammenhänge. Im Mittelpunkt der Erzählungen stehe die Wundervorbereitung, während der eigentliche Wundervollzug, wenn überhaupt, nur kurz erwähnt wird. »Only th e success of the unstated main performance is stated.« (217) Ein direkter Kontakt zwischen Gott und Patienten sei im atl. Bereich nicht erkennbar, in der Regel seien Mittlerwesen aktiv. Erst im nachatl. hellenistischen Judentum würden besonders Fromme wie Mose in direktem Kontakt mit Gott gesehen. - Pagane Wundergeschichten wiederum zeichnet nach Kahl aus, dass der göttliche Wundertäter ungebeten, aus eigenem Antrieb, erscheint, und zwar häufig in Traumvisionen. Menschliche Wundertäter wie Apollonius von Tyana seien die Ausnahme. - Als Spezifikum der ntl. Wundergeschichten arbeitet Kahl heraus: [Jesus] »does not need to come before his god as a suppliant, or refer to a BNP [i.e. Träger numinoser Macht, K.E.] mightier than himself.« Das heißt, der Mensch Jesus handelt eigenständig aus göttlicher Vollmacht heraus. - Der religionsgeschichtliche Vergleich führt nach Kahl zu einer Neubewertung der Frage, ob Jesus als hellenistischer »göttlicher Mensch« (theios aner) anzusehen sei. Jesus sei der idealtypische theios aner, da er als menschliches Wesen die Qualität eines göttlichen Wundertäters, der viele Wunder tut, habe. In dieser Hinsicht sei er (mit Ausnahme des später zu datierenden Apollonius von Tyana) ohne echte religionsgeschichtliche Analogie. Was Jesus darüber hinaus anders als andere Wundertäter kontrovers erscheinen lasse, sei die teilweise zurückweisende Reaktion auf seine Taten. Auch für die Frage, welche Funktion die Wundergeschichten bei den verschiedenen Evangelisten haben, lässt sich nach Kahl aus der strukturalistisch-semiotischen Analyse Gewinn ziehen. Unter anderem am Beispiel der Perikope vom Hauptmann von Kapernaum Mt 8,5-13par Lk 7,1-10 sei zu zeigen, dass bei gleichem Fokus (Bereitschaft des Akteurs, den Wundertäter anzusprechen) unterschiedliche Aspekte betont werden. So sei bei Mt ein verstärktes Interesse am Glauben des Bittstellers, bei Lukas ein Interesse an dessen Würdigkeit erkennbar. Wieder anders stehe in der joh. Parallele Joh 4,46-53 die göttliche Vollmacht des Wundertäters im Vordergrund. Das Motiv des Glaubens werde an je unterschiedlichen Motifemen festgemacht. - Über das Einzelbeispiel hinaus werden nach Kahl folgende Differenzierungen möglich: Während Q stark in atl.-jüdischer Tradition verwurzelt sei, sammelten sich bei Mk jüdische und pagane Traditionslinien. Mk Spezifikum sei das Schweigegebot, das die Realisation des Motifems »Feststellung des Wunders« bestimmt. 3 Mt wiederum sei stark am Glauben des Bittstellers als Vorbedingung der Hilfe interessiert, die anderen Motifeme erschienen demgegenüber verkürzt. Lk betone dagegen mehr die Heilungsmethoden und das Gotteslob als Reaktion der Augenzeugen. Jesus sei hier »lediglich« der Vollstrecker des göttlichen Werkes, was ihn in die Nähe der atl. Propheten rückt. Ziel der lk. Wundergeschichten ist nach Kahl die Erneuerung des Glaubens an Gott. Die joh. »Zeichen« (semeia) schließlich erwiesen die göttliche Natur Jesu; der Aspekt des Glaubens als Voraussetzung des Wunderhandelns trete dagegen zurück. Im Sinne einer kritischen Würdigung seien noch einige Schlussbemerkungen angefügt: Positiv bleibt stehen, dass Kahl in konsequenter Weise eine methodische Präzisierung einfordert und sie umsetzt, so wie das wünschenswert ist. Die Relevanz strukturalistisch-semiotischer Arbeit wird unmittelbar deutlich, betrachtet man die Ergebnisse des religionsgeschichtlichen Vergleichs. Nüchtern ist die Bilanz im Blick auf bislang konstatierte Untertypen von Heilungswundergeschichten: Es gibt aus strukturalistisch-semiotischer Sicht keine! (176) - Kritik ist an anderen Punkten zu üben: Es ist aus deutschsprachiger Sicht natürlich misslich, dass die Arbeit bislang nur auf Englisch erschienen ist. Immerhin kann sich der eilige Leser in einer deutschen Kurzzusammenfassung am Schluss einen Überblick ZNT 7 (4. Jg. 2001) 69 Buchreport über die Hauptgedanken des Buches machen. Was die Lektüre zusätzlich erschwert, sind die im strukturalistisch-semiotischen Bereich üblichen Kürzel, selbst wenn sie in einem eigenen Abkürzungsverzeichnis erläutert werden. Inhaltlich ist zu sagen, dass im Hinblick auf die Differenzierung zwischen den einzelnen Evangelisten die Ergebnisse nicht schlechthin innovativ sind. Für die Frage nach dem »göttlichen Menschen« (theios aner) indes eröffnen sich neue Perspektiven. In seiner religionsgeschichtlich einzigartigen Verbindung von menschlicher Natur und göttlicher Macht erscheint für Kahl Jesus als idealtypischer theios aner (231). - Systemimmanent zu beurteilen ist die fast völlige Ausblendung der Frage nach der Historizität der Wunder oder des sie tragenden Wirklichkeitsverständnisses. Auch die sozialhistorische Verortung der Wundergeschichten in ihren Trägergruppen (»Sitz im Leben«) gerät weitgehend aus dem Blick. Fokus sind für Kahl die kulturelle Umgebung und das Glaubenssystem der Erzähler, nicht die historischen Vorgänge um Jesus von Nazareth (11). Gleichwohl - wen methodische Fragen zur Wunderauslegung interessieren und wer dazu noch ausgiebiges religionsgeschichtliches Material sucht, dem ist das Buch von Werner Kahl warm zu empfehlen! Anmerkungen 1 Die exakte Abgrenzung dieses Typus sei letztlich unmöglich. »This makes it clear that classification based on the method of the main performance [ … ] are not helpful means.« (173, kursiv im Original) 2 Die Person des Wundertäters wird über den Forschungsstand hinaus in ihrer jeweiligen Funktion als Träger, Vermittler oder Bittsteller der göttllichen Macht differenziert. 3 Kahl interpretiert das mk. Schweigegebot in dem Sinne, dass die Geheilten als lebende Demonstrationen der göttlichen Kompetenz Jesu fungieren. Zweck sei die unvermeidliche Enthüllung der Identität Jesu. Kurt Erlemann Heike Bee-Schroedter Neutestamentliche Wundergeschichten im Spiegel vergangener und gegenwärtiger Rezeptionen. Historisch-exegetische und empirisch-entwicklungspsychologische Studien (SBB 39). Stuttgart: Katholisches Bibelwerk GmbH 1998, 482 S., DM 89,- ISBN 3-460-00391-X Die 1997 in Paderborn als Dissertation angenommene Studie von Heike B ee-Schroedter kreist um die Kernfrage »Wie rezipieren Heranwachsende neutestamentliche Wundergeschichten? « (4). Das Ziel der Arbeit ist ein ausgesprochen religionsdidaktisches, sie soll zu einer schülergerechten Vermittlung der Gattung Wundergeschichten anleiten. Den Anlass für dieses Unterfangen sieht Bee-Schroedter im Fehlen entwicklungspsychologischer Erkenntnisse in den gängigen Religionsbüchern mit der Folge eines Religionsunterrichts, der am Entwicklungsstand der Schülerinnen und Schüler vorbeigehe. Darüber hinausgehend formuliert die Autorin den »Anspruch der Studie, nicht nur religionspädagogisch, sondern auch hermeneutisch und damit auch für die biblische Exegese selbst relevant zu sein.« (1) Die weit gefasste Leitfrage lautet demnach: »Wie sind neutestamentliche Wundergeschichten überhaupt angemessen zu verstehen? « (6) Ein Buch also, das in seiner interdisziplinären Ausrichtung und Zielvorgabe weitreichende Erwartungen weckt. Methodologisch fußt das Buch besonders auf religionsdidaktischen und entwicklungspsychologischen Überlegungen und orientiert sich an der »qualitativen Sozialforschung«. Anstatt vom Text und seiner Auslegung zu Unterrichtsentwürfen zu kommen, geht Bee- Schroedter den umgekehrten Weg: In bewusster Distanzierung von historisch-kritischer Arbeit, deren Geltungsanspruch sie deutlich herabmindert, 1 stellt die Autorin die Lesarten bzw. Rezeptionen von ausgewählten Schülerinnen und Schülern (»Probanden«) in den Mittelpunkt, um von hier aus Erkenntnisse über die Verstehensmöglichkeiten und das Weltbild dieser Klientel zu schöpfen. 2 Texttheoretischer Hintergrund dieser Vorgehensweise ist die von der Semiotik (Eco) und der Rezeptionsästhetik (Iser, Warning, Jauß) hervorgehobene Rolle des Lesers bei der Konstituierung von Sinn. Die Möglichkeit eines »objektiven«, via historisch-kritischer Analyse zu erhebenden Textsinns, wird nach dieser Theorie kategorisch bestritten und dem Text eine grundsätzliche Offenheit für verschiedenste, gleichermaßen legitime Leseformen, bescheinigt. Von daher liegt es nahe, die Leseformen »moderner« Jugendlicher zum Maßstab einer angemessenen Hermeneutik der Wundergeschichten zu machen. 3 Für die
