ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
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Dronsch Strecker VogelRalf Miggelbrink: Der zornige Gott - Die Bedeutung einer anstößigen biblischen Tradition. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002, 168 S., ISBN 3-534-15582-3
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Kurt Erlemann
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Buchreport Ralf Miggelbrink Der zornige Gott Die Bedeutung einer anstößigen biblischen Tradition Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002, 168 S., ISBN 3-534-15582-3 Das Buch wählt einen anderen Zugang als das zuerst besprochene Buch. Der Autor ist katholischer Professor für Systematische Theologie an der Universität Essen. Seine Fragestellung ist primär systematisch ausgerichtet, sein Thema ist der Widerspruch zwischen biblischen Aussagen über den gewalttätigen Gott und dem verkündigten Gott der Liebe (9). Zielpunkt des Buches ist es, die Rede vom zornigen Gott als integrativen Bestandteil christlicher Lehre einzubringen und kritisch gegen die gesellschaftlich überaffirmativ wirkende Rede vom »lieben Gott« zu wenden. Es behandelt im ersten Teil »Ursprung, Geschichte und Wandel des biblischen Motivs vom zornigen Gott« (13-102). Charakteristisch ist die konstante Verschränkung exegetischer, systematischer und sozialgeschichtlicher Betrachtung. Im zweiten Teil ist der »Zorn Gottes als Problem theologischer Herme- 70 Ralf Miggelbrink Der zornige Gott Die Bedeutuni; i einer anstößigen biblischen Tradition neutik« Thema (103-141), der letzte Teil, »Gottes Zorn und seine dramatische Geschichte mit der Welt«, fragt nach Relevanz und Möglichkeit verantwortbarer Rede vom zornigen Gott in der christlichen Verkündigung (142-161). Drei kurze Indices (Personen, Begriffe, Bibelstellen) beschließen das Buch. Die breite exegetische Betrachtung (Teil I) läuft auf die Feststellung einer Entwicklung der biblischen Gottesvorstellung im Sinne einer Entemotionalisierung der Rede vom zornigen Gott hinaus. War in den Anfängen israelitischer Theologiebildung JHWH als »zorneswilder« Wetter- oder Sturmgott vorgestellt (14), so ist die Rede vom Gotteszorn ab der Zeit der Schriftprophetie emotionslos und als metaphorischer Ausdruck für die Erfahrung der Folgen unsozialen Verhaltens zu verstehen. »Bricht das Gemeinwesen zusammen, so offenbart sich darin der Zorn Gottes« (17). Der Prophet macht auf Gottes Lebensordnung als Grundlage des sozialen Gefüges und die sachlogischen Konsequenzen eines Zerfalls der Lebensordnung aufmerksam. Prophetische Gerichtsworte haben keinen appellativen Charakter, sondern kündigen die zwangsläufig eintretende Katastrophe an (19). Gott ist kein willkürlicher Despot oder Bestrafer, sondern Sachwalter der von ihm selbst eingerichteten Lebensordnung mit dem Ziel, das Gute zu erhalten. »Gott rettet auch in seinem Zorn. Aber dieses Retten fällt anders aus, als Menschen es sich erwarten. Es kann eben nicht die Rettung dessen sein, was nicht rettbar ist innerhalb der Ordnung des Lebens, die Gott zum Gesetz der Welt gemacht hat« (24). - Die deuteronomistische Tradition macht den Alleinverehrungsanspruch JHWHs geltend und individualisiert die Ethik. Gottes Zorn wird bei VerleLzung des 1. Gebots und sozialer Verpflichtungen wirksam. Zu unterscheiden ist nach Miggelbrink hier wie anderswo zwischen der (politisch-kämpferischen) »äußeren Gestalt der Gotteswirklichkeit« und dem »Wesen Gottes« (33). Ziel des göttlichen Handelns ist es, notfalls mit Gewalt in ein Leben ohne Gewalt einzuführen. - Die Vorstellung vom zornigen Gott wird in den priesterschriftlichen Texten des Alten Testaments überwunden. Im Mittelpunkt des nachexilischen Sühnekults steht die Möglichkeit des Neuanfangs anstelle der Androhung des Zornes Gottes. Als Geber des Lebens und der Schöpfungsordnung zielt JHWHs Handeln auf die Förderung jeglichen Lebens ab. Die Vorstellung einer funktionierenden Schöpfungsordnung steht auch hinter dem weisheitlichen Konzept des Tun-Ergehen-Zusammenhangs. Da diese Ordnung durch den Menschen nicht ernsthaft in Gefahr zu bringen ist, erübrigt sich die Rede vom zornigen Gott. Die emotional aufgeladenen Aussagen des Hiobbuches bieten keine metaphysisch abstrakte Lehre über das Wesen Gottes, sondern sind poetisch-metaphorisches Mittel, um den Sinn menschlichen Leidens zu bestimmen (63). Die postmortale Verlagerung der göttlichen Vergeltung im Buch der Weisheit macht die Zornmetaphorik überflüssig. Auch hier gilt: »Gottes Strafen ist kein irrationales Wüten, sondern ein nach Axiomen erfolgendes, pädagogisch motiviertes, dosiertes Vorgehen« (66). Gott bestraft nicht direkt, sondern mittels innerweltlicher Zweitursachen. - In den Makkabäerbüchern und in der frühjüdischen Apokalyptik steht die Rede vom zornigen Gott im Dienst religiös-politischer Propaganda, Emotionen Gottes sind auch hier nicht zu erkennen. - In der Predigt des Täufers und ]esu steht die individuelle Rettung aus dem Zorngericht, d.h. die Integration der Sünder, 1m Vordergrund. Das ZNT 9 (5. Jg. 2002) Gericht ist negative Begleiterscheinung der anbrechenden Gottesherrschaft. Emotionale Aspekte des Zorns treten zurück. Das Gericht ist ein »Ereignis von unvermeidlicher Zwanghaftigkeit, das das Heilshandeln wie ein Schatten begleitet« (83). Der Deutung des Todes Jesu kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu. Er ist nicht als göttliche Notwendigkeit, sondern als Konsequenz des sündigen Widerstands gegen das Leben Gottes zu verstehen. »Im Sterben Jesu wird Gottes rettende und Schuld tilgende Gnade offenbar und wirksam. Am Kreuz wird also nicht der Zorn eines über die Sünde der Menschen erregten Gottes besänftigt« (87). Nachfolgend stellt Vf. dogmengeschichtliche Deutungskonzepte des Todes J esu vor, in denen der Zorn Gottes unterschiedlich bewertet wird. Im Konzept der »Stellvertretung« sieht Miggelbrink die Überwindung der Aporien einer objektivistisch verstandenen Satisfaktionstheorie. - Bei Paulus ist die Rede von Gottes Zorn nicht als göttlicher Affekt misszuverstehen, sondern als schicksalhaftes Verhängnis der Menschen, die Gott nicht anerkennen (98). Im nahen Zorngericht verfährt Gott nicht emotional, sondern sachlich, als Richter. - Selbst in der Offenbarung des Johannes ist von einer Emotionalität Gottes nichts zu spüren. Die Vernichtung der Gottlosen am Ende, so Miggelbrink, geschieht als deren völlig leidenschaftslose Beseitigung. Selbst die Darstellung der Zornschalen, in der Gott mit leidenschaftlichem Wutzorn in Verbindung gebracht wird, sagt über das Wesen Gottes nichts aus. »Die Zorneswut Gottes erscheint also auch hier als die Wut derer, die gerade mit ihrer eigenen Wut von Gott bestraft werden.« »Der Begriff der orge bezeichnet in der Apokalypse eher das souveräne Gerichtshandeln Gottes« (102). ZNT 9 (5. Jg. 2002) Der zweite, hermeneutische Teil bietet klassische Lösungsversuche zum Verständnis der Rede vom zornigen Gott, die zwischen positiver Rezeption (etwa Laktanz) und Negierung (hellenistische Philosophie) schwankt. Für die biblischen Texte plädiert Miggelbrink für ein kontextuelles, existenzielles und relationales Verständnis (109). Energisch wendet er sich gegen das zur Irrelevanz tendierende, pluralistische Grundverständnis der Postmoderne (Lyotard) und gegen ein »mythisches« Verständnis. Der Rekurs auf die moderne Metapherntheorie lässt Miggelbrink die Zorn-Aussagen nicht metaphysisch verabsolutiert, sondern als Provokationen der Leserschaft verstehen; als solche haben sie eine gesellschaftskritische Funktion. »Das Theologumenon vom Zorne Gottes ist die Metapher der politischen Relevanz des JHWH-Glaubens« (119). Mit Rahner kann Miggelbrink so am Geheimnis-Charakter des Wesens Gottes festhalten. Eine hermeneutische Dispensierung der Rede vom Gotteszorn kommt auch deshalb nicht in Frage, weil die Rede von Gottes Liebe existenziell nicht ohne die Erfahrung seines Zorns zu verstehen wäre. Miggelbrink plädiert für eine nicht-selektive Hermeneutik, die die divergierenden Aspekte der Rede über Gott aufeinander bezieht. »Der biblische Text ist Wort Gottes, insofern er dem Menschen ermöglicht, an ihm als ein Mensch von Gott her in eine Entwicklungsgeschichte auf Gott hin einzutreten« (133). Teil III des Buches liest sich wie ein Fazit: Der Gott Israels offenbart sich unter anderem in seinem Zorn als der Anwalt der von ihm inaugurierten Freiheitsinspiration (142), die Propheten sind Repräsentanten der göttlichen Lebensordnung, deren Zerstörung Gott nicht zulässt. Die prophetische Aufgabe ist nach Miggelbrink nach wie vor aktuell und hat von ihrer gesellschaftskritischen Brisanz nichts eingebüßt. Gegen soziale und ethische Indifferenz (Abtreibung u.a.) und gegen die Verweigerung von Gerechtigkeit hat die Kirche die Aufgabe, auf den Zorn Gottes hinzuweisen, präzise Missstände zu benennen und zu nützlicher und effizienter Opposition aufzurufen. Kirche reiht sich in ihrem Widerstand gegen die Strukturen des Bösen in den Antagonismus zwischen Gott und Welt ein (157). Mit der Rede vom zornigen (und liebenden! ) Gott bringt Kirche ihn als fordernden Gott ins Spiel und weist auf die notwendige Solidarität aller Menschen in der Situation der Gottesferne hin. Christliche Predigt hat nichts mit eirenischem Indifferentismus, sondern mit engagiertem Protest zu tun (161). Dem biblischen Befund gemäß ist in der Verkündigung auf die Metaphorizität der Vorstellung eines emotionalwillkürlichen oder empathischen Gottes hinzuweisen. Würdigung: Das Buch schlägt einen weiten Bogen von den biblischen Aussagen über dogmen- und theologiegeschichtliche Reflexionen bis hin zu kultur- und sprachwissenschaftlichen Überlegungen. In der Kürze von 160 Seiten erscheint vieles sehr gedrängt und sprachlich relativ schwer zu verstehen. Inhaltlich wäre von exegetischer und dogmengeschichtlicher Seite manches Fragezeichen (etwa zur Funktion prophetischer Gerichtsrede, vgl. dazu Volker A. Lehnert, Die Provokation Israels. Die paradoxe Intervention von J es 6,9-10 bei Markus und Lukas, Neukirchen 1999) zu setzen. Das erkennbare Bemühen, die emotional-affektive Seite der Rede von Gott exegetisch und hermeneutisch zu negieren, erscheint künstlich und von dogmatischen Prämissen geleitet. Die Unterscheidung zwischen Metaphorizität und eigent- 71
