eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 7/14

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
121
2004
714 Dronsch Strecker Vogel

Robert Jewett: Saint Paul Returns to the Movies. Triumph over Shame. Grand Rapids MI: (Eerdmans) 1999, 231 S., ab 10,50 Euro, ISBN 0-8028-4583-1

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2004
Peter Busch
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Buchreport Robert Jewett Saint Paul Returns to the Movies. Triumph over Shame. Grand Rapids MI: (Eerdmans) 1999, 231 S., ab 10,50 Euro, ISBN 0-8028- 4583-1 Obwohl man den inzwischen siebzigjährigen Robert Jewett aufgrund seiner thematischen Breite zu den Generalisten der Neutestamentlerzunft rechnen darf, ist er in Deutschland besonders als Paulusforscher bekannt geworden. Sicherlich hat die deutsche Übersetzung seiner Studie zur Pauluschronologie (1982, engl. 1979) hierzu nicht unwesentlich beigetragen. Doch auch seine vielen englischsprachigen Aufsätze zu theologischen, anthropologischen und historischen Aspekten der Paulusforschung sowie seine Kommentare zum Römerbrief und den Thessalonicherbriefen kann niemand ignorieren, der sich ernsthaft mit dem Gedankengut des Völkerapostels auseinandersetzen möchte. Im Horizont der gesamten Bandbreite von Jewetts Forschungen bildet doch dieser Focus auf ihn als »Neutestamentler« oder gar »Paulusforscher« geradezu eine Reduktion: Der Kulturphilosoph Robert Jewett wird in Deutschland erst in den letzten Jahren seit dem »11. September« und recht zögerlich entdeckt. Doch gerade hier, in der kritischen Aufarbeitung der insbesondere amerikanischen - Zivilreligion und Kulturmythologie hat J ewett auch einem deutschen Publikum viel zu sagen. Seit gut drei Jahrzehnten, beginnend mit seinem Buch »The Captain America Complex: The Dilemma of Zealous Nationalism« (1973), führt er die amerikanische Tagespolitik kritisch auf ihre geistesgeschichtliche Tiefendimension zurück. Seine beiden jüngsten Werke zum Thema (gemeinsam verfasst mit John Shelton Lawrence) »The Myth of the American Superhero« (2002) und »Captain America and the Crusiade against Evil: The Dilemma of Zealous Nationalism« (2003) waren zeitgleich und kommentierend zur Eskalation der Bush-Regierung zum zweiten Golfkrieg zu lesen und haben in der amerikanischen Öffentlichkeit ein breites Echo gefunden: Nicht umsonst wurde " The M.yth of the American Super- ZNT 14 (7 . Jg. 2004) hero« letztes Jahr von der American Culture Association mit dem »John G. Cawelti Book Award« als »Best Book of 2002« ausgezeichnet. Schon diese kleine Skizze von Jewetts CEvre lässt erahnen, dass das hier zu besprechende Buch trotz seines lässigen Titels auf gut fundierten wissen schaftlichen Sockeln ruht. Es profitiert von den jahrzehntelangen Forschungen des Paulusspezialisten einerseits und des Kulturphilosophen andererseits, und dieses doppelte Fundament macht es zu etwas He rausragendem in der thematischen Nachbarschaft. So ist eine Studie über biblische Stoffe im Film ja keineswegs etwas Neues, sondern reiht sich ein in ein ganzes Genre zur »Bibel im Film« (so das gleichnamige Standardwerk von M. Tiemann, 1995). Die Aufarbeitung biblischer Stoffe im (Hollywood-) Film ist in den letzten Jahren ein gängiges, schnelllebiges und beliebtes Tätigkeitsfeld insbesondere der Religionspädagogenzunft. »Gängig«, weil die Veröffentlichungen allein im deutschsprachigen Raum inzwischen praktisch unübersehbar sind, man vergleiche nur die Literaturangaben der neueren Studien von Inge Kirsner, »Religion im Kino« (2000) oder Jörg Herrmann, »Sinnmaschine Kino. Sinndeutung und Religion im populären Film« (2001). »Schnelllebig« dann, wenn die Veröffentlichungen begleitend zur Aktualität neu herauskommender Hollywoodprodukte an schwellen und verebben man denke nur an die Diskussionen zu »Matrix I« oder in jüngerer Zeit an die um »Die Passion Christi« von Mel Gib son. Und »beliebt«, weil auf diesem Wege einfache und populäre Zugänge zu biblischen Themen für die Gemeinde- und Religionspädagogik zu erhoffen sind. Entsprechend sind die Studien über biblische Stoffe im Film auch von den pädagogisch mundgerechten Herangehensweisen geprägt: Die Analysen beschränken sich zumeist auf das Wiedererkennen biblischer Erzählstrukturen oder biblischer Symbole. Biblische Personen stehen daher, wie ein Blick in das eingangs erwähnte Buch von Tiemann zeigt, im Mittelpunkt der Analyse. Dies gilt nun nicht nur für den deutschsprachigen Bereich: Die an der narrativen Textstruktur sich orientierende Analyse beherrscht auch weitgehend den von Alice Bach herausgegebenen Band der Zeitschrift »Semeia« (74, 1996: Biblical Glamour and Hollywood Glitz). Die Rezeption der Erzählungen von Mose, Maria Magdalena, Bathseba, Delilah und Salome bilden den Schwerpunkt der Besprechungen. Jewetts Studie ragt in dieser Umgebung in mehreren Punkten markant heraus: Zum einen ist sein Buch alles andere als »schnelllebig«. Es versteht sich keineswegs als Kommentierung eines bestimmten aktuellen Filmes, sondern geht von der biblischen Überlieferung aus, der Filme aus dem jüngeren Umfeld zugeordnet werden. Das Buch gewinnt durch die Rezeption neueren Filmmaterials, hat aber seinen eigentlichen Ausgangspunkt in der biblischen Überlieferung selbst. Es ist in erster Linie ein Paulusbuch, und dies wird literarisch dadurch markiert, dass ausnahmslos jedem der zwölf eigenständigen Kapitel des Buches ein Pauluszitat als Leitgedanke voransteht. Zweitens beschränktJewett sich nicht auf biblische narrative Sequenzen oder wieder erkennbare Symbole, sondern es geht ihm vor allem um theologische Strukturen und pauliriische Denkmuster, die er mit den Hollywoodprodukten ins Gespräch bringt. Hierbei knüpft er methodisch an seine erste Studie zum Thema an (Saint Paul at the Movies: The Apostle's Dialogue with American Culture, 1993), bei der die Voraussetzungen für einen derartigen kulturübergreifenden Dialog zwischen »Bibel« und »Film« ausführlich reflektiert sind (dort: 7- 12). Im vorliegenden Nachfolgewerk wird sein Ansatz S.4 kurz rekapituliert: Jewett spricht von einem Interpretationsbogen (»interpretive arch«), der einen bestimmten Paulustext und einen bestimmten Film miteinander verbindet. Drittens sind es seine Analysen paulinischer Denkmuster, die den der deutschen Diskussion verhafteten Interessierten aufhorchen lassen. Sind wir es beispielsweise bei der interpretierenden Lektüre des Römerbriefes seit Augustin gewohnt, in Kategorien von »Schuld und Vergebung« zu denken, so stoßen wir bei Jewett fortlaufend auf das dominierende Be- 65 griffspaar »honor and shame«, etwa mit »Ehre und Schande « übersetzbar, das als interpretatives Z ugangsmuster dient. Der Autor fo lgt hierbei - und dies ist in seinen : : ieut estamern: lichen Fachstudien seit zwei J ahrzehnten gut nachvollziehbar einem kulturanthropologischen Ansatz, der, in Amerika etwa mit den Na m en David Gilmore, Bruce Malina od er Rob ert Atkins ver bunden, bei u ns erst in den letzten Jahren vers tä rkt rezipiert wird. Im Prolog c.es Buches (3-20) ist dieser Ansatz for die paulinische Theologie gut ve: : -stä nd lich entfaltet. Die fol genden drei Hauptabschnitte »Love and the Secrets of Shame« (23- 67), »Transforming th e Proud and the Shame« (71- 120) und ~ The Shamefu l Gospel and the P ro blem of Redemption« (123-176) sind jeweils in drei bis vier eigenständige Kap itel unterteilt, die jeweils einen Asp kt des Kapitels in einem speziel! en Hollywo o dfilm behandeln. Als markantes Beispiel für J ewetts Zugang sei Kap . 4, »S h ame, Love, and the Saga of Forrest G ump« (i m Abschnitt »Love and the Secrets of Shame«) herausgegriffen. Diesem Kapitel ist als p aulinis ,: her Ausgangstext ! Kor 13 vorangestellt, Lesern der Lutherbibel als das »H h elied der Liebe« bekannt. Jewetts Auslegung dieses Textes im Rahme n des oben beschriebenen kulturamhropologischen Ansatzes macht : n vielfältigen Textbezügen die Oppositio n von »Liebe« und »Sozialpres tige « deutlich und will zeigen, wie »Lie be« das soziale Udo Sch nelle Paulus. Leben und D enken. Berlin / New York 2003, 704 S. broschiert, 39,95 Euro, ISBJ'\ 3-1 1-012856-X »Paulus als Hera·.1sfo rderung « - Udo Schnelle hat nich: nu r das erste Kapi tel seines Buches so überschrieben , sondern sich auch der Herausforde rung einer Darstellung des Lebens und Denk ens des Apostels gestellt und somit die aktuellste deutschsprachige Paulus-Mon ographie vorgelegt. Schnelle präsentiert seine Darstellung des Paulus im Wese ntlichen in zwei Hauptte: len. Während im ersten der »Lebens- und Denkw eg« des Apostels n achgezeichnet wird, ist der zweite Hauptte il th ematisch nac h Kernthemen padini scher Theologie geordnet. Gerahmt werden diese beiden H auptteile durch einen Prolog mit ein er Reihe ges chichtstheoreti- 66 System von Prestige und Ehre in Korinth zu transzendieren vermag: Der We ttstre: t um Ehre, sei es apostolisches (so liest Jewett die Passagen des Parteiensteites in 1 Kor 1) oder gemeindeincernes (so versteht e: : die Notizen -: ibe r innergemeindliche Geistesgaben in ! Kor 12) Prestige, wird von Paulus im Konzept der Agape (gr. »Liebe«) in ! Kor 13 aufgelöst . Als kleines Zusatzbonbon löst sich für den Leser durch Jewetts A: : isatz d"'s Problem der textkritisch umstrittenen Passage in ! Kor 13,3 (Text im aktu ellen NT Graece sowie im »Greek New Testament«: »dass ich mich rühmen sollte«, gegen ci ie Textvariante »d ; ; . ss ich brennen sollce«): Während paradoxerweise die meisten deutschsi: rachigen Kommentare wohl aus inhaltliche: : i Gründen gegen den aktuellen Text entscheiden, wird dieser im »honor c.nd shame« - Schema d·.1rchaus plau sibe l. Dieses paulinische Konzept der Transzendierung bzw. Auflösung des Gerangels i.: .m Sozialprestige in »Liebe" erkennt Jewett im Film »Forrest Gump« von Robert Zemeckis (1994) wieder. Dieser Film entfaltet ein amerikanisches Geschichtspanorarr.a der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts au1 der Perspektive des liebenswerten Simplizissimus »Forrest Gump«, dargestellt von Tom Hanks. Auf eine Parap hrase des Films soll im Rahmen dieses Buchreports wohlweislich verzichtet werden der Leser mag hier do ch lieber zu Jewe tt selbst greifen . Interessant ist, wie dieser Filn mit scher Überlegungen, die für die vorliegende A rbeit wie auch für eine D arst ellung des Paulus über~uupt vo : : i Relevanz sind und durch einen Epilog zum paulinischen Denken »als bleibender Sinnbildung«. C d o Scl-.nelle verfolgt mit seiner Paulusdarstellung das »Ziel, umfassend in Leben und Denken des Apostels einnführen« (V) und dabei den Spagat zwischen Lehrbuch und Darstellung ei r. es eigenen Entwurfes zu Yersuchen. Prärr.issen für eine solche Betrachtung reflektiert der Autor im Prolog seines Werkes. Diese einleitend e : : i Seiten diskutieren zunächst die erkennt: : iistheoretischen Vora·.1ssetzungen ·,or. Geschichtsschreibung im Allgemeinen und die Probleme einer Paulusdarstellung im Spannungsfeld zwischen Theologie und Biographie im Besonderen. Begründet auf die Geschichtlichkeit des Erkenntnissubje kt es strebt Schnelle kein »objektilKor 13 verknüpft wird . Eng be grenzte Textbezüge als tertia compar,ttionis (»Liebe erträgt alles« und Forrests Liebe zu Jenny) sowie größere strukturelle Passagen (die ständige Aufsprengung von sozialen Grenzen oder von Prestigegehabe durch den völlig unbedarften, liebenswerten Forrest) machen dem Leser Jewetts These deutlich, dass dieses in ! Kor 13 iormulierte Konzept der soziale Grenzen sprengenden Kraft der Liebe tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist (57). Es sind hier also weniger biblische Erzählstrukturen oder Symbole, sondern theologische Konzeptionen, die im Kulturprodukt Film analysiert werden. Gegen Ende der Lektüre hat der Leser das Gefühl, nicht nur Paulus in seiner Theologie, sondern auch die amerikaniscie Kultur in ihren zivilreligiösen und tief christlichen Wurzeln besser vers: anden zu haben. Nicht zuletzt deswegen ist das Buch dem neutestamentlich oder kulturell interessierten Leser uneingeschränkt zu empfehlen. Der einzige Wermutstropfen für den deutschen Leser mit den üblichen Englischkenntnissen ist die Wahrscl-.einlichkeit, mit der dieser aufgrund Jewetts literarisch flüssigem Stil hier und da doch ein Wörterbuch bemühen muss die Übersetzung von Jewetts kulturphilosophischen Schriften ins Deutsche ist immer noch ein Desiderat. Peter Busch ves«, sondern folgerichtig ein »ange messenes« bzw. »plausibles« (4) Bild des Paulus an, der wiederum selbst indem er Geschichte(n) schreibt x-eine eigene neue religiöse Welt« (8/ 9) konstruiert. So verstandene »sprachliche Konstruktion von Geschichte vollzieht sich deshalb stets auch als ein sinnstiftender Vorgang, der sowohl dem Vergangenen als auch dem Gegenwärtigen Sinn, d.h. Deurungskraft zur Orientierung innerhalb der Lebenszusammenhänge verleihen soll« (6/ 7). Schnelle beschreibt als wesentliche Stärke der paulinischen Korrespondenz ihre Anschlussfähigkeit an die Jesus-Christus-Geschichte, das Judentum und den Hellenismus. Diese Anschlussfähigkeit erwuchs aus dem Lebensweg des Apostels, den Schnelle daher zur Gliederungsgrundlage und Gegenstand seines ersten Hauptteils macht. ZNT 14 (7.Jg. 2004)